Quelle: MEW 3 1845 - 1846


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       #282# Karl Marx und Friedrich Engels
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       4. Die Eigenheit
       
       "Sich eine   e i g n e   W e l t   gründen,  das heißt sich einen
       Himmel erbauen." p. 89 "des Buchs". *)
       
       Wir  haben   bereits  das   innerste  Heiligtum   dieses  Himmels
       "durchschaut". Wir  werden uns  jetzt bestreben, "mehr Dinge" von
       ihm kennenzulernen.  Wir werden indes im Neuen Testament dieselbe
       Heuchelei wiederfinden,  die bereits  im Alten  durchging. Wie in
       diesem die  geschichtlichen Data  nur Namen für ein paar einfache
       Kategorien  waren,   so  sind  auch  hier  im  Neuen  Bunde  alle
       weltlichen Verhältnisse nur Verkleidungen, andre Benennungen
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       *) [m Manuskript  gestrichen:] Die  Freiheit ist von den Philoso-
       phen bisher  in doppelter  Weise bestimmt  worden; einerseits als
       Macht, als  Herrschaft über  die Umstände  und  Verhältnisse,  in
       denen ein Individuum lebt, - von allen Materialisten; andrerseits
       als Selbstbestimmung,  Lossein von  der wirklichen Welt, als bloß
       imaginäre Freiheit  des Geistes - von allen Idealisten, besonders
       den deutschen. - Nachdem wir vorhin in der "Phänomenologie" Sankt
       Maxens wahren  Egoisten seinen Egoismus im Auflösen, im Produzie-
       ren des Losseins, der idealistischen Freiheit suchen sahen, nimmt
       es sich komisch aus, wie er im Kapitel von der Eigenheit die ent-
       gegengesetzte Bestimmung, die Macht über die ihn bestimmenden Um-
       stände, die  materialistische Freiheit  gegenüber  dem  "Lossein"
       geltend macht.
       
       #283# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       für den  magern Inhalt,  den wir  in der Phänomenologie und Logik
       zusammengestellt haben. Unter dem Scheine, als spräche er von der
       wirklichen Welt, spricht Sankt Sancho immer nur von diesen magern
       Kategorien.
       
       "Du willst nicht die  F r e i h e i t,  alle diese schönen Sachen
       zu haben  ... Du  willst sie  wirklich haben  ...  als    D e i n
       E i g e n t u m     besitzen  ...   Du  müßtest   nicht  nur  ein
       F r e i e r,  Du müßtest auch ein  E i g n e r  sein." p. 205.
       
       Hier wird  eine der ältesten Formeln, zu denen die anfangende so-
       ziale Bewegung kam, der Gegensatz des Sozialismus in seiner mise-
       rabelsten Gestalt  gegen den Liberalismus, zu einem Ausspruch des
       "mit sich  einigen Egoisten"  erhoben. Wie  alt dieser  Gegensatz
       selbst für  Berlin ist, kann unser Heiliger schon daraus ersehen,
       daß bereits  in Rankes "Historisch-politischer Zeitschrift", Ber-
       lin 1831, mit Schrecken darauf hingewiesen wird.
       
       "Wie Ich  sie" (die  Freiheit) "benutze, das hängt von Meiner Ei-
       genheit ab." p. 205.
       
       Der große  Dialektiker kann  das auch umdrehen und sagen: Wie Ich
       Meine Eigenheit  benutze, das hängt von Meiner Freiheit ab. - Nun
       fährt er fort:
       
       "Frei - wovon?"
       
       Hier verwandelt sich also durch einen Gedankenstrich die Freiheit
       schon in  die Freiheit  v o n  E t w a s,  per apposit[ionem] von
       "Allem ".  Diesmal  wird  indes  die  Apposition  in  Form  eines
       scheinbar näher  bestimmenden Satzes  gegeben. Nachdem er nämlich
       dies große Resultat erreicht hat, wird Sancho sentimental:
       
       "O was  läßt sich  nicht Alles abschütteln!" Zuerst "das Joch der
       Leibeigenschaft", dann eine ganze Reihe andrer Joche, die endlich
       unvermerkt dahin führen, daß "die vollkommenste Selbstverleugnung
       nichts als  Freiheit, Freiheit  ... vom eignen Selbst ist und der
       Drang  nach   Freiheit  als   etwas  Absolutem  ...  Uns  um  die
       E i g e n h e i t  brachte."
       
       Durch eine  höchst kunstlose  Reihe von  Jochen wird hier die Be-
       freiung von der Leibeigenschaft, die die Geltendmachung der Indi-
       vidualität der  Leibeignen und  zugleich die  Niederreißung einer
       bestimmten  empirischen  Schranke  war,  mit  der  viel  früheren
       christlich-idealistischen Freiheit  aus den  Briefen an die Römer
       und Korinther  identifiziert und  damit die Freiheit überhaupt in
       die Selbstverleugnung verwandelt. Hiermit wären wir schon mit der
       Freiheit fertig, da sie jetzt unbestritten "das Heilige" ist. Ein
       bestimmter historischer  Akt der  Selbstbefreiung wird  von Sankt
       Max in  die abstrakte  Kategorie "der  Freiheit"  verwandelt  und
       diese Kategorie  dann wieder  aus einer  ganz ändern historischen
       Erscheinung, die ebenfalls unter "die Freiheit" subsumiert werden
       kann, näher bestimmt. Das ist das ganze Kunststück,
       
       #284# Karl Marx und Friedrich Engels
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       die Abschüttelung der Leibeigenschaft in die Selbstverleugnung zu
       verwandeln.
       Um dem  deutschen Bürger seine Freiheitstheorie sonnenklar zu ma-
       chen, fängt  Sancho jetzt  an, in der eignen Sprache des Bürgers,
       speziell des Berliner Bürgers, zu deklamieren:
       
       "Je freier  Ich indes werde, desto mehr Zwang türmt sich vor Mei-
       nen Augen  auf, desto  ohnmächtiger fühle  Ich Mich.  Der unfreie
       Sohn der Wildnis empfindet noch nichts von all den Schranken, die
       einen jebildeten  Menschen bedrän[gen]:  er dünkt sich freier als
       dieser. In  dem Maße,  als Ich  Mir Freiheit erringe, schaffe Ich
       Mir neue  Grenzen und neue Aufgaben; habe Ich die Eisenbahnen er-
       funden, so  fühle Ich  Mich wieder  schwach, weil Ich noch nicht,
       dem Vogel  gleich, die  Lüfte durchsegeln  kann, und habe Ich ein
       Problem, dessen  Dunkelheit Meinen  Geist beängstigte, gelöst, so
       erwarten Mich schon unzählige andere" pp. p. 205, 206.
       
