Quelle: MEW 3 1845 - 1846
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#282# Karl Marx und Friedrich Engels
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4. Die Eigenheit
"Sich eine e i g n e W e l t gründen, das heißt sich einen
Himmel erbauen." p. 89 "des Buchs". *)
Wir haben bereits das innerste Heiligtum dieses Himmels
"durchschaut". Wir werden uns jetzt bestreben, "mehr Dinge" von
ihm kennenzulernen. Wir werden indes im Neuen Testament dieselbe
Heuchelei wiederfinden, die bereits im Alten durchging. Wie in
diesem die geschichtlichen Data nur Namen für ein paar einfache
Kategorien waren, so sind auch hier im Neuen Bunde alle
weltlichen Verhältnisse nur Verkleidungen, andre Benennungen
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*) [m Manuskript gestrichen:] Die Freiheit ist von den Philoso-
phen bisher in doppelter Weise bestimmt worden; einerseits als
Macht, als Herrschaft über die Umstände und Verhältnisse, in
denen ein Individuum lebt, - von allen Materialisten; andrerseits
als Selbstbestimmung, Lossein von der wirklichen Welt, als bloß
imaginäre Freiheit des Geistes - von allen Idealisten, besonders
den deutschen. - Nachdem wir vorhin in der "Phänomenologie" Sankt
Maxens wahren Egoisten seinen Egoismus im Auflösen, im Produzie-
ren des Losseins, der idealistischen Freiheit suchen sahen, nimmt
es sich komisch aus, wie er im Kapitel von der Eigenheit die ent-
gegengesetzte Bestimmung, die Macht über die ihn bestimmenden Um-
stände, die materialistische Freiheit gegenüber dem "Lossein"
geltend macht.
#283# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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für den magern Inhalt, den wir in der Phänomenologie und Logik
zusammengestellt haben. Unter dem Scheine, als spräche er von der
wirklichen Welt, spricht Sankt Sancho immer nur von diesen magern
Kategorien.
"Du willst nicht die F r e i h e i t, alle diese schönen Sachen
zu haben ... Du willst sie wirklich haben ... als D e i n
E i g e n t u m besitzen ... Du müßtest nicht nur ein
F r e i e r, Du müßtest auch ein E i g n e r sein." p. 205.
Hier wird eine der ältesten Formeln, zu denen die anfangende so-
ziale Bewegung kam, der Gegensatz des Sozialismus in seiner mise-
rabelsten Gestalt gegen den Liberalismus, zu einem Ausspruch des
"mit sich einigen Egoisten" erhoben. Wie alt dieser Gegensatz
selbst für Berlin ist, kann unser Heiliger schon daraus ersehen,
daß bereits in Rankes "Historisch-politischer Zeitschrift", Ber-
lin 1831, mit Schrecken darauf hingewiesen wird.
"Wie Ich sie" (die Freiheit) "benutze, das hängt von Meiner Ei-
genheit ab." p. 205.
Der große Dialektiker kann das auch umdrehen und sagen: Wie Ich
Meine Eigenheit benutze, das hängt von Meiner Freiheit ab. - Nun
fährt er fort:
"Frei - wovon?"
Hier verwandelt sich also durch einen Gedankenstrich die Freiheit
schon in die Freiheit v o n E t w a s, per apposit[ionem] von
"Allem ". Diesmal wird indes die Apposition in Form eines
scheinbar näher bestimmenden Satzes gegeben. Nachdem er nämlich
dies große Resultat erreicht hat, wird Sancho sentimental:
"O was läßt sich nicht Alles abschütteln!" Zuerst "das Joch der
Leibeigenschaft", dann eine ganze Reihe andrer Joche, die endlich
unvermerkt dahin führen, daß "die vollkommenste Selbstverleugnung
nichts als Freiheit, Freiheit ... vom eignen Selbst ist und der
Drang nach Freiheit als etwas Absolutem ... Uns um die
E i g e n h e i t brachte."
Durch eine höchst kunstlose Reihe von Jochen wird hier die Be-
freiung von der Leibeigenschaft, die die Geltendmachung der Indi-
vidualität der Leibeignen und zugleich die Niederreißung einer
bestimmten empirischen Schranke war, mit der viel früheren
christlich-idealistischen Freiheit aus den Briefen an die Römer
und Korinther identifiziert und damit die Freiheit überhaupt in
die Selbstverleugnung verwandelt. Hiermit wären wir schon mit der
Freiheit fertig, da sie jetzt unbestritten "das Heilige" ist. Ein
bestimmter historischer Akt der Selbstbefreiung wird von Sankt
Max in die abstrakte Kategorie "der Freiheit" verwandelt und
diese Kategorie dann wieder aus einer ganz ändern historischen
Erscheinung, die ebenfalls unter "die Freiheit" subsumiert werden
kann, näher bestimmt. Das ist das ganze Kunststück,
#284# Karl Marx und Friedrich Engels
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die Abschüttelung der Leibeigenschaft in die Selbstverleugnung zu
verwandeln.
Um dem deutschen Bürger seine Freiheitstheorie sonnenklar zu ma-
chen, fängt Sancho jetzt an, in der eignen Sprache des Bürgers,
speziell des Berliner Bürgers, zu deklamieren:
"Je freier Ich indes werde, desto mehr Zwang türmt sich vor Mei-
nen Augen auf, desto ohnmächtiger fühle Ich Mich. Der unfreie
Sohn der Wildnis empfindet noch nichts von all den Schranken, die
einen jebildeten Menschen bedrän[gen]: er dünkt sich freier als
dieser. In dem Maße, als Ich Mir Freiheit erringe, schaffe Ich
Mir neue Grenzen und neue Aufgaben; habe Ich die Eisenbahnen er-
funden, so fühle Ich Mich wieder schwach, weil Ich noch nicht,
dem Vogel gleich, die Lüfte durchsegeln kann, und habe Ich ein
Problem, dessen Dunkelheit Meinen Geist beängstigte, gelöst, so
erwarten Mich schon unzählige andere" pp. p. 205, 206.
