Quelle: MEW 3 1845 - 1846


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       #18# Karl Marx und Friedrich Engels
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       A. Die Ideologie überhaupt, namentlich die deutsche
       
       Die deutsche  Kritik hat  bis auf ihre neuesten Efforts den Boden
       der Philosophie nicht verlassen. Weit davon entfernt, ihre allge-
       mein-philosophischen Voraussetzungen  zu untersuchen,  sind  ihre
       sämtlichen Fragen sogar auf dem
       
       #19# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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       Boden eines  bestimmten philosophischen  Systems, des Hegelschen,
       gewachsen. Nicht  nur in  ihren Antworten,  schon in  den  Fragen
       selbst lag  eine Mystifikation.  Diese Abhängigkeit von Hegel ist
       der Grund,  warum keiner  dieser neueren Kritiker eine umfassende
       Kritik des  Hegelschen Systems  auch nur  versuchte, sosehr Jeder
       von ihnen  behauptet, über Hegel hinaus zu sein. Ihre Polemik ge-
       gen Hegel  und gegeneinander  beschränkt sich  darauf, daß  Jeder
       eine Seite  des Hegelschen  Systems herausnimmt  und diese sowohl
       gegen das  ganze System wie gegen die von den Ändern herausgenom-
       menen Seiten wendet. Im Anfange nahm man reine, unverfälschte He-
       gelsche Kategorien  heraus, wie  Substanz  und  Selbstbewußtsein,
       später profanierte  man diese Kategorien durch weltlichere Namen,
       wie Gattung, der Einzige, der Mensch etc.
       Die gesamte deutsche philosophische Kritik von Strauß bis Stirner
       beschränkt sich  auf Kritik der  r e l i g i ö s e n  Vorstellun-
       gen *). Man ging aus von der wirklichen Religion und eigentlichen
       Theologie. Was  religiöses Bewußtsein, religiöse Vorstellung sei,
       wurde im  weiteren Verlauf  verschieden bestimmt. Der Fortschritt
       bestand darin, die angeblich herrschenden metaphysischen, politi-
       schen, rechtlichen, moralischen und ändern Vorstellungen auch un-
       ter die Sphäre der religiösen oder theologischen Vorstellungen zu
       subsumieren; ebenso  das politische,  rechtliche, moralische  Be-
       wußtsein für  religiöses oder  theologisches Bewußtsein,  und den
       politischen, rechtlichen,  moralischen Menschen,  in letzter  In-
       stanz "den  Menschen", für  religiös zu  erklären. Die Herrschaft
       der Religion wurde vorausgesetzt. Nach und nach wurde jedes herr-
       schende Verhältnis für ein Verhältnis der Religion erklärt und in
       Kultus verwandelt, Kultus des Rechts, Kultus des Staats pp. Über-
       all hatte man es nur mit Dogmen und dem Glauben an Dogmen zu tun.
       Die Welt  wurde m immer größerer Ausdehnung kanonisiert, bis end-
       lich der  ehrwürdige Sankt Max sie en bloc heiligsprechen und da-
       mit ein für allemal abfertigen konnte.
       Die Althegelianer hatten Alles  b e g r i f f e n,  sobald es auf
       eine Hegelsche  logische Kategorie zurückgeführt war. Die Junghe-
       gelianer  k r i t i s i e r t e n  Alles, indem sie ihm religiöse
       Vorstellungen unterschoben oder es für theologisch erklärten. Die
       Junghegelianer stimmen  mit den  Althegelianern  überein  in  dem
       Glauben  an  die  Herrschaft  der  Religion,  der  Begriffe,  des
       Allgemeinen in  der bestehenden Welt. Nur bekämpfen die Einen die
       Herrschaft als Usurpation, welche die Ändern als legitim feiern.
       Da bei  diesen Junghegelianern  die Vorstellungen,  Gedanken, Be-
       griffe,
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       *) [Im Manuskript gestrichen:] ... die mit dem Ansprüche auftrat,
       die absolute Erlöserin der Welt von allem Übel zu sein. Die Reli-
       gion wurde  fortwährend als  letzte Ursache aller diesen Philoso-
       phen widerwärtigen  Verhältnisse, als  Erzfeind angesehen und be-
       handelt.
       
       #20# Karl Marx und Friedrich Engels
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       überhaupt die  Produkte des  von ihnen verselbständigten Bewußts-
       eins für die eigentlichen Fesseln der Menschen gelten, gerade wie
       sie bei  den Althegelianern für die wahren Bande der menschlichen
       Gesellschaft erklärt werden, so versteht es sich, daß die Junghe-
       gelianer auch nur gegen diese Illusionen des Bewußtseins zu kämp-
       fen haben. Da nach ihrer Phantasie die Verhältnisse der Menschen,
       ihr ganzes  Tun und  Treiben, ihre Fesseln und Schranken Produkte
       ihres Bewußtseins  sind, so stellen die Junghegelianer konsequen-
       terweise das  moralische Postulat  an sie,  ihr gegenwärtiges Be-
       wußtsein mit  dem menschlichen,  kritischen oder egoistischen Be-
       wußtsein zu vertauschen und dadurch ihre Schranken zu beseitigen.
       Diese Forderung,  das Bewußtsein zu verändern, läuft auf die For-
       derung hinaus,  das Bestehende  anders zu interpretieren, d.h. es
       vermittelst einer andren Interpretation anzuerkennen. Die junghe-
       gelschen Ideologen  sind trotz  ihrer angeblich "welterschüttern-
       den" Phrasen  die größten  Konservativen. Die  jüngsten von ihnen
       haben den  richtigen Ausdruck  für ihre  Tätigkeit gefunden, wenn
       sie behaupten, nur gegen "Phrasen" zu kämpfen. Sie vergessen nur,
       daß sie  diesen Phrasen selbst nichts als Phrasen entgegensetzen,
       und daß  sie die  wirkliche bestehende Welt keineswegs bekämpfen,
       wenn sie  nur die  Phrasen dieser  Welt bekämpfen.  Die  einzigen
       Resultate, wozu  diese philosophische  Kritik es  bringen konnte,
       waren einige  und noch  dazu  einseitige  religionsgeschichtliche
       Aufklärungen über  das  Christentum;  ihre  sämtlichen  sonstigen
       Behauptungen sind  nur weitere  Ausschmückungen ihres  Anspruchs,
       mit diesen  unbedeutenden Aufklärungen welthistorische Entdeckun-
       gen geliefert zu haben.
       Keinem von diesen Philosophen ist es eingefallen, nach dem Zusam-
       menhange der  deutschen Philosophie  mit der  deutschen Wirklich-
       keit, nach  dem Zusammenhange ihrer Kritik mit ihrer eignen mate-
       riellen Umgebung zu fragen.
       
                                    ---
       
       Die Voraussetzungen,  mit denen wir beginnen, sind keine willkür-
       lichen, keine  Dogmen, es  sind  wirkliche  Voraussetzungen,  von
       denen man  nur m  der Einbildung  abstrahieren kann.  Es sind die
       wirklichen Individuen, ihre Aktion und ihre materiellen Lebensbe-
       dingungen, sowohl  die vorgefundenen wie die durch ihre eigne Ak-
       tion erzeugten.  Diese Voraussetzungen sind also auf rein empiri-
       schem Wege konstatierbar.
       Die erste  Voraussetzung aller  Menschengeschichte ist  natürlich
       die Existenz  lebendiger menschlicher Individuen. *) Der erste zu
       konstatierende Tatbestand
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       *) [Im Manuskript  gestrichen:]  Der  erste    g e s c h i c h t-
       l i c h e  Akt dieser Individuen, wodurch sie sich von den Tieren
       unterscheiden, ist  nicht,  daß  sie  denken,  sondern,  daß  sie
       anfangen,   i h r e   L e b e n s m i t t e l   z u    p r o d u-
       z i e r e n.
       
       #21# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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       ist also  die körperliche  Organisation dieser Individuen und ihr
       dadurch gegebenes  Verhältnis zur  übrigen Natur. Wir können hier
       natürlich weder  auf die  physische Beschaffenheit  der  Menschen
       selbst noch  auf die von den Menschen vorgefundenen Naturbedmgun-
       gen, die  geologischen, orohydrographischen, klimatischen und än-
       dern Verhältnisse,  eingehen. *) Alle Geschichtschreibung muß von
       diesen natürlichen  Grundlagen und ihrer Modifikation im Lauf der
       Geschichte durch die Aktion der Menschen ausgehen.
       Man kann  die Menschen  durch das Bewußtsein, durch die Religion,
       durch was  man sonst  will, von  den  Tieren  unterscheiden.  Sie
       selbst fangen  an, sich  von den  Tieren zu unterscheiden, sobald
       sie anfangen, ihre Lebensmittel  z u  p r o d u z i e r e n,  ein
       Schritt, der durch ihre körperliche Organisation bedingt ist. In-
       dem die  Menschen ihre  Lebensmittel produzieren, produzieren sie
       indirekt ihr materielles Leben selbst.
       Die Weise,  in der  die Menschen  ihre Lebensmittel  produzieren,
       hängt zunächst  von der  Beschaffenheit der  vorgefundenen und zu
       reproduzierenden Lebensmittel  selbst ab. Diese Weise der Produk-
       tion ist nicht bloß nach der Seite hin zu betrachten, daß sie die
       Reproduktion der  physischen Existenz der Individuen ist. Sie ist
       vielmehr schon  eine bestimmte  Art der  Tätigkeit dieser Indivi-
       duen, eine  bestimmte Art,  ihr Leben  zu äußern,  eine bestimmte
       L e b e n s w e i s e   derselben. Wie  die Individuen  ihr Leben
       äußern, so  sind sie. Was sie sind, fällt also zusammen mit ihrer
       Produktion, sowohl  damit,   w a s  sie produzieren, als auch da-
       mit,   w i e   sie produzieren. Was die Individuen also sind, das
       hängt ab von den materiellen Bedingungen ihrer Produktion.
       Diese Produktion  tritt erst  ein mit  der    V e r m e h r u n g
       d e r   B e v ö l k e r u n g.   Sie setzt  selbst  wieder  einen
       V e r k e h r  der Individuen untereinander voraus. Die Form die-
       ses Verkehrs ist wieder durch die Produktion bedingt. [4]
       Die Beziehungen verschiedener Nationen untereinander hängen davon
       ab, wie weit jede von ihnen ihre Produktivkräfte, die Teilung der
       Arbeit und  den Innern  Verkehr entwickelt  hat. Dieser  Satz ist
       allgemein anerkannt. Aber nicht nur die Beziehung einer Nation zu
       anderen, sondern  auch die  ganze innere Gliederung dieser Nation
       selbst hängt von der Entwicklungsstufe ihrer Produktion und ihres
       innern und äußern Verkehrs ab. Wie weit die Produktionskräfte ei-
       ner Nation entwickelt sind, zeigt am augenscheinlichsten der
       ---
       *) [Im Manuskript  gestrichen:] Diese  Verhältnisse bedingen aber
       nicht nur  die ursprüngliche, naturwüchsige Organisation der Men-
       schen, namentlich die Rassenunterschiede, sondern auch ihre ganze
       weitere Entwicklung  oder Nicht-Entwicklung  bis auf den heutigen
       Tag.
       
       #22# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Grad, bis zu dem die Teilung der Arbeit entwickelt ist. Jede neue
       Produktivkraft, sofern  sie nicht  eine bloß quantitative Ausdeh-
       nung der bisher schon bekannten Produktivkräfte ist (z. B. Urbar-
       machung von Ländereien), hat eine neue Ausbildung der Teilung der
       Arbeit zur Folge.
       Die Teilung  der Arbeit innerhalb einer Nation führt zunächst die
       Trennung der  industriellen und kommerziellen von der ackerbauen-
       den Arbeit  und damit die Trennung von  S t a d t  u n d  L a n d
       und den Gegensatz der Interessen Beider herbei. Ihre weitere Ent-
       wicklung führt  zur Trennung der kommerziellen Arbeit von der in-
       dustriellen. Zu  gleicher Zeit  entwickeln sich durch die Teilung
       der Arbeit  innerhalb dieser  verschiednen Branchen  wieder  ver-
       schiedene Abteilungen  unter den zu bestimmten Arbeiten zusammen-
       wirkenden Individuen.  Die Stellung  dieser einzelnen Abteilungen
       gegeneinander ist bedingt durch die Betriebsweise der ackerbauen-
       den, industriellen  und kommerziellen  Arbeit  (Patriarchalismus,
       Sklaverei, Stände,  Klassen). Dieselben  Verhältnisse zeigen sich
       bei entwickelterem Verkehr in den Beziehungen verschiedner Natio-
       nen zueinander.
       Die verschiedenen  Entwicklungsstufen der Teilung der Arbeit sind
       ebensoviel verschiedene Formen des Eigentums; d. h., die jedesma-
       lige Stufe  der Teilung der Arbeit bestimmt auch die Verhältnisse
       der Individuen  zueinander in Beziehung auf das Material, Instru-
       ment und Produkt der Arbeit.
       Die erste  Form des  Eigentums ist das Stammeigentum. [5] Es ent-
       spricht der unentwickelten Stufe der Produktion, auf der ein Volk
       von Jagd und Fischfang, von Viehzucht oder höchstens vom Ackerbau
       sich nährt.  Es setzt  in diesem letzteren Falle eine große Masse
       unbebauter Ländereien voraus. Die Teilung der Arbeit ist auf die-
       ser Stufe noch sehr wenig entwickelt und beschränkt sich auf eine
       weitere Ausdehnung  der in  der Familie  gegebenen naturwüchsigen
       Teilung der  Arbeit. Die  gesellschaftliche Gliederung beschränkt
       sich daher  auf eine  Ausdehnung  der  Familie:  patriarchalische
       Stammhäupter, unter  ihnen die  Stammitglieder, endlich  Sklaven.
       Die in der Familie latente Sklaverei entwickelt sich erst allmäh-
       lich mit  der Vermehrung  der Bevölkerung und der Bedürfnisse und
       mit der Ausdehnung des äußern Verkehrs, sowohl des Kriegs wie des
       Tauschhandels.
       Die zweite  Form ist das antike Gemeinde- und Staatseigentum, das
       namentlich  aus   der  Vereinigung   mehrerer  Stämme   zu  einer
       S t a d t   durch Vertrag  oder Eroberung  hervorgeht und bei dem
       die Sklaverei  fortbestehen bleibt.  Neben  dem  Gemeindeeigentum
       entwickelt sich  schon das  mobile und  später auch  das immobile
       Privateigentum, aber  als eine  abnorme, dem Gemeindeeigentum un-
       tergeordnete Form. Die Staatsbürger besitzen nur in ihrer Gemein-
       schaft die  Macht über  ihre arbeitenden  Sklaven und  sind schon
       deshalb
       
