Quelle: MEW 3 1845 - 1846


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       #331# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       5. Die Gesellschaft als bürgerliche Gesellschaft
       
       Wir werden  uns bei  diesem Kapitel  etwas länger aufhalten, weil
       es, nicht ohne Absicht, das konfuseste aller "im Buche" enthalte-
       nen konfusen Kapitel
       
       #332# Karl Marx und Friedrich Engels
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       ist, und  weil es  zugleich am glänzendsten beweist, wie wenig es
       unsrem Heiligen gelingt, die Dinge in ihrer profanen Gestalt ken-
       nenzulernen. Statt  sie zu  profanieren, heiligt er sie, indem er
       nur seine  eigne heilige  Vorstellung dem  Leser  "zugute  kommen
       läßt". Ehe  wir auf die eigentliche bürgerliche Gesellschaft kom-
       men, werden  wir noch  über das  Eigentum überhaupt und in seinem
       Verhältnis zum  Staat einige  neue Aufschlüsse  vernehmen.  Diese
       Aufschlüsse erscheinen um so neuer, als sie Sankt Sancho Gelegen-
       heit geben,  seine beliebtesten  Gleichungen über Recht und Staat
       wieder anzubringen  und dadurch seiner "Abhandlung" "mannigfalti-
       gere Wandlungen"  und "Brechungen"  zu geben. Wir brauchen natür-
       lich bloß  die letzten Glieder dieser schon dagewesenen Gleichun-
       gen zu  zitieren, da der Leser sich aus dem Kapitel "Meine Macht"
       ihres Zusammenhanges noch erinnern wird.
       
       Privateigentum oder
               bürgerliches Eigentum = Nicht Mein Eigentum,
                                     = Heiliges Eigentum
                                     = Fremdes Eigentum
                                     = Respektiertes Eigentum oder
                                       Respekt vor dem fremden Eigentum
                                     = Eigentum des Menschen (p. 327,
                                       369).
       
       Aus diesen Gleichungen ergeben sich zugleich folgende Antithesen:
       
       Eigentum im bürgerlichen} {Eigentum im egoistischen
                          Sinne}-{Sinne (p. 327).
       "Eigentum des Menschen"  - "Eigentum Meiner".
            ("Menschliche Habe" - Meine Habe) p. 324.
       Gleichungen: Der Mensch  = Recht
                                = Staatsgewalt
       Privateigentum oder     }= Rechtliches Eigentum (p. 324),
       bürgerliches Eigentum)  }
                                = Mein durch das Recht (p. 332),
                                = garantiertes Eigentum,
                                = Eigentum von Fremden,
                                = dem Fremden angehöriges Eigentum,
                                = dem Rechte angehöriges Eigentum,
                                = Rechtseigentum (p. 367, 332),
                                = ein Rechtsbegriff,
                                = Etwas Geistiges,
                                = Allgemeines,
       
       #333# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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                                = Fiktion,
                                = reiner Gedanke, '
                                = fixe Idee,
                                = Gespenst,
                                = Eigentum des Gespenstes
                                  (p. 368, 324, 332, 367, 369).
                 Privateigentum = Eigentum des Rechts.
                          Recht = Gewalt des Staats.
                 Privateigentum = Eigentum in der Gewalt des Staats
                                = Staatseigentum, oder auch
                       Eigentum = Staatseigentum.
                 Staatseigentum = Nichteigentum Meiner.
                          Staat = der alleinige Eigentümer
                                  (p. 339. 334).
       
       Wir kommen jetzt zu den Antithesen.
       
                 Privateigentum - Egoistisches Eigentum
       
         Vom Recht (Staat, dem } {Von Mir zum Eigentum ermächtigt.
                      Menschen)}-{p. 339.
        zum Eigentum berechtigt} {
           Mein durch das Recht = Mein durch Meine Macht oder Ge-
                                    walt (p. 332).
          Vom Fremden gegebenes}-{Von Mir genommenes Eigentum
                       Eigentum} {(p. 339).
           Rechtliches Eigentum - Rechtliches Eigentum des Andern
                        Anderer   ist, was Mir Recht ist (p. 339),
       
       was in  hundert andern  Formeln, wenn  man z.B.  Vollmacht  statt
       Macht setzt  · oder schon dagewesene Formeln anwendet, wiederholt
       werden kann.
       
       Privateigentum = Fremdheit}-{Mein Eigentum = Eigentum am
       am Eigentum aller Andern  } {Eigentum aller Andern
       
                             oder auch:
       
              Eigentum an Einigem = Eigentum an Allem (p. 343).
       
       Die Entfremdung als Beziehung oder Kopula in den obigen Gleichun-
       gen kann auch in folgenden Antithesen ausgedrückt werden:
       
       #334# Karl Marx und Friedrich Engels
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                   Privateigentum - egoistisches Eigentum
       
                                   {Die heilige Beziehung zum
                                   {Eigentum aufgeben",
                                   {es nicht mehr als fremd betrachten,
       "Sich auf das Eigentum als} {
       Heiliges, Gespenst, bezie-} {vor dem Gespenst sich nicht mehr
       hen", "es respektieren",  }-{fürchten,
                                 } {keinen Respekt vor dem Eigentum
       "Respekt vor dem Eigentum } {haben,
       haben" (p. 324).          } {Das Eigentum der Respektslosig-
                                   {keit haben
                                   {(p. 368, 340, 343).
       
       Die in obigen Gleichungen und Antithesen enthaltenen Modi der An-
       eignung werden  erst beim "Verein" ihre Erledigung finden; da wir
       uns einstweilen  noch in der "heiligen Gesellschaft" befinden, so
       geht uns hier nur die Kanonisation an.
       Note. Warum  die Ideologen  das Eigentumsverhältnis  als ein Ver-
       hältnis "des Menschen" fassen können, dessen verschiedene Form in
       verschiedenen Epochen  sich danach  bestimmt, wie  die Individuen
       sich   "d e n   Menschen"  vorstellen,  das  ist  schon  bei  der
       "Hierarchie" behandelt  worden. Wir  brauchen hier nur darauf zu-
       rückzuverweisen.
       Abhandlung 1:  Über Parzellierung des Grundbesitzes, Ablösung der
       Servituten und Verschlingung des kleinen Grundeigentums durch das
       große.
       Diese Sachen  werden Alle aus dem heiligen Eigentum und der Glei-
       chung bürgerliches  Eigentum =  Respekt vor  dem Heiligen entwic-
       kelt.
       
       1. "Eigentum  im bürgerlichen Sinn bedeutet  h e i l i g e s  Ei-
       gentum, derart,  daß Ich  Dein Eigentum   r e s p e k t i e r e n
       muß. 'Respekt  vor dem Eigentum!'  D a h e r  möchten die Politi-
       ker, daß  Jeder sein  Stückchen Eigentum  besäße, und haben durch
       dies Bestreben zum Teil eine unglaubliche Parzellierung herbeige-
       führt." p.  327, 328. - 2. "Die politischen Liberalen tragen Sor-
       ge, daß  womöglich alle  Servituten  abgelöst  werden  und  Jeder
       freier Herr auf seinem Grunde sei, wenn dieser Grund auch nur so-
       viel Bodengehalt  hat" (der  Grund hat   B o d e n g e h a l t!),
       "als von  dem  Dünger  Eines  Menschen  sich  hinlänglich  düngen
       läßt... Sei  es auch noch so klein, wenn man nur Eigenes, nämlich
       ein   r e s p e k t i e r t e s   E i g e n t u m   hat. Je  mehr
       solcher Eigner, desto mehr freie Leute und gute Patrioten hat der
       Staat." p. 328. - 3. "Es rechnet der politische Liberalismus, wie
       alles Religiöse, auf den  R e s p e k t,  die Humanität, die Lie-
       bestugenden. Darum lebt er auch in unaufhörlichem Ärger.  D e n n
       i n     d e r     P r a x i s    r e s p e k t i e r e n    d i e
       L e u t e   N i c h t s,  und alle Tage werden die kleinen Besit-
       zungen wieder  von größeren  Eigentümern aufgekauft,  und aus den
       'freien Leuten'  werden Tagelöhner.  Hätten dagegen  die 'kleinen
       Eigentümer'
       
       #335# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       b e d a c h t,   daß auch  das große  Eigentum das Ihrige sei, so
       hätten sie sich nicht selber respektvoll davon ausgeschlossen und
       würden nicht ausgeschlossen worden sein." p. 328.
       
       
       1. Zuerst wird  hier also  die ganze  Bewegung der Parzellierung,
       von der Sankt Sancho nur weiß, daß sie das Heilige ist, aus einer
       bloßen Einbildung  erklärt, die   "d i e  Politiker" "sich in den
       Kopf gesetzt  haben".   W e i l   "d i e  Politiker" "Respekt vor
       dem Eigentum" verlangen,  d a h e r  "möchten" sie die Parzellie-
       rung, die  noch dazu  überall durch  das   N i c h t r e s p e k-
       t i e r e n   des  fremden  Eigentums  durchgesetzt  worden  ist!
       "D i e   Politiker" haben  "zum Teil eine unglaubliche Parzellie-
       rung"  wirklich   "herbeigeführt".  Es   war  also  die  Tat  der
       "Politiker", daß in Frankreich schon vor der Revolution, wie noch
       heutzutage in Irland und teilweise in Wales, die Parzellierung in
       Beziehung auf die  K u l t u r  des Bodens längst bestand und zur
       Einführung der  großen Kultur  die Kapitalien  und  alle  übrigen
       Bedingungen mangelten.  Wie sehr  übrigens  "die  Politiker"  die
       Parzellierung heutzutage durchführen "möchten", kann Sankt Sancho
       daraus ersehen,  daß sämtliche  französische  Bourgeois  mit  der
       Parzellierung, sowohl  weil sie die Konkurrenz der Arbeiter unter
       sich verringert,  wie aus  politischen Gründen, unzufrieden sind;
       ferner daraus,  daß sämtliche  Reaktionäre (was  Sancho schon aus
       des alten  Arndt "Erinnerungen"  ersehen konnte)  in der  Parzel-
       lierung weiter  nichts sahen  als die Verwandlung des Grundeigen-
       tums in  modernes, industrielles,  verschacherbares, entheiligtes
       Eigentum. Aus  welchen    ö k o n o m i s c h e n    Gründen  die
       Bourgeois diese  Verwandlung durchführen  müssen, sobald  sie zur
       Herrschaft kommen  - eine  Verwandlung, die  ebensogut durch  die
       Aufhebung der  über den  Profit  überschießenden  Grundrente  wie
       durch die Parzellierung geschehen kann -, das ist unsrem Heiligen
       hier  nicht   weiter  auseinanderzusetzen.  Ebensowenig  ist  ihm
       auseinanderzusetzen, wie  die  Form,  in  der  diese  Verwandlung
       geschieht, von  der Stufe  abhängt,  worauf  die  Industrie,  der
       Handel, die  Schiffahrt pp. eines Landes stehen. Die obigen Sätze
       über Parzellierung  sind  weiter  nichts  als  eine  bombastische
       Umschreibung des  einfachen Faktums,  daß an verschiedenen Orten,
       "hie und da", eine große Parzellierung existiert - ausgedrückt in
       der kanonisierenden  Redeweise unsres  Sancho, die  auf Alles und
       Nichts paßt.  Im übrigen  enthalten Sanchos  obige Sätze  nur die
       Phantasien des deutschen Kleinbürgers über die Parzellierung, die
       für  ihn   allerdings  das   Fremde,  "das   Heilige"  ist.  Vgl.
       polit[ischen] Liberalismus.
       2. Die Ablösung  der Servituten, eine Misere, die nur in Deutsch-
       land vorkommt, wo die Regierungen nur durch den fortgeschrittenen
       Zustand der Nachbarländer und durch Finanzverlegenheiten dazu ge-
       zwungen wurden, gilt hier unserm Heiligen für Etwas, das "die po-
       litischen Liberalen" wollen,
       
       #336# Karl Marx und Friedrich Engels
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       um "freie  Leute und  gute Bürger"  zu erzeugen. Sanchos Horizont
       reicht wieder  nicht über den pommerschen Landtag und die sächsi-
       sche Abgeordnetenkammer  hinaus. Diese  deutsche Servituten-Ablö-
       sung hat  nie zu irgendeinem politischen oder ökonomischen Resul-
       tat geführt und blieb als halbe Maßregel überhaupt ohne alle Wir-
       kung. Von der  h i s t o r i s c h  wichtigen Ablösung der Servi-
       tuten im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert, die aus der be-
       ginnenden Entwicklung  des Handels, der Industrie und dem Geldbe-
       dürfnis der  Grundbesitzer hervorging, weiß Sancho natürlich wie-
       der Nichts.-  Dieselben Leute,  die in Deutschland die Servituten
       ablösen wollten,  um, wie  Sancho glaubt,  gute Bürger  und freie
       Leute zu  machen, wie z.B. Stein und Vincke, fanden nachher, daß,
       um "gute  Bürger und freie Leute" zu erzeugen, die Servitute wie-
       der hergestellt  werden müßten,  wie dies eben jetzt in Westfalen
       versucht wird.  Woraus folgt,  daß der  "Respekt" wie  die Furcht
       Gottes zu allen Dingen nütze ist.
       3. Das "Aufkaufen"  des kleinen  Grundbesitzes durch  die "großen
       Eigentümer" findet  nach Sancho  statt, weil der "Respekt vor dem
       Eigentum" in  der Praxis  nicht stattfindet. Zwei der alltäglich-
       sten Folgen der Konkurrenz, Konzentration und Akkaparement, über-
       haupt die   K o n k u r r e n z,   die  ohne Konzentration  nicht
       existiert,  erscheinen  hier  unsrem  Sancho  als    V e r l e t-
       z u n g e n   des bürgerlichen, in der Konkurrenz sich bewegenden
       E i g e n t u m s.   Das bürgerliche  Eigentum wird dadurch schon
       verletzt, daß  es existiert.  Man darf nach Sancho Nichts kaufen,
       ohne das  Eigentum anzugreifen.  *) Wie  tief  Sankt  Sancho  die
       Konzentration  des  Grundbesitzes  durchschaut  hat,  geht  schon
       daraus  hervor,  daß  er  nur  den  augenscheinlichsten  Akt  der
       Konzentration, das bloße "Aufkaufen" darin sieht. Inwiefern übri-
       gens die kleinen Eigentümer dadurch aufhören, Eigentümer zu sein,
       daß sie Taglöhner werden, ist nach Sancho nicht abzusehen. Sancho
       entwickelt ja  selbst auf der nächsten Seite (p. 329) höchst fei-
       erlich gegen  Proudhon, daß sie "Eigentümer des ihnen verbleiben-
       den Anteils  am Nutzen  des Ackers",  nämlich  des  Arbeitslohns,
       bleiben. "Es  will mitunter  etwa in der Geschichte gefunden wer-
       den", daß  abwechselnd der  große Grundbesitz den kleinen und der
       kleine den  großen verschlingt,  zwei Erscheinungen, die sich für
       Sankt Sancho  friedfertig in den zureichenden Grund auflösen, daß
       "in der  Praxis die Leute Nichts respektieren". Dasselbe gilt von
       den übrigen vielfachen Gestalten des Grundeigentums. Und dann
       ---
       *) [Im Manuskript  gestrichen:] Zu diesem Unsinn kommt Sankt San-
       cho, weil er den juristischen, ideologischen Ausdruck des bürger-
       lichen Eigentums  für das wirkliche bürgerliche Eigentum hält und
       sich nun  nicht erklären kann, weshalb dieser seiner Illusion die
       Wirklichkeit nicht entsprechen will.
       
       #337# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       das weise  "hätten die kleinen Eigentümer" usw.! Im "Alten Testa-
       ment" sahen  wir, wie  Sankt Sancho  nach spekulativer Manier die
       Früheren die  Erfahrungen der Späteren bedenken ließ; jetzt sehen
       wir, wie er sich nach Kannegießer-Manier darüber beklagt, daß die
       Früheren nicht  nur die  Gedanken der  Späteren über sie, sondern
       auch seinen  eignen Unsinn  nicht bedachten. Welche Schulmeister-
       "Jescheitheit"! Hätten  die Terroristen bedacht, daß sie Napoleon
       auf den  Thron bringen  würden - hätten die englischen Barone von
       Runnymede und  der Magna Charta [131] bedacht, daß 1849 die Korn-
       gesetze [17]  abgeschafft werden  würden -  hätte Krösus bedacht,
       daß  Rothschild   ihn  an  Reichtum  übertreffen  würde  -  hätte
       Alexander der  Große bedacht, daß Rotteck ihn beurteilen und sein
       Reich den  Türken in  die Hände fallen würde - hätte Themistokles
       bedacht, daß er die Perser im Interesse Ottos des Kindes schlagen
       würde -  hätte Hegel  bedacht, daß er auf eine so "kommune" Weise
       von Sankt  Sancho exploitiert werden würde - hätte, hätte, hätte!
       Von welchen  "kleinen Eigentümern"  bildet sich Sankt Sancho denn
       ein zu  sprechen? Von  den eigentumslosen  Bauern,  welche  durch
       Zerschlagen   des   großen   Grundbesitzes   erst   zu   "kleinen
       Eigentümern"   w u r d e n,   oder von  denen, die heutzutage von
       der Konzentration  ruiniert werden?  In beiden Fällen sieht Sankt
       Sancho sich  so ähnlich  wie ein  Ei dem  andern. Im ersten Falle
       schlössen sie  sich ganz und gar nicht vom "großen Eigentum" aus,
       sondern nahmen  es Jeder so weit in Besitz, als er von den Andern
       nicht ausgeschlossen  wurde und Vermögen hatte. Dies Vermögen war
       aber nicht  das Stirnersche  renommistische Vermögen, sondern ein
       durch ganz empirische Verhältnisse bedingtes, z.B. durch ihre und
       die ganze  bisherige Entwicklung  der bürgerlichen  Gesellschaft,
       die Lokalität und ihren größeren oder geringeren Zusammenhang mit
       der Nachbarschaft, die Größe des in Besitz genommenen Grundstücks
       und die  Zahl derer, die es sich aneigneten, die Verhältnisse der
       Industrie, des  Verkehrs, die  Kommunikationsmittel  und  Produk-
       tionsinstrumente ppp.  Wie wenig sie sich ausschließend gegen das
       große Grundeigentum  verhielten, geht  schon daraus  hervor,  daß
       viele unter ihnen selbst große Grundbesitzer wurden. Sancho macht
       sich selbst vor Deutschland lächerlich mit seiner Zumutung, diese
       Bauern hätten  damals die  Parzellierung, die noch gar nicht exi-
       stierte und die damals die einzig revolutionäre Form für sie war,
       überspringen und mit einem Satze m seinen mit sich einigen Egois-
       mus sich  lancieren sollen.  Von seinem Unsinn gar nicht zu spre-
       chen, war  es ihnen  nicht möglich, sich kommunistisch zu organi-
       sieren, da  ihnen alle Mittel abgingen, die erste Bedingung einer
       kommunistischen  Assoziation,   die  gemeinsame  Bewirtschaftung,
       durchzuführen, und da die Parzellierung vielmehr nur Eine der Be-
       dingungen war, welche das Bedürfnis für eine solche
       
       #338# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Assoziation später  hervorriefen. Überhaupt kann eine kommunisti-
       sche Bewegung  nie vom  Lande, sondern  immer nur von den Städten
       ausgehen.
       Im zweiten Falle, wenn Sankt Sancho von den ruinierten Weinen Ei-
       gentümern spricht - haben diese immer noch ein gemeinsames Inter-
       esse mit den großen Grundeigentümern gegenüber der ganz besitzlo-
       sen Klasse und gegenüber der industriellen Bourgeoisie. Und falls
       dies gemeinsame  Interesse nicht  stattfindet,  fehlt  ihnen  die
       Macht, sich  das große  Grundeigentum anzueignen,  weil sie  zer-
       streut wohnen  und ihre ganze Tätigkeit und Lebenslage ihnen eine
       Vereinigung, die  erste Bedingung einer solchen Aneignung, unmög-
       lich macht und eine solche Bewegung wieder eine viel allgemeinere
       voraussetzt, die gar nicht von ihnen abhängt. - Schließlich kommt
       Sanchos ganze Tirade darauf hinaus, daß sie sich bloß den Respekt
       vor dem  Eigentum Andrer  aus dem  Kopf schlagen  sollen. Hiervon
       werden wir weiter unten noch ein geringes Wörtlein vernehmen.
       Nehmen wir  schließlich noch  den Einen  Satz ad  acta 1*):  "I n
       d e r   P r a x i s   r e s p e k t i e r e n   d i e   L e u t e
       e b e n   N i c h t s";  so daß es doch am "Respekt" "eben" nicht
       zu liegen scheint.
       A b h a n d l u n g  Nr. 2: Privateigentum, Staat und Recht.
       "Hätte, hätte, hätte!"
       "Hätte" Sankt Sancho für einen Augenblick die kursierenden Gedan-
       ken der  Juristen und  Politiker über das Privateigentum, wie die
       Polemik dagegen,  beiseite liegenlassen,  hätte er dies Privatei-
       gentum einmal in seiner empirischen Existenz, in seinem Zusammen-
       hange mit  den Produktivkräften  der Individuen  gefaßt, so würde
       seine ganze  Weisheit Salomonis, mit der er uns jetzt unterhalten
       wird, sich in Nichts aufgelöst haben. Es "hätte" ihm dann schwer-
       lich entgehen  können (obwohl  er, wie  Habakuk [132], capable de
       tout 2*)  ist), daß  das Privateigentum eine für gewisse Entwick-
       lungsstufen der Produktivkräfte notwendige Verkehrsform ist, eine
       Verkehrsform, die  nicht eher  abgeschüttelt, nicht eher zur Pro-
       duktion des  unmittelbaren  materiellen  Lebens  entbehrt  werden
       kann, bis  Produktivkräfte geschaffen sind, für die das Privatei-
       gentum eine  hemmende Fessel wird. Es "hätte" dann auch dem Leser
       nicht entgehen  können, daß  Sancho sich  auf materielle Verhält-
       nisse einlassen  mußte, statt  die ganze  Welt in  ein System der
       theologischen  Moral  aufzulösen,  um  diesem  ein  neues  System
       egoistisch sein sollender Moral entgegenzustellen. Es "hätte" ihm
       nicht entgehen  können, daß  es sich  um ganz andre Dinge als den
       "Respekt" und Despekt handelte. "Hätte, hätte, hätte!"
       Dies "hätte"  ist übrigens  nur ein  Nachklang des obigen Sancho-
       schen
       -----
       1*) zu den Akten - 2*) zu allem fähig
       
       #339# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       Satzes; denn  "hätte" Sancho dies Alles getan, so hätte er aller-
       dings sein Buch nicht schreiben können.
       Indem Sankt  Sancho die Illusion der Politiker, Juristen und son-
       stigen Ideologen,  die alle empirischen Verhältnisse auf den Kopf
       stellt, auf  Treu und  Glauben akzeptiert  und noch  in deutscher
       Weise von  dem Seinigen  hinzutut,  v e r w a n d e l t  sich ihm
       das   P r i v a t e i g e n t u m    in    S t a a t s e i g e n-
       t u m,   resp.   R e c h t s e i g e n t u m,   an dem er nun ein
       Experiment zur  Rechtfertigung seiner  obigen Gleichungen  machen
       kann. Sehen wir uns zuerst die Verwandlung des Privateigentums in
       Staatseigentum an.
       
