Quelle: MEW 3 1845 - 1846
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#176# Karl Marx und Friedrich Engels
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6. Die Freien
Was die "Freien" hier zu tun haben, besagt die Ökonomie des Alten
Bundes. Wir können nicht dafür, daß das Ich, dem wir bereits so
nahe gerückt waren, uns jetzt wieder in unbestimmte Ferne zurück-
tritt. Es ist überhaupt nicht unsre Schuld, daß wir nicht schon
von p. 20 "des Buchs" sogleich auf das Ich übergingen.
A) Der politische Liberalismus
Der Schlüssel zu Sankt Maxens und seiner Vorgänger Kritik des Li-
beralismus ist die Geschichte des deutschen Bürgertums. Wir heben
einige Momente dieser Geschichte seit der französischen Revolu-
tion hervor.
Der Zustand Deutschlands am Ende des vorigen Jahrhunderts spie-
gelt sich vollständig ab in Kants "Critik der practischen Ver-
nunft". Während die französische Bourgeoisie sich durch die ko-
lossalste Revolution, die die Geschichte kennt, zur Herrschaft
aufschwang und den europäischen Kontinent eroberte, während die
bereits politisch emanzipierte englische Bourgeoisie die Indu-
strie revolutionierte und sich Indien politisch und die ganze an-
dere
#177# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Welt kommerziell unterwarf, brachten es die ohnmächtigen deut-
schen Bürger nur zum "guten Willen". Kant beruhigte sich bei dem
bloßen "guten Willen", selbst wenn er ohne alles Resultat bleibt,
und setzte die V e r w i r k l i c h u n g dieses guten Wil-
lens, die Harmonie zwischen ihm und den Bedürfnissen und Trieben
der Individuen, ins J e n s e i t s. Dieser gute Wille Kants
entspricht vollständig der Ohnmacht, Gedrücktheit und Misere der
deutschen Bürger, deren kleinliche Interessen nie fähig waren,
sich zu gemeinschaftlichen, nationalen Interessen einer Klasse zu
entwickeln, und die deshalb fortwährend von den Bourgeois aller
andern Nationen exploitiert wurden. Diesen kleinlichen Lokalin-
teressen entsprach einerseits die wirkliche lokale und provin-
zielle Borniertheit, andrerseits die kosmopolitische Aufgebläht-
heit der deutschen Bürger. Überhaupt hatte seit der Reformation
die deutsche Entwicklung einen ganz kleinbürgerlichen Charakter
erhalten. Der alte Feudaladel war größtenteils in den Bauernkrie-
gen vernichtet worden; was übrigblieb, waren entweder reichsun-
mittelbare Duodezfürsten, die sich allmählich eine ziemliche Un-
abhängigkeit verschafften und die absolute Monarchie im kleinsten
und kleinstädtischsten Maßstabe nachahmten, oder kleinere Grund-
besitzer, die teils ihr bißchen Vermögen an den kleinen Höfen
durchbrachten und dann von kleinen Stellen in den kleinen Armeen
und Regierungsbüros lebten - oder Krautjunker, die ein Leben
führten, dessen sich der bescheidenste englische Squire 1*) oder
französische gentilhomme de province 1*) geschämt hätte. Der Ac-
kerbau wurde auf eine Weise betrieben, die weder Parzellierung
noch große Kultur war und die trotz der fortdauernden Hörigkeit
und Fronlasten die Bauern nie zur Emanzipation forttrieb, sowohl
weil diese Art des Betriebes selbst keine aktiv revolutionäre
Klasse aufkommen ließ, als auch weil ihr die einer solchen Bau-
ernklasse entsprechende revolutionäre Bourgeoisie nicht zur Seite
stand.
Was die Bürger betrifft, so können wir hier nur ein paar bezeich-
nende Momente hervorheben. Bezeichnend ist, daß die Leinenmanu-
faktur, d.h. die auf dem Spinnrad und Handwebstuhl beruhende In-
dustrie in Deutschland gerade zu derselben Zeit zu einiger Bedeu-
tung kam, als m England diese unbeholfenen Instrumente durch Ma-
schinen verdrängt wurden. Am bezeichnendsten ist ihre Stellung zu
H o l l a n d. Holland, der einzige Teil der Hanse, der zu kom-
merzieller Bedeutung kam, riß sich los, schnitt Deutschland bis
auf zwei Häfen (Hamburg und Bremen) vom Welthandel ab und be-
herrschte seitdem den ganzen deutschen Handel. Die deutschen Bür-
ger waren zu ohnmächtig, der Exploitation durch die Holländer
Schranken zu setzen. Die
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1*) Landedelmann
#178# Karl Marx und Friedrich Engels
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Bourgeoisie des kleinen Hollands mit ihren entwickelten Klassen-
interessen war mächtiger als die viel zahlreicheren Bürger
Deutschlands mit ihrer Interesselosigkeit und ihren zersplitter-
ten kleinlichen Interessen. Der Zersplitterung der Interessen
entsprach die Zersplitterung der politischen Organisation, die
kleinen Fürstentümer und die freien Reichsstädte. Wo sollte
p o l i t i s c h e Konzentration m einem Lande herkommen, dem
alle ö k o n o m i s c h e n Bedingungen derselben fehlten? Die
Ohnmacht jeder einzelnen Lebenssphäre (man kann weder von Ständen
noch von Klassen sprechen, sondern höchstens von gewesenen Stän-
den und ungebornen Klassen) erlaubte keiner einzigen, die aus-
schließliche Herrschaft zu erobern. Die notwendige Folge davon
war, daß während der Epoche der absoluten Monarchie, die hier in
ihrer allerverkrüppeltsten, halb patriarchalischen Form vorkam,
die besondre Sphäre, welcher durch die Teilung der Arbeit die
Verwaltung der öffentlichen Interessen zufiel, eine abnorme Unab-
hängigkeit erhielt, die in der modernen Bürokratie noch weiter
getrieben wurde. Der Staat konstituierte sich so zu einer schein-
bar selbständigen Macht und hat diese in andern Ländern nur vor-
übergehende Stellung - Übergangsstufe - in Deutschland bis heute
behalten. Aus dieser Stellung erklärt sich sowohl das anderwärts
nie vorkommende redliche Beamtenbewußtsein wie die sämtlichen m
Deutschland kursierenden Illusionen über den Staat, wie die
scheinbare Unabhängigkeit, die die Theoretiker hier gegenüber den
Bürgern haben - der scheinbare Widerspruch zwischen der Form, in
der diese Theoretiker die Interessen der Bürger aussprechen, und
diesen Interessen selbst.
Die charakteristische Form, die der auf wirklichen Klasseninter-
essen beruhende französische Liberalismus in Deutschland annahm,
finden wir wieder bei Kant. Er sowohl wie die deutschen Bürger,
deren beschönigender Wortführer er war, merkten nicht, daß diesen
theoretischen Gedanken der Bourgeois materielle Interessen und
ein durch die materiellen Produktionsverhältnisse bedingter und
bestimmter W i l l e zugrunde lag; er trennte daher diesen
theoretischen Ausdruck von den Interessen, die er ausdrückt,
machte die materiell motivierten Bestimmungen des Willens der
französischen Bourgeois 1*) zu r e i n e n Selbstbestimmungen
des "f r e i e n W i l l e n s", des Willens an und für sich,
des menschlichen Willens, und verwandelte ihn so in rein ideolo-
gische Begriffsbestimmungen und moralische Postulate. Die deut-
schen Kleinbürger schauderten daher auch vor der Praxis dieses
energischen Bourgeoisliberalismus zurück, sobald diese sowohl in
der Schreckensherrschaft als in dem unverschämten Bourgeoiserwerb
hervortrat.
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1*) MEGA: Bourgeoisie
#179# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Unter der Herrschaft Napoleons trieben die deutschen Bürger ihren
kleinen Schacher und ihre großen Illusionen noch weiter. Über den
Schachergeist, der damals in Deutschland herrschte, kann Sankt
Sancho u.a. Jean Paul vergleichen, um ihm allein zugängliche bel-
letristische Quellen zu zitieren. Die deutschen Bürger, die über
Napoleon schimpften, weil er sie Zichorien zu trinken zwang und
ihren Landfrieden durch Einquartierung und Konskription störte,
verschwendeten ihren ganzen moralischen Haß an ihn und ihre ganze
Bewunderung an England; während Napoleon ihnen durch seine Reini-
gung des deutschen Augiasstalles und die Herstellung zivilisier-
ter Kommunikationen die größten Dienste leistete und die Englän-
der nur auf die Gelegenheit warteten, sie à tort et à travers 1*)
zu exploitieren. In gleich kleinbürgerlicher Weise bildeten sich
die deutschen Fürsten ein, für das Prinzip der Legitimität und
gegen die Revolution zu kämpfen, während sie nur die bezahlten
Landsknechte der englischen Bourgeois waren. Unter diesen allge-
meinen Illusionen war es ganz in der Ordnung, daß die zur Illu-
sion privilegierten Stände, die Ideologen, die Schulmeister, die
Studenten, die Tugendbündler [86], das große Wort führten und der
allgemeinen Phantasterei und der Interesselosigkeit einen analo-
gen, überschwenglichen Ausdruck gaben.
Durch die Julirevolution [87] - da wir nur wenige Hauptpunkte an-
deuten, überspringen wir den Zwischenraum - wurden die der ausge-
bildeten Bourgeoisie entsprechenden politischen Formen den Deut-
schen von außen zugeschoben. Da die deutschen ökonomischen Ver-
hältnisse noch bei weitem nicht die Entwicklungsstufe erreicht
hatten, der diese politischen Formen entsprachen, so akzeptierten
die Bürger diese Formen nur als abstrakte Ideen, an und für sich
gültige Prinzipien, fromme Wünsche und Phrasen, Kantsche Selbst-
bestimmungen des Willens und der Menschen, wie sie sein sollen.
Sie verhielten sich daher viel sittlicher und uninteressierter zu
ihnen als andre Nationen; d. h., sie machten eine höchst eigen-
tümliche Borniertheit geltend und blieben mit allen ihren Bestre-
bungen ohne Erfolg.
Endlich drückte die immer heftiger werdende Konkurrenz des Aus-
landes und der Weltverkehr, dem sich Deutschland immer weniger
entziehen konnte, die deutschen zersplitterten Lokalinteressen zu
einer gewissen Gemeinsamkeit zusammen. Die deutschen Bürger be-
gannen, namentlich seit 1840, auf die Sicherstellung dieser ge-
meinsamen Interessen zu denken; sie wurden national und liberal
und verlangten Schutzzölle und Konstitutionen. Sie sind also
jetzt beinahe so weit wie die französischen Bourgeois 1789.
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1*) wild drauflos
#180# Karl Marx und Friedrich Engels
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Wenn man, wie die Berliner Ideologen, den Liberalismus und den
Staat, selbst innerhalb der deutschen Lokaleindrücke stehend, be-
urteilt oder gar auf die Kritik der deutschbürgerlichen Illusio-
nen über den Liberalismus sich beschränkt, statt ihn im Zusammen-
hange mit den wirklichen Interessen aufzufassen, aus denen er
hervorgegangen ist und mit denen zusammen er allein wirklich exi-
stiert, kommt man natürlich zu den abgeschmacktesten Resultaten
von der Welt. Dieser deutsche Liberalismus, wie er sich bis zur
neuesten Zeit hin noch aussprach, ist, wie wir gesehen haben,
schon in seiner populären Form Schwärmerei, Ideologie über den
w i r k l i c h e n Liberalismus. Wie leicht also, seinen Inhalt
ganz in Philosophie, in reine Begriffsbestimmungen, in
"Vernunfterkenntnis" zu verwandeln! Ist man also gar so unglück-
lich, selbst den verbürgerten Liberalismus nur in der sublimier-
ten Gestalt zu kennen, die Hegel und die von ihm abhängigen
Schulmeister ihm gegeben haben, so gelangt man zu Schlußfolgerun-
gen, die ausschließlich ins Reich des Heiligen gehören. Sancho
wird uns hiervon ein trauriges Exempel liefern.
"Man hat in jüngster Zeit" in der aktiven Welt "so viel von" der
Herrschaft der Bourgeois "gesprochen, daß man sich nicht wundern
darf, wenn die Kunde davon", schon durch den von dem Berliner
Buhl übersetzten L. Blanc [88) pp., "auch nach Berlin gedrungen
ist" und daselbst die Aufmerksamkeit gemütlicher Schulmeister auf
sich gezogen hat (Wigand, p. 190). Man kann indes nicht sagen,
daß "Stirner" in seiner Methode der Aneignung der kursierenden
Vorstellungen sich "eine besonders gewinnreiche und einträgliche
Wendung angewöhnt" habe (Wig[and] ibid.), wie bereits aus seiner
Ausbeutung Hegels hervorging und sich nun eines weiteren ergeben
wird.
Es ist unserm Schulmeister nicht entgangen, daß in neuester Zeit
die Liberalen mit den Bourgeois identifiziert wurden. Weil Sankt
Max die Bourgeois mit den guten Bürgern, den kleinen Deutschbür-
gern identifiziert, faßt er das ihm Tradierte nicht, wie es wirk-
lich ist und von allen kompetenten Schriftstellern ausgeprochen
wurde - nämlich so, daß die liberalen Redensarten der idealisti-
sche Ausdruck der realen Interessen der Bourgeoisie seien, son-
dern umgekehrt, daß der letzte Zweck des Bourgeois der sei, ein
vollendeter Liberaler, ein Staatsbürger zu werden. Ihm ist nicht
der bourgeois die Wahrheit des citoyen, ihm ist der citoyen die
Wahrheit des bourgeois. Diese ebenso heilige als deutsche Auffas-
sung geht so weit, daß uns p. 130 "das Bürgertum" (soll heißen
die Herrschaft der Bourgeoisie) in einen "G e d a n k e n,
n i c h t s als einen Gedanken" verwandelt wird und "der Staat"
als "der wahre Mensch" auftritt, der den einzelnen Bourgeois in
den "Menschenrechten" die Rechte "d e s" Menschen, die wahre
Weihe erteilt - Alles das, nachdem die Illusionen über den Staat
und die Menschenrechte bereits in den "Deutsch-
#181# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Französischen Jahrbüchern" hinlänglich aufgedeckt waren *), eine
Tatsache, die Sankt Max im "apologetischen Kommentar" anno 1845
endlich merkt. So kann er nun den Bourgeois, indem er ihn als Li-
beralen von sich als empirischem Bourgeois trennt, in den heili-
gen Liberalen, wie den Staat in "das Heilige" und das Verhältnis
des Bourgeois zum modernen Staat in ein heiliges Verhältnis, in
K u l t u s verwandeln (p. 131), womit er eigentlich seine Kri-
tik über den politischen Liberalismus schon beschlossen hat. Er
hat ihn in "das Heilige" verwandelt **).
Wir wollen hier einige Exempel davon geben, wie Sankt Max dieses
sein Eigentum mit historischen Arabesken herausputzt. Hierzu be-
nutzt er die französische Revolution, für die ihm sein Ge-
schichtsmakler, der heilige Bruno, einen kleinen Lieferungskon-
trakt auf wenige Data vermittelt hat.
Vermittelst einiger Worte Baillys, die wieder durch des heiligen
Bruno "Denkwürdigkeiten" vermittelt sind, "erlangen" durch die
Berufung der Generalstaaten "die bisherigen Untertanen das Be-
wußtsein, daß sie Eigentümer seien" (p. 132), Umgekehrt, mon
brave 1*), die bisherigen Eigentümer betätigen dadurch ihr Be-
wußtsein, daß sie keine Untertanen mehr sind - ein Bewußtsein,
das schon längst erlangt war, z.B. in den Physiokratent [80], und
polemisch gegen die Bourgeois bei Linguet, "Théorie des lois ci-
viles", 1767, Mercier, Mably, überhaupt den Schriften gegen die
Physiokraten. Dieser Sinn wurde auch sogleich erkannt im Anfange
der Revolution, z.B. von Brissot, Fauchet, Marat, im Cercle so-
cial' [90] und von sämtlichen demokratischen Gegnern Lafayettes.
Hätte der heilige Max die Sache so gefaßt, wie sie sich unabhän-
gig von seinem Geschichtsmakler zutrug, so würde er sich nicht
wundern, daß "Baillys Worte freilich so k l i n g e n, [als
wäre nun jeder ein Eigentümer ..."] 2*)
[... "Stirner" glaubt, "'den guten Bü]rgern' kann es gleich
[gelten, wer sie] und ihre Prinzipien [schützt, ob ei]n absoluter
oder konstitutioneller
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*) In den "Deutsch-Franz[ösischen] Jahrb[üchern]" geschah dies,
dem Zusammenhange gemäß, nur in Beziehung auf die Menschenrechte
der französischen Revolution. Man kann übrigens diese ganze Auf-
fassung der Konkurrenz als "der Menschenrechte" schon Ein Jahr-
hundert früher bei den Repräsentanten der Bourgeoisie nachweisen.
(John Hamp[den], Petty, Boisguillebert, Child pp.) Über das Ver-
hältnis] der theoretischen Liberalen zu den Bourgeois vergleiche
[oben] über das Verhältnis der Ideologen einer Klasse zu dieser
Klasse selbst.
**) [Im Manuskript gestrichen:] womit für ihn alle Kritik "ihr
letztes Absehen erreicht" und alle Kühe grau werden, womit er
zugleich seine Unwissenheit über die w i r k l i c h e Grund-
lage und den wirklichen Inhalt der Bourgeoisieherrschaft gesteht.
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1*) mein Bester - 2*) folgen von Mäusen zerfressene Stellen
#182# Karl Marx und Friedrich Engels
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König, eine Republik usw." - Den "guten Bürgern", die in einem
Berliner Keller ihr stilles Weißbier trinken, ist dies allerdings
"jleichjültig"; aber den historischen Bourgeois ist dies keines-
wegs gleich. Der "gute Bürger" "Stirner" bildet sich hier wieder
ein, wie überhaupt im ganzen Abschnitte, die französischen, ame-
rikanischen und englischen Bourgeois seien gute Berliner Weiß-
bierphilister. Der obige Satz heißt, aus der Form der politischen
Illusion in gutes Deutsch übersetzt: Den Bourgeois "kann es
gleichgültig sein", ob sie unumschränkt herrschen oder ob andre
Klassen ihrer politischen und ökonomischen Macht die Waage hal-
ten. Sankt Max glaubt, ein absoluter König oder sonst Jemand
k ö n n e die Bourgeois ebensogut schützen, wie sie sich selbst
schützen. Und nun gar "ihre Prinzipien", die darin bestehen, die
Staatsmacht dem chacun pour soi, chacun chez soi 1*) unterzuord-
nen, sie dafür zu exploitieren - das soll ein "absoluter König"
können! Sankt Max möge uns das Land nennen, wo bei entwickelten
Handels- und Industrieverhältnissen, bei einer großen Konkurrenz
die Bourgeois sich von einem "absoluten König" schützen lassen.
