Quelle: MEW 3 1845 - 1846


       zurück

       #168# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       5. Der in seiner Konstruktion vergnügte "Stirner"
       
       Wir sind  jetzt grade wieder so weit, als wir p. 19 bei dem Jüng-
       ling, der  in den Mann überging, und p. 90 bei dem mongolenhaften
       Kaukasier waren,
       
       #169# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       der sich  in den kaukasischen Kaukasier verwandelt und "sich sel-
       ber findet".  Wir sind also bei der dritten Selbstfindung des ge-
       heimnisvollen Individuums,  dessen "saure  Lebenskämpfe" uns  der
       heilige Max  vorführt. Nur  haben wir  jetzt die ganze Geschichte
       hinter uns  und müssen wegen des großen Materials, das wir verar-
       beitet haben, einen Rückblick auf den Ungeheuern Kadaver des rui-
       nierten Menschen werfen.
       Wenn der  heilige Max  auf einer spätem Seite, wo er längst seine
       Geschichte vergessen hat, behauptet, daß "schon längst die Genia-
       lität als  die Schöpferin  neuer weltgeschichtlicher Produktionen
       angesehen wird"  (p. 214),  so haben wir gesehen, daß dies wenig-
       stens   s e i n e r   Geschichte auch  seine  schlimmsten  Feinde
       nicht nachlästern  können, da hier keine Personen, geschweige Ge-
       nies, sondern  nur  versteinerte  Gedankenkrüppel  und  Hegelsche
       Wechselbälge auftreten.
       Repetitio est mater studiorum. 1*) Sankt Max, der seine ganze Hi-
       storie der  "Philosophie oder  Zeit" nur gegeben hat, um Gelegen-
       heit zu  einigen flüchtigen  Studien Hegels  zu finden, repetiert
       schließlich noch  einmal seine  ganze einzige Geschichte Dies ge-
       schieht indes  mit einer  naturgeschichtlichen Wendung,  die  uns
       wichtige Aufschlüsse  über die  "einzige" Naturwissenschaft  gibt
       und sich  daraus erklärt, daß bei ihm die "Welt" jedesmal, wo sie
       eine  wichtige  Rolle  zu  spielen  hat,  sich  sogleich  in  die
       N a t u r   verwandelt. Die  "einzige" Naturwissenschaft  beginnt
       sofort mit  dem Geständnis  ihrer Ohnmacht.  Sie betrachtet nicht
       das wirkliche, durch die Industrie und Naturwissenschaft gegebene
       Verhältnis, sie proklamiert das phantastische Verhältnis des Men-
       schen zur  Natur. "Wie Weniges vermag der Mensch zu bezwingen! Er
       muß die  Sonne ihre  Bahn ziehen,  das Meer seine Wellen treiben,
       die Berge  zum Himmel ragen lassen." (p. 122.) Sankt Max, der die
       Mirakel liebt, wie alle Heiligen, es aber dennoch nur bis zum lo-
       gischen Mirakel  bringt, ärgert  sich darüber,  daß er  die Sonne
       nicht den Cancan tanzen lassen, er jammert, daß er das Meer nicht
       in Ruhestand  versetzen kann,  es entrüstet ihn, daß er die Berge
       zum Himmel  ragen lassen  muß. Obwohl  p. 124 die Welt bereits am
       Ende der  alten Zeit "prosaisch" wird, so ist sie für unsern Hei-
       ligen noch  immer höchst  unprosaisch. Für  ihn zieht  noch immer
       "die Sonne",  nicht die Erde ihre Bahn, und sein Gram ist, daß er
       nicht à  la Josua  ihr ein:  "Sonne, stehe  stille"  kommandieren
       kann. p.  123 entdeckt Stirner, daß "der Geist" am Ende der alten
       Welt "unaufhaltsam  wieder überschäumte,  weil in  seinem  Innern
       Gase   (Geister)    sich   entwickelten    und,    nachdem    der
       m e c h a n i s c h e   S t o ß,   der von Außen kommt, unwirksam
       geworden,  c h e m i s c h e
       -----
       1*) Die Wiederholung ist die Mutter der Studien.
       
