Quelle: MEW 3 1845 - 1846
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#168# Karl Marx und Friedrich Engels
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5. Der in seiner Konstruktion vergnügte "Stirner"
Wir sind jetzt grade wieder so weit, als wir p. 19 bei dem Jüng-
ling, der in den Mann überging, und p. 90 bei dem mongolenhaften
Kaukasier waren,
#169# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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der sich in den kaukasischen Kaukasier verwandelt und "sich sel-
ber findet". Wir sind also bei der dritten Selbstfindung des ge-
heimnisvollen Individuums, dessen "saure Lebenskämpfe" uns der
heilige Max vorführt. Nur haben wir jetzt die ganze Geschichte
hinter uns und müssen wegen des großen Materials, das wir verar-
beitet haben, einen Rückblick auf den Ungeheuern Kadaver des rui-
nierten Menschen werfen.
Wenn der heilige Max auf einer spätem Seite, wo er längst seine
Geschichte vergessen hat, behauptet, daß "schon längst die Genia-
lität als die Schöpferin neuer weltgeschichtlicher Produktionen
angesehen wird" (p. 214), so haben wir gesehen, daß dies wenig-
stens s e i n e r Geschichte auch seine schlimmsten Feinde
nicht nachlästern können, da hier keine Personen, geschweige Ge-
nies, sondern nur versteinerte Gedankenkrüppel und Hegelsche
Wechselbälge auftreten.
Repetitio est mater studiorum. 1*) Sankt Max, der seine ganze Hi-
storie der "Philosophie oder Zeit" nur gegeben hat, um Gelegen-
heit zu einigen flüchtigen Studien Hegels zu finden, repetiert
schließlich noch einmal seine ganze einzige Geschichte Dies ge-
schieht indes mit einer naturgeschichtlichen Wendung, die uns
wichtige Aufschlüsse über die "einzige" Naturwissenschaft gibt
und sich daraus erklärt, daß bei ihm die "Welt" jedesmal, wo sie
eine wichtige Rolle zu spielen hat, sich sogleich in die
N a t u r verwandelt. Die "einzige" Naturwissenschaft beginnt
sofort mit dem Geständnis ihrer Ohnmacht. Sie betrachtet nicht
das wirkliche, durch die Industrie und Naturwissenschaft gegebene
Verhältnis, sie proklamiert das phantastische Verhältnis des Men-
schen zur Natur. "Wie Weniges vermag der Mensch zu bezwingen! Er
muß die Sonne ihre Bahn ziehen, das Meer seine Wellen treiben,
die Berge zum Himmel ragen lassen." (p. 122.) Sankt Max, der die
Mirakel liebt, wie alle Heiligen, es aber dennoch nur bis zum lo-
gischen Mirakel bringt, ärgert sich darüber, daß er die Sonne
nicht den Cancan tanzen lassen, er jammert, daß er das Meer nicht
in Ruhestand versetzen kann, es entrüstet ihn, daß er die Berge
zum Himmel ragen lassen muß. Obwohl p. 124 die Welt bereits am
Ende der alten Zeit "prosaisch" wird, so ist sie für unsern Hei-
ligen noch immer höchst unprosaisch. Für ihn zieht noch immer
"die Sonne", nicht die Erde ihre Bahn, und sein Gram ist, daß er
nicht à la Josua ihr ein: "Sonne, stehe stille" kommandieren
kann. p. 123 entdeckt Stirner, daß "der Geist" am Ende der alten
Welt "unaufhaltsam wieder überschäumte, weil in seinem Innern
Gase (Geister) sich entwickelten und, nachdem der
m e c h a n i s c h e S t o ß, der von Außen kommt, unwirksam
geworden, c h e m i s c h e
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1*) Die Wiederholung ist die Mutter der Studien.
#170# Karl Marx und Friedrich Engels
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S p a n n u n g e n, die im Innern erregen, ihr wunderbares
Spiel zu treiben begannen".
Dieser Satz enthält die bedeutendsten Data der "einzigen" Natur-
philosophie, die bereits auf der vorigen Seite dahin gekommen
war, daß die Natur für den Menschen "das Unbezwingliche" sei. Die
profane Physik weiß Nichts von einem mechanischen Stoß, der un-
wirksam wird - die e i n z i g e Physik hat allein das Ver-
dienst ihrer Entdeckung. Die profane Chemie kennt keine "Gase",
die "chemische Spannungen" und noch dazu "im Innern" erregen.