Nach dieser Verwandlung der geschichtlichen Bourgeois in ge-
schichtslose deutsche Philister braucht "Stirner" denn auch keine
andern Bourgeois zu kennen als "behagliche Bürger und treue Be-
amte" (!!) - zwei Gespenster, die sich nur auf dem "heiligen"
deutschen Boden sehn lassen dürfen "und die ganze Klasse als
"gehorsame Diener" zusammenzufassen (p. 138). Er möge sich diese
gehorsamen Diener auf der Börse von London, Manchester, New York
und Paris einmal ansehen. Da Sankt Max im Zuge ist, kann er jetzt
auch the whole hog gehen 2*) und einem bornierten Theoretiker der
"Einundzwanzig Bogen" glauben, "der Liberalismus sei die Ver-
nunfterkenntnis angewandt auf unsre bestehenden Verhält-
nisse"l91', und zu erklären, "die Liberalen seien Eiferer für die
Vernunft". Man sieht aus diesen [...] Phrasen, wie wenig die
Deutschen [sich von] ihren ersten Illusionen über den
Libera[lismus] erholt haben. "Abraham hat geglaubet auf Hoffnung,
da Nichts zu hoffen war, - - und sein Glaube ward ihm gerechnet
zur Gerechtigkeit." Röm[er]4, 18 und 22.
"Der Staat bezahlt gut, damit seine guten Bürger ohne Gefahr
schlecht bezahlen können; er sichert sich seine Diener, aus denen
er für die guten Bürger eine Schutzmacht, eine Polizei bildet,
durch gute Bezahlung; und die guten Bürger entrichten gern hohe
Abgaben an ihn, um desto niedrigere an ihre Arbeiter zu leisten."
p. 152.
Soll heißen: Die Bourgeois bezahlen ihren Staat gut und lassen
die Nation dafür zahlen, damit sie ohne Gefahr schlecht bezahlen
können; sie sichern
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1*) jeder für sich, jeder bei sich (zu Hause) - 2*) das Maß voll
machen
#183# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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sich durch gute Bezahlung in den Staatsdienern eine Schutzmacht,
eine Polizei; sie entrichten gern und lassen die Nation hohe Ab-
gaben entrichten, um das, was sie zahlen, ihren Arbeitern gefahr-
los als Abgabe (als Abzug am Arbeitslohn) wieder auflegen zu kön-
nen. "Stirner" macht hier die neue ökonomische Entdeckung, daß
der Arbeitslohn eine Abgabe, eine Steuer ist, die der Bourgeois
dem Proletarier zahlt, während die andern, profanen Ökonomen die
Steuern als eine Abgabe fassen, die der Proletarier dem Bourgeois
zahlt.
Von dem heiligen Bürgertum kommt unser heiliger Kirchenvater nun
auf das Stirnersche "einzige" Proletariat (p. 148). Dies besteht
aus "Industrierittern, Buhlerinnen, Dieben, Räubern und Mördern,
Spielern, vermögenslosen Leuten ohne Anstellung und Leichtsinni-
gen" (ibid.). Sie sind "das gefährliche Proletariat" und reduzie-
ren sich für einen Augenblick auf "einzelne Schreier", dann end-
lich "Vagabonden", deren vollendeter Ausdruck die "g e i s t i-
g e n Vagabonden" sind, die sich nicht "in den Schranken einer
gemäßigten Denkungsart halten".---- "S o l c h w e i t e n
S i n n hat das sogenannte Proletariat oder" (per appos[itio-
nem]) "der Pauperismus!" (p. 149.)
[Das Proletariat wird p. 151 ["dagegen vo]m Staate ausgesogen".
[Das] ganze Proletariat besteht also aus ruinierten Bourgeois und
ruinierten Proletariern, aus einer Kollektion von Lumpen, die in
jedem Zeitalter existiert haben und deren m a s s e n h a f t e
Existenz nach dem Untergange des Mittelalters dem massenhaften
Entstehen des profanen Proletariats vorherging, wie Sankt Max
sich aus der englischen und französischen Gesetzgebung und Lite-
ratur überzeugen mag. Unser Heiliger hat ganz dieselbe Vorstel-
lung vom Proletariat wie die "guten behaglichen Bürger" und na-
mentlich die "treuen Beamten". Er identifiziert konsequenterweise
auch Proletariat und Pauperismus, während der Pauperismus die
Lage nur des ruinierten Proletariats, die letzte Stufe ist, auf
die der gegen den Druck der Bourgeoisie widerstandslos gewordene
Proletarier versinkt, und nur der aller Energie beraubte Proleta-
rier ein Pauper ist. Vgl. Sismondi, Wade etc. "Stirner" und Kon-
sorten können z. B. in den Augen der Proletarier nach Umständen
wohl für Paupers gelten, nie aber für Proletarier.
Dies sind Sankt Maxens "eigene" Vorstellungen von der Bourgeoisie
und vom Proletariat. Da er aber mit diesen Imaginationen über Li-
beralismus, gute Bürger und Vagabunden natürlich zu Nichts kommt,
so sieht er sich genötigt, um den Übergang auf den Kommunismus
fertigzubringen, die wirklichen, profanen Bourgeois und Proleta-
rier, soweit er sie vom Hörensagen kennt, hereinzubringen. Dies
geschieht p. 151 und 152, wo das Lumpenproletariat sich in die
"Arbeiter", die profanen Proletarier, verwandelt und die Bour-
geois
#184# Karl Marx und Friedrich Engels
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eine Reihe von "mancherlei Wandlungen" und "mannigfaltigen Bre-
chungen" "mit der Zeit" "mitunter" durchmachen. Auf der einen
Zeile heißt es: "D i e B e s i t z e n d e n h e r r-
s c h e n" - profane Bourgeois; sechs Zeilen weiter: "Der Bürger
ist, was er ist, durch die Gnade des Staats" - heilige Bourgeois;
wieder sechs Zeilen weiter: "Der Staat ist der Status des
Bürgertums" - profane Bourgeois; was dahin erklärt wird, daß "der
Staat den Besitzenden" "ihren Besitz zu Lehen" gibt und daß das
"Geld und Gut" der "Kapitalisten" - ein solches vom Staat zu
"Lehen" übertragenes "Staatsgut" ist - heilige Bourgeois. Am Ende
verwandelt sich dann dieser allmächtige Staat wieder in "den
Staat der Besitzenden", also der profanen Bourgeois, wozu dann
eine spätere Stelle paßt: "Die B o u r g e o i s i e wurde
durch die Revolution a l l m ä c h t i g." p. 156. Diese
"seelenmarternden" und "gräßlichen" Widersprüche hätte selbst
Sankt Max nie zustande gebracht, wenigstens nie zu promulgieren
gewagt, wenn ihm nicht das deutsche Wort "Bürger", das er nach
Belieben als "citoyen" oder "bourgeois" oder als deutscher "guter
Bürger" auslegen kann, zu Hülfe gekommen wäre.
Ehe wir weitergehen, müssen wir noch zwei große politisch-ökono-
mische Entdeckungen konstatieren, die unser Biedermann "in der
Stille des Gemütes" "zutage fördert" und die mit der
"Jünglingslust" von p. 17 das gemein haben, daß sie ebenfalls
"reine Gedanken" sind.
p. 150 reduziert sich alles Unheil der bestehenden sozialen Ver-
hältnisse darauf, daß "Bürger und Arbeiter an die 'Wahrheit' des
Geldes glauben". Jacques le bonhomme bildet sich hier ein, es
hänge von den "Bürgern" und "Arbeitern" ab, die in allen zivili-
sierten Staaten der Welt zerstreut sind, morgen am Tage urplötz-
lich ihren "Unglauben" an die "Wahrheit des Geldes" zu Protokoll
zu geben, er glaubt sogar, daß, wenn dieser Unsinn möglich sei,
damit irgend etwas getan sei. Er glaubt, die "Wahrheit des
Geldes" könne jeder Berliner Literat ebensogut abschaffen, wie er
für seinen Kopf die "Wahrheit" Gottes oder der Hegelschen Philo-
sophie abschafft. Daß das Geld ein notwendiges Produkt gewisser
Produktions- und Verkehrsverhältnisse ist und eine "Wahrheit"
bleibt, solange diese Verhältnisse existieren, das geht einen
Heiligen wie Sankt Max, der gen Himmel schaut und der profanen
Welt seinen profanen Hintern zudreht, natürlich Nichts an.
Die zweite Entdeckung wird auf p. 152 gemacht und geht dahin, daß
"der Arbeiter seine Arbeit nicht verwerten kann", weil er "Denen,
die irgendein Staatsgut" "zu Lehen" erhalten haben, "in die Hände
fällt". Dies ist nur die weitere Erklärung des schon früher zi-
tierten Satzes von p. 151, daß der Arbeiter vom Staate ausgesogen
wird. Hierbei "stellt" sogleich Jeder "die einfache Reflexion an"
- daß "Stirner" dies nicht tut, ist nicht "zu verwundern" -, wie
es denn komme, daß der Staat nicht auch den "Arbeitern" irgendein
#185# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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"Staatsgut" zum "Lehen" gegeben habe. Hätte Sankt Max sich diese
Frage gestellt, so würde er sich seine Konstruktion des
"heiligen" Bürgertums wahrscheinlich erspart haben, weil er dann
hätte sehen müssen, in welchem Verhältnis die Besitzenden zum mo-
dernen Staat stehen.
Vermittelst des Gegensatzes von Bourgeoisie und Proletariat - das
weiß selbst "Stirner" - kommt man auf den Kommunismus. W i e
man aber darauf kommt, das weiß n u r "Stirner".
"Die Arbeiter haben die ungeheuerste Macht in Händen - - sie
dürften n u r die Arbeit einstellen und das Gearbeitete als das
Ihrige a n s e h e n und genießen. Dies ist der Sinn der
h i e u n d d a auftauchenden Arbeiterunruhen." p. 153.
Die Arbeiterunruhen, die bereits unter dem byzantinischen Kaiser
Zeno ein Gesetz veranlaßten (Zeno, de novis operibus constitutio
1*)), die im 14. Jahrhundert in der Jacquerie und dem Aufstände
von Wat Tyler, 1518 am evil may-day [92] in London und 1549 im
großen Aufstande des Gerbers Ket [93] "auftauchten", die dann den
Act 2 und 3 Edward VI., 15 und eine Reihe ähnlicher Parlaments-
akte veranlaßten, die bald darauf 1640 und 1659 (acht Aufstände
in einem Jahre) in Paris vorkamen und schon seit dem vierzehnten
Jahrhundert in Frankreich und England, der gleichzeitigen Gesetz-
gebung zufolge, häufig gewesen sein müssen - der beständige
Krieg, der seit 1770 in England und seit der Revolution in
Frankreich von den Arbeitern gegen die Bourgeois mit Gewalt und
List geführt wird - Alles Das existiert für Sankt Max nur "hie
und da", in Schlesien, Posen, Magdeburg und Berlin, "wie deutsche
Blätter melden".
Das Gearbeitete würde, wie Jacques le bonhomme sich einbildet,
als Gegenstand des "Ansehens" und "Genießens" immer fortexistie-
ren und sich reproduzieren, wenn auch die Produzenten "die Arbeit
einstellten".
Wie oben beim Gelde, verwandelt unser guter Bürger hier wieder
"die Arbeiter", die in der ganzen zivilisierten Welt zerstreut
sind, in eine geschlossene Gesellschaft, die nur einen Beschluß
zu fassen hat, um sich aus allen Schwierigkeiten zu befreien.
Sankt Max weiß natürlich nicht, daß allem seit 1830 in England
wenigstens fünfzig Versuche gemacht wurden, daß in diesem Augen-
blicke noch einer gemacht wird, um die sämtlichen Arbeiter nur
von England in eine einzige Assoziation zusammenzubringen, und
daß höchst empirische Gründe das Gelingen aller dieser Projekte
vereitelten. Er weiß nicht, daß selbst eine Minorität der Arbei-
ter, die sich zu einer Arbeitseinstellung vereinigt, sich sehr
bald gezwungen sieht, revolutionär aufzutreten, eine Tatsache,
die er an der englischen Insurrektion von 1842 und
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1*) Verordnung über die neuen Arbeiten
#186# Karl Marx und Friedrich Engels
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früher schon an der welschen 1*) Insurrektion von 1839 [94] hätte
lernen können, in welchem Jahre die revolutionäre Aufregung unter
den Arbeitern zuerst in dem "heiligen Monat", der zugleich mit
der allgemeinen Bewaffnung des Volks proklamiert wurde, einen um-
fassenden Ausdruck erhielt. Man sieht hier wieder, wie Sankt Max
überall seinen Unsinn als "d e n Sinn" geschichtlicher Fakta an
den Mann zu bringen sucht, was ihm höchstens bei s e i n e m
"Man" gelingt - geschichtlicher Fakta, "denen er seinen Sinn un-
terschiebt, die also auf einen Unsinn auslaufen mußten" (Wigand,
p. 194). Übrigens fällt es keinem Proletarier ein, Sankt Max über
"den Sinn" der proletarischen Bewegungen oder über das, was jetzt
gegen die Bourgeoisie zu unternehmen sei, zu Rate zu ziehen.
Nach dieser großen Kampagne zieht sich unser heiliger Sancho mit
folgender Fanfare zu seiner Maritornes zurück:
"Der Staat beruht auf der S k l a v e r e i d e r A r b e i t.
Wird die A r b e i t f r e i, so ist der Staat verloren." (p.
153.)
Der m o d e r n e Staat, die Herrschaft der Bourgeoisie, beruht
auf der F r e i h e i t d e r A r b e i t. Der heilige Max
hat sich ja selbst, wie oft! freilich karikiert genug! aus den
"Deutsch-Französischen Jahrbüchern" abstrahiert, daß mit der
Freiheit der Religion, des Staats, des Denkens pp., also doch
"mitunter" "wohl auch" "etwa" der A r b e i t, nicht Ich, son-
dern nur Einer meiner Zwingherrn frei werde. Die Freiheit der Ar-
beit ist die freie Konkurrenz der Arbeiter unter sich. Sankt Max
hat großes Unglück, wie in a l l e n a n d e r n Sphären, so
auch in der Nationalökonomie. Die Arbeit i s t frei in allen
zivilisierten Ländern; es handelt sich nicht darum, die Arbeit zu
befreien, sondern sie aufzuheben.
B) Der Kommunismus
Sankt Max nennt den Kommunismus den "sozialen Liberalismus", weil
er wohl weiß, in welchem schlechten Geruch das Wort Liberalismus
bei den Radikalen von 1842 und bei den am weitesten gegangenen
Berliner Freijeistern [95] steht. Diese Verwandlung gibt ihm
zugleich Gelegenheit und Courage, den "sozialen Liberalen" aller-
lei Dinge in den Mund zu legen, die vor "Stirner" noch nie ausge-
sprochen wurden und deren Widerlegung dann zugleich den
K o m m u n i s m u s widerlegen soll.
Die Überwindung des Kommunismus geschieht durch eine Reihe teils
logischer, teils historischer Konstruktionen.
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1*) So im Manuskript für: walisischen
#187# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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E r s t e l o g i s c h e K o n s t r u k t i o n.
Weil "Wir Uns zu Dienern von Egoisten gemacht sehen", "sollen
Wir" nicht selbst "zu Egoisten werden - sondern lieber die
Egoisten unmöglich machen. Wir wollen sie Alle zu Lumpen machen,
wollen Alle Nichts haben, damit 'Alle' haben. - So die Sozialen.
- Wer ist diese Person, die ihr 'Alle' nennt? Es ist die
'Gesellschaft'." p. 153.
Vermittelst ein paar Anführungszeichen verwandelt Sancho hier
"Alle" in eine Person, die Gesellschaft als Person, als Subjekt =
die heilige Gesellschaft, das Heilige. Jetzt weiß unser Heiliger,
woran er ist, und kann einen ganzen Strom seines Feuereifers ge-
gen "das Heilige" loslassen, womit natürlich der Kommunismus ver-
nichtet ist.
Daß Sankt Max hier wieder den "Sozialen" seinen Unsinn als
i h r e n Sinn in den Mund legt, ist nicht "zu verwundern". Er
identifiziert zuerst das "Haben" als Privateigentümer mit dem
"Haben" überhaupt. Statt die bestimmten Verhältnisse des Privat-
eigentums zur Produktion, statt das "Haben" als Grundbesitzer,
als Rentier, als Commerçant 1*), als Fabrikant, als Arbeiter zu
betrachten - wo sich das "Haben" als ein ganz bestimmtes Haben,
als das Kommando über fremde Arbeit ausweist - verwandelt er alle
diese Verhältnisse in "die Habe". 2*)
[...] den politischen Liberalismus tun ließ, der die "Nation" zur
höchsten Eigentümerin machte. Der Kommunismus hat also gar kein
"persönliches Eigentum" mehr "abzuschaffen", sondern höchstens
die Verteilung der "Lehen" auszugleichen, die "égalité" 3*) dann
einzuführen. Über die Gesellschaft als "höchste Eigentümerin" und
den "Lumpen" vergleiche Sankt Max u.a. den "Egalitaire" von 1840:
"Das soziale Eigentum ist ein Widerspruch, aber der soziale
Reichtum ist eine Folge des Kommunismus. Fourier sagt hundertmal,
im Gegensatz zu den bescheidnen Bourgeoismoralisten, nicht darin,
daß Einige zu viel haben, liege ein soziales Übel, sondern darin,
daß Alle zu wenig haben", und signalisiert darum auch, "La fausse
Industrie", Paris 1835, p. 410, die "Armut der Reichen".
Desgleichen heißt es bereits in der 1839, also vor Weitlings
"Garantien", in Paris erschienenen deutschen kommunistischen
Zeitschrift "Die Stimme des Volks", Heft II, p. 14:
"Das Privateigentum, der vielbelobte, fleißige, gemütliche, un-
schuldige 'Privaterwerb', tut offenbar Abbruch dem Lebensreich-
tum."