O "unbeholfener" Belletrist für Bürger und Landmann!
Nicht "der unfreie Sohn der Wildnis", sondern "die gebildeten
Menschen" "dünken" sich den Wilden freier als den Gebildeten. Daß
der "Sohn der Wildniß" (den F. Halm in Szene gesetzt hat) [115]
die Schranken des Gebildeten nicht kennt, weil er sie nicht er-
fahren kann, ist ebenso klar, als daß der "gebildete" Berliner
Bürger, der den "Sohn der Wildniß" nur vom Theater kennt, von den
Schranken des Wilden nichts weiß. Die einfache Tatsache ist
diese: die Schranken des Wilden sind nicht die des Zivilisierten.
Die Vergleichung, die unser Heiliger zwischen Beiden anstellt,
ist die phantastische eines "gebildeten" Berliners, dessen Bil-
dung dann besteht, von Beiden nichts zu wissen. Daß er von den
Schranken des Wilden nichts weiß, ist erklärlich, obgleich etwas
davon zu wissen nach den vielen neueren Reisebeschreibungen eben
keine Kunst ist; daß er auch die des Gebildeten nicht kennt, be-
weist sein Exempel von den Eisenbahnen und dem Fliegen. Der tat-
lose Kleinbürger, dem die Eisenbahnen vom Himmel gefallen sind
und der eben deswegen glaubt, sie selbst erfunden zu haben, phan-
tasiert sogleich vom Luftflug, nachdem er einmal auf der Eisen-
bahn gefahren ist. In der Wirklichkeit kam e r s t der Luftbal-
lon und dann die Eisenbahnen. Sankt Sancho mußte dies umdrehen,
weil sonst Jedermann gesehen hätte, daß mit der Erfindung des
Luftballons das Postulat der Eisenbahnen noch lange nicht da war,
während man sich das Umgekehrte leicht vorstellen kann. Er stellt
überhaupt das empirische Verhältnis auf den Kopf. Als der Haude-
rer 1*) und Frachtwagen den entwickelten Bedürfnissen des Ver-
kehrs nicht mehr genügte, als u.a. die Zentralisation der Produk-
tion durch die große Industrie neue Mittel zum
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1*) nordwestdeutscher Ausdruck für Mietfuhrmann
#285# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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rascheren und massenweisen Transport ihrer Massen von Produkten
nötig machte, erfand man die Lokomotive und damit die Anwendung
der Eisenbahn auf den großen Verkehr. Dem Erfinder und den Aktio-
nären war es um ihren Profit, dem Commerce überhaupt um die Ver-
minderung der Produktionskosten zu tun; die Möglichkeit, ja die
absolute Notwendigkeit der Erfindung lag in den empirischen Ver-
hältnissen. Die Anwendung der neuen Erfindung in verschiednen
Ländern beruhte auf verschiednen empirischen Verhältnissen, z.B.
in Amerika auf der Notwendigkeit, die einzelnen Staaten des unge-
heuren Gebietes zu vereinigen und die halbzivilisierten Distrikte
des ' Innern mit dem Meere und den Stapelplätzen ihrer Produkte
zu verbinden. (Vgl. u.a. M. Chevalier, "Lettres sur l'Amérique du
Nord".) In ändern Ländern, wo man bei jeder neuen Erfindung nur
bedauert, daß sie nicht das Reich der Erfindungen vollendet, wie
z.B. in Deutschland - in solchen Ländern wird man endlich nach
vielem Widerstreben gegen die verwerflichen, keine Flügel verlei-
henden Eisenbahnen durch die Konkurrenz gezwungen, sie zu adop-
tieren und den Hauderer und Frachtwagen wie das altehrwürdige,
sittsame Spinnrad fahrenzulassen. Der Mangel an andrer gewinnrei-
cher Anlegung des Kapitals machte das Eisenbahnbauen zum dominie-
renden Industriezweig in Deutschland. Die Entwicklung seiner Ei-
senbahnbauten und seine Schlappen auf dem Weltmarkt gingen glei-
chen Schritt. Nirgend aber baut man Eisenbahnen der Kategorie
"d e r Freiheit v o n" zulieb, wie Sankt Max schon daraus er-
sehen konnte, daß Niemand Eisenbahnen baut, um f r e i v o n
seinem Geldsack zu werden. Der positive Kern der ideologischen
Verachtung des Bürgers gegen die Eisenbahnen aus Sehnsucht nach
dem Vogelflug ist die Vorliebe für den Hauderer, den Frachtwagen
und die Landstraße. Sancho sehnt sich nach der "eignen Welt",
die, wie wir oben sahen, der Himmel ist. Darum will er an die
Stelle der Lokomotive den feurigen Wagen Eliä setzen und gen Him-
mel fahren.
Nachdem sich diesem tatlosen und unwissenden Zuschauer das wirk-
liche Niederreißen der Schranken, das zugleich eine sehr positive
Entwicklung der Produktivkraft, reale Energie und Befriedigung
unabweisbarer Bedürfnisse, Ausdehnung der Macht der Individuen
ist, in das bloße Freiwerden v o n einer Schranke verwandelt
hat - was er wieder sich logisch als Postulat des Freiwerdens von
d e r Schranke schlechthin zurechtmachen kann - kommt jetzt am
Schluß der ganzen Entwicklung heraus, was bereits am Anfang vor-
ausgesetzt war:
"Freisein von Etwas - heißt nur: L e d i g oder L o s sein."
p. 206.
Er gibt gleich ein sehr unglückliches Exempel davon: "Er ist frei
vom Kopfweh ist gleich: Er ist es los", als ob nicht dies
"Lossein" vom Kopfschmerz
#286# Karl Marx und Friedrich Engels
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gleich wäre einer ganz positiven Dispositionskraft über meinen
Kopf, gleich einem Eigentum an meinen Kopf, während ich, solange
Ich Kopfschmerzen hatte, das Eigentum meines kranken Kopfes war.
