Quelle: MEW 3 1845 - 1846


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       #224# Karl Marx und Friedrich Engels
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       2. Phänomenologie des mit sich einigen Egoisten
       oder die Lehre von der Rechtfertigung
       
       Wie wir bereits m der Ökonomie des Alten Bundes und später sahen,
       ist Sankt  Sanchos wahrer, mit sich einiger Egoist keineswegs mit
       dem trivialen Alltagsegoisten, dem "Egoisten im gewöhnlichen Ver-
       stande", zu  verwechseln. Er  hat vielmehr  sowohl diesen (den in
       der Welt  der Dinge  Befangenen, Kind,  Neger, Alten pp.) wie den
       aufopfernden Egoisten  (den m  der Welt  der Gedanken Befangenen,
       Jüngling, Mongole,  Neuen pp.)  zu seiner Voraussetzung. Es liegt
       indes in  der Natur  der Geheimnisse des Einzigen, daß dieser Ge-
       gensatz und die aus ihm hervorgehende negative Einheit - der "mit
       sich einige  Egoist" - erst hier, im Neuen Bunde, betrachtet wer-
       den kann.
       Da Sankt  Max den "wahren Egoisten" als etwas ganz Neues, als das
       Ziel der  bisherigen Geschichte darstellen will, so hat er einer-
       seits den  Aufopfernden, den  Predigern des dévoûment, nachzuwei-
       sen, daß sie wider Willen Egoisten, und den Egoisten im gewöhnli-
       chen Verstande,  daß sie Aufopfernde, daß sie keine wahren, keine
       heiligen Egoisten sind. - Beginnen wir mit den erstem, den Aufop-
       fernden.
       
       #225# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       Zu unzähligen Malen sahen wir, daß in der Welt Jacques le bonhom-
       mes Alle  vom Heiligen  besessen sind.  - Indessen  macht es doch
       einen Unterschied",  ob "man  gebildet oder  ungebildet ist". Die
       Gebildeten, die sich mit dem reinen Gedanken beschäftigen, treten
       uns hier  als die  vom Heiligen  "Besessenen" par  excellence 1*)
       entgegen.   Sie   sind   in   ihrer   praktischen   Gestalt   die
       "Aufopfernden".
       
       "Wer ist  denn aufopfernd?  Vollständig" (!)  "doch" (!!)  "wohl"
       (!!!) "derjenige,  der an   E i n s,   Einen Zweck, Einen Willen,
       Eine Leidenschaft  alles Andre  setzt. - Ihn beherrscht eine Lei-
       denschaft, der  er die  übrigen zum  Opfer bringt. Und sind diese
       Aufopfernden etwa  nicht eigennützig? Da sie nur Eine herrschende
       Leidenschaft   h a b e n,  sorgen sie auch nur für Eine Befriedi-
       gung, aber  für diese  desto eifriger.  Egoistisch ist ihr ganzes
       Tun und  Treiben, aber  es ist  ein  e i n s e i t i g e r,  u n-
       a u f g e s c h l o s s e n e r,  b o r n i e r t e r  E g o i s-
       m u s;  es ist Besessenheit." p. 99.
       
       Sie   h a b e n  also nach Sankt Sancho nur  e i n e  herrschende
       Leidenschaft; sollen  sie auch für die Leidenschaften sorgen, die
       nicht   s i e,   sondern  A n d r e  h a b e n,  um sich zum all-
       seitigen, aufgeschlossenen,  unbeschränkten Egoismus  zu erheben,
       um diesem  f r e m d e n  Maßstab des "heiligen" Egoismus zu ent-
       sprechen?
       Beiläufig wird  in dieser  Stelle  auch  der  "Geizige"  und  der
       "V e r g n ü g u n g s s ü c h t i g e"    (wahrscheinlich,  weil
       Stirner glaubt,  er suche   "d a s   Vergnügen"  als solches, das
       heilige Vergnügen,  nicht die  wirklichen Vergnügungen aller Art)
       ebenso wie "Robespierre z.B., Saint-Just usw." (p. 100) als Exem-
       pel des "aufopfernden, besessenen Egoisten" angeführt. "Von einem
       gewissen Standpunkt der Sittlichkeit aus räsoniert man" (d.h. un-
       ser heiliger,  "mit sich  einiger Egoist", von seinem eignen, mit
       sich höchst uneinigen Standpunkte aus) "etwa so":
       
       "Opfere Ich  aber Einer  Leidenschaft andere, 30 opfere Ich darum
       dieser Leidenschaft  noch nicht   M i c h   und opfere nichts von
       dem, wodurch Ich  w a h r h a f t  Ich selber bin." (p. 386.)
       
       Sankt Max  ist durch diese beiden "mit sich uneinigen" Sätze dazu
       gezwungen, die  "lumpige" Distinktion  zu machen,  daß  man  wohl
       sechs "z.B.",  sieben "usw." Leidenschaften einer einzigen ändern
       opfern dürfe,  ohne aufzuhören,  "wahrhaft Ich  selber" zu  sein,
       aber beileibe nicht zehn oder gar noch mehr Leidenschaften. Robe-
       spierre und  Saint-Just waren  allerdings nicht  "w a h r h a f t
       Ich selber",  ebensowenig wie  sie wahrhaft  "der Mensch"  waren,
       aber sie  waren   w a h r h a f t   Robespierre  und  Saint-Just,
       diese einzigen, unvergleichlichen Individuen.
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       1*) schlechthin; im wahrsten Sinne des Wortes
       
       #226# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Das Kunststück, den "Aufopfernden" nachzuweisen, daß sie Egoisten
       seien, ist  ein alter  Kniff, bereits  bei Helvetius  und Bentham
       hinlänglich exploitiert.  Sankt Sanchos  "eignes" Kunststück  ist
       die Verwandlung  der "Egoisten  im gewöhnlichen  Verstande",  der
       Bourgeois, in  Nichtegoisten. Helvetius und Bentham weisen aller-
       dings den  Bourgeois nach,  daß sie  durch ihre Borniertheit sich
       p r a k t i s c h  schaden, aber Sankt Maxens "eignes" Kunststück
       besteht dann,  ihnen  nachzuweisen,  daß  sie  dem  "Ideal",  dem
       "Begriff", "Wesen",  "Beruf" pp.  des Egoisten  nicht entsprechen
       und sich  nicht als  absolute Negation  zu sich selbst verhalten.
       Ihm schwebt  wieder nur  sein deutscher Kleinbürger vor. Nebenbei
       bemerkt rechnet  unser Heiliger,  während der "Geizige" p. 99 als
       "aufopfernder Egoist"  figuriert, den "Habgierigen" p. 78 dagegen
       zu den  "Egoisten im  gewöhnlichen Verstande",  zu den "Unreinen,
       Unheiligen".
       Diese zweite  Klasse der  bisherigen Egoisten wird p. 99 so defi-
       niert:
       
       "Diese Leute"  (die Bourgeois) "sind also nicht aufopfernd, nicht
       begeistert, nicht  ideal, nicht  konsequent, keine  Enthusiasten;
       sie sind  im   g e w ö h n l i c h e n  V e r s t a n d e  E g o-
       i s t e n,   Eigennützige, auf  ihren Vorteil  bedacht, nüchtern,
       berechnend usw."
       
       Da "das  Buch" nicht  am Schnürchen  geht, so  hatten wir bereits
       beim "Sparren" und beim "politischen Liberalismus" Gelegenheit zu
       sehen, wie Stirner das Kunststück, die Bourgeois in Nichtegoisten
       zu verwandeln,  hauptsächlich durch  seine große  Unkenntnis  der
       wirklichen Menschen  und Verhältnisse zustande bringt. Hier dient
       ihm dieselbe Unkenntnis zum Hebel.
       
       "Dem" (d.h.  der Stirnerschen  Einbildung der  Uneigennützigkeit)
       "widersetzt sich  der starre  Kopf des  weltlichen Menschen,  ist
       aber jahrtausendelang  wenigstens so weit erlegen, daß er den wi-
       derspenstigen Nacken  beugen und  höhere Mächte  verehren mußte."
       (p. 104.)  Die Egoisten  im gewöhnlichen  Verstand "betragen sich
       halb pfäffisch und halb weltlich, dienen Gott und dem Mammon" (p.
       105.)
       
       p. 78 erfahren wir: "Der Mammon des Himmels und der Gott der Erde
       fordern beide  genau   d e n s e l b e n   Grad der  S e l b s t-
       v e r l e u g n u n g"   - wonach  nicht abzusehen  ist, wie  die
       Selbstverleugnung für  den Mammon und die für Gott als "weltlich"
       und "pfäffisch" entgegengesetzt werden können.
       p. [105,] 106 fragt sich Jacques le bonhomme:
       
       "Wie kommt  es indessen,  daß der Egoismus derer, welche das per-
       sönliche Interesse  behaupten, dennoch immer wieder einem pfäffi-
       schen oder  schulmeisterlichen, d. h. einem idealen Interesse un-
       terliegt?"
       
       (Es ist  hier beiläufig  zu "signalisieren", daß an dieser Stelle
       die Bourgeois als die Vertreter der  p e r s ö n l i c h e n  In-
       teressen dargestellt werden.) Dies kommt daher:
       
       #227# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       "Ihre Person kommt ihnen selbst zu klein, zu unbedeutend vor, und
       ist es  in der  Tat auch, um Alles in Anspruch zu nehmen und sich
       vollständig durchsetzen  zu können.  Ein sicheres  Zeichen  dafür
       liegt darin, daß sie sich selbst in zwei Personen, eine ewige und
       eine zeitliche,  zerteilen, am Sonntage für die ewige, am Werkel-
       tage für  die zeitliche  sorgen. Sie  haben den  Pfaffen in sich,
       darum werden sie ihn nicht los."
       
       Sancho fühlt hier Skrupel, er fragt besorgt, ob es der Eigenheit,
       dem Egoismus im außergewöhnlichen Verstand "ebenso gehen werde"?
       Wir werden sehen, daß diese ängstliche Frage nicht ohne Grund ge-
       tan wird.  Ehe der Hahn zweimal gekräht, wird der heilige Jakobus
       (Jacques le  bonhomme) dreimal sich selbst  "v e r l e u g n e t"
       haben.
       Er entdeckt  zu seinem großen Mißvergnügen in der Geschichte, daß
       von den beiden in ihr hervortretenden Seiten, dem Privatinteresse
       der Einzelnen und dem sogenannten allgemeinen Interesse, das eine
       stets das  andere begleitet. Und er entdeckt es wie gewöhnlich in
       einer falschen  Form, in seiner heiligen Form, nach der Seite der
       idealen Interessen, des Heiligen, der Illusion hin. Er fragt: Wie
       kommt es,  daß die  gewöhnlichen Egoisten, die Vertreter der per-
       sönlichen Interessen,  zugleich unter  der Herrschaft allgemeiner
       Interessen, der  Schulmeister, daß  sie unter der Hierarchie ste-
       hen? Er  beantwortet seine Frage dahin, daß die Bürger etc. "sich
       zu klein  vorkommen", wovon er das "sichre Zeichen" darin findet,
       daß sie  sich religiös  verhalten, nämlich sich in eine zeitliche
       und ewige Person teilen, d. h., er erklärt ihr religiöses Verhal-
       ten aus  ihrem religiösen  Verhalten, nachdem er vorher den Kampf
       der allgemeinen  und persönlichen  Interessen in  das Spiegelbild
       des Kampfes  verwandelte, simpler Reflex innerhalb der religiösen
       Phantasie.
       Was die  Herrschaft des Ideals auf sich hat, siehe oben die Hier-
       archie.
       Übersetzt man  Sanchos Frage  aus ihrer überschwenglichen Form in
       die profane Sprache, so "heißt es nun":
       Wie kommt  es, daß  die persönlichen Interessen sich den Personen
       zum Trotz  immer zu  Klasseninteressen fortentwickeln, zu gemein-
       schaftlichen Interessen,  welche sich  den einzelnen Personen ge-
       genüber verselbständigen,  in der  Verselbständigung die  Gestalt
       a l l g e m e i n e r   Interessen annehmen,  als solche  mit den
       wirklichen Individuen  in Gegensatz  treten und  in diesem Gegen-
       satz, wonach  sie als   a l l g e m e i n e   Interessen bestimmt
       sind, von  dem Bewußtsein  als   i d e a l e,   selbst religiöse,
       heilige Interessen  vorgestellt werden  können? Wie kommt es, daß
       innerhalb dieser Verselbständigung der persönlichen Interessen zu
       Klasseninteressen das  persönliche Verhalten des Individuums sich
       versachlichen, entfremden  muß und  zugleich als von ihm unabhän-
       gige, durch  den Verkehr  hervorgebrachte Macht ohne ihn besteht,
       sich
       