       O "unbeholfener" Belletrist für Bürger und Landmann!
       Nicht "der  unfreie Sohn  der Wildnis",  sondern "die  gebildeten
       Menschen" "dünken" sich den Wilden freier als den Gebildeten. Daß
       der "Sohn  der Wildniß"  (den F. Halm in Szene gesetzt hat) [115]
       die Schranken  des Gebildeten  nicht kennt, weil er sie nicht er-
       fahren kann,  ist ebenso  klar, als  daß der "gebildete" Berliner
       Bürger, der den "Sohn der Wildniß" nur vom Theater kennt, von den
       Schranken des  Wilden nichts  weiß.  Die  einfache  Tatsache  ist
       diese: die Schranken des Wilden sind nicht die des Zivilisierten.
       Die Vergleichung,  die unser  Heiliger zwischen  Beiden anstellt,
       ist die  phantastische eines  "gebildeten" Berliners, dessen Bil-
       dung dann  besteht, von  Beiden nichts  zu wissen. Daß er von den
       Schranken des  Wilden nichts weiß, ist erklärlich, obgleich etwas
       davon zu  wissen nach den vielen neueren Reisebeschreibungen eben
       keine Kunst  ist; daß er auch die des Gebildeten nicht kennt, be-
       weist sein  Exempel von den Eisenbahnen und dem Fliegen. Der tat-
       lose Kleinbürger,  dem die  Eisenbahnen vom  Himmel gefallen sind
       und der eben deswegen glaubt, sie selbst erfunden zu haben, phan-
       tasiert sogleich  vom Luftflug,  nachdem er einmal auf der Eisen-
       bahn gefahren ist. In der Wirklichkeit kam  e r s t  der Luftbal-
       lon und  dann die  Eisenbahnen. Sankt Sancho mußte dies umdrehen,
       weil sonst  Jedermann gesehen  hätte, daß  mit der  Erfindung des
       Luftballons das Postulat der Eisenbahnen noch lange nicht da war,
       während man sich das Umgekehrte leicht vorstellen kann. Er stellt
       überhaupt das  empirische Verhältnis auf den Kopf. Als der Haude-
       rer 1*)  und Frachtwagen  den entwickelten  Bedürfnissen des Ver-
       kehrs nicht mehr genügte, als u.a. die Zentralisation der Produk-
       tion durch die große Industrie neue Mittel zum
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       1*) nordwestdeutscher Ausdruck für Mietfuhrmann
       
       #285# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       rascheren und  massenweisen Transport  ihrer Massen von Produkten
       nötig machte,  erfand man  die Lokomotive und damit die Anwendung
       der Eisenbahn auf den großen Verkehr. Dem Erfinder und den Aktio-
       nären war  es um ihren Profit, dem Commerce überhaupt um die Ver-
       minderung der  Produktionskosten zu  tun; die Möglichkeit, ja die
       absolute Notwendigkeit  der Erfindung lag in den empirischen Ver-
       hältnissen. Die  Anwendung der  neuen Erfindung  in  verschiednen
       Ländern beruhte  auf verschiednen empirischen Verhältnissen, z.B.
       in Amerika auf der Notwendigkeit, die einzelnen Staaten des unge-
       heuren Gebietes zu vereinigen und die halbzivilisierten Distrikte
       des '  Innern mit  dem Meere und den Stapelplätzen ihrer Produkte
       zu verbinden. (Vgl. u.a. M. Chevalier, "Lettres sur l'Amérique du
       Nord".) In  ändern Ländern,  wo man bei jeder neuen Erfindung nur
       bedauert, daß  sie nicht das Reich der Erfindungen vollendet, wie
       z.B. in  Deutschland -  in solchen  Ländern wird man endlich nach
       vielem Widerstreben gegen die verwerflichen, keine Flügel verlei-
       henden Eisenbahnen  durch die  Konkurrenz gezwungen, sie zu adop-
       tieren und  den Hauderer  und Frachtwagen  wie das altehrwürdige,
       sittsame Spinnrad fahrenzulassen. Der Mangel an andrer gewinnrei-
       cher Anlegung des Kapitals machte das Eisenbahnbauen zum dominie-
       renden Industriezweig  in Deutschland. Die Entwicklung seiner Ei-
       senbahnbauten und  seine Schlappen auf dem Weltmarkt gingen glei-
       chen Schritt.  Nirgend aber  baut man  Eisenbahnen der  Kategorie
       "d e r   Freiheit  v o n"  zulieb, wie Sankt Max schon daraus er-
       sehen konnte,  daß Niemand  Eisenbahnen baut,  um  f r e i  v o n
       seinem Geldsack  zu werden.  Der positive  Kern der ideologischen
       Verachtung des  Bürgers gegen  die Eisenbahnen aus Sehnsucht nach
       dem Vogelflug  ist die Vorliebe für den Hauderer, den Frachtwagen
       und die  Landstraße. Sancho  sehnt sich  nach der  "eignen Welt",
       die, wie  wir oben  sahen, der  Himmel ist.  Darum will er an die
       Stelle der Lokomotive den feurigen Wagen Eliä setzen und gen Him-
       mel fahren.
       Nachdem sich  diesem tatlosen und unwissenden Zuschauer das wirk-
       liche Niederreißen der Schranken, das zugleich eine sehr positive
       Entwicklung der  Produktivkraft, reale  Energie und  Befriedigung
       unabweisbarer Bedürfnisse,  Ausdehnung der  Macht der  Individuen
       ist, in  das bloße  Freiwerden   v o n  einer Schranke verwandelt
       hat - was er wieder sich logisch als Postulat des Freiwerdens von
       d e r   Schranke schlechthin  zurechtmachen kann - kommt jetzt am
       Schluß der  ganzen Entwicklung heraus, was bereits am Anfang vor-
       ausgesetzt war:
       
       "Freisein von  Etwas - heißt nur:  L e d i g  oder  L o s  sein."
       p. 206.
       
       Er gibt gleich ein sehr unglückliches Exempel davon: "Er ist frei
       vom Kopfweh  ist gleich:  Er ist  es  los",  als  ob  nicht  dies
       "Lossein" vom Kopfschmerz
       
       #286# Karl Marx und Friedrich Engels
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       gleich wäre  einer ganz  positiven Dispositionskraft  über meinen
       Kopf, gleich  einem Eigentum an meinen Kopf, während ich, solange
       Ich Kopfschmerzen hatte, das Eigentum meines kranken Kopfes war.
       