       "Über das  Eigentum entscheidet  nur die Gewalt" (über die Gewalt
       entscheidet einstweilen  vielmehr  das  Eigentum),  "und  da  der
       Staat, gleichviel ob Staat der Bürger, Staat der Lumpe" (Stirner-
       scher "Verein")  "oder Staat  der Menschen schlechthin der allein
       Gewaltige ist, so ist er allein Eigentümer." p. 333.
       
       Neben der  Tatsache des  deutschen "Staats der Bürger" figurieren
       hier wieder  Sanchosche und  Bauersche Hirngespinste  in gleicher
       Ordnung, während  die historisch bedeutenden Staatsbildungen nir-
       gends zu  finden sind.  Er verwandelt  den Staat zunächst in eine
       Person,   "d e n   Gewaltigen". Das  Faktum, daß  die herrschende
       Klasse ihre gemeinschaftliche Herrschaft zur öffentlichen Gewalt,
       zum Staat  konstituiert, versteht  und verdreht  er  in  deutsch-
       kleinbürgerlicher Weise  dahin, daß  "der Staat"  sich  als  eine
       dritte Macht gegen diese herrschende Klasse konstituiert und alle
       Gewalt ihr  gegenüber in  sich absorbiert.  Er wird  jetzt seinen
       Glauben an einer Reihe von Exempeln bewähren.
       Wenn das Eigentum unter der Herrschaft der Bourgeoisie wie zu al-
       len Zeiten  an- gewisse,  zunächst ökonomische,  von der Entwick-
       lungsstufe der  Produktivkräfte und des Verkehrs abhängige Bedin-
       gungen geknüpft  ist, Bedingungen,  die notwendig  einen juristi-
       schen und  politischen Ausdruck erhalten - so glaubt Sankt Sancho
       in seiner Einfalt,
       
       "der   S t a a t   knüpfe den  Besitz des Eigentums" (car tel est
       son bon  plaisir 1*)) "an Bedingungen, wie er Alles daran knüpft,
       z.B. die Ehe", p. 335.
       
       Weil die  Bourgeois dem  Staat nicht  erlauben, sich in ihre Pri-
       vatinteressen einzumischen,  und ihm  nur soviel Macht geben, als
       zu ihrer  eignen Sicherheit  und der Aufrechthaltung 2*) der Kon-
       kurrenz nötig  ist, weil die Bourgeois überhaupt nur insofern als
       Staatsbürger  auftreten,   als   ihre   Privatverhältnisse   dies
       gebieten, glaubt  Jacques le  bonhomme, daß  sie vor  dem  Staate
       "Nichts sind".
       -----
       1*) denn so beliebt es ihm - 2*) MEGA: Aufrechterhaltung
       
       #340# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       "Der Staat  hat nur ein Interesse daran, selbst reich zu sein; ob
       Michel reich  und Peter arm ist, gilt ihm gleich - sie sind Beide
       vor ihm Nichts." p. 334.
       
       Dieselbe Weisheit  schöpft er  p. 345 aus der Duldung der Konkur-
       renz im Staat.
       Wenn eine  Eisenbahndirektion sich  bloß um die Aktionäre zu küm-
       mern hat,  insofern sie  ihre Einzahlungen leisten und ihre Divi-
       denden empfangen, so schließt der Berliner Schulmeister in seiner
       Unschuld, daß  die Aktionäre  "vor ihr  Nichts sind,  wie wir vor
       Gott allzumal Sünder sind". Aus der Ohnmacht des Staats dem Trei-
       ben der  Privateigentümer gegenüber  beweist Sancho  die Ohnmacht
       der Privateigentümer gegenüber dem Staat und seine eigne Ohnmacht
       gegenüber Beiden.
       Ferner. Weil  die Bourgeois  die Verteidigung  ihres Eigentums im
       Staat organisiert haben und "Ich" daher "jenem Fabrikanten" seine
       Fabrik nicht  abnehmen kann,  außer innerhalb der Bedingungen der
       Bourgeoisie, d.h. der Konkurrenz - glaubt Jacques le bonhomme:
       
       "Der Staat hat die Fabrik als Eigentum, der Fabrikant nur als Le-
       hen, als Besitztum." p. 347.
       
       Ebenso "hat"  der Hund,  der mein Haus bewacht, das Haus "als Ei-
       gentum", und  Ich habe  es nur  "als Lehen,  als  Besitztum"  vom
       Hunde.
       Weil die  verdeckten materiellen  Bedingungen des Privateigentums
       häufig in  Widerspruch treten  müssen  mit  der    j u r i s t i-
       s c h e n   I l l u s i o n   über das  Privateigentum, wie  sich
       z.B. bei  Expropriationen zeigt,  so schließt Jacques le bonhomme
       daraus, daß
       
       "hier das  sonst verdeckte  Prinzip, daß nur der Staat Eigentümer
       sei, der  Einzelne hingegen  Lehnsträger, deutlich  in die  Augen
       springt", p. 335.
       
       Es "springt hier nur in die Augen", daß unserm wackern Bürger die
       profanen Eigentumsverhältnisse  hinter der  Decke "des  Heiligen"
       aus den  Augen gesprungen  sind und  daß er  sich noch  immer aus
       China eine  "Himmelsleiter" borgen muß, um eine "Sprosse der Kul-
       tur" zu  "erklimmen", auf  der in zivilisierten Ländern sogar die
       Schulmeister stehen.  Wie hier  Sancho die  zur   E x i s t e n z
       des Privateigentums  gehörigen Widersprüche  zur  N e g a t i o n
       des Privateigentums macht, so verfuhr er, wie wir oben sahen, mit
       den Widersprüchen innerhalb der bürgerlichen Familie.
       Wenn die  Bourgeois, überhaupt  alle Mitglieder  der bürgerlichen
       Gesellschaft, genötigt sind, sich als Wir, als moralische Person,
       als Staat zu konstituieren, um ihre gemeinschaftlichen Interessen
       zu sichern,  und  ihre  dadurch  hervorgebrachte  Kollektivgewalt
       schon um  der Teilung  der Arbeit willen an Wenige delegieren, so
       bildet sich Jacques le bonhomme ein, daß
       
       #341# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       "Jeder nur  so lange  den Nießbrauch  des Eigentums  hat, als  er
       d a s  I c h  des Staats in sich trägt oder ein loyales Glied der
       Gesellschaft ist  ... Wer  ein Staats-Ich,  d.h. ein guter Bürger
       oder Untertan  ist, der  trägt als  s o l c h e s  Ich, nicht als
       eignes, das Lehen ungestört." p. 334, 335.
       
       Auf diese  Weise hat  Jeder nur  so lange den Besitz einer Eisen-
       bahnaktie, als er "das Ich" der Direktion "in sich trägt", wonach
       man also nur als Heiliger eine Eisenbahnaktie besitzen kann.
       Nachdem Sankt  Sancho auf  diese Weise  die Identität des Privat-
       und Staatseigentums sich weisgemacht hat, kann er fortfahren:
       
       "Daß der  Staat nicht  willkürlich dem Einzelnen entzieht, was er
       vom Staate  hat, ist  nur dasselbe  wie dies,  daß der Staat sich
       selbst nicht beraubt." p. 334, 335.
       
       Daß Sankt  Sancho nicht  willkürlich Anderen  ihr Eigentum raubt,
       ist nur dasselbe wie dies, daß Sankt Sancho sich selbst nicht be-
       raubt, da er ja alles Eigentum als das seinige  "a n s i e h t".
       Auf Sankt Sanchos übrige Phantasien über Staat und Eigentum, z.B.
       daß der Staat die Einzelnen durch Eigentum "kirrt" und "belohnt",
       daß er  aus besonderer Malice die hohe Sporteltaxe erfunden habe,
       um die Bürger zu ruinieren, wenn sie nicht loyal seien etc. etc.,
       überhaupt  auf   die     k l e i n b ü r g e r l i c h - d e u t-
       s c h e   Vorstellung von  der  A l l m a c h t  des Staats, eine
       Vorstellung,  die   bereits  bei  den  alten  deutschen  Juristen
       durchläuft und  hier  in  hochtrabenden  Beteuerungen  sich  auf-
       spreizt, kann man uns nicht zumuten, weiter einzugehn.
       Seine hinreichend nachgewiesene Identität von Staats- und Privat-
       eigentum sucht  er schließlich noch durch etymologische Synonymik
       darzutun, wobei  er seiner Gelehrsamkeit indes en ambas posaderas
       schlägt.
       
       "Mein Privateigentum ist nur Dasjenige, was der Staat Mir von dem
       S e i n i g e n   überläßt, indem  er andere  Staatsglieder darum
       v e r k ü r z t  (priviert): es ist Staatseigentum." p. 339.
       
       Zufällig verhält  sich die  Sache gerade umgekehrt. Das Privatei-
       gentum in   R o m,  worauf sich der etymologische Witz allein be-
       ziehen kann,  stand im  direktesten Gegensatz zum Staatseigentum.
       Der Staat  gab allerdings den Plebejern Privateigentum, verkürzte
       dagegen nicht "Andre" um ihr Privateigentum, sondern diese Plebe-
       jer selbst um ihr Staatseigentum (ager publicus 1*)) [6] und ihre
       politischen Rechte, und deshalb hießen sie  s e l b s t  privati,
       Beraubte, nicht  aber jene phantastischen "andern Staatsglieder",
       von denen  Sankt Sancho träumt. Jacques le bonhomme blamiert sich
       in allen Ländern,
       -----
       1*) Land, das sich in öffentlichem Besitz befand
       
       #342# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       allen Sprachen und allen Epochen, sobald er auf positive Fakta zu
       sprechen kommt,  von denen  "das  Heilige"  keine  aprioristische
       Kenntnis haben kann.
       Die Verzweiflung  darüber, daß  der Staat  alles Eigentum  absor-
       biert, treibt  ihn in  sein innerstes "empörtes" Selbstbewußtsein
       zurück, wo  er durch  die  Entdeckung  überrascht  wird,  daß  er
       L i t e r a t   ist. Er  drückt diese Verwunderung . in folgenden
       merkwürdigen Worten aus:
       
       "Im Gegensatz  zum Staat fühle Ich immer deutlicher, daß Mir noch
       eine große Gewalt übrig bleibt, die Gewalt über Mich selbst";
       
       was weiter dahin ausgeführt wird:
       
       "An Meinen  Gedanken habe  Ich ein wirkliches Eigentum, womit Ich
       Handel treiben kann." p. 339.
       
       Der "Lump" Stirner, der "Mensch von nur ideellem Reichtum", kommt
       also auf  den verzweifelten  Entschluß, mit der geronnenen, sauer
       gewordenen Milch seiner Gedanken Handel zu treiben. [133] Und wie
       schlau fängt  er es an, wenn der Staat seine Gedanken für Contre-
       bande erklärt? Horcht:
       
       "Ich gebe  sie auf"  (allerdings sehr  weise) "und tausche Andere
       für sie  ein" (d.h.  falls Jemand ein so schlechter Geschäftsmann
       sein sollte,  seine Gedankenwechsel  anzunehmen), "die  dann Mein
       neues, erkauftes Eigentum sind." p. 339.
       Der ehrliche  Bürger beruhigt  sich nicht  eher, als  bis  er  es
       schwarz auf  weiß besitzt,  daß er  sein Eigentum redlich erkauft
       hat. Siehe  da den  Trost des  Berliner Bürgers  in allen  seinen
       Staatsnöten und Polizeitrübsalen: "Gedanken sind zollfrei!"
       Die Verwandlung  des Privateigentums  in Staatseigentum reduziert
       sich schließlich  auf die Vorstellung,, daß der Bourgeois nur be-
       sitzt als  Exemplar der  Bourgeoisgattung, die in ihrer Zusammen-
       fassung Staat  heißt und den Einzelnen mit Eigentum belehnt. Hier
       steht die  Sache wieder auf dem Kopf. In der Bourgeoisklasse, wie
       in jeder anderen Klasse, sind nur die persönlichen Bedingungen zu
       gemeinschaftlichen und  allgemeinen entwickelt,  unter denen  die
       einzelnen Mitglieder  der Klasse  besitzen und  leben. Wenn  auch
       früher dergleichen  philosophische Illusionen in Deutschland kur-
       sieren konnten, so sind sie doch jetzt vollständig lächerlich ge-
       worden, seitdem  der Welthandel hinlänglich bewiesen hat, daß der
       bürgerliche Erwerb  ganz unabhängig  von der Politik, die Politik
       dagegen gänzlich  abhängig vom  bürgerlichen Erwerb ist. Schon im
       achtzehnten Jahrhundert war die Politik so sehr vom Handel abhän-
       gig, daß  z. B.,  als der  französische Staat eine Anleihe machen
       wollte, ein  Privatmann für  den Staat  den  Holländern  gutsagen
       mußte.
       
       #343# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       Daß  die   "Wertlosigkeit  Meiner"  oder  "der  Pauperismus"  die
       "Verwertung" oder  das "Bestehen"  des "Staats" ist (p. 336), ist
       eine der 1001 Stirnerschen Gleichungen, die wir hier bloß deshalb
       erwähnen, weil wir bei dieser Gelegenheit einige Neuigkeiten über
       den Pauperismus hören.
       
       "Der Pauperismus ist die  W e r t l o s i g k e i t  M e i n e r,
       die Erscheinung,  daß Ich  Mich nicht verwerten kann. Deshalb ist
       Staat und  Pauperismus Ein  und Dasselbe ... Der Staat geht alle-
       zeit darauf  aus, von  Mir   N u t z e n  z u  z i e h e n,  d.h.
       Mich zu  exploitieren, auszubeuten, zu verbrauchen, bestände die-
       ser Verbrauch  auch nur  darin, daß Ich für eine Proles 1*) sorge
       (Proletariat). Er will, Ich soll seine Kreatur sein." p. 336.
       
       Abgesehen davon,  daß sich  hier zeigt,  wie wenig es von ihm ab-
       hängt, sich zu verwerten, obgleich er seine Eigenheit überall und
       immer durchsetzen  kann, daß  hier abermals Wesen und Erscheinung
       im Gegensatz  zu den  früheren Behauptungen  ganz voneinander ge-
       trennt werden,  kommt die  obige kleinbürgerliche  Ansicht unsres
       Bonhomme wieder  zutage, daß  "der Staat"  ihn exploitieren will.
       Uns interessiert  nur noch  die altrömische etymologische Abstam-
       mung des Proletariats, die hier naiverweise in den modernen Staat
       eingeschmuggelt wird.  Sollte Sankt Sancho wirklich nicht wissen,
       daß überall,  wo der  moderne  Staat  sich  entwickelt  hat,  das
       "Sorgen für  eine Proles"  dem Staat,  d.h. den offiziellen Bour-
       geois, gerade  die unangenehmste  Tätigkeit des Proletariats ist?
       Sollte er nicht etwa zu seinem eignen Besten auch Malthus und den
       Minister Duchâtel  ins Deutsche übersetzen? Sankt Sancho "fühlte"
       vorhin "immer deutlicher", als deutscher Kleinbürger, daß ihm "im
       Gegensatz zum  Staat noch  eine große  Macht blieb",  nämlich dem
       Staat zum  Trotz sich  Gedanken zu machen. Wäre er ein englischer
       Proletarier, so  würde er  gefühlt  haben,  daß  ihm  "die  Macht
       blieb", dem Staat zum Trotz Kinder zu machen.
       Weitere Jeremiade  gegen den Staat! Weitere Theorie des Pauperis-
       mus! Er  "schafft" zunächst  als "Ich" "Mehl, Leinwand oder Eisen
       und Kohlen",  womit er die Teilung der Arbeit von vornherein auf-
       hebt. Dann  fängt er  an, "lange"  zu "klagen",  daß seine Arbeit
       nicht nach  ihrem Wert  bezahlt wird,  und gerät zunächst in Kon-
       flikt mit den Bezahlenden. Der Staat tritt dann "beschwichtigend"
       dazwischen.
       
       "Lasse Ich  Mir nicht genügen an dem Preise, den er" (nämlich der
       Staat) "für  meine Ware  und Arbeit  festsetzt, trachte Ich viel-
       mehr, den  Preis Meiner  Ware selbst  zu bestimmen, d.h. Mich be-
       zahlt zu  machen, so  gerate Ich  zunächst" (großes  "Zunächst" -
       nicht mit dem Staat, sondern) "mit den Abnehmern der Ware in Kon-
       flikt." p. 337.
       -----
       1*) Nachkommenschaft
       
       #344# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       Will er  nun in  ein "direktes  Verhältnis" mit  diesen Abnehmern
       treten, d.h.  "sie bei  den Köpfen fassen", so "interveniert" der
       Staat, "reißt  den Menschen vom Menschen" (obgleich es sich nicht
       vom "Menschen", sondern vom Arbeiter und Arbeitgeber oder, was er
       durcheinanderwirft, vom  Verkäufer und Käufer der Ware handelte),
       und zwar  tut der Staat dies in der böswilligen Absicht, "um sich
       als Geist"  (jedenfalls heiliger Geist) "in die Mitte zu stellen.
       Die Arbeiter,  welche höheren  Lohn verlangen, werden als Verbre-
       cher behandelt,  sobald sie  ihn   e r z w i n g e n  wollen." p.
       337.
       Hier haben  wir wieder  einmal eine  Blütenlese des Unsinns. Herr
       Senior hätte  seine Briefe über den Arbeitslohn [134] sparen kön-
       nen, wenn  er sich vorher in ein "direktes Verhältnis" zu Stirner
       gesetzt hätte;  besonders da in diesem Falle der Staat wohl nicht
       "den Menschen  vom Menschen  gerissen" haben  würde. Sancho  läßt
       hier den  Staat dreimal auftreten. Zuerst "beschwichtigend", dann
       preisbestimmend, zuletzt  als "Geist", als das Heilige. Daß Sankt
       Sancho  nach  der  glorreichen  Identifikation  des  Privat-  und
       Staatseigentums den  Staat auch  den Arbeitslohn  bestimmen läßt,
       zeugt von  gleich großer  Konsequenz und  Unbekanntschaft mit den
       Dingen dieser  Welt. Daß  "die Arbeiter,  welche höheren Lohn er-
       zwingen wollen",  in England,  Amerika und Belgien keineswegs so-
       gleich als  "Verbrecher" behandelt  werden, sondern  im Gegenteil
       oft genug  diesen Lohn wirklich erzwingen, ist ebenfalls ein uns-
       rem Heiligen unbekanntes Faktum und zieht durch seine Legende vom
       Arbeitslohn einen  großen Strich.  Daß die  Arbeiter, selbst wenn
       der Staat  nicht "in  die Mitte träte", wenn sie ihre Arbeitgeber
       "bei den  Köpfen fassen",  damit noch  gar nichts  gewinnen, noch
       viel weniger  als durch  Assoziationen und  Arbeitseinstellungen,
       solange sie nämlich Arbeiter und ihre Gegner Kapitalisten bleiben
       - das  ist ebenfalls  ein Faktum, das selbst in Berlin einzusehen
       wäre. Daß  die bürgerliche  Gesellschaft, die  auf der Konkurrenz
       beruht, und ihr Bourgeoisstaat ihrer ganzen materiellen Grundlage
       nach keinen  andern als  einen Konkurrenzkampf  unter den Bürgern
       zulassen können und nicht als "Geist", sondern mit Bajonetten da-
       zwischentreten müssen,  wenn die  Leute sich  "an den Köpfen fas-
       sen", braucht ebenfalls nicht auseinandergesetzt zu werden.
       Übrigens stellt  Stirners Einfall,  daß  nur  der  Staat  reicher
       werde, wenn  die Individuen auf der Basis des bürgerlichen Eigen-
       tums reicher werden, oder daß bisher alles Privateigentum Staats-
       eigentum gewesen  sei, das  historische Verhältnis wieder auf den
       Kopf. Mit  der Entwicklung  und Akkumulation des bürgerlichen Ei-
       gentums, d.h.  mit der  Entwicklung des Handels und der Industrie
       wurden die Individuen immer reicher, während der Staat immer ver-
       schuldeter ward. Dies Faktum trat schon hervor in den ersten ita-
       lienischen
       
       #345# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       Handelsrepubliken, zeigte sich später in seiner Spitze in Holland
       seit dem  vorigen Jahrhundert,  wo der Fondsspekulant Pinto schon
       1750 darauf  aufmerksam machte,  und findet jetzt wieder statt in
       England. Es  zeigt sich  daher auch,  daß, sobald die Bourgeoisie
       Geld gesammelt  hat, der Staat bei ihr betteln gehen muß und end-
       lich von  ihr geradezu an sich gekauft wird. Dies findet in einer
       Periode statt,  in welcher die Bourgeoisie noch eine andre Klasse
       sich gegenüberstehen  hat, wo  also der Staat zwischen Beiden den
       Schein einer  gewissen Selbständigkeit  behalten kann.  Der Staat
       bleibt selbst nach diesem Ankauf immer noch geldbedürftig und da-
       durch von  den Bourgeois abhängig, kann aber dennoch, wenn es das
       Interesse der  Bourgeois erfordert, immer über mehr Mittel verfü-
       gen als andre, weniger entwickelte und daher weniger verschuldete
       Staaten. Aber  selbst die  unentwickeltsten Staaten  Europas, die
       der Heiligen  Allianz [135],  gehen diesem Schicksal unaufhaltsam
       entgegen und werden von den Bourgeois angesteigert werden; wo sie
       sich dann  von Stirner  mit der  Identität von Privateigentum und
       Staatseigentum vertrösten  lassen können,  namentlich sein eigner
       Souverän, der  vergebens die Stunde des Verschacherns der Staats-
       macht an die "böse" gewordnen "Bürger" hinzuhalten strebt.
       Wir kommen  jetzt zu dem Verhältnis von Privateigentum und Recht,
       wo wir  dieselben Siebensachen  in anderer Form wieder hören. Die
       Identität von  Staats- und  Privateigentum erhält  eine scheinbar
       neue Wendung.  Die politische  A n e r k e n n u n g  des Privat-
       eigentums im  Recht wird als  B a s i s  des Privateigentums aus-
       gesprochen.
       
       "Das Privateigentum  lebt von der Gnade des Rechts. Nur im Rechte
       hat es  seine Gewähr - Besitz ist ja noch nicht Eigentum, es wird
       erst das Meinige durch Zustimmung des Rechts -; es ist keine Tat-
       sache, sondern  eine Fiktion,  ein Gedanke. Das ist das Rechtsei-
       gentum, rechtliches Eigentum,  g a r a n t i e r t e s  Eigentum;
       nicht durch Mich ist es Mein, sondern durchs - Recht." p. 332.
       
