Quelle: MEW 3 1845 - 1846


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       #176# Karl Marx und Friedrich Engels
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       6. Die Freien
       
       Was die "Freien" hier zu tun haben, besagt die Ökonomie des Alten
       Bundes. Wir  können nicht  dafür, daß das Ich, dem wir bereits so
       nahe gerückt waren, uns jetzt wieder in unbestimmte Ferne zurück-
       tritt. Es  ist überhaupt  nicht unsre Schuld, daß wir nicht schon
       von p. 20 "des Buchs" sogleich auf das Ich übergingen.
       
       A) Der politische Liberalismus
       
       Der Schlüssel zu Sankt Maxens und seiner Vorgänger Kritik des Li-
       beralismus ist die Geschichte des deutschen Bürgertums. Wir heben
       einige Momente  dieser Geschichte  seit der französischen Revolu-
       tion hervor.
       Der Zustand  Deutschlands am  Ende des vorigen Jahrhunderts spie-
       gelt sich  vollständig ab  in Kants  "Critik der practischen Ver-
       nunft". Während  die französische  Bourgeoisie sich durch die ko-
       lossalste Revolution,  die die  Geschichte kennt,  zur Herrschaft
       aufschwang und  den europäischen  Kontinent eroberte, während die
       bereits politisch  emanzipierte englische  Bourgeoisie die  Indu-
       strie revolutionierte und sich Indien politisch und die ganze an-
       dere
       
       #177# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       Welt kommerziell  unterwarf, brachten  es die  ohnmächtigen deut-
       schen Bürger  nur zum "guten Willen". Kant beruhigte sich bei dem
       bloßen "guten Willen", selbst wenn er ohne alles Resultat bleibt,
       und setzte  die   V e r w i r k l i c h u n g   dieses guten Wil-
       lens, die  Harmonie zwischen ihm und den Bedürfnissen und Trieben
       der Individuen,  ins   J e n s e i t s.   Dieser gute Wille Kants
       entspricht vollständig  der Ohnmacht, Gedrücktheit und Misere der
       deutschen Bürger,  deren kleinliche  Interessen nie  fähig waren,
       sich zu gemeinschaftlichen, nationalen Interessen einer Klasse zu
       entwickeln, und  die deshalb  fortwährend von den Bourgeois aller
       andern Nationen  exploitiert wurden.  Diesen kleinlichen Lokalin-
       teressen entsprach  einerseits die  wirkliche lokale  und provin-
       zielle Borniertheit,  andrerseits die kosmopolitische Aufgebläht-
       heit der  deutschen Bürger.  Überhaupt hatte seit der Reformation
       die deutsche  Entwicklung einen  ganz kleinbürgerlichen Charakter
       erhalten. Der alte Feudaladel war größtenteils in den Bauernkrie-
       gen vernichtet  worden; was  übrigblieb, waren entweder reichsun-
       mittelbare Duodezfürsten,  die sich allmählich eine ziemliche Un-
       abhängigkeit verschafften und die absolute Monarchie im kleinsten
       und kleinstädtischsten  Maßstabe nachahmten, oder kleinere Grund-
       besitzer, die  teils ihr  bißchen Vermögen  an den  kleinen Höfen
       durchbrachten und  dann von kleinen Stellen in den kleinen Armeen
       und Regierungsbüros  lebten -  oder Krautjunker,  die  ein  Leben
       führten, dessen  sich der bescheidenste englische Squire 1*) oder
       französische gentilhomme  de province 1*) geschämt hätte. Der Ac-
       kerbau wurde  auf eine  Weise betrieben,  die weder Parzellierung
       noch große  Kultur war  und die trotz der fortdauernden Hörigkeit
       und Fronlasten  die Bauern nie zur Emanzipation forttrieb, sowohl
       weil diese  Art des  Betriebes selbst  keine aktiv  revolutionäre
       Klasse aufkommen  ließ, als  auch weil ihr die einer solchen Bau-
       ernklasse entsprechende revolutionäre Bourgeoisie nicht zur Seite
       stand.
       Was die Bürger betrifft, so können wir hier nur ein paar bezeich-
       nende Momente  hervorheben. Bezeichnend  ist, daß die Leinenmanu-
       faktur, d.h.  die auf dem Spinnrad und Handwebstuhl beruhende In-
       dustrie in Deutschland gerade zu derselben Zeit zu einiger Bedeu-
       tung kam,  als m England diese unbeholfenen Instrumente durch Ma-
       schinen verdrängt wurden. Am bezeichnendsten ist ihre Stellung zu
       H o l l a n d.   Holland, der einzige Teil der Hanse, der zu kom-
       merzieller Bedeutung  kam, riß  sich los, schnitt Deutschland bis
       auf zwei  Häfen (Hamburg  und Bremen)  vom Welthandel  ab und be-
       herrschte seitdem den ganzen deutschen Handel. Die deutschen Bür-
       ger waren  zu ohnmächtig,  der Exploitation  durch die  Holländer
       Schranken zu setzen. Die
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       1*) Landedelmann
       
       #178# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Bourgeoisie des  kleinen Hollands mit ihren entwickelten Klassen-
       interessen  war  mächtiger  als  die  viel  zahlreicheren  Bürger
       Deutschlands mit  ihrer Interesselosigkeit und ihren zersplitter-
       ten kleinlichen  Interessen. Der  Zersplitterung  der  Interessen
       entsprach die  Zersplitterung der  politischen Organisation,  die
       kleinen Fürstentümer  und  die  freien  Reichsstädte.  Wo  sollte
       p o l i t i s c h e   Konzentration m  einem Lande herkommen, dem
       alle  ö k o n o m i s c h e n  Bedingungen derselben fehlten? Die
       Ohnmacht jeder einzelnen Lebenssphäre (man kann weder von Ständen
       noch von  Klassen sprechen, sondern höchstens von gewesenen Stän-
       den und  ungebornen Klassen)  erlaubte keiner  einzigen, die aus-
       schließliche Herrschaft  zu erobern.  Die notwendige  Folge davon
       war, daß  während der Epoche der absoluten Monarchie, die hier in
       ihrer allerverkrüppeltsten,  halb patriarchalischen  Form vorkam,
       die besondre  Sphäre, welcher  durch die  Teilung der  Arbeit die
       Verwaltung der öffentlichen Interessen zufiel, eine abnorme Unab-
       hängigkeit erhielt,  die in  der modernen  Bürokratie noch weiter
       getrieben wurde. Der Staat konstituierte sich so zu einer schein-
       bar selbständigen  Macht und hat diese in andern Ländern nur vor-
       übergehende Stellung  - Übergangsstufe - in Deutschland bis heute
       behalten. Aus  dieser Stellung erklärt sich sowohl das anderwärts
       nie vorkommende  redliche Beamtenbewußtsein  wie die sämtlichen m
       Deutschland kursierenden  Illusionen  über  den  Staat,  wie  die
       scheinbare Unabhängigkeit, die die Theoretiker hier gegenüber den
       Bürgern haben  - der scheinbare Widerspruch zwischen der Form, in
       der diese  Theoretiker die Interessen der Bürger aussprechen, und
       diesen Interessen selbst.
       Die charakteristische  Form, die der auf wirklichen Klasseninter-
       essen beruhende  französische Liberalismus in Deutschland annahm,
       finden wir  wieder bei  Kant. Er sowohl wie die deutschen Bürger,
       deren beschönigender Wortführer er war, merkten nicht, daß diesen
       theoretischen Gedanken  der Bourgeois  materielle Interessen  und
       ein durch  die materiellen  Produktionsverhältnisse bedingter und
       bestimmter   W i l l e   zugrunde lag;  er trennte  daher  diesen
       theoretischen Ausdruck  von den  Interessen,  die  er  ausdrückt,
       machte die  materiell motivierten  Bestimmungen des  Willens  der
       französischen Bourgeois  1*) zu   r e i n e n  Selbstbestimmungen
       des   "f r e i e n  W i l l e n s",  des Willens an und für sich,
       des menschlichen  Willens, und verwandelte ihn so in rein ideolo-
       gische Begriffsbestimmungen  und moralische  Postulate. Die deut-
       schen Kleinbürger  schauderten daher  auch vor  der Praxis dieses
       energischen Bourgeoisliberalismus  zurück, sobald diese sowohl in
       der Schreckensherrschaft als in dem unverschämten Bourgeoiserwerb
       hervortrat.
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       1*) MEGA: Bourgeoisie
       
       #179# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       Unter der Herrschaft Napoleons trieben die deutschen Bürger ihren
       kleinen Schacher und ihre großen Illusionen noch weiter. Über den
       Schachergeist, der  damals in  Deutschland herrschte,  kann Sankt
       Sancho u.a. Jean Paul vergleichen, um ihm allein zugängliche bel-
       letristische Quellen  zu zitieren. Die deutschen Bürger, die über
       Napoleon schimpften,  weil er  sie Zichorien zu trinken zwang und
       ihren Landfrieden  durch Einquartierung  und Konskription störte,
       verschwendeten ihren ganzen moralischen Haß an ihn und ihre ganze
       Bewunderung an England; während Napoleon ihnen durch seine Reini-
       gung des  deutschen Augiasstalles und die Herstellung zivilisier-
       ter Kommunikationen  die größten Dienste leistete und die Englän-
       der nur auf die Gelegenheit warteten, sie à tort et à travers 1*)
       zu exploitieren.  In gleich kleinbürgerlicher Weise bildeten sich
       die deutschen  Fürsten ein,  für das  Prinzip der Legitimität und
       gegen die  Revolution zu  kämpfen, während  sie nur die bezahlten
       Landsknechte der  englischen Bourgeois waren. Unter diesen allge-
       meinen Illusionen  war es  ganz in der Ordnung, daß die zur Illu-
       sion privilegierten  Stände, die Ideologen, die Schulmeister, die
       Studenten, die Tugendbündler [86], das große Wort führten und der
       allgemeinen Phantasterei  und der Interesselosigkeit einen analo-
       gen, überschwenglichen Ausdruck gaben.
       Durch die Julirevolution [87] - da wir nur wenige Hauptpunkte an-
       deuten, überspringen wir den Zwischenraum - wurden die der ausge-
       bildeten Bourgeoisie  entsprechenden politischen Formen den Deut-
       schen von  außen zugeschoben.  Da die deutschen ökonomischen Ver-
       hältnisse noch  bei weitem  nicht die  Entwicklungsstufe erreicht
       hatten, der diese politischen Formen entsprachen, so akzeptierten
       die Bürger  diese Formen nur als abstrakte Ideen, an und für sich
       gültige Prinzipien,  fromme Wünsche und Phrasen, Kantsche Selbst-
       bestimmungen des  Willens und  der Menschen, wie sie sein sollen.
       Sie verhielten sich daher viel sittlicher und uninteressierter zu
       ihnen als  andre Nationen;  d. h., sie machten eine höchst eigen-
       tümliche Borniertheit geltend und blieben mit allen ihren Bestre-
       bungen ohne Erfolg.
       Endlich drückte  die immer  heftiger werdende Konkurrenz des Aus-
       landes und  der Weltverkehr,  dem sich  Deutschland immer weniger
       entziehen konnte, die deutschen zersplitterten Lokalinteressen zu
       einer gewissen  Gemeinsamkeit zusammen.  Die deutschen Bürger be-
       gannen, namentlich  seit 1840,  auf die Sicherstellung dieser ge-
       meinsamen Interessen  zu denken;  sie wurden national und liberal
       und verlangten  Schutzzölle und  Konstitutionen.  Sie  sind  also
       jetzt beinahe so weit wie die französischen Bourgeois 1789.
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       1*) wild drauflos
       
       #180# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Wenn man,  wie die  Berliner Ideologen,  den Liberalismus und den
       Staat, selbst innerhalb der deutschen Lokaleindrücke stehend, be-
       urteilt oder  gar auf die Kritik der deutschbürgerlichen Illusio-
       nen über den Liberalismus sich beschränkt, statt ihn im Zusammen-
       hange mit  den wirklichen  Interessen aufzufassen,  aus denen  er
       hervorgegangen ist und mit denen zusammen er allein wirklich exi-
       stiert, kommt  man natürlich  zu den abgeschmacktesten Resultaten
       von der  Welt. Dieser  deutsche Liberalismus, wie er sich bis zur
       neuesten Zeit  hin noch  aussprach, ist,  wie wir  gesehen haben,
       schon in  seiner populären  Form Schwärmerei,  Ideologie über den
       w i r k l i c h e n  Liberalismus. Wie leicht also, seinen Inhalt
       ganz  in   Philosophie,   in   reine   Begriffsbestimmungen,   in
       "Vernunfterkenntnis" zu  verwandeln! Ist man also gar so unglück-
       lich, selbst  den verbürgerten Liberalismus nur in der sublimier-
       ten Gestalt  zu kennen,  die Hegel  und die  von  ihm  abhängigen
       Schulmeister ihm gegeben haben, so gelangt man zu Schlußfolgerun-
       gen, die  ausschließlich ins  Reich des  Heiligen gehören. Sancho
       wird uns hiervon ein trauriges Exempel liefern.
       "Man hat  in jüngster Zeit" in der aktiven Welt "so viel von" der
       Herrschaft der  Bourgeois "gesprochen, daß man sich nicht wundern
       darf, wenn  die Kunde  davon", schon  durch den  von dem Berliner
       Buhl übersetzten  L. Blanc  [88) pp., "auch nach Berlin gedrungen
       ist" und daselbst die Aufmerksamkeit gemütlicher Schulmeister auf
       sich gezogen  hat (Wigand,  p. 190).  Man kann indes nicht sagen,
       daß "Stirner"  in seiner  Methode der  Aneignung der kursierenden
       Vorstellungen sich  "eine besonders gewinnreiche und einträgliche
       Wendung angewöhnt"  habe (Wig[and] ibid.), wie bereits aus seiner
       Ausbeutung Hegels  hervorging und sich nun eines weiteren ergeben
       wird.
       Es ist  unserm Schulmeister nicht entgangen, daß in neuester Zeit
       die Liberalen  mit den Bourgeois identifiziert wurden. Weil Sankt
       Max die  Bourgeois mit den guten Bürgern, den kleinen Deutschbür-
       gern identifiziert, faßt er das ihm Tradierte nicht, wie es wirk-
       lich ist  und von  allen kompetenten Schriftstellern ausgeprochen
       wurde -  nämlich so, daß die liberalen Redensarten der idealisti-
       sche Ausdruck  der realen  Interessen der Bourgeoisie seien, son-
       dern umgekehrt,  daß der  letzte Zweck des Bourgeois der sei, ein
       vollendeter Liberaler,  ein Staatsbürger zu werden. Ihm ist nicht
       der bourgeois  die Wahrheit  des citoyen, ihm ist der citoyen die
       Wahrheit des bourgeois. Diese ebenso heilige als deutsche Auffas-
       sung geht  so weit,  daß uns  p. 130 "das Bürgertum" (soll heißen
       die Herrschaft  der  Bourgeoisie)  in  einen    "G e d a n k e n,
       n i c h t s   als einen Gedanken" verwandelt wird und "der Staat"
       als "der  wahre Mensch"  auftritt, der den einzelnen Bourgeois in
       den "Menschenrechten"  die Rechte   "d e s"   Menschen, die wahre
       Weihe erteilt  - Alles das, nachdem die Illusionen über den Staat
       und die Menschenrechte bereits in den "Deutsch-
       
       #181# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       Französischen Jahrbüchern"  hinlänglich aufgedeckt waren *), eine
       Tatsache, die  Sankt Max  im "apologetischen Kommentar" anno 1845
       endlich merkt. So kann er nun den Bourgeois, indem er ihn als Li-
       beralen von  sich als empirischem Bourgeois trennt, in den heili-
       gen Liberalen,  wie den Staat in "das Heilige" und das Verhältnis
       des Bourgeois  zum modernen  Staat in ein heiliges Verhältnis, in
       K u l t u s   verwandeln (p. 131), womit er eigentlich seine Kri-
       tik über  den politischen  Liberalismus schon beschlossen hat. Er
       hat ihn in "das Heilige" verwandelt **).
       Wir wollen  hier einige Exempel davon geben, wie Sankt Max dieses
       sein Eigentum  mit historischen Arabesken herausputzt. Hierzu be-
       nutzt er  die französische  Revolution,  für  die  ihm  sein  Ge-
       schichtsmakler, der  heilige Bruno,  einen kleinen Lieferungskon-
       trakt auf wenige Data vermittelt hat.
       Vermittelst einiger  Worte Baillys, die wieder durch des heiligen
       Bruno "Denkwürdigkeiten"  vermittelt sind,  "erlangen" durch  die
       Berufung der  Generalstaaten "die  bisherigen Untertanen  das Be-
       wußtsein, daß  sie Eigentümer  seien" (p.  132),  Umgekehrt,  mon
       brave 1*),  die bisherigen  Eigentümer betätigen  dadurch ihr Be-
       wußtsein, daß  sie keine  Untertanen mehr  sind - ein Bewußtsein,
       das schon längst erlangt war, z.B. in den Physiokratent [80], und
       polemisch gegen  die Bourgeois bei Linguet, "Théorie des lois ci-
       viles", 1767,  Mercier, Mably,  überhaupt den Schriften gegen die
       Physiokraten. Dieser  Sinn wurde auch sogleich erkannt im Anfange
       der Revolution,  z.B. von  Brissot, Fauchet, Marat, im Cercle so-
       cial' [90]  und von sämtlichen demokratischen Gegnern Lafayettes.
       Hätte der  heilige Max die Sache so gefaßt, wie sie sich unabhän-
       gig von  seinem Geschichtsmakler  zutrug, so  würde er sich nicht
       wundern, daß  "Baillys Worte  freilich so   k l i n g e n,   [als
       wäre nun jeder ein Eigentümer ..."] 2*)
       [... "Stirner"  glaubt, "'den  guten  Bü]rgern'  kann  es  gleich
       [gelten, wer sie] und ihre Prinzipien [schützt, ob ei]n absoluter
       oder konstitutioneller
       ---
       *) In den  "Deutsch-Franz[ösischen] Jahrb[üchern]"  geschah dies,
       dem Zusammenhange  gemäß, nur in Beziehung auf die Menschenrechte
       der französischen  Revolution. Man kann übrigens diese ganze Auf-
       fassung der  Konkurrenz als  "der Menschenrechte" schon Ein Jahr-
       hundert früher bei den Repräsentanten der Bourgeoisie nachweisen.
       (John Hamp[den],  Petty, Boisguillebert, Child pp.) Über das Ver-
       hältnis] der  theoretischen Liberalen zu den Bourgeois vergleiche
       [oben] über  das Verhältnis  der Ideologen einer Klasse zu dieser
       Klasse selbst.
       **) [Im Manuskript  gestrichen:] womit  für ihn  alle Kritik "ihr
       letztes Absehen  erreicht" und  alle Kühe  grau werden,  womit er
       zugleich seine  Unwissenheit über  die  w i r k l i c h e  Grund-
       lage und den wirklichen Inhalt der Bourgeoisieherrschaft gesteht.
       -----
       1*) mein Bester - 2*) folgen von Mäusen zerfressene Stellen
       
       #182# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       König, eine  Republik usw."  - Den  "guten Bürgern", die in einem
       Berliner Keller ihr stilles Weißbier trinken, ist dies allerdings
       "jleichjültig"; aber  den historischen Bourgeois ist dies keines-
       wegs gleich.  Der "gute Bürger" "Stirner" bildet sich hier wieder
       ein, wie  überhaupt im ganzen Abschnitte, die französischen, ame-
       rikanischen und  englischen Bourgeois  seien gute  Berliner Weiß-
       bierphilister. Der obige Satz heißt, aus der Form der politischen
       Illusion in  gutes Deutsch  übersetzt:  Den  Bourgeois  "kann  es
       gleichgültig sein",  ob sie  unumschränkt herrschen oder ob andre
       Klassen ihrer  politischen und  ökonomischen Macht die Waage hal-
       ten. Sankt  Max glaubt,  ein absoluter  König oder  sonst  Jemand
       k ö n n e   die Bourgeois ebensogut schützen, wie sie sich selbst
       schützen. Und  nun gar "ihre Prinzipien", die darin bestehen, die
       Staatsmacht dem  chacun pour soi, chacun chez soi 1*) unterzuord-
       nen, sie  dafür zu  exploitieren - das soll ein "absoluter König"
       können! Sankt  Max möge  uns das Land nennen, wo bei entwickelten
       Handels- und  Industrieverhältnissen, bei einer großen Konkurrenz
       die Bourgeois sich von einem "absoluten König" schützen lassen.
       Nach dieser  Verwandlung der  geschichtlichen  Bourgeois  in  ge-
       schichtslose deutsche Philister braucht "Stirner" denn auch keine
       andern Bourgeois  zu kennen  als "behagliche Bürger und treue Be-
       amte" (!!)  - zwei  Gespenster, die  sich nur  auf dem "heiligen"
       deutschen Boden  sehn lassen  dürfen "und  die ganze  Klasse  als
       "gehorsame Diener"  zusammenzufassen (p. 138). Er möge sich diese
       gehorsamen Diener  auf der Börse von London, Manchester, New York
       und Paris einmal ansehen. Da Sankt Max im Zuge ist, kann er jetzt
       auch the whole hog gehen 2*) und einem bornierten Theoretiker der
       "Einundzwanzig Bogen"  glauben, "der  Liberalismus sei  die  Ver-
       nunfterkenntnis  angewandt   auf   unsre   bestehenden   Verhält-
       nisse"l91', und zu erklären, "die Liberalen seien Eiferer für die
       Vernunft". Man  sieht aus  diesen [...]  Phrasen, wie  wenig  die
       Deutschen  [sich   von]  ihren   ersten   Illusionen   über   den
       Libera[lismus] erholt haben. "Abraham hat geglaubet auf Hoffnung,
       da Nichts  zu hoffen  war, - - und sein Glaube ward ihm gerechnet
       zur Gerechtigkeit." Röm[er]4, 18 und 22.
       