       #23# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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       an die  Form des  Gemeindeeigentums gebunden.  Es ist das gemein-
       schaftliche Privateigentum  der  aktiven  Staatsbürger,  die  den
       Sklaven gegenüber  gezwungen sind, in dieser naturwüchsigen Weise
       der Assoziation  zu bleiben. Daher verfällt die ganze hierauf ba-
       sierende Gliederung  der Gesellschaft  und mit  ihr die Macht des
       Volks in  demselben Grade, in dem namentlich das immobile Privat-
       eigentum sich  entwickelt. Die  Teilung der Arbeit ist schon ent-
       wickelter. Wir  finden schon  den Gegensatz  von Stadt  und Land,
       später den Gegensatz zwischen Staaten, die das städtische und die
       das Landinteresse repräsentieren, und innerhalb der Städte selbst
       den Gegensatz  zwischen Industrie  und Seehandel. Das Klassenver-
       hältnis zwischen Bürgern und Sklaven ist vollständig ausgebildet.
       Dieser ganzen  Geschichtsauffassung scheint das Faktum der Erobe-
       rung zu  widersprechen. Man  hat bisher  die Gewalt,  den  Krieg,
       Plünderung, Raubmord  pp. zur treibenden Kraft der Geschichte ge-
       macht. Wir  können uns  hier nur  auf die Hauptpunkte beschränken
       und nehmen  daher nur  das frappanteste 1*) Beispiel, die Zerstö-
       rung einer alten Zivilisation durch ein barbarisches Volk und die
       sich daran  anknüpfende, von  vorn anfangende Bildung einer neuen
       Gliederung der  Gesellschaft. (Rom  und Barbaren,  Feudalität und
       Gallien, oströmisches  Reich und Türken.) Bei dem erobernden Bar-
       barenvolke ist  der Krieg selbst noch, wie schon oben angedeutet,
       eine regelmäßige  Verkehrsform, die  um so  eifriger  exploitiert
       wird, je  mehr der  Zuwachs der Bevölkerung bei der hergebrachten
       und für sie einzig möglichen rohen Produktionsweise das Bedürfnis
       neuer Produktionsmittel schafft. In Italien dagegen war durch die
       Konzentration des  Grundeigentums (verursacht außer durch Aufkauf
       und Verschuldung  auch noch durch Erbschaft, indem bei der großen
       Liederlichkeit und  den seltnen  Heiraten die  alten Geschlechter
       allmählich ausstarben und ihr Besitz Wenigen zufiel) und Verwand-
       lung desselben  in Viehweiden  (die außer durch die gewöhnlichen,
       noch heute  gültigen ökonomischen  Ursachen durch die Einfuhr ge-
       raubten und  Tributgetreides und  den hieraus folgenden Mangel an
       Konsumenten für  italisches Korn  verursacht wurde) die freie Be-
       völkerung fast  verschwunden, die  Sklaven selbst  starben  immer
       wieder aus  und mußten stets durch neue ersetzt werden. Die Skla-
       verei blieb die Basis der gesamten Produktion. Die Plebejer, zwi-
       schen Freien  und Sklaven  stehend, brachten es nie über ein Lum-
       penproletariat hinaus.  Überhaupt kam Rom nie über die Stadt hin-
       aus und stand mit den Provinzen in einem fast nur politischen Zu-
       sammenhange, der  natürlich auch  wieder durch  politische Ereig-
       nisse unterbrochen werden konnte.
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       1*) MEGA: frappante
       
       #24# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Mit der  Entwicklung des  Privateigentums treten hier zuerst die-
       selben Verhältnisse  ein, die  wir beim  modernen Privateigentum,
       nur in  ausgedehnterem Maßstabe,  wiederfinden werden. Einerseits
       die Konzentration  des Privateigentums,  die in Rom sehr früh an-
       fing (Beweis  das licinische  Ackergesetz [6]),  seit den Bürger-
       kriegen und  namentlich unter  den Kaisern  sehr rasch  vor  sich
       ging; andrerseits  im Zusammenhange  hiermit die  Verwandlung der
       plebejischen kleinen  Bauern in  ein Proletariat,  das  aber  bei
       seiner halben  Stellung zwischen  besitzenden Bürgern und Sklaven
       zu keiner selbständigen Entwicklung kam.
       Die dritte  Form ist  das feudale  oder ständische Eigentum. Wenn
       das Altertum  von der   S t a d t   und ihrem kleinen Gebiet aus-
       ging, so  ging das Mittelalter vom  L a n d e  aus. Die vorgefun-
       dene dünne,  über eine  große Bodenfläche  zersplitterte Bevölke-
       rung, die  durch die  Eroberer keinen großen Zuwachs erhielt, be-
       dingte diesen  veränderten Ausgangspunkt.  Im Gegensatz  zu Grie-
       chenland und  Rom beginnt die feudale Entwicklung daher auf einem
       viel ausgedehnteren,  durch die römischen Eroberungen und die an-
       fangs damit  verknüpfte Ausbreitung  der Agrikultur vorbereiteten
       Terrain. Die  letzten  Jahrhunderte  des  verfallenden  römischen
       Reichs und  die Eroberung  durch die  Barbaren selbst  zerstörten
       eine Masse  von Produktivkräften;  der Ackerbau war gesunken, die
       Industrie aus  Mangel an Absatz verfallen, der Handel eingeschla-
       fen oder gewaltsam unterbrochen, die ländliche und städtische Be-
       völkerung hatte  abgenommen. Diese vorgefundenen Verhältnisse und
       die dadurch bedingte Weise der Organisation der Eroberung entwic-
       kelten unter  dem Einflüsse  der germanischen  Heerverfassung das
       feudale Eigentum. Es beruht, wie das Stamm- und Gemeindeeigentum,
       wieder auf  einem Gemeinwesen, dem aber nicht wie dem antiken die
       Sklaven, sondern  die leibeignen  kleinen Bauern  als unmittelbar
       produzierende Klasse  gegenüberstehen. Zugleich mit der vollstän-
       digen Ausbildung  des Feudalismus  tritt noch der Gegensatz gegen
       die Städte  hinzu. Die hierarchische Gliederung des Grundbesitzes
       und die  damit zusammenhängenden bewaffneten Gefolgschaften gaben
       dem Adel  die Macht über die Leibeignen. Diese feudale Gliederung
       war ebensogut  wie das  antike Gemeindeeigentum  eine Assoziation
       gegenüber der  beherrschten produzierenden  Klasse; nur  war  die
       Form der Assoziation und das Verhältnis zu den unmittelbaren Pro-
       duzenten verschieden,  weil  verschiedene  Produktionsbedingungen
       vorlagen.
       Dieser feudalen  Gliederung des  Grundbesitzes entsprach  in  den
       S t ä d t e n  das korporative Eigentum, die feudale Organisation
       des Handwerks. Das Eigentum bestand hier hauptsächlich in der Ar-
       beit jedes Einzelnen. Die Notwendigkeit der Assoziation gegen den
       assoziierten Raubadel, das Bedürfnis
       
       #25# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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       gemeinsamer Markthallen  in einer  Zeit, wo  der Industrielle zu-
       gleich Kaufmann  war, die  wachsende Konkurrenz  der den  aufblü-
       henden Städten  zuströmenden entlaufnen  Leibeignen, die  feudale
       Gliederung des  ganzen Landes  führten die   Z ü n f t e  herbei;
       die allmählich  ersparten kleinen Kapitalien einzelner Handwerker
       und ihre stabile Zahl bei der wachsenden Bevölkerung entwickelten
       das Gesellen-  und Lehrlingsverhältnis,  das in  den Städten eine
       ähnliche Hierarchie zustande brachte wie die auf dem Lande.
       Das Haupteigentum bestand während der Feudalepoche also in Grund-
       eigentum mit  daran geketteter  Leibeignenarbeit  einerseits  und
       eigner Arbeit mit kleinem, die Arbeit von Gesellen beherrschendem
       Kapital andrerseits. Die Gliederung von Beiden war durch die bor-
       nierten Produktionsverhältnisse  - die geringe und rohe Bodenkul-
       tur und  die handwerksmäßige Industrie - bedingt. Teilung der Ar-
       beit fand  in der  Blüte des  Feudalismus wenig statt. Jedes Land
       hatte den Gegensatz von Stadt und Land in sich; die Ständegliede-
       rung war allerdings sehr scharf ausgeprägt, aber außer der Schei-
       dung von  Fürsten, Adel,  Geistlichkeit und  Bauern auf dem Lande
       und Meistern,  Gesellen, Lehrlingen  und bald auch Taglöhnerpöbel
       in den  Städten fand  keine bedeutende Teilung statt. Im Ackerbau
       war sie  durch die parzellierte Bebauung erschwert, neben der die
       Hausindustrie der  Bauern selbst aufkam, in der Industrie war die
       Arbeit m  den einzelnen  Handwerken selbst gar nicht, unter ihnen
       sehr wenig geteilt. Die Teilung von Industrie und Handel wurde in
       älteren Städten vorgefunden, entwickelte sich in den neueren erst
       später, als die Städte unter sich in Beziehung traten.
       Die Zusammenfassung  größerer Länder zu feudalen Königreichen war
       für den Grundadel wie für die Städte ein Bedürfnis. Die Organisa-
       tion der  herrschenden Klasse,  des Adels,  hatte  daher  überall
       einen Monarchen an der Spitze.
       Die Tatsache  ist also  die: bestimmte  Individuen, die  auf  be-
       stimmte Weise  produktiv tätig  sind, gehen  diese bestimmten ge-
       sellschaftlichen und politischen Verhältnisse ein. Die empirische
       Beobachtung muß  in jedem einzelnen Fall den Zusammenhang der ge-
       sellschaftlichen und  politischen Gliederung  mit der  Produktion
       empirisch und  ohne alle Mystifikation und Spekulation aufweisen.
       Die gesellschaftliche  Gliederung und  der Staat  gehen beständig
       aus dem  Lebensprozeß bestimmter  Individuen hervor;  aber dieser
       Individuen, nicht  wie sie  m der eignen oder fremden Vorstellung
       erscheinen mögen,  sondern wie  sie   w i r k l i c h  sind, d.h.
       wie sie  wirken, materiell  produzieren, also  wie sie  unter be-
       stimmten materiellen  und von  ihrer Willkür unabhängigen Schran-
       ken, Voraussetzungen und Bedingungen tätig sind. *)
       ---
       *) [Im Manuskript  gestrichen:] Die Vorstellungen, die sich diese
       Individuen
       
       #26# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Die Produktion  der Ideen,  Vorstellungen,  des  Bewußtseins  ist
       zunächst unmittelbar  verflochten in die materielle Tätigkeit und
       den materiellen  Verkehr der Menschen, Sprache des wirklichen Le-
       bens. Das  Vorstellen, Denken,  der geistige Verkehr der Menschen
       erscheinen hier  noch als direkter Ausfluß ihres materiellen Ver-
       haltens. Von der geistigen Produktion, wie sie in der Sprache der
       Politik, der  Gesetze, der  Moral, der  Religion, Metaphysik usw.
       eines Volkes sich darstellt, gilt dasselbe. Die Menschen sind die
       Produzenten ihrer  Vorstellungen, Ideen pp., aber die wirklichen,
       wirkenden Menschen,  wie sie  bedingt sind  durch eine  bestimmte
       Entwicklung ihrer  Produktivkräfte und des denselben entsprechen-
       den Verkehrs  bis zu seinen weitesten Formationen hinauf. Das Be-
       wußtsein kann nie etwas Andres sein als das bewußte Sein, und das
       Sein der  Menschen ist  ihr wirklicher  Lebensprozeß. Wenn in der
       ganzen Ideologie  die Menschen und ihre Verhältnisse wie in einer
       Camera obscura  auf den  Kopf gestellt  erscheinen, so  geht dies
       Phänomen ebensosehr  aus ihrem  historischen Lebensprozeß hervor,
       wie die  Umdrehung der Gegenstände auf der Netzhaut aus ihrem un-
       mittelbar physischen.
       Ganz im  Gegensatz zur  deutschen Philosophie,  welche vom Himmel
       auf die  Erde herabsteigt,  wird hier von der Erde zum Himmel ge-
       stiegen. D.h.,  es wird  nicht ausgegangen  von dem, was die Men-
       schen sagen,  sich einbilden, sich vorstellen, auch nicht von den
       gesagten, gedachten,  eingebildeten, vorgestellten  Menschen,  um
       davon aus  bei den  leibhaftigen Menschen anzukommen; es wird von
       den wirklich  tätigen Menschen ausgegangen und aus ihrem  wirkli-
       chen  Lebensprozeß auch die Entwicklung der ideologischen Reflexe
       und Echos  dieses Lebensprozesses dargestellt. Auch die Nebelbil-
       dungen im Gehirn der Menschen sind notwendige Sublimate ihres ma-
       teriellen, empirisch konstatierbaren  und  an  materielle Voraus-
       setzungen geknüpften Lebensprozesses.  Die Moral, Religion, Meta-
       physik und  sonstige Ideologie  und die  ihnen entsprechenden Be-
       wußtseinsformen behalten hiermit
       ---
       machen, sind Vorstellungen entweder über ihr Verhältnis zur Natur
       oder über  ihr Verhältnis untereinander, oder über ihre eigne Be-
       schaffenheit. Es  ist einleuchtend,  daß in  allen diesen  Fällen
       diese Vorstellungen  der -  wirkliche oder illusorische - bewußte
       Ausdruck   ihrer   wirklichen Verhältnisse  und Betätigung, ihrer
       Produktion, ihres  Verkehrs, ihrer gesellschaftlichen und politi-
       schen Organisation  sind. Die  entgegengesetzte Annahme  ist  nur
       dann möglich,  wenn man außer dem Geist der wirklichen, materiell
       bedingten Individuen  noch einen  aparten Geist  voraussetzt. Ist
       der bewußte  Ausdruck der  wirklichen Verhältnisse dieser Indivi-
       duen illusorisch,  stellen sie  in ihren Vorstellungen ihre Wirk-
       lichkeit auf den Kopf, so ist dies wiederum eine Folge ihrer bor-
       nierten materiellen  Betätigungsweise und  ihrer daraus entsprin-
       genden bornierten gesellschaftlichen Verhältnisse.
       
