Quelle: MEW 3 1845 - 1846
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#18# Karl Marx und Friedrich Engels
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A. Die Ideologie überhaupt, namentlich die deutsche
Die deutsche Kritik hat bis auf ihre neuesten Efforts den Boden
der Philosophie nicht verlassen. Weit davon entfernt, ihre allge-
mein-philosophischen Voraussetzungen zu untersuchen, sind ihre
sämtlichen Fragen sogar auf dem
#19# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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Boden eines bestimmten philosophischen Systems, des Hegelschen,
gewachsen. Nicht nur in ihren Antworten, schon in den Fragen
selbst lag eine Mystifikation. Diese Abhängigkeit von Hegel ist
der Grund, warum keiner dieser neueren Kritiker eine umfassende
Kritik des Hegelschen Systems auch nur versuchte, sosehr Jeder
von ihnen behauptet, über Hegel hinaus zu sein. Ihre Polemik ge-
gen Hegel und gegeneinander beschränkt sich darauf, daß Jeder
eine Seite des Hegelschen Systems herausnimmt und diese sowohl
gegen das ganze System wie gegen die von den Ändern herausgenom-
menen Seiten wendet. Im Anfange nahm man reine, unverfälschte He-
gelsche Kategorien heraus, wie Substanz und Selbstbewußtsein,
später profanierte man diese Kategorien durch weltlichere Namen,
wie Gattung, der Einzige, der Mensch etc.
Die gesamte deutsche philosophische Kritik von Strauß bis Stirner
beschränkt sich auf Kritik der r e l i g i ö s e n Vorstellun-
gen *). Man ging aus von der wirklichen Religion und eigentlichen
Theologie. Was religiöses Bewußtsein, religiöse Vorstellung sei,
wurde im weiteren Verlauf verschieden bestimmt. Der Fortschritt
bestand darin, die angeblich herrschenden metaphysischen, politi-
schen, rechtlichen, moralischen und ändern Vorstellungen auch un-
ter die Sphäre der religiösen oder theologischen Vorstellungen zu
subsumieren; ebenso das politische, rechtliche, moralische Be-
wußtsein für religiöses oder theologisches Bewußtsein, und den
politischen, rechtlichen, moralischen Menschen, in letzter In-
stanz "den Menschen", für religiös zu erklären. Die Herrschaft
der Religion wurde vorausgesetzt. Nach und nach wurde jedes herr-
schende Verhältnis für ein Verhältnis der Religion erklärt und in
Kultus verwandelt, Kultus des Rechts, Kultus des Staats pp. Über-
all hatte man es nur mit Dogmen und dem Glauben an Dogmen zu tun.
Die Welt wurde m immer größerer Ausdehnung kanonisiert, bis end-
lich der ehrwürdige Sankt Max sie en bloc heiligsprechen und da-
mit ein für allemal abfertigen konnte.
Die Althegelianer hatten Alles b e g r i f f e n, sobald es auf
eine Hegelsche logische Kategorie zurückgeführt war. Die Junghe-
gelianer k r i t i s i e r t e n Alles, indem sie ihm religiöse
Vorstellungen unterschoben oder es für theologisch erklärten. Die
Junghegelianer stimmen mit den Althegelianern überein in dem
Glauben an die Herrschaft der Religion, der Begriffe, des
Allgemeinen in der bestehenden Welt. Nur bekämpfen die Einen die
Herrschaft als Usurpation, welche die Ändern als legitim feiern.
Da bei diesen Junghegelianern die Vorstellungen, Gedanken, Be-
griffe,
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*) [Im Manuskript gestrichen:] ... die mit dem Ansprüche auftrat,
die absolute Erlöserin der Welt von allem Übel zu sein. Die Reli-
gion wurde fortwährend als letzte Ursache aller diesen Philoso-
phen widerwärtigen Verhältnisse, als Erzfeind angesehen und be-
handelt.
#20# Karl Marx und Friedrich Engels
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überhaupt die Produkte des von ihnen verselbständigten Bewußts-
eins für die eigentlichen Fesseln der Menschen gelten, gerade wie
sie bei den Althegelianern für die wahren Bande der menschlichen
Gesellschaft erklärt werden, so versteht es sich, daß die Junghe-
gelianer auch nur gegen diese Illusionen des Bewußtseins zu kämp-
fen haben. Da nach ihrer Phantasie die Verhältnisse der Menschen,
ihr ganzes Tun und Treiben, ihre Fesseln und Schranken Produkte
ihres Bewußtseins sind, so stellen die Junghegelianer konsequen-
terweise das moralische Postulat an sie, ihr gegenwärtiges Be-
wußtsein mit dem menschlichen, kritischen oder egoistischen Be-
wußtsein zu vertauschen und dadurch ihre Schranken zu beseitigen.
Diese Forderung, das Bewußtsein zu verändern, läuft auf die For-
derung hinaus, das Bestehende anders zu interpretieren, d.h. es
vermittelst einer andren Interpretation anzuerkennen. Die junghe-
gelschen Ideologen sind trotz ihrer angeblich "welterschüttern-
den" Phrasen die größten Konservativen. Die jüngsten von ihnen
haben den richtigen Ausdruck für ihre Tätigkeit gefunden, wenn
sie behaupten, nur gegen "Phrasen" zu kämpfen. Sie vergessen nur,
daß sie diesen Phrasen selbst nichts als Phrasen entgegensetzen,
und daß sie die wirkliche bestehende Welt keineswegs bekämpfen,
wenn sie nur die Phrasen dieser Welt bekämpfen. Die einzigen
Resultate, wozu diese philosophische Kritik es bringen konnte,
waren einige und noch dazu einseitige religionsgeschichtliche
Aufklärungen über das Christentum; ihre sämtlichen sonstigen
Behauptungen sind nur weitere Ausschmückungen ihres Anspruchs,
mit diesen unbedeutenden Aufklärungen welthistorische Entdeckun-
gen geliefert zu haben.
Keinem von diesen Philosophen ist es eingefallen, nach dem Zusam-
menhange der deutschen Philosophie mit der deutschen Wirklich-
keit, nach dem Zusammenhange ihrer Kritik mit ihrer eignen mate-
riellen Umgebung zu fragen.
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Die Voraussetzungen, mit denen wir beginnen, sind keine willkür-
lichen, keine Dogmen, es sind wirkliche Voraussetzungen, von
denen man nur m der Einbildung abstrahieren kann. Es sind die
wirklichen Individuen, ihre Aktion und ihre materiellen Lebensbe-
dingungen, sowohl die vorgefundenen wie die durch ihre eigne Ak-
tion erzeugten. Diese Voraussetzungen sind also auf rein empiri-
schem Wege konstatierbar.
Die erste Voraussetzung aller Menschengeschichte ist natürlich
die Existenz lebendiger menschlicher Individuen. *) Der erste zu
konstatierende Tatbestand
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*) [Im Manuskript gestrichen:] Der erste g e s c h i c h t-
l i c h e Akt dieser Individuen, wodurch sie sich von den Tieren
unterscheiden, ist nicht, daß sie denken, sondern, daß sie
anfangen, i h r e L e b e n s m i t t e l z u p r o d u-
z i e r e n.
#21# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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ist also die körperliche Organisation dieser Individuen und ihr
dadurch gegebenes Verhältnis zur übrigen Natur. Wir können hier
natürlich weder auf die physische Beschaffenheit der Menschen
selbst noch auf die von den Menschen vorgefundenen Naturbedmgun-
gen, die geologischen, orohydrographischen, klimatischen und än-
dern Verhältnisse, eingehen. *) Alle Geschichtschreibung muß von
diesen natürlichen Grundlagen und ihrer Modifikation im Lauf der
Geschichte durch die Aktion der Menschen ausgehen.
Man kann die Menschen durch das Bewußtsein, durch die Religion,
durch was man sonst will, von den Tieren unterscheiden. Sie
selbst fangen an, sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald
sie anfangen, ihre Lebensmittel z u p r o d u z i e r e n, ein
Schritt, der durch ihre körperliche Organisation bedingt ist. In-
dem die Menschen ihre Lebensmittel produzieren, produzieren sie
indirekt ihr materielles Leben selbst.
Die Weise, in der die Menschen ihre Lebensmittel produzieren,
hängt zunächst von der Beschaffenheit der vorgefundenen und zu
reproduzierenden Lebensmittel selbst ab. Diese Weise der Produk-
tion ist nicht bloß nach der Seite hin zu betrachten, daß sie die
Reproduktion der physischen Existenz der Individuen ist. Sie ist
vielmehr schon eine bestimmte Art der Tätigkeit dieser Indivi-
duen, eine bestimmte Art, ihr Leben zu äußern, eine bestimmte
L e b e n s w e i s e derselben. Wie die Individuen ihr Leben
äußern, so sind sie. Was sie sind, fällt also zusammen mit ihrer
Produktion, sowohl damit, w a s sie produzieren, als auch da-
mit, w i e sie produzieren. Was die Individuen also sind, das
hängt ab von den materiellen Bedingungen ihrer Produktion.
Diese Produktion tritt erst ein mit der V e r m e h r u n g
d e r B e v ö l k e r u n g. Sie setzt selbst wieder einen
V e r k e h r der Individuen untereinander voraus. Die Form die-
ses Verkehrs ist wieder durch die Produktion bedingt. [4]
Die Beziehungen verschiedener Nationen untereinander hängen davon
ab, wie weit jede von ihnen ihre Produktivkräfte, die Teilung der
Arbeit und den Innern Verkehr entwickelt hat. Dieser Satz ist
allgemein anerkannt. Aber nicht nur die Beziehung einer Nation zu
anderen, sondern auch die ganze innere Gliederung dieser Nation
selbst hängt von der Entwicklungsstufe ihrer Produktion und ihres
innern und äußern Verkehrs ab. Wie weit die Produktionskräfte ei-
ner Nation entwickelt sind, zeigt am augenscheinlichsten der
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*) [Im Manuskript gestrichen:] Diese Verhältnisse bedingen aber
nicht nur die ursprüngliche, naturwüchsige Organisation der Men-
schen, namentlich die Rassenunterschiede, sondern auch ihre ganze
weitere Entwicklung oder Nicht-Entwicklung bis auf den heutigen
Tag.
#22# Karl Marx und Friedrich Engels
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Grad, bis zu dem die Teilung der Arbeit entwickelt ist. Jede neue
Produktivkraft, sofern sie nicht eine bloß quantitative Ausdeh-
nung der bisher schon bekannten Produktivkräfte ist (z. B. Urbar-
machung von Ländereien), hat eine neue Ausbildung der Teilung der
Arbeit zur Folge.
Die Teilung der Arbeit innerhalb einer Nation führt zunächst die
Trennung der industriellen und kommerziellen von der ackerbauen-
den Arbeit und damit die Trennung von S t a d t u n d L a n d
und den Gegensatz der Interessen Beider herbei. Ihre weitere Ent-
wicklung führt zur Trennung der kommerziellen Arbeit von der in-
dustriellen. Zu gleicher Zeit entwickeln sich durch die Teilung
der Arbeit innerhalb dieser verschiednen Branchen wieder ver-
schiedene Abteilungen unter den zu bestimmten Arbeiten zusammen-
wirkenden Individuen. Die Stellung dieser einzelnen Abteilungen
gegeneinander ist bedingt durch die Betriebsweise der ackerbauen-
den, industriellen und kommerziellen Arbeit (Patriarchalismus,
Sklaverei, Stände, Klassen). Dieselben Verhältnisse zeigen sich
bei entwickelterem Verkehr in den Beziehungen verschiedner Natio-
nen zueinander.
Die verschiedenen Entwicklungsstufen der Teilung der Arbeit sind
ebensoviel verschiedene Formen des Eigentums; d. h., die jedesma-
lige Stufe der Teilung der Arbeit bestimmt auch die Verhältnisse
der Individuen zueinander in Beziehung auf das Material, Instru-
ment und Produkt der Arbeit.
Die erste Form des Eigentums ist das Stammeigentum. [5] Es ent-
spricht der unentwickelten Stufe der Produktion, auf der ein Volk
von Jagd und Fischfang, von Viehzucht oder höchstens vom Ackerbau
sich nährt. Es setzt in diesem letzteren Falle eine große Masse
unbebauter Ländereien voraus. Die Teilung der Arbeit ist auf die-
ser Stufe noch sehr wenig entwickelt und beschränkt sich auf eine
weitere Ausdehnung der in der Familie gegebenen naturwüchsigen
Teilung der Arbeit. Die gesellschaftliche Gliederung beschränkt
sich daher auf eine Ausdehnung der Familie: patriarchalische
Stammhäupter, unter ihnen die Stammitglieder, endlich Sklaven.