       "Der Staat  bezahlt gut,  damit seine  guten Bürger  ohne  Gefahr
       schlecht bezahlen können; er sichert sich seine Diener, aus denen
       er für  die guten  Bürger eine  Schutzmacht, eine Polizei bildet,
       durch gute  Bezahlung; und  die guten Bürger entrichten gern hohe
       Abgaben an ihn, um desto niedrigere an ihre Arbeiter zu leisten."
       p. 152.
       
       Soll heißen:  Die Bourgeois  bezahlen ihren  Staat gut und lassen
       die Nation  dafür zahlen, damit sie ohne Gefahr schlecht bezahlen
       können; sie sichern
       -----
       1*) jeder für  sich, jeder bei sich (zu Hause) - 2*) das Maß voll
       machen
       
       #183# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       sich durch  gute Bezahlung in den Staatsdienern eine Schutzmacht,
       eine Polizei;  sie entrichten gern und lassen die Nation hohe Ab-
       gaben entrichten, um das, was sie zahlen, ihren Arbeitern gefahr-
       los als Abgabe (als Abzug am Arbeitslohn) wieder auflegen zu kön-
       nen. "Stirner"  macht hier  die neue  ökonomische Entdeckung, daß
       der Arbeitslohn  eine Abgabe,  eine Steuer ist, die der Bourgeois
       dem Proletarier  zahlt, während die andern, profanen Ökonomen die
       Steuern als eine Abgabe fassen, die der Proletarier dem Bourgeois
       zahlt.
       Von dem  heiligen Bürgertum kommt unser heiliger Kirchenvater nun
       auf das  Stirnersche "einzige" Proletariat (p. 148). Dies besteht
       aus "Industrierittern,  Buhlerinnen, Dieben, Räubern und Mördern,
       Spielern, vermögenslosen  Leuten ohne Anstellung und Leichtsinni-
       gen" (ibid.). Sie sind "das gefährliche Proletariat" und reduzie-
       ren sich  für einen Augenblick auf "einzelne Schreier", dann end-
       lich "Vagabonden",  deren vollendeter Ausdruck die  "g e i s t i-
       g e n   Vagabonden" sind,  die sich nicht "in den Schranken einer
       gemäßigten  Denkungsart   halten".----  "S o l c h    w e i t e n
       S i n n   hat das  sogenannte Proletariat  oder" (per appos[itio-
       nem]) "der Pauperismus!" (p. 149.)
       [Das Proletariat  wird p.  151 ["dagegen vo]m Staate ausgesogen".
       [Das] ganze Proletariat besteht also aus ruinierten Bourgeois und
       ruinierten Proletariern,  aus einer Kollektion von Lumpen, die in
       jedem Zeitalter  existiert haben und deren  m a s s e n h a f t e
       Existenz nach  dem Untergange  des Mittelalters  dem massenhaften
       Entstehen des  profanen Proletariats  vorherging, wie  Sankt  Max
       sich aus  der englischen und französischen Gesetzgebung und Lite-
       ratur überzeugen  mag. Unser  Heiliger hat ganz dieselbe Vorstel-
       lung vom  Proletariat wie  die "guten behaglichen Bürger" und na-
       mentlich die "treuen Beamten". Er identifiziert konsequenterweise
       auch Proletariat  und Pauperismus,  während der  Pauperismus  die
       Lage nur  des ruinierten  Proletariats, die letzte Stufe ist, auf
       die der  gegen den Druck der Bourgeoisie widerstandslos gewordene
       Proletarier versinkt, und nur der aller Energie beraubte Proleta-
       rier ein  Pauper ist. Vgl. Sismondi, Wade etc. "Stirner" und Kon-
       sorten können  z. B.  in den Augen der Proletarier nach Umständen
       wohl für Paupers gelten, nie aber für Proletarier.
       Dies sind Sankt Maxens "eigene" Vorstellungen von der Bourgeoisie
       und vom Proletariat. Da er aber mit diesen Imaginationen über Li-
       beralismus, gute Bürger und Vagabunden natürlich zu Nichts kommt,
       so sieht  er sich  genötigt, um  den Übergang auf den Kommunismus
       fertigzubringen, die  wirklichen, profanen Bourgeois und Proleta-
       rier, soweit  er sie  vom Hörensagen kennt, hereinzubringen. Dies
       geschieht p.  151 und  152, wo  das Lumpenproletariat sich in die
       "Arbeiter", die  profanen Proletarier,  verwandelt und  die Bour-
       geois
       
       #184# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       eine Reihe  von "mancherlei  Wandlungen" und "mannigfaltigen Bre-
       chungen" "mit  der Zeit"  "mitunter" durchmachen.  Auf der  einen
       Zeile  heißt   es:    "D i e    B e s i t z e n d e n    h e r r-
       s c h e n"  - profane Bourgeois; sechs Zeilen weiter: "Der Bürger
       ist, was er ist, durch die Gnade des Staats" - heilige Bourgeois;
       wieder sechs  Zeilen  weiter:  "Der  Staat  ist  der  Status  des
       Bürgertums" - profane Bourgeois; was dahin erklärt wird, daß "der
       Staat den  Besitzenden" "ihren  Besitz zu Lehen" gibt und daß das
       "Geld und  Gut" der  "Kapitalisten" -  ein solches  vom Staat  zu
       "Lehen" übertragenes "Staatsgut" ist - heilige Bourgeois. Am Ende
       verwandelt sich  dann dieser  allmächtige Staat  wieder  in  "den
       Staat der  Besitzenden", also  der profanen  Bourgeois, wozu dann
       eine spätere  Stelle paßt:  "Die   B o u r g e o i s i e    wurde
       durch die  Revolution    a l l m ä c h t i g."    p.  156.  Diese
       "seelenmarternden" und  "gräßlichen"  Widersprüche  hätte  selbst
       Sankt Max  nie zustande  gebracht, wenigstens nie zu promulgieren
       gewagt, wenn  ihm nicht  das deutsche  Wort "Bürger", das er nach
       Belieben als "citoyen" oder "bourgeois" oder als deutscher "guter
       Bürger" auslegen kann, zu Hülfe gekommen wäre.
       Ehe wir  weitergehen, müssen wir noch zwei große politisch-ökono-
       mische Entdeckungen  konstatieren, die  unser Biedermann  "in der
       Stille  des   Gemütes"  "zutage   fördert"  und   die   mit   der
       "Jünglingslust" von  p. 17  das gemein  haben, daß  sie ebenfalls
       "reine Gedanken" sind.
       p. 150  reduziert sich alles Unheil der bestehenden sozialen Ver-
       hältnisse darauf,  daß "Bürger und Arbeiter an die 'Wahrheit' des
       Geldes glauben".  Jacques le  bonhomme bildet  sich hier  ein, es
       hänge von  den "Bürgern" und "Arbeitern" ab, die in allen zivili-
       sierten Staaten  der Welt zerstreut sind, morgen am Tage urplötz-
       lich ihren  "Unglauben" an die "Wahrheit des Geldes" zu Protokoll
       zu geben,  er glaubt  sogar, daß, wenn dieser Unsinn möglich sei,
       damit irgend  etwas getan  sei.  Er  glaubt,  die  "Wahrheit  des
       Geldes" könne jeder Berliner Literat ebensogut abschaffen, wie er
       für seinen  Kopf die "Wahrheit" Gottes oder der Hegelschen Philo-
       sophie abschafft.  Daß das  Geld ein notwendiges Produkt gewisser
       Produktions- und  Verkehrsverhältnisse ist  und  eine  "Wahrheit"
       bleibt, solange  diese Verhältnisse  existieren, das  geht  einen
       Heiligen wie  Sankt Max,  der gen  Himmel schaut und der profanen
       Welt seinen profanen Hintern zudreht, natürlich Nichts an.
       Die zweite Entdeckung wird auf p. 152 gemacht und geht dahin, daß
       "der Arbeiter seine Arbeit nicht verwerten kann", weil er "Denen,
       die irgendein Staatsgut" "zu Lehen" erhalten haben, "in die Hände
       fällt". Dies  ist nur  die weitere Erklärung des schon früher zi-
       tierten Satzes von p. 151, daß der Arbeiter vom Staate ausgesogen
       wird. Hierbei "stellt" sogleich Jeder "die einfache Reflexion an"
       - daß  "Stirner" dies nicht tut, ist nicht "zu verwundern" -, wie
       es denn komme, daß der Staat nicht auch den "Arbeitern" irgendein
       
       #185# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       "Staatsgut" zum  "Lehen" gegeben habe. Hätte Sankt Max sich diese
       Frage  gestellt,   so  würde   er  sich  seine  Konstruktion  des
       "heiligen" Bürgertums  wahrscheinlich erspart haben, weil er dann
       hätte sehen müssen, in welchem Verhältnis die Besitzenden zum mo-
       dernen Staat stehen.
       Vermittelst des Gegensatzes von Bourgeoisie und Proletariat - das
       weiß selbst  "Stirner" -  kommt man  auf den  Kommunismus.  W i e
       man aber darauf kommt, das weiß  n u r  "Stirner".
       
       "Die Arbeiter  haben die  ungeheuerste Macht  in Händen  - -  sie
       dürften  n u r  die Arbeit einstellen und das Gearbeitete als das
       Ihrige   a n s e h e n   und genießen.  Dies  ist  der  Sinn  der
        h i e  u n d  d a  auftauchenden Arbeiterunruhen." p. 153.
       
       Die Arbeiterunruhen,  die bereits unter dem byzantinischen Kaiser
       Zeno ein  Gesetz veranlaßten (Zeno, de novis operibus constitutio
       1*)), die  im 14.  Jahrhundert in der Jacquerie und dem Aufstände
       von Wat  Tyler, 1518  am evil  may-day [92] in London und 1549 im
       großen Aufstande des Gerbers Ket [93] "auftauchten", die dann den
       Act 2  und 3  Edward VI., 15 und eine Reihe ähnlicher Parlaments-
       akte veranlaßten,  die bald  darauf 1640 und 1659 (acht Aufstände
       in einem  Jahre) in Paris vorkamen und schon seit dem vierzehnten
       Jahrhundert in Frankreich und England, der gleichzeitigen Gesetz-
       gebung zufolge,  häufig gewesen  sein  müssen  -  der  beständige
       Krieg, der  seit 1770  in England  und  seit  der  Revolution  in
       Frankreich von  den Arbeitern  gegen die Bourgeois mit Gewalt und
       List geführt  wird -  Alles Das  existiert für Sankt Max nur "hie
       und da", in Schlesien, Posen, Magdeburg und Berlin, "wie deutsche
       Blätter melden".
       Das Gearbeitete  würde, wie  Jacques le  bonhomme sich einbildet,
       als Gegenstand  des "Ansehens" und "Genießens" immer fortexistie-
       ren und sich reproduzieren, wenn auch die Produzenten "die Arbeit
       einstellten".
       Wie oben  beim Gelde,  verwandelt unser  guter Bürger hier wieder
       "die Arbeiter",  die in  der ganzen  zivilisierten Welt zerstreut
       sind, in  eine geschlossene  Gesellschaft, die nur einen Beschluß
       zu fassen  hat, um  sich aus  allen Schwierigkeiten  zu befreien.
       Sankt Max  weiß natürlich  nicht, daß  allem seit 1830 in England
       wenigstens fünfzig  Versuche gemacht wurden, daß in diesem Augen-
       blicke noch  einer gemacht  wird, um  die sämtlichen Arbeiter nur
       von England  in eine  einzige Assoziation  zusammenzubringen, und
       daß höchst  empirische Gründe  das Gelingen aller dieser Projekte
       vereitelten. Er  weiß nicht, daß selbst eine Minorität der Arbei-
       ter, die  sich zu  einer Arbeitseinstellung  vereinigt, sich sehr
       bald gezwungen  sieht, revolutionär  aufzutreten, eine  Tatsache,
       die er an der englischen Insurrektion von 1842 und
       -----
       1*) Verordnung über die neuen Arbeiten
       
       #186# Karl Marx und Friedrich Engels
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       früher schon an der welschen 1*) Insurrektion von 1839 [94] hätte
       lernen können, in welchem Jahre die revolutionäre Aufregung unter
       den Arbeitern  zuerst in  dem "heiligen  Monat", der zugleich mit
       der allgemeinen Bewaffnung des Volks proklamiert wurde, einen um-
       fassenden Ausdruck  erhielt. Man sieht hier wieder, wie Sankt Max
       überall seinen Unsinn als  "d e n  Sinn" geschichtlicher Fakta an
       den Mann  zu bringen  sucht, was  ihm höchstens  bei  s e i n e m
       "Man" gelingt  - geschichtlicher Fakta, "denen er seinen Sinn un-
       terschiebt, die  also auf einen Unsinn auslaufen mußten" (Wigand,
       p. 194). Übrigens fällt es keinem Proletarier ein, Sankt Max über
       "den Sinn" der proletarischen Bewegungen oder über das, was jetzt
       gegen die Bourgeoisie zu unternehmen sei, zu Rate zu ziehen.
       Nach dieser  großen Kampagne zieht sich unser heiliger Sancho mit
       folgender Fanfare zu seiner Maritornes zurück:
       
       "Der Staat beruht auf der  S k l a v e r e i  d e r  A r b e i t.
       Wird die   A r b e i t  f r e i,  so ist der Staat verloren." (p.
       153.)
       
       Der  m o d e r n e  Staat, die Herrschaft der Bourgeoisie, beruht
       auf der   F r e i h e i t   d e r   A r b e i t.  Der heilige Max
       hat sich  ja selbst,  wie oft!  freilich karikiert genug! aus den
       "Deutsch-Französischen  Jahrbüchern"  abstrahiert,  daß  mit  der
       Freiheit der  Religion, des  Staats, des  Denkens pp.,  also doch
       "mitunter" "wohl  auch" "etwa" der  A r b e i t,  nicht Ich, son-
       dern nur Einer meiner Zwingherrn frei werde. Die Freiheit der Ar-
       beit ist  die freie Konkurrenz der Arbeiter unter sich. Sankt Max
       hat großes  Unglück, wie  in  a l l e n  a n d e r n  Sphären, so
       auch in  der Nationalökonomie.  Die Arbeit   i s t  frei in allen
       zivilisierten Ländern; es handelt sich nicht darum, die Arbeit zu
       befreien, sondern sie aufzuheben.
       
       B) Der Kommunismus
       
       Sankt Max nennt den Kommunismus den "sozialen Liberalismus", weil
       er wohl  weiß, in welchem schlechten Geruch das Wort Liberalismus
       bei den  Radikalen von  1842 und  bei den am weitesten gegangenen
       Berliner Freijeistern  [95] steht.  Diese  Verwandlung  gibt  ihm
       zugleich Gelegenheit und Courage, den "sozialen Liberalen" aller-
       lei Dinge in den Mund zu legen, die vor "Stirner" noch nie ausge-
       sprochen  wurden   und  deren   Widerlegung  dann   zugleich  den
       K o m m u n i s m u s  widerlegen soll.
       Die Überwindung  des Kommunismus geschieht durch eine Reihe teils
       logischer, teils historischer Konstruktionen.
       -----
       1*) So im Manuskript für: walisischen
       
       #187# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       E r s t e  l o g i s c h e  K o n s t r u k t i o n.
       
       Weil "Wir  Uns zu  Dienern von  Egoisten gemacht  sehen", "sollen
       Wir" nicht  selbst "zu  Egoisten  werden  -  sondern  lieber  die
       Egoisten unmöglich  machen. Wir wollen sie Alle zu Lumpen machen,
       wollen Alle  Nichts haben, damit 'Alle' haben. - So die Sozialen.
       - Wer  ist diese  Person,  die  ihr  'Alle'  nennt?  Es  ist  die
       'Gesellschaft'." p. 153.
       
       Vermittelst ein  paar Anführungszeichen  verwandelt  Sancho  hier
       "Alle" in eine Person, die Gesellschaft als Person, als Subjekt =
       die heilige Gesellschaft, das Heilige. Jetzt weiß unser Heiliger,
       woran er  ist, und kann einen ganzen Strom seines Feuereifers ge-
       gen "das Heilige" loslassen, womit natürlich der Kommunismus ver-
       nichtet ist.
       Daß Sankt  Max hier  wieder  den  "Sozialen"  seinen  Unsinn  als
       i h r e n   Sinn in  den Mund legt, ist nicht "zu verwundern". Er
       identifiziert zuerst  das "Haben"  als Privateigentümer  mit  dem
       "Haben" überhaupt.  Statt die bestimmten Verhältnisse des Privat-
       eigentums zur  Produktion, statt  das "Haben"  als Grundbesitzer,
       als Rentier,  als Commerçant  1*), als Fabrikant, als Arbeiter zu
       betrachten -  wo sich  das "Haben" als ein ganz bestimmtes Haben,
       als das Kommando über fremde Arbeit ausweist - verwandelt er alle
       diese Verhältnisse in "die Habe". 2*)
       [...] den politischen Liberalismus tun ließ, der die "Nation" zur
       höchsten Eigentümerin  machte. Der  Kommunismus hat also gar kein
       "persönliches Eigentum"  mehr "abzuschaffen",  sondern  höchstens
       die Verteilung  der "Lehen" auszugleichen, die "égalité" 3*) dann
       einzuführen. Über die Gesellschaft als "höchste Eigentümerin" und
       den "Lumpen" vergleiche Sankt Max u.a. den "Egalitaire" von 1840:
       
       "Das soziale  Eigentum ist  ein  Widerspruch,  aber  der  soziale
       Reichtum ist eine Folge des Kommunismus. Fourier sagt hundertmal,
       im Gegensatz zu den bescheidnen Bourgeoismoralisten, nicht darin,
       daß Einige zu viel haben, liege ein soziales Übel, sondern darin,
       daß Alle zu wenig haben", und signalisiert darum auch, "La fausse
       Industrie", Paris 1835, p. 410, die "Armut der Reichen".
       