       #228# Karl Marx und Friedrich Engels
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       in gesellschaftliche  Verhältnisse verwandelt,  in eine Reihe von
       Mächten, welche  ihn bestimmen,  subordinieren und  daher in  der
       Vorstellung als  "heilige" Mächte erscheinen? Hatte Sancho einmal
       das Faktum begriffen, daß innerhalb gewisser, natürlich nicht vom
       Wollen  abhängiger     P r o d u k t i o n s w e i s e n    stets
       fremde, nicht  nur vom  vereinzelten Einzelnen, sondern sogar von
       ihrer Gesamtheit unabhängige praktische Mächte sich über die Men-
       schen setzen,  so konnte  es ihm  ziemlich gleichgültig  sein, ob
       dies Faktum  religiös vorgestellt  oder  in  der  Einbildung  des
       Egoisten, über  den Alles  in der  Vorstellung sich  setzt, dahin
       verdreht wird,  daß er  Nichts über  sich setzt.  Sancho war dann
       überhaupt aus  dem Reich  der Spekulation in das der Wirklichkeit
       herabgestiegen, aus dem, was die Menschen sich einbilden, zu dem,
       was sie  sind, aus  dem, was sie sich vorstellen, zu dem, wie sie
       sich betätigen  und unter  bestimmten Umständen betätigen müssen.
       Was ihm  als Produkt  des  D e n k e n s  erscheint, würde er als
       Produkt des   L e b e n s   begriffen haben. Er wäre nicht zu der
       seiner würdigen Abgeschmacktheit fortgegangen, den Zwiespalt zwi-
       schen persönlichen und allgemeinen Interessen daraus zu erklären,
       daß die  Menschen sich  diesen Zwiespalt   a u c h  religiös vor-
       stellen und sich so oder so  v o r k o m m e n,  was aber nur ein
       andres Wort für das "Vorstellen" ist.
       Selbst in  der  abgeschmackten  kleinbürgerlich  deutschen  Form,
       worin Sancho den Widerspruch der persönlichen und allgemeinen In-
       teressen erfaßt,  mußte er übrigens einsehen, daß die Individuen,
       wie sie nicht anders konnten, immer von sich ausgegangen sind und
       daher beide  von ihm notierte Seiten Seiten der persönlichen Ent-
       wicklung der  Individuen sind,  beide durch gleich empirische Le-
       bensbedingungen  der  Individuen  erzeugt,  beide  nur  Ausdrücke
       d e r s e l b e n   persönlichen Entwicklung  der Menschen, beide
       daher nur in  s c h e i n b a r e m  Gegensatz. Was die durch be-
       sondere Entwicklungsumstände und durch die Teilung der Arbeit dem
       Individuum zugefallene  Stelle betrifft, ob es mehr die eine oder
       andere Seite  des Gegensatzes repräsentiert, mehr als Egoist oder
       mehr als  Devouierter erscheint, war eine durchaus untergeordnete
       Frage, die  sogar nur  dann irgendein Interesse erhielt, wenn sie
       innerhalb bestimmter  Geschichtsepochen an  bestimmten Individuen
       aufgeworfen würde.  Sie konnte  sonst nur  zu moralisch quacksal-
       bernden Redensarten  führen. Aber Sancho läßt sich als Dogmatiker
       hier täuschen  und weiß sich nicht anders zu helfen, als indem er
       Sancho Pansas  und Don  Quixoten geboren werden und dann den San-
       chos dummes  Zeug von  den Don Quixoten in den Kopf setzen läßt -
       als Dogmatiker  nimmt er  sich die  eine Seite,  schulmeisterlich
       aufgefaßt, heraus, erklärt sie den Individuen als solchen gehörig
       und spricht  seinen Widerwillen  gegen die  andre aus.  Als einem
       Dogmatiker erscheint  ihm daher  auch die  andre Seite  teils als
       bloße  G e m ü t s a f f e k t i o n,  Dévoûment, teils als ein
       
       #229# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       bloßes  "P r i n z i p",  nicht als ein aus der bisherigen natür-
       lichen Daseinsweise  der Individuen notwendig hervorgehendes Ver-
       hältnis. Das  "Prinzip" hat man sich konsequent auch nur "aus dem
       Kopfe zu  schlagen", obgleich  es der Sanchoschen Ideologie gemäß
       allerlei empirische  Dinge  schafft.  So  hat  z.B.  p.  180  das
       "Lebens- oder  Sozietätsprinzip"  "das  gesellschaftliche  Leben,
       alle Umgänglichkeit,  alle  Verbrüderung  und  alles  [d]as"  ...
       "geschaffen". Umgekehrt  besser: Das  [L]eben hat das Prinzip ge-
       schaffen.
       Der   K o m m u n i s m u s   ist deswegen un[se]rm Heiligen rein
       unbegreiflich, weil  die [Ko]mmunisten  weder den  Egoismus gegen
       die Aufopferung  noch die  Aufopferung gegen den Egoismus geltend
       machen und  theoretisch diesen  Gegensatz weder in jener gemütli-
       chen noch  in jener überschwenglichen, ideologischen Form fassen,
       vielmehr seine  materielle Geburtsstätte  nachweisen, mit welcher
       er von  selbst verschwindet.  Die Kommunisten  predigen überhaupt
       keine   M o r a l,   was Stirner im ausgedehntesten Maße tut. Sie
       stellen nicht  die moralische  Forderung an  die Menschen: Liebet
       Euch untereinander, seid keine Egoisten pp.; sie wissen im Gegen-
       teil sehr  gut, daß  der Egoismus ebenso wie die Aufopferung eine
       unter bestimmten  Verhältnissen notwendige  Form der Durchsetzung
       der Individuen   i s t.   Die Kommunisten wollen also keineswegs,
       wie Sankt  Max glaubt  und wie ihm sein getreuer Dottore Graziano
       (Arnold Ruge)  nachbetet (wofür  ihn Sankt  Max, Wigand,  p. 192,
       einen "ungemein  pfiffigen  und  politischen  Kopf"  nennt),  den
       "Privatmenschen" dem "allgemeinen", dem aufopfernden Menschen zu-
       liebe aufheben  - eine Einbildung, worüber sie sich Beide bereits
       in den  "Deutsch-Französischen Jahrbüchern" die nötige Aufklärung
       hätten holen können. Die theoretischen Kommunisten, die einzigen,
       welche Zeit  haben, sich  mit der Geschichte zu beschäftigen, un-
       terscheiden sich gerade dadurch, daß sie allein die Schöpfung des
       "allgemeinen Interesses"  durch die als "Privatmenschen" bestimm-
       ten Individuen  in der ganzen Geschichte  e n t d e c k t  haben.
       Sie wissen,  daß dieser  Gegensatz nur   s c h e i n b a r   ist,
       weil die eine Seite, das sogenannte "Allgemeine", von der ändern,
       dem Privatinteresse,  fortwährend erzeugt wird und keineswegs ihm
       gegenüber eine  selbständige Macht  mit einer  selbständigen  Ge-
       schichte ist,  daß also  dieser Gegensatz  fortwährend  praktisch
       vernichtet und  erzeugt wird.  Es handelt sich also nicht um eine
       Hegelsche "negative  Einheit" von  zwei Seiten eines Gegensatzes,
       sondern um  die materiell  bedingte Vernichtung  einer bisherigen
       materiell bedingten  Daseinsweise  der  Individuen,  mit  welcher
       zugleich jener Gegensatz samt seiner Einheit verschwindet.
       Wir sehen  also, wie der "mit sich einige Egoist" im Gegensatz zu
       dem "Egoisten  im gewöhnlichen  Verstande" und  dem "aufopfernden
       Egoisten"
       
       #230# Karl Marx und Friedrich Engels
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       von vornherein  in einer  Illusion über  beide und die wirklichen
       Verhältnisse der  wirklichen Menschen  beruht. Der  Vertreter der
       persönlichen Interessen  ist bloß  "Egoist im  gewöhnlichen  Ver-
       stande" wegen  seines notwendigen  Gegensatzes gegen  die gemein-
       schaftlichen Interessen,  innerhalb der  bisherigen  Produktions-
       und Verkehrsweise  zu allgemeinen  Interessen verselbständigt und
       in der  Form idealer  Interessen vorgestellt und geltend gemacht.
       Der  Vertreter   der  gemeinschaftlichen   Interessen  ist   bloß
       "Aufopfernder" wegen  seines Gegensatzes  gegen die als Privatin-
       teressen fixierten  persönlichen Interessen, wegen der Bestimmung
       der gemeinschaftlichen Interessen als allgemeiner und idealer.
       Beide, der  "aufopfernde Egoist"  wie der "Egoist im gewöhnlichen
       Verstande",  treffen   in  letzter   Instanz  zusammen   in   der
       S e l b s t v e r l e u g n u n g.
       
       p. 78:  "So ist die Selbstverleugnung den Heiligen gemein mit den
       Unheiligen, den  Reinen mit  den Unreinen:  Der Unreine    v e r-
       l e u g n e t   alle bessern  Gefühle, alle  Scham,  ja  die  na-
       türliche Furchtsamkeit,  und folgt nur der ihn beherrschenden Be-
       gierde. Der Reine verleugnet seine natürliche Beziehung zur Welt.
       - Von Gelddurst getrieben, verleugnet der Habgierige alle Mahnun-
       gen des Gewissens, alles Ehrgefühl, alle Milde und alles Mitleid;
       er setzt  alle Rücksichten  aus den Augen: Ihn reißt die Begierde
       fort. Gleiches  begeht der  Heilige: Er macht sich zum Spotte der
       Welt, ist  'hartherzig' und  'streng gerecht'; denn ihn reißt das
       Verlangen fort."
       
       Der "Habgierige",  der hier als unreiner, unheiliger Egoist, also
       als Egoist  im gewöhnlichen  Verstande auftritt,  ist nichts  als
       eine [von]  moralischen Kinderfreunden  und Romanen [br]eitgetre-
       tene, in  der Wirklichkeit  aber nur [a]ls Abnormität vorkommende
       Figur, keines[w]egs der Repräsentant der habgierigen [Bo]urgeois,
       die im  Gegenteil weder  "Mahnungen des  Gewissens",  "Ehrgefühl"
       etc. zu  verleugnen brauchen  noch sich auf die eine Leidenschaft
       der Habgier  beschränken. Ihre  Habgier hat  vielmehr eine  ganze
       Reihe  anderer,   politischer  und  sonstiger  Leidenschaften  im
       Gefolge, deren  Befriedigung die Bourgeois keinesfalls aufopfern.
       Ohne hierauf  weiter einzugehen,  halten wir  uns gleich  an  die
       Stirnersche "Selbstverleugnung".
       Sankt Max  schiebt hier  dem Selbst, das sich verleugnet, ein an-
       dres, nur in Sankt Maxens Vorstellung existierendes Selbst unter.
       Er läßt "den Unreinen" allgemeine Eigenschaften, wie "bessere Ge-
       fühle", "Scham",  "Furchtsamkeit", "Ehrgefühl" pp., aufopfern und
       fragt gar  nicht darnach, ob der Unreine diese Eigenschaften auch
       besitzt. Als ob "der Unreine" notwendig alle diese Qualitäten be-
       sitzen müsse!  Aber selbst  dann, wenn "der Unreine" sie alle be-
       säße, würde  die  Aufopferung  dieser  Eigenschaften  noch  keine
       S e l b s t verleugnung,  sondern nur das selbst in der "mit sich
       einigen" Moral  zu rechtfertigende Faktum konstatieren, daß Einer
       Leidenschaft mehrere andere
       
       #231# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       geopfert werden.  Und  endlich  ist  nach  dieser  Theorie  alles
       "Selbstverleugnung", was  Sancho tut  und nicht  tut. Er mag sich
       anstellen oder nicht anstellen [...] *)
       ---
       *) [Hier fehlt  eine Fortsetzung. Eine durchgestrichene, von Mäu-
       sen ganz  zerfressene Seite  enthielt folgendes:]  er Egoist ist,
       seine eigne  Selbstverleugnung. Wenn  er ein  Interesse verfolgt,
       verleugnet er  die Gleichgültigkeit gegen dies Interesse, wenn er
       e t w a s   tut, verleugnet  er das  Nichtstun.  Nichts  leichter
       [...] für  Sancho, als  dem   "E g o i s t e n  i m  g e w ö h n-
       l i c h e n   V e r s t a n d e",   seinem  Stein  des  Anstoßes,
       nachzuweisen, daß  er stets sich selbst verleugnet, weil er stets
       das Gegenteil  von dem  verleugnet,  was  er  tut  und  nie  sein
       wirkliches Interesse verleugnet.
       Nach seiner  Theorie der Selbstverleugnung kann Sancho p. 80 aus-
       rufen: "Ist  nun etwa  die Uneigennützigkeit  unwirklich und nir-
       gends vorhanden? Im Gegenteil, nichts ist gewöhnlicher!"
       Wir freuen  uns wirklich  ü[ber die  "Uneigennützigkeit"] des Be-
       wußtseins der deutschen Klein[bürger]
       Er gibt von dieser Uneigennützigkeit sogleich ein gutes Beispiel,
       indem er  ei[nen] Waisenhaus-F[rancke,  O'Connell,  den  heiligen
       Bon]ifa[z]ius[, Robespierre, Theodor Körner ...]
       O'Connell, [...],  dies weiß  jedes [Kind]  in  England.  Nur  in
       Deutschland und  namentlich in  Berlin kann man sich noch einbil-
       den, daß  O'Connell "uneigennützig"  sei, O'Connell,  der für die
       Unterbringung seiner  Bastardkinder und  die Vergrößerung  seines
       Vermögens "unermüdlich  arbeitet", seine  einträgliche Advokaten-
       praxis (10 000  Pfund jährlich)  mit der (besonders in Irland, wo
       er keine Konkurrenz vorfand) noch viel einträglicheren eines Agi-
       tators (20[000]-30000  Pfund jährlich) nicht umsonst vertauschte,
       der die  irischen Bauern  als Middleman  [106]  "hartherzig"  ex-
       ploitiert, sie bei ihren Schweinen wohnen läßt, während er, König
       Dan, in  seinem Palaste  in Merrion-Square  einen fürstlichen Hof
       hält und  dabei über das Elend dieser Bauern fortwährend jammert,
       "denn ihn  reißt das  Verlangen fort"; der die Bewegung immer ge-
       rade so  weit treibt,  als nötig ist, ihm seinen National Tribute
       und seine  Stellung als Chef zu sichern, und jedes Jahr nach Ein-
       sammlung des  Tributs alle Agitation aufgibt, um auf seinem Land-
       gute zu  Derrynane seines Leibes zu pflegen. Durch seine langjäh-
       rige juristische Charlatanerie und überaus unverschämte Exploita-
       tion jeder  Bewegung, an  der er  teilnahm, ist O'Connell, seiner
       sonstigen Brauchbarkeit zum Trotz, sogar den englischen Bourgeois
       verächtlich geworden.
       Daß übrigens  Sankt Max  als Entdecker  des wahren  Egoismus  ein
       großes Interesse  daran hat, die Herrschaft der Uneigennützigkeit
       in der  bisherigen Welt  nachzuweisen, ist klar. Er spricht darum
       auch (Wigand,  p. 165)  den großen  Satz aus,  daß die Welt "seit
       Jahrtausenden nicht  egoistisch" ist. Höchstens darf "der Egoist"
       von Zeit  zu Zeit einmal als avant-coureur 1*) von Stirner aufge-
       treten sein und "die Völker zu Falle gebracht" haben.
       -----
       1*) Vorläufer
       