       #170# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       S p a n n u n g e n,   die im  Innern  erregen,  ihr  wunderbares
       Spiel zu treiben begannen".
       Dieser Satz  enthält die bedeutendsten Data der "einzigen" Natur-
       philosophie, die  bereits auf  der vorigen  Seite dahin  gekommen
       war, daß die Natur für den Menschen "das Unbezwingliche" sei. Die
       profane Physik  weiß Nichts  von einem mechanischen Stoß, der un-
       wirksam wird  - die   e i n z i g e   Physik  hat allein das Ver-
       dienst ihrer  Entdeckung. Die  profane Chemie kennt keine "Gase",
       die "chemische  Spannungen" und  noch dazu  "im Innern"  erregen.
       Gase, die  neue Mischungen, neue chemische Verhältnisse eingehen,
       erregen keine "Spannungen", sondern höchstens Abspannungen, indem
       sie in  den tropfbaren  Aggregatzustand übergehen und dadurch ihr
       Volumen auf  weniger als ein Tausendstel des früheren reduzieren.
       Wenn der heilige Max "in" seinem eignen "Innern" "Spannungen" in-
       folge von  "Gasen" verspürt,  so  sind  das  höchst  "mechanische
       Stöße", keineswegs  "chemische Spannungen" - sie werden hervorge-
       bracht durch  die chemische,  wieder auf physiologischen Ursachen
       beruhende Verwandlung  gewisser Mischungen  in andre, wodurch ein
       Teil der  Bestandteile der früheren Mischung luftförmig wird, da-
       durch ein größeres Volumen einnimmt, und wenn dazu kein Raum vor-
       handen ist,  nach außen  hin einen "mechanischen Stoß" oder Druck
       [verursacht. [Daß]  diese nicht  existierenden ["chemischen Span-
       nungen" "im Innern", nämlich diesmal  i m  K o p f e  d e s  hei-
       ligen Max,  ein höchst  "wunderbares] Spiel  treiben", "sehen wir
       [nun"] an  der Rolle,  die sie  [in] der  "einzigen" Naturwissen-
       schaft spielen. Übrigens möge der heilige Max den profanen Natur-
       forschern nicht  länger vorenthalten,  welchen Unsinn er sich bei
       dem verrückten  Wort "chemische  Spannungen" vorstellt  und  noch
       dazu bei solchen "chemischen Spannungen", die "im Innern erregen"
       (als ob  ein "mechanischer Stoß" auf den Magen ihn nicht auch "im
       Innern errege").
       Die "einzige"  Naturwissenschaft ist  bloß  deswegen  geschrieben
       worden, weil  Sankt Max diesmal die Alten doch nicht anständiger-
       weise berühren  konnte, ohne  zugleich ein  paar Worte  über  die
       "Welt der Dinge", die Natur, fallen zu lassen.
       Die Alten  lösen sich,  wie uns hier versichert wird, am Ende der
       alten Welt  in lauter  Stoiker auf, "die durch  k e i n e n  Ein-
       sturz der  Welt" (wie  oft soll  sie denn einstürzen?) "aus ihrer
       Fassung zu  bringen sind"  (p. 123). Die Alten werden also Chine-
       sen, die  auch "aus  dem Himmel ihrer Ruhe kein unvorhergesehener
       Fall" (oder  Einfall) "stürzt"  (p. 88).  Ja, Jacques le bonhomme
       glaubt wirklich,  daß gegen  die letzten  Alten "der  mechanische
       Stoß, der von Außen kommt, unwirksam geworden sei". Wie sehr dies
       der wirklichen Lage der Römer und Griechen am Ende der alten Welt
       entspricht, der gänzlichen
       