Gase, die neue Mischungen, neue chemische Verhältnisse eingehen,
erregen keine "Spannungen", sondern höchstens Abspannungen, indem
sie in den tropfbaren Aggregatzustand übergehen und dadurch ihr
Volumen auf weniger als ein Tausendstel des früheren reduzieren.
Wenn der heilige Max "in" seinem eignen "Innern" "Spannungen" in-
folge von "Gasen" verspürt, so sind das höchst "mechanische
Stöße", keineswegs "chemische Spannungen" - sie werden hervorge-
bracht durch die chemische, wieder auf physiologischen Ursachen
beruhende Verwandlung gewisser Mischungen in andre, wodurch ein
Teil der Bestandteile der früheren Mischung luftförmig wird, da-
durch ein größeres Volumen einnimmt, und wenn dazu kein Raum vor-
handen ist, nach außen hin einen "mechanischen Stoß" oder Druck
[verursacht. [Daß] diese nicht existierenden ["chemischen Span-
nungen" "im Innern", nämlich diesmal i m K o p f e d e s hei-
ligen Max, ein höchst "wunderbares] Spiel treiben", "sehen wir
[nun"] an der Rolle, die sie [in] der "einzigen" Naturwissen-
schaft spielen. Übrigens möge der heilige Max den profanen Natur-
forschern nicht länger vorenthalten, welchen Unsinn er sich bei
dem verrückten Wort "chemische Spannungen" vorstellt und noch
dazu bei solchen "chemischen Spannungen", die "im Innern erregen"
(als ob ein "mechanischer Stoß" auf den Magen ihn nicht auch "im
Innern errege").
Die "einzige" Naturwissenschaft ist bloß deswegen geschrieben
worden, weil Sankt Max diesmal die Alten doch nicht anständiger-
weise berühren konnte, ohne zugleich ein paar Worte über die
"Welt der Dinge", die Natur, fallen zu lassen.
Die Alten lösen sich, wie uns hier versichert wird, am Ende der
alten Welt in lauter Stoiker auf, "die durch k e i n e n Ein-
sturz der Welt" (wie oft soll sie denn einstürzen?) "aus ihrer
Fassung zu bringen sind" (p. 123). Die Alten werden also Chine-
sen, die auch "aus dem Himmel ihrer Ruhe kein unvorhergesehener
Fall" (oder Einfall) "stürzt" (p. 88). Ja, Jacques le bonhomme
glaubt wirklich, daß gegen die letzten Alten "der mechanische
Stoß, der von Außen kommt, unwirksam geworden sei". Wie sehr dies
der wirklichen Lage der Römer und Griechen am Ende der alten Welt
entspricht, der gänzlichen
#171# Deutsche Ideologie- Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Haltlosigkeit und Unsicherheit, die dem "mechanischen Stoß" kaum
noch einen Rest von vis inertiae 1*) entgegenzusetzen hatte, dar-
über ist u.a. Lukian zu vergleichen. [84] Die gewaltigen mechani-
schen Stöße, die das römische Weltreich durch seine Zerteilung
unter die verschiednen Cäsaren und deren Kriege miteinander,
durch die kolossale Konzentration des Besitzes, namentlich des
Grundbesitzes, in Rom, die dadurch hervorgerufene Verminderung
der Bevölkerung *) in Italien, durch die Hunnen und Germanen er-
hielt, sind für unsern heiligen Historiker "unwirksam geworden";
nur die "chemischen Spannungen", nur die "Gase", die das Chri-
stentum "im Innern erregte", haben das römische Reich gestürzt.
