Quelle: MEW 3 1845 - 1846
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#331# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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5. Die Gesellschaft als bürgerliche Gesellschaft
Wir werden uns bei diesem Kapitel etwas länger aufhalten, weil
es, nicht ohne Absicht, das konfuseste aller "im Buche" enthalte-
nen konfusen Kapitel
#332# Karl Marx und Friedrich Engels
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ist, und weil es zugleich am glänzendsten beweist, wie wenig es
unsrem Heiligen gelingt, die Dinge in ihrer profanen Gestalt ken-
nenzulernen. Statt sie zu profanieren, heiligt er sie, indem er
nur seine eigne heilige Vorstellung dem Leser "zugute kommen
läßt". Ehe wir auf die eigentliche bürgerliche Gesellschaft kom-
men, werden wir noch über das Eigentum überhaupt und in seinem
Verhältnis zum Staat einige neue Aufschlüsse vernehmen. Diese
Aufschlüsse erscheinen um so neuer, als sie Sankt Sancho Gelegen-
heit geben, seine beliebtesten Gleichungen über Recht und Staat
wieder anzubringen und dadurch seiner "Abhandlung" "mannigfalti-
gere Wandlungen" und "Brechungen" zu geben. Wir brauchen natür-
lich bloß die letzten Glieder dieser schon dagewesenen Gleichun-
gen zu zitieren, da der Leser sich aus dem Kapitel "Meine Macht"
ihres Zusammenhanges noch erinnern wird.
Privateigentum oder
bürgerliches Eigentum = Nicht Mein Eigentum,
= Heiliges Eigentum
= Fremdes Eigentum
= Respektiertes Eigentum oder
Respekt vor dem fremden Eigentum
= Eigentum des Menschen (p. 327,
369).
Aus diesen Gleichungen ergeben sich zugleich folgende Antithesen:
Eigentum im bürgerlichen} {Eigentum im egoistischen
Sinne}-{Sinne (p. 327).
"Eigentum des Menschen" - "Eigentum Meiner".
("Menschliche Habe" - Meine Habe) p. 324.
Gleichungen: Der Mensch = Recht
= Staatsgewalt
Privateigentum oder }= Rechtliches Eigentum (p. 324),
bürgerliches Eigentum) }
= Mein durch das Recht (p. 332),
= garantiertes Eigentum,
= Eigentum von Fremden,
= dem Fremden angehöriges Eigentum,
= dem Rechte angehöriges Eigentum,
= Rechtseigentum (p. 367, 332),
= ein Rechtsbegriff,
= Etwas Geistiges,
= Allgemeines,
#333# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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= Fiktion,
= reiner Gedanke, '
= fixe Idee,
= Gespenst,
= Eigentum des Gespenstes
(p. 368, 324, 332, 367, 369).
Privateigentum = Eigentum des Rechts.
Recht = Gewalt des Staats.
Privateigentum = Eigentum in der Gewalt des Staats
= Staatseigentum, oder auch
Eigentum = Staatseigentum.
Staatseigentum = Nichteigentum Meiner.
Staat = der alleinige Eigentümer
(p. 339. 334).
Wir kommen jetzt zu den Antithesen.
Privateigentum - Egoistisches Eigentum
Vom Recht (Staat, dem } {Von Mir zum Eigentum ermächtigt.
Menschen)}-{p. 339.
zum Eigentum berechtigt} {
Mein durch das Recht = Mein durch Meine Macht oder Ge-
walt (p. 332).
Vom Fremden gegebenes}-{Von Mir genommenes Eigentum
Eigentum} {(p. 339).
Rechtliches Eigentum - Rechtliches Eigentum des Andern
Anderer ist, was Mir Recht ist (p. 339),
was in hundert andern Formeln, wenn man z.B. Vollmacht statt
Macht setzt · oder schon dagewesene Formeln anwendet, wiederholt
werden kann.
Privateigentum = Fremdheit}-{Mein Eigentum = Eigentum am
am Eigentum aller Andern } {Eigentum aller Andern
oder auch:
Eigentum an Einigem = Eigentum an Allem (p. 343).
Die Entfremdung als Beziehung oder Kopula in den obigen Gleichun-
gen kann auch in folgenden Antithesen ausgedrückt werden:
#334# Karl Marx und Friedrich Engels
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Privateigentum - egoistisches Eigentum
{Die heilige Beziehung zum
{Eigentum aufgeben",
{es nicht mehr als fremd betrachten,
"Sich auf das Eigentum als} {
Heiliges, Gespenst, bezie-} {vor dem Gespenst sich nicht mehr
hen", "es respektieren", }-{fürchten,
} {keinen Respekt vor dem Eigentum
"Respekt vor dem Eigentum } {haben,
haben" (p. 324). } {Das Eigentum der Respektslosig-
{keit haben
{(p. 368, 340, 343).
Die in obigen Gleichungen und Antithesen enthaltenen Modi der An-
eignung werden erst beim "Verein" ihre Erledigung finden; da wir
uns einstweilen noch in der "heiligen Gesellschaft" befinden, so
geht uns hier nur die Kanonisation an.
Note. Warum die Ideologen das Eigentumsverhältnis als ein Ver-
hältnis "des Menschen" fassen können, dessen verschiedene Form in
verschiedenen Epochen sich danach bestimmt, wie die Individuen
sich "d e n Menschen" vorstellen, das ist schon bei der
"Hierarchie" behandelt worden. Wir brauchen hier nur darauf zu-
rückzuverweisen.
Abhandlung 1: Über Parzellierung des Grundbesitzes, Ablösung der
Servituten und Verschlingung des kleinen Grundeigentums durch das
große.
Diese Sachen werden Alle aus dem heiligen Eigentum und der Glei-
chung bürgerliches Eigentum = Respekt vor dem Heiligen entwic-
kelt.
1. "Eigentum im bürgerlichen Sinn bedeutet h e i l i g e s Ei-
gentum, derart, daß Ich Dein Eigentum r e s p e k t i e r e n
muß. 'Respekt vor dem Eigentum!' D a h e r möchten die Politi-
ker, daß Jeder sein Stückchen Eigentum besäße, und haben durch
dies Bestreben zum Teil eine unglaubliche Parzellierung herbeige-
führt." p. 327, 328. - 2. "Die politischen Liberalen tragen Sor-
ge, daß womöglich alle Servituten abgelöst werden und Jeder
freier Herr auf seinem Grunde sei, wenn dieser Grund auch nur so-
viel Bodengehalt hat" (der Grund hat B o d e n g e h a l t!),
"als von dem Dünger Eines Menschen sich hinlänglich düngen
läßt... Sei es auch noch so klein, wenn man nur Eigenes, nämlich
ein r e s p e k t i e r t e s E i g e n t u m hat. Je mehr
solcher Eigner, desto mehr freie Leute und gute Patrioten hat der
Staat." p. 328. - 3. "Es rechnet der politische Liberalismus, wie
alles Religiöse, auf den R e s p e k t, die Humanität, die Lie-
bestugenden. Darum lebt er auch in unaufhörlichem Ärger. D e n n
i n d e r P r a x i s r e s p e k t i e r e n d i e
L e u t e N i c h t s, und alle Tage werden die kleinen Besit-
zungen wieder von größeren Eigentümern aufgekauft, und aus den
'freien Leuten' werden Tagelöhner. Hätten dagegen die 'kleinen
Eigentümer'
#335# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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b e d a c h t, daß auch das große Eigentum das Ihrige sei, so
hätten sie sich nicht selber respektvoll davon ausgeschlossen und
würden nicht ausgeschlossen worden sein." p. 328.
1. Zuerst wird hier also die ganze Bewegung der Parzellierung,
von der Sankt Sancho nur weiß, daß sie das Heilige ist, aus einer
bloßen Einbildung erklärt, die "d i e Politiker" "sich in den
Kopf gesetzt haben". W e i l "d i e Politiker" "Respekt vor
dem Eigentum" verlangen, d a h e r "möchten" sie die Parzellie-
rung, die noch dazu überall durch das N i c h t r e s p e k-
t i e r e n des fremden Eigentums durchgesetzt worden ist!
"D i e Politiker" haben "zum Teil eine unglaubliche Parzellie-
rung" wirklich "herbeigeführt". Es war also die Tat der
"Politiker", daß in Frankreich schon vor der Revolution, wie noch
heutzutage in Irland und teilweise in Wales, die Parzellierung in
Beziehung auf die K u l t u r des Bodens längst bestand und zur
Einführung der großen Kultur die Kapitalien und alle übrigen
Bedingungen mangelten. Wie sehr übrigens "die Politiker" die
Parzellierung heutzutage durchführen "möchten", kann Sankt Sancho
daraus ersehen, daß sämtliche französische Bourgeois mit der
Parzellierung, sowohl weil sie die Konkurrenz der Arbeiter unter
sich verringert, wie aus politischen Gründen, unzufrieden sind;
ferner daraus, daß sämtliche Reaktionäre (was Sancho schon aus
des alten Arndt "Erinnerungen" ersehen konnte) in der Parzel-
lierung weiter nichts sahen als die Verwandlung des Grundeigen-
tums in modernes, industrielles, verschacherbares, entheiligtes
Eigentum. Aus welchen ö k o n o m i s c h e n Gründen die
Bourgeois diese Verwandlung durchführen müssen, sobald sie zur
Herrschaft kommen - eine Verwandlung, die ebensogut durch die
Aufhebung der über den Profit überschießenden Grundrente wie
durch die Parzellierung geschehen kann -, das ist unsrem Heiligen
hier nicht weiter auseinanderzusetzen. Ebensowenig ist ihm
auseinanderzusetzen, wie die Form, in der diese Verwandlung
geschieht, von der Stufe abhängt, worauf die Industrie, der
Handel, die Schiffahrt pp. eines Landes stehen. Die obigen Sätze
über Parzellierung sind weiter nichts als eine bombastische
Umschreibung des einfachen Faktums, daß an verschiedenen Orten,
"hie und da", eine große Parzellierung existiert - ausgedrückt in
der kanonisierenden Redeweise unsres Sancho, die auf Alles und
Nichts paßt. Im übrigen enthalten Sanchos obige Sätze nur die
Phantasien des deutschen Kleinbürgers über die Parzellierung, die
für ihn allerdings das Fremde, "das Heilige" ist. Vgl.
polit[ischen] Liberalismus.
2. Die Ablösung der Servituten, eine Misere, die nur in Deutsch-
land vorkommt, wo die Regierungen nur durch den fortgeschrittenen
Zustand der Nachbarländer und durch Finanzverlegenheiten dazu ge-
zwungen wurden, gilt hier unserm Heiligen für Etwas, das "die po-
litischen Liberalen" wollen,
#336# Karl Marx und Friedrich Engels
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um "freie Leute und gute Bürger" zu erzeugen. Sanchos Horizont
reicht wieder nicht über den pommerschen Landtag und die sächsi-
sche Abgeordnetenkammer hinaus. Diese deutsche Servituten-Ablö-
sung hat nie zu irgendeinem politischen oder ökonomischen Resul-
tat geführt und blieb als halbe Maßregel überhaupt ohne alle Wir-
kung. Von der h i s t o r i s c h wichtigen Ablösung der Servi-
tuten im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert, die aus der be-
ginnenden Entwicklung des Handels, der Industrie und dem Geldbe-
dürfnis der Grundbesitzer hervorging, weiß Sancho natürlich wie-
der Nichts.- Dieselben Leute, die in Deutschland die Servituten
ablösen wollten, um, wie Sancho glaubt, gute Bürger und freie
Leute zu machen, wie z.B. Stein und Vincke, fanden nachher, daß,
um "gute Bürger und freie Leute" zu erzeugen, die Servitute wie-
der hergestellt werden müßten, wie dies eben jetzt in Westfalen
versucht wird. Woraus folgt, daß der "Respekt" wie die Furcht
Gottes zu allen Dingen nütze ist.
3. Das "Aufkaufen" des kleinen Grundbesitzes durch die "großen
Eigentümer" findet nach Sancho statt, weil der "Respekt vor dem
Eigentum" in der Praxis nicht stattfindet. Zwei der alltäglich-
sten Folgen der Konkurrenz, Konzentration und Akkaparement, über-
haupt die K o n k u r r e n z, die ohne Konzentration nicht
existiert, erscheinen hier unsrem Sancho als V e r l e t-
z u n g e n des bürgerlichen, in der Konkurrenz sich bewegenden
E i g e n t u m s. Das bürgerliche Eigentum wird dadurch schon
verletzt, daß es existiert. Man darf nach Sancho Nichts kaufen,
ohne das Eigentum anzugreifen. *) Wie tief Sankt Sancho die
Konzentration des Grundbesitzes durchschaut hat, geht schon
daraus hervor, daß er nur den augenscheinlichsten Akt der
Konzentration, das bloße "Aufkaufen" darin sieht. Inwiefern übri-
gens die kleinen Eigentümer dadurch aufhören, Eigentümer zu sein,
daß sie Taglöhner werden, ist nach Sancho nicht abzusehen. Sancho
entwickelt ja selbst auf der nächsten Seite (p. 329) höchst fei-
erlich gegen Proudhon, daß sie "Eigentümer des ihnen verbleiben-
den Anteils am Nutzen des Ackers", nämlich des Arbeitslohns,
bleiben. "Es will mitunter etwa in der Geschichte gefunden wer-
den", daß abwechselnd der große Grundbesitz den kleinen und der
kleine den großen verschlingt, zwei Erscheinungen, die sich für
Sankt Sancho friedfertig in den zureichenden Grund auflösen, daß
"in der Praxis die Leute Nichts respektieren". Dasselbe gilt von
den übrigen vielfachen Gestalten des Grundeigentums. Und dann
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*) [Im Manuskript gestrichen:] Zu diesem Unsinn kommt Sankt San-
cho, weil er den juristischen, ideologischen Ausdruck des bürger-
lichen Eigentums für das wirkliche bürgerliche Eigentum hält und
sich nun nicht erklären kann, weshalb dieser seiner Illusion die
Wirklichkeit nicht entsprechen will.
#337# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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das weise "hätten die kleinen Eigentümer" usw.! Im "Alten Testa-
ment" sahen wir, wie Sankt Sancho nach spekulativer Manier die
Früheren die Erfahrungen der Späteren bedenken ließ; jetzt sehen
wir, wie er sich nach Kannegießer-Manier darüber beklagt, daß die
Früheren nicht nur die Gedanken der Späteren über sie, sondern
auch seinen eignen Unsinn nicht bedachten. Welche Schulmeister-
"Jescheitheit"! Hätten die Terroristen bedacht, daß sie Napoleon
auf den Thron bringen würden - hätten die englischen Barone von
Runnymede und der Magna Charta [131] bedacht, daß 1849 die Korn-
gesetze [17] abgeschafft werden würden - hätte Krösus bedacht,
daß Rothschild ihn an Reichtum übertreffen würde - hätte
Alexander der Große bedacht, daß Rotteck ihn beurteilen und sein
Reich den Türken in die Hände fallen würde - hätte Themistokles
bedacht, daß er die Perser im Interesse Ottos des Kindes schlagen
würde - hätte Hegel bedacht, daß er auf eine so "kommune" Weise
von Sankt Sancho exploitiert werden würde - hätte, hätte, hätte!
Von welchen "kleinen Eigentümern" bildet sich Sankt Sancho denn
ein zu sprechen? Von den eigentumslosen Bauern, welche durch
Zerschlagen des großen Grundbesitzes erst zu "kleinen
Eigentümern" w u r d e n, oder von denen, die heutzutage von
der Konzentration ruiniert werden? In beiden Fällen sieht Sankt
Sancho sich so ähnlich wie ein Ei dem andern. Im ersten Falle
schlössen sie sich ganz und gar nicht vom "großen Eigentum" aus,
sondern nahmen es Jeder so weit in Besitz, als er von den Andern
nicht ausgeschlossen wurde und Vermögen hatte. Dies Vermögen war
aber nicht das Stirnersche renommistische Vermögen, sondern ein
durch ganz empirische Verhältnisse bedingtes, z.B. durch ihre und
die ganze bisherige Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft,
die Lokalität und ihren größeren oder geringeren Zusammenhang mit
der Nachbarschaft, die Größe des in Besitz genommenen Grundstücks
und die Zahl derer, die es sich aneigneten, die Verhältnisse der
Industrie, des Verkehrs, die Kommunikationsmittel und Produk-
tionsinstrumente ppp. Wie wenig sie sich ausschließend gegen das
große Grundeigentum verhielten, geht schon daraus hervor, daß
viele unter ihnen selbst große Grundbesitzer wurden. Sancho macht
sich selbst vor Deutschland lächerlich mit seiner Zumutung, diese
Bauern hätten damals die Parzellierung, die noch gar nicht exi-
stierte und die damals die einzig revolutionäre Form für sie war,
überspringen und mit einem Satze m seinen mit sich einigen Egois-
mus sich lancieren sollen. Von seinem Unsinn gar nicht zu spre-
chen, war es ihnen nicht möglich, sich kommunistisch zu organi-
sieren, da ihnen alle Mittel abgingen, die erste Bedingung einer
kommunistischen Assoziation, die gemeinsame Bewirtschaftung,
durchzuführen, und da die Parzellierung vielmehr nur Eine der Be-
dingungen war, welche das Bedürfnis für eine solche
#338# Karl Marx und Friedrich Engels
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Assoziation später hervorriefen. Überhaupt kann eine kommunisti-
sche Bewegung nie vom Lande, sondern immer nur von den Städten
ausgehen.
Im zweiten Falle, wenn Sankt Sancho von den ruinierten Weinen Ei-
gentümern spricht - haben diese immer noch ein gemeinsames Inter-
esse mit den großen Grundeigentümern gegenüber der ganz besitzlo-
sen Klasse und gegenüber der industriellen Bourgeoisie. Und falls
dies gemeinsame Interesse nicht stattfindet, fehlt ihnen die
Macht, sich das große Grundeigentum anzueignen, weil sie zer-
streut wohnen und ihre ganze Tätigkeit und Lebenslage ihnen eine
Vereinigung, die erste Bedingung einer solchen Aneignung, unmög-
lich macht und eine solche Bewegung wieder eine viel allgemeinere
voraussetzt, die gar nicht von ihnen abhängt. - Schließlich kommt
Sanchos ganze Tirade darauf hinaus, daß sie sich bloß den Respekt
vor dem Eigentum Andrer aus dem Kopf schlagen sollen. Hiervon
werden wir weiter unten noch ein geringes Wörtlein vernehmen.
Nehmen wir schließlich noch den Einen Satz ad acta 1*): "I n
d e r P r a x i s r e s p e k t i e r e n d i e L e u t e
e b e n N i c h t s"; so daß es doch am "Respekt" "eben" nicht
zu liegen scheint.
A b h a n d l u n g Nr. 2: Privateigentum, Staat und Recht.
"Hätte, hätte, hätte!"
"Hätte" Sankt Sancho für einen Augenblick die kursierenden Gedan-
ken der Juristen und Politiker über das Privateigentum, wie die
Polemik dagegen, beiseite liegenlassen, hätte er dies Privatei-
gentum einmal in seiner empirischen Existenz, in seinem Zusammen-
hange mit den Produktivkräften der Individuen gefaßt, so würde
seine ganze Weisheit Salomonis, mit der er uns jetzt unterhalten
wird, sich in Nichts aufgelöst haben. Es "hätte" ihm dann schwer-
lich entgehen können (obwohl er, wie Habakuk [132], capable de
tout 2*) ist), daß das Privateigentum eine für gewisse Entwick-
lungsstufen der Produktivkräfte notwendige Verkehrsform ist, eine
Verkehrsform, die nicht eher abgeschüttelt, nicht eher zur Pro-
duktion des unmittelbaren materiellen Lebens entbehrt werden
kann, bis Produktivkräfte geschaffen sind, für die das Privatei-
gentum eine hemmende Fessel wird. Es "hätte" dann auch dem Leser
nicht entgehen können, daß Sancho sich auf materielle Verhält-
nisse einlassen mußte, statt die ganze Welt in ein System der
theologischen Moral aufzulösen, um diesem ein neues System
egoistisch sein sollender Moral entgegenzustellen. Es "hätte" ihm
nicht entgehen können, daß es sich um ganz andre Dinge als den
"Respekt" und Despekt handelte. "Hätte, hätte, hätte!"
Dies "hätte" ist übrigens nur ein Nachklang des obigen Sancho-
schen
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1*) zu den Akten - 2*) zu allem fähig
#339# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Satzes; denn "hätte" Sancho dies Alles getan, so hätte er aller-
dings sein Buch nicht schreiben können.
Indem Sankt Sancho die Illusion der Politiker, Juristen und son-
stigen Ideologen, die alle empirischen Verhältnisse auf den Kopf
stellt, auf Treu und Glauben akzeptiert und noch in deutscher
Weise von dem Seinigen hinzutut, v e r w a n d e l t sich ihm
das P r i v a t e i g e n t u m in S t a a t s e i g e n-
t u m, resp. R e c h t s e i g e n t u m, an dem er nun ein
Experiment zur Rechtfertigung seiner obigen Gleichungen machen
kann. Sehen wir uns zuerst die Verwandlung des Privateigentums in
Staatseigentum an.
"Über das Eigentum entscheidet nur die Gewalt" (über die Gewalt
entscheidet einstweilen vielmehr das Eigentum), "und da der
Staat, gleichviel ob Staat der Bürger, Staat der Lumpe" (Stirner-
scher "Verein") "oder Staat der Menschen schlechthin der allein
Gewaltige ist, so ist er allein Eigentümer." p. 333.
Neben der Tatsache des deutschen "Staats der Bürger" figurieren
hier wieder Sanchosche und Bauersche Hirngespinste in gleicher
Ordnung, während die historisch bedeutenden Staatsbildungen nir-
gends zu finden sind. Er verwandelt den Staat zunächst in eine
Person, "d e n Gewaltigen". Das Faktum, daß die herrschende
Klasse ihre gemeinschaftliche Herrschaft zur öffentlichen Gewalt,
zum Staat konstituiert, versteht und verdreht er in deutsch-
kleinbürgerlicher Weise dahin, daß "der Staat" sich als eine
dritte Macht gegen diese herrschende Klasse konstituiert und alle
Gewalt ihr gegenüber in sich absorbiert. Er wird jetzt seinen
Glauben an einer Reihe von Exempeln bewähren.
Wenn das Eigentum unter der Herrschaft der Bourgeoisie wie zu al-
len Zeiten an- gewisse, zunächst ökonomische, von der Entwick-
lungsstufe der Produktivkräfte und des Verkehrs abhängige Bedin-
gungen geknüpft ist, Bedingungen, die notwendig einen juristi-
schen und politischen Ausdruck erhalten - so glaubt Sankt Sancho
in seiner Einfalt,
"der S t a a t knüpfe den Besitz des Eigentums" (car tel est
son bon plaisir 1*)) "an Bedingungen, wie er Alles daran knüpft,
z.B. die Ehe", p. 335.
Weil die Bourgeois dem Staat nicht erlauben, sich in ihre Pri-
vatinteressen einzumischen, und ihm nur soviel Macht geben, als
zu ihrer eignen Sicherheit und der Aufrechthaltung 2*) der Kon-
kurrenz nötig ist, weil die Bourgeois überhaupt nur insofern als
Staatsbürger auftreten, als ihre Privatverhältnisse dies
gebieten, glaubt Jacques le bonhomme, daß sie vor dem Staate
"Nichts sind".
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1*) denn so beliebt es ihm - 2*) MEGA: Aufrechterhaltung
#340# Karl Marx und Friedrich Engels
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"Der Staat hat nur ein Interesse daran, selbst reich zu sein; ob
Michel reich und Peter arm ist, gilt ihm gleich - sie sind Beide
vor ihm Nichts." p. 334.
Dieselbe Weisheit schöpft er p. 345 aus der Duldung der Konkur-
renz im Staat.
Wenn eine Eisenbahndirektion sich bloß um die Aktionäre zu küm-
mern hat, insofern sie ihre Einzahlungen leisten und ihre Divi-
denden empfangen, so schließt der Berliner Schulmeister in seiner
Unschuld, daß die Aktionäre "vor ihr Nichts sind, wie wir vor
Gott allzumal Sünder sind". Aus der Ohnmacht des Staats dem Trei-
ben der Privateigentümer gegenüber beweist Sancho die Ohnmacht
der Privateigentümer gegenüber dem Staat und seine eigne Ohnmacht
gegenüber Beiden.
Ferner. Weil die Bourgeois die Verteidigung ihres Eigentums im
Staat organisiert haben und "Ich" daher "jenem Fabrikanten" seine
Fabrik nicht abnehmen kann, außer innerhalb der Bedingungen der
Bourgeoisie, d.h. der Konkurrenz - glaubt Jacques le bonhomme:
"Der Staat hat die Fabrik als Eigentum, der Fabrikant nur als Le-
hen, als Besitztum." p. 347.
Ebenso "hat" der Hund, der mein Haus bewacht, das Haus "als Ei-
gentum", und Ich habe es nur "als Lehen, als Besitztum" vom
Hunde.
Weil die verdeckten materiellen Bedingungen des Privateigentums
häufig in Widerspruch treten müssen mit der j u r i s t i-
s c h e n I l l u s i o n über das Privateigentum, wie sich
z.B. bei Expropriationen zeigt, so schließt Jacques le bonhomme
daraus, daß
"hier das sonst verdeckte Prinzip, daß nur der Staat Eigentümer
sei, der Einzelne hingegen Lehnsträger, deutlich in die Augen
springt", p. 335.
Es "springt hier nur in die Augen", daß unserm wackern Bürger die
profanen Eigentumsverhältnisse hinter der Decke "des Heiligen"
aus den Augen gesprungen sind und daß er sich noch immer aus
China eine "Himmelsleiter" borgen muß, um eine "Sprosse der Kul-
tur" zu "erklimmen", auf der in zivilisierten Ländern sogar die
Schulmeister stehen. Wie hier Sancho die zur E x i s t e n z
des Privateigentums gehörigen Widersprüche zur N e g a t i o n
des Privateigentums macht, so verfuhr er, wie wir oben sahen, mit
den Widersprüchen innerhalb der bürgerlichen Familie.
Wenn die Bourgeois, überhaupt alle Mitglieder der bürgerlichen
Gesellschaft, genötigt sind, sich als Wir, als moralische Person,
als Staat zu konstituieren, um ihre gemeinschaftlichen Interessen
zu sichern, und ihre dadurch hervorgebrachte Kollektivgewalt
schon um der Teilung der Arbeit willen an Wenige delegieren, so
bildet sich Jacques le bonhomme ein, daß
#341# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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"Jeder nur so lange den Nießbrauch des Eigentums hat, als er
d a s I c h des Staats in sich trägt oder ein loyales Glied der
Gesellschaft ist ... Wer ein Staats-Ich, d.h. ein guter Bürger
oder Untertan ist, der trägt als s o l c h e s Ich, nicht als
eignes, das Lehen ungestört." p. 334, 335.
Auf diese Weise hat Jeder nur so lange den Besitz einer Eisen-
bahnaktie, als er "das Ich" der Direktion "in sich trägt", wonach
man also nur als Heiliger eine Eisenbahnaktie besitzen kann.
Nachdem Sankt Sancho auf diese Weise die Identität des Privat-
und Staatseigentums sich weisgemacht hat, kann er fortfahren:
"Daß der Staat nicht willkürlich dem Einzelnen entzieht, was er
vom Staate hat, ist nur dasselbe wie dies, daß der Staat sich
selbst nicht beraubt." p. 334, 335.
Daß Sankt Sancho nicht willkürlich Anderen ihr Eigentum raubt,
ist nur dasselbe wie dies, daß Sankt Sancho sich selbst nicht be-
raubt, da er ja alles Eigentum als das seinige "a n s i e h t".
Auf Sankt Sanchos übrige Phantasien über Staat und Eigentum, z.B.
daß der Staat die Einzelnen durch Eigentum "kirrt" und "belohnt",
daß er aus besonderer Malice die hohe Sporteltaxe erfunden habe,
um die Bürger zu ruinieren, wenn sie nicht loyal seien etc. etc.,
überhaupt auf die k l e i n b ü r g e r l i c h - d e u t-
s c h e Vorstellung von der A l l m a c h t des Staats, eine
Vorstellung, die bereits bei den alten deutschen Juristen
durchläuft und hier in hochtrabenden Beteuerungen sich auf-
spreizt, kann man uns nicht zumuten, weiter einzugehn.
Seine hinreichend nachgewiesene Identität von Staats- und Privat-
eigentum sucht er schließlich noch durch etymologische Synonymik
darzutun, wobei er seiner Gelehrsamkeit indes en ambas posaderas
schlägt.
"Mein Privateigentum ist nur Dasjenige, was der Staat Mir von dem
S e i n i g e n überläßt, indem er andere Staatsglieder darum
v e r k ü r z t (priviert): es ist Staatseigentum." p. 339.
Zufällig verhält sich die Sache gerade umgekehrt. Das Privatei-
gentum in R o m, worauf sich der etymologische Witz allein be-
ziehen kann, stand im direktesten Gegensatz zum Staatseigentum.
Der Staat gab allerdings den Plebejern Privateigentum, verkürzte
dagegen nicht "Andre" um ihr Privateigentum, sondern diese Plebe-
jer selbst um ihr Staatseigentum (ager publicus 1*)) [6] und ihre
politischen Rechte, und deshalb hießen sie s e l b s t privati,
Beraubte, nicht aber jene phantastischen "andern Staatsglieder",
von denen Sankt Sancho träumt. Jacques le bonhomme blamiert sich
in allen Ländern,
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1*) Land, das sich in öffentlichem Besitz befand
#342# Karl Marx und Friedrich Engels
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allen Sprachen und allen Epochen, sobald er auf positive Fakta zu
sprechen kommt, von denen "das Heilige" keine aprioristische
Kenntnis haben kann.
Die Verzweiflung darüber, daß der Staat alles Eigentum absor-
biert, treibt ihn in sein innerstes "empörtes" Selbstbewußtsein
zurück, wo er durch die Entdeckung überrascht wird, daß er
L i t e r a t ist. Er drückt diese Verwunderung . in folgenden
merkwürdigen Worten aus:
"Im Gegensatz zum Staat fühle Ich immer deutlicher, daß Mir noch
eine große Gewalt übrig bleibt, die Gewalt über Mich selbst";
was weiter dahin ausgeführt wird:
"An Meinen Gedanken habe Ich ein wirkliches Eigentum, womit Ich
Handel treiben kann." p. 339.
Der "Lump" Stirner, der "Mensch von nur ideellem Reichtum", kommt
also auf den verzweifelten Entschluß, mit der geronnenen, sauer
gewordenen Milch seiner Gedanken Handel zu treiben. [133] Und wie
schlau fängt er es an, wenn der Staat seine Gedanken für Contre-
bande erklärt? Horcht:
"Ich gebe sie auf" (allerdings sehr weise) "und tausche Andere
für sie ein" (d.h. falls Jemand ein so schlechter Geschäftsmann
sein sollte, seine Gedankenwechsel anzunehmen), "die dann Mein
neues, erkauftes Eigentum sind." p. 339.
Der ehrliche Bürger beruhigt sich nicht eher, als bis er es
schwarz auf weiß besitzt, daß er sein Eigentum redlich erkauft
hat. Siehe da den Trost des Berliner Bürgers in allen seinen
Staatsnöten und Polizeitrübsalen: "Gedanken sind zollfrei!"
Die Verwandlung des Privateigentums in Staatseigentum reduziert
sich schließlich auf die Vorstellung,, daß der Bourgeois nur be-
sitzt als Exemplar der Bourgeoisgattung, die in ihrer Zusammen-
fassung Staat heißt und den Einzelnen mit Eigentum belehnt. Hier
steht die Sache wieder auf dem Kopf. In der Bourgeoisklasse, wie
in jeder anderen Klasse, sind nur die persönlichen Bedingungen zu
gemeinschaftlichen und allgemeinen entwickelt, unter denen die
einzelnen Mitglieder der Klasse besitzen und leben. Wenn auch
früher dergleichen philosophische Illusionen in Deutschland kur-
sieren konnten, so sind sie doch jetzt vollständig lächerlich ge-
worden, seitdem der Welthandel hinlänglich bewiesen hat, daß der
bürgerliche Erwerb ganz unabhängig von der Politik, die Politik
dagegen gänzlich abhängig vom bürgerlichen Erwerb ist. Schon im
achtzehnten Jahrhundert war die Politik so sehr vom Handel abhän-
gig, daß z. B., als der französische Staat eine Anleihe machen
wollte, ein Privatmann für den Staat den Holländern gutsagen
mußte.