-----
1*) Kaufmann - 2*) hier fehlen im Manuskript 4 Seiten, nämlich
der Bogen 31, auf dem sich der Schluß der "Ersten logischen Kon-
struktion" und der Anfang der "Zweiten logischen Konstruktion"
befand - 3*) Gleichheit
#188# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
Sankt Sancho nimmt hier die Vorstellung einiger zum Kommunismus
übergehenden Liberalen und die Ausdrucksweise einiger aus sehr
praktischen Gründen in politischer Form sprechenden Kommunisten
für den Kommunismus.
Nachdem er das Eigentum "der Gesellschaft" übertragen hat, werden
ihm sämtliche Teilhaber dieser Gesellschaft sofort zu Habenicht-
sen und Lumpen, obgleich sie selbst in s e i n e r Vorstellung
von der kommunistischen Ordnung der Dinge die "höchste Eigentüme-
rin" "haben". - Der wohlmeinende Vorschlag, den er den Kommuni-
sten macht, "das Wort 'Lump' zu einer ehrenden Anrede zu erheben,
wie die Revolution das Wort Bürger dazu erhob", ist ein schlagen-
des Beispiel, wie er den Kommunismus mit einer längst dagewesenen
Sache verwechselt. Die Revolution hat selbst, im Gegensatz zu den
"honnêtes gens" 1*), die er sehr dürftig durch gute Bürger über-
setzt, das Wort sans-culotte [77] "zu einer ehrenden Anrede erho-
ben". Solches tut der heilige Sancho, auf daß erfüllet werde das
Wort, das da geschrieben steht im Propheten Merlin von den drei-
tausenddreihundert Backenstreichen, die der Mann, der da kommen
soll, sich selber geben muß:
Es menester, que Sancho tu escudero
Se dé tres mil azotes, y tre cientos
En ambas sus valientes posaderas
Al aire descubiertas, y de modo
Que le escuezan, le amarguen y le enfaden.
(Don Quijote, tomo II, cap. 35.) 2*)
Sankt Sancho konstatiert "die Erhebung der Gesellschaft zur
höchsten Eigentümerin" als "zweiten R a u b am Persönlichen, im
Interesse der Menschlichkeit", während der Kommunismus nur der
vollendete Raub am "Raub des Persönlichen" ist. "Weil ihm der
Raub ohne alle Frage für verabscheuungswürdig gilt, darum glaubt
z.B." Sankt Sancho "schon mit dem" obigen "Satze" den Kommunismus
"gebrandmarkt zu haben". ("Das Buch", p. 102.) "Hatte" "Stirner"
"gar den Raub" am Kommunismus "gewittert, wie sollte er denn
nicht gegen ihn einen 'tiefen Abscheu' und eine 'gerechte Entrü-
stung' gefaßt haben"! (Wig[and,] p. 156.) "Stirner" wird hiermit
aufgefordert
-----
1*) anständigen Leuten - 2*)
Es muß dein Schildknapp' Sancho sich dreitausend
Und noch dreihundert Geißelhiebe geben
Auf seine beiden mächt'gen Sitzfleischhälften,
Die er entblößt, und so, daß diese Streiche
Ihn wirklich schmerzen, brennen, peinigen.
(Don Quijote, Band II, Kapitel 35.)
#189# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
-----
gefordert, uns den Bourgeois zu nennen, der über den Kommunismus
(oder Chartismus) [94] geschrieben und nicht dieselbe Albernheit
mit vieler Emphase vorgebracht hat. An dem, was dem Bourgeois für
"persönlich" gilt, wird der Kommunismus allerdings einen "Raub"
ausüben.
E r s t e s K o r o l l a r.
p. 349. "Der Liberalismus trat sogleich mit der Erklärung auf,
daß es zum Wesen des Menschen gehöre, nicht E i g e n t u m,
sondern Eigentümer zu sein. Da es hierbei um den Menschen, nicht
um den Einzelnen zu tun war, so blieb das Wieviel, welches grade
das spezielle Interesse der Einzelnen ausmachte, diesen überlas-
sen. D a h e r behielt der Egoismus der Einzelnen in diesem Wie-
viel den freiesten Spielraum und trieb eine unermüdliche Konkur-
renz."
D.h. der Liberalismus, i. e. die liberalen Privateigentümer, ga-
ben im Anfange der französischen Revolution dem Privateigentum
einen liberalen Schein, indem sie es für ein Menschenrecht er-
klärten. Sie waren hierzu schon durch ihre Stellung als revolu-
tionierende Partei gezwungen, sie waren sogar gezwungen, der
Masse des französischen [Landjvolks nicht nur das Recht des Ei-
gentums zu geben, son[dern a]uch w i r k l i c h e s Eigentum
n e h m e n zu lassen, und sie konnten dies Alles tun, weil da-
durch ihr eignes "Wieviel", worauf es ihnen hauptsächlich ankam,
unberührt blieb und sogar sichergestellt wurde. - Wir finden hier
ferner konstatiert, daß Sankt Max die Konkurrenz aus dem Libera-
lismus entstehen läßt, ein Backenstreich, den er der Geschichte
aus Rache für die Backenstreiche gibt, die er oben sich selbst
geben mußte. Die "genauere Erklärung" des Manifestes, womit er
den Liberalismus "s o g l e i c h auftreten" läßt, finden wir
bei Hegel, der sich im Jahre 1820 dahin aussprach:
"Im Verhältnis zu äußerlichen Dingen ist das Vernünftige" (d.h.
geziemt es mir als Vernunft, als Mensch), "daß ich Eigentum be-
sitze - - was und w i e v i e l ich besitze, ist daher eine
rechtliche Zufälligkeit." ("Rechtsphilosophie]", § 49.)
Bei Hegel ist das Bezeichnende, daß er die Phrase des Bourgeois
zum wirklichen Begriff, zum Wesen des Eigentums macht, was
"Stirner" ihm getreulich nachmacht. Sankt Max basiert nun auf
obige Entwicklung die weitere Aussage, daß der Kommunismus
"die Frage nach dem W i e v i e l des Innehabens aufstellte und
sie dahin beantwortete, daß der Mensch so viel haben müsse, als
er brauche. Wird sich mein Egoismus damit genügen können? - - Ich
muß vielmehr so viel haben, als ich mir anzueignen vermögend
bin." (p. 349.)
Zuerst ist hier zu bemerken, daß der Kommunismus keineswegs aus
dem § 49 der Hegelschen "Rechtsphilosophie" und seinem "Was und
Wieviel"
#190# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
hervorging. Zweitens fällt es "d e m Kommunismus" nicht ein,
"d e m Menschen" etwas geben zu wollen, da "d e r Kommunismus"
keineswegs der Meinung ist, daß "d e r Mensch" irgend etwas
"brauche" als eine kurze kritische Beleuchtung. Drittens schiebt
er dem Kommunismus das "Brauchen" des heutigen Bourgeois unter,
er bringt also eine Distinktion herein, die ihrer Lumpigkeit we-
gen bloß in der heutigen Gesellschaft und ihrem ideellen Abbilde,
dem Stirnerschen Verein von "einzelnen Schreiern" und freien Näh-
terinnen, von Wichtigkeit sein kann. "Stirner" hat wieder große
"Durchschauungen" des Kommunismus zustande gebracht. Schließlich
unterstellt Sankt Sancho m seiner Forderung, so viel haben zu
müssen, als er selbst sich anzueignen vermögend ist (wenn diese
nicht etwa auf die gewöhnliche Bourgeoisphrase, daß Jeder nach
Vermögen haben, das Recht des freien Erwerbs haben solle), den
Kommunismus als durchgesetzt, um sein "Vermögen" frei entwickeln
und geltend machen zu können, was keineswegs allein von ihm, so
wenig wie sein "Vermögen" selbst, sondern auch von den Produkti-
onsund Verkehrsverhältnissen, in denen er lebt, abhängt. - (Vgl.
unten den "Verein".) Sankt Max handelt übrigens nicht einmal
selbst nach seiner Lehre, da er in seinem ganzen "Buche" Sachen
"braucht" und verbraucht, die er "sich anzueignen" nicht
"vermögend war".
Z w e i t e s K o r o l l a r.
"Aber die Sozialreformer predigen Uns ein Gesellschaftsrecht. Da
wird der Einzelne der Sklave der Gesellschaft." p. 246. "Nach der
Meinung der Kommunisten soll jeder die ewigen Menschenrechte ge-
nießen." p. 238.
Über die Ausdrücke Recht, Arbeit pp., wie sie bei proletarischen
Schriftstellern vorkommen, und wie sich die Kritik zu ihnen zu
verhalten hat, werden wir beim "wahren Sozialismus" (siehe Band
II) 1*) sprechen. Was das Recht betrifft, so haben wir unter
vielen Andern den Gegensatz des Kommunismus gegen das Recht
sowohl als politisches und privates als auch in seiner allgemein-
sten Form als Menschenrecht geltend gemacht. Siehe "Deutsch-Fran-
zösische Jahrbücher", wo das Privilegium, das Vorrecht als ent-
sprechend dem ständisch gebundenen Privateigentum, und das Recht
als entsprechend dem Zustande der Konkurrenz, des freien Privat-
eigentums gefaßt ist, p. 206 und anderwärts; ebenso das Menschen-
recht selbst als Privilegium und das Privateigentum als Monopol.
Ferner die Kritik des Rechts in Zusammenhang gebracht mit der
deutschen Philosophie und als Konsequenz der Kritik der Religion
dargestellt, p. 72, und ausdrücklich die Rechtsaxiome, die auf
den Kommunismus führen sollen, als Axiome des Privateigentums ge-
faßt, wie
-----
1*) Gemeint ist Bd. II der "Deutschen Ideologie" im vorl. Band.
#191# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. II!. Sankt Max
-----
das gemeinsame Besitzrecht als eingebildete Voraussetzung des
Rechts des Privateigentums, p. 98, 99. [961]
Die obige Redensart übrigens einem Babeuf entgegenzuhalten, ihn
als theoretischen Repräsentanten des Kommunismus zu fassen,
konnte nur einem Berliner Schulmeister einfallen. "Stirner" ent-
blödet sich indessen nicht, p. 247 zu behaupten, daß der Kommu-
nismus, welcher annimmt,
"daß die Menschen von Natur gleiche Rechte haben, seinen eignen
Satz dahin widerlege, daß die Menschen von Natur gar keine Rechte
haben. Denn er will z.B. nicht anerkennen, daß die Eltern Rechte
gegen die Kinder haben, er hebt die Familie auf. Überhaupt beruht
dieser ganze revolutionäre oder Babeufsche (vgl. 'Die Kommunisten
in der Schweiz, Kommissionalbericht', p. 3) Grundsatz auf einer
religiösen, d.h. falschen Anschauung."
Nach England kommt ein Yankee, wird durch den Friedensrichter
daran gehindert, seinen Sklaven auszupeitschen, und ruft entrü-
stet aus: "Do you call this a land of liberty, where a man can't
larrup his nigger?" 1*)
Sankt Sancho blamiert sich hier doppelt. Erstens sieht er darin
eine Aufhebung der "gleichen Rechte der Menschen", daß die "von
Natur gleichen Rechte" der Kinder gegen die Eltern geltend ge-
macht, daß Kindern wie Eltern g l e i c h e s Menschenrecht ge-
geben wird. Zweitens erzählt Jacques le bonhomme zwei Seiten vor-
her, daß der Staat sich nicht einmische, wenn der Sohn vom Vater
geprügelt werde, weil er das Familienrecht anerkenne. Was er also
einerseits für ein partikulares Recht (Familienrecht) ausgibt,
subsumiert er andrerseits unter die "von Natur gleichen Rechte
der Menschen". Schließlich gesteht er uns, daß er den Babeuf nur
aus dem Bluntschlibericht kennt, während der Bluntschlibericht p.
3 uns ebenfalls gesteht, daß er seine Weisheit aus dem wackern L.
Stein, Doktor der Rechte, geschöpft hat [97]. Die gründliche
Kenntnis, die Sankt Sancho vom Kommunismus hat, geht aus diesem
Zitat hervor. Wie Sankt Bruno sein Revolutionsmakler, so ist
Sankt Bluntschli sein Kommunistenmakler. Bei diesem Stande der
Dinge darf es uns auch nicht wundern, wenn unser Wort Gottes vom
Lande ein paar Zellen weiter die fraternité 2*) der Revolution
auf die "Gleichheit der Kinder Gottes" (in welcher christlichen
Dogmatik kommt die égalité vor?) reduziert.
D r i t t e s K o r o l l a r.
p. 414: Weil das Prinzip der Gemeinschaft im Kommunismus kulmi-
niert, darum ist der Kommunismus = "Glorie des Liebesstaats".
-----
1*) "Nennen Sie das ein freies Land, wo man seinen Nigger nicht
durchprügeln kann?" - 2*) Brüderlichkeit
#192# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
Aus dem Liebesstaat, der ein eigenes Fabrikat Sankt Maxens ist,
leitet er hier den Kommunismus ab, der dann natürlich auch ein
ausschließlich Stirnerscher Kommunismus bleibt. Sankt Sancho
kennt nur den Egoismus auf der einen oder den Anspruch auf die
Liebesdienste, Erbarmen, Almosen der Leute auf der andern Seite.
Außer und über diesem Dilemma gibt es für ihn Nichts.
D r i t t e l o g i s c h e K o n s t r u k t i o n.
"Weil in der Gesellschaft sich die drückendsten Übelstände be-
merklich machen, so denken besonders" (!) "die Gedrückten" (!),
"die Schuld in der Gesellschaft zu finden, und machen sich's zur
Aufgabe, die rechte Gesellschaft zu entdecken." p. 155.
Im Gegenteil "macht sich's" "Stirner" "zur Aufgabe", die i h m
"rechte Gesellschaft", die heilige Gesellschaft, die Gesellschaft
als d a s Heilige zu entdecken. Die heutzutage "in der Gesell-
schaft" "Gedrückten" "denken" bloß darauf, die i h n e n
r e c h t e Gesellschaft, die zunächst in der Abschaffung der
jetzigen Gesellschaft, auf der Basis der vorgefundenen Produktiv-
kräfte, besteht, durchzusetzen. Weil e.g. 1*) bei einer Maschine
"sich drückende Übelstände bemerkbar machen", z.B. daß sie nicht
gehen will, und Diejenigen, die die Maschine nötig haben, z.B. um
Geld zu machen, den Übelstand in der Maschine finden, auf ihre
Veränderung ausgehen pp., so machen sie sich's nach Sankt Sancho
zur Aufgabe, nicht sich die Maschine z u r e c h t zurücken,
sondern die r e c h t e Maschine, die heilige Maschine, die Ma-
schine als das Heilige, das Heilige als die Maschine, die Ma-
schine im Himmel zu entdecken. "Stirner" rät ihnen, "i n
s i c h" die Schuld zu suchen. Ist es nicht ihre Schuld, daß sie
z.B. der Hacke und des Pflugs bedürfen? Könnten sie nicht mit den
Nägeln die Kartoffeln in den Boden hinein- und aus ihm heraus-
kratzen? Der Heilige predigt ihnen darüber p. 156:
"Es ist das nur eine alte Erscheinung, daß man die Schuld zuerst
in allem Andern als in sich sucht - also im Staat, in der Selbst-
sucht der Reichen, die doch gerade unsere Schuld ist."
Der "Gedrückte", der "im Staate" "die Schuld" des Pauperismus
sucht, ist, wie wir oben vorläufig sahen, Niemand anders als Jac-
ques le bonhomme selbst. Zweitens, der "Gedrückte", der sich da-
bei beruhigt, die "Schuld" in der "Selbstsucht des Reichen" fin-
den zu lassen, ist wieder Niemand anders als Jacques le bonhomme.
Er hätte sich aus des Schneiders und Doktors der Philosophie John
Watts "Facts and Fictions", aus Hobsons "Poor Man's Companion"
etc. eines Bessern in Beziehung auf die andern Gedrückten beleh-
ren
-----
1*) exempli gratis = zum Beispiel
#193# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
-----
können. Und wer ist, drittens, die Person von "Unsrer Schuld",
etwa das Proletarierkind, das skrofulös auf die Welt kommt, mit
Opium heraufgezogen, im siebenten Jahre in die Fabrik geschickt
wird - etwa der einzelne Arbeiter, dem hier zugemutet wird, sich
auf seine Faust gegen den Weltmarkt zu "empören" - etwa das Mäd-
chen, das entweder verhungern oder sich prostituieren muß? Nein,
sondern nur Der, der "alle Schuld", d.h. die "Schuld" des ganzen
jetzigen Weltzustandes "in sich" sucht, nämlich abermals Niemand
als Jacques le bonhomme selbst: "Es ist dies nur die alte Er-
scheinung" des christlichen Insichgehens und Bußetuns in germa-
nisch-spekulativer Form, der idealistischen Phraseologie, wo Ich,
der Wirkliche, nicht die Wirklichkeit verändern muß, was ich nur
mit Andern kann, sondern in mir mich verändern. "Es ist der in-
nerliche Kampf des Schriftstellers mit sich selbst." ("Die hei-
lige Familie", p. 122, vgl. p. 73, p. 121 und p. 306. 1*))
Nach Sankt Sancho suchen also die von der Gesellschaft Gedrückten
die rechte Gesellschaft. Konsequent müßte er also auch Diejeni-
gen, die "im Staate die Schuld suchen", und Beide sind bei ihm
d i e s e l b e n Personen, den r e c h t e n S t a a t su-
chen lassen. Dies darf er aber nicht, denn er hat davon gehört,
daß die Kommunisten den Staat abschaffen wollen. Diese Abschaf-
fung des Staats muß er jetzt konstruieren, und dies vollbringt
der heilige Sancho wieder vermittelst seines "Grauen", der Appo-
sition, in einer Weise, die "sehr einfach aussieht":
"Weil die Arbeiter sich im N o t s t a n d befinden, so muß der
gegenwärtige S t a n d d e r D i n g e, d.i. der S t a a t
(status = Stand) abgeschafft werden" (ibid.).
Also:
Notstand = gegenwärtigem Stand der Dinge. Gegenwärtiger Stand der
Dinge = Stand.
Stand = Status.
Status = Staat.