       Dieser Satz treibt nur den schon dagewesenen Unsinn vom Staatsei-
       gentum auf  eine noch komischere Höhe. Wir gehen daher gleich auf
       Sanchos Exploitation  des fiktiven  jus utendi  et  abutendi  1*)
       über.
       p. 332 erfahren wir außer der obigen schönen Sentenz, daß das Ei-
       gentum
       
       "die unumschränkte  Gewalt über etwas ist, womit Ich schalten und
       walten kann nach Gutdünken". "Die Gewalt" ist aber "nicht ein für
       sich Existierendes,  sondern lediglich im gewaltigen Ich, in Mir,
       dem Gewaltigen",  p. 366.  Das Eigentum  ist daher  kein  "Ding",
       "nicht dieser  Baum, sondern Meine Gewalt, Verfügung über ihn ist
       die
       -----
       1*) das Recht,  das Seinige  zu  gebrauchen  und  zu  verbrauchen
       (auch: zu mißbrauchen)
       
       #346# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       Meinige", p. 366. Er kennt bloß "Dinge" oder "Iche". Die "vom Ich
       getrennte", gegen  es verselbständigte, in ein "Gespenst" verwan-
       delte "Gewalt  ist das  Recht". "Diese verewigte Gewalt" (Abhand-
       lung über  das Erbrecht)  "erlischt selbst mit Meinem Tode nicht,
       sondern wird  übertragen oder  vererbt.  Die  Dinge  gehören  nun
       wirklich nicht  Mir, sondern  dem Rechte.  Andererseits ist  dies
       weiter Nichts als eine Verblendung, denn die Gewalt des Einzelnen
       wird allem dadurch permanent und ein Recht, daß Andre ihre Gewalt
       mit der  seinigen verbinden.  Der Wahn besteht dann, daß sie ihre
       Gewalt nicht wieder zurückziehen zu können glauben." p. 366, 367.
       "Ein Hund  sieht den Knochen in eines andern Gewalt und steht nur
       ab, wenn  er sich  zu schwach  fühlt. Der Mensch aber respektiert
       das  R e c h t  des Andern an seinen Knochen ... Und wie hier, so
       heißt überhaupt  dies   'm e n s c h l i c h',  wenn man in Allem
       etwas   G e i s t i g e s   sieht, hier  das Recht, d.h. Alles zu
       einem Gespenste  macht und  sich dazu als zu einem Gespenste ver-
       hält ...  Menschlich ist  es, das  Einzelne nicht  als Einzelnes,
       sondern als" ein Allgemeines anzuschauen." p. 368, 369.
       
       Das ganze Unheil entspringt also wieder aus dem Glauben der Indi-
       viduen an  den Rechtsbegriff, den sie sich aus dem Kopfe schlagen
       s o l l e n.   Sankt Sancho kennt nur "Dinge" und "Iche", und von
       Allem, was nicht unter diese Rubriken paßt, von allen Verhältnis-
       sen kennt er nur die abstrakten Begriffe, die sich ihm daher auch
       in "Gespenster"  verwandeln. "Andererseits"  dämmert ihm freilich
       zuweilen, daß dies Alles "weiter Nichts ist als eine Verblendung"
       und daß  "die Gewalt  des Einzelnen"  sehr davon abhängig ist, ob
       Andre ihre Gewalt mit der seinigen verbinden. Aber in letzter In-
       stanz läuft  Alles doch  auf "den Wahn" heraus, daß die Einzelnen
       "ihre Gewalt nicht wieder zurückziehen zu können  g l a u b e n".
       Die Eisenbahn gehört wieder "wirklich" nicht den Aktionären, son-
       dern den  Statuten. Sancho gibt gleich ein schlagendes Exempel am
       Erbrecht. Er erklärt es nicht aus der Notwendigkeit der Akkumula-
       tion und der vor dem Recht existierenden Familie, sondern aus der
       j u r i s t i s c h e n   F i k t i o n   von der    V e r l ä n-
       g e r u n g   d e r   G e w a l t   über den  Tod  hinaus.  Diese
       juristische Fiktion  selbst wird  von allen  Gesetzgebungen immer
       mehr  aufgegeben,   je  mehr  die  feudale  Gesellschaft  in  die
       bürgerliche übergeht.  (Vergleiche z.B.  den Code  Napoleon.) Daß
       die absolute väterliche Gewalt und das Majorat, sowohl das natur-
       wüchsige Lehnsmajorat  wie das spätere, auf sehr bestimmten mate-
       riellen Verhältnissen beruhten, braucht hier nicht auseinanderge-
       setzt zu werden. Dasselbe findet bei den antiken Völkern statt in
       der Epoche der Auflösung des Gemeinwesens durch das  P r i v a t-
       l e b e n.   (Bester Beweis  die Geschichte  des  römischen  Erb-
       rechts.) Sancho  konnte überhaupt  kein unglücklicheres  Beispiel
       wählen als  das Erbrecht,  das am  allerdeutlichsten  die  Abhän-
       gigkeit  des   Rechts  von  den  Produktionsverhältnissen  zeigt.
       Vergleich zum  Beispiel römisches  und germanisches Erbrecht. Ein
       Hund hat  freilich noch  nie aus einem Knochen Phosphor, Knochen-
       mehl
       
       #347# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       oder Kalk  gemacht, ebensowenig  wie er sich je über sein "Recht"
       an einen  Knochen "etwas  in den  Kopf gesetzt hat"; Sankt Sancho
       hat sich  ebenfalls nie "in den Kopf gesetzt", darüber nachzuden-
       ken, ob  nicht das Recht, das die Menschen auf einen Knochen sich
       vindizieren und  die Hunde  nicht, mit der Art zusammenhängt, wie
       die Menschen  diesen Knochen  produktiv behandeln  und die  Hunde
       nicht. Überhaupt  haben wir  hier an einem Beispiel die ganze Ma-
       nier der Sanchoschen Kritik und seinen unerschütterlichen Glauben
       an kurante Illusionen vor uns. Die bisherigen Produktionsverhält-
       nisse der  Individuen müssen  sich ebenfalls  als politische  und
       rechtliche Verhältnisse  ausdrücken. (Sieh  oben.) Innerhalb  der
       Teilung der  Arbeit müssen diese Verhältnisse gegenüber den Indi-
       viduen sich  verselbständigen. Alle  Verhältnisse können  in  der
       Sprache nur als Begriffe ausgedrückt werden. Daß diese Allgemein-
       heiten und  Begriffe als  mysteriöse Mächte gelten, ist eine not-
       wendige Folge  der Verselbständigung der realen Verhältnisse, de-
       ren Ausdruck  sie sind.  Außer dieser Geltung im gewöhnlichen Be-
       wußtsein erhalten  diese Allgemeinheiten noch eine besondere Gel-
       tung und  Ausbildung von  den Politikern  und Juristen, die durch
       die Teilung  der Arbeit auf den Kultus dieser Begriffe angewiesen
       sind und  in ihnen,  nicht in  den Produktionsverhältnissen,  die
       wahre Grundlage  aller realen  Eigentumsverhältnisse sehen. Diese
       Illusion adoptiert  Sankt Sancho unbesehens, hat es damit fertig-
       gebracht, das  rechtliche Eigentum für die Basis des Privateigen-
       tums und  den Rechtsbegriff  für die Basis des rechtlichen Eigen-
       tums zu  erklären, und  kann nun  seine ganze  Kritik darauf  be-
       schränken, den  Rechtsbegriff für  einen Begriff, ein Gespenst zu
       erklären. Womit  Sankt Sancho  fertig ist.  Zu seiner  Beruhigung
       kann ihm  noch gesagt  werden, daß  das Verfahren der Hunde, wenn
       ihrer zwei  einen Knochen finden, in allen ursprünglichen Gesetz-
       büchern als  Recht anerkannt  wird: vim  vi repellere licere 1*),
       sagen die  Pandekten [136]; idque jus natura comparatur 2*), wor-
       unter verstanden  wird jus  quod natura omnia animalia - Menschen
       und Hunden  - docuit 3*); daß aber später die organisierte Repul-
       sion der Gewalt durch die Gewalt "eben" das Recht ist.
       Sankt Sancho,  der nun  im Zuge ist, dokumentiert seine rechtsge-
       schichtliche  Gelehrsamkeit   dadurch,  daß  er  Proudhon  seinen
       "Knochen" streitig macht. Proudhon, sagt er,
       
       "schwindelt uns  vor, die Sozietät sei die ursprüngliche Besitze-
       rin und  die einzige  Eigentümerin von  unverjährbarem Rechte; an
       ihr sei  der sogenannte  Eigentümer zum  Diebe geworden; wenn sie
       nun dem dermaligen Eigentümer sein Eigentum entziehe,
       -----
       1*) Gewalt darf  mit Gewalt  abgewehrt werden  -  2*) und  dieses
       Recht ist  von der  Natur gesetzt  - 3*) ein Recht, das die Natur
       alle Lebewesen gelehrt hat
       
       #348# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       so raube sie ihm Nichts, da sie nur ihr unverjährbares Recht gel-
       tend mache. So weit kommt man mit dem Spuk der Sozietät als einer
       m o r a l i s c h e n  P e r s o n."  p. 330, 331.
       
       Dagegen will  Stirner uns  "vorschwindeln", p.  340, 367, 420 und
       anderwärts, wir,  nämlich die Besitzlosen, hätten den Eigentümern
       ihr Eigentum geschenkt, aus Unkunde, Feigheit oder auch Gutmütig-
       keit usw.,  und fordert  uns auf,  unser Geschenk zurückzunehmen.
       Zwischen den  beiden "Schwindeleien"  ist  der  Unterschied,  daß
       Proudhon sich  auf ein  historisches Faktum stützt, während Sankt
       Sancho sich  nur etwas  "in den  Kopf gesetzt"  hat, um der Sache
       eine "neue  Wendung" zu  geben. Die neueren rechtsgeschichtlichen
       Forschungen haben  nämlich herausgestellt,  daß sowohl in Rom wie
       bei den  germanischen, keltischen  und slawischen Völkern die Ei-
       gentumsentwicklung vom  Gemeindeeigentum oder  Stammeigentum aus-
       ging und  das eigentliche Privateigentum überall durch Usurpation
       entstand, was Sankt Sancho freilich nicht aus der tiefen Einsicht
       herausklauben konnte,  daß der Rechtsbegriff ein Begriff ist. Den
       juristischen Dogmatikern  gegenüber war  Proudhon vollständig be-
       rechtigt, dies Faktum geltend zu machen und überhaupt sie mit ih-
       ren eignen  Voraussetzungen zu  bekämpfen. "So weit kommt man mit
       dem Spuk"  des Rechtsbegriffs als eines Begriffs. Proudhon könnte
       nur dann  wegen seines  obigen Satzes angegriffen werden, wenn er
       dem über  dies ursprüngliche Gemeinwesen hinausgegangenen Privat-
       eigentum gegenüber  die frühere und rohere Form verteidigt hätte.
       Sancho resümiert seine Kritik Proudhons in der stolzen Frage:
       
       "Warum so sentimental, als ein armer Beraubter, das Mitleid anru-
       fen?" p. 420.
       
       Die Sentimentalität, die übrigens bei Proudhon nirgends zu finden
       ist, ist nur der Maritornes gegenüber erlaubt. Sancho bildet sich
       wirklich ein,  ein "ganzer  Kerl" zu sein gegenüber einem Gespen-
       stergläubigen wie Proudhon. Er hält seinen aufgedunsenen Kanzlei-
       stil, dessen sich Friedrich Wilhelm IV. zu schämen hätte, für re-
       volutionär. "Der Glaube macht selig!"
       
       p. 340 erfahren wir:
       
       "Alle Versuche,  über das  Eigentum vernünftige Gesetze zu geben,
       liefen vom   B u s e n   d e r  L i e b e  in ein wüstes Meer von
       Bestimmungen aus."
       
       Hierzu paßt der gleich abenteuerliche Satz:
       
       "Der bisherige  Verkehr beruhte  auf der  Liebe, dem  rücksichts-
       vollen Benehmen, dem Füreinander-Tun." p. 385.
       
       Sankt Sancho überrascht sich hier selbst mit einem frappanten Pa-
       radoxon über  das Recht und den Verkehr. Wenn wir uns indes erin-
       nern, daß  er unter  "der Liebe" die Liebe zu  "d e m  Menschen",
       überhaupt einem An-und-für-
       
       #349# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       sich-Seienden, Allgemeinen,  das Verhältnis  zu einem  Individuum
       oder Ding  als zum  Wesen, zu  dem  H e i l i g e n  versteht, so
       fällt dieser  glänzende Schein zusammen. Die obigen Orakelsprüche
       lösen sich dann in die alten, durch das ganze "Buch" uns ennuyie-
       renden Trivialitäten auf, daß zwei Dinge, von denen Sancho Nichts
       weiß, nämlich  hier das bisherige Recht und der bisherige Verkehr
       - "das  Heilige" sind, und daß überhaupt bisher nur "Begriffe die
       Welt  beherrscht"  haben.  Das  Verhältnis  zum  Heiligen,  sonst
       "Respekt" genannt,  kann auch gelegentlich "Liebe" tituliert wer-
       den. (Siehe "Logik".)
       Nur ein  Beispiel, wie  Sankt Sancho die Gesetzgebung in ein Lie-
       besverhältnis und den Handel in einen Liebeshandel verwandelt:
       
       "In einer  Registrationsbill für Irland stellte die Regierung den
       Antrag, Wähler diejenigen sein zu lassen, welche fünf Pfund Ster-
       ling Armensteuer  entrichten. Also  wer Almosen gibt, der erwirbt
       politische Rechte oder wird anderwärts Schwanenritter." p. 344.
       
       Zuerst ist  hier zu  bemerken, daß diese "Registrationsbill", die
       "politische Rechte"  verleiht, eine Munizipal- oder Korporations-
       bill war,  oder, um  für Sancho  verständlich zu  sprechen,  eine
       "Städteordnung", die  keine "politischen Rechte", sondern städti-
       sche Rechte,  Wahlrecht für  Lokalbeamte, verleihen sollte. Zwei-
       tens sollte  Sancho, der den MacCulloch übersetzt, doch wohl wis-
       sen, was  das heißt,  "to be  assessed to  the poor-rates at five
       pounds". Es  heißt nicht "fünf Pfund Armensteuer zahlen", sondern
       in den  Armensteuerrollen als  Bewohner eines  Hauses eingetragen
       sein, dessen  jährliche Miete  fünf Pfund  beträgt. Der  Berliner
       Bonhomme weiß  nicht, daß  die Armensteuer  in England und Irland
       eine   l o k a l e   Steuer ist,  die in jeder Stadt und in jedem
       Jahre   v e r s c h i e d e n   ist, so  daß es eine reine Unmög-
       lichkeit wäre,  irgendein Recht  an einen bestimmten Steuerbetrag
       knüpfen zu  wollen. Endlich  glaubt Sancho, daß die englische und
       irische Armensteuer  ein "Almosen" sei, während sie nur die Geld-
       mittel zu einem offenen und direkten Angriffskrieg der herrschen-
       den Bourgeoisie  gegen das  Proletariat aufbringt.  Sie deckt die
       Kosten der  Arbeitshäuser, die  bekanntlich ein  Malthusianisches
       Abschreckungsmittel gegen  den Pauperismus  sind. Man  sieht, wie
       Sancho "vom  Busen der  Liebe in ein wüstes Meer von Bestimmungen
       ausläuft".
       Beiläufig bemerkt,  mußte die  deutsche Philosophie, weil sie nur
       vom Bewußtsein ausging, in Moralphilosophie verenden, wo dann die
       verschiedenen Heroen  einen Hader um die wahre Moral führen, Feu-
       erbach hebt  den Menschen  um des  Menschen willen,  Sankt  Bruno
       liebt ihn,  weil er  es "verdient"  (Wig[and,] p. 137), und Sankt
       Sancho liebt "Jeden", weil es ihm gefällt, mit dem Bewußtsein des
       Egoismus ("das Buch", p. 387).
       
       #350# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       Wir haben  schon oben,  in der ersten Abhandlung, gehört, wie die
       kleinen Grundeigentümer sich respektvoll vom großen Grundeigentum
       ausschlossen. Dies Sich-Ausschließen vom fremden Eigentum aus Re-
       spekt wird  überhaupt als  Charakter des  bürgerlichen  Eigentums
       dargestellt. Aus  diesem Charakter weiß Stirner sich zu erklären,
       warum
       
       "innerhalb des Bürgertums trotz seines Sinnes, daß Jeder Eigentü-
       mer sei,  die Meisten  soviel wie  Nichts haben",  p.  348.  Dies
       "kommt daher,  weil die  Meisten sich  schon darüber  freuen, nur
       überhaupt Inhaber,  sei es  auch von einigen Lappen, zu sein". p.
       349.
       
       Daß "die Meisten" nur "einige Lappen" besitzen, erklärt sich Sze-
       liga ganz natürlich aus ihrer Freude an den Lappen.
       
       p. 343: "Ich wäre bloß Besitzer P Nein, bisher war man nur Besit-
       zer, gesichert im Besitze einer Parzelle, dadurch, daß man Andere
       auch im Besitze einer Parzelle ließ; jetzt aber gehört  A l l e s
       Mir. Ich bin Eigentümer von Allem, dessen Ich brauche und habhaft
       werden kann."
       
       Wie Sancho  vorhin die kleinen Grundbesitzer sich respektvoll vom
       großen Grundeigentum  ausschließen ließ, jetzt die kleinen Grund-
       besitzer sich  voneinander, so konnte er weiter ins Detail gehen,
       die Ausschließung  des kommerziellen Eigentums vom Grundeigentum,
       des Fabrikeigentums  vom eigentlich  kommerziellen usw. durch den
       Respekt bewerkstelligen lassen und es so zu einer ganz neuen Öko-
       nomie auf  der Basis  des Heiligen  bringen. Er hat sich dann nur
       den Respekt  aus dem  Kopf zu schlagen, um die Teilung der Arbeit
       und die  daraus hervorgehende  Gestaltung des Eigentums mit Einem
       Schlage aufzuheben.  Zu dieser  neuen Ökonomie gibt Sancho p. 128
       "des Buchs"  einen Beleg,  wo er  die Nadel  nicht vom shopkeeper
       1*), sondern  vom Respekt kauft, und nicht mit Geld von dem shop-
       keeper, sondern  mit Respekt  von der Nadel. Übrigens ist die von
       Sancho angefeindete   d o g m a t i s c h e   Selbstausschließung
       eines Jeden  vom fremden Eigentum eine rein juristische Illusion.
       In der  heutigen Produktions- und Verkehrsweise schlägt Jeder ihr
       ins Gesicht  und trachtet  gerade danach,  alle Andern  von ihrem
       einstweiligen  Eigentum   auszuschließen.  Wie   es  mit  Sanchos
       "Eigentum an  Allem" aussieht,  geht schon  aus  dem  ergänzenden
       Nachsatz  hervor:   "dessen  Ich   brauche  und     h a b h a f t
       w e r d e n   k a n n".   Er erörtert  dies selbst  näher p. 353:
       "Sage Ich:  Mir gehört  die Welt,  so  i s t  d a s  e i g e n t-
       l i c h   a u c h   l e e r e s   G e r e d e,   das nur insofern
       Sinn hat,  als  Ich  kein  fremdes  Eigentum  respektiere."  Also
       insofern der   N i c h t r e s p e k t   vor dem fremden Eigentum
       s e i n  E i g e n t u m  ist.
       Was Sancho  an seinem  geliebten Privateigentum  kränkt, ist eben
       die Ausschließlichkeit,
       -----
       1*) Krämer
       
       #351# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       ohne die  es Unsinn wäre, das Faktum, daß es außer ihm noch andre
       Privateigentümer gibt.  Fremdes Privateigentum ist nämlich heili-
       ges. Wir  werden sehen,  wie er  in seinem "Vereine" diesem Übel-
       stand abhilft.  Wir werden  nämlich finden, daß sein egoistisches
       Eigentum, das  Eigentum im  außergewöhnlichen  Verstande,  weiter
       nichts ist  als das  durch seine  heiligende Phantasie verklärte,
       gewöhnliche oder  bürgerliche Eigentum.  Schließen  wir  mit  dem
       Spruch Salomonis:
       
       "Gelangen die  Menschen dahin, daß sie den Respekt vor dem Eigen-
       tum verlieren,  so wird  Jeder Eigentum  haben ...  dann  [werden
       V e r e i n e  auch in dieser Sache die Mittel des Einzelnen mul-
       tiplizieren und  sein angefochtenes  Eigentum sicherstellen."  p.
       342.] 1*)
       
       [Abhandlung 3:  Über die  Konkurrenz im gewöhnlichen und außerge-
       wöhnlichen Verstande.]
       Schreiber dieses  begab sich eines Morgens im gebührlichen Kostüm
       zum Herrn Minister Eichhorn:
       
       "Weil es mit dem Fabrikanten nicht geht" (der Herr Finanzminister
       hatte ihm nämlich weder Raum noch Geld zur Errichtung einer eige-
       nen Fabrik gegeben, noch der Herr Justizminister ihm erlaubt, dem
       Fabrikanten die Fabrik zu nehmen - siehe oben bürgerliches Eigen-
       tum), "so  will Ich  mit jenem Professor der Rechte konkurrieren;
       der Mann  ist ein  Gimpel, und  Ich, der Ich hundertmal mehr weiß
       als er,  werde sein  Auditorium leer machen." - "Hast Du studiert
       und promoviert, Freund?" - "Nein, aber was tut das? Ich verstehe,
       was zu dem Lehrfache nötig ist, reichlich." - "Tut mir leid, aber
       die Konkurrenz ist hier nicht frei. Gegen Deine Person ist nichts
       zu sagen,  aber die  Sache fehlt, das Doktordiplom. Und dies ver-
       lange Ich,  der Staat." - "Dies also ist die Freiheit der Konkur-
       renz", seufzte  Schreiber dieses,  "der Staat,  M e i n  H e r r,
       befähigt mich  erst zum Konkurrieren." Worauf er niedergeschlagen
       in seine Behausung zurückkehrte, p. 347.
       
       In entwickelten  Ländern wäre es ihm nicht vorgekommen, den Staat
       um die  Erlaubnis fragen zu müssen, ob er mit einem Professor der
       Rechte konkurrieren  dürfe. Wenn  er sich  aber an  den Staat als
       einen     A r b e i t g e b e r     wendet  und  Besoldung,  d.h.
       A r b e i t s l o h n   verlangt, also sich selbst in das Konkur-
       renzverhältnis stellt,  so ist allerdings nach seinen schon dage-
       wesenen Abhandlungen  über Privateigentum  und privati  2*),  Ge-
       meinde-Eigentum, Proletariat,  lettres patentes  3*),  Staat  und
       Status usw.  nicht zu  vermuten, daß  er "glücklich werben" wird.
       Der Staat  kann ihn  nach seinen  bisherigen Leistungen höchstens
       als Küster  (custos) "des  Heiligen" auf  einer hinterpommerschen
       Domäne anstellen.
       -----
       1*) Hier  fehlen   im  Manuskript   4  Seiten  -  2*) Beraubte  -
       3*) verbriefte Rechte
       
       #352# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       Zur Erheiterung können wir hier "episodisch" die große Entdeckung
       Sanchos "einlegen",  daß zwischen   "A r m e n"    und    "R e i-
       c h e n"   kein "anderer  Unterschied" existiert  - "als  der der
       V e r m ö g e n d e n  und  U n v e r m ö g e n d e n".  p. 354.
       Stürzen wir uns jetzt wieder in das "wüste Meer" der Stirnerschen
       "Bestimmungen" über die Konkurrenz:
       
       "Mit der  Konkurrenz ist  w e n i g e r"  (o "Weniger"!) "die Ab-
       sicht verbunden,  die Sache  am besten  zu machen, als die andre,
       sie möglichst   e i n t r ä g l i c h,   ergiebig  zu machen. Man
       studiert daher  auf ein  Amt los  (Brotstudium), studiert Katzen-
       buckel und  Schmeicheleien, Routine  und  Geschäftskenntnis,  man
       arbeitet auf  den Schein.  Während es  daher  scheinbar  um  eine
       g u t e   L e i s t u n g   zu tun  ist, wird in Wahrheit nur auf
       ein gutes  Geschäft und  Geldverdienst gesehen.  Man möchte  zwar
       nicht gerne  Zensor sein,  aber man  will befördert  sein ... man
       fürchtet Versetzung oder gar Absetzung." p. 354, 355.
       