#343# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Daß die "Wertlosigkeit Meiner" oder "der Pauperismus" die
"Verwertung" oder das "Bestehen" des "Staats" ist (p. 336), ist
eine der 1001 Stirnerschen Gleichungen, die wir hier bloß deshalb
erwähnen, weil wir bei dieser Gelegenheit einige Neuigkeiten über
den Pauperismus hören.
"Der Pauperismus ist die W e r t l o s i g k e i t M e i n e r,
die Erscheinung, daß Ich Mich nicht verwerten kann. Deshalb ist
Staat und Pauperismus Ein und Dasselbe ... Der Staat geht alle-
zeit darauf aus, von Mir N u t z e n z u z i e h e n, d.h.
Mich zu exploitieren, auszubeuten, zu verbrauchen, bestände die-
ser Verbrauch auch nur darin, daß Ich für eine Proles 1*) sorge
(Proletariat). Er will, Ich soll seine Kreatur sein." p. 336.
Abgesehen davon, daß sich hier zeigt, wie wenig es von ihm ab-
hängt, sich zu verwerten, obgleich er seine Eigenheit überall und
immer durchsetzen kann, daß hier abermals Wesen und Erscheinung
im Gegensatz zu den früheren Behauptungen ganz voneinander ge-
trennt werden, kommt die obige kleinbürgerliche Ansicht unsres
Bonhomme wieder zutage, daß "der Staat" ihn exploitieren will.
Uns interessiert nur noch die altrömische etymologische Abstam-
mung des Proletariats, die hier naiverweise in den modernen Staat
eingeschmuggelt wird. Sollte Sankt Sancho wirklich nicht wissen,
daß überall, wo der moderne Staat sich entwickelt hat, das
"Sorgen für eine Proles" dem Staat, d.h. den offiziellen Bour-
geois, gerade die unangenehmste Tätigkeit des Proletariats ist?
Sollte er nicht etwa zu seinem eignen Besten auch Malthus und den
Minister Duchâtel ins Deutsche übersetzen? Sankt Sancho "fühlte"
vorhin "immer deutlicher", als deutscher Kleinbürger, daß ihm "im
Gegensatz zum Staat noch eine große Macht blieb", nämlich dem
Staat zum Trotz sich Gedanken zu machen. Wäre er ein englischer
Proletarier, so würde er gefühlt haben, daß ihm "die Macht
blieb", dem Staat zum Trotz Kinder zu machen.
Weitere Jeremiade gegen den Staat! Weitere Theorie des Pauperis-
mus! Er "schafft" zunächst als "Ich" "Mehl, Leinwand oder Eisen
und Kohlen", womit er die Teilung der Arbeit von vornherein auf-
hebt. Dann fängt er an, "lange" zu "klagen", daß seine Arbeit
nicht nach ihrem Wert bezahlt wird, und gerät zunächst in Kon-
flikt mit den Bezahlenden. Der Staat tritt dann "beschwichtigend"
dazwischen.
"Lasse Ich Mir nicht genügen an dem Preise, den er" (nämlich der
Staat) "für meine Ware und Arbeit festsetzt, trachte Ich viel-
mehr, den Preis Meiner Ware selbst zu bestimmen, d.h. Mich be-
zahlt zu machen, so gerate Ich zunächst" (großes "Zunächst" -
nicht mit dem Staat, sondern) "mit den Abnehmern der Ware in Kon-
flikt." p. 337.
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1*) Nachkommenschaft
#344# Karl Marx und Friedrich Engels
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Will er nun in ein "direktes Verhältnis" mit diesen Abnehmern
treten, d.h. "sie bei den Köpfen fassen", so "interveniert" der
Staat, "reißt den Menschen vom Menschen" (obgleich es sich nicht
vom "Menschen", sondern vom Arbeiter und Arbeitgeber oder, was er
durcheinanderwirft, vom Verkäufer und Käufer der Ware handelte),
und zwar tut der Staat dies in der böswilligen Absicht, "um sich
als Geist" (jedenfalls heiliger Geist) "in die Mitte zu stellen.
Die Arbeiter, welche höheren Lohn verlangen, werden als Verbre-
cher behandelt, sobald sie ihn e r z w i n g e n wollen." p.
337.
Hier haben wir wieder einmal eine Blütenlese des Unsinns. Herr
Senior hätte seine Briefe über den Arbeitslohn [134] sparen kön-
nen, wenn er sich vorher in ein "direktes Verhältnis" zu Stirner
gesetzt hätte; besonders da in diesem Falle der Staat wohl nicht
"den Menschen vom Menschen gerissen" haben würde. Sancho läßt
hier den Staat dreimal auftreten. Zuerst "beschwichtigend", dann
preisbestimmend, zuletzt als "Geist", als das Heilige. Daß Sankt
Sancho nach der glorreichen Identifikation des Privat- und
Staatseigentums den Staat auch den Arbeitslohn bestimmen läßt,
zeugt von gleich großer Konsequenz und Unbekanntschaft mit den
Dingen dieser Welt. Daß "die Arbeiter, welche höheren Lohn er-
zwingen wollen", in England, Amerika und Belgien keineswegs so-
gleich als "Verbrecher" behandelt werden, sondern im Gegenteil
oft genug diesen Lohn wirklich erzwingen, ist ebenfalls ein uns-
rem Heiligen unbekanntes Faktum und zieht durch seine Legende vom
Arbeitslohn einen großen Strich. Daß die Arbeiter, selbst wenn
der Staat nicht "in die Mitte träte", wenn sie ihre Arbeitgeber
"bei den Köpfen fassen", damit noch gar nichts gewinnen, noch
viel weniger als durch Assoziationen und Arbeitseinstellungen,
solange sie nämlich Arbeiter und ihre Gegner Kapitalisten bleiben
- das ist ebenfalls ein Faktum, das selbst in Berlin einzusehen
wäre. Daß die bürgerliche Gesellschaft, die auf der Konkurrenz
beruht, und ihr Bourgeoisstaat ihrer ganzen materiellen Grundlage
nach keinen andern als einen Konkurrenzkampf unter den Bürgern
zulassen können und nicht als "Geist", sondern mit Bajonetten da-
zwischentreten müssen, wenn die Leute sich "an den Köpfen fas-
sen", braucht ebenfalls nicht auseinandergesetzt zu werden.
Übrigens stellt Stirners Einfall, daß nur der Staat reicher
werde, wenn die Individuen auf der Basis des bürgerlichen Eigen-
tums reicher werden, oder daß bisher alles Privateigentum Staats-
eigentum gewesen sei, das historische Verhältnis wieder auf den
Kopf. Mit der Entwicklung und Akkumulation des bürgerlichen Ei-
gentums, d.h. mit der Entwicklung des Handels und der Industrie
wurden die Individuen immer reicher, während der Staat immer ver-
schuldeter ward. Dies Faktum trat schon hervor in den ersten ita-
lienischen
#345# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Handelsrepubliken, zeigte sich später in seiner Spitze in Holland
seit dem vorigen Jahrhundert, wo der Fondsspekulant Pinto schon
1750 darauf aufmerksam machte, und findet jetzt wieder statt in
England. Es zeigt sich daher auch, daß, sobald die Bourgeoisie
Geld gesammelt hat, der Staat bei ihr betteln gehen muß und end-
lich von ihr geradezu an sich gekauft wird. Dies findet in einer
Periode statt, in welcher die Bourgeoisie noch eine andre Klasse
sich gegenüberstehen hat, wo also der Staat zwischen Beiden den
Schein einer gewissen Selbständigkeit behalten kann. Der Staat
bleibt selbst nach diesem Ankauf immer noch geldbedürftig und da-
durch von den Bourgeois abhängig, kann aber dennoch, wenn es das
Interesse der Bourgeois erfordert, immer über mehr Mittel verfü-
gen als andre, weniger entwickelte und daher weniger verschuldete
Staaten. Aber selbst die unentwickeltsten Staaten Europas, die
der Heiligen Allianz [135], gehen diesem Schicksal unaufhaltsam
entgegen und werden von den Bourgeois angesteigert werden; wo sie
sich dann von Stirner mit der Identität von Privateigentum und
Staatseigentum vertrösten lassen können, namentlich sein eigner
Souverän, der vergebens die Stunde des Verschacherns der Staats-
macht an die "böse" gewordnen "Bürger" hinzuhalten strebt.
Wir kommen jetzt zu dem Verhältnis von Privateigentum und Recht,
wo wir dieselben Siebensachen in anderer Form wieder hören. Die
Identität von Staats- und Privateigentum erhält eine scheinbar
neue Wendung. Die politische A n e r k e n n u n g des Privat-
eigentums im Recht wird als B a s i s des Privateigentums aus-
gesprochen.
"Das Privateigentum lebt von der Gnade des Rechts. Nur im Rechte
hat es seine Gewähr - Besitz ist ja noch nicht Eigentum, es wird
erst das Meinige durch Zustimmung des Rechts -; es ist keine Tat-
sache, sondern eine Fiktion, ein Gedanke. Das ist das Rechtsei-
gentum, rechtliches Eigentum, g a r a n t i e r t e s Eigentum;
nicht durch Mich ist es Mein, sondern durchs - Recht." p. 332.
Dieser Satz treibt nur den schon dagewesenen Unsinn vom Staatsei-
gentum auf eine noch komischere Höhe. Wir gehen daher gleich auf
Sanchos Exploitation des fiktiven jus utendi et abutendi 1*)
über.
p. 332 erfahren wir außer der obigen schönen Sentenz, daß das Ei-
gentum
"die unumschränkte Gewalt über etwas ist, womit Ich schalten und
walten kann nach Gutdünken". "Die Gewalt" ist aber "nicht ein für
sich Existierendes, sondern lediglich im gewaltigen Ich, in Mir,
dem Gewaltigen", p. 366. Das Eigentum ist daher kein "Ding",
"nicht dieser Baum, sondern Meine Gewalt, Verfügung über ihn ist
die
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1*) das Recht, das Seinige zu gebrauchen und zu verbrauchen
(auch: zu mißbrauchen)
#346# Karl Marx und Friedrich Engels
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Meinige", p. 366. Er kennt bloß "Dinge" oder "Iche". Die "vom Ich
getrennte", gegen es verselbständigte, in ein "Gespenst" verwan-
delte "Gewalt ist das Recht". "Diese verewigte Gewalt" (Abhand-
lung über das Erbrecht) "erlischt selbst mit Meinem Tode nicht,
sondern wird übertragen oder vererbt. Die Dinge gehören nun
wirklich nicht Mir, sondern dem Rechte. Andererseits ist dies
weiter Nichts als eine Verblendung, denn die Gewalt des Einzelnen
wird allem dadurch permanent und ein Recht, daß Andre ihre Gewalt
mit der seinigen verbinden. Der Wahn besteht dann, daß sie ihre
Gewalt nicht wieder zurückziehen zu können glauben." p. 366, 367.
"Ein Hund sieht den Knochen in eines andern Gewalt und steht nur
ab, wenn er sich zu schwach fühlt. Der Mensch aber respektiert
das R e c h t des Andern an seinen Knochen ... Und wie hier, so
heißt überhaupt dies 'm e n s c h l i c h', wenn man in Allem
etwas G e i s t i g e s sieht, hier das Recht, d.h. Alles zu
einem Gespenste macht und sich dazu als zu einem Gespenste ver-
hält ... Menschlich ist es, das Einzelne nicht als Einzelnes,
sondern als" ein Allgemeines anzuschauen." p. 368, 369.
Das ganze Unheil entspringt also wieder aus dem Glauben der Indi-
viduen an den Rechtsbegriff, den sie sich aus dem Kopfe schlagen
s o l l e n. Sankt Sancho kennt nur "Dinge" und "Iche", und von
Allem, was nicht unter diese Rubriken paßt, von allen Verhältnis-
sen kennt er nur die abstrakten Begriffe, die sich ihm daher auch
in "Gespenster" verwandeln. "Andererseits" dämmert ihm freilich
zuweilen, daß dies Alles "weiter Nichts ist als eine Verblendung"
und daß "die Gewalt des Einzelnen" sehr davon abhängig ist, ob
Andre ihre Gewalt mit der seinigen verbinden. Aber in letzter In-
stanz läuft Alles doch auf "den Wahn" heraus, daß die Einzelnen
"ihre Gewalt nicht wieder zurückziehen zu können g l a u b e n".
Die Eisenbahn gehört wieder "wirklich" nicht den Aktionären, son-
dern den Statuten. Sancho gibt gleich ein schlagendes Exempel am
Erbrecht. Er erklärt es nicht aus der Notwendigkeit der Akkumula-
tion und der vor dem Recht existierenden Familie, sondern aus der
j u r i s t i s c h e n F i k t i o n von der V e r l ä n-
g e r u n g d e r G e w a l t über den Tod hinaus. Diese
juristische Fiktion selbst wird von allen Gesetzgebungen immer
mehr aufgegeben, je mehr die feudale Gesellschaft in die
bürgerliche übergeht. (Vergleiche z.B. den Code Napoleon.) Daß
die absolute väterliche Gewalt und das Majorat, sowohl das natur-
wüchsige Lehnsmajorat wie das spätere, auf sehr bestimmten mate-
riellen Verhältnissen beruhten, braucht hier nicht auseinanderge-
setzt zu werden. Dasselbe findet bei den antiken Völkern statt in
der Epoche der Auflösung des Gemeinwesens durch das P r i v a t-
l e b e n. (Bester Beweis die Geschichte des römischen Erb-
rechts.) Sancho konnte überhaupt kein unglücklicheres Beispiel
wählen als das Erbrecht, das am allerdeutlichsten die Abhän-
gigkeit des Rechts von den Produktionsverhältnissen zeigt.
Vergleich zum Beispiel römisches und germanisches Erbrecht. Ein
Hund hat freilich noch nie aus einem Knochen Phosphor, Knochen-
mehl
#347# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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oder Kalk gemacht, ebensowenig wie er sich je über sein "Recht"
an einen Knochen "etwas in den Kopf gesetzt hat"; Sankt Sancho
hat sich ebenfalls nie "in den Kopf gesetzt", darüber nachzuden-
ken, ob nicht das Recht, das die Menschen auf einen Knochen sich
vindizieren und die Hunde nicht, mit der Art zusammenhängt, wie
die Menschen diesen Knochen produktiv behandeln und die Hunde
nicht. Überhaupt haben wir hier an einem Beispiel die ganze Ma-
nier der Sanchoschen Kritik und seinen unerschütterlichen Glauben
an kurante Illusionen vor uns. Die bisherigen Produktionsverhält-
nisse der Individuen müssen sich ebenfalls als politische und
rechtliche Verhältnisse ausdrücken. (Sieh oben.) Innerhalb der
Teilung der Arbeit müssen diese Verhältnisse gegenüber den Indi-
viduen sich verselbständigen. Alle Verhältnisse können in der
Sprache nur als Begriffe ausgedrückt werden. Daß diese Allgemein-
heiten und Begriffe als mysteriöse Mächte gelten, ist eine not-
wendige Folge der Verselbständigung der realen Verhältnisse, de-
ren Ausdruck sie sind. Außer dieser Geltung im gewöhnlichen Be-
wußtsein erhalten diese Allgemeinheiten noch eine besondere Gel-
tung und Ausbildung von den Politikern und Juristen, die durch
die Teilung der Arbeit auf den Kultus dieser Begriffe angewiesen
sind und in ihnen, nicht in den Produktionsverhältnissen, die
wahre Grundlage aller realen Eigentumsverhältnisse sehen. Diese
Illusion adoptiert Sankt Sancho unbesehens, hat es damit fertig-
gebracht, das rechtliche Eigentum für die Basis des Privateigen-
tums und den Rechtsbegriff für die Basis des rechtlichen Eigen-
tums zu erklären, und kann nun seine ganze Kritik darauf be-
schränken, den Rechtsbegriff für einen Begriff, ein Gespenst zu
erklären. Womit Sankt Sancho fertig ist. Zu seiner Beruhigung
kann ihm noch gesagt werden, daß das Verfahren der Hunde, wenn
ihrer zwei einen Knochen finden, in allen ursprünglichen Gesetz-
büchern als Recht anerkannt wird: vim vi repellere licere 1*),
sagen die Pandekten [136]; idque jus natura comparatur 2*), wor-
unter verstanden wird jus quod natura omnia animalia - Menschen
und Hunden - docuit 3*); daß aber später die organisierte Repul-
sion der Gewalt durch die Gewalt "eben" das Recht ist.
Sankt Sancho, der nun im Zuge ist, dokumentiert seine rechtsge-
schichtliche Gelehrsamkeit dadurch, daß er Proudhon seinen
"Knochen" streitig macht. Proudhon, sagt er,
"schwindelt uns vor, die Sozietät sei die ursprüngliche Besitze-
rin und die einzige Eigentümerin von unverjährbarem Rechte; an
ihr sei der sogenannte Eigentümer zum Diebe geworden; wenn sie
nun dem dermaligen Eigentümer sein Eigentum entziehe,
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1*) Gewalt darf mit Gewalt abgewehrt werden - 2*) und dieses
Recht ist von der Natur gesetzt - 3*) ein Recht, das die Natur
alle Lebewesen gelehrt hat
#348# Karl Marx und Friedrich Engels
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so raube sie ihm Nichts, da sie nur ihr unverjährbares Recht gel-
tend mache. So weit kommt man mit dem Spuk der Sozietät als einer
m o r a l i s c h e n P e r s o n." p. 330, 331.
Dagegen will Stirner uns "vorschwindeln", p. 340, 367, 420 und
anderwärts, wir, nämlich die Besitzlosen, hätten den Eigentümern
ihr Eigentum geschenkt, aus Unkunde, Feigheit oder auch Gutmütig-
keit usw., und fordert uns auf, unser Geschenk zurückzunehmen.
Zwischen den beiden "Schwindeleien" ist der Unterschied, daß
Proudhon sich auf ein historisches Faktum stützt, während Sankt
Sancho sich nur etwas "in den Kopf gesetzt" hat, um der Sache
eine "neue Wendung" zu geben. Die neueren rechtsgeschichtlichen
Forschungen haben nämlich herausgestellt, daß sowohl in Rom wie
bei den germanischen, keltischen und slawischen Völkern die Ei-
gentumsentwicklung vom Gemeindeeigentum oder Stammeigentum aus-
ging und das eigentliche Privateigentum überall durch Usurpation
entstand, was Sankt Sancho freilich nicht aus der tiefen Einsicht
herausklauben konnte, daß der Rechtsbegriff ein Begriff ist. Den
juristischen Dogmatikern gegenüber war Proudhon vollständig be-
rechtigt, dies Faktum geltend zu machen und überhaupt sie mit ih-
ren eignen Voraussetzungen zu bekämpfen. "So weit kommt man mit
dem Spuk" des Rechtsbegriffs als eines Begriffs. Proudhon könnte
nur dann wegen seines obigen Satzes angegriffen werden, wenn er
dem über dies ursprüngliche Gemeinwesen hinausgegangenen Privat-
eigentum gegenüber die frühere und rohere Form verteidigt hätte.
Sancho resümiert seine Kritik Proudhons in der stolzen Frage:
"Warum so sentimental, als ein armer Beraubter, das Mitleid anru-
fen?" p. 420.
Die Sentimentalität, die übrigens bei Proudhon nirgends zu finden
ist, ist nur der Maritornes gegenüber erlaubt. Sancho bildet sich
wirklich ein, ein "ganzer Kerl" zu sein gegenüber einem Gespen-
stergläubigen wie Proudhon. Er hält seinen aufgedunsenen Kanzlei-
stil, dessen sich Friedrich Wilhelm IV. zu schämen hätte, für re-
volutionär. "Der Glaube macht selig!"
p. 340 erfahren wir:
"Alle Versuche, über das Eigentum vernünftige Gesetze zu geben,
liefen vom B u s e n d e r L i e b e in ein wüstes Meer von
Bestimmungen aus."
Hierzu paßt der gleich abenteuerliche Satz:
"Der bisherige Verkehr beruhte auf der Liebe, dem rücksichts-
vollen Benehmen, dem Füreinander-Tun." p. 385.
Sankt Sancho überrascht sich hier selbst mit einem frappanten Pa-
radoxon über das Recht und den Verkehr. Wenn wir uns indes erin-
nern, daß er unter "der Liebe" die Liebe zu "d e m Menschen",
überhaupt einem An-und-für-
#349# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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sich-Seienden, Allgemeinen, das Verhältnis zu einem Individuum
oder Ding als zum Wesen, zu dem H e i l i g e n versteht, so
fällt dieser glänzende Schein zusammen. Die obigen Orakelsprüche
lösen sich dann in die alten, durch das ganze "Buch" uns ennuyie-
renden Trivialitäten auf, daß zwei Dinge, von denen Sancho Nichts
weiß, nämlich hier das bisherige Recht und der bisherige Verkehr
- "das Heilige" sind, und daß überhaupt bisher nur "Begriffe die
Welt beherrscht" haben. Das Verhältnis zum Heiligen, sonst
"Respekt" genannt, kann auch gelegentlich "Liebe" tituliert wer-
den. (Siehe "Logik".)
Nur ein Beispiel, wie Sankt Sancho die Gesetzgebung in ein Lie-
besverhältnis und den Handel in einen Liebeshandel verwandelt:
"In einer Registrationsbill für Irland stellte die Regierung den
Antrag, Wähler diejenigen sein zu lassen, welche fünf Pfund Ster-
ling Armensteuer entrichten. Also wer Almosen gibt, der erwirbt
politische Rechte oder wird anderwärts Schwanenritter." p. 344.
Zuerst ist hier zu bemerken, daß diese "Registrationsbill", die
"politische Rechte" verleiht, eine Munizipal- oder Korporations-
bill war, oder, um für Sancho verständlich zu sprechen, eine
"Städteordnung", die keine "politischen Rechte", sondern städti-
sche Rechte, Wahlrecht für Lokalbeamte, verleihen sollte. Zwei-
tens sollte Sancho, der den MacCulloch übersetzt, doch wohl wis-
sen, was das heißt, "to be assessed to the poor-rates at five
pounds". Es heißt nicht "fünf Pfund Armensteuer zahlen", sondern
in den Armensteuerrollen als Bewohner eines Hauses eingetragen
sein, dessen jährliche Miete fünf Pfund beträgt. Der Berliner
Bonhomme weiß nicht, daß die Armensteuer in England und Irland
eine l o k a l e Steuer ist, die in jeder Stadt und in jedem
Jahre v e r s c h i e d e n ist, so daß es eine reine Unmög-
lichkeit wäre, irgendein Recht an einen bestimmten Steuerbetrag
knüpfen zu wollen. Endlich glaubt Sancho, daß die englische und
irische Armensteuer ein "Almosen" sei, während sie nur die Geld-
mittel zu einem offenen und direkten Angriffskrieg der herrschen-
den Bourgeoisie gegen das Proletariat aufbringt. Sie deckt die
Kosten der Arbeitshäuser, die bekanntlich ein Malthusianisches
Abschreckungsmittel gegen den Pauperismus sind. Man sieht, wie
Sancho "vom Busen der Liebe in ein wüstes Meer von Bestimmungen
ausläuft".
Beiläufig bemerkt, mußte die deutsche Philosophie, weil sie nur
vom Bewußtsein ausging, in Moralphilosophie verenden, wo dann die
verschiedenen Heroen einen Hader um die wahre Moral führen, Feu-
erbach hebt den Menschen um des Menschen willen, Sankt Bruno
liebt ihn, weil er es "verdient" (Wig[and,] p. 137), und Sankt
Sancho liebt "Jeden", weil es ihm gefällt, mit dem Bewußtsein des
Egoismus ("das Buch", p. 387).
#350# Karl Marx und Friedrich Engels
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Wir haben schon oben, in der ersten Abhandlung, gehört, wie die
kleinen Grundeigentümer sich respektvoll vom großen Grundeigentum
ausschlossen. Dies Sich-Ausschließen vom fremden Eigentum aus Re-
spekt wird überhaupt als Charakter des bürgerlichen Eigentums
dargestellt. Aus diesem Charakter weiß Stirner sich zu erklären,
warum
"innerhalb des Bürgertums trotz seines Sinnes, daß Jeder Eigentü-
mer sei, die Meisten soviel wie Nichts haben", p. 348. Dies
"kommt daher, weil die Meisten sich schon darüber freuen, nur
überhaupt Inhaber, sei es auch von einigen Lappen, zu sein". p.
349.
Daß "die Meisten" nur "einige Lappen" besitzen, erklärt sich Sze-
liga ganz natürlich aus ihrer Freude an den Lappen.
p. 343: "Ich wäre bloß Besitzer P Nein, bisher war man nur Besit-
zer, gesichert im Besitze einer Parzelle, dadurch, daß man Andere
auch im Besitze einer Parzelle ließ; jetzt aber gehört A l l e s
Mir. Ich bin Eigentümer von Allem, dessen Ich brauche und habhaft
werden kann."
Wie Sancho vorhin die kleinen Grundbesitzer sich respektvoll vom
großen Grundeigentum ausschließen ließ, jetzt die kleinen Grund-
besitzer sich voneinander, so konnte er weiter ins Detail gehen,
die Ausschließung des kommerziellen Eigentums vom Grundeigentum,
des Fabrikeigentums vom eigentlich kommerziellen usw. durch den
Respekt bewerkstelligen lassen und es so zu einer ganz neuen Öko-
nomie auf der Basis des Heiligen bringen. Er hat sich dann nur
den Respekt aus dem Kopf zu schlagen, um die Teilung der Arbeit
und die daraus hervorgehende Gestaltung des Eigentums mit Einem
Schlage aufzuheben. Zu dieser neuen Ökonomie gibt Sancho p. 128
"des Buchs" einen Beleg, wo er die Nadel nicht vom shopkeeper
1*), sondern vom Respekt kauft, und nicht mit Geld von dem shop-
keeper, sondern mit Respekt von der Nadel. Übrigens ist die von
Sancho angefeindete d o g m a t i s c h e Selbstausschließung
eines Jeden vom fremden Eigentum eine rein juristische Illusion.
In der heutigen Produktions- und Verkehrsweise schlägt Jeder ihr
ins Gesicht und trachtet gerade danach, alle Andern von ihrem
einstweiligen Eigentum auszuschließen. Wie es mit Sanchos
"Eigentum an Allem" aussieht, geht schon aus dem ergänzenden
Nachsatz hervor: "dessen Ich brauche und h a b h a f t
w e r d e n k a n n". Er erörtert dies selbst näher p. 353:
"Sage Ich: Mir gehört die Welt, so i s t d a s e i g e n t-
l i c h a u c h l e e r e s G e r e d e, das nur insofern
Sinn hat, als Ich kein fremdes Eigentum respektiere." Also
insofern der N i c h t r e s p e k t vor dem fremden Eigentum
s e i n E i g e n t u m ist.
Was Sancho an seinem geliebten Privateigentum kränkt, ist eben
die Ausschließlichkeit,
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1*) Krämer
#351# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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ohne die es Unsinn wäre, das Faktum, daß es außer ihm noch andre
Privateigentümer gibt. Fremdes Privateigentum ist nämlich heili-
ges. Wir werden sehen, wie er in seinem "Vereine" diesem Übel-
stand abhilft. Wir werden nämlich finden, daß sein egoistisches
Eigentum, das Eigentum im außergewöhnlichen Verstande, weiter
nichts ist als das durch seine heiligende Phantasie verklärte,
gewöhnliche oder bürgerliche Eigentum. Schließen wir mit dem
Spruch Salomonis:
"Gelangen die Menschen dahin, daß sie den Respekt vor dem Eigen-
tum verlieren, so wird Jeder Eigentum haben ... dann [werden
V e r e i n e auch in dieser Sache die Mittel des Einzelnen mul-
tiplizieren und sein angefochtenes Eigentum sicherstellen." p.
342.] 1*)
[Abhandlung 3: Über die Konkurrenz im gewöhnlichen und außerge-
wöhnlichen Verstande.]
Schreiber dieses begab sich eines Morgens im gebührlichen Kostüm
zum Herrn Minister Eichhorn:
"Weil es mit dem Fabrikanten nicht geht" (der Herr Finanzminister
hatte ihm nämlich weder Raum noch Geld zur Errichtung einer eige-
nen Fabrik gegeben, noch der Herr Justizminister ihm erlaubt, dem
Fabrikanten die Fabrik zu nehmen - siehe oben bürgerliches Eigen-
tum), "so will Ich mit jenem Professor der Rechte konkurrieren;
der Mann ist ein Gimpel, und Ich, der Ich hundertmal mehr weiß
als er, werde sein Auditorium leer machen." - "Hast Du studiert
und promoviert, Freund?" - "Nein, aber was tut das? Ich verstehe,
was zu dem Lehrfache nötig ist, reichlich." - "Tut mir leid, aber
die Konkurrenz ist hier nicht frei. Gegen Deine Person ist nichts
zu sagen, aber die Sache fehlt, das Doktordiplom. Und dies ver-
lange Ich, der Staat." - "Dies also ist die Freiheit der Konkur-
renz", seufzte Schreiber dieses, "der Staat, M e i n H e r r,
befähigt mich erst zum Konkurrieren." Worauf er niedergeschlagen
in seine Behausung zurückkehrte, p. 347.
In entwickelten Ländern wäre es ihm nicht vorgekommen, den Staat
um die Erlaubnis fragen zu müssen, ob er mit einem Professor der
Rechte konkurrieren dürfe. Wenn er sich aber an den Staat als
einen A r b e i t g e b e r wendet und Besoldung, d.h.
A r b e i t s l o h n verlangt, also sich selbst in das Konkur-
renzverhältnis stellt, so ist allerdings nach seinen schon dage-
wesenen Abhandlungen über Privateigentum und privati 2*), Ge-
meinde-Eigentum, Proletariat, lettres patentes 3*), Staat und
Status usw. nicht zu vermuten, daß er "glücklich werben" wird.
Der Staat kann ihn nach seinen bisherigen Leistungen höchstens
als Küster (custos) "des Heiligen" auf einer hinterpommerschen
Domäne anstellen.
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1*) Hier fehlen im Manuskript 4 Seiten - 2*) Beraubte -
3*) verbriefte Rechte
#352# Karl Marx und Friedrich Engels
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Zur Erheiterung können wir hier "episodisch" die große Entdeckung
Sanchos "einlegen", daß zwischen "A r m e n" und "R e i-
c h e n" kein "anderer Unterschied" existiert - "als der der
V e r m ö g e n d e n und U n v e r m ö g e n d e n". p. 354.
Stürzen wir uns jetzt wieder in das "wüste Meer" der Stirnerschen
"Bestimmungen" über die Konkurrenz:
"Mit der Konkurrenz ist w e n i g e r" (o "Weniger"!) "die Ab-
sicht verbunden, die Sache am besten zu machen, als die andre,
sie möglichst e i n t r ä g l i c h, ergiebig zu machen. Man
studiert daher auf ein Amt los (Brotstudium), studiert Katzen-
buckel und Schmeicheleien, Routine und Geschäftskenntnis, man
arbeitet auf den Schein. Während es daher scheinbar um eine
g u t e L e i s t u n g zu tun ist, wird in Wahrheit nur auf
ein gutes Geschäft und Geldverdienst gesehen. Man möchte zwar
nicht gerne Zensor sein, aber man will befördert sein ... man
fürchtet Versetzung oder gar Absetzung." p. 354, 355.
Unser Bonhomme möge ein ökonomisches Handbuch aufspüren, worin
selbst die Theoretiker behaupten, es sei in der Konkurrenz um
"eine gute Leistung" oder darum zu tun, "die Sache am besten zu
machen", und nicht, "sie möglichst einträglich zu machen". Er
kann übrigens in jedem derartigen Buche finden, daß innerhalb des
Privateigentums die ausgebildetste Konkurrenz, wie z.B. in Eng-
land, die "Sache" allerdings "am besten macht". Der kleine kom-
merzielle und industrielle Betrug wuchert nur unter bornierten
Konkurrenzverhältnissen, unter den Chinesen, Deutschen und Juden,
überhaupt unter den Hausierern und Kleinkrämern. Aber selbst den
Hausierhandel erwähnt unser Heiliger nicht; er kennt nur die Kon-
kurrenz der Supernumerarien und Referendarien, er beweist sich
hier als vollständigen k[öniglich] preuß[ischen] Subalternbeam-
ten. Er hätte ebensogut die Bewerbung der Hofleute aller Zeiten
um die Gunst ihres Fürsten als Beispiel der Konkurrenz anführen
können, aber das lag seinem kleinbürgerlichen Gesichtskreis viel
zu fern.