Die großen Erdbeben [im Westen] und im Osten, u.a., [die durch]
"mechanische Stöße" Hun[derttau]sende unter den R[uinen] ihrer
Städte begruben, [wovon] die Menschen auch geistig [keines]-wegs
unalteriert verblieben [, sind] nach "Stirner" wohl ebenfalls
"[un]wirksam" oder chemische Spannungen. Und "i n d e r T a t"
(!) "schließt die alte Geschichte damit, daß Ich an der Welt Mein
Eigentum errungen habe", was vermittelst des Bibelspruchs bewie-
sen wird: "Mir" (d. h. Christus) "sind alle Dinge übergeben vom
Vater." Hier ist also Ich = Christus. Bei dieser Gelegenheit ver-
säumt Jacques le bonhomme nicht, dem Christen zu glauben, daß er
Berge versetzen pp. könne, wenn "ihm nur daran läge". Er prokla-
miert sich als Christen zum Herrn der Welt, ist es denn aber auch
nur a l s C h r i s t; er proklamiert sich zum "Eigner der
Welt". "Hiermit hatte der Egoismus den ersten vollständigen Sieg
errungen, indem Ich Mich dazu erhoben hatte, der Eigner der Welt
zu sein." (p. 124.) Um sich zum vollendeten Christen zu erheben,
hatte das Stirnersche Ich nur noch den Kampf durchzusetzen, auch
g e i s t l o s zu werden (was ihm gelungen ist, ehe denn die
Berge waren). "Selig sind, die da arm an Geist sind, denn das
Himmelreich ist ihrer." Sankt Max hat die Armut am Geist vollen-
det und rühmt sich dessen sogar in seiner großen Freude vor dem
Herrn.
Der geistlose Sankt Max glaubt an die aus der Auflösung der alten
Welt hervorgehenden phantastischen Gasbildungen der Christen. Der
alte Christ hatte kein Eigentum an dieser Welt, er begnügte sich
daher mit der Einbildung seines himmlischen Eigentums und mit
seinem göttlichen Besitztitel. Statt an der Welt das Eigentum des
Volks zu haben, stempelte er sich selbst und seine Lumpengenos-
senschaft zum "Volk des Eigentums" (1. Petri 2, 9). Die christli-
che Vorstellung von der Welt ist nach "Stirner" die Welt, worin
sich wirklich die alte Welt auflöst, obgleich es doch höchstens
[eine Welt] der Einbildungen ist, worin [sich die W]elt der alten
Vorstellungen
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1*) Trägheit; Beharrungsvermögen
#172# Karl Marx und Friedrich Engels
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[auflöst in ei]ne Welt, in der der Christ [im Glauben] auch Berge
versetzen, sich [mächtig f]ühlen und zur "Unwirksam[keit des] me-
chanischen Stoßes" vor[wärts]dringen kann. Da die Menschen [bei
"S]tirner" nicht mehr durch die [Außen]welt bestimmt, auch nicht
mehr [durch] den mechanischen Stoß des [Be]dürfnisses zum Produ-
zieren fort[ge]trieben werden, überhaupt der mechanische Stoß,
und damit auch der Geschlechtsakt, seine Wirkung verloren hatte,
so können [sie] nur durch Wunder fortexistiert haben. Es ist al-
lerdings für deutsche Schöngeister und Schulmeister von der Gas-
haltigkeit "Stirners" viel leichter, statt die Umgestaltung der
wirklichen Eigentums- und Produktionsverhältnisse der alten Welt
darzustellen, sich zu begnügen mit der christlichen Phantasie des
Eigentums, die in Wahrheit Nichts ist als das Eigentum der
christlichen Phantasie.
Derselbe Urchrist, der in Jacques le bonhommes Einbildung der
Eigner der alten Welt war, gehörte in der Wirklichkeit meist zur
Welt der Eigner, war Sklave und konnte verschachert werden. Doch
"Stirner", in seiner Konstruktion vergnügt, jubelt unaufhaltsam
weiter.
"Das erste Eigentum, die erste Herrlichkeit ist erworben!" (p.
124.)
In derselben Weise fährt der Stirnersche Egoismus fort, sich Ei-
gentum und Herrlichkeit zu erwerben und "vollständige Siege" zu
erringen. In dem theologischen Verhältnis des Urchristen zur al-
ten Welt ist all sein Eigentum und all seine Herrlichkeit proto-
typisch vollendet. Dies Eigentum des Christen wird so motiviert:
"Die Welt ist entgöttert .... prosaisch geworden, sie ist Mein
Eigentum, mit dem Ich schalte, wie Mir's (nämlich dem Geiste) be-
liebt." p. 124.