       Desgleichen heißt  es bereits  in der  1839, also  vor  Weitlings
       "Garantien",  in  Paris  erschienenen  deutschen  kommunistischen
       Zeitschrift "Die Stimme des Volks", Heft II, p. 14:
       
       "Das Privateigentum,  der vielbelobte,  fleißige, gemütliche, un-
       schuldige 'Privaterwerb',  tut offenbar  Abbruch dem Lebensreich-
       tum."
       -----
       1*) Kaufmann  - 2*)  hier fehlen  im Manuskript 4 Seiten, nämlich
       der Bogen  31, auf dem sich der Schluß der "Ersten logischen Kon-
       struktion" und  der Anfang  der "Zweiten  logischen Konstruktion"
       befand - 3*) Gleichheit
       
       #188# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       Sankt Sancho  nimmt hier  die Vorstellung einiger zum Kommunismus
       übergehenden Liberalen  und die  Ausdrucksweise einiger  aus sehr
       praktischen Gründen  in politischer  Form sprechenden Kommunisten
       für den Kommunismus.
       Nachdem er das Eigentum "der Gesellschaft" übertragen hat, werden
       ihm sämtliche  Teilhaber dieser Gesellschaft sofort zu Habenicht-
       sen und  Lumpen, obgleich sie selbst in  s e i n e r  Vorstellung
       von der kommunistischen Ordnung der Dinge die "höchste Eigentüme-
       rin" "haben".  - Der  wohlmeinende Vorschlag, den er den Kommuni-
       sten macht, "das Wort 'Lump' zu einer ehrenden Anrede zu erheben,
       wie die Revolution das Wort Bürger dazu erhob", ist ein schlagen-
       des Beispiel, wie er den Kommunismus mit einer längst dagewesenen
       Sache verwechselt. Die Revolution hat selbst, im Gegensatz zu den
       "honnêtes gens"  1*), die er sehr dürftig durch gute Bürger über-
       setzt, das Wort sans-culotte [77] "zu einer ehrenden Anrede erho-
       ben". Solches  tut der heilige Sancho, auf daß erfüllet werde das
       Wort, das  da geschrieben steht im Propheten Merlin von den drei-
       tausenddreihundert Backenstreichen,  die der  Mann, der da kommen
       soll, sich selber geben muß:
       
       Es menester, que Sancho tu escudero
       Se dé tres mil azotes, y tre cientos
       En ambas sus valientes posaderas
       Al aire descubiertas, y de modo
       Que le escuezan, le amarguen y le enfaden.
       (Don Quijote, tomo II, cap. 35.) 2*)
       
       Sankt Sancho  konstatiert  "die  Erhebung  der  Gesellschaft  zur
       höchsten Eigentümerin" als "zweiten  R a u b  am Persönlichen, im
       Interesse der  Menschlichkeit", während  der Kommunismus  nur der
       vollendete Raub  am "Raub  des Persönlichen"  ist. "Weil  ihm der
       Raub ohne  alle Frage für verabscheuungswürdig gilt, darum glaubt
       z.B." Sankt Sancho "schon mit dem" obigen "Satze" den Kommunismus
       "gebrandmarkt zu  haben". ("Das Buch", p. 102.) "Hatte" "Stirner"
       "gar den  Raub" am  Kommunismus "gewittert,  wie sollte  er  denn
       nicht gegen  ihn einen 'tiefen Abscheu' und eine 'gerechte Entrü-
       stung' gefaßt  haben"! (Wig[and,] p. 156.) "Stirner" wird hiermit
       aufgefordert
       -----
       1*) anständigen Leuten - 2*)
       Es muß dein Schildknapp' Sancho sich dreitausend
       Und noch dreihundert Geißelhiebe geben
       Auf seine beiden mächt'gen Sitzfleischhälften,
       Die er entblößt, und so, daß diese Streiche
       Ihn wirklich schmerzen, brennen, peinigen.
       (Don Quijote, Band II, Kapitel 35.)
       
       #189# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       gefordert, uns  den Bourgeois zu nennen, der über den Kommunismus
       (oder Chartismus)  [94] geschrieben und nicht dieselbe Albernheit
       mit vieler Emphase vorgebracht hat. An dem, was dem Bourgeois für
       "persönlich" gilt,  wird der  Kommunismus allerdings einen "Raub"
       ausüben.
       E r s t e s  K o r o l l a r.
       p. 349.  "Der Liberalismus  trat sogleich  mit der Erklärung auf,
       daß es  zum Wesen  des Menschen  gehöre, nicht   E i g e n t u m,
       sondern Eigentümer  zu sein. Da es hierbei um den Menschen, nicht
       um den  Einzelnen zu tun war, so blieb das Wieviel, welches grade
       das spezielle  Interesse der Einzelnen ausmachte, diesen überlas-
       sen. D a h e r  behielt der Egoismus der Einzelnen in diesem Wie-
       viel den  freiesten Spielraum und trieb eine unermüdliche Konkur-
       renz."
       D.h. der  Liberalismus, i. e. die liberalen Privateigentümer, ga-
       ben im  Anfange der  französischen Revolution  dem Privateigentum
       einen liberalen  Schein, indem  sie es  für ein Menschenrecht er-
       klärten. Sie  waren hierzu  schon durch ihre Stellung als revolu-
       tionierende Partei  gezwungen, sie  waren  sogar  gezwungen,  der
       Masse des  französischen [Landjvolks  nicht nur das Recht des Ei-
       gentums zu  geben, son[dern  a]uch  w i r k l i c h e s  Eigentum
       n e h m e n   zu lassen, und sie konnten dies Alles tun, weil da-
       durch ihr  eignes "Wieviel", worauf es ihnen hauptsächlich ankam,
       unberührt blieb und sogar sichergestellt wurde. - Wir finden hier
       ferner konstatiert,  daß Sankt Max die Konkurrenz aus dem Libera-
       lismus entstehen  läßt, ein  Backenstreich, den er der Geschichte
       aus Rache  für die  Backenstreiche gibt,  die er oben sich selbst
       geben mußte.  Die "genauere  Erklärung" des  Manifestes, womit er
       den Liberalismus   "s o g l e i c h   auftreten" läßt, finden wir
       bei Hegel, der sich im Jahre 1820 dahin aussprach:
       
       "Im Verhältnis  zu äußerlichen  Dingen ist das Vernünftige" (d.h.
       geziemt es  mir als  Vernunft, als Mensch), "daß ich Eigentum be-
       sitze -  - was  und   w i e v i e l   ich besitze, ist daher eine
       rechtliche Zufälligkeit." ("Rechtsphilosophie]", § 49.)
       
       Bei Hegel  ist das  Bezeichnende, daß er die Phrase des Bourgeois
       zum wirklichen  Begriff,  zum  Wesen  des  Eigentums  macht,  was
       "Stirner" ihm  getreulich nachmacht.  Sankt Max  basiert nun  auf
       obige Entwicklung die weitere Aussage, daß der Kommunismus
       
       "die Frage nach dem  W i e v i e l  des Innehabens aufstellte und
       sie dahin  beantwortete, daß  der Mensch so viel haben müsse, als
       er brauche. Wird sich mein Egoismus damit genügen können? - - Ich
       muß vielmehr  so viel  haben, als  ich mir  anzueignen  vermögend
       bin." (p. 349.)
       
       Zuerst ist  hier zu  bemerken, daß der Kommunismus keineswegs aus
       dem §  49 der  Hegelschen "Rechtsphilosophie" und seinem "Was und
       Wieviel"
       
       #190# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       hervorging. Zweitens  fällt es   "d e m   Kommunismus" nicht ein,
       "d e m  Menschen" etwas geben zu wollen, da  "d e r  Kommunismus"
       keineswegs der  Meinung ist,  daß   "d e r   Mensch" irgend etwas
       "brauche" als  eine kurze kritische Beleuchtung. Drittens schiebt
       er dem  Kommunismus das  "Brauchen" des heutigen Bourgeois unter,
       er bringt  also eine Distinktion herein, die ihrer Lumpigkeit we-
       gen bloß in der heutigen Gesellschaft und ihrem ideellen Abbilde,
       dem Stirnerschen Verein von "einzelnen Schreiern" und freien Näh-
       terinnen, von  Wichtigkeit sein  kann. "Stirner" hat wieder große
       "Durchschauungen" des  Kommunismus zustande gebracht. Schließlich
       unterstellt Sankt  Sancho m  seiner Forderung,  so viel  haben zu
       müssen, als  er selbst  sich anzueignen vermögend ist (wenn diese
       nicht etwa  auf die  gewöhnliche Bourgeoisphrase,  daß Jeder nach
       Vermögen haben,  das Recht  des freien  Erwerbs haben solle), den
       Kommunismus als  durchgesetzt, um sein "Vermögen" frei entwickeln
       und geltend  machen zu  können, was keineswegs allein von ihm, so
       wenig wie  sein "Vermögen" selbst, sondern auch von den Produkti-
       onsund Verkehrsverhältnissen,  in denen er lebt, abhängt. - (Vgl.
       unten den  "Verein".) Sankt  Max handelt  übrigens  nicht  einmal
       selbst nach  seiner Lehre,  da er in seinem ganzen "Buche" Sachen
       "braucht"  und   verbraucht,  die   er  "sich  anzueignen"  nicht
       "vermögend war".
       Z w e i t e s  K o r o l l a r.
       
       "Aber die  Sozialreformer predigen Uns ein Gesellschaftsrecht. Da
       wird der Einzelne der Sklave der Gesellschaft." p. 246. "Nach der
       Meinung der  Kommunisten soll jeder die ewigen Menschenrechte ge-
       nießen." p. 238.
       
       Über die  Ausdrücke Recht, Arbeit pp., wie sie bei proletarischen
       Schriftstellern vorkommen,  und wie  sich die  Kritik zu ihnen zu
       verhalten hat,  werden wir  beim "wahren Sozialismus" (siehe Band
       II) 1*)  sprechen. Was  das Recht  betrifft, so  haben wir  unter
       vielen Andern  den Gegensatz  des  Kommunismus  gegen  das  Recht
       sowohl als politisches und privates als auch in seiner allgemein-
       sten Form als Menschenrecht geltend gemacht. Siehe "Deutsch-Fran-
       zösische Jahrbücher",  wo das  Privilegium, das Vorrecht als ent-
       sprechend dem  ständisch gebundenen Privateigentum, und das Recht
       als entsprechend  dem Zustande der Konkurrenz, des freien Privat-
       eigentums gefaßt ist, p. 206 und anderwärts; ebenso das Menschen-
       recht selbst  als Privilegium und das Privateigentum als Monopol.
       Ferner die  Kritik des  Rechts in  Zusammenhang gebracht  mit der
       deutschen Philosophie  und als Konsequenz der Kritik der Religion
       dargestellt, p.  72, und  ausdrücklich die  Rechtsaxiome, die auf
       den Kommunismus führen sollen, als Axiome des Privateigentums ge-
       faßt, wie
       -----
       1*) Gemeint ist Bd. II der "Deutschen Ideologie" im vorl. Band.
       
       #191# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. II!. Sankt Max
       -----
       das gemeinsame  Besitzrecht als  eingebildete  Voraussetzung  des
       Rechts des Privateigentums, p. 98, 99. [961]
       Die obige  Redensart übrigens  einem Babeuf entgegenzuhalten, ihn
       als  theoretischen  Repräsentanten  des  Kommunismus  zu  fassen,
       konnte nur  einem Berliner Schulmeister einfallen. "Stirner" ent-
       blödet sich  indessen nicht,  p. 247 zu behaupten, daß der Kommu-
       nismus, welcher annimmt,
       
       "daß die  Menschen von  Natur gleiche Rechte haben, seinen eignen
       Satz dahin widerlege, daß die Menschen von Natur gar keine Rechte
       haben. Denn  er will z.B. nicht anerkennen, daß die Eltern Rechte
       gegen die Kinder haben, er hebt die Familie auf. Überhaupt beruht
       dieser ganze revolutionäre oder Babeufsche (vgl. 'Die Kommunisten
       in der  Schweiz, Kommissionalbericht',  p. 3) Grundsatz auf einer
       religiösen, d.h. falschen Anschauung."
       
       Nach England  kommt ein  Yankee, wird  durch den  Friedensrichter
       daran gehindert,  seinen Sklaven  auszupeitschen, und ruft entrü-
       stet aus:  "Do you call this a land of liberty, where a man can't
       larrup his nigger?" 1*)
       Sankt Sancho  blamiert sich  hier doppelt. Erstens sieht er darin
       eine Aufhebung  der "gleichen  Rechte der Menschen", daß die "von
       Natur gleichen  Rechte" der  Kinder gegen  die Eltern geltend ge-
       macht, daß Kindern wie Eltern  g l e i c h e s  Menschenrecht ge-
       geben wird. Zweitens erzählt Jacques le bonhomme zwei Seiten vor-
       her, daß  der Staat sich nicht einmische, wenn der Sohn vom Vater
       geprügelt werde, weil er das Familienrecht anerkenne. Was er also
       einerseits für  ein partikulares  Recht (Familienrecht)  ausgibt,
       subsumiert er  andrerseits unter  die "von  Natur gleichen Rechte
       der Menschen".  Schließlich gesteht er uns, daß er den Babeuf nur
       aus dem Bluntschlibericht kennt, während der Bluntschlibericht p.
       3 uns ebenfalls gesteht, daß er seine Weisheit aus dem wackern L.
       Stein, Doktor  der Rechte,  geschöpft hat  [97].  Die  gründliche
       Kenntnis, die  Sankt Sancho  vom Kommunismus hat, geht aus diesem
       Zitat hervor.  Wie Sankt  Bruno sein  Revolutionsmakler,  so  ist
       Sankt Bluntschli  sein Kommunistenmakler.  Bei diesem  Stande der
       Dinge darf  es uns auch nicht wundern, wenn unser Wort Gottes vom
       Lande ein  paar Zellen  weiter die  fraternité 2*) der Revolution
       auf die  "Gleichheit der  Kinder Gottes" (in welcher christlichen
       Dogmatik kommt die égalité vor?) reduziert.
       D r i t t e s  K o r o l l a r.
       
       p. 414:  Weil das  Prinzip der Gemeinschaft im Kommunismus kulmi-
       niert, darum ist der Kommunismus = "Glorie des Liebesstaats".
       -----
       1*) "Nennen Sie  das ein  freies Land, wo man seinen Nigger nicht
       durchprügeln kann?" - 2*) Brüderlichkeit
       
       #192# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       Aus dem  Liebesstaat, der  ein eigenes Fabrikat Sankt Maxens ist,
       leitet er  hier den  Kommunismus ab,  der dann natürlich auch ein
       ausschließlich  Stirnerscher  Kommunismus  bleibt.  Sankt  Sancho
       kennt nur  den Egoismus  auf der  einen oder den Anspruch auf die
       Liebesdienste, Erbarmen,  Almosen der Leute auf der andern Seite.
       Außer und über diesem Dilemma gibt es für ihn Nichts.
       D r i t t e  l o g i s c h e  K o n s t r u k t i o n.
       
       "Weil in  der Gesellschaft  sich die  drückendsten Übelstände be-
       merklich machen,  so denken  besonders" (!) "die Gedrückten" (!),
       "die Schuld  in der Gesellschaft zu finden, und machen sich's zur
       Aufgabe, die rechte Gesellschaft zu entdecken." p. 155.
       
       Im Gegenteil  "macht sich's"  "Stirner" "zur  Aufgabe", die i h m
       "rechte Gesellschaft", die heilige Gesellschaft, die Gesellschaft
       als   d a s  Heilige zu entdecken. Die heutzutage "in der Gesell-
       schaft"  "Gedrückten"   "denken"  bloß  darauf,  die    i h n e n
       r e c h t e   Gesellschaft, die  zunächst in  der Abschaffung der
       jetzigen Gesellschaft, auf der Basis der vorgefundenen Produktiv-
       kräfte, besteht,  durchzusetzen. Weil e.g. 1*) bei einer Maschine
       "sich drückende  Übelstände bemerkbar machen", z.B. daß sie nicht
       gehen will, und Diejenigen, die die Maschine nötig haben, z.B. um
       Geld zu  machen, den  Übelstand in  der Maschine finden, auf ihre
       Veränderung ausgehen  pp., so machen sie sich's nach Sankt Sancho
       zur Aufgabe,  nicht sich  die Maschine    z u r e c h t zurücken,
       sondern die  r e c h t e  Maschine, die heilige Maschine, die Ma-
       schine als  das Heilige,  das Heilige  als die  Maschine, die Ma-
       schine im  Himmel  zu  entdecken.  "Stirner"  rät  ihnen,    "i n
       s i c h"  die Schuld zu suchen. Ist es nicht ihre Schuld, daß sie
       z.B. der Hacke und des Pflugs bedürfen? Könnten sie nicht mit den
       Nägeln die  Kartoffeln in  den Boden  hinein- und aus ihm heraus-
       kratzen? Der Heilige predigt ihnen darüber p. 156:
       
       "Es ist  das nur eine alte Erscheinung, daß man die Schuld zuerst
       in allem Andern als in sich sucht - also im Staat, in der Selbst-
       sucht der Reichen, die doch gerade unsere Schuld ist."
       
       Der "Gedrückte",  der "im  Staate" "die  Schuld" des  Pauperismus
       sucht, ist, wie wir oben vorläufig sahen, Niemand anders als Jac-
       ques le  bonhomme selbst. Zweitens, der "Gedrückte", der sich da-
       bei beruhigt,  die "Schuld" in der "Selbstsucht des Reichen" fin-
       den zu lassen, ist wieder Niemand anders als Jacques le bonhomme.
       Er hätte sich aus des Schneiders und Doktors der Philosophie John
       Watts "Facts  and Fictions",  aus Hobsons  "Poor Man's Companion"
       etc. eines  Bessern in Beziehung auf die andern Gedrückten beleh-
       ren
       -----
       1*) exempli gratis = zum Beispiel
       
       #193# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       können. Und  wer ist,  drittens, die  Person von "Unsrer Schuld",
       etwa das  Proletarierkind, das  skrofulös auf die Welt kommt, mit
       Opium heraufgezogen,  im siebenten  Jahre in die Fabrik geschickt
       wird -  etwa der einzelne Arbeiter, dem hier zugemutet wird, sich
       auf seine  Faust gegen den Weltmarkt zu "empören" - etwa das Mäd-
       chen, das  entweder verhungern oder sich prostituieren muß? Nein,
       sondern nur  Der, der "alle Schuld", d.h. die "Schuld" des ganzen
       jetzigen Weltzustandes  "in sich" sucht, nämlich abermals Niemand
       als Jacques  le bonhomme  selbst: "Es  ist dies  nur die alte Er-
       scheinung" des  christlichen Insichgehens  und Bußetuns in germa-
       nisch-spekulativer Form, der idealistischen Phraseologie, wo Ich,
       der Wirkliche,  nicht die Wirklichkeit verändern muß, was ich nur
       mit Andern  kann, sondern  in mir mich verändern. "Es ist der in-
       nerliche Kampf  des Schriftstellers  mit sich selbst." ("Die hei-
       lige Familie", p. 122, vgl. p. 73, p. 121 und p. 306. 1*))
       Nach Sankt Sancho suchen also die von der Gesellschaft Gedrückten
       die rechte  Gesellschaft. Konsequent  müßte er also auch Diejeni-
       gen, die  "im Staate  die Schuld  suchen", und Beide sind bei ihm
       d i e s e l b e n   Personen, den   r e c h t e n  S t a a t  su-
       chen lassen.  Dies darf  er aber nicht, denn er hat davon gehört,
       daß die  Kommunisten den  Staat abschaffen wollen. Diese Abschaf-
       fung des  Staats muß  er jetzt  konstruieren, und dies vollbringt
       der heilige  Sancho wieder vermittelst seines "Grauen", der Appo-
       sition, in einer Weise, die "sehr einfach aussieht":
       
       "Weil die Arbeiter sich im  N o t s t a n d  befinden, so muß der
       gegenwärtige   S t a n d   d e r  D i n g e,  d.i. der  S t a a t
       (status = Stand) abgeschafft werden" (ibid.).
       Also:
       Notstand = gegenwärtigem Stand der Dinge. Gegenwärtiger Stand der
       Dinge = Stand.
       Stand = Status.
       Status = Staat.
       Schluß: Notstand = Staat.
       Was kann  "einfacher aussehen"?  "Es ist  nur zu verwundern", daß
       die englischen  Bourgeois von 1688 und die französischen von 1789
       nicht   dieselben   "einfachen   Reflexionen"   und   Gleichungen
       "anstellten", wo  damals doch noch viel mehr der Stand = Status =
       der Staat  war. Es  folgt daraus, daß überall, wo "Notstand" vor-
       handen ist,   "d e r   Staat",  der natürlich  in Preußen  und in
       Nordamerika derselbe ist, abgeschafft werden muß.
       -----
       1*) Siehe Bd. 2 unserer Ausgabe. S. 87, vgl. 55/56,86/87, 204
       
       #194# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       Sankt Sancho gibt uns jetzt, nach seiner Gewohnheit, einige Sprü-
       che Salomonis.
       S p r u c h  S a l o m o n i s  Nr. I.
       
       p. 163:  "Daß die  Gesellschaft gar  kein Ich  ist, das geben pp.
       könnte, sondern  ein Instrument, aus dem wir Nutzen ziehen mögen,
       daß wir keine gesellschaftlichen Pflichten, sondern lediglich In-
       teressen haben,  daß wir  der Gesellschaft  keine Opfer  schuldig
       sind, sondern,  opfern wir etwas, es Uns opfern, daran denken die
       Sozialen nicht,  weil sie  im religiösen  Prinzip gefangen sitzen
       und eifrig trachten nach einer - heiligen Gesellschaft."
       