       #171# Deutsche Ideologie- Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       Haltlosigkeit und  Unsicherheit, die dem "mechanischen Stoß" kaum
       noch einen Rest von vis inertiae 1*) entgegenzusetzen hatte, dar-
       über ist u.a. Lukian zu vergleichen. [84] Die gewaltigen mechani-
       schen Stöße,  die das  römische Weltreich  durch seine Zerteilung
       unter die  verschiednen Cäsaren  und  deren  Kriege  miteinander,
       durch die  kolossale Konzentration  des Besitzes,  namentlich des
       Grundbesitzes, in  Rom, die  dadurch hervorgerufene  Verminderung
       der Bevölkerung  *) in Italien, durch die Hunnen und Germanen er-
       hielt, sind  für unsern heiligen Historiker "unwirksam geworden";
       nur die  "chemischen Spannungen",  nur die  "Gase", die das Chri-
       stentum "im  Innern erregte",  haben das römische Reich gestürzt.
       Die großen  Erdbeben [im  Westen] und im Osten, u.a., [die durch]
       "mechanische Stöße"  Hun[derttau]sende unter  den R[uinen]  ihrer
       Städte begruben,  [wovon] die Menschen auch geistig [keines]-wegs
       unalteriert verblieben  [, sind]  nach "Stirner"  wohl  ebenfalls
       "[un]wirksam" oder chemische Spannungen. Und  "i n  d e r  T a t"
       (!) "schließt die alte Geschichte damit, daß Ich an der Welt Mein
       Eigentum errungen  habe", was vermittelst des Bibelspruchs bewie-
       sen wird:  "Mir" (d.  h. Christus) "sind alle Dinge übergeben vom
       Vater." Hier ist also Ich = Christus. Bei dieser Gelegenheit ver-
       säumt Jacques  le bonhomme nicht, dem Christen zu glauben, daß er
       Berge versetzen  pp. könne, wenn "ihm nur daran läge". Er prokla-
       miert sich als Christen zum Herrn der Welt, ist es denn aber auch
       nur   a l s   C h r i s t;   er proklamiert  sich zum "Eigner der
       Welt". "Hiermit  hatte der Egoismus den ersten vollständigen Sieg
       errungen, indem  Ich Mich dazu erhoben hatte, der Eigner der Welt
       zu sein."  (p. 124.) Um sich zum vollendeten Christen zu erheben,
       hatte das  Stirnersche Ich nur noch den Kampf durchzusetzen, auch
       g e i s t l o s   zu werden  (was ihm  gelungen ist, ehe denn die
       Berge waren).  "Selig sind,  die da  arm an  Geist sind, denn das
       Himmelreich ist  ihrer." Sankt Max hat die Armut am Geist vollen-
       det und  rühmt sich  dessen sogar in seiner großen Freude vor dem
       Herrn.
       Der geistlose Sankt Max glaubt an die aus der Auflösung der alten
       Welt hervorgehenden phantastischen Gasbildungen der Christen. Der
       alte Christ  hatte kein Eigentum an dieser Welt, er begnügte sich
       daher mit  der Einbildung  seines himmlischen  Eigentums und  mit
       seinem göttlichen Besitztitel. Statt an der Welt das Eigentum des
       Volks zu  haben, stempelte  er sich selbst und seine Lumpengenos-
       senschaft zum "Volk des Eigentums" (1. Petri 2, 9). Die christli-
       che Vorstellung  von der  Welt ist nach "Stirner" die Welt, worin
       sich wirklich  die alte  Welt auflöst, obgleich es doch höchstens
       [eine Welt] der Einbildungen ist, worin [sich die W]elt der alten
       Vorstellungen
       -----
       1*) Trägheit; Beharrungsvermögen
       