       #232# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       Obgleich *) nun Sankt Max p. 420 sagt:
       
       "Über der  Pforte unserer  [Zeit] steht  nicht ...:  Erkenne Dich
       selbst, [sondern] ein: Verwerte Dich" [-]
       
       (wo der  Schulmeister wieder  die wirkliche, von ihm vorgefundene
       Verwertung in das Moralgebot der Verwertung verwandelt) -, so muß
       [statt für]  den bisherigen "aufopfernden", für den] "Egoisten im
       gewöhn[lichen Verstande"]  "jenes [apollinische  [107]" Wort lau-
       ten:
       
       "]   E r k e n n e t  E u c h [nur wieder, erkennet nur, was] Ihr
       [wirklich seid,  und laßt  Eure törichte  Sucht fahren, etwas An-
       deres zu  sein als  Ihr seid!" "Denn": "Dies gibt die Erscheinung
       des  b e t r o g e n e n  Egoismus, wo Ich nicht Mich befriedige,
       sond]ern Eine [Meiner Begierden, z.]B. den Glück[seligkeitstrieb.
       - All]  Euer Tun  und Trei[ben  ist heim]licher,  verdeckter  ...
       [Egoismus,] unbewußter  Egoismus, darum  [aber]  nicht  Egoismus,
       sondern Knechtschaft,  Dienst, Selbstverleugnung.  I h r  s e i d
       E g o i s t e n   u n d   I h r   s e i d   e s  n i c h t,  i n-
       d e m   i h r   d e n  E g o i s m u s  v e r l e u g n e t." (p.
       217.)
       
       "Kein Schaf,  kein Hund bemüht sich, ein rechter" Egoist "zu wer-
       den" (p.  443); "kein Tier" ruft den ändern zu: erkennet Euch nur
       wieder, erkennet  nur, was  Ihr wirklich  seid, - "Eure Natur ist
       nun einmal  eine" egoistische,  "Ihr seid"  egoistische "Naturen,
       d.h." Egoisten.  "Aber eben  weil Ihr  das bereits  seid, braucht
       Ihr's nicht erst zu werden" (ibid.). Zu dem, was Ihr seid, gehört
       auch Euer  Bewußtsein, und da Ihr Egoisten seid, so habt Ihr auch
       das Eurem  Egoismus entsprechende  Bewußtsein, also  ist gar kein
       Grund vorhanden,  der Stirnerschen Moralpredigt, in Euch zu gehen
       und Buße zu tun, die geringste Folge zu leisten.
       Stirner exploitiert hier wieder [den] alten philosophischen Witz,
       auf [den]  wir später  zurückkommen [wer]den.  Der Philosoph sagt
       nicht direkt:  Ihr seid  keine Menschen. Ihr wart immer Menschen,
       aber Euch fehlte das  B e w u ß t s e i n  von Dem, was Ihr wart,
       und eben  darum seid  Ihr auch  in der  Wirklichkeit keine Wahren
       Menschen gewesen.  Darum entsprach  Eure Erscheinung  Eurem Wesen
       nicht. Ihr  wart Menschen  und Ihr wart es nicht. - Der Philosoph
       gesteht hier  auf einem  Umwege, daß  einem bestimmten Bewußtsein
       auch bestimmte  Menschen und bestimmte Umstände entsprechen. Aber
       er bildet  sich zu gleicher Zeit ein, daß seine moralische Forde-
       rung an  die Menschen,  ihr Bewußtsein  zu verändern, dies verän-
       derte Bewußtsein  zustande bringen  werde, und  er sieht  in  den
       durch veränderte  empirische Verhältnisse  veränderten  Menschen,
       die nun auch natürlich ein andres Bewußtsein haben, nichts Andres
       als ein  verändertes [Bewußtsein.]  - Ebenso  [Euer Bewu]ßts[ein,
       das Ihr  heimlich] erseh[nt;  darin seid]  Ihr heim[liche,  unbe-
       wußte] Egoisten  - d.h.,  Ihr seid  wirklich Egoisten, soweit Ihr
       u n b e w u ß t  seid,
       -----
       *) Auf dieser Seite machte Marx den Vermerk: III. Bewußtsein.
       
       #233# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       aber Ihr seid Nichtegoisten, soweit Ihr  b e w u ß t  seid. Oder:
       Eurem jetzigen  Bewußtsein liegt]  ein bestimmtes Sein zugr[unde,
       das] nicht  das von Mir verlan[gte Sein] ist; Euer Bewußtsein ist
       das Bewußtsein  des Egoisten, wie er nicht [sein] soll, und zeigt
       daher, daß  Ihr selbst Egoisten seid, wie sie nicht sein sollen -
       oder daß  Ihr Andre  sein   s o l l t,   als Ihr  w i r k l i c h
       s e i d.   Diese ganze  Trennung des  Bewußtseins von den ihm zu-
       grunde hegenden  Individuen und  ihren wirklichen  Verhältnissen,
       diese Einbildung,  der Egoist  der heutigen Bourgeoisgesellschaft
       habe nicht  das seinem Egoismus entsprechende Bewußtsein, ist nur
       eine alte  Philosophenmarotte, die Jacques le bonhomme hier gläu-
       big  akzeptiert  und  nachmacht.  *)  Bleiben  wir  bei  Stirners
       "rührendem Beispiel"  vom Habgierigen.  Diesem  Habgierigen,  der
       nicht der  "Habgierige" überhaupt,  sondern der  Habgierige "Hans
       oder Kunz",  ein ganz  individuell bestimmter  "einziger" Habgie-
       riger, und  dessen Habgier  nicht die Kategorie "der Habgier" ist
       (Sankt Maxens  Abstraktion von seiner umfassenden, komplizierten,
       "einzigen" Lebensäußerung)  und "nicht  davon abhängt, wie Andre"
       (z.B. Sankt  Max) "sie  rubrizieren" - diesem Habgierigen will er
       vormoralisieren, daß er "nicht sich befriedige, sondern eine sei-
       ner Begierden".  Aber "nur  im [Augen]blicke  bist Du Du, nur als
       [Augen]blicklicher bist  Du wirklich.  Ein [von  Dir, de]m Augen-
       blicklichen, [Getrenntes" ist] ein absolut Höheres, [ist z.B. das
       Geld. Aber  "daß] Dir"  das Geld  "viel[mehr" ein höherer Genuß],
       daß es  Dir [ein  "absolut Höheres"  ist oder nic]ht ist, 1*) ...
       mich vielleicht  ["verleugne"? -  Er] findet,  daß  die  [Habgier
       mich] Tag  und Nacht  besitzt; [aber  das] tut  sie nur in seiner
       [Refle]xion. Er ist es, der aus den vielen Momenten, in denen Ich
       immer der  Augenblickliche bin, immer Ich selber, immer wirklich,
       "Tag und  Nacht" macht, wie nur Er die verschiedenen Momente mei-
       ner Lebensäußerung  zu einem  moralischen Urteil zusammenfaßt und
       sagt, daß  sie die Befriedigung der Habgier seien. Wenn Sankt Max
       das Urteil  fällt, daß  Ich nur Eine meiner Begierden befriedige,
       nicht Mich,  so stellt er Mich als volles ganzes Wesen Mir selber
       gegenüber. "Und  worin besteht dies volle ganze Wesen? Eben nicht
       in
       ---
       *) [Im Manuskript  gestrichen:] Am lächerlichsten tritt diese Ma-
       rotte in  der Geschichte auf, wo die spätere Epoche natürlich ein
       andres Bewußtsein  über die  frühere hat,  als  diese  über  sich
       selbst, und  wo z.B.  die Griechen  über sich  das Bewußtsein der
       Griechen, nicht  das Bewußtsein  hatten, was  wir über sie haben,
       und wo  der Vorwurf an die Griechen, warum sie dies unser Bewußt-
       sein über sich selbst, d.h. "das Bewußtsein von dem, was sie doch
       wirklich waren",  nicht gehabt  hätten, sich  in den Vorwurf auf-
       löst: warum sie Griechen gewesen seien.
       -----
       1*) hier folgt eine stark beschädigte Stelle
       
       #234# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       Deinem augenblicklichen  Wesen, nicht  in dem, was Du augenblick-
       lich bist"  - also  nach Sankt  Max  selbst  in  dem  -  heiligen
       "Wesen". (Wigand,  p. 171). Wenn "Stirner" sagt, daß Ich Mein Be-
       wußtsein verändern  müsse, so weiß Ich [meinerseits, daß mein au-
       genblickliches [Bejwußtsein  auch  zu  meinem  augenblick[lich]en
       Sein gehört  und  Sankt  Max,  in[dem]  er  mir  dies  Bewußtsein
       [strei]tig macht,  als versteckter Moralist meinen ganzen Lebens-
       wandel angreift.  *) Und  dann "bist  Du nur,  wenn  Du  an  Dich
       denkst, bist  Du nur  durch das  Selbstbewußtsein?" (Wig[and,] p.
       157, 158.)  Wie kann  Ich etwas Andres als Egoist sein? Z.B., wie
       kann Stirner  etwas Andres  als Egoist  sein, er mag den Egoismus
       verleugnen oder  nicht? "Ihr seid Egoisten und Ihr seid es nicht,
       indem Ihr den Egoismus verleugnet", predigst Du.
       Unschuldiger, "betrogner",  "uneingestandener" Schulmeister!  Die
       Sache verhält sich gerade umgekehrt. Wir Egoisten im gewöhnlichen
       Verstande, Wir  Bourgeois wissen sehr wohl: Charité bien ordonnée
       commence par  soi-même 1*),  und wir haben längst das Sprüchlein:
       Liebe deinen  Nächsten wie  dich selbst, dahin interpretiert, daß
       Jeder sich selbst der Nächste ist. Aber wir leugnen, daß wir eng-
       herzige Egoisten  seien, Exploiteurs, gewöhnliche Egoisten, deren
       Herzen sich  nicht zu dem Hochgefühl erheben können, die Interes-
       sen ihrer  Mitmenschen zu  den Ihrigen zu machen - was, unter uns
       ges[agt, so]viel  heißt, daß wir unsre In[teressen] als di[e] un-
       serer Mitmenschen  [be]hau[pten. Du]  leu[gnest den]  "gewöhnlich
       [en" Egoismus des einz]igen Egoisten [nur deshalb, w]eil Du deine
       ["natürlichen Bez]iehungen  zur [Welt verleugne]st". Du verstehst
       daher nicht,  warum wir den praktischen Egoismus eben darin voll-
       enden, daß wir die Redensart des Egoismus verleugnen - wir, denen
       es um  die Durchsetzung wirklicher egoistischer Interessen, nicht
       um das heilige Interesse des Egoismus zu tun ist. Übrigens war es
       vorauszusehen -  und damit  dreht der  Bourgeois kaltblütig Sankt
       Maxen den Rücken -, daß Ihr deutschen Schulmeister, wenn Ihr Euch
       einmal an  die Verteidigung  des Egoismus geben würdet, nicht den
       wirklichen, "profanen,  auf platter Hand hegenden" ("Das Buch" p.
       455) Egoismus,  also "nicht  mehr das, was man" Egoismus "nennt",
       sondern den  Egoismus im  außergewöhnlichen, im  Schulmeisterver-
       stande, den  philosophischen  oder  Lumpenegoismus,  proklamieren
       würdet.
       Der Egoist  im außergewöhnlichen Verstande ist also "nun erst ge-
       funden". "Sehen wir uns diesen neuen Fund einmal genauer an." (p.
       11.)
       ----
       *) [Hier hat Marx wieder den Vermerk gemacht:] III (Bewußtsein).
       -----
       1*) Wohlverstandene Nächstenliebe fängt bei sich selbst an; d.h.,
       jeder ist sich selbst der Nächste
       
       #235# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       Aus dem  soeben Gesagten hat sich bereits ergeben, daß die bishe-
       rigen Egoisten nur ihr Bewußtsein zu verändern haben, um Egoisten
       im außergewöhnlichen  Verstande zu  werden; daß also der mit sich
       einige Egoist  sich von  den früheren  nur durch  das Bewußtsein,
       d.h. als  Wissender, als  Philosoph unterscheidet. Aus der ganzen
       Sankt Maxischen  Geschichtsanschauung folgt ferner, daß, weil die
       bisherigen Egoisten  nur vom  "Heiligen"  beherrscht  waren,  der
       wahre  Egoist  nur  gegen  "das  Heilige"  zu  kämpfen  hat.  Die
       "einzige" Geschichte  zeigte, wie Sankt Max die historischen Ver-
       hältnisse in  Ideen und  dann den  Egoisten in einen Sünder gegen
       diese Ideen  verwandelte, wie  jede egoistische Geltendmachung in
       eine Sünde  [gegen diese] Ideen verwandelt wurde, [die Macht der]
       Privilegierten in  Sünde [gegen  die Idee]  der  Gleichheit,  des
       Des[potismus; bei  der] Idee der Freiheit [der Konkurrenz] konnte
       deshalb [in "dem Buch" gesagt wer]den, daß er [das Privateigentum
       für "]das Persönliche" [ansieht, (p. 155)] [...] großen, [... den
       aufopfernden] Ego[isten ...] notwendig und unbezwingb[ar ...] nur
       dadurch zu  bekämpfen, daß  er sie  in Heilige verwandelt und nun
       die Heiligkeit  an ihnen,  d.h. seine heilige Vorstellung von ih-
       nen, sie  [also]  nur,  insoweit  sie  in  ihm,  als    e i n e m
       H e i l i g e n,  existieren, aufzulösen beteuert. 1*)
       
       p. 50  *): "Wie  Du  i n  j e d e m  A u g e n b l i c k e  bist,
       so bist  Du Dein  Geschöpf, und  eben an  dieses  G e s c h ö p f
       magst Du  Dich, den   S c h ö p f e r,   nicht verlieren. Du bist
       selbst ein  höheres Wesen  als Du,  d.h., daß  Du nicht  bloß Ge-
       schöpf, sondern  gleicherweise Schöpfer  bist, das eben verkennst
       Du als  unfreiwilliger Egoist, und darum ist das höhere Wesen Dir
       ein fremdes."
       