Die in der Familie latente Sklaverei entwickelt sich erst allmäh-
lich mit der Vermehrung der Bevölkerung und der Bedürfnisse und
mit der Ausdehnung des äußern Verkehrs, sowohl des Kriegs wie des
Tauschhandels.
Die zweite Form ist das antike Gemeinde- und Staatseigentum, das
namentlich aus der Vereinigung mehrerer Stämme zu einer
S t a d t durch Vertrag oder Eroberung hervorgeht und bei dem
die Sklaverei fortbestehen bleibt. Neben dem Gemeindeeigentum
entwickelt sich schon das mobile und später auch das immobile
Privateigentum, aber als eine abnorme, dem Gemeindeeigentum un-
tergeordnete Form. Die Staatsbürger besitzen nur in ihrer Gemein-
schaft die Macht über ihre arbeitenden Sklaven und sind schon
deshalb
#23# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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an die Form des Gemeindeeigentums gebunden. Es ist das gemein-
schaftliche Privateigentum der aktiven Staatsbürger, die den
Sklaven gegenüber gezwungen sind, in dieser naturwüchsigen Weise
der Assoziation zu bleiben. Daher verfällt die ganze hierauf ba-
sierende Gliederung der Gesellschaft und mit ihr die Macht des
Volks in demselben Grade, in dem namentlich das immobile Privat-
eigentum sich entwickelt. Die Teilung der Arbeit ist schon ent-
wickelter. Wir finden schon den Gegensatz von Stadt und Land,
später den Gegensatz zwischen Staaten, die das städtische und die
das Landinteresse repräsentieren, und innerhalb der Städte selbst
den Gegensatz zwischen Industrie und Seehandel. Das Klassenver-
hältnis zwischen Bürgern und Sklaven ist vollständig ausgebildet.
Dieser ganzen Geschichtsauffassung scheint das Faktum der Erobe-
rung zu widersprechen. Man hat bisher die Gewalt, den Krieg,
Plünderung, Raubmord pp. zur treibenden Kraft der Geschichte ge-
macht. Wir können uns hier nur auf die Hauptpunkte beschränken
und nehmen daher nur das frappanteste 1*) Beispiel, die Zerstö-
rung einer alten Zivilisation durch ein barbarisches Volk und die
sich daran anknüpfende, von vorn anfangende Bildung einer neuen
Gliederung der Gesellschaft. (Rom und Barbaren, Feudalität und
Gallien, oströmisches Reich und Türken.) Bei dem erobernden Bar-
barenvolke ist der Krieg selbst noch, wie schon oben angedeutet,
eine regelmäßige Verkehrsform, die um so eifriger exploitiert
wird, je mehr der Zuwachs der Bevölkerung bei der hergebrachten
und für sie einzig möglichen rohen Produktionsweise das Bedürfnis
neuer Produktionsmittel schafft. In Italien dagegen war durch die
Konzentration des Grundeigentums (verursacht außer durch Aufkauf
und Verschuldung auch noch durch Erbschaft, indem bei der großen
Liederlichkeit und den seltnen Heiraten die alten Geschlechter
allmählich ausstarben und ihr Besitz Wenigen zufiel) und Verwand-
lung desselben in Viehweiden (die außer durch die gewöhnlichen,
noch heute gültigen ökonomischen Ursachen durch die Einfuhr ge-
raubten und Tributgetreides und den hieraus folgenden Mangel an
Konsumenten für italisches Korn verursacht wurde) die freie Be-
völkerung fast verschwunden, die Sklaven selbst starben immer
wieder aus und mußten stets durch neue ersetzt werden. Die Skla-
verei blieb die Basis der gesamten Produktion. Die Plebejer, zwi-
schen Freien und Sklaven stehend, brachten es nie über ein Lum-
penproletariat hinaus. Überhaupt kam Rom nie über die Stadt hin-
aus und stand mit den Provinzen in einem fast nur politischen Zu-
sammenhange, der natürlich auch wieder durch politische Ereig-
nisse unterbrochen werden konnte.
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1*) MEGA: frappante
#24# Karl Marx und Friedrich Engels
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Mit der Entwicklung des Privateigentums treten hier zuerst die-
selben Verhältnisse ein, die wir beim modernen Privateigentum,
nur in ausgedehnterem Maßstabe, wiederfinden werden. Einerseits
die Konzentration des Privateigentums, die in Rom sehr früh an-
fing (Beweis das licinische Ackergesetz [6]), seit den Bürger-
kriegen und namentlich unter den Kaisern sehr rasch vor sich
ging; andrerseits im Zusammenhange hiermit die Verwandlung der
plebejischen kleinen Bauern in ein Proletariat, das aber bei
seiner halben Stellung zwischen besitzenden Bürgern und Sklaven
zu keiner selbständigen Entwicklung kam.
Die dritte Form ist das feudale oder ständische Eigentum. Wenn
das Altertum von der S t a d t und ihrem kleinen Gebiet aus-
ging, so ging das Mittelalter vom L a n d e aus. Die vorgefun-
dene dünne, über eine große Bodenfläche zersplitterte Bevölke-
rung, die durch die Eroberer keinen großen Zuwachs erhielt, be-
dingte diesen veränderten Ausgangspunkt. Im Gegensatz zu Grie-
chenland und Rom beginnt die feudale Entwicklung daher auf einem
viel ausgedehnteren, durch die römischen Eroberungen und die an-
fangs damit verknüpfte Ausbreitung der Agrikultur vorbereiteten
Terrain. Die letzten Jahrhunderte des verfallenden römischen
Reichs und die Eroberung durch die Barbaren selbst zerstörten
eine Masse von Produktivkräften; der Ackerbau war gesunken, die
Industrie aus Mangel an Absatz verfallen, der Handel eingeschla-
fen oder gewaltsam unterbrochen, die ländliche und städtische Be-
völkerung hatte abgenommen. Diese vorgefundenen Verhältnisse und
die dadurch bedingte Weise der Organisation der Eroberung entwic-
kelten unter dem Einflüsse der germanischen Heerverfassung das
feudale Eigentum. Es beruht, wie das Stamm- und Gemeindeeigentum,
wieder auf einem Gemeinwesen, dem aber nicht wie dem antiken die
Sklaven, sondern die leibeignen kleinen Bauern als unmittelbar
produzierende Klasse gegenüberstehen. Zugleich mit der vollstän-
digen Ausbildung des Feudalismus tritt noch der Gegensatz gegen
die Städte hinzu. Die hierarchische Gliederung des Grundbesitzes
und die damit zusammenhängenden bewaffneten Gefolgschaften gaben
dem Adel die Macht über die Leibeignen. Diese feudale Gliederung
war ebensogut wie das antike Gemeindeeigentum eine Assoziation
gegenüber der beherrschten produzierenden Klasse; nur war die
Form der Assoziation und das Verhältnis zu den unmittelbaren Pro-
duzenten verschieden, weil verschiedene Produktionsbedingungen
vorlagen.
Dieser feudalen Gliederung des Grundbesitzes entsprach in den
S t ä d t e n das korporative Eigentum, die feudale Organisation
des Handwerks. Das Eigentum bestand hier hauptsächlich in der Ar-
beit jedes Einzelnen. Die Notwendigkeit der Assoziation gegen den
assoziierten Raubadel, das Bedürfnis
#25# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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gemeinsamer Markthallen in einer Zeit, wo der Industrielle zu-
gleich Kaufmann war, die wachsende Konkurrenz der den aufblü-
henden Städten zuströmenden entlaufnen Leibeignen, die feudale
Gliederung des ganzen Landes führten die Z ü n f t e herbei;
die allmählich ersparten kleinen Kapitalien einzelner Handwerker
und ihre stabile Zahl bei der wachsenden Bevölkerung entwickelten
das Gesellen- und Lehrlingsverhältnis, das in den Städten eine
ähnliche Hierarchie zustande brachte wie die auf dem Lande.
Das Haupteigentum bestand während der Feudalepoche also in Grund-
eigentum mit daran geketteter Leibeignenarbeit einerseits und
eigner Arbeit mit kleinem, die Arbeit von Gesellen beherrschendem
Kapital andrerseits. Die Gliederung von Beiden war durch die bor-
nierten Produktionsverhältnisse - die geringe und rohe Bodenkul-
tur und die handwerksmäßige Industrie - bedingt. Teilung der Ar-
beit fand in der Blüte des Feudalismus wenig statt. Jedes Land
hatte den Gegensatz von Stadt und Land in sich; die Ständegliede-
rung war allerdings sehr scharf ausgeprägt, aber außer der Schei-
dung von Fürsten, Adel, Geistlichkeit und Bauern auf dem Lande
und Meistern, Gesellen, Lehrlingen und bald auch Taglöhnerpöbel
in den Städten fand keine bedeutende Teilung statt. Im Ackerbau
war sie durch die parzellierte Bebauung erschwert, neben der die
Hausindustrie der Bauern selbst aufkam, in der Industrie war die
Arbeit m den einzelnen Handwerken selbst gar nicht, unter ihnen
sehr wenig geteilt. Die Teilung von Industrie und Handel wurde in
älteren Städten vorgefunden, entwickelte sich in den neueren erst
später, als die Städte unter sich in Beziehung traten.
Die Zusammenfassung größerer Länder zu feudalen Königreichen war
für den Grundadel wie für die Städte ein Bedürfnis. Die Organisa-
tion der herrschenden Klasse, des Adels, hatte daher überall
einen Monarchen an der Spitze.
Die Tatsache ist also die: bestimmte Individuen, die auf be-
stimmte Weise produktiv tätig sind, gehen diese bestimmten ge-
sellschaftlichen und politischen Verhältnisse ein. Die empirische
Beobachtung muß in jedem einzelnen Fall den Zusammenhang der ge-
sellschaftlichen und politischen Gliederung mit der Produktion
empirisch und ohne alle Mystifikation und Spekulation aufweisen.
Die gesellschaftliche Gliederung und der Staat gehen beständig
aus dem Lebensprozeß bestimmter Individuen hervor; aber dieser
Individuen, nicht wie sie m der eignen oder fremden Vorstellung
erscheinen mögen, sondern wie sie w i r k l i c h sind, d.h.
wie sie wirken, materiell produzieren, also wie sie unter be-
stimmten materiellen und von ihrer Willkür unabhängigen Schran-
ken, Voraussetzungen und Bedingungen tätig sind. *)
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*) [Im Manuskript gestrichen:] Die Vorstellungen, die sich diese
Individuen
#26# Karl Marx und Friedrich Engels
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Die Produktion der Ideen, Vorstellungen, des Bewußtseins ist
zunächst unmittelbar verflochten in die materielle Tätigkeit und
den materiellen Verkehr der Menschen, Sprache des wirklichen Le-
bens. Das Vorstellen, Denken, der geistige Verkehr der Menschen
erscheinen hier noch als direkter Ausfluß ihres materiellen Ver-
haltens. Von der geistigen Produktion, wie sie in der Sprache der
Politik, der Gesetze, der Moral, der Religion, Metaphysik usw.
eines Volkes sich darstellt, gilt dasselbe. Die Menschen sind die
Produzenten ihrer Vorstellungen, Ideen pp., aber die wirklichen,
wirkenden Menschen, wie sie bedingt sind durch eine bestimmte
Entwicklung ihrer Produktivkräfte und des denselben entsprechen-
den Verkehrs bis zu seinen weitesten Formationen hinauf. Das Be-
wußtsein kann nie etwas Andres sein als das bewußte Sein, und das
Sein der Menschen ist ihr wirklicher Lebensprozeß. Wenn in der
ganzen Ideologie die Menschen und ihre Verhältnisse wie in einer
Camera obscura auf den Kopf gestellt erscheinen, so geht dies
Phänomen ebensosehr aus ihrem historischen Lebensprozeß hervor,
wie die Umdrehung der Gegenstände auf der Netzhaut aus ihrem un-
mittelbar physischen.