       #27# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
       -----
       nicht länger  den Schein der Selbständigkeit. Sie haben keine Ge-
       schichte, sie  haben keine  Entwicklung, sondern die ihre materi-
       elle Produktion  und ihren materiellen Verkehr entwickelnden Men-
       schen ändern  mit dieser  ihrer Wirklichkeit  auch ihr Denken und
       die Produkte ihres Denkens. Nicht das Bewußtsein bestimmt das Le-
       ben, sondern das Leben bestimmt aas Bewußtsein. In der ersten Be-
       trachtungsweise geht  man von  dem Bewußtsein  als dem lebendigen
       Individuum aus,  m der zweiten, dem wirklichen Leben entsprechen-
       den, von den wirklichen lebendigen Individuen selbst und betrach-
       tet das Bewußtsein nur als  i h r  Bewußtsein.
       Diese Betrachtungsweise ist nicht voraussetzungslos. Sie geht von
       den wirklichen Voraussetzungen aus, sie verläßt sie keinen Augen-
       blick. Ihre  Voraussetzungen sind die Menschen nicht in irgendei-
       ner phantastischen  Abgeschlossenheit und  Fixierung, sondern  in
       ihrem wirklichen,  empirisch anschaulichen Entwicklungsprozeß un-
       ter bestimmten  Bedingungen. Sobald  dieser  tätige  Lebensprozeß
       dargestellt wird,  hört die  Geschichte auf,  eine Sammlung toter
       Fakta zu sein, wie bei den selbst noch abstrakten Empirikern [7],
       oder eine eingebildete Aktion eingebildeter Subjekte, wie bei den
       Idealisten.
       Da, wo  die Spekulation  aufhört, beim  wirklichen Leben, beginnt
       also die  wirkliche, positive  Wissenschaft, die  Darstellung der
       praktischen Betätigung, des praktischen Entwicklungsprozesses der
       Menschen. Die Phrasen vom Bewußtsein hören auf, wirkliches Wissen
       muß an  ihre Stelle treten. Die selbständige Philosophie verliert
       mit der  Darstellung der Wirklichkeit ihr Existenzmedium. An ihre
       Stelle kann  höchstens eine Zusammenfassung der allgemeinsten Re-
       sultate treten,  die sich  aus der  Betrachtung der  historischen
       Entwicklung der Menschen abstrahieren lassen. Diese Abstraktionen
       haben für  sich, getrennt von der wirklichen Geschichte, durchaus
       keinen Wert.  Sie können  nur dazu  dienen, die  Ordnung des  ge-
       schichtlichen Materials  zu erleichtern,  die Reihenfolge  seiner
       einzelnen Schichten  anzudeuten. Sie  geben aber  keineswegs, wie
       die Philosophie,  ein Rezept oder Schema, wonach die geschichtli-
       chen Epochen zurechtgestutzt werden können. Die Schwierigkeit be-
       ginnt im  Gegenteil erst  da, wo  man sich an die Betrachtung und
       Ordnung des  Materials, sei  es einer  vergangnen Epoche oder der
       Gegenwart, an  die wirkliche  Darstellung gibt.  Die  Beseitigung
       dieser Schwierigkeiten  ist durch  Voraussetzungen  bedingt,  die
       keineswegs hier  gegeben werden  können, sondern die erst aus dem
       Studium des wirklichen Lebensprozesses und der Aktion der Indivi-
       duen jeder Epoche sich ergeben. Wir nehmen hier einige dieser Ab-
       straktionen heraus,  die wir  gegenüber der Ideologie gebrauchen,
       und werden sie an historischen Beispielen erläutern.
       
       #28# Karl Marx und Friedrich Engels
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       [1.] Geschichte
       
       Wir müssen  bei den voraussetzungslosen Deutschen damit anfangen,
       daß wir die erste Voraussetzung aller menschlichen Existenz, also
       auch aller  Geschichte konstatieren,  nämlich die  Voraussetzung,
       daß die  Menschen imstande  sein müssen  zu leben, um "Geschichte
       machen" zu  können. *)  Zum Leben aber gehört vor Allem Essen und
       Trinken, Wohnung, Kleidung und noch einiges Andere. Die erste ge-
       schichtliche Tat  ist also die Erzeugung der Mittel zur Befriedi-
       gung dieser  Bedürfnisse, die  Produktion des  materiellen Lebens
       selbst, und  zwar ist dies eine geschichtliche Tat, eine Grundbe-
       dingung aller  Geschichte, die noch heute, wie vor Jahrtausenden,
       täglich und  stündlich erfüllt werden muß, um die Menschen nur am
       Leben zu  erhalten. Selbst wenn die Sinnlichkeit, wie beim heili-
       gen Bruno,  auf einen Stock, auf das Minimum reduziert ist, setzt
       sie die Tätigkeit der Produktion dieses Stockes voraus. Das Erste
       also bei  aller geschichtlichen  Auffassung ist,  daß  man  diese
       Grundtatsache in  ihrer ganzen Bedeutung und ihrer ganzen Ausdeh-
       nung beobachtet  und zu  ihrem Rechte kommen läßt. Dies haben die
       Deutschen bekanntlich  nie getan, daher nie eine  i r d i s c h e
       Basis für  die Geschichte  und folglich  nie einen Historiker ge-
       habt. Die Franzosen und Engländer, wenn sie auch den Zusammenhang
       dieser Tatsache mit der sogenannten Geschichte nur höchst einsei-
       tig auffaßten,  namentlich solange sie in der politischen Ideolo-
       gie befangen waren, so haben sie doch immerhin die ersten  Versu-
       che gemacht, der  Geschichtschreibung eine materialistische Basis
       zu geben,  indem sie  zuerst Geschichten der bürgerlichen Gesell-
       schaft, des Handels und der Industrie schrieben.
       Das Zweite  ist, daß  das befriedigte erste Bedürfnis selbst, die
       Aktion der  Befriedigung und  das schon  erworbene Instrument der
       Befriedigung zu  neuen Bedürfnissen  führt -  und diese Erzeugung
       neuer Bedürfnisse  ist die erste geschichtliche Tat. Hieran zeigt
       sich sogleich,  wes Geistes  Kind die  große historische Weisheit
       der Deutschen ist, die da, wo ihnen das positive Material ausgeht
       und wo  weder theologischer  noch politischer  noch literarischer
       Unsinn  verhandelt   wird,  gar  keine  Geschichte,  sondern  die
       "vorgeschichtliche Zeit"  sich ereignen  lassen, ohne  uns  indes
       darüber   aufzuklären,    wie   man   aus   diesem   Unsinn   der
       "Vorgeschichte" in  die eigentliche Geschichte kommt - obwohl auf
       der ändern Seite ihre historische Spekulation sich ganz besonders
       auf diese "Vorgeschichte" wirft, weil sie da sicher
       ---
       *) [Randbemerkung von  Marx:] Hegel. Geologische, hydrographische
       etc. Verhältnisse. Die menschlichen Leiber. Bedürfnis, Arbeit.
       
       #29# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
       -----
       zu sein  glaubt  vor  den  Eingriffen  des  "rohen  Faktums"  und
       zugleich, weil  sie hier  ihrem spekulierenden  Triebe alle Zügel
       schießen lassen und Hypothesen zu Tausenden erzeugen und umstoßen
       kann.
       Das dritte  Verhältnis, was hier gleich von vornherein in die ge-
       schichtliche Entwicklung eintritt, ist das, daß die Menschen, die
       ihr eignes  Leben täglich neu machen, anfangen, andre Menschen zu
       machen, sich  fortzupflanzen -  das Verhältnis  zwischen Mann und
       Weib, Eltern und Kindern, die  F a m i l i e.  Diese Familie, die
       im Anfange das einzige soziale Verhältnis ist, wird späterhin, wo
       die vermehrten  Bedürfnisse neue  gesellschaftliche Verhältnisse,
       und die  vermehrte Menschenzahl neue Bedürfnisse erzeugen, zu ei-
       nem untergeordneten  (ausgenommen in Deutschland) und muß alsdann
       nach den existierenden empirischen Daten, nicht nach dem "Begriff
       der Familie", wie man in Deutschland zu tun pflegt, behandelt und
       entwickelt werden.  *) Übrigens sind diese drei Seiten der sozia-
       len Tätigkeit  nicht als drei verschiedene Stufen zu fassen, son-
       dern eben  nur als drei Seiten, oder um für die Deutschen klar zu
       schreiben, drei "Momente", die vom Anbeginn der Geschichte an und
       seit den  ersten Menschen  zugleich existiert haben und sich noch
       heute in der Geschichte geltend machen.
       Die Produktion  des Lebens,  sowohl des  eignen in der Arbeit wie
       des fremden  in der Zeugung, erscheint nun schon sogleich als ein
       doppeltes Verhältnis  - einerseits  als natürliches,  andrerseits
       als gesellschaftliches Verhältnis -,
       ---
       *) Häuserbau. Bei  den Wilden  versteht es  sich von  selbst, daß
       jede Familie ihre eigne Höhle oder Hütte hat, wie bei den Nomaden
       das separate  Zelt jeder  Familie. Diese getrennte Hauswirtschaft
       wird durch  die weitere  Entwicklung des Privateigentums nur noch
       nötiger gemacht.  Bei den  Agrikulturvölkern ist  die  gemeinsame
       Hauswirtschaft ebenso  unmöglich wie  die gemeinsame Bodenkultur.
       Ein großer  Fortschritt war  die Erbauung  von Städten.  In allen
       bisherigen Perioden  war indes die Aufhebung der getrennten Wirt-
       schaft, die  von der Aufhebung des Privateigentums nicht zu tren-
       nen ist, schon deswegen unmöglich, weil die materiellen Bedingun-
       gen dazu nicht vorhanden waren. Die Einrichtung einer gemeinsamen
       Hauswirtschaft setzt  die Entwicklung der Maschinerie, der Benut-
       zung der  Naturkräfte und  vieler ändern Produktivkräfte voraus -
       z.B. der  Wasserleitungen, der  Gasbeleuchtung, der  Dampfheizung
       etc., Aufhebung  [des Gegensatzes] von Stadt und Land. Ohne diese
       Bedingungen würde  die gemeinsame  Wirtschaft nicht selbst wieder
       eine neue  Produktionskraft sein, aller materiellen Basis entbeh-
       ren, auf  einer bloß  theoretischen Grundlage  beruhen, d.h. eine
       bloße Marotte  sein und  es nur  zur Klosterwirtschaft bringen. -
       Was möglich war, zeigt sich in der Zusammenrückung zu Städten und
       in der  Erbauung gemeinsamer Häuser zu einzelnen bestimmten Zwec-
       ken (Gefängnisse, Kasernen pp.). Daß die Aufhebung der getrennten
       Wirtschaft von  der Aufhebung  der Familie  nicht zu trennen ist,
       versteht sich von selbst.
       
       #30# Karl Marx und Friedrich Engels
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       gesellschaftlich in  dem Sinne,  als hierunter das Zusammenwirken
       mehrerer Individuen,  gleichviel unter  welchen Bedingungen,  auf
       welche Weise  und zu welchem Zweck, verstanden wird. Hieraus geht
       hervor, daß  eine bestimmte  Produktionsweise  oder  industrielle
       Stufe stets  mit einer  bestimmten Weise des Zusammenwirkens oder
       gesellschaftlichen Stufe  vereinigt ist,  und diese Weise des Zu-
       sammenwirkens ist selbst eine "Produktivkraft", daß die Menge der
       den Menschen  zugänglichen Produktivkräfte den gesellschaftlichen
       Zustand bedingt und also die "Geschichte der Menschheit" stets im
       Zusammenhange mit  der Geschichte  der Industrie  und des Austau-
       sches studiert  und bearbeitet werden muß. Es ist aber auch klar,
       wie es in Deutschland unmöglich ist, solche Geschichte zu schrei-
       ben, da den Deutschen dazu nicht nur die Auffassungsfähigkeit und
       das Material,  sondern auch  die "sinnliche Gewißheit" abgeht und
       man jenseits des Rheins über diese Dinge keine Erfahrungen machen
       kann, weil dort keine Geschichte mehr vorgeht. Es zeigt sich also
       schon von  vornherein ein materialistischer Zusammenhang der Men-
       schen untereinander,  der durch die Bedürfnisse und die Weise der
       Produktion bedingt  und so  alt ist wie die Menschen selbst - ein
       Zusammenhang,  der  stets  neue  Formen  annimmt  und  also  eine
       "Geschichte" darbietet,  auch ohne daß irgendein politischer oder
       religiöser Nonsens  existiert, der die Menschen noch extra zusam-
       menhalte.
       Jetzt erst, nachdem wir bereits vier Momente, vier Seiten der ur-
       sprünglichen, geschichtlichen Verhältnisse betrachtet haben, fin-
       den wir,  daß der Mensch auch "Bewußtsein" hat. *) Aber auch dies
       nicht von  vornherein, als  "reines" Bewußtsein.  Der "Geist" hat
       von vornherein  den Fluch  an sich, mit der Materie "behaftet" zu
       sein, die  hier in  der Form  von bewegten  Luftschichten, Tönen,
       kurz der Sprache auftritt. Die Sprache ist so alt wie das Bewußt-
       sein -  die Sprache   i s t   das praktische, auch für andre Men-
       schen existierende,  also auch  für mich selbst erst existierende
       wirkliche Bewußtsein,  und die  Sprache entsteht, wie das Bewußt-
       sein, erst  aus dem  Bedürfnis, der Notdurft des Verkehrs mit än-
       dern Menschen.  **) Wo  ein Verhältnis existiert, da existiert es
       für mich,  das Tier "verhält" sich zu Nichts und überhaupt nicht.
       Für das  Tier existiert  sein Verhältnis zu ändern nicht als Ver-
       hältnis. Das
       ---
       *) Die Menschen  haben Geschichte, weil sie ihr Leben  p r o d u-
       z i e r e n   müssen, und  zwar  müssen  auf    b e s t i m m t e
       Weise: dies  ist 1*)  durch ihre  physische Organisation gegeben;
       ebenso wie ihr Bewußtsein.
       **) [Im Manuskript  gestrichen:] Mein  Verhältnis zu meiner Umge-
       bung ist mein Bewußtsein.
       -----
       1*) MEGA: dies Müssen
       
