Quelle: MEW 3 1845 - 1846


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       #253# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       3. Offenbarung Johannis des Theologen
       oder "die Logik der neuen Weisheit"
       
       Im Anfang  war das Wort, der Logos. In ihm war das Leben, und das
       Leben war  das Licht  der Menschen. Und das Licht scheinet in die
       Finsternis und die Finsternis hat 1*) es  n i c h t  b e g r i f-
       f e n.   Das war  das wahrhaftige  Licht, es war in der Welt, und
       die Welt  kannte es  nicht. Er kam in sein  E i g e n t u m,  und
       die Seinen  nahmen ihn  nicht auf.  Wie viele ihn aber aufnahmen,
       denen gab  er Macht, Eigentümer zu werden, die an [den N]amen des
       Einzigen glauben. [Aber we]r hat den Einzigen je ge[sehen?]
       [Betrachten] wir  jetzt dieses  "Licht der  [Welt" in "der] Logik
       der neuen  Weis[heit", da  Sankt] Sancho  sich bei  den frü[heren
       Vernichtungen nicht beruhigt.
       [Bei unserm  "]einzigen" Schriftsteller  versteht  es  sich  [von
       selbst, daß]  die Grundlage  seiner [Genialität]  in einer  glän-
       zen[den Reihe  pers]önlicher Vorzüge  [besteht, welc]he seine ei-
       gentüm[liche Virtuosität]  im Denken  ausma[chen. D]a  alle diese
       Vorzüge bereits  im Vorhergehenden weitläuftig nachgewiesen sind,
       so genügt  hier eine kurze Zusammenstellung der hauptsächlichsten
       unter ihnen:  Liederlichkeit im  Denken -  Konfusion -  Zusammen-
       hangslosigkeit -  eingestandene Unbeholfenheit  - unendliche Wie-
       derholungen -  beständiger Widerspruch  mit sich selbst - Gleich-
       nisse ohnegleichen  - Einschüchterungsversuche  gegen den Leser -
       systematische  Gedanken-Erbschleicherei   vermittelst  der  Hebel
       "Du", "Es",  "Man" usw.  und groben  Mißbrauchs der Konjunktionen
       Denn, Deshalb,  Darum, Weil, Demnach, Sondern etc. - Unwissenheit
       - schwerfällige  Beteuerung - feierlicher Leichtsinn - revolutio-
       näre Redensarten  und friedliche Gedanken - Sprachpolterei - auf-
       gedunsene Gemeinheit  und Kokettieren mit wohlfeiler Unanständig-
       keit - Erhebung des Eckenstehers Nante [110] in den absoluten Be-
       griff -  Abhängigkeit von Hegelschen Traditionen und Berliner Ta-
       gesphrasen -  kurz, vollendete  Fabrikation einer breiten Bettel-
       suppe (491 Seiten) nach Rumfordscher Manier.
       In  dieser  Bettelsuppe  schwimmen  dann  eine  ganze  Reihe  von
       Ü b e r g ä n g e n   als Knochen  herum, von denen wir jetzt ei-
       nige Specimina  2*) zur öffentlichen Ergötzung des ohnehin so ge-
       drückten deutschen Publikums mitteilen wollen:
       
       "Könnten wir nicht - nun ist aber - man teilt mitunter - man kann
       nun -  zur Wirksamkeit von ... gehört besonders das, was man häu-
       fig ... nennen hört - und dies heißt - Es kann nun, um hiermit zu
       schließen, einleuchten - mittlerweise - so kann
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       1*) Im Manuskript: haben - 2*) Probestücke, Muster
       
       #254# Karl Marx und Friedrich Engels
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       hier beiläufig  gedacht werden  - sollte  nicht - oder wäre nicht
       etwa - der Fortgang von ... dahin, daß ... ist nicht schwer - von
       einem gewissen  Standpunkt aus  räsoniert  man  etwa  so  -  z.B.
       u.s.w." - etc. und "ist an dem" in allen möglichen "Wandlungen".
       
       Wir können  hier gleich einen [logischen] Kniff erwähnen, von dem
       [sich nicht]  entscheiden läßt,  ob er der [gepriesenen] Tüchtig-
       keit Sanchos  [oder der]  Untüchtigkeit seiner  [Gedanken  seine]
       Existenz verdankt.  Dies[er Kniff  besteht] darin, aus einer Vor-
       stellung, aus  einem] Begriff,  der mehrere [bestimmt ausgemachte
       Seiten [hat,   e i n e  Seite] als die bisher allein[ige und ein-
       zige] herauszunehmen,  sie [dem  Begriff als]  seine   a l l e i-
       n i g e   B e s t i m m t h e i t    unterzuschieben  und  dieser
       gege[nüber jede  andre] Seite unter einem [neuen Namen als] etwas
       Originelles gelten[d  zu machen].  So mit  der Freiheit  und  der
       Eigen[heit, wie] wir später sehen werden.
       Unter den  Kategorien, welche weniger der Persönlichkeit Sanchos,
       als der  allgemeinen Bedrängnis,  in welcher  sich die  deutschen
       Theoretiker dermalen  befinden, ihren  Ursprung verdanken,  steht
       obenan die  l u m p i g e  D i s t i n k t i o n,  die Vollendung
       der Lumperei.  Da unser Heiliger sich in den "seelenmarterndsten"
       Gegensätzen herumtreibt, wie Einzelnes und Allgemeines, Privatin-
       teresse und allgemeines Interesse, gewöhnlicher Egoismus und Auf-
       opferung pp.,  so kommt es schließlich auf die lumpigsten Konzes-
       sionen und  Transaktionen der  beiden Seiten  untereinander,  die
       wiederum auf  den subtilsten  Distinktionen beruhen - Distinktio-
       nen, deren  Nebeneinander-Bestehen durch   "a u c h"  ausgedrückt
       und deren  Trennung voneinander  dann wieder  durch ein dürftiges
       "i n s o f e r n"  aufrechterhalten wird. Solche lumpige Distink-
       tionen sind z.B.: wie die Menschen sich gegenseitig  e x p l o i-
       t i e r e n,   aber doch  Keiner dies   a u f  K o s t e n  d e s
       A n d e r n   tut; inwiefern  Etwas mir   e i g e n  oder  e i n-
       g e g e b e n   ist; die  Konstruktion  einer    m e n s c h l i-
       c h e n  und einer einzigen Arbeit, die nebeneinander existieren;
       das für  das  m e n s c h l i c h e  Leben Unentbehrliche und das
       dem   e i n z i g e n    Leben  Unentbehrliche;  was  der  reinen
       Persönlichkeit angehört  und was  sachlich zufällig ist, wo Sankt
       Max, von  seinem Standpunkte  aus, gar kein Kriterium hat; was zu
       den   L u m p e n   und was zur  H a u t  des Individuums gehört;
       was er  durch die  Verneinung total   l o s   w i r d   oder sich
       a n e i g n e t,   inwiefern er  bloß seine  Freiheit  oder  bloß
       seine  Eigenheit   aufopfert,  wo   er  auch   opfert,  aber  nur
       i n s o f e r n   er eigentlich  nicht opfert,  was mich als Band
       und was  mich als persönliche Beziehung zu den Ändern in Verhält-
       nis bringt. Ein Teil dieser Distinktionen ist absolut lumpig, ein
       anderer verliert, wenigstens bei Sancho, allen Sinn und Halt. Als
       Vollendung dieser lumpigen Distinktion kann betrachtet werden die
       zwischen der  W e l t s c h ö p f u n g  durch das Individuum und
       dem   A n s t o ß,   den es von der Welt erhält. Ginge er hier z.
       B. auf den Anstoß näher ein, m der ganzen Ausbreitung und Mannig-
       faltigkeit,
       
       #255# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       in der  dieser auf ihn wirkt, so würde [sich bei] ihm schließlich
       der  Widerspruch   [heraus]stellen,  daß  er  ebenso    b l i n d
       [a b h ä n g i g]   von der  Welt ist,  wie er  [sie egois]tisch-
       ideologisch   s c h a f f t.   (Siehe:  "Mein  Selbstgenuß".)  Er
       [würde seine "]A u c h s" und  "I n s o f e r n s"  [ebensowenig]
       nebeneinander [nennen,  wie d]ie  "menschliche" Arbeit [neben der
       "]einzigen", Eins  nicht [gegenüber dem] Ändern streitig [machen,
       so Eins nic]ht dem Ändern [in den Rücken] fallen und so nicht der
       ["m i t   s i c h  s e l b s t  e] i n i g e  Egoist" vollständig
       [sich selbst  unterstellt werden  - aber wir [wissen,] daß dieser
       nicht erst  [unterste]llt zu  werden braucht,  sondern schon  von
       vornherein der Ausgangspunkt war.
       Diese Lumperei  der Distinktion  geht durch das ganze "Buch", ist
       ein Haupthebel  auch der übrigen logischen Kniffe und äußert sich
       namentlich in  einer ebenso  selbstgefälligen wie spottwohlfeilen
       moralischen Kasuistik.  So wird  uns an Exempeln klargemacht, in-
       wieweit der  wahre Egoist lügen darf und nicht lügen darf, inwie-
       fern es "verächtlich" und nicht verächtlich ist, ein Vertrauen zu
       täuschen, inwiefern  Kaiser Sigismund und Franz I. von Frankreich
       Eide brechen durften und inwiefern sie sich dabei "lumpig" benah-
       men, und  andre dergleichen feine historische Illustrationen. Ge-
       genüber diesen mühsamen Distinktionen und Quästiunculis 1*) nimmt
       sich dann wieder sehr gut aus die Gleichgültigkeit unsres Sancho,
       der Alles  einerlei ist  und die alle wirklichen, praktischen und
       Gedanken-Unterschiede beiseite  wirft. Im  Allgemeinen können wir
       schon jetzt  sagen, daß  seine Kunst  zu unterscheiden noch lange
       nicht reicht an seine Kunst, nicht zu unterscheiden, alle Kühe in
       der Nacht  des Heiligen grau werden zu lassen und Alles auf Alles
       zu reduzieren  - eine Kunst, die in der  A p p o s i t i o n  ih-
       ren adäquaten Ausdruck erreicht.
       Umarme Deinen  "Grauen", Sancho, Du hast ihn hier wiedergefunden!
       Lustig springt  er Dir entgegen, nicht achtend der Fußtritte, die
       ihm geworden sind, und begrüßt Dich mit heller Stimme. Kniee nie-
       der vor  ihm, umschlinge seinen Hals und erfülle Deinen Beruf, zu
       dem Dich Cervantes am dreißigsten berufen hat.
       Die   A p p o s i t i o n  ist der Graue Sankt Sanchos, seine lo-
       gische und  historische Lokomotive,  die auf  ihren kürzesten und
       einfachsten Ausdruck  reduzierte treibende  Kraft "des Buchs". Um
       eine Vorstellung  in eine andere zu verwandeln oder die Identität
       zweier ganz  disparaten Dinge nachzuweisen, werden einige Mittel-
       glieder gesucht,  die teils dem Sinn, teils der Etymologie, teils
       dem bloßen  Klange nach  zur Herstellung eines scheinbaren Zusam-
       menhangs zwischen  den beiden Grund Vorstellungen brauchbar sind.
       Diese werden  dann in der Form der Apposition der ersten Vorstel-
       lung angehängt, und
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       1*) winzigen (gelehrten) Fragen
       
       #256# Karl Marx und Friedrich Engels
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       zwar so, daß man immer weiter von dem abkommt, wovon man ausging,
       und immer  näher zu  dem kommt, wohin man will. Ist die Appositi-
       onskette so  weit präpariert, daß man ohne Gefahr schließen kann,
       so wird  vermittelst eines  Gedankenstrichs die Schlußvorstellung
       ebenfalls als  Apposition angehangen, und das Kunststück ist fer-
       tig. Dies  ist eine  höchst empfehlenswerte  Manier des Gedanken-
       schmuggels, die  um so  wirksamer ist,  je mehr sie zum Hebel der
       Hauptentwicklungen gemacht wird. Wenn man dies Kunststück bereits
       mehrere Male  mit Erfolg  vollzogen hat,  so kann man, nach Sankt
       Sanchos Vorgang,  allmählich einige  Mittelglieder auslassen  und
       endlich die  Appositionsreihe auf  die allernotdürftigsten  Haken
       reduzieren.
       Die Apposition kann nun auch, wie wir schon oben sahen, umgedreht
       werden und dadurch zu neuen, komplizierteren 1*) Kunststücken und
       erstaunlicheren Resultaten  führen. Wir  sahen ebendaselbst,  daß
       die Apposition  die logische  Form der  unendlichen Reihe aus der
       Mathematik ist.
       Sankt Sancho  wendet die  Apposition doppelt  an, einerseits rein
       logisch, bei  der Kanonisation  der Welt,  wo sie ihm dazu dient,
       jedes beliebige  weltliche Ding  in "das  Heilige" zu verwandeln,
       andererseits historisch,  bei Entwicklungen des Zusammenhangs und
       bei Zusammenfassung verschiedener Epochen, wo jede geschichtliche
       Stufe auf ein einziges Wort reduziert wird und am Ende das Resul-
       tat herauskommt,  daß das  letzte Glied in der historischen Reihe
       um kein  Haarbreit weiter ist als das erste und sämtliche Epochen
       der Reihe  schließlich in  [e]iner einzigen abstrakten Kategorie,
       [e]twa Idealismus,  Abhängigkeit von  Gedanken pp. zusammengefaßt
       werden. Wenn in die historische Appositionsreihe der Schein eines
       Fortschritts gebracht werden soll, so geschieht dies dadurch, daß
       die Schlußphrase  als die  Vollendung der ersten Epoche der Reihe
       und die  Zwischenglieder als  Entwicklungsstufen in aufsteigender
       Ordnung zur letzten, vollendeten Phrase hin gefaßt werden.
       Der Apposition  zur Seite  geht die   S y n o n y m i k,  die von
       Sankt Sancho  nach allen  Seiten hin  exploitiert wird. Wenn zwei
       Worte etymologisch zusammenhängen oder nur ähnlichen Klang haben,
       so werden  sie solidarisch  füreinander  verantwortlich  gemacht,
       oder wenn  ein Wort  verschiedene Bedeutungen  hat, so  wird dies
       Wort nach  Bedürfnis bald in der einen, bald in der ändern Bedeu-
       tung, und  zwar mit dem Scheine gebraucht, als spreche Sankt San-
       cho von  Einer und derselben Sache in verschiedenen "Brechungen".
       Eine   eigne    Sektion   der    Synonymik   bildet    noch   die
       Ü b e r s e t z u n g,   wo ein  französischer oder  lateinischer
       Ausdruck durch  einen deutschen  ergänzt wird,  der jenen  ersten
       halb und sonst noch ganz andre Dinge ausdrückt, z. B. wenn,
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       1*) MEGA: komplizierten
       
       #257# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       wie wir  oben sahen,  "respektieren" durch  "Ehrfurcht und Furcht
       empfinden" pp.  übersetzt wird.  Man erinnere sich an Staat, Sta-
       tus, Stand,  Notstand etc. Wir haben beim Kommunismus schon Gele-
       genheit gehabt, reichhaltige Exempel dieses Gebrauchs von doppel-
       sinnigen Ausdrücken zu sehen. Wir wollen jetzt noch kurz ein Bei-
       spiel der etymologischen Synonymik vornehmen.
       