       Mit einer  etwas andern  Wendung heißt  dieselbe Weisheit  p. 239
       "des Buchs":
       
       "Die Gattung  ist  N i c h t s"  (später wird sie allerlei, siehe
       Selbstgenuß), "und wenn der Einzelne sich über die Schranken sei-
       ner Individualität  erhebt, so  ist das vielmehr gerade Er selbst
       als Einzelner,  er ist nur, indem er sich erhebt, er ist nur, in-
       dem er' nicht bleibt, was er ist, sonst wäre er fertig, tot."
       
       Zu diesen  Sätzen, seinem "Geschöpf", verhält sich Stirner sofort
       als "Schöpfer", indem er "sich nicht an sie verliert":
       
       "Nur im  A u g e n b l i c k e  bist Du, nur als Augenblicklicher
       bist Du  wirklich ...  Ich bin in jedem Momente ganz, was Ich bin
       ... ein von Dir, dem Augenblicklichen, Getrenntes" ist "ein abso-
       lut Höheres"  ... (Wigand,  p. 170);  und p. 171 ibid. wird "Dein
       Wesen" als "Dein augenblickliches Wesen" bestimmt.
       ---
       *) [Am Anfang dieser Seite machte Marx den Vermerk:] II (Schöpfer
       und Geschöpf)
       -----
       1*) In diesem  Absatz befinden  sich von Mäusen stark zerfressene
       Stellen
       
       #236# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       Während Sankt  Max im "Buche" sagt, er habe noch ein anderes, hö-
       heres Wesen  als ein  augenblickliches Wesen,  wird im apologeti-
       schen Kommentar  das "augenblickliche Wesen" [seines] Individuums
       mit  seinem  "vollen  [ganzen]  Wesen"  identifiziert  und  jedes
       [Wesen] als das "augenblickliche Wesen" [in ein] "absolut höheres
       Wesen" verwandelt. Er ist also "im Buche" in jedem Augenblick ein
       höheres Wesen  als Das,  was er in diesem Augenblick ist, während
       im Kommentar  Alles, was er nicht m diesem Augenblick unmittelbar
       ist, ein  "absolut höheres  Wesen", ein heiliges Wesen ist. - Und
       dieser ganzen Spaltung gegenüber p. 200 "des Buchs":
       
       "Ich weiß  Nichts von  der Spaltung  eines  'u n v o l l k o m m-
       n e n'  und  'v o l l k o m m n e n'  Ichs."
       
       Der "mit  sich einige Egoist" braucht sich keinem Höheren mehr zu
       opfern, da  er sich  selbst der  Höhere ist  und diesen Zwiespalt
       zwischen einem "Höheren" und einem "Niederen" in sich selbst ver-
       legt. So  ist in  der Tat  (Sankt Sancho  contra Feuerbach,  "Das
       Buch", p.  243) "am  höchsten Wesen  Nichts als eine Metamorphose
       vorgegangen". Sankt Maxens wahrer Egoismus besteht m dem egoisti-
       schen Verhalten gegen den wirklichen Egoismus, gegen sich selbst,
       wie er "in jedem Augenblicke" ist. Dies egoistische Verhalten ge-
       gen den  Egoismus ist die Aufopferung. Sankt Max als Geschöpf ist
       nach dieser  Seite hin  der Egoist im gewöhnlichen Verstande, als
       Schöpfer ist  er der aufopfernde Egoist. Wir werden auch die ent-
       gegengesetzte Seite  kennenlernen, denn beide Seiten legitimieren
       sich als  echte Reflexionsbestimmungen,  indem sie  die  absolute
       Dialektik durchmachen,  in der  jede von ihnen an sich selbst ihr
       Gegenteil ist.
       Ehe wir  auf dies  Mysterium in seiner esoterischen Gestalt näher
       eingehen, ist  [es] nun in einzelnen [seiner sauren] Lebenskämpfe
       zu beob[achten].
       [Die allgemeinste Qualität, [den Egoisten, a]ls Schöpfer mit sich
       [selbst in  Einklang zu]  bringen [vom  Standpunkt der  Welt] des
       Geistes[, vollbringt Stirner p. 82, 83:]
       
       ["Es hat  das Christentum]  dahin [gezielt,  Uns von der Naturbe-
       stimm]ung [(Bestimmung  durch die Natur), von den Begier]den [als
       antreibend, zu  erlös]en, [mithin  gewollt, daß  der Mensch s]ich
       [nicht von  seinen Begierden  be]stimmen [lasse. Dann hegt nicht,
       daß] er  keine [Begierden   h a b e n  solle, so]ndern[,] daß die
       [Begierden ihn]  nicht haben  sollen, daß  [sie] nicht fix, unbe-
       zwinglich, unauflös[lich]  werden sollen.  Was   n u n  das Chri-
       stentum gegen  die Begierden  machinierte,   k ö n n t e n  w i r
       das nicht  auf seine eigene Vorschrift, daß Uns der Geist bestim-
       men solle,  anwenden...? ...  Dann ginge es auf die Auflösung des
       Geistes, Auflösung  aller Gedanken aus. Wie es dort heißen mußte,
       - -  - so  hieße es  nun: Wir  sollen zwar  Geist haben, aber der
       Geist soll Uns nicht haben."
       
       #237# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       "Die aber  Christo angehören,  die kreuzigen ihr Fleisch samt den
       Lüsten und  Begierden" (Galater  5, 24)  - womit sie nach Stirner
       als wahre  Eigentümer mit  den gekreuzigten  Lüsten und Begierden
       verfahren. Er  übernimmt das  Christentum auf  Lieferung, will es
       aber nicht  bei dem gekreuzigten Fleisch bewenden lassen, sondern
       auch seinen Geist kreuzigen, also den "ganzen Kerl".
       Das Christentum wollte uns nur darum von der Herrschaft des Flei-
       sches und  den "Begierden als antreibenden" befreien, weil es un-
       ser Fleisch,  unsre Begierden  für etwas  uns Fremdes  ansah;  es
       wollte uns nur darum von der Naturbestimmung erlösen, weil es un-
       sre eigne  Natur für  uns nicht  zugehörig hielt. Bin ich nämlich
       nicht selbst  Natur, gehören  meine natürlichen  Begierden, meine
       ganze Natürlichkeit  - und  dies ist die Lehre des Christentums -
       nicht zu  mir selbst,  so erscheint mir jede Bestimmung durch die
       Natur, sowohl durch meine eigne Natürlichkeit wie durch die soge-
       nannte äußere Natur, als Bestimmung durch etwas Fremdes, als Fes-
       sel, als  Zwang, der  mir angetan  wird,  a l s  H e t e r o n o-
       m i e   i m   G e g e n s a t z   z u r  A u t o n o m i e  d e s
       G e i s t e s.   Diese christliche  Dialektik akzeptiert er unbe-
       sehen und  wendet sie  nun auch auf unsern Geist an. Übrigens hat
       das Christentum es ja nie dahin gebracht, uns auch nur in dem von
       Sankt  Max   ihm  untergeschobenen   Juste-Milieu-Sinn  von   der
       Herrschaft der  Begierden zu  befreien; es bleibt bei dem bloßen,
       in der  Praxis resultatlosen Moralgebot stehen. Stirner nimmt das
       moralische Gebot  für die  wirkliche Tat und ergänzt es durch den
       weiteren kategorischen  Imperativ: "Wir  sollen zwar Geist haben,
       aber der  Geist soll Uns nicht haben" - und deshalb verläuft sich
       sein ganzer  mit sich  einiger Egoismus  "näher", wie Hegel sagen
       würde,  m  eine  nicht  minder  ergötzliche  als  erbauliche  und
       beschauliche Moralphilosophie.
       Ob eine Begierde fix wird oder nicht, d.h. ob sie zur ausschließ-
       lichen [Macht  über uns  wird,] wodurch indes ein [weiterer Fort-
       schritt nicht aus]geschlossen ist, das hängt davon ab, ob die ma-
       teriellen Umstände,  die "schlechten" weltlichen Verhältnisse er-
       lauben, diese  Begierde normal  zu befriedigen  und  andererseits
       eine Gesamtheit von Begierden zu entwickeln. Dies letztere wieder
       hängt davon  ab, ob  wir in Umständen leben, die uns eine allsei-
       tige Tätigkeit  und damit  eine Ausbildung  aller unserer Anlagen
       gestatten. Ebenso hängt es von der Gestaltung der wirklichen Ver-
       hältnisse und  der m ihnen gegebenen Möglichkeit der Entwickelung
       für jedes  Individuum ab, ob die Gedanken fix werden oder nicht -
       wie z.B. die fixen Ideen der deutschen Philosophen, dieser "Opfer
       der Gesellschaft", qui nous font pitié 1*), von den
       -----
       1*) die uns Mitleid einflößen
       
       #238# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       deutschen Verhältnissen  unzertrennlich sind. Bei Stirner ist üb-
       rigens die Herrschaft der Begierde eine reine Phrase, die ihn zum
       absoluten Heiligen  stempelt. So, um bei dem "rührenden Beispiel"
       vom Habgierigen zu bleiben:
       
       "Ein Habgieriger ist kein Eigner, sondern ein Knecht, und er kann
       Nichts um Seinetwillen tun, ohne es zugleich um seines Herrn wil-
       len zu tun." p. 400.
       
       Niemand kann etwas tun, ohne es zugleich einem seiner Bedürfnisse
       und dem  Organe dieses  Bedürfnisses zuliebe zu tun - wodurch für
       Stirner dies  Bedürfnis und sein Organ zum Herrn über ihn gemacht
       wird, gerade  wie er früher schon das  M i t t e l  zur Befriedi-
       gung eines Bedürfnisses (vgl. politischen Liberalismus und Kommu-
       nismus) zum  Herrn über  sich machte.  Stirner kann  nicht essen,
       ohne zugleich  um seines  Magens willen zu essen. Hindern ihn die
       weltlichen Verhältnisse  daran, seinen  Magen zu  befriedigen, so
       wird dieser  sein Magen  zum Herrn über ihn, die Begierde des Es-
       sens zur  fixen Begierde und der Gedanke ans Essen zur fixen Idee
       - womit  er zugleich  ein Beispiel für den Einfluß der weltlichen
       Umstände auf  die Fixierung  seiner Begierden und Ideen hat. San-
       chos "Empörung"  gegen die  Fixierung der  Begierden und Gedanken
       läuft hiernach  auf das  ohnmächtige Moralgebot der Selbstbeherr-
       schung hinaus und liefert einen neuen Beleg dafür, wie er nur den
       trivialsten Gesinnungen  der Kleinbürger  einen ideologisch hoch-
       trabenden Ausdruck verleiht. *)
       In diesem  ersten  Exempel  bekämpft  er  also  einerseits  seine
       fleischlichen Begierden,  andererseits seine  geistigen Gedanken,
       einerseits sein  Fleisch, andererseits  seinen Geist,  wenn  sie,
       seine Geschöpfe,  sich gegen  ihn, den Schöpfer, verselbständigen
       wollen. Wie  unser Heiliger  diesen Kampf  führt, wie er sich als
       Schöpfer zu seinem Ge[schöpf verhält], werden wir jetzt sehen.
       ---
       *) [Im Manuskript gestrichen:] Die Kommunisten, indem sie die ma-
       terielle Basis  angreifen, auf  der die bisher notwendige Fixität
       der Begierden  oder Gedanken beruht, sind die einzigen, durch de-
       ren geschichtliche  Aktion das Flüssigmachen der fixwerdenden Be-
       gierden und Gedanken wirklich vollzogen wird und aufhört, wie bei
       allen bisherigen Moralisten, "bis herab zu" Stirner, ein ohnmäch-
       tiges Moralgebot  1*) zu  sein. Die  kommunistische  Organisation
       wirkt in  doppelter Weise  auf die Begierden, welche die heutigen
       Verhältnisse im Individuum hervorbringen; ein Teil dieser Begier-
       den, diejenigen  nämlich, welche  unter allen  Verhältnissen exi-
       stieren und  nur der  Form und  - Richtung nach von verschiedenen
       gesellschaftlichen Verhältnissen  verändert werden, wird auch un-
       ter dieser  Gesellschaftsform nur verändert, indem ihnen die Mit-
       tel zur
       -----
       1*) MEGA: Moralgebet
       
       #239# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       Bei  dem  Christen  "im  gewöhnlichen  Verstande",  dem  chrétien
       "simple" 1*), um mit Fourier zu reden,
       
       "hat der   G e i s t  die alleinige Gewalt, und keine Einrede des
       'F l e i s c h e s'  wird ferner gehört. Gleichwohl aber kann Ich
       nur durch  das   'F l e i s c h'  die Tyrannei des  G e i s t e s
       brechen; denn nur, wenn ein Mensch auch sein  F l e i s c h  ver-
       nimmt, vernimmt  er sich  ganz, und  nur, wenn  er sich   g a n z
       vernimmt, ist  er vernehmend  oder vernünftig.  - -  - Führt aber
       einmal das   F l e i s c h   das Wort, und ist der Ton desselben,
       wie es  nicht anders  sein kann, leidenschaftlich - - - so glaubt
       er" (der  chrétien simple)  "Teufelsstimmen zu vernehmen, Stimmen
       gegen den   G e i s t   -  - -  und eifert  mit Recht dagegen. Er
       müßte nicht Christ sein, wenn er sie dulden wollte." p. 83.
       
