Quelle: MEW 3 1845 - 1846
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#127# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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4. Die Neuen
"Darum, ist Jemand in Christo, so ist er eine neue Kreatur; das
Alte ist vergangen, siehe, es ist Alles neu geworden." (2.
Cor[inther] 5, 17.) (p. 33.)
#128# Karl Marx und Friedrich Engels
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Vermittelst dieses Bibelspruchs ist die alte Welt nun wirklich
"vergangen", oder, wie Sankt Max eigentlich sagen wollte, "alle
jeworden", und wir sind mit Einem Satze m die neue, christliche,
jünglingshafte, mongolenhafte "Welt des Geistes" herübergesprun-
gen. Wir werden auch diese m kürzester Frist "Alle werden" sehen.
"Wurde oben gesagt: 'Den Alten war die Welt eine Wahrheit', so
müssen wir hier sagen: 'Den Neuen war der Geist eine Wahrheit',
dürfen aber, wie dort, so hier, den wichtigen Zusatz nicht ver-
gessen: 'eine Wahrheit, hinter deren Unwahrheit sie zu kommen
suchten und endlich wirklich kamen'." p. 33.
Wenn wir keine Stirnerschen Konstruktionen machen wollen, "so
müssen wir hier sagen": Den Neuen war die Wahrheit ein Geist -
nämlich der heilige Geist. Jacques le bonhomme faßt wieder die
Neuen nicht in ihrem wirklichen historischen Zusammenhange mit
der "Welt der Dinge", die trotz ihres Allewerdens ja noch immer
fortexistiert, sondern in ihrem theoretischen, und zwar religiö-
sen, Verhalten; die Geschichte des Mittelalters und der neueren
Zeit existiert für ihn wieder nur als Geschichte der Religion und
Philosophie; alle Illusionen dieser Epochen und die philosophi-
schen Illusionen über diese Illusionen werden treulich geglaubt.
Nachdem Sankt Max so der Geschichte der Neuen dieselbe Wendung
wie der der Alten gegeben hat, kann er in ihr dann leicht "einen
ähnlichen Gang, wie ihn das Altertum genommen, nachweisen", und
ebenso rasch, wie er von der alten Philosophie auf die christli-
che Religion kam, von dieser auf die neuere deutsche Philosophie
kommen. Er charakterisiert seine historische Illusion selbst p.
37, indem er entdeckt, daß "die Alten nichts aufzuweisen haben
als W e l t w e i s h e i t", und "die Neuen es niemals weiter
als bis zur G o t t e s g e l a h r t h e i t brachten und
bringen", und die feierliche Frage aufwirft: "Hinter was suchten
die N e u e n zu kommen?" Die Alten wie die Neuen tun weiter
Nichts in der Geschichte, als daß sie "hinter etwas zu kommen su-
chen", die Alten hinter die Welt der Dinge, die Neuen hinter die
Welt des Geistes. Die Alten werden am Ende "weltlos", die Neuen
werden "geistlos", die Alten wollten Idealisten, die Neuen Reali-
sten werden (p. 485), Beiden war es nur um das Göttliche zu tun
(p. 488) - "die bisherige Geschichte" ist nur "die Geschichte des
geistigen Menschen" (welcher Glaube!) p. 442 - kurz, wir haben
hier wieder Kind und Jüngling, Neger und Mongole und wie die
ganze Terminologie der "mancherlei Wandlungen" weiter heißt.
Dabei wird dann die spekulative Manier, die Kinder ihren Vater
erzeugen und das Frühere durch das Spätere bewirken zu lassen,
gläubig nachgeahmt. Die Christen müssen gleich von vornherein
"hinter die Unwahrheit ihrer Wahrheit zu kommen suchen", sie müs-
sen sogleich verborgene Atheisten und
#129# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Kritiker sein, wie schon bei den Alten angedeutet wurde. Damit
nicht zufrieden, gibt Sankt Max noch ein glänzendes Exempel sei-
ner "Virtuosität im" (spekulativen) "Denken", p. 230:
"Jetzt, n a c h d e m der Liberalismus d e n M e n s c h e n
proklamiert hat, kann m a n es aussprechen, daß damit n u r
die l e t z t e K o n s e q u e n z des Christentums v o l l-
z o g e n w u r d e, und daß das Christentum sich v o n
H a u s a u s k e i n e a n d r e A u f g a b e s t e l l-
t e, als d e n M e n s c h e n - - - zu realisieren."
Nachdem angeblich die letzte Konsequenz des Christentums vollzo-
gen wurde, kann "Man" es aussprechen - daß sie vollzogen wurde.
Sobald die Späteren das Frühere umgestaltet haben, "kann M a n
es aussprechen", daß die Früheren "von Haus aus", nämlich "in
W a h r h e i t", im Wesen, im Himmel, als verborgene Juden,
"sich keine andere Aufgabe stellten", als von den Späteren umge-
staltet zu werden. D a s Christentum ist für Jacques le bon-
homme sich selbst setzendes Subjekt, der absolute Geist, der "von
Haus aus" sein Ende als seinen Anfang setzt. Vgl. Hegels
"Encycl[opädie]" etc.
"Daher" (nämlich weil man dem Christentum eine eingebildete Auf-
gabe unterlegen kann) "denn die Täuschung" (natürlich, vor Feuer-
bach konnte man nicht wissen, welche Aufgabe sich das Christentum
"von Haus aus gestellt hatte"), "es lege das Christentum dem Ich
einen unendlichen Wert bei, wie z.B. in der Unsterblichkeitslehre
und Seelsorge an den Tag kommt. Nein, diesen Wert erteilt es al-
lein d e m M e n s c h e n, nur d e r M e n s c h ist un-
sterblich, und nur weil Ich M e n s c h bin, bin auch Ich's."
Wenn auch schon aus der ganzen Stirnerschen Konstruktion und Auf-
gabenstellung klar genug hervorgeht, daß das Christentum nur "dem
Menschen" Feuerbachs die Unsterblichkeit verleihen kann, so er-
fahren wir hier noch zum Überfluß, daß dies auch deshalb ge-
schieht, weil das Christentum diese Unsterblichkeit - nicht auch
den T i e r e n zuschreibt.
Konstruieren wir auch einmal à la Sankt Max.
"J e t z t, n a c h d e m" der moderne, aus der Parzellierung
hervorgegangene große Grundbesitz das Majorat faktisch
"p r o k l a m i e r t h a t, k a n n m a n e s a u s-
s p r e c h e n, d a ß d a m i t n u r d i e l e t z t e
K o n s e q u e n z" der Parzellierung des Grundbesitzes
"v o l l z o g e n w u r d e" "u n d d a ß" die Parzellierung
"i n W a h r h e i t s i c h v o n H a u s a u s k e i n e
a n d r e A u f g a b e s t e l l t e, a l s" das Majorat,
das wahre Majorat "z u r e a l i s i e r e n." "D a h e r
d e n n d i e T ä u s c h u n g, e s l e g e" die
Parzellierung dem gleichen Rechte der Familienglieder "e i n e n
u n e n d l i c h e n W e r t b e i, w i e z. B." in dem
Erbrecht des Code Napoleon "a n d e n T a g k o m m t.
N e i n, d i e s e n W e r t e r t e i l t s i e a l-
l e i n" dem ältesten Sohne; "nur" der älteste Sohn, der zu-
künftige Majoratsherr, wird großer Grundbesitzer, "u n d n u r
w e i l I c h" ältester Sohn "b i n, w e r d e a u c h
I c h' s."
#130# Karl Marx und Friedrich Engels
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Auf diese Weise ist es unendlich leicht, der Geschichte "einzige"
Wendungen zu geben, indem man stets nur ihr allerneustes Resultat
als "die Aufgabe" zu schildern hat, die "sie sich von Haus aus in
Wahrheit stellte". Dadurch treten die früheren Zeiten in einer
bizarren und noch nie dagewesenen Gestalt auf. Das frappiert,
ohne viele Produktionskosten zu machen. Z.B. wenn man sagt, die
eigentliche "Aufgabe", welche sich die Institution des Grundei-
gentums "von Haus aus stellte", sei gewesen, Menschen durch
Schafe zu verdrängen, eine Konsequenz, die in Schottland etc.
neuerdings hervorgetreten sei; oder auch die Proklamation der Ka-
petinger habe sich "von Haus aus in Wahrheit die Aufgabe ge-
stellt", Ludwig XVI. auf die Guillotine und Herrn Guizot ins Mi-
nisterium zu bringen. Namentlich muß man dies in einer feierli-
chen, heiligen, priesterlichen Weise tun, tiefen Atem schöpfen
und dann hervorplatzen: "Jetzt endlich kann M a n es ausspre-
chen."
Was Sankt Max in dem vorliegenden Abschnitte p. 33-37 über die
Neuen sagt, ist nur der Prolog der uns bevorstehenden Geisterge-
schichte. Wir sehen auch hier, wie er sich von den empirischen
Tatsachen "nicht zeitig genug losmachen kann" und dieselben Par-
teien wie bei den Alten: V e r s t a n d, H e r z, Geist, etc.
wieder auftreten läßt-nur daß sie andere Namen erhalten. Aus den
Sophisten werden sophistische Scholastiker, "Humanisten, Machia-
vellismus (Buchdruckerkunst, Neue Welt" etc., vgl. Hegel,
"Geschichte der Philosophie", III, p. 128), die den Verstand re-
präsentieren, Sokrates verwandelt sich in Luther, der das Herz
proklamiert (Hegel, l.c. p. 227), und von der nachreformatori-
schen Zeit erfahren wir, daß es sich in ihr um die "leere
Herzlichkeit" (die bei den Alten "Herzensreinheit" hieß, vgl.
Hegel, l.c. p. 241) handelte. Alles das auf p. 34. Auf diese
Weise "weist" der heilige Max "im Christentum einen ähnlichen
Gang wie im Altertum nach". Nach Luther gibt er sich nun gar
nicht mehr die Mühe, seine Kategorien mit Namen zu bekleiden; mit
Meilenstiefeln eilt er der neueren deutschen Philosophie zu -
vier Appositionen ("bis Nichts als die leere Herzlichkeit
übrigbleibt, die ganze allgemeine Menschenliebe, die Liebe d e s
Menschen, das Freiheitsbewußtsein, das 'Selbstbewußtsein'", p.
34; Hegel, l.c. p. 228, 229), vier Worte füllen die Kluft
zwischen Luther und Hegel aus, und "so erst ist das Christentum
vollendet". Diese ganze Entwicklung wird in einem meisterhaften
Satze und mit Hebebäumen wie "endlich" - "und seitdem" - "indem
m a n" - "auch" - "von Tag zu Tag" - "bis zuletzt" usw.
fertiggebracht, einem Satze, den der Leser auf der erwähnten
klassischen Seite 34 selbst nachsehen mag.
Zu guter Letzt gibt Sankt Max noch ein paar Proben seines Glau-
bens, indem er sich des Evangeliums so wenig schämt, daß er be-
hauptet: "und
#131# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Geist sind wir doch allein wirklich" - und darauf besteht, daß
"der Geist" am Ende der alten Welt "nach langem Mühen die Welt"
wirklich "losgeworden ist" - und hiernächst noch einmal das Ge-
heimnis seiner Konstruktion verrät, indem er von dem christlichen
Geiste aussagt, daß er "wie ein Jüngling mit Weltverbesserungs-
oder Welterlösungsplänen umgehe". Alles p. 36.
"Und er brachte mich im Geist in die Wüste. Und ich sähe das Weib
sitzen auf einem rosinfarbenen Tier, das war voll Namen der Lä-
sterung -. Und an ihrer Stirn geschrieben den Namen, das Geheim-
nis, die große Babylon - und ich sähe das Weib trunken von dem
Blute der Heiligen pp." Off[enbarung] Joh[annis] 17, v. 3, 5, 6.
-
Der Apokalyptiker hat diesmal nicht genau geweissagt. Jetzt end-
lich, nachdem Stirner den M a n n proklamiert hat, kann man es
aussprechen, daß er so hätte sagen müssen: Und er brachte Mich in
die Wüste des Geistes. Und Ich sähe den Mann sitzen auf einem ro-
sinfarbenen Tier, das war voll Lästerung der Namen - und an sei-
ner Stirn geschrieben den Namen, das Geheimnis, den Einzigen - -
und Ich sähe den Mann trunken von dem Blute des Heiligen etc.
Wir geraten also jetzt in die Wüste des Geistes.
A) Der Geist (Reine Geistergeschichte)
Das Erste, was wir vom "Geiste" erfahren, ist, daß nicht der
Geist, sondern "das Geisterreich ungeheuer groß ist". Sankt Max
weiß sogleich vom Geiste nichts zu sagen, als daß ein "ungeheuer
großes Geisterreich" existiert, gerade wie er vom Mittelalter nur
weiß, daß es "eine lange Zeit" war. Nachdem dies "Geisterreich"
als existierend vorausgesetzt worden ist, wird seine Existenz
nachträglich vermittelst zehn Thesen bewiesen.
1. Der Geist ist nicht freier Geist, bevor er sich nicht m i t
s i c h a l l e i n beschäftigte, bevor er es nicht mit
s e i n e r Welt, "der geistigen, allein zu tun hatte" - (erst
mit sich allein, dann mit seiner Welt);
2. "Er ist f r e i e r Geist erst i n einer ihm eignen Welt";
3. "Nur m i t t e l s t einer geistigen Welt ist der Geist
wirklich Geist";
4. "Bevor der Geist sich seine Geisterwelt erschafft, ist er
nicht Geist" -
5. "Seine Schöpfungen machen ihn zum Geist" -
6. "Seine Schöpfungen sind seine Welt" -
7. "Der Geist ist der Schöpfer einer geistigen Welt" -
8. "Der Geist ist nur, wenn er Geistiges schafft" -
9. "Er ist nur mit dem Geistigen, seinem Geschöpfe, zusammen
wirklich" -
10. "Die Werke oder Kinder des Geistes sind a b e r nichts An-
dres als - Geister." p. 38-39.
#132# Karl Marx und Friedrich Engels
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Die "geistige Welt" wird in These 1 gleich wieder als existierend
vorausgesetzt, statt entwickelt zu werden, und diese These 1 uns
dann These 2-9 in acht neuen Wandlungen wieder vorgepredigt. Am
Ende von These 9 sind wir geradeso weit wie am Ende von These 1 -
und nun bringt These 10 plötzlich ein "Aber" uns "die Geister"
herein, von denen bisher noch keine Rede gewesen war.
"D a der Geist nur ist, indem er Geistiges schafft, s o
s e h e n w i r u n s nach seinen ersten Schöpfungen um." p.
41. -
Nach These 3, 4, 5, 8 und 9 ist aber der Geist seine eigne Schöp-
fung. Dies wird jetzt so ausgedrückt, daß der Geist, d. h. die
erste Schöpfung des Geistes,
"aus dem Nichts hervorgehen muß" - - "er muß sich erst erschaf-
fen" - - "seine erste Schöpfung ist er selber, der Geist"
(ibid.). "Hat er diese erst vollbracht, so folgt fortan eine na-
türliche Fortpflanzung von Schöpfungen, w i e n a c h d e r
M y t h e nur die ersten Menschen geschaffen zu werden brauch-
ten, das übrige Geschlecht sich von selbst fortpflanzte." (ibid.)
"So mystisch dies auch klinge, so erleben Wir's doch als eine
alltägliche Erfahrung. Bist Du eher ein Denkender, als Du denkst?
Indem Du den e r s t e n G e d a n k e n erschaffst, er-
schaffst Du D i c h, d e n D e n k e n d e n, denn Du denkst
nicht, bevor Du einen Gedanken denkst, d.h." - d.h. - "h a s t.
Macht Dich nicht erst Dein Singen zum Sänger, Dein Sprechen zum
sprechenden Menschen? Nun, so macht Dich auch das Hervorbringen
von Geistigem erst zum Geiste."
Der heilige Eskamoteur unterstellt, daß der Geist Geistiges her-
vorbringt, um zu folgern, daß er sich selbst a l s G e i s t
hervorbringt, und andrerseits unterstellt er ihn a l s
G e i s t, um ihn zu seinen geistigen Schöpfungen (die "nach der
Mythe sich von selbst fortpflanzen" und Geister werden) kommen zu
lassen. Bis hieher altbekannte, rechtgläubig-hegelsche Phrase.
Die eigentlich "einzige" Entwicklung Dessen, was Sankt Max sagen
will, fängt erst bei seinem Beispiel an. Wenn nämlich Jacques le
bonhomme gar nicht weiter kann, wenn selbst "Man" und "Es" nicht
imstande sind, das gestrandete Boot wieder flott zu machen, dann
ruft "Stirner" seinen dritten Leibeignen zu Hülfe, den "Du", der
ihn nie im Stich läßt und auf den er sich in der höchsten Not
verlassen kann. Dieser "Du" ist ein Individuum, das uns nicht zum
erstenmal vorkommt, ein frommer und getreuer Knecht, den wir
durch Dick und Dünn haben gehen sehen, ein Arbeiter im Weinberge
seines Herrn, der sich durch Nichts schrecken läßt - er ist, mit
Einem Wort: Szeliga *). Wenn "Stirner" in den höchsten Entwick-
lungsnöten ist, so ruft er aus: Szeliga, hilf! und der
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*) Vgl. "Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik",
wo die früheren Heldentaten dieses Mannes Gottes bereits besungen
worden sind. 1*)
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1*) Siehe Bd. 2 unserer Ausgabe, S. 57-81
#133# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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treue Eckart [62] Szeliga setzt sogleich die Schultern an, um den
Karren aus dem Dreck zu heben. Wir werden über das Verhältnis von
Sankt Max zu Szeliga später noch Mehr zu sagen haben.
