Quelle: MEW 3 1845 - 1846
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#224# Karl Marx und Friedrich Engels
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2. Phänomenologie des mit sich einigen Egoisten
oder die Lehre von der Rechtfertigung
Wie wir bereits m der Ökonomie des Alten Bundes und später sahen,
ist Sankt Sanchos wahrer, mit sich einiger Egoist keineswegs mit
dem trivialen Alltagsegoisten, dem "Egoisten im gewöhnlichen Ver-
stande", zu verwechseln. Er hat vielmehr sowohl diesen (den in
der Welt der Dinge Befangenen, Kind, Neger, Alten pp.) wie den
aufopfernden Egoisten (den m der Welt der Gedanken Befangenen,
Jüngling, Mongole, Neuen pp.) zu seiner Voraussetzung. Es liegt
indes in der Natur der Geheimnisse des Einzigen, daß dieser Ge-
gensatz und die aus ihm hervorgehende negative Einheit - der "mit
sich einige Egoist" - erst hier, im Neuen Bunde, betrachtet wer-
den kann.
Da Sankt Max den "wahren Egoisten" als etwas ganz Neues, als das
Ziel der bisherigen Geschichte darstellen will, so hat er einer-
seits den Aufopfernden, den Predigern des dévoûment, nachzuwei-
sen, daß sie wider Willen Egoisten, und den Egoisten im gewöhnli-
chen Verstande, daß sie Aufopfernde, daß sie keine wahren, keine
heiligen Egoisten sind. - Beginnen wir mit den erstem, den Aufop-
fernden.
#225# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Zu unzähligen Malen sahen wir, daß in der Welt Jacques le bonhom-
mes Alle vom Heiligen besessen sind. - Indessen macht es doch
einen Unterschied", ob "man gebildet oder ungebildet ist". Die
Gebildeten, die sich mit dem reinen Gedanken beschäftigen, treten
uns hier als die vom Heiligen "Besessenen" par excellence 1*)
entgegen. Sie sind in ihrer praktischen Gestalt die
"Aufopfernden".
"Wer ist denn aufopfernd? Vollständig" (!) "doch" (!!) "wohl"
(!!!) "derjenige, der an E i n s, Einen Zweck, Einen Willen,
Eine Leidenschaft alles Andre setzt. - Ihn beherrscht eine Lei-
denschaft, der er die übrigen zum Opfer bringt. Und sind diese
Aufopfernden etwa nicht eigennützig? Da sie nur Eine herrschende
Leidenschaft h a b e n, sorgen sie auch nur für Eine Befriedi-
gung, aber für diese desto eifriger. Egoistisch ist ihr ganzes
Tun und Treiben, aber es ist ein e i n s e i t i g e r, u n-
a u f g e s c h l o s s e n e r, b o r n i e r t e r E g o i s-
m u s; es ist Besessenheit." p. 99.
Sie h a b e n also nach Sankt Sancho nur e i n e herrschende
Leidenschaft; sollen sie auch für die Leidenschaften sorgen, die
nicht s i e, sondern A n d r e h a b e n, um sich zum all-
seitigen, aufgeschlossenen, unbeschränkten Egoismus zu erheben,
um diesem f r e m d e n Maßstab des "heiligen" Egoismus zu ent-
sprechen?
Beiläufig wird in dieser Stelle auch der "Geizige" und der
"V e r g n ü g u n g s s ü c h t i g e" (wahrscheinlich, weil
Stirner glaubt, er suche "d a s Vergnügen" als solches, das
heilige Vergnügen, nicht die wirklichen Vergnügungen aller Art)
ebenso wie "Robespierre z.B., Saint-Just usw." (p. 100) als Exem-
pel des "aufopfernden, besessenen Egoisten" angeführt. "Von einem
gewissen Standpunkt der Sittlichkeit aus räsoniert man" (d.h. un-
ser heiliger, "mit sich einiger Egoist", von seinem eignen, mit
sich höchst uneinigen Standpunkte aus) "etwa so":
"Opfere Ich aber Einer Leidenschaft andere, 30 opfere Ich darum
dieser Leidenschaft noch nicht M i c h und opfere nichts von
dem, wodurch Ich w a h r h a f t Ich selber bin." (p. 386.)
Sankt Max ist durch diese beiden "mit sich uneinigen" Sätze dazu
gezwungen, die "lumpige" Distinktion zu machen, daß man wohl
sechs "z.B.", sieben "usw." Leidenschaften einer einzigen ändern
opfern dürfe, ohne aufzuhören, "wahrhaft Ich selber" zu sein,
aber beileibe nicht zehn oder gar noch mehr Leidenschaften. Robe-
spierre und Saint-Just waren allerdings nicht "w a h r h a f t
Ich selber", ebensowenig wie sie wahrhaft "der Mensch" waren,
aber sie waren w a h r h a f t Robespierre und Saint-Just,
diese einzigen, unvergleichlichen Individuen.
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1*) schlechthin; im wahrsten Sinne des Wortes
#226# Karl Marx und Friedrich Engels
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Das Kunststück, den "Aufopfernden" nachzuweisen, daß sie Egoisten
seien, ist ein alter Kniff, bereits bei Helvetius und Bentham
hinlänglich exploitiert. Sankt Sanchos "eignes" Kunststück ist
die Verwandlung der "Egoisten im gewöhnlichen Verstande", der
Bourgeois, in Nichtegoisten. Helvetius und Bentham weisen aller-
dings den Bourgeois nach, daß sie durch ihre Borniertheit sich
p r a k t i s c h schaden, aber Sankt Maxens "eignes" Kunststück
besteht dann, ihnen nachzuweisen, daß sie dem "Ideal", dem
"Begriff", "Wesen", "Beruf" pp. des Egoisten nicht entsprechen
und sich nicht als absolute Negation zu sich selbst verhalten.
Ihm schwebt wieder nur sein deutscher Kleinbürger vor. Nebenbei
bemerkt rechnet unser Heiliger, während der "Geizige" p. 99 als
"aufopfernder Egoist" figuriert, den "Habgierigen" p. 78 dagegen
zu den "Egoisten im gewöhnlichen Verstande", zu den "Unreinen,
Unheiligen".
Diese zweite Klasse der bisherigen Egoisten wird p. 99 so defi-
niert:
"Diese Leute" (die Bourgeois) "sind also nicht aufopfernd, nicht
begeistert, nicht ideal, nicht konsequent, keine Enthusiasten;
sie sind im g e w ö h n l i c h e n V e r s t a n d e E g o-
i s t e n, Eigennützige, auf ihren Vorteil bedacht, nüchtern,
berechnend usw."
Da "das Buch" nicht am Schnürchen geht, so hatten wir bereits
beim "Sparren" und beim "politischen Liberalismus" Gelegenheit zu
sehen, wie Stirner das Kunststück, die Bourgeois in Nichtegoisten
zu verwandeln, hauptsächlich durch seine große Unkenntnis der
wirklichen Menschen und Verhältnisse zustande bringt. Hier dient
ihm dieselbe Unkenntnis zum Hebel.
"Dem" (d.h. der Stirnerschen Einbildung der Uneigennützigkeit)
"widersetzt sich der starre Kopf des weltlichen Menschen, ist
aber jahrtausendelang wenigstens so weit erlegen, daß er den wi-
derspenstigen Nacken beugen und höhere Mächte verehren mußte."
(p. 104.) Die Egoisten im gewöhnlichen Verstand "betragen sich
halb pfäffisch und halb weltlich, dienen Gott und dem Mammon" (p.
105.)
p. 78 erfahren wir: "Der Mammon des Himmels und der Gott der Erde
fordern beide genau d e n s e l b e n Grad der S e l b s t-
v e r l e u g n u n g" - wonach nicht abzusehen ist, wie die
Selbstverleugnung für den Mammon und die für Gott als "weltlich"
und "pfäffisch" entgegengesetzt werden können.
p. [105,] 106 fragt sich Jacques le bonhomme:
"Wie kommt es indessen, daß der Egoismus derer, welche das per-
sönliche Interesse behaupten, dennoch immer wieder einem pfäffi-
schen oder schulmeisterlichen, d. h. einem idealen Interesse un-
terliegt?"
(Es ist hier beiläufig zu "signalisieren", daß an dieser Stelle
die Bourgeois als die Vertreter der p e r s ö n l i c h e n In-
teressen dargestellt werden.) Dies kommt daher:
#227# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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"Ihre Person kommt ihnen selbst zu klein, zu unbedeutend vor, und
ist es in der Tat auch, um Alles in Anspruch zu nehmen und sich
vollständig durchsetzen zu können. Ein sicheres Zeichen dafür
liegt darin, daß sie sich selbst in zwei Personen, eine ewige und
eine zeitliche, zerteilen, am Sonntage für die ewige, am Werkel-
tage für die zeitliche sorgen. Sie haben den Pfaffen in sich,
darum werden sie ihn nicht los."
Sancho fühlt hier Skrupel, er fragt besorgt, ob es der Eigenheit,
dem Egoismus im außergewöhnlichen Verstand "ebenso gehen werde"?
Wir werden sehen, daß diese ängstliche Frage nicht ohne Grund ge-
tan wird. Ehe der Hahn zweimal gekräht, wird der heilige Jakobus
(Jacques le bonhomme) dreimal sich selbst "v e r l e u g n e t"
haben.
Er entdeckt zu seinem großen Mißvergnügen in der Geschichte, daß
von den beiden in ihr hervortretenden Seiten, dem Privatinteresse
der Einzelnen und dem sogenannten allgemeinen Interesse, das eine
stets das andere begleitet. Und er entdeckt es wie gewöhnlich in
einer falschen Form, in seiner heiligen Form, nach der Seite der
idealen Interessen, des Heiligen, der Illusion hin. Er fragt: Wie
kommt es, daß die gewöhnlichen Egoisten, die Vertreter der per-
sönlichen Interessen, zugleich unter der Herrschaft allgemeiner
Interessen, der Schulmeister, daß sie unter der Hierarchie ste-
hen? Er beantwortet seine Frage dahin, daß die Bürger etc. "sich
zu klein vorkommen", wovon er das "sichre Zeichen" darin findet,
daß sie sich religiös verhalten, nämlich sich in eine zeitliche
und ewige Person teilen, d. h., er erklärt ihr religiöses Verhal-
ten aus ihrem religiösen Verhalten, nachdem er vorher den Kampf
der allgemeinen und persönlichen Interessen in das Spiegelbild
des Kampfes verwandelte, simpler Reflex innerhalb der religiösen
Phantasie.
Was die Herrschaft des Ideals auf sich hat, siehe oben die Hier-
archie.
Übersetzt man Sanchos Frage aus ihrer überschwenglichen Form in
die profane Sprache, so "heißt es nun":
Wie kommt es, daß die persönlichen Interessen sich den Personen
zum Trotz immer zu Klasseninteressen fortentwickeln, zu gemein-
schaftlichen Interessen, welche sich den einzelnen Personen ge-
genüber verselbständigen, in der Verselbständigung die Gestalt
a l l g e m e i n e r Interessen annehmen, als solche mit den
wirklichen Individuen in Gegensatz treten und in diesem Gegen-
satz, wonach sie als a l l g e m e i n e Interessen bestimmt
sind, von dem Bewußtsein als i d e a l e, selbst religiöse,
heilige Interessen vorgestellt werden können? Wie kommt es, daß
innerhalb dieser Verselbständigung der persönlichen Interessen zu
Klasseninteressen das persönliche Verhalten des Individuums sich
versachlichen, entfremden muß und zugleich als von ihm unabhän-
gige, durch den Verkehr hervorgebrachte Macht ohne ihn besteht,
sich
#228# Karl Marx und Friedrich Engels
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in gesellschaftliche Verhältnisse verwandelt, in eine Reihe von
Mächten, welche ihn bestimmen, subordinieren und daher in der
Vorstellung als "heilige" Mächte erscheinen? Hatte Sancho einmal
das Faktum begriffen, daß innerhalb gewisser, natürlich nicht vom
Wollen abhängiger P r o d u k t i o n s w e i s e n stets
fremde, nicht nur vom vereinzelten Einzelnen, sondern sogar von
ihrer Gesamtheit unabhängige praktische Mächte sich über die Men-
schen setzen, so konnte es ihm ziemlich gleichgültig sein, ob
dies Faktum religiös vorgestellt oder in der Einbildung des
Egoisten, über den Alles in der Vorstellung sich setzt, dahin
verdreht wird, daß er Nichts über sich setzt. Sancho war dann
überhaupt aus dem Reich der Spekulation in das der Wirklichkeit
herabgestiegen, aus dem, was die Menschen sich einbilden, zu dem,
was sie sind, aus dem, was sie sich vorstellen, zu dem, wie sie
sich betätigen und unter bestimmten Umständen betätigen müssen.