       "Im 'Los'  vollenden wir die vom Christentum empfohlene Freiheit,
       im Sündlos, Gottlos, Sittenlos usw." p. 206.
       
       Daher findet unser "vollendeter Christ" auch seine Eigenheit erst
       im  "gedankenlos",  "bestimmungslos",  "berufslos",  "gesetzlos",
       "verfassungslos" pp.  und fordert  seine Brüder  in Christo  auf,
       "sich nur  wohlzufühlen im  Auflösen", d.  h. im  Produzieren des
       "Losseins", der "vollendeten", "christlichen Freiheit".
       Er fährt fort:
       
       "Müssen wir  etwa, weil  die Freiheit  als ein christliches Ideal
       sich  verrät,   sie  aufgeben?   Nein,     N i c h t s    s o l l
       v e r l o r e n  g e h en"  (voilà notre conservateur tout trouvé
       1*)), "auch  die Freiheit  nicht; aber  sie soll unser  e i g e n
       werden, und das kann sie in der Form der Freiheit nicht." p. 207.
       
       Unser "mit  sich" (toujours et partout 2*)) "einiger Egoist" ver-
       gißt hier, daß wir bereits im Alten Testament durch das christli-
       che Ideal  der Freiheit, d. h. durch die Einbildung der Freiheit,
       zu "Eignern"  der "Welt  der Dinge" wurden; er vergißt ebenfalls,
       daß wir  danach nur  noch die  "Welt  der  Gedanken"  loszuwerden
       brauchten, um  auch ihre  "Eigner" zu  werden; daß  sich hier die
       "Eigenheit" als   K o n s e q u e n z   d e r  Freiheit, des Los-
       seins für ihn ergab.
       Nachdem unser Heiliger sich die Freiheit als Freisein  v o n  Et-
       was und  dies wieder  als "Lossein",  dies 3*)  als  christliches
       Ideal der  Freiheit und damit der Freiheit  "d e s  Menschen" zu-
       rechtgemacht hat,  kann er  an diesem präparierten Material einen
       praktischen Kursus seiner Logik durchmachen. Die erste einfachste
       Antithese lautet:
       
       Freiheit  d e s  Menschen - Freiheit Meiner,
       
       wo in  der Antithese die Freiheit aufhört, "in der Form der Frei-
       heit" zu existieren. Oder:
       
       Lossein im  Interesse   d e s   Menschen} - {Lossein im Interesse
       Meiner.
       
       Diese beiden  Antithesen ziehen  sich, mit  einem zahlreichen Ge-
       folge von  Deklamationen, durch  das ganze Kapitel von der Eigen-
       heit durch, aber mit ihnen allein würde unser welterobernder San-
       cho noch zu sehr wenig, nicht einmal zur Insel Barataria, kommen.
       Er hat  sich oben, wo er sich das Treiben der Menschen aus seiner
       "eignen Welt", seinem "Himmel" betrachtete, bei
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       1*) dahaben wir  unseren Konservativen  ertappt -  2*) immer  und
       überall - 3*) MEGA: das
       
       #287# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       seiner Abstraktion  der Freiheit  zwei Momente der wirklichen Be-
       freiung auf die Seite gebracht. Das erste war, daß die Individuen
       in ihrer Selbstbefreiung ein bestimmtes, wirklich empfundenes Be-
       dürfnis befriedigen. An die Stelle der wirklichen Individuen trat
       durch Beseitigung  dieses Momentes   "d e r  M e n s c h"  und an
       die Stelle der Befriedigung des wirklichen Bedürfnisses das Stre-
       ben nach  einem phantastischen  Ideal, der  Freiheit als solcher,
       der "Freiheit  d e s  Menschen".
       Das Zweite war, daß ein in den sich befreienden Individuen bisher
       nur als  Anlage existierendes  Vermögen erst  als wirkliche Macht
       betätigt oder  eine bereits  existierende Macht durch Abstreifung
       einer Schranke  vergrößert wird. Allerdings kann man das Abstrei-
       fen der Schranke, das bloß eine  F o l g e  der neuen Machtschöp-
       fung ist, als die Hauptsache betrachten. Zu dieser Illusion kommt
       man aber  nur dann,  wenn man  entweder die Politik als die Basis
       der empirischen  Geschichte annimmt  oder wenn  man,  wie  Hegel,
       überall die Negation der Negation nachzuweisen hat, oder endlich,
       wenn man,  nachdem die neue Macht geschaffen ist, als unwissender
       Berliner Bürger  über die  neue Schöpfung  reflektiert.  -  Indem
       Sankt Sancho  dies zweite  Moment zu  seinem eignen  Gebrauch auf
       Seite bringt, hat er nun eine Bestimmtheit, die er dem übrigblei-
       benden, abstrakten caput mortuum 1*)  "d e r  Freiheit" entgegen-
       setzen kann. Hierdurch kommt er zu folgenden neuen Antithesen:
       
       F r e i h e i t, die inhaltslose }   {Eigenheit, das wirkliche
       Entfernung der fremden Macht     } - {Innehaben de eigenen Macht.
       
       Oder auch:
       
       Freiheit, Abwehr fremder Macht - Eigenheit, Besitz eigner Macht.
       
       Wie sehr  Sankt Sancho seine  e i g n e  "Macht", die er hier der
       Freiheit gegenüberstellt,  aus derselben  Freiheit heraus  und in
       sich hinein eskamotiert hat, darüber wollen wir ihn nicht auf die
       Materialisten oder Kommunisten, sondern nur auf das "Dictionnaire
       de l'académie"  verweisen, wo  er finden kann, daß liberté 2*) am
       häufigsten im  Sinne von  puissance 3*)  gebraucht  wird.  Sollte
       Sankt  Sancho   indes  behaupten,   daß  er   nicht   gegen   die
       "l i b e r t é",   sondern gegen  die  "F r e i h e i t"  kämpfe,
       so mag  er sich bei Hegel über die negative und positive Freiheit
       Rats erholen.  Als deutscher  Kleinbürger  mag  er  sich  an  der
       Schlußbemerkung dieses Kapitels delektieren.
       -----
       1*) wörtlich: toter  Kopf; hier; Restbestandteil - 2*) Freiheit -
       3*) Macht
       
       #288# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Die Antithese kann auch so ausgedrückt werden:
       
       Freiheit, idealistisches Trachten} {Eigenheit,  w i r k l i-
       nach Lossein und Kampf gegen das }-{c h e s  Lossein und Genuß
       Anderssein                       } {am eignen Dasein.
       