       Also wenn  sein Geist  sich gegen  ihn verselbständigen  will, so
       ruft Sankt  Max sein  Fleisch zu Hülfe, und wenn sein Fleisch re-
       bellisch wird, erinnert er
       ---
       normalen Entwicklung  gegeben werden;  ein anderer  Teil dagegen,
       diejenigen Begierden  nämlich, die  ihren Ursprung  nur einer be-
       stimm[ten] Gesellschaftsform,  bestimmten Pro[duktions]- und Ver-
       kehrsbedingungen verdanken, wird ganz und gar seiner Lebensbedin-
       gungen beraubt. Welche [Begierden] nun unter der kommunisti[schen
       Organ]isation bloß  verändert und [welche aufgelöst] werden, läßt
       [sich nur  auf praktische  Weise, durch [Veränderung der wirk]li-
       chen, praktischen  ["Begierden", nicht durch] Verglei[chungen mit
       früheren g]eschichtlichen [Verhältnissen, entscheiden.]
       [Natürlich sind  die] beiden  Ausdrü[cke: "fix" und "Begierden"],
       die wir  [soeben gebrauchten,  um] Stirner  in [dieser "einzigen"
       Tats]ache schlagen zu [können,] ganz unpassend. Die Tatsache, daß
       in der  heutigen Gesellschaft  bei einem  Individuum sich   e i n
       Bedürfnis auf  Kosten aller ändern befriedigen kann, und daß dies
       "nicht sein  soll" und daß dies plus ou moins 2*) bei allen Indi-
       viduen der jetzigen Welt geschieht und daß dadurch die freie Ent-
       wicklung des  ganzen Individuums  unmöglich gemacht  wird, drückt
       Stirner, weil er von dem empirischen Zusammenhang dieser Tatsache
       mit der  bestehenden Weltordnung  nichts weiß, dahin aus, daß bei
       den mit  sich uneinigen Egoisten "die Begierden fix werden". Eine
       Begierde ist  schon durch  ihre bloße Existenz etwas "Fixes", und
       es kann  nur  Sankt  Max  und  Konsorten  einfallen,  seinen  Ge-
       schlechtstrieb z.B.  nicht "fix"  werden zu  lassen, was er schon
       ist und  nur durch die Kastration oder Impotenz aufhören würde zu
       sein. Jedes  einer "Begierde"  zugrunde  liegende  Bedürfnis  ist
       ebenfalls etwas  "Fixes", und  Sankt Max bringt es mit aller Mühe
       nicht fertig,  diese "Fixität"  aufzuheben und z.B. dahin zu kom-
       men, daß er nicht innerhalb "fixer" Zeiträume essen muß. Die Kom-
       munisten denken  auch nicht  daran, diese Fixität ihrer Begierden
       und Bedürfnisse aufzuheben, wie Stirner in der Welt seines Wahnes
       ihnen nebst allen ändern Menschen zumutet; sie erstreben nur eine
       solche Organisation  der Produktion  und des  Verkehrs, die ihnen
       die normale,  d.h. nur  durch die Bedürfnisse selbst beschränkte,
       Befriedigung aller Bedürfnisse möglich macht.
       -----
       1*) "einfachen" Christen - 2*) mehr oder weniger
       
       #240# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       sich, daß  er auch Geist ist. Was der Christ nach einer Seite hin
       tut, das  tut Sankt  Max nach  Beiden  Seiten  hin.  Er  ist  der
       chretien "composé",  er beweist  sich  abermals  als  vollendeter
       Christ.
       Hier in  diesem Exempel  tritt Sankt  Max, der  Geist, nicht  als
       Schöpfer seines  Fleisches und  umgekehrt  auf;  er  findet  sein
       Fleisch und  seinen Geist  vor und  erinnert sich  nur, wenn eine
       Seite rebellisch  wird, daß  er auch noch die andere an sich hat,
       und macht nun diese andere Seite als sein wahres Ich dagegen gel-
       tend. Sankt Max ist also hier nur Schöpfer, insofern er "Auch-An-
       ders-Bestimmter" ist,  insofern er  noch eine andere Qualität be-
       sitzt als  die, welche es ihm gerade beliebt, unter die Kategorie
       Geschöpf zu  subsumieren. Seine ganze schöpferische Tätigkeit be-
       steht hier in dem guten Vorsatz, sich zu vernehmen, und zwar sich
       g a n z  zu vernehmen oder  v e r n ü n f t i g  zu sein *), sich
       als "volles,  ganzes Wesen", als von "seinem augenblicklichen We-
       sen" unterschiedenes  Wesen, ja  im geraden Gegensatz zu dem, was
       er "augenblicklich" für ein Wesen ist, zu vernehmen.
       [Ge]hen wir nun zu einem [der "sauren] Lebenskämpfe" [unsres Hei-
       ligen] über:
       
       [p. 80, 81: "Mein Eife]r braucht nicht [geringer zu sein als der]
       fanatischste, [aber  Ich bleibe zu glei]cher Zeit gegen [ihn fro-
       stig kalt,  ungläub]ig und  sein [unversöhnlichster  Feind;]  Ich
       bleibe [sein  R i c h t e r,  weil Ich sein] Eigentümer [bin."]
       
       [Um Dem Sinn zu] geben, was Sankt [Sancho v]on [S]ich aussagt, so
       beschränkt sich seine schöpferische Tätigkeit hier darauf, daß er
       in seinem  Eifer über  seinen Eifer ein Bewußtsein behält, daß er
       über ihn reflektiert, daß er sich als reflektierendes Ich zu sich
       als wirklichem  Ich verhält.  Es ist das Bewußtsein, dem er will-
       kürlich den  Namen "Schöpfer" beilegt. Er ist nur "Schöpfer", so-
       weit er  b e w u ß t  ist.
       
       "Hierüber vergissest  Du Dich selbst in süßer Selbstvergessenheit
       - -  - Bist  Du aber  nur, wenn  Du an  Dich denkst,  und  v e r-
       k o m m s t   D u,   w e n n   D u  D i c h  v e r g i s s e s t?
       Wer vergäße  sich nicht  alle Augenblicke, wer verlöre sich nicht
       in   E i n e r  S t u n d e  t a u s e n d m a l  aus den Augen?"
       (Wigand, p. 157, 158.)
       
       Dies kann Sancho seinem "Selbstvergessen" natürlich nicht verges-
       sen und  "bleibt" daher  "zu gleicher Zeit sein unversöhnlichster
       Feind".
       Sankt Max,  das Geschöpf,  hat in  demselben Moment einen enormen
       Eifer, wo  Sankt Max,  der  Schöpfer,  vermöge  seiner  Reflexion
       zugleich über
       ---
       *) Hier  rechtfertigt   also  Sankt  Max  vollständig  Feuerbachs
       "rührendes Exempel" von der Hetäre und Geliebten. In der ersteren
       "vernimmt" ein  Mensch   n u r   s e i n  F l e i s c h  oder nur
       ihr Fleisch,  in der  zweiten   s i c h   g a n z  oder sie ganz.
       Siehe Wigand, p. 170, 171.
       
       #241# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       diesen seinen  Eifer hinaus ist; oder der wirkliche Sankt Max ei-
       fert, und der reflektierende Sankt Max bildet sich ein, über die-
       sen Eifer hinaus zu sein. Dieses Hinaussein in der Reflexion über
       das, was er wirklich ist, wird nun in Romanphrasen ergötzlich und
       abenteuerlich dahin beschrieben, daß er seinen Eifer fortbestehen
       läßt, d.h.  mit seiner Feindschaft gegen ihn nicht wirklich Ernst
       macht,   aber    sich   "frostig    kalt",    "ungläubig",    als
       "unversöhnlichster Feind" gegen ihn verhält. - Insofern Sankt Max
       eifert, d.h.,  sofern der  Eifer seine wirkliche Eigenschaft ist,
       verhält er  sich nicht  als Schöpfer zu ihm, und insofern er sich
       als Schöpfer verhält, eifert er nicht wirklich, ist ihm der Eifer
       fremd, seine  Nicht-Eigenschaft. Solange  er eifert, ist er nicht
       der Eigner  des Eifers,  und sobald  er sein Eigner wird, hört er
       auf zu eifern. Er, der Gesamtkomplex, ist in jedem Augenblick als
       Schöpfer und Eigentümer der Inbegriff aller seiner Eigenschaften,
       minus die  eine, die  er zu sich, dem Inbegriff aller ändern, als
       Geschöpf und  Eigentum in  Gegensatz bringt, so daß ihm immer ge-
       rade   d i e   Eigenschaft   f r e m d   ist, auf  die als  d i e
       S e i n i g e  er den Akzent legt.
       So überschwenglich  nun Sankt  Maxens wahre Geschichte von seinen
       Heldentaten in sich selbst in seinem Bewußtsein klingt, so ist es
       dennoch ein  notorisches Faktum, daß es reflektierende Individuen
       gibt, die  in und  durch ihre Reflexion über alles hinaus zu sein
       glauben *),  weil sie  in der  Wirklichkeit nie aus der Reflexion
       herauskommen.
       Dieser Kunstgriff,  sich gegen  eine  bestimmte  Eigenschaft  als
       Auch-Anders-Bestimmter,  nämlich  im  vorliegenden  Beispiel  als
       I n h a b e r  d e r  R e f l e x i o n  a u f  d a s  E n t g e-
       g e n g e s e t z t e  geltend zu machen, kann bei jeder beliebi-
       gen Eigenschaft  mit den  nötigen  Variationen  wieder  angewandt
       werden. Z.  B. Meine  Gleichgültigkeit braucht  nicht geringer zu
       sein als die des Aller-blasiertesten; aber ich bleibe zu gleicher
       Zeit  gegen   sie  schwitzend  heiß,  ungläubig  und  ihr  unver-
       söhnlichster Feind etc.
       [Wir dür]fen nicht vergessen, daß [der Gesamtkomplex aller seiner
       Ei[genschaften, der  Eig]ner, als  welcher  [Sankt]  Sancho  [der
       Ein]en Eigenschaft
       ---
       *) [Im Manuskript  gestrichen:] In der Tat ist dies alles nur ein
       schwülstiger Ausdruck  für den  Bourgeois, der jede seiner Aufre-
       gungen überwacht,  um keinen  Schaden zu nehmen, andrerseits aber
       mit einer  Masse Eigenschaften renommiert, wie z.B. philanthropi-
       schem Eifer,  gegen die  er sich "frostig kalt, ungläubig und als
       unversöhnlichster Feind" verhalten müsse, damit er nicht sich als
       Eigentümer daran verliere, sondern der Eigentümer der Philanthro-
       pie bleibe. Aber Sankt Max opfert die Eigenschaft, zu der er sich
       als "unversöhnlichster  Feind"  verhält,  seinem  reflektierenden
       Ich, seiner  Reflexion zuliebe,  während der Bourgeois seine Nei-
       gungen und  Begierden immer einem bestimmten  w i r k l i c h e n
       Interesse opfert.
       
       #242# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       [reflektierend gegenübertri]tt,  in diesem  [Falle nichts anderes
       als] die einfache [Reflexion Sanchos über diese E]ine Eigenschaft
       [ist, welche er in sein Ich ]verwandelt [hat, indem er sta]tt des
       Gesamtkomplexes die  Eine,] bloß  reflektieren[de Qualität,  und]
       jeder seiner  Eigen[schaften wie  d]er Reihe  gegenüber [nur  die
       Eine] Qualität der Reflexion, ein Ich, und sich als vorgestelltes
       Ich, geltend macht.
       Dies feindselige  Verhalten gegen  sich selbst,  diese feierliche
       Parodie der  Benthamschen Buchführung [108] über seine eignen In-
       teressen und  Eigenschaften, wird jetzt von ihm selbst ausgespro-
       chen:
       
       p. 188:  "Ein Interesse,  es sei wofür es wolle, hat an Mir, wenn
       Ich nicht  davon oskommen  kann, einen  Sklaven erbeutet  und ist
       nicht mehr Mein Eigentum, Ich bin das Seine. Nehmen Wir daher die
       Weisung der Kritik an, Uns nur wohl zu fühlen im Auflösen."
       