Es handelt sich um den Geist, der s i c h s e l b s t aus
N i c h t s erschafft - also um N i c h t s, das sich aus
N i c h t s zum G e i s t schafft. Sankt Max macht hieraus die
Schöpfung des Szeligaschen Geistes aus Szeliga. Und wem anders
als Szeliga könnte "Stirner" es zumuten, sich in der Weise, wie
es oben geschieht, dem Nichts unterschieben zu lassen? Wem anders
als Szeliga, der sich schon dadurch aufs Höchste geschmeichelt
fühlt, daß er überhaupt als handelnde Person auftreten darf, wird
eine solche Eskamotage imponieren? Sankt Max mußte beweisen,
nicht daß ein gegebenes "Du", also der gegebne Szeliga, zum Den-
kenden, Sprechenden, Sänger wird, wenn er zu denken, zu sprechen,
zu singen anfängt - sondern: Der Denker schafft s i c h a u s
N i c h t s, indem er zu denken anfängt, d e r Sänger schafft
s i c h a u s N i c h t s, indem er zu singen anfängt etc. -
und nicht einmal der Denker und Sänger, sondern d e r Gedanke
und d e r Gesang als Subjekte schaffen s i c h a u s
N i c h t s, indem sie zu denken und singen anfangen. Sonst
"stellt Stirner bloß die höchst einfache Reflexion an" und
spricht bloß den "höchst populären" Satz aus (vgl. Wigand, p.
156), daß Szeliga eine seiner Eigenschaften entwickelt, indem er
sie entwickelt. Es ist freilich durchaus nicht "zu verwundern",
daß Sankt Max "dergleichen einfache Reflexionen" nicht einmal
richtig "anstellt", sondern sie falsch ausspricht, um dadurch
einen noch viel falscheren Satz vermittelst der falschesten Logik
von der Welt zu beweisen.
Weit entfernt, daß ich "aus dem Nichts" mich z. B. als
"Sprechenden" erschüfe, ist das Nichts, was hier zugrunde liegt,
ein sehr mannigfaltiges Etwas, das wirkliche Individuum, seine
Sprachorgane, eine bestimmte Stufe der physischen Entwicklung,
vorhandene Sprache und Dialekte, hörende Ohren und eine menschli-
che Umgebung, die etwas zu hören gibt, etc. etc. Es wird also bei
der Ausbildung einer Eigenschaft Etwas von Etwas durch Etwas ge-
schaffen, und keineswegs, wie in der Hegelschen Logik, von Nichts
durch Nichts zu Nichts gekommen.
Jetzt, nachdem Sankt Max einmal seinen getreuen Szeliga bei der
Hand hat, geht die Fahrt wieder flott voran. Wir werden sehen,
wie er vermittelst seines "Du" den Geist wieder in den Jüngling
verwandelt, gerade wie er früher den Jüngling in den Geist ver-
wandelte; wir werden die ganze Jünglingsgeschichte hier fast
wörtlich, nur mit einigen verdeckenden Umstellungen, wiederfinden
- wie schon das "ungeheuer große Geisterreich" von p. 37 Nichts
andres war als das "Reich des Geistes", welches der Geist des
Jünglings p. 17 zu stiften und auszubreiten "das Absehen" hatte.
#134# Karl Marx und Friedrich Engels
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"W i e Du indes vom Denker, Sänger, Sprecher Dich unterschei-
dest, so unterscheidest Du Dich nicht minder vom Geiste und
fühlst sehr wohl, daß Du noch etwas Anderes bist als Geist. Al-
lein w i e dem denkenden Ich im Enthusiasmus des Denkens
l e i c h t Hören und Sehen vergeht, so hat a u c h Dich der
Geist-Enthusiasmus ergriffen, u n d Du sehnst Dich n u n mit
aller Gewalt, ganz Geist zu werden und im Geiste aufzugehen. Der
Geist ist Dem Ideal, das Unerreichte, das Jenseitige: Geist heißt
Dein "Gott, 'Gott ist Geist' - - Du eiferst gegen Dich selbst,
der Du einen Rest von Nichtgeistigem nicht los wirst. Statt zu
sagen: Ich bin mehr als Geist, s a g s t D u mit Zer-
knirschung: Ich bin weniger als Geist, und Geist, reinen Geist,
oder den Geist, der Nichts als Geist, den kann Ich mir nur den-
ken, bin es aber nicht, u n d d a I c h' s n i c h t b i n,
s o i s t ' s e i n A n d r e r, existiert als ein Andrer,
den Ich 'Gott' nenne."
Nachdem wir vorher uns eine lange Zeit mit dem Kunststück be-
schäftigten, aus Nichts Etwas zu machen, kommen wir jetzt plötz-
lich ganz "natürlich" zu einem Individuum, das noch etwas Anderes
als Geist, also Etwas ist, und reiner Geist, d.h. Nichts, werden
will. Wir haben mit diesem viel leichteren Problem (aus Etwas
Nichts zu machen) sogleich wieder die ganze Geschichte vom Jüng-
ling, der "den vollendeten Geist erst suchen muß", und brauchen
jetzt nur wieder die alten Phrasen von p. 17 bis 18 hervorzuho-
len, um aller Not überhoben zu sein. Besonders, wenn man einen so
gehorsamen und gläubigen Diener hat wie Szeliga, dem "Stirner"
aufbinden kann, w i e ihm, "Stirner", "im Enthusiasmus des Den-
kens l e i c h t" (!) "Hören und Sehen vergehe", so habe auch
ihn, Szeliga, "der Geist-Enthusiasmus ergriffen", und er, Sze-
liga, "sehne sich nun mit aller Gewalt danach, Geist zu
w e r d e n", statt Geist zu bekommen, d.h., er habe jetzt die
Rolle des Jünglings von p. 18 zu spielen. Szeliga glaubt das und
gehorcht in Furcht und Zittern; er gehorcht, wenn ihm Sankt Max
zudonnert: Der Geist ist Dein Ideal - Dein Gott, Du tust mir
dies, Du tust mir Das, jetzt "eiferst Du", jetzt "sagst Du",
jetzt "k a n n s t Du Dir denken" usw. Wenn "Stirner" ihm
aufbindet, daß "der reine Geist ein Andrer sei, da er" (Szeliga)
"es n i c h t sei", so ist doch wirklich nur Szeliga imstande,
ihm dies zu glauben und den ganzen Unsinn Wort für Wort
nachzuplappern. Die Methode übrigens, mit der Jacques le bon-
homme diesen Unsinn zusammenbringt, ist bereits bei Gelegenheit
des Jünglings ausführlich analysiert. Weil Du sehr wohl fühlst,
daß Du noch etwas andres als Mathematiker bist so sehnst Du Dich,
ganz Mathematiker zu werden, in der Mathematik aufzugehen, der
Mathematiker ist Dein Ideal, Mathematiker heißt Dein - Gott - -
Du sagst mit Zerknirschung: Ich bin weniger als Mathematiker, und
d e n Mathematiker kann Ich mir nur vorstellen, und da Ich's
nicht bin, so ist's ein Andrer, existiert als ein Andrer, den Ich
"Gott" nenne. Ein Andrer als Szeliga würde sagen Arago.
#135# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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"Jetzt endlich, nachdem" wir den Stirnerschen Satz als die Wie-
derholung des "Jünglings" nachgewiesen haben, "kann man es aus-
sprechen", daß er "in Wahrheit von Haus aus sich keine andre Auf-
gabe stellte", als den Geist der christlichen Askese mit Geist
überhaupt und die frivole Geistreichheit z.B. des achtzehnten
Jahrhunderts mit der christlichen Geistlosigkeit zu identifizie-
ren.
Also nicht, wie Stirner behauptet, "weil Ich und Geist ver-
schiedne Namen für Verschiednes sind, weil Ich nicht Geist und
Geist nicht Ich ist" (p. 42), erklärt sich die Notwendigkeit, daß
der Geist im Jenseits haust, d. h. Gott ist - sondern aus dem dem
Szeliga ganz grundlos zugemuteten "Geistesenthusiasmus", der ihn
zum Asketen macht, d.h. zu Einem, der Gott (reiner Geist) werden
will, und, weil er dies nicht kann, den Gott außer sich setzt. Es
handelte sich aber darum, daß der Geist erst s i c h aus Nichts
und dann aus sich G e i s t e r schaffen sollte. Statt dessen
produziert jetzt Szeliga Gott (den einzigen Geist, der hier vor-
kommt) - nicht weil er, Szeliga, d e r Geist, sondern weil er
Szeliga, d.h. unvollendeter Geist, ungeistiger Geist, also
zugleich der Nichtgeist ist. Wie aber die christliche Vorstellung
vom Geiste als Gott entsteht, darüber sagt der heilige Max kein
Wort; obwohl dies jetzt kein so großes Kunststück mehr ist; er
setzt ihre Existenz voraus, um sie zu erklären.
Die Schöpfungsgeschichte des Geistes "stellt sich in Wahrheit von
Haus aus keine andre Aufgabe", als Stirners Magen unter die
Sterne zu versetzen.
"Gerade weil Wir nicht d e r G e i s t sind, der in Uns wohnt,
gerade darum mußten Wir ihn außer
Gerade weil Wir nicht d e r M a g e n sind, der in Uns wohnt,
gerade darum mußten Wir ihn außer
Uns versetzen, er war nicht Wir, und darum konnten Wir ihn nicht
anders existierend denken als außer Uns, jenseits von Uns, im
J e n s e i t s." p. 43.
Es handelte sich darum, daß der Geist erst sich und dann etwas
Andres als sich aus sich schaffen sollte; die Frage war, was die-
ses Andre sei? Diese Frage wird nicht beantwortet, sondern nach
den obigen "mancherlei Wandlungen" und Wendungen in die folgende
neue Frage verdreht:
"Der Geist ist e t w a s A n d r e s als Ich. Dieses Andre
aber, was ist's?" (p. 45.)
Jetzt fragt es sich also: Was ist der Geist anderes als Ich? wäh-
rend die ursprüngliche Frage war: Was ist der Geist durch seine
Schöpfung aus Nichts anderes als er selbst? Hiermit springt Sankt
Max in die nächste "Wandlung" über.
#136# Karl Marx und Friedrich Engels
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B) Die Besessenen (Unreine Geistergeschichte)
Sankt Max hat, ohne es zu wissen, bisher weiter nichts getan als
eine Anleitung zum Geistersehen gegeben, indem er die alte und
neue Welt nur als "Scheinleib eines Geistes", als gespenstige Er-
scheinung faßte und nur Geisterkämpfe in ihr sah. Jetzt gibt er
mit Bewußtsein und ex professo 1*) eine Anleitung zum Gespenster-
sehen.
A n l e i t u n g z u m G e i s t e r s e h e n. Man muß sich
zuerst in einen erzdummen Teufel verwandeln, d.h. sich als Sze-
liga setzen, und dann zu sich selbst sprechen, wie Sankt Max zu
diesem Szeliga: "Blick umher in der Welt, und sage selbst, ob
nicht aus Allem Dich ein Geist anschaut!" Ist man dahin gekommen,
sich dies einzubilden, so kommen die Geister "leicht" von selbst,
in der "Blume" sieht man nur den "Schöpfer", in den Bergen "einen
Geist der Erhabenheit", im Wasser "einen Geist der Sehnsucht"
oder die Sehnsucht des Geistes, und man hört "aus den Menschen
Millionen Geister reden". Hat man es bis zu dieser Stufe ge-
bracht, kann man mit Stirner ausrufen: "J a, es spukt in der
Ganzen Welt", so "ist der Fortgang dahin nicht schwer" (p. 93),
daß man den weiteren Ausruf tut: "Nur in ihr? N e i n, sie sel-
ber spukt" (Eure Rede sei Ja, Ja, Nein, Nein, was darüber ist,
das ist vom Übel, nämlich logischer Übergang), "sie ist der wan-
delnde Scheinleib eines Geistes, sie ist ein Spuk." Dann "schau"
getrost "in die Nähe oder in die Ferne, Dich umgibt eine gespen-
stige Welt - - Du siehst Geister". Hiermit kannst Du zufrieden
sein, wenn Du ein gewöhnlicher Mensch bist; gedenkst Du aber Dich
mit Szeliga messen zu können, so kannst Du auch in Dich selbst
schauen und darfst "Dich dann nicht wundern", wenn Du bei dieser
Gelegenheit und auf dieser Höhe der Szeligaität findest, daß auch
"Dein Geist in Deinem Leibe spukt", daß Du selbst ein Gespenst
bist, das "auf Erlösung harrt, nämlich ein Geist". Hiermit bist
Du so weit gekommen, daß Du in "Allen" Menschen "Geister" und
"Gespenster" sehen kannst, womit die Geisterseherei "ihr letztes
Absehen erreicht", p. 46, 47.
Die Grundlage dieser Anleitung findet sich, nur viel richtiger
ausgedrückt, bei Hegel u.a. "Geschichte der Philosophie" III, p.
124, 125.
Der heilige Max glaubt seiner eignen Anleitung so sehr, daß er
darüber selbst zum Szeliga wird und behauptet:
"Seit das Wort Fleisch geworden ist, seitdem i s t die Welt
vergeistigt, verzaubert, ein Spuk." p. 47.
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1*) wörtlich: von Berufs wegen; hier: mit Vorbedacht
#137# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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"Stirner" "sieht Geister".
Sankt Max beabsichtigt, uns eine Phänomenologie des christlichen
Geistes zu geben, und nimmt nach seiner Gewohnheit nur die eine
Seite heraus. Den Christen war die Welt nicht allein vergeistigt,
sondern ebensosehr e n t geistigt, wie Hegel z.B. in der
ebengenannten Stelle dies ganz richtig anerkennt und die beiden
Seiten miteinander in Beziehung bringt, was Sankt Max, wenn er
historisch verfahren wollte, ebenfalls hätte tun müssen. Der
Entgeistigung der Welt im christlichen Bewußtsein gegenüber
können die Alten, "die überall Götter sahen", mit gleichem Recht
als Vergeistiger der Welt aufgefaßt werden, eine Auffassung, die
unser heiliger Dialektiker mit der wohlmeinenden Ermahnung
zurückweist: "Götter, mein lieber Neuer, sind keine Geister." p.
47. Der gläubige Max erkennt nur den h e i l i g e n Geist als
Geist an.
Aber selbst wenn er uns diese Phänomenologie gegeben hätte (was
nach Hegel übrigens überflüssig ist), so hätte er uns noch Nichts
gegeben. Der Standpunkt, auf dem man sich mit solchen Geisterge-
schichten begnügt, ist selbst ein religiöser, weil man sich auf
ihm bei der Religion beruhigt, die Religion als causa sui 1*)
auffaßt (denn auch "das Selbstbewußtsein" und "der Mensch" sind
noch religiös), statt sie aus den empirischen Bedingungen zu er-
klären und nachzuweisen, wie bestimmte industrielle und Verkehrs-
verhältnisse notwendig mit einer bestimmten Gesellschaftsform,
damit einer bestimmten Staatsform, und damit einer bestimmten
Form des religiösen Bewußtseins verbunden sind. Hätte Stirner
sich die wirkliche Geschichte des Mittelalters angesehen, so
hätte er finden können, warum die Vorstellung der Christen von
der Welt im Mittelalter gerade diese Gestalt annahm, und wie es
kam, daß sie später in eine andre überging; er hätte finden kön-
nen, daß "d a s C h r i s t e n t u m" g a r k e i n e
G e s c h i c h t e h a t und alle die verschiednen Formen, in
denen es zu verschiednen Zeiten aufgefaßt wurde, nicht
"Selbstbestimmungen" und "Fortentwicklungen" "d e s religiösen
Geistes" waren, sondern von ganz empirischen, allem Einflüsse des
religiösen Geistes entzogenen Ursachen bewirkt wurden.
Da Stirner "nicht am Schnürchen geht" (p. 45), so kann, ehe wir
auf die Geisterseherei weiter eingehen, schon hier gesagt werden,
daß die verschiedenen "Wandlungen" der Stirnerschen Menschen und
ihrer Welt nur in der Verwandlung der ganzen Weltgeschichte in
den Leib der Hegelschen Philosophie bestehen; in Gespenster, die
nur zum Schein ein "Anderssein" der Gedanken des Berliner Profes-
sors sind. In der "Phänomenologie", der Hegelschen Bibel, "dem
Buch", werden zunächst die Individuen in "das Bewußtsein" [und
die] Welt in "den Gegenstand" ver[wa]ndelt, wodurch die
-----
1*) Ursache ihrer selbst
#138# Karl Marx und Friedrich Engels
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Mannigfaltigkeit des Lebens und der Geschichte sich auf ein ver-
schiedenes Verhalten "des Bewußtseins" zu "dem Gegenstande" redu-
ziert. Dies verschiedene Verhalten wird wieder auf drei Kardinal-
verhältnisse reduziert: 1. Verhältnis des Bewußtseins zum Gegen-
stand als der Wahrheit oder zur Wahrheit als bloßem Gegenstand
(z.B. sinnliches Bewußtsein, Naturreligion, ionische Philosophie
[63], Katholizismus, Autoritätsstaat pp.) - 2. Verhältnis des Be-
wußtseins als d e s W a h r e n zum Gegenstand (Verstand, gei-
stige Religion, Sokrates, Protestantismus, französische Revolu-
tion) - 3. wahres Verhalten des Bewußtseins zur Wahrheit als Ge-
genstand oder zum Gegenstand als Wahrheit (logisches Denken, spe-
kulative Philosophie, der Geist als für den Geist). Das erste
wird auch bei Hegel gefaßt als Gottvater, das zweite als Chri-
stus, das dritte als Heiliger Geist usw. Stirner hat diese Wand-
lungen schon angebracht bei Kind und Jüngling, Alten und Neuen,
wiederholt sie später bei Katholizismus und Protestantismus, Ne-
ger und Mongole etc. und akzeptiert diese Reihe von Verkleidungen
eines Gedankens nun auf Treu und Glauben als die Welt, gegen die
er sich als "leibhaftiges Individuum" geltend zu machen, zu be-
haupten hat.