Was ihm als Produkt des D e n k e n s erscheint, würde er als
Produkt des L e b e n s begriffen haben. Er wäre nicht zu der
seiner würdigen Abgeschmacktheit fortgegangen, den Zwiespalt zwi-
schen persönlichen und allgemeinen Interessen daraus zu erklären,
daß die Menschen sich diesen Zwiespalt a u c h religiös vor-
stellen und sich so oder so v o r k o m m e n, was aber nur ein
andres Wort für das "Vorstellen" ist.
Selbst in der abgeschmackten kleinbürgerlich deutschen Form,
worin Sancho den Widerspruch der persönlichen und allgemeinen In-
teressen erfaßt, mußte er übrigens einsehen, daß die Individuen,
wie sie nicht anders konnten, immer von sich ausgegangen sind und
daher beide von ihm notierte Seiten Seiten der persönlichen Ent-
wicklung der Individuen sind, beide durch gleich empirische Le-
bensbedingungen der Individuen erzeugt, beide nur Ausdrücke
d e r s e l b e n persönlichen Entwicklung der Menschen, beide
daher nur in s c h e i n b a r e m Gegensatz. Was die durch be-
sondere Entwicklungsumstände und durch die Teilung der Arbeit dem
Individuum zugefallene Stelle betrifft, ob es mehr die eine oder
andere Seite des Gegensatzes repräsentiert, mehr als Egoist oder
mehr als Devouierter erscheint, war eine durchaus untergeordnete
Frage, die sogar nur dann irgendein Interesse erhielt, wenn sie
innerhalb bestimmter Geschichtsepochen an bestimmten Individuen
aufgeworfen würde. Sie konnte sonst nur zu moralisch quacksal-
bernden Redensarten führen. Aber Sancho läßt sich als Dogmatiker
hier täuschen und weiß sich nicht anders zu helfen, als indem er
Sancho Pansas und Don Quixoten geboren werden und dann den San-
chos dummes Zeug von den Don Quixoten in den Kopf setzen läßt -
als Dogmatiker nimmt er sich die eine Seite, schulmeisterlich
aufgefaßt, heraus, erklärt sie den Individuen als solchen gehörig
und spricht seinen Widerwillen gegen die andre aus. Als einem
Dogmatiker erscheint ihm daher auch die andre Seite teils als
bloße G e m ü t s a f f e k t i o n, Dévoûment, teils als ein
#229# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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bloßes "P r i n z i p", nicht als ein aus der bisherigen natür-
lichen Daseinsweise der Individuen notwendig hervorgehendes Ver-
hältnis. Das "Prinzip" hat man sich konsequent auch nur "aus dem
Kopfe zu schlagen", obgleich es der Sanchoschen Ideologie gemäß
allerlei empirische Dinge schafft. So hat z.B. p. 180 das
"Lebens- oder Sozietätsprinzip" "das gesellschaftliche Leben,
alle Umgänglichkeit, alle Verbrüderung und alles [d]as" ...
"geschaffen". Umgekehrt besser: Das [L]eben hat das Prinzip ge-
schaffen.
Der K o m m u n i s m u s ist deswegen un[se]rm Heiligen rein
unbegreiflich, weil die [Ko]mmunisten weder den Egoismus gegen
die Aufopferung noch die Aufopferung gegen den Egoismus geltend
machen und theoretisch diesen Gegensatz weder in jener gemütli-
chen noch in jener überschwenglichen, ideologischen Form fassen,
vielmehr seine materielle Geburtsstätte nachweisen, mit welcher
er von selbst verschwindet. Die Kommunisten predigen überhaupt
keine M o r a l, was Stirner im ausgedehntesten Maße tut. Sie
stellen nicht die moralische Forderung an die Menschen: Liebet
Euch untereinander, seid keine Egoisten pp.; sie wissen im Gegen-
teil sehr gut, daß der Egoismus ebenso wie die Aufopferung eine
unter bestimmten Verhältnissen notwendige Form der Durchsetzung
der Individuen i s t. Die Kommunisten wollen also keineswegs,
wie Sankt Max glaubt und wie ihm sein getreuer Dottore Graziano
(Arnold Ruge) nachbetet (wofür ihn Sankt Max, Wigand, p. 192,
einen "ungemein pfiffigen und politischen Kopf" nennt), den
"Privatmenschen" dem "allgemeinen", dem aufopfernden Menschen zu-
liebe aufheben - eine Einbildung, worüber sie sich Beide bereits
in den "Deutsch-Französischen Jahrbüchern" die nötige Aufklärung
hätten holen können. Die theoretischen Kommunisten, die einzigen,
welche Zeit haben, sich mit der Geschichte zu beschäftigen, un-
terscheiden sich gerade dadurch, daß sie allein die Schöpfung des
"allgemeinen Interesses" durch die als "Privatmenschen" bestimm-
ten Individuen in der ganzen Geschichte e n t d e c k t haben.
Sie wissen, daß dieser Gegensatz nur s c h e i n b a r ist,
weil die eine Seite, das sogenannte "Allgemeine", von der ändern,
dem Privatinteresse, fortwährend erzeugt wird und keineswegs ihm
gegenüber eine selbständige Macht mit einer selbständigen Ge-
schichte ist, daß also dieser Gegensatz fortwährend praktisch
vernichtet und erzeugt wird. Es handelt sich also nicht um eine
Hegelsche "negative Einheit" von zwei Seiten eines Gegensatzes,
sondern um die materiell bedingte Vernichtung einer bisherigen
materiell bedingten Daseinsweise der Individuen, mit welcher
zugleich jener Gegensatz samt seiner Einheit verschwindet.
Wir sehen also, wie der "mit sich einige Egoist" im Gegensatz zu
dem "Egoisten im gewöhnlichen Verstande" und dem "aufopfernden
Egoisten"
#230# Karl Marx und Friedrich Engels
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von vornherein in einer Illusion über beide und die wirklichen
Verhältnisse der wirklichen Menschen beruht. Der Vertreter der
persönlichen Interessen ist bloß "Egoist im gewöhnlichen Ver-
stande" wegen seines notwendigen Gegensatzes gegen die gemein-
schaftlichen Interessen, innerhalb der bisherigen Produktions-
und Verkehrsweise zu allgemeinen Interessen verselbständigt und
in der Form idealer Interessen vorgestellt und geltend gemacht.
Der Vertreter der gemeinschaftlichen Interessen ist bloß
"Aufopfernder" wegen seines Gegensatzes gegen die als Privatin-
teressen fixierten persönlichen Interessen, wegen der Bestimmung
der gemeinschaftlichen Interessen als allgemeiner und idealer.
Beide, der "aufopfernde Egoist" wie der "Egoist im gewöhnlichen
Verstande", treffen in letzter Instanz zusammen in der
S e l b s t v e r l e u g n u n g.
p. 78: "So ist die Selbstverleugnung den Heiligen gemein mit den
Unheiligen, den Reinen mit den Unreinen: Der Unreine v e r-
l e u g n e t alle bessern Gefühle, alle Scham, ja die na-
türliche Furchtsamkeit, und folgt nur der ihn beherrschenden Be-
gierde. Der Reine verleugnet seine natürliche Beziehung zur Welt.
- Von Gelddurst getrieben, verleugnet der Habgierige alle Mahnun-
gen des Gewissens, alles Ehrgefühl, alle Milde und alles Mitleid;
er setzt alle Rücksichten aus den Augen: Ihn reißt die Begierde
fort. Gleiches begeht der Heilige: Er macht sich zum Spotte der
Welt, ist 'hartherzig' und 'streng gerecht'; denn ihn reißt das
Verlangen fort."
Der "Habgierige", der hier als unreiner, unheiliger Egoist, also
als Egoist im gewöhnlichen Verstande auftritt, ist nichts als
eine [von] moralischen Kinderfreunden und Romanen [br]eitgetre-
tene, in der Wirklichkeit aber nur [a]ls Abnormität vorkommende
Figur, keines[w]egs der Repräsentant der habgierigen [Bo]urgeois,
die im Gegenteil weder "Mahnungen des Gewissens", "Ehrgefühl"
etc. zu verleugnen brauchen noch sich auf die eine Leidenschaft
der Habgier beschränken. Ihre Habgier hat vielmehr eine ganze
Reihe anderer, politischer und sonstiger Leidenschaften im
Gefolge, deren Befriedigung die Bourgeois keinesfalls aufopfern.
Ohne hierauf weiter einzugehen, halten wir uns gleich an die
Stirnersche "Selbstverleugnung".
Sankt Max schiebt hier dem Selbst, das sich verleugnet, ein an-
dres, nur in Sankt Maxens Vorstellung existierendes Selbst unter.
Er läßt "den Unreinen" allgemeine Eigenschaften, wie "bessere Ge-
fühle", "Scham", "Furchtsamkeit", "Ehrgefühl" pp., aufopfern und
fragt gar nicht darnach, ob der Unreine diese Eigenschaften auch
besitzt. Als ob "der Unreine" notwendig alle diese Qualitäten be-
sitzen müsse! Aber selbst dann, wenn "der Unreine" sie alle be-
säße, würde die Aufopferung dieser Eigenschaften noch keine
S e l b s t verleugnung, sondern nur das selbst in der "mit sich
einigen" Moral zu rechtfertigende Faktum konstatieren, daß Einer
Leidenschaft mehrere andere
#231# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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geopfert werden. Und endlich ist nach dieser Theorie alles
"Selbstverleugnung", was Sancho tut und nicht tut. Er mag sich
anstellen oder nicht anstellen [...] *)
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*) [Hier fehlt eine Fortsetzung. Eine durchgestrichene, von Mäu-
sen ganz zerfressene Seite enthielt folgendes:] er Egoist ist,
seine eigne Selbstverleugnung. Wenn er ein Interesse verfolgt,
verleugnet er die Gleichgültigkeit gegen dies Interesse, wenn er
e t w a s tut, verleugnet er das Nichtstun. Nichts leichter
[...] für Sancho, als dem "E g o i s t e n i m g e w ö h n-
l i c h e n V e r s t a n d e", seinem Stein des Anstoßes,
nachzuweisen, daß er stets sich selbst verleugnet, weil er stets
das Gegenteil von dem verleugnet, was er tut und nie sein
wirkliches Interesse verleugnet.
Nach seiner Theorie der Selbstverleugnung kann Sancho p. 80 aus-
rufen: "Ist nun etwa die Uneigennützigkeit unwirklich und nir-
gends vorhanden? Im Gegenteil, nichts ist gewöhnlicher!"
Wir freuen uns wirklich ü[ber die "Uneigennützigkeit"] des Be-
wußtseins der deutschen Klein[bürger]
Er gibt von dieser Uneigennützigkeit sogleich ein gutes Beispiel,
indem er ei[nen] Waisenhaus-F[rancke, O'Connell, den heiligen
Bon]ifa[z]ius[, Robespierre, Theodor Körner ...]
O'Connell, [...], dies weiß jedes [Kind] in England. Nur in
Deutschland und namentlich in Berlin kann man sich noch einbil-
den, daß O'Connell "uneigennützig" sei, O'Connell, der für die
Unterbringung seiner Bastardkinder und die Vergrößerung seines
Vermögens "unermüdlich arbeitet", seine einträgliche Advokaten-
praxis (10 000 Pfund jährlich) mit der (besonders in Irland, wo
er keine Konkurrenz vorfand) noch viel einträglicheren eines Agi-
tators (20[000]-30000 Pfund jährlich) nicht umsonst vertauschte,
der die irischen Bauern als Middleman [106] "hartherzig" ex-
ploitiert, sie bei ihren Schweinen wohnen läßt, während er, König
Dan, in seinem Palaste in Merrion-Square einen fürstlichen Hof
hält und dabei über das Elend dieser Bauern fortwährend jammert,
"denn ihn reißt das Verlangen fort"; der die Bewegung immer ge-
rade so weit treibt, als nötig ist, ihm seinen National Tribute
und seine Stellung als Chef zu sichern, und jedes Jahr nach Ein-
sammlung des Tributs alle Agitation aufgibt, um auf seinem Land-
gute zu Derrynane seines Leibes zu pflegen. Durch seine langjäh-
rige juristische Charlatanerie und überaus unverschämte Exploita-
tion jeder Bewegung, an der er teilnahm, ist O'Connell, seiner
sonstigen Brauchbarkeit zum Trotz, sogar den englischen Bourgeois
verächtlich geworden.