       Unser Bonhomme  möge ein  ökonomisches Handbuch  aufspüren, worin
       selbst die  Theoretiker behaupten,  es sei  in der  Konkurrenz um
       "eine gute  Leistung" oder  darum zu tun, "die Sache am besten zu
       machen", und  nicht, "sie  möglichst einträglich  zu machen".  Er
       kann übrigens in jedem derartigen Buche finden, daß innerhalb des
       Privateigentums die  ausgebildetste Konkurrenz,  wie z.B. in Eng-
       land, die  "Sache" allerdings  "am besten macht". Der kleine kom-
       merzielle und  industrielle Betrug  wuchert nur  unter bornierten
       Konkurrenzverhältnissen, unter den Chinesen, Deutschen und Juden,
       überhaupt unter  den Hausierern und Kleinkrämern. Aber selbst den
       Hausierhandel erwähnt unser Heiliger nicht; er kennt nur die Kon-
       kurrenz der  Supernumerarien und  Referendarien, er  beweist sich
       hier als  vollständigen k[öniglich]  preuß[ischen] Subalternbeam-
       ten. Er  hätte ebensogut  die Bewerbung der Hofleute aller Zeiten
       um die  Gunst ihres  Fürsten als Beispiel der Konkurrenz anführen
       können, aber  das lag seinem kleinbürgerlichen Gesichtskreis viel
       zu fern.
       Nach diesen  gewaltigen Abenteuern mit den Supernumerarien, Sala-
       rien-Kassen-Rendanten und  Registratoren besteht Sankt Sancho das
       große Abenteuer  mit dem famosen Roß Clavileno, davon der Prophet
       Cervantes zuvor  geredet hat im Neuen Testament am Einundvierzig-
       sten. Sancho  setzt sich  nämlich aufs hohe ökonomische Pferd und
       bestimmt das  Minimum des  Arbeitslohnes vermittelst  "des Heili-
       gen". Allerdings  zeigt er  hier wieder  einmal  seine  angeborne
       Furchtsamkeit und  weigert sich anfangs, das fliegende Roß zu be-
       steigen, das  ihn in die Region trägt, "wo der Hagel, der Schnee,
       der Donner, Blitz und Wetterstrahl erzeugt werden", weit über die
       Wolken hinaus.  Aber "der Herzog", das ist "der Staat", ermuntert
       ihn, und  nachdem der  kühnere und erfahrnere Szeliga-Don Quijote
       sich einmal in den Sattel
       
       #353# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       geschwungen hat,  klettert unser wackerer Sancho ihm nach auf die
       Kruppe. Und als die Hand Szeligas die Schraube am Kopfe des Pfer-
       des gedreht  hatte, erhob es sich hoch in die Lüfte, und alle Da-
       men, vornehmlich  Mantornes, riefen ihnen nach: "Der mit sich ei-
       nige Egoismus  geleite Dich,  tapferer Ritter, und noch tapfrerer
       Schildknapp, und  möge es Euch gelingen, uns von dem Spuk des Ma-
       lambruno 1*),  'des Heiligen', zu befreien. Halte Dich nur in der
       Balance, tapferer Sancho, damit Du nicht fallest und es Dir nicht
       ergehe wie Phaeton, da er den Sonnenwagen lenken wollte!"
       
       "Nehmen wir  an" (er  schwankt schon hypothetisch), "daß, wie die
       O r d n u n g   zum   W e s e n   des Staats  gehört, so auch die
       U n t e r o r d n u n g   in seiner  N a t u r"  (angenehme Modu-
       lation zwischen  "Wesen" und  "Natur" -  den "Ziegen", die Sancho
       auf seinem  Fluge beobachtet)  "gegründet ist,  so sehen wir, daß
       von den  Untergeordneten" (soll wohl heißen Übergeordneten) "oder
       Bevorzugten   die   Zurückgesetzten      u n v e r h ä l t n i s-
       m ä ß i g   ü b e r t e u e r t    und    ü b e r v o r t e i l t
       werden." p. 357.
       
       "Nehmen wir  an ... so sehen wir." Soll heißen: so nehmen wir an.
       Nehmen wir  an, daß "Übergeordnete" und "Untergeordnete" im Staat
       existieren, so  "nehmen wir"  ebenfalls "an", daß erstere vor den
       letzteren "bevorzugt"  werden. Doch  die  stilistische  Schönheit
       dieses Satzes  sowie die  plötzliche Anerkennung des "Wesens" und
       der "Natur"  eines Dings  schieben wir  auf die Furchtsamkeit und
       Verwirrung unsres  ängstlich balancierenden Sancho während seiner
       Luftfahrt sowie  auf die  unter seiner Nase abgebrannten Raketen.
       Wir bewundern  selbst nicht, daß Sankt Sancho sich die Folgen der
       Konkurrenz nicht  aus der  Konkurrenz, sondern aus der Bürokratie
       erklärt und  den Staat  hier wiederum  den Arbeitslohn  bestimmen
       läßt. *)
       Er bedenkt nicht, daß die fortwährenden Schwankungen des Arbeits-
       lohns seiner  ganzen schönen Theorie ins Gesicht schlagen und ein
       näheres Eingehen auf industrielle Verhältnisse ihm allerdings Ex-
       empel zeigen  würde, wo  ein Fabrikant  von seinen Arbeitern nach
       allgemeinen Konkurrenzgesetzen  "übervorteilt"  und  "überteuert"
       würde, wenn  nicht diese  juristischen und  moralischen Ausdrücke
       innerhalb der Konkurrenz allen Sinn verloren hätten.
       ---
       *) [Im Manuskript  gestrichen:] Er bedenkt hier wieder nicht, daß
       die "Übervorteilung"  und "Überteuerung"  der Arbeiter in der mo-
       dernen Welt  auf ihrer  Besitzlosigkeit beruht  und daß diese Be-
       sitzlosigkeit im  direkten Widerspruch  steht mit  der von Sancho
       den liberalen Bourgeois untergeschobenen Versicherung ["] den li-
       beralen Bourgeois,  die durch die Parzellierung des Grundbesitzes
       einem Jeden Eigentum zu geben behaupten.
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       1*) Gestalt aus "Don Quijote" von Cervantes
       
       #354# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Wie einfältiglich  und kleinbürgerlich sich in dem einzigen Schä-
       del Sanchos  die weltumfassendsten  Verhältnisse abspiegeln,  wie
       sehr er  als Schulmeister  daran gebunden  ist, aus  allen diesen
       Verhältnissen sich moralische Nutzanwendungen zu abstrahieren und
       sie mit  moralischen Postulaten  zu widerlegen,  das zeigt wieder
       deutlich die  Zwerggestalt, zu  der für ihn die Konkurrenz zusam-
       menschrumpft. Wir  müssen diese  kostbare Stelle  in extenso  1*)
       mitteilen, "auf daß Nichts verlorengehe".
       
       "Was noch  einmal die  Konkurrenz betrifft, so hat sie gerade da-
       durch Bestand,  daß nicht Alle sich  i h r e r  S a c h e  anneh-
       men und sich über sie miteinander  v e r s t ä n d i g e n.  Brot
       ist z.B. das Bedürfnis aller Einwohner einer Stadt, deshalb könn-
       ten sie  leicht übereinkommen,  eine öffentliche  Bäckerei einzu-
       richten. Statt  dessen überlassen  sie die  Lieferung des Bedarfs
       den konkurrierenden  Bäckern. Ebenso Fleisch den Fleischern, Wein
       den Weinhändlern  usw.... Wenn   I c h   Mich nicht um  M e i n e
       Sache bekümmere,  so muß  Ich mit dem  v o r l i e b nehmen,  was
       anderen Mir  zu gewähren  b e l i e b t.  Brot zu haben ist Meine
       Sache, Mein  Wunsch und  Begehren, und  doch überläßt  man es den
       Bäckern und hofft höchstens, durch ihren Hader, ihr Rangablaufen,
       ihren Wetteifer,  kurz, ihre  Konkurrenz, einen Vorteil zu erlan-
       gen, auf  welchen man  bei den  Zünftigen, die    g ä n z l i c h
       u n d   a l l e i n   im Eigentum  der  Backgerechtigkeit  saßen,
       nicht rechnen konnte." p. 365.
       
       Charakteristisch für  unsern Kleinbürger  ist es, daß er hier 2*)
       eine Anstalt wie die öffentliche Bäckerei, die unter dem Zunftwe-
       sen vielfach  existierte und  durch die  wohlfeilere Produktions-
       weise der  Konkurrenz gestürzt  wurde, eine  lokale Anstalt,  die
       sich nur  unter beschränkten  Verhältnissen halten konnte und mit
       dem Eintreten der Konkurrenz, welche die lokale Borniertheit auf-
       hob, notwendig  untergehen mußte  - daß  Sankt Sancho eine solche
       Anstalt der  Konkurrenz  gegenüber  seinen  Mitspießbürgern  emp-
       fiehlt. Er  hat nicht  einmal das aus der Konkurrenz gelernt, daß
       "der Bedarf",  z.B. an  Brot, jeden  Tag ein  anderer ist, daß es
       keineswegs von ihm abhängt, ob morgen noch das Brot "seine Sache"
       ist oder  ob sein  Bedürfnis den Andern noch für eine Sache gilt,
       und daß  innerhalb der Konkurrenz der Brotpreis durch die Produk-
       tionskosten und  nicht durch  das Belieben  der  Bäcker  bestimmt
       wird. Er ignoriert sämtliche von der Konkurrenz erst geschaffenen
       Verhältnisse, Aufhebung  der Lokalbeschränkung,  Herstellung  von
       Kommunikationen, ausgebildete  Teilung der  Arbeit,  Weltverkehr,
       Proletariat, Maschinerie  pp., um  einen wehmütigen Blick auf die
       mittelalterliche Spießbürgerei zurückzuwerfen. Von der Konkurrenz
       weiß er  soviel, daß sie "Hader, Rangablaufen und Wetteifer" ist;
       um ihren  sonstigen Zusammenhang  mit der Teilung der Arbeit, dem
       Verhältnis von Nachfrage und Zufuhr etc. kümmert
       -----
       1*) ausführlich - 2*) MEGA : daß hier
       
       #355# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       er sich  nicht. *)  Daß die Bourgeois sich allerdings überall, wo
       es ihr Interesse erheischte (und darüber wissen sie besser zu ur-
       teilen als  Sankt Sancho),  jedesmal "verständigten",  soweit sie
       innerhalb der  Konkurrenz und  des Privateigentums  dies konnten,
       zeigen die  Aktiengesellschaften, die  mit dem Aufkommen des See-
       handels und  der Manufaktur  begannen und alle ihnen zugänglichen
       Zweige der  Industrie und  des Handels  an  sich  rissen.  Solche
       "Verständigungen", die u.a. zur Eroberung eines Reiches in Ostin-
       dien führten, sind freilich kleinlich gegenüber der wohlmeinenden
       Phantasie einer  öffentlichen Bäckerei,  die in  der  "Vossischen
       Zeitung" besprochen  zu werden  verdiente. -  Was die Proletarier
       betrifft, so  sind diese,  wenigstens in  ihrer modernen Gestalt,
       erst aus der Konkurrenz entstanden und haben bereits vielfach ge-
       meinschaftliche Anstalten  errichtet, die aber jedesmal untergin-
       gen, weil sie nicht mit den "hadernden" Privatbäckern, Fleischern
       pp. konkurrieren konnten und weil für die Proletarier wegen ihrer
       durch die  Teilung der  Arbeit selbst  vielfach entgegengesetzten
       Interessen eine  andere als politische, gegen den ganzen jetzigen
       Zustand gerichtete "Verständigung" unmöglich ist. Wo die Entwick-
       lung  der   Konkurrenz  die   Proletarier   befähigt,   sich   zu
       "verständigen", da  "verständigen" sie sich über ganz andre Dinge
       als   über    öffentliche   Bäckereien.   **)   Der   Mangel   an
       "Verständigung", den  Sancho hier unter den konkurrierenden Indi-
       viduen bemerkt,  entspricht und  widerspricht vollständig  seiner
       weiteren Ausführung  über die  Konkurrenz, die  Wir im Kommentar,
       Wigand, p. 173, genießen.
       
       "Man führte  die Konkurrenz ein, weil man ein Heil für Alle darin
       sah, man   e i n i g t e   sich  über sie, man versuchte es  g e-
       m e i n s c h a f t l i c h   mit ihr ... man stimmte in ihr etwa
       so
       ---
       *) [Im Manuskript  gestrichen:] Sie  hätten sich  von  vornherein
       "verständigen" können.  Daß erst  die Konkurrenz  eine  "Verstän-
       digung" (um dies moralische Wort zu gebrauchen) überhaupt möglich
       macht, daß  von einer Sanchoschen "Verständigung" Aller wegen der
       entgegengesetzten Klasseninteressen  keine Rede  sein  kann,  das
       kümmert unsren  Weisen wenig.  Überhaupt  sehen  diese  deutschen
       Philosophen ihre  eigne kleine Lokalmisere für welthistorisch an,
       während sie sich einbilden, bei den umfassendsten geschichtlichen
       Verhältnissen habe es nur an ihrer Weisheit gefehlt, um die Sache
       durch "Verständigung"  abzumachen und Alles ins reine zu bringen.
       Wie weit  man mit  solchen Phantasien  kommt, sehen wir an unsrem
       Sancho.
       **) [Im Manuskript  gestrichen:] "Sie"  sollen sich über eine öf-
       fentliche Bäckerei  "verständigen". Daß diese "Sie", diese "Alle"
       in jeder Epoche und unter verschiedenen Verhältnissen selbst ver-
       schiedene Individuen  mit verschiedenen Interessen sind, das geht
       unsern Sancho  natürlich gar nichts an. Überhaupt haben die Indi-
       viduen der  ganzen bisherigen  Geschichte jedesmal den Fehler be-
       gangen, nicht  gleich von  vornherein diese superkluge "Gescheit-
       heit" sich  anzueignen, mit  welcher unsre  deutschen Philosophen
       nachträglich über sie kannegießern.
       
       #356# Karl Marx und Friedrich Engels
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       ü b e r e i n,   wie sämtliche  Jäger bei einer Jagd für ... ihre
       Zwecke es  zuträglich finden  können, sich im Walde zu zerstreuen
       und 'vereinzelt'  zu jagen ... Jetzt freilich stellt es sich her-
       aus ... daß bei der Konkurrenz nicht Jeder seinen Gewinn ... fin-
       det."
       "Es stellt  sich hier  heraus", daß Sancho von der Jagd geradeso-
       viel weiß  wie von  der Konkurrenz.  Er spricht  nicht von  einer
       Treibjagd, auch nicht von einer Hetzjagd, sondern von der Jagd im
       außergewöhnlichen Verstande.  Es bleibt  ihm nur noch übrig, nach
       den obigen  Prinzipien eine neue Geschichte der Industrie und des
       Handels zu  schreiben und  einen "Verein" zu einer derartigen au-
       ßergewöhnlichen Jagd zustande zu bringen.
       Ganz in  demselben stillen,  gemütlichen und  dorfzeitungsmäßigen
       Geleise spricht  er sich  über die Stellung der Konkurrenz zu den
       sittlichen Verhältnissen aus.
       
       "Was der  Mensch als  solcher" (!)  "an körperlichen Gütern nicht
       behaupten kann,  dürfen wir ihm nehmen: dies der Sinn der Konkur-
       renz, der  Gewerbefreiheit. Was  er an geistigen Gütern nicht be-
       haupten kann, verfällt uns gleichfalls. Aber unantastbar sind die
       g e h e i l i g t e n  Güter. Geheiligt und garantiert durch wen?
       ... Durch  den Menschen oder den Begriff, den Begriff der Sache."
       Als solche  geheiligte Güter  führt er  an "das Leben", "Freiheit
       der Person", "Religion", "Ehre", "Anstands-, Schamgefühl" usw. p.
       325.
       
       Alle diese  "geheiligten Güter"  "darf" Stirner  in  entwickelten
       Ländern zwar  nicht "dem  Menschen als  solchen", aber  doch  den
       wirklichen Menschen  nehmen, natürlich auf dem Wege und innerhalb
       der Bedingungen  der Konkurrenz.  Die große Umwälzung der Gesell-
       schaft durch  die Konkurrenz,  die die Verhältnisse der Bourgeois
       untereinander und  zu den  Proletariern in reine Geldverhältnisse
       auflöste, sämtliche obengenannte "geheiligte Güter" in Handelsar-
       tikel verwandelte und für die Proletarier alle naturwüchsigen und
       überkommenen, z.B.  Familien- und  politische Verhältnisse  nebst
       ihrem ganzen  ideologischen Überbau  zerstörte -  diese gewaltige
       Revolution ging allerdings nicht von Deutschland aus; Deutschland
       spielte in  ihr nur eine passive Rolle, es ließ sich seine gehei-
       ligten Güter nehmen und bekam nicht einmal den kuranten Preis da-
       für. Unser  deutscher Kleinbürger  kennt daher nur die heuchleri-
       schen Beteuerungen der Bourgeois über die moralischen Grenzen der
       Konkurrenz der  Bourgeois, die die "geheiligten Güter" der Prole-
       tarier, ihre "Ehre", "Schamgefühl", "Freiheit der Person" täglich
       mit Füßen treten und ihnen selbst den Religionsunterricht entzie-
       hen. Diese  vorgeschützten "moralischen  Grenzen" gelten  ihm für
       den wahren "Sinn" der Konkurrenz, und ihre Wirklichkeit existiert
       nicht für ihren Sinn.
       Sancho resümiert  die Resultate  seiner Forschungen über die Kon-
       kurrenz In folgendem Satze:
       
       #357# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       "Ist eine  Konkurrenz frei,  die der  Staat, dieser  Herrscher im
       bürgerlichen Prinzip, in tausend Schranken einengt?" p. 347.
       
       Das  "bürgerliche  Prinzip"  Sanchos,  "den  Staat"  überall  zum
       "Herrscher" zu  machen und die aus der Produktions- und Verkehrs-
       weise hervorgehenden  Schranken der  Konkurrenz für  Schranken zu
       halten, in die "der Staat" die Konkurrenz "einengt", spricht sich
       hier noch einmal mit gebührender "Empörung" aus.
       Sankt Sancho  hat "in  jüngster Zeit"  "aus  Frankreich"  herüber
       (vgl. Wigand, p. 190) allerlei Neuigkeiten läuten gehört, und un-
       ter Andern über die Versachlichung der Personen in der Konkurrenz
       und über  den Unterschied zwischen Konkurrenz und Wetteifer. Aber
       der "arme Berliner" hat "aus  D u m m h e i t  die schönen Sachen
       verdorben". (Wig[and]  ibidem, wo sein böses Gewissen aus ihm re-
       det.) "So sagt er z.B." p. 346 "des Buchs":
       
       "Ist die  freie Konkurrenz  denn wirklich frei? Ja, ist sie wirk-
       lich eine  Konkurrenz, nämlich  der Personen, wofür sie sich aus-
       gibt, weil sie auf diesen Titel ihr Recht gründet?"
       
       Die Dame  Konkurrenz gibt  sich für etwas aus, weil sie (d.h. ei-
       nige Juristen,  Politiker  und  schwärmerische  Kleinbürger,  die
       letzten Nachzügler  in ihrem  Gefolge) auf diesen Titel ihr Recht
       gründet. Mit dieser Allegorie beginnt Sancho die "schönen Sachen"
       "aus Frankreich"  für den  Meridian von  Berlin zurechtzustutzen.
       Wir übergehen  die schon oben abgemachte absurde Vorstellung, daß
       "der Staat  gegen Meine Person nichts einzuwenden hat" und mir so
       zu konkurrieren  erlaubt, mir  aber "die  Sache" nicht  gibt  (p.
       347), und gehen gleich auf seinen Beweis über, daß die Konkurrenz
       keine Konkurrenz der Personen ist.
       
       "Konkurrieren aber  wirklich die  Personen? Nein, wiederum  n u r
       die   S a c h e n!   Die Gelder  in erster  Reihe, usw.;  in  dem
       Wetteifer wird  immer Einer  hinter dem Andern zurückbleiben. Al-
       lein es  macht einen  Unterschied, ob  die fehlenden Mittel durch
       p e r s ö n l i c h e  K r a f t  gewonnen werden können oder nur
       durch Gnade  zu erhalten  sind, nur  als Geschenk, und zwar indem
       z.B. der Ärmere dem Reicheren seinen Reichtum lassen, d.h. schen-
       ken muß." p. 348.
       