Z w e i t e A n l e i t u n g z u m G e i s t e r s e h e n.
Wie man die Welt in das Gespenst der Wahrheit und sich selbst in
einen Geheiligten oder Gespenstigen verwandelt. Ein Gespräch zwi-
schen Sankt Max und Szeliga, seinem Knecht, (p. 47, 48.)
Sankt Max. "Du hast Geist, denn Du hast Gedanken. Was sind Deine
Gedanken?"
Szeliga. "Geistige Wesen."
Sankt Max. "Also keine Dinge?"
Szeliga. "Nein, aber der Geist der Dinge, die Hauptsache an allen
Dingen, ihr Innerstes, ihre - Idee."
Sankt Max. "Was Du denkst, ist mithin nicht bloß Dein Gedanke?"
Szeliga. "Im Gegenteil, es ist das Wirklichste, das eigentlich
Wahre an der Welt: es ist die Wahrheit selber; wenn ich nur wahr-
haft denke, so denke ich d i e Wahrheit. Ich kann mich zwar
über die Wahrheit täuschen und sie v e r k e n n e n; wenn ich
aber wahrhaft e r k e n n e, so ist der Gegenstand meiner Er-
kenntnis die Wahrheit."
Sankt Max. "So trachtest Du wohl allezeit die Wahrheit zu erken-
nen?"
Szeliga. "Die Wahrheit ist mir heilig. - Die W a h r h e i t
kann ich nicht abschaffen; an die Wahrheit glaube ich, darum for-
sche ich in ihr; über sie geht's nicht hinaus, sie ist ewig. Hei-
lig, ewig ist die Wahrheit, sie ist das Heilige, das Ewige."
Sankt Max (erbost). "Du aber, der Du von diesem Heiligen Dich er-
füllen lassest, wirst selbst geheiligt!"
Also, wenn Szeliga einen Gegenstand wahrhaft erkennt, so hört der
Gegenstand auf, Gegenstand zu sein, und wird "die Wahrheit". Er-
ste Gespensterfabrikation im Großen. - Es handelt sich nun nicht
mehr um das Erkennen der Gegenstände, sondern um die Erkenntnis
der Wahrheit; erst erkennt er
#139# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Gegenstände wahrhaft, das fixiert er als Wahrheit der Erkenntnis,
und diese verwandelt er in Erkenntnis der Wahrheit. Nachdem sich
so Szeliga von dem drohenden Heiligen die Wahrheit als Gespenst
hat aufbinden lassen, so rückt ihm sein gestrenger Herr mit der
Gewissensfrage auf den Leib, ob er "allezeit" trächtig sei mit
der Sehnsucht nach Wahrheit, worauf der verwirrte Szeliga etwas
vor der Zeit mit der Antwort hervorplatzt - die Wahrheit ist mir
heilig. Er merkt aber sogleich sein Versehen und nimmt es nach,
indem er beschämt die Gegenstände in Wahrheiten, nicht mehr in
die Wahrheit, verwandelt und sich als die Wahrheit dieser Wahr-
heiten "d i e Wahrheit" abstrahiert, die er nun nicht mehr ab-
schaffen kann, nachdem er sie von den abschaffbaren Wahrheiten
u n t e r s c h i e d e n hat. Damit ist sie dann "ewig". Aber
nicht damit zufrieden, ihr Prädikate wie "heilig, ewig" beizule-
gen, verwandelt er sie in d a s Heilige, d a s Ewige als Sub-
jekt. Jetzt kann ihm Sankt Max natürlich erklären, daß er, nach-
dem er sich vom Heiligen habe "erfüllen" lassen, "selbst gehei-
ligt werde", und sich "nicht wundern dürfe", wenn er nunmehr in
sich "nichts als einen Spuk finde". Der Heilige beginnt sodann
eine Predigt: "Auch ist das Heilige nicht für Deine Sinne" und
schließt ganz folgerichtig durch ein "u n d" an: "niemals ent-
deckst Du als ein Sinnlicher seine Spur"; nachdem nämlich die
sinnlichen Gegenstände "alle jeworden" sind und an ihre Stelle
"die Wahrheit", "die Heilige Wahrheit", "das Heilige" getreten
ist. "Sondern" - versteht sich! - "für Deinen Glauben, oder be-
stimmter noch für Deinen Geist" (für Deine Geistlosigkeit), "denn
es ist ja selbst ein Geistiges" (per appositionem 1*)), "e i n
Geist" (wieder per appos.), "ist G e i s t f ü r d e n
G e i s t". Dies ist die Kunst, wie man die profane Welt, die
"Gegenstände", vermittelst einer arithmetischen Reihe von
A p p o s i t i o n e n in "Geist für den Geist" verwandelt. Wir
können hier diese dialektische Methode der Appositionen nur noch
bewundern - später werden wir Gelegenheit haben, sie zu ergründen
und in ihrer ganzen Klassizität darzustellen.
Die Appositionsmethode kann auch umgedreht werden - so hier, wo,
nachdem wir "das Heilige" bereits erzeugt haben, es nicht wieder
Appositionen erhält, sondern zur Apposition einer neuen Bestim-
mung gemacht wird: dies ist die Vereinigung der Progression mit
der Gleichung. So wird hier der aus irgendeinem dialektischen
Prozeß "übrigbleibende Gedanke an ein Anderes", dem "Ich mehr
dienen sollte als Mir" (per appos.), "das Mir wichtiger sein
müßte als Alles" (per appos.), "kurz, ein Etwas, w o r i n
I c h M e i n w a h r e s H e i l z u s u c h e n
h ä t t e" (und endlich per appos. die Rückkehr auf die
-----
1*) durch den Beisatz; durch Apposition
#140# Karl Marx und Friedrich Engels
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erste Reihe) "- ein 'Heiliges'" (p. 48). Wir haben hier zwei Pro-
gressionen, die einander gleichgesetzt werden und so zu einer
großen Mannigfaltigkeit von Gleichungen Gelegenheit geben können.
Hierüber später. Durch diese Methode hat dann auch "das Heilige",
das wir bisher nur als eine rein theoretische Bestimmung für rein
theoretische Verhältnisse kennenlernten, einen neuen praktischen
Sinn bekommen, als "Etwas, worin Ich Mein wahres Heil zu suchen
hätte", wodurch es möglich wird, das Heilige zum Gegensatz des
Egoisten zu machen. Wir brauchen übrigens kaum zu erwähnen, daß
dieser ganze Dialog, nebst nachfolgender Predigt, weiter nichts
ist als eine neue Wiederholung der bereits drei- bis viermal da-
gewesenen Jünglingsgeschichte. Hier, bei dem "Egoisten" angekom-
men, schneiden wir Stirners "Schnürchen" ab, weil wir erstens
seine Konstruktion in ihrer Reinheit darzustellen haben, frei von
allen dazwischengeworfenen Intermezzos, und weil zweitens diese
Intermezzi (Sancho würde nach Analogie "d e s Lazaroni"
(Wig[and], p. 159, soll heißen Lazzarone) sagen: Intermezzi's) an
andern Stellen des Buchs ohnehin wieder vorkommen, da Stirner,
weit entfernt, sich nach seiner eigenen Zumutung "stets in sich
zurückzunehmen", im Gegenteil sich stets von Neuem von sich gibt.
Wir erwähnen nur noch eben, daß die p. 45 aufgeworfene Frage: Was
ist dies vom Ich Unterschiedene, das der Geist ist, jetzt dahin
beantwortet ist, daß es das Heilige, id est das dem Ich Fremde
ist und daß Alles dem Ich Fremde - kraft einiger nicht ausgespro-
chenen Appositionen, Appositionen "an sich" - hiernach ohne Wei-
teres als Geist gefaßt wird. Geist, Heiliges, Fremdes sind iden-
tische Vorstellungen, denen er den Krieg erklärt, wie dies schon
bei dem Jüngling und Mann ganz im Anfang fast wörtlich dagewesen
ist. Wir sind also noch keinen Schritt weiter, als wir p. 20 wa-
ren.
a) Der Spuk
Sankt Max macht jetzt Ernst mit den "Geistern", welche die
"Kinder des Geistes sind" (p. 39), mit der Gespensterhaftigkeit
Aller (p. 47). Wenigstens bildet er sichs ein. In Wahrheit aber
schiebt er nur seiner bisherigen Geschichtsauffassung, nach der
die Menschen von vornherein die Repräsentanten von allgemeinen
Begriffen waren, einen andern Namen unter. Diese allgemeinen Be-
griffe treten hier zuerst im negerhaften Zustande, als objektive,
den Menschen gegenständliche Geister auf und heißen auf dieser
Stufe Gespenster oder - S p u k. Das Hauptgespenst ist natür-
lich "der Mensch" selbst, da die Menschen nach dem Bisherigen nur
als Repräsentanten eines Allgemeinen, Wesens, Begriffs, Heiligen,
Fremden, Geistes, d.h. nur als Gespenstige, Gespenster füreinan-
der vorhanden sind, und da schon nach
#141# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Hegels "Phänomenologie" p. 255 und anderwärts der Geist, sofern
er "die Form der Dingheit" für den Menschen hat, ein anderer
Mensch ist. (Siehe weiter unten über "d e n Menschen".)
Wir sehen also hier den Himmel offen und die verschiedenen Ge-
spenster der Reihe nach vor uns vorüberziehen. Jacques le bon-
homme vergißt nur, daß er die alte und neue Zeit als Riesenge-
spenster bereits hat vor uns vorbeiziehen lassen, wogegen alle
die harmlosen Einfalle von Gott etc. wahre Lumpereien sind.
Gespenst Nr. 1: d a s h ö c h s t e W e s e n, Gott (p. 53).
Wie nach dem Bisherigen zu erwarten, glaubt der alle weltge-
schichtlichen Berge durch seinen Glauben versetzende Jacques le
bonhomme, daß "die Menschen sich jahrtausendelang die
A u f g a b e setzten", sich "mit der gräßlichen Unmöglichkeit,
der endlosen Danaidenarbeit [64] abquälten" - "das Dasein Gottes
zu beweisen". Über diesen unglaublichen Glauben brauchen wir kein
Wort mehr zu verlieren.
Gespenst Nr. 2: d a s W e s e n. Was unser guter Mann über das
Wesen sagt, beschränkt sich nach Abzug des aus Hegel Abgeschrie-
benen auf "pomphafte Worte und armselige Gedanken" (p. 53). "Der
Fortgang vom" Wesen "auf" das Weltwesen "ist nicht schwer", und
dies Weltwesen ist natürlich
Gespenst Nr. 3, d i e E i t e l k e i t d e r W e l t. Hier-
über ist Nichts zu sagen, als daß daraus "leicht"
Gespenst Nr. 4, die guten und bösen Wesen werden. Hierüber wäre
zwar etwas zu sagen, wird aber nichts gesagt, und sogleich zum
nächsten Gespenst Nr. 5: d a s W e s e n u n d s e i n
R e i c h fortgeschritten. Daß wir das Wesen hier zum zweiten
Male haben, darf uns bei unsrem ehrlichen Schriftsteller, der
seine "Unbeholfenheit" (Wigand, p. 166) sehr gut kennt und des-
halb Alles mehrmals sagt, damit es ja nicht mißverstanden werde,
keineswegs verwundern. Das Wesen wird hier zuerst als Inhaber ei-
nes "Reiches" bestimmt und sodann von ihm ausgesagt, daß es "das
Wesen" ist (p. 54), worauf es sich flugs in Gespenst Nr. 6:
"d i e W e s e n" verwandelt. Sie und sie allein zu erkennen
und anzuerkennen, das ist Religion. "Ihr Reich" (der Wesen) "ist
- ein Reich der Wesen." (p. 54.) Plötzlich tritt hier
Gespenst Nr. 7, d e r G o t t m e n s c h, Christus, ohne alle
sichtbare Veranlassung herein. Von ihm weiß Stirner zu sagen, daß
er "b e l e i b t" gewesen ist. Wenn Sankt Max nicht an Chri-
stus glaubt, so glaubt er wenigstens an seinen "wirklichen Leib".
Christus hat nach Stirner eine große Misere in die Geschichte ge-
bracht, und der sentimentale Heilige erzählt mit Tränen in den
Augen, "wie sich die kräftigsten Christenmenschen abgemartert ha-
ben, um
#142# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
ihn zu begreifen" - ja - "seelenmarternder war noch nie ein Ge-
spenst, und kein Schamane, der bis zu rasender Wut und nervenzer-
reißenden Krämpfen sich aufstachelt, kann solche Qual erdulden,
wie Christen sie von jenem unbegreiflichsten Gespenst erlitten".
Sankt Max weint eine empfindsame Zähre auf dem Grabe der Opfer
Christi und kommt dann zum "grauenhaften Wesen",
dem Gespenst Nr. 8, d e m M e n s c h e n. Hier "graut" es un-
srem wackeren Schriftsteller in Eins fort - "er erschrickt vor
sich selbst", er sieht in jedem Menschen einen "grausigen Spuk",
einen "unheimlichen Spuk", in dem es "umgeht" (p. 55, 56). Er
fühlt sich höchst unbehaglich. Der Zwiespalt zwischen Erscheinung
1*) und Wesen läßt ihn nicht ruhen. Er ist wie Nabal, der Gemahl
der Abigail, von dem geschrieben steht, daß sein Wesen ebenfalls
von seiner Erscheinung getrennt war: Es war ein Mann zu Maon
u n d s e i n W e s e n z u C a r m e l (1. Samuel 25, 2)
[65]. Zur rechten Zeit und ehe sich der "seelengemarterte" Sankt
Max aus Verzweiflung eine Kugel durch den Kopf jagt, fallen ihm
plötzlich die Alten ein, die "so etwas nicht in ihren Sklaven be-
achteten". Dies bringt ihn auf
Gespenst Nr. 9, d e n V o l k s g e i s t (p. 56), über den
sich Sankt Max, an dem jetzt kein Aufhalten mehr ist, ebenfalls
"grausige" Einbildungen macht, um
Gespenst Nr. 10: "A l l e s" in einen Spuk zu verwandeln, und
schließlich, wo alles Zählen aufhört, den "heiligen Geist", die
Wahrheit, das Recht, das Gesetz, die gute Sache (die er noch im-
mer nicht vergessen kann) und ein halbes Dutzend anderer, einan-
der wildfremder Dinge m der Klasse Gespenster zusammenzuwerfen.
Sonst ist in dem ganzen Kapitel Nichts bemerkenswert als die Ver-
setzung eines historischen Berges durch Sankt Maxens Glauben. Er
meint nämlich p. 56, "nur um eines höheren Wesens willen sei man
von jeher geehrt, nur als ein Gespenst für eine geheiligte, d.h."
(das heißt!) "geschützte und anerkannte Person betrachtet wor-
den". Versetzen wir diesen durch bloßen Glauben versetzten Berg
wieder an seine rechte Stelle, so "heißt es nun": Nur um der ge-
schützten, d.h. sich selbst schützenden, und privilegierten, d.h.
sich selbst privilegierenden Personen willen wurden höhere Wesen
verehrt und Gespenster geheiligt. Sankt Max bildet sich z.B. ein,
daß im Altertum, wo jedes Volk durch materielle Verhältnisse und
Interessen, z.B. Feindschaft der verschiednen Stämme etc., zusam-
mengehalten wurde, wo wegen Mangel an Produktivkräften Jeder ent-
weder Sklave sein oder Sklaven haben mußte etc. etc., wo es also
vom "natürlichsten Interesse" (Wigand, p. [162]) war, einem Volke
anzugehören - daß also damals der Begriff Volk oder "das Volkswe-
sen"
-----
1*) MEGA: Erscheinungen
#143# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
-----
erst diese Interessen aus sich erzeugt habe; daß in der neueren
Zeit, wo die freie Konkurrenz und der Welthandel den heuchleri-
schen, bürgerlichen Kosmopolitismus und den Begriff des Menschen
erzeugte, umgekehrt die spätere philosophische Konstruktion des
Menschen jene Verhältnisse als seine "Offenbarungen" (p. 51) pro-
duziert habe. Ebenso mit der Religion, dem Reich der Wesen, das
er für das einzige Reich hält, von deren Wesen er aber nichts
weiß, weil er sonst wissen müßte, daß sie, a l s Religion, we-
der ein Wesen noch ein Reich hat. In der Religion machen die Men-
schen ihre empirische Welt zu einem nur gedachten, vorgestellten
Wesen, das ihnen fremd gegenübertritt. Dies ist keineswegs wieder
aus andern Begriffen zu erklären, aus "d e m Selbstbewußtsein"
und dergleichen Faseleien, sondern aus der ganzen bisherigen Pro-
duktions- und Verkehrsweise, die ebenso unabhängig vom reinen Be-
griff ist wie die Erfindung der self-acting mule 1*) und die An-
wendung der Eisenbahnen von der Hegelschen Philosophie. Will er
einmal von einem "Wesen" der Religion sprechen, d.h. von einer
materiellen Grundlage dieses Unwesens, so hat er es weder im
"Wesen des Menschen" noch in den Prädikaten Gottes zu suchen,
sondern in der von jeder Stufe der religiösen Entwicklung vorge-
fundenen materiellen Welt. (Vgl. oben Feuerbach.)