       "Das Wort   'G e s e l l s c h a f t'  hat seinen Ursprung in dem
       Worte   'S a l'.   Schließt ein   S a a l  viele Menschen ein, so
       macht's der  S a a l,  daß sie in Gesellschaft sind. Sie  s i n d
       in Gesellschaft  und  machen  höchstens  eine    S a l o n - G e-
       s e l l s c h a f t   aus, indem  sie in  den herkömmlichen  S a-
       l o n - R e d e n s a r t e n   sprechen. Wenn  es zum wirklichen
       V e r k e h r   kommt, so  ist dieser  als von  der  Gesellschaft
       unabhängig zu betrachten." (pag. 286.)
       
       Weil "das  Wort 'Gesellschaft' in 'Sal' seinen Ursprung hat" (was
       beiläufig  gesagt  nicht  wahr  ist,  da  die    u r s p r ü n g-
       l i c h e n  Wurzeln aller Wörter  Z e i t w ö r t e r  sind), so
       muß "Sal"  = "Saal"  sein. Sal heißt aber im Althochdeutschen ein
       G e b ä u d e,   Kisello, Geselle,  wovon Gesellschaft  herkommt,
       ein   H a u s g e n o s s e,   und daher  kommt der  "Saal"  ganz
       willkürlich herein. Aber das tut nichts; der "Saal" wird sogleich
       in einen "Salon" verwandelt, als ob zwischen dem althochdeutschen
       "Sal" und  dem neufranzösischen  "Salon" nicht eine Zwischenstufe
       von zirka tausend Jahren und soundso viel Meilen läge. So ist die
       Gesellschaft in  eine Salon-Gesellschaft  verwandelten  der  nach
       deutsch-spießbürgerlicher  Vorstellung   nur  ein  Phrasenverkehr
       stattfindet und  von der  aller wirkliche  Verkehr ausgeschlossen
       ist. -  Übrigens hätte  Sankt Max, da er doch nur darauf ausgeht,
       die Gesellschaft  in "das  Heilige" zu verwandeln, die Sache viel
       kürzer  haben  können,  wenn  er  die  Etymologie  etwas  genauer
       betrieben und  sich ein beliebiges Wurzellexikon angesehen hätte.
       Welch ein  Fund wäre  es  für  ihn  gewesen,  wenn  er  dort  den
       etymologischen Zusammenhang  zwischen "Gesellschaft"  und "selig"
       entdeckt hätte  - Gesellschaft  - selig  - heilig - das Heilige -
       was kann einfacher aussehen?
       Wenn "Stirners"  etymologische Synonymik  richtig ist,  so suchen
       die Kommunisten die wahre Grafschaft, die Grafschaft als das Hei-
       lige. Wie Gesellschaft von Sal, Gebäude, so kommt Graf (got[isch]
       garâvjo) vom  [go]tischen râvo,  Haus. Sal, Gebäude = ravo, Haus,
       also Gesellschaft  gleich Grafschaft.  Vor- und Endsilben sind in
       beiden Worten  gleich, die  Stammsilben haben gleiche Bedeutung -
       also ist  die heilige  Gesellschaft der  Kommunisten die  heilige
       Grafschaft, die  Grafschaft als  das Heilige - was kann einfacher
       aussehen? Sankt  Sancho ahnte  dies, als  er im  Kommunismus  die
       Vollendung des Lehnswesens, d.h. Grafschaftenwesens sah.
       Die Synonymik  dient unsrem  Heiligen einerseits dazu, empirische
       Verhältnisse in spekulative zu verwandeln, indem er ein Wort, das
       in der Praxis
       
       #258# Karl Marx und Friedrich Engels
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       sowohl wie  in der  Spekulation vorkommt,  in seiner spekulativen
       Bedeutung anwendet, über diese spekulative Bedeutung einige Phra-
       sen macht  und dann sich stellt, als ob er damit auch die wirkli-
       chen Verhältnisse  kritisiert habe, zu deren Bezeichnung dasselbe
       Wort auch  gebraucht wird. So mit der  S p e k u l a t i o n,  p.
       406 "erscheint" "die Spekulation" nach zwei Seiten hin als  E i n
       Wesen, das  sich eine "doppelte Erscheinung" gibt - o Szeliga! Er
       poltert gegen  die   p h i l o s o p h i s c h e  Spekulation und
       glaubt, damit  auch [die]   k o m m e r z i e l l e  Spekulation,
       von [der] er nichts weiß, abgetan zu [hab]en. - Andrerseits dient
       ihm, dem  verborgnen Kleinbürger,  [die]se Synonymik  dazu, Bour-
       geoisverhältnisse (siehe,  was oben  beim "Kommunismus"  über den
       Zusammenhang der  Sprache mit  den Bourgeoisverhältnissen  gesagt
       wird) in  persönliche, individuelle  zu verwandeln, die man nicht
       antasten kann,  ohne das  Individuum  in  seiner  Individualität,
       "Eigenheit" und  "Einzigkeit" anzutasten.  So exploitiert  Sancho
       z.B. den  etymologischen Zusammenhang  zwischen Geld und Geltung,
       Vermögen und vermögen usw.
       Die Synonymik,  vereinigt mit der Apposition, bildet den Haupthe-
       bel seiner   E s k a m o t a g e,   die wir bereits zu unzähligen
       Malen enthüllten. Um ein Exempel davon zu geben, wie leicht diese
       Kunst ist, wollen wir auch einmal à la Sancho eskamotieren.
       Der   W e c h s e l   als   W e c h s e l  ist das Gesetz der Er-
       scheinung, sagt  Hegel.  D a r u m,  könnte "Stirner" fortfahren,
       die Erscheinung  von  der  Strenge  des  Gesetzes  gegen  falsche
       W e c h s e l;   denn es  ist hier das über der Erscheinung erha-
       bene Gesetz,  das Gesetz als solches, das heilige Gesetz, das Ge-
       setz als  das Heilige - das Heilige, wogegen gesündigt und das in
       der Strafe  gerächt wird. Oder aber: Der  W e c h s e l  "in sei-
       ner doppelten  Erscheinung" als  Wechsel (lettre  de change)  und
       Wechsel (changement)  führt zum  V e r f a l l  (échéance und dé-
       cadence). Der  V e r f a l l  als Konsequenz des  W e c h s e l s
       zeigt sich  in der Geschichte unter ändern beim Untergang des rö-
       mischen Reichs,  der Feudalität,  des deutschen  Kaiserreichs und
       der  Herrschaft  Napoleons.  "Der  Fortgang  von"  diesen  großen
       g e s c h i c h t l i c h e n   K r i s e n   "zu"  den    H a n-
       d e l s k r i s e n  unserer Tage "ist nicht schwer", und hieraus
       erklärt sich denn auch, warum diese Handelskrisen stets durch den
       V e r f a l l  v o n  W e c h s e l n  bedingt sind.
       Oder er  konnte auch, wie Vermögen und Geld, den Wechsel etymolo-
       gisch rechtfertigen  und "von  einem gewissen Standpunkt aus etwa
       so räsonieren":  Die  Kommunisten  wollen  unter  ändern    d e n
       W e c h s e l   (lettre de change) beseitigen. Besteht aber nicht
       gerade im   W e c h s e l   (changement) der Haupt-Weltgenuß? Sie
       wollen also  das Tote, Unbewegte,  C h i n a  - d.h., der vollen-
       dete Chinese  ist Kommunist. "Daher" die Deklamationen der Kommu-
       nisten gegen  die  W e c h s e l b r i e f e  und die  W e c h s-
       l e r.  Als ob nicht jeder Brief ein
       
       #259# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       W e c h s e l b r i e f,  ein einen  W e c h s e l  konstatieren-
       der Brief,  und jeder  Mensch ein   W e c h s e l n d e r,    ein
       W e c h s l e r  wäre!
       Um der  Einfachheit  seiner  Konstruktion  und  seiner  logischen
       Kunststücke einen recht mannigfaltigen Schein zu geben, hat Sankt
       Sancho die   E p i s o d e   nötig. Von Zeit zu Zeit legt er eine
       Stelle "episodisch"  ein, die  an einen ändern Teil des Buchs ge-
       hörte oder ganz gut wegbleiben könnte, und unterbricht so den oh-
       nehin vielfach  zerrissenen Faden  seiner sogenannten Entwicklung
       noch mehr.  Dies geschieht  dann mit  der naiven  Erklärung,  daß
       "Wir" "nicht  am Schnürchen  gehen", und bewirkt nach mehrmaliger
       Wiederholung in  dem Leser  eine gewisse  Stumpfheit gegen  alle,
       auch die  größeste Zusammenhangslosigkeit.  Wenn man  "das  Buch"
       liest, gewöhnt  man sich  an Alles  und  läßt  zuletzt  gern  das
       Schlimmste über  sich ergehen.  Übrigens sind diese Episoden, wie
       sich von  Sankt Sancho  nicht anders  erwarten [läßt,] selbst nur
       scheinbare  und   nur  [Wiederholungen   der  hundertmal   [schon
       dage]wesenen Phrasen unter [ändern Fir]men.
       Nachdem Sankt  Max [sich  so in]  seinen persönlichen  Qualitäten
       [gezeigt, so]dann in der Distinktion, [in der] Synonymik und Epi-
       sode als   ["S c h e i n"  und] als  "W e s e n"  enthüllte, kom-
       men [wir  zu de]r  wahren Spitze  und Vollen[dung der] Logik, zum
       "B e g r i f f".
       [Der] Begriff  ist "Ich" (siehe Hegels "Logik", 3. Teil), die Lo-
       gik [als  Ich]. Es  ist das  reine Verhältnis [des] Ich zur Welt,
       das Verhältnis,  [entkleidet] aller  für ihn existierenden realen
       Verhältnisse, [eine  Forme]l für  alle Gleichungen,  in [die  ein
       He]iliger  die  weltlichen  [Begriffe]  bringt.  Schon  oben  ist
       ent[hüllt], wie  Sancho in  dieser Formel  sich nur die verschie-
       denen reinen  Reflexionsbestimmungen wie Identität, Gegensatz pp.
       an allen möglichen Dingen klarzumachen erfolglos "trachtet".
       Fangen wir  gleich an irgendeinem bestimmten Exempel an, z.B. dem
       Verhältnis von "Ich" und Volk.
       
             Ich bin nicht das Volk.
             Das Volk = Nicht-Ich.
             Ich = das Nicht-Volk.
       
       Ich bin  also die  Negation des Volks, das Volk ist in Mir aufge-
       löst.
       Die zweite  Gleichung kann auch in der Nebengleichung gefaßt wer-
       den:
       
             Das Volks-Ich ist nicht,
       oder: Das Ich des Volks ist das Nicht Meines Ich.
       