"Im 'Los' vollenden wir die vom Christentum empfohlene Freiheit,
im Sündlos, Gottlos, Sittenlos usw." p. 206.
Daher findet unser "vollendeter Christ" auch seine Eigenheit erst
im "gedankenlos", "bestimmungslos", "berufslos", "gesetzlos",
"verfassungslos" pp. und fordert seine Brüder in Christo auf,
"sich nur wohlzufühlen im Auflösen", d. h. im Produzieren des
"Losseins", der "vollendeten", "christlichen Freiheit".
Er fährt fort:
"Müssen wir etwa, weil die Freiheit als ein christliches Ideal
sich verrät, sie aufgeben? Nein, N i c h t s s o l l
v e r l o r e n g e h en" (voilà notre conservateur tout trouvé
1*)), "auch die Freiheit nicht; aber sie soll unser e i g e n
werden, und das kann sie in der Form der Freiheit nicht." p. 207.
Unser "mit sich" (toujours et partout 2*)) "einiger Egoist" ver-
gißt hier, daß wir bereits im Alten Testament durch das christli-
che Ideal der Freiheit, d. h. durch die Einbildung der Freiheit,
zu "Eignern" der "Welt der Dinge" wurden; er vergißt ebenfalls,
daß wir danach nur noch die "Welt der Gedanken" loszuwerden
brauchten, um auch ihre "Eigner" zu werden; daß sich hier die
"Eigenheit" als K o n s e q u e n z d e r Freiheit, des Los-
seins für ihn ergab.
Nachdem unser Heiliger sich die Freiheit als Freisein v o n Et-
was und dies wieder als "Lossein", dies 3*) als christliches
Ideal der Freiheit und damit der Freiheit "d e s Menschen" zu-
rechtgemacht hat, kann er an diesem präparierten Material einen
praktischen Kursus seiner Logik durchmachen. Die erste einfachste
Antithese lautet:
Freiheit d e s Menschen - Freiheit Meiner,
wo in der Antithese die Freiheit aufhört, "in der Form der Frei-
heit" zu existieren. Oder:
Lossein im Interesse d e s Menschen} - {Lossein im Interesse
Meiner.
Diese beiden Antithesen ziehen sich, mit einem zahlreichen Ge-
folge von Deklamationen, durch das ganze Kapitel von der Eigen-
heit durch, aber mit ihnen allein würde unser welterobernder San-
cho noch zu sehr wenig, nicht einmal zur Insel Barataria, kommen.
Er hat sich oben, wo er sich das Treiben der Menschen aus seiner
"eignen Welt", seinem "Himmel" betrachtete, bei
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1*) dahaben wir unseren Konservativen ertappt - 2*) immer und
überall - 3*) MEGA: das
#287# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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seiner Abstraktion der Freiheit zwei Momente der wirklichen Be-
freiung auf die Seite gebracht. Das erste war, daß die Individuen
in ihrer Selbstbefreiung ein bestimmtes, wirklich empfundenes Be-
dürfnis befriedigen. An die Stelle der wirklichen Individuen trat
durch Beseitigung dieses Momentes "d e r M e n s c h" und an
die Stelle der Befriedigung des wirklichen Bedürfnisses das Stre-
ben nach einem phantastischen Ideal, der Freiheit als solcher,
der "Freiheit d e s Menschen".
Das Zweite war, daß ein in den sich befreienden Individuen bisher
nur als Anlage existierendes Vermögen erst als wirkliche Macht
betätigt oder eine bereits existierende Macht durch Abstreifung
einer Schranke vergrößert wird. Allerdings kann man das Abstrei-
fen der Schranke, das bloß eine F o l g e der neuen Machtschöp-
fung ist, als die Hauptsache betrachten. Zu dieser Illusion kommt
man aber nur dann, wenn man entweder die Politik als die Basis
der empirischen Geschichte annimmt oder wenn man, wie Hegel,
überall die Negation der Negation nachzuweisen hat, oder endlich,
wenn man, nachdem die neue Macht geschaffen ist, als unwissender
Berliner Bürger über die neue Schöpfung reflektiert. - Indem
Sankt Sancho dies zweite Moment zu seinem eignen Gebrauch auf
Seite bringt, hat er nun eine Bestimmtheit, die er dem übrigblei-
benden, abstrakten caput mortuum 1*) "d e r Freiheit" entgegen-
setzen kann. Hierdurch kommt er zu folgenden neuen Antithesen:
F r e i h e i t, die inhaltslose } {Eigenheit, das wirkliche
Entfernung der fremden Macht } - {Innehaben de eigenen Macht.
Oder auch:
Freiheit, Abwehr fremder Macht - Eigenheit, Besitz eigner Macht.
Wie sehr Sankt Sancho seine e i g n e "Macht", die er hier der
Freiheit gegenüberstellt, aus derselben Freiheit heraus und in
sich hinein eskamotiert hat, darüber wollen wir ihn nicht auf die
Materialisten oder Kommunisten, sondern nur auf das "Dictionnaire
de l'académie" verweisen, wo er finden kann, daß liberté 2*) am
häufigsten im Sinne von puissance 3*) gebraucht wird. Sollte
Sankt Sancho indes behaupten, daß er nicht gegen die
"l i b e r t é", sondern gegen die "F r e i h e i t" kämpfe,
so mag er sich bei Hegel über die negative und positive Freiheit
Rats erholen. Als deutscher Kleinbürger mag er sich an der
Schlußbemerkung dieses Kapitels delektieren.
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1*) wörtlich: toter Kopf; hier; Restbestandteil - 2*) Freiheit -
3*) Macht
#288# Karl Marx und Friedrich Engels
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Die Antithese kann auch so ausgedrückt werden:
Freiheit, idealistisches Trachten} {Eigenheit, w i r k l i-
nach Lossein und Kampf gegen das }-{c h e s Lossein und Genuß
Anderssein } {am eignen Dasein.