       #31# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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       Bewußtsein ist  also von  vornherein schon ein gesellschaftliches
       Produkt und bleibt es, solange überhaupt Menschen existieren. Das
       Bewußtsein  ist   natürlich  zuerst   bloß  Bewußtsein  über  die
       n ä c h s t e   sinnliche Umgebung  und Bewußtsein des bornierten
       Zusammenhanges mit  ändern Personen und Dingen außer dem sich be-
       wußt werdenden Individuum; es ist zu gleicher Zeit Bewußtsein der
       Natur,  die  den  Menschen  anfangs  als  eine  durchaus  fremde,
       allmächtige und  unangreifbare Macht  gegenübertritt, zu der sich
       die Menschen rein tierisch verhalten, von der sie sich imponieren
       lassen wie  das Vieh; und also ein rein tierisches Bewußtsein der
       Natur (Naturreligion).
       Man sieht  hier sogleich: Diese Naturreligion oder dies bestimmte
       Verhalten zur  Natur ist  bedingt durch die Gesellschaftsform und
       umgekehrt. Hier  wie überall  tritt die  Identität von  Natur und
       Mensch auch  so hervor, daß   das   bornierte Verhalten  der Men-
       schen zur  Natur   ihr borniertes  Verhalten zueinander,  und ihr
       borniertes Verhalten zueinander ihr borniertes Verhältnis zur Na-
       tur bedingt,  eben weil die Natur noch kaum geschichtlich modifi-
       ziert ist,  und andrerseits Bewußtsein der Notwendigkeit, mit den
       umgebenden Individuen in Verbindung zu treten, der Anfang des Be-
       wußtseins darüber,  daß er  überhaupt in einer Gesellschaft lebt.
       Dieser Anfang  ist so  tierisch wie  das gesellschaftliche  Leben
       dieser Stufe  selbst, er  ist bloßes  Herdenbewußtsein,  und  der
       Mensch unterscheidet  sich hier  vom Hammel nur dadurch, daß sein
       Bewußtsein ihm  die Stelle  des Instinkts vertritt, oder daß sein
       Instinkt ein  bewußter ist.  Dieses Hammel-  oder Stammbewußtsein
       erhält seine weitere Entwicklung und Ausbildung durch die gestei-
       gerte Produktivität,  die Vermehrung der Bedürfnisse und die Bei-
       den zum Grunde liegende Vermehrung der Bevölkerung. Damit entwic-
       kelt sich die Teilung der Arbeit, die ursprünglich nichts war als
       die Teilung  der Arbeit  im Geschlechtsakt,  dann Teilung der Ar-
       beit, die sich vermöge der natürlichen Anlage (z.B. Körperkraft),
       Bedürfnisse, Zufälle  etc. etc.  von selbst  oder  "naturwüchsig"
       macht. Die  Teilung der Arbeit wird erst wirklich Teilung von dem
       Augenblicke an, wo eine Teilung der materiellen und geistigen Ar-
       beit eintritt.  *) Von  diesem Augenblicke  an  k a n n  sich das
       Bewußtsein wirklich  einbilden, etwas  Andres als  das Bewußtsein
       der bestehenden  Praxis zu  sein,   w i r k l i c h  etwas vorzu-
       stellen, ohne  etwas Wirkliches  vorzustellen - von diesem Augen-
       blicke an ist das Bewußtsein imstande, sich von der Welt zu eman-
       zipieren und  zur Bildung der "reinen" Theorie, Theologie, Philo-
       sophie, Moral  etc. überzugehen.  Aber selbst wenn diese Theorie,
       Theologie, Philosophie,  Moral etc.  m Widerspruch mit den beste-
       henden Verhältnissen  treten, so kann dies nur dadurch geschehen,
       daß die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse
       ---
       *) [Randbemerkung von  Marx:] Erste Form der Ideologen,  P f a f-
       f e n,  fällt zusammen.
       
       #32# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       mit der bestehenden Produktionskraft in Widerspruch getreten sind
       - was übrigens in einem bestimmten nationalen Kreise von Verhält-
       nissen auch  dadurch geschehen kann, daß der Widerspruch nicht in
       diesem nationalen Umkreis, sondern zwischen diesem nationalen Be-
       wußtsein und  der Praxis  der anderen  Nationen *), d.h. zwischen
       dem nationalen  und allgemeinen Bewußtsein einer Nation sich ein-
       stellt.
       Übrigens ist  es ganz  einerlei, was  das Bewußtsein  alleene an-
       fängt, wir  erhalten aus  diesem ganzen Dreck nur das eine Resul-
       tat, daß  diese drei  Momente, die  Produktionskraft, der gesell-
       schaftliche Zustand  und das Bewußtsein, in Widerspruch unterein-
       ander geraten  können und  müssen, weil  mit der    T e i l u n g
       d e r   A r b e i t  die Möglichkeit, ja die Wirklichkeit gegeben
       ist, daß  die geistige  und materielle  Tätigkeit - daß der Genuß
       und die  Arbeit, Produktion und Konsumtion, verschiedenen Indivi-
       duen zufallen,  und die Möglichkeit, daß sie nicht in Widerspruch
       geraten, nur  darin liegt, daß die Teilung der Arbeit wieder auf-
       gehoben wird.  Es versteht  sich übrigens  von  selbst,  daß  die
       "Gespenster", "Bande",  "höheres Wesen",  "Begriff", "Bedenklich-
       keit" bloß der idealistische geistliche Ausdruck, die Vorstellung
       scheinbar des  vereinzelten Individuums sind, die Vorstellung von
       sehr empirischen  Fesseln und Schranken, innerhalb deren sich die
       Produktionsweise  des   Lebens  und  die  damit  zusammenhängende
       Verkehrsform bewegt.
       Mit der  Teilung der  Arbeit, in  welcher alle diese Widersprüche
       gegeben sind  und welche ihrerseits wieder auf der naturwüchsigen
       Teilung der  Arbeit in  der Familie  und der Trennung der Gesell-
       schaft in  einzelne, einander  entgegengesetzte Familien  beruht,
       ist  zu   gleicher  Zeit   auch  die  Verteilung,  und  zwar  die
       u n g l e i c h e.,   sowohl quantitative wie qualitative Vertei-
       lung der  Arbeit und  ihrer Produkte  gegeben, also das Eigentum,
       das in  der Familie,  wo die  Frau und die Kinder die Sklaven des
       Mannes sind,  schon seinen  Keim, seine erste Form hat. Die frei-
       lich noch sehr rohe, latente Sklaverei in der Familie ist das er-
       ste Eigentum,  das übrigens  hier schon vollkommen der Definition
       der modernen  Ökonomen entspricht, nach der es die Verfügung über
       fremde Arbeitskraft  ist. Übrigens  sind Teilung  der Arbeit  und
       Privateigentum identische Ausdrücke - in dem Einen wird in Bezie-
       hung auf  die Tätigkeit  dasselbe ausgesagt,  was m dem Ändern in
       bezug auf das Produkt der Tätigkeit ausgesagt wird.
       Ferner ist  mit der  Teilung der  Arbeit zugleich der Widerspruch
       zwischen dem Interesse des einzelnen Individuums oder der einzel-
       nen Familie und dem
       ---
       *) [Randbemerkung von  Marx:] Religion.  Die Deutschen   mit  der
       I d e o l o g i e  als solcher.
       
       #33# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
       -----
       gemeinschaftlichen Interesse  aller Individuen,  die  miteinander
       verkehren, gegeben; und zwar existiert dies gemeinschaftliche In-
       teresse nicht bloß in der Vorstellung, als "Allgemeines", sondern
       zuerst in  der Wirklichkeit als gegenseitige Abhängigkeit der In-
       dividuen, unter  denen die Arbeit geteilt ist. Und endlich bietet
       uns die  Teilung der  Arbeit gleich das erste Beispiel davon dar,
       daß, solange die Menschen sich in der naturwüchsigen Gesellschaft
       befinden, solange  also die  Spaltung zwischen  dem besondern und
       gemeinsamen Interesse existiert, solange die Tätigkeit also nicht
       freiwillig, sondern  naturwüchsig geteilt  ist, die eigne Tat des
       Menschen ihm zu einer fremden, gegenüberstehenden Macht wird, die
       ihn unterjocht,  statt daß  er sie  beherrscht. Sowie nämlich die
       Arbeit verteilt  zu werden  anfängt, hat  Jeder einen  bestimmten
       ausschließlichen Kreis  der Tätigkeit,  der ihm aufgedrängt wird,
       aus dem  er nicht  heraus kann;  er ist  Jäger, Fischer oder Hirt
       oder kritischer  Kritiker und  muß es  bleiben, wenn er nicht die
       Mittel zum  Leben verlieren will - während in der kommunistischen
       Gesellschaft, wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tä-
       tigkeit hat,  sondern sich  in jedem  beliebigen Zweige ausbilden
       kann, die  Gesellschaft die  allgemeine Produktion regelt und mir
       eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, mor-
       gens zu  jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu trei-
       ben, nach  dem Essen  zu kritisieren,  wie ich  gerade Lust habe,
       ohne je  Jäger, Fischer,  Hirt oder  Kritiker zu  werden.  Dieses
       Sichfestsetzen der sozialen Tätigkeit, diese Konsolidation unsres
       eignen Produkts  zu einer  sachlichen Gewalt über uns, die unsrer
       Kontrolle entwächst, unsre Erwartungen durchkreuzt, unsre Berech-
       nungen zunichte macht, ist eines der Hauptmomente in der bisheri-
       gen geschichtlichen  Entwicklung, und eben aus diesem Widerspruch
       des besondern und gemeinschaftlichen Interesses nimmt das gemein-
       schaftliche Interesse  als   S t a a t  eine selbständige Gestal-
       tung, getrennt  von den  wirklichen Einzel- und Gesamtinteressen,
       an, und  zugleich  als  illusorische  Gemeinschaftlichkeit,  aber
       stets auf  der realen Basis der in jedem Familien- und Stamm-Kon-
       glomerat vorhandenen  Bänder, wie Fleisch und Blut, Sprache, Tei-
       lung der  Arbeit im  größeren Maßstabe und sonstigen Interessen -
       und" besonders,  wie wir  später entwickeln werden, der durch die
       Teilung der  Arbeit  bereits  bedingten  Klassen,  die  in  jedem
       derartigen Menschenhaufen  sich absondern und von denen eine alle
       ändern beherrscht.  Hieraus folgt,  daß alle Kämpfe innerhalb des
       Staats, der  Kampf zwischen  Demokratie, Aristokratie  und Monar-
       chie, der  Kampf um das Wahlrecht etc. etc., nichts als die illu-
       sorischen Formen  sind, in  denen die  wirklichen Kämpfe der ver-
       schiednen Klassen  untereinander geführt  werden (wovon die deut-
       schen Theoretiker  nicht eine Silbe ahnen, trotzdem daß man ihnen
       in den "Deutsch-Französischen Jahrbüchern"
       
       #34# Karl Marx und Friedrich Engels
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       und der  "Heiligen Familie  " [8]  dazu Anleitung  genug  gegeben
       hatte), und  ferner,  daß  jede  nach  der  Herrschaft  strebende
       Klasse, wenn  ihre Herrschaft auch, wie dies beim Proletariat der
       Fall ist,  die Aufhebung  der ganzen  alten Gesellschaftsform und
       der Herrschaft  überhaupt bedingt,  sich  zuerst  die  politische
       Macht erobern  muß, um  ihr Interesse  wieder als das Allgemeine,
       wozu sie  im ersten  Augenblick gezwungen ist, darzustellen. Eben
       weil die  Individuen nur  ihr besondres,  für sie nicht mit ihrem
       gemeinschaftlichen Interesse  zusammenfallendes suchen, überhaupt
       das Allgemeine  illusorische Form  der  Gememschafthchkeit,  wird
       dies als  ein ihnen  "fremdes" und  von ihnen "unabhängiges", als
       ein selbst  wieder besonderes  und eigentümliches "Allgemein"-In-
       teresse geltend  gemacht, oder  sie selbst  müssen sich in diesem
       Zwiespalt bewegen  1*), wie  in der Demokratie. Andrerseits macht
       denn auch  der    p r a k t i s c h e    Kampf  dieser  beständig
       w i r k l i c h  den gemeinschaftlichen und illusorischen gemein-
       schaftlichen Interessen  entgegentretenden  Sonderinteressen  die
       p r a k t i s c h e  Dazwischenkunft und Zügelung durch das illu-
       sorische  "Allgemein"-Interesse  als  Staat  nötig.  Die  soziale
       Macht, d.h.  die vervielfachte Produktionskraft, die durch das in
       der Teilung  der Arbeit bedingte Zusammenwirken der verschiedenen
       Individuen entsteht, erscheint diesen Individuen, weil das Zusam-
       menwirken selbst  nicht  freiwillig,  sondern  naturwüchsig  ist,
       nicht als  ihre eigne,  vereinte Macht,  sondern als eine fremde,
       außer ihnen  stehende Gewalt,  von der sie nicht wissen woher und
       wohin, die  sie also nicht mehr beherrschen können, die im Gegen-
       teil nun  eine eigentümliche,  vom Wollen und Laufen der Menschen
       unabhängige, ja  dies Wollen und Laufen erst dirigierende Reihen-
       folge von Phasen und Entwicklungsstufen durchläuft.
       Diese "Entfremdung",  um den Philosophen verständlich zu bleiben,
       kann natürlich  nur unter zwei  p r a k t i s c h e n  Vorausset-
       zungen aufgehoben werden.
       Damit sie  eine "unerträgliche" Macht werde, d.h. eine Macht, ge-
       gen die  man revolutioniert,  dazu gehört,  daß sie die Masse der
       Menschheit als  durchaus "Eigentumslos"  erzeugt hat und zugleich
       im Widerspruch  zu einer  vorhandnen Welt  des Reichtums  und der
       Bildung, was  beides eine  große Steigerung  der  Produktivkraft,
       einen hohen  Grad ihrer Entwicklung voraussetzt - und andrerseits
       ist diese  Entwicklung der  Produktivkräfte (womit zugleich schon
       die in   w e l t g e s c h i c h t l i c h e m,  statt der in lo-
       kalem Dasein  der Menschen  vorhandne empirische Existenz gegeben
       ist) auch  deswegen eine absolut notwendige praktische Vorausset-
       zung, weil  ohne sie  nur der  M a n g e l  verallgemeinert, also
       mit der   N o t d u r f t  auch der Streit um das Notwendige wie-
       der beginnen und
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       1*) MEGA: in diesem Zwiespalt begegnen
       