       Hieraus ergeben sich folgende "Durchschauungen" des Kommunismus:
       1. hat Sankt  Sancho ganz  vergessen, daß  Er selber  es war, der
       "die Gesellschaft"  in ein "Ich" verwandelte, und sich daher bloß
       in seiner eignen "Gesellschaft" befindet;
       2. glaubt er, die Kommunisten warteten darauf, daß ihnen "die Ge-
       sellschaft" irgend  etwas "gebe", während sie sich höchstens eine
       Gesellschaft geben wollen;
       3. verwandelt er  die Gesellschaft, ehe sie existiert, in ein In-
       strument, aus  dem er  Nutzen ziehen  will, ohne daß er und andre
       Leute durch  gegenseitiges gesellschaftliches  Verhalten eine Ge-
       sellschaft, also dies "Instrument", produziert haben;
       4. glaubt  er,   daß  in  der  kommunistischen  Gesellschaft  von
       "Pflichten" und  "Interessen" die  Rede sein könne, von zwei sich
       ergänzenden Seiten  eines Gegensatzes,  der bloß der Bourgeoisge-
       sellschaft angehört  (im  Interesse  schiebt  der  reflektierende
       Bourgeois immer  ein Drittes  zwischen sich und seine Lebensäuße-
       rung, eine  Manier, die wahrhaft klassisch bei Bentham erscheint,
       dessen Nase  erst ein  Interesse haben muß, ehe sie sich zum Rie-
       chen entschließt. (Vgl. "das Buch" über das  R e c h t  an seiner
       Nase, p. 247);
       5. glaubt Sankt  Max, die  Kommunisten wollten "der Gesellschaft"
       "Opfer bringen", wo sie höchstens die bestehende Gesellschaft op-
       fern wollen - er müßte dann ihr Bewußtsein, daß ihr Kampf ein al-
       len dem  Bourgeoisregime entwachsenen Menschen gemeinschaftlicher
       ist, als ein Opfer bezeichnen, das sie sich bringen;
       6. daß die Sozialen im religiösen Prinzip befangen sind und
       7. daß sie  nach einer heiligen Gesellschaft trachten, fand schon
       oben  seine  Erledigung.  Wie  "eifrig"  Sankt  Sancho  nach  der
       "heiligen   [Gesellschaft"   "trachtet",   um   durch   sie   den
       Kommu[nis]mus widerlegen zu können, haben wir gesehen.
       
       #195# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       S p r u c h  S a l o m o n i s  Nr. II.
       
       p. 277: "Wäre das Interesse an der sozialen Frage weniger leiden-
       schaftlich und  verblendet, so  würde   m a n   ... erkennen, daß
       eine Gesellschaft nicht neu werden kann, solange Diejenigen, wel-
       che sie ausmachen  u n d  konstituieren, die Alten bleiben."
       
       "Stirner" glaubt  hier, daß  die kommunistischen Proletarier, die
       die Gesellschaft revolutionieren, die Produktionsverhältnisse und
       die Form  des Verkehrs auf eine neue Basis, d.h. auf sich als die
       Neuen, auf ihre neue Lebensweise setzen, "die Alten" bleiben. Die
       unermüdliche Propaganda,  die diese  Proletarier machen, die Dis-
       kussionen, die  sie täglich  unter sich führen, beweisen hinläng-
       lich, wie wenig sie selbst "die Alten" bleiben wollen und wie we-
       nig sie  überhaupt wollen,  daß die  Menschen "die Alten" bleiben
       sollen. "Die  Alten" würden  sie nur  dann bleiben,  wenn sie mit
       Sankt Sancho  "die Schuld  in sich  suchten"; sie  wissen aber zu
       gut, daß  sie nur  unter veränderten  Umständen aufhören  werden,
       "die Alten"  zu sein,  und darum sind sie entschlossen, diese Um-
       stände bei der ersten Gelegenheit zu verändern. In der revolutio-
       nären Tätigkeit  fällt das  Sich-Verändern mit  dem Verändern 1*)
       der Umstände  zusammen. -  Dieser große  Spruch  wird  durch  ein
       ebenso großes  Exempel erläutert,  das natürlich  wieder aus  der
       Welt "des Heiligen" genommen ist.
       
       "Sollte z.B.  aus dem  jüdischen  Volk    e i n e    G e s e l l-
       s c h a f t   entstehen, welche einen neuen Glauben über die Erde
       verbreitete, so  durften   d i e s e   A p o s t e l   doch keine
       Pharisäer bleiben."
       Die ersten Christen    = eine Gesellschaft zur Verbreitung
                                des Glaubens (gestiftet Anno I).
                              = Congregatio de Propaganda fide 2*)
                                (gestiftet 1640) [98]
                    1. Anno I = Anno 1640.
       Diese entstehen sollende
       3*) Gesellschaft       = Diese Apostel.
                Diese Apostel = Nichtjuden.
            Das jüdische Volk = Pharisäer.
                     Christen = Nichtpharisäer.
                              = Nicht das jüdische Volk.
       
       Was kann einfacher aussehen?
       Durch diese Gleichungen gestärkt, spricht Sankt Max das große hi-
       storische Wort gelassen aus:
       -----
       1*) MEGA: Umändern  - 2*) Kongregation (Vereinigung) zur Verbrei-
       tung des Glaubens - 3*) MEGA: entstehende sollende
       
       #196# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       "Die Menschen, weit entfernt, sich zur Entwicklung kommen zu las-
       sen,  w o l l t e n  i m m e r  eine Gesellschaft bilden."
       
       Die Menschen,  immer weit  entfernt, eine  Gesellschaft bilden zu
       wollen, ließen  dennoch nur die Gesellschaft zu einer Entwicklung
       kommen, weil  sie sich fortwährend nur als Vereinzelte entwickeln
       wollten, und  kamen deshalb  nur in und durch die Gesellschaft zu
       ihrer eignen Entwicklung. Übrigens kann es nur einem Heiligen vom
       Gepräge unsres  Sancho einfallen,  die Entwicklung "der Menschen"
       von der Entwicklung "der Gesellschaft", in der diese Menschen le-
       ben, zu  trennen und von dieser phantastischen Grundlage aus wei-
       terzuphantasieren. Er  hat übrigens  seinen ihm  von Sankt  Bruno
       eingegebenen Satz  vergessen, in dem er gleich vorher die morali-
       sche Forderung an die Menschen stellte, sich selbst zu ändern und
       dadurch ihre  Gesellschaft -  worin er  also die  Entwicklung der
       Menschen mit der Entwicklung ihrer Gesellschaft identifizierte.
       V i e r t e  l o g i s c h e  K o n s t r u k t i o n.
       Er läßt  den Kommunismus,  im Gegensatz  zu den Staatsbürgern, p.
       156 sagen:
       
       "Nicht darin besteht Unser Wesen" (!), "daß wir Alle die gleichen
       Kinder des Staats" (!) "sind, sondern darin, daß wir Alle fürein-
       ander da sind. Darin sind Wir Alle gleich, daß Wir Alle füreinan-
       der da sind, daß Jeder für den Andern arbeitet, daß Jeder von Uns
       ein Arbeiter  ist." Er  setzt nun  "als  Arbeiter  existieren"  =
       "Jeder von  uns  n u r  durch den Andern existieren", wo also der
       Andere "z.B.  für meine Kleidung, Ich für sein Vergnügungsbedürf-
       nis, er  für meine Nahrung, Ich für seine Belehrung arbeite. Also
       das Arbeitertum ist unsere Würde und unsere Gleichheit. - Welchen
       Vorteil bringt  Uns das  Bürgertum? Lasten.  Und wie hoch schlägt
       man unsere Arbeit an? So niedrig als möglich. - Was könnt Ihr uns
       entgegenstellen? Doch  auch nur Arbeit!" "Nur für Arbeit sind wir
       Euch einen  Recom[pe]nse 1*)  schuldig"; "nur  durch Das, was Ihr
       [Uns] Nützliches  leistet", "habt  Ihr [e]inen Anspruch auf Uns".
       "Wir wollen Euch nur so viel wert sein, als Wir Euch leisten; Ihr
       aber sollt  desgleichen von  Uns gehalten sein." "Die Leistungen,
       die Uns  etwas wert  sind, also  die gemeinnützigen Arbeiten, be-
       stimmen den Wert. - - Wer Nützliches verrichtet, der stehe Keinem
       nach, oder  - alle (gemeinnützigen) Arbeiter sind gleich. Da aber
       der Arbeiter  seines Lohnes  wert  ist,  so  sei  auch  der  Lohn
       gleich." p. 157, 158.
       
       Bei "Stirner"  fängt "der  Kommunismus" damit  an, sich nach "dem
       Wesen" umzusehen;  er will  wieder,  als  guter  "Jüngling",  nur
       "hinter die  Dinge kommen". Daß der Kommunismus eine höchst prak-
       tische Bewegung  ist, die  praktische Zwecke mit praktischen Mit-
       teln verfolgt und die sich höchstens in
       ------
       1*) Belohnung, Entschädigung
       
       #197# Deutsche Ideologie · Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       Deutschland, den  deutschen Philosophen  gegenüber, einen  Augen-
       blick auf  "das Wesen"  einlassen kann,  das geht unsern Heiligen
       natürlich Nichts  an. Dieser  Stirnersche "Kommunismus",  der  so
       sehr nach  "dem Wesen"  schmachtet, kommt daher auch nur zu einer
       philosophischen Kategorie,  dem "Füreinandersein",  die dann ver-
       mittelst einiger gewaltsamen Gleichungen
       Füreinandersein = Nur durch den Andern existieren
                       = als Arbeiter existieren
                       = allgemeines Arbeitertum
       der empirischen  Welt etwas näher gerückt wird. Übrigens wird der
       heilige Sancho aufgefordert, z.B. in Owen (der doch als Repräsen-
       tant des  englischen Kommunismus ebensowohl für "den Kommunismus"
       gelten kann wie z.B. der nichtkommunistische Proudhon *), aus dem
       er sich  das meiste  der obigen  Sätze abstrahiert und zurechtge-
       stellt) eine  Stelle nachzuweisen,  in der  irgend etwas  von den
       obigen Sätzen  über "Wesen",  allgemeines Arbeitertum  etc.  sich
       findet. Übrigens  brauchen wir so weit gar nicht einmal zurückzu-
       gehen. Die  schon oben  zitierte  deutsche  kommunistische  Zeit-
       schrift "Die Stimme des Volks" spricht sich im dritten Heft dahin
       aus:
       
       "Was heute Arbeit heißt, ist nur ein winzig elendes Stück des ge-
       waltigen, großmächtigen  Produzierens; nämlich nur dasjenige Pro-
       duzieren,  welches   widerlich   und   gefährlich,   beehrt   die
       R e l i g i o n  und  M o r a l,  A r b e i t  zu taufen, und un-
       terfängt sich noch obendrein, allerlei Sprüche, gleichsam Segens-
       sprüche (oder  Hexensprüche)  drüber  zu  streuen:  'Arbeiten  im
       Schweiß des Angesichts' als Prüfung Gottes; 'Arbeit macht das Le-
       ben süß'  zur Ermunterung usw. Die Moral der Welt, in der wir le-
       ben, hütet sich sehr weislich, das Verkehren der Menschen von den
       amüsanten und  freien Seiten  auch Arbeit  zu nennen. Das schmäht
       sie, obschon  es auch  Produzieren ist. Das schimpft sie gern Ei-
       telkeit, eitle  Lust, Wollust. Der Kommunismus hat diese heuchle-
       rische Predigerin, die elende Moral, entlarvt."
       
       Als allgemeines  Arbeitertum hat  nun Sankt Max den ganzen Kommu-
       nismus auf  gleichen Arbeitslohn  reduziert, eine Entdeckung, die
       sich in  folgenden drei  "Brechungen" wiederholt:  p. 351: "Gegen
       die Konkurrenz  erhebt sich  das Prinzip der Lumpengesellschaft -
       d i e   V e r t e i l u n g.   Soll Ich  nun etwa, der Vielvermö-
       gende, vor  dem Unvermögenden  Nichts voraushaben?" Ferner p. 363
       spricht er von einer "allgemeinen Taxe für die menschliche Tätig-
       keit
       ---
       *) [Durchgestrichene Fußnote:]  Proudhon, den  das kommunistische
       Arbeiterjournal "La  Fraternité" bereits  1841 wegen des gleichen
       Arbeitslohns, des Arbeitertums überhaupt und der sonstigen ökono-
       mischen  Befangenheiten,  die  sich  bei  diesem  ausgezeichneten
       Schriftsteller vorfanden,  scharf kritisierte,  und von  dem  die
       Kommunisten Nichts  akzeptiert haben  als seine Kritik des Eigen-
       tums.
       
       #198# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       in der  kommunistischen Gesellschaft".  Und endlich p. 350, wo er
       den Kommunisten  unterschiebt, sie  hielten "die Arbeit" für "das
       einzige Vermögen" der Menschen. Sankt Max bringt also das Privat-
       eigentum in  seiner doppelten Gestalt, als Verteilung und Lohnar-
       beit, wieder  in den  Kommunismus herein.  Wie schon  früher beim
       "Raub", manifestiert  Sankt Max hier wieder die aller-gewöhnlich-
       sten und  borniertesten Bourgeoisvorstellungen als seine "eignen"
       "Durchschauungen" des  Kommunismus. Er  macht sich  ganz der Ehre
       würdig, von  Bluntschli unterrichtet  worden zu  sein. Als echter
       Kleinbürger hat  er dann  auch Furcht,  er, "der Vielvermögende",
       "solle Nichts  vor dem  Unvermögenden voraushaben"  -  obwohl  er
       Nichts mehr zu fürchten hätte, als seinem eignen "Vermögen" über-
       lassen zu bleiben.
       Nebenbei bildet sich "der Viel vermögende" ein, das Staatsbürger-
       tum sei  den Proletariern gleichgültig, nachdem er zuerst voraus-
       gesetzt hat,  sie   h ä t t e n  es. Gerade wie er oben sich ein-
       bildete, dem  Bourgeois sei  die Regierungsform gleichgültig. Den
       Arbeitern  liegt   so   viel   am   Staatsbürgertum,   d.h.   dem
       a k t i v e n  Staatsbürgertum, daß sie da, wo sie es  h a b e n,
       wie in Amerika, es gerade "verwerten", und wo sie es nicht haben,
       es erwerben wollen. Vergleiche die Verhandlungen der nordamerika-
       nischen Arbeiter  in zahllosen Meetings, die ganze Geschichte des
       englischen Chartismus  und des  französischen Kommunismus und Re-
       formismus.
       E r s t e s  K o r o l l a r.
       
       "Der Arbeiter  hält sich, in seinem Bewußtsein, daß das Wesentli-
       che an  ihm der  Arbeiter sei,  vom Egoismus  fern und unterwirft
       sich der  Oberhoheit einer  Arbeitergesellschaft, wie  der Bürger
       mit Hingebung" (!) "am Konkurrenzstaate hing." p. 162.
       
       Der Arbeiter  hält sich  höchstens an dem Bewußtsein, daß das We-
       sentliche an  ihm für  den Bourgeois  der Arbeiter  sei, der sich
       darum auch  gegen den  Bourgeois als solchen geltend machen kann.
       Die beiden  Entdeckungen Sankt  Sanchos, die  "Hingebung des Bür-
       gers" und  den   "Konkurrenz s t a a t",   kann man  nur als neue
       "Vermögens"-Beweise des "Vielvermögenden" registrieren.
       Z w e i t e s  K o r o l l a r.
       
       "Der Kommunismus   s o l l   das  'Wohl Aller'  bezwecken.  D a s
       s i e h t   d o c h   w i r k l i c h   s o  a u s,  als brauchte
       dabei Keiner  zurückzustehen. Welches  wird denn aber dieses Wohl
       sein? Haben Alle ein und dasselbe Wohl? ist Allen gleich wohl bei
       Einem und Demselben? ... Ist dem so, so handelt sichs vom 'wahren
       Wohl'. Kommen  Wir damit  nicht gerade  bei dem Punkte an, wo die
       Religion ihre  Gewaltherrschaft beginnt? - - Die Gesellschaft hat
       ein Wohl  als das  'wahre Wohl'  dekretiert, und  hieße dies Wohl
       z.B.   r e d l i c h e r  e r a r b e i t e t e r  G e n u ß,  Du
       aber zögest  die genußreiche  Faulheit vor,  so würde die Gesell-
       schaft
       
       #199# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       - -  für das,  wobei Dir wohl ist, zu sorgen sich weislich hüten.
       Indem der  Kommunismus das  Wohl Aller proklamiert, vernichtet er
       gerade das  Wohlsein Derer, welche bisher von ihren Renten lebten
       etc." p. 411, 412.
       "Ist dem so", so ergeben sich hieraus folgende Gleichungen:
       Das Wohl Aller = Kommunismus
                      = Ist dem so
                      = Ein und dasselbe Wohl Aller
                      = Das Gleichwohlsein Aller bei Einem und Demselben
                      = Das Wahre Wohl
                      = [Das heilige Wohl, das Heilige, Herrschaft des
                        Heiligen, Hierarchie] 1*)
                      = Gewaltherrschaft der Religion.
       Kommunismus    = Gewaltherrschaft der Religion.
       "Das sieht  doch wirklich so aus", als ob "Stirner" hier vom Kom-
       munismus dasselbe  gesagt hätte,  was er  bisher von allen andern
       Sachen sagte.
       Wie tief  unser Heiliger  den Kommunismus "durchschaut" hat, geht
       wieder daraus hervor, daß er ihm zumutet, den "redlich erarbeite-
       ten Genuß"  als "wahres  Wohl" durchsetzen  zu wollen.  Wer außer
       "Stirner" und  einigen Berliner  Schuster- und  Schneidermeistern
       denkt an  "redlich erarbeiteten Genuß" *)! Und nun gar den Kommu-
       nisten dies  in den Mund zu legen, bei denen die Grundlage dieses
       ganzen Gegensatzes  von Arbeit und Genuß wegfällt. Der moralische
       Heilige mag  sich darüber  beruhigen. Das  "redliche  Erarbeiten"
       wird man  ihm und  Denen überlassen,  die er,  ohne es zu wissen,
       vertritt -  seinen kleinen, von der Gewerbfreiheit ruinierten und
       moralisch "empörten"  Handwerksmeistern.  Auch  die  "genußreiche
       Faulheit" gehört  ganz der  trivialsten Bürgeranschauung  an. Die
       Krone des ganzen Satzes ist aber das pfiffige Bürgerbedenken, das
       er den Kommunisten macht: sie wollten das "Wohlsein" der Rentiers
       vernichten und  sprächen doch  vom "Wohlsein  Aller".  Er  glaubt
       also, daß  in der kommunistischen Gesellschaft noch Rentiers vor-
       kommen, deren  "Wohlsein" zu  vernichten wäre.  Er behauptet, daß
       das "Wohlsein"   a l s   R e n t i e r   ein  den Individuen, die
       jetzt Rentiers  sind, inhärentes,  von ihrer Individualität nicht
       zu trennendes sei; er bildet sich ein, daß für
       ---
       *) [Im Manuskript  gestrichen:] Wer  außer Stirner  ist imstande,
       den unmoralischen revolutionären Proletariern dergleichen morali-
       sche Albernheiten  in den Mund zu legen? - den Proletariern, die,
       wie man  in der  ganzen zivilisierten Welt weiß (wozu Berlin, das
       bloß jebildet  ist, freilich nicht gehört), die verruchte Absicht
       haben, ihren  "Genuß" nicht  "redlich zu  erarbeiten", sondern zu
       erobern!
       -----
       1*) Die eckigen Klammern stammen von Marx
       
       #200# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       diese Individuen gar kein anderes "Wohlsein" existieren könne als
       das, was  durch ihr  Rentier-Sein bedingt  ist. Er glaubt ferner,
       die Gesellschaft  sei schon  kommunistisch eingerichtet,  solange
       sie noch  gegen Rentiers  und dergleichen  zu kämpfen hat. *) Die
       Kommunisten machen  sich allerdings  kein  Gewissen  daraus,  die
       Herrschaft der Bourgeois zu stürzen und ihr "Wohlsein" zu zerstö-
       ren, sobald  sie die  Macht dazu haben werden **). Es liegt ihnen
       keineswegs daran,  ob dies  ihren Feinden  gemeinsame, durch  die
       Klassenverhältnisse bedingte  "Wohlsein"  auch  als  persönliches
       "Wohlsein" sich  an eine bornierterweise vorausgesetzte Sentimen-
       talität adressiert.
       D r i t t e s  K o r o l l a r.
       
       p. 190  "ersteht" in  der kommunistischen Gesellschaft "die Sorge
       wieder als Arbeit".
       