Ganz im Gegensatz zur deutschen Philosophie, welche vom Himmel
auf die Erde herabsteigt, wird hier von der Erde zum Himmel ge-
stiegen. D.h., es wird nicht ausgegangen von dem, was die Men-
schen sagen, sich einbilden, sich vorstellen, auch nicht von den
gesagten, gedachten, eingebildeten, vorgestellten Menschen, um
davon aus bei den leibhaftigen Menschen anzukommen; es wird von
den wirklich tätigen Menschen ausgegangen und aus ihrem wirkli-
chen Lebensprozeß auch die Entwicklung der ideologischen Reflexe
und Echos dieses Lebensprozesses dargestellt. Auch die Nebelbil-
dungen im Gehirn der Menschen sind notwendige Sublimate ihres ma-
teriellen, empirisch konstatierbaren und an materielle Voraus-
setzungen geknüpften Lebensprozesses. Die Moral, Religion, Meta-
physik und sonstige Ideologie und die ihnen entsprechenden Be-
wußtseinsformen behalten hiermit
---
machen, sind Vorstellungen entweder über ihr Verhältnis zur Natur
oder über ihr Verhältnis untereinander, oder über ihre eigne Be-
schaffenheit. Es ist einleuchtend, daß in allen diesen Fällen
diese Vorstellungen der - wirkliche oder illusorische - bewußte
Ausdruck ihrer wirklichen Verhältnisse und Betätigung, ihrer
Produktion, ihres Verkehrs, ihrer gesellschaftlichen und politi-
schen Organisation sind. Die entgegengesetzte Annahme ist nur
dann möglich, wenn man außer dem Geist der wirklichen, materiell
bedingten Individuen noch einen aparten Geist voraussetzt. Ist
der bewußte Ausdruck der wirklichen Verhältnisse dieser Indivi-
duen illusorisch, stellen sie in ihren Vorstellungen ihre Wirk-
lichkeit auf den Kopf, so ist dies wiederum eine Folge ihrer bor-
nierten materiellen Betätigungsweise und ihrer daraus entsprin-
genden bornierten gesellschaftlichen Verhältnisse.
#27# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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nicht länger den Schein der Selbständigkeit. Sie haben keine Ge-
schichte, sie haben keine Entwicklung, sondern die ihre materi-
elle Produktion und ihren materiellen Verkehr entwickelnden Men-
schen ändern mit dieser ihrer Wirklichkeit auch ihr Denken und
die Produkte ihres Denkens. Nicht das Bewußtsein bestimmt das Le-
ben, sondern das Leben bestimmt aas Bewußtsein. In der ersten Be-
trachtungsweise geht man von dem Bewußtsein als dem lebendigen
Individuum aus, m der zweiten, dem wirklichen Leben entsprechen-
den, von den wirklichen lebendigen Individuen selbst und betrach-
tet das Bewußtsein nur als i h r Bewußtsein.
Diese Betrachtungsweise ist nicht voraussetzungslos. Sie geht von
den wirklichen Voraussetzungen aus, sie verläßt sie keinen Augen-
blick. Ihre Voraussetzungen sind die Menschen nicht in irgendei-
ner phantastischen Abgeschlossenheit und Fixierung, sondern in
ihrem wirklichen, empirisch anschaulichen Entwicklungsprozeß un-
ter bestimmten Bedingungen. Sobald dieser tätige Lebensprozeß
dargestellt wird, hört die Geschichte auf, eine Sammlung toter
Fakta zu sein, wie bei den selbst noch abstrakten Empirikern [7],
oder eine eingebildete Aktion eingebildeter Subjekte, wie bei den
Idealisten.
Da, wo die Spekulation aufhört, beim wirklichen Leben, beginnt
also die wirkliche, positive Wissenschaft, die Darstellung der
praktischen Betätigung, des praktischen Entwicklungsprozesses der
Menschen. Die Phrasen vom Bewußtsein hören auf, wirkliches Wissen
muß an ihre Stelle treten. Die selbständige Philosophie verliert
mit der Darstellung der Wirklichkeit ihr Existenzmedium. An ihre
Stelle kann höchstens eine Zusammenfassung der allgemeinsten Re-
sultate treten, die sich aus der Betrachtung der historischen
Entwicklung der Menschen abstrahieren lassen. Diese Abstraktionen
haben für sich, getrennt von der wirklichen Geschichte, durchaus
keinen Wert. Sie können nur dazu dienen, die Ordnung des ge-
schichtlichen Materials zu erleichtern, die Reihenfolge seiner
einzelnen Schichten anzudeuten. Sie geben aber keineswegs, wie
die Philosophie, ein Rezept oder Schema, wonach die geschichtli-
chen Epochen zurechtgestutzt werden können. Die Schwierigkeit be-
ginnt im Gegenteil erst da, wo man sich an die Betrachtung und
Ordnung des Materials, sei es einer vergangnen Epoche oder der
Gegenwart, an die wirkliche Darstellung gibt. Die Beseitigung
dieser Schwierigkeiten ist durch Voraussetzungen bedingt, die
keineswegs hier gegeben werden können, sondern die erst aus dem
Studium des wirklichen Lebensprozesses und der Aktion der Indivi-
duen jeder Epoche sich ergeben. Wir nehmen hier einige dieser Ab-
straktionen heraus, die wir gegenüber der Ideologie gebrauchen,
und werden sie an historischen Beispielen erläutern.
#28# Karl Marx und Friedrich Engels
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[1.] Geschichte
Wir müssen bei den voraussetzungslosen Deutschen damit anfangen,
daß wir die erste Voraussetzung aller menschlichen Existenz, also
auch aller Geschichte konstatieren, nämlich die Voraussetzung,
daß die Menschen imstande sein müssen zu leben, um "Geschichte
machen" zu können. *) Zum Leben aber gehört vor Allem Essen und
Trinken, Wohnung, Kleidung und noch einiges Andere. Die erste ge-
schichtliche Tat ist also die Erzeugung der Mittel zur Befriedi-
gung dieser Bedürfnisse, die Produktion des materiellen Lebens
selbst, und zwar ist dies eine geschichtliche Tat, eine Grundbe-
dingung aller Geschichte, die noch heute, wie vor Jahrtausenden,
täglich und stündlich erfüllt werden muß, um die Menschen nur am
Leben zu erhalten. Selbst wenn die Sinnlichkeit, wie beim heili-
gen Bruno, auf einen Stock, auf das Minimum reduziert ist, setzt
sie die Tätigkeit der Produktion dieses Stockes voraus. Das Erste
also bei aller geschichtlichen Auffassung ist, daß man diese
Grundtatsache in ihrer ganzen Bedeutung und ihrer ganzen Ausdeh-
nung beobachtet und zu ihrem Rechte kommen läßt. Dies haben die
Deutschen bekanntlich nie getan, daher nie eine i r d i s c h e
Basis für die Geschichte und folglich nie einen Historiker ge-
habt. Die Franzosen und Engländer, wenn sie auch den Zusammenhang
dieser Tatsache mit der sogenannten Geschichte nur höchst einsei-
tig auffaßten, namentlich solange sie in der politischen Ideolo-
gie befangen waren, so haben sie doch immerhin die ersten Versu-
che gemacht, der Geschichtschreibung eine materialistische Basis
zu geben, indem sie zuerst Geschichten der bürgerlichen Gesell-
schaft, des Handels und der Industrie schrieben.
Das Zweite ist, daß das befriedigte erste Bedürfnis selbst, die
Aktion der Befriedigung und das schon erworbene Instrument der
Befriedigung zu neuen Bedürfnissen führt - und diese Erzeugung
neuer Bedürfnisse ist die erste geschichtliche Tat. Hieran zeigt
sich sogleich, wes Geistes Kind die große historische Weisheit
der Deutschen ist, die da, wo ihnen das positive Material ausgeht
und wo weder theologischer noch politischer noch literarischer
Unsinn verhandelt wird, gar keine Geschichte, sondern die
"vorgeschichtliche Zeit" sich ereignen lassen, ohne uns indes
darüber aufzuklären, wie man aus diesem Unsinn der
"Vorgeschichte" in die eigentliche Geschichte kommt - obwohl auf
der ändern Seite ihre historische Spekulation sich ganz besonders
auf diese "Vorgeschichte" wirft, weil sie da sicher
---
*) [Randbemerkung von Marx:] Hegel. Geologische, hydrographische
etc. Verhältnisse. Die menschlichen Leiber. Bedürfnis, Arbeit.
#29# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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zu sein glaubt vor den Eingriffen des "rohen Faktums" und
zugleich, weil sie hier ihrem spekulierenden Triebe alle Zügel
schießen lassen und Hypothesen zu Tausenden erzeugen und umstoßen
kann.
Das dritte Verhältnis, was hier gleich von vornherein in die ge-
schichtliche Entwicklung eintritt, ist das, daß die Menschen, die
ihr eignes Leben täglich neu machen, anfangen, andre Menschen zu
machen, sich fortzupflanzen - das Verhältnis zwischen Mann und
Weib, Eltern und Kindern, die F a m i l i e. Diese Familie, die
im Anfange das einzige soziale Verhältnis ist, wird späterhin, wo
die vermehrten Bedürfnisse neue gesellschaftliche Verhältnisse,
und die vermehrte Menschenzahl neue Bedürfnisse erzeugen, zu ei-
nem untergeordneten (ausgenommen in Deutschland) und muß alsdann
nach den existierenden empirischen Daten, nicht nach dem "Begriff
der Familie", wie man in Deutschland zu tun pflegt, behandelt und
entwickelt werden. *) Übrigens sind diese drei Seiten der sozia-
len Tätigkeit nicht als drei verschiedene Stufen zu fassen, son-
dern eben nur als drei Seiten, oder um für die Deutschen klar zu
schreiben, drei "Momente", die vom Anbeginn der Geschichte an und
seit den ersten Menschen zugleich existiert haben und sich noch
heute in der Geschichte geltend machen.
Die Produktion des Lebens, sowohl des eignen in der Arbeit wie
des fremden in der Zeugung, erscheint nun schon sogleich als ein
doppeltes Verhältnis - einerseits als natürliches, andrerseits
als gesellschaftliches Verhältnis -,
---
*) Häuserbau. Bei den Wilden versteht es sich von selbst, daß
jede Familie ihre eigne Höhle oder Hütte hat, wie bei den Nomaden
das separate Zelt jeder Familie. Diese getrennte Hauswirtschaft
wird durch die weitere Entwicklung des Privateigentums nur noch
nötiger gemacht. Bei den Agrikulturvölkern ist die gemeinsame
Hauswirtschaft ebenso unmöglich wie die gemeinsame Bodenkultur.
Ein großer Fortschritt war die Erbauung von Städten. In allen
bisherigen Perioden war indes die Aufhebung der getrennten Wirt-
schaft, die von der Aufhebung des Privateigentums nicht zu tren-
nen ist, schon deswegen unmöglich, weil die materiellen Bedingun-
gen dazu nicht vorhanden waren. Die Einrichtung einer gemeinsamen
Hauswirtschaft setzt die Entwicklung der Maschinerie, der Benut-
zung der Naturkräfte und vieler ändern Produktivkräfte voraus -
z.B. der Wasserleitungen, der Gasbeleuchtung, der Dampfheizung
etc., Aufhebung [des Gegensatzes] von Stadt und Land. Ohne diese
Bedingungen würde die gemeinsame Wirtschaft nicht selbst wieder
eine neue Produktionskraft sein, aller materiellen Basis entbeh-
ren, auf einer bloß theoretischen Grundlage beruhen, d.h. eine
bloße Marotte sein und es nur zur Klosterwirtschaft bringen. -
Was möglich war, zeigt sich in der Zusammenrückung zu Städten und
in der Erbauung gemeinsamer Häuser zu einzelnen bestimmten Zwec-
ken (Gefängnisse, Kasernen pp.). Daß die Aufhebung der getrennten
Wirtschaft von der Aufhebung der Familie nicht zu trennen ist,
versteht sich von selbst.
#30# Karl Marx und Friedrich Engels
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gesellschaftlich in dem Sinne, als hierunter das Zusammenwirken
mehrerer Individuen, gleichviel unter welchen Bedingungen, auf
welche Weise und zu welchem Zweck, verstanden wird. Hieraus geht
hervor, daß eine bestimmte Produktionsweise oder industrielle
Stufe stets mit einer bestimmten Weise des Zusammenwirkens oder
gesellschaftlichen Stufe vereinigt ist, und diese Weise des Zu-
sammenwirkens ist selbst eine "Produktivkraft", daß die Menge der
den Menschen zugänglichen Produktivkräfte den gesellschaftlichen
Zustand bedingt und also die "Geschichte der Menschheit" stets im
Zusammenhange mit der Geschichte der Industrie und des Austau-
sches studiert und bearbeitet werden muß. Es ist aber auch klar,
wie es in Deutschland unmöglich ist, solche Geschichte zu schrei-
ben, da den Deutschen dazu nicht nur die Auffassungsfähigkeit und
das Material, sondern auch die "sinnliche Gewißheit" abgeht und
man jenseits des Rheins über diese Dinge keine Erfahrungen machen
kann, weil dort keine Geschichte mehr vorgeht. Es zeigt sich also
schon von vornherein ein materialistischer Zusammenhang der Men-
schen untereinander, der durch die Bedürfnisse und die Weise der
Produktion bedingt und so alt ist wie die Menschen selbst - ein
Zusammenhang, der stets neue Formen annimmt und also eine
"Geschichte" darbietet, auch ohne daß irgendein politischer oder
religiöser Nonsens existiert, der die Menschen noch extra zusam-
menhalte.