       Die ganze  Kunst besteht  also 1. darin, daß die Negation, die im
       Anfang zur Kopula gehörte, erst zum Subjekt und dann zum Prädikat
       geschlagen
       
       #260# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       wird; 2. daß die Negation, das "Nicht", je nachdem es konveniert,
       als Ausdruck  von Verschiedenheit, Unterschied, Gegensatz und di-
       rekte Auflösung gefaßt wird. Im vorliegenden Beispiel wird es als
       absolute Auflösung,  als vollständige Negation gefaßt; wir werden
       finden, daß es je nach Sankt Maxens Konvenienz auch in den ändern
       Bedeutungen gebraucht  wird. So verwandelt sich denn der tautolo-
       gische Satz,  daß ich  nicht das  Volk bin, in die gewaltige neue
       Entdeckung, daß Ich die Auflösung des Volkes bin.
       Zu den  bisherigen Gleichungen  war es  nicht einmal  nötig,  daß
       Sankt Sancho  auch nur  irgendeine Vorstellung vom Volk hatte; es
       genügte zu  wissen, daß  Ich und  Volk "völlig verschiedene Namen
       für völlig  Verschiedenes sind";  es reichte hin, daß beide Worte
       nicht einen  einzigen Buchstaben  gemeinsam haben.  Soll nun  vom
       Standpunkt der egoistischen Logik weiter über das Volk spekuliert
       werden, so genügt es, an das Volk und an "Ich" von außen her, aus
       der alltäglichen Erfahrung, irgendeine beliebige triviale Bestim-
       mung anzureihen,  was zu  neuen Gleichungen  Anlaß gibt.  Es wird
       zugleich der  Schein hervorgebracht,  als würden  verschiedne Be-
       stimmungen verschiedenartig  kritisiert. In dieser Weise soll nun
       jetzt über Freiheit, Glück und Reichtum spekuliert werden:
       
                          Grundgleichungen: Volk = Nicht-Ich.
       Gleichung Nr. I:   Volks-Freiheit = Nicht Meine Freiheit.
                          Volks-Freiheit = Meine Nichtfreiheit.
                          Volks-Freiheit = Meine Unfreiheit.
       (Dies kann nun auch umgedreht werden, wo dann der große Satz her-
       auskommt: Meine  Unfreiheit =  Knechtschaft ist  die Freiheit des
       Volkes.)
       
       Gleichung Nr. II:  Volks-Glück = Nicht Mein Glück.
                          Volks-Glück = Mein Nichtglück.
                          Volks-Glück = Mein Unglück.
       (Umkehrung: Mein Unglück, Meine Misère ist das Glück des Volkes.)
       
       Gleichung Nr. III: Volksreichtum = Nicht Mein Reichtum.
                          Volksreichtum = Mein Nichtreichtum.
                          Volksreichtum = Meine Armut.
       (Umkehrung: Meine  Armut ist  der Reichtum  des Volkes.) Dies ist
       nun ad  libitum 1*)  weiter zu  führen und auf andre Bestimmungen
       auszudehnen.
       Zur Bildung  dieser Gleichungen  gehört außer einer höchst allge-
       meinen Kenntnis  derjenigen Vorstellungen,  die er  mit "Volk" in
       ein Wort zusammensetzen
       -----
       1*) nach Belieben
       
       #261# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       darf, weiter  nichts als die Kenntnis des positiven Ausdrucks für
       das in  negativer Form  gewonnene Resultat,  also z.B.  Armut für
       Nicht-Reichtum pp.,  also geradesoviel  Kenntnis der Sprache, wie
       man im  täglichen Umgang sich erwirbt, reicht vollständig hin, um
       auf diese Weise zu den überraschendsten Entdeckungen zu kommen.
       Die ganze Kunst bestand also hier darin, daß Nicht Mein Reichtum,
       Nicht Mein  Glück, Nicht  Meine Freiheit  verwandelt wird in Mein
       Nichtreichtum, Mein  Nichtglück, Meine  Nichtfreiheit. Das Nicht,
       was in  der ersten  Gleichung die allgemeine Negation [ist,] alle
       möglichen Formen  der Verschiedenheit  ausdrücken, z.B. bloß ent-
       halten kann,  daß es  Unser gemeinsamer, nicht Mein ausschließli-
       cher Reichtum ist, wird in der [zweiten Gl]eichung zur Verneinung
       Meines Reich[tums,  Meines] Glücks  pp.  und  schreibt  Mir  [das
       Nichtglüc]k, das  Unglück, die  Knechtschaft [zu.  Indem] Mir ein
       bestimmter  Reichtum,   [der   Volksre]ichtum,   keineswegs   der
       [Reichtum] überhaupt  abgesprochen wird,  [meint Sancho,] muß mir
       die[ Armut  zugesprochen werden.  Dies [aber  kom]mt nun auch da-
       durch zustande,]  daß  Meine  Nichtfreiheit  [ebenfalls  pos]itiv
       übersetzt und  so in  Meine ["Unfreiheit"] verwandelt wird. Meine
       [Nichtfreiheit] kann  ja aber hundert [andre] Dinge sein als dies
       - z.B.  meine ["Unfrei]heit",  meine Nichtfreiheit  von  [mein]em
       Leibe etc.
       Wir gingen  eben aus von der zweiten Gleichung: Das Volk = Nicht-
       Ich. Wir  hätten auch  ausgehen können von der dritten Gleichung:
       Ich = das Nicht-Volk, wo sich dann z.B. beim Reichtum nach obiger
       Manier schließlich herausgestellt haben würde: "Mein Reichtum ist
       die Armut  des Volks." Hier würde aber Sankt Sancho nicht so ver-
       fahren, sondern die Vermögensverhältnisse des Volks überhaupt und
       das Volk  selbst auflösen  und dann zu dem Resultate kommen: Mein
       Reichtum ist  die Vernichtung  nicht nur des Volksreichtums, son-
       dern des  Volkes selbst.  Hier zeigt  sich denn,  wie willkürlich
       Sankt Sancho  verfuhr, wenn er eben den Nicht-Reichtum in die Ar-
       mut verwandelte. Unser Heiliger wendet diese verschiedenen Metho-
       den durcheinander  an und  exploitiert die  Negation bald  in der
       einen, bald  in der ändern Bedeutung. Welch eine Konfusion daraus
       entsteht, "sieht  augenblicklich" auch  "Jeder ein,  der Stirners
       Buch nicht gelesen hat" (Wigand, p. 191).
       Ebenso "machiniert" das "Ich" gegen den Staat.
       
                          Ich bin nicht der Staat.
                          Staat = Nicht-Ich.
                          Ich = Nicht des Staates.
                          Nichts des Staates = Ich.
       
       #262# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       Oder in  ändern Worten: Ich bin das "schöpferische Nichts", worin
       der Staat untergegangen ist.
       Diese einfache  Melodie kann  nun auf jedes beliebige Thema abge-
       sungen werden.
       Der große Satz, der allen diesen Gleichungen zugrunde liegt, ist:
       Ich bin nicht Nicht-Ich. Diesem Nicht-Ich werden verschiedene Na-
       men gegeben,  die einerseits  rein logisch  sein können, wie z.B.
       Ansichsein, Anderssein, andererseits die Namen konkreter Vorstel-
       lungen, Volk, Staat pp. Hierdurch kann denn der Schein einer Ent-
       wicklung hereingebracht  werden, indem  man von diesen Namen aus-
       geht und  sie vermittelst der Gleichung oder der Appositionsreihe
       allmählich wieder  auf das  ihnen von  Anfang an zugrunde gelegte
       Nicht-Ich reduziert. Da die auf solche Weise hereingebrachten re-
       alen Verhältnisse  nur als  verschiedene, und  zwar nur dem Namen
       nach verschiedene  Modifikationen  des  Nicht-Ich  auftreten,  so
       braucht über  diese realen  Verhältnisse selbst gar nichts gesagt
       zu werden.  Dies ist  um so  komischer, als d[ie realen] Verhält-
       nisse die  Verhältnisse [der Individuen selbst sind und man ebe[n
       dadurch,] daß  man sie für Verhältnisse [des Nicht]-Ichs erklärt,
       beweist, daß  man nichts von ihnen weiß. Dies vereinfacht die Sa-
       che so sehr, daß selbst die aus "gebornen beschränkten Köpfen be-
       stehende große  Mehrzahl" diesen Kunstgriff in höchstens zehn Mi-
       nuten erlernen  kann. Dies  gibt zugleich  ein Kriterium  für die
       "Einzigkeit" Sankt Sanchos.
       Das dem Ich gegenüberstehende Nicht-Ich wird nun von Sankt Sancho
       dahin bestimmt,  daß es  das dem Ich  F r e m d e,  d a s  Fremde
       ist. Das  Verhältnis des  Nicht-Ich zum  Ich ist  "daher" das der
       Entfremdung. Wir  haben soeben die logische Formel dafür gegeben,
       wie Sankt  Sancho irgendein beliebiges Objekt oder Verhältnis als
       das dem  Ich Fremde,  die Entfremdung des Ichs darstellt; auf der
       ändern Seite  kann Sankt  Sancho nun wieder irgendein Objekt oder
       Verhältnis, wie  wir sehen  werden, als  ein vom Ich geschaffenes
       u n d   i h m   a n g e h ö r i g e s   darstellen. Abgesehen zu-
       nächst von der Willkür, mit der er jedes beliebige Verhältnis als
       ein Verhältnis der Entfremdung darstellt oder nicht darstellt (da
       Alles in  die obigen Gleichungen paßt), sehen wir schon hier, daß
       es [sich  bei] ihm  um weiter  nichts handelt  [als daru]m,  alle
       wirklichen Verhältnisse,  [ebenso wie] die wirklichen Individuen,
       [als entfre]mdet  (um den  philosophischen [Ausdruck] einstweilen
       noch  beizubehalten)   vorfinden  [zu   lass]en,  in   die   ganz
       [abstrakte] Phrase  der Entfremdung  zu ver[wandeln;  sta]tt  der
       Aufgabe also,  die [wirklichen]  Individuen in ihrer [wirklichen]
       Entfremdung und  den empi[rischen  Verhältnissen dieser  Entfrem-
       [dung darzustellen,  tritt hier [ebendassel]be ein, an die Stelle
       der Entwicklung  aller [rein empirischen Verhältnisse den [bloßen
       Gedanke]n der Entfremdung,
       
       #263# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       [d e s  Fremde]n,  d e s  Heiligen zu [setzen.] [Die] Unterschie-
       bung der   K a t e g o r i e   [der Entfremdung (wieder einer Re-
       flexionsbestimmung, die  als Gegensatz, Unterschied, Nichtidenti-
       tät pp.  gefaßt werden  kann)  erhält  darin  ihren  letzten  und
       höchsten  Ausdruck,   daß  "das   Fremde"  wieder   in     "d a s
       H e i l i g e",  die Entfremdung in das Verhältnis von Ich zu ir-
       gendeiner beliebigen  Sache als dem Heiligen verwandelt wird. Wir
       ziehen vor,  den logischen Prozeß an Sankt Sanchos Verhältnis zum
       Heiligen zu verdeutlichen, da dies die vorherrschende Formel ist,
       und bemerken  nebenbei, daß  "das Fremde"  auch, als  "das   B e-
       s t e h e n d e"   (per appos[itionem]),  das, was  ohne Mich be-
       steht, das  unabhängig von  Mir Bestehende, per appos., das durch
       Meine Unselbständigkeit  Selbständige gefaßt  wird, so  daß Sankt
       Sancho also  Alles, was  unabhängig von  ihm  besteht,  z.B.  den
       Blocksberg [111], als das Heilige schildern kann.
       Weil das Heilige etwas Fremdes ist, wird jedes Fremde in das Hei-
       lige, weil  jedes Heilige  ein Band,  eine Fessel ist, wird jedes
       Band, jede  Fessel in  das Heilige  verwandelt. Hiermit hat Sankt
       Sancho schon  das gewonnen,  daß ihm alles Fremde zu einem bloßen
       S c h e i n e,   einer bloßen   V o r s t e l l u n g   wird, von
       der er sich einfach dadurch befreit, daß er gegen sie protestiert
       und erklärt,  daß er diese Vorstellung nicht habe. Gerade wie wir
       beim mit sich uneinigen Egoisten sahen, daß die Menschen bloß ihr
       Bewußtsein zu ändern haben, um Alles in der Welt all right 1*) zu
       machen.
       Unsere ganze Darstellung hat gezeigt, wie Sankt Sancho alle wirk-
       lichen Verhältnisse  dadurch kritisiert, daß er sie für "das Hei-
       lige" erklärt,  und sie  dadurch bekämpft,  daß er  seine heilige
       Vorstellung von  ihnen bekämpft.  Dies einfache Kunststück, Alles
       in das Heilige zu verwandeln, kam, wie wir schon oben weitläuftig
       sahen, dadurch  zustande, daß  Jacques le bonhomme die Illusionen
       der Philosophie auf guten Glauben akzeptierte, den ideologischen,
       spekulativen Ausdruck der Wirklichkeit, getrennt von seiner empi-
       rischen Basis, für die Wirklichkeit selber nahm, ebenso die Illu-
       sionen der  Klein-[bürger über] die Bourgeoisie für das "[heilige
       Wesen" der]  Bourgeoisie versah  und daher sich einbilden konnte,
       es nur mit Gedanken und Vorstellungen zu tun zu haben. Nicht min-
       der leicht  verwandelten sich auch die Menschen in "Heilige", in-
       dem sie,  nachdem ihre  Gedanken von  ihnen und ihren empirischen
       Verhältnissen getrennt  waren, nun als bloße Gefäße dieser Gedan-
       ken gefaßt  werden konnten und so z.B. aus dem Bourgeois der hei-
       lige Liberale gemacht wurde.
       Die positive  Beziehung des in letzter Instanz [gläubigen Sancho]
       zum Heiligen  ([von ihm]  R e s p e k t  genannt), figuriert auch
       [unter dem]  Namen "Liebe". "Liebe" [heißt das] anerkennende Ver-
       hältnis zu  "d e m  [Menschen",]
       -----
       1*) wörtlich: ganz  richtig; hier  im Sinne  von: in  Ordnung  zu
       bringen
       