       Der gute Bürger "Stirner", der sich bereits freut, im Kommunismus
       seine geliebte "Sorge" wiederzufinden, hat sich diesmal doch ver-
       rechnet. Die "Sorge" ist nichts anderes als die gedrückte und ge-
       ängstigte Gemütsstimmung, die im Bürgertum die notwendige Beglei-
       terin der Arbeit, der lumpenhaften Tätigkeit des notdürftigen Er-
       werbes ist.  Die "Sorge"  floriert in ihrer reinsten Gestalt beim
       deutschen guten  Bürger, wo  sie chronisch und "immer sich selbst
       gleich", miserabel  und verächtlich ist, während die Not des Pro-
       letariers eine  akute, heftige Form annimmt, ihn zum Kampf um Le-
       ben und  Tod treibt,  ihn revolutionär  macht und  deshalb  keine
       "Sorge", sondern  Leidenschaft produziert.  Wenn der  Kommunismus
       nun sowohl  die "Sorge"  des Bürgers wie die Not des Proletariers
       aufheben will,  so versteht  es sich doch wohl von selbst, daß er
       dies nicht  tun kann, ohne die Ursache Beider, die "Arbeit", auf-
       zuheben.
       Wir  kommen   jetzt  zu  den    h i s t o r i s c h e n    K o n-
       s t r u k t i o n e n  des Kommunismus.
       ---
       *) [Im Manuskript gestrichen:] Und schließ[lich] stellt er an die
       Kommunisten [die]  moralische Zumutung,  sie sollen  sich von den
       Rentiers, Kaufleuten,  Industriellen etc.  in alle Ewigkeit ruhig
       exploitieren lassen,  weil sie  diese Exploitation nicht aufheben
       können, ohne zugleich das "Wohlsein" dieser Herren zu vernichten!
       Jacques le  bonhomme, der  sich hier  zum Champion der gros-bour-
       geois aufwirft, kann sich die Mühe ersparen, den Kommunisten Sit-
       tenpredigten zu  halten, die  sie täglich  von seinen "guten Bür-
       gern" viel besser hören können.
       **) [Im Manuskript  gestrichen:] ...  und gerade darum machen sie
       sich kein  Gewissen daraus,  weil  ihnen  das  "Wohl  Aller"  als
       "leibhaftiger Individuen"  über das "Wohlsein" der bisherigen ge-
       sellschaftlichen Klassen  geht. Das  "Wohlsein", das  der Rentier
       als  R e n t i e r  genießt, ist nicht das "Wohlsein" des Indivi-
       duums als  solchen, sondern das des Rentiers, kein individuelles,
       sondern ein innerhalb der Klasse allgemeines Wohlsein.
       
       #201# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       E r s t e  h i s t o r i s c h e  K o n s t r u k t i o n.
       
       "Solange der  Glaube für  die Ehre  und Würde  der Menschen  aus-
       reichte, ließ  sich gegen  keine auch noch so anstrengende Arbeit
       etwas einwenden."  - "All  ihr Elend  konnten  die  unterdrückten
       Klassen nur so lange ertragen, als sie Christen waren" (höchstens
       waren sie  so lange  Christen, als  sie ihr Elend ertrugen) "denn
       das Christentum" (das mit dem Stock hinter ihnen steht) "läßt ihr
       Murren und ihre Empörung nicht aufkommen." p. 158.
       
       "Woher nur  'Stirner' alles  Dies weiß",  was  die  unterdrückten
       Klassen konnten, erfahren wir aus Heft I der "Allg[emeinen] Lite-
       rat[ur]-Z[ei]t[un]g", wo "die Kritik in Buchbindermeistergestalt"
       [99] folgende Stelle eines unbedeutenden Buchs zitiert:
       
       "Der moderne Pauperismus hat einen politischen Charakter angenom-
       men; während  der alte  Bettler sein  Los   m i t  E r g e b e n-
       h e i t   trug und  es als  eine    g ö t t l i c h e    S c h i-
       c k u n g   ansah, fragt der neue  L u m p,  ob er gezwungen sei,
       armselig durchs  Leben zu  wandern, weil  er zufällig  in  Lumpen
       geboren wurde."
       
       Wegen dieser  Macht des  Christentums fanden bei der Emanzipation
       der Leibeignen gerade die blutigsten und erbittertsten Kämpfe ge-
       gen die  g e i s t l i c h e n  Feudalherren statt und setzte sie
       sich durch  trotz alles  Murrens und  aller Empörung  des in  den
       Pfaffen inkorporierten Christentums (vergl. Eden, "History of the
       Poor [100]",  Book I;  Guizot, "Histoire  de la  civilisation  en
       France"; Monteil, "Histoire des Français des divers états" ppp.),
       während andrerseits  die kleinen  Pfaffen, namentlich  im Anfange
       des Mittelalters, die Leibeigenen zum "Murren" und zur "Empörung"
       gegen die  weltlichen Feudalherren  aufreizten (vergl. u.a. schon
       das bekannte  Kapitular Karls  des Großen).  Vergleiche auch, was
       oben bei  Gelegenheit der "hie und da auftauchenden Arbeiterunru-
       hen" über  die "unterdrückten  Klassen" und ihre Aufstände im 14.
       Jahrhundert gesagt wurde.
       Die früheren Formen der Arbeiteraufstände hingen mit der jedesma-
       ligen Entwicklung  der Arbeit  und der  dadurch gegebenen Gestalt
       des Eigentums zusammen; die direkt oder in[dir]ekt kommunistische
       Insurrek[tio]n mit  der großen Industrie. [Sta]tt auf diese weit-
       läuftige Geschichte einzugehen, veranstaltet Sankt Max einen hei-
       ligen Übergang  von den  d u l d e n d e n  unterdrückten Klassen
       zu den  u n g e d u l d i g e n  unterdrückten Klassen:
       
       "Jetzt,  wo  Jeder  sich    z u m    M e n s c h e n    ausbilden
       s o l l" ("woher  nur" z.B.  die katalonischen Arbeiter "wissen",
       daß "Jeder  sich zum  Menschen ausbilden soll"?), "fällt die Ban-
       nung des  Menschen an  maschinenmäßige Arbeit  zusammen  mit  der
       Sklaverei." p. 158.
       
       #202# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       Vor Spartakus  und dem Sklavenkriege war es also das Christentum,
       das die  "Bannung des  Menschen an  maschinenmäßige Arbeit" nicht
       "mit der  Sklaverei zusammenfallen"  ließ; und zu Spartakus' Zeit
       war es  der Begriff  Mensch, der  dies Verhältnis  aufhob und die
       Sklaverei erst  erzeugte. "Oder  sollte" Stirner  "gar" etwas von
       dem Zusammenhange  der modernen Arbeiterunruhen mit der Maschine-
       rie gehört  haben und hier haben andeuten wollen? In diesem Falle
       hat nicht  die Einführung der Maschinenarbeit die Arbeiter in Re-
       bellen, sondern die Einführung des Begriffes "Mensch" die Maschi-
       nenarbeit in  Sklaverei verwandelt. - "Ist dem so", so "sieht das
       doch wirklich  so aus",  als wäre  dies eine "einzige" Geschichte
       der Arbeiterbewegungen.
       Z w e i t e     g e s c h i c h t l i c h e      K o n s t r u k-
       t i o n.
       
       "Die Bourgeoisie hat das Evangelium des materiellen Genusses ver-
       kündet und  wundert sich  nun, daß diese Lehre unter Uns Proleta-
       riern Anhänger findet." p. 159.
       
       Eben wollten die Arbeiter den Begriff "des Menschen", das Heilige
       verwirklichen, jetzt den "materiellen Genuß", das Weltliche; oben
       die "Plackerei"  der Arbeit, jetzt nur noch die Arbeit des Genie-
       ßens. Sankt  Sancho schlägt sich hier auf ambas sus valientes po-
       saderas 1*),  zuerst auf  die materielle Geschichte, dann auf die
       Stirnersche, heilige.  Nach der materiellen Geschichte war es die
       Aristokratie, welche  zuerst das  Evangelium des  Weltgenusses an
       die Stelle  des Genusses  des Evangeliums  setzte, für welche die
       nüchterne Bourgeoisie  sich zunächst  aufs Arbeiten legte und ihr
       mit vieler  Schlauheit den  Genuß überließ,  der ihr selbst durch
       eigne Gesetze  untersagt wurde (bei welcher Gelegenheit die Macht
       der Aristokratie  in der  Gestalt des  Geldes in  die Taschen der
       Bourgeois rückte).
       Nach der  Stirnerschen Geschichte  hat die Bourgeoisie sich damit
       begnügt, "das  Heilige" zu  suchen, den Staatskultus zu betreiben
       und "alle'  existierenden Objekte in vorgestellte zu verwandeln",
       und es  bedurfte der Jesuiten, um "die Sinnlichkeit vor dem gänz-
       lichen Verkommen  zu retten".  Nach  derselben  Stirnerschen  Ge-
       schichte hat  die Bourgeoisie  durch die Revolution alle Macht an
       sich gerissen,  also auch ihr Evangelium, das des materiellen Ge-
       nusses, obgleich wir nach derselben Stirnerschen Geschichte jetzt
       so weit sind, daß "in der Welt nur Gedanken herrschen". Die Stir-
       nersche Hierarchie sitzt jetzt also "entre ambas posaderas" 2*).
       D r i t t e  h i s t o r i s c h e  K o n s t r u k t i o n.
       
       p. 159.  "Nachdem das  Bürgertum von Befehl und Willkür Einzelner
       befreit hatte,  blieb jene Willkür übrig, welche aus der Konjunk-
       tur der Verhältnisse entspringt und
       -----
       1*) seine beiden  mächtigen Sitzfleischhälften - 2*) zwischen den
       beiden Sitzfleischhälften
       
       #203# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       die Zufälligkeit  der Umstände genannt werden kann. Das Glück und
       die vom Glück Begünstigten blieben übrig."
       Sankt Sancho  läßt dann die Kommunisten "ein Gesetz und eine neue
       Ordnung finden, die diesen Schwankungen" (dem Dings da) "ein Ende
       macht" -  von der er so viel weiß, daß die Kommunisten nun ausru-
       fen sollen:  "Diese Ordnung sei dann heilig!" (wo er vielmehr nun
       ausrufen müßte: Die Unordnung meiner Einbildungen sei die heilige
       Ordnung der  Kommunisten). -  "Hier ist  Weisheit"  (Offenbarung]
       Joh[annis] 13, 18). "Wer Verstand hat, der überlege die Zahl" des
       Unsinns, den  der sonst  so weitläuftige,  sich stets  wieder von
       sich gebende Stirner [hi]er in wenige [Zeilen] zusammendrängt.
       In allgemeinster  Fassung heißt  der erste Satz: Nachdem das Bür-
       gertum die  Feudalität abgeschafft hatte, blieb das Bürgertum üb-
       rig. Oder  nachdem in  "Stirners" Einbildung  die Herrschaft  der
       Personen abgeschafft  worden war,  blieb grade  das Umgekehrte zu
       tun übrig.  "Das sieht denn doch wirklich so aus", als könnte man
       die zwei  entlegensten Geschichtsepochen  in  einen  Zusammenhang
       bringen, der  der heilige  Zusammenhang, der Zusammenhang als Das
       Heilige, der Zusammenhang im Himmel ist.
       Dieser Satz  Sankt Sanchos ist übrigens nicht mit dem obigen mode
       simple 1*)  des Unsinns zufrieden, er muß es bis zum mode composé
       und bicomposé  2*) des  Unsinns bringen.  Nämlich erstens  glaubt
       Sankt Max den  s i c h  befreienden Bourgeois, daß sie, indem sie
       s i c h   von Befehl  und Willkür  Einzelner befreiten, die Masse
       der Gesellschaft  überhaupt von  Befehl und Willkür Einzelner be-
       freiten. Zweitens  befreiten sie  sich realiter nicht von "Befehl
       und Willkür der Einzelnen", sondern von der Herrschaft der Korpo-
       ration, Zunft,  der  Stände,  und  konnten  daher  nun  erst  als
       w i r k l i c h e   einzelne  Bourgeois  dem  Arbeiter  gegenüber
       "Befehl und  Willkür" ausüben. Drittens hoben sie nur den plus ou
       moins 3*)  idealistischen Schein  des bisherigen  Befehls und der
       bisherigen Willkür  der Einzelnen  auf, um an seine Stelle diesen
       Befehl und diese Willkür in ihrer materiellen Grobheit herzustel-
       len. Er, Bourgeois, wollte seinen "Befehl und Willkür" nicht mehr
       durch den  bisherigen "Befehl  und Willkür"  der im Monarchen, im
       Adel und  in der Korporation konzentrierten politischen Macht be-
       schränkt wissen,  sondern höchstens  durch die  in  Gesetzen  von
       Bourgeois ausgesprochnen  Gesamtinteressen der  ganzen Bourgeois-
       klasse. Er  tat nichts  als den  Befehl und  die Willkür  ü b e r
       den Befehl  und die  Willkür  der  einzelnen  Bourgeois  aufheben
       (siehe Politischen Liberalismus).
       -----
       1*) der einfachen  Art -  2*) zur zusammengesetzten  und zweifach
       zusammengesetzten Art - 3*) mehr oder weniger
       
       #204# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       Indem Sankt  Sancho nun  die Konjunktur  der Verhältnisse, welche
       mit der  Herrschaft der  Bourgeoisie eine  ganz andre  Konjunktur
       ganz andrer  Verhältnisse wurde,  statt sie wirklich zu analysie-
       ren, als  die allgemeine  Kategorie "Konjunktur pp." übrigbleiben
       läßt und  sie mit dem noch unbestimmteren Namen "Zufälligkeit der
       Umstände" beschenkt  - als ob der "Befehl und die Willkür Einzel-
       ner" nicht  selbst eine "Konjunktur der Verhältnisse" sei - indem
       er also  so die  reale Grundlage  des  Kommunismus,  nämlich  die
       b e s t i m m t e   Konjunktur der  Verhältnisse unter  dem Bour-
       geois régime  beseitigt, kann er nun auch den so luftig gemachten
       Kommunismus in seinen heiligen Kommunismus verwandeln. "Das sieht
       denn doch  wirklich so aus", als ob "Stirner" ein "Mensch von nur
       ideellem",  eingebildetem   historischem  "Reichtum"  sei  -  der
       "v o l l e n d e t e  L u m p".  Siehe "das Buch", p. 362.
       Diese große  Konstruktion, oder vielmehr ihr Vordersatz, wird uns
       p. 189  noch einmal  mit vieler Emphase in folgender Form wieder-
       holt:
       
       "Der politische  Liberalismus hob 1*) die Ungleichheit der Herren
       und Diener  auf; er  machte  h e r r e n l o s,  anarchisch" (!);
       "der Herr wurde nun vom Einzelnen, dem Egoisten, entfernt, um ein
       G e s p e n s t  zu werden, das Gesetz oder der Staat "
       
       Gespensterherrschaft =  (Hierarchie)  =  Herrenlosigkeit,  gleich
       Herrschaft der "allmächtigen" Bourgeois. Wie wir sehen, ist diese
       Gespensterherrschaft vielmehr  die Herrschaft  der    v i e l e n
       wirklichen Herren; also konnte der Kommunismus mit gleichem Recht
       als die Befreiung von dieser Herrschaft der Vielen gefaßt werden,
       was Sankt Sancho aber nicht durfte, weil sonst sowohl seine logi-
       schen Konstruktionen des Kommunismus wie auch die ganze Konstruk-
       tion der "Freien" umgeworfen worden wären. So geht's aber im gan-
       zen "Buche".  Ein einziger Schluß aus den eignen Prämissen unsres
       Heiligen, ein einziges historisches Faktum wirft ganze Reihen von
       Durchschauungen und Resultaten zu Boden.
       V i e r t e     g e s c h i c h t l i c h e      K o n s t r u k-
       t i o n,   p. 350  leitet Sankt Sancho den Kommunismus direkt aus
       der Abschaffung der Leibeigenschaft her.
       I.  V o r d e r s a t z:
       
       "Es war  außerordentlich viel  damit gewonnen,  als man es durch-
       setzte, als  Inhaber   b e t r a c h t e t"   (!) "zu werden. Die
       Leibeigenschaft wurde  damit aufgehoben  und jeder, der bis dahin
       selbst  E i g e n t u m  gewesen, ward nun ein  H e r r."
       
       (In dem mode simple des Unsinns heißt dies wieder: Die Leibeigen-
       schaft wurde  aufgehoben, sobald  sie aufgehoben  ward.) Der mode
       composé dieses  Unsinns ist, daß Sankt Sancho glaubt, vermittelst
       der heiligen Kontemplation,
       -----
       1*) MEGA: hebt
       
       #205# Deutsche Ideologie. Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       des "Betrachtens"  und "Betrachtetwerdens"  sei man zum "Inhaber"
       geworden, während  die Schwierigkeit  darin bestand, "Inhaber" zu
       werden und  die Betrachtung  sich dann  nachher von selbst hinzu-
       setzte; und der mode bicompose ist, daß, nachdem die anfangs noch
       partikuläre Aufhebung  der Leibeigenschaft angefangen hatte, ihre
       Konsequenzen zu  entwickeln, und  dadurch allgemein geworden war,
       man aufhörte,  "durchsetzen" [z]u  können, als  [des]  Innehabens
       w e r t   "betrachtet" zu  werden (dem Inhaber wurden die Innege-
       habten zu  kostspielig); daß  also die  größte Masse, "die bisher
       selbst Eigentum",  d.h. gezwungene  Arbeiter "gewesen waren", da-
       durch keine "Herren", sondern freie Arbeiter wurden.
       II.   H i s t o r i s c h e r  U n t e r s a t z,  der zirka acht
       Jahrhunderte umfaßt und dem man "freilich nicht ansehen wird, wie
       inhaltsschwer" er ist (vgl. Wigand, p. 194).
       