Daß übrigens Sankt Max als Entdecker des wahren Egoismus ein
großes Interesse daran hat, die Herrschaft der Uneigennützigkeit
in der bisherigen Welt nachzuweisen, ist klar. Er spricht darum
auch (Wigand, p. 165) den großen Satz aus, daß die Welt "seit
Jahrtausenden nicht egoistisch" ist. Höchstens darf "der Egoist"
von Zeit zu Zeit einmal als avant-coureur 1*) von Stirner aufge-
treten sein und "die Völker zu Falle gebracht" haben.
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1*) Vorläufer
#232# Karl Marx und Friedrich Engels
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Obgleich *) nun Sankt Max p. 420 sagt:
"Über der Pforte unserer [Zeit] steht nicht ...: Erkenne Dich
selbst, [sondern] ein: Verwerte Dich" [-]
(wo der Schulmeister wieder die wirkliche, von ihm vorgefundene
Verwertung in das Moralgebot der Verwertung verwandelt) -, so muß
[statt für] den bisherigen "aufopfernden", für den] "Egoisten im
gewöhn[lichen Verstande"] "jenes [apollinische [107]" Wort lau-
ten:
"] E r k e n n e t E u c h [nur wieder, erkennet nur, was] Ihr
[wirklich seid, und laßt Eure törichte Sucht fahren, etwas An-
deres zu sein als Ihr seid!" "Denn": "Dies gibt die Erscheinung
des b e t r o g e n e n Egoismus, wo Ich nicht Mich befriedige,
sond]ern Eine [Meiner Begierden, z.]B. den Glück[seligkeitstrieb.
- All] Euer Tun und Trei[ben ist heim]licher, verdeckter ...
[Egoismus,] unbewußter Egoismus, darum [aber] nicht Egoismus,
sondern Knechtschaft, Dienst, Selbstverleugnung. I h r s e i d
E g o i s t e n u n d I h r s e i d e s n i c h t, i n-
d e m i h r d e n E g o i s m u s v e r l e u g n e t." (p.
217.)
"Kein Schaf, kein Hund bemüht sich, ein rechter" Egoist "zu wer-
den" (p. 443); "kein Tier" ruft den ändern zu: erkennet Euch nur
wieder, erkennet nur, was Ihr wirklich seid, - "Eure Natur ist
nun einmal eine" egoistische, "Ihr seid" egoistische "Naturen,
d.h." Egoisten. "Aber eben weil Ihr das bereits seid, braucht
Ihr's nicht erst zu werden" (ibid.). Zu dem, was Ihr seid, gehört
auch Euer Bewußtsein, und da Ihr Egoisten seid, so habt Ihr auch
das Eurem Egoismus entsprechende Bewußtsein, also ist gar kein
Grund vorhanden, der Stirnerschen Moralpredigt, in Euch zu gehen
und Buße zu tun, die geringste Folge zu leisten.
Stirner exploitiert hier wieder [den] alten philosophischen Witz,
auf [den] wir später zurückkommen [wer]den. Der Philosoph sagt
nicht direkt: Ihr seid keine Menschen. Ihr wart immer Menschen,
aber Euch fehlte das B e w u ß t s e i n von Dem, was Ihr wart,
und eben darum seid Ihr auch in der Wirklichkeit keine Wahren
Menschen gewesen. Darum entsprach Eure Erscheinung Eurem Wesen
nicht. Ihr wart Menschen und Ihr wart es nicht. - Der Philosoph
gesteht hier auf einem Umwege, daß einem bestimmten Bewußtsein
auch bestimmte Menschen und bestimmte Umstände entsprechen. Aber
er bildet sich zu gleicher Zeit ein, daß seine moralische Forde-
rung an die Menschen, ihr Bewußtsein zu verändern, dies verän-
derte Bewußtsein zustande bringen werde, und er sieht in den
durch veränderte empirische Verhältnisse veränderten Menschen,
die nun auch natürlich ein andres Bewußtsein haben, nichts Andres
als ein verändertes [Bewußtsein.] - Ebenso [Euer Bewu]ßts[ein,
das Ihr heimlich] erseh[nt; darin seid] Ihr heim[liche, unbe-
wußte] Egoisten - d.h., Ihr seid wirklich Egoisten, soweit Ihr
u n b e w u ß t seid,
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*) Auf dieser Seite machte Marx den Vermerk: III. Bewußtsein.
#233# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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aber Ihr seid Nichtegoisten, soweit Ihr b e w u ß t seid. Oder:
Eurem jetzigen Bewußtsein liegt] ein bestimmtes Sein zugr[unde,
das] nicht das von Mir verlan[gte Sein] ist; Euer Bewußtsein ist
das Bewußtsein des Egoisten, wie er nicht [sein] soll, und zeigt
daher, daß Ihr selbst Egoisten seid, wie sie nicht sein sollen -
oder daß Ihr Andre sein s o l l t, als Ihr w i r k l i c h
s e i d. Diese ganze Trennung des Bewußtseins von den ihm zu-
grunde hegenden Individuen und ihren wirklichen Verhältnissen,
diese Einbildung, der Egoist der heutigen Bourgeoisgesellschaft
habe nicht das seinem Egoismus entsprechende Bewußtsein, ist nur
eine alte Philosophenmarotte, die Jacques le bonhomme hier gläu-
big akzeptiert und nachmacht. *) Bleiben wir bei Stirners
"rührendem Beispiel" vom Habgierigen. Diesem Habgierigen, der
nicht der "Habgierige" überhaupt, sondern der Habgierige "Hans
oder Kunz", ein ganz individuell bestimmter "einziger" Habgie-
riger, und dessen Habgier nicht die Kategorie "der Habgier" ist
(Sankt Maxens Abstraktion von seiner umfassenden, komplizierten,
"einzigen" Lebensäußerung) und "nicht davon abhängt, wie Andre"
(z.B. Sankt Max) "sie rubrizieren" - diesem Habgierigen will er
vormoralisieren, daß er "nicht sich befriedige, sondern eine sei-
ner Begierden". Aber "nur im [Augen]blicke bist Du Du, nur als
[Augen]blicklicher bist Du wirklich. Ein [von Dir, de]m Augen-
blicklichen, [Getrenntes" ist] ein absolut Höheres, [ist z.B. das
Geld. Aber "daß] Dir" das Geld "viel[mehr" ein höherer Genuß],
daß es Dir [ein "absolut Höheres" ist oder nic]ht ist, 1*) ...
mich vielleicht ["verleugne"? - Er] findet, daß die [Habgier
mich] Tag und Nacht besitzt; [aber das] tut sie nur in seiner
[Refle]xion. Er ist es, der aus den vielen Momenten, in denen Ich
immer der Augenblickliche bin, immer Ich selber, immer wirklich,
"Tag und Nacht" macht, wie nur Er die verschiedenen Momente mei-
ner Lebensäußerung zu einem moralischen Urteil zusammenfaßt und
sagt, daß sie die Befriedigung der Habgier seien. Wenn Sankt Max
das Urteil fällt, daß Ich nur Eine meiner Begierden befriedige,
nicht Mich, so stellt er Mich als volles ganzes Wesen Mir selber
gegenüber. "Und worin besteht dies volle ganze Wesen? Eben nicht
in
---
*) [Im Manuskript gestrichen:] Am lächerlichsten tritt diese Ma-
rotte in der Geschichte auf, wo die spätere Epoche natürlich ein
andres Bewußtsein über die frühere hat, als diese über sich
selbst, und wo z.B. die Griechen über sich das Bewußtsein der
Griechen, nicht das Bewußtsein hatten, was wir über sie haben,
und wo der Vorwurf an die Griechen, warum sie dies unser Bewußt-
sein über sich selbst, d.h. "das Bewußtsein von dem, was sie doch
wirklich waren", nicht gehabt hätten, sich in den Vorwurf auf-
löst: warum sie Griechen gewesen seien.
-----
1*) hier folgt eine stark beschädigte Stelle
#234# Karl Marx und Friedrich Engels
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Deinem augenblicklichen Wesen, nicht in dem, was Du augenblick-
lich bist" - also nach Sankt Max selbst in dem - heiligen
"Wesen". (Wigand, p. 171). Wenn "Stirner" sagt, daß Ich Mein Be-
wußtsein verändern müsse, so weiß Ich [meinerseits, daß mein au-
genblickliches [Bejwußtsein auch zu meinem augenblick[lich]en
Sein gehört und Sankt Max, in[dem] er mir dies Bewußtsein
[strei]tig macht, als versteckter Moralist meinen ganzen Lebens-
wandel angreift. *) Und dann "bist Du nur, wenn Du an Dich
denkst, bist Du nur durch das Selbstbewußtsein?" (Wig[and,] p.
157, 158.) Wie kann Ich etwas Andres als Egoist sein? Z.B., wie
kann Stirner etwas Andres als Egoist sein, er mag den Egoismus
verleugnen oder nicht? "Ihr seid Egoisten und Ihr seid es nicht,
indem Ihr den Egoismus verleugnet", predigst Du.
Unschuldiger, "betrogner", "uneingestandener" Schulmeister! Die
Sache verhält sich gerade umgekehrt. Wir Egoisten im gewöhnlichen
Verstande, Wir Bourgeois wissen sehr wohl: Charité bien ordonnée
commence par soi-même 1*), und wir haben längst das Sprüchlein:
Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, dahin interpretiert, daß
Jeder sich selbst der Nächste ist. Aber wir leugnen, daß wir eng-
herzige Egoisten seien, Exploiteurs, gewöhnliche Egoisten, deren
Herzen sich nicht zu dem Hochgefühl erheben können, die Interes-
sen ihrer Mitmenschen zu den Ihrigen zu machen - was, unter uns
ges[agt, so]viel heißt, daß wir unsre In[teressen] als di[e] un-
serer Mitmenschen [be]hau[pten. Du] leu[gnest den] "gewöhnlich
[en" Egoismus des einz]igen Egoisten [nur deshalb, w]eil Du deine
["natürlichen Bez]iehungen zur [Welt verleugne]st". Du verstehst
daher nicht, warum wir den praktischen Egoismus eben darin voll-
enden, daß wir die Redensart des Egoismus verleugnen - wir, denen
es um die Durchsetzung wirklicher egoistischer Interessen, nicht
um das heilige Interesse des Egoismus zu tun ist. Übrigens war es
vorauszusehen - und damit dreht der Bourgeois kaltblütig Sankt
Maxen den Rücken -, daß Ihr deutschen Schulmeister, wenn Ihr Euch
einmal an die Verteidigung des Egoismus geben würdet, nicht den
wirklichen, "profanen, auf platter Hand hegenden" ("Das Buch" p.
455) Egoismus, also "nicht mehr das, was man" Egoismus "nennt",
sondern den Egoismus im außergewöhnlichen, im Schulmeisterver-
stande, den philosophischen oder Lumpenegoismus, proklamieren
würdet.
Der Egoist im außergewöhnlichen Verstande ist also "nun erst ge-
funden". "Sehen wir uns diesen neuen Fund einmal genauer an." (p.
11.)
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*) [Hier hat Marx wieder den Vermerk gemacht:] III (Bewußtsein).