Schluß: Notstand = Staat.
Was kann "einfacher aussehen"? "Es ist nur zu verwundern", daß
die englischen Bourgeois von 1688 und die französischen von 1789
nicht dieselben "einfachen Reflexionen" und Gleichungen
"anstellten", wo damals doch noch viel mehr der Stand = Status =
der Staat war. Es folgt daraus, daß überall, wo "Notstand" vor-
handen ist, "d e r Staat", der natürlich in Preußen und in
Nordamerika derselbe ist, abgeschafft werden muß.
-----
1*) Siehe Bd. 2 unserer Ausgabe. S. 87, vgl. 55/56,86/87, 204
#194# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
Sankt Sancho gibt uns jetzt, nach seiner Gewohnheit, einige Sprü-
che Salomonis.
S p r u c h S a l o m o n i s Nr. I.
p. 163: "Daß die Gesellschaft gar kein Ich ist, das geben pp.
könnte, sondern ein Instrument, aus dem wir Nutzen ziehen mögen,
daß wir keine gesellschaftlichen Pflichten, sondern lediglich In-
teressen haben, daß wir der Gesellschaft keine Opfer schuldig
sind, sondern, opfern wir etwas, es Uns opfern, daran denken die
Sozialen nicht, weil sie im religiösen Prinzip gefangen sitzen
und eifrig trachten nach einer - heiligen Gesellschaft."
Hieraus ergeben sich folgende "Durchschauungen" des Kommunismus:
1. hat Sankt Sancho ganz vergessen, daß Er selber es war, der
"die Gesellschaft" in ein "Ich" verwandelte, und sich daher bloß
in seiner eignen "Gesellschaft" befindet;
2. glaubt er, die Kommunisten warteten darauf, daß ihnen "die Ge-
sellschaft" irgend etwas "gebe", während sie sich höchstens eine
Gesellschaft geben wollen;
3. verwandelt er die Gesellschaft, ehe sie existiert, in ein In-
strument, aus dem er Nutzen ziehen will, ohne daß er und andre
Leute durch gegenseitiges gesellschaftliches Verhalten eine Ge-
sellschaft, also dies "Instrument", produziert haben;
4. glaubt er, daß in der kommunistischen Gesellschaft von
"Pflichten" und "Interessen" die Rede sein könne, von zwei sich
ergänzenden Seiten eines Gegensatzes, der bloß der Bourgeoisge-
sellschaft angehört (im Interesse schiebt der reflektierende
Bourgeois immer ein Drittes zwischen sich und seine Lebensäuße-
rung, eine Manier, die wahrhaft klassisch bei Bentham erscheint,
dessen Nase erst ein Interesse haben muß, ehe sie sich zum Rie-
chen entschließt. (Vgl. "das Buch" über das R e c h t an seiner
Nase, p. 247);
5. glaubt Sankt Max, die Kommunisten wollten "der Gesellschaft"
"Opfer bringen", wo sie höchstens die bestehende Gesellschaft op-
fern wollen - er müßte dann ihr Bewußtsein, daß ihr Kampf ein al-
len dem Bourgeoisregime entwachsenen Menschen gemeinschaftlicher
ist, als ein Opfer bezeichnen, das sie sich bringen;
6. daß die Sozialen im religiösen Prinzip befangen sind und
7. daß sie nach einer heiligen Gesellschaft trachten, fand schon
oben seine Erledigung. Wie "eifrig" Sankt Sancho nach der
"heiligen [Gesellschaft" "trachtet", um durch sie den
Kommu[nis]mus widerlegen zu können, haben wir gesehen.
#195# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
-----
S p r u c h S a l o m o n i s Nr. II.
p. 277: "Wäre das Interesse an der sozialen Frage weniger leiden-
schaftlich und verblendet, so würde m a n ... erkennen, daß
eine Gesellschaft nicht neu werden kann, solange Diejenigen, wel-
che sie ausmachen u n d konstituieren, die Alten bleiben."
"Stirner" glaubt hier, daß die kommunistischen Proletarier, die
die Gesellschaft revolutionieren, die Produktionsverhältnisse und
die Form des Verkehrs auf eine neue Basis, d.h. auf sich als die
Neuen, auf ihre neue Lebensweise setzen, "die Alten" bleiben. Die
unermüdliche Propaganda, die diese Proletarier machen, die Dis-
kussionen, die sie täglich unter sich führen, beweisen hinläng-
lich, wie wenig sie selbst "die Alten" bleiben wollen und wie we-
nig sie überhaupt wollen, daß die Menschen "die Alten" bleiben
sollen. "Die Alten" würden sie nur dann bleiben, wenn sie mit
Sankt Sancho "die Schuld in sich suchten"; sie wissen aber zu
gut, daß sie nur unter veränderten Umständen aufhören werden,
"die Alten" zu sein, und darum sind sie entschlossen, diese Um-
stände bei der ersten Gelegenheit zu verändern. In der revolutio-
nären Tätigkeit fällt das Sich-Verändern mit dem Verändern 1*)
der Umstände zusammen. - Dieser große Spruch wird durch ein
ebenso großes Exempel erläutert, das natürlich wieder aus der
Welt "des Heiligen" genommen ist.
"Sollte z.B. aus dem jüdischen Volk e i n e G e s e l l-
s c h a f t entstehen, welche einen neuen Glauben über die Erde
verbreitete, so durften d i e s e A p o s t e l doch keine
Pharisäer bleiben."
Die ersten Christen = eine Gesellschaft zur Verbreitung
des Glaubens (gestiftet Anno I).
= Congregatio de Propaganda fide 2*)
(gestiftet 1640) [98]
1. Anno I = Anno 1640.
Diese entstehen sollende
3*) Gesellschaft = Diese Apostel.
Diese Apostel = Nichtjuden.
Das jüdische Volk = Pharisäer.
Christen = Nichtpharisäer.
= Nicht das jüdische Volk.
Was kann einfacher aussehen?
Durch diese Gleichungen gestärkt, spricht Sankt Max das große hi-
storische Wort gelassen aus:
-----
1*) MEGA: Umändern - 2*) Kongregation (Vereinigung) zur Verbrei-
tung des Glaubens - 3*) MEGA: entstehende sollende
#196# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
"Die Menschen, weit entfernt, sich zur Entwicklung kommen zu las-
sen, w o l l t e n i m m e r eine Gesellschaft bilden."
Die Menschen, immer weit entfernt, eine Gesellschaft bilden zu
wollen, ließen dennoch nur die Gesellschaft zu einer Entwicklung
kommen, weil sie sich fortwährend nur als Vereinzelte entwickeln
wollten, und kamen deshalb nur in und durch die Gesellschaft zu
ihrer eignen Entwicklung. Übrigens kann es nur einem Heiligen vom
Gepräge unsres Sancho einfallen, die Entwicklung "der Menschen"
von der Entwicklung "der Gesellschaft", in der diese Menschen le-
ben, zu trennen und von dieser phantastischen Grundlage aus wei-
terzuphantasieren. Er hat übrigens seinen ihm von Sankt Bruno
eingegebenen Satz vergessen, in dem er gleich vorher die morali-
sche Forderung an die Menschen stellte, sich selbst zu ändern und
dadurch ihre Gesellschaft - worin er also die Entwicklung der
Menschen mit der Entwicklung ihrer Gesellschaft identifizierte.
V i e r t e l o g i s c h e K o n s t r u k t i o n.
Er läßt den Kommunismus, im Gegensatz zu den Staatsbürgern, p.
156 sagen:
"Nicht darin besteht Unser Wesen" (!), "daß wir Alle die gleichen
Kinder des Staats" (!) "sind, sondern darin, daß wir Alle fürein-
ander da sind. Darin sind Wir Alle gleich, daß Wir Alle füreinan-
der da sind, daß Jeder für den Andern arbeitet, daß Jeder von Uns
ein Arbeiter ist." Er setzt nun "als Arbeiter existieren" =
"Jeder von uns n u r durch den Andern existieren", wo also der
Andere "z.B. für meine Kleidung, Ich für sein Vergnügungsbedürf-
nis, er für meine Nahrung, Ich für seine Belehrung arbeite. Also
das Arbeitertum ist unsere Würde und unsere Gleichheit. - Welchen
Vorteil bringt Uns das Bürgertum? Lasten. Und wie hoch schlägt
man unsere Arbeit an? So niedrig als möglich. - Was könnt Ihr uns
entgegenstellen? Doch auch nur Arbeit!" "Nur für Arbeit sind wir
Euch einen Recom[pe]nse 1*) schuldig"; "nur durch Das, was Ihr
[Uns] Nützliches leistet", "habt Ihr [e]inen Anspruch auf Uns".
"Wir wollen Euch nur so viel wert sein, als Wir Euch leisten; Ihr
aber sollt desgleichen von Uns gehalten sein." "Die Leistungen,
die Uns etwas wert sind, also die gemeinnützigen Arbeiten, be-
stimmen den Wert. - - Wer Nützliches verrichtet, der stehe Keinem
nach, oder - alle (gemeinnützigen) Arbeiter sind gleich. Da aber
der Arbeiter seines Lohnes wert ist, so sei auch der Lohn
gleich." p. 157, 158.
Bei "Stirner" fängt "der Kommunismus" damit an, sich nach "dem
Wesen" umzusehen; er will wieder, als guter "Jüngling", nur
"hinter die Dinge kommen". Daß der Kommunismus eine höchst prak-
tische Bewegung ist, die praktische Zwecke mit praktischen Mit-
teln verfolgt und die sich höchstens in
------
1*) Belohnung, Entschädigung
#197# Deutsche Ideologie · Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
-----
Deutschland, den deutschen Philosophen gegenüber, einen Augen-
blick auf "das Wesen" einlassen kann, das geht unsern Heiligen
natürlich Nichts an. Dieser Stirnersche "Kommunismus", der so
sehr nach "dem Wesen" schmachtet, kommt daher auch nur zu einer
philosophischen Kategorie, dem "Füreinandersein", die dann ver-
mittelst einiger gewaltsamen Gleichungen
Füreinandersein = Nur durch den Andern existieren
= als Arbeiter existieren
= allgemeines Arbeitertum
der empirischen Welt etwas näher gerückt wird. Übrigens wird der
heilige Sancho aufgefordert, z.B. in Owen (der doch als Repräsen-
tant des englischen Kommunismus ebensowohl für "den Kommunismus"
gelten kann wie z.B. der nichtkommunistische Proudhon *), aus dem
er sich das meiste der obigen Sätze abstrahiert und zurechtge-
stellt) eine Stelle nachzuweisen, in der irgend etwas von den
obigen Sätzen über "Wesen", allgemeines Arbeitertum etc. sich
findet. Übrigens brauchen wir so weit gar nicht einmal zurückzu-
gehen. Die schon oben zitierte deutsche kommunistische Zeit-
schrift "Die Stimme des Volks" spricht sich im dritten Heft dahin
aus:
"Was heute Arbeit heißt, ist nur ein winzig elendes Stück des ge-
waltigen, großmächtigen Produzierens; nämlich nur dasjenige Pro-
duzieren, welches widerlich und gefährlich, beehrt die
R e l i g i o n und M o r a l, A r b e i t zu taufen, und un-
terfängt sich noch obendrein, allerlei Sprüche, gleichsam Segens-
sprüche (oder Hexensprüche) drüber zu streuen: 'Arbeiten im
Schweiß des Angesichts' als Prüfung Gottes; 'Arbeit macht das Le-
ben süß' zur Ermunterung usw. Die Moral der Welt, in der wir le-
ben, hütet sich sehr weislich, das Verkehren der Menschen von den
amüsanten und freien Seiten auch Arbeit zu nennen. Das schmäht
sie, obschon es auch Produzieren ist. Das schimpft sie gern Ei-
telkeit, eitle Lust, Wollust. Der Kommunismus hat diese heuchle-
rische Predigerin, die elende Moral, entlarvt."
Als allgemeines Arbeitertum hat nun Sankt Max den ganzen Kommu-
nismus auf gleichen Arbeitslohn reduziert, eine Entdeckung, die
sich in folgenden drei "Brechungen" wiederholt: p. 351: "Gegen
die Konkurrenz erhebt sich das Prinzip der Lumpengesellschaft -
d i e V e r t e i l u n g. Soll Ich nun etwa, der Vielvermö-
gende, vor dem Unvermögenden Nichts voraushaben?" Ferner p. 363
spricht er von einer "allgemeinen Taxe für die menschliche Tätig-
keit
---
*) [Durchgestrichene Fußnote:] Proudhon, den das kommunistische
Arbeiterjournal "La Fraternité" bereits 1841 wegen des gleichen
Arbeitslohns, des Arbeitertums überhaupt und der sonstigen ökono-
mischen Befangenheiten, die sich bei diesem ausgezeichneten
Schriftsteller vorfanden, scharf kritisierte, und von dem die
Kommunisten Nichts akzeptiert haben als seine Kritik des Eigen-
tums.
#198# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
in der kommunistischen Gesellschaft". Und endlich p. 350, wo er
den Kommunisten unterschiebt, sie hielten "die Arbeit" für "das
einzige Vermögen" der Menschen. Sankt Max bringt also das Privat-
eigentum in seiner doppelten Gestalt, als Verteilung und Lohnar-
beit, wieder in den Kommunismus herein. Wie schon früher beim
"Raub", manifestiert Sankt Max hier wieder die aller-gewöhnlich-
sten und borniertesten Bourgeoisvorstellungen als seine "eignen"
"Durchschauungen" des Kommunismus. Er macht sich ganz der Ehre
würdig, von Bluntschli unterrichtet worden zu sein. Als echter
Kleinbürger hat er dann auch Furcht, er, "der Vielvermögende",
"solle Nichts vor dem Unvermögenden voraushaben" - obwohl er
Nichts mehr zu fürchten hätte, als seinem eignen "Vermögen" über-
lassen zu bleiben.
Nebenbei bildet sich "der Viel vermögende" ein, das Staatsbürger-
tum sei den Proletariern gleichgültig, nachdem er zuerst voraus-
gesetzt hat, sie h ä t t e n es. Gerade wie er oben sich ein-
bildete, dem Bourgeois sei die Regierungsform gleichgültig. Den
Arbeitern liegt so viel am Staatsbürgertum, d.h. dem
a k t i v e n Staatsbürgertum, daß sie da, wo sie es h a b e n,
wie in Amerika, es gerade "verwerten", und wo sie es nicht haben,
es erwerben wollen. Vergleiche die Verhandlungen der nordamerika-
nischen Arbeiter in zahllosen Meetings, die ganze Geschichte des
englischen Chartismus und des französischen Kommunismus und Re-
formismus.
E r s t e s K o r o l l a r.
"Der Arbeiter hält sich, in seinem Bewußtsein, daß das Wesentli-
che an ihm der Arbeiter sei, vom Egoismus fern und unterwirft
sich der Oberhoheit einer Arbeitergesellschaft, wie der Bürger
mit Hingebung" (!) "am Konkurrenzstaate hing." p. 162.
Der Arbeiter hält sich höchstens an dem Bewußtsein, daß das We-
sentliche an ihm für den Bourgeois der Arbeiter sei, der sich
darum auch gegen den Bourgeois als solchen geltend machen kann.
Die beiden Entdeckungen Sankt Sanchos, die "Hingebung des Bür-
gers" und den "Konkurrenz s t a a t", kann man nur als neue
"Vermögens"-Beweise des "Vielvermögenden" registrieren.
Z w e i t e s K o r o l l a r.
"Der Kommunismus s o l l das 'Wohl Aller' bezwecken. D a s
s i e h t d o c h w i r k l i c h s o a u s, als brauchte
dabei Keiner zurückzustehen. Welches wird denn aber dieses Wohl
sein? Haben Alle ein und dasselbe Wohl? ist Allen gleich wohl bei
Einem und Demselben? ... Ist dem so, so handelt sichs vom 'wahren
Wohl'. Kommen Wir damit nicht gerade bei dem Punkte an, wo die
Religion ihre Gewaltherrschaft beginnt? - - Die Gesellschaft hat
ein Wohl als das 'wahre Wohl' dekretiert, und hieße dies Wohl
z.B. r e d l i c h e r e r a r b e i t e t e r G e n u ß, Du
aber zögest die genußreiche Faulheit vor, so würde die Gesell-
schaft
#199# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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- - für das, wobei Dir wohl ist, zu sorgen sich weislich hüten.
Indem der Kommunismus das Wohl Aller proklamiert, vernichtet er
gerade das Wohlsein Derer, welche bisher von ihren Renten lebten
etc." p. 411, 412.
"Ist dem so", so ergeben sich hieraus folgende Gleichungen:
Das Wohl Aller = Kommunismus
= Ist dem so
= Ein und dasselbe Wohl Aller
= Das Gleichwohlsein Aller bei Einem und Demselben
= Das Wahre Wohl
= [Das heilige Wohl, das Heilige, Herrschaft des
Heiligen, Hierarchie] 1*)
= Gewaltherrschaft der Religion.
Kommunismus = Gewaltherrschaft der Religion.
"Das sieht doch wirklich so aus", als ob "Stirner" hier vom Kom-
munismus dasselbe gesagt hätte, was er bisher von allen andern
Sachen sagte.
Wie tief unser Heiliger den Kommunismus "durchschaut" hat, geht
wieder daraus hervor, daß er ihm zumutet, den "redlich erarbeite-
ten Genuß" als "wahres Wohl" durchsetzen zu wollen. Wer außer
"Stirner" und einigen Berliner Schuster- und Schneidermeistern
denkt an "redlich erarbeiteten Genuß" *)! Und nun gar den Kommu-
nisten dies in den Mund zu legen, bei denen die Grundlage dieses
ganzen Gegensatzes von Arbeit und Genuß wegfällt. Der moralische
Heilige mag sich darüber beruhigen. Das "redliche Erarbeiten"
wird man ihm und Denen überlassen, die er, ohne es zu wissen,
vertritt - seinen kleinen, von der Gewerbfreiheit ruinierten und
moralisch "empörten" Handwerksmeistern. Auch die "genußreiche
Faulheit" gehört ganz der trivialsten Bürgeranschauung an. Die
Krone des ganzen Satzes ist aber das pfiffige Bürgerbedenken, das
er den Kommunisten macht: sie wollten das "Wohlsein" der Rentiers
vernichten und sprächen doch vom "Wohlsein Aller". Er glaubt
also, daß in der kommunistischen Gesellschaft noch Rentiers vor-
kommen, deren "Wohlsein" zu vernichten wäre. Er behauptet, daß
das "Wohlsein" a l s R e n t i e r ein den Individuen, die
jetzt Rentiers sind, inhärentes, von ihrer Individualität nicht
zu trennendes sei; er bildet sich ein, daß für
---
*) [Im Manuskript gestrichen:] Wer außer Stirner ist imstande,
den unmoralischen revolutionären Proletariern dergleichen morali-
sche Albernheiten in den Mund zu legen? - den Proletariern, die,
wie man in der ganzen zivilisierten Welt weiß (wozu Berlin, das
bloß jebildet ist, freilich nicht gehört), die verruchte Absicht
haben, ihren "Genuß" nicht "redlich zu erarbeiten", sondern zu
erobern!