Die sämtlichen "Gespenster", die wir Revue passieren ließen, wa-
ren Vorstellungen. Diese Vorstellungen, abgesehen von ihrer re-
alen Grundlage (von der Stirner ohnehin absieht), als Vorstellun-
gen innerhalb des Bewußtseins, als Gedanken im Kopfe der Menschen
gefaßt, aus ihrer Gegenständlichkeit m das Subjekt zurückgenom-
men, aus der Substanz ins Selbstbewußtsein erhoben, sind - der
S p a r r e n oder die f i x e I d e e.
Über den Ursprung von Sankt Maxens Gespenstergeschichte siehe
Feuerbach in den "Anekdotis" II, p. 66, wo es heißt [66]:
"Die Theologie ist G e s p e n s t e r g l a u b e. Die gemeine
Theologie hat aber ihre Gespenster in der sinnlichen Imagination,
die spekulative Theologie in der unsinnlichen Abstraktion."
Da nun Sankt Max mit sämtlichen kritischen Spekulanten der neue-
ren Zeit den Glauben teilt, daß verselbständigte Gedanken, ver-
körperte Gedanken - Gespenster - die Welt beherrscht haben und
beherrschen, daß alle bisherige Geschichte Geschichte der Theolo-
gie gewesen sei, so war nichts leichter, als sie in eine Gespen-
stergeschichte zu verwandeln. Sanchos Gespenstergeschichte beruht
also auf dem traditionell überlieferten Gespensterglauben der
Spekulanten.
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1*) selbsttätigen Spinnmaschine
#144# Karl Marx und Friedrich Engels
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b) Der Sparren
"Mensch, es spukt in Deinem Kopfe! - Du hast eine fixe Idee!"
donnert der heilige Max seinen Sklaven Szeliga an. "Denke nicht,
daß Ich scherze", droht er ihm. Untersteh Dich nicht zu glauben,
daß der feierliche "Max Stirner" scherzen könne.
Der Mann Gottes hat wieder seinen getreuen Szeliga nötig, um vom
Objekt auf das Subjekt, vom Spuk auf den Sparren zu kommen.
Der Sparren ist die Hierarchie im einzelnen Individuum, die Herr-
schaft des Gedankens "in ihm über ihm". Nachdem die Welt dem
phantasierenden Jüngling von p. 20 als Welt seiner "Fieber-
phantasien", als Gespensterwelt gegenübergetreten ist, wachsen
ihm die "eignen Geburten seines Kopfs" innerhalb seines Kopfs
über seinen Kopf. Die Welt seiner Fieberphantasien - das ist sein
Fortschritt - existiert nun als die Welt seines zerrütteten
Kopfes. Sankt Max, der Mann, der die "Welt der Neuen" als den
phantasierenden Jüngling sich gegenüberstehen hat, muß notwendig
erklären, daß "beinahe die ganze Menschenwelt aus veritablen
Narren, Narren im Tollhause bestehe", (p. 57.)
Der Sparren, den Sankt Max in den Köpfen der Menschen entdeckt,
ist nichts als sein eigner Sparren, der Sparren "des Heiligen",
der die Welt sub specie aeterni 1*) betrachtet und sowohl die
heuchlerischen Phrasen wie die Illusionen der Menschen für die
wirklichen Motive ihrer Handlungen versieht; weswegen auch der
naive, gläubige Mann getrost den großen Satz ausspricht: "Fast
die ganze Menschenwelt hängt am Höheren." (p. 57.)
Der "Sparren" ist "eine fixe Idee", d.h. "eine Idee, die den Men-
schen sich unterworfen hat", oder, wie später populärer gesagt
wird, allerlei Abgeschmacktheiten, die die Leute "s i c h i n
d e n K o p f g e s e t z t h a b e n". Mit spielender Leich-
tigkeit ergibt sich für Sankt Max, daß Alles, was die Menschen
sich unterworfen hat, z. B. die Notwendigkeit zu produzieren, um
zu leben, und die davon abhängigen Verhältnisse eine solche
"Abgeschmacktheit" oder "f i x e I d e e" ist. Da die Kinder-
welt die einzige "Welt der Dinge" ist, wie wir in der Mythe vom
"Menschenleben" sahen, so ist Alles, was "für das Kind" (von Zeit
zu Zeit auch für das Tier) nicht existiert, jedenfalls "eine
Idee" und "leicht auch" eine "fixe Idee". Wir sind den Jüngling
und das Kind noch lange nicht los.
Das Kapitel vom Sparren hat bloß den Zweck, die Kategorie des
Sparrens in der Geschichte "d e s Menschen" zu konstatieren.
Der eigentliche Kampf
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1*) vom Gesichtspunkt der Ewigkeit
#145# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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gegen die Sparren zieht sich durch das ganze "Buch" und wird na-
mentlich im zweiten Teil geführt. Wir können uns deshalb hier mit
ein paar Beispielen von Sparren begnügen.
p. 59 glaubt Jacques le bonhomme, daß "unsere Zeitungen von Poli-
tik strotzen, weil sie m dem Wahne gebannt sind, der Mensch sei
dazu geschaffen, ein Zoon politikon 1*) zu werden". Also nach
Jacques le bonhomme wird Politik getrieben, weil unsre Zeitungen
davon strotzen! Wenn ein Kirchenvater die Börsennachrichten unse-
rer Zeitungen ansähe, so könnte er gar nicht anders urteilen wie
Sankt Max und müßte sagen: Diese Zeitungen strotzen von Börsen-
nachrichten, weil sie m den Wahn gebannt sind, der Mensch sei
dazu geschaffen, in Fonds zu spekulieren. Also nicht die Zeitun-
gen haben den Sparren, sondern der Sparren hat den "Stirner".
Die Verpönung der Blutschande und die Institutionen der Monogamie
werden aus "dem Heiligen" erklärt, "sie sind das Heilige". Wenn
bei den Persern die Blutschande nicht verpönt ist und die Insti-
tution der Polygamie bei den Türken sich vorfindet, so sind dort
also Blutschande und Polygamie "das Heilige". Zwischen diesen
beiden "Heiligen" wäre kein Unterschied anzugeben, als daß Perser
und Türken sich andres dummes Zeug "in den Kopf gesetzt haben"
als die christlich germanischen Völker. - Kirchenväterliche Ma-
nier, sich "zeitig genug" von der Geschichte "loszumachen". -
Jacques le bonhomme ahnt so wenig die wirklichen, materialisti-
schen Ursachen der Verpönung der Polygamie und Blutschande unter
gewissen sozialen Verhältnissen, daß er sie nur für einen Glau-
benssatz erklärt und sich in Gemeinschaft mit jedem Spießbürger
einbildet, wenn einer für derartige Vergehen eingesperrt werde,
so sperre ihn "die Sittenreinheit" in ein "Sittenverbesse-
rungshaus" (p. 61), wie denn die Kerker ihm überhaupt - und
hierin steht er unter dem gebildeten Bourgeois, der dies besser
weiß, vgl. die Gefängnisliteratur - als Sittenverbesserungshäuser
erscheinen. "Stirners" "Kerker" sind die allertnvialsten
Illusionen des Berliner Bürgers, die indes für ihn schwerlich ein
"Sittenverbesserungshaus" genannt zu werden verdienen.
Nachdem Stirner durch eine "episodisch eingelegte" "geschicht-
liche Reflexion" entdeckt hat, daß "es dahin kommen mußte, daß
der ganze Mensch sich mit allen seinen Fähigkeiten als religiös
erwies" (p. 64), "so ist auch in der Tat" - "nicht zu
verwundern", "weil wir jetzt so durch und durch religiös sind" -
"daß" der E i d "der G e s c h w o r n e n uns zum Tode ver-
dammt und der Polizeidiener uns als guter Christ durch 'Amtseid'
ins Loch bringt". Wenn ihn ein Gensdarme wegen Rauchens im Tier-
garten anhält [67], so schlägt ihm nicht
-----
1*) gesellschaftliches Wesen
#146# Karl Marx und Friedrich Engels
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der kgl. preuß. dafür bezahlte und an den Strafgeldern beteiligte
Gensdarme, sondern der "Amtseid" die Zigarre aus dem Munde. Gera-
deso verwandelt sich für ihn die Macht des Bourgeois im Geschwor-
nengerichte, wegen des scheinheiligen Aussehens, das sich die
amis du commerce 1*) hier geben, in die Macht des Schwörens, des
Eides, in "d a s H e i l i g e". Wahrlich, wahrlich, ich sage
Euch : solchen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden.
(Matth[äi] 8, 10.) "Bei so Manchem wird ein Gedanke zur Maxime,
so daß nicht Er die Maxime, sondern diese vielmehr Ihn hat, und
mit der Maxime hat er wieder einen festen Standpunkt." Aber "so
liegt es nun nicht an Jemandes Wollen, Sollen oder Laufen, son-
dern an Gottes Erbarmen". Röm[er] 9, 16. Darum muß der heilige
Max sogleich auf derselben Seite einige Pfähle ins Fleisch bekom-
men und uns selbst mehrere Maximen geben: nämlich erstens die Ma-
xime, keine Maxime, damit zweitens die Maxime, keinen festen
Standpunkt zu haben, drittens die Maxime: "Wir s o l l e n
z w a r Geist haben, aber der Geist s o l l Uns nicht haben";
und viertens die Maxime, daß man auch sein Fleisch vernehmen
soll, "denn nur wenn ein Mensch sein Fleisch vernimmt, vernimmt
er sich ganz, und nur wenn er s i c h g a n z vernimmt, ist er
vernehmend oder vernünftig".
C) Unreine unreine Geistergeschichte
a) Neger und Mongolen
Wir kehren jetzt zum Anfang der "einzigen" Geschichtskonstruktion
und Namengebung zurück. Das Kind wird Neger, der Jüngling Mon-
gole. Siehe die Ökonomie des Alten Bundes.
"Die geschichtliche Reflexion über Unser Mongolentum, welche Ich
an dieser Stelle e p i s o d i s c h e i n l e g e n w i l l,
gebe Ich n i c h t m i t d e m A n s p r ü c h e auf Gründ-
lichkeit o d e r a u c h n u r auf Bewährtheit, sondern
l e d i g l i c h d a r u m, w e i l M i c h d ü n k t,
s i e k ö n n e zur Verdeutlichung des Übrigen b e i t r a-
g e n." p. 87.
Sankt Max sucht sich seine Phrasen über Kind und Jüngling zu
"verdeutlichen", indem er ihnen weltumfassende Namen gibt, und
diese weltumfassenden Namen, indem er ihnen seine Phrasen über
Kind und Jüngling unterschiebt. "Die N e g e r h a f t i g-
k e i t stellt dar das A l t e r t u m, die Abhängigkeit von
den D i n g e n" (K i n d); "die M o n g o l e n h a f-
t i g k e i t die Zeit der Abhängigkeit von G e d a n k e n,
die c h r i s t l i c h e" (J ü n g l i n g). (Vergl. "Ökono-
mie des Alten Bundes".) "Der Zukunft sind die Worte vorbehalten :
Ich bin Eigner der W e l t d e r D i n g e, und Ich bin
Eigner der W e l t d e r G e d a n k e n." (p. 87, 88.) Diese
"Zukunft" hat
-----
1*) Freunde des Handels
#147# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
-----
sich bereits einmal auf p. 20 bei Gelegenheit des M a n n e s
zugetragen und wird sich später noch einmal, von p. 226 an, er-
eignen.
E r s t e "g e s c h i c h t l i c h e R e f l e x i o n ohne
Anspruch auf Gründlichkeit oder auch nur auf Bewährtheit": Weil
Ägypten zu Afrika gehört, wo die Neger hausen, so "fallen" p. 88
die nie vorgekommenen "Züge des Sesostris"(56] und die
"Bedeutsamkeit Ägyptens" (auch unter den Ptolemäern, Napoleons
Expedition nach Ägypten [57], Mehemet Ali, orientalische Frage,
Duvergier de Haurannes Broschüren pp.) "und Nordafrikas über-
haupt" (also Karthagos, Hannibals Zug nach Rom und "leicht auch"
von Syrakus und Spanien, Vandalen, Tertullian, Mauren, Al Hussein
Abu Ali Ben Abdallah Ebn Sina, Raubstaaten, Franzosen in Algier,
Abd el Kâder, Père Enfantin und die vier neuen Kröten des
"Charivari") "in das negerhafte Weltalter", p. 88. Also Stirner
verdeutlicht hier die Züge des Sesostris pp., indem er sie in das
negerhafte Weltalter versetzt, und das negerhafte Weltalter, in-
dem er es als historische Illustration zu seinen einzigen Gedan-
ken "über Unsere Kinderjahre" "episodisch einlegt".
Z w e i t e "g e s c h i c h t l i c h e R e f l e x i o n":
"Dem mongolenhaften Weltalter gehören die Hunnen- und Mongolen-
züge an, bis hinauf zu den Russen" (und Wasserpolacken [68]), wo
denn wieder die Hunnen- und Mongolenzüge nebst den Russen dadurch
"verdeutlicht" werden, daß sie dem "mongolenhaften Weltalter" an-
gehören, und das "mongolenhafte Weltalter" dadurch, daß es das
Weltalter der schon als J ü n g l i n g aufgetretenen Phrase
"Abhängigkeit von Gedanken" ist.
D r i t t e "g e s c h i c h t l i c h e R e f l e x i o n":
Im mongolenhaften Weltalter "kann der Wert Meiner unmöglich hoch
angeschlagen werden, weil der h a r t e Demant des N i c h t -
I c h zu hoch im Preise steht, weil es noch zu körnig und
unbezwinglich ist, um von Mir absorbiert und verzehrt zu werden.
Vielmehr kriechen die Menschen nur mit außerordentlicher
Geschäftigkeit auf diesem Unbeweglichen, dieser Substanz, herum,
wie Schmarotzertierchen auf einem Leibe, von dessen Säften sie
Nahrung ziehen, ohne ihn deshalb aufzuzehren. Es ist die Geschäf-
tigkeit des Ungeziefers, die Betriebsamkeit der Mongolen. Bei den
Chinesen bleibt j a Alles beim Alten etc. - - S o n a c h"
(weil bei den Chinesen Alles beim Alten bleibt) "ist in unsrem
mongolischen Weltalter alle Veränderung nur eine reformatorische
und ausbessernde, keine destruktive oder verzehrende oder ver-
nichtende gewesen. Die Substanz, das Objekt bleibt. All unsre Be-
triebsamkeit ist nur Ameisentätigkeit und Flohsprung ... Jong-
leurkünste auf dem Seile des Objektiven" pp. (p. 88. Vgl. Hegel,
"Phil[osophie] der Gesch[ichte]", p. 113, 118, 119 (die undurch-
weichte Substanz), 140 etc., wo China als die "Substantialität"
gefaßt wird.)
Also hier erfahren wir, daß in dem w a h r e n kaukasischen
Weltalter die Menschen die Maxime haben werden, die Erde, die
"Substanz", "das
#148# Karl Marx und Friedrich Engels
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Objekt", das "Unbewegliche" zu verschlingen, "verzehren",
"vernichten", "absorbieren", "destruieren", und mit der Erde
zugleich das nicht von ihr zu trennende Sonnensystem. Der welt-
verschlingende "Stirner" hat uns die "reformatorische oder aus-
bessernde Tätigkeit" des Mongolen bereits als "Welterlösungs- und
Welt v e r b e s s e r u n g s pläne" des Jünglings und Christen
p. 36 vorgeführt. Wir sind also noch immer keinen Schritt weiter.
Charakteristisch für die ganze "einzige" Geschichtsauffassung
ist, daß die höchste Stufe dieser mongolischen Tätigkeit den Na-
men der "w i s s e n s c h a f t l i c h e n" verdient - woraus
schon jetzt zu folgern ist, was Sankt Max uns später sagt, daß
die Vollendung des mongolischen Himmels das Hegelsche Geister-
reich ist.
V i e r t e "g e s c h i c h t l i c h e R e f l e x i o n".
Die Welt, auf der die Mongolen herumkriechen, verwandelt sich
jetzt vermittelst eines "Flohsprungs" in "das Positive", dies in
"die Satzung", und die Satzung wird vermittelst eines Absatzes p.
89 zur "Sittlichkeit". "Diese gibt sich in ihrer ersten Form als
Gewohnheit" - sie tritt also als P e r s o n auf; flugs verwan-
delt sie sich aber in einen R a u m: "Nach seines Landes Sitte
und Gewohnheit handeln, heißt d a" (nämlich in der Sittlich-
keit) "sittlich sein". "Darum" (weil dies in der Sittlichkeit als
Gewohnheit passiert) "wird ein l a u t e r e s, s i t t l i-
c h e s H a n d e l n a m s c h l i c h t e s t e n in - -
C h i n a geübt!"