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1*) Wohlverstandene Nächstenliebe fängt bei sich selbst an; d.h.,
jeder ist sich selbst der Nächste
#235# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Aus dem soeben Gesagten hat sich bereits ergeben, daß die bishe-
rigen Egoisten nur ihr Bewußtsein zu verändern haben, um Egoisten
im außergewöhnlichen Verstande zu werden; daß also der mit sich
einige Egoist sich von den früheren nur durch das Bewußtsein,
d.h. als Wissender, als Philosoph unterscheidet. Aus der ganzen
Sankt Maxischen Geschichtsanschauung folgt ferner, daß, weil die
bisherigen Egoisten nur vom "Heiligen" beherrscht waren, der
wahre Egoist nur gegen "das Heilige" zu kämpfen hat. Die
"einzige" Geschichte zeigte, wie Sankt Max die historischen Ver-
hältnisse in Ideen und dann den Egoisten in einen Sünder gegen
diese Ideen verwandelte, wie jede egoistische Geltendmachung in
eine Sünde [gegen diese] Ideen verwandelt wurde, [die Macht der]
Privilegierten in Sünde [gegen die Idee] der Gleichheit, des
Des[potismus; bei der] Idee der Freiheit [der Konkurrenz] konnte
deshalb [in "dem Buch" gesagt wer]den, daß er [das Privateigentum
für "]das Persönliche" [ansieht, (p. 155)] [...] großen, [... den
aufopfernden] Ego[isten ...] notwendig und unbezwingb[ar ...] nur
dadurch zu bekämpfen, daß er sie in Heilige verwandelt und nun
die Heiligkeit an ihnen, d.h. seine heilige Vorstellung von ih-
nen, sie [also] nur, insoweit sie in ihm, als e i n e m
H e i l i g e n, existieren, aufzulösen beteuert. 1*)
p. 50 *): "Wie Du i n j e d e m A u g e n b l i c k e bist,
so bist Du Dein Geschöpf, und eben an dieses G e s c h ö p f
magst Du Dich, den S c h ö p f e r, nicht verlieren. Du bist
selbst ein höheres Wesen als Du, d.h., daß Du nicht bloß Ge-
schöpf, sondern gleicherweise Schöpfer bist, das eben verkennst
Du als unfreiwilliger Egoist, und darum ist das höhere Wesen Dir
ein fremdes."
Mit einer etwas andern Wendung heißt dieselbe Weisheit p. 239
"des Buchs":
"Die Gattung ist N i c h t s" (später wird sie allerlei, siehe
Selbstgenuß), "und wenn der Einzelne sich über die Schranken sei-
ner Individualität erhebt, so ist das vielmehr gerade Er selbst
als Einzelner, er ist nur, indem er sich erhebt, er ist nur, in-
dem er' nicht bleibt, was er ist, sonst wäre er fertig, tot."
Zu diesen Sätzen, seinem "Geschöpf", verhält sich Stirner sofort
als "Schöpfer", indem er "sich nicht an sie verliert":
"Nur im A u g e n b l i c k e bist Du, nur als Augenblicklicher
bist Du wirklich ... Ich bin in jedem Momente ganz, was Ich bin
... ein von Dir, dem Augenblicklichen, Getrenntes" ist "ein abso-
lut Höheres" ... (Wigand, p. 170); und p. 171 ibid. wird "Dein
Wesen" als "Dein augenblickliches Wesen" bestimmt.
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*) [Am Anfang dieser Seite machte Marx den Vermerk:] II (Schöpfer
und Geschöpf)
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1*) In diesem Absatz befinden sich von Mäusen stark zerfressene
Stellen
#236# Karl Marx und Friedrich Engels
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Während Sankt Max im "Buche" sagt, er habe noch ein anderes, hö-
heres Wesen als ein augenblickliches Wesen, wird im apologeti-
schen Kommentar das "augenblickliche Wesen" [seines] Individuums
mit seinem "vollen [ganzen] Wesen" identifiziert und jedes
[Wesen] als das "augenblickliche Wesen" [in ein] "absolut höheres
Wesen" verwandelt. Er ist also "im Buche" in jedem Augenblick ein
höheres Wesen als Das, was er in diesem Augenblick ist, während
im Kommentar Alles, was er nicht m diesem Augenblick unmittelbar
ist, ein "absolut höheres Wesen", ein heiliges Wesen ist. - Und
dieser ganzen Spaltung gegenüber p. 200 "des Buchs":
"Ich weiß Nichts von der Spaltung eines 'u n v o l l k o m m-
n e n' und 'v o l l k o m m n e n' Ichs."
Der "mit sich einige Egoist" braucht sich keinem Höheren mehr zu
opfern, da er sich selbst der Höhere ist und diesen Zwiespalt
zwischen einem "Höheren" und einem "Niederen" in sich selbst ver-
legt. So ist in der Tat (Sankt Sancho contra Feuerbach, "Das
Buch", p. 243) "am höchsten Wesen Nichts als eine Metamorphose
vorgegangen". Sankt Maxens wahrer Egoismus besteht m dem egoisti-
schen Verhalten gegen den wirklichen Egoismus, gegen sich selbst,
wie er "in jedem Augenblicke" ist. Dies egoistische Verhalten ge-
gen den Egoismus ist die Aufopferung. Sankt Max als Geschöpf ist
nach dieser Seite hin der Egoist im gewöhnlichen Verstande, als
Schöpfer ist er der aufopfernde Egoist. Wir werden auch die ent-
gegengesetzte Seite kennenlernen, denn beide Seiten legitimieren
sich als echte Reflexionsbestimmungen, indem sie die absolute
Dialektik durchmachen, in der jede von ihnen an sich selbst ihr
Gegenteil ist.
Ehe wir auf dies Mysterium in seiner esoterischen Gestalt näher
eingehen, ist [es] nun in einzelnen [seiner sauren] Lebenskämpfe
zu beob[achten].
[Die allgemeinste Qualität, [den Egoisten, a]ls Schöpfer mit sich
[selbst in Einklang zu] bringen [vom Standpunkt der Welt] des
Geistes[, vollbringt Stirner p. 82, 83:]
["Es hat das Christentum] dahin [gezielt, Uns von der Naturbe-
stimm]ung [(Bestimmung durch die Natur), von den Begier]den [als
antreibend, zu erlös]en, [mithin gewollt, daß der Mensch s]ich
[nicht von seinen Begierden be]stimmen [lasse. Dann hegt nicht,
daß] er keine [Begierden h a b e n solle, so]ndern[,] daß die
[Begierden ihn] nicht haben sollen, daß [sie] nicht fix, unbe-
zwinglich, unauflös[lich] werden sollen. Was n u n das Chri-
stentum gegen die Begierden machinierte, k ö n n t e n w i r
das nicht auf seine eigene Vorschrift, daß Uns der Geist bestim-
men solle, anwenden...? ... Dann ginge es auf die Auflösung des
Geistes, Auflösung aller Gedanken aus. Wie es dort heißen mußte,
- - - so hieße es nun: Wir sollen zwar Geist haben, aber der
Geist soll Uns nicht haben."
#237# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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"Die aber Christo angehören, die kreuzigen ihr Fleisch samt den
Lüsten und Begierden" (Galater 5, 24) - womit sie nach Stirner
als wahre Eigentümer mit den gekreuzigten Lüsten und Begierden
verfahren. Er übernimmt das Christentum auf Lieferung, will es
aber nicht bei dem gekreuzigten Fleisch bewenden lassen, sondern
auch seinen Geist kreuzigen, also den "ganzen Kerl".
Das Christentum wollte uns nur darum von der Herrschaft des Flei-
sches und den "Begierden als antreibenden" befreien, weil es un-
ser Fleisch, unsre Begierden für etwas uns Fremdes ansah; es
wollte uns nur darum von der Naturbestimmung erlösen, weil es un-
sre eigne Natur für uns nicht zugehörig hielt. Bin ich nämlich
nicht selbst Natur, gehören meine natürlichen Begierden, meine
ganze Natürlichkeit - und dies ist die Lehre des Christentums -
nicht zu mir selbst, so erscheint mir jede Bestimmung durch die
Natur, sowohl durch meine eigne Natürlichkeit wie durch die soge-
nannte äußere Natur, als Bestimmung durch etwas Fremdes, als Fes-
sel, als Zwang, der mir angetan wird, a l s H e t e r o n o-
m i e i m G e g e n s a t z z u r A u t o n o m i e d e s
G e i s t e s. Diese christliche Dialektik akzeptiert er unbe-
sehen und wendet sie nun auch auf unsern Geist an. Übrigens hat
das Christentum es ja nie dahin gebracht, uns auch nur in dem von
Sankt Max ihm untergeschobenen Juste-Milieu-Sinn von der
Herrschaft der Begierden zu befreien; es bleibt bei dem bloßen,
in der Praxis resultatlosen Moralgebot stehen. Stirner nimmt das
moralische Gebot für die wirkliche Tat und ergänzt es durch den
weiteren kategorischen Imperativ: "Wir sollen zwar Geist haben,
aber der Geist soll Uns nicht haben" - und deshalb verläuft sich
sein ganzer mit sich einiger Egoismus "näher", wie Hegel sagen
würde, m eine nicht minder ergötzliche als erbauliche und
beschauliche Moralphilosophie.
Ob eine Begierde fix wird oder nicht, d.h. ob sie zur ausschließ-
lichen [Macht über uns wird,] wodurch indes ein [weiterer Fort-
schritt nicht aus]geschlossen ist, das hängt davon ab, ob die ma-
teriellen Umstände, die "schlechten" weltlichen Verhältnisse er-
lauben, diese Begierde normal zu befriedigen und andererseits
eine Gesamtheit von Begierden zu entwickeln. Dies letztere wieder
hängt davon ab, ob wir in Umständen leben, die uns eine allsei-
tige Tätigkeit und damit eine Ausbildung aller unserer Anlagen
gestatten. Ebenso hängt es von der Gestaltung der wirklichen Ver-
hältnisse und der m ihnen gegebenen Möglichkeit der Entwickelung
für jedes Individuum ab, ob die Gedanken fix werden oder nicht -
wie z.B. die fixen Ideen der deutschen Philosophen, dieser "Opfer
der Gesellschaft", qui nous font pitié 1*), von den
-----
1*) die uns Mitleid einflößen
#238# Karl Marx und Friedrich Engels
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deutschen Verhältnissen unzertrennlich sind. Bei Stirner ist üb-
rigens die Herrschaft der Begierde eine reine Phrase, die ihn zum
absoluten Heiligen stempelt. So, um bei dem "rührenden Beispiel"
vom Habgierigen zu bleiben:
"Ein Habgieriger ist kein Eigner, sondern ein Knecht, und er kann
Nichts um Seinetwillen tun, ohne es zugleich um seines Herrn wil-
len zu tun." p. 400.
Niemand kann etwas tun, ohne es zugleich einem seiner Bedürfnisse
und dem Organe dieses Bedürfnisses zuliebe zu tun - wodurch für
Stirner dies Bedürfnis und sein Organ zum Herrn über ihn gemacht
wird, gerade wie er früher schon das M i t t e l zur Befriedi-
gung eines Bedürfnisses (vgl. politischen Liberalismus und Kommu-
nismus) zum Herrn über sich machte. Stirner kann nicht essen,
ohne zugleich um seines Magens willen zu essen. Hindern ihn die
weltlichen Verhältnisse daran, seinen Magen zu befriedigen, so
wird dieser sein Magen zum Herrn über ihn, die Begierde des Es-
sens zur fixen Begierde und der Gedanke ans Essen zur fixen Idee
- womit er zugleich ein Beispiel für den Einfluß der weltlichen
Umstände auf die Fixierung seiner Begierden und Ideen hat. San-
chos "Empörung" gegen die Fixierung der Begierden und Gedanken
läuft hiernach auf das ohnmächtige Moralgebot der Selbstbeherr-
schung hinaus und liefert einen neuen Beleg dafür, wie er nur den
trivialsten Gesinnungen der Kleinbürger einen ideologisch hoch-
trabenden Ausdruck verleiht. *)
In diesem ersten Exempel bekämpft er also einerseits seine
fleischlichen Begierden, andererseits seine geistigen Gedanken,
einerseits sein Fleisch, andererseits seinen Geist, wenn sie,
seine Geschöpfe, sich gegen ihn, den Schöpfer, verselbständigen
wollen. Wie unser Heiliger diesen Kampf führt, wie er sich als
Schöpfer zu seinem Ge[schöpf verhält], werden wir jetzt sehen.