Jetzt erst, nachdem wir bereits vier Momente, vier Seiten der ur-
sprünglichen, geschichtlichen Verhältnisse betrachtet haben, fin-
den wir, daß der Mensch auch "Bewußtsein" hat. *) Aber auch dies
nicht von vornherein, als "reines" Bewußtsein. Der "Geist" hat
von vornherein den Fluch an sich, mit der Materie "behaftet" zu
sein, die hier in der Form von bewegten Luftschichten, Tönen,
kurz der Sprache auftritt. Die Sprache ist so alt wie das Bewußt-
sein - die Sprache i s t das praktische, auch für andre Men-
schen existierende, also auch für mich selbst erst existierende
wirkliche Bewußtsein, und die Sprache entsteht, wie das Bewußt-
sein, erst aus dem Bedürfnis, der Notdurft des Verkehrs mit än-
dern Menschen. **) Wo ein Verhältnis existiert, da existiert es
für mich, das Tier "verhält" sich zu Nichts und überhaupt nicht.
Für das Tier existiert sein Verhältnis zu ändern nicht als Ver-
hältnis. Das
---
*) Die Menschen haben Geschichte, weil sie ihr Leben p r o d u-
z i e r e n müssen, und zwar müssen auf b e s t i m m t e
Weise: dies ist 1*) durch ihre physische Organisation gegeben;
ebenso wie ihr Bewußtsein.
**) [Im Manuskript gestrichen:] Mein Verhältnis zu meiner Umge-
bung ist mein Bewußtsein.
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1*) MEGA: dies Müssen
#31# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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Bewußtsein ist also von vornherein schon ein gesellschaftliches
Produkt und bleibt es, solange überhaupt Menschen existieren. Das
Bewußtsein ist natürlich zuerst bloß Bewußtsein über die
n ä c h s t e sinnliche Umgebung und Bewußtsein des bornierten
Zusammenhanges mit ändern Personen und Dingen außer dem sich be-
wußt werdenden Individuum; es ist zu gleicher Zeit Bewußtsein der
Natur, die den Menschen anfangs als eine durchaus fremde,
allmächtige und unangreifbare Macht gegenübertritt, zu der sich
die Menschen rein tierisch verhalten, von der sie sich imponieren
lassen wie das Vieh; und also ein rein tierisches Bewußtsein der
Natur (Naturreligion).
Man sieht hier sogleich: Diese Naturreligion oder dies bestimmte
Verhalten zur Natur ist bedingt durch die Gesellschaftsform und
umgekehrt. Hier wie überall tritt die Identität von Natur und
Mensch auch so hervor, daß das bornierte Verhalten der Men-
schen zur Natur ihr borniertes Verhalten zueinander, und ihr
borniertes Verhalten zueinander ihr borniertes Verhältnis zur Na-
tur bedingt, eben weil die Natur noch kaum geschichtlich modifi-
ziert ist, und andrerseits Bewußtsein der Notwendigkeit, mit den
umgebenden Individuen in Verbindung zu treten, der Anfang des Be-
wußtseins darüber, daß er überhaupt in einer Gesellschaft lebt.
Dieser Anfang ist so tierisch wie das gesellschaftliche Leben
dieser Stufe selbst, er ist bloßes Herdenbewußtsein, und der
Mensch unterscheidet sich hier vom Hammel nur dadurch, daß sein
Bewußtsein ihm die Stelle des Instinkts vertritt, oder daß sein
Instinkt ein bewußter ist. Dieses Hammel- oder Stammbewußtsein
erhält seine weitere Entwicklung und Ausbildung durch die gestei-
gerte Produktivität, die Vermehrung der Bedürfnisse und die Bei-
den zum Grunde liegende Vermehrung der Bevölkerung. Damit entwic-
kelt sich die Teilung der Arbeit, die ursprünglich nichts war als
die Teilung der Arbeit im Geschlechtsakt, dann Teilung der Ar-
beit, die sich vermöge der natürlichen Anlage (z.B. Körperkraft),
Bedürfnisse, Zufälle etc. etc. von selbst oder "naturwüchsig"
macht. Die Teilung der Arbeit wird erst wirklich Teilung von dem
Augenblicke an, wo eine Teilung der materiellen und geistigen Ar-
beit eintritt. *) Von diesem Augenblicke an k a n n sich das
Bewußtsein wirklich einbilden, etwas Andres als das Bewußtsein
der bestehenden Praxis zu sein, w i r k l i c h etwas vorzu-
stellen, ohne etwas Wirkliches vorzustellen - von diesem Augen-
blicke an ist das Bewußtsein imstande, sich von der Welt zu eman-
zipieren und zur Bildung der "reinen" Theorie, Theologie, Philo-
sophie, Moral etc. überzugehen. Aber selbst wenn diese Theorie,
Theologie, Philosophie, Moral etc. m Widerspruch mit den beste-
henden Verhältnissen treten, so kann dies nur dadurch geschehen,
daß die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse
---
*) [Randbemerkung von Marx:] Erste Form der Ideologen, P f a f-
f e n, fällt zusammen.
#32# Karl Marx und Friedrich Engels
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mit der bestehenden Produktionskraft in Widerspruch getreten sind
- was übrigens in einem bestimmten nationalen Kreise von Verhält-
nissen auch dadurch geschehen kann, daß der Widerspruch nicht in
diesem nationalen Umkreis, sondern zwischen diesem nationalen Be-
wußtsein und der Praxis der anderen Nationen *), d.h. zwischen
dem nationalen und allgemeinen Bewußtsein einer Nation sich ein-
stellt.
Übrigens ist es ganz einerlei, was das Bewußtsein alleene an-
fängt, wir erhalten aus diesem ganzen Dreck nur das eine Resul-
tat, daß diese drei Momente, die Produktionskraft, der gesell-
schaftliche Zustand und das Bewußtsein, in Widerspruch unterein-
ander geraten können und müssen, weil mit der T e i l u n g
d e r A r b e i t die Möglichkeit, ja die Wirklichkeit gegeben
ist, daß die geistige und materielle Tätigkeit - daß der Genuß
und die Arbeit, Produktion und Konsumtion, verschiedenen Indivi-
duen zufallen, und die Möglichkeit, daß sie nicht in Widerspruch
geraten, nur darin liegt, daß die Teilung der Arbeit wieder auf-
gehoben wird. Es versteht sich übrigens von selbst, daß die
"Gespenster", "Bande", "höheres Wesen", "Begriff", "Bedenklich-
keit" bloß der idealistische geistliche Ausdruck, die Vorstellung
scheinbar des vereinzelten Individuums sind, die Vorstellung von
sehr empirischen Fesseln und Schranken, innerhalb deren sich die
Produktionsweise des Lebens und die damit zusammenhängende
Verkehrsform bewegt.
Mit der Teilung der Arbeit, in welcher alle diese Widersprüche
gegeben sind und welche ihrerseits wieder auf der naturwüchsigen
Teilung der Arbeit in der Familie und der Trennung der Gesell-
schaft in einzelne, einander entgegengesetzte Familien beruht,
ist zu gleicher Zeit auch die Verteilung, und zwar die
u n g l e i c h e., sowohl quantitative wie qualitative Vertei-
lung der Arbeit und ihrer Produkte gegeben, also das Eigentum,
das in der Familie, wo die Frau und die Kinder die Sklaven des
Mannes sind, schon seinen Keim, seine erste Form hat. Die frei-
lich noch sehr rohe, latente Sklaverei in der Familie ist das er-
ste Eigentum, das übrigens hier schon vollkommen der Definition
der modernen Ökonomen entspricht, nach der es die Verfügung über
fremde Arbeitskraft ist. Übrigens sind Teilung der Arbeit und
Privateigentum identische Ausdrücke - in dem Einen wird in Bezie-
hung auf die Tätigkeit dasselbe ausgesagt, was m dem Ändern in
bezug auf das Produkt der Tätigkeit ausgesagt wird.
Ferner ist mit der Teilung der Arbeit zugleich der Widerspruch
zwischen dem Interesse des einzelnen Individuums oder der einzel-
nen Familie und dem
---
*) [Randbemerkung von Marx:] Religion. Die Deutschen mit der
I d e o l o g i e als solcher.
#33# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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gemeinschaftlichen Interesse aller Individuen, die miteinander
verkehren, gegeben; und zwar existiert dies gemeinschaftliche In-
teresse nicht bloß in der Vorstellung, als "Allgemeines", sondern
zuerst in der Wirklichkeit als gegenseitige Abhängigkeit der In-
dividuen, unter denen die Arbeit geteilt ist. Und endlich bietet
uns die Teilung der Arbeit gleich das erste Beispiel davon dar,
daß, solange die Menschen sich in der naturwüchsigen Gesellschaft
befinden, solange also die Spaltung zwischen dem besondern und
gemeinsamen Interesse existiert, solange die Tätigkeit also nicht
freiwillig, sondern naturwüchsig geteilt ist, die eigne Tat des
Menschen ihm zu einer fremden, gegenüberstehenden Macht wird, die
ihn unterjocht, statt daß er sie beherrscht. Sowie nämlich die
Arbeit verteilt zu werden anfängt, hat Jeder einen bestimmten
ausschließlichen Kreis der Tätigkeit, der ihm aufgedrängt wird,
aus dem er nicht heraus kann; er ist Jäger, Fischer oder Hirt
oder kritischer Kritiker und muß es bleiben, wenn er nicht die
Mittel zum Leben verlieren will - während in der kommunistischen
Gesellschaft, wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tä-
tigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden
kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir
eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, mor-
gens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu trei-
ben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe,
ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden. Dieses
Sichfestsetzen der sozialen Tätigkeit, diese Konsolidation unsres
eignen Produkts zu einer sachlichen Gewalt über uns, die unsrer
Kontrolle entwächst, unsre Erwartungen durchkreuzt, unsre Berech-
nungen zunichte macht, ist eines der Hauptmomente in der bisheri-
gen geschichtlichen Entwicklung, und eben aus diesem Widerspruch
des besondern und gemeinschaftlichen Interesses nimmt das gemein-
schaftliche Interesse als S t a a t eine selbständige Gestal-
tung, getrennt von den wirklichen Einzel- und Gesamtinteressen,
an, und zugleich als illusorische Gemeinschaftlichkeit, aber
stets auf der realen Basis der in jedem Familien- und Stamm-Kon-
glomerat vorhandenen Bänder, wie Fleisch und Blut, Sprache, Tei-
lung der Arbeit im größeren Maßstabe und sonstigen Interessen -
und" besonders, wie wir später entwickeln werden, der durch die
Teilung der Arbeit bereits bedingten Klassen, die in jedem
derartigen Menschenhaufen sich absondern und von denen eine alle
ändern beherrscht. Hieraus folgt, daß alle Kämpfe innerhalb des
Staats, der Kampf zwischen Demokratie, Aristokratie und Monar-
chie, der Kampf um das Wahlrecht etc. etc., nichts als die illu-
sorischen Formen sind, in denen die wirklichen Kämpfe der ver-
schiednen Klassen untereinander geführt werden (wovon die deut-
schen Theoretiker nicht eine Silbe ahnen, trotzdem daß man ihnen
in den "Deutsch-Französischen Jahrbüchern"
#34# Karl Marx und Friedrich Engels
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und der "Heiligen Familie " [8] dazu Anleitung genug gegeben
hatte), und ferner, daß jede nach der Herrschaft strebende
Klasse, wenn ihre Herrschaft auch, wie dies beim Proletariat der
Fall ist, die Aufhebung der ganzen alten Gesellschaftsform und
der Herrschaft überhaupt bedingt, sich zuerst die politische
Macht erobern muß, um ihr Interesse wieder als das Allgemeine,
wozu sie im ersten Augenblick gezwungen ist, darzustellen. Eben
weil die Individuen nur ihr besondres, für sie nicht mit ihrem
gemeinschaftlichen Interesse zusammenfallendes suchen, überhaupt
das Allgemeine illusorische Form der Gememschafthchkeit, wird
dies als ein ihnen "fremdes" und von ihnen "unabhängiges", als
ein selbst wieder besonderes und eigentümliches "Allgemein"-In-
teresse geltend gemacht, oder sie selbst müssen sich in diesem
Zwiespalt bewegen 1*), wie in der Demokratie. Andrerseits macht
denn auch der p r a k t i s c h e Kampf dieser beständig
w i r k l i c h den gemeinschaftlichen und illusorischen gemein-
schaftlichen Interessen entgegentretenden Sonderinteressen die
p r a k t i s c h e Dazwischenkunft und Zügelung durch das illu-
sorische "Allgemein"-Interesse als Staat nötig. Die soziale
Macht, d.h. die vervielfachte Produktionskraft, die durch das in
der Teilung der Arbeit bedingte Zusammenwirken der verschiedenen
Individuen entsteht, erscheint diesen Individuen, weil das Zusam-
menwirken selbst nicht freiwillig, sondern naturwüchsig ist,
nicht als ihre eigne, vereinte Macht, sondern als eine fremde,
außer ihnen stehende Gewalt, von der sie nicht wissen woher und
wohin, die sie also nicht mehr beherrschen können, die im Gegen-
teil nun eine eigentümliche, vom Wollen und Laufen der Menschen
unabhängige, ja dies Wollen und Laufen erst dirigierende Reihen-
folge von Phasen und Entwicklungsstufen durchläuft.