Sankt Max ist unglücklich in seinen Exempeln. p. 116 schiebt er
ebenso den Nordamerikanern die "Religion der Rechtschaffenheit"
unter. Er hält die beiden spitzbübischsten Völker der Erde, die
patriarchalischen Betrüger, die Chinesen, und die zivilisierten
Betrüger, die Yankees, für "schlicht", "sittlich" und
"rechtschaffen". Hätte er seine Eselsbrücke nachgesehen, so hätte
er die Nordamerikaner p. 81 der "Philosophie der Geschichte" und
die Chinesen p. 130 ibid. als Betrüger klassifiziert finden kön-
nen.
Freund "M a n" verhilft dem heiligen Biedermann jetzt auf die
N e u e r u n g; von dieser bringt ihn ein "U n d" wieder auf
die G e w o h n h e i t, und somit ist das Material präpariert,
um in der F ü n f t e n g e s c h i c h t l i c h e n R e-
f l e x i o n einen Hauptcoup vollziehen zu können. "Es un-
terliegt auch in der Tat keinem Zweifel, daß der Mensch sich
durch Gewohnheit gegen die Zudringlichkeit der Dinge[,] der Welt
sichert" - z.B. gegen den Hunger -
"und" - wie hieraus ganz natürlich folgt -
"eine eigne Welt gründet" - die "Stirner" jetzt nötig hat -
"in welcher er allein heimisch und zu Hause ist" - "allein",
nachdem er sich erst durch "Gewohnheit" in der bestehenden "Welt"
"heimisch" gemacht hat " -
"d.h. sich einen Himmel gründet" - weil China das himmlische
Reich heißt.
#149# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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"H a t j a d o c h d e r H i m m e l k e i n e n a n-
d e r n S i n n a l s d e n, d a ß e r d i e e i g e n t-
l i c h e H e i m a t d e s M e n s c h e n i s t" - wo er im
Gegenteil die vorgestellte Uneigentlichkeit der eigentlichen
Heimat zum Sinn hat -
"w o r i n i h n N i c h t s F r e m d e s m e h r b e-
s t i m m t" - d.h. worin ihn das Eigne als Fremdes bestimmt,
und wie die nun in Gang gebrachte Leier weiter heißt. "Vielmehr",
um mit Sankt Bruno, oder "etwa leicht", um mit Sankt Max zu
sprechen, müßte dieser Satz so heißen:
Stirnerscher Satz, ohne Anspruch auf Gründlichkeit oder auch nur
auf Bewährtheit.
"Es unterliegt auch in der Tat keinem Zweifel, daß der Mensch
sich durch Gewohnheit gegen die Zudringlichkeit der Dinge, der
Welt, sichert und eine eigne Welt gründet, in welcher er allein
heimisch und zu Hause ist, d.h. sich einen H i m m e l erbaut.
Hat ja doch der "Himmel" keinen andern Sinn als den, daß er die
eigentliche Heimat des Menschen sei, worin ihn nichts Fremdes
mehr bestimmt und beherrscht, kein Einfluß des Irdischen mehr ihn
selbst entfremdet, kurz, worin die Schlacken des Irdischen abge-
worfen sind und der Kampf gegen die Welt ein Ende gefunden hat,
worin ihm also nichts mehr versagt ist." p. 89.
Geläuterter Satz.
"Es unterliegt auch in der Tat keinem Zweifel", daß, weil China
das himmlische Reich heißt, weil "Stirner" gerade von China
spricht und "gewohnt" ist, sich durch Unwissenheit "gegen die Zu-
dringlichkeit der Dinge, der Welt, zu sichern und eine eigne Welt
zu gründen, in welcher er allein heimisch und zu Hause ist", er
sich aus dem himmlischen Reich China "einen Himmel erbaut. Hat ja
doch" die Zudringlichkeit der Welt, der Dinge, "keinen andern
Sinn als den, daß" sie "die eigentliche" Hölle des Einzigen
"sind, worin ihn" Alles als "Fremdes bestimmt und beherrscht",
die er sich aber dadurch m einen "Himmel" zu verwandeln weiß, daß
er sich allem "Einfluß der irdischen", geschichtlichen Tatsachen
und Zusammenhänge "entfremdet", daher sich also nicht mehr vor
ihnen befremdet, "kurz, wo die Schlacken des Irdischen", Histori-
schen "abgeworfen sind und" Stirner im "Ende" "der Welt" keinen
"Kampf" mehr "findet", womit also Alles gesagt ist.
S e c h s t e "g e s c h i c h t l i c h e R e f l e x i o n".
p. 90 bildet sich Stirner ein:
"In China ist für A l l e s v o r g e s e h e n; was auch kom-
men mag, es w e i ß der Chinese i m m e r, wie er sich zu
verhalten hat, und er braucht sich nicht erst n a c h d e n
U m s t ä n d e n zu bestimmen; aus dem Himmel seiner Ruhe
stürzt ihn k e i n u n v o r h e r g e s e h e n e r F a l l."
#150# Karl Marx und Friedrich Engels
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Auch kein englisches Bombardement - er wußte ganz genau, "wie er
sich zu verhalten hatte", besonders den ihm unbekannten Dampf-
schiffen und Schrapnell-Bomben gegenüber [60].
Sankt Max hat dies sich aus Hegels "Philosophie der Geschichte"
p. 118 und p. 127 abstrahiert, wo er freilich einiges Einzige
hinzufügen mußte, um seine obige Reflexion zustande zu bringen.
"M i t h i n", fährt Sankt Max fort, "besteigt d i e
M e n s c h h e i t auf der Stufenleiter der Bildung durch die
Gewohnheit die erste Sprosse, u n d d a s i e s i c h
v o r s t e l l t, im Erklimmen der Kultur zugleich den Himmel,
das Reich der Kultur oder zweiten Natur zu erklimmen, so besteigt
sie w i r k l i c h die erste Sprosse der - Himmelsleiter." p.
90.
"Mithin", d.h. weil Hegel mit China die Geschichte anfängt und
weil "der Chinese nicht außer Fassung kommt", verwandelt
"Stirner" die Menschheit in eine Person, die "auf der Stufenlei-
ter der Kultur die erste Sprosse" ersteigt, und zwar "durch die
Gewohnheit", weil China für Stirner keine andre Bedeutung hat,
als "die Gewohnheit" zu sein. Jetzt handelt es sich für unsren
Eiferer gegen das Heilige nur noch darum, die "Stufenleiter" in
die "Himmelsleiter" zu verwandeln, da China auch noch den Namen
des H i m m l i s c h e n Reichs führt. "Da die Menschheit sich
vorstellt" ("woher nur" Stirner "Alles das weiß, was" die Mensch-
heit sich vorstellt, Wigand, p. 189) - was Stirner zu beweisen
hatte - erstens "die Kultur" in "den Himmel der Kultur" und zwei-
tens "den Himmel der Kultur" in "die Kultur des Himmels" zu ver-
wandeln (eine angebliche Vorstellung der Menschheit, die p. 91
als Vorstellung Stirners auftritt und dadurch ihren richtigen
Ausdruck erhält), "so besteigt sie w i r k l i c h die erste
Sprosse der Himmelsleiter." Da sie sich v o r s t e l l t, die
erste Sprosse der Himmelsleiter zu besteigen - - so - - besteigt
sie sie w i r k l i c h! "D a" "der Jüngling" "sich vor-
stellt", reiner Geist zu werden, wird er es wirklich! Siehe
"Jüngling" und "Christ" über den Übergang aus der Welt der Dinge
in die Welt des Geistes, wo sich die einfache Formel für diese
Himmelsleiter der "einzigen" Gedanken vorfindet.
S i e b e n t e g e s c h i c h t l i c h e R e f l e x i o n,
p. 90. "Hat das Mongolentum" (folgt unmittelbar auf die Himmels-
leiter, womit nämlich "Stirner" vermittelst der angeblichen Vor-
stellung der Menschheit ein geistiges Wesen konstatiert hat) -
"hat das Mongolentum das Dasein geistiger Wesen festgestellt"
(vielmehr "Stirner" seine Einbildung vom geistigen Wesen der Mon-
golen festgestellt), "so haben die Kaukasier Jahrtausende mit
diesen geistigen Wesen gerungen, um ihnen auf den Grund zu kom-
men." (Jüngling, der zum Manne wird und "hinter die Gedanken zu
kommen", Christ, der die "Tiefen der Gottheit zu ergründen"
"allezeit trachtet".) Weil die Chinesen das Dasein Gott weiß wel-
cher geistigen Wesen konstatiert haben ("Stirner" konstatiert
#151# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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außer seiner Himmelsleiter kein einziges), so müssen die Kauka-
sier Jahrtausende sich mit "diesen" chinesischen "geistigen We-
sen" herumzanken; ja, Stirner konstatiert zwei Zeilen weiter, daß
sie wirklich den "m o n g o l i s c h e n Himmel, den Thiän,
gestürmt haben", und fährt fort: "Wann werden sie diesen Himmel
vernichten, wann werden sie endlich w i r k l i c h e
K a u k a s i e r werden und s i c h s e l b e r f i n-
d e n?" Hier haben wir die negative Einheit, die früher schon
als Mann auftrat, als "wirklichen Kaukasier", d.h. als nicht
negerhaften, nicht mongolischen - als k a u k a s i s c h e n
K a u k a s i e r, der hier also als Begriff, als Wesen von den
wirklichen Kaukasiern getrennt, ihnen entgegengestellt wird als
"Ideal des Kaukasiers", als "Beruf", in dem "sie sich selber
finden" sollen, als "Bestimmung", "Aufgabe", als "das Heilige",
"der heilige" Kaukasier, "der vollendete" Kaukasier, "welcher
eben der" Kaukasier "im Himmel - G o t t ist".
"Im industriösen Ringen der mongolischen Rasse h a t t e n die
Menschen einen Himmel erbaut" - so glaubt p. 91 "Stirner", der es
vergißt, daß die wirklichen Mongolen viel mehr mit den Hämmeln,
als mit den Himmeln zu tun haben - "als die vom kaukasischen
Stamme, solange sie - - es mit dem Himmel zu tun h a b e n -
die himmelstürmende Tätigkeit ü b e r n a h m e n." H a t t e n
einen Himmel erbaut, als - -, solange h a b e n, -
über n a h m e n. Die anspruchslose "geschichtliche Reflexion"
drückt sich in einer consecutio temporum 1*) aus, die ebenfalls
keinen "Anspruch" auf Klassizität "oder auch nur" auf grammati-
sche Richtigkeit "macht"; der Konstruktion der Geschichte ent-
spricht die Konstruktion der Sätze; "darauf beschränken sich"
"Stirners" "Ansprüche" und "erreichen damit ihr letztes Absehen".
A c h t e g e s c h i c h t l i c h e R e f l e x i o n, die
die Reflexion der Reflexionen, das Alpha und Omega der ganzen
Stirnerschen Geschichte ist: Jacques le bonhomme sieht in der
ganzen bisherigen Völkerbewegung, was wir ihm von Anfang an nach-
weisen, nur eine Aufeinanderfolge von Himmeln (p. 91), was auch
so ausgedrückt werden kann, daß die bisherigen aufeinanderfolgen-
den Generationen kaukasischer Rasse weiter nichts taten als sich
mit dem Begriff der Sittlichkeit herumzanken (p. 92) und daß
"darauf sich ihre Tat beschränkt" (p. 91). Hätten sie sich die
leidige Sittlichkeit, diesen Spuk, aus dem Kopfe geschlagen, so
würden sie es zu etwas gebracht haben; so aber kamen sie zu
Nichts und wieder Nichts und müssen sich von Sankt Max wie Schu-
lungen ein Pensum stellen lassen. Dieser seiner Geschichtsan-
schauung entspricht denn vollständig, daß am Schluß (p. 92) die
spekulative Philosophie heraufbeschworen wird, damit "in ihr dies
Himmelreich, das Reich der Geister und
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1*) Aufeinanderfolge der grammatischen Zeitformen
#152# Karl Marx und Friedrich Engels
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Gespenster, seine rechte Ordnung finde" - und an einer späteren
Stelle als das "vollendete Geisterreich" selbst gefaßt wird.
Warum man, wenn man die Geschichte in Hegelscher Manier auffaßt,
zuletzt zu dem in der spekulativen Philosophie vollendeten und in
Ordnung gebrachten Geisterreich als dem Ergebnis der bisherigen
Geschichte kommen mußte - dies Geheimnis konnte "Stirner" bei He-
gel selbst sehr einfach enthüllt finden. Um zu diesem Resultat zu
kommen, "muß der Begriff des Geistes zugrunde gelegt und n u n
gezeigt werden, daß die Geschichte der Prozeß des Geistes selbst
ist". ("Gesch[ichte] der Phil[osophie]" III, p. 91) Nachdem "der
Begriff des Geistes" der Geschichte als Grundlage untergeschoben
worden ist, kann man natürlich sehr leicht "zeigen", daß er sich
überall wiederfindet, und dies dann als einen Prozeß "seine
rechte Ordnung finden" lassen.
Jetzt kann Sankt Max, nachdem er Alles "seine rechte Ordnung hat
finden" lassen, begeistert ausrufen: "Dem Geiste Freiheit erwer-
ben wollen, das ist Mongolentum" usw. (vergl. p. 17: "Den reinen
Gedanken zutage zu fördern etc., das ist Jünglingslust" etc.) und
die Heuchelei begehen, zu sagen: "E s s p r i n g t d a h e r
i n d i e A u g e n, daß das Mongolentum - die Unsinnlichkeit
und Unnatur repräsentiere" etc. - wo er hätte sagen müssen: Es
springt in die Augen, daß der Mongole nur der verkleidete Jüng-
ling ist, der als Negation der Welt der Dinge auch "Unnatur",
"Unsinnlichkeit" etc. genannt werden kann.
Wir sind jetzt wieder so weit, daß der "Jüngling" in den "Mann"
übergehen kann: "Wer aber wird den Geist in sein Nichts auflösen?
E r, der mittelst des Geistes die Natur als das Nichtige, Endli-
che, Vergängliche darstellte" (d.h. sich vorstellte - und dies
tat nach p. 16 ff. der Jüngling, später der Christ, dann der Mon-
gole, dann der mongolenhafte Kaukasier, eigentlich aber nur der
Idealismus), "er kann allein auch den Geist zu gleicher Nichtig-
keit" (nämlich in seiner Einbildung) "herabsetzen" (also der
Christ pp.? Nein, ruft "Stirner", mit einer ähnlichen Eskamotage
wie p. 19/20 beim Mann), "Ich kann es, Jeder unter Euch kann es,
der als unumschränktes Ich waltet und schafft" (in seiner Einbil-
dung), "es kann's mit Einem Worte - der E g o i s t" (p. 93) -
also der Mann, der kaukasische Kaukasier, der sonach der vollen-
dete Christ, der rechte Christ, der Heilige, d a s Heilige ist.
Ehe wir auf die weitere Namengebung eingehen, "wollen wir an die-
ser Stelle" ebenfalls "eine geschichtliche Reflexion" über den
Ursprung von Stirners "geschichtlicher Reflexion über Unser Mon-
golentum einlegen", die sich aber von der Stirnerschen dadurch
unterscheidet, daß sie allerdings "Anspruch auf Gründlichkeit und
Bewährtheit macht". Seine ganze geschichtliche Reflexion, wie die
über die "Alten", ist aus Hegel zusammengebraut.
#153# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Die Negerhaftigkeit wird darum als "das Kind" aufgefaßt, weil He-
gel, "Phil[osophie] d[er] Gesch[ichte]" p. 89, sagt:
"Afrika ist d a s K i n d e r l a n d der Geschichte." "Bei
der Bestimmung des afrikanischen" (negerhaften) "Geistes müssen
wir auf die K a t e g o r i e d e r A l l g e m e i n h e i t
ganz Verzicht leisten" p. 90 - d.h., das Kind oder der Neger hat
zwar Gedanken, aber noch nicht d e n Gedanken. "Bei den Negern
ist das Bewußtsein noch nicht zu einer festen Objektivität gekom-
men, wie z.B. G o t t, G e s e t z, worin der Mensch die
A n s c h a u u n g s e i n e s W e s e n s hätte" - "wodurch
ganz das Wissen von einem a b s o l u t e n W e s e n fehlt.
Der Neger stellt den n a t ü r l i c h e n M e n s c h e n in
seiner ganzen Unbändigkeit dar." (p. 90.) "Obgleich sie sich der
Abhängigkeit vom Natürlichen" (den Dingen, wie "Stirner" sagt)
"bewußt sein müssen, so führt dies doch nicht zum Bewußtsein ei-
nes Höheren." p. 91.
Hier finden wir sämtliche Stirnersche Bestimmungen des Kindes und
Negers wieder - Abhängigkeit von den Dingen, Unabhängigkeit von
Gedanken, speziell von "dem Gedanken", "dem Wesen", "dem absolu-
ten" (heiligen) "Wesen" pp.