---
*) [Im Manuskript gestrichen:] Die Kommunisten, indem sie die ma-
terielle Basis angreifen, auf der die bisher notwendige Fixität
der Begierden oder Gedanken beruht, sind die einzigen, durch de-
ren geschichtliche Aktion das Flüssigmachen der fixwerdenden Be-
gierden und Gedanken wirklich vollzogen wird und aufhört, wie bei
allen bisherigen Moralisten, "bis herab zu" Stirner, ein ohnmäch-
tiges Moralgebot 1*) zu sein. Die kommunistische Organisation
wirkt in doppelter Weise auf die Begierden, welche die heutigen
Verhältnisse im Individuum hervorbringen; ein Teil dieser Begier-
den, diejenigen nämlich, welche unter allen Verhältnissen exi-
stieren und nur der Form und - Richtung nach von verschiedenen
gesellschaftlichen Verhältnissen verändert werden, wird auch un-
ter dieser Gesellschaftsform nur verändert, indem ihnen die Mit-
tel zur
-----
1*) MEGA: Moralgebet
#239# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
-----
Bei dem Christen "im gewöhnlichen Verstande", dem chrétien
"simple" 1*), um mit Fourier zu reden,
"hat der G e i s t die alleinige Gewalt, und keine Einrede des
'F l e i s c h e s' wird ferner gehört. Gleichwohl aber kann Ich
nur durch das 'F l e i s c h' die Tyrannei des G e i s t e s
brechen; denn nur, wenn ein Mensch auch sein F l e i s c h ver-
nimmt, vernimmt er sich ganz, und nur, wenn er sich g a n z
vernimmt, ist er vernehmend oder vernünftig. - - - Führt aber
einmal das F l e i s c h das Wort, und ist der Ton desselben,
wie es nicht anders sein kann, leidenschaftlich - - - so glaubt
er" (der chrétien simple) "Teufelsstimmen zu vernehmen, Stimmen
gegen den G e i s t - - - und eifert mit Recht dagegen. Er
müßte nicht Christ sein, wenn er sie dulden wollte." p. 83.
Also wenn sein Geist sich gegen ihn verselbständigen will, so
ruft Sankt Max sein Fleisch zu Hülfe, und wenn sein Fleisch re-
bellisch wird, erinnert er
---
normalen Entwicklung gegeben werden; ein anderer Teil dagegen,
diejenigen Begierden nämlich, die ihren Ursprung nur einer be-
stimm[ten] Gesellschaftsform, bestimmten Pro[duktions]- und Ver-
kehrsbedingungen verdanken, wird ganz und gar seiner Lebensbedin-
gungen beraubt. Welche [Begierden] nun unter der kommunisti[schen
Organ]isation bloß verändert und [welche aufgelöst] werden, läßt
[sich nur auf praktische Weise, durch [Veränderung der wirk]li-
chen, praktischen ["Begierden", nicht durch] Verglei[chungen mit
früheren g]eschichtlichen [Verhältnissen, entscheiden.]
[Natürlich sind die] beiden Ausdrü[cke: "fix" und "Begierden"],
die wir [soeben gebrauchten, um] Stirner in [dieser "einzigen"
Tats]ache schlagen zu [können,] ganz unpassend. Die Tatsache, daß
in der heutigen Gesellschaft bei einem Individuum sich e i n
Bedürfnis auf Kosten aller ändern befriedigen kann, und daß dies
"nicht sein soll" und daß dies plus ou moins 2*) bei allen Indi-
viduen der jetzigen Welt geschieht und daß dadurch die freie Ent-
wicklung des ganzen Individuums unmöglich gemacht wird, drückt
Stirner, weil er von dem empirischen Zusammenhang dieser Tatsache
mit der bestehenden Weltordnung nichts weiß, dahin aus, daß bei
den mit sich uneinigen Egoisten "die Begierden fix werden". Eine
Begierde ist schon durch ihre bloße Existenz etwas "Fixes", und
es kann nur Sankt Max und Konsorten einfallen, seinen Ge-
schlechtstrieb z.B. nicht "fix" werden zu lassen, was er schon
ist und nur durch die Kastration oder Impotenz aufhören würde zu
sein. Jedes einer "Begierde" zugrunde liegende Bedürfnis ist
ebenfalls etwas "Fixes", und Sankt Max bringt es mit aller Mühe
nicht fertig, diese "Fixität" aufzuheben und z.B. dahin zu kom-
men, daß er nicht innerhalb "fixer" Zeiträume essen muß. Die Kom-
munisten denken auch nicht daran, diese Fixität ihrer Begierden
und Bedürfnisse aufzuheben, wie Stirner in der Welt seines Wahnes
ihnen nebst allen ändern Menschen zumutet; sie erstreben nur eine
solche Organisation der Produktion und des Verkehrs, die ihnen
die normale, d.h. nur durch die Bedürfnisse selbst beschränkte,
Befriedigung aller Bedürfnisse möglich macht.
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1*) "einfachen" Christen - 2*) mehr oder weniger
#240# Karl Marx und Friedrich Engels
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sich, daß er auch Geist ist. Was der Christ nach einer Seite hin
tut, das tut Sankt Max nach Beiden Seiten hin. Er ist der
chretien "composé", er beweist sich abermals als vollendeter
Christ.
Hier in diesem Exempel tritt Sankt Max, der Geist, nicht als
Schöpfer seines Fleisches und umgekehrt auf; er findet sein
Fleisch und seinen Geist vor und erinnert sich nur, wenn eine
Seite rebellisch wird, daß er auch noch die andere an sich hat,
und macht nun diese andere Seite als sein wahres Ich dagegen gel-
tend. Sankt Max ist also hier nur Schöpfer, insofern er "Auch-An-
ders-Bestimmter" ist, insofern er noch eine andere Qualität be-
sitzt als die, welche es ihm gerade beliebt, unter die Kategorie
Geschöpf zu subsumieren. Seine ganze schöpferische Tätigkeit be-
steht hier in dem guten Vorsatz, sich zu vernehmen, und zwar sich
g a n z zu vernehmen oder v e r n ü n f t i g zu sein *), sich
als "volles, ganzes Wesen", als von "seinem augenblicklichen We-
sen" unterschiedenes Wesen, ja im geraden Gegensatz zu dem, was
er "augenblicklich" für ein Wesen ist, zu vernehmen.
[Ge]hen wir nun zu einem [der "sauren] Lebenskämpfe" [unsres Hei-
ligen] über:
[p. 80, 81: "Mein Eife]r braucht nicht [geringer zu sein als der]
fanatischste, [aber Ich bleibe zu glei]cher Zeit gegen [ihn fro-
stig kalt, ungläub]ig und sein [unversöhnlichster Feind;] Ich
bleibe [sein R i c h t e r, weil Ich sein] Eigentümer [bin."]
[Um Dem Sinn zu] geben, was Sankt [Sancho v]on [S]ich aussagt, so
beschränkt sich seine schöpferische Tätigkeit hier darauf, daß er
in seinem Eifer über seinen Eifer ein Bewußtsein behält, daß er
über ihn reflektiert, daß er sich als reflektierendes Ich zu sich
als wirklichem Ich verhält. Es ist das Bewußtsein, dem er will-
kürlich den Namen "Schöpfer" beilegt. Er ist nur "Schöpfer", so-
weit er b e w u ß t ist.
"Hierüber vergissest Du Dich selbst in süßer Selbstvergessenheit
- - - Bist Du aber nur, wenn Du an Dich denkst, und v e r-
k o m m s t D u, w e n n D u D i c h v e r g i s s e s t?
Wer vergäße sich nicht alle Augenblicke, wer verlöre sich nicht
in E i n e r S t u n d e t a u s e n d m a l aus den Augen?"
(Wigand, p. 157, 158.)
Dies kann Sancho seinem "Selbstvergessen" natürlich nicht verges-
sen und "bleibt" daher "zu gleicher Zeit sein unversöhnlichster
Feind".
Sankt Max, das Geschöpf, hat in demselben Moment einen enormen
Eifer, wo Sankt Max, der Schöpfer, vermöge seiner Reflexion
zugleich über
---
*) Hier rechtfertigt also Sankt Max vollständig Feuerbachs
"rührendes Exempel" von der Hetäre und Geliebten. In der ersteren
"vernimmt" ein Mensch n u r s e i n F l e i s c h oder nur
ihr Fleisch, in der zweiten s i c h g a n z oder sie ganz.
Siehe Wigand, p. 170, 171.
#241# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
-----
diesen seinen Eifer hinaus ist; oder der wirkliche Sankt Max ei-
fert, und der reflektierende Sankt Max bildet sich ein, über die-
sen Eifer hinaus zu sein. Dieses Hinaussein in der Reflexion über
das, was er wirklich ist, wird nun in Romanphrasen ergötzlich und
abenteuerlich dahin beschrieben, daß er seinen Eifer fortbestehen
läßt, d.h. mit seiner Feindschaft gegen ihn nicht wirklich Ernst
macht, aber sich "frostig kalt", "ungläubig", als
"unversöhnlichster Feind" gegen ihn verhält. - Insofern Sankt Max
eifert, d.h., sofern der Eifer seine wirkliche Eigenschaft ist,
verhält er sich nicht als Schöpfer zu ihm, und insofern er sich
als Schöpfer verhält, eifert er nicht wirklich, ist ihm der Eifer
fremd, seine Nicht-Eigenschaft. Solange er eifert, ist er nicht
der Eigner des Eifers, und sobald er sein Eigner wird, hört er
auf zu eifern. Er, der Gesamtkomplex, ist in jedem Augenblick als
Schöpfer und Eigentümer der Inbegriff aller seiner Eigenschaften,
minus die eine, die er zu sich, dem Inbegriff aller ändern, als
Geschöpf und Eigentum in Gegensatz bringt, so daß ihm immer ge-
rade d i e Eigenschaft f r e m d ist, auf die als d i e
S e i n i g e er den Akzent legt.
So überschwenglich nun Sankt Maxens wahre Geschichte von seinen
Heldentaten in sich selbst in seinem Bewußtsein klingt, so ist es
dennoch ein notorisches Faktum, daß es reflektierende Individuen
gibt, die in und durch ihre Reflexion über alles hinaus zu sein
glauben *), weil sie in der Wirklichkeit nie aus der Reflexion
herauskommen.
Dieser Kunstgriff, sich gegen eine bestimmte Eigenschaft als
Auch-Anders-Bestimmter, nämlich im vorliegenden Beispiel als
I n h a b e r d e r R e f l e x i o n a u f d a s E n t g e-
g e n g e s e t z t e geltend zu machen, kann bei jeder beliebi-
gen Eigenschaft mit den nötigen Variationen wieder angewandt
werden. Z. B. Meine Gleichgültigkeit braucht nicht geringer zu
sein als die des Aller-blasiertesten; aber ich bleibe zu gleicher
Zeit gegen sie schwitzend heiß, ungläubig und ihr unver-
söhnlichster Feind etc.
[Wir dür]fen nicht vergessen, daß [der Gesamtkomplex aller seiner
Ei[genschaften, der Eig]ner, als welcher [Sankt] Sancho [der
Ein]en Eigenschaft
---
*) [Im Manuskript gestrichen:] In der Tat ist dies alles nur ein
schwülstiger Ausdruck für den Bourgeois, der jede seiner Aufre-
gungen überwacht, um keinen Schaden zu nehmen, andrerseits aber
mit einer Masse Eigenschaften renommiert, wie z.B. philanthropi-
schem Eifer, gegen die er sich "frostig kalt, ungläubig und als
unversöhnlichster Feind" verhalten müsse, damit er nicht sich als
Eigentümer daran verliere, sondern der Eigentümer der Philanthro-
pie bleibe. Aber Sankt Max opfert die Eigenschaft, zu der er sich
als "unversöhnlichster Feind" verhält, seinem reflektierenden
Ich, seiner Reflexion zuliebe, während der Bourgeois seine Nei-
gungen und Begierden immer einem bestimmten w i r k l i c h e n
Interesse opfert.
#242# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
[reflektierend gegenübertri]tt, in diesem [Falle nichts anderes
als] die einfache [Reflexion Sanchos über diese E]ine Eigenschaft
[ist, welche er in sein Ich ]verwandelt [hat, indem er sta]tt des
Gesamtkomplexes die Eine,] bloß reflektieren[de Qualität, und]
jeder seiner Eigen[schaften wie d]er Reihe gegenüber [nur die
Eine] Qualität der Reflexion, ein Ich, und sich als vorgestelltes
Ich, geltend macht.
Dies feindselige Verhalten gegen sich selbst, diese feierliche
Parodie der Benthamschen Buchführung [108] über seine eignen In-
teressen und Eigenschaften, wird jetzt von ihm selbst ausgespro-
chen:
p. 188: "Ein Interesse, es sei wofür es wolle, hat an Mir, wenn
Ich nicht davon oskommen kann, einen Sklaven erbeutet und ist
nicht mehr Mein Eigentum, Ich bin das Seine. Nehmen Wir daher die
Weisung der Kritik an, Uns nur wohl zu fühlen im Auflösen."