Diese "Entfremdung", um den Philosophen verständlich zu bleiben,
kann natürlich nur unter zwei p r a k t i s c h e n Vorausset-
zungen aufgehoben werden.
Damit sie eine "unerträgliche" Macht werde, d.h. eine Macht, ge-
gen die man revolutioniert, dazu gehört, daß sie die Masse der
Menschheit als durchaus "Eigentumslos" erzeugt hat und zugleich
im Widerspruch zu einer vorhandnen Welt des Reichtums und der
Bildung, was beides eine große Steigerung der Produktivkraft,
einen hohen Grad ihrer Entwicklung voraussetzt - und andrerseits
ist diese Entwicklung der Produktivkräfte (womit zugleich schon
die in w e l t g e s c h i c h t l i c h e m, statt der in lo-
kalem Dasein der Menschen vorhandne empirische Existenz gegeben
ist) auch deswegen eine absolut notwendige praktische Vorausset-
zung, weil ohne sie nur der M a n g e l verallgemeinert, also
mit der N o t d u r f t auch der Streit um das Notwendige wie-
der beginnen und
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1*) MEGA: in diesem Zwiespalt begegnen
#35# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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die ganze alte Scheiße sich herstellen müßte, weil ferner nur mit
dieser universellen Entwicklung der Produktivkräfte ein
u n i v e r s e l l e r Verkehr der Menschen gesetzt ist, daher
einerseits das Phänomen der "Eigentumslosen" Masse in Allen Völ-
kern gleichzeitig erzeugt (allgemeine Konkurrenz), jedes dersel-
ben von den Umwälzungen der ändern abhängig macht, und endlich
w e l t g e s c h i c h t l i c h e, empirisch universelle Indi-
viduen an die Stelle der lokalen gesetzt hat. Ohne dies könnte 1.
der Kommunismus nur als eine Lokalität existieren, 2. die
M ä c h t e des Verkehrs selbst hätten sich als u n i v e r-
s e l l e, drum unerträgliche Mächte nicht entwickeln können,
sie wären heimisch-abergläubige "Umstände" geblieben, und 3.
würde jede Erweiterung des Verkehrs den lokalen Kommunismus
aufheben. Der Kommunismus ist empirisch nur als die Tat der
herrschenden Völker "auf einmal" und gleichzeitig 1*) möglich,
was die universelle Entwicklung der Produktivkraft und den mit
ihm zusammenhängenden Weltverkehr voraussetzt. [9] Wie hätte
sonst z.B. das Eigentum überhaupt eine Geschichte haben, ver-
schiedene Gestalten annehmen, und etwa das Grundeigentum je nach
der verschiedenen vorliegenden Voraussetzung in Frankreich aus
der Parzellierung zur Zentralisation in wenigen Händen, in Eng-
land aus der Zentralisation in wenigen Händen zur Parzellierung
drängen können, wie dies heute wirklich der Fall ist? Oder wie
kommt es, daß der Handel, der doch weiter nichts ist als der Aus-
tausch der Produkte verschiedner Individuen und Länder, durch das
Verhältnis von Nachfrage und Zufuhr die ganze Welt beherrscht -
ein Verhältnis, das, wie ein englischer Ökonom sagt, gleich dem
antiken Schicksal über der Erde schwebt und mit unsichtbarer Hand
Glück und Unglück an die Menschen verteilt, Reiche stiftet und
Reiche zertrümmert, Völker entstehen und verschwinden 2*) macht
-, während mit der Aufhebung der Basis, des Privateigentums, mit
der kommunistischen Regelung der Produktion und der darin liegen-
den Vernichtung der Fremdheit, mit der sich die Menschen zu ihrem
eignen Produkt verhalten, die Macht des Verhältnisses von Nach-
frage und Zufuhr sich in Nichts auflöst und die Menschen den Aus-
tausch, die Produktion, die Weise ihres gegenseitigen Verhaltens
wieder in ihre Gewalt bekommen?
Der Kommunismus ist für uns nicht ein Z u s t a n d, der herge-
stellt werden soll, ein I d e a l, wonach die Wirklichkeit sich
zu richten haben [wird]. Wir nennen Kommunismus die w i r k-
l i c h e Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die
Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt beste-
henden Voraussetzung. Übrigens setzt die Masse von b l o ß e n
Arbeitern -
-----
1*) MEGA: "auf einmal" oder gleichzeitig - 2*) MEGA: schwinden
#36# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
massenhafte 1*) von Kapital oder von irgendeiner bornierten Be-
friedigung abgeschnittne Arbeiterkraft - und darum auch der nicht
mehr temporäre Verlust dieser Arbeit selbst als einer gesicherten
Lebensquelle durch die Konkurrenz den W e l t m a r k t voraus.
Das Proletariat kann also nur w e l t g e s c h i c h t l i c h
existieren, wie der Kommunismus, seine Aktion, nur als
"weltgeschichtliche" Existenz überhaupt vorhanden sein kann;
weltgeschichtliche Existenz der Individuen, d. h. Existenz der
Individuen, die unmittelbar mit der Weltgeschichte verknüpft ist.
Die durch die auf allen bisherigen geschichtlichen Stufen vorhan-
denen Produktionskräfte bedingte und sie wiederum bedingende Ver-
kehrsform ist die b ü r g e r l i c h e G e s e l l-
s c h a f t, die, wie schon aus dem Vorhergehenden hervorgeht,
die einfache Familie und die zusammengesetzte Familie, das
sogenannte Stammwesen zu ihrer Voraussetzung und Grundlage hat,
und deren nähere Bestimmungen im Vorhergehenden enthalten sind.
Es zeigt sich schon hier, daß diese bürgerliche Gesellschaft der
wahre Herd und Schauplatz aller Geschichte ist, und wie
widersinnig die bisherige, die wirklichen Verhältnisse ver-
nachlässigende Geschichtsauffassung mit ihrer Beschränkung auf
hochtönende Haupt- und Staatsaktionen ist. *)
Die bürgerliche Gesellschaft umfaßt den gesamten materiellen Ver-
kehr der Individuen innerhalb einer bestimmten Entwicklungsstufe
der Produktivkräfte. Sie umfaßt das gesamte kommerzielle und in-
dustrielle Leben einer Stufe und geht insofern über den Staat und
die Nation hinaus, obwohl sie andrerseits wieder nach Außen hin
als Nationalität sich geltend machen, nach Innen als Staat sich
gliedern muß. Das Wort bürgerliche Gesellschaft kam auf im acht-
zehnten Jahrhundert, als die Eigentumsverhältnisse bereits aus
dem antiken und mittelalterlichen Gemeinwesen sich herausgearbei-
tet hatten. Die bürgerliche Gesellschaft als solche entwickelt
sich erst mit der Bourgeoisie; die unmittelbar aus der Produktion
und dem Verkehr sich entwickelnde gesellschaftliche Organisation,
die zu allen Zeiten die Basis des Staats und der sonstigen idea-
listischen Superstruktur bildet, ist indes fortwährend mit dem-
selben Namen bezeichnet worden.
---
*) [Im Manuskript: gestrichen:] Bisher haben wir hauptsächlich
nur die eine Seite der menschlichen Tätigkeit, die B e a r-
b e i t u n g d e r N a t u r durch die Menschen betrachtet.
Die andre Seite, die B e a r b e i t u n g d e r M e n-
s c h e n durch d i e M e n s c h e n...
Ursprung des Staats und das Verhältnis des Staats zur bürgerli-
chen Gesellschaft.
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1*) MEGA: massenhaft
#37# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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[2.] Über die Produktion des Bewußtseins
In der bisherigen Geschichte ist es allerdings ebensosehr eine
empirische Tatsache, daß die einzelnen Individuen mit der Ausdeh-
nung der Tätigkeit zur Weltgeschichtlichen immer mehr unter einer
ihnen fremden Macht geknechtet worden sind (welchen Druck sie
sich denn auch als Schikane des sogenannten Weltgeistes etc. vor-
stellten), einer Macht, die immer massenhafter geworden ist und
sich in letzter Instanz als W e l t m a r k t ausweist. Aber
ebenso empirisch begründet ist es, daß durch den Umsturz des be-
stehenden gesellschaftlichen Zustandes durch die kommunistische
Revolution (wovon weiter unten) und die damit identische Aufhe-
bung des Privateigentums diese den deutschen Theoretikern so my-
steriöse Macht aufgelöst wird und alsdann die Befreiung jedes
einzelnen Individuums in demselben Maße durchgesetzt wird, in dem
die Geschichte sich vollständig in Weltgeschichte verwandelt. Daß
der wirkliche geistige Reichtum des Individuums ganz von dem
Reichtum seiner wirklichen Beziehungen abhängt, ist nach dem Obi-
gen klar. Die einzelnen Individuen werden erst hierdurch von den
verschiedenen nationalen und lokalen Schranken befreit, mit der
Produktion (auch mit der geistigen) der ganzen Welt in praktische
Beziehung gesetzt und in den Stand gesetzt, sich die Genußfähig-
keit für diese allseitige Produktion der ganzen Erde (Schöpfungen
der Menschen) zu erwerben. Die a l l s e i t i g e Abhängig-
keit, diese naturwüchsige Form des w e l t g e s c h i c h t-
l i c h e n Zusammenwirkens der Individuen, wird durch diese
kommunistische Revolution verwandelt in die Kontrolle und bewußte
Beherrschung dieser Mächte, die, aus dem Aufeinander-Wirken der
Menschen erzeugt, ihnen bisher als durchaus fremde Mächte
imponiert und sie beherrscht haben. Diese Anschauung kann nun
wieder spekulativ-idealistisch, d.h. phantastisch als "Selbster-
zeugung der Gattung" (die "Gesellschaft als Subjekt") gefaßt und
dadurch die aufeinanderfolgende Reihe von im Zusammenhange
stehenden Individuen als ein einziges Individuum vorgestellt
werden, das das Mysterium vollzieht, sich selbst zu erzeugen. Es
zeigt sich hier, daß die Individuen allerdings e i n a n d e r
machen, physisch und geistig, aber nicht sich machen, weder im
Unsinn des heiligen Bruno, noch im Sinne des "Einzigen", des
"gemachten" Mannes.
Diese Geschichtsauffassung beruht also darauf, den wirklichen
Produktionsprozeß, und zwar von der materiellen Produktion des
unmittelbaren Lebens ausgehend, zu entwickeln und die mit dieser
Produktionsweise zusammenhängende und von ihr erzeugte Verkehrs-
form, also die bürgerliche Gesellschaft in ihren verschiedenen
Stufen, als Grundlage der ganzen Geschichte aufzufassen und sie
sowohl in ihrer Aktion als Staat darzustellen,
#38# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
wie die sämtlichen verschiedenen theoretischen Erzeugnisse und
Formen des Bewußtseins, Religion, Philosophie, Moral etc. etc.,
aus ihr zu erklären und ihren Entstehungsprozeß aus ihnen zu ver-
folgen, wo dann natürlich auch die Sache in ihrer Totalität (und
darum auch die Wechselwirkung dieser verschiednen Seiten aufein-
ander) dargestellt werden kann. Sie hat in jeder Periode nicht,
wie die idealistische Geschichtsanschauung, nach einer Kategorie
zu suchen, sondern bleibt fortwährend auf dem wirklichen Ge-
schichts b o d e n stehen, erklärt nicht die Praxis aus der
Idee, erklärt die Ideenformationen aus der materiellen Praxis und
kommt demgemäß auch zu dem Resultat 1*), daß alle Formen und Pro-
dukte des Bewußtseins nicht durch geistige Kritik, durch Auflö-
sung ins "Selbstbewußtsein" oder Verwandlung in "Spuk",
"Gespenster", "Sparren" etc., sondern nur durch den praktischen
Umsturz der realen gesellschaftlichen Verhältnisse, aus denen
diese idealistischen Flausen hervorgegangen sind, aufgelöst wer-
den können - daß nicht die Kritik, sondern die Revolution die
treibende Kraft der Geschichte auch der Religion, Philosophie und
sonstigen Theorie ist. Sie zeigt, daß die Geschichte nicht damit
endigt, sich ins "Selbstbewußtsein" als "Geist vom Geist" aufzu-
lösen, sondern daß in ihr auf jeder Stufe ein materielles Resul-
tat, eine Summe von Produktionskräften, ein historisch geschaff-
nes Verhältnis zur Natur und der Individuen zueinander sich vor-
findet, die jeder Generation von ihrer Vorgängerin überliefert
wird, eine Masse von Produktivkräften, Kapitalien und Umständen,
die zwar einerseits von der neuen Generation modifiziert wird,
ihr aber auch andrerseits ihre eignen Lebensbedingungen vor-
schreibt und ihr eine bestimmte Entwicklung, einen speziellen
Charakter gibt - daß also die Umstände ebensosehr die Menschen,
wie die Menschen die Umstände machen. Diese Summe von Produkti-
onskräften, Kapitalien und sozialen Verkehrsformen, die jedes In-
dividuum und jede Generation als etwas Gegebenes vorfindet, ist
der reale Grund dessen, was sich die Philosophen als "Substanz"
und "Wesen des Menschen" vorgestellt, was sie apotheosiert und
bekämpft haben, ein realer Grund, der dadurch nicht im Mindesten
in seinen Wirkungen und Einflüssen auf die Entwicklung der Men-
schen gestört wird, daß diese Philosophen als "Selbstbewußtsein"
und "Einzige" dagegen rebellieren. Diese vorgefundenen Lebens-
bedingungen der verschiedenen Generationen entscheiden auch, ob
die periodisch in der Geschichte wiederkehrende revolutionäre Er-
schütterung stark genug sein wird oder nicht, die Basis alles Be-
stehenden umzuwerfen, und wenn diese materiellen Elemente einer
totalen Umwälzung, nämlich einerseits die vorhandnen Produktiv-
kräfte,
-----
1*) MEGA: kommt demgemäß zu dem Resultat
#39# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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andrerseits die Bildung einer revolutionären Masse, die nicht nur
gegen einzelne Bedingungen der bisherigen Gesellschaft, sondern
gegen die bisherige "Lebensproduktion" selbst, die "Gesamttätig-
keit", worauf sie basierte, revolutioniert - nicht vorhanden
sind, so ist es ganz gleichgültig für die praktische Entwicklung,
ob die I d e e dieser Umwälzung schon hundertmal ausgesprochen
ist - wie die Geschichte des Kommunismus dies beweist.