Nachdem er so durch eine wohlfeile A b s t r a k t i o n die
Eigenheit von der Freiheit u n t e r s c h i e d e n h a t,
gibt er sich den Schein, als fange er jetzt erst an, diesen Un-
terschied zu entwickeln, und ruft aus:
"Welch ein Unterschied zwischen Freiheit und Eigenheit!" p. 207.
Daß er außer den allgemeinen Antithesen sich nichts auf die Seite
gebracht hat, und daß neben dieser Bestimmung der Eigenheit auch
noch fortwährend die Eigenheit "im gewöhnlichen Verstande" höchst
ergötzlich mit unterläuft, wird sich zeigen.
"Innerlich kann man trotz des Zustandes der Sklaverei frei sein,
obwohl auch wieder nur von A l l e r l e i, nicht von
A l l e m; aber von der Peitsche, der gebieterischen Laune pp.
des Herrn wird man nicht f r e i."
"Dagegen Eigenheit, das ist Mein g a n z e s Wesen und Dasein,
das bin Ich selbst. Frei bin Ich von dem, was Ich l o s bin,
Eigner von dem, was Ich in Meiner M a c h t habe oder dessen
Ich mächtig bin. M e i n e i g e n bin Ich jederzeit und unter
allen Umständen, wenn Ich Mich zu haben v e r s t e h e und
nicht an Andre wegwerfe. Das Freisein kann Ich nicht wahrhaft
w o l l e n, weil Ich's nicht machen ... kann: Ich kann es nur
wünschen und danach trachten, d e n n e s bleibt ein Ideal,
ein Spuk. Die Fesseln der Wirklichkeit schneiden jeden Augenblick
in Mein Fleisch die schärfsten Striemen. M e i n E i g e n
aber bleibe Ich. Einem Gebieter leibeigen hingegeben, d e n k e
Ich nur an Mich und Meinen Vorteil; seine Schläge treffen Mich
zwar: Ich bin nicht davon f r e i; a b e r I c h e r d u l-
d e s i e n u r z u M e i n e m N u t z e n, etwa um ihn
durch den Schein der Geduld zu täuschen und ihn sicher zu machen,
oder auch, um nicht durch Widersetzlichkeit Ärgeres Mir
zuzuziehen. Da Ich aber Mich und Meinen Eigennutz im Auge be-
halte" (während die Schläge ihn und seinen Rücken im Besitz be-
halten), "so fasse Ich die nächste gute Gelegenheit beim Schöpfe"
(d. h., er "wünscht", er "trachtet" nach einer nächsten guten Ge-
legenheit, die aber "ein Ideal, ein Spuk bleibt"), "den Sklaven-
besitzer zu zertreten. Daß Ich dann von ihm und seiner Peitsche
f r e i werde, das ist nur die Folge Meines vorangegangenen Ego-
ismus. Man sagt hier vielleicht: Ich sei auch im Stande der Skla-
verei frei gewesen, nämlich 'an sich' oder 'innerlich'; allem 'an
sich frei' ist nicht 'wirklich frei', und 'innerlich' nicht
'äußerlich'. Eigen hingegen, M e i n e i g e n war Ich
g a n z u n d g a r, innerlich und ä u ß e r l i c h. Von
den Folterqualen und Geißelhieben ist Mein Leib nicht 'frei' un-
ter der Herrschaft eines grausamen Gebieters; a b e r M e i n e
K n o c h e n s i n d e s, w e l c h e u n t e r d e r
T o r t u r ä c h z e n, M e i n e F i b e r n z u c k e n
u n t e r d e n S c h l ä g e n, u n d I c h ä c h z e,
w e i l M e i n L e i b ä c h z t. D a ß I c h s e u f z e
u n d e r z i t t r e , b e w e i s t , d a ß I c h n o c h
b e i M i r, d a ß I c h M e i n e i g e n b i n." p. 207,
208.
#289# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Unser Sancho, der hier wieder den Belletristen für Kleinbürger
und Landmann spielt, beweist hier, daß er trotz der vielen Prü-
gel, die er schon bei Cervantes erhielt, stets sein "Eigner"
blieb und daß diese Prügel vielmehr zu seiner "Eigenheit" gehör-
ten. Sein "eigen" ist er "jederzeit und unter allen Umständen",
w e n n er sich zu haben v e r s t e h t. Hier ist also die
Eigenheit hypothetisch und hängt von seinem Verstande ab, unter
dem er eine sklavische Kasuistik versteht. Dieser Verstand wird
dann auch später zum D e n k e n, wo er an sich und seinen
"Vorteil" "denkt" - welches Denken und welcher gedachte "Vorteil"
sein gedachtes "Eigentum" sind. Er wird weiter dahin erklärt, daß
er die Schläge "zu seinem Nutzen" erduldet, wo die Eigenheit wie-
derum in der V o r s t e l l u n g des "Nutzens" besteht und wo
er das Arge "erduldet", um nicht "Eigner" von "Ärgerem" zu wer-
den. Später zeigt sich der Verstand auch als "Eigner" des Vorbe-
halts einer "nächsten guten Gelegenheit", also einer bloßen re-
servatio mentalis, und endlich als "Zertreten" des
"Sklavenbesitzers" in der Antizipation der Idee, wo er dann
"Eigner" dieser Antizipation ist, während der Sklavenbesitzer ihn
in der Gegenwart wirklich zertritt. Während er also hier sich mit
seinem B e w u ß t s e i n identifiziert, das sich durch aller-
lei Klugheitsmaximen zu beruhigen strebt, identifiziert er sich
am Schluß mit seinem L e i b e, so daß er ganz und gar, inner-
lich und äußerlich "sein eigen" ist, solange er noch einen Funken
Leben und selbst nur noch bewußtloses Leben in sich hat. Erschei-
nungen wie Ächzen der "Knochen", Zucken der Fibern usw., Erschei-
nungen, aus der Sprache der e i n z i g e n Naturwissenschaft
in die pathologische übersetzt, die durch Galvanismus an seinem
Kadaver, wenn man ihn frisch von dem Galgen abgeschnitten, an dem
er sich oben erhing, die selbst an einem toten Frosch hervorge-
bracht werden können, gelten ihm hier für Beweise, daß er "ganz
und gar", "innerlich und äußerlich" noch "sein eigen", seiner
mächtig ist. Dasselbe, woran sich die Macht und Eigenheit des
Sklavenbesitzers zeigt, daß gerade E r geprügelt wird und kein
Anderer, daß gerade s e i n e Knochen "ächzen", seine Fibern
zucken, ohne daß Er es ändern kann, das gilt unsrem Heiligen hier
für einen Beweis seiner eignen Eigenheit und Macht. Also wenn er
im surinamischen Spanso Bocho [116] eingespannt liegt, wo er we-
der Arme noch Beine noch sonst ein Glied rühren kann und Alles
über sich ergehen lassen muß, so besteht seine Macht und Eigen-
heit nicht dann, daß er über seine Glieder disponieren kann, son-
dern in dem Faktum, daß sie seine Glieder sind. Seine Eigenheit
rettete er hier wieder dadurch, daß er sich immer als Anders-Be-
stimmten faßte, bald als bloßes Bewußtsein, bald als bewußtlosen
Leib (siehe die Phänomenologie).
