Quelle: MEW 3 1845 - 1846


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       Neues Testament: "Ich"
       
       1. Ökonomie des Neuen Bundes
       
       Wenn wir  im  Alten  Bunde  die  "einzige"  Logik  innerhalb  der
       V e r g a n g e n h e i t   zum Gegenstande unserer Erbauung hat-
       ten, so  haben wir  nun die   G e g e n w a r t    innerhalb  der
       "einzigen" Logik vor uns. Wir haben den "Einzigen" in seinen man-
       nigfaltigen, antediluvianischen  "Brechungen", als Mann, kaukasi-
       schen Kaukasier, vollendeten Christen, Wahrheit des humanen Libe-
       ralismus, negative  Einheit von Realismus und Idealismus ppp. be-
       reits hinlänglich  beleuchtet. Mit  der historischen Konstruktion
       des "Ich"  fällt das "Ich" selber. Dies "Ich", das Ende einer ge-
       schichtlichen Konstruktion,  ist kein "leibhaftiges", fleischlich
       von Mann  und Weib  erzeugtes Ich,  das keiner Konstruktionen be-
       darf, um zu existieren; es ist ein geistlich von zwei Kategorien,
       "Idealismus" und  "Realismus", erzeugtes "Ich", eine bloße Gedan-
       kenexistenz.
       Der Neue  Bund, der  schon mit dem Alten Bunde, seiner Vorausset-
       zung, aufgelöst  ist, hat  einen buchstäblich ebenso weisen Haus-
       halt wie  der Alte, nämlich "unter mancherlei Wandlungen" densel-
       ben, wie dies aus der folgenden Tabelle hervorgeht:
       I. Die   E i g e n h e i t  = die Alten, Kind, Neger pp. in ihrer
       W a h r h e i t,   nämlich die  Herausarbeitung aus der "Welt der
       Dinge" zur  "eignen" Anschauung und Besitzergreifung dieser Welt.
       Es ergab  sich bei  den Alten Lossein von der Welt, bei den Neuen
       Lossein vom  Geist, bei den Liberalen Lossein von der Person, bei
       den Kommunisten Lossein vom Eigentum, bei den Humanen Lossein von
       Gott, also  überhaupt die  Kategorie des  Losseins (Freiheit) als
       Ziel. Die  negierte Kategorie  des    L o s s e i n s    ist  die
       E i g e n h e i t,   die natürlich  keinen ändern Inhalt als dies
       Lossein hat. Die Eigenheit ist die philosophisch konstruierte Ei-
       genschaft aller Eigenschaften des Stirnerschen Individui.
       II.  D e r   E i g n e r   - als  solcher ist  Stirner hinter die
       U n w a h r h e i t   der Welt der Dinge und der Welt des Geistes
       gekommen, also die  N e u e n, Phase des
       