Die ganze bisherige Geschichtsauffassung hat diese wirkliche Ba-
sis der Geschichte entweder ganz und gar unberücksichtigt gelas-
sen oder sie nur als eine Nebensache betrachtet, die mit dem ge-
schichtlichen Verlauf außer allem Zusammenhang steht. Die Ge-
schichte muß daher immer nach einem außer ihr hegenden Maßstab
geschrieben werden; die wirkliche Lebensproduktion erscheint als
Urgeschichtlich, während das Geschichtliche als das vom gemeinen
Leben Getrennte, Extra-Überweltliche erscheint. Das Verhältnis
der Menschen zur Natur ist hiermit von der Geschichte ausge-
schlossen, wodurch der Gegensatz von Natur und Geschichte erzeugt
wird. Sie hat daher in der Geschichte nur politische Haupt- und
Staatsaktionen und religiöse und überhaupt theoretische Kämpfe
sehen können und speziell bei jeder geschichtlichen Epoche d i e
I l l u s i o n d i e s e r E p o c h e t e i l e n müssen.
Z.B. bildet sich eine Epoche ein, durch rein "politische" oder
"religiöse" Motive bestimmt zu werden, obgleich "Religion" und
"Politik" nur Formen ihrer wirklichen Motive sind, so akzeptiert
ihr Geschichtschreiber diese Meinung. Die "Einbildung", die
"Vorstellung" dieser bestimmten Menschen über ihre wirkliche Pra-
xis wird in die einzig bestimmende und aktive Macht verwandelt,
welche die Praxis dieser Menschen beherrscht und bestimmt. Wenn
die rohe Form, in der die Teilung der Arbeit bei den Indern und
Ägyptern vorkommt, das Kastenwesen bei diesen Völkern in ihrem
Staat und ihrer Religion hervorruft, so glaubt der Historiker,
das Kastenwesen sei die Macht, welche diese rohe gesellschaftli-
che Form erzeugt habe. Während die Franzosen und Engländer wenig-
stens an der politischen Illusion, die der Wirklichkeit noch am
nächsten steht, halten, bewegen sich die Deutschen im Gebiete des
"reinen Geistes" und machen die religiöse Illusion zur treibenden
Kraft der Geschichte. Die Hegelsche Geschichtsphilosophie ist die
letzte, auf ihren "reinsten Ausdruck" gebrachte Konsequenz dieser
gesamten Deutschen Geschichtschreibung, in der es sich nicht um
wirkliche, nicht einmal um politische Interessen, sondern um
reine Gedanken handelt, die dann auch dem heiligen Bruno als eine
Reihe von "Gedanken" erscheinen muß, von denen einer den andren
auffrißt und in dem "Selbstbewußtsein" schließlich untergeht, und
noch konsequenter dem heiligen Max Stirner, der von der ganzen
wirklichen Geschichte nichts weiß, dieser historische Verlauf als
eine bloße "Ritter"-,
#40# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
Räuber- und Gespenstergeschichte erscheinen mußte, vor deren Vi-
sionen er sich natürlich nur durch die "Heillosigkeit" zu retten
weiß. *) Diese Auffassung ist wirklich religiös, sie unterstellt
den religiösen Menschen als den Urmenschen, von dem alle Ge-
schichte ausgeht, und setzt in ihrer Einbildung die religiöse
Phantasien-Produktion an die Stelle der wirklichen Produktion der
Lebensmittel und des Lebens selbst. Diese ganze Geschichtsauffas-
sung samt ihrer Auflösung und den daraus entstehenden Skrupeln
und Bedenken ist eine bloß n a t i o n a l e Angelegenheit der
Deutschen und hat nur l o k a l e s Interesse für Deutschland,
wie zum Exempel die wichtige, neuerdings mehrfach behandelte
Frage: wie man denn eigentlich "aus dem Gottesreich in das Men-
schenreich komme", als ob dieses "Gottesreich" je anderswo exi-
stiert habe als in der Einbildung und die gelahrten Herren nicht
fortwährend, ohne es zu wissen, in dem "Menschenreich" lebten, zu
welchem sie jetzt den Weg suchen, und als ob das wissenschaftli-
che Amüsement, denn mehr als das ist es nicht, das Kuriosum
dieser theoretischen Wolkenbildung zu erklären, nicht gerade
umgekehrt darin läge, daß man ihre Entstehung aus den wirklichen
irdischen Verhältnissen nachweist. Überhaupt handelt es sich bei
diesen Deutschen stets darum, den vorgefundenen Unsinn in
irgendeine andre Marotte aufzulösen, d. h. vorauszusetzen, daß
dieser ganze Unsinn überhaupt einen aparten Sinn habe, der
herauszufinden sei, während es sich nur darum handelt, diese
theoretischen Phrasen aus den bestehenden wirklichen Verhält-
nissen zu erklären. Die wirkliche, praktische Auflösung dieser
Phrasen, die Beseitigung dieser Vorstellungen aus dem Bewußtsein
der Menschen wird, wie schon gesagt, durch veränderte Umstände,
nicht durch theoretische Deduktionen bewerkstelligt. Für die
Masse der Menschen, d. h. das Proletariat, existieren diese
theoretischen Vorstellungen nicht, brauchen also für sie auch
nicht aufgelöst zu werden, und wenn diese Masse je einige
theoretische Vorstellungen, z.B. Religion hatte, so sind diese
jetzt schon längst durch die Umstände aufgelöst.
Das rein Nationale dieser Fragen und Lösungen zeigt sich auch
noch darin, daß diese Theoretiker alles Ernstes glauben, Hirnge-
spinste wie "der Gottmensch", "der Mensch" etc. hätten den ein-
zelnen Epochen der Geschichte "präsidiert - der heilige Bruno
geht sogar so weit, zu behaupten, nur "die Kritik und die Kriti-
ker hätten die Geschichte gemacht" - und, wenn sie sich selbst an
geschichtliche Konstruktionen geben, über alles Frühere in der
größten Eile
---
*) [Randbemerkung von Marx:] Die sogenannte o b j e k t i v e
Geschichtschreibung bestand eben darin, die geschichtlichen Ver-
hältnisse getrennt von der Tätigkeit aufzufassen. Reaktionärer
Charakter.
#41# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
-----
hinwegspringen und vom "Mongolentum" sogleich auf die eigentliche
"inhaltsvolle" Geschichte, nämlich die Geschichte der
"Hallischen" und "Deutschen Jahrbücher" [10] und der Auflösung
der Hegelschen Schule in eine allgemeine Zänkerei übergehen. Alle
ändern Nationen, alle wirklichen Ereignisse werden vergessen, das
Theatrum mundi 1*) beschränkt sich auf die Leipziger Büchermesse
und die gegenseitigen Streitigkeiten der "Kritik", des "Menschen"
und des "Einzigen". Wenn sich die Theorie vielleicht einmal daran
gibt, wirklich historische Themata zu behandeln, wie z.B. das
achtzehnte Jahrhundert, so geben sie nur die Geschichte der
Vorstellungen, losgerissen von den Tatsachen und praktischen
Entwicklungen, die ihnen zum Grunde liegen, und auch diese nur in
der Absicht, um diese Zeit als eine unvollkommene Vorstufe, als
den noch bornierten Vorläufer der wahren geschichtlichen Zeit,
d.h. der Zeit des deutschen Philosophenkampfes von 1840/44 darzu-
stellen. Diesem Zwecke, eine frühere Geschichte zu schreiben, um
den Ruhm einer ungeschichtlichen Person und ihrer Phantasien
desto heller leuchten zu lassen, entspricht es denn, daß man alle
wirklich historischen Ereignisse, selbst die wirklich
historischen Eingriffe der Politik in die Geschichte, nicht
erwähnt und dafür eine nicht auf Studien, sondern Konstruktionen
und literarischen Klatschgeschichten beruhende Erzählung gibt -
wie dies vom heiligen Bruno in seiner nun vergessenen "Geschichte
des 18ten Jahrhunderts" [11] geschehen ist. Diese hochtrabenden
und hochfahrenden Gedankenkrämer, die unendlich weit über alle
nationalen Vorurteile erhaben zu sein glauben, sind also in der
Praxis noch viel nationaler als die Bierphilister, die von
Deutschlands Einheit träumen. Sie erkennen die Taten andrer
Völker gar nicht für historisch an, sie leben in Deutschland zu
Deutschland und für Deutschland, sie verwandeln das Rheinlied
[12] in ein geistliches Lied und erobern Elsaß und Lothringen,
indem sie statt des französischen Staats die französische
Philosophie bestehlen, statt französischer Provinzen französische
Gedanken germanisieren. Herr Venedey ist ein Kosmopolit gegen die
Heiligen Bruno und Max, die in der Weltherrschaft der Theorie die
Weltherrschaft Deutschlands proklamieren.
Es zeigt sich aus diesen Auseinandersetzungen auch, wie sehr Feu-
erbach sich täuscht, wenn er ("Wigand's Vierteljahrsschrift",
1845, Bd. 2) [13] sich vermöge der Qualifikation "Gemeinmensch"
für einen Kommunisten erklärt, in ein Prädikat "des" Menschen
verwandelt, also das Wort Kommunist, das in der bestehenden Welt
den Anhänger einer bestimmten revolutionären Partei bezeichnet,
wieder in eine bloße Kategorie verwandeln zu können glaubt.