       "Allem     f o r t h i n    reicht  Dein  Haben  und  Deine  Habe
       n i c h t   m e h r  aus und wird  n i c h t  m e h r  anerkannt;
       d a g e g e n   steigt Dein  Arbeiten und  Deine Arbeit im Werte.
       Wir achten  nun Deine    B e w ä l t i g u n g    der  Dinge  wie
       v o r h e r"   (?). "Dein  Innehaben derselben.  Deine Arbeit ist
       Dein Vermögen.  Du bist  nun Herr  oder Inhaber des Erarbeiteten,
       nicht des Ererbten." (ibid.)
       
       "Forthin" -  "nicht mehr"  - "dagegen"  - "nun"  - "wie vorher" -
       "nun" - "oder" - "nicht" - das ist der Inhalt dieses Satzes.
       Obgleich "Stirner" "nun" dahin gekommen ist, daß Du (nämlich Sze-
       liga) Herr  des Erarbeiteten,  nicht des Ererbten, bist, so fällt
       ihm "nun"  vielmehr ein,  daß derzeit gerade das Gegenteil statt-
       findet -  und dies  läßt ihn  den Kommunismus als Wechselbalg aus
       diesen beiden Mißgeburten von Vordersätzen gebären.
       III.  K o m m u n i s t i s c h e r  S c h l u ß.
       
       "Da   a b e r  DERZEIT Alles ein Ererbtes ist und jeder Groschen,
       den Du  besitzest, nicht  ein Arbeits-, sondern Erbgepräge trägt"
       (kulminierender Unsinn),  "S O  muß Alles umgeschmolzen werden."
       
       Woraus  Szeliga   nun  sowohl   beim  Auf-   und  Untergang   der
       mittelaltrigen Kommunen  wie  beim  Kommunismus  des  neunzehnten
       Jahrhunderts angelangt  zu sein  sich einbilden  kann. Und  womit
       Sankt Max  trotz alles  "Ererbten" und  "Erarbeiteten" zu  keiner
       "Bewältigung der Dinge", sondern höchstens zur "Habe" des Unsinns
       gekommen ist.
       Liebhaber von  Konstruktionen können  nun noch  p. 421 nachsehen,
       wie Sankt Max, nachdem er den Kommunismus aus der Leibeigenschaft
       konstruiert hat, ihn nun noch als Leibeigenschaft  u n t e r  ei-
       nem Lehnsherrn,  der Gesellschaft,  konstruiert -  nach demselben
       Muster, wie er schon oben das
       
       #206# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       Mittel, wodurch  wir etwas  erwerben, zu  dem  "Heiligen"  macht,
       durch dessen  "Gnade" uns  etwas gegeben  wird.  Jetzt  nur  noch
       schließlich einige  "Durchschauungen" des  Kommunismus, die  sich
       aus den obigen Prämissen ergeben.
       Zuerst  gibt   "Stirner"  eine   neue     T h e o r i e     d e r
        E x p l o i t a t i o n,  die darin besteht, daß
       
       "der Arbeiter  in einer  Stecknadelfabrik nur ein einzelnes Stück
       arbeitet, nur  einem Andern  in die Hand arbeitet, und von diesem
       Andern benutzt, exploitiert wird". p. 158.
       
       Hier entdeckt  also "Stirner", daß die Arbeiter einer Fabrik sich
       wechselseitig exploitieren, weil sie einander "in die Hand arbei-
       ten", während  der Fabrikant,  dessen Hände  gar nicht  arbeiten,
       auch nicht  imstande ist, die Arbeiter zu exploitieren. "Stirner"
       gibt hier  ein schlagendes Exempel von der betrübten Lage, in die
       die deutschen  Theoretiker durch  den Kommunismus versetzt worden
       sind. Sie müssen sich jetzt auch mit profanen Dingen wie Steckna-
       delfabriken usw.  beschäftigen, bei denen sie sich wie wahre Bar-
       baren, wie Ojibbeway-Indianer und Neuseeländer benehmen.
       "Dagegen heißt es nun" im Stirnerschen Kommunismus, l.c.:
       
       "Jede Arbeit  soll den  Zweck haben, daß  d e r  "Mensch" befrie-
       digt werde.  Deshalb muß  er"   ("d e r"   Mensch) "auch  in  ihr
       M e i s t e r   werden, d.h.  sie  als  eine  Totalität  schaffen
       k ö n n e n."
       
       "D e r   Mensch" muß  Meister werden!  -   "D e r  Mensch" bleibt
       Stecknadelknopfmacher, hat  aber das  beruhigende Bewußtsein, daß
       Nadelknöpfe zur  Nadel gehören  und daß er die ganze Nadel machen
       k a n n.   Die Ermüdung  und der Ekel, den die ewige Wiederholung
       des Nadelknopfmachens  hervorbringt, verwandelt  sich durch  dies
       Bewußtsein in "Befriedigung  d e s  Menschen". [O, P]roudhon!
       Weitere Durchschauung.
       
       "Da die  Kommunisten erst   d i e   f r e i e   T ä t i g k e i t
       für das Wesen" (iterum Crispinus) 1*) "des Menschen erklären, be-
       dürfen sie, wie alle  w e r k e l t ä g i g e  G e s i n n u n g,
       eines   S o n n t a g s,  einer Erhebung und Erbauung neben ihrer
       g e i s t l o s e n  A r b e i t."
       
       Abgesehen von  dem hier  eingeschobenen "Wesen  des Menschen" muß
       der unglückliche  Sancho die "freie Tätigkeit", d.h. bei den Kom-
       munisten die aus der freien Entwicklung aller Fähigkeiten hervor-
       gehende, schöpferische  Lebensäußerung, um "Stirner" verständlich
       zu sein,  des "ganzen  Kerls", in  "geistlose Arbeit" verwandeln,
       weil nämlich  der Berliner  merkt, daß es sich "hier nicht um die
       "saure Arbeit des Gedankens" handelt. Durch diese einfache
       -----
       1*) (wiederum Crispinus)
       
       #207# Deutsche Ideologie- Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       Verwandlung können  nun auch die Kommunisten in die "werkeltägige
       Gesinnung" umgesetzt  werden. Mit dem Werkeltage des Bürgers fin-
       det sich dann natürlich auch sein Sonntag im Kommunismus wieder.
       
       p. 161. "Die sonntägliche Seite des Kommunismus ist, daß der Kom-
       munist in Dir den Menschen, den Bruder erblickt."
       
       Der  Kommunist   erscheint  hier   also  als   "Mensch"  und  als
       "Arbeiter".  Dies   nennt  Sankt  Sancho  l.c.:  "eine  zwiefache
       A n s t e l l u n g   des Menschen durch den Kommunisten, ein Amt
       des materiellen Erwerbs und eins des geistigen".
       Hier bringt  er also sogar den "Erwerb" und die Bürokratie wieder
       in den Kommunismus herein, der dadurch freilich "sein letztes Ab-
       sehen erreicht" und aufhört, Kommunismus zu sein. Er muß dies üb-
       rigens tun, weil nachher in seinem "Verein" Jeder ebenfalls "eine
       zwiefache Anstellung"  als Mensch und als "Einziger" erhält. Die-
       sen Dualismus  legitimiert er  vorläufig dadurch,  daß er ihn dem
       Kommunismus in die Schuhe schiebt, eine Methode, die wir bei sei-
       nem Lehnswesen und seiner Verwertung wiederfinden werden.
       p. 344  glaubt "Stirner",  die "Kommunisten"  wollten "die Eigen-
       tumsfrage gütlich lösen", und p. 413 sollen sie gar an die Aufop-
       ferung der Menschen [und an] die selbstverleugnende Gesinnung der
       Kapitalisten appellieren! *) Die wenigen seit Babeufs Zeit aufge-
       tretenen kommunistischen   B o u r g e o i s,   die nicht revolu-
       tionär waren, sind sehr dünne gesät; die große Masse der Kommuni-
       sten ist  in allen Ländern revolutionär. Was die Ansicht der Kom-
       munisten über  die "selbstverleugnende Gesinnung der Reichen" und
       die "Aufopferung  der Menschen"  ist, mag  Sankt Max aus ein paar
       Stellen Cabets,  gerade des Kommunisten ersehen, der noch am mei-
       sten den  Schein haben  kann, als appelliere er an das dévoûment,
       die Aufopferung.  **) Diese  Stellen sind  gegen die Republikaner
       und namentlich  gegen Herrn  Buchez' Angriff  auf den Kommunismus
       gerichtet, der in Paris noch eine sehr kleine Zahl Arbeiter unter
       seinem Kommando hat:
       ---
       *) [Im Manuskript  gestrichen:] Sankt Max schreibt sich hier wie-
       der die  Weisheit des Zugreifens und Zuschlagens zu, als ob nicht
       seine ganze  Pauke des  sich empörenden  Proletariats eine verun-
       glückte Travestie  Weitlings und  seines stehlenden  Proletariats
       sei -  Weitlings, eines der wenigen Kommunisten, die er durch die
       Gnade Bluntschlis kennt.
       **) [Im Manuskript  gestrichen:] In  Frankreich machen  sämtliche
       Kommunisten den Saint-Simonisten und Fourieristen den Vorwurf der
       Friedlichkeit und unterscheiden sich hauptsächlich durch ihr Auf-
       geben aller  "gütlichen Lösung"  von diesen,  wie in England sich
       die Chartisten hauptsächlich durch dasselbe Kriterium von den So-
       zialisten unterscheiden.
       
       #208# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       "Ebenso mit  der Aufopferung (dévoûment); es ist dies die Doktrin
       des Herrn  Buchez, diesmal  ihrer katholischen  Form  entkleidet,
       weil Herr  Buchez ohne  Zweifel fürchtet,  daß seine Katholizität
       die Masse der Arbeiter anwidert und zurückstößt. 'Um würdig seine
       P f l i c h t   (devoir) zu erfüllen (sagt Buchez), bedarf es der
       A u f o p f e r u n g   (dévoûment).' -  Begreife, wer kann, wel-
       cher Unterschied  zwischen devoir  und dévoûment.  - 'Wir fordern
       Aufopferung von Allen, sowohl für die große nationale Einheit als
       für die Arbeiterassoziation ... es ist notwendig, daß wir vereint
       seien, immer  hingegeben (dévoués),  die Einen für die Andern.' -
       Es ist notwendig, es ist notwendig - das ist leicht zu sagen, und
       man sagt  es seit  sehr langer  Zeit, und  man wird  es noch sehr
       lange Zeit ohne mehr Erfolg sagen, wenn man nicht auf andere Mit-
       tel sinnt!  Buchez beklagt sich über die Selbstsucht der Reichen;
       aber wozu  dienen solche  Klagen? Buchez  erklärt  alle  die  für
       Feinde, welche sich nicht devouieren 1*) wollen."
       "'Wenn', sagt  er, 'durch den Egoismus getrieben, sich ein Mensch
       weigert, für die Andern sich hinzugeben, was muß man tun? ... Wir
       werden  keinen   Augenblick  anstehen   zu  antworten:      D i e
       G e s e l l s c h a f t   hat immer  das   R e c h t,  uns Das zu
       nehmen, was  die eigne  Pflicht uns gebietet, ihr aufzuopfern ...
       Die Aufopferung ist das [e]inzige Mittel, seine Pflicht zu erfül-
       len. [Je]der  von uns  muß sich  aufopfern, [ü]berall  und immer.
       Der, welcher aus Egoismus seine Pflicht der [Hi]ngebung zu erfül-
       len sich  weigert, muß  hierzu   g e z w u n g e n  werden.' - So
       schreit Buchez allen Menschen zu: Opfert Euch, opfert Euch! Denkt
       nur daran,  Euch zu opfern! Heißt das nicht die menschliche Natur
       verkennen und  mit Füßen  treten? Ist  das nicht eine falsche An-
       schauung? Wir  möchten fast sagen, eine  k i n d i s c h e,  eine
       a b g e s c h m a c k t e   Anschauung?" ("Réfutation des doctri-
       nes de l'Atelier", par Cabet, p. 19, 20.) - Cabet zeigt nun p. 22
       dem  Republikaner   Buchez  nach,   daß  er  notwendig  auf  eine
       "Aristokratie der  Aufopferung" mit  verschiedenen Stufen  kommt,
       und fragt  dann ironisch: "Was wird nun aus dem dévoûment 2*)? Wo
       bleibt das dévoûment, wenn man nur deswegen sich devouiert, um zu
       den höchsten  Spitzen der   H i e r a r c h i e  zu gelangen? ...
       Ein solches  System könnte  aufkommen in dem Kopfe von Einem, der
       es zum Papst oder Kardinal bringen wollte - aber m den Köpfen von
       Arbeitern!!!" -  "Herr Buchez  will nicht,  daß die  Arbeit  eine
       a n g e n e h m e   Z e r s t r e u u n g   werde, noch  daß  der
       Mensch für  sein eignes  Wohlsein arbeite  und sich  neue Genüsse
       schaffe. Er behauptet..., daß der Mensch nur auf die Erde gesetzt
       worden ist, um einen  B e r u f,  eine P  f l i c h t  (une fonc-
       tion, un  devoir) zu  erfüllen'. 'Nein',  predigt er den Kommuni-
       sten, 'der  Mensch, diese  große Macht, ist nicht für sich selbst
       erschaffen (n'a  point été  fait pour  lui-même) ...  Das ist ein
       roher Gedanke. Der Mensch ist ein Werkmann (ouvrier) in der Welt,
       er muß  das Werk  (oeuvre) vollbringen,  welches die Moral seiner
       Tätigkeit auferlegt, das ist seine Pflicht ... Verlieren wir nie-
       mals aus  dem Gesicht,  daß wir einen  h o h e n  B e r u f  (une
       haute fonction)  zu erfüllen  haben, einen Beruf, der mit dem er-
       sten Tage  des Menschen  begonnen hat  und nur mit der Menschheit
       zugleich [endig]en  wird.' - Aber wer hat dem [Herrn] Buchez alle
       diese schönen Sachen enthüllt? (Mais qui a révélé toutes ces bel-
       les choses  à M.  Buchez lui-même",  wo Stirner übersetzen würde:
       Woher nur  Buchez  alles  das  weiß,  was  der  Mensch  soll?)  -
       "Dureste, comprenne
       -----
       1*) aufopfern - 2*) Aufopferung, Hingebung
       
       #209# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       qui pourra.  1*) - Buchez fährt fort: 'Wie! Der Mensch hätte Tau-
       sende von Jahrhunderten warten müssen, um von Euch Kommunisten zu
       lernen, daß  er für  sich selbst  gemacht ist  und keinen  andren
       Zweck hat  als in allen möglichen Genüssen zu leben? ... Aber man
       darf sich so nicht verirren. Man darf nicht vergessen, daß  w i r
       g e s c h a f f e n   s i n d,  u m  z u  a r b e i t e n  (faits
       pour travailler), um  i m m e r  zu arbeiten, und daß die einzige
       Sache,  die   ;  wir  fordern  können,  das    z u m    L e b e n
       N ö t i g e   (la suffisante vie) ist, d.h. ein Wohlsein, welches
       dazu hinreicht,  daß wir angemessen unsern Beruf erfüllen können.
       Außerhalb dieses  Kreises ist  alles   a b s u r d    und    g e-
       f ä h r l i c h.'  - Aber so beweisen Sie doch! Beweisen Sie! Und
       begnügen Sie sich nicht damit, wie ein Prophet zu orakeln! Gleich
       von  vornherein  sprechen  Sie  von    T a u s e n d e n    v o n
       J a h r h u n d e r t e n!   Und dann, wer behauptet, daß man uns
       in  a l l e n  Jahrhunderten erwartet hat? Aber Euch hat man wohl
       erwartet mit allen Euren Theorien von devoument, devoir, nationa-
       lité française,  association ouvrière  2*)? - 'Schließlich', sagt
       Buchez, 'bitten  wir Euch,  nicht von  dem, was wir gesagt haben,
       Euch verletzt  zu fühlen.'  - Wir sind ebenso höfliche Franzosen,
       wir bitten  Euch ebenfalls,  nicht verletzt  zu sein." (p. 31.) -
       "'Glaubt uns',  sagt Buchez,  'es existiert  eine communauté 3*),
       die seit  langer Zeit errichtet ist und wovon Ihr auch Mitglieder
       seid.' - Glaubt uns, Buchez", schließt Cabet, "werdet Kommunist!"
       
       "Aufopferung", "Pflicht",  "Sozialpflicht",  "Recht  der  Gesell-
       schaft", "der  Beruf, die Bestimmung des Menschen", "Arbeiter der
       Beruf des  Menschen", "moralisches  Werk", "Arbeiterassoziation",
       "Schaffen des zum Leben Unentbehrlichen" - sind das nicht diesel-
       ben Dinge,  die Sankt  Sancho  den  Kommunisten  vorwirft,  deren
       M a n g e l  Herr Buchez den Kommunisten vorwirft und dessen fei-
       erliche  Vorwürfe  Cabet  verhöhnt?  Ist  nicht  selbst  Stirners
       "Hierarchie" hier [sch]on vorhanden?
       Schließlich gibt  Sankt Sancho dem Kommunismus p. 169 den Gnaden-
       stoß, indem er folgenden Satz ausstößt:
       
       "Indem  die   Sozialisten  auch   das  Eigentum  wegnehmen"  (!),
       "beachten sie  nicht, daß  dies sich  in der Eigenheit eine Fort-
       dauer sichert.  Ist denn bloß Geld und Gut ein Eigentum, oder ist
       jede Meinung ein Mein, ein Eigenes? Es muß  a l s o  jede Meinung
       aufgehoben oder unpersönlich gemacht werden."
       
       Oder ist  Sankt Sanchos Meinung, insofern sie nicht auch zur Mei-
       nung Anderer  wird, ein  Kommando über  irgend etwas, selbst über
       die fremde  Meinung? Indem Sankt Max hier das Kapital seiner Mei-
       nung gegen  den Kommunismus  geltend macht,  tut er wieder Nichts
       Andres, als daß er die ältesten und trivialsten Bourgeoiseinwürfe
       gegen ihn.  vorbringt, und  glaubt etwas  Neues gesagt  zu haben,
       weil ihm,  dem jebildeten  Berliner, diese Abgedroschenheiten neu
       sind. Unter und nach vielen Andern hat Destutt de Tracy
       -----
       1*) Im übrigen begreife das, wer kann - 2*) Aufopferung, Pflicht,
       französischer  Nationalität,  Arbeiterassoziation  -  3*) Gemein-
       schaft
       
       #210# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       vor ungefähr  dreißig Jahren und später in dem hier zitierten Bu-
       che dasselbe viel besser gesagt. Z.B.:
       
       "Man hat  förmlich den Prozeß des Eigentums instruiert und Gründe
       für und  wider vorgebracht,  als wenn  es von  uns abhinge zu be-
       schließen, daß  es Eigentum  gebe oder nicht gebe in dieser Welt;
       aber das  heißt durchaus  unsre Natur  verkennen." ("Traité de la
       volonté", Paris, 1826, p. 18.)
       
       Und nun  gibt sich  Herr Destutt  de Tracy daran zu beweisen, daß
       proprieté, individualité  und personalité 1*) identisch sind, daß
       in dem  moi 2*) auch das mien 3*) liege, und er findet darin eine
       Naturgrundlage für das Privateigentum, daß
       
       "die Natur den Menschen mit einem unvermeidlichen und unveräußer-
       lichen Eigentum  begabt hat,  dem seines Individuums", (p. 17.) -
       Das Individuum  "sieht klar, daß dieses  I c h  exklusiver Eigen-
       tümer des Körpers ist, den es beseelt, der Organe, die es bewegt,
       aller ihrer Fähigkeiten, aller ihrer Kräfte, aller Wirkungen, die
       sie produzieren,  aller ihrer Leidenschaften und Handlungen; denn
       Alles dies  endet und beginnt mit diesem Ich, existiert nur durch
       es, ist  nur bewegt  durch seine  Aktion; und  keine andre Person
       kann diese  selben Instrumente  anwenden, noch in derselben Weise
       von ihnen  affiziert sein."  (p. 16.)  - "Das Eigentum existiert,
       wenn nicht  gerade überall,  wo ein  empfindendes Individuum exi-
       stiert, mindestens  überall, wo  ein  wollendes  Individuum  exi-
       stiert." (p. 19.)
       