       #35# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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       die ganze alte Scheiße sich herstellen müßte, weil ferner nur mit
       dieser   universellen   Entwicklung   der   Produktivkräfte   ein
       u n i v e r s e l l e r   Verkehr der Menschen gesetzt ist, daher
       einerseits das  Phänomen der "Eigentumslosen" Masse in Allen Völ-
       kern gleichzeitig  erzeugt (allgemeine Konkurrenz), jedes dersel-
       ben von  den Umwälzungen  der ändern  abhängig macht, und endlich
       w e l t g e s c h i c h t l i c h e,  empirisch universelle Indi-
       viduen an die Stelle der lokalen gesetzt hat. Ohne dies könnte 1.
       der  Kommunismus  nur  als  eine  Lokalität  existieren,  2.  die
       M ä c h t e   des Verkehrs  selbst hätten  sich als  u n i v e r-
       s e l l e,   drum unerträgliche  Mächte nicht  entwickeln können,
       sie wären  heimisch-abergläubige  "Umstände"  geblieben,  und  3.
       würde jede  Erweiterung  des  Verkehrs  den  lokalen  Kommunismus
       aufheben. Der  Kommunismus ist  empirisch nur  als  die  Tat  der
       herrschenden Völker  "auf einmal"  und gleichzeitig  1*) möglich,
       was die  universelle Entwicklung  der Produktivkraft  und den mit
       ihm zusammenhängenden  Weltverkehr  voraussetzt.  [9]  Wie  hätte
       sonst z.B.  das Eigentum  überhaupt eine  Geschichte haben,  ver-
       schiedene Gestalten  annehmen, und etwa das Grundeigentum je nach
       der verschiedenen  vorliegenden Voraussetzung  in Frankreich  aus
       der Parzellierung  zur Zentralisation  in wenigen Händen, in Eng-
       land aus  der Zentralisation  in wenigen Händen zur Parzellierung
       drängen können,  wie dies  heute wirklich  der Fall ist? Oder wie
       kommt es, daß der Handel, der doch weiter nichts ist als der Aus-
       tausch der Produkte verschiedner Individuen und Länder, durch das
       Verhältnis von  Nachfrage und  Zufuhr die ganze Welt beherrscht -
       ein Verhältnis,  das, wie  ein englischer Ökonom sagt, gleich dem
       antiken Schicksal über der Erde schwebt und mit unsichtbarer Hand
       Glück und  Unglück an  die Menschen  verteilt, Reiche stiftet und
       Reiche zertrümmert,  Völker entstehen  und verschwinden 2*) macht
       -, während  mit der Aufhebung der Basis, des Privateigentums, mit
       der kommunistischen Regelung der Produktion und der darin liegen-
       den Vernichtung der Fremdheit, mit der sich die Menschen zu ihrem
       eignen Produkt  verhalten, die  Macht des Verhältnisses von Nach-
       frage und Zufuhr sich in Nichts auflöst und die Menschen den Aus-
       tausch, die  Produktion, die Weise ihres gegenseitigen Verhaltens
       wieder in ihre Gewalt bekommen?
       Der Kommunismus ist für uns nicht ein  Z u s t a n d,  der herge-
       stellt werden soll, ein  I d e a l,  wonach die Wirklichkeit sich
       zu richten  haben [wird].  Wir nennen  Kommunismus die   w i r k-
       l i c h e   Bewegung, welche  den jetzigen  Zustand aufhebt.  Die
       Bedingungen dieser  Bewegung ergeben  sich aus  der jetzt  beste-
       henden Voraussetzung.  Übrigens setzt  die Masse von  b l o ß e n
       Arbeitern -
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       1*) MEGA: "auf einmal" oder gleichzeitig - 2*) MEGA: schwinden
       
       #36# Karl Marx und Friedrich Engels
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       massenhafte 1*)  von Kapital  oder von irgendeiner bornierten Be-
       friedigung abgeschnittne Arbeiterkraft - und darum auch der nicht
       mehr temporäre Verlust dieser Arbeit selbst als einer gesicherten
       Lebensquelle durch die Konkurrenz den  W e l t m a r k t  voraus.
       Das Proletariat  kann also nur  w e l t g e s c h i c h t l i c h
       existieren,  wie   der  Kommunismus,   seine  Aktion,   nur   als
       "weltgeschichtliche"  Existenz  überhaupt  vorhanden  sein  kann;
       weltgeschichtliche Existenz  der Individuen,  d. h.  Existenz der
       Individuen, die unmittelbar mit der Weltgeschichte verknüpft ist.
       Die durch die auf allen bisherigen geschichtlichen Stufen vorhan-
       denen Produktionskräfte bedingte und sie wiederum bedingende Ver-
       kehrsform  ist   die      b ü r g e r l i c h e      G e s e l l-
       s c h a f t,   die, wie  schon aus dem Vorhergehenden hervorgeht,
       die  einfache  Familie  und  die  zusammengesetzte  Familie,  das
       sogenannte Stammwesen  zu ihrer  Voraussetzung und Grundlage hat,
       und deren  nähere Bestimmungen  im Vorhergehenden enthalten sind.
       Es zeigt  sich schon hier, daß diese bürgerliche Gesellschaft der
       wahre  Herd   und  Schauplatz   aller  Geschichte  ist,  und  wie
       widersinnig  die  bisherige,  die  wirklichen  Verhältnisse  ver-
       nachlässigende Geschichtsauffassung  mit ihrer  Beschränkung  auf
       hochtönende Haupt- und Staatsaktionen ist. *)
       Die bürgerliche Gesellschaft umfaßt den gesamten materiellen Ver-
       kehr der  Individuen innerhalb einer bestimmten Entwicklungsstufe
       der Produktivkräfte.  Sie umfaßt das gesamte kommerzielle und in-
       dustrielle Leben einer Stufe und geht insofern über den Staat und
       die Nation  hinaus, obwohl  sie andrerseits wieder nach Außen hin
       als Nationalität  sich geltend  machen, nach Innen als Staat sich
       gliedern muß.  Das Wort bürgerliche Gesellschaft kam auf im acht-
       zehnten Jahrhundert,  als die  Eigentumsverhältnisse bereits  aus
       dem antiken und mittelalterlichen Gemeinwesen sich herausgearbei-
       tet hatten.  Die bürgerliche  Gesellschaft als  solche entwickelt
       sich erst mit der Bourgeoisie; die unmittelbar aus der Produktion
       und dem Verkehr sich entwickelnde gesellschaftliche Organisation,
       die zu  allen Zeiten die Basis des Staats und der sonstigen idea-
       listischen Superstruktur  bildet, ist  indes fortwährend mit dem-
       selben Namen bezeichnet worden.
       ---
       *) [Im Manuskript:  gestrichen:] Bisher  haben wir  hauptsächlich
       nur die  eine Seite  der menschlichen  Tätigkeit, die    B e a r-
       b e i t u n g   d e r   N a t u r  durch die Menschen betrachtet.
       Die andre  Seite, die    B e a r b e i t u n g    d e r    M e n-
       s c h e n  durch  d i e  M e n s c h e n...
       Ursprung des  Staats und  das Verhältnis des Staats zur bürgerli-
       chen Gesellschaft.
       -----
       1*) MEGA: massenhaft
       
       #37# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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       [2.] Über die Produktion des Bewußtseins
       
       In der  bisherigen Geschichte  ist es  allerdings ebensosehr eine
       empirische Tatsache, daß die einzelnen Individuen mit der Ausdeh-
       nung der Tätigkeit zur Weltgeschichtlichen immer mehr unter einer
       ihnen fremden  Macht geknechtet  worden sind  (welchen Druck  sie
       sich denn auch als Schikane des sogenannten Weltgeistes etc. vor-
       stellten), einer  Macht, die  immer massenhafter geworden ist und
       sich in  letzter Instanz  als   W e l t m a r k t  ausweist. Aber
       ebenso empirisch  begründet ist es, daß durch den Umsturz des be-
       stehenden gesellschaftlichen  Zustandes durch  die kommunistische
       Revolution (wovon  weiter unten)  und die damit identische Aufhe-
       bung des  Privateigentums diese den deutschen Theoretikern so my-
       steriöse Macht  aufgelöst wird  und alsdann  die Befreiung  jedes
       einzelnen Individuums in demselben Maße durchgesetzt wird, in dem
       die Geschichte sich vollständig in Weltgeschichte verwandelt. Daß
       der wirkliche  geistige Reichtum  des Individuums  ganz  von  dem
       Reichtum seiner wirklichen Beziehungen abhängt, ist nach dem Obi-
       gen klar.  Die einzelnen Individuen werden erst hierdurch von den
       verschiedenen nationalen  und lokalen  Schranken befreit, mit der
       Produktion (auch mit der geistigen) der ganzen Welt in praktische
       Beziehung gesetzt  und in den Stand gesetzt, sich die Genußfähig-
       keit für diese allseitige Produktion der ganzen Erde (Schöpfungen
       der Menschen)  zu erwerben.  Die   a l l s e i t i g e  Abhängig-
       keit, diese  naturwüchsige Form  des   w e l t g e s c h i c h t-
       l i c h e n   Zusammenwirkens   der Individuen,  wird durch diese
       kommunistische Revolution verwandelt in die Kontrolle und bewußte
       Beherrschung dieser  Mächte, die,  aus dem Aufeinander-Wirken der
       Menschen  erzeugt,   ihnen  bisher  als  durchaus  fremde  Mächte
       imponiert und  sie beherrscht  haben. Diese  Anschauung kann  nun
       wieder spekulativ-idealistisch,  d.h. phantastisch als "Selbster-
       zeugung der  Gattung" (die "Gesellschaft als Subjekt") gefaßt und
       dadurch  die   aufeinanderfolgende  Reihe  von  im  Zusammenhange
       stehenden Individuen  als  ein  einziges  Individuum  vorgestellt
       werden, das  das Mysterium vollzieht, sich selbst zu erzeugen. Es
       zeigt sich  hier, daß  die Individuen allerdings  e i n a n d e r
       machen, physisch  und geistig,  aber nicht  sich machen, weder im
       Unsinn des  heiligen Bruno,  noch im  Sinne des  "Einzigen",  des
       "gemachten" Mannes.
       Diese Geschichtsauffassung  beruht also  darauf,  den  wirklichen
       Produktionsprozeß, und  zwar von  der materiellen  Produktion des
       unmittelbaren Lebens  ausgehend, zu entwickeln und die mit dieser
       Produktionsweise zusammenhängende  und von ihr erzeugte Verkehrs-
       form, also  die bürgerliche  Gesellschaft in  ihren verschiedenen
       Stufen, als  Grundlage der  ganzen Geschichte aufzufassen und sie
       sowohl in ihrer Aktion als Staat darzustellen,
       
       #38# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       wie die  sämtlichen verschiedenen  theoretischen Erzeugnisse  und
       Formen des  Bewußtseins, Religion,  Philosophie, Moral etc. etc.,
       aus ihr zu erklären und ihren Entstehungsprozeß aus ihnen zu ver-
       folgen, wo  dann natürlich auch die Sache in ihrer Totalität (und
       darum auch  die Wechselwirkung dieser verschiednen Seiten aufein-
       ander) dargestellt  werden kann.  Sie hat in jeder Periode nicht,
       wie die  idealistische Geschichtsanschauung, nach einer Kategorie
       zu suchen,  sondern bleibt  fortwährend auf  dem wirklichen   Ge-
       schichts b o d e n   stehen, erklärt  nicht die  Praxis  aus  der
       Idee, erklärt die Ideenformationen aus der materiellen Praxis und
       kommt demgemäß auch zu dem Resultat 1*), daß alle Formen und Pro-
       dukte des  Bewußtseins nicht  durch geistige Kritik, durch Auflö-
       sung  ins   "Selbstbewußtsein"  oder   Verwandlung   in   "Spuk",
       "Gespenster", "Sparren"  etc., sondern  nur durch den praktischen
       Umsturz der  realen gesellschaftlichen  Verhältnisse,  aus  denen
       diese idealistischen Flausen  hervorgegangen sind, aufgelöst wer-
       den können  - daß  nicht die  Kritik, sondern  die Revolution die
       treibende Kraft der Geschichte auch der Religion, Philosophie und
       sonstigen Theorie  ist. Sie zeigt, daß die Geschichte nicht damit
       endigt, sich  ins "Selbstbewußtsein" als "Geist vom Geist" aufzu-
       lösen, sondern  daß in ihr auf jeder Stufe ein materielles Resul-
       tat, eine  Summe von Produktionskräften, ein historisch geschaff-
       nes Verhältnis  zur Natur und der Individuen zueinander sich vor-
       findet, die  jeder Generation  von ihrer  Vorgängerin überliefert
       wird, eine  Masse von Produktivkräften, Kapitalien und Umständen,
       die zwar  einerseits von  der neuen  Generation modifiziert wird,
       ihr aber  auch andrerseits  ihre  eignen  Lebensbedingungen  vor-
       schreibt und  ihr eine  bestimmte Entwicklung,  einen  speziellen
       Charakter gibt  - daß  also die Umstände ebensosehr die Menschen,
       wie die  Menschen die  Umstände machen. Diese Summe von Produkti-
       onskräften, Kapitalien und sozialen Verkehrsformen, die jedes In-
       dividuum und  jede Generation  als etwas Gegebenes vorfindet, ist
       der reale  Grund dessen,  was sich die Philosophen als "Substanz"
       und "Wesen  des Menschen"  vorgestellt, was  sie apotheosiert und
       bekämpft haben,  ein realer Grund, der dadurch nicht im Mindesten
       in seinen  Wirkungen und  Einflüssen auf die Entwicklung der Men-
       schen gestört  wird, daß diese Philosophen als "Selbstbewußtsein"
       und "Einzige"  dagegen rebellieren.  Diese vorgefundenen  Lebens-
       bedingungen der  verschiedenen Generationen  entscheiden auch, ob
       die periodisch in der Geschichte wiederkehrende revolutionäre Er-
       schütterung stark genug sein wird oder nicht, die Basis alles Be-
       stehenden umzuwerfen,  und wenn  diese materiellen Elemente einer
       totalen Umwälzung,  nämlich einerseits  die vorhandnen Produktiv-
       kräfte,
       -----
       1*) MEGA: kommt demgemäß zu dem Resultat
       