"Wir!" - Wer sind "Wir"? Es fällt "Uns" gar nicht ein, die
"Weisung der Kritik" "anzunehmen". - Also fordert hier Sankt Max,
der augenblicklich unter der Polizeiaufsicht "der Kritik" steht,
"Ein und dasselbe Wohlsein Aller", "das Gleichwohlsein Aller bei
Einem und demselben", "die direkte Gewaltherrschaft d e r
R e l i g i o n".
Seine Interessiertheit im außergewöhnlichen Verstande zeigt sich
hier als eine himmlische Interesselosigkeit.
Wir brauchen übrigens hier gar nicht mehr darauf einzugehen, daß
es in der bestehenden Gesellschaft keineswegs von Sankt Sancho
abhängt, ob "ein Interesse" "an ihm einen Sklaven erbeutet" und
"er nicht mehr davon loskommen kann". Die Fixierung der Interes-
sen durch die Teilung der Arbeit und die Klassenverhältnisse
liegt noch viel mehr auf der Hand als die der "Begierden" und
"Gedanken".
Um die kritische Kritik zu überbieten, hätte unser Heiliger we-
nigstens bis zum Auflösen des Auflösens fortgehen müssen, denn
sonst ist das Auflösen ein Interesse, von dem er nicht loskommen
kann, das an ihm einen Sklaven erbeutet hat. Das Auflösen ist
nicht mehr sein Eigentum, sondern er ist das Eigentum des Auflö-
sens. Wollte er etwa in dem soeben gegebe[nen] Beispiel konse-
quent sein, s[o mußte er] [seinen Eifer gegen seijnen "Eifer" als
[ein "Interesse" behandeln] und sich dagegen [als ein
"unversöhnlicher Feind" v[erhalten. Er mußte aber] auch seine
["frostig kalte" Interesselosigkeit] gegen seinen ["frostig kal-
ten" Eifer befrachten und g[anz ebenso "frostig kalt"] werden -
wodurch [er selbstverständlich] seinem ursprünglichen "Inter-
esse"] und sich damit die "Anfechtung" ersparte, sich] auf dem
spekulativen [Absatz im Kreis] zu drehen. - Dagegen fährt er
getrost fort (ibid.):
#243# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
-----
"Ich will nur Sorge tragen, daß Ich Mein Eigentum Mir sichere"
(d.h., daß ich Mich vor Meinem Eigentum sichere), "und um es zu
sichern, nehme Ich es jederzeit in Mich zurück, vernichte in ihm
jede Regung nach Selbständigkeit und verschlinge es, eh' sich's
fixiere und zu einer fixen Idee oder Sucht werden kann."
Wie Stirner wohl die Personen "verschlingt", die sein Eigentum
sind! Stirner hat sich soeben von "der Kritik" einen "Beruf" ge-
ben lassen. Er behauptet, diesen "Beruf" sogleich wieder zu ver-
schlingen, indem er sagt, p. 189:
"Das tue Ich aber nicht um meines menschlichen Berufs willen,
sondern weil Ich Mich dazu berufe."
Wenn ich mich nicht dazu berufe, bin ich, wie wir vorhin hörten,
Sklave, nicht Eigentümer, nicht wahrer Egoist, verhalte mich
nicht als Schöpfer zu mir, was ich als wahrer Egoist tun muß; so-
weit Einer also wahrer Egoist sein will, hat er sich zu diesem
ihm von "der Kritik" angewiesenen Beruf zu berufen. Es ist also
ein allgemeiner Beruf, ein Beruf für Alle, nicht nur S e i n
Beruf, sondern auch sein B e r u f. - Andrerseits tritt hier
der wahre Egoist als ein von der Mehrzahl der Individuen uner-
reichbares Ideal auf, denn (p. 434) "die gebornen beschränkten
Köpfe bilden unstreitig die zahlreichste Menschenklasse" - und
wie sollten diese "beschränkten Köpfe" das Mysterium des unbe-
schränkten Selbst- und Welt-Verschlingens durchdringen können. -
Übrigens sind diese fürchterlichen Ausdrücke: vernichten, ver-
schlingen usw. nur eine neue Wendung für den obigen "frostig kal-
ten unversöhnlichsten Feind".
Jetzt endlich werden wir in den Stand gesetzt, eine Einsicht in
die Stirnerschen Einwürfe gegen den Kommunismus zu bekommen. Sie
waren Nichts als eine vorläufige, versteckte Legitimation seines
mit sich einigen Egoismus, in welchem sie leibhaftig wieder
[a]uferstehen. Das "G l e i c h w o h l s e i n A l l e r [i n
E] i n e m u n d D e m s e l b e n" ersteht [wieder] in der
Forderung, daß "W i r [Uns nur] wohl fühlen sollen im
[Auflösen". "Die S o r] g e" steht wieder [auf in der einzigen
"Sorg]e", sich [sein Ich als Eigentum zu sichern; [aber "mit der
Zei]t" steht wieder ["die Sorge auf, wie man"] zu einer [Einheit
kommen könne, n]ämlich der [von Schöpfer und Geschöpf.] Und
schließlich [erscheint der Hu]manismus wieder], der als der
wa]hre Egoist als unerreichbares Ideal [den empirischen Indivi-
duen gegenübertritt. Es muß also p. 117 "des Buches" folgenderma-
ßen heißen: Der mit sich einige Egoismus will jeden Menschen
recht eigentlich in einen "Geheimen Polizei-Staat" verwandeln.
Der Spion und Laurer "Reflexion" überwacht jede Regung des Gei-
stes und Körpers, und alles Tun und Denken, jede Lebensäußerung
ist ihm eine Reflexionssache, d. h. Polizeisache. In dieser Zer-
rissenheit des Menschen in "Naturtrieb"
#244# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
und "Reflexion" (innerer Pöbel, Geschöpf und innere Polizei,
Schöpfer) besteht der mit sich einige Egoist. *)
Heß hatte ("Die letzten Philosophen", p. 26) unsrem Heiligen vor-
geworfen:
"Er steht fortwährend unter der geheimen Polizei seines kriti-
schen Gewissens. - - - Er hat 'die Weisung der Kritik - - - Uns
nur wohl zu fühlen im Auflösen' nicht vergessen - - - Der Egoist,
ruft ihm fortwährend sein kritisches Gewissen ins Gedächtnis zu-
rück, darf sich für Nichts so sehr interessieren, daß er sich
seinem Gegenstande ganz hingibt" usw.
Sankt Max "ermächtigt sich", hierauf folgendes zu antworten:
Wenn "Heß von Stirner sagt: er stehe fortwährend usw. - was ist
damit weiter gesagt, als daß er, wenn er kritisiert, nicht ins
Gelag hinein" (d.h. beiläufig: einzig) "kritisieren, nicht fa-
seln, sondern eben wirklich" (d.h. menschlich) "kritisieren
will?"
"Was damit weiter gesagt" war, daß Heß von der geheimen Polizei
usw. sprach, ist aus der obigen Stelle von Heß so klar, daß
selbst Sankt Maxens "einziges" Verständnis derselben nur für ein
absichtliches Mißverständnis erklärt werden kann. Seine
"Virtuosität im Denken" verwandelt sich hier in eine Virtuosität
im Lügen, die wir ihm um so weniger verdenken, als sie hier sein
einziger Notbehelf war - die aber sehr schlecht zu den subtilen
Distinktiönlein über das Recht zu lügen paßt, welche er ander-
wärts "im Buche" aufstellt. Daß übrigens Sancho, "wenn er kriti-
siert", keineswegs "wirklich kritisiert", sondern "ins Gelag hin-
ein kritisiert" und "faselt", haben wir ihm, mehr als er ver-
dient, nachgewiesen.
Zunächst wurde also das Verhalten des wahren Egoisten als Schöp-
fer zu sich als Geschöpf dahin bestimmt, daß er gegen eine Be-
stimmung, worin er sich als Geschöpf fixierte, z. B. gegen sich
als Denkenden, als Geist, sich als Auch-anders-Bestimmter, als
Fleisch geltend machte. Später machte er sich nicht mehr geltend
als w i r k l i c h Auch-anders-Bestimmter, sondern als die
b l o ß e V o r s t e l l u n g d e s A u c h - A n d e r s -
B e s t i m m t s e i n s überhaupt, also im obigen Beispiel als
Auch-Nichtdenkenden, Gedankenlosen oder als Gleichgültigen gegen
das Denken, eine Vorstellung, die er wieder fahren läßt, sobald
der Unsinn sich herausstellt. Siehe oben die Kreiselbewegung auf
dem spekulativen Absatz. Also die schöpferische Tätigkeit bestand
hier in der Reflexion, daß ihm diese eine Bestimmtheit, hier das
Denken, auch gleichgültig sein
---
*) [Im Manuskript gestrichen:] Wenn übrigens Sankt Max "einen ho-
hen preußischen Offizier" sagen läßt: "Jeder Preuße trägt seinen
Gendarmen in der Brust", so muß dies heißen: den Gendarmen des
Königs, nur der "mit sich einige Egoist" trägt s e i n e n
e i g n e n Gendarmen in der Brust.
#245# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
-----
könne - im Reflektieren überhaupt; wodurch er natürlich auch nur
Reflexionsbestimmungen schafft, wenn er irgend etwas schafft
(z.B. die Vorstellung des Gegensatzes, deren schlichtes Wesen un-
ter allerlei feuerspeienden Arabesken verdeckt wird).
Was nun den I n h a l t seiner als Geschöpfes anbetrifft, so
sahen wir, daß er nirgends diesen Inhalt, diese bestimmten Eigen-
schaften, z.B. sein Denken, seinen Eifer pp. schafft, sondern nur
die Reflexionsbestimmung dieses Inhalts als Geschöpf, die Vor-
stellung, daß diese bestimmten Eigenschaften seine Geschöpfe
seien. Bei ihm finden sich alle seine Eigenschaften vor, und wo-
her sie ihm kommen, ist ihm gleichgültig. Er braucht sie also we-
der auszubilden, also z. B. tanzen zu lernen, um über seine Beine
Herr zu werden, oder sein Denken an Material, das nicht Jedem ge-
geben wird und nicht Jeder sich anschaffen kann, zu üben, um Ei-
gentümer seines Denkens zu werden - noch braucht er sich um die
Weltverhältnisse zu kümmern, von denen es in der Wirklichkeit ab-
hängt, wie weit ein Individuum sich entwickeln kann.
Stirner ist wirklich nur durch Eine Eigenschaft die andere (d.h.
die Unterdrückung seiner übrigen Eigenschaften durch diese
"andere") los. In der Wirklichkeit ist er dies aber nur, insofern
diese Eigenschaft nicht nur zur freien Entwicklung gekommen,
nicht bloß Anlage geblieben ist, sondern auch [in]sofern die
Weltverhältnisse ihm [erlau]bten, eine T o t a l i t ä t von
Ei[genschaften] gleichmäßig zu entwi[ckeln, d.h. also] durch die
Teilung [der Arbeit, und darum] die vorwiegende Betätigung einer
ein[zigen Leidenschaft, z.]B. des Bücher[schreibens - wie wir
schon gezeig]t haben. [Überhau]pt ist es eine [Widersinnigkeit,
wenn] man, wie Sankt [Max, unterst]ellt, man könne Eine
[Leidenschaft], von allen ändern getrennt, [be]friedigen, man
könne sie befriedigen, ohne s i c h, das ganze lebendige Indi-
viduum, zu befriedigen. Wenn diese Leidenschaft einen abstrakten,
abgesonderten Charakter annimmt, wenn sie mir als eine fremde
Macht gegenübertritt, wenn also die Befriedigung des Individuums
als die einseitige Befriedigung einer einzigen Leidenschaft er-
scheint - so liegt das keineswegs am Bewußtsein oder am "guten
Willen", am allerwenigsten an dem Mangel an Reflexion über den
Begriff der Eigenschaft, wie Sankt Max sich vorstellt.