       Nachdem er  so Privateigentum  und  Persönlichkeit  identifiziert
       hat, gibt  sich nun  wie bei "Stirner" vermittelst des Wortspiels
       mit Mein und Meinung, Eigentum und Eigenheit bei Destutt de Tracy
       aus propriété 4*) und propre 5*) folgender Schluß:
       
       "Es ist  also durchaus  unnütz, darüber  zu streiten, ob es nicht
       besser sei, daß Jedem von uns Nichts eigen wäre (de discuter s'il
       ne vaudrait  pas mieux  que rien ne fût  p r o p r e  à chacun de
       nous) -  - in  allen Fällen  heißt das  fragen, ob  es nicht wün-
       schenswert sei, daß wir ganz andre wären als wir sind, und selbst
       untersuchen, ob  es nicht  besser wäre, daß wir gar nicht seien."
       (p. 22.)
       
       "Das sind  höchst populäre",  bereits traditionell gewordene Ein-
       würfe gegen  den Kommunismus, "und es ist" ebendeswegen nicht "zu
       verwundern, daß Stirner" sie wiederholt.
       Wenn der  bornierte Bourgeois  zu den Kommunisten sagt: Indem Ihr
       das Eigentum, d.h. meine Existenz als Kapitalist, als Grundbesit-
       zer, als  Fabrikant, und Eure Existenz als Arbeiter aufhebt, hebt
       Ihr meine und Eure Individualität auf; indem Ihr es mir unmöglich
       macht, Euch  Arbeiter zu exploitieren, meine Profite, Zinsen oder
       Renten einzustreichen, macht Ihr es mir unmöglich, als Individuum
       zu existieren. - Wenn also der Bourgeois den
       -----
       1*) Eigentum, Individuum  und Persönlichkeit - 2*) Ich - 3*) Mein
       - 4*) Eigentum - 5*) eigen
       
       #211# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       Kommunisten erklärt:  Indem Ihr  meine Existenz   a l s  B o u r-
       g e o i s   aufhebt, hebt  Ihr meine  Existenz   a l s   I n d i-
       v i d u u m   auf, wenn  er so  sich als  Bourgeois mit  sich als
       Individuum identifiziert,  so ist  daran  wenigstens  die  Offen-
       herzigkeit und  Unverschämtheit anzuerkennen.  Für den  Bourgeois
       ist dies  wirklich der Fall; er glaubt nur insofern Individuum zu
       sein, als er Bourgeois ist.
       Sobald aber die Theoretiker der Bourgeoisie hereinkommen und die-
       ser Behauptung einen allgemeinen Ausdruck geben, das Eigentum des
       Bourgeois mit  der Individulität  auch theoretisch identifizieren
       und diese Identifizierung logisch rechtfertigen wollen, fängt der
       Unsinn erst an, feierlich und heilig zu werden.
       "Stirner" widerlegte  oben die  kommunistische Aufhebung des Pri-
       vateigentums dadurch,  daß er  das Privateigentum  in das "Haben"
       verwandelte und dann das Zeitwort "Haben" für ein unentbehrliches
       Wort, für  eine ewige Wahrheit erklärte, weil es auch in der kom-
       munistischen Gesellschaft  vorkommen könne,  daß er Leibschmerzen
       "habe". Geradeso begründet er hier die Unabschaffbarkeit des Pri-
       vateigentums darauf,  daß er es in den Begriff des Eigentums ver-
       wandelt, den  etymologischen Zusammenhang zwischen "Eigentum" und
       "eigen" exploitiert  und das Wort "eigen" für eine ewige Wahrheit
       erklärt, weil  es doch auch unter dem kommunistischen Regime vor-
       kommen kann,  daß ihm  Leibschmerzen "eigen"  sind. Dieser  ganze
       theoretische Unsinn,  der sein Asyl in der Etymologie sucht, wäre
       unmöglich, wenn  nicht das wirkliche Privateigentum, das die Kom-
       munisten aufheben  wollen, in  den abstrakten Begriff "das Eigen-
       tum" verwandelt  würde. Hiermit  erspart man  sich einerseits die
       Mühe, über  das wirkliche Privateigentum etwas zu sagen oder auch
       nur zu  wissen, und kann andrerseits leicht dahin kommen, im Kom-
       munismus einen  Widerspruch  zu  entdecken,  indem  man  in  ihm,
       n a c h  der Aufhebung des  (w i r k l i c h e n)  Eigentums, al-
       lerdings leicht  noch allerlei Dinge entdecken kann, die sich un-
       ter "das  Eigentum" subsumieren  lassen. In der Wirklichkeit ver-
       hält sich  die Sache  freilich gerade  umgekehrt. *) In der Wirk-
       lichkeit habe  ich nur  insoweit Privateigentum, als ich Verscha-
       cherbares habe, während meine Eigenheit durchaus unverschacherbar
       sein kann.  An meinem  Rock habe ich nur so lange Privateigentum,
       als ich  ihn wenigstens  verschachern, versetzen  oder  verkaufen
       kann, [als er verschach]erbar ist. Verliert er diese Eigenschaft,
       wird er zerlumpt, so kann er für mich noch allerlei Eigenschaften
       haben, die ihn  m i r  wertvoll machen, er kann sogar zu meiner
       ---
       *) [Im Manuskript  gestrichen:] Das  wirkliche Privateigentum ist
       gerade das  Allerallgemeinste, was  mit  der  Individualität  gar
       nichts zu  tun hat,  ja was  sie geradezu umstößt. Soweit ich als
       Privateigentümer gelte,  soweit gelte  ich nicht als Individuum -
       ein Satz, den die Geldheiraten täglich beweisen.
       
       #212# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       Eigenschaft werden  und mich  zu einem  zerlumpten Individuum ma-
       chen. Aber  es wird  keinem Ökonomen einfallen, ihn als mein Pri-
       vateigentum zu rangieren, da er mir über kein auch noch so gerin-
       ges Quantum  fremder Arbeit  noch ein  Kommando gibt. Der Jurist,
       der Ideologe  des Privateigentums,  kann vielleicht noch so etwas
       faseln. Das  Privateigentum entfremdet nicht nur die Individuali-
       tät der Menschen, sondern auch die der Dinge. Der Grund und Boden
       hat Nichts mit der Grundrente, die Maschine Nichts mit dem Profit
       zu tun. Für den Grundbesitzer hat der Grund und Boden nur die Be-
       deutung der Grundrente, er verpachtet seine Grundstücke und zieht
       die Rente  ein; eine  Eigenschaft, die  der Boden verlieren kann,
       ohne irgendeine  seiner inhärenten Eigenschaften, ohne z.B. einen
       Teil seiner  Fruchtbarkeit zu  verlieren, eine Eigenschaft, deren
       Maß, ja  deren Existenz  von gesellschaftlichen Verhältnissen ab-
       hängt, die  ohne Zutun  des einzelnen  Grundbesitzers gemacht und
       aufgehoben werden.  Ebenso mit  der Maschine. Wie wenig das Geld,
       die allgemeinste  Form des Eigentums, mit der persönlichen Eigen-
       tümlichkeit zu  tun hat, wie sehr es ihr geradezu entgegengesetzt
       ist, wußte bereits Shakespeare besser als unser theoretisierender
       Kleinbürger:
       
       Soviel hievon macht schwarz weiß, häßlich schön,
       Schlecht gut, alt jung, feig tapfer, niedrig edel,
       Ja dieser rote Sklave - -
       Er macht den Aussatz lieblich - -
                        - - dieser führt
       Der überjähr'gen Witwe Freier zu;
       Die, von Spital und Wunden giftig eiternd,,
       Mit Ekel fortgeschickt, verjüngt balsamisch
       Zu Maienjugend dies - -
                        - - sichtbare Gottheit,
       Die du Unmöglichkeiten eng verbrüderst,
       Zum Kuß sie zwingst! [101]
       
       Mit einem  Wort, Grundrente, Profit etc., die wirklichen Daseins-
       weisen  des   Privateigentums,  sind     g e s e l l s c h a f t-
       l i c h e,     einer  bestimmten  Produktionsstufe  entsprechende
       V e r h ä l t n i s s e   und   "i n d i v i d u e l l e"  nur so
       lange, als  sie noch  nicht zur Fessel der vorhandenen Produktiv-
       kräfte geworden sind.
       Nach Destutt  de Tracy muß die Majorität der Menschen, die Prole-
       tarier, längst  alle Individualität  verloren haben,  obgleich es
       heutzutage so  aussieht, als  entwickle sich unter ihnen noch ge-
       rade am meisten Individualität. Der Bourgeois hat es um so leich-
       ter, aus seiner Sprache die Identität merkantilischer und indivi-
       dueller oder auch allgemein menschlicher Beziehungen zu beweisen,
       als diese  Sprache selbst ein Produkt der Bourgeoisie ist und da-
       her wie  m der  Wirklichkeit, so  in der Sprache die Verhältnisse
       des Schachers zur
       
       #213# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       Grundlage aller andern gemacht worden sind. Z.B. propriété Eigen-
       tum und  Eigenschaft,  property  Eigentum  und  Eigentümlichkeit,
       "eigen" im  merkantilischen Sinn  und im  individuellen Sinn, va-
       leur, value,  Wert -  commerce, Verkehr - échange, exchange, Aus-
       tausch usw., die sowohl für kommerzielle Verhältnisse wie für Ei-
       genschaften und  Beziehungen von Individuen als solchen gebraucht
       werden. In den übrigen modernen Sprachen ist dies ganz ebenso der
       Fall. Wenn  Sankt Max  sich ernstlich darauf legt, diese Zweideu-
       tigkeit zu exploitieren, so kann er es leicht dahin bringen, eine
       glänzende Reihe  neuer ökonomischer  Entdeckungen zu machen, ohne
       ein Wort  von der  Ökonomie zu wissen; wie denn auch seine später
       zu registrierenden  neuen ökonomischen  Fakta sich ganz innerhalb
       dieses Kreises der Synonymik halten.
       Der gutmütige  und leichtgläubige  Jacques nimmt den Wortwitz des
       Bourgeois mit  Eigentum und  Eigenschaft so genau, in so heiligem
       Ernst, daß  er sich  sogar bestrebt, sich als Privateigentümer zu
       seinen eignen  Eigenschaften zu  verhalten, wie  wir später sehen
       werden.
       p. 421  endlich belehrt  "Stirner" den  Kommunismus darüber,  daß
       "man" (nämlich der Kommunismus)
       
       "i n   W a h r h e i t   nicht das Eigentum angreift, sondern die
       Entfremdung des Eigentums".
       
       Sankt Max  wiederholt uns  in dieser  neuen Offenbarung nur einen
       alten Witz, den z.B. bereits die Saint-Simonisten vielfach ausge-
       beutet haben. Vgl. z.B. "Leçons sur l'industrie et les finances",
       Paris 1832 [102], wo es u.a. heißt:
       
       "Das Eigentum  wird nicht  abgeschafft, sondern  seine Form  wird
       verwandelt, -  - es  wird erst  zur   w a h r e n  P e r s o n i-
       f i k a t i o n   werden, -  es wird erst seinen wirklichen indi-
       viduellen Charakter erhalten." (p. 42, 43.)
       
       Da diese von den Franzosen aufgebrachte und namentlich von Pierre
       Leroux outrierte  Phrase von  den deutschen spekulativen Soziali-
       sten mit  vielem Wohlgefallen  aufgenommen worden und weiter aus-
       spekuliert ist  und zuletzt zu reaktionären Umtrieben und prakti-
       schen Beutelschneidereien  Anlaß gegeben  hat, so  werden wir sie
       hier, wo sie nichtssagend ist, auch nicht behandeln, sondern wei-
       ter unten, bei Gelegenheit des wahren Sozialismus.
       Sankt Sancho  gefällt sich  dann, [nach  dem]  Vorbilde  des  von
       Reichardt [exploitierten]  Wönigers die  Proletarier [und  damit]
       auch die Kommunisten zu "Lum[pen" zu] machen. Er definiert seinen
       "Lumpen" p.  362 dahin, daß er "ein Mensch von nur idealem Reich-
       tum" ist. Wenn die Stirnerschen "Lumpen" einmal, wie im fünfzehn-
       ten Jahrhundert  die Pariser  Bettler, ein Lumpenkönigreich stif-
       ten, so wird Sankt Sancho Lumpenkönig, da er der
       
       #214# Karl Marx und Friedrich Engels
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       "vollendete" Lump,  ein Mensch  von nicht einmal idealem Reichtum
       ist und  daher auch  von den  Zinsen des  Kapitals seiner Meinung
       zehrt.
       
       C) Der humane Liberalismus
       
       Nachdem Sankt  Max den Liberalismus und Kommunismus als unvollen-
       dete Existenzweisen  des philosophischen "Menschen" und damit der
       neueren deutschen  Philosophie überhaupt  sich zurechtgemacht hat
       (wozu er insoweit berechtigt war, als nicht nur der Liberalismus,
       sondern auch der Kommunismus in Deutschland eine kleinbürgerliche
       und zugleich  überschwenglich ideologische Gestalt erhalten hat),
       ist es ihm nunmehr leicht, die neuesten Formen der deutschen Phi-
       losophie, den  von ihm  so genannten  "humanen Liberalismus"  als
       vollendeten Liberalismus  und Kommunismus und zugleich als Kritik
       dieser beiden darzustellen.
       Durch diese  heilige Konstruktion  ergeben sich nun folgende drei
       ergötzliche Wandlungen  - (vgl.  auch die Ökonomie des Alten Bun-
       des):
       1. Der Einzelne   i s t  nicht der Mensch, darum gilt er nichts -
       kein persönlicher  Wille, Ordonnanz - "dessen Namen wird man nen-
       nen": "Herrenlos"  - politischer Liberalismus, den wir schon oben
       behandelt haben.
       2. Der Einzelne  h a t  nichts Menschliches, darum gilt kein Mein
       und Dein  oder Eigentum: "besitzlos" - Kommunismus, den wir eben-
       falls schon behandelt haben.
       3. Der Einzelne  soll in der Kritik  d e m  jetzt erst gefundenen
       Menschen Platz  machen: "gottlos" = Identität von "Herrenlos "und
       "besitzlos" - humaner Liberalismus, p. 180, 181. - In der näheren
       Ausführung dieser letzteren negativen Einheit faßt sich die uner-
       schütterliche Rechtgläubigkeit  Jacques' zu  folgender Spitze zu-
       sammen: p. 189:
       
       "Der Egoismus des Eigentums hat sein Letztes eingebüßt, wenn auch
       das 'Mein  Gott' sinnlos  geworden ist,   d e n n"  (allergrößtes
       Denn!) "Gott  ist nur,  wenn ihm das Heil des Einzelnen am Herzen
       liegt, wie dieser in ihm sein Heil sucht."
       
       Hiernach  hätte   der  französische   Bourgeois  erst  dann  sein
       "letztes" "Eigentum eingebüßt", wenn das Wort adieu aus der Spra-
       che verbannt  [wäre]. Ganz  im Einklang mit der bis[herigen] Kon-
       struktion wird hier das Eigentum an Gott, das heilige Eigentum im
       Himmel, das  Eigentum der  Phantasie, die Phantasie des Eigentums
       für das  höchste Eigentum  und den letzten Notanker des Eigentums
       erklärt.
       Aus diesen  drei Illusionen  über Liberalismus,  Kommunismus  und
       deutsche Philosophie  braut er  sich nun  seinen neuen - diesmal,
       dem "Heiligen"
       
       #215# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       sei Dank, den letzten - Übergang zum  "I c h".  Ehe wir ihm dahin
       folgen, wollen  wir noch  einen Blick  auf seinen letzten "sauren
       Lebenskampf" mit dem "humanen Liberalismus" werfen.
       Nachdem unser  Biedermann Sancho in seiner neuen Rolle als cabal-
       lero andante  1*), und zwar als caballero de la tristisima figura
       2*) die ganze  Geschichte durchzogen, überall die Geister und Ge-
       spenster, die "Drachen und Straußen, Feldteufel und Kobolde, Mar-
       der und  Geier, Rohrdommeln  und Igel"  (vgl. Jes[aia] 34, 11-14)
       bekämpft und  "umgeblasen" hat,  wie wohl  muß ihm  jetzt werden,
       wenn er  nun endlich  aus allen  diesen verschiedenen Ländern auf
       seine Insel  Barataria [103], in "das Land" als solches kommt, wo
       "d e r   Mensch" in  puris naturalibus  3*) herumläuft! Rufen wir
       uns noch  einmal seinen  Großen Satz,  das ihm aufgebundene Dogma
       ins Gedächtnis, worauf seine ganze Geschichtskonstruktion beruht:
       daß
       
       "die Wahrheiten,  die sich  aus  dem  Begriffe    d e s    M e n-
       s c h e n   ergeben,  als  Offenbarungen  eben  dieses  Begriffes
       verehrt und  - heilig gehalten werden"; den "Offenbarungen dieses
       heiligen Begriffs"  werde selbst "durch Abschaffung mancher durch
       diesen Begriff  manifestierten Wahrheiten  nicht ihre  Heiligkeit
       genommen", (p. 51.)
       
       Wir brauchen  kaum zu  wiederholen, was wir dem heiligen Schrift-
       steller an  allen seinen  Beispielen nachgewiesen  haben, daß man
       hinterher als Offenbarung des Begriffs "Mensch" konstruiert, dar-
       stellt, sich  vorstellt, befestigt  und rechtfertigt, was empiri-
       sche, von  den wirklichen  Menschen in  ihrem wirklichen Verkehr,
       keineswegs vom  heiligen Begriff  des Men[schen] geschaffene Ver-
       hältnisse sind.  [Man] rufe  sich auch  seine Hierarchie [in das]
       Gedächtnis. Nun zum humanen [Liber]alismus.
       
       [p. 4]4, wo Sankt Max "in Kürze" ["die theo]logische Ansicht Feu-
       erbachs und  Unsere [einander]  gegenüberstellt", wird  Feuerbach
       zunächst Nichts  entgegengestellt als  eine  Redensart.  Wie  wir
       schon bei der Geisterfabrikation sahen, wo "Stirner" seinen Magen
       unter die  Sterne versetzt  (dritter Dioskur  [104], Schutzpatron
       gegen die  Seekrankheit), weil  er und  sein Magen  "verschiedene
       Namen für  völlig Verschiedenes"  sind (p. 42) - so erscheint das
       Wesen hier zunächst auch als existierendes Ding, und "so heißt es
       nun" p. 44:
       
       "Das höchste  Wesen   i s t   allerdings das  Wesen des Menschen,
       aber eben  weil es  sein   W e s e n  und nicht er selbst ist, so
       bleibt es  sich  g a n z  g l e i c h,  ob wir es außer ihm sehen
       und als  'Gott' anschauen  oder in ihm finden und 'Wesen des Men-
       schen' oder  'der Mensch'  nennen.   I c h   bin weder  Gott noch
       d e r  Mensch, weder das höchste Wesen noch Mein Wesen, und darum
       ist's in  der Hauptsache  einerlei, ob  Ich das Wesen in Mir oder
       außer Mir  d e n k e."
       -----
       1*) fahrender Ritter  - 2*) Ritter  von der traurigsten Gestalt -
       3*) im reinen Naturzustande
       
       #216# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Das "Wesen des Menschen" ist also hier als ein existierendes Ding
       vorausgesetzt, es   i s t   "das höchste Wesen", es  i s t  nicht
       "Ich", und  Sankt Max, statt über "das Wesen" etwas zu sagen, be-
       schränkt sich  auf die  einfache Erklärung,  daß es  jleichjültig
       ist, "ob  Ich es in Mir oder außer Mir", ob ich es in dieser oder
       jener Lokalität   "d e n k e".   Daß diese Gleichgültigkeit gegen
       das Wesen durchaus keine bloße Nachlässigkeit des Stils ist, geht
       schon daraus  hervor, daß  er selbst  die Unterscheidung zwischen
       wesentlich und  unwesentlich macht, daß bei ihm selbst sogar "das
       e d l e   W e s e n   d e s  Egoismus" p. 71 figurieren kann. Was
       übrigens bisher von deutschen Theoretikern über Wesen und Unwesen
       gesagt worden  ist, findet sich Alles schon viel besser bei Hegel
       in der "Logik".
       Wir fanden die grenzenlose Rechtgläubigkeit "Stirners" an die Il-
       lusionen der  deutschen Philosophie  darin konzentriert,  daß  er
       fortwährend der  Geschichte als einzig handelnde Person "den Men-
       schen" unterschiebt  und glaubt,   "d e r   Mensch"  habe die Ge-
       schichte gemacht. Wir werden dies jetzt auch wieder bei Feuerbach
       finden, dessen  Illusionen er  getreulichst akzeptiert, um darauf
       weiter fortzubauen.
       
       p. 77. "Überhaupt bewirkt Feuerbach  n u r  e i n e  U m s t e l-
       l u n g   v o n   S u b j e k t   u n d   P r ä d i k a t,   eine
       Bevorzugung des Letzteren. Da er aber selbst sagt: 'Die Liebe ist
       nicht dadurch  heilig (und  hat den  Menschen niemals dadurch für
       heilig gegolten),  daß sie  ein Prädikat  Gottes, sondern sie ist
       ein Prädikat  Gottes, weil sie durch und für sich selbst göttlich
       ist', so  konnte er  finden, daß  der Kampf  gegen die  Prädikate
       selbst  eröffnet   werden  mußte,   gegen  die   Liebe  und  alle
       Heiligkeiten. Wie  durfte er  hoffen, die  Menschen von   G o t t
       abzuwenden, wenn  er ihnen  das  G ö t t l i c h e  ließ? Und ist
       ihnen,  wie  Feuerbach  sagt,  Gott  selbst  nie  die  Hauptsache
       gewesen, sondern nur seine Prädikate, so konnte er ihnen immerhin
       den Flitter  noch länger  lassen, da ja die Puppe doch blieb, der
       eigentliche Kern."
       