       #172# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       [auflöst in ei]ne Welt, in der der Christ [im Glauben] auch Berge
       versetzen, sich [mächtig f]ühlen und zur "Unwirksam[keit des] me-
       chanischen Stoßes"  vor[wärts]dringen kann.  Da die Menschen [bei
       "S]tirner" nicht  mehr durch die [Außen]welt bestimmt, auch nicht
       mehr [durch]  den mechanischen Stoß des [Be]dürfnisses zum Produ-
       zieren fort[ge]trieben  werden, überhaupt  der mechanische  Stoß,
       und damit  auch der Geschlechtsakt, seine Wirkung verloren hatte,
       so können  [sie] nur durch Wunder fortexistiert haben. Es ist al-
       lerdings für  deutsche Schöngeister und Schulmeister von der Gas-
       haltigkeit "Stirners"  viel leichter,  statt die Umgestaltung der
       wirklichen Eigentums-  und Produktionsverhältnisse der alten Welt
       darzustellen, sich zu begnügen mit der christlichen Phantasie des
       Eigentums, die  in Wahrheit  Nichts  ist  als  das  Eigentum  der
       christlichen Phantasie.
       Derselbe Urchrist,  der in  Jacques le  bonhommes Einbildung  der
       Eigner der  alten Welt war, gehörte in der Wirklichkeit meist zur
       Welt der  Eigner, war Sklave und konnte verschachert werden. Doch
       "Stirner", in  seiner Konstruktion  vergnügt, jubelt unaufhaltsam
       weiter.
       
       "Das erste  Eigentum, die  erste Herrlichkeit  ist erworben!" (p.
       124.)
       
       In derselben  Weise fährt der Stirnersche Egoismus fort, sich Ei-
       gentum und  Herrlichkeit zu  erwerben und "vollständige Siege" zu
       erringen. In  dem theologischen Verhältnis des Urchristen zur al-
       ten Welt  ist all sein Eigentum und all seine Herrlichkeit proto-
       typisch vollendet. Dies Eigentum des Christen wird so motiviert:
       
       "Die Welt  ist entgöttert  .... prosaisch  geworden, sie ist Mein
       Eigentum, mit dem Ich schalte, wie Mir's (nämlich dem Geiste) be-
       liebt." p. 124.
       
       Dies will  heißen: Die Welt ist entgöttert, also von Meinen Phan-
       tasien für  Mein eignes Bewußtsein befreit, sie ist prosaisch ge-
       worden, verhält sich also prosaisch zu Mir, und schaltet und wal-
       tet mit  Mir nach  ihrer beliebten Prosa, keineswegs Mir zuliebe.
       Abgesehen davon,  daß "Stirner" hier wirklich glaubt, im Altertum
       habe keine  prosaische Welt  existiert und  habe das Göttliche in
       der Welt  gesessen, verfälscht  er sogar die christliche Vorstel-
       lung, die  ihre Ohnmacht  gegen die  Welt beständig bejammert und
       ihren Sieg  über die Welt  i n  ihrer Phantasie selbst wieder als
       einen idealen  darstellt, indem sie ihn auf den Jüngsten Tag ver-
       legt. Erst  als das  Christentum von der wirklichen Weltmacht mit
       Beschlag belegt und exploitiert wurde, womit es natürlich. aufge-
       hört hatte, weltlos zu sein, konnte es sich einbilden, der Eigner
       der Welt  zu sein.  Sankt Max  gibt dem Christen dasselbe falsche
       Verhältnis zur alten Welt wie dem Jüngling zur "Welt des Kindes";
       er gibt dem Egoisten
       
       #173# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       dasselbe Verhältnis  zur Welt  des Christen wie dem Mann zur Welt
       des Jünglings.
       Der Christ hat nun auch nichts mehr zu tun, als möglichst schnell
       geistlos zu  werden und  ebenso die Welt des Geistes in ihrer Ei-
       telkeit zu  erkennen, wie dies von ihm mit der Welt der Dinge ge-
       schah -  um dann  auch mit  der Welt  des Geistes  "nach Belieben
       schalten und  walten" zu  können, wodurch  er vollendeter Christ,
       Egoist wird.  Das Verhalten des Christen zur alten Welt gibt also
       die Norm  für das  Verhalten des  Egoisten zur neuen Welt ab. Die
       Vorbereitung zu  dieser Geistlosigkeit war der Inhalt eines "fast
       zweitausendjährigen" Lebens,  ein Leben,  das natürlich in seinen
       Hauptepochen nur in Deutschland sich zuträgt.
       