Nach diesen gewaltigen Abenteuern mit den Supernumerarien, Sala-
rien-Kassen-Rendanten und Registratoren besteht Sankt Sancho das
große Abenteuer mit dem famosen Roß Clavileno, davon der Prophet
Cervantes zuvor geredet hat im Neuen Testament am Einundvierzig-
sten. Sancho setzt sich nämlich aufs hohe ökonomische Pferd und
bestimmt das Minimum des Arbeitslohnes vermittelst "des Heili-
gen". Allerdings zeigt er hier wieder einmal seine angeborne
Furchtsamkeit und weigert sich anfangs, das fliegende Roß zu be-
steigen, das ihn in die Region trägt, "wo der Hagel, der Schnee,
der Donner, Blitz und Wetterstrahl erzeugt werden", weit über die
Wolken hinaus. Aber "der Herzog", das ist "der Staat", ermuntert
ihn, und nachdem der kühnere und erfahrnere Szeliga-Don Quijote
sich einmal in den Sattel
#353# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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geschwungen hat, klettert unser wackerer Sancho ihm nach auf die
Kruppe. Und als die Hand Szeligas die Schraube am Kopfe des Pfer-
des gedreht hatte, erhob es sich hoch in die Lüfte, und alle Da-
men, vornehmlich Mantornes, riefen ihnen nach: "Der mit sich ei-
nige Egoismus geleite Dich, tapferer Ritter, und noch tapfrerer
Schildknapp, und möge es Euch gelingen, uns von dem Spuk des Ma-
lambruno 1*), 'des Heiligen', zu befreien. Halte Dich nur in der
Balance, tapferer Sancho, damit Du nicht fallest und es Dir nicht
ergehe wie Phaeton, da er den Sonnenwagen lenken wollte!"
"Nehmen wir an" (er schwankt schon hypothetisch), "daß, wie die
O r d n u n g zum W e s e n des Staats gehört, so auch die
U n t e r o r d n u n g in seiner N a t u r" (angenehme Modu-
lation zwischen "Wesen" und "Natur" - den "Ziegen", die Sancho
auf seinem Fluge beobachtet) "gegründet ist, so sehen wir, daß
von den Untergeordneten" (soll wohl heißen Übergeordneten) "oder
Bevorzugten die Zurückgesetzten u n v e r h ä l t n i s-
m ä ß i g ü b e r t e u e r t und ü b e r v o r t e i l t
werden." p. 357.
"Nehmen wir an ... so sehen wir." Soll heißen: so nehmen wir an.
Nehmen wir an, daß "Übergeordnete" und "Untergeordnete" im Staat
existieren, so "nehmen wir" ebenfalls "an", daß erstere vor den
letzteren "bevorzugt" werden. Doch die stilistische Schönheit
dieses Satzes sowie die plötzliche Anerkennung des "Wesens" und
der "Natur" eines Dings schieben wir auf die Furchtsamkeit und
Verwirrung unsres ängstlich balancierenden Sancho während seiner
Luftfahrt sowie auf die unter seiner Nase abgebrannten Raketen.
Wir bewundern selbst nicht, daß Sankt Sancho sich die Folgen der
Konkurrenz nicht aus der Konkurrenz, sondern aus der Bürokratie
erklärt und den Staat hier wiederum den Arbeitslohn bestimmen
läßt. *)
Er bedenkt nicht, daß die fortwährenden Schwankungen des Arbeits-
lohns seiner ganzen schönen Theorie ins Gesicht schlagen und ein
näheres Eingehen auf industrielle Verhältnisse ihm allerdings Ex-
empel zeigen würde, wo ein Fabrikant von seinen Arbeitern nach
allgemeinen Konkurrenzgesetzen "übervorteilt" und "überteuert"
würde, wenn nicht diese juristischen und moralischen Ausdrücke
innerhalb der Konkurrenz allen Sinn verloren hätten.
---
*) [Im Manuskript gestrichen:] Er bedenkt hier wieder nicht, daß
die "Übervorteilung" und "Überteuerung" der Arbeiter in der mo-
dernen Welt auf ihrer Besitzlosigkeit beruht und daß diese Be-
sitzlosigkeit im direkten Widerspruch steht mit der von Sancho
den liberalen Bourgeois untergeschobenen Versicherung ["] den li-
beralen Bourgeois, die durch die Parzellierung des Grundbesitzes
einem Jeden Eigentum zu geben behaupten.
-----
1*) Gestalt aus "Don Quijote" von Cervantes
#354# Karl Marx und Friedrich Engels
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Wie einfältiglich und kleinbürgerlich sich in dem einzigen Schä-
del Sanchos die weltumfassendsten Verhältnisse abspiegeln, wie
sehr er als Schulmeister daran gebunden ist, aus allen diesen
Verhältnissen sich moralische Nutzanwendungen zu abstrahieren und
sie mit moralischen Postulaten zu widerlegen, das zeigt wieder
deutlich die Zwerggestalt, zu der für ihn die Konkurrenz zusam-
menschrumpft. Wir müssen diese kostbare Stelle in extenso 1*)
mitteilen, "auf daß Nichts verlorengehe".
"Was noch einmal die Konkurrenz betrifft, so hat sie gerade da-
durch Bestand, daß nicht Alle sich i h r e r S a c h e anneh-
men und sich über sie miteinander v e r s t ä n d i g e n. Brot
ist z.B. das Bedürfnis aller Einwohner einer Stadt, deshalb könn-
ten sie leicht übereinkommen, eine öffentliche Bäckerei einzu-
richten. Statt dessen überlassen sie die Lieferung des Bedarfs
den konkurrierenden Bäckern. Ebenso Fleisch den Fleischern, Wein
den Weinhändlern usw.... Wenn I c h Mich nicht um M e i n e
Sache bekümmere, so muß Ich mit dem v o r l i e b nehmen, was
anderen Mir zu gewähren b e l i e b t. Brot zu haben ist Meine
Sache, Mein Wunsch und Begehren, und doch überläßt man es den
Bäckern und hofft höchstens, durch ihren Hader, ihr Rangablaufen,
ihren Wetteifer, kurz, ihre Konkurrenz, einen Vorteil zu erlan-
gen, auf welchen man bei den Zünftigen, die g ä n z l i c h
u n d a l l e i n im Eigentum der Backgerechtigkeit saßen,
nicht rechnen konnte." p. 365.
Charakteristisch für unsern Kleinbürger ist es, daß er hier 2*)
eine Anstalt wie die öffentliche Bäckerei, die unter dem Zunftwe-
sen vielfach existierte und durch die wohlfeilere Produktions-
weise der Konkurrenz gestürzt wurde, eine lokale Anstalt, die
sich nur unter beschränkten Verhältnissen halten konnte und mit
dem Eintreten der Konkurrenz, welche die lokale Borniertheit auf-
hob, notwendig untergehen mußte - daß Sankt Sancho eine solche
Anstalt der Konkurrenz gegenüber seinen Mitspießbürgern emp-
fiehlt. Er hat nicht einmal das aus der Konkurrenz gelernt, daß
"der Bedarf", z.B. an Brot, jeden Tag ein anderer ist, daß es
keineswegs von ihm abhängt, ob morgen noch das Brot "seine Sache"
ist oder ob sein Bedürfnis den Andern noch für eine Sache gilt,
und daß innerhalb der Konkurrenz der Brotpreis durch die Produk-
tionskosten und nicht durch das Belieben der Bäcker bestimmt
wird. Er ignoriert sämtliche von der Konkurrenz erst geschaffenen
Verhältnisse, Aufhebung der Lokalbeschränkung, Herstellung von
Kommunikationen, ausgebildete Teilung der Arbeit, Weltverkehr,
Proletariat, Maschinerie pp., um einen wehmütigen Blick auf die
mittelalterliche Spießbürgerei zurückzuwerfen. Von der Konkurrenz
weiß er soviel, daß sie "Hader, Rangablaufen und Wetteifer" ist;
um ihren sonstigen Zusammenhang mit der Teilung der Arbeit, dem
Verhältnis von Nachfrage und Zufuhr etc. kümmert
-----
1*) ausführlich - 2*) MEGA : daß hier
#355# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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er sich nicht. *) Daß die Bourgeois sich allerdings überall, wo
es ihr Interesse erheischte (und darüber wissen sie besser zu ur-
teilen als Sankt Sancho), jedesmal "verständigten", soweit sie
innerhalb der Konkurrenz und des Privateigentums dies konnten,
zeigen die Aktiengesellschaften, die mit dem Aufkommen des See-
handels und der Manufaktur begannen und alle ihnen zugänglichen
Zweige der Industrie und des Handels an sich rissen. Solche
"Verständigungen", die u.a. zur Eroberung eines Reiches in Ostin-
dien führten, sind freilich kleinlich gegenüber der wohlmeinenden
Phantasie einer öffentlichen Bäckerei, die in der "Vossischen
Zeitung" besprochen zu werden verdiente. - Was die Proletarier
betrifft, so sind diese, wenigstens in ihrer modernen Gestalt,
erst aus der Konkurrenz entstanden und haben bereits vielfach ge-
meinschaftliche Anstalten errichtet, die aber jedesmal untergin-
gen, weil sie nicht mit den "hadernden" Privatbäckern, Fleischern
pp. konkurrieren konnten und weil für die Proletarier wegen ihrer
durch die Teilung der Arbeit selbst vielfach entgegengesetzten
Interessen eine andere als politische, gegen den ganzen jetzigen
Zustand gerichtete "Verständigung" unmöglich ist. Wo die Entwick-
lung der Konkurrenz die Proletarier befähigt, sich zu
"verständigen", da "verständigen" sie sich über ganz andre Dinge
als über öffentliche Bäckereien. **) Der Mangel an
"Verständigung", den Sancho hier unter den konkurrierenden Indi-
viduen bemerkt, entspricht und widerspricht vollständig seiner
weiteren Ausführung über die Konkurrenz, die Wir im Kommentar,
Wigand, p. 173, genießen.
"Man führte die Konkurrenz ein, weil man ein Heil für Alle darin
sah, man e i n i g t e sich über sie, man versuchte es g e-
m e i n s c h a f t l i c h mit ihr ... man stimmte in ihr etwa
so
---
*) [Im Manuskript gestrichen:] Sie hätten sich von vornherein
"verständigen" können. Daß erst die Konkurrenz eine "Verstän-
digung" (um dies moralische Wort zu gebrauchen) überhaupt möglich
macht, daß von einer Sanchoschen "Verständigung" Aller wegen der
entgegengesetzten Klasseninteressen keine Rede sein kann, das
kümmert unsren Weisen wenig. Überhaupt sehen diese deutschen
Philosophen ihre eigne kleine Lokalmisere für welthistorisch an,
während sie sich einbilden, bei den umfassendsten geschichtlichen
Verhältnissen habe es nur an ihrer Weisheit gefehlt, um die Sache
durch "Verständigung" abzumachen und Alles ins reine zu bringen.
Wie weit man mit solchen Phantasien kommt, sehen wir an unsrem
Sancho.
**) [Im Manuskript gestrichen:] "Sie" sollen sich über eine öf-
fentliche Bäckerei "verständigen". Daß diese "Sie", diese "Alle"
in jeder Epoche und unter verschiedenen Verhältnissen selbst ver-
schiedene Individuen mit verschiedenen Interessen sind, das geht
unsern Sancho natürlich gar nichts an. Überhaupt haben die Indi-
viduen der ganzen bisherigen Geschichte jedesmal den Fehler be-
gangen, nicht gleich von vornherein diese superkluge "Gescheit-
heit" sich anzueignen, mit welcher unsre deutschen Philosophen
nachträglich über sie kannegießern.
#356# Karl Marx und Friedrich Engels
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ü b e r e i n, wie sämtliche Jäger bei einer Jagd für ... ihre
Zwecke es zuträglich finden können, sich im Walde zu zerstreuen
und 'vereinzelt' zu jagen ... Jetzt freilich stellt es sich her-
aus ... daß bei der Konkurrenz nicht Jeder seinen Gewinn ... fin-
det."
"Es stellt sich hier heraus", daß Sancho von der Jagd geradeso-
viel weiß wie von der Konkurrenz. Er spricht nicht von einer
Treibjagd, auch nicht von einer Hetzjagd, sondern von der Jagd im
außergewöhnlichen Verstande. Es bleibt ihm nur noch übrig, nach
den obigen Prinzipien eine neue Geschichte der Industrie und des
Handels zu schreiben und einen "Verein" zu einer derartigen au-
ßergewöhnlichen Jagd zustande zu bringen.
Ganz in demselben stillen, gemütlichen und dorfzeitungsmäßigen
Geleise spricht er sich über die Stellung der Konkurrenz zu den
sittlichen Verhältnissen aus.
"Was der Mensch als solcher" (!) "an körperlichen Gütern nicht
behaupten kann, dürfen wir ihm nehmen: dies der Sinn der Konkur-
renz, der Gewerbefreiheit. Was er an geistigen Gütern nicht be-
haupten kann, verfällt uns gleichfalls. Aber unantastbar sind die
g e h e i l i g t e n Güter. Geheiligt und garantiert durch wen?
... Durch den Menschen oder den Begriff, den Begriff der Sache."
Als solche geheiligte Güter führt er an "das Leben", "Freiheit
der Person", "Religion", "Ehre", "Anstands-, Schamgefühl" usw. p.
325.
Alle diese "geheiligten Güter" "darf" Stirner in entwickelten
Ländern zwar nicht "dem Menschen als solchen", aber doch den
wirklichen Menschen nehmen, natürlich auf dem Wege und innerhalb
der Bedingungen der Konkurrenz. Die große Umwälzung der Gesell-
schaft durch die Konkurrenz, die die Verhältnisse der Bourgeois
untereinander und zu den Proletariern in reine Geldverhältnisse
auflöste, sämtliche obengenannte "geheiligte Güter" in Handelsar-
tikel verwandelte und für die Proletarier alle naturwüchsigen und
überkommenen, z.B. Familien- und politische Verhältnisse nebst
ihrem ganzen ideologischen Überbau zerstörte - diese gewaltige
Revolution ging allerdings nicht von Deutschland aus; Deutschland
spielte in ihr nur eine passive Rolle, es ließ sich seine gehei-
ligten Güter nehmen und bekam nicht einmal den kuranten Preis da-
für. Unser deutscher Kleinbürger kennt daher nur die heuchleri-
schen Beteuerungen der Bourgeois über die moralischen Grenzen der
Konkurrenz der Bourgeois, die die "geheiligten Güter" der Prole-
tarier, ihre "Ehre", "Schamgefühl", "Freiheit der Person" täglich
mit Füßen treten und ihnen selbst den Religionsunterricht entzie-
hen. Diese vorgeschützten "moralischen Grenzen" gelten ihm für
den wahren "Sinn" der Konkurrenz, und ihre Wirklichkeit existiert
nicht für ihren Sinn.
Sancho resümiert die Resultate seiner Forschungen über die Kon-
kurrenz In folgendem Satze:
#357# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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"Ist eine Konkurrenz frei, die der Staat, dieser Herrscher im
bürgerlichen Prinzip, in tausend Schranken einengt?" p. 347.
Das "bürgerliche Prinzip" Sanchos, "den Staat" überall zum
"Herrscher" zu machen und die aus der Produktions- und Verkehrs-
weise hervorgehenden Schranken der Konkurrenz für Schranken zu
halten, in die "der Staat" die Konkurrenz "einengt", spricht sich
hier noch einmal mit gebührender "Empörung" aus.
Sankt Sancho hat "in jüngster Zeit" "aus Frankreich" herüber
(vgl. Wigand, p. 190) allerlei Neuigkeiten läuten gehört, und un-
ter Andern über die Versachlichung der Personen in der Konkurrenz
und über den Unterschied zwischen Konkurrenz und Wetteifer. Aber
der "arme Berliner" hat "aus D u m m h e i t die schönen Sachen
verdorben". (Wig[and] ibidem, wo sein böses Gewissen aus ihm re-
det.) "So sagt er z.B." p. 346 "des Buchs":
"Ist die freie Konkurrenz denn wirklich frei? Ja, ist sie wirk-
lich eine Konkurrenz, nämlich der Personen, wofür sie sich aus-
gibt, weil sie auf diesen Titel ihr Recht gründet?"
Die Dame Konkurrenz gibt sich für etwas aus, weil sie (d.h. ei-
nige Juristen, Politiker und schwärmerische Kleinbürger, die
letzten Nachzügler in ihrem Gefolge) auf diesen Titel ihr Recht
gründet. Mit dieser Allegorie beginnt Sancho die "schönen Sachen"
"aus Frankreich" für den Meridian von Berlin zurechtzustutzen.
Wir übergehen die schon oben abgemachte absurde Vorstellung, daß
"der Staat gegen Meine Person nichts einzuwenden hat" und mir so
zu konkurrieren erlaubt, mir aber "die Sache" nicht gibt (p.
347), und gehen gleich auf seinen Beweis über, daß die Konkurrenz
keine Konkurrenz der Personen ist.
"Konkurrieren aber wirklich die Personen? Nein, wiederum n u r
die S a c h e n! Die Gelder in erster Reihe, usw.; in dem
Wetteifer wird immer Einer hinter dem Andern zurückbleiben. Al-
lein es macht einen Unterschied, ob die fehlenden Mittel durch
p e r s ö n l i c h e K r a f t gewonnen werden können oder nur
durch Gnade zu erhalten sind, nur als Geschenk, und zwar indem
z.B. der Ärmere dem Reicheren seinen Reichtum lassen, d.h. schen-
ken muß." p. 348.
Die Schenkungstheorie "schenken wir ihm" (Wig[and,] p. 190). Er
möge sich im ersten besten juristischen Handbuch, Kapitel
"Vertrag", unterrichten, ob ein "Geschenk", das er "schenken
muß", noch ein Geschenk ist. In dieser Weise "schenkt" uns Stir-
ner unsre Kritik seines Buchs, weil er sie uns "lassen, d.h.
schenken muß".
Die Tatsache, daß von zwei Konkurrenten, deren "Sachen" gleich
sind, der eine den andern ruiniert, besteht für Sancho nicht. Daß
die Arbeiter untereinander konkurrieren, obgleich sie keine
"Sachen" (im Stirnerschen
#358# Karl Marx und Friedrich Engels
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Verstande) besitzen, existiert desgleichen nicht für ihn. Indem
er die Konkurrenz der Arbeiter untereinander aufhebt, erfüllt er
einen der frommsten Wünsche unsrer "wahren Sozialisten", deren
wärmster Dank ihm nicht entgehen wird. "Nur die Sachen", nicht
"die Personen" konkurrieren. Nur die Waffen kämpfen, nicht die
Leute, die sie führen und zu führen gelernt haben. Diese sind
bloß zum Totgeschossenwerden da. So spiegelt sich der Konkurrenz-
kampf in den Köpfen kleinbürgerlicher Schulmeister ab, die sich
den modernen Börsenbaronen und Cotton-Lords 1*) gegenüber mit dem
Bewußtsein trösten, daß ihnen nur "die Sache" fehle, um ihre
"persönliche Kraft" gegen sie geltend zu machen. Noch komischer
wird diese bornierte Vorstellung, wenn man auf die "Sachen" etwas
näher eingeht, statt sich auf das Allergemeinste und Populärste,
z.B. "das Geld" (das indes nicht so populär ist, wie es scheint),
zu beschränken. Unter diese "Sachen" gehört u.a., daß der Konkur-
rent in einem Lande und in einer Stadt lebt, wo er dieselben Vor-
teile hat wie seine von ihm vorgefundenen Konkurrenten; daß das
Verhältnis von Stadt und Land eine fortgeschrittene Entwicklungs-
stufe erlangt hat; daß er in einer günstigen geographischen, geo-
logischen und hydrographischen Lage konkurriert; daß er als Sei-
denfabrikant in Lyon, als Baumwollfabrikant in Manchester fabri-
ziert oder in einer früheren Epoche als Reeder in Holland sein
Geschäft betrieb; daß die Teilung der Arbeit in seinem wie in an-
dern, von ihm keineswegs abhängigen Produktionszweigen eine hohe
Ausbildung erlangt hat, daß die Kommunikationen ihm denselben
wohlfeilen Transport sichern wie seinen Konkurrenten, daß er ge-
schickte Arbeiter und ausgebildete Aufseher vorfindet. Alle diese
"Sachen", die zum Konkurrieren nötig sind, überhaupt die Konkur-
renzfähigkeit auf dem W e l t m a r k t e (den er nicht kennt
und nicht kennen darf, um seiner Staatstheorie und öffentlichen
Bäckerei willen, der aber leider die Konkurrenz und Konkurrenzfä-
higkeit bestimmt), kann er sich weder durch "persönliche Kraft"
gewinnen noch durch "die Gnade" "des Staats" "schenken" "lassen"
(vgl. p. 348). Der preußische Staat, der es versuchte, der See-
handlung [137] alles dies zu "schenken", kann ihm darüber am be-
sten Belehrung geben. Sancho erweist sich hier als k[öniglich]
preuß[ischer] Seehandlungsphilosoph, indem er die Illusion des
preußischen Staats über seine Allmacht und die Illusion der See-
handlung über ihre Konkurrenzfähigkeit eines Breiteren glossiert.
Übrigens hat die Konkurrenz allerdings als eine "Konkurrenz der
Personen" mit "persönlichen Mitteln" angefangen. Die Befreiung
der Leibeigenen, die erste Bedingung der Konkurrenz, die erste
Akkumulation von "Sachen", waren rein "persönliche" Akte. Wenn
Sancho also die Konkurrenz der Personen an die
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1*) Baumwollkönigen
#359# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Stelle der Konkurrenz der Sachen setzen will, so heißt das: er
will in den Anfang der Konkurrenz zurückgehen, und zwar mit der
Einbildung, durch seinen guten Willen und sein außergewöhnlich-
egoistisches Bewußtsein der Entwicklung der Konkurrenz eine andre
Richtung geben zu können.
Dieser große Mann, dem Nichts heilig ist und der nach der "Natur
der Sache" und dem "Begriff des Verhältnisses" Nichts fragt/muß
dennoch zuletzt die "Natur" des Unterschiedes zwischen persönlich
und sachlich und den "Begriff des Verhältnisses" dieser beiden
Qualitäten für heilig erklären und damit darauf verzichten, sich
als "Schöpfer" dazu zu verhalten. Man kann diesen ihm heiligen
Unterschied, wie er ihn im zitierten Passus macht, indes aufhe-
ben, ohne darum "die maßloseste Entheiligung" zu begehen.
Zunächst hebt er ihn selbst auf, indem er durch persönliche Kraft
sachliche Mittel erwerben läßt und so die persönliche Kraft in
eine sachliche Macht verwandelt. Er kann dann ruhig an die Andern
das moralische Postulat stellen, sich persönlich zu ihm zu ver-
halten. Geradeso hätten die Mexikaner von den Spaniern verlangen
können, sie nicht mit Flinten zu erschießen, sondern mit den Fäu-
sten auf sie dreinzuschlagen oder mit Sankt Sancho "sie bei den
Köpfen zu fassen", um sich "persönlich" bei ihnen zu verhalten. -
Wenn der Eine durch gute Nahrung, sorgfältige Erziehung und kör-
perliche Übung eine ausgebildete Körperkraft und Gewandtheit er-
langt hat, während der Andre durch schmale und ungesunde Kost und
davon geschwächte Verdauung, durch Vernachlässigung in der Kind-
heit und durch übermäßige Anstrengung nie "Sachen" gewinnen
konnte, um Muskel anzusetzen, geschweige eine Herrschaft über sie
zu erhalten, so ist die "persönliche Kraft" des Einen dem Andern
gegenüber eine rein sachliche. Er hat sich nicht "die fehlenden
Mittel durch persönliche Kraft" gewonnen, sondern im Gegenteil,
er verdankt seine "persönliche Kraft" den vorhandenen sachlichen
Mitteln. Übrigens ist die Verwandlung der persönlichen Mittel in
sachliche und der sachlichen in persönliche nur eine Seite der
Konkurrenz, die von ihr gar nicht zu trennen ist. Die Forderung,
daß man nicht mit sachlichen, sondern mit persönlichen Mitteln
konkurrieren soll, kommt auf das moralische Postulat heraus, daß
die Konkurrenz und die Verhältnisse, von denen sie bedingt ist,
andre als ihre unvermeidlichen Wirkungen haben s o l l e n.
Abermalige und diesmal schließliche Zusammenfassung der Philoso-
phie der Konkurrenz.
"Die Konkurrenz leidet an dem Übelstande, daß nicht Jedem die
Mittel zum Konkurrieren zu Gebote stehen, weil sie nicht aus der
P e r s ö n l i c h k e i t entnommen sind, sondern aus der
Z u f ä l l i g k e i t. Die Meisten sind unbemittelt und des-
halb" (o Deshalb!) "unbegütert", p. 349.
#360# Karl Marx und Friedrich Engels
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Es ist ihm schon oben bemerkt worden, daß in der Konkurrenz die
Persönlichkeit selbst eine Zufälligkeit und die Zufälligkeit eine
Persönlichkeit ist. Die von der Persönlichkeit unabhängigen
"Mittel" zur Konkurrenz sind die Produktions- und Verkehrsbedin-
gungen der Personen selbst, die innerhalb der Konkurrenz den Per-
sonen gegenüber als eine unabhängige Macht erscheinen, als den
Personen zufällige Mittel. Die Befreiung der Menschen von diesen
Mächten wird nach Sancho dadurch bewerkstelligt, daß man sich die
V o r s t e l l u n g e n von diesen Mächten oder vielmehr die
philosophischen und religiösen Verdrehungen dieser Vorstellungen
aus dem Kopfe schlägt, sei es durch etymologische Synonymik
("Vermögen" und "vermögen"), moralische Postulate (z. B. Jeder
sei ein allmächtiges Ich) oder durch affenartige Grimassen und
gemütlich-burleske Renommagen gegen "das Heilige".
Schon früher hörten wir die Klage, daß in der jetzigen bürgerli-
chen Gesellschaft, namentlich des Staats wegen, das "Ich" sich
nicht verwerten, id est seine "Vermögen" nicht wirken lassen
könne. Jetzt erfahren wir noch, daß die "Eigenheit" ihm nicht die
Mittel zum Konkurrieren gibt, daß "seine Macht" keine Macht ist
und daß er "unbegütert" bleibt, wenn auch jeder Gegenstand, "weil
s e i n Gegenstand, auch sein E i g e n t u m ist". *) Das De-
menti des mit sich einigen Egoismus ist vollständig. Aber alle
diese "Übelstände" der Konkurrenz werden schwinden, sobald "das
Buch" in das allgemeine Bewußtsein übergegangen ist. Bis dahin
beharrt Sancho bei seinem Gedankenhandel, ohne es indes zu einer
"guten Leistung" zu bringen oder "die Sache am besten zu machen."
II. Die Empörung
Mit der Kritik der Gesellschaft ist die Kritik der alten, heili-
gen Welt beschlossen. Vermittelst der E m p ö r u n g springen
wir herüber in die neue egoistische Welt.
Was die Empörung überhaupt ist, haben wir bereits in der Logik
gesehen: die Aufkündigung des Respekts gegen das Heilige. Hier
indes nimmt sie außerdem noch einen besondern praktischen Charak-
ter an.
Revolution = heilige Empörung.
Empörung = egoistische oder profane Revolution.
Revolution = Umwälzung der Zustände.
Empörung = Umwälzung Meiner.
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*) [Im Manuskript gestrichen:] Der Unterschied zwischen Wesen und
Erscheinung setzt sich hier trotz Sancho durch.
#361# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Revolution = politische oder soziale Tat.
Empörung = Meine egoistische Tat.
Revolution = Umsturz des Bestehenden,
Empörung = Bestehen des Umsturzes,
etc. etc., p. 422 usf. Die bisherige Weise der Menschen, ihre
vorgefundene Welt umzustürzen, mußte natürlich auch für heilig
erklärt und eine "eigne" Art des Bruchs der vorhandenen Welt da-
gegen geltend gemacht werden.
Die Revolution "besteht in einer Umwälzung des bestehenden Zu-
standes oder Status, des Staats oder der Gesellschaft, ist mithin
eine p o l i t i s c h e oder s o z i a l e Tat". Die Empö-
rung "hat zwar eine Umwandlung der Zustände zur unvermeidlichen
Folge, geht aber nicht von ihr, sondern von der U n z u-
f r i e d e n h e i t d e r M e n s c h e n m i t s i c h
aus". "Sie ist eine Erhebung der Einzelnen, ein E m p o r-
k o m m e n, ohne Rücksicht auf die Einrichtungen, welche daraus
entsprießen. Die Revolution zielte auf neue E i n r i c h-
t u n g e n: die Empörung führt dahin, Uns nicht mehr einrichten
zu l a s s e n, sondern Uns selbst einzurichten. Sie ist kein
Kampf gegen das Bestehende, da, wenn sie gedeiht, das Bestehende
von selbst zusammenstürzt, sie ist nur ein Herausarbeiten Meiner
aus dem Bestehenden. Verlasse Ich das Bestehende, so ist es tot
und geht in Fäulnis über. Da nun nicht der Umsturz eines
Bestehenden Mein Zweck ist, sondern Meine Erhebung darüber, so
ist Meine Absicht und Tat keine politische oder soziale, sondern,
als allein auf Mich und Meine Eigenheit gerichtet, eine
e g o i s t i s c h e." p. 421, 422.
Les beaux esprits se rencontrent. 1*) Was die Stimme des Predi-
gers in der Wüste verkündete, ist in Erfüllung gegangen. Der
heillose Johannes Baptista "Stirner" hat im "Dr. Kuhlmann aus
Holstein" seinen heiligen Messias gefunden. Man höre:
"Ihr solltet nicht niederreißen und zerstören, was Euch da im
Wege stehet, sondern es umgehen und verlassen. Und wenn Ihr es
umgangen und verlassen habt, dann höret es von selber auf, denn
es findet keine Nahrung mehr." ("Das Reich des Geistes etc.",
Genf 1845, p. 116.)
Die Revolution und die Stirnersche Empörung unterscheiden sich
nicht, wie Stirner meint, dadurch, daß die Eine eine politische
oder soziale Tat, die Andre eine egoistische Tat ist, sondern da-
durch, daß die Eine eine Tat ist und die Andre keine. Der Unsinn
seines ganzen Gegensatzes zeigt sich sogleich darin, daß er von
"d e r Revolution" spricht, einer moralischen Person, die mit
"d e m Bestehenden", einer zweiten moralischen Person, zu kämp-
fen hat. Hätte Sankt Sancho die verschiedenen w i r k l i-
c h e n Revolutionen und revolutionären Versuche durchgegangen,
so hätte er vielleicht in ihnen selbst diejenigen Formen
gefunden, die er bei der Erzeugung seiner ideologischen "Empö-
rung"
-----
1*) Die schönen Geister finden sich zusammen
#362# Karl Marx und Friedrich Engels
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dunkel ahnte; z. B. bei den Korsikanern, Wandern, russischen
Leibeigenen und überhaupt bei unzivilisierten Völkern. Hätte er
sich ferner um die wirklichen, bei jeder Revolution "bestehenden"
Individuen und ihre Verhältnisse gekümmert, statt sich mit dem
reinen Ich und "d e m Bestehenden", d.i. der Substanz, zu be-
gnügen (eine Phrase, zu deren Sturz keine Revolution, sondern nur
ein fahrender Ritter wie Sankt Bruno nötig ist), so wäre er viel-
leicht zu der Einsicht gekommen, daß jede Revolution und ihre Re-
sultate durch diese Verhältnisse, durch die Bedürfnisse, bedingt
war und daß "die politische oder soziale Tat" keineswegs zu "der
egoistischen Tat" im Gegensatz stand.