       Weil Feuerbach  also   "s e l b s t"   das sagt, so ist das Grund
       genug für  Jacques le  bonhomme, ihm  zu  g l a u b e n,  daß den
       Menschen die  Liebe gegolten  habe, weil  sie "durch und für sich
       selbst göttlich  ist". Wenn  nun gerade  das  U m g e k e h r t e
       von dem,  was Feuerbach  sagt, stattfand - und wir "erkühnen uns,
       dies zu  sagen" (Wigand,  p. 157) -, wenn den Menschen weder Gott
       noch seine  Prädikate jemals  die Hauptsache  gewesen sind,  wenn
       dies selbst  nur die religiöse Illusion der deutschen Theorie ist
       - so  passiert also  unsrem Sancho  dasselbe, was ihm bereits bei
       Cervantes passierte,  als man ihm vier Pfähle unter seinen Sattel
       stellte, da er schlief, und seinen Grauen unter ihm wegzog.
       Auf diese Aussagen Feuerbachs gestützt, beginnt Sancho den Kampf,
       der ebenfalls  bereits bei Cervantes am neunzehnten vorgezeichnet
       steht, da der
       
       #217# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       ingenioso hidalgo 1*) gegen die Prädikate kämpft, die Vermummten,
       so den Leichnam der Welt zu Grabe tragen, und die, in ihren Tala-
       ren und Leichenmänteln verwickelt, sich nicht regen können und es
       unsrem Hidalgo  leicht machen,  sie mit  seiner Stange umzurennen
       und weidlich abzuprügeln. Der letzte Versuch, die nun bis zur Er-
       müdung durchgepeitschte  Kritik der  Religion  als  einer  eignen
       Sphäre weiter  auszubeuten,  innerhalb  der  Voraussetzungen  der
       deutschen Theorie stehenzubleiben und doch sich den Schein zu ge-
       ben, als trete man heraus, aus diesem bis zur letz[ten] Faser ab-
       genagten Knochen  noch [eine Ru]mfordsche breite Bettelsuppe [für
       "das] Buch"  zu kochen,  bestand darin,  die materiellen Verhält-
       nisse nicht in ihrer wirklichen Gestalt, nicht einmal in der pro-
       fanen Illusion  der in  der heutigen  Welt praktisch  Befangenen,
       sondern in  dem himmlischen  Extrakt ihrer  profanen Gestalt  als
       Prädikate, als Emanationen Gottes, als Engel zu bekämpfen. So war
       nun das Himmelreich wieder bevölkert und der alten Manier der Ex-
       ploitation dieses Himmelreichs wieder neues Material in Masse ge-
       schaffen. So war der Kampf mit der religiösen Illusion, mit Gott,
       wieder dem  wirklichen Kampf  untergeschoben. Sankt Bruno, dessen
       Broterwerb die Theologie ist, macht in seinen "sauren Lebenskämp-
       fen" gegen  die Substanz denselben Versuch pro aris et focis 2*),
       als Theologe  aus der  Theologie herauszutreten. Seine "Substanz"
       ist Nichts als die in Einem Namen zusammengefaßten Prädikate Got-
       tes; mit  Ausschluß der  Persönlichkeit, die  er sich vorbehält -
       der Prädikate Gottes, die wieder nichts sind als die verhimmelten
       Namen von Vorstellungen der Menschen von ihren bestimmten empiri-
       schen Verhältnissen,  Vorstellungen, die  sie später  aus prakti-
       schen Gründen heuchlerisch festhalten. Das empirische, materielle
       Verhalten dieser Menschen kann natürlich mit dem von Hegel ererb-
       ten theoretischen  Rüstzeug auch  nicht einmal verstanden werden.
       Indem Feuerbach  die religiöse  Welt als die Illusion der bei ihm
       selbst nur  noch als   P h r a s e   vorkommenden  irdischen Welt
       aufzeigte, ergab  sich von  selbst auch  für die deutsche Theorie
       die von  ihm nicht  beantwortete Frage:  Wie kam es, daß die Men-
       schen sich  diese Illusionen  "m den  Kopf setzten"?  Diese Frage
       bahnte selbst  für die deutschen Theoretiker den Weg zur materia-
       listischen,   n i c h t    v o r a u s s e t z u n g s l o s e n,
       sondern die wirklichen materiellen Voraussetzungen als solche em-
       pirisch beobachtenden und darum erst  w i r k l i c h  kritischen
       Anschauung der  Welt. Dieser  Gang war  schon angedeutet  in  den
       "Deutsch-Französischen Jahrbüchern" in der "Einleitung zur Kritik
       der Hegelschen  Rechtsphilosophie" und  "Zur Judenfrage". Da dies
       damals noch in philosophischer Phraseologie geschah, so gaben die
       hier traditionell unter-
       -----
       1*) scharfsinnige Edle  - 2*) wörtlich: für Altar und Herd; hier:
       für die eigene Denkweise und die eigene Stellung
       
       #218# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       laufenden philosophischen  Ausdrücke  wie  "menschliches  Wesen",
       "Gattung" pp. den deutschen Theoretikern die erwünschte Veranlas-
       sung, die  wirkliche Entwicklung  zu mißverstehen und zu glauben,
       es handle  sich hier  wieder nur um eine neue Wendung ihrer abge-
       tragenen theoretischen Röcke - wie denn auch der Dottore Graziano
       der deutschen  Philosophie, der  Doktor Arnold  Ruge, glaubte, er
       dürfe hier noch fortwährend mit seinen unbeholfenen Gliedmaßen um
       sich schlagen  und seine pedantisch-burleske Maske zur Schau tra-
       gen. Man  muß "die  Philosophie beiseite liegenlassen" (Wig[and,]
       p. 187,  vgl. Heß,  "Die letzten Philosophen", p. 8), man muß aus
       ihr herausspringen  und sich  als ein  gewöhnlicher Mensch an das
       Studium der  Wirklichkeit geben,  wozu auch literarisch ein unge-
       heures, den  Philosophen natürlich unbekanntes Material vorliegt;
       und wenn  man dann  einmal wieder  Leute wie  K r u m m a c h e r
       oder   "S t i r n e r"   vor sich bekommt, so findet man, daß man
       sie längst  "hinter" und  unter sich hat. Philosophie und Studium
       der wirklichen  Welt verhalten sich zueinander wie Onanie und Ge-
       schlechtsliebe. Sankt Sancho, der trotz seiner von uns mit Geduld
       und von ihm mit Emphase konstatierten Gedankenlosigkeit innerhalb
       der Welt  der reinen  Gedanken stehenbleibt,  kann natürlich  nur
       durch  ein   moralisches  Postulat,   durch  das   Postulat   der
       "G e d a n k e n l o s i g k e i t",  sich vor ihr retten (p. 196
       d e s   "Buchs"). Er  ist der  Bürger, der sich durch die banque-
       route cochonnet [105] vor dem Handel rettet, wodurch er natürlich
       kein Proletarier,  sondern unbemittelter bankerutter Bürger wird.
       Er wird nicht Weltmann, sondern gedankenloser, bankerutter Philo-
       soph.
       Die von  Feuerbach überlieferten  Prädikate Gottes  als wirkliche
       Mächte über  die Menschen,  als Hierarchen,  sind der der empiri-
       schen Welt  untergeschobne Wechselbalg,  den "Stirner" vorfindet.
       So sehr  beruht seine  ganze "Eigenheit"  nur auf  "Eingegebnem".
       Wenn "Stirner"  (s. auch  p. 63)  Feuerbach vorwirft, er komme zu
       Nichts, weil  er das  Prädikat zum  Subjekt mache  und umgekehrt,
       [so] kann  er nur  noch zu  viel weniger  kommen, [weil] er diese
       Feuerbachschen, zu  Sub[jekten gemac]hten Prädikate als wirkliche
       [die Welt  beherrschende Persönlichkeiten, diese Phrasen über die
       Verhältnisse als  die wirklichen  Verhältnisse treulichst  akzep-
       tiert, ihnen  das Prädikat  heilig beilegt,   d i e s  P r ä d i-
       k a t   i n   e i n  S u b j e k t,  "das Heilige",  v e r w a n-
       d e l t,   also ganz  dasselbe tut,  was er Feuerbach zum Vorwurf
       macht, und  nun, nachdem  er hierdurch  den bestimmten Inhalt, um
       den es  sich  handelte,  gänzlich  losgeworden  ist,  gegen  dies
       "Heilige", das  natürlich immer  dasselbe bleibt,  seinen  Kampf,
       d.h. seinen  "Widerwillen" eröffnet.  Bei Feuerbach  ist noch das
       Bewußtsein, was ihm Sankt Max zum Vorwurf macht, "daß es sich bei
       ihm 'nur  um die Vernichtung einer Illusion handelt'" (p. 77 "des
       Buchs") - obgleich Feuerbach dem Kampfe gegen diese Illusion noch
       viel zu große Wichtigkeit beilegt. Bei
       
       #219# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       "Stirner" ist  auch dies  Bewußtsein "alle  jeworden", er  glaubt
       wirklich an  die Herrschaft der abstrakten Gedanken der Ideologie
       in der  heutigen Welt,  er glaubt,  in seinem  Kampfe  gegen  die
       "Prädikate", die  Begriffe, nicht mehr eine Illusion, sondern die
       wirklichen Herrschermächte  der Welt anzugreifen. Daher seine Ma-
       nier, alles  auf den  Kopf zu stellen, daher seine enorme Leicht-
       gläubigkeit, mit  der er  alle  scheinheiligen  Illusionen,  alle
       heuchlerischen Beteuerungen der Bourgeoisie für bare Münze nimmt.
       Wie wenig  übrigens "die Puppe" "der eigentliche Kern" "des Flit-
       ters" und  wie lahm  dies schöne Gleichnis ist, zeigt sich am be-
       sten an  "Stirners" eigner  "Puppe" -  "dem Buch"  -, an  dem gar
       kein, weder  "eigentlicher" noch un-"eigentlicher" "Kern" vorhan-
       den ist  und wo selbst das Wenige, was auf den 491 Seiten vorhan-
       den ist,  kaum den  Namen "Flitter"  verdient. -  Sollen wir aber
       einmal einen  "Kern" darin  finden, so  ist  dieser  Kern  -  der
       d e u t s c h e  K l e i n b ü r g e r.
       Woher übrigens  Sankt Maxens  Haß gegen  die "Prädikate"  stammt,
       darüber gibt  er selbst  im apologetischen Kommentar einen höchst
       naiven Aufschluß.  Er zitiert  folgende Stelle aus dem "Wesen des
       Christenthums", p.  31: "Ein  wahrer Atheist ist nur der, welchem
       d i e   P r ä d i k a t e   des göttlichen  Wesens, wie  z.B. die
       Liebe, die  Weisheit, die  Gerechtigkeit Nichts  sind, aber nicht
       der, welchem  nur   d a s  S u b j e k t  dieser Prädikate Nichts
       ist" -  und ruft  dann triumphierend  aus:  "T r i f f t  d i e s
       n i c h t   b e i  S t i r n e r  e i n?"  - "Hier ist Weisheit."
       Sankt Max  fand in  obiger Stelle einen Wink, wie man es anfangen
       müsse, um   "a m   A l l e r w e i t e s t e n"    zu  gehen.  Er
       glaubt Feuerbach,  daß dies  Obige das  "Wesen" des  "w a h r e n
       A t h e i s t e n"   sei und  läßt sich nun von ihm die "Aufgabe"
       stellen, der  "wahre Atheist"  zu werden.  Der "Einzige" ist "der
       w a h r e  A t h e i s t".
       Noch viel leichtgläubiger als gegen Feuerbach "machiniert" er ge-
       gen Sank Bruno oder "die Kritik". Was er sich alles von "der Kri-
       tik" aufbinden  läßt, wie  er  sich  unter  ihre  Polizeiaufsicht
       stellt, wie sie ihm seine Lebensart, seinen "Beruf" eingibt - wir
       werden das  allgemach sehen.  Einstweilen genügt als Probe seines
       Glaubens an  die Kritik,  daß er  p. 186 "Kritik" und "Masse" als
       zwei Personen  behandelt, die gegeneinander kämpfen und "sich vom
       Egoismus zu  befreien suchen",  und p.  187 Beide "für das nimmt,
       wofür sie  s i c h  -  a u s g e b e n".
       Mit dem  Kampf gegen den humanen Liberalismus ist der lange Kampf
       des Alten Bundes, wo der Mensch ein Zuchtmeister auf den Einzigen
       war, beendigt;  die Zeit  1*) ist erfüllet und das Evangelium der
       Gnade und Freude bricht herein über die sündige Menschheit.
                                    ---
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       1*) MEGA: und die Zeit
       
       #220# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Der Kampf  um "den Menschen" ist die Erfüllung des Wortes, das da
       geschrieben steht  bei Cervantes  am einundzwanzigsten,  "welches
       von dem hohen Abenteuer und reichen Gewinnung des Helmes Mambrins
       handelt". Unser  Sancho, der seinem ehemaligen Herrn und jetzigen
       Knecht Alles nachmacht, hat "den Schwur getan, den Helm Mambrins"
       -   d e n  Menschen - für sich "zu erobern " Nachdem er in seinen
       verschiedenen "Auszügen"  den ersehnten  Helm bei  den Alten  und
       Neuen, Liberalen und Kommunisten vergebens gesucht hat, "sieht er
       einen Menschen  zu Pferde, der auf seinem Kopfe etwas trägt, wel-
       ches leuchtet,  als wenn  es von  Gold wäre",  und spricht zu Don
       Quijote-Szeliga: "Wenn  Ich mich  nicht täusche,  so kommt  Einer
       dort zu uns heran, der auf seinem Haupte den Helm Mambrins trägt,
       wegen dessen  Ich den  Schwur getan  habe, so du weißest." "Nehme
       sich Eure  Herrlichkeit wohl m Acht, was sie sagen und noch mehr,
       was sie  tun", erwidert  der im Laufe der Zeit klug gewordene Don
       Quijote. "Sage  Mir, siehst  du nicht  jenen Ritter,  der zu  uns
       herankommt auf  einem graugefleckten  Roß,  und  hat  auf  seinem
       Haupte einen  goldenen Helm?" - "Was Ich sehe und gewahre", erwi-
       dert Don Quijote, "ist nur ein Kerl auf einem grauen Esel wie der
       Eurige, welcher  auf seinem  Kopfe etwas  trägt, was  glänzt."  -
       "Also das ist der Helm des Mambrin", sagt Sancho.
       Unterdessen kam  der heilige  Barbier  B r u n o  auf seinem Ese-
       lein, der  Kritik, ruhig  herangetrabt, mit  seinem Barbierbecken
       auf dem  Kopfe; Sankt  Sancho legt seine Lanze auf ihn ein, Sankt
       Bruno springt  von seinem  Esel, läßt  das Becken liegen (wie wir
       ihn denn  auch hier  im Konzil  ohne dies Becken auftreten sahen)
       und läuft  querfeldein, "weil  er der Kritiker selber ist". Sankt
       Sancho nimmt  hocherfreut  den  Mambrinshelm  auf,  und  als  Don
       Quijote bemerkt:  er sehe einem Barbierbecken vollkommen ähnlich,
       antwortet Sancho:  "Ohne Zweifel  ist  dieses  famose  Stück  des
       verzauberten, 'spukhaft'  gewordenen Helmes  in  die  Hand  eines
       Menschen gefallen,  der seinen  Wert nicht zu schätzen wußte, die
       eine Hälfte  einschmolz und  die andre  so zurechtgehämmert,  daß
       sie, wie  du sagst,  ein Barbierbecken  zu sein  scheint; er möge
       übrigens für  profane Augen aussehen, wie er wolle, für Mich, der
       Ich seinen Wert kenne, ist das einerlei."
       "Die zweite Herrlichkeit, das zweite Eigentum ist nun erworben!"
       Jetzt, nachdem  er "den  Menschen", seinen  Helm,  erworben  hat,
       stellt er  sich ihm  gegenüber, verhält sich zu ihm wie zu seinem
       "unversöhnlichsten Feind" und erklärt ihm rundheraus (warum, wer-
       den wir  später sehen), daß Er (Sankt Sancho) nicht "der Mensch",
       sondern  "der   Unmensch,  das  Unmenschliche"  sei.  Als  dieses
       "Unmenschliche" zieht er nun auf die Sierra Morena, um sich durch
       Büßungen auf die Herrlichkeit des Neuen Bundes
       
       #221# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       vorzubereiten. Dort  zieht er  sich "splitternackt" aus (p. 184),
       um seine  Eigenheit zu  erlangen und  um Das  zu übertreffen, was
       sein Vorläufer bei Cervantes am fünfundzwanzigsten tut: "Und sich
       mit aller Eile der Hosen entkleidend, blieb er halbnackt im Hemde
       und machte,  ohne sich zu besinnen, zwei Bocksprünge in der Luft,
       den Kopf  nach unten,  die Beine nach oben, Dinge enthüllend, die
       seinen getreuen  Schildknappen veranlaßten, Rozinante herumzuwer-
       fen, um  sie nicht zu sehen." "Das Unmenschliche" übertrifft sein
       profanes  Vorbild   bei  weitem.   Es      "k e h r t      e n t-
       s c h l o ß n e n    M u t e s    s i c h    s e l b s t    d e n
       R ü c k e n   und wendet sich dadurch auch von dem beunruhigenden
       Kritiker ab"  und  "läßt  ihn  stehen".  "Das    U n m e n s c h-
       l i c h e"   läßt sich  dann mit der "stehengelassenen" Kritik in
       eine Disputation  ein, es "verachtet sich selbst", es "denkt sich
       im Vergleich zu einem Andern", es "befiehlt Gott", es "sucht sein
       besseres Selbst außer sich", es tut Buße dafür, daß es noch nicht
       einzig war, es erklärt sich für das Einzige, "das Egoistische und
       d a s   E i n z i g e"   - obwohl  es dies  kaum noch zu erklären
       brauchte, nachdem es  s i c h  s e l b s t  entschloßnen Muts den
       Rücken gekehrt  hat. Alles  dies hat "das Unmenschliche" aus sich
       selbst  vollbracht   (siehe    P f i s t e r,    "Geschichte  der
       Teutschen"), und  nun reitet  Es auf  seinem Grauen geläutert und
       triumphierend in das Reich des Einzigen ein.
       
       Ende des Alten Testaments.

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