#290# Karl Marx und Friedrich Engels
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Sankt Sancho "erduldet" seine Tracht Prügel allerdings mit mehr
Würde als die wirklichen Sklaven. Die Missionäre mögen diesen
noch so oft im Interesse der Sklavenbesitzer vorhalten, daß sie
die Schläge "zu ihrem Nutzen erdulden", die Sklaven lassen sich
dergleichen Faseleien nicht einreden. Sie machen nicht die kühle
und furchtsame Reflexion, daß sie sonst "Ärgeres sich zuziehen"
würden, sie bilden sich auch nicht ein, "durch ihre Geduld den
Sklavenbesitzer zu täuschen" - sie verhöhnen ihre Peiniger im Ge-
genteil, sie spotten ihrer Ohnmacht, die sie nicht einmal zur De-
mütigung zwingen kann, und unterdrücken jedes "Ächzen", jede
Klage, solange der physische Schmerz es ihnen noch erlaubt.
(Siehe Charles Comte, "Traité de législation".) Sie sind also we-
der "innerlich" noch "äußerlich" ihre "Eigner", sondern bloß die
"Eigner" ihres Trotzes, was ebensogut so ausgedrückt werden kann,
daß sie weder "innerlich" noch "äußerlich" "frei", sondern "bloß
in einer Beziehung frei, nämlich "innerlich" frei von der Selbst-
demütigung sind, wie sie auch "äußerlich" zeigen. Insofern
"Stirner" die Prügel erhält, ist er Eigner der Prügel und damit
frei vom Nichtgeprügeltwerden, und diese Freiheit, dies Lossein
gehört zu seiner Eigenheit.
Daraus, daß Sankt Sancho ein besonderes Kennzeichen der Eigenheit
in den Vorbehalt setzt, bei "der nächsten guten Gelegenheit" weg-
zulaufen und in seinem dadurch bewerkstelligten "Freiwerden" "nur
die Folge seines vorangegangenen Egoismus" (s e i n e s, d.h.
des mit sich einigen Egoismus) sieht, geht hervor, daß er sich
einbildet, die revolutionierenden Neger von Haiti [117] und die
weglaufenden Neger aller Kolonien hätten nicht s i c h, sondern
"d e n Menschen" befreien wollen. Der Sklave, der den Entschluß
faßt, sich zu befreien, muß schon darüber hinaus sein, daß die
Sklaverei seine "Eigenheit" ist. Er muß "f r e i" von dieser
"E i g e n h e i t" sein. Die "Eigenheit" eines Individuums kann
aber allerdings darin bestehen, daß es sich "w e g w i r f t".
Es hieße "einen fremden Maßstab" an es legen, wenn "Man" das Ge-
genteil behaupten wollte.
Zum Schluß rächt sich Sankt Sancho für seine Prügel durch fol-
gende Anrede an den "Eigner" seiner "Eigenheit", den Sklavenbe-
sitzer:
"Mein B e i n ist nicht 'frei' von dem Prügel des Herrn, aber
es ist M e i n Bein und ist u n e n t r e i ß b a r. Er reiße
Mir's aus und sehe zu, ob er noch Mein Bein hat! Nichts behält er
in der Hand, als den - Leichnam Meines Beines, der so wenig Mein
Bein ist, als ein toter Hund noch ein Hund ist." p. 208.
Er - Sancho, der hier glaubt, der Sklavenbesitzer wolle sein
l e b e n d i g e s Bein haben, wahrscheinlich zum eignen Ge-
brauch - "sehe zu", was er von seinem "unentreißbaren" Beine noch
an sich hat. Er behält nichts als den Verlust seines Beines und
ist zum einbeinigen Eigner seines ausgerissenen
#291# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Beines geworden. Wenn er acht Stunden täglich die Tretmühle tre-
ten muß, so ist er es, der mit der Zeit zum Idioten wird, und der
Idiotismus ist dann seine "Eigenheit". Der Richter, der ihn dazu
verdammt hat, "sehe zu", ob er noch Sanchos Verstand "in der Hand
hat". Damit ist aber dem armen Sancho wenig geholfen.
"Das erste Eigentum, die erste Herrlichkeit ist erworben!"
Nachdem unser Heiliger an diesen eines Asketen würdigen Exempeln
den Unterschied zwischen Freiheit und Eigenheit mit bedeutenden
belletristischen Produktionskosten enthüllt hat, erklärt er p.
209 ganz unerwartet, daß
"zwischen der Eigenheit und Freiheit noch eine t i e f e r e
Kluft liegt als die bloße Wortdifferenz".