       #39# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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       andrerseits die Bildung einer revolutionären Masse, die nicht nur
       gegen einzelne  Bedingungen der  bisherigen Gesellschaft, sondern
       gegen die  bisherige "Lebensproduktion" selbst, die "Gesamttätig-
       keit", worauf  sie basierte,  revolutioniert  -  nicht  vorhanden
       sind, so ist es ganz gleichgültig für die praktische Entwicklung,
       ob die   I d e e  dieser Umwälzung schon hundertmal ausgesprochen
       ist - wie die Geschichte des Kommunismus dies beweist.
       Die ganze  bisherige Geschichtsauffassung hat diese wirkliche Ba-
       sis der  Geschichte entweder ganz und gar unberücksichtigt gelas-
       sen oder  sie nur als eine Nebensache betrachtet, die mit dem ge-
       schichtlichen Verlauf  außer allem  Zusammenhang steht.  Die  Ge-
       schichte muß  daher immer  nach einem  außer ihr hegenden Maßstab
       geschrieben werden;  die wirkliche Lebensproduktion erscheint als
       Urgeschichtlich, während  das Geschichtliche als das vom gemeinen
       Leben Getrennte,  Extra-Überweltliche erscheint.  Das  Verhältnis
       der Menschen  zur Natur  ist hiermit  von der  Geschichte  ausge-
       schlossen, wodurch der Gegensatz von Natur und Geschichte erzeugt
       wird. Sie  hat daher  in der Geschichte nur politische Haupt- und
       Staatsaktionen und  religiöse und  überhaupt theoretische  Kämpfe
       sehen können und speziell bei jeder geschichtlichen Epoche  d i e
       I l l u s i o n   d i e s e r   E p o c h e  t e i l e n  müssen.
       Z.B. bildet  sich eine  Epoche ein,  durch rein "politische" oder
       "religiöse" Motive  bestimmt zu  werden, obgleich  "Religion" und
       "Politik" nur  Formen ihrer wirklichen Motive sind, so akzeptiert
       ihr  Geschichtschreiber  diese  Meinung.  Die  "Einbildung",  die
       "Vorstellung" dieser bestimmten Menschen über ihre wirkliche Pra-
       xis wird  in die  einzig bestimmende und aktive Macht verwandelt,
       welche die  Praxis dieser  Menschen beherrscht und bestimmt. Wenn
       die rohe  Form, in  der die Teilung der Arbeit bei den Indern und
       Ägyptern vorkommt,  das Kastenwesen  bei diesen  Völkern in ihrem
       Staat und  ihrer Religion  hervorruft, so  glaubt der Historiker,
       das Kastenwesen  sei die Macht, welche diese rohe gesellschaftli-
       che Form erzeugt habe. Während die Franzosen und Engländer wenig-
       stens an  der politischen  Illusion, die der Wirklichkeit noch am
       nächsten steht, halten, bewegen sich die Deutschen im Gebiete des
       "reinen Geistes" und machen die religiöse Illusion zur treibenden
       Kraft der Geschichte. Die Hegelsche Geschichtsphilosophie ist die
       letzte, auf ihren "reinsten Ausdruck" gebrachte Konsequenz dieser
       gesamten Deutschen  Geschichtschreibung, in  der es sich nicht um
       wirkliche, nicht  einmal um  politische  Interessen,  sondern  um
       reine Gedanken handelt, die dann auch dem heiligen Bruno als eine
       Reihe von  "Gedanken" erscheinen  muß, von denen einer den andren
       auffrißt und in dem "Selbstbewußtsein" schließlich untergeht, und
       noch konsequenter  dem heiligen  Max Stirner,  der von der ganzen
       wirklichen Geschichte nichts weiß, dieser historische Verlauf als
       eine bloße "Ritter"-,
       
       #40# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       Räuber- und  Gespenstergeschichte erscheinen mußte, vor deren Vi-
       sionen er  sich natürlich nur durch die "Heillosigkeit" zu retten
       weiß. *)  Diese Auffassung ist wirklich religiös, sie unterstellt
       den religiösen  Menschen als  den Urmenschen,  von dem  alle  Ge-
       schichte ausgeht,  und setzt  in ihrer  Einbildung die  religiöse
       Phantasien-Produktion an die Stelle der wirklichen Produktion der
       Lebensmittel und des Lebens selbst. Diese ganze Geschichtsauffas-
       sung samt  ihrer Auflösung  und den  daraus entstehenden Skrupeln
       und Bedenken  ist eine bloß  n a t i o n a l e  Angelegenheit der
       Deutschen und  hat nur  l o k a l e s  Interesse für Deutschland,
       wie zum  Exempel die  wichtige,  neuerdings  mehrfach  behandelte
       Frage: wie  man denn  eigentlich "aus dem Gottesreich in das Men-
       schenreich komme",  als ob  dieses "Gottesreich" je anderswo exi-
       stiert habe  als in der Einbildung und die gelahrten Herren nicht
       fortwährend, ohne es zu wissen, in dem "Menschenreich" lebten, zu
       welchem sie  jetzt den Weg suchen, und als ob das wissenschaftli-
       che Amüsement,  denn mehr  als das  ist es  nicht,  das  Kuriosum
       dieser theoretischen  Wolkenbildung  zu  erklären,  nicht  gerade
       umgekehrt darin  läge, daß man ihre Entstehung aus den wirklichen
       irdischen Verhältnissen  nachweist. Überhaupt handelt es sich bei
       diesen  Deutschen   stets  darum,  den  vorgefundenen  Unsinn  in
       irgendeine andre  Marotte aufzulösen,  d. h.  vorauszusetzen, daß
       dieser ganze  Unsinn  überhaupt  einen  aparten  Sinn  habe,  der
       herauszufinden sei,  während es  sich nur  darum  handelt,  diese
       theoretischen Phrasen  aus den  bestehenden  wirklichen  Verhält-
       nissen zu  erklären. Die  wirkliche, praktische  Auflösung dieser
       Phrasen, die  Beseitigung dieser Vorstellungen aus dem Bewußtsein
       der Menschen  wird, wie  schon gesagt, durch veränderte Umstände,
       nicht durch  theoretische  Deduktionen  bewerkstelligt.  Für  die
       Masse der  Menschen, d.  h.  das  Proletariat,  existieren  diese
       theoretischen Vorstellungen  nicht, brauchen  also für  sie  auch
       nicht aufgelöst  zu  werden,  und  wenn  diese  Masse  je  einige
       theoretische Vorstellungen,  z.B. Religion  hatte, so  sind diese
       jetzt schon längst durch die Umstände aufgelöst.
       Das rein  Nationale dieser  Fragen und  Lösungen zeigt  sich auch
       noch darin,  daß diese Theoretiker alles Ernstes glauben, Hirnge-
       spinste wie  "der Gottmensch",  "der Mensch" etc. hätten den ein-
       zelnen Epochen  der Geschichte  "präsidiert -  der heilige  Bruno
       geht sogar  so weit, zu behaupten, nur "die Kritik und die Kriti-
       ker hätten die Geschichte gemacht" - und, wenn sie sich selbst an
       geschichtliche Konstruktionen  geben, über  alles Frühere  in der
       größten Eile
       ---
       *) [Randbemerkung von  Marx:] Die  sogenannte   o b j e k t i v e
       Geschichtschreibung bestand  eben darin, die geschichtlichen Ver-
       hältnisse getrennt  von der  Tätigkeit aufzufassen.  Reaktionärer
       Charakter.
       
       #41# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
       -----
       hinwegspringen und vom "Mongolentum" sogleich auf die eigentliche
       "inhaltsvolle"   Geschichte,    nämlich   die    Geschichte   der
       "Hallischen" und  "Deutschen Jahrbücher"  [10] und  der Auflösung
       der Hegelschen Schule in eine allgemeine Zänkerei übergehen. Alle
       ändern Nationen, alle wirklichen Ereignisse werden vergessen, das
       Theatrum mundi  1*) beschränkt sich auf die Leipziger Büchermesse
       und die gegenseitigen Streitigkeiten der "Kritik", des "Menschen"
       und des "Einzigen". Wenn sich die Theorie vielleicht einmal daran
       gibt, wirklich  historische Themata  zu behandeln,  wie z.B.  das
       achtzehnte Jahrhundert,  so geben  sie  nur  die  Geschichte  der
       Vorstellungen, losgerissen  von  den  Tatsachen  und  praktischen
       Entwicklungen, die ihnen zum Grunde liegen, und auch diese nur in
       der Absicht,  um diese  Zeit als eine unvollkommene Vorstufe, als
       den noch  bornierten Vorläufer  der wahren  geschichtlichen Zeit,
       d.h. der Zeit des deutschen Philosophenkampfes von 1840/44 darzu-
       stellen. Diesem  Zwecke, eine frühere Geschichte zu schreiben, um
       den Ruhm  einer ungeschichtlichen  Person  und  ihrer  Phantasien
       desto heller leuchten zu lassen, entspricht es denn, daß man alle
       wirklich   historischen    Ereignisse,   selbst    die   wirklich
       historischen Eingriffe  der  Politik  in  die  Geschichte,  nicht
       erwähnt und  dafür eine nicht auf Studien, sondern Konstruktionen
       und literarischen  Klatschgeschichten beruhende  Erzählung gibt -
       wie dies vom heiligen Bruno in seiner nun vergessenen "Geschichte
       des 18ten  Jahrhunderts" [11]  geschehen ist. Diese hochtrabenden
       und hochfahrenden  Gedankenkrämer, die  unendlich weit  über alle
       nationalen Vorurteile  erhaben zu  sein glauben, sind also in der
       Praxis noch  viel  nationaler  als  die  Bierphilister,  die  von
       Deutschlands Einheit  träumen.  Sie  erkennen  die  Taten  andrer
       Völker gar  nicht für  historisch an, sie leben in Deutschland zu
       Deutschland und  für Deutschland,  sie verwandeln  das  Rheinlied
       [12] in  ein geistliches  Lied und  erobern Elsaß und Lothringen,
       indem  sie   statt  des  französischen  Staats  die  französische
       Philosophie bestehlen, statt französischer Provinzen französische
       Gedanken germanisieren. Herr Venedey ist ein Kosmopolit gegen die
       Heiligen Bruno und Max, die in der Weltherrschaft der Theorie die
       Weltherrschaft Deutschlands proklamieren.
       Es zeigt sich aus diesen Auseinandersetzungen auch, wie sehr Feu-
       erbach sich  täuscht, wenn  er  ("Wigand's  Vierteljahrsschrift",
       1845, Bd.  2) [13]  sich vermöge der Qualifikation "Gemeinmensch"
       für einen  Kommunisten erklärt,  in ein  Prädikat "des"  Menschen
       verwandelt, also  das Wort Kommunist, das in der bestehenden Welt
       den Anhänger  einer bestimmten  revolutionären Partei bezeichnet,
       wieder in eine bloße Kategorie verwandeln zu können glaubt.
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       1*) Welttheater
       