       "Wir!" -  Wer sind  "Wir"? Es  fällt "Uns"  gar  nicht  ein,  die
       "Weisung der Kritik" "anzunehmen". - Also fordert hier Sankt Max,
       der augenblicklich  unter der Polizeiaufsicht "der Kritik" steht,
       "Ein und  dasselbe Wohlsein Aller", "das Gleichwohlsein Aller bei
       Einem  und  demselben",  "die  direkte  Gewaltherrschaft    d e r
       R e l i g i o n".
       Seine Interessiertheit  im außergewöhnlichen Verstande zeigt sich
       hier als eine himmlische Interesselosigkeit.
       Wir brauchen  übrigens hier gar nicht mehr darauf einzugehen, daß
       es in  der bestehenden  Gesellschaft keineswegs  von Sankt Sancho
       abhängt, ob  "ein Interesse"  "an ihm einen Sklaven erbeutet" und
       "er nicht  mehr davon loskommen kann". Die Fixierung der Interes-
       sen durch  die Teilung  der Arbeit  und  die  Klassenverhältnisse
       liegt noch  viel mehr  auf der  Hand als  die der "Begierden" und
       "Gedanken".
       Um die  kritische Kritik  zu überbieten, hätte unser Heiliger we-
       nigstens bis  zum Auflösen  des Auflösens  fortgehen müssen, denn
       sonst ist  das Auflösen ein Interesse, von dem er nicht loskommen
       kann, das  an ihm  einen Sklaven  erbeutet hat.  Das Auflösen ist
       nicht mehr  sein Eigentum, sondern er ist das Eigentum des Auflö-
       sens. Wollte  er etwa  in dem  soeben gegebe[nen] Beispiel konse-
       quent sein, s[o mußte er] [seinen Eifer gegen seijnen "Eifer" als
       [ein  "Interesse"   behandeln]  und   sich   dagegen   [als   ein
       "unversöhnlicher Feind"  v[erhalten. Er  mußte aber]  auch  seine
       ["frostig kalte"  Interesselosigkeit] gegen seinen ["frostig kal-
       ten" Eifer  befrachten und  g[anz ebenso "frostig kalt"] werden -
       wodurch [er  selbstverständlich]  seinem  ursprünglichen  "Inter-
       esse"] und  sich damit  die "Anfechtung"  ersparte, sich] auf dem
       spekulativen [Absatz  im Kreis]  zu drehen.  - Dagegen  fährt  er
       getrost fort (ibid.):
       
       #243# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       "Ich will  nur Sorge  tragen, daß  Ich Mein Eigentum Mir sichere"
       (d.h., daß  ich Mich  vor Meinem Eigentum sichere), "und um es zu
       sichern, nehme  Ich es jederzeit in Mich zurück, vernichte in ihm
       jede Regung  nach Selbständigkeit  und verschlinge es, eh' sich's
       fixiere und zu einer fixen Idee oder Sucht werden kann."
       
       Wie Stirner  wohl die  Personen "verschlingt",  die sein Eigentum
       sind! Stirner  hat sich soeben von "der Kritik" einen "Beruf" ge-
       ben lassen.  Er behauptet, diesen "Beruf" sogleich wieder zu ver-
       schlingen, indem er sagt, p. 189:
       
       "Das tue  Ich aber  nicht um  meines menschlichen  Berufs willen,
       sondern weil Ich Mich dazu berufe."
       
       Wenn ich  mich nicht dazu berufe, bin ich, wie wir vorhin hörten,
       Sklave, nicht  Eigentümer, nicht  wahrer  Egoist,  verhalte  mich
       nicht als Schöpfer zu mir, was ich als wahrer Egoist tun muß; so-
       weit Einer  also wahrer  Egoist sein  will, hat er sich zu diesem
       ihm von  "der Kritik"  angewiesenen Beruf zu berufen. Es ist also
       ein allgemeiner  Beruf, ein  Beruf für  Alle, nicht  nur  S e i n
       Beruf, sondern  auch sein   B e r u f.   - Andrerseits tritt hier
       der wahre  Egoist als  ein von  der Mehrzahl der Individuen uner-
       reichbares Ideal  auf, denn  (p. 434)  "die gebornen beschränkten
       Köpfe bilden  unstreitig die  zahlreichste Menschenklasse"  - und
       wie sollten  diese "beschränkten  Köpfe" das  Mysterium des unbe-
       schränkten Selbst-  und Welt-Verschlingens durchdringen können. -
       Übrigens sind  diese fürchterlichen  Ausdrücke: vernichten,  ver-
       schlingen usw. nur eine neue Wendung für den obigen "frostig kal-
       ten unversöhnlichsten Feind".
       Jetzt endlich  werden wir  in den Stand gesetzt, eine Einsicht in
       die Stirnerschen  Einwürfe gegen den Kommunismus zu bekommen. Sie
       waren Nichts  als eine vorläufige, versteckte Legitimation seines
       mit sich  einigen Egoismus,  in  welchem  sie  leibhaftig  wieder
       [a]uferstehen. Das  "G l e i c h w o h l s e i n  A l l e r  [i n
       E] i n e m   u n d   D e m s e l b e n"   ersteht [wieder] in der
       Forderung,  daß    "W i r    [Uns  nur]  wohl  fühlen  sollen  im
       [Auflösen". "Die   S o r] g e"  steht wieder [auf in der einzigen
       "Sorg]e", sich  [sein Ich als Eigentum zu sichern; [aber "mit der
       Zei]t" steht  wieder ["die Sorge auf, wie man"] zu einer [Einheit
       kommen könne,  n]ämlich der  [von  Schöpfer  und  Geschöpf.]  Und
       schließlich [erscheint  der  Hu]manismus  wieder],  der  als  der
       wa]hre Egoist  als unerreichbares  Ideal [den empirischen Indivi-
       duen gegenübertritt. Es muß also p. 117 "des Buches" folgenderma-
       ßen heißen:  Der mit  sich einige  Egoismus will  jeden  Menschen
       recht eigentlich  in einen  "Geheimen Polizei-Staat"  verwandeln.
       Der Spion  und Laurer  "Reflexion" überwacht jede Regung des Gei-
       stes und  Körpers, und  alles Tun und Denken, jede Lebensäußerung
       ist ihm  eine Reflexionssache, d. h. Polizeisache. In dieser Zer-
       rissenheit des Menschen in "Naturtrieb"
       
       #244# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       und "Reflexion"  (innerer Pöbel,  Geschöpf  und  innere  Polizei,
       Schöpfer) besteht der mit sich einige Egoist. *)
       Heß hatte ("Die letzten Philosophen", p. 26) unsrem Heiligen vor-
       geworfen:
       
       "Er steht  fortwährend unter  der geheimen  Polizei seines kriti-
       schen Gewissens.  - -  - Er hat 'die Weisung der Kritik - - - Uns
       nur wohl zu fühlen im Auflösen' nicht vergessen - - - Der Egoist,
       ruft ihm  fortwährend sein kritisches Gewissen ins Gedächtnis zu-
       rück, darf  sich für  Nichts so  sehr interessieren,  daß er sich
       seinem Gegenstande ganz hingibt" usw.
       
       Sankt Max "ermächtigt sich", hierauf folgendes zu antworten:
       
       Wenn "Heß  von Stirner  sagt: er stehe fortwährend usw. - was ist
       damit weiter  gesagt, als  daß er,  wenn er kritisiert, nicht ins
       Gelag hinein"  (d.h. beiläufig:  einzig) "kritisieren,  nicht fa-
       seln,  sondern  eben  wirklich"  (d.h.  menschlich)  "kritisieren
       will?"
       
       "Was damit  weiter gesagt"  war, daß Heß von der geheimen Polizei
       usw. sprach,  ist aus  der obigen  Stelle von  Heß so  klar,  daß
       selbst Sankt  Maxens "einziges" Verständnis derselben nur für ein
       absichtliches   Mißverständnis   erklärt   werden   kann.   Seine
       "Virtuosität im  Denken" verwandelt sich hier in eine Virtuosität
       im Lügen,  die wir ihm um so weniger verdenken, als sie hier sein
       einziger Notbehelf  war -  die aber sehr schlecht zu den subtilen
       Distinktiönlein über  das Recht  zu lügen  paßt, welche er ander-
       wärts "im  Buche" aufstellt. Daß übrigens Sancho, "wenn er kriti-
       siert", keineswegs "wirklich kritisiert", sondern "ins Gelag hin-
       ein kritisiert"  und "faselt",  haben wir  ihm, mehr  als er ver-
       dient, nachgewiesen.
       Zunächst wurde  also das Verhalten des wahren Egoisten als Schöp-
       fer zu  sich als  Geschöpf dahin  bestimmt, daß er gegen eine Be-
       stimmung, worin  er sich  als Geschöpf fixierte, z. B. gegen sich
       als Denkenden,  als Geist,  sich als  Auch-anders-Bestimmter, als
       Fleisch geltend  machte. Später machte er sich nicht mehr geltend
       als   w i r k l i c h   Auch-anders-Bestimmter, sondern  als  die
       b l o ß e   V o r s t e l l u n g  d e s  A u c h - A n d e r s -
       B e s t i m m t s e i n s  überhaupt, also im obigen Beispiel als
       Auch-Nichtdenkenden, Gedankenlosen  oder als Gleichgültigen gegen
       das Denken,  eine Vorstellung,  die er wieder fahren läßt, sobald
       der Unsinn  sich herausstellt. Siehe oben die Kreiselbewegung auf
       dem spekulativen Absatz. Also die schöpferische Tätigkeit bestand
       hier in  der Reflexion, daß ihm diese eine Bestimmtheit, hier das
       Denken, auch gleichgültig sein
       ---
       *) [Im Manuskript gestrichen:] Wenn übrigens Sankt Max "einen ho-
       hen preußischen  Offizier" sagen läßt: "Jeder Preuße trägt seinen
       Gendarmen in  der Brust",  so muß  dies heißen: den Gendarmen des
       Königs, nur  der "mit  sich einige  Egoist"  trägt    s e i n e n
       e i g n e n  Gendarmen in der Brust.
       
       #245# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       könne -  im Reflektieren überhaupt; wodurch er natürlich auch nur
       Reflexionsbestimmungen schafft,  wenn  er  irgend  etwas  schafft
       (z.B. die Vorstellung des Gegensatzes, deren schlichtes Wesen un-
       ter allerlei feuerspeienden Arabesken verdeckt wird).
       Was nun  den   I n h a l t   seiner als Geschöpfes anbetrifft, so
       sahen wir, daß er nirgends diesen Inhalt, diese bestimmten Eigen-
       schaften, z.B. sein Denken, seinen Eifer pp. schafft, sondern nur
       die Reflexionsbestimmung  dieses Inhalts  als Geschöpf,  die Vor-
       stellung, daß  diese  bestimmten  Eigenschaften  seine  Geschöpfe
       seien. Bei  ihm finden sich alle seine Eigenschaften vor, und wo-
       her sie ihm kommen, ist ihm gleichgültig. Er braucht sie also we-
       der auszubilden, also z. B. tanzen zu lernen, um über seine Beine
       Herr zu werden, oder sein Denken an Material, das nicht Jedem ge-
       geben wird  und nicht Jeder sich anschaffen kann, zu üben, um Ei-
       gentümer seines  Denkens zu  werden - noch braucht er sich um die
       Weltverhältnisse zu kümmern, von denen es in der Wirklichkeit ab-
       hängt, wie weit ein Individuum sich entwickeln kann.
       Stirner ist  wirklich nur durch Eine Eigenschaft die andere (d.h.
       die  Unterdrückung   seiner  übrigen  Eigenschaften  durch  diese
       "andere") los. In der Wirklichkeit ist er dies aber nur, insofern
       diese Eigenschaft  nicht nur  zur  freien  Entwicklung  gekommen,
       nicht bloß  Anlage geblieben  ist, sondern  auch  [in]sofern  die
       Weltverhältnisse ihm  [erlau]bten, eine   T o t a l i t ä t   von
       Ei[genschaften] gleichmäßig  zu entwi[ckeln, d.h. also] durch die
       Teilung [der  Arbeit, und darum] die vorwiegende Betätigung einer
       ein[zigen Leidenschaft,  z.]B. des  Bücher[schreibens -  wie  wir
       schon gezeig]t  haben. [Überhau]pt  ist es eine [Widersinnigkeit,
       wenn]  man,   wie  Sankt   [Max,  unterst]ellt,  man  könne  Eine
       [Leidenschaft], von  allen ändern  getrennt,  [be]friedigen,  man
       könne sie  befriedigen, ohne  s i c h,  das ganze lebendige Indi-
       viduum, zu befriedigen. Wenn diese Leidenschaft einen abstrakten,
       abgesonderten Charakter  annimmt, wenn  sie mir  als eine  fremde
       Macht gegenübertritt,  wenn also die Befriedigung des Individuums
       als die  einseitige Befriedigung  einer einzigen Leidenschaft er-
       scheint -  so liegt  das keineswegs  am Bewußtsein oder am "guten
       Willen", am  allerwenigsten an  dem Mangel  an Reflexion über den
       Begriff der Eigenschaft, wie Sankt Max sich vorstellt.
       Es liegt nicht am  B e w u ß t s e i n,  sondern - am -  S e i n;
       nicht am  Denken, sondern  am Leben;  es hegt  an der empirischen
       Entwicklung und  Lebensäußerung des Individuums, die wiederum von
       den Weltverhältnissen  abhängt. Wenn  die Umstände,  unter  denen
       dies Individuum  lebt, ihm  nur die [einzeilige Entwicklung einer
       Eigen[scha]ft auf  Kosten aller  ändern erlauben,  [wenn] sie ihm
       Material und  Zeit zur  Entwicklung nur  dieser Einen Eigenschaft
       geben, so  bringt dies  Individuum es  nur zu  einer einseitigen,
       verkrüppelten
       