Diese "tiefere Kluft" besteht darin, daß die obige Bestimmung der
Freiheit unter "mancherlei Wandlungen" und "Brechungen" und
vielen "episodischen Einlagen" wiederholt wird. Aus der Bestim-
mung "d e r Freiheit" als "d e s Losseins" ergeben sich die
Fragen: wovon die Menschen frei werden sollen (p. 209) pp., die
Streitigkeiten über dies Wovon (ibid.) (er sieht hier wieder als
deutscher Kleinbürger in dem Kampfe der wirklichen Interessen nur
den Hader um die Bestimmung dieses "Wovon", wobei es ihm dann na-
türlich sehr verwundersam ist, daß "der Bürger" nicht "vom Bür-
gertum" frei werden will, p. 210), dann die Wiederholung des
Satzes, daß die Aufhebung einer Schranke die Position einer neuen
Schranke ist in der Form, daß "der Drang nach einer bestimmten
Freiheit stets die Absicht auf eine neue Herrschaft einschließt",
p. 210 (wobei wir erfahren, daß die Bourgeois in der Revolution
nicht auf ihre eigne Herrschaft, sondern auf "die Herrschaft des
Gesetzes" ausgingen - siehe oben über den Liberalismus), dann das
Resultat, daß man von Dem nicht los werden will, was Einem "ganz
recht ist, z.B. dem unwiderstehlichen Blick der Geliebten" (p.
211). Ferner ergibt sich, daß die Freiheit ein "Phantom" ist (p.
211), ein "Traum" (p. 212); dann erfahren wir nebenbei, daß "die
Naturstimme" auch einmal zur "Eigenheit" (p. 213) wird, dagegen
die "Gottes- und Gewissensstimme" für "Teufelswerk" zu halten
sei, und dann renommiert er: "Solche heillose Menschen" (die das
für Teufelswerk halten) "gibt es; wie werdet Ihr mit ihnen fertig
werden?" (p. 213, 214.) Aber nicht die Natur soll Mich, sondern
Ich soll Meine Natur bestimmen, geht die Rede des mit sich eini-
gen Egoisten. Und mein Gewissen ist auch eine "Naturstimme".
Bei dieser Gelegenheit ergibt sich dann auch, daß das Tier "sehr
richtige Schritte tut" (p. 213). Wir hören weiter, daß die
"Freiheit darüber schweigt, was nun weiter geschehen soll, nach-
dem Ich frei geworden bin" (p. 215).
#292# Karl Marx und Friedrich Engels
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(Siehe "Das hohe Lied Salomonis".) Die Exposition 1*) der obigen
"tieferen Kluft" wird damit beschlossen, daß Sankt Sancho die
Prügelszene wiederholt und sich diesmal etwas deutlicher über die
Eigenheit ausspricht.
"Auch unfrei, auch in tausend Fesseln geschlagen, bin Ich doch,
und Ich bin nicht etwa erst zukünftig und auf Hoffnung vorhanden,
wie die Freiheit, sondern Ich bin auch als Verworfenster der
Sklaven - gegenwärtig" (p. 215).
Hier stellt er also s i c h und "d i e F r e i h e i t" als
zwei Personen gegenüber, und die Eigenheit wird zum bloßen Vor-
handensein, Gegenwart, und zwar der "verworfensten" Gegenwart.
Hier ist die Eigenheit als bloße Konstatierung der persönlichen
Identität. Stirner, der sich bereits oben als "Geheimer-Polizei-
Staat" konstituierte, wirft sich hier zum Paßbüro auf. "Es sei
ferne", daß aus "der Welt des Menschen" "Etwas verlorengehe"!
(Siehe "Das hohe Lied Salomonis".)
Nach p. 218 kann man auch seine Eigenheit "aufgeben" durch die
"Ergebenheit", "Ergebung", obwohl sie nach dem Obigen nicht auf-
hören kann, solange man überhaupt v o r h a n d e n ist, sei es
auch in noch so "verworfner" oder "ergebner" Weise. Oder ist der
"verworfenste" Sklave nicht der "ergebenste"? Nach einer der frü-
heren Beschreibungen der Eigenheit kann man seine Eigenheit nur
dadurch "aufgeben", daß man sein L e b e n aufgibt.
p. 218 wird die Eigenheit einmal wieder als die eine Seite der
Freiheit, als Macht, gegen die Freiheit als Lossein geltend ge-
macht und unter den Mitteln, durch die Sancho seine Eigenheit zu
sichern vorgibt, "Heuchelei", "Betrug" (Mittel, die Meine Eigen-
heit anwendet, weil sie sich den Weltverhältnissen "ergeben"
mußte) usw. angeführt, "denn die Mittel, welche Ich anwende,
richten sich nach dem, was Ich bin". Wir haben schon gesehen, daß
unter diesen Mitteln die M i t t e l l o s i g k e i t eine
Hauptrolle spielt, wie sich auch wieder bei seinem Prozeß gegen
den Mond zeigt (siehe oben, Logik). Dann wird die Freiheit zur
Abwechslung als "S e l b s t b e f r e i u n g" gefaßt, "d.h.,
daß Ich nur so viel Freiheit haben kann, als Ich durch meine Ei-
genheit Mir verschaffe", wo die bei allen, namentlich deutschen
Ideologen vorkommende Bestimmung der Freiheit als S e l b s t-
b e s t i m m u n g, als Eigenheit auftritt. Dies wird uns daran
klargemacht, daß es "den Schafen" nichts "nützt", "wenn ihnen die
Redefreiheit gegeben wird" (p. 220). Wie trivial hier seine
Auffassung der Eigenheit als Selbstbefreiung ist, sieht man schon
aus seiner Wiederholung der bekanntesten Phrasen über oktroyierte
Freiheit, Freilassung, Sich-Freimachen usw. (p. 220, 221). Der
Gegensatz zwischen der
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1*) MEGA: Opposition
#293# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Freiheit als Lossein und der Eigenheit als Negation dieses Los-
seins wird nun auch poetisch ausgemalt:
"Die Freiheit weckt Euren Grimm gegen Alles, was Ihr nicht seid"
(sie ist also die g r i m m i g e Eigenheit, oder haben nach
Sankt Sancho die bil[i]ösen Naturen, z.B. Guizot, keine
"Eigenheit"? Und genieße Ich Mich nicht im Grimm gegen Andre?),
"der Egoismus ruft Euch z u r F r e u d e über Euch selbst,
zum Selbstgenusse" (er ist also die sich freuende Freiheit; wir
haben übrigens die Freude und den Selbstgenuß des mit sich eini-
gen Egoisten kennengelernt). "Die Freiheit ist und bleibt eine
Sehnsucht" (als ob die Sehnsucht nicht auch eine Eigenheit,
Selbstgenuß besonders geformter Individuen, namentlich der
christlich-germanischen wäre - und soll die Sehnsucht "verloren-
gehen"?). "Die Eigenheit ist eine Wirklichkeit, die v o n
s e l b s t so viel Unfreiheit beseitigt, als Euch hinderlich
den eignen Weg versperrt"
(wo denn, ehe die Unfreiheit beseitigt ist, meine Eigenheit eine
v e r s p e r r t e Eigenheit ist. Für den deutschen Kleinbürger
ist es wieder bezeichnend, daß ihm alle Schranken und Hindernisse
"von selbst" fallen, da er nie eine Hand dazu rührt und diejeni-
gen Schranken, die nicht "von selbst" fallen, durch Gewohnheit zu
seiner Eigenheit macht. Nebenbei bemerkt tritt hier die Eigenheit
als handelnde P e r s o n auf, obwohl sie später zur bloßen
B e s c h r e i b u n g des Eigners erniedrigt wird), p. 215.