Dies will heißen: Die Welt ist entgöttert, also von Meinen Phan-
tasien für Mein eignes Bewußtsein befreit, sie ist prosaisch ge-
worden, verhält sich also prosaisch zu Mir, und schaltet und wal-
tet mit Mir nach ihrer beliebten Prosa, keineswegs Mir zuliebe.
Abgesehen davon, daß "Stirner" hier wirklich glaubt, im Altertum
habe keine prosaische Welt existiert und habe das Göttliche in
der Welt gesessen, verfälscht er sogar die christliche Vorstel-
lung, die ihre Ohnmacht gegen die Welt beständig bejammert und
ihren Sieg über die Welt i n ihrer Phantasie selbst wieder als
einen idealen darstellt, indem sie ihn auf den Jüngsten Tag ver-
legt. Erst als das Christentum von der wirklichen Weltmacht mit
Beschlag belegt und exploitiert wurde, womit es natürlich. aufge-
hört hatte, weltlos zu sein, konnte es sich einbilden, der Eigner
der Welt zu sein. Sankt Max gibt dem Christen dasselbe falsche
Verhältnis zur alten Welt wie dem Jüngling zur "Welt des Kindes";
er gibt dem Egoisten
#173# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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dasselbe Verhältnis zur Welt des Christen wie dem Mann zur Welt
des Jünglings.
Der Christ hat nun auch nichts mehr zu tun, als möglichst schnell
geistlos zu werden und ebenso die Welt des Geistes in ihrer Ei-
telkeit zu erkennen, wie dies von ihm mit der Welt der Dinge ge-
schah - um dann auch mit der Welt des Geistes "nach Belieben
schalten und walten" zu können, wodurch er vollendeter Christ,
Egoist wird. Das Verhalten des Christen zur alten Welt gibt also
die Norm für das Verhalten des Egoisten zur neuen Welt ab. Die
Vorbereitung zu dieser Geistlosigkeit war der Inhalt eines "fast
zweitausendjährigen" Lebens, ein Leben, das natürlich in seinen
Hauptepochen nur in Deutschland sich zuträgt.
"U n t e r m a n c h e r l e i W a n d l u n g e n wurde aus
dem heiligen Geiste m i t d e r Z e i t die absolute Idee,
welche wieder in m a n n i g f a l t i g e n B r e c h u n-
g e n zu den verschiedenen Ideen der Menschenliebe, Bürgertu-
gend, Vernünftigkeit usw. auseinanderschlug." p. 125, 126.
Der deutsche Stubenhocker dreht hier wieder die Sache um. Die
Ideen der Menschenliebe pp., Münzen, deren Gepräge schon ganz ab-
gegriffen war, namentlich durch ihre große Zirkulation im acht-
zehnten Jahrhundert, wurden von Hegel zusammengeschlagen in das
Sublimat der absoluten Idee, in welcher Umprägung es ihnen indes
ebensowenig gelang, im Auslande Kurs zu erhalten, wie dem preußi-
schen Papiergelde.
Der konsequente, aber und abermals dagewesene Schluß der Stirner-
schen Geschichtsanschauung ist folgender: "Begriffe sollen über-
all entscheiden, Begriffe das Leben regeln, Begriffe herrschen.
Das ist die religiöse Welt, welcher Hegel einen systematischen
Ausdruck gab" (p. 126), und welche unser gutmütiger Biedermann so
sehr für die wirkliche Welt versieht, daß er auf der folgenden
Seite, p. 127, sagen kann: "Jetzt herrscht in der Welt Nichts als
der Geist." In dieser Welt des Wahns festgeritten, kann er nun
auch p. 128 erst einen "Altar" bauen und dann "um diesen Altar"
"eine Kirche wölben", eine Kirche, deren "Mauern" Fortschritts-
beine haben und "immer weiter hinausrücken". "Bald umspannt jene
Kirche die ganze Erde"; Er, der Einzige, und Szeliga, sein
Knecht, stehen draußen, "schweifen um die Mauern herum und werden
zum äußersten Rande hinausgetrieben"; "aufschreiend in verzehren-
dem Hunger" ruft Sankt Max seinem Knechte zu: "Noch ein Schritt,
und die Welt des Heiligen hat gesiegt." Plötzlich "v e r-
s i n k t" Szeliga "in den äußersten Abgrund", der über ihm
liegt - ein schriftstellerisches Wunder. Da nämlich die Erde eine
Kugel ist, kann der Abgrund, sobald die Kirche die ganze Erde
umspannt, nur über Szeliga liegen. So verkehrt er die Gesetze der
Schwere, fährt ärschlings gen Himmel und bringt
#174# Karl Marx und Friedrich Engels
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dadurch die "einzige" Naturwissenschaft zu Ehren, was ihm um so
leichter wird, als nach p. 126 "die Natur der Sache und der Be-
griff des Verhältnisses" dem "Stirner" gleichgültig sind, "ihn
nicht in der Behandlung oder Schließung desselben leiten", und
"das Verhältnis, das" Szeliga mit der Schwere "eingegangen",
durch Szeligas "Einzigkeit selbst einzig" ist und keineswegs von
der Natur der Schwere "abhängt" oder davon, "wie Andere", z.B.