       #264# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       Heiligen, Ideal,  höheren Wesen,  oder ein  solches menschliches,
       heiliges, ideales,  wesentliches Verhältnis.  Was also  sonst 1*)
       als Dasein  des   H e i l i g e n   ausgedrückt wird, z.B. Staat,
       Gefängnisse, Tortur,  Polizei, Handel  und Wandel  pp., kann  von
       Sancho auch  als "ein  anderes Beispiel" der  "L i e b e"  gefaßt
       werden. Diese  neue Nomenklatur  befähigt ihn,  neue Kapitel über
       das zu  machen, was er schon unter der Firma des Heiligen und des
       Respekts perhorresziert  hat. Es  ist die alte Geschichte von den
       Ziegen der Schäferin Torralva m ihrer heiligen Gestalt, womit er,
       wie damals  seinen Herrn,  jetzt sich  und das Publikum das ganze
       Buch durch  an der  Nase herumführt, ohne sie indes so geistreich
       abzubrechen wie  vorzeiten, da  er noch profaner Schildknapp war.
       Überhaupt hat  Sancho seit  seiner Kanonisation  allen seinen ur-
       sprünglichen Mutterwitz verloren.
       Die erste  Schwierigkeit scheint dadurch hereinzukommen, daß dies
       Heilige in  sich sehr  verschieden ist und so auch bei der Kritik
       eines bestimmten  Heiligen die Heiligkeit außer Augen gesetzt und
       der bestimmte Inhalt selbst kritisiert werden müßte. Sankt Sancho
       umgeht diese  Klippe dadurch,  daß er alles Bestimmte nur als Ein
       "B e i s p i e l"  des Heiligen anführt; gerade wie es in der He-
       gelschen  Logik   gleichgültig  ist,   ob  zur   Erläuterung  des
       "Fürsichseins" das Atom oder die Person, als Beispiel der Attrak-
       tion das  Sonnensystem, der Magnetismus oder die Geschlechtsliebe
       angeführt wird.  Wenn "das  Buch" von   B e i s p i e l e n  wim-
       melt, so  ist das  also keineswegs zufällig, sondern im innersten
       Wesen der  dann vor  sich gehenden Entwicklungsmethode begründet.
       Es ist  die "einzige"  Möglichkeit für Sankt Sancho, einen Schein
       von Inhalt hereinzubringen, wie dies schon bei Cervantes prototy-
       pisch sich findet, da Sancho ebenfalls stets in Beispielen redet.
       So kann  Sancho denn  sagen: "Ein anderes Beispiel  d e s  Heili-
       gen" (Uninteressanten)  "ist die  Arbeit." Er  konnte fortfahren:
       ein anderes  Beispiel ist der Staat, ein anderes Beispiel ist die
       Familie, ein  anderes Beispiel  die Grundrente,  ein anderes Bei-
       spiel St.  Jacobus (Saint-Jacques, le bonhomme), ein anderes Bei-
       spiel die  heilige Ursula  und ihre  elftausend Jungfrauen.  Alle
       diese Dinge  haben nun zwar in seiner Vorstellung das gemein, daß
       sie "das  Heilige" sind. Aber sie sind zugleich total voneinander
       verschiedene Dinge,  und eben  das macht  ihre Bestimmtheit  aus.
       [Soweit über]  sie in  ihrer Bestimmtheit [gesprochen] wird, wird
       über sie, insofern [sie nicht "]das Heilige" sind, gesprochen.
       [Die Arbeit  is]t nicht  die Grundrente, und [die Grundrente] ist
       nicht der  Staat;  [es  kommt]  also  darauf  an,  zu  bestimmen,
       [inwiefern] Staat, Grundrente, Arbeit sind, abge[sehen von] ihrer
       vorgestellten Heilig[keit,  und San]kt  Max macht das nun so: [Er
       tut, als] spräche er vom Staat, [der Arbeit] etc.,
       -----
       1*) MEGA: Was sonst
       
       #265# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       bezeichnet dann  ["den" Staat]  als die Wirklichkeit irgend[einer
       Ide]e, der  Liebe, des  Füreinan[derseins, d]es  Bestehenden, des
       über  die  [Einzelnen]  Mächtigen  und,  vermittelst  [eines  Ge-
       dan]kenstrichs -  "des Heiligen",  [was er  vo]n vornherein hätte
       sagen [können]. Oder über die Arbeit wird [gesagt, si]e gelte als
       Lebensaufgabe, Be[ruf,  B]estimmung -  "das Heilige". D.h., Staat
       und Arbeit werden erst unter eine schon vorher in derselben Weise
       zurechtgemachte, besondere   A r t   des  Heiligen subsumiert und
       dies   b e s o n d r e   Heilige dann  wieder in  das  a l l g e-
       m e i n e   "Heilige" aufgelöst;  was Alles  geschehen kann, ohne
       über die  Arbeit und  den Staat  irgend etwas  zu sagen. Derselbe
       ausgekaute Kohl  kann  nun  bei  jeder  Gelegenheit  wiedergekäut
       werden, indem Alles, was scheinbar der Gegenstand der Kritik ist,
       unsrem Sancho nur zum Vorwande dient, die abstrakten Ideen und in
       Subjekte verwandelten  Prädikate (die  nichts andres sind als das
       assortierte Heilige  und von  denen stets ein hinreichendes Lager
       gehalten wird)  für das  zu erklären,  wozu sie  schon im Anfange
       gemacht waren,  für   d a s   H e i l i g e.   Er hat  in der Tat
       Alles auf den erschöpfenden, klassischen Ausdruck reduziert, wenn
       er von  ihm ausgesagt  hat, daß  es  "ein  anderes  Beispiel  des
       Heiligen" sei.  Die Bestimmungen, die vom Hörensagen hereinkommen
       und sich  auf den  Inhalt beziehen sollen, sind ganz überflüssig,
       und bei  ihrer näheren Betrachtung ergibt sich dann auch, daß sie
       weder eine  Bestimmung noch  einen Inhalt  hereinbringen und sich
       auf unwissende  Abgeschmacktheiten  reduzieren.  Diese  wohlfeile
       "Virtuosität im Denken", von der nicht zu sagen wäre, mit welchem
       Gegenstande sie  nicht fertig  ist, schon ehe sie ihn kennt, kann
       sich natürlich  Jeder, nicht  wie vorher in zehn, sondern in fünf
       Minuten aneignen.  Sankt Sancho  bedroht  uns  im  Kommentar  mit
       "A b h a n d l u n g e n"   über Feuerbach,  den Sozialismus, die
       bürgerliche Gesellschaft  und das Heilige weiß worüber noch sonst
       Alles. Diese  Abhandlungen können  schon vorläufig hier auf ihren
       einfachsten Ausdruck folgendermaßen reduziert werden:
       E r s t e   A b h a n d l u n g:  Ein anderes Beispiel des Heili-
       gen ist  F e u e r b a c h.
       Z w e i t e   A b h a n d l u n g:  Ein anderes Beispiel des Hei-
       ligen ist der  S o z i a l i s m u s.
       D r i t t e   A b h a n d l u n g:  Ein anderes Beispiel des Hei-
       ligen ist die  b ü r g e r l i c h e  G e s e l l s c h a f t.
       V i e r t e   A b h a n d l u n g:  Ein anderes Beispiel des Hei-
       ligen ist die verstirnerte "Abhandlung".
       usw. in infinitum 1*).
       Die zweite Klippe, woran Sankt Sancho bei einiger Überlegung not-
       wendig scheitern mußte, ist seine eigne Behauptung, daß jedes In-
       dividuum ein
       -----
       1*) ins Unendliche
       
       #266# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       von allen  Andern total verschiedenes, einziges ist. Da jedes In-
       dividuum ein  durchaus Andres,  also das  Andere ist,  so braucht
       das, was  für das  Eine Individuum  ein Fremdes, Heiliges ist, es
       keineswegs für  das andre  Individuum zu sein,  k a n n  es sogar
       nicht sein.  Und der  gemeinsame Name, wie Staat, Religion, Sitt-
       lichkeit etc.  darf uns  nicht täuschen,  da diese  Namen nur Ab-
       straktionen von dem wirklichen Verhalten der einzelnen Individuen
       sind und diese Gegenstände durch das total verschiedene Verhalten
       der  einzigen   Individuen  gegen   sie   für   jedes   derselben
       e i n z i g e  Gegenstände werden, also total verschiedene Gegen-
       stände, die  nur den Namen miteinander gemein haben. Sankt Sancho
       hätte also  höchstens sagen  dürfen: Der  Staat, die Religion pp.
       sind Mir,  Sankt Sancho,  das Fremde,  das Heilige.  Statt dessen
       müssen sie  bei ihm  das absolut Heilige, das für alle Individuen
       Heilige sein  - wie  hätte er  sonst auch sein konstruiertes Ich,
       seinen mit  sich einigen  Egoisten etc. fabrizieren, wie hätte er
       sonst überhaupt  sein ganzes  "Buch" schreiben  können. Wie wenig
       ihm überhaupt  einfällt, jeden "Einzigen" zum Maßstab seiner eig-
       nen "Einzigkeit"  zu machen,  wie sehr  er seine "Einzigkeit" als
       Maßstab, als  moralische Norm  an alle ändern Individuen legt und
       sie als  echter Moralist in sein Prokrustesbett [112] wirft, geht
       schon unter anderm aus seinem Urteil über den selig verschollenen
       Klopstock hervor.  Diesem hält  er die sittliche Maxime entgegen:
       er hätte  sich "ganz   e i g e n   gegen  die Religion verhalten"
       sollen, wo  er dann  nicht, wie  der richtige  Schluß  wäre  (ein
       Schluß, den  "Stirner" unzählige  Male, z.B.  beim  Geld,  selbst
       macht), eine   e i g n e   R e l i g i o n,  sondern eine "Auflö-
       sung und  Verzehrung der Religion" (p. 85), ein allgemeines statt
       eines eignen,  einzigen Resultats  erhalten  hätte.  Und  als  ob
       Klopstock nicht auch eine "Auflösung und Verzehrung der Religion"
       erhalten hätte,  und zwar eine ganz eigne, einzige Auflösung, wie
       sie nur dieser einzige Klopstock "prästieren" konnte, eine Auflö-
       sung, deren Einzigkeit "Stirner" schon aus den vielen mißlungenen
       Nachahmungen ersehen  konnte. Klopstocks  Verhalten zur  Religion
       soll kein "eignes" gewesen sein, obgleich es ein ganz eigentümli-
       ches, und  zwar ein den Klopstock zum Klopstock machendes Verhal-
       ten zur Religion war. "Eigen" würde er sich erst zu ihr verhalten
       haben, wenn  er sich  nicht als  Klopstock, sondern  als moderner
       deutscher Philosoph zu ihr verhalten hätte. [113]
       Der "Egoist  im gewöhnlichen Verstande", der nicht so folgsam ist
       wie Szeliga und schon oben allerlei Einwendungen zu machen hatte,
       wirft unsrem  Heiligen hier  folgendes ein:  Ich gehe hier in der
       Wirklichkeit, und  das weiß  ich sehr  wohl - rien pour la gloire
       1*) - auf meinen Vorteil, auf weiter Nichts
       -----
       1*) nichts um des Ruhmes willen
       
       #267# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       aus. Außerdem macht es mir Spaß, mir auch noch Vorteil im Himmel,
       mich unsterblich  zu denken.  Soll ich diese egoistische Vorstel-
       lung aufopfern  dem bloßen Bewußtsein des mit sich einigen Egois-
       mus, das  mir keinen  Pfennig einbringt, zuliebe? Die Philosophen
       sagen mir:  Das sei  unmenschlich. Was  schert das  mich? Bin ich
       nicht ein  Mensch? Ist  nicht Alles  Menschlich, was  ich tue und
       weil ich's  tue, und  kümmert's mich überhaupt, wie "Andre" meine
       Handlungen "rubrizieren"? Du, Sancho, der Du zwar auch ein Philo-
       soph, aber  ein bankrutter  Philosoph bist und schon wegen Deiner
       Philosophie keinen  pekuniären und  wegen deines Bankrutts keinen
       Gedankenkredit verdienst,  sagst mir, ich verhalte mich nicht ei-
       gen zur Religion. Du sagst mir also dasselbe, was die ändern Phi-
       losophen sagen,  nur daß  es bei  Dir, wie gewöhnlich, allen Sinn
       verliert, indem  Du "eigen"  nennst, was sie "menschlich" nennen.
       Könntest Du  sonst von einer ändern Eigenheit als von Deiner eig-
       nen sprechen  und das  eigne Verhalten  wieder in ein allgemeines
       verwandeln? Ich  verhalte mich,  wenn Du  willst, auch  in meiner
       Weise kritisch  zur Religion.  Einmal zaudre  ich gar  nicht, sie
       aufzuopfern, sobald sie in meinen Commerce 1*) störend eingreifen
       will, dann  dient es mir in meinen Geschäften, wenn ich für reli-
       giös gelte  (wie es meinem Proletarier dient, wenn er den Kuchen,
       den ich  hier esse,  wenigstens im Himmel ißt), und endlich mache
       ich den Himmel zu meinem Eigentum. Er ist une propriété ajoutée a
       la propriété  2*), obgleich  schon Montesquieu, der doch ein ganz
       andrer Kerl war als Du, mir weismachen wollte, er sei une terreur
       ajoutée à  la terreur  3*). Wie ich mich zu ihm verhalte, so ver-
       hält sich  kein andrer zu ihm, und durch dies einzige Verhältnis,
       welches ich  mit ihm kontrahiere, ist er ein einziger Gegenstand,
       ein einziger Himmel. Du kritisierst also höchstens Deine Vorstel-
       lung von  meinem Himmel, nicht meinen Himmel. Und nun gar die Un-
       sterblichkeit! Da  wirst Du  mir lächerlich. Ich verleugne meinen
       Egoismus, wie  Du den Philosophen zulieb behauptest, weil ich ihn
       verewige und  die Natur- und Denkgesetze für null und nichtig er-
       kläre, sobald  sie Meiner Existenz eine Bestimmung, die nicht von
       mir selbst  produziert, mir  höchst unangenehm  ist, nämlich  den
       Tod, setzen  wollen. Du  nennst die Unsterblichkeit eine "leidige
       Stabilität" -  als ob  ich nicht fortwährend ein "bewegtes" Leben
       führen könnte,  solange im Diesseits oder Jenseits der Handel gut
       geht und  ich in ändern Dingen als Deinem "Buch" machen kann. Und
       was kann  "stabiler" sein  als der Tod, der meiner Bewegung wider
       meinen Willen  ein Ende macht und mich in das Allgemeine, die Na-
       tur, die Gattung, in das - Heilige versenkt? Und nun gar
       -----
       1*) Handel  -  2*) ein  zum  Eigentum  hinzugefügtes  Eigentum  -
       3*) ein zum Schrecken hinzugefügter Schrecken
       