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1*) Welttheater
#42# Karl Marx und Friedrich Engels
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Feuerbachs ganze Deduktion in Beziehung auf das Verhältnis der
Menschen zueinander geht nur dahin, zu beweisen, daß die Menschen
einander nötig haben und i m m e r g e h a b t h a b e n. Er
will das Bewußtsein über diese Tatsache etablieren, er will also,
wie die übrigen Theoretiker, nur ein richtiges Bewußtsein über
ein b e s t e h e n d e s Faktum hervorbringen, während es dem
wirklichen Kommunisten darauf ankommt, dies Bestehende umzustür-
zen. Wir erkennen es übrigens vollständig an, daß Feuerbach, in-
dem er das Bewußtsein gerade d i e s e r Tatsache zu erzeugen
strebt, so weit geht, wie ein Theoretiker überhaupt gehen kann,
ohne aufzuhören, Theoretiker und Philosoph zu sein. Charakteri-
stisch ist es aber, daß die Heiligen Bruno und Max die Vorstel-
lung Feuerbachs vom Kommunisten sogleich an die Stelle des wirk-
lichen Kommunisten setzen, was teilweise schon deswegen ge-
schieht, damit sie auch den Kommunismus als "Geist vom Geist",
als philosophische Kategorie, als ebenbürtigen Gegner bekämpfen
können - und von Seiten des heiligen Bruno auch noch aus
pragmatischen Interessen. Als Beispiel von der Anerkennung und
zugleich Verkennung des Bestehenden, die Feuerbach noch immer mit
unsern Gegnern teilt, erinnern wir an die Stelle der "Philosophie
der Zukunft", wo er entwickelt, daß das Sein eines Dinges oder
Menschen zugleich sein Wesen sei, daß die bestimmten Existenzver-
hältnisse, Lebensweise und Tätigkeit eines tierischen oder men-
schlichen Individuums dasjenige sei, worin sein "Wesen" sich be-
friedigt fühle. Hier wird ausdrücklich jede Ausnahme als ein un-
glücklicher Zufall, als eine Abnormität, die nicht zu ändern ist,
aufgefaßt. Wenn also Millionen von Proletariern sich in ihren Le-
bensverhältnissen keineswegs befriedigt fühlen wenn ihr "Sein"
ihrem [...] 1*)
[...] sich in Wirklichkeit und für den p r a k t i s c h e n
Materialisten, d.h. K o m m u n i s t e n, darum handelt, die
bestehende Welt zu revolutionieren, die vorgefundnen Dinge prak-
tisch anzugreifen und zu verändern. Wenn bei Feuerbach sich zu-
weilen derartige Anschauungen finden, so gehen sie doch nie über
vereinzelte Ahnungen hinaus und haben auf seine allgemeine An-
schauungsweise viel zuwenig Einfluß, als daß sie hier anders denn
als entwicklungsfähige Keime m Betracht kommen könnten. Feuer-
bachs "Auffassung" der sinnlichen Welt beschränkt sich einerseits
auf die bloße Anschauung derselben und andrerseits auf die bloße
Empfindung, er sag t "d e n Menschen" statt d[ie] "wirklichen
historischen Menschen". "D e r Mensch" ist realiter 2*) "der
Deutsche". Im ersten Falle, in der A n s c h a u u n g der
sinnlichen Welt, stößt er notwendig auf Dinge, die seinem Bewußt-
sein und seinem Gefühl widersprechen, die die von ihm vorausge-
setzte Harmonie aller Teile der sinnlichen
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1*) im Manuskript befindet sich hier eine Lücke; vgl. S. 543 -
2*) in Wirklichkeit
#43# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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Welt und namentlich des Menschen mit der Natur stören. *) Um
diese zu beseitigen, muß er dann zu einer doppelten Anschauung
seine Zuflucht nehmen, zwischen einer profanen, die nur das "auf
platter Hand Liegende", und einer höheren, philosophischen, die
das "wahre Wesen" der Dinge erschaut. Er sieht nicht, wie die ihn
umgebende sinnliche Welt nicht ein unmittelbar von Ewigkeit her
gegebenes, sich stets gleiches Ding ist, sondern das Produkt der
Industrie und des Gesellschaftszustandes, und zwar in dem Sinne,
daß sie ein geschichtliches Produkt ist, das Resultat der Tätig-
keit einer ganzen Reihe von Generationen, deren Jede auf den
Schultern der vorhergehenden stand, ihre Industrie und ihren Ver-
kehr weiter ausbildete, ihre soziale Ordnung nach den veränderten
Bedürfnissen modifizierte. Selbst die Gegenstände der einfachsten
"sinnlichen Gewißheit" sind ihm nur durch die gesellschaftliche
Entwicklung, die Industrie und den kommerziellen Verkehr gegeben.
Der Kirschbaum ist, wie fast alle Obstbäume, bekanntlich erst vor
wenig Jahrhunderten durch den H a n d e l in unsre Zone ver-
pflanzt worden und wurde deshalb erst d u r c h diese Aktion
einer bestimmten Gesellschaft in einer bestimmten Zeit der
"sinnlichen Gewißheit" Feuerbachs gegeben.
Übrigens löst sich m dieser Auffassung der Dinge, wie sie wirk-
lich sind und geschehen sind, wie sich weiter unten noch deutli-
cher zeigen wird, jedes tiefsinnige philosophische Problem ganz
einfach in ein empirisches Faktum auf. Z.B. die wichtige Frage
über das Verhältnis des Menschen zur Natur (oder gar, wie Bruno
sagt (p. 110) [14], die "Gegensätze in Natur und Geschichte",
als ob das zwei voneinander getrennte "Dinge" seien, der Mensch
nicht immer eine geschichtliche Natur und eine natürliche Ge-
schichte vor sich habe), aus der alle die "unergründlich hohen
Werke" [15] über "Substanz" und "Selbstbewußtsein" hervorgegangen
sind, zerfällt von selbst m der Einsicht, daß die vielberühmte
"Einheit des Menschen mit der Natur" in der Industrie von jeher
bestanden und in jeder Epoche je nach der geringeren oder größe-
ren Entwicklung der Industrie anders bestanden hat, ebenso wie
der "Kampf" des Menschen mit der Natur, bis zur Entwicklung sei-
ner Produktivkräfte auf einer entsprechenden Basis. Die Industrie
und der Handel, die Produktion und der Austausch der Lebensbe-
dürfnisse bedingen ihrerseits und werden wiederum in der Art
ihres Betriebes bedingt durch die
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*) N.B. Nicht daß Feuerbach das auf platter Hand Liegende, den
sinnlichen S c h e i n der durch genauere Untersuchung des
sinnlichen Tatbestandes konstatierten sinnlichen Wirklichkeit un-
terordnet, ist der Fehler, sondern daß er in letzter Instanz
nicht mit der Sinnlichkeit fertig werden kann, ohne sie mit den
"Augen", d.h. durch die "Brille" des P h i l o s o p h e n zu
betrachten.
#44# Karl Marx und Friedrich Engels
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Distribution, die Gliederung der verschiedenen gesellschaftlichen
Klassen - und so kommt es denn, daß Feuerbach in Manchester z.B.
nur Fabriken und Maschinen sieht, wo vor hundert Jahren nur
Spinnräder und Webstühle zu sehen waren, oder m der Campagna di
Roma nur Viehweiden und Sümpfe entdeckt, wo er zur Zeit des Augu-
stus nichts als Weingärten und Villen römischer Kapitalisten ge-
funden hätte. Feuerbach spricht namentlich von der Anschauung der
Naturwissenschaft, er erwähnt Geheimnisse, die nur dem Auge des
Physikers und Chemikers offenbar werden; aber wo wäre ohne Indu-
strie und Handel die Naturwissenschaft? Selbst diese "reine" Na-
turwissenschaft erhält ja ihren Zweck sowohl wie ihr Material
erst durch Handel und Industrie, durch sinnliche Tätigkeit der
Menschen. So sehr ist diese Tätigkeit, dieses fortwährende sinn-
liche Arbeiten und Schaffen, diese Produktion die Grundlage der
ganzen sinnlichen Welt, wie sie jetzt existiert, daß, wenn sie
auch nur für ein Jahr unterbrochen würde, Feuerbach eine unge-
heure Veränderung nicht nur in der natürlichen Welt vorfinden,
sondern auch die g a n z e Menschenwelt und sein eignes An-
schauungsvermögen, ja seine Eigne Existenz sehr bald vermissen
würde. Allerdings bleibt dabei die Priorität der äußeren Natur
bestehen, und allerdings hat dies Alles keine Anwendung auf die
ursprünglichen, durch generatio aequivoca 1*) erzeugten Menschen;
aber diese Unterscheidung hat nur insofern Sinn, als man den Men-
schen als von der Natur unterschieden betrachtet. Übrigens ist
diese der menschlichen Geschichte vorhergehende Natur ja nicht
die Natur, in der Feuerbach lebt, nicht die Natur, die heutzu-
tage, ausgenommen etwa auf einzelnen australischen Koralleninseln
neueren Ursprungs, nirgends mehr existiert, also auch für Feuer-
bach nicht existiert.
Feuerbach hat allerdings den großen Vorzug vor den "reinen" Mate-
rialisten, daß er einsieht, wie auch der Mensch "sinnlicher Ge-
genstand" ist; aber abgesehen davon, daß er ihn nur als
"sinnlichen Gegenstand", nicht als "sinnliche Tätigkeit" faßt, da
er sich auch hierbei in der Theorie hält, die Menschen nicht in
ihrem gegebenen gesellschaftlichen Zusammenhange, nicht unter ih-
ren vorliegenden Lebensbedingungen, die sie zu Dem gemacht haben,
was sie sind, auffaßt, so kommt er nie zu den wirklich existie-
renden, tätigen Menschen, sondern bleibt bei dem Abstraktum "der
Mensch" stehen und bringt es nur dahin, den "wirklichen, indivi-
duellen, leibhaftigen Menschen" in der Empfindung anzuerkennen,
d.h., er kennt keine ändern "menschlichen Verhältnisse" "des Men-
schen zum Menschen", als Liebe und Freundschaft, und zwar ideali-
siert. Gibt keine Kritik der jetzigen Lebensverhältnisse. Er
kommt
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1*) Urzeugung
#45# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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also nie dazu, die sinnliche Welt als die gesamte lebendige sinn-
liche T ä t i g k e i t der sie ausmachenden Individuen aufzu-
fassen, und ist daher gezwungen, wenn er z.B. statt gesunder Men-
schen einen Haufen skrofulöser, überarbeiteter und schwindsüchti-
ger Hungerleider sieht, da zu der "höheren Anschauung" und zur
ideellen "Ausgleichung in der Gattung" seine Zuflucht zu nehmen,
also gerade da in den Idealismus zurückzufallen, wo der kommuni-
stische Materialist die Notwendigkeit und zugleich die Bedingung
einer Umgestaltung sowohl der Industrie wie der gesellschaftli-
chen Gliederung sieht.
Soweit Feuerbach Materialist ist, kommt die Geschichte bei ihm
nicht vor, und soweit er die Geschichte in Betracht zieht, ist er
kein Materialist. Bei ihm fallen Materialismus und Geschichte
ganz auseinander, was sich übrigens schon aus dem Gesagten er-
klärt. *)
Die Geschichte ist nichts als die Aufeinanderfolge der einzelnen
Generationen, von denen Jede die ihr von allen vorhergegangenen
übermachten Materiale, Kapitalien, Produktionskräfte exploitiert,
daher also einerseits unter ganz veränderten Umständen die über-
kommene Tätigkeit fortsetzt und andrerseits mit einer ganz verän-
derten Tätigkeit die alten Umstände modifiziert, was sich nun
spekulativ so verdrehen läßt, daß die spätere Geschichte zum
Zweck der früheren gemacht wird, z.B., daß der Entdeckung Ameri-
kas der Zweck zugrunde gelegt wird, der französischen Revolution
zum Durchbruch zu verhelfen, wodurch dann die Geschichte ihre
aparten Zwecke erhält und eine "Person neben anderen Personen"
(als da sind: "Selbstbewußtsein, Kritik, Einziger" etc.) wird,
während das, was man mit den Worten "Bestimmung", "Zweck",
"Keim", "Idee" der früheren Geschichte bezeichnet, weiter nichts
ist als eine Abstraktion von der späteren Geschichte, eine Ab-
straktion von dem aktiven Einfluß, den die frühere Geschichte auf
die spätere ausübt.
Je weiter sich im Laufe dieser Entwicklung nun die einzelnen
Kreise, die aufeinander einwirken, ausdehnen, je mehr die ur-
sprüngliche Abgeschlossenheit der einzelnen Nationalitäten durch
die ausgebildete Produktionsweise, Verkehr und dadurch naturwüch-
sig hervorgebrachte Teilung der Arbeit zwischen verschiednen Na-
tionen vernichtet wird, desto mehr wird die Geschichte zur Welt-
geschichte, so daß z.B., wenn in England eine Maschine erfunden
---
*) [Im Manuskript gestrichen:] Wenn wir nun dennoch auf die Ge-
schichte hier näher eingehen, so geschieht es deshalb, weil die
Deutschen gewohnt sind, bei den Worten Geschichte und geschicht-
lich sich alles Mögliche, nur nicht das Wirkliche vorzustellen,
wovon namentlich der "kanzelberedsamkeitliche" Sankt Bruno ein
glänzendes Exempel ablegt.
#46# Karl Marx und Friedrich Engels
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wird, die in Indien und China zahllose Arbeiter außer Brot setzt
und die ganze Existenzform dieser Reiche umwälzt, diese Erfindung
zu einem weltgeschichtlichen Faktum wird; oder daß der Zucker und
Kaffee ihre weltgeschichtliche Bedeutung im neunzehnten Jahrhun-
dert dadurch bewiesen, daß der durch das napoleonische Kontinen-
talsystem [16] erzeugte Mangel an diesen Produkten die Deutschen
zum Aufstande gegen Napoleon brachte und so die reale Basis der
glorreichen Befreiungskriege von 1813 wurde. Hieraus
folgt, daß diese Umwandlung der Geschichte in Weltgeschichte
nicht etwa eine bloße abstrakte Tat des "Selbstbewußtseins",
Weltgeistes oder sonst eines metaphysischen Gespenstes ist, son-
dern eine ganz materielle, empirisch nachweisbare Tat, eine Tat,
zu der jedes Individuum, wie es geht und steht, ißt, trinkt und
sich kleidet, den Beweis liefert.
Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die
herrschenden Gedanken, d. h. die Klasse, welche die herrschende
m a t e r i e l l e Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich
ihre herrschende g e i s t i g e Macht. Die Klasse, die die
Mittel zur materiellen Produktion zu ihrer Verfügung hat, dispo-
niert damit zugleich über die Mittel zur geistigen Produktion, so
daß ihr damit zugleich im Durchschnitt die Gedanken derer, denen
die Mittel zur geistigen Produktion abgehen, unterworfen sind.
Die herrschenden Gedanken sind weiter Nichts als der ideelle Aus-
druck der herrschenden materiellen Verhältnisse, die als Gedanken
gefaßten herrschenden materiellen Verhältnisse; also der Verhält-
nisse, die eben die eine Klasse zur herrschenden machen, also die
Gedanken ihrer Herrschaft. Die Individuen; welche die herrschende
Klasse ausmachen, haben unter Anderm auch Bewußtsein und denken
daher; insofern sie also als Klasse herrschen und den ganzen Um-
fang einer Geschichtsepoche bestimmen, versteht es sich von
selbst, daß sie dies in ihrer ganzen Ausdehnung tun, also unter
Ändern auch als Denkende, als Produzenten von Gedanken herrschen,
die Produktion und Distribution der Gedanken ihrer Zeit regeln;
daß also ihre Gedanken die herrschenden Gedanken der Epoche sind.
Zu einer Zeit z.B. und in einem Lande, wo königliche Macht, Ari-
stokratie und Bourgeoisie sich um die Herrschaft streiten, wo
also die Herrschaft geteilt ist, zeigt sich als herrschender Ge-
danke die Doktrin von der Teilung der Gewalten, die nun als ein
"ewiges Gesetz" ausgeprochen wird.
Die Teilung der Arbeit, die wir schon oben (p. [31-33]) als eine
der Hauptmächte der bisherigen Geschichte vorfanden, äußert sich
nun auch in der herrschenden Klasse als Teilung der geistigen und
materiellen Arbeit, so daß innerhalb dieser Klasse der eine Teil
als die Denker dieser Klasse auftritt (die aktiven konzeptiven
Ideologen derselben, welche die Ausbildung der Illusion dieser
Klasse über sich selbst zu ihrem Hauptnahrungszweige machen),
#47# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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während die Andern sich zu diesen Gedanken und Illusionen mehr
passiv und rezeptiv verhalten, weil sie in der Wirklichkeit die
aktiven Mitglieder dieser Klasse sind und weniger Zeit dazu ha-
ben, sich Illusionen und Gedanken über sich selbst zu machen. In-
nerhalb dieser Klasse kann diese Spaltung derselben sich sogar zu
einer gewissen Entgegensetzung und Feindschaft beider Teile ent-
wickeln, die aber bei jeder praktischen Kollision, wo die Klasse
selbst gefährdet ist, von selbst wegfällt, wo denn auch der
Schein verschwindet, als wenn die herrschenden Gedanken nicht die
Gedanken der herrschenden Klasse wären und eine von der Macht
dieser Klasse unterschiedene Macht hätten. Die Existenz revolu-
tionärer Gedanken in einer bestimmten Epoche setzt bereits die
Existenz einer revolutionären Klasse voraus, über deren Voraus-
setzungen bereits oben (p. [33-36]) das Nötige gesagt ist.
Löst man nun bei der Auffassung des geschichtlichen Verlaufs die
Gedanken der herrschenden Klasse von der herrschenden Klasse los,
verselbständigt man sie, bleibt dabei stehen, daß in einer Epoche
diese und jene Gedanken geherrscht haben, ohne sich um die
Bedingungen der Produktion und um die Produzenten dieser Gedanken
zu bekümmern, läßt man also die den Gedanken zugrunde hegenden
Individuen und Weltzustände weg, so kann man z.B. sagen, daß wäh-
rend der Zeit, in der die Aristokratie herrschte, die Begriffe
Ehre, Treue etc., während der Herrschaft der Bourgeoisie die Be-
griffe Freiheit, Gleichheit etc. herrschten. *) Die herrschende
Klasse selbst bildet sich dies im Durchschnitt ein. Diese Ge-
schichtsauffassung, die allen Geschichtschreibern vorzugsweise
seit dem achtzehnten Jahrhundert gemeinsam ist, wird notwendig
auf das Phänomen stoßen, daß immer abstraktere Gedanken herr-
schen, d. h. Gedanken, die immer mehr die Form der Allgemeinheit
annehmen. Jede neue Klasse nämlich, die sich an die Stelle einer
vor ihr herrschenden setzt, ist genötigt, schon um ihren Zweck
durchzuführen, ihr Interesse als das gemeinschaftliche Interesse
aller Mitglieder der Gesellschaft darzustellen, d.h. ideell aus-
gedrückt: ihren Gedanken die Form der Allgemeinheit zu geben, sie
als die einzig vernünftigen, allgemein gültigen darzustellen. Die
revolutionierende Klasse tritt von vornherein, schon weil sie ei-
ner K l a s s e gegenübersteht, nicht als Klasse, sondern als
Vertreterin der ganzen Gesellschaft auf, sie erscheint als die
ganze Masse der Gesellschaft
---
*) [Im Manuskript gestrichen:] Diese "herrschenden Begriffe" wer-
den eine um so allgemeinere und umfassendere Form haben, je mehr
die herrschende Klasse genötigt ist, ihr Interesse als das aller
Mitglieder der Gesellschaft darzustellen. Die herrschende Klasse
selbst hat im Durchschnitt die Vorstellung, daß diese ihre
Begriffe herrschten und unterscheidet sie nur dadurch von herr-
schenden Vorstellungen früherer Epochen, daß sie sie als ewige
Wahrheiten darstellt.
#48# Karl Marx und Friedrich Engels
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gegenüber der einzigen, herrschenden Klasse. *) Sie kann dies,
weil im Anfange ihr Interesse wirklich noch mehr mit dem gemein-
schaftlichen Interesse aller übrigen nichtherrschenden Klassen
zusammenhängt, sich unter dem Druck der bisherigen Verhältnisse
noch nicht als besonderes Interesse einer besonderen Klasse ent-
wickeln konnte. Ihr Sieg nutzt daher auch vielen Individuen der
übrigen, nicht zur Herrschaft kommenden Klassen, aber nur inso-
fern, als er diese Individuen jetzt in den Stand setzt, sich in
die herrschende Klasse zu erheben. Als die französische Bour-
geoisie die Herrschaft der Aristokratie stürzte, machte sie es
dadurch vielen Proletariern möglich, sich über das Proletariat zu
erheben, aber nur, insofern sie Bourgeois wurden. Jede neue
Klasse bringt daher nur auf einer breiteren Basis als die der
bisher herrschenden ihre Herrschaft zustande, wogegen sich dann
später auch der Gegensatz der nichtherrschenden gegen die nun
herrschende Klasse um so schärfer und tiefer entwickelt. Durch
Beides ist bedingt, daß der gegen diese neue herrschende Klasse
zu führende Kampf wiederum auf eine entschiedenere, radikalere
Negation der bisherigen Gesellschaftszustände hinarbeitet, als
alle bisherigen die Herrschaft anstrebenden Klassen dies tun
konnten.
Dieser ganze Schein, als ob die Herrschaft einer bestimmten Klas-
se nur die Herrschaft gewisser Gedanken sei, hört natürlich von
selbst auf, sobald die Herrschaft von Klassen überhaupt aufhört,
die Form der gesellschaftlichen Ordnung zu sein, sobald es also
nicht mehr nötig ist, ein besonderes Interesse als allgemeines
oder "das Allgemeine" als herrschend darzustellen.
Nachdem einmal die herrschenden Gedanken von den herrschenden In-
dividuen und vor allem von den Verhältnissen, die aus einer ge-
gebnen Stufe der Produktionsweise hervorgehn, getrennt sind und
dadurch das Resultat zustande gekommen ist, daß in der Geschichte
stets Gedanken herrschen, ist es sehr leicht, aus diesen ver-
schiedenen Gedanken sich "d e n Gedanken", die Idee etc. als'
das in der Geschichte Herrschende zu abstrahieren und damit alle
diese einzelnen Gedanken und Begriffe als "Selbstbestimmungen"
d e s sich in der Geschichte entwickelnden Begriffs zu fassen.
Es ist dann auch natürlich, daß alle Verhältnisse der Menschen
aus dem Begriff des Menschen, dem vorgestellten Menschen, dem We-
sen des Menschen, d e m Menschen abgeleitet werden können. Dies
hat die spekulative Philosophie getan. Hegel gesteht selbst am
Ende der "Geschichtsphilosophie", daß er "den Fortgang
---
*) [Randbemerkung von Marx:] Die Allgemeinheit entspricht der
Klasse contra Stand, 2. der Konkurrenz, Weltverkehr, etc., 3. der
großen Zahlreichheit der herrschenden Klasse, 4. der Illusion der
g e m e i n s c h a f t l i c h e n Interessen (im Anfang diese
Illusion wahr), 5. der Täuschung der Ideologen und der Teilung
der Arbeit.
#49# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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d e s B e g r i f f s allein betrachtet" und in der Geschichte
die "wahrhafte T h e o d i z e e" dargestellt habe (p. 446).
Man kann nun wieder auf die Produzenten "des Begriffs" zurückge-
hen, auf die Theoretiker, Ideologen und Philosophen, und kommt
dann zu dem Resultate, daß die Philosophen, die Denkenden als
solche, von jeher in der Geschichte geherrscht haben - ein Resul-
tat, was, wie wir sehen, auch schon von Hegel ausgesprochen
wurde. Das ganze Kunststück also, in der Geschichte die Oberherr-
lichkeit des Geistes (Hierarchie bei Stirner) nachzuweisen, be-
schränkt sich auf folgende drei Efforts.
Nr. 1. Man muß die Gedanken der aus empirischen Gründen, unter
empirischen Bedingungen und als materielle Individuen Herrschen-
den von diesen Herrschenden trennen und somit die Herrschaft von
Gedanken oder Illusionen m der Geschichte anerkennen.
Nr. 2. Man muß in diese Gedankenherrschaft eine Ordnung bringen,
einen mystischen Zusammenhang unter den aufeinanderfolgenden
herrschenden Gedanken nachweisen, was dadurch zustande gebracht
wird, daß man sie als "Selbstbestimmungen des Begriffs" faßt
(dies ist deshalb möglich, weil diese Gedanken vermittelst ihrer
empirischen Grundlage wirklich miteinander zusammenhängen und
weil sie als b l o ß e Gedanken gefaßt zu Selbstunterscheidun-
gen, vom Denken gemachten Unterschieden, werden).
Nr. 3. Um das mystische Aussehen dieses "sich selbst bestimmenden
Begriffs" zu beseitigen, verwandelt man ihn in eine Person - "das
Selbstbewußtsein" - oder, um recht materialistisch zu erscheinen,
m eine Reihe von Personen, die "den Begriff" in der Geschichte
repräsentieren, in "die Denkenden", die "Philosophen", die Ideo-
logen, die nun wieder als die Fabrikanten der Geschichte, als
"der Rat der Wächter", als die Herrschenden gefaßt werden. *)
Hiermit hat man sämtliche materialistischen Elemente aus der Ge-
schichte beseitigt und kann nun seinem spekulativen Roß ruhig die
Zügel schießen lassen.
Während im gewöhnlichen Leben jeder Shopkeeper 1*) sehr wohl zwi-
schen Dem zu unterscheiden weiß, was Jemand zu sein vorgibt, und
dem, was er wirklich ist, so ist unsre Geschichtschreibung noch
nicht zu dieser trivialen Erkenntnis gekommen. Sie glaubt jeder
Epoche aufs Wort, was sie von sich selbst sagt und sich einbil-
det.
Es muß diese Geschichtsmethode, die in Deutschland, und warum
vorzüglich, herrschte, entwickelt werden aus dem Zusammenhang mit
der Illusion der Ideologen überhaupt, z.B. den Illusionen der Ju-
risten, Politiker
---
*) [Randbemerkung von Marx:] D e r Mensch = dem "denkenden Men-
schengeist".
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1*) Krämer
#50# Karl Marx und Friedrich Engels
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(auch der praktischen Staatsmänner darunter), aus den dogmati-
schen Träumereien und Verdrehungen dieser Kerls, die sich ganz
einfach erklärt aus ihrer praktischen Lebensstellung, ihrem Ge-
schäft und der Teilung der Arbeit.
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