Quelle: MEW 3 1845 - 1846


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       Feuerbach
       
       Gegensatz von materialistischer und idealistischer Anschauung
       
       [Einleitung]
       
       Wie deutsche  Ideologen melden,  hat Deutschland  in den  letzten
       Jahren eine  Umwälzung ohnegleichen durchgemacht. Der Verwesungs-
       prozeß des Hegelschen Systems, der mit Strauß begann, hat sich zu
       einer Weltgärung  entwickelt, in  welche alle "Mächte der Vergan-
       genheit" hineingerissen sind. In dem allgemeinen Chaos haben sich
       gewaltige Reiche  gebildet, um  alsbald wieder unterzugehen, sind
       Heroen momentan  aufgetaucht, um von kühneren und mächtigeren Ne-
       benbuhlern wieder in die Finsternis zurückgeschleudert zu werden.
       Es war  eine Revolution, wogegen die französische ein Kinderspiel
       ist, ein  Weltkampf, vor  dem die Kämpfe der Diadochen [3] klein-
       lich erscheinen.  Die Prinzipien  verdrängten, die Gedankenhelden
       überstürzten einander mit unerhörter Hast, und in den drei Jahren
       1842-[18]45 wurde  in Deutschland  mehr aufgeräumt  als sonst  in
       drei Jahrhunderten.
       Alles dies soll sich im reinen Gedanken zugetragen haben.
       Es handelt  sich allerdings um ein interessantes Ereignis: um den
       Verfaulungsprozeß des absoluten Geistes. Nach Erlöschen des letz-
       ten Lebensfunkens  traten die  verschiedenen Bestandteile  dieses
       caput mortuum  1*) in Dekomposition, gingen neue Verbindungen ein
       und bildeten  neue Substanzen. Die philosophischen Industriellen,
       die bisher von der Exploitation des absoluten Geistes gelebt hat-
       ten, warfen  sich jetzt auf die neuen Verbindungen. Jeder betrieb
       den Verschleiß  des ihm  zugefallenen Anteils mit möglichster Em-
       sigkeit. Es  konnte dies nicht abgehen ohne Konkurrenz. Sie wurde
       anfangs ziemlich  bürgerlich und  solide geführt. Später, als der
       deutsche Markt  überführt war  und die  Ware trotz aller Mühe auf
       dem Weltmarkt  keinen Anklang  fand, wurde  das Geschäft nach ge-
       wöhnlicher deutscher  Manier  verdorben  durch  fabrikmäßige  und
       Scheinproduktion, Verschlechterung  der Qualität,  Sophistikation
       des Rohstoffs,  Verfälschung der Etiketten, Scheinkäufe, Wechsel-
       reiterei
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       1*) wörtlich: toter  Kopf; in  der Chemie gebräuchlicher Ausdruck
       für einen Destillationsrückstand; hier: Rückstände, Überreste
       
       #18# Karl Marx und Friedrich Engels
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       und ein  aller reellen  Grundlage entbehrendes  Kreditsystem. Die
       Konkurrenz lief in einen erbitterten Kampf aus, der uns jetzt als
       welthistorischer Umschwung,  als Erzeuger der gewaltigsten Resul-
       tate und Errungenschaften angepriesen und konstruiert wird.
       Um diese  philosophische Marktschreierei, die selbst in der Brust
       des ehrsamen deutschen Bürgers ein wohltätiges Nationalgefühl er-
       weckt, richtig zu würdigen, um die Kleinlichkeit, die lokale Bor-
       niertheit dieser  ganzen jung-hegelschen  Bewegung, um namentlich
       den tragikomischen  Kontrast zwischen  den wirklichen  Leistungen
       dieser Helden  und den  Illusionen über diese Leistungen anschau-
       lich zu  machen, ist  es nötig,  sich den ganzen Spektakel einmal
       von einem Standpunkte anzusehen, der außerhalb Deutschland liegt.
       *)
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       *) [Im Manuskript  gestrichen:] Wir schicken daher der speziellen
       Kritik der einzelnen Repräsentanten dieser Bewegung einige allge-
       meine Bemerkungen  voraus<. Diese  Bemerkungen werden hinreichen,
       um den Standpunkt unsrer Kritik so weit zu bezeichnen, als es zum
       Verständnis und  zur Begründung  der nachfolgenden Einzelkritiken
       nötig ist.  Wir stellen diese Bemerkungen gerade Feuerbach gegen-
       über, weil  er der  Einzige ist, der wenigstens einen Fortschritt
       gemacht hat  und auf  dessen Sachen man de bonne foi 1*) eingehen
       kann> 2*),  welche die ihnen allen gemeinsamen ideologischen Vor-
       aussetzungen näher beleuchten werden.
       1. Die Ideologie überhaupt, speziell die deutsche Philosophie
       Wir kennen  nur eine  einzige Wissenschaft,  die Wissenschaft der
       Geschichte. Die  Geschichte kann  von zwei Seiten aus betrachtet,
       in die Geschichte der Natur und die Geschichte der Menschen abge-
       teilt werden.  Beide Seiten  sind indes nicht zu trennen; solange
       Menschen existieren,  bedingen sich  Geschichte der Natur und Ge-
       schichte der  Menschen gegenseitig. Die Geschichte der Natur, die
       sogenannte Naturwissenschaft, geht uns hier nicht an; auf die Ge-
       schichte der  Menschen werden wir indes einzugehen haben, da fast
       die ganze  Ideologie sich  entweder auf eine verdrehte Auffassung
       dieser Geschichte oder auf eine gänzliche Abstraktion von ihr re-
       duziert. Die  Ideologie selbst ist nur eine der Seiten dieser Ge-
       schichte.
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       1*) in gutem  Glauben -  2*) der  in Winkelklammern stehende Text
       ist im Manuskript horizontal durchgestrichen

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