       Nachdem er  so durch  eine wohlfeile   A b s t r a k t i o n  die
       Eigenheit von  der Freiheit   u n t e r s c h i e d e n    h a t,
       gibt er  sich den  Schein, als fange er jetzt erst an, diesen Un-
       terschied zu entwickeln, und ruft aus:
       
       "Welch ein Unterschied zwischen Freiheit und Eigenheit!" p. 207.
       
       Daß er außer den allgemeinen Antithesen sich nichts auf die Seite
       gebracht hat,  und daß neben dieser Bestimmung der Eigenheit auch
       noch fortwährend die Eigenheit "im gewöhnlichen Verstande" höchst
       ergötzlich mit unterläuft, wird sich zeigen.
       
       "Innerlich kann  man trotz des Zustandes der Sklaverei frei sein,
       obwohl  auch   wieder  nur  von    A l l e r l e i,    nicht  von
       A l l e m;   aber von  der Peitsche, der gebieterischen Laune pp.
       des Herrn wird man nicht  f r e i."
       "Dagegen Eigenheit,  das ist Mein  g a n z e s  Wesen und Dasein,
       das bin  Ich selbst.  Frei bin  Ich von dem, was Ich  l o s  bin,
       Eigner von  dem, was  Ich in  Meiner  M a c h t  habe oder dessen
       Ich mächtig bin.  M e i n  e i g e n  bin Ich jederzeit und unter
       allen Umständen,  wenn Ich  Mich zu  haben   v e r s t e h e  und
       nicht an  Andre wegwerfe.  Das Freisein  kann Ich  nicht wahrhaft
       w o l l e n,   weil Ich's  nicht machen ... kann: Ich kann es nur
       wünschen und  danach trachten,   d e n n   e s  bleibt ein Ideal,
       ein Spuk. Die Fesseln der Wirklichkeit schneiden jeden Augenblick
       in Mein  Fleisch die  schärfsten Striemen.   M e i n    E i g e n
       aber bleibe  Ich. Einem Gebieter leibeigen hingegeben,  d e n k e
       Ich nur  an Mich  und Meinen  Vorteil; seine Schläge treffen Mich
       zwar: Ich  bin nicht davon   f r e i;  a b e r  I c h  e r d u l-
       d e   s i e   n u r   z u   M e i n e m  N u t z e n, etwa um ihn
       durch den Schein der Geduld zu täuschen und ihn sicher zu machen,
       oder  auch,   um  nicht   durch  Widersetzlichkeit   Ärgeres  Mir
       zuzuziehen. Da  Ich aber  Mich und  Meinen Eigennutz  im Auge be-
       halte" (während  die Schläge  ihn und seinen Rücken im Besitz be-
       halten), "so fasse Ich die nächste gute Gelegenheit beim Schöpfe"
       (d. h., er "wünscht", er "trachtet" nach einer nächsten guten Ge-
       legenheit, die  aber "ein Ideal, ein Spuk bleibt"), "den Sklaven-
       besitzer zu  zertreten. Daß  Ich dann von ihm und seiner Peitsche
       f r e i  werde, das ist nur die Folge Meines vorangegangenen Ego-
       ismus. Man sagt hier vielleicht: Ich sei auch im Stande der Skla-
       verei frei gewesen, nämlich 'an sich' oder 'innerlich'; allem 'an
       sich frei'  ist nicht  'wirklich  frei',  und  'innerlich'  nicht
       'äußerlich'. Eigen  hingegen,    M e i n    e i g e n    war  Ich
       g a n z   u n d   g a r,   innerlich und  ä u ß e r l i c h.  Von
       den Folterqualen  und Geißelhieben ist Mein Leib nicht 'frei' un-
       ter der Herrschaft eines grausamen Gebieters;  a b e r  M e i n e
       K n o c h e n   s i n d   e s,   w e l c h e   u n t e r    d e r
       T o r t u r   ä c h z e n,   M e i n e   F i b e r n  z u c k e n
       u n t e r   d e n   S c h l ä g e n,   u n d   I c h   ä c h z e,
       w e i l   M e i n  L e i b  ä c h z t.  D a ß  I c h  s e u f z e
       u n d   e r z i t t r e ,  b e w e i s t ,  d a ß  I c h  n o c h
       b e i  M i r,  d a ß  I c h  M e i n  e i g e n  b i n."  p. 207,
       208.
       
       #289# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       Unser Sancho,  der hier  wieder den  Belletristen für Kleinbürger
       und Landmann  spielt, beweist  hier, daß er trotz der vielen Prü-
       gel, die  er schon  bei Cervantes  erhielt, stets  sein  "Eigner"
       blieb und  daß diese Prügel vielmehr zu seiner "Eigenheit" gehör-
       ten. Sein  "eigen" ist  er "jederzeit und unter allen Umständen",
       w e n n   er sich  zu haben   v e r s t e h t.  Hier ist also die
       Eigenheit hypothetisch  und hängt  von seinem Verstande ab, unter
       dem er  eine sklavische  Kasuistik versteht. Dieser Verstand wird
       dann auch  später zum   D e n k e n,   wo  er an  sich und seinen
       "Vorteil" "denkt" - welches Denken und welcher gedachte "Vorteil"
       sein gedachtes "Eigentum" sind. Er wird weiter dahin erklärt, daß
       er die Schläge "zu seinem Nutzen" erduldet, wo die Eigenheit wie-
       derum in der  V o r s t e l l u n g  des "Nutzens" besteht und wo
       er das  Arge "erduldet",  um nicht "Eigner" von "Ärgerem" zu wer-
       den. Später  zeigt sich der Verstand auch als "Eigner" des Vorbe-
       halts einer  "nächsten guten  Gelegenheit", also einer bloßen re-
       servatio   mentalis,    und   endlich    als   "Zertreten"    des
       "Sklavenbesitzers" in  der Antizipation  der  Idee,  wo  er  dann
       "Eigner" dieser Antizipation ist, während der Sklavenbesitzer ihn
       in der Gegenwart wirklich zertritt. Während er also hier sich mit
       seinem  B e w u ß t s e i n  identifiziert, das sich durch aller-
       lei Klugheitsmaximen  zu beruhigen  strebt, identifiziert er sich
       am Schluß  mit seinem  L e i b e,  so daß er ganz und gar, inner-
       lich und äußerlich "sein eigen" ist, solange er noch einen Funken
       Leben und selbst nur noch bewußtloses Leben in sich hat. Erschei-
       nungen wie Ächzen der "Knochen", Zucken der Fibern usw., Erschei-
       nungen, aus  der Sprache  der  e i n z i g e n  Naturwissenschaft
       in die  pathologische übersetzt,  die durch Galvanismus an seinem
       Kadaver, wenn man ihn frisch von dem Galgen abgeschnitten, an dem
       er sich  oben erhing,  die selbst an einem toten Frosch hervorge-
       bracht werden  können, gelten  ihm hier für Beweise, daß er "ganz
       und gar",  "innerlich und  äußerlich" noch  "sein eigen",  seiner
       mächtig ist.  Dasselbe, woran  sich die  Macht und  Eigenheit des
       Sklavenbesitzers zeigt,  daß gerade  E r  geprügelt wird und kein
       Anderer, daß  gerade   s e i n e   Knochen "ächzen", seine Fibern
       zucken, ohne daß Er es ändern kann, das gilt unsrem Heiligen hier
       für einen  Beweis seiner eignen Eigenheit und Macht. Also wenn er
       im surinamischen  Spanso Bocho [116] eingespannt liegt, wo er we-
       der Arme  noch Beine  noch sonst  ein Glied rühren kann und Alles
       über sich  ergehen lassen  muß, so besteht seine Macht und Eigen-
       heit nicht dann, daß er über seine Glieder disponieren kann, son-
       dern in  dem Faktum,  daß sie seine Glieder sind. Seine Eigenheit
       rettete er  hier wieder dadurch, daß er sich immer als Anders-Be-
       stimmten faßte,  bald als bloßes Bewußtsein, bald als bewußtlosen
       Leib (siehe die Phänomenologie).
       