       "U n t e r   m a n c h e r l e i   W a n d l u n g e n  wurde aus
       dem heiligen  Geiste   m i t   d e r  Z e i t  die absolute Idee,
       welche wieder  in   m a n n i g f a l t i g e n    B r e c h u n-
       g e n   zu den  verschiedenen Ideen  der Menschenliebe, Bürgertu-
       gend, Vernünftigkeit usw. auseinanderschlug." p. 125, 126.
       
       Der deutsche  Stubenhocker dreht  hier wieder  die Sache  um. Die
       Ideen der Menschenliebe pp., Münzen, deren Gepräge schon ganz ab-
       gegriffen war,  namentlich durch  ihre große Zirkulation im acht-
       zehnten Jahrhundert,  wurden von  Hegel zusammengeschlagen in das
       Sublimat der  absoluten Idee, in welcher Umprägung es ihnen indes
       ebensowenig gelang, im Auslande Kurs zu erhalten, wie dem preußi-
       schen Papiergelde.
       Der konsequente, aber und abermals dagewesene Schluß der Stirner-
       schen Geschichtsanschauung  ist folgender: "Begriffe sollen über-
       all entscheiden,  Begriffe das  Leben regeln, Begriffe herrschen.
       Das ist  die religiöse  Welt, welcher  Hegel einen systematischen
       Ausdruck gab" (p. 126), und welche unser gutmütiger Biedermann so
       sehr für  die wirkliche  Welt versieht,  daß er auf der folgenden
       Seite, p. 127, sagen kann: "Jetzt herrscht in der Welt Nichts als
       der Geist."  In dieser  Welt des  Wahns festgeritten, kann er nun
       auch p.  128 erst  einen "Altar" bauen und dann "um diesen Altar"
       "eine Kirche  wölben", eine  Kirche, deren "Mauern" Fortschritts-
       beine haben  und "immer weiter hinausrücken". "Bald umspannt jene
       Kirche die  ganze Erde";  Er,  der  Einzige,  und  Szeliga,  sein
       Knecht, stehen draußen, "schweifen um die Mauern herum und werden
       zum äußersten Rande hinausgetrieben"; "aufschreiend in verzehren-
       dem Hunger"  ruft Sankt Max seinem Knechte zu: "Noch ein Schritt,
       und die  Welt des  Heiligen  hat  gesiegt."  Plötzlich    "v e r-
       s i n k t"   Szeliga "in  den äußersten  Abgrund", der  über  ihm
       liegt - ein schriftstellerisches Wunder. Da nämlich die Erde eine
       Kugel ist,  kann der  Abgrund, sobald  die Kirche  die ganze Erde
       umspannt, nur über Szeliga liegen. So verkehrt er die Gesetze der
       Schwere, fährt ärschlings gen Himmel und bringt
       
       #174# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       dadurch die  "einzige" Naturwissenschaft  zu Ehren, was ihm um so
       leichter wird,  als nach  p. 126 "die Natur der Sache und der Be-
       griff des  Verhältnisses" dem  "Stirner" gleichgültig  sind, "ihn
       nicht in  der Behandlung  oder Schließung  desselben leiten", und
       "das Verhältnis,  das" Szeliga  mit  der  Schwere  "eingegangen",
       durch Szeligas  "Einzigkeit selbst einzig" ist und keineswegs von
       der Natur  der Schwere  "abhängt" oder  davon, "wie Andere", z.B.
       die Naturforscher,  "es rubrizieren".  "Stirner"  verbittet  sich
       überdem schließlich,  daß man  Szeligas "Handlung vom wirklichen"
       Szeliga "trenne und nach dem menschlichen Werte veranschlage".
       Nachdem der  heilige Max  seinem treuen Diener so ein anständiges
       Unterkommen im  Himmel besorgt hat, schreitet er zu seiner eignen
       Passion. Er  hat p.  95 entdeckt,  daß selbst  der  "Galgen"  die
       "Farbe des  Heiligen" habe; es "graut den Menschen vor der Berüh-
       rung desselben,  es liegt  etwas Unheimliches, d.h. Unheimisches,
       Uneigenes, darin".  Um diese  Uneigenheit des Galgens aufzuheben,
       macht er ihn zu seinem eignen Galgen, was er nur dadurch vollzie-
       hen kann,  daß er sich daran hängt. Auch dies letzte Opfer bringt
       der Löwe  aus Juda dem Egoismus. Der heilige Christ läßt sich ans
       Kreuz hangen, nicht um das Kreuz, sondern um die Menschen von ih-
       rer Unheiligkeit  zu erlösen;  der  heillose  Christ  hängt  sich
       selbst an  den Galgen, um den Galgen von der Heiligkeit oder sich
       selbst von der Uneigenheit des Galgens zu erlösen.
       