-----
1*) Die eckigen Klammern stammen von Marx
#200# Karl Marx und Friedrich Engels
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diese Individuen gar kein anderes "Wohlsein" existieren könne als
das, was durch ihr Rentier-Sein bedingt ist. Er glaubt ferner,
die Gesellschaft sei schon kommunistisch eingerichtet, solange
sie noch gegen Rentiers und dergleichen zu kämpfen hat. *) Die
Kommunisten machen sich allerdings kein Gewissen daraus, die
Herrschaft der Bourgeois zu stürzen und ihr "Wohlsein" zu zerstö-
ren, sobald sie die Macht dazu haben werden **). Es liegt ihnen
keineswegs daran, ob dies ihren Feinden gemeinsame, durch die
Klassenverhältnisse bedingte "Wohlsein" auch als persönliches
"Wohlsein" sich an eine bornierterweise vorausgesetzte Sentimen-
talität adressiert.
D r i t t e s K o r o l l a r.
p. 190 "ersteht" in der kommunistischen Gesellschaft "die Sorge
wieder als Arbeit".
Der gute Bürger "Stirner", der sich bereits freut, im Kommunismus
seine geliebte "Sorge" wiederzufinden, hat sich diesmal doch ver-
rechnet. Die "Sorge" ist nichts anderes als die gedrückte und ge-
ängstigte Gemütsstimmung, die im Bürgertum die notwendige Beglei-
terin der Arbeit, der lumpenhaften Tätigkeit des notdürftigen Er-
werbes ist. Die "Sorge" floriert in ihrer reinsten Gestalt beim
deutschen guten Bürger, wo sie chronisch und "immer sich selbst
gleich", miserabel und verächtlich ist, während die Not des Pro-
letariers eine akute, heftige Form annimmt, ihn zum Kampf um Le-
ben und Tod treibt, ihn revolutionär macht und deshalb keine
"Sorge", sondern Leidenschaft produziert. Wenn der Kommunismus
nun sowohl die "Sorge" des Bürgers wie die Not des Proletariers
aufheben will, so versteht es sich doch wohl von selbst, daß er
dies nicht tun kann, ohne die Ursache Beider, die "Arbeit", auf-
zuheben.
Wir kommen jetzt zu den h i s t o r i s c h e n K o n-
s t r u k t i o n e n des Kommunismus.
---
*) [Im Manuskript gestrichen:] Und schließ[lich] stellt er an die
Kommunisten [die] moralische Zumutung, sie sollen sich von den
Rentiers, Kaufleuten, Industriellen etc. in alle Ewigkeit ruhig
exploitieren lassen, weil sie diese Exploitation nicht aufheben
können, ohne zugleich das "Wohlsein" dieser Herren zu vernichten!
Jacques le bonhomme, der sich hier zum Champion der gros-bour-
geois aufwirft, kann sich die Mühe ersparen, den Kommunisten Sit-
tenpredigten zu halten, die sie täglich von seinen "guten Bür-
gern" viel besser hören können.
**) [Im Manuskript gestrichen:] ... und gerade darum machen sie
sich kein Gewissen daraus, weil ihnen das "Wohl Aller" als
"leibhaftiger Individuen" über das "Wohlsein" der bisherigen ge-
sellschaftlichen Klassen geht. Das "Wohlsein", das der Rentier
als R e n t i e r genießt, ist nicht das "Wohlsein" des Indivi-
duums als solchen, sondern das des Rentiers, kein individuelles,
sondern ein innerhalb der Klasse allgemeines Wohlsein.
#201# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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E r s t e h i s t o r i s c h e K o n s t r u k t i o n.
"Solange der Glaube für die Ehre und Würde der Menschen aus-
reichte, ließ sich gegen keine auch noch so anstrengende Arbeit
etwas einwenden." - "All ihr Elend konnten die unterdrückten
Klassen nur so lange ertragen, als sie Christen waren" (höchstens
waren sie so lange Christen, als sie ihr Elend ertrugen) "denn
das Christentum" (das mit dem Stock hinter ihnen steht) "läßt ihr
Murren und ihre Empörung nicht aufkommen." p. 158.
"Woher nur 'Stirner' alles Dies weiß", was die unterdrückten
Klassen konnten, erfahren wir aus Heft I der "Allg[emeinen] Lite-
rat[ur]-Z[ei]t[un]g", wo "die Kritik in Buchbindermeistergestalt"
[99] folgende Stelle eines unbedeutenden Buchs zitiert:
"Der moderne Pauperismus hat einen politischen Charakter angenom-
men; während der alte Bettler sein Los m i t E r g e b e n-
h e i t trug und es als eine g ö t t l i c h e S c h i-
c k u n g ansah, fragt der neue L u m p, ob er gezwungen sei,
armselig durchs Leben zu wandern, weil er zufällig in Lumpen
geboren wurde."
Wegen dieser Macht des Christentums fanden bei der Emanzipation
der Leibeignen gerade die blutigsten und erbittertsten Kämpfe ge-
gen die g e i s t l i c h e n Feudalherren statt und setzte sie
sich durch trotz alles Murrens und aller Empörung des in den
Pfaffen inkorporierten Christentums (vergl. Eden, "History of the
Poor [100]", Book I; Guizot, "Histoire de la civilisation en
France"; Monteil, "Histoire des Français des divers états" ppp.),
während andrerseits die kleinen Pfaffen, namentlich im Anfange
des Mittelalters, die Leibeigenen zum "Murren" und zur "Empörung"
gegen die weltlichen Feudalherren aufreizten (vergl. u.a. schon
das bekannte Kapitular Karls des Großen). Vergleiche auch, was
oben bei Gelegenheit der "hie und da auftauchenden Arbeiterunru-
hen" über die "unterdrückten Klassen" und ihre Aufstände im 14.
Jahrhundert gesagt wurde.
Die früheren Formen der Arbeiteraufstände hingen mit der jedesma-
ligen Entwicklung der Arbeit und der dadurch gegebenen Gestalt
des Eigentums zusammen; die direkt oder in[dir]ekt kommunistische
Insurrek[tio]n mit der großen Industrie. [Sta]tt auf diese weit-
läuftige Geschichte einzugehen, veranstaltet Sankt Max einen hei-
ligen Übergang von den d u l d e n d e n unterdrückten Klassen
zu den u n g e d u l d i g e n unterdrückten Klassen:
"Jetzt, wo Jeder sich z u m M e n s c h e n ausbilden
s o l l" ("woher nur" z.B. die katalonischen Arbeiter "wissen",
daß "Jeder sich zum Menschen ausbilden soll"?), "fällt die Ban-
nung des Menschen an maschinenmäßige Arbeit zusammen mit der
Sklaverei." p. 158.
#202# Karl Marx und Friedrich Engels
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Vor Spartakus und dem Sklavenkriege war es also das Christentum,
das die "Bannung des Menschen an maschinenmäßige Arbeit" nicht
"mit der Sklaverei zusammenfallen" ließ; und zu Spartakus' Zeit
war es der Begriff Mensch, der dies Verhältnis aufhob und die
Sklaverei erst erzeugte. "Oder sollte" Stirner "gar" etwas von
dem Zusammenhange der modernen Arbeiterunruhen mit der Maschine-
rie gehört haben und hier haben andeuten wollen? In diesem Falle
hat nicht die Einführung der Maschinenarbeit die Arbeiter in Re-
bellen, sondern die Einführung des Begriffes "Mensch" die Maschi-
nenarbeit in Sklaverei verwandelt. - "Ist dem so", so "sieht das
doch wirklich so aus", als wäre dies eine "einzige" Geschichte
der Arbeiterbewegungen.
Z w e i t e g e s c h i c h t l i c h e K o n s t r u k-
t i o n.
"Die Bourgeoisie hat das Evangelium des materiellen Genusses ver-
kündet und wundert sich nun, daß diese Lehre unter Uns Proleta-
riern Anhänger findet." p. 159.
Eben wollten die Arbeiter den Begriff "des Menschen", das Heilige
verwirklichen, jetzt den "materiellen Genuß", das Weltliche; oben
die "Plackerei" der Arbeit, jetzt nur noch die Arbeit des Genie-
ßens. Sankt Sancho schlägt sich hier auf ambas sus valientes po-
saderas 1*), zuerst auf die materielle Geschichte, dann auf die
Stirnersche, heilige. Nach der materiellen Geschichte war es die
Aristokratie, welche zuerst das Evangelium des Weltgenusses an
die Stelle des Genusses des Evangeliums setzte, für welche die
nüchterne Bourgeoisie sich zunächst aufs Arbeiten legte und ihr
mit vieler Schlauheit den Genuß überließ, der ihr selbst durch
eigne Gesetze untersagt wurde (bei welcher Gelegenheit die Macht
der Aristokratie in der Gestalt des Geldes in die Taschen der
Bourgeois rückte).
Nach der Stirnerschen Geschichte hat die Bourgeoisie sich damit
begnügt, "das Heilige" zu suchen, den Staatskultus zu betreiben
und "alle' existierenden Objekte in vorgestellte zu verwandeln",
und es bedurfte der Jesuiten, um "die Sinnlichkeit vor dem gänz-
lichen Verkommen zu retten". Nach derselben Stirnerschen Ge-
schichte hat die Bourgeoisie durch die Revolution alle Macht an
sich gerissen, also auch ihr Evangelium, das des materiellen Ge-
nusses, obgleich wir nach derselben Stirnerschen Geschichte jetzt
so weit sind, daß "in der Welt nur Gedanken herrschen". Die Stir-
nersche Hierarchie sitzt jetzt also "entre ambas posaderas" 2*).
D r i t t e h i s t o r i s c h e K o n s t r u k t i o n.
p. 159. "Nachdem das Bürgertum von Befehl und Willkür Einzelner
befreit hatte, blieb jene Willkür übrig, welche aus der Konjunk-
tur der Verhältnisse entspringt und
-----
1*) seine beiden mächtigen Sitzfleischhälften - 2*) zwischen den
beiden Sitzfleischhälften
#203# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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die Zufälligkeit der Umstände genannt werden kann. Das Glück und
die vom Glück Begünstigten blieben übrig."
Sankt Sancho läßt dann die Kommunisten "ein Gesetz und eine neue
Ordnung finden, die diesen Schwankungen" (dem Dings da) "ein Ende
macht" - von der er so viel weiß, daß die Kommunisten nun ausru-
fen sollen: "Diese Ordnung sei dann heilig!" (wo er vielmehr nun
ausrufen müßte: Die Unordnung meiner Einbildungen sei die heilige
Ordnung der Kommunisten). - "Hier ist Weisheit" (Offenbarung]
Joh[annis] 13, 18). "Wer Verstand hat, der überlege die Zahl" des
Unsinns, den der sonst so weitläuftige, sich stets wieder von
sich gebende Stirner [hi]er in wenige [Zeilen] zusammendrängt.
In allgemeinster Fassung heißt der erste Satz: Nachdem das Bür-
gertum die Feudalität abgeschafft hatte, blieb das Bürgertum üb-
rig. Oder nachdem in "Stirners" Einbildung die Herrschaft der
Personen abgeschafft worden war, blieb grade das Umgekehrte zu
tun übrig. "Das sieht denn doch wirklich so aus", als könnte man
die zwei entlegensten Geschichtsepochen in einen Zusammenhang
bringen, der der heilige Zusammenhang, der Zusammenhang als Das
Heilige, der Zusammenhang im Himmel ist.
Dieser Satz Sankt Sanchos ist übrigens nicht mit dem obigen mode
simple 1*) des Unsinns zufrieden, er muß es bis zum mode composé
und bicomposé 2*) des Unsinns bringen. Nämlich erstens glaubt
Sankt Max den s i c h befreienden Bourgeois, daß sie, indem sie
s i c h von Befehl und Willkür Einzelner befreiten, die Masse
der Gesellschaft überhaupt von Befehl und Willkür Einzelner be-
freiten. Zweitens befreiten sie sich realiter nicht von "Befehl
und Willkür der Einzelnen", sondern von der Herrschaft der Korpo-
ration, Zunft, der Stände, und konnten daher nun erst als
w i r k l i c h e einzelne Bourgeois dem Arbeiter gegenüber
"Befehl und Willkür" ausüben. Drittens hoben sie nur den plus ou
moins 3*) idealistischen Schein des bisherigen Befehls und der
bisherigen Willkür der Einzelnen auf, um an seine Stelle diesen
Befehl und diese Willkür in ihrer materiellen Grobheit herzustel-
len. Er, Bourgeois, wollte seinen "Befehl und Willkür" nicht mehr
durch den bisherigen "Befehl und Willkür" der im Monarchen, im
Adel und in der Korporation konzentrierten politischen Macht be-
schränkt wissen, sondern höchstens durch die in Gesetzen von
Bourgeois ausgesprochnen Gesamtinteressen der ganzen Bourgeois-
klasse. Er tat nichts als den Befehl und die Willkür ü b e r
den Befehl und die Willkür der einzelnen Bourgeois aufheben
(siehe Politischen Liberalismus).
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1*) der einfachen Art - 2*) zur zusammengesetzten und zweifach
zusammengesetzten Art - 3*) mehr oder weniger
#204# Karl Marx und Friedrich Engels
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Indem Sankt Sancho nun die Konjunktur der Verhältnisse, welche
mit der Herrschaft der Bourgeoisie eine ganz andre Konjunktur
ganz andrer Verhältnisse wurde, statt sie wirklich zu analysie-
ren, als die allgemeine Kategorie "Konjunktur pp." übrigbleiben
läßt und sie mit dem noch unbestimmteren Namen "Zufälligkeit der
Umstände" beschenkt - als ob der "Befehl und die Willkür Einzel-
ner" nicht selbst eine "Konjunktur der Verhältnisse" sei - indem
er also so die reale Grundlage des Kommunismus, nämlich die
b e s t i m m t e Konjunktur der Verhältnisse unter dem Bour-
geois régime beseitigt, kann er nun auch den so luftig gemachten
Kommunismus in seinen heiligen Kommunismus verwandeln. "Das sieht
denn doch wirklich so aus", als ob "Stirner" ein "Mensch von nur
ideellem", eingebildetem historischem "Reichtum" sei - der
"v o l l e n d e t e L u m p". Siehe "das Buch", p. 362.
Diese große Konstruktion, oder vielmehr ihr Vordersatz, wird uns
p. 189 noch einmal mit vieler Emphase in folgender Form wieder-
holt:
"Der politische Liberalismus hob 1*) die Ungleichheit der Herren
und Diener auf; er machte h e r r e n l o s, anarchisch" (!);
"der Herr wurde nun vom Einzelnen, dem Egoisten, entfernt, um ein
G e s p e n s t zu werden, das Gesetz oder der Staat "
Gespensterherrschaft = (Hierarchie) = Herrenlosigkeit, gleich
Herrschaft der "allmächtigen" Bourgeois. Wie wir sehen, ist diese
Gespensterherrschaft vielmehr die Herrschaft der v i e l e n
wirklichen Herren; also konnte der Kommunismus mit gleichem Recht
als die Befreiung von dieser Herrschaft der Vielen gefaßt werden,
was Sankt Sancho aber nicht durfte, weil sonst sowohl seine logi-
schen Konstruktionen des Kommunismus wie auch die ganze Konstruk-
tion der "Freien" umgeworfen worden wären. So geht's aber im gan-
zen "Buche". Ein einziger Schluß aus den eignen Prämissen unsres
Heiligen, ein einziges historisches Faktum wirft ganze Reihen von
Durchschauungen und Resultaten zu Boden.
V i e r t e g e s c h i c h t l i c h e K o n s t r u k-
t i o n, p. 350 leitet Sankt Sancho den Kommunismus direkt aus
der Abschaffung der Leibeigenschaft her.
I. V o r d e r s a t z:
"Es war außerordentlich viel damit gewonnen, als man es durch-
setzte, als Inhaber b e t r a c h t e t" (!) "zu werden. Die
Leibeigenschaft wurde damit aufgehoben und jeder, der bis dahin
selbst E i g e n t u m gewesen, ward nun ein H e r r."
(In dem mode simple des Unsinns heißt dies wieder: Die Leibeigen-
schaft wurde aufgehoben, sobald sie aufgehoben ward.) Der mode
composé dieses Unsinns ist, daß Sankt Sancho glaubt, vermittelst
der heiligen Kontemplation,
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1*) MEGA: hebt
#205# Deutsche Ideologie. Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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des "Betrachtens" und "Betrachtetwerdens" sei man zum "Inhaber"
geworden, während die Schwierigkeit darin bestand, "Inhaber" zu
werden und die Betrachtung sich dann nachher von selbst hinzu-
setzte; und der mode bicompose ist, daß, nachdem die anfangs noch
partikuläre Aufhebung der Leibeigenschaft angefangen hatte, ihre
Konsequenzen zu entwickeln, und dadurch allgemein geworden war,
man aufhörte, "durchsetzen" [z]u können, als [des] Innehabens
w e r t "betrachtet" zu werden (dem Inhaber wurden die Innege-
habten zu kostspielig); daß also die größte Masse, "die bisher
selbst Eigentum", d.h. gezwungene Arbeiter "gewesen waren", da-
durch keine "Herren", sondern freie Arbeiter wurden.
II. H i s t o r i s c h e r U n t e r s a t z, der zirka acht
Jahrhunderte umfaßt und dem man "freilich nicht ansehen wird, wie
inhaltsschwer" er ist (vgl. Wigand, p. 194).
"Allem f o r t h i n reicht Dein Haben und Deine Habe
n i c h t m e h r aus und wird n i c h t m e h r anerkannt;
d a g e g e n steigt Dein Arbeiten und Deine Arbeit im Werte.