Welche tiefe Einsicht Sankt Sancho in "die Revolution" hat, zeigt
sich in dem Ausspruch: "Die Empörung hat zwar eine Umwandlung der
Zustände zur Folge, geht aber nicht von ihr aus." Dies, in der
Antithese gesagt, impliziert, daß die Revolution "von einer Um-
wandlung der Zustände" ausgeht, d.h., daß die Revolution von der
Revolution ausgeht. Dagegen "geht" die Empörung "von der Unzu-
friedenheit der Menschen mit sich aus". Diese "Unzufriedenheit
mit sich" paßt vortrefflich zu den früheren Phrasen über die Ei-
genheit und den "mit sich einigen Egoisten", der stets "seinen
eignen Weg" gehen kann, der stets Freude an sich erlebt und in
jedem Augenblick das ist, was er sein kann. Die Unzufriedenheit
mit sich ist entweder die Unzufriedenheit mit sich innerhalb ei-
nes gewissen Zustandes, durch den die ganze Persönlichkeit be-
dingt ist, z. B. die Unzufriedenheit mit sich als Arbeiter - oder
die moralische Unzufriedenheit. Im ersten Falle also Unzufrieden-
heit zugleich und hauptsächlich mit den bestehenden Verhältnis-
sen; im zweiten Falle ein ideologischer Ausdruck dieser Verhält-
nisse selbst, der keineswegs über sie herausgeht, sondern ganz zu
ihnen gehört. Der erste Fall führt, wie Sancho glaubt, zur Revo-
lution; es bleibt also nur der zweite, die m o r a l i s c h e
Unzufriedenheit mit sich, für die Empörung. "Das Bestehende" ist,
wie wir wissen, "das Heilige"; die "Unzufriedenheit mit sich" re-
duziert sich also auf die moralische Unzufriedenheit mit sich als
einem Heiligen, d. h. einem Gläubigen an das Heilige, das Beste-
hende. Es konnte nur einem malkontenten Schulmeister einfallen,
sein Räsonnement über Revolution und Empörung auf Zufriedenheit
und Unzufriedenheit zu basieren. Stimmungen, die ganz dem klein-
bürgerlichen Kreise angehören, aus welchem Sankt Sancho, wie wir
fortwährend sehen, seine Inspirationen schöpft.
Was das "Heraustreten aus dem Bestehenden" für einen Sinn hat,
wissen wir schon. Es ist die alte Einbildung, daß der Staat von
selbst zusammenfällt, sobald alle Mitglieder aus ihm heraustre-
ten, und daß das Geld seine Geltung verliert, wenn sämtliche Ar-
beiter es anzunehmen verweigern. Schon in
#363# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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der hypothetischen Form dieses Satzes spricht sich die Phantaste-
rei und Ohnmacht des frommen Wunsches aus. Es ist die alte Illu-
sion, daß es nur vom guten Willen der Leute abhängt, die beste-
henden Verhältnisse zu ändern, und daß die bestehenden Verhält-
nisse Ideen sind. Die Veränderung des Bewußtseins, abgetrennt von
den Verhältnissen, wie sie von den Philosophen als Beruf, d.h.
als G e s c h ä f t, betrieben wird, ist selbst ein Produkt der
bestehenden Verhältnisse und gehört mit zu ihnen. Diese ideelle
Erhebung über die Welt ist der ideologische Ausdruck der Ohnmacht
der Philosophen gegenüber der Welt. Ihre ideologischen Prahle-
reien werden jeden Tag durch die Praxis Lügen gestraft.
Jedenfalls hat Sancho sich nicht gegen seinen Zustand der Konfu-
sion "empört", als er diese Zeilen schrieb. Ihm steht die
"Umwandlung der Zustände" auf der einen und die "Menschen" auf
der andern Seite, und beide Seiten sind ganz voneinander ge-
trennt. Sancho denkt nicht im Entferntesten daran, daß die
"Zustände" von jeher die Zustände dieser Menschen waren und nie
umgewandelt werden konnten, ohne daß die Menschen sich umwandeln,
und wenn es einmal so sein soll, "mit sich" in den alten Zustän-
den "unzufrieden" wurden. Er glaubt der Revolution den Todes-
streich zu versetzen, wenn er sie auf neue Einrichtungen zielen
läßt, während die Empörung dahin führt, uns nicht mehr einrichten
zu lassen, sondern Uns selbst einzurichten. Aber schon darin, daß
"Wir" "Uns" einrichten, schon darin, daß . die Empörer "Wir"
sind, liegt, daß der Einzelne sich trotz alles Sanchoschen
"Widerwillens" von den "Wir" "einrichten lassen" muß und so Revo-
lution und Empörung sich nur dadurch unterscheiden, daß man in
der einen dies weiß und in der andern sich Illusionen macht. Dann
läßt Sancho es hypothetisch, ob die Empörung "g e d e i h t"
oder nicht. Wie sie n i c h t "gedeihen" soll, ist nicht abzu-
sehen, und wie sie gedeihen soll, noch viel weniger, da jeder der
Empörer nur seinen eignen Weg geht; es müßten denn profane Ver-
hältnisse dazwischentreten, die den Empörern die Notwendigkeit
einer g e m e i n s a m e n Tat zeigten, einer Tat, die "eine
politische oder soziale" wäre, gleichviel, ob sie von egoisti-
schen Motiven ausginge oder nicht. Eine fernere "lumpige Distink-
tion", die wieder auf der Konfusion beruht, macht Sancho zwischen
"Umstürzen" des Bestehenden und "Erhebung" darüber, als ob er
nicht im Umstürzen sich darüber erhebe und im Erheben darüber es
umstürze, sei es auch nur insoweit, als es an ihm selbst Bestand
hat. Übrigens ist weder mit dem "Umstürzen" schlechthin noch mit
dem "Sich-Erheben" schlechthin etwas gesagt; daß das Sich-Erheben
ebenfalls in der Revolution vorkommt, kann Sancho daraus abneh-
men, daß das "Levons-nous!" [138] in der französischen Revolution
ein bekanntes Stichwort war.
#364# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
"E i n r i c h t u n g e n zu machen, gebietet" (!) "die Revolu-
tion, s i c h a u f- o d e r e m p o r z u r i c h t e n,
heischt die Empörung. Welche V e r f a s s u n g zu wählen sei,
beschäftigte die revolutionären Köpfe, und von Verfassungskämpfen
und Verfassungsfragen sprudelt die ganze politische Periode, wie
auch die sozialen Talente an gesellschaftlichen Einrichtungen
(Phalansterien [139] u. dergl.) ungemein erfinderisch waren.
V e r f a s s u n g s l o s zu werden, bestrebt sich der Empö-
rer." p. 422.
Daß die französische Revolution Einrichtungen zur Folge hatte,
ist ein Faktum; daß Empörung von empor herkommt, ist auch ein
Faktum; daß man in der Revolution und später um Verfassungen ge-
kämpft hat, desgleichen; daß verschiedene soziale Systeme entwor-
fen worden sind, ebenfalls; nicht minder, daß Proudhon von Anar-
chie gesprochen hat. Aus diesen fünf Fakten braut sich Sancho
seinen obigen Satz zusammen.
Aus dem Faktum, daß die französische Revolution zu "Einrich-
tungen" geführt hat, schließt Sancho, daß d i e Revolution dies
"gebiete". Daraus, daß die politische Revolution eine politische
war, in der die soziale Umwälzung zugleich einen offiziellen
Ausdruck als Verfassungskämpfe erhielt, entnimmt Sancho, getreu
seinem Geschichtsmakler, daß man sich in ihr um die beste
Verfassung gestritten habe. An diese Entdeckung knüpft er durch
ein "Wie auch" eine Erwähnung der sozialen Systeme. In der Epoche
der Bourgeoisie beschäftigte man sich mit Verfassungsfragen, "wie
auch" verschiedene soziale Systeme neuerdings gemacht worden
sind. Dies ist der Zusammenhang des obigen Satzes.
Daß die bisherigen Revolutionen innerhalb der Teilung der Arbeit
zu neuen politischen Einrichtungen führen mußten, geht aus dem
oben gegen Feuerbach Gesagten hervor; daß die kommunistische Re-
volution, die die Teilung der Arbeit aufhebt, die politischen
Einrichtungen schließlich beseitigt, geht ebenfalls daraus her-
vor; und daß die kommunistische Revolution sich nicht nach den
"gesellschaftlichen Einrichtungen erfinderischer sozialer Ta-
lente" richten wird, sondern nach den Produktivkräften, geht end-
lich auch daraus hervor.
Aber "verfassungslos zu werden, bestrebt sich der Empörer"! Er,
der "geborne Freie ", der von vornherein Alles los ist, bestrebt
sich am Ende der Tage, die Verfassung loszuwerden.
Es ist noch zu bemerken, daß zur Entstehung der Sanchoschen
"Empörung" allerlei frühere Illusionen unsres Bonhomme beigetra-
gen haben. So u.a. der Glaube, die Individuen, die eine Revolu-
tion machen, seien durch ein ideelles Band zusammengehalten, und
ihre "Schilderhebung" beschränke sich darauf, einen neuen Be-
griff, fixe Idee, Spuk, Gespenst - das Heilige auf den Schild zu
heben. Sancho läßt sie sich dies ideelle Band
#365# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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aus dem Kopfe schlagen, wodurch sie in seiner Vorstellung zu ei-
ner regellosen Rotte werden, die sich nur noch "empören" kann.
Zudem hat er gehört, daß die Konkurrenz der Krieg Aller gegen
Alle ist, und dieser Satz, vermengt mit seiner entheiligten Revo-
lution, bildet den Hauptfaktor seiner "Empörung".
"Indem Ich zu größerer Verdeutlichung auf einen Vergleich sinne,
fällt Mir wider Erwarten die Stiftung des Christentums ein." p.
423. "Christus", erfahren wir hier, "war kein Revolutionär, son-
dern ein E m p ö r e r, der s i c h emporrichtete. Darum galt
es ihm auch a l l e i n um ein: 'Seid klug wie die Schlangen.'"
(ibid.)
Um dem "Erwarten" und dem "Allein" Sanchos zu entsprechen, muß
die letzte Hälfte des eben zitierten Bibelspruchs (Matth[äi] 10,
16): "und ohne Falsch wie die Tauben" nicht existieren. Christus
muß hier zum zweiten Male als historische Person figurieren, um
dieselbe Rolle zu spielen wie oben die Mongolen und Neger. Man
weiß wieder nicht, soll Christus die Empörung oder soll die Empö-
rung Christus verdeutlichen. Die christlich-germanische Leicht-
gläubigkeit unsres Heiligen konzentriert sich in dem Satze, daß
Christus "die Lebensquellen der ganzen heidnischen Welt abgrub,
mit welchen der bestehende Staat ohne h i n" (soll heißen: ohne
i h n) "verwelken mußte", p. 424. Welke Kanzelblume! Siehe oben
"die Alten". Im übrigen credo ut intelligam 1*), oder damit Ich
"einen Vergleich zur Verdeutlichung" finde.
Wir haben an zahllosen Exempeln gesehen, wie unsrem Heiligen
überall nichts als die h e i l i g e Geschichte einfällt, und
zwar an solchen Stellen, wo sie nur dem Leser "wider Erwarten"
kommt. "Wider Erwarten" fällt sie ihm sogar im Kommentar wieder
ein, wo Sancho p. 154 "die jüdischen Rezensenten" im alten Jeru-
salem der christlichen Definition "Gott ist die Liebe" gegenüber
ausrufen läßt: "Da seht Ihr, daß es ein heidnischer Gott ist, der
von den Christen verkündet wird; denn ist Gott die Liebe, so ist
er der Gott Amor, der Liebesgott! - "Wider Erwarten" ist aber das
Neue Testament griechisch geschrieben, und die christliche
"Definition" lautet: ? ???? ????? ????? 2*) 1. Joh[annis] 4, 16;
während "der Gott Amor, der Liebesgott" "????, heißt. Wie also
die "jüdischen Rezensenten" die Verwandlung von ????? 3*) in ????
4*) zustande brachten, darüber wird Sancho noch Aufschluß zu ge-
ben haben. An dieser Stelle des Kommentars wird nämlich Christus,
ebenfalls "zur Verdeutlichung", mit Sancho verglichen; wobei al-
lerdings zugegeben werden muß, daß Beide die frappanteste Ähn-
lichkeit miteinander haben,
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1*) glaube ich, damit ich verstehe - 2*) Gott ist die Liebe -
3*) (christlicher, dienender) Liebe - 4*) (geschlechtliche) Liebe
#366# Karl Marx und Friedrich Engels
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Beide "beleibte Wesen" sind und wenigstens der lachende Erbe an
ihre wechselseitige Existenz resp. Einzigkeit glaubt. Daß Sancho
der moderne Christus ist, auf diese seine "fixe Idee" "zielt" be-
reits die ganze Geschichtskonstruktion.
Die Philosophie der Empörung, die uns soeben in schlechten Anti-
thesen und welken Redeblumen vorgetragen wurde, ist in letzter
Instanz nichts als eine bramarbasierende Apologie der Parvenu-
wirtschaft (Parvenu, Emporkömmling, Emporgekommener, Empörer).
Jeder Empörer hat bei seiner "egoistischen Tat" ein spezielles
Bestehende sich gegenüber, worüber er sich zu erheben strebt, un-
bekümmert um die allgemeinen Verhältnisse. Er sucht das Beste-
hende nur, insoweit es eine Fessel ist, loszuwerden, im Übrigen
dagegen sucht er es sich vielmehr anzueignen. Der Weber, der zum
Fabrikanten "emporkommt", wird dadurch seinen Webstuhl los und
verläßt ihn; im übrigen geht die Welt ihren Gang fort, und unser
"gedeihender" Empörer stellt an die Andern nur die heuchlerische
moralische Forderung, auch Parvenus zu werden wie er. *) So ver-
laufen sich alle kriegerischen Rodomontaden Stirners in morali-
sche Schlußfolgerungen aus Gellerts Fabeln und spekulative Inter-
pretationen der bürgerlichen Misère.
Wir haben bisher gesehen, daß die Empörung Alles, nur keine Tat
ist. p. 342 erfahren wir, daß "das Verfahren des Zugreifens nicht
verächtlich sei, sondern die r e i n e T a t d e s m i t
s i c h e i n i g e n E g o i s t e n bekunde". Soll wohl hei-
ßen: der m i t e i n a n d e r einigen Egoisten, da sonst das
Zugreifen auf das unzivilisierte "Verfahren" der Diebe oder das
zivilisierte der Bourgeois hinausläuft und im ersten Falle nicht
gedeiht, im zweiten Falle keine "Empörung" ist. Zu bemerken ist,
daß dem mit sich einigen Egoisten, der Nichts tut, hier die
"r e i n e" Tat entspricht, eine Tat, die allerdings von einem
so tatlosen Individuum allein zu erwarten stand.
Nebenbei erfahren wir, was den Pöbel geschaffen hat, und wir kön-
nen im Voraus wissen, daß es wieder eine "Satzung" und der Glaube
an diese Satzung, an das Heilige, ist, der hier zur Abwechslung
als Sündenbewußtsein auftritt:
"Nur daß das Zugreifen S ü n d e, Verbrechen ist, nur diese
Satzung schafft einen Pöbel ... das alte Sündenbewußtsein trägt
a l l e i n die Schuld." p. 342.
Der Glaube, daß das Bewußtsein an Allem schuld ist, ist seine
Satzung, die ihn zum Empörer und den Pöbel zum Sünder macht.
---
*) [Im Manuskript gestrichen:] Es ist die alte Moral des Klein-
bürgers, daß die Welt am besten bestellt ist, wenn ein Jeder es
für sich so weit wie möglich zu bringen sucht und sich im übrigen
nicht um den Weltlauf kümmert.
#367# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Im Gegensatz zu diesem Sündenbewußtsein feuert der Egoist sich,
resp. den Pöbel, zum Zugreifen an wie folgt:
"Sage Ich Mir: Wohin Meine Gewalt langt, das ist Mein Eigentum,
und nehme Ich Alles als Eigentum in Anspruch, was zu erreichen
Ich Mich stark genug fühle etc." P. 340.
Sankt Sancho sagt sich also, daß er sich etwas sagen will, for-
dert sich auf, zu haben, was er hat, und drückt sein wirkliches
Verhältnis als ein Verhältnis der Gewalt aus, eine Paraphrase,
die überhaupt das Geheimnis aller seiner Renommagen ist. (Siehe
Logik.) Dann unterscheidet er, der jeden Augenblick ist, was er
sein kann, also auch hat, was er haben kann, sein realisiertes,
wirkliches Eigentum, das er auf Kapitalkonto genießt, von seinem
möglichen Eigentum, seinem unrealisierten "Gefühl der Stärke",
das er sich auf Gewinn- und Verlustkonto gutschreibt. Beitrag zur
Buchführung über das Eigentum im außergewöhnlichen Verstande.
Was das feierliche "Sagen" zu bedeuten hat, verrät Sancho an ei-
ner bereits angeführten Stelle:
"Sage Ich Mir ... so ist das eigentlich auch leeres Gerede."
Er fährt darin fort:
"Der Egoismus" sagt "dem besitzlosen Pöbel", um ihn "auszurot-
ten": "Greife zu und nimm, was Du brauchst!" p. 341.
Wie "leer" dies "Gerede" ist, sieht man gleich an dem folgenden
Beispiel.
"In dem Vermögen des Bankiers sehe Ich so wenig etwas Fremdes als
Napoleon in den Ländern der Könige: Wir" (das "Ich" verwandelt
sich plötzlich in "Wir") "tragen keine S c h e u, es zu e r-
o b e r n, und sehen Uns auch nach den Mitteln dazu um. Wir
streifen ihm also den G e i s t der F r e m d h e i t ab, vor
dem Wir Uns gefürchtet hatten." p. 369.
Wie wenig Sancho dem Vermögen des Bankiers "den Geist der Fremd-
heit abgestreift" hat, beweist er sogleich mit seinem wohlmeinen-
den Vorschlag an den Pöbel, es durch Zugreifen zu "erobern". "Er
greife zu und sehe, was er in der Hand behält!" Nicht das Vermö-
gen des Bankiers, sondern nutzloses Papier, den "Leichnam" dieses
Vermögens, der ebensowenig ein Vermögen ist, "als ein toter Hund
noch ein Hund ist". Das Vermögen des Bankiers ist nur innerhalb
der bestehenden Produktions- und Verkehrsverhältnisse ein Vermö-
gen und kann nur innerhalb der Bedingungen dieser Verhältnisse
und mit den Mitteln, die ihnen gelten, "erobert" werden. Und wenn
etwa Sancho sich zu anderm Vermögen wenden sollte, so dürfte er
finden, daß es damit nicht besser aussieht. So daß die "reine Tat
des mit sich einigen Egoisten" schließlich auf ein höchst schmut-
ziges Mißverständnis hinausläuft. "So weit kommt man mit dem
Spuk" des Heiligen.
#368# Karl Marx und Friedrich Engels
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Nachdem nun Sancho sich gesagt hat, was er sich sagen wollte,
läßt er den empörten Pöbel sagen, was er ihm vorgesagt hat. Er
hat nämlich für den Fall einer Empörung eine Proklamation nebst
Gebrauchsanweisung verfertigt, die in allen Dorfkneipen aufgelegt
und auf dem Lande verteilt werden soll. Sie macht Anspruch auf
Insertion in den "Hinkenden Botten" [140] und den herzoglich nas-
sauischen Landeskalender. Einstweilen beschränken sich Sanchos
tendances incendiaires 1*) auf das platte Land, auf die Propa-
ganda unter den Ackerknechten und Viehmägden mit Ausschluß der
Städte, was ein neuer Beweis ist, wie sehr er der großen Indu-
strie "den Geist der Fremdheit abgestreift hat". Inzwischen wol-
len wir das vorliegende wertvolle Dokument 2*), das nicht verlo-
rengehen darf, möglichst ausführlich mitteilen, um "soviel an Uns
ist, zur Verbreitung eines wohlverdienten Ruhmes beizutragen".
(Wig[and,] p. 191.)
Die Proklamation steht Seite 358 u. f. und beginnt wie folgt:
"Wodurch ist denn Euer Eigentum sicher, Ihr Bevorzugten? ... Da-
durch, daß Wir Uns des Eingriffs enthalten, mithin durch U n-
s e r n Schutz ... Dadurch, daß Ihr Uns G e w a l t antut."
Erst dadurch, daß wir uns des Eingriffs enthalten, d.h. dadurch,
daß wir u n s s e l b s t Gewalt antun, dann dadurch, daß
I h r u n s Gewalt antut. Cela va à merveille. 3*) Weiter.
"Wollt Ihr Unsren Respekt, so k a u f t ihn für den Uns geneh-
men Preis ... Wir wollen nur P r e i s w ü r d i g k e i t."
Erst wollen die "Empörer" ihren Respekt um den ihnen "genehmen
Preis" verschachern, nachher machen sie die "Preiswürdigkeit" zum
Kriterium des Preises. Erst ein willkürlicher, dann ein durch
kommerzielle Gesetze, durch die Produktionskosten und das Ver-
hältnis von Nachfrage und Zufuhr, unabhängig von der Willkür, be-
stimmter Preis.
"Wir wollen Euer Eigentum Euch lassen, wenn Ihr dies Lassen gehö-
rig aufwiegt ... Ihr werdet über Gewalt schreien, wenn Wir zulan-
gen ... ohne Gewalt bekommen Wir sie nicht" (nämlich die Austern
der Bevorzugten) ... "Wir wollen Euch Nichts, gar Nichts nehmen."
Erst "lassen" wir's Euch, dann nehmen wir's Euch und müssen
"Gewalt" anwenden, und endlich wollen wir Euch doch lieber Nichts
nehmen. Wir lassen es Euch in dem Falle, wo Ihr selbst davon ab-
laßt; in einem lichten Augenblick, dem einzigen, den Wir haben,
sehen wir allerdings ein, daß dies "Lassen" ein "Zulangen" und
"Gewalt"-Anwenden ist, aber man kann uns dennoch
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1*) aufrührerische Bestrebungen - 2*) MEGA: das vorliegende Doku-
ment - 3*) Das geht wunderschön.
#369# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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schließlich nicht vorwerfen, daß wir Euch irgend etwas "nehmen".
Wobei es sein Bewenden hat.
"Wir plagen Uns zwölf Stunden im Schweiße Unsres Angesichts, und
Ihr bietet Uns dafür ein paar Groschen. So nehmt denn auch für
Eure Arbeit ein G l e i c h e s ... Nichts von G l e i c h-
h e i t!"
Die "empörten" Ackerknechte beweisen sich als echte Stirnersche
"Geschöpfe".
"Mögt Ihr das nicht? Ihr wähnt, Unsre Arbeit sei reichlich mit
jenem Lohne bezahlt, die Eure dagegen eines Lohnes von vielen
Tausenden wert. Schlüget Ihr aber die Eurige nicht so hoch an und
ließet Uns die Unsrige besser verwerten, so würden Wir erforder-
lichenfalls wohl noch wichtigere zustande bringen, als Ihr für
die vielen tausend Taler, und bekämet Ihr nur einen Lohn wie Wir,
Ihr würdet bald fleißiger werden, um mehr zu erhalten. Leistet
Ihr etwas, was Uns zehn- und hundertmal mehr wert scheint als Un-
sre eigne Arbeit, ei" (ei du frommer und getreuer Knecht!), "so
sollt Ihr auch hundertmal mehr dafür bekommen; Wir denken Euch
dagegen auch Dinge herzustellen, die Ihr Uns höher als mit dem
gewöhnlichen Taglohn verwerten werdet."
Zuerst klagen die Empörer, ihre Arbeit werde zu niedrig bezahlt.
Am Ende versprechen sie aber, erst bei höherem Taglohn Arbeit zu
liefern, die "höher als mit dem gewöhnlichen Taglohn" zu verwer-
ten ist. Dann glauben sie, sie würden außerordentliche Dinge lei-
sten, wenn sie nur erst besseren Lohn bekämen, während sie zu
gleicher Zeit vom Kapitalisten erst dann außerordentliche Lei-
stungen erwarten, wenn sein "Lohn" auf das Niveau des ihrigen
herabgedrückt ist. Endlich, nachdem sie das ökonomische Kunst-
stück fertiggebracht haben, den Profit, diese notwendige Form des
Kapitals, ohne welchen sie sowohl wie der Kapitalist zugrunde ge-
hen würden - den Profit m Arbeitslohn zu verwandeln, vollbringen
sie das Wunder, "hundertmal mehr" zu zahlen "als ihre eigne Ar-
beit", d. h. hundertmal mehr als sie verdienen. "Dies ist der
Sinn" des obigen Satzes, wenn Stirner "meint, was er sagt". Hat
er aber nur einen stilistischen Fehler begangen, hat er die Empö-
rer als Gesamtheit hundertmal mehr offrieren lassen wollen, als
J e d e r v o n i h n e n verdient, so läßt er sie dem Kapita-
listen nur Das anbieten, was jeder Kapitalist heutzutage bereits
hat. Daß die Arbeit des Kapitalisten in Verbindung mit seinem Ka-
pital zehn- resp. hundertmal mehr wert ist als die eines einzel-
nen bloßen Arbeiters, ist klar. Sancho läßt also in diesem Falle,
wie immer, Alles beim Alten.
"Wir wollen schon miteinander fertig werden, wenn Wir nur erst
dahin übereingekommen sind, daß Keiner mehr dem Andern etwas zu
s c h e n k e n braucht. Dann gehn Wir wohl gar selbst so weit,
daß Wir selbst den Krüppeln und Greisen und Kranken einen ange-
messenen Preis dafür bezahlen, daß sie nicht aus Hunger und Not
von Uns
#370# Karl Marx und Friedrich Engels
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scheiden; denn wollen Wir, daß sie leben, so geziemt sich's auch,
daß Wir die Erfüllung unseres Willens e r k a u f e n. Ich sage
e r k a u f e n, meine also kein elendes A l m o s e n."
Diese sentimentale Episode von den Krüppeln etc. soll beweisen,
daß Sanchos empörte Ackerknechte bereits zu jener Höhe des bür-
gerlichen Bewußtseins "emporgekommen" sind, auf der sie nichts
schenken und nichts geschenkt haben wollen und auf der sie glau-
ben, in einem Verhältnis sei die Würde und das Interesse beider
Teile gesichert, sobald es in einen Kauf verwandelt sei. -
Auf diese donnernde Proklamation des in Sanchos Einbildung empör-
ten Volks folgt die Gebrauchsanweisung in Form eines Dialogs zwi-
schen dem Gutsbesitzer und seinen Ackerknechten, wobei sich dies-
mal der Herr wie Szeliga und die Knechte wie Stirner gebärden. In
dieser Gebrauchsanweisung werden die englischen Strikes und fran-
zösischen Arbeiterkoalitionen a priori berlinisch konstruiert.
Der Wortführer der Ackerknechte. "Was hast Du denn?"
Der Gutsbesitzer. "Ich habe ein Gut von tausend Morgen."
Der Wortführer. "Und Ich bin Dein Ackerknecht und werde Dir Dei-
nen Acker hinfort nur für einen Taler Taglohn bestellen."
Der Gutsbesitzer. "Dann nehme Ich einen Andern."
Der Wortführer. "Du findest keinen, denn Wir Ackersknechte tun's
nicht mehr anders, und wenn Einer sich meldet, der weniger nimmt,
so hüte er sich vor Uns. Da ist die Hausmagd, die fordert jetzt
auch so viel, und Du findest keine mehr unter diesem Preise."
Der Gutsbesitzer. "Ei, so muß ich zugrunde gehen!"
Die Ackerknechte im Chorus. "Nicht so hastig! Soviel wie Wir
wirst Du wohl einnehmen. Und wäre es nicht so, so lassen Wir so
viel ab, daß Du wie Wir zu leben hast. - Nichts von Gleichheit!"
Der Gutsbesitzer. "Ich bin aber besser zu leben gewohnt!"
Die Ackerknechte. "Dagegen haben Wir nichts, aber es ist nicht
Unsre Sorge; kannst Du mehr erübrigen, immerhin. Sollen Wir Uns
unterm Preise vermieten, damit Du wohlleben kannst?"
Der Gutsbesitzer. "Aber Ihr ungebildeten Leute braucht doch nicht
so viel!"
Die Ackerknechte. "Nun, Wir nehmen etwas mehr, damit Wir damit
die Bildung, die Wir etwa brauchen. Uns verschaffen können."
Der Gutsbesitzer. "Aber wenn Ihr so die Reichen herunterbringt,
wer soll dann noch die Künste und Wissenschaften unterstützen?"
Die Ackerknechte. "I nun, die Menge muß es bringen; Wir schießen
zusammen, das gibt ein artiges Sümmchen, Ihr Reichen kauft ohne-
hin jetzt nur die abgeschmacktesten Bücher und die weinerlichen
Muttergottesbilder oder ein Paar flinke Tänzerbeine."
Der Gutsbesitzer. "O die unselige Gleichheit!"
#371# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Die Ackerknechte. "Nein, mein bester alter Herr, Nichts von
Gleichheit. Wir wollen nur gelten, was Wir wert sind, und wenn
Ihr mehr wert seid, da sollt Ihr immerhin auch mehr gelten. Wir
wollen nur P r e i s w ü r d i g k e i t und denken des Prei-
ses, den Ihr zahlen werdet, Uns würdig zu zeigen."
Am Schlüsse dieses dramatischen Meisterwerks gesteht Sancho, daß
"die Einmütigkeit der Ackerknechte" allerdings "erfordert" werde.
Wie diese zustande kommt, erfahren wir nicht. Was wir erfahren,
ist, daß die Ackerknechte nicht beabsichtigen, die bestehenden
Verhältnisse der Produktion und des Verkehrs irgendwie zu ändern,
sondern bloß dem Gutsbesitzer soviel abzuzwingen, als er mehr
ausgibt als sie. Daß diese Differenz der Dépensen 1*), auf die
Masse der Proletarier verteilt, jedem Einzelnen nur eine Baga-
telle abwerfen und seine Lage nicht im Mindesten verbessern
würde, das ist unsrern wohlmeinenden Bonhomme gleichgültig. Wel-
cher Stufe der Agrikultur diese heroischen Ackerknechte angehö-
ren, zeigt sich gleich nach dem Schlüsse des Dramas, wo sie sich
in "Hausknechte" verwandeln. Sie leben also unter einem Patriar-
chat, in dem die Teilung der Arbeit noch sehr unentwickelt ist,
in dem übrigens die ganze Verschwörung dadurch "ihr letztes Abse-
hen erreichen" muß, daß der Gutsherr den Wortführer in die
Scheune führt und ihm einige Hiebe aufzählt, während in zivili-
sierteren 2*) Ländern der Kapitalist die Sache dadurch beendigt,
daß er die Arbeit einige Zeit einstellt und die Arbeiter "spielen
gehen" läßt. Wie praktisch überhaupt Sancho bei der ganzen Anlage
seines Kunstwerks zu Werke geht, wie sehr er sich innerhalb der
Grenzen der Wahrscheinlichkeit hält, geht außer dem sonderbaren
Einfall, einen Turnout 3*) von Ackerknechten zustande bringen zu
wollen, namentlich aus der Koalition der "Hausmägde" hervor. Und
welch eine Gemütlichkeit, zu glauben, der Kornpreis auf dem Welt-
markte werde sich nach den Lohnforderungen dieser hinterpommer-
schen Ackerknechte richten! statt nach dem Verhältnis von Nach-
frage und Zufuhr! Einen wahren Knalleffekt macht der überra-
schende Exkurs der Ackerknechte über die Literatur, die letzte
Gemäldeausstellung und die renommierte Tänzerin des Tages, über-
raschend selbst noch nach der unerwarteten Frage des Gutsherrn
wegen Kunst und Wissenschaft. Die Leute werden ganz freund-
schaftlich, sowie sie auf dies literarische Thema kommen, und der
bedrängte Gutsherr vergißt selbst für einen Augenblick seinen
drohenden Rum, um sein Dévoûment 4*) für Kunst und Wissenschaft
an den Tag zu legen. Schließlich versichern ihn dann auch die Em-
pörer ihrer Biederkeit und geben ihm die beruhigende Erklärung,
daß sie weder vom leidigen Interesse noch von subversiven Tenden-
zen getrieben
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1*) Ausgaben - 2*) MEGA: zivilisierten - 3*) Arbeitseinstellung -
4*) Aufopferung, Hingebung
#372# Karl Marx und Friedrich Engels
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werden, sondern von den reinsten moralischen Motiven. Sie wollen
nur Preiswürdigkeit und versprechen auf Ehre und Gewissen, sich
des höheren Preises würdig zu machen. Die ganze Sache hat nur den
Zweck, Jedem das Seine, seinen redlichen und billigen Verdienst,
"redlich erarbeiteten Genuß" zu sichern. Daß dieser Preis von der
Stellung des Arbeitsmarkts abhängt und nicht von der sittlichen
Empörung einiger literarisch gebildeten Ackerknechte, die Kennt-
nis dieses Faktums war allerdings von unsren Biedermännern nicht
zu verlangen.
Diese hinterpommerschen Empörer sind so bescheiden, daß sie,
trotz ihrer "Einmütigkeit", die ihnen zu ganz andern Dingen Macht
gibt, Knechte nach wie vor bleiben wollen und "ein Taler Taglohn"
der höchste Wunsch ihres Herzens ist. Ganz konsequent katechisie-
ren sie daher nicht den Gutsherrn, der in ihrer Gewalt ist, son-
dern der Gutsherr katechisiert sie.