       #290# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Sankt Sancho  "erduldet" seine  Tracht Prügel allerdings mit mehr
       Würde als  die wirklichen  Sklaven. Die  Missionäre mögen  diesen
       noch so  oft im  Interesse der Sklavenbesitzer vorhalten, daß sie
       die Schläge  "zu ihrem  Nutzen erdulden", die Sklaven lassen sich
       dergleichen Faseleien  nicht einreden. Sie machen nicht die kühle
       und furchtsame  Reflexion, daß  sie sonst "Ärgeres sich zuziehen"
       würden, sie  bilden sich  auch nicht  ein, "durch ihre Geduld den
       Sklavenbesitzer zu täuschen" - sie verhöhnen ihre Peiniger im Ge-
       genteil, sie spotten ihrer Ohnmacht, die sie nicht einmal zur De-
       mütigung zwingen  kann, und  unterdrücken  jedes  "Ächzen",  jede
       Klage, solange  der physische  Schmerz  es  ihnen  noch  erlaubt.
       (Siehe Charles Comte, "Traité de législation".) Sie sind also we-
       der "innerlich"  noch "äußerlich" ihre "Eigner", sondern bloß die
       "Eigner" ihres Trotzes, was ebensogut so ausgedrückt werden kann,
       daß sie  weder "innerlich" noch "äußerlich" "frei", sondern "bloß
       in einer Beziehung frei, nämlich "innerlich" frei von der Selbst-
       demütigung  sind,  wie  sie  auch  "äußerlich"  zeigen.  Insofern
       "Stirner" die  Prügel erhält,  ist er Eigner der Prügel und damit
       frei vom  Nichtgeprügeltwerden, und  diese Freiheit, dies Lossein
       gehört zu seiner Eigenheit.
       Daraus, daß Sankt Sancho ein besonderes Kennzeichen der Eigenheit
       in den Vorbehalt setzt, bei "der nächsten guten Gelegenheit" weg-
       zulaufen und in seinem dadurch bewerkstelligten "Freiwerden" "nur
       die Folge  seines vorangegangenen  Egoismus"  (s e i n e s,  d.h.
       des mit  sich einigen  Egoismus) sieht,  geht hervor, daß er sich
       einbildet, die  revolutionierenden Neger  von Haiti [117] und die
       weglaufenden Neger aller Kolonien hätten nicht  s i c h,  sondern
       "d e n   Menschen" befreien wollen. Der Sklave, der den Entschluß
       faßt, sich  zu befreien,  muß schon  darüber hinaus sein, daß die
       Sklaverei seine  "Eigenheit" ist.  Er muß   "f r e i"  von dieser
       "E i g e n h e i t"  sein. Die "Eigenheit" eines Individuums kann
       aber allerdings  darin bestehen,  daß es sich  "w e g w i r f t".
       Es hieße  "einen fremden Maßstab" an es legen, wenn "Man" das Ge-
       genteil behaupten wollte.
       Zum Schluß  rächt sich  Sankt Sancho  für seine Prügel durch fol-
       gende Anrede  an den  "Eigner" seiner "Eigenheit", den Sklavenbe-
       sitzer:
       
       "Mein   B e i n   ist nicht 'frei' von dem Prügel des Herrn, aber
       es ist  M e i n  Bein und ist  u n e n t r e i ß b a r.  Er reiße
       Mir's aus und sehe zu, ob er noch Mein Bein hat! Nichts behält er
       in der  Hand, als den - Leichnam Meines Beines, der so wenig Mein
       Bein ist, als ein toter Hund noch ein Hund ist." p. 208.
       
       Er -  Sancho, der  hier glaubt,  der Sklavenbesitzer  wolle  sein
       l e b e n d i g e s   Bein haben,  wahrscheinlich zum  eignen Ge-
       brauch - "sehe zu", was er von seinem "unentreißbaren" Beine noch
       an sich  hat. Er  behält nichts als den Verlust seines Beines und
       ist zum einbeinigen Eigner seines ausgerissenen
       
       #291# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       Beines geworden.  Wenn er acht Stunden täglich die Tretmühle tre-
       ten muß, so ist er es, der mit der Zeit zum Idioten wird, und der
       Idiotismus ist  dann seine "Eigenheit". Der Richter, der ihn dazu
       verdammt hat, "sehe zu", ob er noch Sanchos Verstand "in der Hand
       hat". Damit ist aber dem armen Sancho wenig geholfen.
       "Das erste Eigentum, die erste Herrlichkeit ist erworben!"
       Nachdem unser  Heiliger an diesen eines Asketen würdigen Exempeln
       den Unterschied  zwischen Freiheit  und Eigenheit mit bedeutenden
       belletristischen Produktionskosten  enthüllt hat,  erklärt er  p.
       209 ganz unerwartet, daß
       
       "zwischen der  Eigenheit und  Freiheit noch  eine   t i e f e r e
       Kluft liegt als die bloße Wortdifferenz".
       