Wir achten nun Deine B e w ä l t i g u n g der Dinge wie
v o r h e r" (?). "Dein Innehaben derselben. Deine Arbeit ist
Dein Vermögen. Du bist nun Herr oder Inhaber des Erarbeiteten,
nicht des Ererbten." (ibid.)
"Forthin" - "nicht mehr" - "dagegen" - "nun" - "wie vorher" -
"nun" - "oder" - "nicht" - das ist der Inhalt dieses Satzes.
Obgleich "Stirner" "nun" dahin gekommen ist, daß Du (nämlich Sze-
liga) Herr des Erarbeiteten, nicht des Ererbten, bist, so fällt
ihm "nun" vielmehr ein, daß derzeit gerade das Gegenteil statt-
findet - und dies läßt ihn den Kommunismus als Wechselbalg aus
diesen beiden Mißgeburten von Vordersätzen gebären.
III. K o m m u n i s t i s c h e r S c h l u ß.
"Da a b e r DERZEIT Alles ein Ererbtes ist und jeder Groschen,
den Du besitzest, nicht ein Arbeits-, sondern Erbgepräge trägt"
(kulminierender Unsinn), "S O muß Alles umgeschmolzen werden."
Woraus Szeliga nun sowohl beim Auf- und Untergang der
mittelaltrigen Kommunen wie beim Kommunismus des neunzehnten
Jahrhunderts angelangt zu sein sich einbilden kann. Und womit
Sankt Max trotz alles "Ererbten" und "Erarbeiteten" zu keiner
"Bewältigung der Dinge", sondern höchstens zur "Habe" des Unsinns
gekommen ist.
Liebhaber von Konstruktionen können nun noch p. 421 nachsehen,
wie Sankt Max, nachdem er den Kommunismus aus der Leibeigenschaft
konstruiert hat, ihn nun noch als Leibeigenschaft u n t e r ei-
nem Lehnsherrn, der Gesellschaft, konstruiert - nach demselben
Muster, wie er schon oben das
#206# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
Mittel, wodurch wir etwas erwerben, zu dem "Heiligen" macht,
durch dessen "Gnade" uns etwas gegeben wird. Jetzt nur noch
schließlich einige "Durchschauungen" des Kommunismus, die sich
aus den obigen Prämissen ergeben.
Zuerst gibt "Stirner" eine neue T h e o r i e d e r
E x p l o i t a t i o n, die darin besteht, daß
"der Arbeiter in einer Stecknadelfabrik nur ein einzelnes Stück
arbeitet, nur einem Andern in die Hand arbeitet, und von diesem
Andern benutzt, exploitiert wird". p. 158.
Hier entdeckt also "Stirner", daß die Arbeiter einer Fabrik sich
wechselseitig exploitieren, weil sie einander "in die Hand arbei-
ten", während der Fabrikant, dessen Hände gar nicht arbeiten,
auch nicht imstande ist, die Arbeiter zu exploitieren. "Stirner"
gibt hier ein schlagendes Exempel von der betrübten Lage, in die
die deutschen Theoretiker durch den Kommunismus versetzt worden
sind. Sie müssen sich jetzt auch mit profanen Dingen wie Steckna-
delfabriken usw. beschäftigen, bei denen sie sich wie wahre Bar-
baren, wie Ojibbeway-Indianer und Neuseeländer benehmen.
"Dagegen heißt es nun" im Stirnerschen Kommunismus, l.c.:
"Jede Arbeit soll den Zweck haben, daß d e r "Mensch" befrie-
digt werde. Deshalb muß er" ("d e r" Mensch) "auch in ihr
M e i s t e r werden, d.h. sie als eine Totalität schaffen
k ö n n e n."
"D e r Mensch" muß Meister werden! - "D e r Mensch" bleibt
Stecknadelknopfmacher, hat aber das beruhigende Bewußtsein, daß
Nadelknöpfe zur Nadel gehören und daß er die ganze Nadel machen
k a n n. Die Ermüdung und der Ekel, den die ewige Wiederholung
des Nadelknopfmachens hervorbringt, verwandelt sich durch dies
Bewußtsein in "Befriedigung d e s Menschen". [O, P]roudhon!
Weitere Durchschauung.
"Da die Kommunisten erst d i e f r e i e T ä t i g k e i t
für das Wesen" (iterum Crispinus) 1*) "des Menschen erklären, be-
dürfen sie, wie alle w e r k e l t ä g i g e G e s i n n u n g,
eines S o n n t a g s, einer Erhebung und Erbauung neben ihrer
g e i s t l o s e n A r b e i t."
Abgesehen von dem hier eingeschobenen "Wesen des Menschen" muß
der unglückliche Sancho die "freie Tätigkeit", d.h. bei den Kom-
munisten die aus der freien Entwicklung aller Fähigkeiten hervor-
gehende, schöpferische Lebensäußerung, um "Stirner" verständlich
zu sein, des "ganzen Kerls", in "geistlose Arbeit" verwandeln,
weil nämlich der Berliner merkt, daß es sich "hier nicht um die
"saure Arbeit des Gedankens" handelt. Durch diese einfache
-----
1*) (wiederum Crispinus)
#207# Deutsche Ideologie- Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
-----
Verwandlung können nun auch die Kommunisten in die "werkeltägige
Gesinnung" umgesetzt werden. Mit dem Werkeltage des Bürgers fin-
det sich dann natürlich auch sein Sonntag im Kommunismus wieder.
p. 161. "Die sonntägliche Seite des Kommunismus ist, daß der Kom-
munist in Dir den Menschen, den Bruder erblickt."
Der Kommunist erscheint hier also als "Mensch" und als
"Arbeiter". Dies nennt Sankt Sancho l.c.: "eine zwiefache
A n s t e l l u n g des Menschen durch den Kommunisten, ein Amt
des materiellen Erwerbs und eins des geistigen".
Hier bringt er also sogar den "Erwerb" und die Bürokratie wieder
in den Kommunismus herein, der dadurch freilich "sein letztes Ab-
sehen erreicht" und aufhört, Kommunismus zu sein. Er muß dies üb-
rigens tun, weil nachher in seinem "Verein" Jeder ebenfalls "eine
zwiefache Anstellung" als Mensch und als "Einziger" erhält. Die-
sen Dualismus legitimiert er vorläufig dadurch, daß er ihn dem
Kommunismus in die Schuhe schiebt, eine Methode, die wir bei sei-
nem Lehnswesen und seiner Verwertung wiederfinden werden.
p. 344 glaubt "Stirner", die "Kommunisten" wollten "die Eigen-
tumsfrage gütlich lösen", und p. 413 sollen sie gar an die Aufop-
ferung der Menschen [und an] die selbstverleugnende Gesinnung der
Kapitalisten appellieren! *) Die wenigen seit Babeufs Zeit aufge-
tretenen kommunistischen B o u r g e o i s, die nicht revolu-
tionär waren, sind sehr dünne gesät; die große Masse der Kommuni-
sten ist in allen Ländern revolutionär. Was die Ansicht der Kom-
munisten über die "selbstverleugnende Gesinnung der Reichen" und
die "Aufopferung der Menschen" ist, mag Sankt Max aus ein paar
Stellen Cabets, gerade des Kommunisten ersehen, der noch am mei-
sten den Schein haben kann, als appelliere er an das dévoûment,
die Aufopferung. **) Diese Stellen sind gegen die Republikaner
und namentlich gegen Herrn Buchez' Angriff auf den Kommunismus
gerichtet, der in Paris noch eine sehr kleine Zahl Arbeiter unter
seinem Kommando hat:
---
*) [Im Manuskript gestrichen:] Sankt Max schreibt sich hier wie-
der die Weisheit des Zugreifens und Zuschlagens zu, als ob nicht
seine ganze Pauke des sich empörenden Proletariats eine verun-
glückte Travestie Weitlings und seines stehlenden Proletariats
sei - Weitlings, eines der wenigen Kommunisten, die er durch die
Gnade Bluntschlis kennt.
**) [Im Manuskript gestrichen:] In Frankreich machen sämtliche
Kommunisten den Saint-Simonisten und Fourieristen den Vorwurf der
Friedlichkeit und unterscheiden sich hauptsächlich durch ihr Auf-
geben aller "gütlichen Lösung" von diesen, wie in England sich
die Chartisten hauptsächlich durch dasselbe Kriterium von den So-
zialisten unterscheiden.
#208# Karl Marx und Friedrich Engels
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"Ebenso mit der Aufopferung (dévoûment); es ist dies die Doktrin
des Herrn Buchez, diesmal ihrer katholischen Form entkleidet,
weil Herr Buchez ohne Zweifel fürchtet, daß seine Katholizität
die Masse der Arbeiter anwidert und zurückstößt. 'Um würdig seine
P f l i c h t (devoir) zu erfüllen (sagt Buchez), bedarf es der
A u f o p f e r u n g (dévoûment).' - Begreife, wer kann, wel-
cher Unterschied zwischen devoir und dévoûment. - 'Wir fordern
Aufopferung von Allen, sowohl für die große nationale Einheit als
für die Arbeiterassoziation ... es ist notwendig, daß wir vereint
seien, immer hingegeben (dévoués), die Einen für die Andern.' -
Es ist notwendig, es ist notwendig - das ist leicht zu sagen, und
man sagt es seit sehr langer Zeit, und man wird es noch sehr
lange Zeit ohne mehr Erfolg sagen, wenn man nicht auf andere Mit-
tel sinnt! Buchez beklagt sich über die Selbstsucht der Reichen;
aber wozu dienen solche Klagen? Buchez erklärt alle die für
Feinde, welche sich nicht devouieren 1*) wollen."
"'Wenn', sagt er, 'durch den Egoismus getrieben, sich ein Mensch
weigert, für die Andern sich hinzugeben, was muß man tun? ... Wir
werden keinen Augenblick anstehen zu antworten: D i e
G e s e l l s c h a f t hat immer das R e c h t, uns Das zu
nehmen, was die eigne Pflicht uns gebietet, ihr aufzuopfern ...
Die Aufopferung ist das [e]inzige Mittel, seine Pflicht zu erfül-
len. [Je]der von uns muß sich aufopfern, [ü]berall und immer.
Der, welcher aus Egoismus seine Pflicht der [Hi]ngebung zu erfül-
len sich weigert, muß hierzu g e z w u n g e n werden.' - So
schreit Buchez allen Menschen zu: Opfert Euch, opfert Euch! Denkt
nur daran, Euch zu opfern! Heißt das nicht die menschliche Natur
verkennen und mit Füßen treten? Ist das nicht eine falsche An-
schauung? Wir möchten fast sagen, eine k i n d i s c h e, eine
a b g e s c h m a c k t e Anschauung?" ("Réfutation des doctri-
nes de l'Atelier", par Cabet, p. 19, 20.) - Cabet zeigt nun p. 22
dem Republikaner Buchez nach, daß er notwendig auf eine
"Aristokratie der Aufopferung" mit verschiedenen Stufen kommt,
und fragt dann ironisch: "Was wird nun aus dem dévoûment 2*)? Wo
bleibt das dévoûment, wenn man nur deswegen sich devouiert, um zu
den höchsten Spitzen der H i e r a r c h i e zu gelangen? ...
Ein solches System könnte aufkommen in dem Kopfe von Einem, der
es zum Papst oder Kardinal bringen wollte - aber m den Köpfen von
Arbeitern!!!" - "Herr Buchez will nicht, daß die Arbeit eine
a n g e n e h m e Z e r s t r e u u n g werde, noch daß der
Mensch für sein eignes Wohlsein arbeite und sich neue Genüsse
schaffe. Er behauptet..., daß der Mensch nur auf die Erde gesetzt
worden ist, um einen B e r u f, eine P f l i c h t (une fonc-
tion, un devoir) zu erfüllen'. 'Nein', predigt er den Kommuni-
sten, 'der Mensch, diese große Macht, ist nicht für sich selbst
erschaffen (n'a point été fait pour lui-même) ... Das ist ein
roher Gedanke. Der Mensch ist ein Werkmann (ouvrier) in der Welt,
er muß das Werk (oeuvre) vollbringen, welches die Moral seiner
Tätigkeit auferlegt, das ist seine Pflicht ... Verlieren wir nie-
mals aus dem Gesicht, daß wir einen h o h e n B e r u f (une
haute fonction) zu erfüllen haben, einen Beruf, der mit dem er-
sten Tage des Menschen begonnen hat und nur mit der Menschheit
zugleich [endig]en wird.' - Aber wer hat dem [Herrn] Buchez alle
diese schönen Sachen enthüllt? (Mais qui a révélé toutes ces bel-
les choses à M. Buchez lui-même", wo Stirner übersetzen würde:
Woher nur Buchez alles das weiß, was der Mensch soll?) -
"Dureste, comprenne
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1*) aufopfern - 2*) Aufopferung, Hingebung
#209# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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qui pourra. 1*) - Buchez fährt fort: 'Wie! Der Mensch hätte Tau-
sende von Jahrhunderten warten müssen, um von Euch Kommunisten zu
lernen, daß er für sich selbst gemacht ist und keinen andren
Zweck hat als in allen möglichen Genüssen zu leben? ... Aber man
darf sich so nicht verirren. Man darf nicht vergessen, daß w i r
g e s c h a f f e n s i n d, u m z u a r b e i t e n (faits
pour travailler), um i m m e r zu arbeiten, und daß die einzige
Sache, die ; wir fordern können, das z u m L e b e n
N ö t i g e (la suffisante vie) ist, d.h. ein Wohlsein, welches
dazu hinreicht, daß wir angemessen unsern Beruf erfüllen können.
Außerhalb dieses Kreises ist alles a b s u r d und g e-
f ä h r l i c h.' - Aber so beweisen Sie doch! Beweisen Sie! Und
begnügen Sie sich nicht damit, wie ein Prophet zu orakeln! Gleich
von vornherein sprechen Sie von T a u s e n d e n v o n
J a h r h u n d e r t e n! Und dann, wer behauptet, daß man uns
in a l l e n Jahrhunderten erwartet hat? Aber Euch hat man wohl
erwartet mit allen Euren Theorien von devoument, devoir, nationa-
lité française, association ouvrière 2*)? - 'Schließlich', sagt
Buchez, 'bitten wir Euch, nicht von dem, was wir gesagt haben,
Euch verletzt zu fühlen.' - Wir sind ebenso höfliche Franzosen,
wir bitten Euch ebenfalls, nicht verletzt zu sein." (p. 31.) -
"'Glaubt uns', sagt Buchez, 'es existiert eine communauté 3*),
die seit langer Zeit errichtet ist und wovon Ihr auch Mitglieder
seid.' - Glaubt uns, Buchez", schließt Cabet, "werdet Kommunist!"
"Aufopferung", "Pflicht", "Sozialpflicht", "Recht der Gesell-
schaft", "der Beruf, die Bestimmung des Menschen", "Arbeiter der
Beruf des Menschen", "moralisches Werk", "Arbeiterassoziation",
"Schaffen des zum Leben Unentbehrlichen" - sind das nicht diesel-
ben Dinge, die Sankt Sancho den Kommunisten vorwirft, deren
M a n g e l Herr Buchez den Kommunisten vorwirft und dessen fei-
erliche Vorwürfe Cabet verhöhnt? Ist nicht selbst Stirners
"Hierarchie" hier [sch]on vorhanden?
Schließlich gibt Sankt Sancho dem Kommunismus p. 169 den Gnaden-
stoß, indem er folgenden Satz ausstößt:
"Indem die Sozialisten auch das Eigentum wegnehmen" (!),
"beachten sie nicht, daß dies sich in der Eigenheit eine Fort-
dauer sichert. Ist denn bloß Geld und Gut ein Eigentum, oder ist
jede Meinung ein Mein, ein Eigenes? Es muß a l s o jede Meinung
aufgehoben oder unpersönlich gemacht werden."
Oder ist Sankt Sanchos Meinung, insofern sie nicht auch zur Mei-
nung Anderer wird, ein Kommando über irgend etwas, selbst über
die fremde Meinung? Indem Sankt Max hier das Kapital seiner Mei-
nung gegen den Kommunismus geltend macht, tut er wieder Nichts
Andres, als daß er die ältesten und trivialsten Bourgeoiseinwürfe
gegen ihn. vorbringt, und glaubt etwas Neues gesagt zu haben,
weil ihm, dem jebildeten Berliner, diese Abgedroschenheiten neu
sind. Unter und nach vielen Andern hat Destutt de Tracy
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1*) Im übrigen begreife das, wer kann - 2*) Aufopferung, Pflicht,
französischer Nationalität, Arbeiterassoziation - 3*) Gemein-
schaft
#210# Karl Marx und Friedrich Engels
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vor ungefähr dreißig Jahren und später in dem hier zitierten Bu-
che dasselbe viel besser gesagt. Z.B.:
"Man hat förmlich den Prozeß des Eigentums instruiert und Gründe
für und wider vorgebracht, als wenn es von uns abhinge zu be-
schließen, daß es Eigentum gebe oder nicht gebe in dieser Welt;
aber das heißt durchaus unsre Natur verkennen." ("Traité de la
volonté", Paris, 1826, p. 18.)
Und nun gibt sich Herr Destutt de Tracy daran zu beweisen, daß
proprieté, individualité und personalité 1*) identisch sind, daß
in dem moi 2*) auch das mien 3*) liege, und er findet darin eine
Naturgrundlage für das Privateigentum, daß
"die Natur den Menschen mit einem unvermeidlichen und unveräußer-
lichen Eigentum begabt hat, dem seines Individuums", (p. 17.) -
Das Individuum "sieht klar, daß dieses I c h exklusiver Eigen-
tümer des Körpers ist, den es beseelt, der Organe, die es bewegt,
aller ihrer Fähigkeiten, aller ihrer Kräfte, aller Wirkungen, die
sie produzieren, aller ihrer Leidenschaften und Handlungen; denn
Alles dies endet und beginnt mit diesem Ich, existiert nur durch
es, ist nur bewegt durch seine Aktion; und keine andre Person
kann diese selben Instrumente anwenden, noch in derselben Weise
von ihnen affiziert sein." (p. 16.) - "Das Eigentum existiert,
wenn nicht gerade überall, wo ein empfindendes Individuum exi-
stiert, mindestens überall, wo ein wollendes Individuum exi-
stiert." (p. 19.)