Der "sichere Mut" und das "kräftige Selbstgefühl des Hausknechts"
äußert sich auch in der "sichern" und "kräftigen" Sprache, die er
und seine Genossen verführen. "Etwa - I nun - die Menge m u ß
es bringen - artiges Sümmchen - mein bester alter Herr - immer-
hin." Schon vorher in der Proklamation hieß es:
"erforderlichenfalls wohl - ei - Wir d e n k e n herzustellen -
wohl - vielleicht, etwa usw." Man meint, die Ackerknechte hätten
ebenfalls das famose Roß Clavileño bestiegen. *)
Die ganze lärmende "Empörung" unsres Sancho reduziert sich also
in letzter Instanz auf einen Turnout, aber einen Turnout im au-
ßergewöhnlichen Verstande, nämlich einen berlinisierten Turnout.
Während die wirklichen Turnouts in zivilisierten Ländern einen
immer untergeordneteren Teil der Arbeiterbewegung bilden, weil
die allgemeinere Verbindung der Arbeiter untereinander zu andern
Bewegungsformen führt, versucht Sancho, den kleinbürgerlich kari-
kierten Turnout als letzte und höchste Form des welthistorischen
Kampfs darzustellen.
Die Wogen der Empörung werfen uns jetzt an die Küste des gelobten
Landes, da Milch und Honig fließt, wo jeder echte Israelit unter
seinem Feigenbaum sitzt und das Millennium 1*) der
"Verständigung" angebrochen ist.
---
*) [Im Manuskript gestrichen:] In Frankreich wird verhältnismäßig
mehr produziert als in Hinterpommern. In Frankreich kommen nach
Michel Chevalier, wenn die ganze jährliche Produktion auf die Be-
völkerung gleichmäßig verteilt wird, 97 Franken auf den Kopf,
macht für eine Familie ...
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1*) Tausendjährige Reich
#373# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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III. Der Verein
Wir haben bei der Empörung zuerst die Prahlereien Sanchos zusam-
mengestellt und dann den praktischen Verlauf der "reinen Tat des
mit sich einigen Egoisten" verfolgt. Wir werden beim "Verein" den
umgekehrten Weg einschlagen; zuerst die positiven Institutionen
prüfen und dann die Illusionen unseres Heiligen über diese Insti-
tutionen danebenhalten.
1. Grundeigentum
"Wenn Wir den Grundeigentümern den Grund nicht länger lassen,
sondern U n s zueignen wollen, so vereinigen Wir Uns zu diesem
Zwecke, bilden einen V e r e i n, eine societe" (Gesellschaft),
"d i e s i c h z u r E i g e n t ü m e r i n m a c h t;
glückt es Uns, so hören Jene auf, Grundeigentümer zu sein." Der
"Grund und Boden" wird dann "zum Eigentum der Erobernden ... Und
diese Einzelnen werden als eine Gesamtmasse nicht weniger will-
kürlich mit Grund und Boden umgehen als ein vereinzelter Einzel-
ner oder sogenannter propriétaire 1*). Auch so bleibt also das
E i g e n t u m bestehen, und zwar auch als 'a u s-
s c h l i e ß l i c h', indem die M e n s c h h e i t, diese
große Sozietät, den E i n z e l n e n von ihrem Eigentum aus-
schließt, ihm vielleicht nur ein Stück davon verpachtet, zu Lohn
gibt ... So wird's auch bleiben und werden. Dasjenige, woran
A l l e A n t e i l haben wollen, wird demjenigen Einzelnen
entzogen werden, der es für sich allein haben will, es wird zu
einem G e m e i n g u t gemacht. Als an einem G e m e i n-
g u t hat Jeder daran seinen A n t e i l, und dieser Anteil
ist sein Eigentum. So ist ja auch in unsren alten Verhältnissen
ein Haus, welches fünf Erben gehört, ihr Gemeingut; der fünfte
Teil des Ertrags aber ist eines Jeden Eigentum." p. 329, 330.
Nachdem unsre tapfern Empörer sich zu einem Verein, einer Sozie-
tät, formiert und in dieser Gestalt sich ein Stück Land erobert
haben, "macht s i c h" diese "société", diese moralische Per-
son, "zur E i g e n t ü m e r i n". Damit man dies ja nicht
mißverstehe, wird gleich darauf gesagt, daß "diese Sozietät den
Einzelnen vom Eigentum a u s s c h l i e ß t, ihm vielleicht
nur ein Stück davon verpachtet, zu Lohn gibt". Auf diese Weise
eignet Sankt Sancho sich und seinem "Verein" seine Vorstellung
vom Kommunismus an. Der Leser wird sich erinnern, daß Sancho in
seiner Ignoranz den Kommunisten vorwarf, sie wollten die Gesell-
schaft zur höchsten Eigentümerin machen, die dem Einzelnen seine
"Habe" zu Lehen gebe.
Ferner die Aussicht, die Sancho seinen Mannschaften auf einen
"Anteil am Gemeingut" eröffnet. Bei einer späteren Gelegenheit
sagt derselbe Sancho ebenfalls gegen die Kommunisten: "Ob das
Vermögen der Gesamtheit gehört,
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1*) Eigentümer, hier: Grundeigentümer
#374# Karl Marx und Friedrich Engels
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die Mir davon einen Teil zufließen läßt, oder einzelnen Besit-
zern, ist für Mich derselbe Zwang, da Ich über keins von Beiden
bestimmen kann" (weswegen ihm auch seine "Gesamtmasse" dasjenige
"entzieht", von dem sie nicht will, daß es ihm allein gehöre, und
ihm so die Macht des Gesamtwillens fühlbar macht).
Drittens finden wir hier wieder die "Ausschließlichkeit", die er
dem bürgerlichen Eigentum so oft vorgeworfen hat, so daß "ihm
nicht einmal der armselige Punkt gehört, auf dem er sich herum-
dreht". Er hat vielmehr nur das Recht und die Macht, als armseli-
ger und gedrückter Fronbauer darauf herumzuhocken.
Viertens eignet sich hier Sancho das Lehnswesen an, das er zu
seinem großen Verdruß in allen bisher existierenden und projek-
tierten Gesellschaftsformen entdeckte. Die erobernde "Sozietät"
benimmt sich ungefähr wie die "Vereine" von halbwilden Germanen,
die die römischen Provinzen eroberten und dort ein noch sehr mit
dem alten Stammwesen versetztes, rohes Lehnswesen einrichteten.
Sie gibt jedem Einzelnen ein Stückchen Land "zu Lohn". Auf der
Stufe, auf welcher Sancho und die Germanen des sechsten Jahrhun-
derts stehen, fällt das Lehnswesen allerdings noch sehr mit dem
"Lohn"-wesen zusammen.
Es versteht sich übrigens, daß das von Sancho hier neuerdings zu
Ehren gebrachte Stammeigentum sich binnen kurzem wieder in die
jetzigen Verhältnisse auflösen müßte. Sancho fühlt dies selbst,
indem er ausruft: "So wird's auch b l e i b e n und" (schönes
Und!) "w e r d e n", und schließlich durch sein großes Exempel
von dem Hause, das fünf Erben gehört, beweist, daß er gar nicht
die Absicht hat, über unsre alten Verhältnisse hinauszugehen.
Sein ganzer Plan zur Organisation des Grundeigentums hat nur den
Zweck, uns auf einem historischen Umwege zu der kleinbürgerlichen
Erbpacht und dem Familieneigentum deutscher Reichsstädte zurück-
zuführen.
Von unsren alten, d.h. den jetzt bestehenden Verhältnissen, hat
sich Sancho nur den juristischen Unsinn angeeignet, daß die Ein-
zelnen oder proprietaires "willkürlich" mit dem Grundeigentum um-
gehen. Im "Verein" soll diese eingebildete "Willkür" von seiten
der "Sozietät" fortgesetzt werden. Es ist für den "Verein" so
gleichgültig, was mit dem Boden geschieht, daß die "Sozietät"
"vielleicht" den Einzelnen Parzellen verpachtet, vielleicht auch
nicht. Das ist Alles ganz gleichgültig. - Daß mit einer bestimm-
ten Organisation des Ackerbaus eine bestimmte Form der Tätigkeit,
die Subsumtion unter eine bestimmte Stufe der Teilung der Arbeit
gegeben ist, kann Sancho freilich nicht wissen. Aber jeder Andere
sieht ein, wie wenig die von Sancho hier vorgeschlagenen kleinen
Fronbauern in der Lage sind, daß "Jeder von ihnen ein allmächti-
ges Ich werden" kann, und wie schlecht ihr Eigentum an ihre[r]
#375# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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lumpige[n] Parzelle zu dem viel gefeierten "Eigentum an Allem"
paßt. In der wirklichen Welt hängt der Verkehr der Individuen von
ihrer Produktionsweise ab, und daher wirft Sanchos "Vielleicht"
vielleicht seinen ganzen Verein über den Haufen. "Vielleicht"
aber oder vielmehr unzweifelhaft tritt hier schon die wahre An-
sicht Sanchos über den Verkehr im Verein zutage, nämlich die An-
sicht, daß der egoistische Verkehr das Heilige zu seiner Grund-
lage hat.
Sancho tritt hier mit der ersten "Einrichtung" seines zukünftigen
Vereins an das Tageslicht. Die Empörer, die "verfassungslos" zu
werden sich bestrebten, "richten sich selbst ein", indem sie eine
"Verfassung" des Grundeigentums "wählen". Wir sehen, daß Sancho
Recht hatte, wenn er sich von neuen "Institutionen" keine
glänzenden Hoffnungen machte. Wir sehen aber zugleich, daß er
einen hohen Rang unter den "sozialen Talenten" einnimmt und "an
gesellschaftlichen Einrichtungen ungemein erfinderisch ist".
2. Organisation der Arbeit
"Die Organisation der Arbeit betrifft nur solche Arbeiten, welche
Andre für Uns machen können, z. B. Schlachten, Ackern usw.; die
übrigen bleiben egoistisch, weil z. B. Niemand an Deiner Statt
Deine musikalischen Kompositionen anfertigen, Deine Malerentwürfe
ausführen usw. kann. Raffaels Arbeiten kann Niemand ersetzen. Die
letzteren sind Arbeiten eines Einzigen, die nur dieser Einzige zu
vollbringen vermag, während Jene m e n s c h l i c h e" (p. 356
identisch gesetzt milden "g e m e i n n ü t z i g e n") "ge-
nannt zu werden verdienen, da das E i g n e daran von geringem
Belang ist und so ziemlich j e d e r M e n s c h dazu abge-
richtet werden kann." p. 355.
"Es ist immer fördersam, daß Wir Uns über die menschlichen Arbei-
ten einigen, damit sie nicht, wie unter der Konkurrenz, alle un-
sre Zeit und Mühe in Anspruch nehmen ... Für wen soll aber Zeit
gewonnen werden? Wozu braucht der Mensch mehr Zeit als nötig ist,
seine abgespannten Arbeitskräfte zu erfrischen? Hier schweigt der
Kommunismus. Wozu? Um seiner als des Einzigen froh zu werden,
nachdem er als Mensch das Seinige getan hat." p. 356, 357.
"Durch Arbeit kann Ich die Amtsfunktionen eines Präsidenten, Mi-
nisters usw. versehen; es erfordern diese Ämter nur eine allge-
meine Bildung, nämlich eine solche, die allgemein erreichbar ist
... Kann aber auch Jeder diese Ämter bekleiden, so gibt doch erst
die einzige, ihm allein eigne Kraft des Einzelnen ihnen sozusagen
Leben und Bedeutung. Daß er sein Amt nicht wie ein gewöhnlicher
Mensch führt, sondern das Vermögen seiner Einzigkeit hineinlegt,
das bezahlt man ihm noch nicht, wenn man ihn überhaupt nur als
Beamten oder Minister bezahlt. Hat er's Euch zu Dank gemacht und
wollt Ihr diese dankenswerte Kraft des Einzigen Euch erhalten, so
werdet Ihr ihn nicht als einen bloßen Menschen bezahlen dürfen,
der nur Menschliches verrichtet, sondern nur als Einen, der Ein-
ziges vollbringt." p. 362, 363.
#376# Karl Marx und Friedrich Engels
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"Vermagst Du Tausenden Lust zu bereiten, so werden Tausende Dich
dafür honorieren, e s stände ja in Deiner Gewalt, es zu unter-
lassen, daher müssen sie Deine Tat erkaufen." p. 351.
"Über Meine Einzigkeit läßt sich keine allgemeine Taxe feststel-
len, wie für das, was Ich als Mensch tue. Nur über das Letztere
kann eine Taxe bestimmt werden. Setzt also immerhin eine allge-
meine Taxe für menschliche Arbeiten auf, bringt aber Eure Einzig-
keit nicht um ihren Verdienst." p. 363.
Als Beispiel der Organisation der Arbeit im Verein wird p. 365
die schon besprochene öffentliche Bäckerei angeführt. Diese öf-
fentlichen Anstalten müssen wahre Wunder sein unter der oben vor-
ausgesetzten vandalischen Parzellierung.
Zuerst soll die menschliche Arbeit organisiert und dadurch ver-
kürzt werden, damit Bruder Straubinger hinterher, wenn er früh
Feierabend gemacht hat, "seiner als des Einzigen froh werden
kann" (p. 357); während p. 363 das "Frohwerden" des Einzigen sich
in seinen Extraverdienst auflöst, p. 363 kommt die Lebensäußerung
des Einzigen nicht hinterdrein nach der menschlichen Arbeit, son-
dern die menschliche Arbeit kann als einzige betrieben werden und
erfordert dann einen Lohnzuschuß. Der Einzige, dem es nicht um
seine Einzigkeit, sondern um den höheren Lohn zu tun ist, könnte
ja sonst seine Einzigkeit in den Kleiderschrank verschließen und
der Gesellschaft zum Trotz sich damit begnügen, den gewöhnlichen
Menschen und sich selbst damit einen Possen zu spielen.
Nach p. 356 fällt die menschliche Arbeit mit der gemeinnützigen
zusammen, aber nach p. 351 und 363 bewährt sich die einzige Ar-
beit eben darin, daß sie als gemeinnützige oder wenigstens Vielen
nützliche extra honoriert wird.
Die Organisation der Arbeit im Verein besteht also in der Tren-
nung der menschlichen Arbeit von der einzigen, in der Feststel-
lung einer Taxe für die menschliche und in dem Mauscheln um einen
Lohnzuschuß für die einzige Arbeit. Dieser Lohnzuschuß ist wieder
doppelt, nämlich einer für die einzige Ausführung der
m e n s c h l i c h e n Arbeit und ein anderer für die einzige
Ausführung der e i n z i g e n Arbeit, was eine um so verwi-
ckeltere Buchführung gibt, als heute Das eine menschliche Arbeit
wird, was gestern eine einzige war (z.B. Baumwollengarn Nr. 200
zu spinnen), und als der einzige Betrieb menschlicher Arbeiten
eine fortwährende Selbstmoucharderie 1*) im eignen und allgemeine
Moucharderie im öffentlichen Interesse erfordert. Dieser ganze
wichtige Orgamsationsplan läuft also auf eine ganz kleinbürgerli-
che Aneignung des Gesetzes von Nachfrage und Zufuhr hinaus, das
heute existiert und von allen
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1*) Selbstbespitzelung
#377# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Ökonomen entwickelt worden ist. Sancho kann das Gesetz, wonach
der Preis derjenigen Arbeiten sich bestimmt, die er für einzige
erklärt, z.B. der einer Tänzerin, eines ausgezeichneten Arztes
oder Advokaten, schon bei Adam Smith erklärt und bei dem Amerika-
ner Cooper taxiert finden. Die neueren Ökonomen haben aus diesem
Gesetz das hohe Salär dessen, was sie travail improductif 1*)
nennen, und das niedrige der Ackerbautaglöhner, überhaupt die Un-
gleichheiten des Arbeitslohns erklärt. Wir sind so mit Gottes
Hülfe wieder bei der Konkurrenz angekommen, aber bei der Konkur-
renz in einem gänzlich heruntergekommenen Zustande, so herunter-
gekommen, daß Sancho eine Taxe, eine Fixierung des Arbeitslohns
durch Gesetze, wie weiland im 14. und 15. Jahrhundert, vorschla-
gen kann.
Es verdient noch erwähnt zu werden, daß die hier von Sancho ans
Licht gebrachte Vorstellung sich ebenfalls als etwas ganz Neues
bei dem Herrn Messias Dr. Georg Kuhlmann aus Holstein findet.
Was Sancho hier menschliche Arbeiten nennt, ist, mit Ausschluß
seiner bürokratischen Phantasien, dasselbe, was man sonst unter
Maschinenarbeit versteht und was die Entwicklung der Industrie
mehr und mehr den Maschinen anheim gibt. In dein "Verein" sind
freilich bei der oben geschilderten Organisation des Grundbesit-
zes die Maschinen eine Unmöglichkeit, und daher ziehen es die mit
sich einigen Fronbauern vor, sich über diese Arbeiten zu verstän-
digen. Über "Präsidenten" und "Minister" urteilt Sancho, this
poor localized being 2*), wie Owen sagt, nur nach seiner unmit-
telbaren Umgebung.
Wie immer hat Sancho hier wieder Unglück mit seinen praktischen
Exempeln. Er meint, Niemand könne "an Deiner Stelle Deine musika-
lischen Kompositionen anfertigen, Deine Malerentwürfe ausführen.
Raffaels Arbeiten könne Niemand ersetzen." Sancho könnte doch
wohl wissen, daß nicht Mozart selbst, sondern ein Anderer Mozarts
Requiem größtenteils angefertigt und ganz ausgefertigt [141], daß
Raffael von seinen Fresken die wenigsten selbst "ausgeführt" hat.
Er bildet sich ein, die sogenannten Organisateure der Arbeit
[142] wollten die Gesamttätigkeit jedes Einzelnen organisieren,
während gerade bei ihnen zwischen der unmittelbar produktiven Ar-
beit, die organisiert werden soll, und der nicht unmittelbar pro-
duktiven Arbeit unterschieden wird. In diesen Arbeiten aber soll
nach ihrer Meinung nicht, wie Sancho sich einbildet, Jeder an
Raffaels Statt arbeiten, sondern Jeder, in dem ein Raffael
steckt, sich ungehindert ausbilden können. Sancho bildet sich
ein, Raffael habe seine
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1*) unproduktive Arbeit - 2*) dieses arme, an den Ort gebundene
Wesen
#378# Karl Marx und Friedrich Engels
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Gemälde unabhängig von der zu seiner Zeit in Rom bestehenden Tei-
lung der Arbeit hervorgebracht. Wenn er Raffael mit Leonardo da
Vinci und Tizian vergleicht, so kann er sehen, wie sehr die
Kunstwerke des ersteren von der unter florentinischem Einfluß
ausgebildeten damaligen Blüte Roms, die des zweiten von den Zu-
ständen von Florenz, und später die des dritten von der ganz ver-
schiedenen Entwicklung Venedigs bedingt waren. Raffael, so gut
wie jeder andre Künstler, war bedingt durch die technischen Fort-
schritte der Kunst, die vor ihm gemacht waren, durch die Organi-
sation der Gesellschaft und die Teilung der Arbeit in seiner Lo-
kalität und endlich durch die Teilung der Arbeit in allen Län-
dern, mit denen seine Lokalität im Verkehr stand. Ob ein Indivi-
duum wie Raffael sein Talent entwickelt, hängt ganz von der Nach-
frage ab, die wieder von der Teilung der Arbeit und den daraus
hervorgegangenen Bildungsverhältnissen der Menschen abhängt.
Stirner steht hier noch weit unter der Bourgeoisie, indem er die
Einzigkeit der wissenschaftlichen und künstlerischen Arbeit pro-
klamiert. Man hat es bereits jetzt für nötig gefunden, diese
"einzige" Tätigkeit zu organisieren. Horace Vernet hätte nicht
Zeit für den zehnten Teil seiner Gemälde gehabt, wenn er sie für
Arbeiten angesehen hätte, "die nur dieser Einzige zu vollbringen
vermag". Die große Nachfrage nach Vaudevilles [143] und Romanen
in Paris hat eine Organisation der Arbeit zur Produktion dieser
Artikel hervorgerufen, die noch immer Besseres leistet als ihre
"einzigen" Konkurrenten in Deutschland. In der Astronomie haben
es Leute wie Arago, Herschel, Encke und Bessel für nötig gefun-
den, sich zu gemeinsamen Beobachtungen zu organisieren, und sind
erst seitdem zu einigen erträglichen Resultaten gekommen. In der
Geschichtschreibung ist es für den "Einzigen" absolut unmöglich,
etwas zu leisten, und die Franzosen haben auch hier längst durch
die Organisation der Arbeit allen andern Nationen den Rang ab-
gelaufen. Es versteht sich übrigens, daß alle diese auf der mo-
dernen Teilung der Arbeit beruhenden Organisationen immer noch zu
höchst beschränkten Resultaten führen und nur gegenüber der bis-
herigen bornierten Vereinzelung ein Fortschritt sind.
Es muß noch besonders hervorgehoben werden, daß Sancho die Or-
ganisation der Arbeit mit dem Kommunismus verwechselt und sich
gar wundert, daß "der Kommunismus " ihm nicht auf seine Bedenken
über diese Organisation antwortet. So wundert sich ein Gascogner
Bauernjunge, daß Arago ihm nicht zu sagen weiß, auf welchem Stern
der liebe Gott seinen Hof aufgeschlagen habe.
Die exklusive Konzentration des künstlerischen Talents in Einzel-
nen und seine damit zusammenhängende Unterdrückung in der großen
Masse ist
#379# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Folge der Teilung der Arbeit. Wenn selbst in gewissen gesell-
schaftlichen Verhältnissen Jeder ein ausgezeichneter Maler wäre,
so schlösse dies noch gar nicht aus, daß Jeder auch ein originel-
ler Maler wäre, so daß auch hier der Unterschied zwischen
"menschlicher" und "einziger" Arbeit in bloßen Unsinn sich ver-
läuft. Bei einer kommunistischen Organisation der Gesellschaft
fällt jedenfalls fort die Subsumtion des Künstlers unter die lo-
kale und nationale Borniertheit, die rein aus der Teilung der Ar-
beit hervorgeht, und die Subsumtion des Individuums unter diese
bestimmte Kunst, so daß es ausschließlich Maler, Bildhauer usw.
ist und schon der Name die Borniertheit seiner geschäftlichen
Entwicklung und seine Abhängigkeit von der Teilung der Arbeit
hinlänglich ausdrückt. In einer kommunistischen Gesellschaft gibt
es keine Maler, sondern höchstens Menschen, die unter Anderm auch
malen.
Sanchos Organisation der Arbeit zeigt deutlich, wie sehr alle
diese philosophischen Ritter von der Substanz sich bei bloßen
Phrasen beruhigen. Die Subsumtion der "Substanz" unter das
"Subjekt", wovon sie Alle so hohe Worte machen, die Herabsetzung
der "Substanz", die das "Subjekt" beherrscht, zu einem bloßen
"Akzidens" dieses Subjekts, zeigt sich als bloßes "leeres Ge-
rede". *) Sie unterlassen es daher weislich, auf die Teilung der
Arbeit, auf die materielle Produktion und den materiellen Verkehr
einzugehen, die eben die Individuen unter bestimmte Verhältnisse
und Tätigkeitsweisen subsumieren. Es handelt sich bei ihnen über-
haupt nur darum, neue Phrasen zur Interpretation der bestehenden
Welt zu erfinden, die um so gewisser in burleske Prahlereien aus-
laufen, je mehr sie sich über diese Welt zu erheben glauben und
in Gegensatz zu ihr stellen. Wovon Sancho ein beklagenswertes
Beispiel ist.
---
*) [Im Manuskript gestrichen:] Hätte Sancho mit seinen Phrasen
Ernst machen wollen, so hätte er auf die Teilung der Arbeit ein-
gehen müssen. Dies unterließ er weislich und akzeptierte die be-
stehende Teilung der Arbeit ohne Bedenken, um sie für seinen
"Verein" zu exploitieren. Er würde bei näherem Eingehen auf die-
sen Gegenstand freilich gefunden haben, daß die Teilung der Ar-
beit damit nicht aufgehoben ist, wenn man sie "sich aus dem Kopfe
schlägt". Der Kampf der Philosophen gegen die "Substanz" und ihre
gänzliche Vernachlässigung der Teilung der Arbeit, der materiel-
len Grundlage, aus der das Phantom der Substanz hervorgegangen
ist, beweist eben nur, daß es diesen Helden nur um die Vernich-
tung der Phrasen zu tun ist und keineswegs um die Veränderung der
Verhältnisse, aus denen diese Phrasen entstehen mußten.
#380# Karl Marx und Friedrich Engels
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3. Geld
"Das Geld ist eine Ware, und zwar ein wesentliches M i t t e l
oder Vermögen; denn es schützt vor der Verknöcherung des Vermö-
gens, hält es im Fluß und bewirkt seinen Umsatz. Wißt Ihr ein
besseres Tauschmittel, immerhin; doch wird es wieder ein Geld
sein." p. 364.
p. 353 wird das Geld als "gangbares oder kursierendes Eigentum"
bestimmt.
Im "Verein" wird also das Geld beibehalten, dies rein gesell-
schaftliche Eigentum, dem alles Individuelle abgestreift ist. Wie
sehr Sancho in der bürgerlichen Anschauungsweise befangen ist,
zeigt seine Frage nach einem besseren Tauschmittel. Er setzt also
zuerst voraus, daß ein Tauschmittel überhaupt nötig ist, und dann
kennt er kein anderes Tauschmittel als das Geld. Daß ein Schiff,
eine Eisenbahn, die Waren transportieren, ebenfalls Tauschmittel
sind, kümmert ihn nicht. Um also nicht bloß vom Tauschmittel,
sondern vom Gelde speziell zu sprechen, ist er genötigt, die üb-
rigen Bestimmungen des Geldes, daß es das allgemein gangbare und
kursierende Tauschmittel ist, alles Eigentum im Fluß erhält etc.,
hereinzunehmen. Damit kommen auch die ökonomischen Bestimmungen
herein, die Sancho nicht kennt, die aber gerade das Geld konsti-
tuieren; und mit ihnen auch der ganze jetzige Zustand, Klassen-
wirtschaft, Herrschaft der Bourgeoisie etc.
Wir erhalten indes zunächst einige Aufschlüsse über den - sehr
originellen - Verlauf der Geldkrisen im Verein.
Es entsteht die Frage:
"Wo Geld hernehmen? ... Man bezahlt nicht mit Geld, woran Mangel
eintreten kann, sondern mit seinem Vermögen, durch welches allein
Wir vermögend sind ... Nicht das Geld tut Euch Schaden, sondern
Euer Unvermögen, es zu nehmen."
Und nun der moralische Zuspruch:
"Laßt Euer Vermögen wirken, nehmt Euch zusammen, und es wird an
Geld, an Eurem Gelde, dem Gelde Eures Gepräges, nicht fehlen ...
Wisse denn, Du hast so viel Geld, als Du - Gewalt hast; denn Du
giltst soviel, als Du Dir Geltung verschaffst." p. 353, 364.
In der Macht des Geldes, in der Verselbständigung des allgemeinen
Tauschmittels, sowohl der Gesellschaft wie den Einzelnen gegen-
über, tritt die Verselbständigung der Produktions- und Verkehrs-
verhältnisse überhaupt am deutlichsten hervor. Also Sancho weiß,
wie gewöhnlich, Nichts vom Zusammenhange der Geldverhältnisse mit
der allgemeinen Produktion und dem Verkehr. Er behält als guter
Bürgersmann das Geld ruhig bei, wie dies auch
#381# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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nach seiner Teilung der Arbeit und Organisation des Grundbesitzes
nicht anders möglich ist. Die sachliche Macht des Geldes, die in
den Geldkrisen eklatant hervortritt und den "kauflustigen" Klein-
bürger in der Gestalt eines permanenten Geldmangels drückt, ist
dem mit sich einigen Egoisten ebenfalls ein höchst unangenehmes
Faktum. Er entledigt sich seiner Ungelegenheit dadurch, daß er
die gewöhnliche Vorstellung des Kleinbürgers umgekehrt ausdrückt
und dadurch den Schein hereinbringt, als sei die Stellung der In-
dividuen gegenüber der Geldmacht eine rein vom persönlichen Wol-
len oder Laufen abhängige Sache. Diese glückliche Wendung gibt
ihm dann Gelegenheit, dem erstaunten und vom Geldmangel ohnehin
entmutigten Kleinbürger eine durch Synonymik, Etymologie und Um-
laut unterstützte Moralpredigt zu halten und dadurch alle ungele-
genen Fragen über die Ursachen der Geldklemme vorweg abzuschnei-
den.
Die Geldkrise besteht zunächst darin, daß alle "Vermögen" auf
einmal gegenüber dem Tauschmittel depreziiert werden und das
"Vermögen" über das Geld verlieren. Die Krise ist gerade dann da,
wenn man nicht mehr mit seinem "Vermögen" zahlen k a n n, son-
dern mit Geld zahlen m u ß. Dies findet wieder nicht dadurch
statt, daß Mangel an Geld eintritt, wie der Kleinbürger sich vor-
stellt *) der die Krise nach seiner Privatmisere beurteilt, son-
dern dadurch, daß der spezifische Unterschied des Geldes als der
a l l g e m e i n e n Ware, des "gangbaren und kursierenden Ei-
gentums", von allen andern s p e z i e l l e n Waren sich fi-
xiert, die plötzlich aufhören, gangbares Eigentum zu sein. Die
Ursachen dieses Phänomens hier, Sancho zu Gefallen, zu entwic-
keln, kann nicht erwartet werden. Den geld- und trostlosen Klein-
krämern gibt Sancho nun zunächst den Trost, daß nicht das Geld
die Ursache des Geldmangels und der ganzen Krise sei, sondern ihr
Unvermögen, es zu nehmen. Nicht der Arsenik ist schuld daran, daß
Jemand stirbt, der ihn gegessen hat, sondern das Unvermögen sei-
ner Konstitution, Arsenik zu verdauen.
Nachdem Sancho vorher das Geld als ein wesentliches, und zwar
s p e z i f i s c h e s Vermögen, als allgemeines Tauschmittel,
als Geld im gewöhnlichen Verstande bestimmt hat, dreht er auf
einmal, sowie er sieht, zu welchen Schwierigkeiten dies führen
würde, die Sache um und erklärt alles Vermögen für Geld, um den
Schein der persönlichen Macht hervorzubringen. Die Schwierigkeit
während der Krise ist eben, daß "alles Vermögen" aufgehört hat,
"Geld" zu sein. Übrigens läuft dies auf die Praxis des Bürgers
hinaus, der "alles Vermögen" solange an Zahlungs Statt annimmt,
als es Geld ist, und erst dann Schwierigkeiten macht, wenn es
schwierig wird, dies "Vermögen" m Geld zu verwandeln, wo er es
dann auch nicht mehr für ein "Vermögen" ansieht. Die Schwierig-
keit in der Krisis besteht ferner gerade darin,
#382# Karl Marx und Friedrich Engels
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daß Ihr Kleinbürger, zu denen Sancho hier spricht, das Geld Eures
Gepräges, Eure Wechsel nicht mehr zirkulieren lassen könnt, son-
dern daß man Geld von Euch verlangt, woran Ihr nichts mehr zu
prägen hattet und dem kein Mensch es ansieht, daß es durch Eure
Finger gegangen ist.
Endlich verdreht Stirner das bürgerliche Motto: Du giltst so
viel, als Du Geld hast, dahin: Du hast so viel Geld, als Du
giltst, womit nichts verändert, sondern nur der Schein der per-
sönlichen Macht hereingebracht und damit die triviale Bour-
geoisillusion ausgedrückt ist, daß Jeder selbst schuld daran sei,
wenn er kein Geld habe. So wird Sancho fertig mit dem klassischen
Bourgeoisspruch: L'argent n'a pas de maître 1*), und kann nun auf
die Kanzel steigen und ausrufen: "Lasset Eure Vermögen wirken,
nehmt Euch zusammen, und es wird am Gelde nicht fehlen!" Je ne
connais pas de lieu à la bourse où se fasse le transfert des bon-
nes intentions. 2*) Er brauchte nur noch hinzuzusetzen: Ver-
schafft Euch Kredit, knowledge is power 3*), der erste Taler ist
schwerer zu erwerben als die letzte Million, seid mäßig und hal-
tet das Eurige zu Rate, besonders aber pulluliert nicht zu viel
usw., um statt des einen beide Eselsohren hervorblicken zu las-
sen. Überhaupt endigen bei dem Manne, für den Jeder ist, was er
sein kann, und tut, was er tun kann, alle Kapitel mit moralischen
Postulaten.