                                    ---
       
       "Die erste Herrlichkeit, das erste Eigentum ist erworben, der er-
       ste vollständige  Sieg ist  errungen!" Der  heilige Streiter  hat
       jetzt die  Geschichte überwunden,  er hat  sie in Gedanken, reine
       Gedanken, die Nichts als Gedanken sind, aufgelöst und am Ende der
       Tage nur  ein Gedankenheer sich gegenüberstehen. So zieht er aus,
       Er, Sankt  Max, der seinen "Galgen" jetzt auf den Rücken genommen
       hat wie  der Esel  das Kreuz,  und Szeliga, sein Knecht, der, mit
       Fußtritten im Himmel empfangen, gesenkten Hauptes wieder bei sei-
       nem Herrn  sich einfindet,  um dieses  Gedankenheer oder vielmehr
       bloß den Heiligenschein dieser Gedanken zu bekämpfen. Diesmal ist
       es Sancho  Pansa, voller Sittensprüche, Maximen und Sprüchwörter,
       der den  Kampf gegen das Heilige übernimmt, und Don Quixote tritt
       als sein  frommer und  getreuer Knecht  auf. Der  ehrliche Sancho
       kämpft mit  derselben Tapferkeit wie vorzeiten der caballero Man-
       chego 1*)  und verfehlt nicht, wie dieser, mehrmals eine mongoli-
       sche Hammelherde für einen Schwärm von Gespenstern zu versehen.
       -----
       1*) manchanische Ritter
       