Nachdem er so Privateigentum und Persönlichkeit identifiziert
hat, gibt sich nun wie bei "Stirner" vermittelst des Wortspiels
mit Mein und Meinung, Eigentum und Eigenheit bei Destutt de Tracy
aus propriété 4*) und propre 5*) folgender Schluß:
"Es ist also durchaus unnütz, darüber zu streiten, ob es nicht
besser sei, daß Jedem von uns Nichts eigen wäre (de discuter s'il
ne vaudrait pas mieux que rien ne fût p r o p r e à chacun de
nous) - - in allen Fällen heißt das fragen, ob es nicht wün-
schenswert sei, daß wir ganz andre wären als wir sind, und selbst
untersuchen, ob es nicht besser wäre, daß wir gar nicht seien."
(p. 22.)
"Das sind höchst populäre", bereits traditionell gewordene Ein-
würfe gegen den Kommunismus, "und es ist" ebendeswegen nicht "zu
verwundern, daß Stirner" sie wiederholt.
Wenn der bornierte Bourgeois zu den Kommunisten sagt: Indem Ihr
das Eigentum, d.h. meine Existenz als Kapitalist, als Grundbesit-
zer, als Fabrikant, und Eure Existenz als Arbeiter aufhebt, hebt
Ihr meine und Eure Individualität auf; indem Ihr es mir unmöglich
macht, Euch Arbeiter zu exploitieren, meine Profite, Zinsen oder
Renten einzustreichen, macht Ihr es mir unmöglich, als Individuum
zu existieren. - Wenn also der Bourgeois den
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1*) Eigentum, Individuum und Persönlichkeit - 2*) Ich - 3*) Mein
- 4*) Eigentum - 5*) eigen
#211# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Kommunisten erklärt: Indem Ihr meine Existenz a l s B o u r-
g e o i s aufhebt, hebt Ihr meine Existenz a l s I n d i-
v i d u u m auf, wenn er so sich als Bourgeois mit sich als
Individuum identifiziert, so ist daran wenigstens die Offen-
herzigkeit und Unverschämtheit anzuerkennen. Für den Bourgeois
ist dies wirklich der Fall; er glaubt nur insofern Individuum zu
sein, als er Bourgeois ist.
Sobald aber die Theoretiker der Bourgeoisie hereinkommen und die-
ser Behauptung einen allgemeinen Ausdruck geben, das Eigentum des
Bourgeois mit der Individulität auch theoretisch identifizieren
und diese Identifizierung logisch rechtfertigen wollen, fängt der
Unsinn erst an, feierlich und heilig zu werden.
"Stirner" widerlegte oben die kommunistische Aufhebung des Pri-
vateigentums dadurch, daß er das Privateigentum in das "Haben"
verwandelte und dann das Zeitwort "Haben" für ein unentbehrliches
Wort, für eine ewige Wahrheit erklärte, weil es auch in der kom-
munistischen Gesellschaft vorkommen könne, daß er Leibschmerzen
"habe". Geradeso begründet er hier die Unabschaffbarkeit des Pri-
vateigentums darauf, daß er es in den Begriff des Eigentums ver-
wandelt, den etymologischen Zusammenhang zwischen "Eigentum" und
"eigen" exploitiert und das Wort "eigen" für eine ewige Wahrheit
erklärt, weil es doch auch unter dem kommunistischen Regime vor-
kommen kann, daß ihm Leibschmerzen "eigen" sind. Dieser ganze
theoretische Unsinn, der sein Asyl in der Etymologie sucht, wäre
unmöglich, wenn nicht das wirkliche Privateigentum, das die Kom-
munisten aufheben wollen, in den abstrakten Begriff "das Eigen-
tum" verwandelt würde. Hiermit erspart man sich einerseits die
Mühe, über das wirkliche Privateigentum etwas zu sagen oder auch
nur zu wissen, und kann andrerseits leicht dahin kommen, im Kom-
munismus einen Widerspruch zu entdecken, indem man in ihm,
n a c h der Aufhebung des (w i r k l i c h e n) Eigentums, al-
lerdings leicht noch allerlei Dinge entdecken kann, die sich un-
ter "das Eigentum" subsumieren lassen. In der Wirklichkeit ver-
hält sich die Sache freilich gerade umgekehrt. *) In der Wirk-
lichkeit habe ich nur insoweit Privateigentum, als ich Verscha-
cherbares habe, während meine Eigenheit durchaus unverschacherbar
sein kann. An meinem Rock habe ich nur so lange Privateigentum,
als ich ihn wenigstens verschachern, versetzen oder verkaufen
kann, [als er verschach]erbar ist. Verliert er diese Eigenschaft,
wird er zerlumpt, so kann er für mich noch allerlei Eigenschaften
haben, die ihn m i r wertvoll machen, er kann sogar zu meiner
---
*) [Im Manuskript gestrichen:] Das wirkliche Privateigentum ist
gerade das Allerallgemeinste, was mit der Individualität gar
nichts zu tun hat, ja was sie geradezu umstößt. Soweit ich als
Privateigentümer gelte, soweit gelte ich nicht als Individuum -
ein Satz, den die Geldheiraten täglich beweisen.
#212# Karl Marx und Friedrich Engels
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Eigenschaft werden und mich zu einem zerlumpten Individuum ma-
chen. Aber es wird keinem Ökonomen einfallen, ihn als mein Pri-
vateigentum zu rangieren, da er mir über kein auch noch so gerin-
ges Quantum fremder Arbeit noch ein Kommando gibt. Der Jurist,
der Ideologe des Privateigentums, kann vielleicht noch so etwas
faseln. Das Privateigentum entfremdet nicht nur die Individuali-
tät der Menschen, sondern auch die der Dinge. Der Grund und Boden
hat Nichts mit der Grundrente, die Maschine Nichts mit dem Profit
zu tun. Für den Grundbesitzer hat der Grund und Boden nur die Be-
deutung der Grundrente, er verpachtet seine Grundstücke und zieht
die Rente ein; eine Eigenschaft, die der Boden verlieren kann,
ohne irgendeine seiner inhärenten Eigenschaften, ohne z.B. einen
Teil seiner Fruchtbarkeit zu verlieren, eine Eigenschaft, deren
Maß, ja deren Existenz von gesellschaftlichen Verhältnissen ab-
hängt, die ohne Zutun des einzelnen Grundbesitzers gemacht und
aufgehoben werden. Ebenso mit der Maschine. Wie wenig das Geld,
die allgemeinste Form des Eigentums, mit der persönlichen Eigen-
tümlichkeit zu tun hat, wie sehr es ihr geradezu entgegengesetzt
ist, wußte bereits Shakespeare besser als unser theoretisierender
Kleinbürger:
Soviel hievon macht schwarz weiß, häßlich schön,
Schlecht gut, alt jung, feig tapfer, niedrig edel,
Ja dieser rote Sklave - -
Er macht den Aussatz lieblich - -
- - dieser führt
Der überjähr'gen Witwe Freier zu;
Die, von Spital und Wunden giftig eiternd,,
Mit Ekel fortgeschickt, verjüngt balsamisch
Zu Maienjugend dies - -
- - sichtbare Gottheit,
Die du Unmöglichkeiten eng verbrüderst,
Zum Kuß sie zwingst! [101]
Mit einem Wort, Grundrente, Profit etc., die wirklichen Daseins-
weisen des Privateigentums, sind g e s e l l s c h a f t-
l i c h e, einer bestimmten Produktionsstufe entsprechende
V e r h ä l t n i s s e und "i n d i v i d u e l l e" nur so
lange, als sie noch nicht zur Fessel der vorhandenen Produktiv-
kräfte geworden sind.
Nach Destutt de Tracy muß die Majorität der Menschen, die Prole-
tarier, längst alle Individualität verloren haben, obgleich es
heutzutage so aussieht, als entwickle sich unter ihnen noch ge-
rade am meisten Individualität. Der Bourgeois hat es um so leich-
ter, aus seiner Sprache die Identität merkantilischer und indivi-
dueller oder auch allgemein menschlicher Beziehungen zu beweisen,
als diese Sprache selbst ein Produkt der Bourgeoisie ist und da-
her wie m der Wirklichkeit, so in der Sprache die Verhältnisse
des Schachers zur
#213# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Grundlage aller andern gemacht worden sind. Z.B. propriété Eigen-
tum und Eigenschaft, property Eigentum und Eigentümlichkeit,
"eigen" im merkantilischen Sinn und im individuellen Sinn, va-
leur, value, Wert - commerce, Verkehr - échange, exchange, Aus-
tausch usw., die sowohl für kommerzielle Verhältnisse wie für Ei-
genschaften und Beziehungen von Individuen als solchen gebraucht
werden. In den übrigen modernen Sprachen ist dies ganz ebenso der
Fall. Wenn Sankt Max sich ernstlich darauf legt, diese Zweideu-
tigkeit zu exploitieren, so kann er es leicht dahin bringen, eine
glänzende Reihe neuer ökonomischer Entdeckungen zu machen, ohne
ein Wort von der Ökonomie zu wissen; wie denn auch seine später
zu registrierenden neuen ökonomischen Fakta sich ganz innerhalb
dieses Kreises der Synonymik halten.
Der gutmütige und leichtgläubige Jacques nimmt den Wortwitz des
Bourgeois mit Eigentum und Eigenschaft so genau, in so heiligem
Ernst, daß er sich sogar bestrebt, sich als Privateigentümer zu
seinen eignen Eigenschaften zu verhalten, wie wir später sehen
werden.
p. 421 endlich belehrt "Stirner" den Kommunismus darüber, daß
"man" (nämlich der Kommunismus)
"i n W a h r h e i t nicht das Eigentum angreift, sondern die
Entfremdung des Eigentums".
Sankt Max wiederholt uns in dieser neuen Offenbarung nur einen
alten Witz, den z.B. bereits die Saint-Simonisten vielfach ausge-
beutet haben. Vgl. z.B. "Leçons sur l'industrie et les finances",
Paris 1832 [102], wo es u.a. heißt:
"Das Eigentum wird nicht abgeschafft, sondern seine Form wird
verwandelt, - - es wird erst zur w a h r e n P e r s o n i-
f i k a t i o n werden, - es wird erst seinen wirklichen indi-
viduellen Charakter erhalten." (p. 42, 43.)
Da diese von den Franzosen aufgebrachte und namentlich von Pierre
Leroux outrierte Phrase von den deutschen spekulativen Soziali-
sten mit vielem Wohlgefallen aufgenommen worden und weiter aus-
spekuliert ist und zuletzt zu reaktionären Umtrieben und prakti-
schen Beutelschneidereien Anlaß gegeben hat, so werden wir sie
hier, wo sie nichtssagend ist, auch nicht behandeln, sondern wei-
ter unten, bei Gelegenheit des wahren Sozialismus.
Sankt Sancho gefällt sich dann, [nach dem] Vorbilde des von
Reichardt [exploitierten] Wönigers die Proletarier [und damit]
auch die Kommunisten zu "Lum[pen" zu] machen. Er definiert seinen
"Lumpen" p. 362 dahin, daß er "ein Mensch von nur idealem Reich-
tum" ist. Wenn die Stirnerschen "Lumpen" einmal, wie im fünfzehn-
ten Jahrhundert die Pariser Bettler, ein Lumpenkönigreich stif-
ten, so wird Sankt Sancho Lumpenkönig, da er der
#214# Karl Marx und Friedrich Engels
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"vollendete" Lump, ein Mensch von nicht einmal idealem Reichtum
ist und daher auch von den Zinsen des Kapitals seiner Meinung
zehrt.
C) Der humane Liberalismus
Nachdem Sankt Max den Liberalismus und Kommunismus als unvollen-
dete Existenzweisen des philosophischen "Menschen" und damit der
neueren deutschen Philosophie überhaupt sich zurechtgemacht hat
(wozu er insoweit berechtigt war, als nicht nur der Liberalismus,
sondern auch der Kommunismus in Deutschland eine kleinbürgerliche
und zugleich überschwenglich ideologische Gestalt erhalten hat),
ist es ihm nunmehr leicht, die neuesten Formen der deutschen Phi-
losophie, den von ihm so genannten "humanen Liberalismus" als
vollendeten Liberalismus und Kommunismus und zugleich als Kritik
dieser beiden darzustellen.
Durch diese heilige Konstruktion ergeben sich nun folgende drei
ergötzliche Wandlungen - (vgl. auch die Ökonomie des Alten Bun-
des):
1. Der Einzelne i s t nicht der Mensch, darum gilt er nichts -
kein persönlicher Wille, Ordonnanz - "dessen Namen wird man nen-
nen": "Herrenlos" - politischer Liberalismus, den wir schon oben
behandelt haben.
2. Der Einzelne h a t nichts Menschliches, darum gilt kein Mein
und Dein oder Eigentum: "besitzlos" - Kommunismus, den wir eben-
falls schon behandelt haben.
3. Der Einzelne soll in der Kritik d e m jetzt erst gefundenen
Menschen Platz machen: "gottlos" = Identität von "Herrenlos "und
"besitzlos" - humaner Liberalismus, p. 180, 181. - In der näheren
Ausführung dieser letzteren negativen Einheit faßt sich die uner-
schütterliche Rechtgläubigkeit Jacques' zu folgender Spitze zu-
sammen: p. 189:
"Der Egoismus des Eigentums hat sein Letztes eingebüßt, wenn auch
das 'Mein Gott' sinnlos geworden ist, d e n n" (allergrößtes
Denn!) "Gott ist nur, wenn ihm das Heil des Einzelnen am Herzen
liegt, wie dieser in ihm sein Heil sucht."
Hiernach hätte der französische Bourgeois erst dann sein
"letztes" "Eigentum eingebüßt", wenn das Wort adieu aus der Spra-
che verbannt [wäre]. Ganz im Einklang mit der bis[herigen] Kon-
struktion wird hier das Eigentum an Gott, das heilige Eigentum im
Himmel, das Eigentum der Phantasie, die Phantasie des Eigentums
für das höchste Eigentum und den letzten Notanker des Eigentums
erklärt.
Aus diesen drei Illusionen über Liberalismus, Kommunismus und
deutsche Philosophie braut er sich nun seinen neuen - diesmal,
dem "Heiligen"
#215# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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sei Dank, den letzten - Übergang zum "I c h". Ehe wir ihm dahin
folgen, wollen wir noch einen Blick auf seinen letzten "sauren
Lebenskampf" mit dem "humanen Liberalismus" werfen.
Nachdem unser Biedermann Sancho in seiner neuen Rolle als cabal-
lero andante 1*), und zwar als caballero de la tristisima figura
2*) die ganze Geschichte durchzogen, überall die Geister und Ge-
spenster, die "Drachen und Straußen, Feldteufel und Kobolde, Mar-
der und Geier, Rohrdommeln und Igel" (vgl. Jes[aia] 34, 11-14)
bekämpft und "umgeblasen" hat, wie wohl muß ihm jetzt werden,
wenn er nun endlich aus allen diesen verschiedenen Ländern auf
seine Insel Barataria [103], in "das Land" als solches kommt, wo
"d e r Mensch" in puris naturalibus 3*) herumläuft! Rufen wir
uns noch einmal seinen Großen Satz, das ihm aufgebundene Dogma
ins Gedächtnis, worauf seine ganze Geschichtskonstruktion beruht:
daß
"die Wahrheiten, die sich aus dem Begriffe d e s M e n-
s c h e n ergeben, als Offenbarungen eben dieses Begriffes
verehrt und - heilig gehalten werden"; den "Offenbarungen dieses
heiligen Begriffs" werde selbst "durch Abschaffung mancher durch
diesen Begriff manifestierten Wahrheiten nicht ihre Heiligkeit
genommen", (p. 51.)
Wir brauchen kaum zu wiederholen, was wir dem heiligen Schrift-
steller an allen seinen Beispielen nachgewiesen haben, daß man
hinterher als Offenbarung des Begriffs "Mensch" konstruiert, dar-
stellt, sich vorstellt, befestigt und rechtfertigt, was empiri-
sche, von den wirklichen Menschen in ihrem wirklichen Verkehr,
keineswegs vom heiligen Begriff des Men[schen] geschaffene Ver-
hältnisse sind. [Man] rufe sich auch seine Hierarchie [in das]
Gedächtnis. Nun zum humanen [Liber]alismus.
[p. 4]4, wo Sankt Max "in Kürze" ["die theo]logische Ansicht Feu-
erbachs und Unsere [einander] gegenüberstellt", wird Feuerbach
zunächst Nichts entgegengestellt als eine Redensart. Wie wir
schon bei der Geisterfabrikation sahen, wo "Stirner" seinen Magen
unter die Sterne versetzt (dritter Dioskur [104], Schutzpatron
gegen die Seekrankheit), weil er und sein Magen "verschiedene
Namen für völlig Verschiedenes" sind (p. 42) - so erscheint das
Wesen hier zunächst auch als existierendes Ding, und "so heißt es
nun" p. 44:
"Das höchste Wesen i s t allerdings das Wesen des Menschen,
aber eben weil es sein W e s e n und nicht er selbst ist, so
bleibt es sich g a n z g l e i c h, ob wir es außer ihm sehen
und als 'Gott' anschauen oder in ihm finden und 'Wesen des Men-
schen' oder 'der Mensch' nennen. I c h bin weder Gott noch
d e r Mensch, weder das höchste Wesen noch Mein Wesen, und darum
ist's in der Hauptsache einerlei, ob Ich das Wesen in Mir oder
außer Mir d e n k e."
-----
1*) fahrender Ritter - 2*) Ritter von der traurigsten Gestalt -
3*) im reinen Naturzustande
#216# Karl Marx und Friedrich Engels
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Das "Wesen des Menschen" ist also hier als ein existierendes Ding
vorausgesetzt, es i s t "das höchste Wesen", es i s t nicht
"Ich", und Sankt Max, statt über "das Wesen" etwas zu sagen, be-
schränkt sich auf die einfache Erklärung, daß es jleichjültig
ist, "ob Ich es in Mir oder außer Mir", ob ich es in dieser oder
jener Lokalität "d e n k e". Daß diese Gleichgültigkeit gegen
das Wesen durchaus keine bloße Nachlässigkeit des Stils ist, geht
schon daraus hervor, daß er selbst die Unterscheidung zwischen
wesentlich und unwesentlich macht, daß bei ihm selbst sogar "das
e d l e W e s e n d e s Egoismus" p. 71 figurieren kann. Was
übrigens bisher von deutschen Theoretikern über Wesen und Unwesen
gesagt worden ist, findet sich Alles schon viel besser bei Hegel
in der "Logik".