       #246# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Entwicklung. Keine  Moralpredigt hilft.  Und die Art, in der sich
       diese  Eine,  vorzugsweise  begünstigte  Eigenschaft  entwickelt,
       hängt wieder  einerseits von  dem ihr gebotenen Bildungsmaterial,
       andererseits von  dem Grade  und der Art ab, in denen die übrigen
       Eigenschaften unterdrückt  bleiben. Eben  dadurch, daß  z.B.  das
       Denken  Denken  dieses  bestimmten  Individuums  ist,  bleibt  es
       s e i n,   durch seine  Individualität und  die Verhältnisse,  in
       denen es  lebt, bestimmtes  Denken; das  denkende Individuum  hat
       also nicht  erst nötig,  vermittelst einer langwierigen Reflexion
       über das  Denken als  solches sein Denken für sein eignes Denken,
       sein Eigentum zu erklären; es ist von vornherein sein eignes, ei-
       gentümlich bestimmtes Denken, und grade seine Eigenheit h[at sich
       bei Sankt]  Sancho als  "Gegenteil" da[von  erwiesen, als] Eigen-
       heit, die  Eigenheit  "a n  s i c h["  ist.] Bei einem Individuum
       z.B., dessen  Leben einen großen Umkreis mannigfaltiger Tätigkei-
       ten und  praktischer Beziehungen  zur Welt  umfaßt, das  also ein
       vielseitiges Leben  führt, hat das Denken denselben Charakter der
       Universalität wie  jede andere Lebensäußerung dieses Individuums.
       Es fixiert sich daher weder als abstraktes Denken, noch bedarf es
       weitläuftiger Reflexionskunststücke, wenn das Individuum vom Den-
       ken zu  einer ändern  Lebensäußerung übergeht.  Es ist  immer von
       vornherein ein  nach  B e d ü r f n i s  verschwindendes und sich
       reproduzierendes Moment im Gesamtleben des Individuums.
       Bei einem lokalisierten Berliner Schulmeister oder Schriftsteller
       dagegen, dessen  Tätigkeit sich  auf saure  Arbeit einerseits und
       Denkgenuß andererseits beschränkt, dessen Welt von Moabit bis Kö-
       penick geht  und hinter  dem Hamburger Tor [109] mit Brettern zu-
       genagelt ist,  dessen Beziehungen  zu dieser  Welt durch eine mi-
       serable Lebensstellung  auf ein Minimum reduziert werden, bei ei-
       nem solchen Individuum ist es allerdings nicht zu vermeiden, wenn
       es Denkbedürfnis besitzt, daß das Denken ebenso abstrakt wird wie
       dies Individuum  und sein  Leben selbst, daß es ihm, dem ganz Wi-
       derstandslosen gegenüber, eine fixe Macht wird, eine Macht, deren
       Betätigung dem  Individuum die  Möglichkeit einer momentanen Ret-
       tung aus seiner "schlechten Welt", eines momentanen Genusses bie-
       tet. Bei  einem solchen  Individuum äußern sich die wenigen übri-
       gen, nicht  so sehr  aus dem Weltverkehr als aus der menschlichen
       Leibeskonstitution    hervorgehenden    Begierden    nur    durch
       R e p e r k u s s i o n;   d.h., sie  nehmen innerhalb ihrer bor-
       nierten Entwicklung  denselben einseitigen und brutalen Charakter
       an wie das Denken, kommen nur in langen Zwischenräumen und stimu-
       liert durch das Wuchern der vorherrschenden Begierde (unterstützt
       durch unmittelbar  physische Ursachen,  z.B. Kompression [des Un-
       ter]leibs) zum Vorschein und äußern [sich] heftig, gewaltsam, mit
       brutalster Verdrängung der gewöhn[lichen, natürlichen]
       
       #247# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       Begierde[, in  dem sie zur weit]er[n] Herrschaft über [das Denken
       führen. D]aß  das Schulmeister[liche Denken über] dies empirische
       [Faktum auf  eine schu]lmeisterliche Weise [reflektiert und spin-
       tisiert, ver]steht  sich von selbst. [Aber das bloße Inse]rat da-
       von,  daß  Stir[ner  seine  Eigen]schaften  überhaupt  "schafft",
       [erklärt] nicht  einmal ihre  bestimmte  [Entwicklung.  Inwiefern
       diese Eigenschaften  universell oder lokal entwickelt werden, in-
       wiefern sie lokale Borniertheiten überschreiten oder in ihnen be-
       fangen bleiben,  hängt nicht von ihm, sondern vom Weltverkehr und
       von dem  Anteil ab,  den er und die Lokalität, in der er lebt, an
       ihm nehmen.  Keineswegs, daß  die Individuen  in ihrer  Reflexion
       sich einbilden  oder vornehmen, ihre lokale Borniertheit aufzulö-
       sen, sondern  daß sie in ihrer empirischen Wirklichkeit und durch
       empirische Bedürfnisse  bestimmt es  dahin gebracht  haben, einen
       Weltverkehr zu produzieren - nur dies Faktum macht es den Einzel-
       nen möglich,  unter günstigen Verhältnissen ihre lokale Borniert-
       heit loszuwerden. *)
       Das Einzige,  wozu es  unser Heiliger mit seiner sauren Reflexion
       über seine  Eigenschaften und  Leidenschaften bringt, ist, daß er
       sich durch  seine fortwährende Häkelei und Katzbalgerei mit ihnen
       ihren Genuß und ihre Befriedigung versäuert.
       Sankt Max  schafft, wie  schon vorhin  gesagt, bloß  sich als Ge-
       schöpf, d.h.  beschränkt sich  darauf, sich unter diese Kategorie
       des Geschöpfs  zu subsumieren. Seine Tätigkeit [als] Schöpfer be-
       steht darin,  sich als  Geschöpf [zu]  betrachten, wobei er nicht
       einmal [dazu  fo]rtgeht, diese Spaltung in sich als [Schöpfer und
       s]ich als  Geschöpf als  sein eignes [Produkt wie]der aufzulösen.
       Die Spaltung  [in "Wesentliches"  un]d "Unwesentliches" wird [bei
       ihm zu einem] permanenten Lebensprozeß, [also zum bloßen Sc]hein,
       d.h., sein  eigentliches Leb[e]n  existiert nur [in der "reinen"]
       Reflexion, ist gar [nicht einmal ein] wirkliches Dasein, [denn da
       dies jeden  Au]genblick außer [ihm und seiner Reflexion] ist, be-
       müht er sich [vergeblich, diese als] wesentlich darzustel[len.
       
       "Indem] ober  dieser Feind"  (näm[l]ich der  wahre Egoist als Ge-
       schöpf) "in seiner Niederlage sich erzeugt, indem das Bewußtsein,
       da es  sich ihn fixiert, vielmehr statt frei davon zu werden, im-
       mer dabei  verweilt und sich immer verunreinigt erblickt, und in-
       dem zugleich  dieser Inhalt seines Bestrebens das Niedrigste ist,
       so sehen wir nur
       ---
       *) [Im  Manuskript   gestrichen:]  Sankt  Max  erkennt  an  einer
       späte[ren] profanen  Stelle an,  daß das  Ich von  der Welt einen
       (Fichteschen)  "Anstoß"   erhält.  Daß  die  Kommunisten,  diesen
       "Anstoß", der  freilich, wenn  man sich  nicht mit der bloßen Re-
       densart begnügt,  ein höchst verwickelter und vielfach bestimmter
       "Anstoß" wird,  unter ihre Kontrolle zu nehmen beabsichtigen, das
       ist freilich  für Sankt  Max ein  viel zu verwegener Gedanke, als
       daß er sich darauf einlassen könnte.
       
       #248# Karl Marx und Friedrich Engels
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       eine auf  sich und  ihr kleines  Tun" (Tatlosigkeit) "beschränkte
       und   s i c h   b e b r ü t e n d e,   ebenso  u n g l ü c k l i-
       c h e  als  ä r m l i c h e  Persönlichkeit." (Hegel.)
       
       Was wir  bisher über  Sanchos Spaltung  in Schöpfer  und Geschöpf
       sagten, drückt  er selbst  nun schließlich  m logischer Form aus:
       Schöpfer und Geschöpf verwandeln sich in voraussetzendes und vor-
       ausgesetztes, resp.  (insofern seine  Voraussetzung [seines  Ichs
       eine]  S e t z u n g  ist) setzendes und gesetztes Ich:
       
       "Ich Meinesteils gehe von einer Voraussetzung aus, indem Ich Mich
       v o r a u s s e t z e;  aber Meine Voraussetzung ringt nicht nach
       ihrer Vollendung"  (vielmehr ringt Sankt Max nach ihrer Erniedri-
       gung), "sondern  dient Mir  nur dazu, sie zu genießen und zu ver-
       zehren" (ein beneidenswerter Genuß!). "Ich zehre gerade an Meiner
       Voraussetzung  allein  und  bin  nur,  indem  Ich  sie  verzehre.
       D a r u m"   (großes "Darum!")  "aber ist  jene Voraussetzung gar
       keine;   d e n n  d a"  (großes "denn da"!) "Ich der Einzige bin"
       (soll heißen der wahre, der mit sich einige Egoist), "so weiß Ich
       nichts von der Zweiheit eines voraussetzenden und vorausgesetzten
       Ichs (eines  'unvollkommnen' und  'vollkommnen'  Ichs  oder  Men-
       schen)" - soll heißen, besteht die Vollkommenheit meines Ichs nur
       darin, mich  jeden Augenblick als unvollkommnes Ich, als Geschöpf
       zu wissen -  "s o n d e r n"  (allergrößtes "Sondern"!), "daß Ich
       Mich verzehre,  heißt nur,  daß Ich  bin." (Soll  heißen: Daß Ich
       bin, heißt  hier nur,  daß Ich an Mir die Kategorie des Vorausge-
       setzten in  der Einbildung  verzehre.) "Ich setze Mich nicht vor-
       aus, weil  Ich Mich  jeden Augenblick  überhaupt erst  setze oder
       schaffe" (nämlich  als Vorausgesetzten, Gesetzten oder Geschaffe-
       nen setze  und schaffe)  "und nur  dadurch Ich bin, daß Ich nicht
       vorausgesetzt, sondern gesetzt bin" (soll heißen: und nur dadurch
       bin, daß Ich Meinem Setzen vorausgesetzt bin) "und wiederum nur m
       dem Moment gesetzt, wo Ich Mich setze, d.h., Ich bin Schöpfer und
       Geschöpf in Einem."
       
       Stirner ist  ein "gesetzter  Mann", da er stets ein gesetztes Ich
       und sein  Ich   "a u c h   Mann" (Wig[and,]  p. 183)  ist.  "D a-
       r u m"   ist er  ein gesetzter  Mann;  "d e n n  d a"  er nie von
       Leidenschaften zu Exzessen hingerissen wird, "so" ist er das, was
       die Bürger  einen gesetzten Mann nennen,  "s o n d e r n"  daß er
       ein gesetzter  Mann ist,  "das heißt nur", daß er stets Buch über
       seine eignen Wandlungen und Brechungen führt.
       Was bisher,  um nach  Stirner auch  einmal mit Hegel zu sprechen,
       nur "für  uns" war,  nämlich daß seine ganze schöpferische Tätig-
       keit keinen  ändern Inhalt  als allgemeine Reflexionsbestimmungen
       hatte, das  ist jetzt  von Stirner selbst "gesetzt". Sankt Maxens
       Kampf gegen  "d a s  W e s e n"  erreicht nämlich hier darin sein
       "letztes Absehen", daß er sich selbst mit dem Wesen, und zwar dem
       reinen, spekulativen  Wesen identifiziert.  [Da]s Verhältnis  von
       Schöpfer und Geschöpf [verwjandelt sich in eine Expli[kation] des
       S i c h - s e l b s t - V o r a u s s e t z e n s,     d.h.,  [er
       verwandelt] in  eine höchst  "unbe[holfene"] und durcheinanderge-
       worfene [Vorstellung,] was Hegel in "der [Lehre vom Wesen]"
       
       #249# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       über die  Reflexion [sagt.  Da nämlich] Sankt Max  e i n  [Moment
       seiner] Reflexion, die [setzende Reflexion, her]ausnimmt, [werden
       seine Phantas]ien  "nega[tiv", indem  er  nämlich]  sich  pp.  in
       "Selbst[voraussetzung", zum  U]nterschied zwischen  [sich als dem
       Setzende]n und  Gesetzten, [und  die Re]flexion in den mystischen
       Gegensatz von  Schöpfer und  Geschöpf verwandelt. Nebenbei ist zu
       bemerken,  daß   Hegel  in   diesem  Abschnitt  der  "Logik"  die
       "Machinationen" des "schöpferischen Nichts" auseinandersetzt, wo-
       raus sich  auch erklärt,  weshalb sich  Sankt Max  schon p. 8 als
       dies "schöpferische Nichts" "setzen" mußte.
       Wir wollen  jetzt einige Sätze aus der Hegelschen Explikation des
       Sich-selbst-Voraussetzens zur  Vergleichung mit  Sankt Maxens Ex-
       plikation "episodisch  einlegen". Da  Hegel indes nicht so zusam-
       menhanglos und  "ins Gelag  hinein" schreibt wie unser Jacques le
       bonhomme, sind  wir genötigt,  uns diese  Sätze von verschiedenen
       Seiten der  "Logik" zusammenzuholen, um sie dem großen Satze San-
       chos entsprechend zu machen.
       