       Die Schenkungstheorie  "schenken wir  ihm" (Wig[and,] p. 190). Er
       möge  sich   im  ersten  besten  juristischen  Handbuch,  Kapitel
       "Vertrag", unterrichten,  ob ein  "Geschenk",  das  er  "schenken
       muß", noch  ein Geschenk ist. In dieser Weise "schenkt" uns Stir-
       ner unsre  Kritik seines  Buchs, weil  er sie  uns "lassen,  d.h.
       schenken muß".
       Die Tatsache,  daß von  zwei Konkurrenten,  deren "Sachen" gleich
       sind, der eine den andern ruiniert, besteht für Sancho nicht. Daß
       die  Arbeiter  untereinander  konkurrieren,  obgleich  sie  keine
       "Sachen" (im Stirnerschen
       
       #358# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Verstande) besitzen,  existiert desgleichen  nicht für ihn. Indem
       er die  Konkurrenz der Arbeiter untereinander aufhebt, erfüllt er
       einen der  frommsten Wünsche  unsrer "wahren  Sozialisten", deren
       wärmster Dank  ihm nicht  entgehen wird.  "Nur die Sachen", nicht
       "die Personen"  konkurrieren. Nur  die Waffen  kämpfen, nicht die
       Leute, die  sie führen  und zu  führen gelernt  haben. Diese sind
       bloß zum Totgeschossenwerden da. So spiegelt sich der Konkurrenz-
       kampf in  den Köpfen  kleinbürgerlicher Schulmeister ab, die sich
       den modernen Börsenbaronen und Cotton-Lords 1*) gegenüber mit dem
       Bewußtsein trösten,  daß ihnen  nur "die  Sache" fehle,  um  ihre
       "persönliche Kraft"  gegen sie  geltend zu machen. Noch komischer
       wird diese bornierte Vorstellung, wenn man auf die "Sachen" etwas
       näher eingeht,  statt sich auf das Allergemeinste und Populärste,
       z.B. "das Geld" (das indes nicht so populär ist, wie es scheint),
       zu beschränken. Unter diese "Sachen" gehört u.a., daß der Konkur-
       rent in einem Lande und in einer Stadt lebt, wo er dieselben Vor-
       teile hat  wie seine  von ihm vorgefundenen Konkurrenten; daß das
       Verhältnis von Stadt und Land eine fortgeschrittene Entwicklungs-
       stufe erlangt hat; daß er in einer günstigen geographischen, geo-
       logischen und  hydrographischen Lage konkurriert; daß er als Sei-
       denfabrikant in  Lyon, als Baumwollfabrikant in Manchester fabri-
       ziert oder  in einer  früheren Epoche  als Reeder in Holland sein
       Geschäft betrieb; daß die Teilung der Arbeit in seinem wie in an-
       dern, von  ihm keineswegs abhängigen Produktionszweigen eine hohe
       Ausbildung erlangt  hat, daß  die Kommunikationen  ihm  denselben
       wohlfeilen Transport  sichern wie seinen Konkurrenten, daß er ge-
       schickte Arbeiter und ausgebildete Aufseher vorfindet. Alle diese
       "Sachen", die  zum Konkurrieren nötig sind, überhaupt die Konkur-
       renzfähigkeit auf  dem   W e l t m a r k t e  (den er nicht kennt
       und nicht  kennen darf,  um seiner Staatstheorie und öffentlichen
       Bäckerei willen, der aber leider die Konkurrenz und Konkurrenzfä-
       higkeit bestimmt),  kann er  sich weder durch "persönliche Kraft"
       gewinnen noch  durch "die Gnade" "des Staats" "schenken" "lassen"
       (vgl. p.  348). Der  preußische Staat, der es versuchte, der See-
       handlung [137]  alles dies zu "schenken", kann ihm darüber am be-
       sten Belehrung  geben. Sancho  erweist sich  hier als k[öniglich]
       preuß[ischer] Seehandlungsphilosoph,  indem er  die Illusion  des
       preußischen Staats  über seine Allmacht und die Illusion der See-
       handlung über ihre Konkurrenzfähigkeit eines Breiteren glossiert.
       Übrigens hat  die Konkurrenz  allerdings als eine "Konkurrenz der
       Personen" mit  "persönlichen Mitteln"  angefangen. Die  Befreiung
       der Leibeigenen,  die erste  Bedingung der  Konkurrenz, die erste
       Akkumulation von  "Sachen", waren  rein "persönliche"  Akte. Wenn
       Sancho also die Konkurrenz der Personen an die
       -----
       1*) Baumwollkönigen
       
       #359# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       Stelle der  Konkurrenz der  Sachen setzen  will, so heißt das: er
       will in  den Anfang  der Konkurrenz zurückgehen, und zwar mit der
       Einbildung, durch  seinen guten  Willen und sein außergewöhnlich-
       egoistisches Bewußtsein der Entwicklung der Konkurrenz eine andre
       Richtung geben zu können.
       Dieser große  Mann, dem Nichts heilig ist und der nach der "Natur
       der Sache"  und dem  "Begriff des Verhältnisses" Nichts fragt/muß
       dennoch zuletzt die "Natur" des Unterschiedes zwischen persönlich
       und sachlich  und den  "Begriff des  Verhältnisses" dieser beiden
       Qualitäten für  heilig erklären und damit darauf verzichten, sich
       als "Schöpfer"  dazu zu  verhalten. Man  kann diesen ihm heiligen
       Unterschied, wie  er ihn  im zitierten Passus macht, indes aufhe-
       ben,  ohne   darum  "die  maßloseste  Entheiligung"  zu  begehen.
       Zunächst hebt er ihn selbst auf, indem er durch persönliche Kraft
       sachliche Mittel  erwerben läßt  und so  die persönliche Kraft in
       eine sachliche Macht verwandelt. Er kann dann ruhig an die Andern
       das moralische  Postulat stellen,  sich persönlich zu ihm zu ver-
       halten. Geradeso  hätten die Mexikaner von den Spaniern verlangen
       können, sie nicht mit Flinten zu erschießen, sondern mit den Fäu-
       sten auf  sie dreinzuschlagen  oder mit Sankt Sancho "sie bei den
       Köpfen zu fassen", um sich "persönlich" bei ihnen zu verhalten. -
       Wenn der  Eine durch gute Nahrung, sorgfältige Erziehung und kör-
       perliche Übung  eine ausgebildete Körperkraft und Gewandtheit er-
       langt hat, während der Andre durch schmale und ungesunde Kost und
       davon geschwächte  Verdauung, durch Vernachlässigung in der Kind-
       heit und  durch  übermäßige  Anstrengung  nie  "Sachen"  gewinnen
       konnte, um Muskel anzusetzen, geschweige eine Herrschaft über sie
       zu erhalten,  so ist die "persönliche Kraft" des Einen dem Andern
       gegenüber eine  rein sachliche.  Er hat sich nicht "die fehlenden
       Mittel durch  persönliche Kraft"  gewonnen, sondern im Gegenteil,
       er verdankt  seine "persönliche Kraft" den vorhandenen sachlichen
       Mitteln. Übrigens  ist die Verwandlung der persönlichen Mittel in
       sachliche und  der sachlichen  in persönliche  nur eine Seite der
       Konkurrenz, die  von ihr gar nicht zu trennen ist. Die Forderung,
       daß man  nicht mit  sachlichen, sondern  mit persönlichen Mitteln
       konkurrieren soll,  kommt auf das moralische Postulat heraus, daß
       die Konkurrenz  und die  Verhältnisse, von denen sie bedingt ist,
       andre als ihre unvermeidlichen Wirkungen haben  s o l l e n.
       Abermalige und  diesmal schließliche Zusammenfassung der Philoso-
       phie der Konkurrenz.
       
       "Die Konkurrenz  leidet an  dem Übelstande,  daß nicht  Jedem die
       Mittel zum  Konkurrieren zu Gebote stehen, weil sie nicht aus der
       P e r s ö n l i c h k e i t   entnommen  sind,  sondern  aus  der
       Z u f ä l l i g k e i t.   Die Meisten  sind unbemittelt und des-
       halb" (o Deshalb!) "unbegütert", p. 349.
       
       #360# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Es ist  ihm schon  oben bemerkt worden, daß in der Konkurrenz die
       Persönlichkeit selbst eine Zufälligkeit und die Zufälligkeit eine
       Persönlichkeit  ist.  Die  von  der  Persönlichkeit  unabhängigen
       "Mittel" zur  Konkurrenz sind die Produktions- und Verkehrsbedin-
       gungen der Personen selbst, die innerhalb der Konkurrenz den Per-
       sonen gegenüber  als eine  unabhängige Macht  erscheinen, als den
       Personen zufällige  Mittel. Die Befreiung der Menschen von diesen
       Mächten wird nach Sancho dadurch bewerkstelligt, daß man sich die
       V o r s t e l l u n g e n   von diesen  Mächten oder vielmehr die
       philosophischen und  religiösen Verdrehungen dieser Vorstellungen
       aus dem  Kopfe schlägt,  sei  es  durch  etymologische  Synonymik
       ("Vermögen" und  "vermögen"), moralische  Postulate (z.  B. Jeder
       sei ein  allmächtiges Ich)  oder durch  affenartige Grimassen und
       gemütlich-burleske Renommagen gegen "das Heilige".
       Schon früher  hörten wir die Klage, daß in der jetzigen bürgerli-
       chen Gesellschaft,  namentlich des  Staats wegen,  das "Ich" sich
       nicht verwerten,  id est  seine "Vermögen"  nicht  wirken  lassen
       könne. Jetzt erfahren wir noch, daß die "Eigenheit" ihm nicht die
       Mittel zum  Konkurrieren gibt,  daß "seine Macht" keine Macht ist
       und daß er "unbegütert" bleibt, wenn auch jeder Gegenstand, "weil
       s e i n  Gegenstand, auch sein  E i g e n t u m  ist". *) Das De-
       menti des  mit sich  einigen Egoismus  ist vollständig. Aber alle
       diese "Übelstände"  der Konkurrenz  werden schwinden, sobald "das
       Buch" in  das allgemeine  Bewußtsein übergegangen  ist. Bis dahin
       beharrt Sancho  bei seinem Gedankenhandel, ohne es indes zu einer
       "guten Leistung" zu bringen oder "die Sache am besten zu machen."
       
       II. Die Empörung
       
       Mit der  Kritik der Gesellschaft ist die Kritik der alten, heili-
       gen Welt  beschlossen. Vermittelst der  E m p ö r u n g  springen
       wir herüber in die neue egoistische Welt.
       Was die  Empörung überhaupt  ist, haben  wir bereits in der Logik
       gesehen: die  Aufkündigung des  Respekts gegen  das Heilige. Hier
       indes nimmt sie außerdem noch einen besondern praktischen Charak-
       ter an.
       
       Revolution = heilige Empörung.
       Empörung   = egoistische oder profane Revolution.
       Revolution = Umwälzung der Zustände.
       Empörung   = Umwälzung Meiner.
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       *) [Im Manuskript gestrichen:] Der Unterschied zwischen Wesen und
       Erscheinung setzt sich hier trotz Sancho durch.
       
       #361# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       Revolution = politische oder soziale Tat.
       Empörung   = Meine egoistische Tat.
       Revolution = Umsturz des Bestehenden,
       Empörung   = Bestehen des Umsturzes,
       
       etc. etc.,  p. 422  usf. Die  bisherige Weise  der Menschen, ihre
       vorgefundene Welt  umzustürzen, mußte  natürlich auch  für heilig
       erklärt und  eine "eigne" Art des Bruchs der vorhandenen Welt da-
       gegen geltend gemacht werden.
       
       Die Revolution  "besteht in  einer Umwälzung  des bestehenden Zu-
       standes oder Status, des Staats oder der Gesellschaft, ist mithin
       eine   p o l i t i s c h e   oder  s o z i a l e  Tat". Die Empö-
       rung "hat  zwar eine  Umwandlung der Zustände zur unvermeidlichen
       Folge, geht  aber nicht  von  ihr,  sondern  von  der    U n z u-
       f r i e d e n h e i t   d e r   M e n s c h e n   m i t   s i c h
       aus". "Sie  ist eine  Erhebung der  Einzelnen,  ein    E m p o r-
       k o m m e n,  ohne Rücksicht auf die Einrichtungen, welche daraus
       entsprießen. Die  Revolution  zielte  auf  neue    E i n r i c h-
       t u n g e n:  die Empörung führt dahin, Uns nicht mehr einrichten
       zu   l a s s e n,   sondern Uns selbst einzurichten. Sie ist kein
       Kampf gegen  das Bestehende, da, wenn sie gedeiht, das Bestehende
       von selbst  zusammenstürzt, sie ist nur ein Herausarbeiten Meiner
       aus dem  Bestehenden. Verlasse  Ich das Bestehende, so ist es tot
       und geht  in  Fäulnis  über.  Da  nun  nicht  der  Umsturz  eines
       Bestehenden Mein  Zweck ist,  sondern Meine  Erhebung darüber, so
       ist Meine Absicht und Tat keine politische oder soziale, sondern,
       als  allein   auf  Mich   und  Meine  Eigenheit  gerichtet,  eine
       e g o i s t i s c h e."  p. 421, 422.
       Les beaux  esprits se  rencontrent. 1*) Was die Stimme des Predi-
       gers in  der Wüste  verkündete, ist  in Erfüllung  gegangen.  Der
       heillose Johannes  Baptista "Stirner"  hat im  "Dr. Kuhlmann  aus
       Holstein" seinen heiligen Messias gefunden. Man höre:
       
       "Ihr solltet  nicht niederreißen  und zerstören,  was Euch  da im
       Wege stehet,  sondern es  umgehen und  verlassen. Und wenn Ihr es
       umgangen und  verlassen habt,  dann höret es von selber auf, denn
       es findet  keine Nahrung  mehr." ("Das  Reich des  Geistes etc.",
       Genf 1845, p. 116.)
       
       Die Revolution  und die  Stirnersche Empörung  unterscheiden sich
       nicht, wie  Stirner meint,  dadurch, daß die Eine eine politische
       oder soziale Tat, die Andre eine egoistische Tat ist, sondern da-
       durch, daß  die Eine eine Tat ist und die Andre keine. Der Unsinn
       seines ganzen  Gegensatzes zeigt  sich sogleich darin, daß er von
       "d e r   Revolution" spricht,  einer moralischen  Person, die mit
       "d e m   Bestehenden", einer zweiten moralischen Person, zu kämp-
       fen hat.  Hätte Sankt  Sancho  die  verschiedenen    w i r k l i-
       c h e n   Revolutionen und revolutionären Versuche durchgegangen,
       so  hätte   er  vielleicht  in  ihnen  selbst  diejenigen  Formen
       gefunden, die  er bei  der Erzeugung  seiner ideologischen "Empö-
       rung"
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       1*) Die schönen Geister finden sich zusammen
       
       #362# Karl Marx und Friedrich Engels
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       dunkel ahnte;  z. B.  bei den  Korsikanern,  Wandern,  russischen
       Leibeigenen und  überhaupt bei  unzivilisierten Völkern. Hätte er
       sich ferner um die wirklichen, bei jeder Revolution "bestehenden"
       Individuen und  ihre Verhältnisse  gekümmert, statt  sich mit dem
       reinen Ich  und   "d e m  Bestehenden", d.i. der Substanz, zu be-
       gnügen (eine Phrase, zu deren Sturz keine Revolution, sondern nur
       ein fahrender Ritter wie Sankt Bruno nötig ist), so wäre er viel-
       leicht zu der Einsicht gekommen, daß jede Revolution und ihre Re-
       sultate durch  diese Verhältnisse, durch die Bedürfnisse, bedingt
       war und  daß "die politische oder soziale Tat" keineswegs zu "der
       egoistischen Tat" im Gegensatz stand.
       Welche tiefe Einsicht Sankt Sancho in "die Revolution" hat, zeigt
       sich in dem Ausspruch: "Die Empörung hat zwar eine Umwandlung der
       Zustände zur  Folge, geht  aber nicht  von ihr aus." Dies, in der
       Antithese gesagt,  impliziert, daß  die Revolution "von einer Um-
       wandlung der  Zustände" ausgeht, d.h., daß die Revolution von der
       Revolution ausgeht.  Dagegen "geht"  die Empörung  "von der Unzu-
       friedenheit der  Menschen mit  sich aus".  Diese "Unzufriedenheit
       mit sich"  paßt vortrefflich zu den früheren Phrasen über die Ei-
       genheit und  den "mit  sich einigen  Egoisten", der stets "seinen
       eignen Weg"  gehen kann,  der stets  Freude an sich erlebt und in
       jedem Augenblick  das ist,  was er sein kann. Die Unzufriedenheit
       mit sich  ist entweder die Unzufriedenheit mit sich innerhalb ei-
       nes gewissen  Zustandes, durch  den die  ganze Persönlichkeit be-
       dingt ist, z. B. die Unzufriedenheit mit sich als Arbeiter - oder
       die moralische Unzufriedenheit. Im ersten Falle also Unzufrieden-
       heit zugleich  und hauptsächlich  mit den bestehenden Verhältnis-
       sen; im  zweiten Falle ein ideologischer Ausdruck dieser Verhält-
       nisse selbst, der keineswegs über sie herausgeht, sondern ganz zu
       ihnen gehört.  Der erste Fall führt, wie Sancho glaubt, zur Revo-
       lution; es  bleibt also  nur der zweite, die  m o r a l i s c h e
       Unzufriedenheit mit sich, für die Empörung. "Das Bestehende" ist,
       wie wir wissen, "das Heilige"; die "Unzufriedenheit mit sich" re-
       duziert sich also auf die moralische Unzufriedenheit mit sich als
       einem Heiligen,  d. h. einem Gläubigen an das Heilige, das Beste-
       hende. Es  konnte nur  einem malkontenten Schulmeister einfallen,
       sein Räsonnement  über Revolution  und Empörung auf Zufriedenheit
       und Unzufriedenheit  zu basieren. Stimmungen, die ganz dem klein-
       bürgerlichen Kreise  angehören, aus welchem Sankt Sancho, wie wir
       fortwährend sehen, seine Inspirationen schöpft.
       Was das  "Heraustreten aus  dem Bestehenden"  für einen Sinn hat,
       wissen wir  schon. Es  ist die alte Einbildung, daß der Staat von
       selbst zusammenfällt,  sobald alle  Mitglieder aus ihm heraustre-
       ten, und  daß das Geld seine Geltung verliert, wenn sämtliche Ar-
       beiter es anzunehmen verweigern. Schon in
       
       #363# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       der hypothetischen Form dieses Satzes spricht sich die Phantaste-
       rei und  Ohnmacht des frommen Wunsches aus. Es ist die alte Illu-
       sion, daß  es nur  vom guten Willen der Leute abhängt, die beste-
       henden Verhältnisse  zu ändern,  und daß die bestehenden Verhält-
       nisse Ideen sind. Die Veränderung des Bewußtseins, abgetrennt von
       den Verhältnissen,  wie sie  von den  Philosophen als Beruf, d.h.
       als  G e s c h ä f t,  betrieben wird, ist selbst ein Produkt der
       bestehenden Verhältnisse  und gehört  mit zu ihnen. Diese ideelle
       Erhebung über die Welt ist der ideologische Ausdruck der Ohnmacht
       der Philosophen  gegenüber der  Welt. Ihre  ideologischen Prahle-
       reien werden jeden Tag durch die Praxis Lügen gestraft.
       Jedenfalls hat  Sancho sich nicht gegen seinen Zustand der Konfu-
       sion "empört",  als  er  diese  Zeilen  schrieb.  Ihm  steht  die
       "Umwandlung der  Zustände" auf  der einen  und die "Menschen" auf
       der andern  Seite, und  beide Seiten  sind ganz  voneinander  ge-
       trennt. Sancho  denkt  nicht  im  Entferntesten  daran,  daß  die
       "Zustände" von  jeher die  Zustände dieser Menschen waren und nie
       umgewandelt werden konnten, ohne daß die Menschen sich umwandeln,
       und wenn  es einmal so sein soll, "mit sich" in den alten Zustän-
       den "unzufrieden"  wurden. Er  glaubt der  Revolution den  Todes-
       streich zu  versetzen, wenn  er sie auf neue Einrichtungen zielen
       läßt, während die Empörung dahin führt, uns nicht mehr einrichten
       zu lassen, sondern Uns selbst einzurichten. Aber schon darin, daß
       "Wir" "Uns"  einrichten, schon  darin, daß  . die  Empörer  "Wir"
       sind, liegt,  daß  der  Einzelne  sich  trotz  alles  Sanchoschen
       "Widerwillens" von den "Wir" "einrichten lassen" muß und so Revo-
       lution und  Empörung sich  nur dadurch  unterscheiden, daß man in
       der einen dies weiß und in der andern sich Illusionen macht. Dann
       läßt Sancho  es hypothetisch,  ob die  Empörung   "g e d e i h t"
       oder nicht.  Wie sie  n i c h t  "gedeihen" soll, ist nicht abzu-
       sehen, und wie sie gedeihen soll, noch viel weniger, da jeder der
       Empörer nur  seinen eignen  Weg geht; es müßten denn profane Ver-
       hältnisse dazwischentreten,  die den  Empörern die  Notwendigkeit
       einer   g e m e i n s a m e n   Tat zeigten, einer Tat, die "eine
       politische oder  soziale" wäre,  gleichviel, ob  sie von egoisti-
       schen Motiven ausginge oder nicht. Eine fernere "lumpige Distink-
       tion", die wieder auf der Konfusion beruht, macht Sancho zwischen
       "Umstürzen" des  Bestehenden und  "Erhebung" darüber,  als ob  er
       nicht im  Umstürzen sich darüber erhebe und im Erheben darüber es
       umstürze, sei  es auch nur insoweit, als es an ihm selbst Bestand
       hat. Übrigens  ist weder mit dem "Umstürzen" schlechthin noch mit
       dem "Sich-Erheben" schlechthin etwas gesagt; daß das Sich-Erheben
       ebenfalls in  der Revolution  vorkommt, kann Sancho daraus abneh-
       men, daß das "Levons-nous!" [138] in der französischen Revolution
       ein bekanntes Stichwort war.
       
       #364# Karl Marx und Friedrich Engels
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       "E i n r i c h t u n g e n  zu machen, gebietet" (!) "die Revolu-
       tion,   s i c h   a u f-   o d e r   e m p o r z u r i c h t e n,
       heischt die Empörung. Welche  V e r f a s s u n g  zu wählen sei,
       beschäftigte die revolutionären Köpfe, und von Verfassungskämpfen
       und Verfassungsfragen  sprudelt die ganze politische Periode, wie
       auch die  sozialen Talente  an  gesellschaftlichen  Einrichtungen
       (Phalansterien [139]  u.  dergl.)  ungemein  erfinderisch  waren.
       V e r f a s s u n g s l o s   zu werden,  bestrebt sich der Empö-
       rer." p. 422.
       
       Daß die  französische Revolution  Einrichtungen zur  Folge hatte,
       ist ein  Faktum; daß  Empörung von  empor herkommt,  ist auch ein
       Faktum; daß  man in der Revolution und später um Verfassungen ge-
       kämpft hat, desgleichen; daß verschiedene soziale Systeme entwor-
       fen worden  sind, ebenfalls; nicht minder, daß Proudhon von Anar-
       chie gesprochen  hat. Aus  diesen fünf  Fakten braut  sich Sancho
       seinen obigen Satz zusammen.
       Aus dem  Faktum, daß  die französische  Revolution  zu  "Einrich-
       tungen" geführt hat, schließt Sancho, daß  d i e  Revolution dies
       "gebiete". Daraus,  daß die politische Revolution eine politische
       war, in  der die  soziale Umwälzung  zugleich  einen  offiziellen
       Ausdruck als  Verfassungskämpfe erhielt,  entnimmt Sancho, getreu
       seinem Geschichtsmakler,  daß  man  sich  in  ihr  um  die  beste
       Verfassung gestritten  habe. An  diese Entdeckung knüpft er durch
       ein "Wie auch" eine Erwähnung der sozialen Systeme. In der Epoche
       der Bourgeoisie beschäftigte man sich mit Verfassungsfragen, "wie
       auch" verschiedene  soziale  Systeme  neuerdings  gemacht  worden
       sind. Dies ist der Zusammenhang des obigen Satzes.
       Daß die  bisherigen Revolutionen innerhalb der Teilung der Arbeit
       zu neuen  politischen Einrichtungen  führen mußten,  geht aus dem
       oben gegen  Feuerbach Gesagten hervor; daß die kommunistische Re-
       volution, die  die Teilung  der Arbeit  aufhebt, die  politischen
       Einrichtungen schließlich  beseitigt, geht  ebenfalls daraus her-
       vor; und  daß die  kommunistische Revolution  sich nicht nach den
       "gesellschaftlichen  Einrichtungen  erfinderischer  sozialer  Ta-
       lente" richten wird, sondern nach den Produktivkräften, geht end-
       lich auch daraus hervor.
       Aber "verfassungslos  zu werden,  bestrebt sich der Empörer"! Er,
       der "geborne  Freie ", der von vornherein Alles los ist, bestrebt
       sich am Ende der Tage, die Verfassung loszuwerden.
       Es ist  noch zu  bemerken, daß  zur  Entstehung  der  Sanchoschen
       "Empörung" allerlei  frühere Illusionen unsres Bonhomme beigetra-
       gen haben.  So u.a.  der Glaube, die Individuen, die eine Revolu-
       tion machen,  seien durch ein ideelles Band zusammengehalten, und
       ihre "Schilderhebung"  beschränke sich  darauf, einen  neuen  Be-
       griff, fixe  Idee, Spuk, Gespenst - das Heilige auf den Schild zu
       heben. Sancho läßt sie sich dies ideelle Band
       
       #365# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       aus dem  Kopfe schlagen, wodurch sie in seiner Vorstellung zu ei-
       ner regellosen  Rotte werden,  die sich  nur noch "empören" kann.
       Zudem hat  er gehört,  daß die  Konkurrenz der  Krieg Aller gegen
       Alle ist, und dieser Satz, vermengt mit seiner entheiligten Revo-
       lution, bildet den Hauptfaktor seiner "Empörung".
       