Es liegt nicht am B e w u ß t s e i n, sondern - am - S e i n;
nicht am Denken, sondern am Leben; es hegt an der empirischen
Entwicklung und Lebensäußerung des Individuums, die wiederum von
den Weltverhältnissen abhängt. Wenn die Umstände, unter denen
dies Individuum lebt, ihm nur die [einzeilige Entwicklung einer
Eigen[scha]ft auf Kosten aller ändern erlauben, [wenn] sie ihm
Material und Zeit zur Entwicklung nur dieser Einen Eigenschaft
geben, so bringt dies Individuum es nur zu einer einseitigen,
verkrüppelten
#246# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
Entwicklung. Keine Moralpredigt hilft. Und die Art, in der sich
diese Eine, vorzugsweise begünstigte Eigenschaft entwickelt,
hängt wieder einerseits von dem ihr gebotenen Bildungsmaterial,
andererseits von dem Grade und der Art ab, in denen die übrigen
Eigenschaften unterdrückt bleiben. Eben dadurch, daß z.B. das
Denken Denken dieses bestimmten Individuums ist, bleibt es
s e i n, durch seine Individualität und die Verhältnisse, in
denen es lebt, bestimmtes Denken; das denkende Individuum hat
also nicht erst nötig, vermittelst einer langwierigen Reflexion
über das Denken als solches sein Denken für sein eignes Denken,
sein Eigentum zu erklären; es ist von vornherein sein eignes, ei-
gentümlich bestimmtes Denken, und grade seine Eigenheit h[at sich
bei Sankt] Sancho als "Gegenteil" da[von erwiesen, als] Eigen-
heit, die Eigenheit "a n s i c h[" ist.] Bei einem Individuum
z.B., dessen Leben einen großen Umkreis mannigfaltiger Tätigkei-
ten und praktischer Beziehungen zur Welt umfaßt, das also ein
vielseitiges Leben führt, hat das Denken denselben Charakter der
Universalität wie jede andere Lebensäußerung dieses Individuums.
Es fixiert sich daher weder als abstraktes Denken, noch bedarf es
weitläuftiger Reflexionskunststücke, wenn das Individuum vom Den-
ken zu einer ändern Lebensäußerung übergeht. Es ist immer von
vornherein ein nach B e d ü r f n i s verschwindendes und sich
reproduzierendes Moment im Gesamtleben des Individuums.
Bei einem lokalisierten Berliner Schulmeister oder Schriftsteller
dagegen, dessen Tätigkeit sich auf saure Arbeit einerseits und
Denkgenuß andererseits beschränkt, dessen Welt von Moabit bis Kö-
penick geht und hinter dem Hamburger Tor [109] mit Brettern zu-
genagelt ist, dessen Beziehungen zu dieser Welt durch eine mi-
serable Lebensstellung auf ein Minimum reduziert werden, bei ei-
nem solchen Individuum ist es allerdings nicht zu vermeiden, wenn
es Denkbedürfnis besitzt, daß das Denken ebenso abstrakt wird wie
dies Individuum und sein Leben selbst, daß es ihm, dem ganz Wi-
derstandslosen gegenüber, eine fixe Macht wird, eine Macht, deren
Betätigung dem Individuum die Möglichkeit einer momentanen Ret-
tung aus seiner "schlechten Welt", eines momentanen Genusses bie-
tet. Bei einem solchen Individuum äußern sich die wenigen übri-
gen, nicht so sehr aus dem Weltverkehr als aus der menschlichen
Leibeskonstitution hervorgehenden Begierden nur durch
R e p e r k u s s i o n; d.h., sie nehmen innerhalb ihrer bor-
nierten Entwicklung denselben einseitigen und brutalen Charakter
an wie das Denken, kommen nur in langen Zwischenräumen und stimu-
liert durch das Wuchern der vorherrschenden Begierde (unterstützt
durch unmittelbar physische Ursachen, z.B. Kompression [des Un-
ter]leibs) zum Vorschein und äußern [sich] heftig, gewaltsam, mit
brutalster Verdrängung der gewöhn[lichen, natürlichen]
#247# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Begierde[, in dem sie zur weit]er[n] Herrschaft über [das Denken
führen. D]aß das Schulmeister[liche Denken über] dies empirische
[Faktum auf eine schu]lmeisterliche Weise [reflektiert und spin-
tisiert, ver]steht sich von selbst. [Aber das bloße Inse]rat da-
von, daß Stir[ner seine Eigen]schaften überhaupt "schafft",
[erklärt] nicht einmal ihre bestimmte [Entwicklung. Inwiefern
diese Eigenschaften universell oder lokal entwickelt werden, in-
wiefern sie lokale Borniertheiten überschreiten oder in ihnen be-
fangen bleiben, hängt nicht von ihm, sondern vom Weltverkehr und
von dem Anteil ab, den er und die Lokalität, in der er lebt, an
ihm nehmen. Keineswegs, daß die Individuen in ihrer Reflexion
sich einbilden oder vornehmen, ihre lokale Borniertheit aufzulö-
sen, sondern daß sie in ihrer empirischen Wirklichkeit und durch
empirische Bedürfnisse bestimmt es dahin gebracht haben, einen
Weltverkehr zu produzieren - nur dies Faktum macht es den Einzel-
nen möglich, unter günstigen Verhältnissen ihre lokale Borniert-
heit loszuwerden. *)
Das Einzige, wozu es unser Heiliger mit seiner sauren Reflexion
über seine Eigenschaften und Leidenschaften bringt, ist, daß er
sich durch seine fortwährende Häkelei und Katzbalgerei mit ihnen
ihren Genuß und ihre Befriedigung versäuert.
Sankt Max schafft, wie schon vorhin gesagt, bloß sich als Ge-
schöpf, d.h. beschränkt sich darauf, sich unter diese Kategorie
des Geschöpfs zu subsumieren. Seine Tätigkeit [als] Schöpfer be-
steht darin, sich als Geschöpf [zu] betrachten, wobei er nicht
einmal [dazu fo]rtgeht, diese Spaltung in sich als [Schöpfer und
s]ich als Geschöpf als sein eignes [Produkt wie]der aufzulösen.
Die Spaltung [in "Wesentliches" un]d "Unwesentliches" wird [bei
ihm zu einem] permanenten Lebensprozeß, [also zum bloßen Sc]hein,
d.h., sein eigentliches Leb[e]n existiert nur [in der "reinen"]
Reflexion, ist gar [nicht einmal ein] wirkliches Dasein, [denn da
dies jeden Au]genblick außer [ihm und seiner Reflexion] ist, be-
müht er sich [vergeblich, diese als] wesentlich darzustel[len.
"Indem] ober dieser Feind" (näm[l]ich der wahre Egoist als Ge-
schöpf) "in seiner Niederlage sich erzeugt, indem das Bewußtsein,
da es sich ihn fixiert, vielmehr statt frei davon zu werden, im-
mer dabei verweilt und sich immer verunreinigt erblickt, und in-
dem zugleich dieser Inhalt seines Bestrebens das Niedrigste ist,
so sehen wir nur
---
*) [Im Manuskript gestrichen:] Sankt Max erkennt an einer
späte[ren] profanen Stelle an, daß das Ich von der Welt einen
(Fichteschen) "Anstoß" erhält. Daß die Kommunisten, diesen
"Anstoß", der freilich, wenn man sich nicht mit der bloßen Re-
densart begnügt, ein höchst verwickelter und vielfach bestimmter
"Anstoß" wird, unter ihre Kontrolle zu nehmen beabsichtigen, das
ist freilich für Sankt Max ein viel zu verwegener Gedanke, als
daß er sich darauf einlassen könnte.
#248# Karl Marx und Friedrich Engels
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eine auf sich und ihr kleines Tun" (Tatlosigkeit) "beschränkte
und s i c h b e b r ü t e n d e, ebenso u n g l ü c k l i-
c h e als ä r m l i c h e Persönlichkeit." (Hegel.)
Was wir bisher über Sanchos Spaltung in Schöpfer und Geschöpf
sagten, drückt er selbst nun schließlich m logischer Form aus:
Schöpfer und Geschöpf verwandeln sich in voraussetzendes und vor-
ausgesetztes, resp. (insofern seine Voraussetzung [seines Ichs
eine] S e t z u n g ist) setzendes und gesetztes Ich:
"Ich Meinesteils gehe von einer Voraussetzung aus, indem Ich Mich
v o r a u s s e t z e; aber Meine Voraussetzung ringt nicht nach
ihrer Vollendung" (vielmehr ringt Sankt Max nach ihrer Erniedri-
gung), "sondern dient Mir nur dazu, sie zu genießen und zu ver-
zehren" (ein beneidenswerter Genuß!). "Ich zehre gerade an Meiner
Voraussetzung allein und bin nur, indem Ich sie verzehre.
D a r u m" (großes "Darum!") "aber ist jene Voraussetzung gar
keine; d e n n d a" (großes "denn da"!) "Ich der Einzige bin"
(soll heißen der wahre, der mit sich einige Egoist), "so weiß Ich
nichts von der Zweiheit eines voraussetzenden und vorausgesetzten
Ichs (eines 'unvollkommnen' und 'vollkommnen' Ichs oder Men-
schen)" - soll heißen, besteht die Vollkommenheit meines Ichs nur
darin, mich jeden Augenblick als unvollkommnes Ich, als Geschöpf
zu wissen - "s o n d e r n" (allergrößtes "Sondern"!), "daß Ich
Mich verzehre, heißt nur, daß Ich bin." (Soll heißen: Daß Ich
bin, heißt hier nur, daß Ich an Mir die Kategorie des Vorausge-
setzten in der Einbildung verzehre.) "Ich setze Mich nicht vor-
aus, weil Ich Mich jeden Augenblick überhaupt erst setze oder
schaffe" (nämlich als Vorausgesetzten, Gesetzten oder Geschaffe-
nen setze und schaffe) "und nur dadurch Ich bin, daß Ich nicht
vorausgesetzt, sondern gesetzt bin" (soll heißen: und nur dadurch
bin, daß Ich Meinem Setzen vorausgesetzt bin) "und wiederum nur m
dem Moment gesetzt, wo Ich Mich setze, d.h., Ich bin Schöpfer und
Geschöpf in Einem."
Stirner ist ein "gesetzter Mann", da er stets ein gesetztes Ich
und sein Ich "a u c h Mann" (Wig[and,] p. 183) ist. "D a-
r u m" ist er ein gesetzter Mann; "d e n n d a" er nie von
Leidenschaften zu Exzessen hingerissen wird, "so" ist er das, was
die Bürger einen gesetzten Mann nennen, "s o n d e r n" daß er
ein gesetzter Mann ist, "das heißt nur", daß er stets Buch über
seine eignen Wandlungen und Brechungen führt.
Was bisher, um nach Stirner auch einmal mit Hegel zu sprechen,
nur "für uns" war, nämlich daß seine ganze schöpferische Tätig-
keit keinen ändern Inhalt als allgemeine Reflexionsbestimmungen
hatte, das ist jetzt von Stirner selbst "gesetzt". Sankt Maxens
Kampf gegen "d a s W e s e n" erreicht nämlich hier darin sein
"letztes Absehen", daß er sich selbst mit dem Wesen, und zwar dem
reinen, spekulativen Wesen identifiziert. [Da]s Verhältnis von
Schöpfer und Geschöpf [verwjandelt sich in eine Expli[kation] des
S i c h - s e l b s t - V o r a u s s e t z e n s, d.h., [er
verwandelt] in eine höchst "unbe[holfene"] und durcheinanderge-
worfene [Vorstellung,] was Hegel in "der [Lehre vom Wesen]"
#249# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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über die Reflexion [sagt. Da nämlich] Sankt Max e i n [Moment
seiner] Reflexion, die [setzende Reflexion, her]ausnimmt, [werden
seine Phantas]ien "nega[tiv", indem er nämlich] sich pp. in
"Selbst[voraussetzung", zum U]nterschied zwischen [sich als dem
Setzende]n und Gesetzten, [und die Re]flexion in den mystischen
Gegensatz von Schöpfer und Geschöpf verwandelt. Nebenbei ist zu
bemerken, daß Hegel in diesem Abschnitt der "Logik" die
"Machinationen" des "schöpferischen Nichts" auseinandersetzt, wo-
raus sich auch erklärt, weshalb sich Sankt Max schon p. 8 als
dies "schöpferische Nichts" "setzen" mußte.
Wir wollen jetzt einige Sätze aus der Hegelschen Explikation des
Sich-selbst-Voraussetzens zur Vergleichung mit Sankt Maxens Ex-
plikation "episodisch einlegen". Da Hegel indes nicht so zusam-
menhanglos und "ins Gelag hinein" schreibt wie unser Jacques le
bonhomme, sind wir genötigt, uns diese Sätze von verschiedenen
Seiten der "Logik" zusammenzuholen, um sie dem großen Satze San-
chos entsprechend zu machen.