       #268# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Staat, Gesetz,  Polizei! Die  mögen für  manches "Ich" als fremde
       Mächte erscheinen;  ich weiß,  daß sie  meine eignen Mächte sind.
       Übrigens -  und hiermit kehrt der Bourgeois, diesmal mit gnädigem
       Kopfnicken, unsrem  Heiligen wieder den Rücken - poltre meinetwe-
       gen nur  fort gegen Religion, Himmel, Gott u. dgl. Ich weiß doch,
       daß Du  in Allem,  was in meinem Interesse liegt, Privateigentum,
       Wert, Preis, Geld, Kauf und Verkauf, immer das "Eigne" siehst.
       Wir haben eben gesehen, wie die Individuen unter sich verschieden
       sind. Jedes  Individuum ist  aber wieder in sich selbst verschie-
       den. So  kann Sankt  Sancho, indem  er sich in irgendeiner dieser
       Eigenschaften reflektiert,  d.h. sich  als "Ich"  in einer dieser
       Bestimmtheiten faßt,  b e s t i m m t,  den Gegenstand der ändern
       Eigenschaften und  diese  ändern  Eigenschaften  selbst  als  das
       Fremde, das  Heilige bestimmen,  und so  der Reihe nach mit allen
       seinen Eigenschaften.  So z.B.  was Gegenstand  für sein Fleisch,
       ist das  Heilige für  seinen Geist,  oder was Gegenstand für sein
       Bedürfnis des  Ausruhens, ist  das Heilige für sein Bedürfnis der
       Bewegung. Auf  diesem Kunstgriff  beruht seine  obige Verwandlung
       alles Tuns  und Nichttuns in Selbstverleugnung. Übrigens ist sein
       Ich kein   w i r k l i c h e s  Ich, sondern nur das Ich der obi-
       gen Gleichungen, dasselbe Ich, das in der formellen Logik bei der
       Lehre von den Urteilen als  C a j u s  figuriert.
       "Ein anderes  Beispiel", nämlich  ein allgemeineres  Beispiel von
       der Kanonisation  der Welt ist die Verwandlung praktischer Kolli-
       sionen, d.h. Kollisionen der Individuen mit ihren praktischen Le-
       bensbedingungen, in  ideelle Kollisionen,  d. h.  in  Kollisionen
       dieser Individuen  mit Vorstellungen,  die sie  sich machen  oder
       sich in den Kopf setzen. Dies Kunststück ist wieder sehr einfach.
       Wie Sankt  Sancho früher  schon die  Gedanken der Individuen ver-
       selbständigte, so  trennt er  hier das  ideelle  Spiegelbild  der
       wirklichen Kollisionen von diesen Kollisionen und verselbständigt
       es. Die wirklichen Widersprüche, in denen sich das Individuum be-
       findet, werden  verwandelt in  Widersprüche des  Individuums  mit
       seiner Vorstellung, oder, wie Sankt Sancho es auch einfacher aus-
       drückt, mit   d e r   Vorstellung,   d e m   Heiligen.  Hierdurch
       bringt er  es zustande, die wirkliche Kollision, das Urbild ihres
       ideellen Abbildes,  in eine  Konsequenz dieses ideologischen Sch-
       eins zu  verwandeln. So  kommt er  zu dem  Resultat, daß  es sich
       nicht um  praktische Aufhebung der praktischen Kollision, sondern
       bloß um das  A u f g e b e n  d e r  V o r s t e l l u n g  v o n
       d i e s e r   K o l l i s i o n   h a n d e l t,   ein  Aufgeben,
       wozu er die Menschen als guter Moralist dringend auffordert.
       Nachdem Sankt Sancho so die sämtlichen Widersprüche und Kollisio-
       nen, in  denen sich ein Individuum befindet, m bloße Widersprüche
       und Kollisionen
       
       #269# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       dieses Individuums mit einer seiner Vorstellungen verwandelt hat,
       die sich  von ihm unabhängig gemacht und es sich unterworfen hat,
       daher sich  "leicht" in  d i e  Vorstellung, die heilige Vorstel-
       lung,   d a s  Heilige verwandelt, bleibt also dem Individuum nur
       noch das  Eine zu  tun übrig, daß es die Sünde wider den heiligen
       Geist begehe,  von dieser Vorstellung abstrahiert und das Heilige
       für ein  Gespenst erklärt.  Diese logische  Prellerei, welche das
       Individuum mit  sich selbst  vornimmt, gilt  unsrem Heiligen  für
       einen der  höchsten Efforts  des Egoisten.  Andrerseits wird aber
       Jeder einsehen,  wie leicht  es ist, auf diese Weise alle vorkom-
       menden geschichtlichen  Konflikte und Bewegungen vom egoistischen
       Standpunkte aus für untergeordnet zu erklären, ohne etwas von ih-
       nen zu  wissen, indem man nämlich nur einige der dabei vorkommen-
       den Redensarten  herauszunehmen, auf  die angegebne Weise in "das
       Heilige" zu  verwandeln, die Individuen als unterjocht von diesem
       Heiligen darzustellen  und sich  dann als Verächter "des Heiligen
       als solchen" auch hiergegen geltend zu machen hat.
       Eine weitere  Verzweigung dieses  logischen Kunststücks, und zwar
       das Lieblingsmanöver  unsres Heiligen,  ist die  Exploitation der
       Worte Bestimmung,  Beruf, Aufgabe  pp., wodurch  es ihm unendlich
       erleichtert wird,  Alles Beliebige  in das Heilige zu verwandeln.
       Im Beruf,  Bestimmung, Aufgabe  pp. erscheint nämlich das Indivi-
       duum in  seiner eignen  Vorstellung als  ein Anderes,  als was es
       wirklich ist,  als das  Fremde, also das Heilige, und macht seine
       Vorstellung von  dem, was  es sein soll, als das Berechtigte, das
       Ideale, das Heilige, seinem wirklichen Sein gegenüber geltend. So
       kann Sankt Sancho, wo es ihm darauf ankommt, durch folgende Appo-
       sitionsreihe Alles  in das  Heilige verwandeln:  Sich  bestimmen,
       d.h. sich  eine Bestimmung  (setze hier  einen beliebigen  Inhalt
       herein) setzen,  sich   d i e  Bestimmung als solche setzen, sich
       die heilige  Bestimmung setzen,  sich die Bestimmung als das Hei-
       lige, d.h.  das Heilige als die Bestimmung setzen. Oder: Bestimmt
       sein, d.h.  eine Bestimmung  haben,  d i e  Bestimmung haben, die
       heilige Bestimmung,  die Bestimmung  als das Heilige, das Heilige
       als die  Bestimmung, das  Heilige zur  Bestimmung, die Bestimmung
       des Heiligen haben.
       Jetzt braucht  er natürlich  nichts mehr zu tun, als die Menschen
       kräftiglich zu  vermahnen, sich die Bestimmung der Bestimmungslo-
       sigkeit, den Beruf der Berufslosigkeit, die Aufgabe der Aufgaben-
       losigkeit zu  setzen -  obgleich er  im ganzen "Buche" "bis hinab
       zum" Kommentar  Nichts tut,  als den Menschen lauter Bestimmungen
       zu setzen,  Aufgaben zu stellen und sie als Prediger in der Wüste
       zum Evangelium  des wahren Egoismus zu berufen, von dem es aller-
       dings   heißt:    Alle   sind   berufen,   aber   nur   Einer   -
       O' C o n n e l l  - ist auserwählt.
       
       #270# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       Wir sahen  bereits oben,  wie Sankt  Sancho die Vorstellungen der
       Individuen von  ihren Lebensverhältnissen, ihren praktischen Kol-
       lisionen und  Widersprüchen trennt, um sie dann in das Heilige zu
       verwandeln. Hier  nun erscheinen  diese Vorstellungen in der Form
       der  B e s t i m m u n g,  des  B e r u f s,  der  A u f g a b e.
       Der Beruf  hat bei Sankt Sancho eine doppelte Gestalt; zuerst als
       Beruf, den Mir Andre setzen, wovon wir schon oben bei den Zeitun-
       gen, die  von Politik strotzen, und bei den Gefängnissen, die un-
       ser Heiliger  für Sittenverbesserungshäuser  versah, Exempel hat-
       ten. *) Sodann erscheint der Beruf noch als ein Beruf, an den das
       Individuum selber  glaubt. Wenn  das Ich aus allen seinen empiri-
       schen Lebensverhältnissen, aus seiner Tätigkeit, seinen Existenz-
       bedingungen losgerissen,  von der ihm zugrunde liegenden Welt und
       von seinem  eignen Leib  getrennt wird, so hat es freilich keinen
       ändern Beruf  und keine  andre Bestimmung als den Cajus der logi-
       schen Urteile  zu repräsentieren  und Sankt  Sancho zu den obigen
       Gleichungen zu verhelfen. In der Wirklichkeit dagegen, wo die In-
       dividuen Bedürfnisse  haben,  haben  sie  schon  hierdurch  einen
       B e r u f   und eine   A u f g a b e,   wobei  es  zunächst  noch
       gleichgültig ist,  ob sie diesen auch in der Vorstellung zu ihrem
       Beruf machen.  Es versteht  sich indes,  daß die Individuen, weil
       sie Bewußtsein haben, sich von diesem ihnen durch ihr empirisches
       Dasein gegebenen  Beruf auch  eine Vorstellung machen und dadurch
       Sankt Sancho Gelegenheit bieten, sich an das Wort "Beruf", an den
       Vorstellungsausdruck ihrer  wirklichen Lebensbedingungen  festzu-
       klammern und  diese Lebensbedingungen  selbst außer Augen zu las-
       sen. Der  Proletarier z.B.,  der den Beruf hat, seine Bedürfnisse
       zu befriedigen,  wie jeder andre Mensch, und der nicht einmal die
       ihm mit jedem ändern Menschen gemeinsamen Bedürfnisse befriedigen
       kann, den  die Notwendigkeit  einer vierzehnstündigen  Arbeit  zu
       gleicher Stufe  mit dem Lasttier, den die Konkurrenz zu einer Sa-
       che, einem  Handelsartikel herabdrückt,  der aus  seiner Stellung
       als bloße  Produktivkraft, der  einzigen, die ihm übrig gelassen,
       durch andre  gewaltigere Produktivkräfte  verdrängt wird - dieser
       Proletarier hat schon hierdurch die wirkliche Aufgabe, seine Ver-
       hältnisse zu  revolutionieren. Er  kann sich  dies allerdings als
       seinen "Beruf"  vorstellen, er  kann auch, wenn er Propaganda ma-
       chen will,  diesen seinen  "Beruf" so ausdrücken, daß es der men-
       schliche Beruf des Proletariers sei, dies und jenes zu tun, um so
       mehr, da seine Stellung ihm nicht einmal die Befriedigung der aus
       seiner unmittelbaren
       ---
       *) [Im Manuskript  gestrichen:] Über  diese Art  des Berufes,  wo
       eine der Lebensbedingungen einer Klasse von den diese Klasse kon-
       stituierenden Individuen  herausgehoben und als allgemeine Forde-
       rung an  alle Menschen hingestellt wird, wo der Bourgeois die Po-
       litik und  die Moralität, deren Existenz er nicht entbehren kann,
       zum Beruf  aller Menschen  macht, hierüber  haben wir  schon oben
       weitläuftig gesprochen.
       
       #271# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       menschlichen Natur  hervorgehenden Bedürfnisse  gestattet.  Sankt
       Sancho kümmert sich nicht um die dieser Vorstellung zugrunde lie-
       gende Realität,  nicht um  den praktischen  Zweck dieses Proleta-
       riers -  er hält fest an dem Wort "Beruf" und erklärt ihn für das
       Heilige und  den Proletarier  für einen Knecht des Heiligen - die
       leichteste Manier, sich überlegen zu wissen und "weiterzugehen".
       Namentlich unter  den bisherigen  Verhältnissen,  wo  immer  eine
       Klasse herrschte,  wo  die  Lebensbedingungen  eines  Individuums
       stets mit  denen einer Klasse zusammenfielen, wo also die prakti-
       sche Aufgabe  jeder neu aufkommenden Klasse jedem Individuum der-
       selben als  eine   a l l g e m e i n e   Aufgabe erscheinen mußte
       und wo  wirklich jede Klasse nur dadurch ihre Vorgängerin stürzen
       konnte, daß  sie die Individuen  a l l e r  Klassen von einzelnen
       bisherigen Fesseln  befreite -  namentlich unter diesen Umständen
       war es  notwendig, daß die Aufgabe der Individuen einer zur Herr-
       schaft strebenden  Klasse als  die allgemein  menschliche Aufgabe
       dargestellt wurde.
       Wenn übrigens  z.B. der  Bourgeois dem  Proletarier vorhält,  Er,
       Proletarier, habe  die menschliche Aufgabe, vierzehn Stunden täg-
       lich zu arbeiten, so hat der Proletarier ganz recht, in derselben
       Sprache zu antworten: seine Aufgabe sei vielmehr, das ganze Bour-
       geoisrégime zu stürzen.
       Wir haben  schon zu  wiederholten Malen gesehen, wie Sankt Sancho
       eine ganze  Reihe von  Aufgaben stellt,  die  sich  alle  in  die
       schließliche, für  alle Menschen  existierende Aufgabe des wahren
       Egoismus auflösen.  Aber selbst da, wo er nicht reflektiert, sich
       nicht als  Schöpfer und  Geschöpf weiß,  bringt er es vermöge der
       folgenden lumpigen Distinktion zu einer Aufgabe:
       
       p. 466:  "Ob Du Dich mit dem Denken des weiteren befassen willst,
       das kommt  auf Dich  an.  W e n n  D u  es im Denken zu etwas Er-
       heblichem bringen willst, so" (fangen die Bedingungen und Bestim-
       mungen für  Dich an)  "so - - - hat also, wer denken will, aller-
       dings eine  Aufgabe, die  er sich  mit jenem  Willen  b e w u ß t
       oder  u n b e w u ß t  setzt; aber die Aufgabe zu denken hat Kei-
       ner."
       