       Diese "tiefere Kluft" besteht darin, daß die obige Bestimmung der
       Freiheit  unter  "mancherlei  Wandlungen"  und  "Brechungen"  und
       vielen "episodischen  Einlagen" wiederholt  wird. Aus der Bestim-
       mung   "d e r   Freiheit" als  "d e s  Losseins" ergeben sich die
       Fragen: wovon  die Menschen  frei werden sollen (p. 209) pp., die
       Streitigkeiten über  dies Wovon (ibid.) (er sieht hier wieder als
       deutscher Kleinbürger in dem Kampfe der wirklichen Interessen nur
       den Hader um die Bestimmung dieses "Wovon", wobei es ihm dann na-
       türlich sehr  verwundersam ist,  daß "der Bürger" nicht "vom Bür-
       gertum" frei  werden will,  p. 210),  dann die  Wiederholung  des
       Satzes, daß die Aufhebung einer Schranke die Position einer neuen
       Schranke ist  in der  Form, daß  "der Drang nach einer bestimmten
       Freiheit stets die Absicht auf eine neue Herrschaft einschließt",
       p. 210  (wobei wir  erfahren, daß die Bourgeois in der Revolution
       nicht auf  ihre eigne Herrschaft, sondern auf "die Herrschaft des
       Gesetzes" ausgingen - siehe oben über den Liberalismus), dann das
       Resultat, daß  man von Dem nicht los werden will, was Einem "ganz
       recht ist,  z.B. dem  unwiderstehlichen Blick  der Geliebten" (p.
       211). Ferner  ergibt sich, daß die Freiheit ein "Phantom" ist (p.
       211), ein  "Traum" (p. 212); dann erfahren wir nebenbei, daß "die
       Naturstimme" auch  einmal zur  "Eigenheit" (p. 213) wird, dagegen
       die "Gottes-  und Gewissensstimme"  für "Teufelswerk"  zu  halten
       sei, und  dann renommiert er: "Solche heillose Menschen" (die das
       für Teufelswerk halten) "gibt es; wie werdet Ihr mit ihnen fertig
       werden?" (p.  213, 214.)  Aber nicht die Natur soll Mich, sondern
       Ich soll  Meine Natur bestimmen, geht die Rede des mit sich eini-
       gen Egoisten. Und mein Gewissen ist auch eine "Naturstimme".
       Bei dieser  Gelegenheit ergibt sich dann auch, daß das Tier "sehr
       richtige Schritte  tut" (p.  213).  Wir  hören  weiter,  daß  die
       "Freiheit darüber  schweigt, was nun weiter geschehen soll, nach-
       dem Ich frei geworden bin" (p. 215).
       
       #292# Karl Marx und Friedrich Engels
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       (Siehe "Das  hohe Lied Salomonis".) Die Exposition 1*) der obigen
       "tieferen Kluft"  wird damit  beschlossen, daß  Sankt Sancho  die
       Prügelszene wiederholt und sich diesmal etwas deutlicher über die
       Eigenheit ausspricht.
       
       "Auch unfrei,  auch in  tausend Fesseln geschlagen, bin Ich doch,
       und Ich bin nicht etwa erst zukünftig und auf Hoffnung vorhanden,
       wie die  Freiheit, sondern  Ich bin  auch als  Verworfenster  der
       Sklaven - gegenwärtig" (p. 215).
       
       Hier stellt  er also  s i c h  und  "d i e  F r e i h e i t"  als
       zwei Personen  gegenüber, und  die Eigenheit wird zum bloßen Vor-
       handensein, Gegenwart,  und zwar  der "verworfensten"  Gegenwart.
       Hier ist  die Eigenheit  als bloße Konstatierung der persönlichen
       Identität. Stirner,  der sich bereits oben als "Geheimer-Polizei-
       Staat" konstituierte,  wirft sich  hier zum  Paßbüro auf. "Es sei
       ferne", daß  aus "der  Welt des  Menschen" "Etwas  verlorengehe"!
       (Siehe "Das hohe Lied Salomonis".)
       Nach p.  218 kann  man auch  seine Eigenheit "aufgeben" durch die
       "Ergebenheit", "Ergebung",  obwohl sie nach dem Obigen nicht auf-
       hören kann, solange man überhaupt  v o r h a n d e n  ist, sei es
       auch in  noch so "verworfner" oder "ergebner" Weise. Oder ist der
       "verworfenste" Sklave nicht der "ergebenste"? Nach einer der frü-
       heren Beschreibungen  der Eigenheit  kann man seine Eigenheit nur
       dadurch "aufgeben", daß man sein  L e b e n  aufgibt.
       p. 218  wird die  Eigenheit einmal  wieder als die eine Seite der
       Freiheit, als  Macht, gegen  die Freiheit als Lossein geltend ge-
       macht und  unter den Mitteln, durch die Sancho seine Eigenheit zu
       sichern vorgibt,  "Heuchelei", "Betrug" (Mittel, die Meine Eigen-
       heit anwendet,  weil sie  sich  den  Weltverhältnissen  "ergeben"
       mußte) usw.  angeführt, "denn  die Mittel,  welche  Ich  anwende,
       richten sich nach dem, was Ich bin". Wir haben schon gesehen, daß
       unter diesen  Mitteln die   M i t t e l l o s i g k e i t    eine
       Hauptrolle spielt,  wie sich  auch wieder bei seinem Prozeß gegen
       den Mond  zeigt (siehe  oben, Logik).  Dann wird die Freiheit zur
       Abwechslung als   "S e l b s t b e f r e i u n g"  gefaßt, "d.h.,
       daß Ich  nur so viel Freiheit haben kann, als Ich durch meine Ei-
       genheit Mir  verschaffe", wo  die bei allen, namentlich deutschen
       Ideologen vorkommende  Bestimmung der  Freiheit als  S e l b s t-
       b e s t i m m u n g,  als Eigenheit auftritt. Dies wird uns daran
       klargemacht, daß es "den Schafen" nichts "nützt", "wenn ihnen die
       Redefreiheit gegeben  wird" (p.  220).  Wie  trivial  hier  seine
       Auffassung der Eigenheit als Selbstbefreiung ist, sieht man schon
       aus seiner Wiederholung der bekanntesten Phrasen über oktroyierte
       Freiheit, Freilassung,  Sich-Freimachen usw.  (p. 220,  221). Der
       Gegensatz zwischen der
       -----
       1*) MEGA: Opposition
       
       #293# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       Freiheit als  Lossein und  der Eigenheit als Negation dieses Los-
       seins wird nun auch poetisch ausgemalt:
       