Dieselbe Antithese erscheint uns wieder in folgender Form:
"Als E i g n e seid I h r w i r k l i c h A l l e s l o s,
und was Euch anhaftet, das habt Ihr angenommen, das ist Eure Wahl
und Belieben. Der Eigne ist der g e b o r n e F r e i e, der
Freie dagegen nur der Freiheitssüchtige."
Obgleich Sankt Sancho p. 252 "zugibt", "daß Jeder als
M e n s c h g e b o r e n wird, mithin die Neugebornen dann
gleich seien".
Was Ihr als Eigne nicht "los seid", das ist "Eure Wahl und Belie-
ben", wie oben bei dem Sklaven die Prügel. - Abgeschmackte Para-
phrase! - Die Eigenheit reduziert sich also hier auf die Einbil-
dung, daß Sankt Sancho Alles, was er nicht "los" ist, aus freiem
Willen angenommen und beibehalten habe, z.B. den Hunger, wenn er
kein Geld hat. Abgesehen von den vielen Sachen, z.B. Dialekt,
Skrofeln, Hämorrhoiden, Armut, Einbeinigkeit, Zwang zum Philoso-
phieren durch die Teilung der Arbeit ihm aufgedrungen pp. - abge-
sehen davon, daß es keineswegs von ihm abhängt, ob er diese Sa-
chen "annimmt" oder nicht, so hat er, selbst wenn wir uns für
einen Augenblick auf seine Voraussetzungen einlassen, doch immer
nur zwischen bestimmten, in seinem Bereiche liegenden und keines-
wegs durch seine Eigenheit gesetzten Dingen zu wählen. Als iri-
scher Bauer hat er z.B. nur dazwischen zu wählen, ob er Kartof-
feln essen oder verhungern will, und auch diese Wahl steht ihm
nicht
#294# Karl Marx und Friedrich Engels
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immer frei. Zu bemerken ist noch in dem obigen Satze die schöne
Apposition, wodurch, gerade wie im Recht, das "Annehmen" mit der
"Wahl" und dem "Belieben" ohne weiteres identifiziert wird. Was
übrigens Sankt Sancho unter einem "geborenen Freien" versteht,
ist weder in noch außer dem Zusammenhange zu sagen.
Und ist nicht auch ein ihm eingegebenes Gefühl sein von ihm ange-
nommenes Gefühl? Und erfahren wir nicht p. 84, 85, daß die
"eingegebnen" Gefühle nicht "eigne" Gefühle sind? Übrigens tritt
hier, wie wir bei Klopstock (der hier als Beispiel angeführt
wird) schon sahen, hervor, daß das "eigne" Verhalten keineswegs
mit dem individuellen Verhalten zusammenfällt; obwohl dem Klop-
stock das Christentum "ganz recht" gewesen zu sein und ihm kei-
neswegs "hinderlich den Weg versperrt zu haben" scheint.
"Der Eigner b r a u c h t sich nicht erst z u b e f r e i-
e n, weil er von vornherein Alles außer sich verwirft ...
Befangen im kindlichen Respekt, a r b e i t e t er gleichwohl
schon daran, sich aus dieser Befangenheit zu 'b e f r e i e n'."
Weil der Eigne sich nicht erst zu befreien b r a u c h t,
a r b e i t e t er schon als Kind daran, sich zu befreien, und
das Alles, weil er, wie wir sahen, der "g e b o r n e
F r e i e" ist. "Befangen im kindlichen Respekt", reflektiert er
bereits unbefangen, nämlich eigen, über diese seine eigne Befan-
genheit. Doch das darf uns nicht wundern - wir sahen schon im An-
fang des Alten Testaments, welch ein Wunderkind der mit sich ei-
nige Egoist war.
"D i e E i g e n h e i t a r b e i t e t in d e m k l e i-
n e n E g o i s t e n und v e r s c h a f f t ihm die begehr-
te 'Freiheit'."
Nicht "Stirner" lebt, sondern die "Eigenheit" lebt, "arbeitet"
und "verschafft" i n ihm. Wir erfahren hier, daß nicht die Ei-
genheit die B e s c h r e i b u n g des Eigners, sondern der
Eigner nur die U m s c h r e i b u n g der Eigenheit ist.