Die Mongolen und speziell die Chinesen fand er bei Hegel als den
Anfang der Geschichte vor, und da diesem ebenfalls die Geschichte
eine Geistergeschichte (nur nicht so kindisch wie "Stirners")
ist, so versteht es sich von selbst, daß die Mongolen den Geist
in die Geschichte gebracht haben und die Urrepräsentanten alles
"Heiligen" sind. Speziell faßt Hegel noch p. 110 "das m o n g o-
l i s c h e Reich" (des Dalai Lama) als "das g e i s t-
l i c h e", das "Reich der theokratischen Herrschaft", ein "gei-
stiges, religiöses Reich" - gegenüber dem chinesischen weltlichen
Reich. "Stirner" muß natürlich China mit den Mongolen identi-
fizieren, p. 140 kommt bei Hegel sogar "d a s m o n g o-
l i s c h e P r i n z i p" vor, woraus "Stirner" das "Mon-
golen t u m" macht. Wenn er übrigens einmal die Mongolen auf die
Kategorie "der Idealismus" reduzieren wollte, so konnte er in der
Dalai-Lama-Wirtschaft und dem Buddhismus ganz andere "geistige
Wesen" "festgestellt finden" als seine gebrechliche "Himmels-
leiter". Aber er hatte nicht einmal die Zeit, die Hegelsche
Geschichtsphilosophie ordentlich anzusehen. Die Eigenheit und
Einzigkeit des Stirnerschen Verhaltens zur Geschichte besteht
darin, daß der Egoist sich in einen "unbeholfenen" Kopisten He-
gels verwandelt.
b) Katholizismus und Protestantismus
(Vgl. die "Ökonomie des Alten Bundes")
Was wir hier Katholizismus nennen, nennt "Stirner" "das Mittelal-
ter"; da er aber das heilige, religiöse Wesen des Mittelalters,
die Religion des Mittelalters, mit dem wirklichen, profanen,
leibhaftigen Mittelalter
#154# Karl Marx und Friedrich Engels
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verwechselt (wie "in Allem"), geben wir der Sache lieber gleich
ihren richtigen Namen.
"Das Mittelalter" war "eine l a n g e Z e i t, in der man sich
mit dem Wahne begnügte" (weiter verlangte und tat man Nichts),
"die Wahrheit zu haben, ohne daß man ernstlich daran dachte, ob
man selbst wahr sein müßte, um die Wahrheit zu besitzen." - "Im
Mittelalter kasteite man" (also das ganze Mittelalter) "s i c h,
um fähig zu werden, das Heilige in sich aufzunehmen." p. 108.
Hegel bestimmt das Verhältnis zum Göttlichen in der katholischen
Kirche dahin,
"daß man sich zum Absoluten als bloß äußerlichem Ding verhalte"
(Christentum in der Form des Äußerlichseins), "Gesch[ichte] der
Philosophie]" III, p. 148 und anderwärts. Das Individuum muß al-
lerdings gereinigt werden, um die Wahrheit aufzunehmen, aber
"auch dies geschieht auf eine äußerliche Weise, durch Abkaufen,
Abfasten, Abprügeln, Abmarschieren, Pilgrimschaft". (p. 140
ibid.)
Diesen Übergang macht "Stirner" durch:
"Wie m a n f r e i l i c h a u c h sein Auge anstrengt, um
das Entfernte zu sehen, - - so kasteite man sich etc."
Weil nun bei "Stirner" das Mittelalter mit dem Katholizismus
identifiziert wird, endet es natürlich auch mit L u t h e r, p.
108. Dieser selbst wird auf folgende, schon beim Jüngling, im Ge-
spräch mit Szeliga und sonst vorgekommene Begriffsbestimmung re-
duziert:
"daß der Mensch, wenn er die W a h r h e i t auffassen wolle,
e b e n s o w a h r w e r d e n m ü s s e wie die Wahrheit
selbst. Nur wer die Wahrheit schon im Glauben hat, kann ihrer
teilhaftig werden."
Hegel sagt in bezug auf das Luthertum:
"Die W a h r h e i t des Evangeliums [...] existiert nur im
w a h r h a f t e n V e r h a l t e n zu demselben. - Das we-
sentliche Verhalten des Geistes ist nur für den Geist. - Es ist
also das V e r h a l t e n des Geistes zu diesem Inhalt, daß
der Inhalt zwar wesentlich ist, daß aber ebenso wesentlich ist,
daß der heilige und heiligende Geist sich zu ihm verhalte."
("Gesch. d. Phil." III, p. 234.) "Dies ist nun der lutherische
Glaube - sein" (nämlich des Menschen) "G l a u b e ist gefor-
dert und k a n n a l l e i n w a h r h a f t i n
B e t r a c h t k o m m e n." (l.c. p. 230.) "Luther - - be-
hauptet: daß das Göttliche nur insofern göttlich ist, als es in
dieser subjektiven Geistigkeit des G l a u b e n s genossen
wird." (l.c. p. 138.) "Die Lehre der" (katholischen) "Kirche ist
die Wahrheit als v o r h a n d e n e W a h r h e i t."
("Ph[ilosophie] der Rel[igion]" II, p. 331.)
"Stirner" fährt fort:
"Demnach geht mit Luther die Erkenntnis auf, daß die Wahrheit,
weil sie Gedanke ist, nur für den denkenden Menschen sei, und
dies heißt, daß der Mensch einen
#155# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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schlechterdings andern Standpunkt einnehmen müsse, den gläubigen"
(per appos[itionem]), "wissenschaftlichen, oder den Standpunkt
des Denkens gegenüber seinem Gegenstande, dem Gedanken." p. 110.
Außer der Wiederholung, die "Stirner" hier wieder "einlegt", ist
nur der Übergang vom Glauben zum Denken zu beachten. Diesen Über-
gang macht Hegel wie folgt:
"Dieser Geist" (nämlich der heilige und heiligende Geist) "ist
zweitens aber wesentlich auch denkender Geist. Das Denken als
solches muß sich auch darin entwickeln etc." p. 234.
"Stirner" fährt fort:
"Dieser Gedanke" ("daß Ich G e i s t bin, nur Geist")
"durchzieht die Reformationsgeschichte bis heute." p. 111.
Eine andre Geschichte als die Reformationsgeschichte existiert
für "Stirner" vom sechzehnten Jahrhundert an nicht - und auch
diese bloß in der Auffassung, in der Hegel sie darstellt.
Sankt Max hat wieder seinen Riesenglauben bewiesen. Er hat wieder
sämtliche Illusionen der deutschen spekulativen Philosophie wört-
lich für wahr genommen, ja er hat sie noch spekulativer, noch ab-
strakter gemacht. Für ihn existiert nur die Geschichte der Reli-
gion und Philosophie - und diese existiert nur durch Hegel für
ihn, der mit der Zeit zur allgemeinen Eselsbrücke, zum Konversa-
tionslexikon aller neuen deutschen Prinzipspekulanten und System-
fabnkanten geworden ist.
Katholizismus = Verhalten zur Wahrheit als Ding, Kind, Neger,
"Alter".
Protestantismus = Verhalten zur Wahrheit im Geist, Jüngling, Mon-
gole, "Neuer".
Die ganze Konstruktion war überflüssig, da dies Alles schon beim
"Geist" dagewesen war.
Wie schon in der "Ökonomie des Alten Bundes" angedeutet, kann man
nun innerhalb des Protestantismus wieder Kind und Jüngling m
neuen "Wandlungen" auftreten lassen, wie "Stirner" dies p. 112
tut, wo er die englische, empirische Philosophie als Kind in Ge-
gensatz zur deutschen, spekulativen Philosophie, dem Jüngling,
faßt. Er schreibt hier wieder H e g e l aus, der hier wie sonst
"im Buche" sehr häufig als "Man" auftritt.
"Man" - d.h. Hegel - "verwies den Baco aus dem Reiche der Philo-
sophie." "Und weiter scheint es allerdings dasjenige, was man
englische Philosophie nennt, nicht gebracht zu haben als bis zu
den Entdeckungen sogenannter offener Köpfe wie Bacon und Hume"
(p. 112)
was Hegel so ausdrückt:
#156# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
"Bacon ist in der Tat eigentlich der Anführer und Repräsentant
dessen, was in England Philosophie genannt wird und worüber die
Engländer noch durchaus nicht hinausgekommen sind." "Gesch[ichte]
d[er] Philosophie]", III, p. 254.
Was "Stirner" "offene Köpfe" nennt, nennt Hegel, l.c. p. 255,
"gebildete Weltmänner" - diese verwandelt Sankt Max einmal auch
in "die Einfalt des kindlichen Gemütes ", weil die englischen
Philosophen das K i n d repräsentieren müssen. Aus demselben
kindlichen Grunde darf "sich Baco nicht um die theologischen Fra-
gen und Kardinalpunkte bekümmert" haben, was auch seine Schriften
(speziell "De Augmentis Scientiarum", "Novum Organum" und die Es-
says) sagen mögen. Dagegen "sieht - das deutsche Denken - im Er-
kennen selbst erst das Leben" (p. 112), denn es ist der
J ü n g l i n g. Ecce iterum Crispinus! [70]
Wie Stirner den Cartesius in einen deutschen Philosophen verwan-
delt, kann man "im Buche" p. 112 selbst nachsehen.
D) Die Hierarchie
Jacques le bonhomme faßt in der bisherigen Darstellung die Ge-
schichte nur als das Produkt abstrakter Gedanken - oder vielmehr
seiner Vorstellungen von den abstrakten Gedanken -, als be-
herrscht von diesen Vorstellungen, die sich alle in letzter In-
stanz in "das Heilige" auflösen. Diese Herrschaft des "Heiligen",
des Gedankens, der Hegelschen absoluten Idee über die empirische
Welt stellt er nun als gegenwärtiges historisches Verhältnis dar,
als Herrschaft d e r Heiligen, Ideologen über die profane Welt
- als H i e r a r c h i e. In dieser Hierarchie haben wir das,
was früher n a c h einander erschien, n e b e n einander, so
daß eine der beiden koexistierenden Entwicklungsformen über die
andre herrscht. So herrscht also der Jüngling über das Kind, der
Mongole über den Neger, der Neue über den Alten, der aufopfernde
Egoist (citoyen) über den Egoisten im gewöhnlichen Verstande
(bourgeois) etc. - siehe die "Ökonomie des Alten Bundes". Die
"Vernichtung" der "Welt der Dinge" durch die "Welt des Geistes"
tritt hier als "Herrschaft" der "Welt der Gedanken" über die
"Welt der Dinge" auf. Es muß natürlich dahin kommen, daß die
Herrschaft, die die "Welt der Gedanken" von Anfang an in der Ge-
schichte führt, am Ende derselben auch als wirkliche, faktisch
existierende Herrschaft der Denkenden - und wie wir sehen werden,
in letzter Instanz der spekulativen Philosophen - über die Welt
der Dinge dargestellt wird, so daß Sankt Max dann nur noch gegen
Gedanken und Vorstellungen der Ideologen zu kämpfen und sie zu
überwinden hat, um sich zum "Eigner der Welt der Dinge und der
Welt der Gedanken" zu machen.
#157# Deutsche Ideologie · Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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"H i e r a r c h i e i s t G e d a n k e n h e r r s c h a f t,
Herrschaft des Geistes. Hierarchisch sind wir bis auf diesen Tag,
unterdrückt von denen, die sich auf Gedanken stützen, und Gedan-
ken sind" - wer hat das nicht längst gemerkt - "d a s
H e i l i g e." (p. 97.) (Stirner hat sich vor dem Vorwurf, als
mache er in seinem ganzen Buch nur "Gedanken", d.h. "das Hei-
lige", dadurch zu bewahren gesucht, daß er darin wirklich nir-
gendwo Gedanken macht. Allerdings schreibt er sich bei Wigand
"Virtuosität im Denken", d.h. nach ihm in der Fabrikation "des
Heiligen" zu - und das letztere wird ihm konzediert.) -
"Hierarchie ist O b e r h e r r l i c h k e i t d e s G e i-
s t e s." p. 467. - "Jene m i t t e l a l t r i g e Hierarchie
war nur eine schwächliche Hierarchie gewesen, da sie alle
mögliche Barbarei des Profanen unbezwungen neben sich hergehen
lassen mußte" ("woher nur Stirner das alles weiß, was die
Hierarchie mußte", wird sich gleich finden), "und erst die Refor-
mation stählte die Kraft der Hierarchie." p. 110. "Stirner" meint
nämlich, "die Geisterherrschaft sei nie zuvor so umfassend und
allmächtig gewesen" als nach der Reformation; er meint, daß diese
Geisterherrschaft, "statt das religiöse Prinzip von Kunst, Staat
und Wissenschaft loszureißen, vielmehr diese ganz aus der Wirk-
lichkeit in das Reich des Geistes erhob und religiös machte".
In dieser Auffassung der neueren Geschichte ist nur wieder die
alte Illusion der spekulativen Philosophie über die Herrschaft
des Geistes in der Geschichte breitgetreten. Ja, diese Stelle
zeigt sogar, wie der gläubige Jacques le bonhomme fortwährend die
ihm von Hege! überkommene, für ihn traditionell gewordene Weltan-
schauung für die W i r k l i c h e W e l t auf Treu und Glau-
ben annimmt und nun von diesem Boden aus "machiniert". Was an
dieser Stelle "eigen" und "einzig" erscheinen könnte, ist die
Auffassung dieser Geistesherrschaft als H i e r a r c h i e -
und hier wollen wir wiederum eine kurze "geschichtliche Refle-
xion" über den Ursprung der Stirnerschen "Hierarchie" "einlegen".
Hegel spricht sich in folgenden "Wandlungen" über die Philosophie
der Hierarchie aus:
"Wir haben bei Plato in seiner Republik die Idee gesehen, daß die
Philosophen regieren sollen; jetzt" (im katholischen Mittelalter)
"ist die Zeit, wo es ausgesprochen wird, daß d a s
G e i s t i g e h e r r s c h e n s o l l e; aber das Geistige
hat den Sinn erhalten, daß das G e i s t l i c h e, die
G e i s t l i c h e n herrschen sollen. Das Geistige ist so zur
besondern Gestalt, zum Individuum gemacht." ("Gesch[ichte] d[er]
Philipsophie]" III, p. 132.) - "Die Wirklichkeit, das Irdische,
ist damit g o t t v e r l a s s e n - einzelne wenige Indivi-
duen sind h e i l i g, die Andern u n h e i l i g." (l.c. p.
136.) Die "Gottverlassenheit" wird näher so bestimmt: "Alle diese
Formen" (Familie, Arbeit, Staatsleben etc.) "gelten als nichtige,
u n h e i l i g e." ("Philosophie] d[er] Rel[igion]" II, p. 343.)
- "Es ist eine Vereinigung mit der Weltlichkeit, die unversöhnt
ist, die W e l t l i c h k e i t r o h i n s i c h" (wofür
Hegel sonst auch das Wort Barbarei braucht, vergl. z. B. "Gesch.
d. Phil." III, p. 136), "und die als roh in sich nur
b e h e r r s c h t wird." ("Phil. d. Rel." II, p. 342, 343.) -
"Diese Herrschaft" (die Hierarchie der katholischen Kirche) "ist
also, obgleich sie Herrschaft des
#158# Karl Marx und Friedrich Engels
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Geistigen sein soll, eine Herrschaft der Leidenschaft."("Gesch.
d. Phil." III, p. 134.) - "Die w a h r h a f t e
H e r r s c h a f t d e s G e i s t e s kann aber nicht Herr-
schaft des Geistes in dem Sinne sein, daß das Gegenüberstehende
ein Unterworfenes ist." (l.c. p. 131.) "Der rechte Sinn ist, daß
d a s G e i s t i g e a l s s o l c h e s" (nach "Stirner"
"das Heilige") "das B e s t i m m e n d e sein soll, w a s
b i s a u f u n s e r e Z e i t e n g e g a n g e n i s t:
S o sehen wir in der f r a n z ö s i s c h e n R e v o l u-
t i o n" (was "Stirner" Hegel nachsieht), "daß d e r a b-
s t r a k t e G e d a n k e h e r r s c h e n s o l l; nach
ihm sollen Staatsverfassungen und Gesetze bestimmt werden, er
soll das Band unter den Menschen ausmachen, und das Bewußtsein
der Menschen soll sein, daß d a s, w a s u n t e r i h n e n
g i l t, a b s t r a k t e G e d a n k e n s i n d, Freiheit
und Gleichheit etc." ("Gesch. d. Phil." III, p. 132.) Die wahre
Herrschaft des Geistes im Gegensatz zu ihrer unvollkommenen Form
in der katholischen Hierarchie, wie sie durch den Protestantismus
herbeigeführt wird, wird weiter dahin bestimmt, daß "das
W e l t l i c h e i n s i c h v e r g e i s t i g t wird".
("Gesch. d. Phil." III, p. 185.) "Daß das Göttliche sich im Felde
der Wirklichkeit realisiert" (also die katholische Gott-
verlassenheit der Wirklichkeit aufhört - "Phil. d. Rel." II, p.
343); daß der "Widerspruch" zwischen Heiligkeit und Weltlichkeit
"sich auflöst in der S i t t l i c h k e i t" ("Phil. d. Rel."
II, p. 343); daß "d i e I n s t i t u t i o n e n d e r
S i t t l i c h k e i t" (Ehe, Familie, Staat, Selbsterwerb
etc.) "g ö t t l i c h e, h e i l i g e" sind. ("Phil. d.
Rel."- II, p. 344.) Diese wahre Herrschaft des Geistes spricht
Hegel in zwei Formen aus: "S t a a t, R e g i e r u n g,
R e c h t, E i g e n t u m, b ü r g e r l i c h e O r d-
n u n g" (und wie wir aus andern Werken von ihm wissen, auch
Kunst, Wissenschaft etc.), "alles dies ist d a s R e l i-
g i ö s e - - herausgetreten in die Form der Endlichkeit."
("Gesch. d. Ph." III, p. 185.) Und diese Herrschaft des
Religiösen, Geistigen etc. wird endlich ausgesprochen als die
Herrschaft der Philosophie: "Das Bewußtsein des Geistigen ist
jetzt" (im achtzehnten Jahrhundert) "wesentlich das Fundament,
und d i e H e r r s c h a f t i s t d a d u r c h d e r
P h i l o s o p h i e g e w o r d e n." ("Phil. d. Gesch." p.