die Naturforscher, "es rubrizieren". "Stirner" verbittet sich
überdem schließlich, daß man Szeligas "Handlung vom wirklichen"
Szeliga "trenne und nach dem menschlichen Werte veranschlage".
Nachdem der heilige Max seinem treuen Diener so ein anständiges
Unterkommen im Himmel besorgt hat, schreitet er zu seiner eignen
Passion. Er hat p. 95 entdeckt, daß selbst der "Galgen" die
"Farbe des Heiligen" habe; es "graut den Menschen vor der Berüh-
rung desselben, es liegt etwas Unheimliches, d.h. Unheimisches,
Uneigenes, darin". Um diese Uneigenheit des Galgens aufzuheben,
macht er ihn zu seinem eignen Galgen, was er nur dadurch vollzie-
hen kann, daß er sich daran hängt. Auch dies letzte Opfer bringt
der Löwe aus Juda dem Egoismus. Der heilige Christ läßt sich ans
Kreuz hangen, nicht um das Kreuz, sondern um die Menschen von ih-
rer Unheiligkeit zu erlösen; der heillose Christ hängt sich
selbst an den Galgen, um den Galgen von der Heiligkeit oder sich
selbst von der Uneigenheit des Galgens zu erlösen.
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"Die erste Herrlichkeit, das erste Eigentum ist erworben, der er-
ste vollständige Sieg ist errungen!" Der heilige Streiter hat
jetzt die Geschichte überwunden, er hat sie in Gedanken, reine
Gedanken, die Nichts als Gedanken sind, aufgelöst und am Ende der
Tage nur ein Gedankenheer sich gegenüberstehen. So zieht er aus,
Er, Sankt Max, der seinen "Galgen" jetzt auf den Rücken genommen
hat wie der Esel das Kreuz, und Szeliga, sein Knecht, der, mit
Fußtritten im Himmel empfangen, gesenkten Hauptes wieder bei sei-
nem Herrn sich einfindet, um dieses Gedankenheer oder vielmehr
bloß den Heiligenschein dieser Gedanken zu bekämpfen. Diesmal ist
es Sancho Pansa, voller Sittensprüche, Maximen und Sprüchwörter,
der den Kampf gegen das Heilige übernimmt, und Don Quixote tritt
als sein frommer und getreuer Knecht auf. Der ehrliche Sancho
kämpft mit derselben Tapferkeit wie vorzeiten der caballero Man-
chego 1*) und verfehlt nicht, wie dieser, mehrmals eine mongoli-
sche Hammelherde für einen Schwärm von Gespenstern zu versehen.
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1*) manchanische Ritter
#175# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Die feiste Maritornes hat sich "unter mancherlei Wandlungen mit
der Zeit in mannigfaltigen Brechungen" in eine keusche Berliner
Nähterin verwandelt, die an der Bleichsucht zugrunde geht, wor-
über Sankt Sancho eine Elegie anstimmt - eine Elegie, die allen
Referendarien und Gardelieutnants den Satz des Rabelais zum Be-
wußtsein gebracht hat, daß des weltbefreienden "Kriegsknechts er-
stes Waffenstück der Hosenlatz ist" [85].
Sancho Pansa vollbringt seine Heldentaten dadurch, daß er das
ganze ihm gegenüberstehende Gedankenheer in seiner Nichtigkeit
und Eitelkeit e r k e n n t. Die ganze große Aktion beschränkt
sich auf ein bloßes Erkennen, das am Ende der Tage Alles bestehen
läßt, wie es war, und nur seine Vorstellung, nicht einmal von den
Dingen, sondern von den philosophischen Phrasen über die Dinge,
ändert.