Das "Lossein" war, wie wir sahen, auf seiner höchsten Spitze das
Lossein vom Eignen Selbst, Selbstverleugnung. Wir sahen eben-
falls, daß er hiergegen die Eigenheit als Behauptung seiner
selbst, als Eigennutz geltend machte. Daß dieser Eigennutz aber
selbst wieder Selbstverleugnung war, haben wir auch gesehen.
Wir vermißten seit einiger Zeit "das Heilige" schmerzlich. Wir
finden es plötzlich auf p. 224 am Schluß der Eigenheit, ganz ver-
schämt, wieder, wo es sich mit folgender neuen Wendung legiti-
miert:
"Zu einer Sache, die Ich eigennützig betreibe" (oder auch gar
nicht betreibe), "habe Ich ein a n d e r e s Verhältnis als zu
einer, welcher Ich uneigennützig diene" (oder auch welche Ich be-
treibe).
#295# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Noch nicht zufrieden mit dieser merkwürdigen Tautologie, die
Sankt Max aus "Wahl und Belieben" "angenommen" hat, tritt auf
einmal der längst verschollene "Man" als die Identität des Heili-
gen konstatierender Nachtwächter wieder auf und meint, er
"könnte folgendes Erkennungszeichen anführen: Gegen Jene kann Ich
Mich v e r s ü n d i g e n oder eine S ü n d e begehen"
(sehenswerte Tautologie!), "die andre nur v e r s c h e r z e n,
von Mir stoßen, Mich darum bringen, d.h. eine Unklugheit bege-
hen". (Wobei er sich verscherzen, sich um sich bringen, um sich
gebracht - umgebracht werden kann.) "Beiderlei Betrachtungsweisen
erfährt die H a n d e l s f r e i h e i t, indem sie" teils für
das Heilige gehalten wird, teils nicht, oder wie Sancho selbst
dies umständlicher ausdrückt, "indem sie teils für eine Freiheit
angesehn wird, welche u n t e r U m s t ä n d e n gewährt oder
entzogen werden könne, teils für eine solche, die u n t e r
a l l e n U m s t ä n d e n h e i l i g zu halten sei." p.
224, 225.
Sancho zeigt hier wieder eine "eigne" "Durchschauung" der Frage
von der Handelsfreiheit und den Schutzzöllen. Ihm wird hiermit
der "Beruf" gegeben, einen einzigen Fall aufzuweisen, wo die Han-
delsfreiheit 1. w e i l sie eine "F r e i h e i t" ist und 2.
"u n t e r a l l e n U m s t ä n d e n" "heilig" gehalten
wurde. - Das Heilige ist zu allen Dingen nütze.
Nachdem, wie wir sahen, die Eigenheit vermittelst der logischen
Antithesen und des phänomenologischen "Auch-anders-Bestimmtseins"
aus der vorher zurechtgestutzten "Freiheit" k o n s t r u-
i e r t war, wobei Sankt Sancho Alles, was ihm gerade Recht war
(z.B. die Prügel) in die Eigenheit, und alles, was ihm nicht
recht war, in die Freiheit "verwarf", erfahren wir schließlich,
daß dies Alles noch nicht die wahre Eigenheit war.
"Die Eigenheit", heißt es p. 225, "ist keine I d e e, gleich
der Freiheit pp., sie ist nur eine Beschreibung des -
E i g n e r s."
Wir werden sehen, daß diese "Beschreibung des Eigners" darin be-
steht, die Freiheit in ihren drei von Sankt Sancho untergescho-
benen Brechungen des Liberalismus, Kommunismus und Humanismus zu
negieren, in ihrer W a h r h e i t zu fassen und diesen nach
der entwickelten Logik höchst einfachen Gedankenprozeß die Be-
schreibung eines wirklichen Ich zu nennen.
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Das ganze Kapitel von der Eigenheit reduziert sich auf die aller-
trivialsten Selbstbeschönigungen, mit denen sich der deutsche
Kleinbürger über seine eigne Ohnmacht tröstet. Er glaubt gerade
wie Sancho, in dem Kampfe der Bourgeoisinteressen gegen die Reste
der Feudalität und absoluten Monarchie in ändern Ländern handle
es sich nur um die Prinzipienfrage, w o v o n "d e r
#296# Karl Marx und Friedrich Engels
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Mensch" frei werden solle. (Siehe auch oben den politischen Libe-
ralismus.) Er sieht daher in der Handelsfreiheit nur eine Frei-
heit und kannegießert mit vieler Wichtigkeit und ganz wie Sancho
darüber, ob "d e r Mensch" "unter allen Umständen" Handelsfrei-
heit haben müsse oder nicht. Und wenn, wie dies unter diesen Ver-
hältnissen nicht anders möglich, seine Freiheitsbestrebungen ein
jämmerliches Ende nehmen, so tröstet er sich, abermals wie San-
cho, damit, daß "d e r Mensch" oder er selber doch nicht "von
Allem frei werden" könne, daß die Freiheit ein sehr unbestimmter
Begriff sei und selbst Metternich und Karl X. an die "wahre Frei-
heit" appellieren konnten (p. 210 "des Buchs", wobei nur zu be-
merken, daß gerade die Reaktionäre, namentlich die historische
Schule und die Romantiker [118], ebenfalls ganz wie Sancho, die
wahre Freiheit in die Eigenheit, z.B. der Tiroler Bauern, über-
haupt in die eigentümliche Entwicklung der Individuen und weiter
der Lokalitäten, Provinzen und Stände setzen) - und daß er als
Deutscher, wenn er auch nicht frei sei, doch durch seine unbe-
streitbare Eigenheit für alle Leiden entschädigt werde. Er sieht,
noch einmal wie Sancho, nicht in der Freiheit eine Macht, die er
sich verschafft, und erklärt daher seine Ohnmacht für eine Macht.
Was der gewöhnliche deutsche Kleinbürger in aller Stille des Ge-
mütes sich leise zum Tröste sagt, posaunt der Berliner als
geistreiche Wendung laut aus. Er ist stolz auf seine lumpige Ei-
genheit und eigne Lumperei.
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