       "Indem Ich  zu größerer Verdeutlichung auf einen Vergleich sinne,
       fällt Mir  wider Erwarten  die Stiftung des Christentums ein." p.
       423. "Christus",  erfahren wir hier, "war kein Revolutionär, son-
       dern ein  E m p ö r e r,  der  s i c h  emporrichtete. Darum galt
       es ihm auch  a l l e i n  um ein: 'Seid klug wie die Schlangen.'"
       (ibid.)
       
       Um dem  "Erwarten" und  dem "Allein"  Sanchos zu entsprechen, muß
       die letzte  Hälfte des eben zitierten Bibelspruchs (Matth[äi] 10,
       16): "und  ohne Falsch wie die Tauben" nicht existieren. Christus
       muß hier  zum zweiten  Male als historische Person figurieren, um
       dieselbe Rolle  zu spielen  wie oben  die Mongolen und Neger. Man
       weiß wieder nicht, soll Christus die Empörung oder soll die Empö-
       rung Christus  verdeutlichen. Die  christlich-germanische Leicht-
       gläubigkeit unsres  Heiligen konzentriert  sich in dem Satze, daß
       Christus "die  Lebensquellen der  ganzen heidnischen Welt abgrub,
       mit welchen der bestehende Staat  ohne h i n"  (soll heißen: ohne
       i h n)   "verwelken mußte", p. 424. Welke Kanzelblume! Siehe oben
       "die Alten".  Im übrigen  credo ut intelligam 1*), oder damit Ich
       "einen Vergleich zur Verdeutlichung" finde.
       Wir haben  an zahllosen  Exempeln gesehen,  wie  unsrem  Heiligen
       überall nichts  als die   h e i l i g e  Geschichte einfällt, und
       zwar an  solchen Stellen,  wo sie  nur dem Leser "wider Erwarten"
       kommt. "Wider  Erwarten" fällt  sie ihm sogar im Kommentar wieder
       ein, wo  Sancho p. 154 "die jüdischen Rezensenten" im alten Jeru-
       salem der  christlichen Definition "Gott ist die Liebe" gegenüber
       ausrufen läßt: "Da seht Ihr, daß es ein heidnischer Gott ist, der
       von den  Christen verkündet wird; denn ist Gott die Liebe, so ist
       er der Gott Amor, der Liebesgott! - "Wider Erwarten" ist aber das
       Neue  Testament   griechisch  geschrieben,  und  die  christliche
       "Definition" lautet:  ? ???? ????? ????? 2*) 1. Joh[annis] 4, 16;
       während "der  Gott Amor,  der Liebesgott"  "????, heißt. Wie also
       die "jüdischen Rezensenten" die Verwandlung von ????? 3*) in ????
       4*) zustande  brachten, darüber wird Sancho noch Aufschluß zu ge-
       ben haben. An dieser Stelle des Kommentars wird nämlich Christus,
       ebenfalls "zur  Verdeutlichung", mit Sancho verglichen; wobei al-
       lerdings zugegeben  werden muß,  daß Beide  die frappanteste Ähn-
       lichkeit miteinander haben,
       -----
       1*) glaube ich,  damit ich  verstehe -  2*) Gott ist  die Liebe -
       3*) (christlicher, dienender) Liebe - 4*) (geschlechtliche) Liebe
       
       #366# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       Beide "beleibte  Wesen" sind  und wenigstens der lachende Erbe an
       ihre wechselseitige  Existenz resp. Einzigkeit glaubt. Daß Sancho
       der moderne Christus ist, auf diese seine "fixe Idee" "zielt" be-
       reits die ganze Geschichtskonstruktion.
       Die Philosophie  der Empörung, die uns soeben in schlechten Anti-
       thesen und  welken Redeblumen  vorgetragen wurde,  ist in letzter
       Instanz nichts  als eine  bramarbasierende Apologie  der Parvenu-
       wirtschaft (Parvenu,  Emporkömmling,  Emporgekommener,  Empörer).
       Jeder Empörer  hat bei  seiner "egoistischen  Tat" ein spezielles
       Bestehende sich gegenüber, worüber er sich zu erheben strebt, un-
       bekümmert um  die allgemeinen  Verhältnisse. Er  sucht das Beste-
       hende nur,  insoweit es  eine Fessel ist, loszuwerden, im Übrigen
       dagegen sucht  er es sich vielmehr anzueignen. Der Weber, der zum
       Fabrikanten "emporkommt",  wird dadurch  seinen Webstuhl  los und
       verläßt ihn;  im übrigen geht die Welt ihren Gang fort, und unser
       "gedeihender" Empörer  stellt an die Andern nur die heuchlerische
       moralische Forderung,  auch Parvenus zu werden wie er. *) So ver-
       laufen sich  alle kriegerischen  Rodomontaden Stirners in morali-
       sche Schlußfolgerungen aus Gellerts Fabeln und spekulative Inter-
       pretationen der bürgerlichen Misère.
       Wir haben  bisher gesehen,  daß die Empörung Alles, nur keine Tat
       ist. p. 342 erfahren wir, daß "das Verfahren des Zugreifens nicht
       verächtlich sei,  sondern die   r e i n e   T a t   d e s   m i t
       s i c h  e i n i g e n  E g o i s t e n  bekunde". Soll wohl hei-
       ßen: der   m i t e i n a n d e r   einigen Egoisten, da sonst das
       Zugreifen auf  das unzivilisierte  "Verfahren" der Diebe oder das
       zivilisierte der  Bourgeois hinausläuft und im ersten Falle nicht
       gedeiht, im  zweiten Falle keine "Empörung" ist. Zu bemerken ist,
       daß dem  mit sich  einigen Egoisten,  der Nichts  tut,  hier  die
       "r e i n e"   Tat entspricht,  eine Tat, die allerdings von einem
       so tatlosen Individuum allein zu erwarten stand.
       Nebenbei erfahren wir, was den Pöbel geschaffen hat, und wir kön-
       nen im Voraus wissen, daß es wieder eine "Satzung" und der Glaube
       an diese  Satzung, an  das Heilige, ist, der hier zur Abwechslung
       als Sündenbewußtsein auftritt:
       
       "Nur daß  das Zugreifen   S ü n d e,   Verbrechen  ist, nur diese
       Satzung schafft  einen Pöbel  ... das alte Sündenbewußtsein trägt
       a l l e i n  die Schuld." p. 342.
       
       Der Glaube,  daß das  Bewußtsein an  Allem schuld  ist, ist seine
       Satzung, die ihn zum Empörer und den Pöbel zum Sünder macht.
       ---
       *) [Im Manuskript  gestrichen:] Es  ist die alte Moral des Klein-
       bürgers, daß  die Welt  am besten bestellt ist, wenn ein Jeder es
       für sich so weit wie möglich zu bringen sucht und sich im übrigen
       nicht um den Weltlauf kümmert.
       
       #367# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       Im Gegensatz  zu diesem  Sündenbewußtsein feuert der Egoist sich,
       resp. den Pöbel, zum Zugreifen an wie folgt:
       "Sage Ich  Mir: Wohin  Meine Gewalt langt, das ist Mein Eigentum,
       und nehme  Ich Alles  als Eigentum  in Anspruch, was zu erreichen
       Ich Mich stark genug fühle etc." P. 340.
       Sankt Sancho  sagt sich  also, daß er sich etwas sagen will, for-
       dert sich  auf, zu  haben, was er hat, und drückt sein wirkliches
       Verhältnis als  ein Verhältnis  der Gewalt  aus, eine Paraphrase,
       die überhaupt  das Geheimnis  aller seiner Renommagen ist. (Siehe
       Logik.) Dann  unterscheidet er,  der jeden Augenblick ist, was er
       sein kann,  also auch  hat, was er haben kann, sein realisiertes,
       wirkliches Eigentum,  das er auf Kapitalkonto genießt, von seinem
       möglichen Eigentum,  seinem unrealisierten  "Gefühl der  Stärke",
       das er sich auf Gewinn- und Verlustkonto gutschreibt. Beitrag zur
       Buchführung über das Eigentum im außergewöhnlichen Verstande.
       Was das  feierliche "Sagen" zu bedeuten hat, verrät Sancho an ei-
       ner bereits angeführten Stelle:
       
       "Sage Ich Mir ... so ist das eigentlich auch leeres Gerede."
       
       Er fährt darin fort:
       
       "Der Egoismus"  sagt "dem  besitzlosen Pöbel",  um ihn "auszurot-
       ten": "Greife zu und nimm, was Du brauchst!" p. 341.
       
       Wie "leer"  dies "Gerede"  ist, sieht man gleich an dem folgenden
       Beispiel.
       
       "In dem Vermögen des Bankiers sehe Ich so wenig etwas Fremdes als
       Napoleon in  den Ländern  der Könige:  Wir" (das "Ich" verwandelt
       sich plötzlich  in "Wir")  "tragen keine  S c h e u,  es zu  e r-
       o b e r n,   und sehen  Uns auch  nach den  Mitteln dazu  um. Wir
       streifen ihm also den  G e i s t  der  F r e m d h e i t  ab, vor
       dem Wir Uns gefürchtet hatten." p. 369.
       
       Wie wenig  Sancho dem Vermögen des Bankiers "den Geist der Fremd-
       heit abgestreift" hat, beweist er sogleich mit seinem wohlmeinen-
       den Vorschlag  an den Pöbel, es durch Zugreifen zu "erobern". "Er
       greife zu  und sehe, was er in der Hand behält!" Nicht das Vermö-
       gen des Bankiers, sondern nutzloses Papier, den "Leichnam" dieses
       Vermögens, der  ebensowenig ein Vermögen ist, "als ein toter Hund
       noch ein  Hund ist".  Das Vermögen des Bankiers ist nur innerhalb
       der bestehenden  Produktions- und Verkehrsverhältnisse ein Vermö-
       gen und  kann nur  innerhalb der  Bedingungen dieser Verhältnisse
       und mit den Mitteln, die ihnen gelten, "erobert" werden. Und wenn
       etwa Sancho  sich zu  anderm Vermögen wenden sollte, so dürfte er
       finden, daß es damit nicht besser aussieht. So daß die "reine Tat
       des mit sich einigen Egoisten" schließlich auf ein höchst schmut-
       ziges Mißverständnis  hinausläuft. "So  weit kommt  man  mit  dem
       Spuk" des Heiligen.
       
       #368# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       Nachdem nun  Sancho sich  gesagt hat,  was er  sich sagen wollte,
       läßt er  den empörten  Pöbel sagen,  was er ihm vorgesagt hat. Er
       hat nämlich  für den  Fall einer Empörung eine Proklamation nebst
       Gebrauchsanweisung verfertigt, die in allen Dorfkneipen aufgelegt
       und auf  dem Lande  verteilt werden  soll. Sie macht Anspruch auf
       Insertion in den "Hinkenden Botten" [140] und den herzoglich nas-
       sauischen Landeskalender.  Einstweilen beschränken  sich  Sanchos
       tendances incendiaires  1*) auf  das platte  Land, auf die Propa-
       ganda unter  den Ackerknechten  und Viehmägden  mit Ausschluß der
       Städte, was  ein neuer  Beweis ist,  wie sehr er der großen Indu-
       strie "den  Geist der Fremdheit abgestreift hat". Inzwischen wol-
       len wir  das vorliegende wertvolle Dokument 2*), das nicht verlo-
       rengehen darf, möglichst ausführlich mitteilen, um "soviel an Uns
       ist, zur  Verbreitung eines  wohlverdienten Ruhmes  beizutragen".
       (Wig[and,] p. 191.)
       Die Proklamation steht Seite 358 u. f. und beginnt wie folgt:
       
       "Wodurch ist  denn Euer Eigentum sicher, Ihr Bevorzugten? ... Da-
       durch, daß  Wir Uns  des Eingriffs  enthalten, mithin durch  U n-
       s e r n  Schutz ... Dadurch, daß Ihr Uns  G e w a l t antut."
       
       Erst dadurch,  daß wir uns des Eingriffs enthalten, d.h. dadurch,
       daß wir   u n s   s e l b s t   Gewalt  antun, dann  dadurch, daß
       I h r  u n s  Gewalt antut. Cela va à merveille. 3*) Weiter.
       
       "Wollt Ihr  Unsren Respekt, so  k a u f t  ihn für den Uns geneh-
       men Preis ... Wir wollen nur  P r e i s w ü r d i g k e i t."
       
       Erst wollen  die "Empörer"  ihren Respekt  um den ihnen "genehmen
       Preis" verschachern, nachher machen sie die "Preiswürdigkeit" zum
       Kriterium des  Preises. Erst  ein willkürlicher,  dann ein  durch
       kommerzielle Gesetze,  durch die  Produktionskosten und  das Ver-
       hältnis von Nachfrage und Zufuhr, unabhängig von der Willkür, be-
       stimmter Preis.
       
       "Wir wollen Euer Eigentum Euch lassen, wenn Ihr dies Lassen gehö-
       rig aufwiegt ... Ihr werdet über Gewalt schreien, wenn Wir zulan-
       gen ...  ohne Gewalt bekommen Wir sie nicht" (nämlich die Austern
       der Bevorzugten) ... "Wir wollen Euch Nichts, gar Nichts nehmen."
       
       Erst "lassen"  wir's Euch,  dann nehmen  wir's  Euch  und  müssen
       "Gewalt" anwenden, und endlich wollen wir Euch doch lieber Nichts
       nehmen. Wir  lassen es Euch in dem Falle, wo Ihr selbst davon ab-
       laßt; in  einem lichten  Augenblick, dem einzigen, den Wir haben,
       sehen wir  allerdings ein,  daß dies  "Lassen" ein "Zulangen" und
       "Gewalt"-Anwenden ist, aber man kann uns dennoch
       -----
       1*) aufrührerische Bestrebungen - 2*) MEGA: das vorliegende Doku-
       ment - 3*) Das geht wunderschön.
       
       #369# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       schließlich nicht  vorwerfen, daß wir Euch irgend etwas "nehmen".
       Wobei es sein Bewenden hat.
       
       "Wir plagen  Uns zwölf Stunden im Schweiße Unsres Angesichts, und
       Ihr bietet  Uns dafür  ein paar  Groschen. So nehmt denn auch für
       Eure Arbeit  ein   G l e i c h e s   ... Nichts von  G l e i c h-
       h e i t!"
       
       Die "empörten"  Ackerknechte beweisen  sich als echte Stirnersche
       "Geschöpfe".
       "Mögt Ihr  das nicht?  Ihr wähnt,  Unsre Arbeit sei reichlich mit
       jenem Lohne  bezahlt, die  Eure dagegen  eines Lohnes  von vielen
       Tausenden wert. Schlüget Ihr aber die Eurige nicht so hoch an und
       ließet Uns  die Unsrige besser verwerten, so würden Wir erforder-
       lichenfalls wohl  noch wichtigere  zustande bringen,  als Ihr für
       die vielen tausend Taler, und bekämet Ihr nur einen Lohn wie Wir,
       Ihr würdet  bald fleißiger  werden, um  mehr zu erhalten. Leistet
       Ihr etwas, was Uns zehn- und hundertmal mehr wert scheint als Un-
       sre eigne  Arbeit, ei"  (ei du frommer und getreuer Knecht!), "so
       sollt Ihr  auch hundertmal  mehr dafür  bekommen; Wir denken Euch
       dagegen auch  Dinge herzustellen,  die Ihr  Uns höher als mit dem
       gewöhnlichen Taglohn verwerten werdet."
       
       Zuerst klagen  die Empörer, ihre Arbeit werde zu niedrig bezahlt.
       Am Ende  versprechen sie aber, erst bei höherem Taglohn Arbeit zu
       liefern, die  "höher als mit dem gewöhnlichen Taglohn" zu verwer-
       ten ist. Dann glauben sie, sie würden außerordentliche Dinge lei-
       sten, wenn  sie nur  erst besseren  Lohn bekämen,  während sie zu
       gleicher Zeit  vom Kapitalisten  erst dann  außerordentliche Lei-
       stungen erwarten,  wenn sein  "Lohn" auf  das Niveau  des ihrigen
       herabgedrückt ist.  Endlich, nachdem  sie das  ökonomische Kunst-
       stück fertiggebracht haben, den Profit, diese notwendige Form des
       Kapitals, ohne welchen sie sowohl wie der Kapitalist zugrunde ge-
       hen würden  - den Profit m Arbeitslohn zu verwandeln, vollbringen
       sie das  Wunder, "hundertmal  mehr" zu zahlen "als ihre eigne Ar-
       beit", d.  h. hundertmal  mehr als  sie verdienen.  "Dies ist der
       Sinn" des  obigen Satzes,  wenn Stirner "meint, was er sagt". Hat
       er aber nur einen stilistischen Fehler begangen, hat er die Empö-
       rer als  Gesamtheit hundertmal  mehr offrieren lassen wollen, als
       J e d e r  v o n  i h n e n  verdient, so läßt er sie dem Kapita-
       listen nur  Das anbieten, was jeder Kapitalist heutzutage bereits
       hat. Daß die Arbeit des Kapitalisten in Verbindung mit seinem Ka-
       pital zehn-  resp. hundertmal mehr wert ist als die eines einzel-
       nen bloßen Arbeiters, ist klar. Sancho läßt also in diesem Falle,
       wie immer, Alles beim Alten.
       
       "Wir wollen  schon miteinander  fertig werden,  wenn Wir nur erst
       dahin übereingekommen  sind, daß  Keiner mehr dem Andern etwas zu
       s c h e n k e n   braucht. Dann gehn Wir wohl gar selbst so weit,
       daß Wir  selbst den  Krüppeln und Greisen und Kranken einen ange-
       messenen Preis  dafür bezahlen,  daß sie nicht aus Hunger und Not
       von Uns
       
       #370# Karl Marx und Friedrich Engels
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       scheiden; denn wollen Wir, daß sie leben, so geziemt sich's auch,
       daß Wir die Erfüllung unseres Willens  e r k a u f e n.  Ich sage
       e r k a u f e n,  meine also kein elendes  A l m o s e n."
       
       Diese sentimentale  Episode von  den Krüppeln etc. soll beweisen,
       daß Sanchos  empörte Ackerknechte  bereits zu jener Höhe des bür-
       gerlichen Bewußtseins  "emporgekommen" sind,  auf der  sie nichts
       schenken und  nichts geschenkt haben wollen und auf der sie glau-
       ben, in  einem Verhältnis  sei die Würde und das Interesse beider
       Teile gesichert, sobald es in einen Kauf verwandelt sei. -
       Auf diese donnernde Proklamation des in Sanchos Einbildung empör-
       ten Volks folgt die Gebrauchsanweisung in Form eines Dialogs zwi-
       schen dem Gutsbesitzer und seinen Ackerknechten, wobei sich dies-
       mal der Herr wie Szeliga und die Knechte wie Stirner gebärden. In
       dieser Gebrauchsanweisung werden die englischen Strikes und fran-
       zösischen Arbeiterkoalitionen a priori berlinisch konstruiert.
       
       Der Wortführer der Ackerknechte. "Was hast Du denn?"
       Der Gutsbesitzer. "Ich habe ein Gut von tausend Morgen."
       Der Wortführer.  "Und Ich bin Dein Ackerknecht und werde Dir Dei-
       nen Acker hinfort nur für einen Taler Taglohn bestellen."
       Der Gutsbesitzer. "Dann nehme Ich einen Andern."
       Der Wortführer.  "Du findest keinen, denn Wir Ackersknechte tun's
       nicht mehr anders, und wenn Einer sich meldet, der weniger nimmt,
       so hüte  er sich  vor Uns. Da ist die Hausmagd, die fordert jetzt
       auch so viel, und Du findest keine mehr unter diesem Preise."
       Der Gutsbesitzer. "Ei, so muß ich zugrunde gehen!"
       Die Ackerknechte  im Chorus.  "Nicht so  hastig! Soviel  wie  Wir
       wirst Du  wohl einnehmen.  Und wäre es nicht so, so lassen Wir so
       viel ab, daß Du wie Wir zu leben hast. - Nichts von Gleichheit!"
       Der Gutsbesitzer. "Ich bin aber besser zu leben gewohnt!"
       Die Ackerknechte.  "Dagegen haben  Wir nichts,  aber es ist nicht
       Unsre Sorge;  kannst Du  mehr erübrigen, immerhin. Sollen Wir Uns
       unterm Preise vermieten, damit Du wohlleben kannst?"
       Der Gutsbesitzer. "Aber Ihr ungebildeten Leute braucht doch nicht
       so viel!"
       Die Ackerknechte.  "Nun, Wir  nehmen etwas  mehr, damit Wir damit
       die Bildung, die Wir etwa brauchen. Uns verschaffen können."
       Der Gutsbesitzer.  "Aber wenn  Ihr so die Reichen herunterbringt,
       wer soll dann noch die Künste und Wissenschaften unterstützen?"
       Die Ackerknechte.  "I nun, die Menge muß es bringen; Wir schießen
       zusammen, das  gibt ein artiges Sümmchen, Ihr Reichen kauft ohne-
       hin jetzt  nur die  abgeschmacktesten Bücher und die weinerlichen
       Muttergottesbilder oder ein Paar flinke Tänzerbeine."
       Der Gutsbesitzer. "O die unselige Gleichheit!"
       
       #371# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       Die Ackerknechte.  "Nein, mein  bester  alter  Herr,  Nichts  von
       Gleichheit. Wir  wollen nur  gelten, was  Wir wert sind, und wenn
       Ihr mehr  wert seid,  da sollt Ihr immerhin auch mehr gelten. Wir
       wollen nur   P r e i s w ü r d i g k e i t   und denken des Prei-
       ses, den Ihr zahlen werdet, Uns würdig zu zeigen."
       