       "Die Freiheit  weckt Euren Grimm gegen Alles, was Ihr nicht seid"
       (sie ist  also die   g r i m m i g e   Eigenheit, oder haben nach
       Sankt  Sancho   die  bil[i]ösen   Naturen,  z.B.   Guizot,  keine
       "Eigenheit"? Und  genieße Ich  Mich nicht im Grimm gegen Andre?),
       "der Egoismus  ruft Euch   z u r   F r e u d e  über Euch selbst,
       zum Selbstgenusse"  (er ist  also die sich freuende Freiheit; wir
       haben übrigens  die Freude und den Selbstgenuß des mit sich eini-
       gen Egoisten  kennengelernt). "Die  Freiheit ist  und bleibt eine
       Sehnsucht" (als  ob die  Sehnsucht  nicht  auch  eine  Eigenheit,
       Selbstgenuß  besonders   geformter  Individuen,   namentlich  der
       christlich-germanischen wäre  - und soll die Sehnsucht "verloren-
       gehen"?). "Die  Eigenheit  ist  eine  Wirklichkeit,  die    v o n
       s e l b s t   so viel  Unfreiheit beseitigt,  als Euch hinderlich
       den eignen Weg versperrt"
       
       (wo denn,  ehe die Unfreiheit beseitigt ist, meine Eigenheit eine
       v e r s p e r r t e  Eigenheit ist. Für den deutschen Kleinbürger
       ist es wieder bezeichnend, daß ihm alle Schranken und Hindernisse
       "von selbst"  fallen, da er nie eine Hand dazu rührt und diejeni-
       gen Schranken, die nicht "von selbst" fallen, durch Gewohnheit zu
       seiner Eigenheit macht. Nebenbei bemerkt tritt hier die Eigenheit
       als handelnde   P e r s o n   auf,  obwohl sie  später zur bloßen
       B e s c h r e i b u n g  des Eigners erniedrigt wird), p. 215.
       Dieselbe Antithese erscheint uns wieder in folgender Form:
       
       "Als   E i g n e  seid  I h r  w i r k l i c h  A l l e s  l o s,
       und was Euch anhaftet, das habt Ihr angenommen, das ist Eure Wahl
       und Belieben.  Der Eigne  ist der  g e b o r n e  F r e i e,  der
       Freie dagegen nur der Freiheitssüchtige."
       
       Obgleich  Sankt   Sancho  p.   252  "zugibt",   "daß  Jeder   als
       M e n s c h   g e b o r e n   wird, mithin  die Neugebornen  dann
       gleich seien".
       Was Ihr als Eigne nicht "los seid", das ist "Eure Wahl und Belie-
       ben", wie  oben bei dem Sklaven die Prügel. - Abgeschmackte Para-
       phrase! -  Die Eigenheit reduziert sich also hier auf die Einbil-
       dung, daß  Sankt Sancho Alles, was er nicht "los" ist, aus freiem
       Willen angenommen  und beibehalten habe, z.B. den Hunger, wenn er
       kein Geld  hat. Abgesehen  von den  vielen Sachen,  z.B. Dialekt,
       Skrofeln, Hämorrhoiden,  Armut, Einbeinigkeit, Zwang zum Philoso-
       phieren durch die Teilung der Arbeit ihm aufgedrungen pp. - abge-
       sehen davon,  daß es  keineswegs von ihm abhängt, ob er diese Sa-
       chen "annimmt"  oder nicht,  so hat  er, selbst  wenn wir uns für
       einen Augenblick  auf seine Voraussetzungen einlassen, doch immer
       nur zwischen bestimmten, in seinem Bereiche liegenden und keines-
       wegs durch  seine Eigenheit  gesetzten Dingen zu wählen. Als iri-
       scher Bauer  hat er  z.B. nur dazwischen zu wählen, ob er Kartof-
       feln essen  oder verhungern  will, und  auch diese Wahl steht ihm
       nicht
       
       #294# Karl Marx und Friedrich Engels
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       immer frei.  Zu bemerken  ist noch in dem obigen Satze die schöne
       Apposition, wodurch,  gerade wie im Recht, das "Annehmen" mit der
       "Wahl" und  dem "Belieben"  ohne weiteres identifiziert wird. Was
       übrigens Sankt  Sancho unter  einem "geborenen  Freien" versteht,
       ist weder in noch außer dem Zusammenhange zu sagen.
       Und ist nicht auch ein ihm eingegebenes Gefühl sein von ihm ange-
       nommenes Gefühl?  Und erfahren  wir nicht  p.  84,  85,  daß  die
       "eingegebnen" Gefühle  nicht "eigne" Gefühle sind? Übrigens tritt
       hier, wie  wir bei  Klopstock (der  hier als  Beispiel  angeführt
       wird) schon  sahen, hervor,  daß das "eigne" Verhalten keineswegs
       mit dem  individuellen Verhalten  zusammenfällt; obwohl dem Klop-
       stock das  Christentum "ganz  recht" gewesen zu sein und ihm kei-
       neswegs "hinderlich den Weg versperrt zu haben" scheint.
       
       "Der Eigner   b r a u c h t   sich  nicht erst  z u  b e f r e i-
       e n,   weil er  von vornherein  Alles  außer  sich  verwirft  ...
       Befangen im  kindlichen Respekt,   a r b e i t e t  er gleichwohl
       schon daran, sich aus dieser Befangenheit zu 'b e f r e i e n'."
       
       Weil der  Eigne sich  nicht  erst  zu  befreien    b r a u c h t,
       a r b e i t e t   er schon  als Kind daran, sich zu befreien, und
       das  Alles,   weil  er,   wie  wir  sahen,  der    "g e b o r n e
       F r e i e"  ist. "Befangen im kindlichen Respekt", reflektiert er
       bereits unbefangen,  nämlich eigen, über diese seine eigne Befan-
       genheit. Doch das darf uns nicht wundern - wir sahen schon im An-
       fang des  Alten Testaments, welch ein Wunderkind der mit sich ei-
       nige Egoist war.
       
       "D i e   E i g e n h e i t   a r b e i t e t  in  d e m  k l e i-
       n e n  E g o i s t e n  und  v e r s c h a f f t  ihm die begehr-
       te 'Freiheit'."
       