       Zunächst abgesehen von dem sonstigen Inhalt dieses Satzes, ist er
       schon insofern selbst von Sankt Sanchos Standpunkt aus unrichtig,
       als der  mit sich  einige Egoist  allerdings, er  mag wollen oder
       nicht, die "Aufgabe" hat zu denken. Er muß denken, einerseits, um
       das nur  durch den  Geist, das  Denken, zu  bändigende Fleisch im
       Zaum zu  halten, und  andererseits, um seine Reflexionsbestimmung
       als Schöpfer  und Geschöpf  erfüllen zu  können. Er  stellt daher
       auch die  "Aufgabe" des Sichselbsterkennens an die ganze Welt von
       betrogenen Egoisten  - eine "Aufgabe", die ohne Denken wohl nicht
       auszuführen sein wird.
       Um nun  diesen Satz  aus der Form der lumpigen Distinktion heraus
       in
       
       #272# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       eine logische Form zu bringen, ist zuerst das "Erhebliche" wegzu-
       schaffen. Für  jeden Menschen ist das "Erhebliche", wozu er es im
       Denken bringen  will, ein verschiedenes, je nach seiner Bildungs-
       stufe, seinen  Lebensverhältnissen  und  seinem  augenblicklichen
       Zweck. Sankt Max gibt uns hier also gar kein festes Kriterium da-
       für,   w a n n   die Aufgabe, die man sich mit dem Denken stellt,
       anfängt, wie  weit man  denken kann,  ohne sich  eine Aufgabe  zu
       stellen  -   er  beschränkt   sich  auf  den  relativen  Ausdruck
       "erheblich". "Erheblich"  ist mir aber Alles, was mich zum Denken
       sollizitiert, "erheblich"  Alles, worüber ich denke. Daher muß es
       statt: Wenn  Du es im Denken zu etwas Erheblichem bringen willst,
       heißen: Wenn  Du überhaupt   d e n k e n  willst. Dies hängt aber
       gar nicht von Deinem Wollen oder Nichtwollen ab, da Du Bewußtsein
       hast und  Deine Bedürfnisse  nur durch eine Tätigkeit befriedigen
       kannst, bei  der Du  a u c h  Dein Bewußtsein anwenden mußt. Fer-
       ner muß die hypothetische Form weggeschafft werden.  "W e n n  Du
       denken   w i l l s t"   - so  stellst Du  Dir von  vornherein die
       "Aufgabe" zu  denken; diesen  tautologischen Satz  brauchte Sankt
       Sancho nicht  so pomphaft auszuposaunen. Der ganze Satz war über-
       haupt nur  in diese  Form der lumpigen Distinktion und pomphaften
       Tautologie gehüllt,  um  den  Inhalt  zu  verdecken:  Als    B e-
       s t i m m t e r,   Wirklicher hast  Du eine  B e s t i m m u n g,
       eine Aufgabe,  Du magst  ein Bewußtsein darüber haben oder nicht.
       *) Sie  geht aus Deinem Bedürfnis und seinem Zusammenhang mit der
       vorhandenen Welt hervor. Die eigentliche Weisheit Sanchos besteht
       nun darin,  daß es von Deinem Willen abhängt, ob Du denkst, lebst
       etc., überhaupt in irgendeiner Bestimmtheit bist. Sonst, fürchtet
       er, würde  die Bestimmung  aufhören,  Deine  Selbstbestimmung  zu
       sein.  Wenn  Du  Dein  Selbst  mit  Deiner  Reflexion  oder  nach
       Bedürfnis mit  Deinem Willen  identifizierst, so versteht es sich
       von selbst,  daß in  dieser  Abstraktion  Alles  nicht  Selbstbe-
       stimmung ist,  was nicht durch Deine Reflexion oder Deinen Willen
       gesetzt ist,  also auch  z.B. Dein  Atmen, die Zirkulation Deines
       Blutes, Denken,  Leben pp.  Bei Sankt  Sancho  besteht  aber  die
       Selbstbestimmung nicht  einmal im  Willen, sondern,  wie wir beim
       wahren Egoisten  schon sahen,  in der reservatio mentalis 1*) der
       Gleichgültigkeit gegen  jede Bestimmtheit, eine Gleichgültigkeit,
       die hier als Bestimmungslosigkeit wiederkehrt. In seiner "eignen"
       ---
       *) [Im Manuskript  gestrichen:] Du  kannst nicht leben, nicht es-
       sen, nicht  schlafen, nicht  Dich bewegen, nicht irgend etwas Be-
       liebiges tun,  ohne Dir zugleich eine Bestimmung, eine Aufgabe zu
       setzen -  eine Theorie, die also, statt von der Aufgabenstellung,
       dem Beruf  pp. loszukommen,  wie sie vorgibt, erst recht jede Le-
       bensäußerung, ja das Leben selbst in eine "Aufgabe" verwandelt.
       -----
       1*) [dem] (geheimen) geistigen Vorbehalt
       
       #273# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       Appositionsreihe würde  sich das  so ausnehmen:  Jedem wirklichen
       Bestimmen gegenüber  setzt er  sich die  Bestimmungslosigkeit als
       Bestimmung, unterscheidet  von sich  in jedem Momente den Bestim-
       mungslosen, ist so in jedem Momente auch ein Anderer, als er ist,
       eine dritte  Person, und zwar der Andere schlechthin, der heilige
       Andere, der  jeder Einzigkeit  gegenüberstehende Andere,  der Be-
       stimmungslose, der Allgemeine, der Gemeine, der - Lump.
       Rettet Sankt  Sancho sich  vor der Bestimmung durch den Sprung in
       die Bestimmungslosigkeit  (selbst eine  Bestimmung, und  zwar die
       allerschlechteste), so ist der praktische, moralische Gehalt die-
       ses ganzen  Kunststücks, abgesehen von dem schon oben beim wahren
       Egoisten Entwickelten,  nur die  Apologie des  in der  bisherigen
       Welt jedem  Individuum aufgedrungenen  Berufs.  Machen  z.B.  die
       Arbeiter in  ihrer kommunistischen  Propaganda geltend,   es  sei
       Beruf, Bestimmung,  Aufgabe jedes Menschen, sich vielseitig, alle
       seine Anlagen  zu entwickeln,  z.B.  a u c h  die Anlage des Den-
       kens, so  sieht Sankt  Sancho hierin nur den Beruf zu einem Frem-
       den, die  Geltendmachung "des  Heiligen", wovon er dadurch zu be-
       freien sucht,  daß er  das Individuum,  wie es  auf Kosten seiner
       selbst durch  die Teilung  der Arbeit zerstümmelt und unter einen
       einseitigen Beruf subsumiert worden ist, gegen sein  e i g n e s,
       ihm als  Beruf von Ändern  a u s g e s p r o c h e n e s  Bedürf-
       nis, anders  zu werden,  in Schutz nimmt. Was hier unter der Form
       eines Berufs, einer Bestimmung geltend gemacht wird, ist eben die
       Verneinung des  durch die Teilung der Arbeit bisher praktisch er-
       zeugten Berufs,  des einzig  wirklich existierenden Berufs - also
       die Verneinung  des Berufs  überhaupt. Die  allseitige Verwirkli-
       chung des Individuums wird erst dann aufhören, als Ideal, als Be-
       ruf pp. vorgestellt zu werden, wenn der Weltanstoß, der die Anla-
       gen der Individuen zur wirklichen Entwicklung sollizitiert, unter
       die Kontrolle  der Individuen genommen ist, wie dies die Kommuni-
       sten wollen.
       Schließlich hat  das ganze  Gekohl über den Beruf in der egoisti-
       schen Logik  wieder den Beruf, die Hineinschauung des Heiligen in
       die Dinge  möglich zu  machen und zu ihrer Vernichtung zu befähi-
       gen, ohne  daß man sie zu berühren braucht. Also z.B. Arbeit, Ge-
       schäftsleben pp. gelten Diesem oder Jenem für seinen Beruf. Damit
       werden sie  die heilige  Arbeit, das  heilige Geschäftsleben, das
       Heilige. Dem  wahren Egoisten  gelten sie  nicht als Beruf; damit
       hat er  die heilige  Arbeit und das heilige Geschäftsleben aufge-
       löst. Damit  bleiben sie,  was sie  sind, und  er, was er war. Es
       fällt ihm  nicht ein  zu untersuchen,  ob Arbeit,  Geschäftsleben
       pp., diese  Daseinsweisen der Individuen, ihrem wirklichen Inhalt
       und Prozeß  nach nicht notwendig zu den ideologischen Vorstellun-
       gen führen, die er als selbständige Wesen bekämpft, d.h. bei ihm:
       kanonisiert.
       
       #274# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Gerade wie  Sankt Sancho  den Kommunismus  kanonisiert, um  seine
       heilige Vorstellung  von ihm nachher im Verein als "eigne" Erfin-
       dung desto besser an den Mann zu bringen, geradeso poltert er ge-
       gen "Beruf,  Bestimmung, Aufgabe"  nur, um  sie als  k a t e g o-
       r i s c h e n   I m p e r a t i v   in  seinem  ganzen  Buche  zu
       reproduzieren. Überall  wo Schwierigkeiten  entstehen,  durchhaut
       Sancho sie  mit einem  solchen kategorischen Imperativ: "Verwerte
       Dich", "Erkennet Euch wieder", "Werde Jeder ein allmächtiges Ich"
       usw. Über  den kategorischen  Imperativ siehe  den "Verein", über
       "Beruf" usw. siehe den "Selbstgenuß".
       Wir haben  jetzt die hauptsächlichsten logischen Kunststücke auf-
       gezeigt, vermittelst deren Sankt Sancho die bestehende Welt kano-
       nisiert und  damit kritisiert  und verzehrt. Er verzehrt wirklich
       nur das  Heilige an der Welt, ohne sie selbst nur anzurühren. Daß
       er sich  daher praktisch ganz konservativ verhalten muß, versteht
       sich von selbst. Wollte er kritisieren, so finge die profane Kri-
       tik gerade  da an, wo der etwaige Heiligenschein aufhört. Je mehr
       die normale Verkehrsform der Gesellschaft und damit die Bedingun-
       gen der  herrschenden Klasse  ihren Gegensatz  gegen die  fortge-
       schrittenen Produktivkräfte entwickeln, je größer daher der Zwie-
       spalt m  der herrschenden  Klasse selbst und mit der beherrschten
       Klasse wird,  desto unwahrer  wird natürlich das dieser Verkehrs-
       form ursprünglich  entsprechende Bewußtsein,  d. h., es hört auf,
       das ihr  entsprechende Bewußtsein  zu sein, desto mehr sinken die
       früheren überlieferten Vorstellungen dieser Verkehrsverhältnisse,
       worin die  wirklichen persönlichen Interessen ppp. als allgemeine
       ausgesprochen werden, zu bloß idealisierenden Phrasen, zur bewuß-
       ten Illusion, zur absichtlichen Heuchelei herab. Je mehr sie aber
       durch das  Leben Lügen gestraft werden und je weniger sie dem Be-
       wußtsein selbst gelten, desto entschiedner werden sie geltend ge-
       macht, desto  heuchlerischer, moralischer  und heiliger  wird die
       Sprache dieser normalen Gesellschaft. Je heuchlerischer diese Ge-
       sellschaft wird, desto leichter ist es einem leichtgläubigen Mann
       wie Sancho,  überall die Vorstellung des Heiligen, des Idealen zu
       entdecken. Aus  der allgemeinen  Heuchelei der  Gesellschaft kann
       er, der  Leichtgläubige, den  allgemeinen Glauben an das Heilige,
       die Herrschaft  des Heiligen, abstrahieren und dies Heilige sogar
       für ihr Piedestal versehen. Er ist der Düpe 1*) dieser Heuchelei,
       aus der er gerade das Umgekehrte hätte schließen sollen.
       Die Welt  des Heiligen  faßt sich  in letzter Instanz zusammen in
       "d e m  Menschen". Wie wir schon im ganzen Alten Testament sahen,
       legt er   "d e n   Menschen" der ganzen bisherigen Geschichte als
       tätiges Subjekt unter; im
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       1*) Betrogene
       