       Am Schlüsse  dieses dramatischen Meisterwerks gesteht Sancho, daß
       "die Einmütigkeit der Ackerknechte" allerdings "erfordert" werde.
       Wie diese  zustande kommt,  erfahren wir nicht. Was wir erfahren,
       ist, daß  die Ackerknechte  nicht beabsichtigen,  die bestehenden
       Verhältnisse der Produktion und des Verkehrs irgendwie zu ändern,
       sondern bloß  dem Gutsbesitzer  soviel abzuzwingen,  als er  mehr
       ausgibt als  sie. Daß  diese Differenz  der Dépensen 1*), auf die
       Masse der  Proletarier verteilt,  jedem Einzelnen  nur eine Baga-
       telle abwerfen  und seine  Lage  nicht  im  Mindesten  verbessern
       würde, das  ist unsrern wohlmeinenden Bonhomme gleichgültig. Wel-
       cher Stufe  der Agrikultur  diese heroischen Ackerknechte angehö-
       ren, zeigt  sich gleich nach dem Schlüsse des Dramas, wo sie sich
       in "Hausknechte"  verwandeln. Sie leben also unter einem Patriar-
       chat, in  dem die  Teilung der Arbeit noch sehr unentwickelt ist,
       in dem übrigens die ganze Verschwörung dadurch "ihr letztes Abse-
       hen erreichen"  muß, daß  der  Gutsherr  den  Wortführer  in  die
       Scheune führt  und ihm  einige Hiebe aufzählt, während in zivili-
       sierteren 2*)  Ländern der Kapitalist die Sache dadurch beendigt,
       daß er die Arbeit einige Zeit einstellt und die Arbeiter "spielen
       gehen" läßt. Wie praktisch überhaupt Sancho bei der ganzen Anlage
       seines Kunstwerks  zu Werke  geht, wie sehr er sich innerhalb der
       Grenzen der  Wahrscheinlichkeit hält,  geht außer dem sonderbaren
       Einfall, einen  Turnout 3*) von Ackerknechten zustande bringen zu
       wollen, namentlich  aus der Koalition der "Hausmägde" hervor. Und
       welch eine Gemütlichkeit, zu glauben, der Kornpreis auf dem Welt-
       markte werde  sich nach  den Lohnforderungen dieser hinterpommer-
       schen Ackerknechte  richten! statt  nach dem Verhältnis von Nach-
       frage und  Zufuhr! Einen  wahren Knalleffekt  macht  der  überra-
       schende Exkurs  der Ackerknechte  über die  Literatur, die letzte
       Gemäldeausstellung und  die renommierte Tänzerin des Tages, über-
       raschend selbst  noch nach  der unerwarteten  Frage des Gutsherrn
       wegen Kunst  und Wissenschaft.  Die  Leute  werden  ganz  freund-
       schaftlich, sowie sie auf dies literarische Thema kommen, und der
       bedrängte Gutsherr  vergißt selbst  für einen  Augenblick  seinen
       drohenden Rum,  um sein  Dévoûment 4*) für Kunst und Wissenschaft
       an den Tag zu legen. Schließlich versichern ihn dann auch die Em-
       pörer ihrer  Biederkeit und  geben ihm die beruhigende Erklärung,
       daß sie weder vom leidigen Interesse noch von subversiven Tenden-
       zen getrieben
       -----
       1*) Ausgaben - 2*) MEGA: zivilisierten - 3*) Arbeitseinstellung -
       4*) Aufopferung, Hingebung
       
       #372# Karl Marx und Friedrich Engels
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       werden, sondern  von den reinsten moralischen Motiven. Sie wollen
       nur Preiswürdigkeit  und versprechen  auf Ehre und Gewissen, sich
       des höheren Preises würdig zu machen. Die ganze Sache hat nur den
       Zweck, Jedem  das Seine, seinen redlichen und billigen Verdienst,
       "redlich erarbeiteten Genuß" zu sichern. Daß dieser Preis von der
       Stellung des  Arbeitsmarkts abhängt  und nicht von der sittlichen
       Empörung einiger  literarisch gebildeten Ackerknechte, die Kennt-
       nis dieses  Faktums war allerdings von unsren Biedermännern nicht
       zu verlangen.
       Diese hinterpommerschen  Empörer sind  so  bescheiden,  daß  sie,
       trotz ihrer "Einmütigkeit", die ihnen zu ganz andern Dingen Macht
       gibt, Knechte nach wie vor bleiben wollen und "ein Taler Taglohn"
       der höchste Wunsch ihres Herzens ist. Ganz konsequent katechisie-
       ren sie  daher nicht den Gutsherrn, der in ihrer Gewalt ist, son-
       dern der Gutsherr katechisiert sie.
       Der "sichere Mut" und das "kräftige Selbstgefühl des Hausknechts"
       äußert sich auch in der "sichern" und "kräftigen" Sprache, die er
       und seine  Genossen verführen.  "Etwa -  I nun - die Menge  m u ß
       es bringen  - artiges  Sümmchen - mein bester alter Herr - immer-
       hin."   Schon    vorher   in    der   Proklamation    hieß    es:
       "erforderlichenfalls wohl - ei - Wir  d e n k e n  herzustellen -
       wohl -  vielleicht, etwa usw." Man meint, die Ackerknechte hätten
       ebenfalls das famose Roß Clavileño bestiegen. *)
       Die ganze  lärmende "Empörung"  unsres Sancho reduziert sich also
       in letzter  Instanz auf  einen Turnout, aber einen Turnout im au-
       ßergewöhnlichen Verstande,  nämlich einen berlinisierten Turnout.
       Während die  wirklichen Turnouts  in zivilisierten  Ländern einen
       immer untergeordneteren  Teil der  Arbeiterbewegung bilden,  weil
       die allgemeinere  Verbindung der Arbeiter untereinander zu andern
       Bewegungsformen führt, versucht Sancho, den kleinbürgerlich kari-
       kierten Turnout  als letzte und höchste Form des welthistorischen
       Kampfs darzustellen.
       Die Wogen der Empörung werfen uns jetzt an die Küste des gelobten
       Landes, da  Milch und Honig fließt, wo jeder echte Israelit unter
       seinem   Feigenbaum    sitzt   und   das   Millennium   1*)   der
       "Verständigung" angebrochen ist.
       ---
       *) [Im Manuskript gestrichen:] In Frankreich wird verhältnismäßig
       mehr produziert  als in  Hinterpommern. In Frankreich kommen nach
       Michel Chevalier, wenn die ganze jährliche Produktion auf die Be-
       völkerung gleichmäßig  verteilt wird,  97 Franken  auf den  Kopf,
       macht für eine Familie ...
       -----
       1*) Tausendjährige Reich
       
       #373# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       III. Der Verein
       
       Wir haben  bei der Empörung zuerst die Prahlereien Sanchos zusam-
       mengestellt und  dann den praktischen Verlauf der "reinen Tat des
       mit sich einigen Egoisten" verfolgt. Wir werden beim "Verein" den
       umgekehrten Weg  einschlagen; zuerst  die positiven Institutionen
       prüfen und dann die Illusionen unseres Heiligen über diese Insti-
       tutionen danebenhalten.
       
       1. Grundeigentum
       
       "Wenn Wir  den Grundeigentümern  den Grund  nicht länger  lassen,
       sondern   U n s  zueignen wollen, so vereinigen Wir Uns zu diesem
       Zwecke, bilden einen  V e r e i n,  eine societe" (Gesellschaft),
       "d i e   s i c h   z u r    E i g e n t ü m e r i n    m a c h t;
       glückt es  Uns, so  hören Jene auf, Grundeigentümer zu sein." Der
       "Grund und  Boden" wird dann "zum Eigentum der Erobernden ... Und
       diese Einzelnen  werden als  eine Gesamtmasse nicht weniger will-
       kürlich mit  Grund und Boden umgehen als ein vereinzelter Einzel-
       ner oder  sogenannter propriétaire  1*). Auch  so bleibt also das
       E i g e n t u m     bestehen,  und   zwar  auch   als     'a u s-
       s c h l i e ß l i c h',   indem die   M e n s c h h e i t,  diese
       große Sozietät,  den   E i n z e l n e n  von ihrem Eigentum aus-
       schließt, ihm  vielleicht nur ein Stück davon verpachtet, zu Lohn
       gibt ...  So wird's  auch bleiben  und werden.  Dasjenige,  woran
       A l l e   A n t e i l   haben wollen,  wird demjenigen  Einzelnen
       entzogen werden,  der es  für sich  allein haben will, es wird zu
       einem   G e m e i n g u t   gemacht. Als  an einem   G e m e i n-
       g u t   hat Jeder  daran seinen   A n t e i l,  und dieser Anteil
       ist sein  Eigentum. So  ist ja auch in unsren alten Verhältnissen
       ein Haus,  welches fünf  Erben gehört,  ihr Gemeingut; der fünfte
       Teil des Ertrags aber ist eines Jeden Eigentum." p. 329, 330.
       
       Nachdem unsre  tapfern Empörer sich zu einem Verein, einer Sozie-
       tät, formiert  und in  dieser Gestalt sich ein Stück Land erobert
       haben, "macht   s i c h"   diese "société", diese moralische Per-
       son, "zur   E i g e n t ü m e r i n".   Damit  man dies  ja nicht
       mißverstehe, wird  gleich darauf  gesagt, daß "diese Sozietät den
       Einzelnen vom  Eigentum   a u s s c h l i e ß t,   ihm vielleicht
       nur ein  Stück davon  verpachtet, zu  Lohn gibt". Auf diese Weise
       eignet Sankt  Sancho sich  und seinem  "Verein" seine Vorstellung
       vom Kommunismus  an. Der  Leser wird sich erinnern, daß Sancho in
       seiner Ignoranz  den Kommunisten vorwarf, sie wollten die Gesell-
       schaft zur  höchsten Eigentümerin machen, die dem Einzelnen seine
       "Habe" zu Lehen gebe.
       Ferner die  Aussicht, die  Sancho seinen  Mannschaften auf  einen
       "Anteil am  Gemeingut" eröffnet.  Bei einer  späteren Gelegenheit
       sagt derselbe  Sancho ebenfalls  gegen die  Kommunisten: "Ob  das
       Vermögen der Gesamtheit gehört,
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       1*) Eigentümer, hier: Grundeigentümer
       
       #374# Karl Marx und Friedrich Engels
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       die Mir  davon einen  Teil zufließen  läßt, oder einzelnen Besit-
       zern, ist  für Mich  derselbe Zwang, da Ich über keins von Beiden
       bestimmen kann"  (weswegen ihm auch seine "Gesamtmasse" dasjenige
       "entzieht", von dem sie nicht will, daß es ihm allein gehöre, und
       ihm so die Macht des Gesamtwillens fühlbar macht).
       Drittens finden  wir hier wieder die "Ausschließlichkeit", die er
       dem bürgerlichen  Eigentum so  oft vorgeworfen  hat, so  daß "ihm
       nicht einmal  der armselige  Punkt gehört, auf dem er sich herum-
       dreht". Er hat vielmehr nur das Recht und die Macht, als armseli-
       ger und gedrückter Fronbauer darauf herumzuhocken.
       Viertens eignet  sich hier  Sancho das  Lehnswesen an,  das er zu
       seinem großen  Verdruß in  allen bisher existierenden und projek-
       tierten Gesellschaftsformen  entdeckte. Die  erobernde "Sozietät"
       benimmt sich  ungefähr wie die "Vereine" von halbwilden Germanen,
       die die  römischen Provinzen eroberten und dort ein noch sehr mit
       dem alten  Stammwesen versetztes,  rohes Lehnswesen einrichteten.
       Sie gibt  jedem Einzelnen  ein Stückchen  Land "zu Lohn". Auf der
       Stufe, auf  welcher Sancho und die Germanen des sechsten Jahrhun-
       derts stehen,  fällt das  Lehnswesen allerdings noch sehr mit dem
       "Lohn"-wesen zusammen.
       Es versteht  sich übrigens, daß das von Sancho hier neuerdings zu
       Ehren gebrachte  Stammeigentum sich  binnen kurzem  wieder in die
       jetzigen Verhältnisse  auflösen müßte.  Sancho fühlt dies selbst,
       indem er  ausruft: "So  wird's auch  b l e i b e n  und" (schönes
       Und!)   "w e r d e n",  und schließlich durch sein großes Exempel
       von dem  Hause, das  fünf Erben gehört, beweist, daß er gar nicht
       die Absicht  hat, über  unsre alten  Verhältnisse  hinauszugehen.
       Sein ganzer  Plan zur Organisation des Grundeigentums hat nur den
       Zweck, uns auf einem historischen Umwege zu der kleinbürgerlichen
       Erbpacht und  dem Familieneigentum deutscher Reichsstädte zurück-
       zuführen.
       Von unsren  alten, d.h.  den jetzt bestehenden Verhältnissen, hat
       sich Sancho  nur den juristischen Unsinn angeeignet, daß die Ein-
       zelnen oder proprietaires "willkürlich" mit dem Grundeigentum um-
       gehen. Im  "Verein" soll  diese eingebildete "Willkür" von seiten
       der "Sozietät"  fortgesetzt werden.  Es ist  für den  "Verein" so
       gleichgültig, was  mit dem  Boden geschieht,  daß die  "Sozietät"
       "vielleicht" den  Einzelnen Parzellen verpachtet, vielleicht auch
       nicht. Das  ist Alles ganz gleichgültig. - Daß mit einer bestimm-
       ten Organisation des Ackerbaus eine bestimmte Form der Tätigkeit,
       die Subsumtion  unter eine bestimmte Stufe der Teilung der Arbeit
       gegeben ist, kann Sancho freilich nicht wissen. Aber jeder Andere
       sieht ein,  wie wenig die von Sancho hier vorgeschlagenen kleinen
       Fronbauern in  der Lage sind, daß "Jeder von ihnen ein allmächti-
       ges Ich werden" kann, und wie schlecht ihr Eigentum an ihre[r]
       
       #375# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       lumpige[n] Parzelle  zu dem  viel gefeierten  "Eigentum an Allem"
       paßt. In der wirklichen Welt hängt der Verkehr der Individuen von
       ihrer Produktionsweise  ab, und  daher wirft Sanchos "Vielleicht"
       vielleicht seinen  ganzen Verein  über den  Haufen.  "Vielleicht"
       aber oder  vielmehr unzweifelhaft  tritt hier schon die wahre An-
       sicht Sanchos  über den Verkehr im Verein zutage, nämlich die An-
       sicht, daß  der egoistische  Verkehr das Heilige zu seiner Grund-
       lage hat.
       Sancho tritt hier mit der ersten "Einrichtung" seines zukünftigen
       Vereins an  das Tageslicht.  Die Empörer, die "verfassungslos" zu
       werden sich bestrebten, "richten sich selbst ein", indem sie eine
       "Verfassung" des  Grundeigentums "wählen".  Wir sehen, daß Sancho
       Recht  hatte,  wenn  er  sich  von  neuen  "Institutionen"  keine
       glänzenden Hoffnungen  machte. Wir  sehen aber  zugleich, daß  er
       einen hohen  Rang unter  den "sozialen Talenten" einnimmt und "an
       gesellschaftlichen Einrichtungen ungemein erfinderisch ist".
       
       2. Organisation der Arbeit
       
       "Die Organisation der Arbeit betrifft nur solche Arbeiten, welche
       Andre für  Uns machen  können, z. B. Schlachten, Ackern usw.; die
       übrigen bleiben  egoistisch, weil  z. B.  Niemand an Deiner Statt
       Deine musikalischen Kompositionen anfertigen, Deine Malerentwürfe
       ausführen usw. kann. Raffaels Arbeiten kann Niemand ersetzen. Die
       letzteren sind Arbeiten eines Einzigen, die nur dieser Einzige zu
       vollbringen vermag, während Jene  m e n s c h l i c h e"  (p. 356
       identisch gesetzt  milden   "g e m e i n n ü t z i g e n")   "ge-
       nannt zu  werden verdienen, da das E  i g n e  daran von geringem
       Belang ist  und so  ziemlich   j e d e r  M e n s c h  dazu abge-
       richtet werden kann." p. 355.
       "Es ist immer fördersam, daß Wir Uns über die menschlichen Arbei-
       ten einigen,  damit sie nicht, wie unter der Konkurrenz, alle un-
       sre Zeit  und Mühe  in Anspruch nehmen ... Für wen soll aber Zeit
       gewonnen werden? Wozu braucht der Mensch mehr Zeit als nötig ist,
       seine abgespannten Arbeitskräfte zu erfrischen? Hier schweigt der
       Kommunismus. Wozu?  Um seiner  als des  Einzigen froh  zu werden,
       nachdem er als Mensch das Seinige getan hat." p. 356, 357.
       "Durch Arbeit  kann Ich die Amtsfunktionen eines Präsidenten, Mi-
       nisters usw.  versehen; es  erfordern diese Ämter nur eine allge-
       meine Bildung,  nämlich eine solche, die allgemein erreichbar ist
       ... Kann aber auch Jeder diese Ämter bekleiden, so gibt doch erst
       die einzige, ihm allein eigne Kraft des Einzelnen ihnen sozusagen
       Leben und  Bedeutung. Daß  er sein Amt nicht wie ein gewöhnlicher
       Mensch führt,  sondern das Vermögen seiner Einzigkeit hineinlegt,
       das bezahlt  man ihm  noch nicht,  wenn man ihn überhaupt nur als
       Beamten oder  Minister bezahlt. Hat er's Euch zu Dank gemacht und
       wollt Ihr diese dankenswerte Kraft des Einzigen Euch erhalten, so
       werdet Ihr  ihn nicht  als einen bloßen Menschen bezahlen dürfen,
       der nur  Menschliches verrichtet, sondern nur als Einen, der Ein-
       ziges vollbringt." p. 362, 363.
       
       #376# Karl Marx und Friedrich Engels
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       "Vermagst Du  Tausenden Lust zu bereiten, so werden Tausende Dich
       dafür honorieren,   e s  stände ja in Deiner Gewalt, es zu unter-
       lassen, daher müssen sie Deine Tat erkaufen." p. 351.
       "Über Meine  Einzigkeit läßt sich keine allgemeine Taxe feststel-
       len, wie  für das,  was Ich als Mensch tue. Nur über das Letztere
       kann eine  Taxe bestimmt  werden. Setzt also immerhin eine allge-
       meine Taxe für menschliche Arbeiten auf, bringt aber Eure Einzig-
       keit nicht um ihren Verdienst." p. 363.
       Als Beispiel  der Organisation  der Arbeit  im Verein wird p. 365
       die schon  besprochene öffentliche  Bäckerei angeführt. Diese öf-
       fentlichen Anstalten müssen wahre Wunder sein unter der oben vor-
       ausgesetzten vandalischen Parzellierung.
       Zuerst soll  die menschliche  Arbeit organisiert und dadurch ver-
       kürzt werden,  damit Bruder  Straubinger hinterher,  wenn er früh
       Feierabend gemacht  hat, "seiner  als des  Einzigen  froh  werden
       kann" (p. 357); während p. 363 das "Frohwerden" des Einzigen sich
       in seinen Extraverdienst auflöst, p. 363 kommt die Lebensäußerung
       des Einzigen nicht hinterdrein nach der menschlichen Arbeit, son-
       dern die menschliche Arbeit kann als einzige betrieben werden und
       erfordert dann  einen Lohnzuschuß.  Der Einzige,  dem es nicht um
       seine Einzigkeit,  sondern um den höheren Lohn zu tun ist, könnte
       ja sonst  seine Einzigkeit in den Kleiderschrank verschließen und
       der Gesellschaft  zum Trotz sich damit begnügen, den gewöhnlichen
       Menschen und sich selbst damit einen Possen zu spielen.
       Nach p.  356 fällt  die menschliche Arbeit mit der gemeinnützigen
       zusammen, aber  nach p.  351 und 363 bewährt sich die einzige Ar-
       beit eben darin, daß sie als gemeinnützige oder wenigstens Vielen
       nützliche extra honoriert wird.
       Die Organisation  der Arbeit  im Verein besteht also in der Tren-
       nung der  menschlichen Arbeit  von der einzigen, in der Feststel-
       lung einer Taxe für die menschliche und in dem Mauscheln um einen
       Lohnzuschuß für die einzige Arbeit. Dieser Lohnzuschuß ist wieder
       doppelt,  nämlich   einer  für   die   einzige   Ausführung   der
       m e n s c h l i c h e n   Arbeit und  ein anderer für die einzige
       Ausführung der   e i n z i g e n   Arbeit,  was eine um so verwi-
       ckeltere Buchführung  gibt, als heute Das eine menschliche Arbeit
       wird, was  gestern eine  einzige war (z.B. Baumwollengarn Nr. 200
       zu spinnen),  und als  der einzige  Betrieb menschlicher Arbeiten
       eine fortwährende Selbstmoucharderie 1*) im eignen und allgemeine
       Moucharderie im  öffentlichen Interesse  erfordert. Dieser  ganze
       wichtige Orgamsationsplan läuft also auf eine ganz kleinbürgerli-
       che Aneignung  des Gesetzes  von Nachfrage und Zufuhr hinaus, das
       heute existiert und von allen
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       1*) Selbstbespitzelung
       
       #377# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       Ökonomen entwickelt  worden ist.  Sancho kann  das Gesetz, wonach
       der Preis  derjenigen Arbeiten  sich bestimmt, die er für einzige
       erklärt, z.B.  der einer  Tänzerin, eines  ausgezeichneten Arztes
       oder Advokaten, schon bei Adam Smith erklärt und bei dem Amerika-
       ner Cooper  taxiert finden. Die neueren Ökonomen haben aus diesem
       Gesetz das  hohe Salär  dessen, was  sie travail  improductif 1*)
       nennen, und das niedrige der Ackerbautaglöhner, überhaupt die Un-
       gleichheiten des  Arbeitslohns erklärt.  Wir sind  so mit  Gottes
       Hülfe wieder  bei der Konkurrenz angekommen, aber bei der Konkur-
       renz in  einem gänzlich heruntergekommenen Zustande, so herunter-
       gekommen, daß  Sancho eine  Taxe, eine Fixierung des Arbeitslohns
       durch Gesetze,  wie weiland im 14. und 15. Jahrhundert, vorschla-
       gen kann.
       Es verdient  noch erwähnt  zu werden, daß die hier von Sancho ans
       Licht gebrachte  Vorstellung sich  ebenfalls als etwas ganz Neues
       bei dem Herrn Messias Dr. Georg Kuhlmann aus Holstein findet.
       Was Sancho  hier menschliche  Arbeiten nennt,  ist, mit Ausschluß
       seiner bürokratischen  Phantasien, dasselbe,  was man sonst unter
       Maschinenarbeit versteht  und was  die Entwicklung  der Industrie
       mehr und  mehr den  Maschinen anheim  gibt. In dein "Verein" sind
       freilich bei  der oben geschilderten Organisation des Grundbesit-
       zes die Maschinen eine Unmöglichkeit, und daher ziehen es die mit
       sich einigen Fronbauern vor, sich über diese Arbeiten zu verstän-
       digen. Über  "Präsidenten" und  "Minister" urteilt  Sancho,  this
       poor localized  being 2*),  wie Owen sagt, nur nach seiner unmit-
       telbaren Umgebung.
       Wie immer  hat Sancho  hier wieder Unglück mit seinen praktischen
       Exempeln. Er meint, Niemand könne "an Deiner Stelle Deine musika-
       lischen Kompositionen  anfertigen, Deine Malerentwürfe ausführen.
       Raffaels Arbeiten  könne Niemand  ersetzen." Sancho  könnte  doch
       wohl wissen, daß nicht Mozart selbst, sondern ein Anderer Mozarts
       Requiem größtenteils angefertigt und ganz ausgefertigt [141], daß
       Raffael von seinen Fresken die wenigsten selbst "ausgeführt" hat.
       Er bildet  sich ein,  die sogenannten  Organisateure  der  Arbeit
       [142] wollten  die Gesamttätigkeit  jedes Einzelnen organisieren,
       während gerade bei ihnen zwischen der unmittelbar produktiven Ar-
       beit, die organisiert werden soll, und der nicht unmittelbar pro-
       duktiven Arbeit  unterschieden wird. In diesen Arbeiten aber soll
       nach ihrer  Meinung nicht,  wie Sancho  sich einbildet,  Jeder an
       Raffaels Statt  arbeiten,  sondern  Jeder,  in  dem  ein  Raffael
       steckt, sich  ungehindert ausbilden  können. Sancho  bildet  sich
       ein, Raffael habe seine
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       1*) unproduktive Arbeit  - 2*) dieses  arme, an den Ort gebundene
       Wesen
       