Wir fanden die grenzenlose Rechtgläubigkeit "Stirners" an die Il-
lusionen der deutschen Philosophie darin konzentriert, daß er
fortwährend der Geschichte als einzig handelnde Person "den Men-
schen" unterschiebt und glaubt, "d e r Mensch" habe die Ge-
schichte gemacht. Wir werden dies jetzt auch wieder bei Feuerbach
finden, dessen Illusionen er getreulichst akzeptiert, um darauf
weiter fortzubauen.
p. 77. "Überhaupt bewirkt Feuerbach n u r e i n e U m s t e l-
l u n g v o n S u b j e k t u n d P r ä d i k a t, eine
Bevorzugung des Letzteren. Da er aber selbst sagt: 'Die Liebe ist
nicht dadurch heilig (und hat den Menschen niemals dadurch für
heilig gegolten), daß sie ein Prädikat Gottes, sondern sie ist
ein Prädikat Gottes, weil sie durch und für sich selbst göttlich
ist', so konnte er finden, daß der Kampf gegen die Prädikate
selbst eröffnet werden mußte, gegen die Liebe und alle
Heiligkeiten. Wie durfte er hoffen, die Menschen von G o t t
abzuwenden, wenn er ihnen das G ö t t l i c h e ließ? Und ist
ihnen, wie Feuerbach sagt, Gott selbst nie die Hauptsache
gewesen, sondern nur seine Prädikate, so konnte er ihnen immerhin
den Flitter noch länger lassen, da ja die Puppe doch blieb, der
eigentliche Kern."
Weil Feuerbach also "s e l b s t" das sagt, so ist das Grund
genug für Jacques le bonhomme, ihm zu g l a u b e n, daß den
Menschen die Liebe gegolten habe, weil sie "durch und für sich
selbst göttlich ist". Wenn nun gerade das U m g e k e h r t e
von dem, was Feuerbach sagt, stattfand - und wir "erkühnen uns,
dies zu sagen" (Wigand, p. 157) -, wenn den Menschen weder Gott
noch seine Prädikate jemals die Hauptsache gewesen sind, wenn
dies selbst nur die religiöse Illusion der deutschen Theorie ist
- so passiert also unsrem Sancho dasselbe, was ihm bereits bei
Cervantes passierte, als man ihm vier Pfähle unter seinen Sattel
stellte, da er schlief, und seinen Grauen unter ihm wegzog.
Auf diese Aussagen Feuerbachs gestützt, beginnt Sancho den Kampf,
der ebenfalls bereits bei Cervantes am neunzehnten vorgezeichnet
steht, da der
#217# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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ingenioso hidalgo 1*) gegen die Prädikate kämpft, die Vermummten,
so den Leichnam der Welt zu Grabe tragen, und die, in ihren Tala-
ren und Leichenmänteln verwickelt, sich nicht regen können und es
unsrem Hidalgo leicht machen, sie mit seiner Stange umzurennen
und weidlich abzuprügeln. Der letzte Versuch, die nun bis zur Er-
müdung durchgepeitschte Kritik der Religion als einer eignen
Sphäre weiter auszubeuten, innerhalb der Voraussetzungen der
deutschen Theorie stehenzubleiben und doch sich den Schein zu ge-
ben, als trete man heraus, aus diesem bis zur letz[ten] Faser ab-
genagten Knochen noch [eine Ru]mfordsche breite Bettelsuppe [für
"das] Buch" zu kochen, bestand darin, die materiellen Verhält-
nisse nicht in ihrer wirklichen Gestalt, nicht einmal in der pro-
fanen Illusion der in der heutigen Welt praktisch Befangenen,
sondern in dem himmlischen Extrakt ihrer profanen Gestalt als
Prädikate, als Emanationen Gottes, als Engel zu bekämpfen. So war
nun das Himmelreich wieder bevölkert und der alten Manier der Ex-
ploitation dieses Himmelreichs wieder neues Material in Masse ge-
schaffen. So war der Kampf mit der religiösen Illusion, mit Gott,
wieder dem wirklichen Kampf untergeschoben. Sankt Bruno, dessen
Broterwerb die Theologie ist, macht in seinen "sauren Lebenskämp-
fen" gegen die Substanz denselben Versuch pro aris et focis 2*),
als Theologe aus der Theologie herauszutreten. Seine "Substanz"
ist Nichts als die in Einem Namen zusammengefaßten Prädikate Got-
tes; mit Ausschluß der Persönlichkeit, die er sich vorbehält -
der Prädikate Gottes, die wieder nichts sind als die verhimmelten
Namen von Vorstellungen der Menschen von ihren bestimmten empiri-
schen Verhältnissen, Vorstellungen, die sie später aus prakti-
schen Gründen heuchlerisch festhalten. Das empirische, materielle
Verhalten dieser Menschen kann natürlich mit dem von Hegel ererb-
ten theoretischen Rüstzeug auch nicht einmal verstanden werden.
Indem Feuerbach die religiöse Welt als die Illusion der bei ihm
selbst nur noch als P h r a s e vorkommenden irdischen Welt
aufzeigte, ergab sich von selbst auch für die deutsche Theorie
die von ihm nicht beantwortete Frage: Wie kam es, daß die Men-
schen sich diese Illusionen "m den Kopf setzten"? Diese Frage
bahnte selbst für die deutschen Theoretiker den Weg zur materia-
listischen, n i c h t v o r a u s s e t z u n g s l o s e n,
sondern die wirklichen materiellen Voraussetzungen als solche em-
pirisch beobachtenden und darum erst w i r k l i c h kritischen
Anschauung der Welt. Dieser Gang war schon angedeutet in den
"Deutsch-Französischen Jahrbüchern" in der "Einleitung zur Kritik
der Hegelschen Rechtsphilosophie" und "Zur Judenfrage". Da dies
damals noch in philosophischer Phraseologie geschah, so gaben die
hier traditionell unter-
-----
1*) scharfsinnige Edle - 2*) wörtlich: für Altar und Herd; hier:
für die eigene Denkweise und die eigene Stellung
#218# Karl Marx und Friedrich Engels
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laufenden philosophischen Ausdrücke wie "menschliches Wesen",
"Gattung" pp. den deutschen Theoretikern die erwünschte Veranlas-
sung, die wirkliche Entwicklung zu mißverstehen und zu glauben,
es handle sich hier wieder nur um eine neue Wendung ihrer abge-
tragenen theoretischen Röcke - wie denn auch der Dottore Graziano
der deutschen Philosophie, der Doktor Arnold Ruge, glaubte, er
dürfe hier noch fortwährend mit seinen unbeholfenen Gliedmaßen um
sich schlagen und seine pedantisch-burleske Maske zur Schau tra-
gen. Man muß "die Philosophie beiseite liegenlassen" (Wig[and,]
p. 187, vgl. Heß, "Die letzten Philosophen", p. 8), man muß aus
ihr herausspringen und sich als ein gewöhnlicher Mensch an das
Studium der Wirklichkeit geben, wozu auch literarisch ein unge-
heures, den Philosophen natürlich unbekanntes Material vorliegt;
und wenn man dann einmal wieder Leute wie K r u m m a c h e r
oder "S t i r n e r" vor sich bekommt, so findet man, daß man
sie längst "hinter" und unter sich hat. Philosophie und Studium
der wirklichen Welt verhalten sich zueinander wie Onanie und Ge-
schlechtsliebe. Sankt Sancho, der trotz seiner von uns mit Geduld
und von ihm mit Emphase konstatierten Gedankenlosigkeit innerhalb
der Welt der reinen Gedanken stehenbleibt, kann natürlich nur
durch ein moralisches Postulat, durch das Postulat der
"G e d a n k e n l o s i g k e i t", sich vor ihr retten (p. 196
d e s "Buchs"). Er ist der Bürger, der sich durch die banque-
route cochonnet [105] vor dem Handel rettet, wodurch er natürlich
kein Proletarier, sondern unbemittelter bankerutter Bürger wird.
Er wird nicht Weltmann, sondern gedankenloser, bankerutter Philo-
soph.
Die von Feuerbach überlieferten Prädikate Gottes als wirkliche
Mächte über die Menschen, als Hierarchen, sind der der empiri-
schen Welt untergeschobne Wechselbalg, den "Stirner" vorfindet.
So sehr beruht seine ganze "Eigenheit" nur auf "Eingegebnem".
Wenn "Stirner" (s. auch p. 63) Feuerbach vorwirft, er komme zu
Nichts, weil er das Prädikat zum Subjekt mache und umgekehrt,
[so] kann er nur noch zu viel weniger kommen, [weil] er diese
Feuerbachschen, zu Sub[jekten gemac]hten Prädikate als wirkliche
[die Welt beherrschende Persönlichkeiten, diese Phrasen über die
Verhältnisse als die wirklichen Verhältnisse treulichst akzep-
tiert, ihnen das Prädikat heilig beilegt, d i e s P r ä d i-
k a t i n e i n S u b j e k t, "das Heilige", v e r w a n-
d e l t, also ganz dasselbe tut, was er Feuerbach zum Vorwurf
macht, und nun, nachdem er hierdurch den bestimmten Inhalt, um
den es sich handelte, gänzlich losgeworden ist, gegen dies
"Heilige", das natürlich immer dasselbe bleibt, seinen Kampf,
d.h. seinen "Widerwillen" eröffnet. Bei Feuerbach ist noch das
Bewußtsein, was ihm Sankt Max zum Vorwurf macht, "daß es sich bei
ihm 'nur um die Vernichtung einer Illusion handelt'" (p. 77 "des
Buchs") - obgleich Feuerbach dem Kampfe gegen diese Illusion noch
viel zu große Wichtigkeit beilegt. Bei
#219# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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"Stirner" ist auch dies Bewußtsein "alle jeworden", er glaubt
wirklich an die Herrschaft der abstrakten Gedanken der Ideologie
in der heutigen Welt, er glaubt, in seinem Kampfe gegen die
"Prädikate", die Begriffe, nicht mehr eine Illusion, sondern die
wirklichen Herrschermächte der Welt anzugreifen. Daher seine Ma-
nier, alles auf den Kopf zu stellen, daher seine enorme Leicht-
gläubigkeit, mit der er alle scheinheiligen Illusionen, alle
heuchlerischen Beteuerungen der Bourgeoisie für bare Münze nimmt.
Wie wenig übrigens "die Puppe" "der eigentliche Kern" "des Flit-
ters" und wie lahm dies schöne Gleichnis ist, zeigt sich am be-
sten an "Stirners" eigner "Puppe" - "dem Buch" -, an dem gar
kein, weder "eigentlicher" noch un-"eigentlicher" "Kern" vorhan-
den ist und wo selbst das Wenige, was auf den 491 Seiten vorhan-
den ist, kaum den Namen "Flitter" verdient. - Sollen wir aber
einmal einen "Kern" darin finden, so ist dieser Kern - der
d e u t s c h e K l e i n b ü r g e r.
Woher übrigens Sankt Maxens Haß gegen die "Prädikate" stammt,
darüber gibt er selbst im apologetischen Kommentar einen höchst
naiven Aufschluß. Er zitiert folgende Stelle aus dem "Wesen des
Christenthums", p. 31: "Ein wahrer Atheist ist nur der, welchem
d i e P r ä d i k a t e des göttlichen Wesens, wie z.B. die
Liebe, die Weisheit, die Gerechtigkeit Nichts sind, aber nicht
der, welchem nur d a s S u b j e k t dieser Prädikate Nichts
ist" - und ruft dann triumphierend aus: "T r i f f t d i e s
n i c h t b e i S t i r n e r e i n?" - "Hier ist Weisheit."
Sankt Max fand in obiger Stelle einen Wink, wie man es anfangen
müsse, um "a m A l l e r w e i t e s t e n" zu gehen. Er
glaubt Feuerbach, daß dies Obige das "Wesen" des "w a h r e n
A t h e i s t e n" sei und läßt sich nun von ihm die "Aufgabe"
stellen, der "wahre Atheist" zu werden. Der "Einzige" ist "der
w a h r e A t h e i s t".
Noch viel leichtgläubiger als gegen Feuerbach "machiniert" er ge-
gen Sank Bruno oder "die Kritik". Was er sich alles von "der Kri-
tik" aufbinden läßt, wie er sich unter ihre Polizeiaufsicht
stellt, wie sie ihm seine Lebensart, seinen "Beruf" eingibt - wir
werden das allgemach sehen. Einstweilen genügt als Probe seines
Glaubens an die Kritik, daß er p. 186 "Kritik" und "Masse" als
zwei Personen behandelt, die gegeneinander kämpfen und "sich vom
Egoismus zu befreien suchen", und p. 187 Beide "für das nimmt,
wofür sie s i c h - a u s g e b e n".
Mit dem Kampf gegen den humanen Liberalismus ist der lange Kampf
des Alten Bundes, wo der Mensch ein Zuchtmeister auf den Einzigen
war, beendigt; die Zeit 1*) ist erfüllet und das Evangelium der
Gnade und Freude bricht herein über die sündige Menschheit.
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1*) MEGA: und die Zeit
#220# Karl Marx und Friedrich Engels
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Der Kampf um "den Menschen" ist die Erfüllung des Wortes, das da
geschrieben steht bei Cervantes am einundzwanzigsten, "welches
von dem hohen Abenteuer und reichen Gewinnung des Helmes Mambrins
handelt". Unser Sancho, der seinem ehemaligen Herrn und jetzigen
Knecht Alles nachmacht, hat "den Schwur getan, den Helm Mambrins"
- d e n Menschen - für sich "zu erobern " Nachdem er in seinen
verschiedenen "Auszügen" den ersehnten Helm bei den Alten und
Neuen, Liberalen und Kommunisten vergebens gesucht hat, "sieht er
einen Menschen zu Pferde, der auf seinem Kopfe etwas trägt, wel-
ches leuchtet, als wenn es von Gold wäre", und spricht zu Don
Quijote-Szeliga: "Wenn Ich mich nicht täusche, so kommt Einer
dort zu uns heran, der auf seinem Haupte den Helm Mambrins trägt,
wegen dessen Ich den Schwur getan habe, so du weißest." "Nehme
sich Eure Herrlichkeit wohl m Acht, was sie sagen und noch mehr,
was sie tun", erwidert der im Laufe der Zeit klug gewordene Don
Quijote. "Sage Mir, siehst du nicht jenen Ritter, der zu uns
herankommt auf einem graugefleckten Roß, und hat auf seinem
Haupte einen goldenen Helm?" - "Was Ich sehe und gewahre", erwi-
dert Don Quijote, "ist nur ein Kerl auf einem grauen Esel wie der
Eurige, welcher auf seinem Kopfe etwas trägt, was glänzt." -
"Also das ist der Helm des Mambrin", sagt Sancho.
Unterdessen kam der heilige Barbier B r u n o auf seinem Ese-
lein, der Kritik, ruhig herangetrabt, mit seinem Barbierbecken
auf dem Kopfe; Sankt Sancho legt seine Lanze auf ihn ein, Sankt
Bruno springt von seinem Esel, läßt das Becken liegen (wie wir
ihn denn auch hier im Konzil ohne dies Becken auftreten sahen)
und läuft querfeldein, "weil er der Kritiker selber ist". Sankt
Sancho nimmt hocherfreut den Mambrinshelm auf, und als Don
Quijote bemerkt: er sehe einem Barbierbecken vollkommen ähnlich,
antwortet Sancho: "Ohne Zweifel ist dieses famose Stück des
verzauberten, 'spukhaft' gewordenen Helmes in die Hand eines
Menschen gefallen, der seinen Wert nicht zu schätzen wußte, die
eine Hälfte einschmolz und die andre so zurechtgehämmert, daß
sie, wie du sagst, ein Barbierbecken zu sein scheint; er möge
übrigens für profane Augen aussehen, wie er wolle, für Mich, der
Ich seinen Wert kenne, ist das einerlei."
"Die zweite Herrlichkeit, das zweite Eigentum ist nun erworben!"
Jetzt, nachdem er "den Menschen", seinen Helm, erworben hat,
stellt er sich ihm gegenüber, verhält sich zu ihm wie zu seinem
"unversöhnlichsten Feind" und erklärt ihm rundheraus (warum, wer-
den wir später sehen), daß Er (Sankt Sancho) nicht "der Mensch",
sondern "der Unmensch, das Unmenschliche" sei. Als dieses
"Unmenschliche" zieht er nun auf die Sierra Morena, um sich durch
Büßungen auf die Herrlichkeit des Neuen Bundes
#221# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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vorzubereiten. Dort zieht er sich "splitternackt" aus (p. 184),
um seine Eigenheit zu erlangen und um Das zu übertreffen, was
sein Vorläufer bei Cervantes am fünfundzwanzigsten tut: "Und sich
mit aller Eile der Hosen entkleidend, blieb er halbnackt im Hemde
und machte, ohne sich zu besinnen, zwei Bocksprünge in der Luft,
den Kopf nach unten, die Beine nach oben, Dinge enthüllend, die
seinen getreuen Schildknappen veranlaßten, Rozinante herumzuwer-
fen, um sie nicht zu sehen." "Das Unmenschliche" übertrifft sein
profanes Vorbild bei weitem. Es "k e h r t e n t-
s c h l o ß n e n M u t e s s i c h s e l b s t d e n
R ü c k e n und wendet sich dadurch auch von dem beunruhigenden
Kritiker ab" und "läßt ihn stehen". "Das U n m e n s c h-
l i c h e" läßt sich dann mit der "stehengelassenen" Kritik in
eine Disputation ein, es "verachtet sich selbst", es "denkt sich
im Vergleich zu einem Andern", es "befiehlt Gott", es "sucht sein
besseres Selbst außer sich", es tut Buße dafür, daß es noch nicht
einzig war, es erklärt sich für das Einzige, "das Egoistische und
d a s E i n z i g e" - obwohl es dies kaum noch zu erklären
brauchte, nachdem es s i c h s e l b s t entschloßnen Muts den
Rücken gekehrt hat. Alles dies hat "das Unmenschliche" aus sich
selbst vollbracht (siehe P f i s t e r, "Geschichte der
Teutschen"), und nun reitet Es auf seinem Grauen geläutert und
triumphierend in das Reich des Einzigen ein.
Ende des Alten Testaments.
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