Das Geldwesen im Stirnerschen Verein ist also das existierende
Geldwesen, ausgedrückt in der beschönigenden und gemütlich-
schwärmerischen Weise eines deutschen Kleinbürgers.
Nachdem Sancho auf diese Weise mit den Ohren seines Grauen para-
diert hat, richtet sich Szeliga-Don Quijote in seiner
g a n z e n Länge auf, um mit einer feierlichen Rede über die
moderne fahrende Ritterschaft, wobei das Geld in die Dulcinea von
Toboso verwandelt wird, die Fabrikanten und Commerçants en masse
4*) zu Rittern, nämlich Industrierittern, zu schlagen. Die Rede
hat noch den Nebenzweck, zu beweisen, daß das Geld, weil ein
"wesentliches Mittel", auch "wesentlich Tochter *) ist". Und er
reckte seine Rechte aus und sprach:
"Vom Gelde hängt Glück und Unglück ab. Es ist darum in der Bür-
gerperiode eine Macht, weil es nur wie ein Mädchen" (Viehmädchen,
per appos[itionem] Dulcinea) "umworben, von Niemand unauflöslich
geehlicht wird. Alle Romantik und Ritterlichkeit
---
*) Vgl. "Die heilige Familie", p. 266. 5*)
-----
1*) Das Geld hat keinen Herrn - 2*) Ich kenne keine Stelle an der
Börse, wo gute Absichten gehandelt werden - 3*) Wissen ist Macht
- 4*) Kaufleute in Massen - 5*) Siehe Bd. 2 unserer Ausgabe. S.
177/78.
#383# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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des Werbens um einen teuren Gegenstand lebt in der Konkurrenz
wieder auf. Das Geld, ein Gegenstand der Sehnsucht, wird von den
kühnen Industrierittern entführt." p. 364.
Sancho hat jetzt einen tiefen Aufschluß darüber erhalten, weshalb
das Geld in der Bürgerperiode eine Macht ist, nämlich erstens,
weil von ihm Glück und Unglück abhängt, und zweitens, weil es ein
M ä d c h e n ist. Er hat ferner erfahren, weshalb er um sein
Geld kommen kann, nämlich, weil ein Mädchen von Niemand unauflös-
lich geehlicht wird. Jetzt weiß der arme Schlucker, woran er ist.
Szeliga, der so den Bürger zum Ritter gemacht hat, macht nun fol-
gendermaßen den Kommunisten zum Bürger, und zwar zum bürgerlichen
Ehemann:
"Wer das Glück hat, führt die Braut heim. Der Lump hat das Glück;
er führt sie in sein Hauswesen, die G e s e l l s c h a f t,
ein und vernichtet die Jungfrau. In seinem Hause ist sie nicht
mehr Braut, sondern Frau, und mit der Jungfräulichkeit geht auch
der Geschlechtsname verloren. Als Hausfrau heißt die Geldjungfer
A r b e i t, denn A r b e i t ist der Name des Mannes. Sie ist
ein Besitz des Mannes. - Um dies Bild zu Ende zu bringen, so ist
das Kind von Arbeit und Geld wieder ein Mädchen" ("wesentlich
Tochter"), "ein unverehlichtes" (ist dem Szeliga je vorgekommen,
daß ein Mädchen "verehlicht" aus dem Mutterleibe gekommen ist?),
"also Geld". (Nach dem obigen Beweise, daß alles Geld "ein unver-
ehlichtes Mädchen" sei, leuchtet es von selbst ein, daß "alle un-
verehlichten Mädchen" "Geld" sind) - "also Geld, aber mit der
g e w i s s e n Abstammung von der Arbeit, seinem Vater" (toute
recherche de la patermté est interdite [144]). "Die Gesichtsform,
das Bild, trägt ein anderes Gepräge." p. 364, 365.
Diese Hochzeits-, Leichenbitter- und Kmdtaufsgeschichte beweist
wohl durch sich selbst hinlänglich, wie sehr sie "wesentlich
Tochter" Szeligas, und zwar Tochter von "gewisser Abstammung"
ist. Ihren letzten Grund hat sie indes in der Unwissenheit seines
ehmaligen Stallknechts Sancho. Diese tritt deutlich heraus am
Schluß, wo der Redner wieder um das "Gepräge" des Geldes ängst-
lich besorgt ist und dadurch verrät, daß er noch immer das Me-
tallgeld für das wichtigste zirkulierende Medium hält. Wenn er
sich um die ökonomischen Verhältnisse des Geldes etwas näher be-
kümmert hätte, statt ihm einen schönen grünen Jungfernkranzt
[145] zu flechten, so würde er wissen, daß, von Staatspapieren,
Aktien pp. nicht zu sprechen, die Wechsel den größten Teil des
zirkulierenden Mediums ausmachen, während das Papiergeld ein ver-
hältnismäßig sehr kleiner und das Metallgeld ein noch kleinerer
Teil davon ist. In England zirkuliert z.B. fünfzehnmal mehr Geld
m Wechseln und Banknoten als in Metall. Und selbst was das Me-
tallgeld betrifft, so wird es rein durch die Produktionskosten,
d. h. die Arbeit bestimmt. Stirners weitläuftiger
#384# Karl Marx und Friedrich Engels
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Zeugungsprozeß war also hier überflüssig. - Die feierlichen Re-
flexionen, die Szeliga über ein auf der Arbeit beruhendes und
doch vom jetzigen Gelde unterschiedenes Tauschmittel anstellt,
das er bei einigen Kommunisten entdeckt haben will, beweisen nur
wieder die Einfalt, mit der unser edles Paar Alles unbesehen
glaubt, was es liest.
Beide führen, wenn sie nach dieser ritterlichen und "romanti-
schen" Kampagne "des Werbens" nach Hause reiten, kein "Glück"
heim, noch weniger "die Braut", am allerwenigsten "Geld", sondern
höchstens ein "Lump" den andern.
4. Staat
Wir haben gesehen, wie Sancho in seinem "Verein" die bestehende
Form des Grundbesitzes, die Teilung der Arbeit und das Geld in
der Weise, wie diese Verhältnisse in der Vorstellung eines Klein-
bürgers leben, beibehält. Daß nach diesen Prämissen Sancho den
Staat nicht entbehren kann, leuchtet auf den ersten Blick ein.
Zunächst wird sein neuerworbenes Eigentum die Form des garantier-
ten, rechtlichen Eigentums anzunehmen haben. Wir haben schon ge-
hört:
"Dasjenige, woran Alle Anteil haben wollen, wird demjenigen Ein-
zelnen entzogen werden, der es für sich allein haben will." (p.
330.)
Hier wird also der Wille der Gesamtheit geltend gemacht gegenüber
dem Willen des vereinzelten Einzelnen. Da jeder der mit sich ei-
nigen Egoisten mit den Andern uneinig werden und damit in diesen
Widerspruch treten kann, muß der Gesamtwille auch einen Ausdruck
haben gegenüber den vereinzelten Einzelnen -
"und man nennt diesen Willen den S t a a t s w i l l e n" (p.
257).
Seine Bestimmungen sind dann die r e c h t l i c h e n Bestim-
mungen. Die Exekution dieses Gesamtwillens wird wieder Repressiv-
maßregeln und eine öffentliche Gewalt nötig machen.
"Vereine werden dann auch in dieser Sache" (dem Eigentum) "die
Mittel des Einzelnen multiplizieren und sein a n g e f o c h-
t e n e s Eigentum s i c h e r s t e l l e n" (garantieren al-
so garantiertes Eigentum, also rechtliches Eigentum, also Eigen-
tum, das Sancho nicht "unbedingt" besitzt, sondern vom "Verein"
"zu Lehen trägt"), p. 342.
Mit den Eigentumsverhältnissen versteht sich dann, daß das ganze
Zivilrecht wiederhergestellt wird, und Sancho selbst trägt z.B.
die Lehre vom Vertrag ganz im Sinne der Juristen vor, wie folgt:
"Auch hat es Nichts zu sagen, wenn Ich selbst Mich um diese und
jene Freiheit bringe, z.B. durch jeden K o n t r a k t." p.
409.
#385# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Und um die "angefochtenen" Kontrakte "sicherzustellen", wird es
ebenfalls "Nichts zu sagen haben", wenn er sich wieder einem Ge-
richte und allen jetzigen Folgen eines Zivilprozesses zu unter-
werfen hat.
So rücken wir "allgemach aus Dämmerung und Nacht" den bestehenden
Verhältnissen wieder näher, nur den bestehenden Verhältnissen in
der zwerghaften Vorstellung des deutschen Kleinbürgers.
Sancho gesteht:
"In bezug auf die Freiheit unterliegen Staat und Verein keiner
wesentlichen Verschiedenheit. Der letztere kann ebensowenig ent-
stehen und bestehen, ohne daß die Freiheit auf allerlei Art be-
schränkt werde, als der Staat mit ungemessener Freiheit sich ver-
trägt. Beschränkung der Freiheit ist überall unabwendbar, denn
man kann nicht Alles l o s w e r d e n; man kann nicht gleich
einem Vogel fliegen, bloß weil man so fliegen möchte etc. ... Der
Unfreiheit und Unfreiwilligkeit wird der Verein noch genug ent-
halten, denn sein Zweck ist eben nicht die Freiheit, die er im
Gegenteil der Eigenheit opfert, aber auch nur der
E i g e n h e i t." p. 410, 411.
Abgesehen einstweilen von der komischen Distinktion zwischen
Freiheit und Eigenheit, so hat Sancho seine "Eigenheit" in seinem
Vereine durch die ö k o n o m i s c h e n Einrichtungen schon
geopfert, ohne es zu wollen. Als echter "Staatsgläubiger" sieht
er erst da eine Beschränkung, wo die politischen Einrichtungen
anfangen. Er läßt die alte Gesellschaft fortbestehen und mit ihr
die Subsumtion der Individuen unter die Teilung der Arbeit; wobei
er dann dem Schicksal nicht entgehen kann, von der Teilung der
Arbeit und der ihm dadurch zugefallenen Beschäftigung und Lebens-
lage eine aparte "Eigenheit" sich vorschreiben zu lassen. Wird
ihm z.B. das Los angewiesen, in Willenhall [146] als Schlosserge-
sell zu arbeiten, so wird seine aufgedrungene "Eigenheit" in ei-
ner Verdrehung der Hüftknochen bestehen, die ihm ein "Hinterbein"
verschafft; wird "das Titelgespenst seines Buchs" [147] als
Throstlespinnerin 1*) existieren müssen, so wird ihre "Eigenheit"
in steifen Knien bestehen. Selbst wenn unser Sancho bei seinem
alten Beruf des Fronbauers bleibt, den ihm schon Cervantes ange-
wiesen hat und den er jetzt für seinen eignen Beruf erklärt, zu
dem er sich beruft, so fällt ihm kraft der Teilung der Arbeit und
der Trennung von Stadt und Land die "Eigenheit" zu, von allem
Weltverkehr und folglich von aller Bildung ausgeschlossen ein
bloßes Lokaltier zu werden.
So verliert Sancho im Verein seine Eigenheit malgré lui 2*) durch
die gesellschaftliche Organisation, wenn wir einmal ausnahmsweise
die Eigenheit im Sinne von Individualität nehmen wollen. Daß er
nun auch durch die politische
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1*) Ringspinnerin - 2*) gegen seinen Willen
#386# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
Organisation seine Freiheit aufgibt, ist ganz konsequent und be-
weist nur noch deutlicher, wie sehr er den jetzigen Zustand im
Verein sich anzueignen strebt.
Die wesentliche Verschiedenheit von Freiheit und Eigenheit bildet
also den Unterschied zwischen dem jetzigen Zustande und dem
"Verein". Wie wesentlich dieser Unterschied ist, haben wir be-
reits gesehen. Die Majorität seines Vereins wird sich ebenfalls
an dieser Distinktion möglicherweise nicht stören, sondern das
"Lossein" von ihr dekretieren, und wenn er sich dabei nicht beru-
higt, wird sie ihm aus seinem eignen "Buche" beweisen, daß es er-
stens keine Wesen gibt, sondern Wesen und wesentliche Unter-
schiede "das Heilige" sind; zweitens, daß der Verein nach "der
Natur der Sache" und "dem Begriff des Verhältnisses" gar nichts
zu fragen hat, und drittens, daß sie keineswegs seine Eigenheit
antastet, sondern nur seine Freiheit, sie zu äußern. Sie wird ihm
vielleicht beweisen, wenn er "sich bestrebt, verfassungslos zu
werden", daß sie nur seine Freiheit beschränkt, wenn sie ihn ein-
sperrt, ihm Hiebe diktiert, ihm ein Bein ausreißt, daß er partout
et toujours 1*) "eigen" ist, solange er noch die Lebensäußerungen
eines Polypen, einer Auster, ja eines galvanisierten Froschleich-
nams von sich zu geben vermag. Sie wird ihm für seine Arbeit eine
"Preisbestimmung setzen", wie wir schon hörten, "eine wirkliche
f r e i e" (!) "Verwertung seines Eigentums nicht zulassen", da
sie ihm hiermit die Freiheit, nicht die Eigenheit beschränkt;
Dinge, die Sancho p. 338 dem Staate vorwirft. "Was soll also" der
Fronbauer Sancho "anfangen? Auf sich halten und nach dem" Verein
"nichts fragen", (ibid.) Sie wird ihm schließlich insinuieren,
sooft er gegen die ihm gesetzte Schranke poltert, daß, solange er
die Eigenheit hat, Freiheiten für Eigenheiten zu erklären, sie
sich die Freiheit nimmt, seine Eigenheiten für Freiheiten anzuse-
hen.
Wie oben der Unterschied zwischen menschlicher und einziger Ar-
beit nur eine kümmerliche Aneignung des Gesetzes von Nachfrage
und Zufuhr war, so ist jetzt der Unterschied zwischen Freiheit
und Eigenheit eine kümmerliche Aneignung des Verhältnisses von
Staat und bürgerlicher Gesellschaft, oder, wie Herr Guizot sagt,
der liberté individuelle 2*) und des pouvoir public 3*). Dies ist
so sehr der Fall, daß er im Folgenden den Rousseau fast wörtlich
abschreiben kann:
"Die Übereinkunft, der Jeder einen Teil seiner Freiheit opfern
muß", geschieht "ganz und gar nicht um eines Allgemeinen oder
auch nur um eines andern Menschen willen", sondern - Ich ging
vielmehr nur auf sie ein aus E i g e n n u t z. Was aber das
Opfern betrifft, so opfere Ich doch wohl nur Dasjenige, was nicht
in Meiner Gewalt steht, d. h. opfere gar Nichts." p. 418.
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1*) überall und immer - 2*) individuellen Freiheit - 3*) öffent-
lichen Gewalt
#387# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Diese Qualität teilt der mit sich einige Fronbauer mit jedem an-
dern Fronbauer und überhaupt mit jedem Individuum, das je auf der
Welt gelebt hat. Vergleiche auch Godwin, "Political Justice"
[148]. - Sancho scheint, nebenbei bemerkt, die Eigenheit zu be-
sitzen, zu glauben, bei Rousseau schlössen die Individuen den
Vertrag dem Allgemeinen zuliebe, was Rousseau nie eingefallen
ist.
Indessen Ein Trost ist ihm geblieben.
"Der Staat ist h e i l i g ... der Verein aber ist ...
n i c h t heilig." Und darin besteht "der große Unterschied zwi-
schen Staat und Verein", p. 411.
Dieser ganze Unterschied läuft also darauf hinaus, daß der
"Verein" der wirkliche moderne Staat und der "Staat" die Stirner-
sche Illusion vom preußischen Staat ist, den er für den Staat
überhaupt versieht.
5. Empörung
Sancho traut seinen feinen Distinktionen zwischen Staat und Ver-
ein, heilig und nicht heilig, menschlich und einzig, Eigenheit
und Freiheit usw. schließlich mit Recht so wenig, daß er zur ul-
tima ratio 1*) des mit sich einigen Egoisten seine Zuflucht nimmt
- zur Empörung. Diesmal indes empört er sich nicht gegen sich
selbst, wie er früher vorgab, sondern gegen den Verein. Wie er
sich über alle Punkte erst im Verein klarzuwerden suchte, so auch
hier mit der Empörung.
"Macht Mir's die Gemeinde nicht recht, so empöre Ich Mich gegen
sie und verteidige Mein Eigentum." p. 343.
"Gedeiht" die Empörung nicht, so wird der Verein "ihn ausschlie-
ßen (einsperren, verbannen usw.)". p. 256, 257.
Sancho sucht sich hier die droits de l'homme 2*) von 1793, unter
denen auch das Recht der Insurrektion [149] aufgezählt wird, an-
zueignen, ein Menschenrecht, das natürlich bittere Früchte für
den trägt, der davon nach seinem "eignen" Sinn Gebrauch macht.
Der ganze Verein Sanchos läuft also auf Folgendes hinaus. Während
er früher m der Kritik die bestehenden Verhältnisse nur nach der
Seite der Illusion betrachtete, sucht er im Verein diese Verhält-
nisse ihrem wirklichen Inhalt nach kennenzulernen und diesen In-
halt gegen die früheren Illusionen
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1*) [zum] letzten Mittel - 2*) Menschenrechte
#388# Karl Marx und Friedrich Engels
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geltend zu machen. Bei diesem Versuch mußte unser ignoranter
Schulmeister natürlich mit Eklat scheitern. Er hat sich ausnahms-
weise einmal bestrebt, sich "die Natur der Sache" und "den Be-
griff des Verhältnisses" anzueignen, aber es ist ihm nicht gelun-
gen, irgendeiner Sache oder einem Verhältnis "den Geist der
Fremdheit abzustreifen".
Nachdem wir jetzt den Verein in seiner wirklichen Gestalt kennen-
lernten, bleibt uns nur noch übrig, die schwärmerischen Vorstel-
lungen, die Sancho sich von ihm macht, die Religion und Philoso-
phie des Vereins, zu betrachten.
6. Religion und Philosophie des Vereins
Wir fangen hier wieder mit dem Punkte an, mit dem wir oben die
Darstellung des Vereins eröffneten. Sancho gebraucht zwei Katego-
rien, Eigentum und Vermögen; die Illusionen über das Eigentum
entsprechen hauptsächlich den gegebenen positiven Daten über das
Grundeigentum, die über das Vermögen den Daten über die Organisa-
tion der Arbeit und das Geldwesen im "Verein".
A. Eigentum
p. 331. "Mir gehört die Welt."
Interpretation seiner Erbpacht an der Parzelle.
p. 343. "Ich bin Eigentümer von Allem, dessen Ich brauche",
eine beschönigende Umschreibung davon, daß seine Bedürfnisse
seine Habe sind und daß das, was er als Fronbauer braucht, durch
seine Verhältnisse bedingt ist. In derselben Weise behaupten die
Ökonomen, daß der Arbeiter Eigentümer von Allem ist, was er als
Arbeiter braucht. Siehe die Entwicklung über das Minimum des Sa-
lärs bei Ricardo. [150]
p. 343. "Jetzt aber gehört Alles Mir."
Musikalischer Tusch zu seiner Lohntaxe, seiner Parzelle, seiner
permanenten Geldklemme und seinem Ausgeschlossensein von Allem,
wovon die "Sozietät" nicht will, daß er es allein besitze. Der-
selbe Satz findet sich p. 327 auch so ausgedrückt:
"Seine" (sc. des Andern) "Güter sind Mein, und Ich schalte damit
als Eigentümer nach dem Maße Meiner Gewalt."
Dies hochtönende Allegro marciale 1*) geht folgendermaßen in eine
sanfte
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1*) flotte Marschweise
#389# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Kadenz über, in welcher es allmählich ganz auf den Hintern fällt
- gewöhnliches Schicksal Sanchos:
p. 331: "Mir gehört die Welt. Sagt Ihr" (Kommunisten) "etwas An-
deres mit dem umgekehrten Satze: Allen gehört die Welt? Alle sind
Ich und wieder Ich usw." (z.B. "Robespierre z.B., Samt-Just
usw.")
p. 415: "Ich bin Ich und Du bist Ich, aber ... dieses Ich, worin
Wir alle gleich sind, ist nur Mein Gedanke - - eine Allgemein-
heit" (das Heilige).
Die praktische Variation dieses Themas findet sich
p. 330, wo die "Einzelnen als eine Gesamtmasse" (d.h. Alle) dem
"vereinzelten Einzelnen" (d.h. Ich im Unterschied von Alle) als
regulierende Macht gegenübergestellt werden.
Diese Dissonanzen lösen sich also schließlich in den beruhigenden
Schlußakkord auf, daß, was Ich nicht besitze, jedenfalls das Ei-
gentum eines andern "Ich" ist. Das "Eigentum an Allem" ist hier-
mit nur die Interpretation davon, daß Jeder ein ausschließliches
Eigentum besitzt.
p. 336. "Eigentum ist aber nur Mein Eigentum, wenn Ich dasselbe
unbedingt innehabe. Als unbedingtes Ich habe Ich Eigentum, treibe
freien Handel."
Wir wissen schon, daß, wenn die Handelsfreiheit und Unbedingtheit
im Verein nicht respektiert wird, damit nur die Freiheit und
nicht die Eigenheit angetastet wird. Das "unbedingte Eigentum"
ist ein passendes Supplement zu dem "sichergestellten", garan-
tierten Eigentum im Verein.
p. 342. "Nach der Meinung der Kommunisten soll die Gemeinde Ei-
gentümerin sein. Umgekehrt, Ich bin Eigentümer und verständige
Mich nur mit Anderen über Mein Eigentum."
Nach p. 329 sahen wir, wie "sich die société 1*) zur E i g e n-
t ü m e r i n macht", und nach p. 330, wie sie "die E i n-
z e l n e n von i h r e m Eigentum ausschließt". Überhaupt sa-
hen wir das Stammlehnswesen, den rohesten Anfang des Lehnswesens,
eingeführt. Nach p. 416 ist "Feudalwesen = Eigentumslosigkeit",
weswegen nach ebenderselben Pagina "im Vereine und nur im Vereine
das Eigentum anerkannt wird", und zwar aus dem zureichenden
Grunde, "weil man das Seine von keinem Wesen mehr zum Lehen
trägt", (ibid.) D.h., in dem bisherigen Lehnswesen war "das
Wesen" der Lehnsherr, im Verein ist es die société. Woraus
wenigstens soviel hervorgeht, daß Sancho ein "ausschließliches",
aber keineswegs "sichergestelltes" Eigentum am "Wesen" der bishe-
rigen Geschichte hat.
Im Zusammenhang mit p. 330, wonach jeder Einzelne von dem ausge-
schlossen
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1*) Gesellschaft
#390# Karl Marx und Friedrich Engels
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wird, wovon es der Sozietät nicht recht ist, daß er es allein be-
sitzt, und mit dem Staats- und Rechtswesen des Vereins steht
p. 369: "Rechtliches und rechtmäßiges Eigentum eines Andern wird
nur dasjenige sein, wovon Dir's recht ist, daß es sein Eigentum
sei. Hört es auf, Dir recht zu sein, so hat es für Dich seine
Rechtmäßigkeit eingebüßt, und das absolute Recht daran wirst Du
verlachen."
Er dokumentiert hiermit das erstaunliche Faktum, daß das, was
Rechtens im Verein ist, ihm nicht recht zu sein braucht - ein un-
bestreitbares Menschenrecht. Findet sich im Verein die Institu-
tion der altfranzösischen Parlamente, die Sancho ja so sehr hebt,
so wird er sogar seinen zu Protokoll gegebenen Widerwillen auf
dem Greffe 1*) deponieren können und dabei den Trost behalten,
daß "man nicht von Allem los sein kann".
Die bisherigen Sätze scheinen mit sich, untereinander und mit der
Wirklichkeit des Vereins im Widerspruch zu stehen. Der Schlüssel
zum Rätsel liegt indes in der schon angeführten juristischen Fik-
tion, daß da, wo er vom Eigentum Anderer ausgeschlossen wird, er
sich bloß mit diesen Andern verständigt. Diese Fiktion wird in
folgenden Sätzen näher ausgeführt:
p. 369. "Das nimmt ein Ende" (sc. der Respekt vor dem fremden Ei-
gentum), "wenn Ich jenen Baum zwar einem Andern überlassen kann,
wie Ich meinen Stock usw. einem Andern überlasse, aber nicht von
vornherein ihn Mir als fremd, d.h. heilig betrachte. Vielmehr ...
er bleibt mein Eigentum, auf solange Ich ihn auch an Andre ab-
trete, er ist und bleibt Mein. In dem Vermögen des Bankiers
s e h e Ich Nichts Fremdes."
p. 328. "Vor Deinem und Eurem Eigentum trete Ich nicht scheu zu-
rück, sondern s e h e es stets als Mein Eigentum a n, woran
Ich Nichts zu respektieren brauche. Tut doch desgleichen mit dem,
was Ihr Mein Eigentum nennt! Bei dieser A n s i c h t werden
Wir uns am leichtesten miteinander verständigen.
Wenn Sancho nach den Statuten des Vereins "mit Kolben gelaust"
wird, sobald er nach fremdem Eigentum zugreift, so wird er zwar
behaupten, es sei seine "Eigenheit", lange Finger zu machen, aber
der Verein wird dekretieren, Sancho habe sich nur eine "Freiheit"
herausgenommen. Und wenn Sancho so "frei" ist, zuzugreifen, so
hat der Verein die "Eigenheit", ihm dafür Hiebe zu diktieren.
Die Sache selbst ist die. Das bürgerliche, und zwar speziell das
kleinbürgerliche und kleinbäuerliche Eigentum bleibt im Verein
bestehen, wie wir sahen. Nur die I n t e r p r e t a t i o n,
die "A n s i c h t", ist eine verschiedene, weshalb auch Sancho
den Akzent stets auf das "Ansehen" legt. Die "Verständigung" wird
damit vollzogen, daß diese neue Philosophie des Ansehens beim
ganzen
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1*) [auf der] Gerichtskanzlei
#391# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Verein zu Ansehen kommt. Diese Philosophie besteht darin, daß er-
stens jedes Verhältnis, sei es durch ökonomische Bedingungen oder
durch direkten Zwang herbeigeführt, für ein Verhältnis der
"Verständigung" angesehen wird; zweitens, daß man sich einbildet,
alles Eigentum Andrer sei ihnen von uns überlassen und bleibe ih-
nen nur solange, bis wir die Gewalt haben, es ihnen zu nehmen,
und bekommen wir diese Gewalt nie, tant mieux 1*); drittens, daß
Sancho und sein Verein sich in der Theorie die gegenseitige Re-
spektslosigkeit garantieren, während in der Praxis der Verein
vermittelst des Stockes sich mit Sancho "verständigt", und end-
lich, daß diese "Verständigung" eine bloße Phrase ist, da Jeder
weiß, daß die Andern sie nur mit dem geheimen Vorbehalt eingegan-
gen sind, sie bei der nächsten Gelegenheit wieder umzustoßen. Ich
sehe in Deinem Eigentum nicht das Deine, sondern das Meine; da
jedes Ich dies tut, so sehen sie das A l l g e m e i n e darin,
wobei wir denn bei der modern-deutschphilosophischen Interpreta-
tion des gewöhnlichen, besondern und ausschließlichen Privatei-
gentums angelangt sind.
Zu der Philosophie des Vereins über das Eigentum gehören u.a.
auch noch folgende, aus dem System Sanchos hervorgehende Marot-
ten:
p. 342, daß man durch die Respektslosigkeit im Verein Eigentum
erwerben kann, p. 351, daß "Wir Alle im Vollen sitzen" und Ich
"nur zuzulangen habe, so gut Ich kann" - während doch der ganze
Verein zu den sieben magern Kühen Pharaonis gehört, und endlich,
daß Sancho "Gedanken hegt", die "in seinem Buche stehen", was p.
374 in der unvergleichlichen an sich gerichteten, den drei Heine-
schen Oden an Schlegel [151] nachgemachten Ode besungen wird:
"D u, d e r D u solche Gedanken, wie sie in Deinem Buche ste-
hen, hegst - Unsinn!" Dies ist die Hymne, die Sancho vorläufig
sich selbst dekretiert und worüber sich später der Verein mit ihm
"verständigen" wird.
Schließlich versteht es sich auch ohne "Verständigung", daß das
Eigentum im außergewöhnlichen Verstande, von dem wir schon in der
Phänomenologie sprachen, im Verein als "gangbares" und "kursie-
rendes Eigentum" an Zahlungs Statt angenommen wird. Über die
einfachen Tatsachen, z.B., daß Ich Mitgefühl hege, daß Ich mit
Andern spreche, daß Mir ein Bein amputiert (resp. ausgerissen)
wird, wird der Verein sich dahin verständlichen, daß "das Gefühl
der Fühlenden auch das Meinige, ein Eigentum ist", p. 387; daß
auch fremde Ohren und Zungen Mein Eigentum sind; daß auch me-
chanische Verhältnisse Mein Eigentum sind. So wird das Akkapare-
ment im Verein hauptsächlich darin bestehen, daß alle Verhält-
nisse vermöge einer leichten Paraphrase in Eigentumsverhältnisse
verwandelt werden. Diese neue Ausdrucksweise
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1*) um so besser
#392# Karl Marx und Friedrich Engels
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schon jetzt grassierender "Übelstände" ist ein "wesentliches Mit-
tel oder Vermögen" im Verein und wird das bei dem "sozialen Ta-
lente" Sanchos unvermeidliche Defizit an Lebensmitteln glücklich
decken.
B. Vermögen
p. 216: "Werde Jeder von Euch ein a l l m ä c h t i g e s
I c h!"
p. 353: "Denke auf die Vergrößerung Deines Vermögens!"
p. 420: "Haltet auf den Wert Eurer Gaben",
"Haltet sie im Preise",
"Laßt Euch nicht zwingen, unter dem Preise loszuschlagen",
"Laßt Euch nicht einreden, Eure Ware sei nicht preiswürdig",
"Macht Euch nicht zum Gespötte durch einen Spottpreis",
"Ahmt den Tapfern nach" etc.!
p. 420: "Verwertet Euer Eigentum!"
"Verwerte Dich!"
Diese Sittensprüchlem, die Sancho von einem andalusischen Scha-
cherjuden gelernt hat, der seinem Sohne Lebens- und Handelsregeln
gab, und die er jetzt aus seinem Schnappsack hervorlangt, bilden
das Hauptvermögen des Vereins. Die Grundlage aller dieser Sätze
ist der große Satz p. 351:
"Alles, was Du vermagst, ist Dein Vermögen."
Dieser Satz hat entweder keinen, d.h. einen bloß tautologischen
Sinn oder einen Unsinn. Tautologie ist er, wenn er heißt: Was Du
vermagst, vermagst Du. Unsinn ist er, wenn das Vermögen Nr. 2
Vermögen "im gewöhnlichen Verstand", Handelsvermögen, ausdrücken
soll, und wenn also auf diese Etymologie basiert wird. Die Kolli-
sion besteht eben dann, daß meinem Vermögen etwas Anderes, als
dies Vermögen leisten kann, zugemutet wird, z.B. von meinem Ver-
mögen, Verse zu machen, verlangt wird, Geld aus diesen Versen zu
machen. Man verlangt eben von meinem Vermögen etwas ganz Anderes
als das eigentümliche Produkt dieses besondern Vermögens, nämlich
ein von fremden, meinem Vermögen nicht unterworfenen Verhältnis-
sen abhängiges Produkt. Diese Schwierigkeit soll im Verein durch
etymologische Synonymik gelöst werden. Man sieht, wie unser
egoistischer Schulmeister auf einen ansehnlichen Posten im Verein
spekuliert. Übrigens ist diese Schwierigkeit nur scheinbar. Das
gewöhnliche Kern- und Sittensprüchlein der Bourgeois : Anything
is good to make money of 1*), wird hier in Sanchos feierlicher
Manier breitgetreten.
-----
1*) Aus allem, was es auch sei, kann man Geld machen
#393# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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C. Moral, Verkehr, Exploitationstheorie
p. 352. "Egoistisch verfahrt Ihr, wenn Ihr einander weder als In-
haber noch als Lumpe oder Arbeiter achtet, sondern als einen Teil
Eures Vermögens, als b r a u c h b a r e S u b j e k t e. Dann
werdet Ihr weder dem Inhaber, Eigentümer für seine Habe etwas ge-
ben, noch Dem, der arbeitet, sondern allein Dem, den Ihr braucht.