       #275# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       Neuen Testament  dehnt er diese Herrschaft  "d e s  Menschen" auf
       die ganze  vorhandene, gegenwärtige  physische und geistige Welt,
       wie auf die Eigenschaften der jetzt existierenden Individuen aus.
       Alles ist   "d e s   Menschen",  und somit  die Welt in "die Welt
       d e s   Menschen" verwandelt.  Das Heilige als Person ist  "d e r
       Mensch", der  bei ihm  nur ein  anderer Name für  d e n  Begriff,
       d i e   Idee ist.  Die von  den wirklichen Dingen getrennten Vor-
       stellungen und Ideen der Menschen müssen natürlich auch nicht die
       wirklichen Individuen, sondern das Individuum der philosophischen
       Vorstellung, das von seiner Wirklichkeit getrennte, bloß gedachte
       Individuum,   "d e n  Menschen" als solchen, den Begriff des Men-
       schen zu  ihrer Grundlage  haben. Dann vollendet sich sein Glaube
       an die Philosophie.
       Jetzt, nachdem  Alles in  "das Heilige"  oder in das, was  "d e s
       Menschen" ist,  verwandelt ist,  kann unser  Heiliger dadurch zur
       A n e i g n u n g    weitergehen,  daß  er  die  Vorstellung  vom
       "Heiligen" oder vom "Menschen" als einer über ihm stehenden Macht
       aufgibt. Dadurch,  daß das  Fremde in  das Heilige, in eine bloße
       Vorstellung, verwandelt  worden ist, ist natürlich diese Vorstel-
       lung von  dem Fremden,  die er für das wirkliche Fremde versieht,
       sein Eigentum.  Die Grundformeln  zur Aneignung der Welt des Men-
       schen (die  Manier, wie das Ich nun Besitz von der Welt ergreift,
       nachdem es keinen Respekt mehr vor dem Heiligen hat) liegen schon
       in den obigen Gleichungen.
       Herr über  seine Eigenschaften  ist Sankt  Sancho, wie wir sahen,
       bereits als  mit sich  einiger Egoist.  Um Herr  über die Welt zu
       werden, hat  er nichts  zu tun,  als sie zu seiner Eigenschaft zu
       machen. Die einfachste Weise, dies zu tun, ist, daß er die Eigen-
       schaft  "d e s  Menschen" mit dem ganzen Unsinn, der darin liegt,
       direkt als   s e i n e   Eigenschaft ausspricht. So vindiziert er
       sich  z.B.   als  die   Eigenschaft  des   Ich  den   Unsinn  der
       a l l g e m e i n e n   M e n s c h e n l i e b e,   indem er be-
       hauptet,   "J e d e n"   zu heben  (p. 387), und zwar mit dem Be-
       wußtsein des  Egoismus, weil "die Liebe ihn glücklich macht". Wer
       ein so  glückliches Naturell  hat, der  gehört freilich zu denen,
       von welchen  es heißt:  Wehe Euch, so Ihr  E i n e n  d i e s e r
       K l e i n e n  ärgert!
       Die zweite Methode ist die, daß Sankt Sancho Etwas als  s e i n e
       E i g e n s c h a f t   konservieren will,  während er  dasselbe,
       wenn es  ihm ganz  notwendig als  V e r h ä l t n i s  erscheint,
       in ein  Verhältnis, eine  Daseinsweise   "d e s   Menschen",  ein
       h e i l i g e s   V e r h ä l t n i s   verwandelt und  damit zu-
       rückstößt. Dies  tut Sankt  Sancho selbst da, wo die Eigenschaft,
       getrennt von  dem Verhältnis,  durch welches sie realisiert wird,
       sich in  reinen Unsinn auflöst. So will er z.B. p. 322 den Natio-
       nalstolz  beibehalten,  indem  er  "die  Nationalität  für  seine
       E i g e n s c h a f t,   die Nation  für seine    E i g n e r i n
       und Herrin  erklärt". Er  könnte fortfahren:  Die  R e l i g i o-
       s i t ä t  ist Meine Eigenschaft, sie aufzugeben als Meine
       
       #276# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Eigenschaft, das  sei ferne von Mir - die Religion ist Meine Her-
       rin, das  Heilige. Die  Familienliebe ist  Meine Eigenschaft, die
       Familie Meine  Herrin. Die  Rechtlichkeit ist  Meine Eigenschaft,
       das Recht  Mein Herr, das Politisieren ist Meine Eigenschaft, der
       Staat Mein Herr.
       Die dritte  Weise der Aneignung wird dann angewandt, wenn er eine
       fremde Macht,  deren Druck  er praktisch  empfindet, ganz und gar
       als heilig  verwirft, ohne  sie sich  anzueignen. In diesem Falle
       sieht er  in der  fremden Macht  seine eigne Ohnmacht und erkennt
       diese als seine Eigenschaft, sein Geschöpf an, über das er in je-
       dem Moment  als Schöpfer  hinaus ist.  Dies ist der Fall z.B. mit
       dem Staat.  Auch hier  kommt er  glücklich dahin,  es mit  keinem
       Fremden, sondern  nur mit seiner eignen Eigenschaft zu tun zu ha-
       ben, gegen die er sich nur als Schöpfer zu setzen braucht, um sie
       zu überwinden. Der Mangel einer Eigenschaft gilt ihm also im Not-
       fall auch für seine Eigenschaft. Wenn Sankt Sancho verhungert, so
       ist nicht  der Mangel  an Nahrungsmitteln die Ursache davon, son-
       dern Sein  eignes Hungerhaben,  seine eigne  Eigenschaft des Hun-
       gerns. Wenn  er aus  seinem Fenster fällt und den Hals bricht, so
       geschieht dies nicht, weil die Macht der Schwere ihn herabstürzt,
       sondern weil  der Mangel  an Flügeln,  die Ohnmacht  zu  fliegen,
       seine eigne Eigenschaft ist.
       Die vierte Methode, die er mit dem brillantesten Erfolg anwendet,
       ist die,  Alles, was  Gegenstand Einer  seiner Eigenschaften ist,
       als seinen  Gegenstand, für  sein Eigentum  zu erklären,  weil er
       sich vermöge  einer seiner  Eigenschaften darauf bezieht, gleich-
       viel, wie diese Beziehung auch immer beschaffen sei. Also was man
       bisher Sehen, Hören, Fühlen pp. nannte, nennt dieser harmlose Ak-
       kapareur 1*)  Sancho: Eigentum  erwerben. Der Laden, den ich ans-
       ehe, ist als Erblickter der Gegenstand meines Auges, und sein Re-
       flex auf  meiner Retina  ist das  Eigentum meines Auges. Nun wird
       der Laden  außer der  Beziehung zum  Auge sein Eigentum und nicht
       nur das  Eigentum seines  Auges - sein Eigentum, das geradeso auf
       dem Kopfe  steht wie  das Bild des Ladens auf seiner Retina. Läßt
       der Ladenhüter  das Rouleau (oder nach Szeliga "Gardinen und Vor-
       hänge" [114]  herunter, so hört sein Eigentum auf, und er behält,
       wie der bankrutte Bourgeois, nur noch die schmerzliche Erinnerung
       vergangenen Glanzes.  Geht "Stirner"  an der  Hofküche vorbei, so
       erwirbt er  sich allerdings  ein Eigentum an dem Geruch der Fasa-
       nen, die dort gebraten werden, aber die Fasanen selbst bekommt er
       nicht einmal  zu sehen. Das einzige nachhaltige Eigentum, was ihm
       dabei zuteil  wird, ist  ein mehr  oder weniger lautes Knurren in
       seinem Magen. Übrigens hängt es nicht nur von dem vorhandenen
       -----
       1*) wörtlich: Wucherischer  Aufkäufer; dem Sinne nach: einer, der
       alles an sich reißt
       
       #277# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       Weltzustand ab, den er keineswegs gemacht hat, was und wieviel er
       zu sehen  bekommt, sondern  auch von seinem Beutel und von seiner
       ihm durch die Teilung der Arbeit zugefallenen Lebensstellung, die
       ihm  vielleicht   sehr  viel   verschließt,  obgleich   er   sehr
       akkaparierende Augen und Ohren haben mag.
       Hätte Sankt  Sancho schlecht und recht gesagt, daß Alles, was Ge-
       genstand seiner Vorstellung ist, als von ihm vorgestellter Gegen-
       stand, d.h.  als seine  Vorstellung von  einem Gegenstande, seine
       Vorstellung, id  est sein  Eigentum ist (ebenso mit dem Anschauen
       pp.), so  würde man  nur die kindliche Naivetät des Mannes bewun-
       dert haben,  der an  einer solchen Trivialität einen Fund und ein
       Vermögen erbeutet  zu haben glaubt. Daß er aber diesem spekulati-
       ven Eigentum  das Eigentum schlechthin unterschiebt, mußte natür-
       lich eine  große Magie auf die eigentumslosen deutschen Ideologen
       ausüben.
       Sein Gegenstand  ist auch  jeder andere Mensch in seinem Bereich,
       "und als  sein Gegenstand  - sein Eigentum", seine Kreatur. Jedes
       der Ichs sagt zu dem ändern (siehe p. 184): "Mir bist Du nur Das-
       jenige, was  Du für  Mich bist"  (z.B. mein Exploiteur), "nämlich
       Mein Gegenstand,  und weil   M e i n  Gegenstand, Mein Eigentum."
       Daher auch  Meine Kreatur,  die Ich jeden Augenblick als Schöpfer
       verschlingen und  in Mich  zurücknehmen kann. Jedes Ich nimmt das
       Andre also nicht als einen Eigentümer, sondern als sein Eigentum;
       nicht als  "Ich" (siehe  p. 184),]  sondern als Sein-für-Ihn, als
       Objekt; nicht  als sich angehörig, sondern als  i h m,  einem Än-
       dern angehörig, als  s i c h  entfremdet. "Nehmen Wir denn Beide,
       wofür sie  sich ausgeben" (p. 187), für Eigentümer, für Selbstan-
       gehörige, "und  wofür sie einander nehmen", für Eigentum, für dem
       Fremden Angehörige.  Sie sind  Eigentümer und sind es nicht (vgl.
       p. 187).  Es ist aber für Sankt Sancho wichtig, in allen Verhält-
       nissen mit  Ändern nicht das wirkliche Verhältnis zu nehmen, son-
       dern was Jeder sich  e i n b i l d e n  kann, in seiner Reflexion
       an sich ist.
       Da Alles,  was   G e g e n s t a n d  für - Ich" ist, vermittelst
       irgendeiner seiner  Eigenschaften auch  sein Gegenstand ist, d.h.
       also sein   E i g e n t u m,  z.B. die Prügel, die er erhält, als
       Gegenstand seiner  Gliedmaßen,  s e i n e s  Gefühls, seiner Vor-
       stellung, sein  Gegenstand, mithin sein Eigentum sind, so kann er
       sich als Eigentümer jedes für ihn vorhandenen Gegenstands prokla-
       mieren und  damit die  ihn umgebende Welt, möge sie ihn auch noch
       so sehr  mißhandeln und zu einem "Menschen von nur idealem Reich-
       tum, einem  Lump" herabdrücken,  für sein  Eigentum erklären  und
       sich zu ihrem Eigentümer proklamieren. Andererseits, da jeder Ge-
       genstand für  "Ich" nicht  nur Mein Gegenstand, sondern auch mein
       G e g e n s t a n d  ist, so kann jeder  G e g e n s t a n d  mit
       derselben Gleichgültigkeit  gegen den Inhalt für das Nicht-Eigne,
       Fremde, Heilige  erklärt werden. Derselbe Gegenstand und dasselbe
       Verhältnis kann daher mit
       
       #278# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       gleicher Geläufigkeit  und gleichem  Erfolge für  das Heilige und
       für Mein  Eigentum erklärt  werden. Es  kommt Alles darauf an, ob
       der Akzent  auf das   M e i n   oder auf den  G e g e n s t a n d
       gelegt wird. Die Methoden der Aneignung und Kanonisation sind nur
       zwei verschiedene "Brechungen" Einer "Wendung".
       Alle diese Methoden sind bloß positive Ausdrücke für die Negation
       des in  den obigen  Gleichungen dem  Ich Fremd-Gesetzten; nur daß
       die Negation  wieder, wie  oben, in verschiednen Bestimmungen ge-
       faßt wird.  Die Negation kann erstlich rein formell bestimmt wer-
       den, so  daß sie den Inhalt gar nicht affiziert, wie oben bei der
       Menschenliebe und  in allen  Fällen, wo sich seine ganze Verände-
       rung auf die Hinzufügung des Bewußtseins der Gleichgültigkeit be-
       schränkt. Oder  die ganze  Sphäre des Objekts oder Prädikats, der
       ganze Inhalt  kann negiert  werden, wie  bei Religion  und Staat,
       oder drittens  kann die Kopula, meine bisher fremde Beziehung zum
       Prädikat, allein  negiert und auf das  M e i n  der Akzent gelegt
       werden, so  daß Ich  mich als  Eigentümer zum  Meinigen verhalte,
       z.B. beim  Gelde, was  zur Münze  Meines eignen Gepräges wird. In
       dem letzteren  Fall kann  sowohl die Eigenschaft  d e s  Menschen
       wie sein  Verhältnis allen Sinn verlieren. Jede der Eigenschaften
       d e s  Menschen wird dadurch, daß Ich sie in Mich zurücknehme, in
       Meiner Ichheit  ausgelöscht. Es  ist nicht mehr von ihr zu sagen,
       was sie  ist. Sie ist nur noch nominell, was sie war. Sie hat als
       "M e i n",   als in  Mir aufgelöste  Bestimmtheit, gar  keine Be-
       stimmtheit mehr  gegen Andre,  noch gegen  Mich, sie ist bloß von
       Mir gesetzt,   S c h e i n - Eigenschaft.  So z.B.  Mein  Denken.
       Eben wie mit Meinen Eigenschaften verhält es sich mit den Dingen,
       die mit  Mir in einem Verhältnis stehen und, wie schon oben gese-
       hen, im  Grunde auch  nur [M]eine  Eigenschaften sind  - z.B. mit
       [Mei]nem angeschauten  Laden. Insofern  [also] in  Mir das Denken
       von allen [ändern] Eigenschaften, z.B. der Goldschmiedsladen wie-
       der von  dem Wurstladen  etc. total unterschieden] ist, kommt der
       Unterschied] wieder  als Unterschied des Scheins herein und macht
       sich auch  nach Außen,  in Meiner Äußerung für Andre, wieder gel-
       tend. Hiermit  ist diese aufgelöste Bestimmtheit glücklich wieder
       vorhanden und  muß, soweit  sie überhaupt  sprachlich ausgedrückt
       werden kann, ebenfalls in den alten Ausdrücken wiedergegeben wer-
       den. (Von  Sankt Sanchos  nichtetymologischen Illusionen über die
       Sprache werden  wir übrigens auch noch ein geringes Wörtlein ver-
       nehmen.)
       An die  Stelle der  obigen einfachen  Gleichung  tritt  hier  die
       A n t i t h e s e.  In ihrer simpelsten Form lautet sie z.B. so:
         Denken des Menschen - Mein Denken, egoistisches Denken,
       wo hier das  M e i n  so viel heißt, daß er auch gedankenlos sein
       kann, also das
       