440.)
Hegel schiebt also der katholischen Hierarchie des Mittelalters
die Absicht unter, als hätte sie "die Herrschaft des Geistes
sein" wollen, und faßt sie demnächst als eine beschränkte, un-
vollkommene Form dieser Geistesherrschaft, deren Vollendung er im
Protestantismus und dessen angeblicher Ausbildung sieht. So unhi-
storisch dies ist, so ist er doch noch historisch genug, um den
N a m e n der Hierarchie nicht über das Mittelalter hinaus aus-
zudehnen. Sankt Max weiß aber aus ebendemselben Hegel, daß die
spätere Epoche die "Wahrheit" der früheren ist, also die Epoche
der vollkommenen Herrschaft des Geistes die Wahrheit der Epoche,
in welcher der Geist nur noch unvollkommen herrschte, daß also
der Protestantismus die Wahrheit der Hierarchie, also die
w a h r e H i e r a r c h i e ist. Da aber nur die w a h r e
Hierarchie den Namen der Hierarchie verdient, so ist es klar, daß
die Hierarchie des Mittelalters eine "schwächliche" sein mußte,
was ihm um so leichter zu beweisen wird, als in den obigen und
hundert andern Hegelschen Stellen die Unvollkommenheit der Gei-
stesherrschaft im Mittelalter dargestellt war, was er nur abzu-
schreiben brauchte und wobei seine ganze "e i g n e" Tätigkeit
darin bestand, das Wort
#159# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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"Geistesherrschaft" durch "Hierarchie" zu ersetzen. Die einfache
Schlußfolge, durch welche sich ihm die Geistesherrschaft
schlechthin m die Hierarchie verwandelte, brauchte er nicht ein-
mal zu machen, nachdem es unter den deutschen Theoretikern Mode
geworden war, die Wirkung mit dem Namen der Ursache zu belegen
und Alles z.B. in die Kategorie der Theologie zurückzuwerfen, was
aus der Theologie hervorgegangen war und noch nicht ganz auf der
Höhe der Prinzipien dieser Theoretiker stand - z.B. die Hegelsche
Spekulation, den Straußischen Pantheismus pp. - ein Kunststück,
das namentlich im Jahre 1842 an der Tagesordnung war. Aus den
obigen Stellen geht ebenfalls hervor, daß Hegel 1. die französi-
sche Revolution als eine neue und vollendetere Phase dieser Gei-
stesherrschaft faßt, 2. in den Philosophen die Weltherrscher des
neunzehnten Jahrhunderts sieht, 3. behauptet, daß jetzt nur ab-
strakte Gedanken unter den Menschen gelten, 4. daß schon bei ihm
Ehe, Familie, Staat, Selbsterwerb, bürgerliche Ordnung, Eigentum
pp. als "Göttlich und Heilig", als "d a s R e l i g i ö s e"
gefaßt werden, und 5. daß die S i t t l i c h k e i t als ver-
weltlichte Heiligkeit oder geheiligte Weltlichkeit, als die
höchste und letzte Form der Herrschaft des Geistes über die Welt
dargestellt wird-Alles Dinge, die wir bei "Stirner"
w ö r t l i c h wiederfinden.
Hiernach wäre in Beziehung auf die Stirnersche Hierarchie gar
nichts mehr zu sagen und nachzuweisen, als warum Sankt Max Hegel
abgeschrieben hat - ein Faktum, zu dessen Erklärung aber wieder
materielle Fakta notwendig sind und das deshalb nur für diejeni-
gen erklärlich ist, die die Berliner Luft kennen. Eine andre
Frage ist, wie die Hegelsche Vorstellung von der Herrschaft des
Geistes zustande kommt, und hierüber siehe oben.
Die Adoption der Hegelschen Weltherrschaft der Philosophen und
ihre Verwandlung in eine Hierarchie durch Sankt Max kommt vermit-
telst der gänzlich unkritischen Leichtgläubigkeit unsres Heiligen
und durch eine "heilige" oder heillose Unwissenheit zustande, die
sich damit begnügt, die Geschichte zu "durchschauen" (d.h. die
Hegelschen geschichtlichen Sachen d u r c h zuschauen), ohne
von ihr viele "Dinge" zu "wissen". Überhaupt müßte er ja fürch-
ten, sobald er "lernte" - sich nicht mehr "abschaffend und
auflösend" (p. 96) zu verhalten, also in der "Geschäftigkeit des
Ungeziefers" steckenzubleiben - Grund genug, um nicht zur
"Abschaffung und Auflösung" seiner eignen Unwissenheit "weiter-
zugehen".
Macht man, wie Hegel, eine solche Konstruktion zum ersten Male
für die ganze Geschichte und die gegenwärtige Welt in ihrem gan-
zen Umfange, so ist dies nicht möglich ohne umfassende positive
Kenntnisse, ohne wenigstens stellenweise auf die empirische Ge-
schichte einzugehen, ohne große Energie
#160# Karl Marx und Friedrich Engels
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und Tiefblick. Begnügt man sich dagegen, eine vorhandene überlie-
ferte Konstruktion zu seinen eignen Zwecken zu exploitieren und
umzuwandeln und diese "eigene" Auffassung an einzelnen Exempeln
(z.B. Negern und Mongolen, Katholiken und Protestanten, der fran-
zösischen Revolution pp.) nachzuweisen - und dies tut unser Eife-
rer wider das Heilige - so ist dazu durchaus keine Kenntnis der
Geschichte nötig. Das Resultat dieser ganzen Exploitation wird
notwendig komisch; am komischsten, wenn aus der Vergangenheit in
die unmittelbarste Gegenwart hinübergesprungen wird, wie wir da-
von beim "Sparren" schon Exempel fanden.
Was nun die wirkliche Hierarchie des Mittelalters betrifft, so
bemerken wir hier bloß, daß diese für das Volk, für die große
Masse der Menschen nicht existierte. Für die große Masse exi-
stierte nur die Feudalität, und die Hierarchie nur, insofern sie
selbst entweder Feudalität oder antifeudal (innerhalb der Feuda-
lität) ist. Die Feudalität selbst hat ganz empirische Verhält-
nisse zu ihrer Grundlage. Die Hierarchie und ihre Kämpfe mit der
Feudalität (die Kämpfe der Ideologen einer Klasse gegen die
Klasse selbst) sind nur der ideologische Ausdruck der Feudalität
und der innerhalb der Feudalität selbst sich entwickelnden
Kämpfe, wozu auch die Kämpfe der feudalistisch organisierten Na-
tionen unter sich gehören. Die Hierarchie ist die ideale Form der
Feudalität; die Feudalität - die politische Form der mittelaltri-
gen Produktions- und Verkehrs Verhältnisse. Aus der Darstellung
dieser praktischen, materiellen Verhältnisse ist also allem der
Kampf der Feudalität gegen die Hierarchie zu erklären; mit dieser
Darstellung hört von selbst die bisherige Geschichtsauffassung
auf, die die Illusionen des Mittelalters auf Treu und Glauben an-
nahm, namentlich die Illusionen, die Kaiser und Papst in ihrem
Kampfe gegeneinander geltend machen.
Da Sankt Max nur Hegels Abstraktionen über Mittelalter und Hier-
archie auf "pomphafte Worte und armselige Gedanken" reduziert,
ist keine Veranlassung gegeben, auf die wirkliche, geschichtliche
Hierarchie weiter einzugehen.
Aus dem Obigen geht schon hervor, daß man das Kunststück auch um-
drehen und den Katholizismus nicht nur als Vorstufe, sondern auch
als Verneinung der wahren Hierarchie fassen kann; so ist also Ka-
tholizismus = Negation des Geistes, Ungeist, Sinnlichkeit, und
hierbei kommt dann der große Satz unsres Jacques le bonhomme her-
aus, daß die J e s u i t e n "Uns vor dem V e r k o m m e n
und U n t e r g a n g der Sinnlichkeit gerettet haben", (p.
118.) Was aus "Uns" geworden wäre, wenn der "Untergang" der Sinn-
lichkeit zustande gekommen, erfahren wir nicht. Die ganz[e] mate-
rielle Bewegung seit dem sechzehnten Jahrhundert, die "Uns" nicht
vor dem "Verkommen" der Sinnlichkeit
#161# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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rettete, sondern im Gegenteil die "Sinnlichkeit" viel weiter aus-
bildete, existiert für "Stirner" nicht - es sind die Jesuiten,
die alles das zustande gebracht haben. Man vergleiche übrigens
Hegels "Philosophie] d[er] Gesch[ichte]", p. 425.
Indem Sankt Max die alte Pfaffenherrschaft m die neuere Zeit
überträgt, hat er damit die neuere Zeit als "d a s
P f a f f e n t u m" aufgefaßt; und indem er diese in die neuere
Zeit übertragene Pfaffenherrschaft wieder in ihrem Unterschiede
von der alten mittelalterlichen Pfaffenherrschaft faßt, stellt er
sie als Herrschaft der Ideologen, als "d a s S c h u l-
m e i s t e r t u m" dar. So ist also Pfaffentum - Hierarchie
als Geistesherrschaft, Schulmeistertum = Geistesherrschaft als
Hierarchie.
Diesen einfachen Übergang auf das Pfaffentum, der gar kein Über-
gang ist, bringt "Stirner" in drei schweren Wandlungen fertig.
Zum ersten "hat" er den "Begriff des Pfaffentums" in Jedem, "der
für eine große Idee, eine gute Sache" (noch immer die gute Sa-
che!), "eine Lehre pp. lebt".
Zum Zweiten "stößt" Stirner in seiner Welt des Wahns auf "den ur-
alten Wahn der Welt, die des Pfaffentums noch nicht entraten ge-
lernt hat", nämlich "für eine I d e e zu leben und zu schaffen
pp.".
Zum Dritten "ist dies die Herrschaft der Idee oder das Pfaffen-
tum", nämlich "Robespierre z.B." (zum Beispiel!), "St.-Just usw."
(und so weiter!) "waren durch und durch Pfaffen" pp. Alle drei
Wandlungen, in denen das Pfaffentum "entdeckt", "aufgestoßen" und
"berufen" wird (alle p. 100), drücken also weiter Nichts aus als
was Sankt Max uns bereits früher schon wiederholt gesagt hat,
nämlich die Herrschaft des Geistes, der Idee, des Heiligen über
das "Leben" (ibid.).
Nachdem so der Geschichte die "Herrschaft der Idee oder das Pfaf-
fentum" einmal untergeschoben ist, kann Sankt Max natürlich ohne
Schwierigkeit in der ganzen bisherigen Geschichte "das Pfaffen-
tum" wiederfinden, und so "Robespierre z. B., St.-Just usw." als
Pfaffen darstellen und mit Innozenz III. und Gregor VII. identi-
fizieren, wo somit alle Einzigkeit vor d e m Einzigen ver-
schwindet. Sie sind ja Alle eigentlich nur verschiedene
N a m e n, verschiedene Verkleidungen e i n e r Person,
"d e s" Pfaffentums, das die ganze Geschichte vom Anfang des
Christentums an gemacht hat. Wie man in dieser Art der Ge-
schichtsauffassung "alle Kühe grau macht", indem man alle histo-
rischen Unterschiede "aufhebt" und in "den Begriff des Pfaffen-
tums" "auflöst", davon gibt uns der heilige Max sogleich ein
schlagendes Beispiel an "Robespierre z. B., St.-Just usw.". Hier
wird uns zuerst Robespierre als "Beispiel" von Samt-Just und
Samt-Just als "undsoweiter" von Robespierre
#162# Karl Marx und Friedrich Engels
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angeführt. Sodann heißt es: "Diesen Vertretern heiliger Interes-
sen steht eine Welt zahlloser 'persönlicher', profaner Interessen
gegenüber." Wer stand ihnen gegenüber? Die Girondins und Thermi-
doriens [71], die ihnen, den wirklichen Repräsentanten der
revolutionären Force - d.h. der n u r wirklich revolutionären
Klasse, der "zahllosen" Masse - gegenüber beständig (siehe
"Mémoires" de R. Levasseur "z.B.", "usw.", "d.h." Nougaret,
"Hist[oire] des prisons" - Barère - "Deux amis de la liberté"
[72] (et du commerce) 1*) - Montgaillard, "Hist[oire] de France"
- Mme Roland, "Appel à la postérité" [73] - "Mémoires" de J.B.
Louvet - und selbst die ekelhaften "Essais historiques" par
Beaulieu ppp., sowie sämtliche Verhandlungen vor dem Revolu-
tionstribunal "usw.") die Verletzung der "heiligen Interessen",
der Konstitution, Freiheit, Gleichheit, Menschenrechte, Republi-
kanismus, Recht, sainte propriété 2*), "z.B." Teilung der
Gewalten, Menschlichkeit, Sittlichkeit, Mäßigung "usw." vor-
warfen. Ihnen standen gegenüber alle P f a f f e n, die sie der
Verletzung sämtlicher Haupt- und Nebenstücke des religiösen und
moralischen Katechismus anklagten (siehe "z.B." "Histoire du
clergé de France pendant la révolution" par M.R., Paris, libraire
catholique 1828 "usw."). Die historische Glosse des Bürgers, daß
während des règne de la terreur 3*) "Robespierre z.B., St.-Just
usw." den honnetês gens 4*) (siehe die unzähligen Schriften des
einfältigen Herrn P e l t i e r "z.B.", "(Konspiration de
Robespierre" par M o n t j o i e "usw." [74]) die Köpfe
abschlugen, drückt der heilige Max in folgender Wandlung aus:
"Weil die revolutionären Pfaffen oder Schulmeister d e m
Menschen dienten, darum schnitten sie d e n Menschen die Hälse
ab." Hiermit ist Sankt Max natürlich der Mühe überhoben, über die
wirklichen, empirischen, auf höchst profanen Interessen, freilich
nicht der Agioteurs, sondern der "zahllosen" Masse basierten
Gründe des Kopfabschlagens auch nur ein "einziges" Wörtlein zu
verlieren. Ein früherer "Pfaffe", S p i n o z a, hatte bereits
im siebzehnten Jahrhundert die Unverschämtheit, "ein
Zuchtmeister" auf Sankt Max zu sein, indem er sagte: "Die
Ignoranz ist kein Argument." [75] Dafür haßt der heilige Max auch
den Pfaffen Spinoza so sehr, daß er seinen Antipfaffen, den
Pfaffen L e i b n i z, akzeptiert und für alle dergleichen
wundersame Phänomene, wie der Terrorismus "z.B.", das
Kopfabschlagen "usw.", einen "zureichenden Grund" produziert,
nämlich, daß "die geistlichen Menschen sich so etwas in den Kopf
gesetzt haben", (p. 98.)
Der selige Max, der für Alles den zureichenden Grund gefunden hat
(" Ich habe nun den Grund gefunden, an dem Mein Anker ewig hält"
[76], wo anders
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1*) (und des Handels) - 2*) heiliges Eigentum - 3*) Schreckens-
herrschaft - 4*) anständigen Leuten
#163# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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als in der Idee "z.B.", dem "Pfaffentum" "usw." von "Robespierre
z.B., Saint-Just usw.", George Sand, Proudhon, die Berliner keu-
sche Nähterin pp.), "verdenkt es der Bürgerklasse nicht, daß sie
bei ihrem Egoismus anfragte, wie weit sie d e r revolutionären
Idee Raum geben dürfe". Für Sankt Max ist "die revolutionäre
Idee" der habits bleus und honnetês gens von 1789 dieselbe "Idee"
wie die der sansculottes [77] von 1793, d i e s e l b e Idee,
worüber beraten wird, ob ihr "Raum zu geben" sei - worüber keiner
"Idee" weiter "Raum gegeben" werden kann.
Wir kommen jetzt auf die gegenwärtige Hierarchie, die Herrschaft
der Idee im gewöhnlichen Leben. Der ganze zweite Teil "des Buchs"
wird von dem Kampfe gegen diese "Hierarchie" ausgefüllt. Wir ge-
hen also erst in diesem zweiten Teil auf sie ein. Da indes Sankt
Max gerade wie beim "Sparren" schon hier seine Ideen vorläufig
genießt und im Anfange das Spätere wiederholt, wie im Späteren
den Anfang, sind wir gezwungen, schon jetzt einige Exempel seiner
Hierarchie zu konstatieren. Seine Methode des Buch-machens ist
der einzige "Egoismus", der sich im ganzen Buche vorfindet. Sein
Selbstgenuß und der Genuß des Lesers stehen in umgekehrtem Ver-
hältnis.
Weil die Bürger Liebe zu i h r e m Reich, ihrem Regime verlan-
gen, wollen sie nach Jacques le bonhomme ein "Reich der Liebe auf
Erden gründen" (p. 98). Weil sie Respekt vor ihrer Herrschaft und
den Verhältnissen ihrer Herrschaft fordern, also die Herrschaft
über den Respekt usurpieren wollen, verlangen sie nach demselben
Biedermann die Herrschaft d e s Respekts schlechthin, verhalten
sie sich zum Respekt als zum heiligen Geist, der in ihnen lebt
(p. 95). Die verdrehte Form," worin die scheinheilige und heuch-
lerische Ideologie der Bourgeois ihre aparten Interessen als all-
gemeine Interessen ausspricht, wird von dem Berge versetzenden
Glauben unsres Jacques le bonhomme als wirkliche, profane Grund-
lage der bürgerlichen Welt akzeptiert. Warum diese ideologische
Täuschung bei unserm Heiligen gerade diese Form annimmt, werden
wir beim "politischen Liberalismus" sehen.