       #42# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Feuerbachs ganze  Deduktion in  Beziehung auf  das Verhältnis der
       Menschen zueinander geht nur dahin, zu beweisen, daß die Menschen
       einander nötig  haben und  i m m e r  g e h a b t  h a b e n.  Er
       will das Bewußtsein über diese Tatsache etablieren, er will also,
       wie die  übrigen Theoretiker,  nur ein  richtiges Bewußtsein über
       ein   b e s t e h e n d e s  Faktum hervorbringen, während es dem
       wirklichen Kommunisten  darauf ankommt, dies Bestehende umzustür-
       zen. Wir  erkennen es übrigens vollständig an, daß Feuerbach, in-
       dem er  das Bewußtsein  gerade  d i e s e r  Tatsache zu erzeugen
       strebt, so  weit geht,  wie ein Theoretiker überhaupt gehen kann,
       ohne aufzuhören,  Theoretiker und  Philosoph zu sein. Charakteri-
       stisch ist  es aber,  daß die Heiligen Bruno und Max die Vorstel-
       lung Feuerbachs  vom Kommunisten sogleich an die Stelle des wirk-
       lichen Kommunisten  setzen,  was  teilweise  schon  deswegen  ge-
       schieht, damit  sie auch  den Kommunismus  als "Geist vom Geist",
       als philosophische  Kategorie, als  ebenbürtigen Gegner bekämpfen
       können -  und  von  Seiten  des  heiligen  Bruno  auch  noch  aus
       pragmatischen Interessen.  Als Beispiel  von der  Anerkennung und
       zugleich Verkennung des Bestehenden, die Feuerbach noch immer mit
       unsern Gegnern teilt, erinnern wir an die Stelle der "Philosophie
       der Zukunft",  wo er  entwickelt, daß  das Sein eines Dinges oder
       Menschen zugleich sein Wesen sei, daß die bestimmten Existenzver-
       hältnisse, Lebensweise  und Tätigkeit  eines tierischen oder men-
       schlichen Individuums  dasjenige sei, worin sein "Wesen" sich be-
       friedigt fühle.  Hier wird ausdrücklich jede Ausnahme als ein un-
       glücklicher Zufall, als eine Abnormität, die nicht zu ändern ist,
       aufgefaßt. Wenn also Millionen von Proletariern sich in ihren Le-
       bensverhältnissen keineswegs  befriedigt fühlen  wenn ihr  "Sein"
       ihrem [...] 1*)
       [...] sich  in Wirklichkeit  und für  den   p r a k t i s c h e n
       Materialisten, d.h.   K o m m u n i s t e n,   darum handelt, die
       bestehende Welt  zu revolutionieren, die vorgefundnen Dinge prak-
       tisch anzugreifen  und zu  verändern. Wenn bei Feuerbach sich zu-
       weilen derartige  Anschauungen finden, so gehen sie doch nie über
       vereinzelte Ahnungen  hinaus und  haben auf  seine allgemeine An-
       schauungsweise viel zuwenig Einfluß, als daß sie hier anders denn
       als entwicklungsfähige  Keime m  Betracht kommen  könnten. Feuer-
       bachs "Auffassung" der sinnlichen Welt beschränkt sich einerseits
       auf die  bloße Anschauung derselben und andrerseits auf die bloße
       Empfindung, er  sag t  "d e n   Menschen" statt d[ie] "wirklichen
       historischen Menschen".   "D e r   Mensch"  ist realiter 2*) "der
       Deutsche". Im  ersten Falle,  in der   A n s c h a u u n g    der
       sinnlichen Welt, stößt er notwendig auf Dinge, die seinem Bewußt-
       sein und  seinem Gefühl  widersprechen, die die von ihm vorausge-
       setzte Harmonie aller Teile der sinnlichen
       -----
       1*) im Manuskript  befindet sich  hier eine  Lücke; vgl. S. 543 -
       2*) in Wirklichkeit
       
       #43# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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       Welt und  namentlich des  Menschen mit  der Natur  stören. *)  Um
       diese zu  beseitigen, muß  er dann  zu einer doppelten Anschauung
       seine Zuflucht  nehmen, zwischen einer profanen, die nur das "auf
       platter Hand  Liegende", und  einer höheren, philosophischen, die
       das "wahre Wesen" der Dinge erschaut. Er sieht nicht, wie die ihn
       umgebende sinnliche  Welt nicht  ein unmittelbar von Ewigkeit her
       gegebenes, sich  stets gleiches Ding ist, sondern das Produkt der
       Industrie und  des Gesellschaftszustandes, und zwar in dem Sinne,
       daß sie  ein geschichtliches Produkt ist, das Resultat der Tätig-
       keit einer  ganzen Reihe  von Generationen,  deren Jede  auf  den
       Schultern der vorhergehenden stand, ihre Industrie und ihren Ver-
       kehr weiter ausbildete, ihre soziale Ordnung nach den veränderten
       Bedürfnissen modifizierte. Selbst die Gegenstände der einfachsten
       "sinnlichen Gewißheit"  sind ihm  nur durch die gesellschaftliche
       Entwicklung, die Industrie und den kommerziellen Verkehr gegeben.
       Der Kirschbaum ist, wie fast alle Obstbäume, bekanntlich erst vor
       wenig Jahrhunderten  durch den   H a n d e l   in unsre Zone ver-
       pflanzt worden  und wurde  deshalb erst   d u r c h  diese Aktion
       einer  bestimmten  Gesellschaft  in  einer  bestimmten  Zeit  der
       "sinnlichen Gewißheit" Feuerbachs gegeben.
       Übrigens löst  sich m  dieser Auffassung der Dinge, wie sie wirk-
       lich sind  und geschehen sind, wie sich weiter unten noch deutli-
       cher zeigen  wird, jedes  tiefsinnige philosophische Problem ganz
       einfach in  ein empirisches  Faktum auf.  Z.B. die wichtige Frage
       über das  Verhältnis des  Menschen zur Natur (oder gar, wie Bruno
       sagt (p.   110)  [14], die  "Gegensätze in Natur und Geschichte",
       als ob  das zwei  voneinander getrennte "Dinge" seien, der Mensch
       nicht immer  eine geschichtliche  Natur und  eine natürliche  Ge-
       schichte vor  sich habe),  aus der  alle die "unergründlich hohen
       Werke" [15] über "Substanz" und "Selbstbewußtsein" hervorgegangen
       sind, zerfällt  von selbst  m der  Einsicht, daß die vielberühmte
       "Einheit des  Menschen mit  der Natur" in der Industrie von jeher
       bestanden und  in jeder Epoche je nach der geringeren oder größe-
       ren Entwicklung  der Industrie  anders bestanden  hat, ebenso wie
       der "Kampf"  des Menschen mit der Natur, bis zur Entwicklung sei-
       ner Produktivkräfte auf einer entsprechenden Basis. Die Industrie
       und der  Handel, die  Produktion und  der Austausch der Lebensbe-
       dürfnisse bedingen  ihrerseits und  werden wiederum  in  der  Art
       ihres Betriebes bedingt durch die
       ---
       *) N.B. Nicht  daß Feuerbach  das auf  platter Hand Liegende, den
       sinnlichen   S c h e i n   der durch  genauere  Untersuchung  des
       sinnlichen Tatbestandes konstatierten sinnlichen Wirklichkeit un-
       terordnet, ist  der Fehler,  sondern daß  er in  letzter  Instanz
       nicht mit  der Sinnlichkeit  fertig werden kann, ohne sie mit den
       "Augen", d.h.  durch die  "Brille" des  P h i l o s o p h e n  zu
       betrachten.
       
       #44# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Distribution, die Gliederung der verschiedenen gesellschaftlichen
       Klassen -  und so kommt es denn, daß Feuerbach in Manchester z.B.
       nur Fabriken  und Maschinen  sieht, wo  vor  hundert  Jahren  nur
       Spinnräder und  Webstühle zu  sehen waren, oder m der Campagna di
       Roma nur Viehweiden und Sümpfe entdeckt, wo er zur Zeit des Augu-
       stus nichts  als Weingärten und Villen römischer Kapitalisten ge-
       funden hätte. Feuerbach spricht namentlich von der Anschauung der
       Naturwissenschaft, er  erwähnt Geheimnisse,  die nur dem Auge des
       Physikers und  Chemikers offenbar werden; aber wo wäre ohne Indu-
       strie und  Handel die Naturwissenschaft? Selbst diese "reine" Na-
       turwissenschaft erhält  ja ihren  Zweck sowohl  wie ihr  Material
       erst durch  Handel und  Industrie, durch  sinnliche Tätigkeit der
       Menschen. So  sehr ist diese Tätigkeit, dieses fortwährende sinn-
       liche Arbeiten  und Schaffen,  diese Produktion die Grundlage der
       ganzen sinnlichen  Welt, wie  sie jetzt  existiert, daß, wenn sie
       auch nur  für ein  Jahr unterbrochen  würde, Feuerbach eine unge-
       heure Veränderung  nicht nur  in der  natürlichen Welt vorfinden,
       sondern auch  die   g a n z e   Menschenwelt und  sein eignes An-
       schauungsvermögen, ja  seine Eigne  Existenz sehr  bald vermissen
       würde. Allerdings  bleibt dabei  die Priorität  der äußeren Natur
       bestehen, und  allerdings hat  dies Alles keine Anwendung auf die
       ursprünglichen, durch generatio aequivoca 1*) erzeugten Menschen;
       aber diese Unterscheidung hat nur insofern Sinn, als man den Men-
       schen als  von der  Natur unterschieden  betrachtet. Übrigens ist
       diese der  menschlichen Geschichte  vorhergehende Natur  ja nicht
       die Natur,  in der  Feuerbach lebt,  nicht die Natur, die heutzu-
       tage, ausgenommen etwa auf einzelnen australischen Koralleninseln
       neueren Ursprungs,  nirgends mehr existiert, also auch für Feuer-
       bach nicht existiert.
       Feuerbach hat allerdings den großen Vorzug vor den "reinen" Mate-
       rialisten, daß  er einsieht,  wie auch der Mensch "sinnlicher Ge-
       genstand"  ist;   aber  abgesehen  davon,  daß  er  ihn  nur  als
       "sinnlichen Gegenstand", nicht als "sinnliche Tätigkeit" faßt, da
       er sich  auch hierbei  in der Theorie hält, die Menschen nicht in
       ihrem gegebenen gesellschaftlichen Zusammenhange, nicht unter ih-
       ren vorliegenden Lebensbedingungen, die sie zu Dem gemacht haben,
       was sie  sind, auffaßt,  so kommt er nie zu den wirklich existie-
       renden, tätigen  Menschen, sondern bleibt bei dem Abstraktum "der
       Mensch" stehen  und bringt es nur dahin, den "wirklichen, indivi-
       duellen, leibhaftigen  Menschen" in  der Empfindung anzuerkennen,
       d.h., er kennt keine ändern "menschlichen Verhältnisse" "des Men-
       schen zum Menschen", als Liebe und Freundschaft, und zwar ideali-
       siert. Gibt  keine Kritik  der  jetzigen  Lebensverhältnisse.  Er
       kommt
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       1*) Urzeugung
       
       #45# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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       also nie dazu, die sinnliche Welt als die gesamte lebendige sinn-
       liche   T ä t i g k e i t  der sie ausmachenden Individuen aufzu-
       fassen, und ist daher gezwungen, wenn er z.B. statt gesunder Men-
       schen einen Haufen skrofulöser, überarbeiteter und schwindsüchti-
       ger Hungerleider  sieht, da  zu der  "höheren Anschauung" und zur
       ideellen "Ausgleichung  in der Gattung" seine Zuflucht zu nehmen,
       also gerade  da in den Idealismus zurückzufallen, wo der kommuni-
       stische Materialist  die Notwendigkeit und zugleich die Bedingung
       einer Umgestaltung  sowohl der  Industrie wie der gesellschaftli-
       chen Gliederung sieht.
       Soweit Feuerbach  Materialist ist,  kommt die  Geschichte bei ihm
       nicht vor, und soweit er die Geschichte in Betracht zieht, ist er
       kein Materialist.  Bei ihm  fallen Materialismus  und  Geschichte
       ganz auseinander,  was sich  übrigens schon  aus dem Gesagten er-
       klärt. *)
       Die Geschichte  ist nichts als die Aufeinanderfolge der einzelnen
       Generationen, von  denen Jede  die ihr von allen vorhergegangenen
       übermachten Materiale, Kapitalien, Produktionskräfte exploitiert,
       daher also  einerseits unter ganz veränderten Umständen die über-
       kommene Tätigkeit fortsetzt und andrerseits mit einer ganz verän-
       derten Tätigkeit  die alten  Umstände modifiziert,  was sich  nun
       spekulativ so  verdrehen läßt,  daß die  spätere  Geschichte  zum
       Zweck der  früheren gemacht wird, z.B., daß der Entdeckung Ameri-
       kas der  Zweck zugrunde gelegt wird, der französischen Revolution
       zum Durchbruch  zu verhelfen,  wodurch dann  die Geschichte  ihre
       aparten Zwecke  erhält und  eine "Person  neben anderen Personen"
       (als da  sind: "Selbstbewußtsein,  Kritik, Einziger"  etc.) wird,
       während das,  was  man  mit  den  Worten  "Bestimmung",  "Zweck",
       "Keim", "Idee"  der früheren Geschichte bezeichnet, weiter nichts
       ist als  eine Abstraktion  von der  späteren Geschichte, eine Ab-
       straktion von dem aktiven Einfluß, den die frühere Geschichte auf
       die spätere ausübt.
       Je weiter  sich im  Laufe dieser  Entwicklung nun  die  einzelnen
       Kreise, die  aufeinander einwirken,  ausdehnen, je  mehr die  ur-
       sprüngliche Abgeschlossenheit  der einzelnen Nationalitäten durch
       die ausgebildete Produktionsweise, Verkehr und dadurch naturwüch-
       sig hervorgebrachte  Teilung der Arbeit zwischen verschiednen Na-
       tionen vernichtet  wird, desto mehr wird die Geschichte zur Welt-
       geschichte, so daß z.B., wenn in England eine Maschine erfunden
       ---
       *) [Im Manuskript  gestrichen:] Wenn  wir nun dennoch auf die Ge-
       schichte hier  näher eingehen,  so geschieht es deshalb, weil die
       Deutschen gewohnt  sind, bei den Worten Geschichte und geschicht-
       lich sich  alles Mögliche,  nur nicht das Wirkliche vorzustellen,
       wovon namentlich  der "kanzelberedsamkeitliche"  Sankt Bruno  ein
       glänzendes Exempel ablegt.
       