       Nicht "Stirner"  lebt, sondern  die "Eigenheit"  lebt, "arbeitet"
       und "verschafft"   i n  ihm. Wir erfahren hier, daß nicht die Ei-
       genheit die   B e s c h r e i b u n g   des  Eigners, sondern der
       Eigner nur die  U m s c h r e i b u n g  der Eigenheit ist.
       Das "Lossein"  war, wie wir sahen, auf seiner höchsten Spitze das
       Lossein vom  Eignen Selbst,  Selbstverleugnung. Wir  sahen  eben-
       falls, daß  er hiergegen  die  Eigenheit  als  Behauptung  seiner
       selbst, als  Eigennutz geltend  machte. Daß dieser Eigennutz aber
       selbst wieder Selbstverleugnung war, haben wir auch gesehen.
       Wir vermißten  seit einiger  Zeit "das  Heilige" schmerzlich. Wir
       finden es plötzlich auf p. 224 am Schluß der Eigenheit, ganz ver-
       schämt, wieder,  wo es  sich mit  folgender neuen Wendung legiti-
       miert:
       
       "Zu einer  Sache, die  Ich eigennützig  betreibe" (oder  auch gar
       nicht betreibe),  "habe Ich ein  a n d e r e s  Verhältnis als zu
       einer, welcher Ich uneigennützig diene" (oder auch welche Ich be-
       treibe).
       
       #295# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       Noch nicht  zufrieden mit  dieser  merkwürdigen  Tautologie,  die
       Sankt Max  aus "Wahl  und Belieben"  "angenommen" hat,  tritt auf
       einmal der längst verschollene "Man" als die Identität des Heili-
       gen konstatierender Nachtwächter wieder auf und meint, er
       
       "könnte folgendes Erkennungszeichen anführen: Gegen Jene kann Ich
       Mich   v e r s ü n d i g e n   oder eine    S ü n d e    begehen"
       (sehenswerte Tautologie!), "die andre nur  v e r s c h e r z e n,
       von Mir  stoßen, Mich  darum bringen,  d.h. eine Unklugheit bege-
       hen". (Wobei  er sich  verscherzen, sich um sich bringen, um sich
       gebracht - umgebracht werden kann.) "Beiderlei Betrachtungsweisen
       erfährt die  H a n d e l s f r e i h e i t,  indem sie" teils für
       das Heilige  gehalten wird,  teils nicht,  oder wie Sancho selbst
       dies umständlicher  ausdrückt, "indem sie teils für eine Freiheit
       angesehn wird, welche  u n t e r  U m s t ä n d e n  gewährt oder
       entzogen werden  könne, teils  für eine  solche, die    u n t e r
       a l l e n   U m s t ä n d e n   h e i l i g   zu halten  sei." p.
       224, 225.
       
       Sancho zeigt  hier wieder  eine "eigne" "Durchschauung" der Frage
       von der  Handelsfreiheit und  den Schutzzöllen.  Ihm wird hiermit
       der "Beruf" gegeben, einen einzigen Fall aufzuweisen, wo die Han-
       delsfreiheit 1.  w e i l  sie eine  "F r e i h e i t"  ist und 2.
       "u n t e r   a l l e n   U m s t ä n d e n"    "heilig"  gehalten
       wurde. - Das Heilige ist zu allen Dingen nütze.
       Nachdem, wie  wir sahen,  die Eigenheit vermittelst der logischen
       Antithesen und des phänomenologischen "Auch-anders-Bestimmtseins"
       aus  der  vorher  zurechtgestutzten  "Freiheit"    k o n s t r u-
       i e r t   war, wobei Sankt Sancho Alles, was ihm gerade Recht war
       (z.B. die  Prügel) in  die Eigenheit,  und alles,  was ihm  nicht
       recht war,  in die  Freiheit "verwarf", erfahren wir schließlich,
       daß dies Alles noch nicht die wahre Eigenheit war.
       
       "Die Eigenheit",  heißt es  p. 225,  "ist keine  I d e e,  gleich
       der  Freiheit   pp.,  sie   ist  nur   eine  Beschreibung  des  -
       E i g n e r s."
       
       Wir werden  sehen, daß diese "Beschreibung des Eigners" darin be-
       steht, die  Freiheit in  ihren drei von Sankt Sancho untergescho-
       benen Brechungen  des Liberalismus, Kommunismus und Humanismus zu
       negieren, in  ihrer   W a h r h e i t   zu fassen und diesen nach
       der entwickelten  Logik höchst  einfachen Gedankenprozeß  die Be-
       schreibung eines wirklichen Ich zu nennen.
       
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       Das ganze Kapitel von der Eigenheit reduziert sich auf die aller-
       trivialsten Selbstbeschönigungen,  mit denen  sich  der  deutsche
       Kleinbürger über  seine eigne  Ohnmacht tröstet. Er glaubt gerade
       wie Sancho, in dem Kampfe der Bourgeoisinteressen gegen die Reste
       der Feudalität  und absoluten  Monarchie in ändern Ländern handle
       es sich nur um die Prinzipienfrage,  w o v o n  "d e r
       
       #296# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Mensch" frei werden solle. (Siehe auch oben den politischen Libe-
       ralismus.) Er  sieht daher  in der Handelsfreiheit nur eine Frei-
       heit und  kannegießert mit vieler Wichtigkeit und ganz wie Sancho
       darüber, ob  "d e r  Mensch" "unter allen Umständen" Handelsfrei-
       heit haben müsse oder nicht. Und wenn, wie dies unter diesen Ver-
       hältnissen nicht  anders möglich, seine Freiheitsbestrebungen ein
       jämmerliches Ende  nehmen, so  tröstet er sich, abermals wie San-
       cho, damit,  daß   "d e r  Mensch" oder er selber doch nicht "von
       Allem frei  werden" könne, daß die Freiheit ein sehr unbestimmter
       Begriff sei und selbst Metternich und Karl X. an die "wahre Frei-
       heit" appellieren  konnten (p.  210 "des Buchs", wobei nur zu be-
       merken, daß  gerade die  Reaktionäre, namentlich  die historische
       Schule und  die Romantiker  [118], ebenfalls ganz wie Sancho, die
       wahre Freiheit  in die  Eigenheit, z.B. der Tiroler Bauern, über-
       haupt in  die eigentümliche Entwicklung der Individuen und weiter
       der Lokalitäten,  Provinzen und  Stände setzen)  - und daß er als
       Deutscher, wenn  er auch  nicht frei  sei, doch durch seine unbe-
       streitbare Eigenheit für alle Leiden entschädigt werde. Er sieht,
       noch einmal  wie Sancho, nicht in der Freiheit eine Macht, die er
       sich verschafft, und erklärt daher seine Ohnmacht für eine Macht.
       Was der  gewöhnliche deutsche Kleinbürger in aller Stille des Ge-
       mütes sich  leise zum  Tröste  sagt,  posaunt  der  Berliner  als
       geistreiche Wendung  laut aus. Er ist stolz auf seine lumpige Ei-
       genheit und eigne Lumperei.

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