       #279# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       M e i n   das   D e n k e n  aufhebt. Verwickelter schon wird die
       Antithese im folgenden Beispiel:
       
                                        Das Geld meines eignen Geprä-
       Das Geld als Tauschmittel des -  ges, als Tauschmittel des Ego-
       Menschen                         isten -
       
       wo der  Unsinn entbunden wird. - Noch verwickelter wird die Anti-
       these, wenn  Sankt Max  eine Bestimmung hereinbringt und sich den
       Schein einer  weitläuftigen Entwicklung geben will. Hier wird aus
       der einzelnen  Antithese eine  Antithesenreihe. Zuerst  heißt  es
       z.B.
       
       Das Recht überhaupt als Recht} - {Recht ist, was Mir Recht ist,
       des Menschen                 }   {
       
       wo er ebensogut statt Recht jedes andre Wort setzen könnte, da es
       eingestandenermaßen gar keinen Sinn mehr hat. Obgleich dieser Un-
       sinn fortwährend  noch mit unterläuft, so muß er doch, um von ihr
       weiterzukommen, eine  andre,  n o t o r i s c h e  Bestimmung des
       Rechts hereinbringen, die sowohl im rein persönlichen als auch im
       ideologischen Sinn  gebraucht werden  kann -  etwa die  M a c h t
       als Basis  des Rechts. Nun erst, wo das Recht in der ersten These
       noch eine  andere Bestimmtheit  hat, die in der Antithese festge-
       halten wird,  kann die Antithese einen Inhalt erzeugen. Nun heißt
       es:
       
       Recht - die Macht  d e s  Menschen - Macht - das Recht Meiner,
       
       was dann wieder sich einfach dahin auflöst:
       
       Macht als Recht Meiner = Meine Macht.
       
       Diese Antithesen sind weiter nichts als die positiven Umdrehungen
       der obigen  negativen Gleichungen, bei denen sich schon am Schluß
       fortwährend Antithesen  herausstellten. Sie übertreffen die Glei-
       chungen noch an einfacher Größe und großer Einfalt.
       Wie Sankt  Sancho früher  Alles für   f r e m d,  ohne ihn beste-
       hend, heilig  ansehen konnte,  so kann er nun ebenso leicht Alles
       für sein Machwerk, für nur durch ihn bestehend, für sein Eigentum
       ansehen. Da  er nämlich  Alles in seine Eigenschaften verwandelt,
       so braucht  er sich  nun dazu  nur [so zu ver]halten, wie er sich
       als mit  sich einiger Egoist zu seinen ursprünglichen Eigenschaf-
       ten verhielt,  eine Prozedur,  die wir  hier nicht zu wiederholen
       brauchen. Hierdurch  wird unser  Berliner Schulmeister  absoluter
       Herr der  Welt - "freilich ist dies auch der Fall mit jeder Gans,
       jedem Hunde, jedem Pferde". (Wig[and,] p. 187.)
       
       #280# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       Das eigentliche  logische Experiment, das allen diesen Formen der
       Aneignung zugrunde  liegt, ist  eine bloße  Form  des    S p r e-
       c h e n s,   nämlich die   P a r a p h r a s e,  die Umschreibung
       eines Verhältnisses als Ausdruck, als Existenzweise eines ändern.
       Wie  wir  eben  sahen,  daß  jedes  Verhältnis  als  Exempel  des
       Verhältnisses des  Eigentums dargestellt  werden konnte, geradeso
       kann es  als Verhältnis  der Liebe,  der Macht,  der Exploitation
       usw. dargestellt  werden. Sankt  Sancho  fand  diese  Manier  der
       Paraphrase in  der Spekulation fertig vor, wo sie eine Hauptrolle
       spielt. Siehe unten "Exploitationstheorie".
       Die verschiedenen Kategorien der Aneignung werden  g e m ü t l i-
       c h e   Kategorien, sobald  der Schein  der Praxis hereingebracht
       und mit  der Aneignung  Ernst gemacht werden soll. Die gemütliche
       Form der  Behauptung des Ich gegen das Fremde, Heilige, die Welt,
       "d e s   Menschen" ist   d i e   R e n o m m a g e.  Dem Heiligen
       wird der  Respekt  aufgekündigt  (Respekt,  Achtung  etc.,  diese
       gemütlichen Kategorien  gelten ihm  für Beziehung auf das Heilige
       oder  auf   ein  Drittes   als  Heiliges)  und  diese  permanente
       Aufkündigung eine  Tat tituliert,  eine Tat,  die umso  burlesker
       erscheint, als  er fortwährend  nur  gegen  das  Gespenst  seiner
       heiligenden Vorstellung  kämpft. Andererseits,  da die Welt trotz
       seiner Respektskündigung  gegen das  Heilige heillos  mit ihm um-
       springt, genießt  er dagegen  die innere Befriedigung, ihr zu er-
       klären, daß  er nur nötig habe, zur Macht gegen sie zu kommen, um
       respektslos mit  ihr umzuspringen.  Diese Drohung mit ihrer welt-
       vernichtenden reservatio  mentalis 1*)  vollendet die  Komik. Zur
       ersten Form  der Renommage  gehört, wie Sankt Sancho p. 16 "nicht
       den Zorn  des  Poseidon,  nicht  die  rächenden  Eumeniden"  [52]
       "fürchtet", p.  58 "den Fluch nicht fürchtet", p. 242 "keine Ver-
       gebung will"  usw. und  zum Schluß beteuert, die "maßloseste Ent-
       weihung" des  Heiligen zu begehen. Zur zweiten Form seine Drohung
       gegen den Mond p. 218:
       
       "Könnte Ich  Dich nur  fassen, Ich faßte Dich wahrlich, und finde
       Ich nur  ein Mittel,  zu Dir hinaufzukommen, Du sollst Mich nicht
       schrecken -  - ich  gebe Mich nicht auf gegen Dich, sondern warte
       nur Meine  Zeit ab.  Bescheide Ich Mich auch für jetzt, Dir etwas
       anhaben zu können, so gedenke Ich Dir's doch!" -
       
       eine Apostrophe, in der unser Heiliger unter das Niveau von Pfef-
       fels Mops  im Graben sinkt - ebenso p. 425, wo er "der Macht über
       Leben und Tod nicht entsagt" usw.
       Schließlich [kann] die renommistische Praxis wieder zu einer blo-
       ßen [Praxis]  innerhalb der  Theorie werden,  [indem] der Heilige
       mit den  pomp-[haftesten] Worten  Dinge getan zu haben [vorgibt],
       die er  nie getan [hat, wobei er] tradi[tion]elle Triviali[tät]en
       vermittelst [voll]tönender Phrasen
       -----
       1*) [ihrem] (geheimen) geistigen Vorbehalt
       
       #281# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       [als] originelle  Schöp[f]ungen einzuschmuggeln  versucht. [Da]zu
       gehört eigentlich  das   g a n z e   B u c h,  speziell seine uns
       als eine Entwicklung aufgedrungene, aber nur schlecht abgeschrie-
       bene Geschichtskonstruktion,  dann  die  Versicherung,  daß  "das
       Buch" "gegen den Menschen geschrieben zu sein scheint" (Wig[and,]
       p. 168),  und eine Unzahl einzelner Beteuerungen, wie: "Mit einem
       Hauche des  lebendigen Ichs  blase Ich  Völker um"  (p. 219  "des
       Buchs"), "Ich schlage frisch drauflos" (p. 254), p. 285: "Tot ist
       das Volk",  ferner die Beteuerung, "in den Eingeweiden des Rechts
       zu wühlen",  p. 275  und der  herausfordernde,  mit  Zitaten  und
       Sprüchlein verbrämte Ruf nach "einem leibhaftigen Gegner" p. 280.
       Die Renommage  ist schon  an und  für sich  sentimental. Außerdem
       kommt aber  die   S e n t i m e n t a l i t ä t   im "Buche" auch
       noch als  ausdrückliche Kategorie vor, die namentlich bei der po-
       sitiven Aneignung,  welche nicht  mehr bloße Behauptung gegen das
       Fremde ist, eine Rolle spielt. So einfach die bisherigen Methoden
       der Aneignung auch waren, so muß bei näherer Entwicklung doch der
       Schein hereingebracht  werden, als  ob das  Ich sich dadurch auch
       Eigentum "im  gewöhnlichen Verstande"  erwerbe, und  dies ist nur
       durch eine  forcierte Aufspreizung  dieses Ichs zu erreichen, nur
       dadurch, daß  er sich  und Andre  in einen  sentimentalen  Zauber
       hüllt. Die  Sentimentalität ist überhaupt gar nicht zu vermeiden,
       sobald er  sich die  Prädikate   "d e s   Menschen" unbesehen als
       seine eignen vindiziert, z.B.  "J e d e n"  "aus Egoismus" "hebt"
       - und  so seinen Eigenschaften eine überschwengliche Aufgedunsen-
       heit gibt.  So wird p. 351 "das Lächeln des Kindes" für "sein Ei-
       gentum" erklärt  und ebendaselbst die Stufe der Zivilisation, auf
       der man  die Greise  nicht mehr  totschlägt, als  die Tat  dieser
       Greise selbst  mit den  rührendsten Wendungen  dargestellt pp. Zu
       dieser Sentimentalität  gehört auch  durchaus sein Verhältnis zur
       Maritornes.
       Die Einheit  von Sentimentalität  und Renommage ist die  E m p ö-
       r u n g.   In ihrer  Richtung nach  Außen, gegen  Andre, ist  sie
       Renommage; in ihrer Richtung nach innen, als Knurren-in-sich, ist
       sie  Sentimentalität.   Sie  ist  der  spezifische  Ausdruck  des
       ohnmächtigen Widerwillens des Philisters. Er empört sich beim Ge-
       danken des Atheismus, Terrorismus, Kommunismus, Königsmordes etc.
       Der Gegenstand,  wogegen Sankt  Sancho sich  empört, ist    d a s
       H e i l i g e;   darum  ist  die  Empörung,  die  zwar  auch  als
       V e r b r e c h e n   charakterisiert wird,  in  letzter  Instanz
       S ü n d e.   Die Empörung  braucht also  in keiner Weise als eine
       T a t   aufzutreten, da  sie nur  "die Sünde" wider "das Heilige"
       ist. Sankt Sancho begnügt sich daher damit, sich die "Heiligkeit"
       oder den  "Geist der  Fremdheit" "aus  dem Kopfe zu schlagen" und
       seine ideologische  Aneignung zu  vollziehen. Wie  ihm aber über-
       haupt Gegenwart und Zukunft sehr im
       
       #282# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Kopfe durcheinandergehen, wie er bald behauptet, sich schon alles
       angeeignet zu  haben, bald,  es erst erwerben zu müssen, so fällt
       ihm auch  bei der Empörung zuweilen ganz zufällig ein, daß er das
       w i r k l i c h e  Fremde sich auch dann noch gegenüber hat, wenn
       er mit  dem Heiligenschein  des Fremden  fertig geworden  ist. In
       diesem Falle  oder vielmehr  Einfalle wird  dann die  Empörung in
       eine eingebildete  Tat und das Ich in ein "Wir" verwandelt. Hier-
       über werden  wir später  das  Nähere  sehen.  (Siehe    "E m p ö-
       r u n g".)
       Der wahre  Egoist, der  sich nach  der bisherigen Darstellung als
       der größte  Konservateur erwiesen  hat, sammelt  schließlich  die
       Brocken "der  Welt des  Menschen", zwölf Körbe voll; denn "es sei
       ferne, daß  Etwas verloren gehe!" Da sich seine ganze Aktion dar-
       auf beschränkt,  an der  ihm von  der  philosophischen  Tradition
       überlieferten  Gedankenwelt   einige  abgegriffene,  kasuistische
       Kunststücke zu probieren, so versteht es sich von selbst, daß die
       wirkliche Welt  für ihn  gar nicht besteht und daher auch fortbe-
       stehen bleibt.  Der Inhalt des Neuen Testaments wird uns dazu den
       Beweis im Einzelnen liefern.
       
       So "erscheinen  wir vor  den   S c h r a n k e n   d e r   M ü n-
       d i g k e i t  und werden mündig gesprochen", (p. 86.)

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