       #175# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       Die feiste  Maritornes hat  sich "unter mancherlei Wandlungen mit
       der Zeit  in mannigfaltigen  Brechungen" in eine keusche Berliner
       Nähterin verwandelt,  die an  der Bleichsucht zugrunde geht, wor-
       über Sankt  Sancho eine  Elegie anstimmt - eine Elegie, die allen
       Referendarien und  Gardelieutnants den  Satz des Rabelais zum Be-
       wußtsein gebracht hat, daß des weltbefreienden "Kriegsknechts er-
       stes Waffenstück der Hosenlatz ist" [85].
       Sancho Pansa  vollbringt seine  Heldentaten dadurch,  daß er  das
       ganze ihm  gegenüberstehende Gedankenheer  in seiner  Nichtigkeit
       und Eitelkeit   e r k e n n t.  Die ganze große Aktion beschränkt
       sich auf ein bloßes Erkennen, das am Ende der Tage Alles bestehen
       läßt, wie es war, und nur seine Vorstellung, nicht einmal von den
       Dingen, sondern  von den  philosophischen Phrasen über die Dinge,
       ändert.
       Nun also,  nachdem die  Alten als  Kind, Neger, negerhafte Kauka-
       sier,  Tier,   Katholiken,  englische  Philosophie,  Ungebildete,
       Nichthegelianer, Welt  der Dinge,  realistisch, und die Neuen als
       Jüngling, Mongole,  mongolenhafte Kaukasier,  der Mensch,  Prote-
       stanten, deutsche  Philosophie, Gebildete,  Hegelianer, Welt  der
       Gedanken, idealistisch  dagewesen sind,  nachdem Alles  geschehen
       ist, was da beschlossen war von Ewigkeit im Rate der Wächter, nun
       ist endlich  die Zeit  erfüllet. Die negative Einheit Beider, die
       schon als  Mann, Kaukasier,  kaukasischer Kaukasier,  vollendeter
       Christ, in  Knechtsgestalt, gesehen "durch einen Spiegel in einem
       dunklen Wort"  (1. Cor[inther]  13, 12),  aufgetreten  war,  kann
       jetzt, nach  der Passion  und dem Galgentod Stirners und der Him-
       melfahrt Szeligas in ihrer Glorie, auf die einfachste Namengebung
       zurückkehrend; kommen  in den Wolken des Himmels mit großer Kraft
       und Herrlichkeit.  "So heißt  es nun": Was früher "Man" war (vgl.
       Ök[onomie] d[es]  A[lten] Bundes), wird jetzt  "I c h"  - die ne-
       gative Einheit  von Realismus  und Idealismus, der Welt der Dinge
       und der  Welt des  Geistes. Diese Einheit von Realismus und Idea-
       lismus heißt bei Schelling "Indifferenz", oder Berlinisch verdol-
       metscht: Jleichjiltigkeit;  bei Hegel  wird sie negative Einheit,
       in der  die beiden  Momente aufgehoben werden; Sankt Max, den als
       guten deutschen  Spekulanten noch  immer die  "Einheit der Gegen-
       sätze" nicht  schlafen läßt,  ist damit  nicht zufrieden; er will
       diese  Einheit  an  einem  "leibhaftigen  Individuum",  in  einem
       "ganzen  Kerl"   vor  sich  sehen,  wozu  ihm  Feuerbach  in  den
       "Anekdotis" und  der "Philosophie der Zukunft" Vorschub geleistet
       hat. Dieses  Stirnersche "Ich",  das am  Ende der bisherigen Welt
       herauskommt, ist  also kein  "leibhaftiges  Individuum",  sondern
       eine durch  die von  Appositionen unterstützte  Hegelsche Methode
       konstruierte Kategorie,  deren weitere "Flohsprünge" wir im Neuen
       Testament verfolgen  werden. Hier bemerken wir nur noch, daß dies
       Ich in letzter
       
       #176# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       Instanz dadurch zustande kommt, daß es über die Welt des Christen
       sich dieselben  Einbildungen macht  wie der  Christ über die Welt
       der Dinge. Wie der Christ sich die Welt der Dinge aneignet, indem
       er sich  phantastisches Zeug  über sie  "in den  Kopf setzt",  so
       eignet "Ich"  sich die  christliche Welt,  die Welt der Gedanken,
       vermöge einer Reihe phantastischer Einbildungen über dieselbe an.
       Was der  Christ sich  über sein  Verhältnis zur  Welt  einbildet,
       glaubt ihm  "Stirner", findet es probat und macht es ihm gutmütig
       nach.
       
       "So halten  wir nun, daß der Mensch gerecht werde  o h n e  d i e
       W e r k e,  a l l e i n  d u r c h  d e n  G l a u b e n."  Römer
       3, 28.
       
       H e g e l,   dem sich  die neue  Welt auch in die Welt abstrakter
       Gedanken aufgelöst hatte, bestimmt die Aufgabe des neuen Philoso-
       phen im  Gegensatz zum  alten dahin, statt wie die alten sich vom
       "natürlichen Bewußtsein"  zu befreien und "das Individuum aus der
       unmittelbaren sinnlichen  Weise zu  reinigen und es zur gedachten
       und denkenden  Substanz" (Geist)  "zu machen"  - die "festen, be-
       stimmten, fixen  Gedanken aufzuheben". Dies, fügt er hinzu, voll-
       bringe "die  Dialektik". "Phänomenologie",  p. 26,  27. "Stirner"
       unterscheidet sich  von Hegel  dadurch, daß er dasselbe ohne Dia-
       lektik vollbringt.

       zurück