       #46# Karl Marx und Friedrich Engels
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       wird, die  in Indien und China zahllose Arbeiter außer Brot setzt
       und die ganze Existenzform dieser Reiche umwälzt, diese Erfindung
       zu einem weltgeschichtlichen Faktum wird; oder daß der Zucker und
       Kaffee ihre  weltgeschichtliche Bedeutung im neunzehnten Jahrhun-
       dert dadurch  bewiesen, daß der durch das napoleonische Kontinen-
       talsystem [16]  erzeugte Mangel an diesen Produkten die Deutschen
       zum Aufstande  gegen Napoleon  brachte und so die reale Basis der
       glorreichen Befreiungskriege von 1813 wurde. Hieraus
       folgt, daß  diese Umwandlung  der  Geschichte  in  Weltgeschichte
       nicht etwa  eine bloße  abstrakte  Tat  des  "Selbstbewußtseins",
       Weltgeistes oder  sonst eines metaphysischen Gespenstes ist, son-
       dern eine  ganz materielle, empirisch nachweisbare Tat, eine Tat,
       zu der  jedes Individuum,  wie es geht und steht, ißt, trinkt und
       sich kleidet, den Beweis liefert.
       Die Gedanken  der herrschenden  Klasse sind  in jeder  Epoche die
       herrschenden Gedanken,  d. h.  die Klasse, welche die herrschende
       m a t e r i e l l e   Macht der  Gesellschaft ist,  ist  zugleich
       ihre herrschende   g e i s t i g e   Macht.  Die Klasse,  die die
       Mittel zur  materiellen Produktion zu ihrer Verfügung hat, dispo-
       niert damit zugleich über die Mittel zur geistigen Produktion, so
       daß ihr  damit zugleich im Durchschnitt die Gedanken derer, denen
       die Mittel  zur geistigen  Produktion abgehen,  unterworfen sind.
       Die herrschenden Gedanken sind weiter Nichts als der ideelle Aus-
       druck der herrschenden materiellen Verhältnisse, die als Gedanken
       gefaßten herrschenden materiellen Verhältnisse; also der Verhält-
       nisse, die eben die eine Klasse zur herrschenden machen, also die
       Gedanken ihrer Herrschaft. Die Individuen; welche die herrschende
       Klasse ausmachen,  haben unter  Anderm auch Bewußtsein und denken
       daher; insofern  sie also als Klasse herrschen und den ganzen Um-
       fang einer  Geschichtsepoche  bestimmen,  versteht  es  sich  von
       selbst, daß  sie dies  in ihrer ganzen Ausdehnung tun, also unter
       Ändern auch als Denkende, als Produzenten von Gedanken herrschen,
       die Produktion  und Distribution  der Gedanken ihrer Zeit regeln;
       daß also ihre Gedanken die herrschenden Gedanken der Epoche sind.
       Zu einer  Zeit z.B. und in einem Lande, wo königliche Macht, Ari-
       stokratie und  Bourgeoisie sich  um die  Herrschaft streiten,  wo
       also die  Herrschaft geteilt ist, zeigt sich als herrschender Ge-
       danke die  Doktrin von  der Teilung der Gewalten, die nun als ein
       "ewiges Gesetz" ausgeprochen wird.
       Die Teilung  der Arbeit, die wir schon oben (p. [31-33]) als eine
       der Hauptmächte  der bisherigen Geschichte vorfanden, äußert sich
       nun auch in der herrschenden Klasse als Teilung der geistigen und
       materiellen Arbeit,  so daß innerhalb dieser Klasse der eine Teil
       als die  Denker dieser  Klasse auftritt  (die aktiven konzeptiven
       Ideologen derselben,  welche die  Ausbildung der  Illusion dieser
       Klasse über sich selbst zu ihrem Hauptnahrungszweige machen),
       
       #47# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
       -----
       während die  Andern sich  zu diesen  Gedanken und Illusionen mehr
       passiv und  rezeptiv verhalten,  weil sie in der Wirklichkeit die
       aktiven Mitglieder  dieser Klasse  sind und weniger Zeit dazu ha-
       ben, sich Illusionen und Gedanken über sich selbst zu machen. In-
       nerhalb dieser Klasse kann diese Spaltung derselben sich sogar zu
       einer gewissen  Entgegensetzung und Feindschaft beider Teile ent-
       wickeln, die  aber bei jeder praktischen Kollision, wo die Klasse
       selbst gefährdet  ist, von  selbst wegfällt,  wo  denn  auch  der
       Schein verschwindet, als wenn die herrschenden Gedanken nicht die
       Gedanken der  herrschenden Klasse  wären und  eine von  der Macht
       dieser Klasse  unterschiedene Macht  hätten. Die Existenz revolu-
       tionärer Gedanken  in einer  bestimmten Epoche  setzt bereits die
       Existenz einer  revolutionären Klasse  voraus, über deren Voraus-
       setzungen bereits oben (p. [33-36]) das Nötige gesagt ist.
       Löst man  nun bei der Auffassung des geschichtlichen Verlaufs die
       Gedanken der herrschenden Klasse von der herrschenden Klasse los,
       verselbständigt man sie, bleibt dabei stehen, daß in einer Epoche
       diese und  jene Gedanken  geherrscht  haben,  ohne  sich  um  die
       Bedingungen der Produktion und um die Produzenten dieser Gedanken
       zu bekümmern,  läßt man  also die  den Gedanken zugrunde hegenden
       Individuen und Weltzustände weg, so kann man z.B. sagen, daß wäh-
       rend der  Zeit, in  der die  Aristokratie herrschte, die Begriffe
       Ehre, Treue  etc., während der Herrschaft der Bourgeoisie die Be-
       griffe Freiheit,  Gleichheit etc.  herrschten. *) Die herrschende
       Klasse selbst  bildet sich  dies im  Durchschnitt ein.  Diese Ge-
       schichtsauffassung, die  allen  Geschichtschreibern  vorzugsweise
       seit dem  achtzehnten Jahrhundert  gemeinsam ist,  wird notwendig
       auf das  Phänomen stoßen,  daß immer  abstraktere Gedanken  herr-
       schen, d.  h. Gedanken, die immer mehr die Form der Allgemeinheit
       annehmen. Jede  neue Klasse nämlich, die sich an die Stelle einer
       vor ihr  herrschenden setzt,  ist genötigt,  schon um ihren Zweck
       durchzuführen, ihr  Interesse als das gemeinschaftliche Interesse
       aller Mitglieder  der Gesellschaft darzustellen, d.h. ideell aus-
       gedrückt: ihren Gedanken die Form der Allgemeinheit zu geben, sie
       als die einzig vernünftigen, allgemein gültigen darzustellen. Die
       revolutionierende Klasse tritt von vornherein, schon weil sie ei-
       ner   K l a s s e   gegenübersteht, nicht als Klasse, sondern als
       Vertreterin der  ganzen Gesellschaft  auf, sie  erscheint als die
       ganze Masse der Gesellschaft
       ---
       *) [Im Manuskript gestrichen:] Diese "herrschenden Begriffe" wer-
       den eine  um so allgemeinere und umfassendere Form haben, je mehr
       die herrschende  Klasse genötigt ist, ihr Interesse als das aller
       Mitglieder der  Gesellschaft darzustellen. Die herrschende Klasse
       selbst hat  im  Durchschnitt  die  Vorstellung,  daß  diese  ihre
       Begriffe herrschten  und unterscheidet  sie nur dadurch von herr-
       schenden Vorstellungen  früherer Epochen,  daß sie  sie als ewige
       Wahrheiten darstellt.
       
       #48# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       gegenüber der  einzigen, herrschenden  Klasse. *)  Sie kann dies,
       weil im  Anfange ihr Interesse wirklich noch mehr mit dem gemein-
       schaftlichen Interesse  aller übrigen  nichtherrschenden  Klassen
       zusammenhängt, sich  unter dem  Druck der bisherigen Verhältnisse
       noch nicht  als besonderes Interesse einer besonderen Klasse ent-
       wickeln konnte.  Ihr Sieg  nutzt daher auch vielen Individuen der
       übrigen, nicht  zur Herrschaft  kommenden Klassen, aber nur inso-
       fern, als  er diese  Individuen jetzt in den Stand setzt, sich in
       die herrschende  Klasse zu  erheben. Als  die französische  Bour-
       geoisie die  Herrschaft der  Aristokratie stürzte,  machte sie es
       dadurch vielen Proletariern möglich, sich über das Proletariat zu
       erheben, aber  nur, insofern  sie  Bourgeois  wurden.  Jede  neue
       Klasse bringt  daher nur  auf einer  breiteren Basis  als die der
       bisher herrschenden  ihre Herrschaft  zustande, wogegen sich dann
       später auch  der Gegensatz  der nichtherrschenden  gegen die  nun
       herrschende Klasse  um so  schärfer und  tiefer entwickelt. Durch
       Beides ist  bedingt, daß  der gegen diese neue herrschende Klasse
       zu führende  Kampf wiederum  auf eine  entschiedenere, radikalere
       Negation der  bisherigen Gesellschaftszustände  hinarbeitet,  als
       alle bisherigen  die Herrschaft  anstrebenden  Klassen  dies  tun
       konnten.
       Dieser ganze Schein, als ob die Herrschaft einer bestimmten Klas-
       se nur  die Herrschaft  gewisser Gedanken sei, hört natürlich von
       selbst auf,  sobald die Herrschaft von Klassen überhaupt aufhört,
       die Form  der gesellschaftlichen  Ordnung zu sein, sobald es also
       nicht mehr  nötig ist,  ein besonderes  Interesse als allgemeines
       oder "das Allgemeine" als herrschend darzustellen.
       Nachdem einmal die herrschenden Gedanken von den herrschenden In-
       dividuen und  vor allem  von den Verhältnissen, die aus einer ge-
       gebnen Stufe  der Produktionsweise  hervorgehn, getrennt sind und
       dadurch das Resultat zustande gekommen ist, daß in der Geschichte
       stets Gedanken  herrschen, ist  es sehr  leicht, aus  diesen ver-
       schiedenen Gedanken  sich   "d e n  Gedanken", die Idee etc. als'
       das in  der Geschichte Herrschende zu abstrahieren und damit alle
       diese einzelnen  Gedanken und  Begriffe als  "Selbstbestimmungen"
       d e s   sich in  der Geschichte entwickelnden Begriffs zu fassen.
       Es ist  dann auch  natürlich, daß  alle Verhältnisse der Menschen
       aus dem Begriff des Menschen, dem vorgestellten Menschen, dem We-
       sen des Menschen,  d e m  Menschen abgeleitet werden können. Dies
       hat die  spekulative Philosophie  getan. Hegel  gesteht selbst am
       Ende der "Geschichtsphilosophie", daß er "den Fortgang
       
       ---
       *) [Randbemerkung von  Marx:] Die  Allgemeinheit  entspricht  der
       Klasse contra Stand, 2. der Konkurrenz, Weltverkehr, etc., 3. der
       großen Zahlreichheit der herrschenden Klasse, 4. der Illusion der
       g e m e i n s c h a f t l i c h e n   Interessen (im Anfang diese
       Illusion wahr),  5. der  Täuschung der  Ideologen und der Teilung
       der Arbeit.
       
       #49# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
       -----
       d e s   B e g r i f f s  allein betrachtet" und in der Geschichte
       die "wahrhafte   T h e o d i z e e"   dargestellt  habe (p. 446).
       Man kann  nun wieder auf die Produzenten "des Begriffs" zurückge-
       hen, auf  die Theoretiker,  Ideologen und  Philosophen, und kommt
       dann zu  dem Resultate,  daß die  Philosophen, die  Denkenden als
       solche, von jeher in der Geschichte geherrscht haben - ein Resul-
       tat, was,  wie wir  sehen, auch  schon  von  Hegel  ausgesprochen
       wurde. Das ganze Kunststück also, in der Geschichte die Oberherr-
       lichkeit des  Geistes (Hierarchie  bei Stirner) nachzuweisen, be-
       schränkt sich auf folgende drei Efforts.
       Nr. 1. Man  muß die  Gedanken der  aus empirischen Gründen, unter
       empirischen Bedingungen  und als materielle Individuen Herrschen-
       den von  diesen Herrschenden trennen und somit die Herrschaft von
       Gedanken oder Illusionen m der Geschichte anerkennen.
       Nr. 2. Man  muß in diese Gedankenherrschaft eine Ordnung bringen,
       einen  mystischen  Zusammenhang  unter  den  aufeinanderfolgenden
       herrschenden Gedanken  nachweisen, was  dadurch zustande gebracht
       wird, daß  man sie  als "Selbstbestimmungen  des  Begriffs"  faßt
       (dies ist  deshalb möglich, weil diese Gedanken vermittelst ihrer
       empirischen Grundlage  wirklich  miteinander  zusammenhängen  und
       weil sie  als  b l o ß e  Gedanken gefaßt zu Selbstunterscheidun-
       gen, vom Denken gemachten Unterschieden, werden).
       Nr. 3. Um das mystische Aussehen dieses "sich selbst bestimmenden
       Begriffs" zu beseitigen, verwandelt man ihn in eine Person - "das
       Selbstbewußtsein" - oder, um recht materialistisch zu erscheinen,
       m eine  Reihe von  Personen, die  "den Begriff" in der Geschichte
       repräsentieren, in  "die Denkenden", die "Philosophen", die Ideo-
       logen, die  nun wieder  als die  Fabrikanten der  Geschichte, als
       "der Rat  der Wächter",  als die  Herrschenden gefaßt  werden. *)
       Hiermit hat  man sämtliche materialistischen Elemente aus der Ge-
       schichte beseitigt und kann nun seinem spekulativen Roß ruhig die
       Zügel schießen lassen.
       Während im gewöhnlichen Leben jeder Shopkeeper 1*) sehr wohl zwi-
       schen Dem  zu unterscheiden weiß, was Jemand zu sein vorgibt, und
       dem, was  er wirklich  ist, so ist unsre Geschichtschreibung noch
       nicht zu  dieser trivialen  Erkenntnis gekommen. Sie glaubt jeder
       Epoche aufs  Wort, was  sie von sich selbst sagt und sich einbil-
       det.
       Es muß  diese Geschichtsmethode,  die in  Deutschland, und  warum
       vorzüglich, herrschte, entwickelt werden aus dem Zusammenhang mit
       der Illusion der Ideologen überhaupt, z.B. den Illusionen der Ju-
       risten, Politiker
       ---
       *) [Randbemerkung von Marx:]  D e r  Mensch = dem "denkenden Men-
       schengeist".
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       1*) Krämer
       
       #50# Karl Marx und Friedrich Engels
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       (auch der  praktischen Staatsmänner  darunter), aus  den dogmati-
       schen Träumereien  und Verdrehungen  dieser Kerls,  die sich ganz
       einfach erklärt  aus ihrer  praktischen Lebensstellung, ihrem Ge-
       schäft und der Teilung der Arbeit.

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