Brauchen Wir einen König? fragen sich die Nordamerikaner und ant-
worten: Nicht einen Heller ist er und seine Arbeit Uns wert."
Dagegen wirft er p. 229 der "Bürgerperiode" vor:
"Statt Mich zu nehmen, wie Ich bin, sieht man lediglich auf Mein
Eigentum, Meine Eigenschaften, und schließt mit Mir einen eheli-
chen 1*) Bund, nur um Meines Besitztums willen. Man heiratet
gleichsam, was Ich habe, nicht was Ich bin."
D.h. also, man nimmt bloß Rücksicht auf das, was Ich für den An-
dern bin, auf Meine Brauchbarkeit, man behandelt Mich als brauch-
bares Subjekt. Sancho spuckt der "Bürgerperiode" in die Suppe, um
sie im Verein ganz allein auszufressen.
Wenn die Individuen der heutigen Gesellschaft einander als Inha-
ber, als Arbeiter, und, wenn Sancho will, als Lumpe achten, so
heißt das ja weiter Nichts, als daß sie sich als brauchbare Sub-
jekte behandeln, ein Faktum, das nur ein so unbrauchbares Indivi-
duum wie Sancho in Zweifel zu ziehen vermag. Der Kapitalist, der
den Arbeiter "als Arbeiter achtet", nimmt nur deshalb Rücksicht
auf ihn, weil er Arbeiter braucht; der Arbeiter macht es ebenso
mit dem Kapitalisten; wie denn auch die Amerikaner nach Sanchos
Meinung (er möge uns anzeigen, welcher Quelle er dies historische
Faktum entnommen) d e s w e g e n keinen König b r a u-
c h e n, weil sie ihn nicht a l s A r b e i t e r brauchen.
Sancho hat sein Beispiel wieder mit seinem gewöhnlichen Unge-
schick gewählt, indem es gerade das Gegenteil von dem beweisen
soll, was es wirklich beweist.
p. 395. "Du bist für Mich Nichts als eine Speise, gleichwie auch
Ich von Dir verspeiset und verbraucht werde. Wir haben zueinander
nur Eine Beziehung: die der Brauchbarkeit, der Nutzbarkeit, des
Nutzens."
p. 416. "Es ist Keiner für Mich eine Respektsperson, auch der
Mitmensch nicht, sondern lediglich wie andre W e s e n" (!)
"ein G e g e n s t a n d, für den Ich Teilnahme habe oder auch
nicht, ein interessanter oder uninteressanter Gegenstand, ein
brauchbares oder unbrauchbares Subjekt."
Das Verhältnis der "Brauchbarkeit", welches im Verein die e i n-
z i g e Beziehung der Individuen aufeinander sein soll, wird
sogleich wieder paraphrasiert in das gegenseitige "V e r-
s p e i s e n". Die "vollendeten Christen" des Vereins
-----
1*) Bei Stirner: ehrlichen
#394# Karl Marx und Friedrich Engels
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eins verzehren natürlich auch ein Abendmahl, nur nicht miteinan-
der, sondern aneinander.
Wie sehr diese Theorie der wechselseitigen Exploitation, die
Bentham bis zum Überdruß ausführte, schon im Anfange dieses Jahr-
hunderts als eine Phase des vorigen aufgefaßt werden konnte, be-
weist Hegel in der "Phänomenologie". Siehe daselbst das Kapitel
"Der Kampf der Aufklärung mit dem Aberglauben", wo die Brauchbar-
keitstheorie als das letzte Resultat der Aufklärung dargestellt
wird. Die scheinbare Albernheit, welche alle die mannigfaltigen
Verhältnisse der Menschen zueinander in das E i n e Verhältnis
der Brauchbarkeit auflöst, diese scheinbar metaphysische Abstrak-
tion geht daraus hervor, daß innerhalb der modernen bürgerlichen
Gesellschaft alle Verhältnisse unter das Eine abstrakte Geld- und
Schacherverhältnis praktisch subsumiert sind. Diese Theorie kam
auf mit Hobbes und Locke, gleichzeitig mit der ersten und zweiten
englischen Revolution, den ersten Schlägen, wodurch die Bour-
geoisie sich politische Macht eroberte. Bei ökonomischen Schrift-
stellern ist sie natürlich schon früher stillschweigende Voraus-
setzung. Die eigentliche Wissenschaft dieser Nützlichkeitstheorie
ist die Ökonomie; in den Physiokraten [89] erhält sie ihren wah-
ren Inhalt, da diese zuerst die Ökonomie systematisch zusammen-
fassen. Schon bei Helvétius und Holbach findet sich eine Ideali-
sierung dieser Lehre, die ganz der oppositionellen Stellung der
französischen Bourgeoisie vor der Revolution entspricht. Bei Hol-
bach wird alle Betätigung der Individuen durch ihren gegenseiti-
gen Verkehr als Nützlichkeits- und Benutzungsverhältnis darge-
stellt, z.B. Sprechen, Lieben etc. Die wirklichen Verhältnisse,
die hier vorausgesetzt werden, sind also Sprechen, Lieben, be-
stimmte Betätigungen bestimmter Eigenschaften der Individuen.
Diese Verhältnisse sollen nun nicht die ihnen e i g e n t ü m-
l i c h e Bedeutung haben, sondern der Ausdruck und die Darstel-
lung eines dritten, ihnen untergeschobenen Verhältnisses sein,
des N ü t z l i c h k e i t s- o d e r B e n u t z u n g s-
v e r h ä l t n i s s e s. Diese U m s c h r e i b u n g hört
erst dann auf, sinnlos und willkürlich zu sein, sobald jene
Verhältnisse den Individuen nicht ihrer selbst wegen gelten,
nicht als Selbstbetätigung, sondern vielmehr als Verkleidungen
keineswegs der Kategorie Benutzung, sondern eines wirklichen
dritten Zwecks und Verhältnisses, welches Nützlichkeitsverhältnis
heißt.
Die Maskerade in der Sprache hat nur dann einen Sinn, wenn sie
der unbewußte oder bewußte Ausdruck einer wirklichen Maskerade
ist. In diesem Falle hat das Nützlichkeitsverhältnis einen ganz
bestimmten Sinn, nämlich den, daß ich mir dadurch nütze, daß ich
einem Andern Abbruch tue (exploitation de l'homme par l'homme
1*)); in diesem Falle ist ferner der Nutzen, den ich
-----
1*) Ausbeutung des Menschen durch den Menschen
#395# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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aus einem Verhältnisse ziehe, diesem Verhältnisse überhaupt
fremd, wie wir oben beim Vermögen sahen, daß von jedem Vermögen
ein ihm fremdes Produkt verlangt wird, eine Beziehung, die durch
die gesellschaftlichen Verhältnisse bestimmt ist - und diese ist
eben die Nützlichkeitsbeziehung. Dies Alles ist wirklich bei dem
Bourgeois der Fall. Ihm gilt nur ein Verhältnis um seiner selbst
willen, das Exploitationsverhältnis; alle andern Verhältnisse
gelten ihm nur so weit, als er sie unter dies eine Verhältnis
subsumieren kann, und selbst wo ihm Verhältnisse vorkommen, die
sich dem Exploitationsverhältnis nicht direkt unterordnen lassen,
subordiniert er sie ihm wenigstens in der Illusion. Der materi-
elle Ausdruck dieses Nutzens ist das Geld, der Repräsentant der
Werte aller Dinge, Menschen und gesellschaftlichen Verhältnisse.
Im Übrigen sieht man auf den ersten Blick, daß aus den wirklichen
Verkehrsbeziehungen, in denen ich zu andern Menschen stehe, kei-
neswegs aber aus Reflexion und bloßem Willen, erst die Kategorie
"Benutzen" abstrahiert wird und dann umgekehrt jene Verhältnisse
für die Wirklichkeit dieser aus ihnen selbst abstrahierten Kate-
gorie ausgegeben werden, eine ganz spekulative Methode zu verfah-
ren. Ganz in derselben Weise und mit demselben Rechte hat Hegel
alle Verhältnisse als Verhältnisse des objektiven Geistes darge-
stellt. Holbachs Theorie ist also die historisch berechtigte,
philosophische Illusion über die eben in Frankreich aufkommende
Bourgeoisie, deren Exploitationslust noch ausgelegt werden konnte
als Lust an der vollen Entwicklung der Individuen in einem von
den alten feudalen Banden befreiten Verkehr. Die Befreiung auf
dem Standpunkte der Bourgeoisie, die Konkurrenz, war allerdings
für das achtzehnte Jahrhundert die einzig mögliche Weise, den In-
dividuen eine neue Laufbahn freierer Entwicklung zu eröffnen. Die
theoretische Proklamation des dieser Bourgeoispraxis entsprechen-
den Bewußtseins, des Bewußtseins der wechselseitigen Exploitation
als des allgemeinen Verhältnisses aller Individuen zueinander,
war ebenfalls ein kühner und offner Fortschritt, eine profanie-
rende A u f k l ä r u n g über die politische, patriarchali-
sche, religiöse und gemütliche Verbrämung der Exploitation unter
der Feudalität; eine Verbrämung, die der damaligen Form der Ex-
ploitation entsprach und namentlich von den Schriftstellern der
absoluten Monarchie systematisiert worden war.
Selbst wenn Sancho in seinem "Buche" dasselbe getan hätte, was
Helvétius und Holbach im vorigen Jahrhundert taten, so wäre der
Anachronismus immer noch lächerlich. Aber wir sahen, wie er [a]n
die Stelle des tätigen Bourgeoisegoismus einen rodomontierenden,
mit sich ei[ni]gen Egoismus setzte. Sein einziges Ver[die]nst hat
er wider seinen Willen und ohne es zu wissen: das Verdienst, der
Ausdruck der deutschen Kleinbürger von heute zu
#396# Karl Marx und Friedrich Engels
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sein, die danach trachten, Bourgeois zu werden. Es war ganz in
der Ordnung, daß, so kleinlich, zaghaft und befangen diese Bürger
praktisch auftreten, ebenso marktschreierisch, bramarbasierend
und vorwitzig "der Einzige" unter ihren philosophischen Repräsen-
tanten in die Welt hinaus renommierte; es paßt ganz zu den Ver-
hältnissen dieser Bürger, daß sie von ihrem theoretischen Maul-
helden Nichts wissen wollen und er Nichts von ihnen weiß, daß sie
miteinander uneinig sind und er den mit sich einigen Egoismus
predigen muß; Sancho sieht jetzt vielleicht, durch welche Nabel-
schnur s e i n "Verein" mit dem Zollverein [152] zusammenhängt.
Die Fortschritte der Nützlichkeits- und Exploitationstheorie,
ihre verschiedenen Phasen hängen genau zusammen mit den verschie-
denen Entwicklungsepochen der Bourgeoisie. Bei Helvétius und Hol-
bach war sie dem wirklichen Inhalt nach nie weit darüber hinaus-
gekommen, die Ausdrucksweise der Schriftsteller aus der Zeit der
absoluten Monarchie zu umschreiben. Es war eine andere Ausdrucks-
weise, mehr der Wunsch, alle Verhältnisse auf das Exploitations-
verhältnis zurückzuführen, den Verkehr aus den materiellen Be-
dürfnissen und den Weisen ihrer Befriedigung zu erklären, als die
Tat selbst. Die Aufgabe war gestellt. Hobbes und Locke hatten
sowohl die frühere Entwicklung der holländischen Bourgeoisie (sie
lebten Beide eine Zeitlang in Holland) wie die ersten politischen
Aktionen, durch welche die Bourgeoisie in England aus der lokalen
und provinziellen Beschränkung heraustrat, und eine schon relativ
entwickelte Stufe der Manufaktur, des Seehandels und der Koloni-
sation vor Augen: besonders Locke, der gleichzeitig mit der er-
sten Periode der englischen Ökonomie, mit dem Entstehen der Akti-
engesellschaften, der englischen Bank und der Seeherrschaft Eng-
lands schrieb. Bei ihnen, und namentlich bei Locke, ist die Ex-
ploitationstheone noch unmittelbar mit ökonomischem Inhalt ver-
bunden.
Helvétius und Holbach hatten außer der englischen Theorie und der
bisherigen Entwicklung der holländischen und englischen Bour-
geoisie die um ihre freie Entfaltung noch kämpfende französische
Bourgeoisie vor sich. Der allgemeine kommerzielle Geist des acht-
zehnten Jahrhunderts hatte namentlich in Frankreich in der Form
der Spekulation alle Klassen ergriffen. Die Finanzverlegenheiten
der Regierung und die daraus entspringenden Debatten über die Be-
steuerung beschäftigten schon damals ganz Frankreich. Dazu kam,
daß Paris im achtzehnten Jahrhundert die einzige Weltstadt war,
die einzige Stadt, in welcher ein persönlicher Verkehr von Indi-
viduen aller Nationen stattfand. Diese Prämissen, zusammen mit
dem universelleren Charakter der Franzosen überhaupt, gaben der
Theorie von Helvétius und Holbach die eigentümliche allgemeine
Färbung, nahmen ihr aber zugleich
#397# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
-----
den noch bei den Engländern vorfindlichen positiven ökonomischen
Inhalt. Die Theorie, die bei den Engländern noch einfache Konsta-
tierung 1*) einer Tatsache war, wird bei den Franzosen zu einem
philosophischen System. Diese des positiven Inhalts beraubte All-
gemeinheit, wie sie in Helvétius und Holbach hervortritt, ist we-
sentlich verschieden von der inhaltsvollen Totalität, die erst
bei Bentham und Mill sich findet. Die erstere entspricht der
kämpfenden, noch unentwickelten Bourgeoisie, die zweite der herr-
schenden, entwickelten.
Der von Helvétius und Holbach vernachlässigte Inhalt der Ex-
ploitationstheone wurde gleichzeitig mit Letzterem von den Phy-
siokraten entwickelt und systematisiert; da ihnen aber die unent-
wickelten ökonomischen Verhältnisse Frankreichs zugrunde lagen,
wo der den Grundbesitz zur Hauptsache machende Feudalismus noch
ungebrochen war, so blieben sie insofern in der feudalistischen
Anschauungsweise befangen, daß sie den Grundbesitz und die Agri-
kulturarbeit für diejenige [Produktivkraft] erklärten, welche die
ganze Gestaltung der Gesellschaft bedingt.
Die weitere Entwicklung der Exploitationstheone ging in England
durch Godwin, besonders aber durch Bentham vor sich, der den von
den Franzosen vernachlässigten ökonomischen Inhalt nach und nach
wieder hereinnahm, je weiter sich die Bourgeoisie, sowohl in Eng-
land wie in Frankreich, durchsetzte. Godwins "Political Justice"
wurde während der Schreckensperiode, die Hauptwerke Benthams wäh-
rend und seit der französischen Revolution und der Entwicklung
der großen Industrie in England geschrieben. Die vollständige
Vereinigung der Nützlichkeitstheorie mit der Ökonomie finden wir
endlich bei Mill.
Die Ökonomie, die früher entweder von Finanzmännern, Bankiers und
Kaufleuten, also überhaupt von Leuten, die unmittelbar mit ökono-
mischen Verhältnissen zu tun hatten, oder von allgemein gebilde-
ten Männern wie Hobbes, Locke, Hume behandelt wurde, für die sie
als ein Zweig des enzyklopädischen Wissens Bedeutung hatte - die
Ökonomie wurde erst durch die Physiokraten zu einer besondern
Wissenschaft erhoben und seit ihnen als eine solche behandelt.
Als besondere Fachwissenschaft nahm sie die übrigen, politischen,
juristischen etc. Verhältnisse so weit in sich auf, daß sie diese
Verhältnisse auf ökonomische reduzierte. Sie hielt aber diese
Subsumtion aller Verhältnisse unter sich nur für eine Seite die-
ser Verhältnisse und ließ ihnen damit im Übrigen auch eine selb-
ständige Bedeutung außer der Ökonomie. Die vollständige Subsum-
tion aller existierenden Verhältnisse unter das Nützlichkeitsver-
hältnis,
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1*) MEGA: bei den Engländern einfache Konstatierung
#398# Karl Marx und Friedrich Engels
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die unbedingte Erhebung dieses Nützlichkeitsverhältnisses zum
einzigen Inhalt aller übrigen, finden wir erst bei Bentham, wo
nach der französischen Revolution und der Entwicklung der großen
Industrie die Bourgeoisie nicht mehr als eine besondre Klasse,
sondern als die Klasse auftritt, deren Bedingungen die Bedingun-
gen der ganzen Gesellschaft sind.
Nachdem die sentimentalen und moralischen Paraphrasen, die bei
den Franzosen den ganzen Inhalt der Nützlichkeitstheorie bilde-
ten, erschöpft waren, blieb für eine 1*) fernere Ausbildung die-
ser Theorie nur noch die Frage übrig, wie die Individuen und Ver-
hältnisse zu benutzen, zu exploitieren seien. Die Antwort auf
diese Frage war inzwischen in der Ökonomie schon gegeben worden;
der einzig mögliche Fortschritt lag m dem Hereinnehmen des ökono-
mischen Inhalts. Bentham vollzog diesen Fortschritt. In der Öko-
nomie aber war es schon ausgesprochen, daß die hauptsächlichen
Verhältnisse der Exploitation unabhängig von dem Willen der Ein-
zelnen durch die Produktion im Ganzen und Großen bestimmt und von
den einzelnen Individuen fertig vorgefunden werden. Es blieb also
für die Nützlichkeitstheorie kein anderes Feld der Spekulation
als die Stellung der Einzelnen zu diesen großen Verhältnissen,
die Privat-Exploitation einer vorgefundenen Welt durch die ein-
zelnen Individuen. Hierüber hat Bentham und seine Schule lange
moralische Reflexionen angestellt. Die ganze Kritik der bestehen-
den Welt durch die Nützlichkeitstheorie erhielt hierdurch eben-
falls einen beschränkten Gesichtskreis. In den Bedingungen der
Bourgeoisie befangen, blieben ihr zur Kritik nur diejenigen Ver-
hältnisse, die aus einer früheren Epoche überkommen waren und der
Entwicklung der Bourgeoisie im Wege standen. Die Nützlichkeits-
theone entwickelt daher allerdings den Zusammenhang sämtlicher
bestehenden Verhältnisse mit ökonomischen, aber nur auf eine be-
schränkte Weise.
Die Nützlichkeitstheorie hatte von vornherein den Charakter der
Gemeinnützlichkeitstheorie; dieser Charakter wurde jedoch erst
inhaltsvoll mit dem Hereinnehmen der ökonomischen Verhältnisse,
speziell der Teilung der Arbeit und des Austausches. In der Tei-
lung der Arbeit wird die Privattätigkeit des Einzelnen gemein-
nützlich; die Gemeinnützlichkeit Benthams reduziert sich auf die-
selbe Gemeinnützlichkeit, die überhaupt in der Konkurrenz geltend
gemacht wird. Durch das Hereinziehen der ökonomischen Verhält-
nisse von Grundrente, Profit und Arbeitslohn kamen die bestimmten
Exploitationsverhältnisse der einzelnen Klassen herein, da die
Art der Exploitation von der Lebensstellung des Exploitierenden
abhängt. Bis hieher konnte die
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1*) MEGA: für die
#399# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Nützlichkeitstheorie sich an bestimmte gesellschaftliche Tatsa-
chen anschließen; ihr weiteres Eingehen auf die Art der Exploita-
tion verläuft sich in Katechismusphrasen.
Der ökonomische Inhalt verwandelte 1*) die Nützlichkeitstheorie
allmählich in eine bloße Apologie des Bestehenden 2*), in den
Nachweis, daß unter den existierenden Bedingungen die jetzigen
Verhältnisse der Menschen zueinander die vorteilhaftesten und ge-
meinnützlichsten seien. Diesen Charakter trägt sie bei allen
neueren Ökonomen.
Während so die Nützlichkeitstheorie wenigstens den Vorzug hatte,
den Zusammenhang aller bestehenden Verhältnisse mit den ökonomi-
schen Grundlagen der Gesellschaft anzudeuten, hat sie bei Sancho
allen positiven Inhalt verloren, abstrahiert von allen wirklichen
Verhältnissen und beschränkt sich auf die bloße Illusion des ein-
zelnen Bürgers über seine "Gescheitheit", mit der er die Welt zu
exploitieren glaubt. Übrigens läßt sich Sancho nur an sehr weni-
gen Stellen auf die Nützlichkeitstheorie selbst in dieser
verdünnten Gestalt ein; der mit sich einige Egoismus, d.h. die
Illusion über diese Illusion des Kleinbürgers, erfüllt fast das
ganze "Buch", wie wir gesehen haben. Und selbst diese wenigen
Stellen löst Sancho schließlich, wie sich zeigen wird, in blauen
Dunst auf.
D. Religion
"In dieser Gemeinsamkeit" (sc. mit andern Leuten) "s e h e Ich
durchaus nichts Anderes als eine Multiplikation Meiner Macht, und
nur solange sie Meine vervielfachte Kraft ist, behalte Ich sie
bei." p. 416.
"Ich d e m ü t i g e Mich vor keiner Macht mehr und e r-
k e n n e, daß alle Mächte nur Meine Macht sind, die Ich so-
gleich zu unterwerfen habe, wenn sie eine Macht gegen oder über
Mich zu werden drohen; jede derselben d a r f nur eins M e i-
n e r M i t t e l sein. Mich durchzusetzen."
Ich "s e h e a n", ich "e r k e n n e", ich "h a b e zu
unterwerfen", die Macht "d a r f nur eins Meiner Mittel sein".
Was diese moralischen Forderungen zu bedeuten haben und wie sehr
sie der Wirklichkeit entsprechen, hat sich uns beim "Verein"
selbst gezeigt. Mit dieser Illusion von seiner Macht hängt denn
auch genau die andre zusammen, daß im Verein "die Substanz"
(siehe "Humaner Liberalismus") vernichtet wird und die Verhält-
nisse der Vereinsglieder nie eine feste Gestalt gegenüber den
einzelnen Individuen gewinnen.
"Der Verein, die Vereinigung, diese stets flüssige Vereinigung
Alles Bestandes ... Allerdings entsteht auch durch Verein eine
Gesellschaft, aber nur, wie durch einen Gedanken eine fixe Idee
entsteht ... Hat sich ein Verein zur Gesellschaft kristallisiert,
so hat er aufgehört, eine Vereinigung zu sein; denn Vereinigung
ist ein unaufhörliches
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1*) MEGA: verwandelt - 2*) MEGA: der Bestehenden
#400# Karl Marx und Friedrich Engels
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Sich-Vereinigen; er ist zu einem Vereinigtsein geworden, der
Leichnam des Vereins oder der Vereinigung - Gesellschaft ... Den
Verein hält weder ein natürliches noch ein geistiges Band zusam-
men." p. 294, 408, 416.
Was das "natürliche Band" anbetrifft, so existiert das trotz San-
chos "Widerwillen" in der Fronbauerwirtschaft und Organisation
der Arbeit etc. im Verein, ebenso das "geistige Band" in der San-
choschen Philosophie. Im Übrigen brauchen wir nur auf das zu ver-
weisen, was wir mehrmals und noch beim Verein über die auf der
Teilung der Arbeit beruhende Verselbständigung der Verhältnisse
gegenüber den Individuen gesagt haben.
"Kurz, die Gesellschaft ist h e i l i g, der Verein ist Dein
e i g e n: die Gesellschaft verbraucht Dich, den Verein ver-
brauchst Du" usw. p. 418.
E. Nachträgliches zum Verein
Während wir bisher keine andre Möglichkeit sahen, in den "Verein"
zu kommen, als durch die Empörung, erfahren wir jetzt aus dem
Kommentar, daß der "Verein von Egoisten" bereits "zu Hunderttau-
senden" von Exemplaren existiert als eine Seite der bestehenden
bürgerlichen Gesellschaft und uns auch ohne alle Empörung und je-
den "Stirner" zugänglich ist. Sancho zeigt uns dann
"solche Vereine im Leben. Faust befindet sich mitten in solchen
Vereinen, als er ausruft: Hier bin ich M e n s c h" (!), "hier
darf ich's sein [153] - Goethe gibt's hier sogar schwarz auf
weiß" ("aber Humanus heißt der Heilige, s. Goethe" [154], vgl.
"das Buch") ... "Sähe Heß das wirkliche Leben aufmerksam an, so
würde er Hunderttausende von solchen teils schnell vorübergehen-
den, teils dauernden egoistischen Vereinen vor Augen haben."
Sancho läßt dann vor Heß' Fenster "Kinder" zum Spiele zusammen-
laufen, "ein paar gute Bekannte" ihn ins Wirtshaus abnehmen und
ihn mit seiner "Geliebten" sich vereinigen.
"Freilich wird Heß es diesen trivialen Beispielen nicht ansehen,
wie inhaltsschwer und wie himmelweit verschieden sie von den hei-
ligen Gesellschaften, ja von der brüderlichen, menschlichen Ge-
sellschaft der heiligen Sozialisten sind." (Sancho contra Heß,
Wigand, p. 193,194.)
Ebenso ist schon p. 305 "des Buchs" "die Vereinigung zu materiel-
len Zwecken und Interessen" als freiwilliger Verein von Egoisten
zu Gnaden angenommen worden.
Der Verein reduziert sich hier also einerseits auf die Bour-
geoisassoziationen und Aktiengesellschaften, andererseits auf die
Bürgerressourcen 1*),
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1*) Name geselliger Vereine
#401# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Picknicks usw. Daß die ersteren ganz der g e g e n w ä r t i-
g e n E p o c h e angehören, ist bekannt, und daß die letzteren
nicht minder, ist ebenfalls bekannt. Sancho möge sich die
"Vereine" einer früheren Epoche, etwa der Feudalzeit, oder die
anderer Nationen, etwa die der Italiener, Engländer etc. bis auf
die Kinder herab, ansehen, um den Unterschied kennenzulernen. Er
bestätigt durch diese neue Interpretation des Vereins nur seinen
eingerosteten Konservatismus. Sancho, der die ganze bürgerliche
Gesellschaft in sein vorgebliches neues Institut aufnahm, soweit
sie ihm angenehm war, Sancho beteuert hier nachträglich nur, daß
man in seinem Verein sich auch amüsieren, und zwar ganz in
hergebrachter Weise amüsieren wird. Welche unabhängig von ihm
existierenden Verhältnisse ihn in den Stand oder außer Stand
setzen, "ein paar gute Bekannte m ein Weinhaus zu begleiten",
daran denkt unser Bon-homme natürlich nicht.
Die hier nach Berliner Hörensagen verstirnerte Idee, die ganze
Gesellschaft in freiwillige Gruppen aufzulösen, gehört Fourier
an. [155] Aber bei Fourier hat diese Anschauung eine totale Umge-
staltung der Gesellschaft zur Voraussetzung und basiert auf der
Kritik der bestehenden, von Sancho so bewunderten "Vereine" und
ihrer ganzen Langweiligkeit. Fourier schildert diese Erheite-
rungsversuche von heute im Zusammenhange mit den bestehenden Pro-
duktions- und Verkehrsverhältnissen und polemisiert gegen sie;
Sancho, weit entfernt, sie zu kritisieren, will sie mit Haut und
Haaren in sein neues Beglückungsinstitut der "Verständigung" ver-
pflanzen und beweist dadurch nur noch einmal, wie sehr er in der
bestehenden bürgerlichen Gesellschaft befangen ist.
Schließlich hält Sancho noch folgende oratio pro domo 1*), d.h.
für den "Verein":
"Ist ein Verein, in welchem sich die Meisten um ihre natürlich-
sten und offenbarsten Interessen prellen lassen, ein Verein von
Egoisten? Haben sich da Egoisten vereint, wo Einer des Andern
Sklav oder Leibeigner ist? ... Gesellschaften, in welchen die Be-
dürfnisse der Einen auf Kosten der Andern befriedigt werden, in
denen z.B. die Einen das Bedürfnis der Ruhe dadurch befriedigen
können, daß die Andern bis zur Erschlaffung arbeiten müssen ...
Heß ... identifiziert ... diese seine 'egoistischen Vereine' mit
dem Stirnerschen Verein von Egoisten." [Wigand,] p. 192. 193.
Sancho spricht also den frommen Wunsch aus, daß in seinem auf der
gegenseitigen Exploitation beruhenden Verein alle Mitglieder
gleich mächtig, pfiffig etc. etc. sein möchten, damit Jeder die
Andern gerade soweit exploitiert, als er von ihnen exploitiert
wird, und damit Keiner um seine "natürlichsten
-----
1*) wörtlich : Rede für das eigene Haus; hier: im eigenen Inter-
esse
#402# Karl Marx und Friedrich Engels
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und offenbarsten Interessen" "geprellt" wird oder seine
"Bedürfnisse auf Kosten der Andern befriedigen" kann. Wir bemer-
ken hier, daß Sancho "natürliche und offenbare Interessen" und
"Bedürfnisse" Aller - also g l e i c h e Interessen und Bedürf-
nisse anerkennt. Wir erinnern uns ferner zugleich der p. 456 des
Buchs, wonach "die Übervorteilung" ein "vom Zunftgeist eingepre-
digter moralischer Gedanke" ist, und einem Menschen, der eine
"weise Erziehung" genossen hat, bleibt sie "fixe Idee, gegen die
keine Gedankenfreiheit schützt". Sancho "hat seine Gedanken von
oben und bleibt dabei", (ibid.) Diese gleiche Macht Aller ist
nach seiner Forderung, daß Jeder "a l l m ä c h t i g", d.h.,
daß Alle gegeneinander o h n m ä c h t i g werden sollen, ein
ganz konsequentes Postulat und fällt zusammen mit dem gemütlichen
Verlangen des Kleinbürgers nach einer Welt des Schachers, in der
Jeder seinen Vorteil findet. Oder aber unser Heiliger setzt ur-
plötzlich eine Gesellschaft voraus, in der Jeder seine Bedürf-
nisse ungehindert befriedigen kann, ohne dies "auf Kosten Andrer"
zu tun, und in diesem Falle wird die Exploitationstheorie wieder
zu einer sinnlosen Paraphrase für die wirklichen Verhältnisse der
Individuen zueinander.
Nachdem Sancho in seinem "Verein" die Andern "verzehrt" und ver-
speist und damit den Verkehr mit der Welt in den Verkehr mit sich
verwandelt hat, geht er von diesem indirekten zum direkten
Selbstgenuß über, indem er sich selber verspeist.
C. Mein Selbstgenuß
Die P h i l o s o p h i e, welche das Genießen predigt, ist in
Europa so alt wie die kyrenäische Schule [156]. Wie im Altertum
die G r i e c h e n, sind unter den Neueren die F r a n z o-
s e n die Matadore m dieser Philosophie, und zwar aus demselben
Grunde, weil ihr Temperament und ihre Gesellschaft sie am meisten
zum Genießen befähigte. Die Philosophie des Genusses war nie
etwas andres als die geistreiche Sprache gewisser zum Genuß
privilegierter gesellschaftlicher Kreise. Abgesehen davon, daß
die Weise und der Inhalt ihres Genießens stets durch die ganze
Gestalt der übrigen Gesellschaft bedingt war und an allen ihren
Widersprüchen litt, wurde diese Philosophie zur reinen
P h r a s e, sobald sie einen allgemeinen Charakter in Anspruch
nahm und sich als die Lebensanschauung der Gesellschaft im Ganzen
proklamierte. Sie sank hier herab zur erbaulichen Moralpredigt,
zur sophistischen Beschönigung der vorhandenen Gesellschaft, oder
sie schlug in ihr Gegenteil um, indem sie eine unfreiwillige As-
kese für Genuß erklärte.