       "Das Wesen setzt sich selbst voraus, und das Aufheben dieser Vor-
       aussetzung ist es selbst. Weil es Abliefen seiner von sich selbst
       oder Gleichgültigkeit  gegen sich,  negative Beziehung  auf  sich
       ist, setzt es sich somit sich selbst gegenüber ... das Setzen hat
       keine Voraussetzung  ... das Andre ist nur durch das Wesen selbst
       gesetzt ...  Die Reflexion  ist also  nur als  das Negative ihrer
       selbst. Als  Voraussetzende ist  sie schlechthin  setzende Refle-
       xion. Sie  besteht also darin, sie selbst und nicht sie selbst in
       einer Einheit"  ("Schöpfer und Geschöpf in Einem") "zu sein." He-
       gels "Logik", II, p. 5, 16, 17, 18, 22.
       
       Man hätte  nun von Stirners "Virtuosität im Denken" erwarten sol-
       len, daß  er zu  weiteren Forschungen  in der  Hegelscben "Logik"
       fortgeschritten wäre.  Dies unterließ er indes weislich. Er würde
       dann nämlich gefunden haben, daß er als bloß "gesetztes" Ich, als
       Geschöpf,  d.h.   soweit  er     D a s e i n    hat,  ein  bloßes
       S c h e i n - Ich,   und nur  "W e s e n",  S c h ö p f e r  ist,
       soweit er   n i c h t  da ist, sich bloß vorstellt. Wir haben be-
       reits gesehen  und werden noch weiter sehen, daß seine ganzen Ei-
       genschaften, seine  ganze Tätigkeit und sein ganzes Verhalten zur
       Welt ein  bloßer Schein  ist, den  er sich  vormacht, nichts  als
       "Jongleurkünste auf dem Seile des Objektiven". Sein Ich ist stets
       ein  stummes,   verborgenes  "Ich",   verborgen  in   seinem  als
       W e s e n  vorgestellten  I c h.
       Da der  wahre Egoist  in seiner schöpferischen Tätigkeit also nur
       eine Paraphrase der spekulativen Reflexion oder des reinen Wesens
       ist, so ergibt sich "nach der Mythe" "durch natürliche Fortpflan-
       zung", was  schon bei  der Betrachtung  der "sauren Lebenskämpfe"
       des wahren  Egoisten hervortrat,  daß seine  "Geschöpfe" sich auf
       die einfachsten  Reflexionsbestimmungen, wie  Identi[tät], Unter-
       schied, Gleichheit, Ungleich[heit, Gegen]satz pp. beschränken -
       
       #250# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       [Reflexions]bestimmungen, die  er sich  an ["Sich", von] dem "die
       Kunde bis  nach [Köln gedrun]gen ist", klarzumachen [sucht. Über]
       sein  v o r a u s s e t z u n g s l o s e s  [Ich werden] wir ge-
       legentlich noch  ["ein gerin]ges  Wörtlein vernehmen". Siehe u.a.
       den "Einzigen".
       Wie in   S a n c h o s   Geschichtskonstruktion,  nach Hegelscher
       Methode, die  spätere historische  Erscheinung zur  Ursache,  zum
       Schöpfer der  früheren gemacht  wird, so  beim mit  sich  einigen
       Egoisten der  Stirner von  heute zum Schöpfer des Stirner von ge-
       stern, obgleich,  um in  seiner Sprache  zu sprechen, der Stirner
       von heute das Geschöpf des Stirner von gestern ist. Die Reflexion
       dreht dies allerdings um und in der Reflexion, als Reflexionspro-
       dukt, als  Vorstellung, ist  der Stirner von gestern das Geschöpf
       des Stirner  von heute,  ganz wie  die Weltverhältnisse innerhalb
       der Reflexion die  G e s c h ö p f e  seiner Reflexion sind.
       
       p. 216.   "S u c h e t   nicht  die Freiheit,  die Euch gerade um
       Euch selbst  bringt, in  der 'Selbstverleugnung',  sondern   s u-
       c h e t   Euch selbst"  (d.h., suchet  Euch selbst in der Selbst-
       verleugnung),   "w e r d e t   E g o i s t e n,   werde Jeder von
       Euch ein  a l l m ä c h t i g e s  Ich!"
       
       Wir dürfen  uns nach dem Vorhergehenden nicht wundern, wenn Sankt
       Max sich  später zu  diesem Satze  wieder als Schöpfer und unver-
       söhnlichster Feind  verhält  und  sein  erhabenes  Moralpostulat:
       "Werde ein   a l l m ä c h t i g e s   Ich"  dahin "auflöst", daß
       ohnehin Jeder  tut, was  er kann und kann, was er tut, wodurch er
       natürlich für  Sankt Max  "allmächtig" ist. - Übrigens ist in dem
       obigen Satze der Unsinn des mit sich einigen Egoisten zusammenge-
       faßt. Zuerst  das Moralgebot  des Suchern,  und  zwar  des  Sich-
       selbst-Suchens. Dies  wird dahin  bestimmt, daß  man etwas werden
       soll, was  man noch  nicht ist, nämlich Egoist, und dieser Egoist
       wird dahin  bestimmt, daß er "cm allmächtiges Ich" ist, worin das
       eigentümliche Vermögen  aus wirklichem  in Ich,  in die Allmacht,
       die Phantasie  des Vermögens  sich aufgelöst hat. Sich selbst su-
       chen heißt  also etwas  Andres werden,  als  man  ist,  und  zwar
       a l l m ä c h t i g   w e r d e n,  d.h. Nichts, ein Unding, eine
       Phantasmagone werden.
       
                                    ---
       
       Wir sind  jetzt so  weit vorgedrungen, daß eines der tiefsten My-
       sterien des  Einzigen und  zugleich ein  Problem, das die zivili-
       sierte Welt  seit längerer  Zeit in  ängstlicher Spannung  hielt,
       enthüllt und gelöst werden kann.
       Wer ist  Szeliga? So  fragt sich  seit der kritischen "Literatur-
       Zeitung" (siehe:  "Die heilige Familie" etc.) Jeder, der die Ent-
       wicklung der deutschen Philosophie verfolgt hat. Wer ist Szeliga?
       Alle fragen,  Alle horchen auf bei dem barbarischen Klange dieses
       Namens - Keiner antwortet.
       
       #251# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       Wer  ist  Szeliga?  Sankt  Max  gibt  uns  den  Schlüssel  dieses
       "Geheimnisses aller Geheimnisse".
       S z e l i g a   i s t   S t i r n e r   a l s    G e s c h ö p f,
       S t i r n e r   i s t   S z e l i g a   a l s    S c h ö p f e r.
       Stirner ist das "Ich", Szeliga das "Du" "des Buchs". Stirner, der
       Schöpfer, verhält  sich daher  zu Szeliga,  dem Geschöpf,  als zu
       seinem "unversöhnlichsten Feind". Sobald sich Szeliga gegen Stir-
       ner verselbständigen  will - wozu er einen unglückseligen Versuch
       in den  "Norddeutschen Blättern"  machte -  "nimmt" ihn Sankt Max
       wieder "in  sich zurück", ein Experiment, was gegen diesen Szeli-
       gaschen Versuch  auf p. 176-179 des apologetischen Kommentars bei
       Wigand vollzogen  wird. Der  Kampf des  Schöpfers gegen  das  Ge-
       schöpf,  Stirners   gegen  Szeliga,   ist  indes  nur  scheinbar:
       [Sz]eliga führt  gegen seinen Schöpfer [jetzt] die Phrasen dieses
       [Schöpfers] ins Feld - z.B. "daß [der bloße,] blanke Leib die Ge-
       dan[kenlosigkei]t ist"  (Wig[and,] p.  148). Sankt  [Max  dachte]
       sich, wie  wir sahen,  nur [das  blanke Flei]sch,  den  Leib  vor
       sei[ner Bildung],  und gab  bei die[ser Gelegenheit dem Leibe die
       [Bestimmung, "d]as Andere des Gedank[ens", der] Nicht-Gedanke und
       Nicht-Den[ken]de zu sein, also die Gedankenlosigkeit; ja an einer
       späteren Stelle  spricht er  es geradezu aus, daß  n u r  die Ge-
       dankenlosigkeit (wie vorher  n u r  das Fleisch, die also identi-
       fiziert werden) ihn vor den Gedanken rette (p. 196). - Einen noch
       viel schlagenderen  Beweis dieses  geheimnisvollen  Zusammenhangs
       erhalten wir  bei Wigand. Wir sahen bereits p. 7 "des Buchs", daß
       "Ich", d.h. Stirner, "der Einzige" ist. Auf p. 153 des Kommentars
       redet er  nun seinen  "Du" an:   "D u"   -  - "bist der  P h r a-
       s e n i n h a l t",   nämlich der  Inhalt des "Einzigen", und auf
       derselben Seite heißt es: "Daß  e r  s e l b e r,  S z e l i g a,
       d e r   P h r a s e n i n h a l t   s e i,   läßt er außer Acht."
       "Der Einzige"  ist die  Phrase, wie  Sankt Max wörtlich sagt. Als
       "I c h",   d.h. als   S c h ö p f e r   gefaßt,  ist er  P h r a-
       s e n e i g n e r   - dies  ist   S a n k t   M a x.  Als  "D u",
       d.h. als   G e s c h ö p f   gefaßt,  ist er   P h r a s e n i n-
       h a l t  - dies ist  S z e l i g a,  wie uns soeben verraten wur-
       de. Szeliga,  das Geschöpf,  tritt als  aufopfernder Egoist,  als
       verkommener Don Quijote auf; Stirner, der Schöpfer, als Egoist im
       gewöhnlichen Verstande, als heiliger Sancho Pansa.
       Hier tritt also die andere Seite des Gegensatzes von Schöpfer und
       Geschöpf auf,  wo jede  der beiden  Seiten ihr  Gegenteil an sich
       selbst hat. Sancho Panza Stirner, der Egoist im gewöhnlichen Ver-
       stande, überwindet hier den Don Quijote Szeliga, den aufopfernden
       und illusorischen  Egoisten, eben  a l s  Don Quijote, durch sei-
       nen  Glauben   an  die   Weltherrschaft  des  Heiligen.  Was  war
       [überhaupt Stirners Egoist im ge[wöhnlichen] Verstande anders als
       San[cho Panza] und sein aufopfernder Ego[ist andres] als Don Qui-
       jote und  [ihr gegenseitiges  Verhältnis in der bis [herigen Form
       an]ders als  das des [Sancho Panza Stirner] zum Don Quijo[te Sze-
       liga? Jetzt, als] Sancho Panza,
       
       #252# Karl Marx und Friedrich Engels
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       g[ehört Stirner  sich als]  Sancho nur, u[m Szeliga als] Don Qui-
       jote glau[ben  zu machen,  daß] er ihn in der Don[quijotene über-
       trifft und einer [solchen Rolle gemäß, als] vorausgesetzte allge-
       meine Don[quijoterie,  Nichts] gegen  die D[onquijoterie  sei]nes
       ehemaligen Herrn [(auf] die er mit dem festesten Bedientenglauben
       schwört) unternimmt  und dabei  seine schon bei Cervantes entwic-
       kelte Pfiffigkeit  geltend macht.  Dem wirklichen Gehalt nach ist
       er daher  der Verteidiger  des praktischen Kleinbürgers, aber be-
       kämpft das  dem Kleinbürger entsprechende Bewußtsein, das sich in
       letzter Instanz  auf die idealisierenden Vorstellungen des Klein-
       bürgers von der ihm unerreichbaren Bourgeoisie reduziert.
       Don Quijote verrichtet also jetzt als Szeliga bei seinem ehemali-
       gen Schildknappen Knechtsdienste.
       Wie sehr Sancho in seiner neuen "Wandlung" noch die alten Gewohn-
       heiten behalten  hat, zeigt er auf jeder Seite. Noch immer bildet
       das "Verschlingen"  und "Verzehren"  eine seiner Hauptqualitäten,
       noch immer hat seine "natürliche Furchtsamkeit" solche Herrschaft
       über ihn,  daß sich  der König von Preußen und der Fürst Heinrich
       LXXII. ihm in den "Kaiser von China" oder den "Sultan" verwandeln
       und er nur von den "d........ 1*) Kammern
       zu sprechen  wagt; noch  immer streut er Sprüchwörter und Sitten-
       sprüchlein aus seinem Schnappsack um sich, noch immer fürchtet er
       sich vor "Gespenstern", ja erklärt sie für das allein Furchtbare;
       der einzige Unterschied ist, daß, während Sancho in seiner Unhei-
       ligkeit von  den Bauern  in der  Schenke geprellt  wurde,  er  im
       Stande der Heiligkeit jetzt fortwährend sich selbst prellt.
       Kommen wir  indes auf Szeliga zurück. Wer hat nicht längst in al-
       len "Phrasen",  die Sankt  Sancho seinem  "Du" in den Mund legte,
       Szeligas Finger  entdeckt? Und  nicht allein  in den  Phrasen des
       "Du", sondern  auch in den Phrasen, wo Szeliga als Schöpfer, also
       als   S t i r n e r   auftritt, ist  Szeligas Spur fortwährend zu
       verfolgen. Darum  aber, weil  Szeliga Geschöpf ist, konnte in der
       "Heiligen Familie"  Szeliga nur als  "G e h e i m n i s"  auftre-
       ten. Die Enthüllung des Geheimnisses kam Stirner dem Schöpfer zu.
       Wir ahnten  freilich, daß hier ein großes, heiliges Abenteuer zu-
       grunde liege.  Wir sind nicht getäuscht worden. Das einzige Aben-
       teuer ist  wirklich nie gesehen und nie erhört und übertrifft das
       von den Klappermühlen Cervantes' am zwanzigsten.
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       1*) deutschen

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