       #223# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       Christentums innerhalb der logischen Entwicklung - Jüngling, Mon-
       gole. -  Wie die  Neuen in  die dreifach  bestimmten  Freien,  so
       schlägt der Eigner in die drei ferneren Bestimmungen auseinander:
       1.  M e i n e   M a c h t,   dem  p o l i t i s c h e n  L i b e-
       r a l i s m u s   entsprechend, wo  die   W a h r h e i t   d e s
       R e c h t s   an den  Tag kommt,  das Recht  als die  Macht  "des
       Menschen" in  die Macht  als das  Recht des "Ich" aufgelöst wird.
       Kampf gegen den  S t a a t  a l s  s o l c h e n.
       2.  M e i n  V e r k e h r,  dem  K o m m u n i s m u s  entspre-
       chend, wobei die  W a h r h e i t  d e r  G e s e l l s c h a f t
       an den  Tag kommt  und die  Gesellschaft als  der durch "den Men-
       schen" vermittelte  Verkehr (in ihren Formen als Gefängnisgesell-
       schaft, Familie, Staat, bürgerliche Gesellschaft pp.) in den Ver-
       kehr der, "Ich" aufgelöst wird.
       3.  M e i n   S e l b s t g e n u ß,   dem kritischen,   h u m a-
       n e n  L i b e r a l i s m u s  entsprechend, worin die  W a h r-
       h e i t   d e r   K r i t i k,   das Verzehren,  Auflösen und die
       Wahrheit des  absoluten Selbstbewußtseins  als Selbstverzehren an
       den Tag  kommt und  die Kritik  als das Auflösen im Interesse des
       Menschen in das Auflösen im Interesse des "Ich" sich verwandelt.
       Die Eigentümlichkeit der Individuen löste sich, wie wir sahen, in
       die allgemeine  Kategorie der  Eigenheit auf, welche die Negation
       des Losseins,  der Freiheit  im Allgemeinen war. Die Beschreibung
       der besondern  Eigenschaften des Individuums kann also wieder nur
       in der  Negation dieser "Freiheit" in ihren drei "Brechungen" be-
       stehen; jede  dieser negativen  Freiheiten wird  jetzt durch ihre
       Negation in  eine positive  Eigenschaft verwandelt.  Es  versteht
       sich, daß,  wie im Alten Testament das Lossein der Welt der Dinge
       und der  Welt der  Gedanken schon  als  Aneignung  dieser  beiden
       Welten gefaßt  wurde, so auch hier diese Eigenheit oder Aneignung
       der Dinge und Gedanken wieder als vollendetes Lossein dargestellt
       wird.
       Das "Ich"  mit seinem  Eigentum, seiner  Welt, die  in  den  eben
       "signalisierten" Eigenschaften  besteht, ist   E i g n e r.   Als
       sich selbst  genießend und  sich selbst  verzehrend, ist  es  das
       "Ich" in der zweiten Potenz, der Eigner des Eigners, den es eben-
       sowohl los  ist, als  er ihm gehört, also die "absolute Negativi-
       tät" in ihrer doppelten Bestimmung als Indifferenz, gleichgültig-
       keit und  negative Beziehung  auf sich, den Eigner. Sein Eigentum
       an der Welt und sein Lossein von der Welt hat sich nun verwandelt
       in diese  negative Beziehung  auf sich,  in dieses Selbstauflösen
       und Sichselbstgehören des Eigners. Das Ich, so bestimmt, ist -
       III.  D e r  E i n z i g e,  der also wieder keinen ändern Inhalt
       hat  als  den  Eigner  plus  die  philosophische  Bestimmung  der
       "negativen Beziehung auf
       
       #224# Karl Marx und Friedrich Engels
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       sich". Der  tiefsinnige Jacques gibt sich den Schein, als sei von
       diesem Einzigen  Nichts auszusagen,  weil  er  ein  leibhaftiges,
       nicht konstruierbares  Individuum ist. Es verhält sich aber viel-
       mehr damit  wie mit  der Hegelschen  absoluten Idee  am Ende  der
       "Logik"  und   der   absoluten   Persönlichkeit   am   Ende   der
       "Encyklopädie", von  der ebenfalls  Nichts auszusagen  ist,  weil
       nämlich die  Konstruktion Alles enthält, was von solchen konstru-
       ierten Persönlichkeiten  ausgesagt werden  kann. Hegel  weiß dies
       und geniert  sich nicht,  dies zu  gestehen, während  Stirner die
       Heuchelei begeht,  zu behaupten,  sein "Einziger"  sei noch etwas
       Andres als  der konstruierte  Einzige, aber Etwas, das sich nicht
       sagen lasse  - nämlich ein leibhaftiges Individuum. Dieser heuch-
       lerische Schein  verschwindet, wenn  man die  Sache umkehrt,  den
       Einzigen als  Eigner bestimmt  und vom Eigner aussagt, daß er die
       allgemeine Kategorie  der Eigenheit zu seiner allgemeinen Bestim-
       mung hat;  womit nicht allein Alles gesagt ist, was über den Ein-
       zigen   "s a g b a r"  ist, sondern auch, was er überhaupt  i s t
       - minus Jacques le bonhommes Einbildung von ihm.
       
       "O welch  eine Tiefe  des Reichtums,  beides der Weisheit und Er-
       kenntnis des  Einzigen! Wie gar unergründlich sind seine Gedanken
       und unerforschlich seine Wege!"
       "Siehe, also  gehet sein  Tun; aber  davon haben wir ein geringes
       Wörtlein vernommen." (Hiob 26, 14.)

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