Die Philosophie des Genusses kam auf in der neueren Zeit mit dem
Untergange der Feudalität und der Umwandlung des feudalen
Landadels in den
#403# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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lebenslustigen und verschwenderischen Hofadel unter der absoluten
Monarchie. Bei diesem Adel hat sie noch mehr die Gestalt unmit-
telbarer naiver Lebensanschauung, die ihren Ausdruck in Memoiren,
Gedichten, Romanen pp. erhält. Zur eigentlichen Philosophie wird
sie erst unter den Händen einiger Schriftsteller der revolutio-
nären Bourgeoisie, die einerseits an der Bildung und Lebensweise
des Hofadels teilnahmen und andererseits die auf den allgemeine-
ren Bedingungen der Bourgeoisie beruhende allgemeinere Anschau-
ungsweise dieser Klasse teilten. Sie wurde deshalb von beiden
Klassen, obwohl von ganz verschiedenen Gesichtspunkten aus, ak-
zeptiert. War beim Adel diese Sprache noch ganz auf den Stand und
die Lebensbedingungen des Standes beschränkt, so wurde sie von
der Bourgeoisie verallgemeinert und an jedes Individuum ohne Un-
terschied gerichtet, so daß von den Lebensbedingungen dieser In-
dividuen abstrahiert und die Genußtheorie dadurch in eine fade
und heuchlerische Moraldoktrin verwandelt wurde. Als die weitere
Entwicklung den Adel gestürzt und die Bourgeoisie mit ihrem Ge-
gensatz, dem Proletariat, m Konflikt gebracht hatte, wurde der
Adel devot-religiös und die Bourgeoisie feierlich-moralisch und
streng in ihren Theorien, oder verfiel in die oben angedeutete
Heuchelei, obwohl der Adel in der Praxis keineswegs aufs Genießen
verzichtete und der Genuß bei der Bourgeoisie sogar eine offi-
zielle ökonomische Form annahm - als L u x u s *)
Der Zusammenhang des Genießens der Individuen jeder Zeit mit den
Klassenverhältnissen und den sie erzeugenden Produktions- und
Verkehrsbedingungen, in denen sie leben, die Borniertheit des
bisherigen, außer dem wirklichen Lebensinhalt der Individuen und
zu ihm in Gegensatz stehenden Genießens, der Zusammenhang jeder
Philosophie des Genießens mit dem ihr vorliegenden wirklichen Ge-
nießen und die Heuchelei einer solchen Philosophie, die sich an
alle Individuen ohne Unterschied richtet, konnte natürlich erst
aufgedeckt werden, als die Produktions- und Verkehrsbedingungen
der bisherigen Welt kritisiert werden konnten, d.h. als der Ge-
gensatz zwischen
---
*) [Im Manuskript gestrichen:] Im Mittelalter waren die Genüsse
vollständig klassifiziert; jeder Stand hatte seine besondern
Genüsse und seine besondre Weise des Genießens. Der Adel war der
zum ausschließlichen Genießen priviligierte Stand, während bei
der Bourgeoisie schon die Spaltung zwischen Arbeit und Genuß exi-
stierte und der Genuß der Arbeit subordiniert war. Die Leibeig-
nen, die ausschließlich zur Arbeit bestimmte Klasse, hatte nur
höchst wenige und beschränkte Genüsse, die ihnen mehr zufällig
kamen, von der Laune ihrer Herren und andern zufälligen Umständen
abhingen und kaum in Betracht kommen können. - Unter der Herr-
schaft der Bourgeoisie nahmen die Genüsse ihre Form von den Klas-
sen der Gesellschaft an. Die Genüsse der Bourgeoisie richten sich
nach dem Material, was diese
#404# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
Bourgeoisie und Proletariat kommunistische und sozialistische An-
schauungen erzeugt hatte. Damit war aller Moral, sei sie Moral
der Askese oder des Genusses, der Stab gebrochen.
Unser fader, moralischer Sancho glaubt natürlich, wie aus dem
ganzen Buche hervorgeht, es komme nur auf eine andere Moral, auf
eine ihm neu scheinende Lebensanschauung, auf das "Sich-aus-dem-
Kopf-Schlagen" einiger "fixen Ideen" an, damit Alle ihres Lebens
froh werden, das Leben genießen können. Das Kapitel vom Selbstge-
nuß könnte also höchstens unter einer neuen Etikette dieselben
Phrasen und Sentenzen wiederbringen, die er schon so oft sich den
"Selbstgenuß" machte, uns zu predigen. Das einzig Originelle
darin beschränkt sich auch darauf, daß er allen Genuß v e r-
h i m m e l t und philosophisch verdeutscht, indem er ihm den
Namen "S e l b s t g e n u ß" gibt. Wenn die französische Ge-
nußphilosophie des achtzehnten Jahrhunderts wenigstens ein vor-
handenes heiteres und keckes Leben in geistreicher Form schil-
derte, so beschränkt sich Sanchos ganze Frivolität auf Ausdrücke
wie "Verzehren", "Vertun", auf Bilder wie "das Licht" (soll hei-
ßen die Kerze) und auf naturwissenschaftliche Erinnerungen, die
entweder auf belletristischen Unsinn, wie daß die Pflanze "Luft
des Äthers einsaugt", daß "die Singvögel Käfer schlucken", oder
auf Falsa auslaufen, z.B. daß eine Kerze sich selbst verbrennt.
Dagegen genießen wir hier wieder den ganzen feierlichen Ernst ge-
gen "das Heilige", von dem wir hören, daß es in seiner Gestalt
als "Beruf - Bestimmung - Aufgabe", "Ideal", den Menschen bisher
ihren , Selbstgenuß versalzen hat. Ohne im übrigen auf die mehr
oder weniger schmutzigen Formen einzugehen, m denen das Selbst im
"Selbstgenuß" mehr als eine Phrase sein kann, müssen wir dem Le-
ser nochmals die Machinationen Sanchos gegen das Heilige, mit den
geringen Modulationen dieses Kapitels, in aller Kürze vorführen.
---
Klasse in ihren verschiednen Entwicklungsstufen produziert hatte,
und nahmen von den Individuen sowie von der fortgesetzten Subor-
dination des Genusses unter den Gelderwerb den langweiligen Cha-
rakter an, den sie noch jetzt haben. Die Genüsse des Proletariats
erhielten einerseits durch die lange Arbeitszeit, die das Genuß-
bedürfnis aufs Höchste steigerte, und andrerseits durch die qua-
litative und quantitative Beschränkung der dem Proletarier zu-
gänglichen Genüsse, die gegenwärtige brutale Form. - Die Genüsse
Aller bisherigen Stände und Klassen mußten überhaupt entweder
kindisch, ermüdend oder brutal sein, weil sie immer von der ge-
samten Lebenstätigkeit, dem eigentlichen Inhalt des Lebens der
Individuen getrennt waren, und sich mehr oder weniger darauf re-
duzierten, daß einer inhaltslosen Tätigkeit ein scheinbarer In-
halt gegeben wurde. Die Kritik dieser bisherigen Genüsse konnte
natürlich erst dann stattfinden, als der Gegensatz zwischen Bour-
geoisie und Proletariat so weit entwickelt war, daß auch die bis-
herige Produktions- und Verkehrsweise kritisiert werden konnte.
#405# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
-----
"Beruf, Bestimmung, Aufgabe, Ideal" sind, um dies kurz zu wieder-
holen, entweder
1. die Vorstellung von den revolutionären Aufgaben, die einer un-
terdrückten Klasse materiell vorgeschrieben sind; oder
2. bloße idealistische Paraphrasen oder auch entsprechender be-
wußter Ausdruck der durch die Teilung der Arbeit zu verschiedenen
Geschäften verselbständigten Betätigungsweisen der Individuen;
oder
3. der bewußte Ausdruck der Notwendigkeit, in der Individuen,
Klassen, Nationen sich jeden Augenblick befinden, durch eine ganz
bestimmte Tätigkeit ihre Stellung zu behaupten; oder
4. die in den Gesetzen, der Moral pp. ideell ausgedrückten Exi-
stenzbedingungen der herrschenden Klasse (bedingt durch die bis-
herige Entwicklung der Produktion), die von ihren Ideologen mit
mehr oder weniger Bewußtsein theoretisch verselbständigt werden,
in dem Bewußtsein der einzelnen Individuen dieser Klasse als Be-
ruf pp. sich darstellen können und den Individuen der beherrsch-
ten Klasse als Lebensnorm entgegengehalten werden, teils als Be-
schönigung oder Bewußtsein der Herrschaft, teils als moralisches
Mittel derselben. Hier, wie überhaupt bei den Ideologen, ist zu
bemerken, daß sie die Sache notwendig auf den Kopf stellen und
ihre Ideologie sowohl für die erzeugende Kraft wie für den Zweck
aller gesellschaftlichen Verhältnisse ansehen, während sie nur
ihr Ausdruck und Symptom ist.
Von unsrem Sancho wissen wir, daß er den unverwüstlichsten Glau-
ben an die Illusionen dieser Ideologen hat. Weil die Menschen
sich je nach ihren verschiedenen Lebensverhältnissen verschiedne
Vorstellungen von sich, d.h. dem Menschen machen, so glaubt San-
cho, daß die verschiedenen Vorstellungen die verschiedenen Le-
bensverhältnisse gemacht und so die Engrosfabrikanten dieser Vor-
stellungen, die Ideologen, die Welt beherrscht haben. Vgl. p.
433.
"Die Denkenden herrschen in der Welt", "der Gedanke beherrscht
die Welt"; "die Pfaffen oder Schulmeister" "setzen sich allerlei
Zeug in den Kopf", "sie denken sich ein Menschenideal",
wonach sich die Übrigen richten müssen (p. 442). Sancho kennt so-
gar ganz genau den Schluß, wonach die Menschen den Schulmeister-
grillen unterworfen wurden und in ihrer Dummheit sich selbst un-
terwarfen:
"Weil es Mir" (dem Schulmeister) "d e n k b a r ist, ist es den
Menschen m ö g l i c h, weil den Menschen möglich, so s o l l-
t e n sie es sein, so war es ihr B e r u f; und endlich nur
nach diesem B e r u f, nur als B e r u f e n e hat man die
Menschen zu nehmen. Und der weitere
#406# Karl Marx und Friedrich Engels
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Schluß? Nicht der Einzelne ist der Mensch, sondern ein G e-
d a n k e, ein I d e a l ist der Mensch - Gattung - Mensch-
heit." p. 441.
Alle Kollisionen, in die die Menschen durch ihre wirklichen Le-
bensverhältnisse mit sich oder mit Andern geraten, erscheinen un-
srem Schulmeister Sancho als Kollisionen, in die die Menschen mit
Vorstellungen über das Leben "d e s Menschen" geraten, die sie
entweder sich selbst in den Kopf gesetzt haben oder sich von
Schulmeistern haben in den Kopf setzen lassen. Schlügen sie sich
diese aus dem Kopf, "wie glücklich" könnten "diese armen Wesen
leben", welche "Sprünge" dürften sie machen, während sie jetzt
"nach der Pfeife der Schulmeister und Bärenführer tanzen" müssen!
(p. 435.) (Der niedrigste dieser "Bärenführer" ist Sancho, da er
nur s i c h s e l b s t an der Nase herumführt.) Hätten z.B.
die Menschen sich nicht fast immer und fast überall, in China
sowohl wie in Frankreich, in den Kopf gesetzt, daß sie an Über-
völkerung 1*) litten, welch einen Überfluß an Lebensmitteln wür-
den diese "armen Wesen" nicht alsbald vorgefunden haben.
Sancho versucht hier, seine alte Histoire von der Herrschaft des
Heiligen in der Welt wieder anzubringen unter dem Vorwande einer
Abhandlung über Möglichkeit und Wirklichkeit. Möglich heißt ihm
nämlich Alles, was sich ein Schulmeister von mir in den Kopf
setzt, wo Sancho dann leicht beweisen kann, daß diese Möglichkeit
keine andre Wirklichkeit hat als in seinem Kopfe. Seine feierli-
che Behauptung, daß "sich der folgenreichste Mißverstand von
Jahrtausenden hinter dem Wort m ö g l i c h versteckt hielt"
(p. 441), beweist hinlänglich, wie unmöglich es ihm ist, die Fol-
gen seines reichlichen Mißverstandes von Jahrtausenden hinter
Worten zu verstecken.
Diese Abhandlung über "Zusammenfallen von Möglichkeit und Wirk-
lichkeit" (p. 439), von dem, was die Menschen das Vermögen haben
zu sein und von dem, was sie sind, welche in so guter Harmonie
steht mit seinen bisherigen zudringlichen Ermahnungen, man solle
sein Vermögen wirken lassen usw., führt ihn indes noch auf einige
Abschweifungen über die materialistische U m s t a n d s-
t h e o r i e, die wir sogleich näher würdigen werden. Vorher
noch ein Beispiel seiner ideologischen Verdrehung, p. 428
identifiziert er die Frage, "wie man das Leben erwerben könne",
mit der Frage, wie man "das wahre Ich" (oder auch "Leben") "in
sich herzustellen" habe. Nach derselben p. [428] hört das "Bangen
ums Leben" mit seiner neuen Moralphilosophie auf, und das
"Vertun" desselben beginnt. Die wundertätige Kraft dieser seiner
angeblich neuen Moralphilosophie spricht unser Salomo "sprechen-
der" noch in folgendem Sprüchlein aus:
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1*) MEGA: Überbevölkerung
#407# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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"Sieh Dich als mächtiger an, als wofür man Dich ausgibt, so hast
Du mehr Macht; sieh Dich als mehr an, so hast Du mehr." p. 483.
Siehe oben im "Verein" Sanchos Manier, Eigentum zu erwerben. Nun
zu seiner U m s t a n d s t h e o r i e.
"Einen Beruf hat der Mensch nicht, aber er hat Kräfte, d i e
s i c h äußern, wo sie sind, weil ihr Sein ja einzig in ihrer
Äußerung besteht, und sowenig untätig verharren können als das
Leben ... Es gebraucht Jeder in Jedem Augenblick soviel Kraft,
als er besitzt" ("verwertet Euch, ahmt den Tapfern nach, werde
Jeder von Euch ein allmächtiges Ich" usw. ging oben die Rede San-
chos). "... Die Kräfte lassen sich allerdings schärfen und ver-
vielfältigen, besonders durch feindlichen Widerstand oder freund-
lichen Beistand; aber wo man ihre Anwendung vermißt, da kann man
auch ihrer Abwesenheit gewiß sein. Man kann aus einem Steine
Feuer schlagen, aber ohne den Schlag kommt keines heraus; in
gleicher Art bedarf auch ein Mensch des A n s t o ß e s. Darum
nun, weil Kräfte sich stets von selbst werktätig erweisen, wäre
das Gebot, sie zu gebrauchen, überflüssig und sinnlos ... Kraft
ist nur ein einfacheres Wort für Kraftäußerung." p. 436, 437.
Der "mit sich einige Egoismus", der seine Kräfte oder Vermögen
ganz nach Belieben wirken oder nicht wirken läßt und das jus
utendi et abutendi 1*) auf sie appliziert, purzelt hier plötzlich
und unerwartet zusammen. Die Kräfte wirken hier auf Einmal selb-
ständig, ohne sich um das "Belieben" Sanchos zu kümmern, sobald
sie vorhanden sind, sie wirken wie chemische oder mechanische
Kräfte, unabhängig von dem Individuum, das sie besitzt. Wir er-
fahren ferner, daß eine Kraft nicht vorhanden ist, wenn man ihre
Äußerung vermißt; was dadurch berichtigt wird, daß die Kraft ei-
nes A n s t o ß e s bedarf, um sich zu äußern. Wie aber Sancho
entscheiden will, ob bei mangelnder Kraftäußerung der A n-
s t o ß oder die K r a f t fehlt, erfahren wir nicht. Dagegen
belehrt uns unser einziger Naturforscher, daß "man aus einem
Steine Feuer schlagen kann", ein Beispiel, das, wie immer bei
Sancho, gar nicht unglücklicher gewählt werden konnte. Sancho
glaubt als schlichter Dorfschulmeister, daß, wenn er Feuer
schlägt, dies aus dem Stein kommt, wo es bisher verborgen lag.
Jeder Quartaner wird ihm sagen können, daß bei dieser in allen
zivilisierten Ländern längst vergessenen Methode des Feuermachens
durch die Reibung von Stahl und Stein Partikelchen vom Stahl,
nicht vom Stein, abgelöst werden, die durch ebendieselbe Reibung
in Glühhitze geraten; daß also "das Feuer", was für Sancho nicht
ein unter gewissen Hitzegraden stattfindendes Verhältnis gewisser
Körper zu gewissen Andern Körpern, speziell dem Sauerstoff, son-
dern ein selbständiges Ding, ein "Element", eine fixe Idee, "das
Heilige" - ist - daß dies Feuer weder aus dem Stein noch aus dem
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1*) Recht des Gebrauchens und Verbrauchens (auch : Mißbrauchens)
#408# Karl Marx und Friedrich Engels
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Stahl kommt. Sancho hätte ebensogut sagen können: Man kann aus
Chlor gebleichte Leinwand machen, aber wenn der "Anstoß" fehlt,
nämlich die u n g e b l e i c h t e Leinwand, so "kommt keine
heraus". Bei dieser Gelegenheit wollen wir zu Sanchos
"Selbstgenuß" ein früheres Faktum der "einzigen" Naturwissen-
schaft registrieren. In der Ode vom Verbrechen hieß es:
"Grollt es nicht in fernen D o n n e r n,
Und s i e h s t Du nicht, wie der Himmel
Ahnungsvoll s c h w e i g t und sich trübt?" (p. 319 "des
Buchs".)
Es donnert, und der Himmel schweigt. Sancho weiß also von einem
andern Ort, wo es donnert, als am Himmel. Sancho bemerkt ferner
das Schweigen des Himmels durch seinen G e s i c h t s s i n n,
ein Kunststück, das ihm niemand nachmacht. Oder aber, Sancho
h ö r t das Donnern und s i e h t das Schweigen, wo beides
gleichzeitig geschehen kann. Wir sahen, wie Sancho beim "Spuk"
die Berge den "Geist der Erhabenheit" repräsentieren ließ. Hier
repräsentiert ihm der schweigende Himmel den Geist der Ahnung.
Man sieht übrigens nicht ein, warum Sancho hier so sehr gegen
"das Gebot, seine Kräfte zu gebrauchen", eifert. Dies Gebot kann
ja möglicherweise der fehlende "Anstoß" sein, ein "Anstoß", der
zwar bei einem Stein seine Wirkung verfehlt, dessen Wirksamkeit
Sancho indes bei jedem exerzierenden Bataillon beobachten kann.
Daß das "Gebot" selbst für seine geringen Kräfte ein "Anstoß"
ist, geht ohnehin daraus hervor, daß es für ihn ein "Stein des
Anstoßes" ist.
Das Bewußtsein ist auch eine Kraft, die sich nach der Doktrin,
die wir eben hörten, auch "stets von selbst werktätig erweist".
Sancho müßte hiernach also nicht darauf ausgehen, das Bewußtsein
zu ändern, sondern höchstens den "Anstoß", der auf das Bewußtsein
wirkt; wonach Sancho sein ganzes Buch umsonst geschrieben hätte.
Aber in diesem Falle hält er allerdings seine Moralpredigten und
"Gebote" für einen hinreichenden "Anstoß."
"Was Einer werden kann, das wird er auch. Ein geborner Dichter
mag wohl durch die Ungunst der U m s t ä n d e gehindert wer-
den, auf der Höhe der Zeit zu stehen und nach den dazu unerläßli-
chen großen Studien große Kunstwerke zu schaffen; aber dichten
wird er, sei er Ackerknecht oder so glücklich, am Weimarschen
Hofe zu leben. Ein geborner Musiker wird Musik treiben, gleich-
viel ob auf allen Instrumenten" (diese Phantasie von "a l l e n
Instrumenten" hat ihm Proudhon geliefert. Sieh: "Der Kommunis-
mus") "oder nur auf einem Haferrohr" (dem Schulmeister fallen na-
türlich wieder Virgils Eklogen ein). "Ein geborner philosophi-
scher Kopf kann sich als Universitätsphilosoph oder als Dorfphi-
losoph bewähren. Endlich ein g e b o r n e r D u m m e r j a n
wird immer ein vernagelter Kopf bleiben. Ja die gebornen be-
schränkten Köpfe bilden unstreitig
#409# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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die zahlreichste Menschenklasse. W a r u m s o l l t e n
a u c h in der M e n s c h e n g a t t u n g nicht dieselben
Unterschiede hervortreten, welche in jeder Tiergattung unverkenn-
bar sind?" p. 434.
Sancho hat wieder sein Exempel mit dem gewöhnlichen Ungeschick
gewählt. Angenommen seinen Unsinn von den gebornen Dichtern, Mu-
sikern, Philosophen, so beweist dies Exempel einerseits nur, daß
ein geborner P.P. das b l e i b t, was er schon durch die Ge-
burt i s t, nämlich Dichter etc., und andererseits, daß der ge-
borne P.P., soweit er w i r d, sich entwickelt, "durch die Un-
gunst der Umstände" dahin kommen kann, das nicht zu werden, was
er w e r d e n k o n n t e. Sein Exempel beweist also nach der
einen Seite hin gar nichts, nach der andern das Gegenteil von
dem, was es beweisen sollte, und nach beiden zusammen, daß San-
cho, gleichviel ob durch Geburt oder Umstände, zu der
"z a h l r e i c h s t e n M e n s c h e n k l a s s e" gehört.
Er teilt dafür mit ihr und seinem "Nagel" den Trost, daß er ein
e i n z i g e r "vernagelter Kopf" ist.
Sancho erleidet hier das Abenteuer mit dem Zaubertrank, den Don
Quijote aus Rosmarin, Wein, Öl und Salz gebraut hatte und wovon
Cervantes am siebzehnten berichtet, daß Sancho danach zwei Stun-
den lang unter Schweiß und Verzückungen aus beiden Kanälen seines
Leibes sich ergoß. Der materialistische Trank, den unser tapferer
Schildknapp zu seinem Selbstgenuß eingenommen hat, entleert ihn
seines ganzen Egoismus im außergewöhnlichen Verstande. Wir sahen
oben, wie Sancho gegenüber dem "Anstoß" plötzlich alle Feierlich-
keit verlor und auf seine "Vermögen" verzichtete, wie weiland die
ägyptischen Zauberer gegenüber den Läusen Mosis; hier kommen nun
zwei neue Anfälle von Kleinmütigkeit vor, in denen er auch vor
"der Ungunst der U m s t ä n d e" sich beugt und endlich sogar
seine ursprüngliche physische Organisation für etwas anerkennt,
das ohne sein Zutun verkrüppelt wird. Was bleibt unsrem bankerut-
ten Egoisten nun noch übrig? Seine ursprüngliche Organisation
steht nicht in seiner Hand; die "Umstände" und den 1*) "Anstoß",
unter deren Einfluß diese Organisation sich entwickelt, kann er
nicht kontrollieren; "wie er in jedem Augenblicke ist, ist er"
nicht "sein Geschöpf", sondern das Geschöpf der Wechselwirkung
zwischen seinen angebornen Anlagen und den auf sie einwirkenden
Umständen - alles das konzediert Sancho. Unglücklicher "Schöp-
fer"! Unglücklichstes "Geschöpf"!
Aber das größte Unglück kommt zuletzt. Sancho, nicht zufrieden
damit, daß die tres mil azotes y trecientos en ambas sus valien-
tes posaderas 2*) längst vollzählig sind, Sancho muß sich
schließlich noch einen Hauptschlag dadurch
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1*) MEGA: der - 2*) dreitausenddreihundert Geißelhiebe auf seine
mächtigen Sitzfleischhälften
#410# Karl Marx und Friedrich Engels
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durch versetzen, daß er sich als einen G a t t u n g s g l ä u-
b i g e n proklamiert. Und welchen Gattungsgläubigen! Er
schreibt der Gattung zuerst die Teilung der Arbeit zu, indem er
sie für das Faktum verantwortlich macht, daß einige Leute Dich-
ter, andre Musiker, andre Schulmeister sind; er schreibt ihr
zweitens die existierenden physischen und intellektuellen Mängel
der "zahlreichsten Menschenklasse" zu und macht sie dafür ver-
antwortlich, daß unter der Herrschaft der Bourgeoisie die
Mehrzahl der Individuen seines Gleichen sind. Nach seinen
Ansichten über die gebornen beschränkten Köpfe müßte man sich die
heutige Verbreitung der Skrofeln daraus erklären, daß "die
Gattung" ein besonderes Vergnügen daran findet, die gebornen
skrofulösen Konstitutionen "die zahlreichste Menschenklasse" bil-
den zu lassen. Über dergleichen Naivetäten waren sogar die ge-
wöhnlichsten Materialisten und Mediziner hinaus, lange ehe der
mit sich einige Egoist von der "Gattung", der "Ungunst der Um-
stände" und dem "Anstoß" den "Beruf" erhielt, vor dem deutschen
Publikum zu debütieren. Wie Sancho bisher alle Verkrüppelung der
Individuen und damit ihrer Verhältnisse aus den fixen Ideen der
Schulmeister erklärte, ohne sich um die Entstehung dieser Ideen
zu bekümmern, so erklärt er diese Verkrüppelung jetzt aus dem
bloßen Naturprozeß der Erzeugung. Er denkt nicht im Entferntesten
daran, daß die Entwicklungsfähigkeit der Kinder sich nach der
Entwicklung der Eltern richtet und daß alle diese Verkrüppelungen
unter den bisherigen gesellschaftlichen Verhältnissen historisch
entstanden sind und ebensogut historisch wieder abgeschafft wer-
den können. Selbst die naturwüchsigen Gattungsverschiedenheiten,
wie Rassenunterschiede etc., von denen Sancho gar nicht spricht,
können und müssen historisch beseitigt werden. Sancho, der bei
dieser Gelegenheit einen verstohlenen Blick in die Zoologie wirft
und dabei entdeckt, daß die "gebornen beschränkten Köpfe" nicht
nur bei Schafen und Ochsen, sondern auch bei Polypen 1*) und In-
fusorien, die keine Köpfe haben, die zahlreichste Klasse bilden -
Sancho hat vielleicht davon gehört, daß man auch Tierrassen ver-
edeln und durch die Rassenkreuzung ganz neue, sowohl für den Ge-
nuß der Menschen wie für ihren eignen Selbstgenuß vollkommnere
Arten erzeugen kann. "Warum sollte nicht" Sancho hieraus einen
Schluß auf die Menschen ziehen können?
Bei dieser Gelegenheit wollen wir Sanchos "Wandlungen" über die
Gattung "episodisch einlegen". Wir werden sehen, daß er sich zur
Gattung geradeso stellt wie zum Heiligen; je mehr er gegen sie
poltert, desto mehr glaubt er an sie.
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1*) MEGA: bei den Polypen
#411# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Nr. I sahen wir schon, wie die Gattung die Teilung der Arbeit und
die unter den bisherigen sozialen Umständen entstandenen Verkrüp-
pelungen erzeugt, und z w a r s o, daß die Gattung samt ihren
Produkten als etwas unter allen Umständen Unveränderliches, von
der Kontrolle der Menschen Unabhängiges gefaßt wird.
Nr. II. "Die Gattung ist bereits durch die Anlage realisiert; was
Du hingegen aus dieser Anlage machst" (müßte nach Obigem heißen:
was die "Umstände" aus ihr machen), "das ist die Realisation Dei-
ner. Deine Hand ist vollkommen realisiert im Sinne der Gattung,
sonst wäre sie nicht Hand, sondern etwa Tatze ... Du machst aus
ihr Das, was und wie Du sie haben willst und machen kannst." p.
184, 185 Wig[and].
Hier wiederholt Sancho das unter Nr. I Gesagte in andrer Form.
Wir haben also im Bisherigen gesehen, wie die Gattung unabhängig
von der Kontrolle und der geschichtlichen Entwicklungsstufe der
Individuen die sämtlichen physischen und geistigen Anlagen, das
unmittelbare Dasein der Individuen und im Keim die Teilung der
Arbeit in die Welt setzt.
Nr. III. Die Gattung bleibt als "Anstoß", der nur der allgemeine
Ausdruck für die "Umstände" ist, welche die Entwicklung des wie-
der von der Gattung erzeugten ursprünglichen Individuums bestim-
men. Sie ist für Sancho hier ebendieselbe mysteriöse Macht, die
die übrigen Bourgeois die Natur der Dinge nennen und der sie alle
Verhältnisse auf die Schultern schieben, die von ihnen als Bour-
geois unabhängig sind und deren Zusammenhang sie deshalb nicht
verstehen.
Nr. IV. Die Gattung als das "Menschenmögliche" und "menschliche
Bedürfnis" bildet die Grundlage der Organisation der Arbeit im
"Stirnerschen Verein", wo ebenfalls das Allen Mögliche und das
Allen gemeinschaftliche Bedürfnis als Produkt der Gattung gefaßt
werden.
Nr. V. Wir haben gehört, welche Rolle die Verständigung im Verein
spielt, p. 462:
"Kommt es darauf an, sich zu verständigen und mitzuteilen, so
kann Ich allerdings nur von den m e n s c h l i c h e n Mitteln
Gebrauch machen, die Mir, weil Ich zugleich Mensch bin" (id est
Exemplar der Gattung), "zu Gebote stehen."
Hier also die S p r a c h e als Produkt der Gattung. Daß Sancho
deutsch und nicht französisch spricht, verdankt er keineswegs der
Gattung, sondern den Umständen. Die Naturwüchsigkeit der Sprache
ist übrigens in jeder modernen ausgebildeten Sprache, teils durch
die Geschichte der Sprachentwicklung aus vorgefundenem Material,
wie bei den romanischen und germanischen Sprachen, teils durch
die Kreuzung und Mischung von Nationen, wie im Englischen, teils
durch auf ökonomischer und politischer Konzentration beruhende
Konzentration der Dialekte innerhalb einer Nation zur National-
sprache
#412# Karl Marx und Friedrich Engels
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aufgehoben. Daß die Individuen ihrerzeit auch dies Produkt der
Gattung vollständig unter ihre Kontrolle nehmen werden, versteht
sich von selbst. In dem Verein wird man die Sprache als solche
sprechen, die heilige Sprache, die Sprache des Heiligen - Hebrä-
isch, und zwar den aramäischen Dialekt [157], den das "beleibte
Wesen" Christus sprach. Dies "fiel" uns hier "wider Erwarten"
Sanchos ein, "und zwar lediglich, weil Uns dünkt, es könne zur
Verdeutlichung des Übrigen beitragen".
Nr. VI. p. 277, 278 erfahren wir, daß "die Gattung in Völker,
Städte, Stände, allerlei Körperschaften", zuletzt "in die Fami-
lie" sich auftut und daher konsequent bis jetzt auch "Geschichte
gespielt" hat. Hier wird also die ganze bisherige Geschichte bis
auf die unglückliche Geschichte des Einzigen zum Produkt der
"Gattung", und zwar aus dem zureichenden Grunde, weil man zuwei-
len diese Geschichte unter dem Namen Geschichte der M e n s c h-
h e i t, i.e. der Gattung, zusammengefaßt hat.
Nr. VII. Sancho hat in dem Bisherigen der G a t t u n g mehr
zugeteilt als je ein Sterblicher vor ihm und resümiert dies nun
in dem Satz:
"Die Gattung ist N i c h t s ... die Gattung nur ein G e-
d a c h t e s" (Geist, Gespenst pp.). p. 239.
Schließlich hat es denn auch mit dem "N i c h t s" Sanchos, das
mit dem "G e d a c h t e n" identisch ist, nichts auf sich,
denn er selbst ist "das schöpferische Nichts", und die Gattung
schafft, wie wir sahen, sehr viel, wobei sie also sehr gut
"Nichts" sein kann. Überdem erzählt Sancho uns p. 456:
"Durch das S e i n wird gar nichts gerechtfertigt; das Gedachte
i s t so gut wie das Nichtgedachte."
Von p. 448 an spinnt Sancho ein 30 Seiten langes Garn ab, um
"Feuer" aus dem Denken und der Kritik des mit sich einigen
Egoisten zu schlagen. Wir haben schon zu viel Äußerungen seines
Denkens und seiner Kritik erlebt, um dem Leser noch mit Sanchos
Armenhaus-Gerstenbrühe einen "Anstoß" zu geben. Ein Löffel voll
von dieser Brühe mag hinreichen.
"Glaubt Ihr, die Gedanken flögen so vogelfrei umher, daß sich Je-
der welche holen dürfte, die er dann als sein unantastbares Ei-
gentum gegen Mich geltend machte ? Was umherfliegt, ist Alles -
Mein." p. 457.
Sancho begeht hier Jagdfrevel an gedachten Schnepfen. Wir haben
gesehen, wie viele von den umherfliegenden Gedanken er sich ein-
gefangen hat. Er wähnte sie erhäschen zu können, sobald er ihnen
nur das Salz des Heiligen auf den Schwanz streute. Dieser unge-
heure Widerspruch zwischen seinem wirklichen Eigentum an Gedanken
und seiner Illusion darüber mag als klassisches
#413# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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und sinnfälliges Exempel seines ganzen Eigentums im außergewöhn-
lichen Verstande dienen. Eben dieser Kontrast bildet seinen
S e l b s t g e n u ß.
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