Nun also, nachdem die Alten als Kind, Neger, negerhafte Kauka-
sier, Tier, Katholiken, englische Philosophie, Ungebildete,
Nichthegelianer, Welt der Dinge, realistisch, und die Neuen als
Jüngling, Mongole, mongolenhafte Kaukasier, der Mensch, Prote-
stanten, deutsche Philosophie, Gebildete, Hegelianer, Welt der
Gedanken, idealistisch dagewesen sind, nachdem Alles geschehen
ist, was da beschlossen war von Ewigkeit im Rate der Wächter, nun
ist endlich die Zeit erfüllet. Die negative Einheit Beider, die
schon als Mann, Kaukasier, kaukasischer Kaukasier, vollendeter
Christ, in Knechtsgestalt, gesehen "durch einen Spiegel in einem
dunklen Wort" (1. Cor[inther] 13, 12), aufgetreten war, kann
jetzt, nach der Passion und dem Galgentod Stirners und der Him-
melfahrt Szeligas in ihrer Glorie, auf die einfachste Namengebung
zurückkehrend; kommen in den Wolken des Himmels mit großer Kraft
und Herrlichkeit. "So heißt es nun": Was früher "Man" war (vgl.
Ök[onomie] d[es] A[lten] Bundes), wird jetzt "I c h" - die ne-
gative Einheit von Realismus und Idealismus, der Welt der Dinge
und der Welt des Geistes. Diese Einheit von Realismus und Idea-
lismus heißt bei Schelling "Indifferenz", oder Berlinisch verdol-
metscht: Jleichjiltigkeit; bei Hegel wird sie negative Einheit,
in der die beiden Momente aufgehoben werden; Sankt Max, den als
guten deutschen Spekulanten noch immer die "Einheit der Gegen-
sätze" nicht schlafen läßt, ist damit nicht zufrieden; er will
diese Einheit an einem "leibhaftigen Individuum", in einem
"ganzen Kerl" vor sich sehen, wozu ihm Feuerbach in den
"Anekdotis" und der "Philosophie der Zukunft" Vorschub geleistet
hat. Dieses Stirnersche "Ich", das am Ende der bisherigen Welt
herauskommt, ist also kein "leibhaftiges Individuum", sondern
eine durch die von Appositionen unterstützte Hegelsche Methode
konstruierte Kategorie, deren weitere "Flohsprünge" wir im Neuen
Testament verfolgen werden. Hier bemerken wir nur noch, daß dies
Ich in letzter
#176# Karl Marx und Friedrich Engels
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Instanz dadurch zustande kommt, daß es über die Welt des Christen
sich dieselben Einbildungen macht wie der Christ über die Welt
der Dinge. Wie der Christ sich die Welt der Dinge aneignet, indem
er sich phantastisches Zeug über sie "in den Kopf setzt", so
eignet "Ich" sich die christliche Welt, die Welt der Gedanken,
vermöge einer Reihe phantastischer Einbildungen über dieselbe an.
Was der Christ sich über sein Verhältnis zur Welt einbildet,
glaubt ihm "Stirner", findet es probat und macht es ihm gutmütig
nach.
"So halten wir nun, daß der Mensch gerecht werde o h n e d i e
W e r k e, a l l e i n d u r c h d e n G l a u b e n." Römer
3, 28.
H e g e l, dem sich die neue Welt auch in die Welt abstrakter
Gedanken aufgelöst hatte, bestimmt die Aufgabe des neuen Philoso-
phen im Gegensatz zum alten dahin, statt wie die alten sich vom
"natürlichen Bewußtsein" zu befreien und "das Individuum aus der
unmittelbaren sinnlichen Weise zu reinigen und es zur gedachten
und denkenden Substanz" (Geist) "zu machen" - die "festen, be-
stimmten, fixen Gedanken aufzuheben". Dies, fügt er hinzu, voll-
bringe "die Dialektik". "Phänomenologie", p. 26, 27. "Stirner"
unterscheidet sich von Hegel dadurch, daß er dasselbe ohne Dia-
lektik vollbringt.
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