Ein neues Beispiel gibt uns Sankt Max p. 115 in der Familie. Er
erklärt, man könne sich zwar sehr leicht von der Herrschaft sei-
ner eigenen Familie emanzipieren, aber "der aufgekündigte Gehor-
sam fährt Einem leicht ins Gewissen", und so hält man die Famili-
enliebe, den Familienbegriff fest; man hat also den "heiligen Fa-
milienbegriff", "das Heilige" (p. 116).
Der gute Junge sieht hier wieder die Herrschaft des Heiligen, wo
ganz empirische Verhältnisse herrschen. Der Bourgeois verhält
sich zu den Institutionen seines Regimes wie der Jude zum Gesetz;
er umgeht sie, sooft es tunlich ist, in jedem einzelnen Fall,
aber er will, daß alle Andern sie halten
#164# Karl Marx und Friedrich Engels
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sollen. Wenn sämtliche Bourgeois in Masse und auf Einmal die In-
stitutionen der Bourgeoisie umgingen, so würden sie aufhören,
Bourgeois zu sein - ein Verhalten, das ihnen natürlich nicht ein-
fällt und keineswegs von ihrem Wollen oder Laufen abhängt. Der
liederliche Bourgeois umgeht die Ehe und begeht heimlichen Ehe-
bruch; der Kaufmann umgeht die Institution des Eigentums, indem
er Andre durch Spekulation, Bankerott pp. um ihr Eigentum bringt
- der junge Bourgeois macht sich von seiner eignen Familie unab-
hängig, wenn er kann, löst für sich die Familie praktisch auf;
aber die Ehe, das Eigentum, die Familie bleiben theoretisch unan-
getastet, weil sie praktisch die Grundlagen sind, auf denen die
Bourgeoisie ihre Herrschaft errichtet hat, weil sie in ihrer
Bourgeoisform die Bedingungen sind, die den Bourgeois zum Bour-
geois machen, gerade wie das stets umgangene Gesetz den religiö-
sen Juden zum religiösen Juden macht. Dieses Verhältnis des Bour-
geois zu seinen Existenzbedingungen erhält eine seiner allgemei-
nen Formen in der bürgerlichen Moralität. Es ist überhaupt nicht
von "d e r" Familie zu sprechen. Die Bourgeoisie gibt histo-
risch der Familie den Charakter der bürgerlichen Familie, worin
die Langweile und das Geld das Bindende ist und zu welcher auch
die bürgerliche Auflösung der Familie gehört, bei der die Familie
selbst stets fortexistiert. Ihrer schmutzigen Existenz entspricht
der heilige Begriff in offiziellen Redensarten und in der allge-
meinen Heuchelei. Wo die Familie w i r k l i c h aufgelöst ist,
wie im Proletariat, findet grade das Gegenteil von dem statt, was
"Stirner" meint. Dort existiert der Familienbegriff durchaus
nicht, während stellenweise allerdings Familienzuneigung, ge-
stützt auf höchst reale Verhältnisse, gefunden wird. Im achtzehn-
ten Jahrhundert wurde der Familienbegriff von den Philosophen
aufgelöst, weil die wirkliche Familie auf den höchsten Spitzen
der Zivilisation bereits in der Auflösung begriffen war. Aufge-
löst war das innere Band der Familie, die einzelnen Teile, aus
denen der Familienbegriff komponiert ist, z. B. Gehorsam, Pietät,
eheliche Treue pp.; aber der wirkliche Körper der Familie, Vermö-
gensverhältnis, ausschließliches Verhältnis gegen andre Familien,
gezwungenes Zusammenleben, die Verhältnisse, die schon durch die
Existenz der Kinder, den Bau der jetzigen Städte, Bildung des Ka-
pitals pp. gegeben waren, blieben, wenn auch vielfach gestört,
weil das Dasein der Familie durch ihren Zusammenhang mit der vom
Willen der bürgerlichen Gesellschaft unabhängigen Produktions-
weise nötig gemacht ist. Am frappantesten zeigt sich diese Unent-
behrlichkeit in der französischen Revolution, wo die Familie für
einen Augenblick gesetzlich so gut als aufgehoben war. Die Fami-
lie existiert sogar im neunzehnten Jahrhundert noch fort, nur daß
die Tätigkeit der Auflösung nicht des Begriffs wegen, sondern we-
gen entwickelterer Industrie und Konkurrenz allgemeiner geworden
ist;
#165# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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sie existiert noch immer, trotzdem daß ihre Auflösung längst von
französischen und englischen Sozialisten proklamiert und vermit-
telst französischer Romane endlich auch zu den deutschen Kirchen-
vätern gedrungen ist.
Noch ein Beispiel von der Herrschaft der Idee im gewöhnlichen Le-
ben. Weil die Schulmeister über ihren geringen Sold mit der Hei-
ligkeit der Sache, der sie dienen, vertröstet werden mögen (was
bloß in Deutschland vorfallen kann), glaubt Jacques le bonhomme
wirklich, diese Redensart sei die Ursache ihrer niedrigen Besol-
dung (p. 100). Er glaubt, daß "das Heilige" in der heutigen bür-
gerlichen Welt einen wirklichen Geldwert habe, er glaubt, daß die
dürftigen Ressourcen des preußischen Staats, worüber u.a. Brow-
ning zu vergleichen [78], sich durch die Abschaffung "des Heili-
gen" so sehr vergrößern würden, daß jeder Dorf Schulmeister
plötzlich wie ein Minister salariert werden könnte.
Dies ist die Hierarchie des Unsinns.
Der "Schlußstein des erhabnen Domwerkes", wie der große Michelet
sagt [79], der Hierarchie ist "mitunter" die Tat von "Man".
"M a n teilt m i t u n t e r die Menschen in zwei Klassen, in
Gebildete und Ungebildete." (Man teilt mitunter die Affen in zwei
Klassen, in Geschwänzte und Ungeschwänzte.) "Die Ersteren be-
schäftigten sich, soweit sie ihres Namens würdig waren, mit Ge-
danken, mit dem Geiste." Sie "waren in der nachchristlichen Zeit
die Herrschenden und forderten für ihre Gedanken - - Respekt".
Die Ungebildeten (Tier, Kind, Neger) sind "schwach" gegen die Ge-
danken und "werden von ihnen beherrscht. Dies ist der Sinn der
Hierarchie."
Die Jebildeten (Jüngling, Mongole, Neuer) sind also wieder nur
mit "d e m Geist", dem reinen Gedanken pp. beschäftigt, Meta-
physiker von Profession, in letzter Instanz Hegelianer. "Daher"
sind die Unjebildeten die Nichthegelianer. Hegel war ohne Zweifel
der allerjebildetste Hegelianer, und darum muß auch bei ihm "an
den Tag kommen, welche Sehnsucht gerade der Gebildetste nach den
Dingen hat". Nämlich der Jebildete und Unjebildete stoßen auch
ineinander aneinander, und zwar in jedem Menschen stößt der Unje-
bildete auf den Jebildeten. Da nun bei Hegel die größte Sehnsucht
nach den Dingen, also nach dem, was des Unjebildeten ist, an den
Tag kommt, so kommt hier ebenfalls an den Tag, daß der Allerje-
bildetste zugleich der Unjebildetste ist. "Da" (bei Hegel) "soll
dem Gedanken ganz und gar die Wirklichkeit entsprechen und kein
Begriff ohne Realität sein." Soll heißen: Da soll denn ganz und
gar die gewöhnliche Vorstellung von der Wirklichkeit ihren philo-
sophischen Ausdruck erhalten, wobei Hegel sich nun umgekehrt ein-
bildet, daß "mithin" jeder philosophische Ausdruck sich die ihm
entsprechende Wirklichkeit erschaffe. Jacques le bonhomme nimmt
die Illusion, die
#166# Karl Marx und Friedrich Engels
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Hegel von seiner Philosophie hat, für die bare Münze der Hegel-
schen Philosophie.
Die Hegelsche Philosophie, die in der Herrschaft der Hegelianer
über die Nichthegelianer als Krone der Hierarchie auftritt, ero-
bert nun das letzte Weltreich.
"Hegels System - war die höchste D e s p o t i e und A l-
l e i n h e r r s c h a f t des Denkens, die A l l g e w a l t
und A l l m a c h t des Geistes." (p. 97.)
Hier geraten wir also in das Geisterreich der Hegelschen Philoso-
phie, das von Berlin bis Halle und Tübingen geht, das Geister-
reich, dessen Geschichte Herr Bayrhoffer geschrieben [80] und
wozu die statistischen Notizen von dem großen Michelet
zusammengetragen sind.
Die Vorbereitung zu diesem Geisterreich war die französische Re-
volution, die "n i c h t s a n d e r s getan hat als d i e
D i n g e in V o r s t e l l u n g e n v o n d e n D i n-
g e n verwandelt" (p. 115 - vergl. oben Hegel über die Re-
volution p. [158]). "S o blieb man Staatsbürger" (dies geht
zwar bei "Stirner" vorher, aber "was Stirner sagt, ist nicht das
Gemeinte, und was er meint, ist unsagbar", Wig[and,] p. 149) und
"lebte in der R e f l e x i o n, man hatte einen Gegenstand,
auf den man r e f l e k t i e r t e, vor dem man" (per ap-
pos[itionem]) "Ehrfurcht und Furcht empfand". "Stirner" sagt ein-
mal p. 98: "Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepfla-
stert." Wir sagen dagegen: Der Weg zum Einzigen ist mit schlech-
ten Nachsätzen gepflastert, mit Appositionen, die seine den Chi-
nesen abgeborgte "Himmelsleiter" und sein "Seil des Objektiven"
(p. 88) sind, auf dem er seine "Flohsprünge" macht. Hiernach war
es für "die neuere Philosophie o d e r Zeit" - seit dem Herein-
brechen des Geisterreiches i s t ja die neuere Zeit Nichts An-
dres als die neuere Philosophie - ein Leichtes, "die existieren-
den Objekte in vorgestellte, d.h. in Begriffe zu verwandeln", p.
114, eine Arbeit, die Sankt Max weiter fortsetzt.
Wir haben unsren Ritter von der traurigen Gestalt bereits, "ehe
denn die Berge waren", die er nachher durch seinen Glauben ver-
setzte, bereits im Anfange seines Buches auf das große Resultat
seines "erhabenen Domwerkes" mit verhängtem Zügel lostraben se-
hen. Sein "Grauer", die Apposition, konnte ihm nicht rasch genug
springen; jetzt endlich, auf p. 114, hat er sein Ziel erreicht
und durch ein mächtiges Oder die n e u e r e Z e i t in die
n e u e r e P h i l o s o p h i e verwandelt.
Hiermit hat die alte (d. h. die alte und neue, negerhafte und
mongolische, eigentlich aber nur die vorstirnersche) Zeit, "ihr
letztes Absehen erreicht". Wir können jetzt enthüllen, weshalb
Sankt Max seinen ganzen ersten Teil "Der M e n s c h" betitelt
und seine ganze Zauber-, Gespenster- und Rittergeschichte
#167# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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für die Geschichte "d e s Menschen" ausgegeben hat. Die Ideen
und Gedanken der Menschen waren natürlich Ideen und Gedanken über
sich und ihre Verhältnisse, ihr Bewußtsein von s i c h, von
d e n Menschen, denn es war ein Bewußtsein nicht nur der einzel-
nen Person, sondern der einzelnen Person im Zusammenhange mit der
ganzen Gesellschaft und von der ganzen Gesellschaft, in der sie
lebten. Die von ihnen unabhängigen Bedingungen, innerhalb deren
sie ihr Leben produzierten, die damit zusammenhängenden notwendi-
gen Verkehrsformen, die damit gegebenen persönlichen und sozialen
Verhältnisse, mußten, soweit sie in Gedanken ausgedrückt wurden,
die Form von idealen Bedingungen und notwendigen Verhältnissen
annehmen, d. h. als aus dem Begriff d e s Menschen, dem men-
schlichen Wesen, der Natur des Menschen, d e m Menschen hervor-
gehende Bestimmungen ihren Ausdruck im Bewußtsein erhalten. Was
die Menschen waren, was ihre Verhältnisse waren, erschien im Be-
wußtsein als Vorstellung von d e m Menschen, von seinen Da-
seinsweisen oder von seinen näheren Begriffsbestimmungen. Nachdem
die Ideologen nun vorausgesetzt hatten, daß die Ideen und Gedan-
ken die bisherige Geschichte beherrschten, daß ihre Geschichte
alle bisherige Geschichte sei, nachdem sie sich eingebildet hat-
ten, die wirklichen Verhältnisse hätten sich nach d e m Men-
schen und seinen idealen Verhältnissen, id est Begriffsbestimmun-
gen gerichtet, nachdem sie überhaupt die Geschichte des Bewußts-
eins der Menschen von sich zur Grundlage ihrer wirklichen Ge-
schichte gemacht hatten, war Nichts leichter als die Geschichte
des Bewußtseins, der Ideen, des Heiligen, der fixierten Vorstel-
lungen - Geschichte "des Menschen" zu nennen und diese der wirk-
lichen Geschichte unterzuschieben. Sankt Max zeichnet sich vor
allen seinen Vorgängern nur dadurch aus, daß er von diesen Vor-
stellungen, selbst in ihrer willkürlichen Isolierung vom wirkli-
chen Leben, dessen Produkte sie waren, N i c h t s weiß und
seine nichtige Schöpfung darauf beschränkt, in seiner Kopie der
Hegelschen Ideologie die Unkenntnis selbst dessen, was er ko-
piert, zu konstatieren. - Schon hieraus ergibt sich, wie er sei-
ner Phantasie von der Geschichte des Menschen die Geschichte des
wirklichen Individuums in der Form d e s E i n z i g e n ge-
genüberstellen kann.
Die einzige Geschichte trägt sich anfangs in der Stoa zu Athen
[81], später fast gänzlich in Deutschland und schließlich am Kup-
fergraben in Berlin [82] zu, wo der Despot der "neueren Philoso-
phie oder Zeit" seine Hofburg aufgeschlagen hatte. Schon daraus
geht hervor, welch eine ausschließlich nationale und lokale Ange-
legenheit hier verhandelt wird. Statt der Weltgeschichte gibt der
heilige Max uns einige, noch dazu höchst dürftige und schiefe
Glossen über die Geschichte der d e u t s c h e n Theologie und
Philosophie. Wenn wir einmal zum Schein aus Deutschland heraus-
treten, so geschieht es nur,
#168# Karl Marx und Friedrich Engels
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um die Taten und Gedanken andrer Völker, z.B. die französische
Revolution, in Deutschland und zwar am Kupfergraben "ihr letztes
Absehen erreichen" zu lassen. Nur deutsch-nationale Tatsachen
werden zitiert, nach deutsch-nationaler Weise werden sie verhan-
delt und aufgefaßt, und das Resultat bleibt ein national-deut-
sches. Aber auch damit ist es nicht genug. Die Auffassung und
Bildung unsres Heiligen ist nicht nur deutsch, sie ist durch und
durch berlinisch. Die Rolle, die der Hegelschen Philosophie er-
teilt wird, ist dieselbe, die sie in Berlin spielt, und Stirner
verwechselt nun Berlin mit der Welt und ihrer Geschichte. Der
"Jüngling" ist ein Berliner, die guten Bürger, die uns im ganzen
Buche begegnen, sind Berliner Weißbierphilister. Mit solchen Prä-
missen kommt man natürlich nur zu einem innerhalb der Nationali-
tät und Lokalität befangenen Resultate. "Stirner" und seine ganze
philosophische Bruderschaft, deren Schwächster und Unwissendster
er ist, liefern den praktischen Kommentar zu dem wackern Verslein
des wackern Hoffmann von Fallersleben:
Nur in Deutschland, nur in Deutschland,
Da möcht' ich ewig leben. [83]
Das Berliner Lokalresultat unsres wackern Heiligen, daß die ganze
Welt in der Hegelschen Philosophie alle jeworden sei, befähigt
ihn nun, ohne große Unkosten zu einem "eignen" Weltreich zu kom-
men. Die Hegelsche Philosophie hat Alles in Gedanken, in das Hei-
lige, in Spuk, in Geist, in Geister, in Gespenster verwandelt.
Diese wird "Stirner" bekämpfen, in seiner Einbildung überwinden
und auf ihren Leichen sein "eignes", "einziges", "leibhaftiges"
Weltreich, das Weltreich des "ganzen Kerls" stiften.
"Denn wir haben n i c h t m i t F l e i s c h u n d B l u t
z u k ä m p f e n, sondern mit Fürsten und Gewaltigen, nämlich
mit den H e r r e n d i e s e r W e l t, die in der Finster-
nis dieser Welt herrschen, mit den b ö s e n G e i s t e r n
unter dem Himmel." Epheser 6, 12.
Jetzt ist "Stirner" "an Beinen gestiefelt, als fertig zu treiben"
den Kampf gegen die Gedanken. Den "Schild des Glaubens" braucht
er nicht erst zu "ergreifen", da er ihn nie aus den Händen gege-
ben hat. Mit dem "Helm" des Unheils und dem "Schwert" der Geist-
losigkeit (vergl. ibid.) gewappnet, zieht er in den Kampf. "Und
es ward ihm gegeben, zu streiten wider das Heilige", aber nicht,
es "zu besiegen". (Offenb[arung] Joh[annis] 13, 7.)
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