"Das Wesen setzt sich selbst voraus, und das Aufheben dieser Vor-
aussetzung ist es selbst. Weil es Abliefen seiner von sich selbst
oder Gleichgültigkeit gegen sich, negative Beziehung auf sich
ist, setzt es sich somit sich selbst gegenüber ... das Setzen hat
keine Voraussetzung ... das Andre ist nur durch das Wesen selbst
gesetzt ... Die Reflexion ist also nur als das Negative ihrer
selbst. Als Voraussetzende ist sie schlechthin setzende Refle-
xion. Sie besteht also darin, sie selbst und nicht sie selbst in
einer Einheit" ("Schöpfer und Geschöpf in Einem") "zu sein." He-
gels "Logik", II, p. 5, 16, 17, 18, 22.
Man hätte nun von Stirners "Virtuosität im Denken" erwarten sol-
len, daß er zu weiteren Forschungen in der Hegelscben "Logik"
fortgeschritten wäre. Dies unterließ er indes weislich. Er würde
dann nämlich gefunden haben, daß er als bloß "gesetztes" Ich, als
Geschöpf, d.h. soweit er D a s e i n hat, ein bloßes
S c h e i n - Ich, und nur "W e s e n", S c h ö p f e r ist,
soweit er n i c h t da ist, sich bloß vorstellt. Wir haben be-
reits gesehen und werden noch weiter sehen, daß seine ganzen Ei-
genschaften, seine ganze Tätigkeit und sein ganzes Verhalten zur
Welt ein bloßer Schein ist, den er sich vormacht, nichts als
"Jongleurkünste auf dem Seile des Objektiven". Sein Ich ist stets
ein stummes, verborgenes "Ich", verborgen in seinem als
W e s e n vorgestellten I c h.
Da der wahre Egoist in seiner schöpferischen Tätigkeit also nur
eine Paraphrase der spekulativen Reflexion oder des reinen Wesens
ist, so ergibt sich "nach der Mythe" "durch natürliche Fortpflan-
zung", was schon bei der Betrachtung der "sauren Lebenskämpfe"
des wahren Egoisten hervortrat, daß seine "Geschöpfe" sich auf
die einfachsten Reflexionsbestimmungen, wie Identi[tät], Unter-
schied, Gleichheit, Ungleich[heit, Gegen]satz pp. beschränken -
#250# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
[Reflexions]bestimmungen, die er sich an ["Sich", von] dem "die
Kunde bis nach [Köln gedrun]gen ist", klarzumachen [sucht. Über]
sein v o r a u s s e t z u n g s l o s e s [Ich werden] wir ge-
legentlich noch ["ein gerin]ges Wörtlein vernehmen". Siehe u.a.
den "Einzigen".
Wie in S a n c h o s Geschichtskonstruktion, nach Hegelscher
Methode, die spätere historische Erscheinung zur Ursache, zum
Schöpfer der früheren gemacht wird, so beim mit sich einigen
Egoisten der Stirner von heute zum Schöpfer des Stirner von ge-
stern, obgleich, um in seiner Sprache zu sprechen, der Stirner
von heute das Geschöpf des Stirner von gestern ist. Die Reflexion
dreht dies allerdings um und in der Reflexion, als Reflexionspro-
dukt, als Vorstellung, ist der Stirner von gestern das Geschöpf
des Stirner von heute, ganz wie die Weltverhältnisse innerhalb
der Reflexion die G e s c h ö p f e seiner Reflexion sind.
p. 216. "S u c h e t nicht die Freiheit, die Euch gerade um
Euch selbst bringt, in der 'Selbstverleugnung', sondern s u-
c h e t Euch selbst" (d.h., suchet Euch selbst in der Selbst-
verleugnung), "w e r d e t E g o i s t e n, werde Jeder von
Euch ein a l l m ä c h t i g e s Ich!"
Wir dürfen uns nach dem Vorhergehenden nicht wundern, wenn Sankt
Max sich später zu diesem Satze wieder als Schöpfer und unver-
söhnlichster Feind verhält und sein erhabenes Moralpostulat:
"Werde ein a l l m ä c h t i g e s Ich" dahin "auflöst", daß
ohnehin Jeder tut, was er kann und kann, was er tut, wodurch er
natürlich für Sankt Max "allmächtig" ist. - Übrigens ist in dem
obigen Satze der Unsinn des mit sich einigen Egoisten zusammenge-
faßt. Zuerst das Moralgebot des Suchern, und zwar des Sich-
selbst-Suchens. Dies wird dahin bestimmt, daß man etwas werden
soll, was man noch nicht ist, nämlich Egoist, und dieser Egoist
wird dahin bestimmt, daß er "cm allmächtiges Ich" ist, worin das
eigentümliche Vermögen aus wirklichem in Ich, in die Allmacht,
die Phantasie des Vermögens sich aufgelöst hat. Sich selbst su-
chen heißt also etwas Andres werden, als man ist, und zwar
a l l m ä c h t i g w e r d e n, d.h. Nichts, ein Unding, eine
Phantasmagone werden.
---
Wir sind jetzt so weit vorgedrungen, daß eines der tiefsten My-
sterien des Einzigen und zugleich ein Problem, das die zivili-
sierte Welt seit längerer Zeit in ängstlicher Spannung hielt,
enthüllt und gelöst werden kann.
Wer ist Szeliga? So fragt sich seit der kritischen "Literatur-
Zeitung" (siehe: "Die heilige Familie" etc.) Jeder, der die Ent-
wicklung der deutschen Philosophie verfolgt hat. Wer ist Szeliga?
Alle fragen, Alle horchen auf bei dem barbarischen Klange dieses
Namens - Keiner antwortet.
#251# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
-----
Wer ist Szeliga? Sankt Max gibt uns den Schlüssel dieses
"Geheimnisses aller Geheimnisse".
S z e l i g a i s t S t i r n e r a l s G e s c h ö p f,
S t i r n e r i s t S z e l i g a a l s S c h ö p f e r.
Stirner ist das "Ich", Szeliga das "Du" "des Buchs". Stirner, der
Schöpfer, verhält sich daher zu Szeliga, dem Geschöpf, als zu
seinem "unversöhnlichsten Feind". Sobald sich Szeliga gegen Stir-
ner verselbständigen will - wozu er einen unglückseligen Versuch
in den "Norddeutschen Blättern" machte - "nimmt" ihn Sankt Max
wieder "in sich zurück", ein Experiment, was gegen diesen Szeli-
gaschen Versuch auf p. 176-179 des apologetischen Kommentars bei
Wigand vollzogen wird. Der Kampf des Schöpfers gegen das Ge-
schöpf, Stirners gegen Szeliga, ist indes nur scheinbar:
[Sz]eliga führt gegen seinen Schöpfer [jetzt] die Phrasen dieses
[Schöpfers] ins Feld - z.B. "daß [der bloße,] blanke Leib die Ge-
dan[kenlosigkei]t ist" (Wig[and,] p. 148). Sankt [Max dachte]
sich, wie wir sahen, nur [das blanke Flei]sch, den Leib vor
sei[ner Bildung], und gab bei die[ser Gelegenheit dem Leibe die
[Bestimmung, "d]as Andere des Gedank[ens", der] Nicht-Gedanke und
Nicht-Den[ken]de zu sein, also die Gedankenlosigkeit; ja an einer
späteren Stelle spricht er es geradezu aus, daß n u r die Ge-
dankenlosigkeit (wie vorher n u r das Fleisch, die also identi-
fiziert werden) ihn vor den Gedanken rette (p. 196). - Einen noch
viel schlagenderen Beweis dieses geheimnisvollen Zusammenhangs
erhalten wir bei Wigand. Wir sahen bereits p. 7 "des Buchs", daß
"Ich", d.h. Stirner, "der Einzige" ist. Auf p. 153 des Kommentars
redet er nun seinen "Du" an: "D u" - - "bist der P h r a-
s e n i n h a l t", nämlich der Inhalt des "Einzigen", und auf
derselben Seite heißt es: "Daß e r s e l b e r, S z e l i g a,
d e r P h r a s e n i n h a l t s e i, läßt er außer Acht."
"Der Einzige" ist die Phrase, wie Sankt Max wörtlich sagt. Als
"I c h", d.h. als S c h ö p f e r gefaßt, ist er P h r a-
s e n e i g n e r - dies ist S a n k t M a x. Als "D u",
d.h. als G e s c h ö p f gefaßt, ist er P h r a s e n i n-
h a l t - dies ist S z e l i g a, wie uns soeben verraten wur-
de. Szeliga, das Geschöpf, tritt als aufopfernder Egoist, als
verkommener Don Quijote auf; Stirner, der Schöpfer, als Egoist im
gewöhnlichen Verstande, als heiliger Sancho Pansa.
Hier tritt also die andere Seite des Gegensatzes von Schöpfer und
Geschöpf auf, wo jede der beiden Seiten ihr Gegenteil an sich
selbst hat. Sancho Panza Stirner, der Egoist im gewöhnlichen Ver-
stande, überwindet hier den Don Quijote Szeliga, den aufopfernden
und illusorischen Egoisten, eben a l s Don Quijote, durch sei-
nen Glauben an die Weltherrschaft des Heiligen. Was war
[überhaupt Stirners Egoist im ge[wöhnlichen] Verstande anders als
San[cho Panza] und sein aufopfernder Ego[ist andres] als Don Qui-
jote und [ihr gegenseitiges Verhältnis in der bis [herigen Form
an]ders als das des [Sancho Panza Stirner] zum Don Quijo[te Sze-
liga? Jetzt, als] Sancho Panza,
#252# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
g[ehört Stirner sich als] Sancho nur, u[m Szeliga als] Don Qui-
jote glau[ben zu machen, daß] er ihn in der Don[quijotene über-
trifft und einer [solchen Rolle gemäß, als] vorausgesetzte allge-
meine Don[quijoterie, Nichts] gegen die D[onquijoterie sei]nes
ehemaligen Herrn [(auf] die er mit dem festesten Bedientenglauben
schwört) unternimmt und dabei seine schon bei Cervantes entwic-
kelte Pfiffigkeit geltend macht. Dem wirklichen Gehalt nach ist
er daher der Verteidiger des praktischen Kleinbürgers, aber be-
kämpft das dem Kleinbürger entsprechende Bewußtsein, das sich in
letzter Instanz auf die idealisierenden Vorstellungen des Klein-
bürgers von der ihm unerreichbaren Bourgeoisie reduziert.
Don Quijote verrichtet also jetzt als Szeliga bei seinem ehemali-
gen Schildknappen Knechtsdienste.
Wie sehr Sancho in seiner neuen "Wandlung" noch die alten Gewohn-
heiten behalten hat, zeigt er auf jeder Seite. Noch immer bildet
das "Verschlingen" und "Verzehren" eine seiner Hauptqualitäten,
noch immer hat seine "natürliche Furchtsamkeit" solche Herrschaft
über ihn, daß sich der König von Preußen und der Fürst Heinrich
LXXII. ihm in den "Kaiser von China" oder den "Sultan" verwandeln
und er nur von den "d........ 1*) Kammern
zu sprechen wagt; noch immer streut er Sprüchwörter und Sitten-
sprüchlein aus seinem Schnappsack um sich, noch immer fürchtet er
sich vor "Gespenstern", ja erklärt sie für das allein Furchtbare;
der einzige Unterschied ist, daß, während Sancho in seiner Unhei-
ligkeit von den Bauern in der Schenke geprellt wurde, er im
Stande der Heiligkeit jetzt fortwährend sich selbst prellt.
Kommen wir indes auf Szeliga zurück. Wer hat nicht längst in al-
len "Phrasen", die Sankt Sancho seinem "Du" in den Mund legte,
Szeligas Finger entdeckt? Und nicht allein in den Phrasen des
"Du", sondern auch in den Phrasen, wo Szeliga als Schöpfer, also
als S t i r n e r auftritt, ist Szeligas Spur fortwährend zu
verfolgen. Darum aber, weil Szeliga Geschöpf ist, konnte in der
"Heiligen Familie" Szeliga nur als "G e h e i m n i s" auftre-
ten. Die Enthüllung des Geheimnisses kam Stirner dem Schöpfer zu.
Wir ahnten freilich, daß hier ein großes, heiliges Abenteuer zu-
grunde liege. Wir sind nicht getäuscht worden. Das einzige Aben-
teuer ist wirklich nie gesehen und nie erhört und übertrifft das
von den Klappermühlen Cervantes' am zwanzigsten.
-----
1*) deutschen
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