Quelle: MEW 3 1845 - 1846


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       Vorrede
       
       Die Menschen  haben sich  bisher stets falsche Vorstellungen über
       sich selbst gemacht, von dem, was sie sind oder sein sollen. Nach
       ihren Vorstellungen  von Gott,  von dem Normalmenschen usw. haben
       sie ihre  Verhältnisse eingerichtet. Die Ausgeburten ihres Kopfes
       sind ihnen  über den  Kopf gewachsen.  Vor ihren Geschöpfen haben
       sie, die Schöpfer, sich gebeugt. Befreien wir sie von den Hirnge-
       spinsten, den  Ideen, den  Dogmen, den eingebildeten Wesen, unter
       deren Joch sie verkümmern. Rebellieren wir gegen diese Herrschaft
       der Gedanken.  Lehren wir  sie, diese  Einbildungen mit  Gedanken
       vertauschen, die  dem Wesen  des Menschen  entsprechen, sagt  der
       Eine, sich kritisch zu ihnen verhalten, sagt der Andere, sie sich
       aus dem  Kopf schlagen,  sagt der  Dritte, und  - die  bestehende
       Wirklichkeit wird zusammenbrechen.
       Diese unschuldigen  und kindlichen Phantasien bilden den Kern der
       neuern junghegelschen  Philosophie, die  in Deutschland nicht nur
       von dem  Publikum mit  Entsetzen und Ehrfurcht empfangen, sondern
       auch von  den  p h i l o s o p h i s c h e n  H e r o e n  selbst
       mit dem  feierlichen Bewußtsein  der weltumstürzenden Gefährlich-
       keit  und  der  verbrecherischen  Rücksichtslosigkeit  ausgegeben
       wird. Der  erste Band  dieser Publikation  hat den  Zweck,  diese
       Schafe, die  sich für  Wölfe halten und dafür gehalten werden, zu
       entlarven, zu  zeigen, wie  sie die  Vorstellungen der  deutschen
       Bürger nur  philosophisch nachblöken,  wie die Prahlereien dieser
       philosophischen Ausleger  nur die  Erbärmlichkeit der  wirklichen
       deutschen Zustände widerspiegeln. Sie hat den Zweck, den philoso-
       phischen Kampf mit den Schatten der Wirklichkeit, der dem träume-
       rischen und  duseligen deutschen Volk zusagt, zu blamieren und um
       den Kredit zu bringen.
       Ein wackrer  Mann bildete sich einmal ein, die Menschen ertränken
       nur  im   Wasser,  weil   sie  vom     G e d a n k e n      d e r
       S c h w e r e   besessen wären.  Schlügen sie sich diese Vorstel-
       lung aus  dem Kopfe,  etwa indem  sie dieselbe für eine abergläu-
       bige,
       
       #14# Karl Marx und Friedrich Engels
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       für eine  religiöse Vorstellung erklärten, so seien sie über alle
       Wassersgefahr erhaben.  Sein Leben lang bekämpfte er die Illusion
       der Schwere, von deren schädlichen Folgen jede Statistik ihm neue
       und zahlreiche  Beweise lieferte.  Der wackre  Mann war der Typus
       der neuen deutschen revolutionären Philosophen. *)
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       * [Im Manuskript  gestrichen:] Der  deutsche  Idealismus  sondert
       sich durch  keinen spezifischen Unterschied von der Ideologie al-
       ler ändern  Völker ab.  Auch diese  betrachtet die Welt als durch
       Ideen beherrscht,  die Ideen u[nd] Begriffe als bestimmende Prin-
       zipien, bestimmte  Gedanken als  das den  Philosophen zugängliche
       Mysterium der materiellen Welt.
       Hegel hatte  den positiven  Idealismus vollendet. Nicht nur hatte
       sich ihm  d[ie] ganze  materielle Welt in eine Gedankenwelt u[nd]
       d[ie] ganze  Geschichte in  eine Geschichte  von Gedanken verwan-
       delt. Er begnügt sich nicht, die Gedankendinge einzuregistrieren,
       er sucht auch den Produktionsakt darzustellen.
       Die deutschen Philosophen, aus ihrer Traumwelt aufgerüttelt, pro-
       testieren gegen  d[ie] Gedankenwelt,  der sie die Vorstellung der
       wirklichen, leib[haftigen ...]
       Die deutschen  philosophischen Kritiker  behaupten sämtlich,  daß
       Ideen, Vorstellungen,  Begriffe bisher  d[ie] wirklichen Menschen
       beherrscht u[nd]  bestimmt haben,  daß d[ie]  wirkliche Welt  ein
       Produkt d[er] ideellen Welt ist. Das findet bis auf diesen Augen-
       blick statt,  das soll aber anders werden. Sie unterscheiden sich
       in der  Art, wie  sie die nach ihrer Ansicht so unter d[er] Macht
       ihrer eignen  fixen Gedanken  seufzende Menschenwelt erlösen wol-
       len; sie unterscheiden sich in dem, was sie für fixe Gedanken er-
       klären; sie stimmen überein in d[em] Glauben dieser Gedankenherr-
       schaft, sie  stimmen überein  in dem  Glauben, daß ihr kritischer
       Denkakt d[en] Untergang d[es] Bestehenden herbeiführen müsse, sei
       es nun,  daß sie  ihre isolierte  Denktätigkeit für  zureichender
       halten od[er] das allgemeine Bewußtsein erobern wollen.
       Der Glaube,  daß die  reelle Welt d[as] Produkt der ideellen Welt
       sei, daß die Welt der Ideen [...]
       An ihrer  Hegelschen  Gedankenwelt  irre  geworden,  protestieren
       d[ie] deutschen  Philosophen gegen  d[ie] Herrschaft d[er] Gedan-
       ken, Ideen,  Vorstellungen, die  bisher nach  ihrer Ansicht, d.h.
       nach der   I l l u s i o n  H e g e l s,  die wirkliche Welt pro-
       duzierten, bestimmten,  beherrschten. Sie legen Protest ein u[nd]
       verenden [...]
       Nach dem  Hegelschen System  hatten Ideen, Gedanken, Begriffe das
       wirkliche Leben  d[er] Menschen, ihre materielle Welt, ihre reel-
       len Verhältnisse produziert, bestimmt, beherrscht. Seine rebelli-
       schen Schüler nehmen dies von ihm [...]
       
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       Erste Seite  des Manuskripts  der "Deutschen  Ideologie" in Marx'
       Handschrift

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