       #378# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Gemälde unabhängig von der zu seiner Zeit in Rom bestehenden Tei-
       lung der  Arbeit hervorgebracht.  Wenn er Raffael mit Leonardo da
       Vinci und  Tizian vergleicht,  so kann  er sehen,  wie  sehr  die
       Kunstwerke des  ersteren von  der unter  florentinischem  Einfluß
       ausgebildeten damaligen  Blüte Roms,  die des zweiten von den Zu-
       ständen von Florenz, und später die des dritten von der ganz ver-
       schiedenen Entwicklung  Venedigs bedingt  waren. Raffael,  so gut
       wie jeder andre Künstler, war bedingt durch die technischen Fort-
       schritte der  Kunst, die vor ihm gemacht waren, durch die Organi-
       sation der  Gesellschaft und die Teilung der Arbeit in seiner Lo-
       kalität und  endlich durch  die Teilung  der Arbeit in allen Län-
       dern, mit  denen seine Lokalität im Verkehr stand. Ob ein Indivi-
       duum wie Raffael sein Talent entwickelt, hängt ganz von der Nach-
       frage ab,  die wieder  von der  Teilung der Arbeit und den daraus
       hervorgegangenen Bildungsverhältnissen der Menschen abhängt.
       Stirner steht  hier noch weit unter der Bourgeoisie, indem er die
       Einzigkeit der  wissenschaftlichen und künstlerischen Arbeit pro-
       klamiert. Man  hat es  bereits jetzt  für nötig  gefunden,  diese
       "einzige" Tätigkeit  zu organisieren.  Horace Vernet  hätte nicht
       Zeit für  den zehnten Teil seiner Gemälde gehabt, wenn er sie für
       Arbeiten angesehen  hätte, "die nur dieser Einzige zu vollbringen
       vermag". Die  große Nachfrage  nach Vaudevilles [143] und Romanen
       in Paris  hat eine  Organisation der Arbeit zur Produktion dieser
       Artikel hervorgerufen,  die noch  immer Besseres leistet als ihre
       "einzigen" Konkurrenten  in Deutschland.  In der Astronomie haben
       es Leute  wie Arago,  Herschel, Encke und Bessel für nötig gefun-
       den, sich  zu gemeinsamen Beobachtungen zu organisieren, und sind
       erst seitdem  zu einigen erträglichen Resultaten gekommen. In der
       Geschichtschreibung ist  es für den "Einzigen" absolut unmöglich,
       etwas zu  leisten, und die Franzosen haben auch hier längst durch
       die Organisation  der Arbeit  allen andern  Nationen den Rang ab-
       gelaufen. Es  versteht sich  übrigens, daß alle diese auf der mo-
       dernen Teilung der Arbeit beruhenden Organisationen immer noch zu
       höchst beschränkten  Resultaten führen und nur gegenüber der bis-
       herigen bornierten Vereinzelung ein Fortschritt sind.
       Es muß  noch besonders  hervorgehoben werden,  daß Sancho die Or-
       ganisation der  Arbeit mit  dem Kommunismus  verwechselt und sich
       gar wundert,  daß "der Kommunismus " ihm nicht auf seine Bedenken
       über diese  Organisation antwortet. So wundert sich ein Gascogner
       Bauernjunge, daß Arago ihm nicht zu sagen weiß, auf welchem Stern
       der liebe Gott seinen Hof aufgeschlagen habe.
       Die exklusive Konzentration des künstlerischen Talents in Einzel-
       nen und  seine damit zusammenhängende Unterdrückung in der großen
       Masse ist
       
       #379# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       Folge der  Teilung der  Arbeit. Wenn  selbst in  gewissen gesell-
       schaftlichen Verhältnissen  Jeder ein ausgezeichneter Maler wäre,
       so schlösse dies noch gar nicht aus, daß Jeder auch ein originel-
       ler Maler  wäre,  so  daß  auch  hier  der  Unterschied  zwischen
       "menschlicher" und  "einziger" Arbeit  in bloßen Unsinn sich ver-
       läuft. Bei  einer kommunistischen  Organisation der  Gesellschaft
       fällt jedenfalls  fort die Subsumtion des Künstlers unter die lo-
       kale und nationale Borniertheit, die rein aus der Teilung der Ar-
       beit hervorgeht,  und die  Subsumtion des Individuums unter diese
       bestimmte Kunst,  so daß  es ausschließlich Maler, Bildhauer usw.
       ist und  schon der  Name die  Borniertheit seiner  geschäftlichen
       Entwicklung und  seine Abhängigkeit  von der  Teilung der  Arbeit
       hinlänglich ausdrückt. In einer kommunistischen Gesellschaft gibt
       es keine Maler, sondern höchstens Menschen, die unter Anderm auch
       malen.
       Sanchos Organisation  der Arbeit  zeigt deutlich,  wie sehr  alle
       diese philosophischen  Ritter von  der Substanz  sich bei  bloßen
       Phrasen  beruhigen.  Die  Subsumtion  der  "Substanz"  unter  das
       "Subjekt", wovon  sie Alle so hohe Worte machen, die Herabsetzung
       der "Substanz",  die das  "Subjekt" beherrscht,  zu einem  bloßen
       "Akzidens" dieses  Subjekts, zeigt  sich als  bloßes "leeres  Ge-
       rede". *)  Sie unterlassen es daher weislich, auf die Teilung der
       Arbeit, auf die materielle Produktion und den materiellen Verkehr
       einzugehen, die  eben die Individuen unter bestimmte Verhältnisse
       und Tätigkeitsweisen subsumieren. Es handelt sich bei ihnen über-
       haupt nur  darum, neue Phrasen zur Interpretation der bestehenden
       Welt zu erfinden, die um so gewisser in burleske Prahlereien aus-
       laufen, je  mehr sie  sich über diese Welt zu erheben glauben und
       in Gegensatz  zu ihr  stellen. Wovon  Sancho ein  beklagenswertes
       Beispiel ist.
       ---
       *) [Im Manuskript  gestrichen:] Hätte  Sancho mit  seinen Phrasen
       Ernst machen  wollen, so hätte er auf die Teilung der Arbeit ein-
       gehen müssen.  Dies unterließ er weislich und akzeptierte die be-
       stehende Teilung  der Arbeit  ohne Bedenken,  um sie  für  seinen
       "Verein" zu  exploitieren. Er würde bei näherem Eingehen auf die-
       sen Gegenstand  freilich gefunden  haben, daß die Teilung der Ar-
       beit damit nicht aufgehoben ist, wenn man sie "sich aus dem Kopfe
       schlägt". Der Kampf der Philosophen gegen die "Substanz" und ihre
       gänzliche Vernachlässigung  der Teilung der Arbeit, der materiel-
       len Grundlage,  aus der  das Phantom  der Substanz hervorgegangen
       ist, beweist  eben nur,  daß es diesen Helden nur um die Vernich-
       tung der Phrasen zu tun ist und keineswegs um die Veränderung der
       Verhältnisse, aus denen diese Phrasen entstehen mußten.
       
       #380# Karl Marx und Friedrich Engels
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       3. Geld
       
       "Das Geld  ist eine  Ware, und zwar ein wesentliches  M i t t e l
       oder Vermögen;  denn es  schützt vor der Verknöcherung des Vermö-
       gens, hält  es im  Fluß und  bewirkt seinen  Umsatz. Wißt Ihr ein
       besseres Tauschmittel,  immerhin; doch  wird es  wieder ein  Geld
       sein." p. 364.
       
       p. 353  wird das  Geld als "gangbares oder kursierendes Eigentum"
       bestimmt.
       Im "Verein"  wird also  das Geld  beibehalten, dies  rein gesell-
       schaftliche Eigentum, dem alles Individuelle abgestreift ist. Wie
       sehr Sancho  in der  bürgerlichen Anschauungsweise  befangen ist,
       zeigt seine Frage nach einem besseren Tauschmittel. Er setzt also
       zuerst voraus, daß ein Tauschmittel überhaupt nötig ist, und dann
       kennt er  kein anderes Tauschmittel als das Geld. Daß ein Schiff,
       eine Eisenbahn,  die Waren transportieren, ebenfalls Tauschmittel
       sind, kümmert  ihn nicht.  Um also  nicht bloß  vom Tauschmittel,
       sondern vom  Gelde speziell zu sprechen, ist er genötigt, die üb-
       rigen Bestimmungen  des Geldes, daß es das allgemein gangbare und
       kursierende Tauschmittel ist, alles Eigentum im Fluß erhält etc.,
       hereinzunehmen. Damit  kommen auch  die ökonomischen Bestimmungen
       herein, die  Sancho nicht kennt, die aber gerade das Geld konsti-
       tuieren; und  mit ihnen  auch der ganze jetzige Zustand, Klassen-
       wirtschaft, Herrschaft der Bourgeoisie etc.
       Wir erhalten  indes zunächst  einige Aufschlüsse  über den - sehr
       originellen - Verlauf der Geldkrisen im Verein.
       Es entsteht die Frage:
       
       "Wo Geld  hernehmen? ... Man bezahlt nicht mit Geld, woran Mangel
       eintreten kann, sondern mit seinem Vermögen, durch welches allein
       Wir vermögend  sind ...  Nicht das Geld tut Euch Schaden, sondern
       Euer Unvermögen, es zu nehmen."
       
       Und nun der moralische Zuspruch:
       
       "Laßt Euer  Vermögen wirken,  nehmt Euch zusammen, und es wird an
       Geld, an  Eurem Gelde, dem Gelde Eures Gepräges, nicht fehlen ...
       Wisse denn,  Du hast  so viel Geld, als Du - Gewalt hast; denn Du
       giltst soviel, als Du Dir Geltung verschaffst." p. 353, 364.
       
       In der Macht des Geldes, in der Verselbständigung des allgemeinen
       Tauschmittels, sowohl  der Gesellschaft  wie den Einzelnen gegen-
       über, tritt  die Verselbständigung der Produktions- und Verkehrs-
       verhältnisse überhaupt  am deutlichsten hervor. Also Sancho weiß,
       wie gewöhnlich, Nichts vom Zusammenhange der Geldverhältnisse mit
       der allgemeinen  Produktion und  dem Verkehr. Er behält als guter
       Bürgersmann das Geld ruhig bei, wie dies auch
       
       #381# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       nach seiner Teilung der Arbeit und Organisation des Grundbesitzes
       nicht anders  möglich ist. Die sachliche Macht des Geldes, die in
       den Geldkrisen eklatant hervortritt und den "kauflustigen" Klein-
       bürger in  der Gestalt  eines permanenten Geldmangels drückt, ist
       dem mit  sich einigen  Egoisten ebenfalls ein höchst unangenehmes
       Faktum. Er  entledigt sich  seiner Ungelegenheit  dadurch, daß er
       die gewöhnliche  Vorstellung des Kleinbürgers umgekehrt ausdrückt
       und dadurch den Schein hereinbringt, als sei die Stellung der In-
       dividuen gegenüber  der Geldmacht eine rein vom persönlichen Wol-
       len oder  Laufen abhängige  Sache. Diese  glückliche Wendung gibt
       ihm dann  Gelegenheit, dem  erstaunten und vom Geldmangel ohnehin
       entmutigten Kleinbürger  eine durch Synonymik, Etymologie und Um-
       laut unterstützte Moralpredigt zu halten und dadurch alle ungele-
       genen Fragen  über die Ursachen der Geldklemme vorweg abzuschnei-
       den.
       Die Geldkrise  besteht zunächst  darin, daß  alle "Vermögen"  auf
       einmal gegenüber  dem Tauschmittel  depreziiert  werden  und  das
       "Vermögen" über das Geld verlieren. Die Krise ist gerade dann da,
       wenn man  nicht mehr mit seinem "Vermögen" zahlen  k a n n,  son-
       dern mit  Geld zahlen   m u ß.   Dies findet wieder nicht dadurch
       statt, daß Mangel an Geld eintritt, wie der Kleinbürger sich vor-
       stellt *)  der die Krise nach seiner Privatmisere beurteilt, son-
       dern dadurch,  daß der spezifische Unterschied des Geldes als der
       a l l g e m e i n e n   Ware, des "gangbaren und kursierenden Ei-
       gentums", von  allen andern   s p e z i e l l e n  Waren sich fi-
       xiert, die  plötzlich aufhören,  gangbares Eigentum  zu sein. Die
       Ursachen dieses  Phänomens hier,  Sancho zu  Gefallen, zu entwic-
       keln, kann nicht erwartet werden. Den geld- und trostlosen Klein-
       krämern gibt  Sancho nun  zunächst den  Trost, daß nicht das Geld
       die Ursache des Geldmangels und der ganzen Krise sei, sondern ihr
       Unvermögen, es zu nehmen. Nicht der Arsenik ist schuld daran, daß
       Jemand stirbt,  der ihn gegessen hat, sondern das Unvermögen sei-
       ner Konstitution, Arsenik zu verdauen.
       Nachdem Sancho  vorher das  Geld als  ein wesentliches,  und zwar
       s p e z i f i s c h e s   Vermögen, als allgemeines Tauschmittel,
       als Geld  im gewöhnlichen  Verstande bestimmt  hat, dreht  er auf
       einmal, sowie  er sieht,  zu welchen  Schwierigkeiten dies führen
       würde, die  Sache um  und erklärt alles Vermögen für Geld, um den
       Schein der  persönlichen Macht hervorzubringen. Die Schwierigkeit
       während der  Krise ist  eben, daß "alles Vermögen" aufgehört hat,
       "Geld" zu  sein. Übrigens  läuft dies  auf die Praxis des Bürgers
       hinaus, der  "alles Vermögen"  solange an Zahlungs Statt annimmt,
       als es  Geld ist,  und erst  dann Schwierigkeiten  macht, wenn es
       schwierig wird,  dies "Vermögen"  m Geld  zu verwandeln, wo er es
       dann auch  nicht mehr  für ein "Vermögen" ansieht. Die Schwierig-
       keit in der Krisis besteht ferner gerade darin,
       
       #382# Karl Marx und Friedrich Engels
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       daß Ihr Kleinbürger, zu denen Sancho hier spricht, das Geld Eures
       Gepräges, Eure  Wechsel nicht mehr zirkulieren lassen könnt, son-
       dern daß  man Geld  von Euch  verlangt, woran  Ihr nichts mehr zu
       prägen hattet  und dem  kein Mensch es ansieht, daß es durch Eure
       Finger gegangen ist.
       Endlich verdreht  Stirner das  bürgerliche Motto:  Du  giltst  so
       viel, als  Du Geld  hast, dahin:  Du hast  so viel  Geld, als  Du
       giltst, womit  nichts verändert,  sondern nur der Schein der per-
       sönlichen Macht  hereingebracht  und  damit  die  triviale  Bour-
       geoisillusion ausgedrückt ist, daß Jeder selbst schuld daran sei,
       wenn er kein Geld habe. So wird Sancho fertig mit dem klassischen
       Bourgeoisspruch: L'argent n'a pas de maître 1*), und kann nun auf
       die Kanzel  steigen und  ausrufen: "Lasset  Eure Vermögen wirken,
       nehmt Euch  zusammen, und  es wird  am Gelde nicht fehlen!" Je ne
       connais pas de lieu à la bourse où se fasse le transfert des bon-
       nes intentions.  2*) Er  brauchte nur  noch  hinzuzusetzen:  Ver-
       schafft Euch  Kredit, knowledge is power 3*), der erste Taler ist
       schwerer zu  erwerben als die letzte Million, seid mäßig und hal-
       tet das  Eurige zu  Rate, besonders aber pulluliert nicht zu viel
       usw., um  statt des  einen beide Eselsohren hervorblicken zu las-
       sen. Überhaupt  endigen bei  dem Manne, für den Jeder ist, was er
       sein kann, und tut, was er tun kann, alle Kapitel mit moralischen
       Postulaten.
       Das Geldwesen  im Stirnerschen  Verein ist  also das existierende
       Geldwesen,  ausgedrückt  in  der  beschönigenden  und  gemütlich-
       schwärmerischen Weise eines deutschen Kleinbürgers.
       Nachdem Sancho  auf diese Weise mit den Ohren seines Grauen para-
       diert  hat,   richtet  sich   Szeliga-Don   Quijote   in   seiner
       g a n z e n   Länge auf,  um mit  einer feierlichen Rede über die
       moderne fahrende Ritterschaft, wobei das Geld in die Dulcinea von
       Toboso verwandelt  wird, die Fabrikanten und Commerçants en masse
       4*) zu  Rittern, nämlich  Industrierittern, zu schlagen. Die Rede
       hat noch  den Nebenzweck,  zu beweisen,  daß das  Geld, weil  ein
       "wesentliches Mittel",  auch "wesentlich  Tochter *) ist". Und er
       reckte seine Rechte aus und sprach:
       
       "Vom Gelde  hängt Glück  und Unglück ab. Es ist darum in der Bür-
       gerperiode eine Macht, weil es nur wie ein Mädchen" (Viehmädchen,
       per appos[itionem]  Dulcinea) "umworben, von Niemand unauflöslich
       geehlicht wird. Alle Romantik und Ritterlichkeit
       ---
       *) Vgl. "Die heilige Familie", p. 266. 5*)
       -----
       1*) Das Geld hat keinen Herrn - 2*) Ich kenne keine Stelle an der
       Börse, wo  gute Absichten gehandelt werden - 3*) Wissen ist Macht
       - 4*) Kaufleute  in Massen  - 5*) Siehe Bd. 2 unserer Ausgabe. S.
       177/78.
       
       #383# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       des Werbens  um einen  teuren Gegenstand  lebt in  der Konkurrenz
       wieder auf.  Das Geld, ein Gegenstand der Sehnsucht, wird von den
       kühnen Industrierittern entführt." p. 364.
       
       Sancho hat jetzt einen tiefen Aufschluß darüber erhalten, weshalb
       das Geld  in der  Bürgerperiode eine  Macht ist, nämlich erstens,
       weil von ihm Glück und Unglück abhängt, und zweitens, weil es ein
       M ä d c h e n   ist. Er  hat ferner  erfahren, weshalb er um sein
       Geld kommen kann, nämlich, weil ein Mädchen von Niemand unauflös-
       lich geehlicht wird. Jetzt weiß der arme Schlucker, woran er ist.
       Szeliga, der so den Bürger zum Ritter gemacht hat, macht nun fol-
       gendermaßen den Kommunisten zum Bürger, und zwar zum bürgerlichen
       Ehemann:
       
       "Wer das Glück hat, führt die Braut heim. Der Lump hat das Glück;
       er führt  sie in  sein Hauswesen,  die   G e s e l l s c h a f t,
       ein und  vernichtet die  Jungfrau. In  seinem Hause ist sie nicht
       mehr Braut,  sondern Frau, und mit der Jungfräulichkeit geht auch
       der Geschlechtsname  verloren. Als Hausfrau heißt die Geldjungfer
       A r b e i t,  denn  A r b e i t  ist der Name des Mannes. Sie ist
       ein Besitz  des Mannes. - Um dies Bild zu Ende zu bringen, so ist
       das Kind  von Arbeit  und Geld  wieder ein  Mädchen" ("wesentlich
       Tochter"), "ein  unverehlichtes" (ist dem Szeliga je vorgekommen,
       daß ein  Mädchen "verehlicht" aus dem Mutterleibe gekommen ist?),
       "also Geld". (Nach dem obigen Beweise, daß alles Geld "ein unver-
       ehlichtes Mädchen" sei, leuchtet es von selbst ein, daß "alle un-
       verehlichten Mädchen"  "Geld" sind)  - "also  Geld, aber  mit der
       g e w i s s e n   Abstammung von der Arbeit, seinem Vater" (toute
       recherche de la patermté est interdite [144]). "Die Gesichtsform,
       das Bild, trägt ein anderes Gepräge." p. 364, 365.
       
       Diese Hochzeits-,  Leichenbitter- und  Kmdtaufsgeschichte beweist
       wohl durch  sich selbst  hinlänglich, wie  sehr  sie  "wesentlich
       Tochter" Szeligas,  und zwar  Tochter von  "gewisser  Abstammung"
       ist. Ihren letzten Grund hat sie indes in der Unwissenheit seines
       ehmaligen Stallknechts  Sancho. Diese  tritt deutlich  heraus  am
       Schluß, wo  der Redner  wieder um das "Gepräge" des Geldes ängst-
       lich besorgt  ist und  dadurch verrät,  daß er noch immer das Me-
       tallgeld für  das wichtigste  zirkulierende Medium  hält. Wenn er
       sich um  die ökonomischen Verhältnisse des Geldes etwas näher be-
       kümmert hätte,  statt ihm  einen  schönen  grünen  Jungfernkranzt
       [145] zu  flechten, so  würde er wissen, daß, von Staatspapieren,
       Aktien pp.  nicht zu  sprechen, die  Wechsel den größten Teil des
       zirkulierenden Mediums ausmachen, während das Papiergeld ein ver-
       hältnismäßig sehr  kleiner und  das Metallgeld ein noch kleinerer
       Teil davon  ist. In England zirkuliert z.B. fünfzehnmal mehr Geld
       m Wechseln  und Banknoten  als in  Metall. Und selbst was das Me-
       tallgeld betrifft,  so wird  es rein durch die Produktionskosten,
       d. h. die Arbeit bestimmt. Stirners weitläuftiger
       
       #384# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Zeugungsprozeß war  also hier  überflüssig. - Die feierlichen Re-
       flexionen, die  Szeliga über  ein auf  der Arbeit  beruhendes und
       doch vom  jetzigen Gelde  unterschiedenes Tauschmittel  anstellt,
       das er  bei einigen Kommunisten entdeckt haben will, beweisen nur
       wieder die  Einfalt, mit  der unser  edles Paar  Alles  unbesehen
       glaubt, was es liest.
       Beide führen,  wenn sie  nach dieser  ritterlichen und  "romanti-
       schen" Kampagne  "des Werbens"  nach Hause  reiten, kein  "Glück"
       heim, noch weniger "die Braut", am allerwenigsten "Geld", sondern
       höchstens ein "Lump" den andern.
       
       4. Staat
       
       Wir haben  gesehen, wie  Sancho in seinem "Verein" die bestehende
       Form des  Grundbesitzes, die  Teilung der  Arbeit und das Geld in
       der Weise, wie diese Verhältnisse in der Vorstellung eines Klein-
       bürgers leben,  beibehält. Daß  nach diesen  Prämissen Sancho den
       Staat nicht entbehren kann, leuchtet auf den ersten Blick ein.
       Zunächst wird sein neuerworbenes Eigentum die Form des garantier-
       ten, rechtlichen  Eigentums anzunehmen haben. Wir haben schon ge-
       hört:
       
       "Dasjenige, woran  Alle Anteil haben wollen, wird demjenigen Ein-
       zelnen entzogen  werden, der  es für sich allein haben will." (p.
       330.)
       
       Hier wird also der Wille der Gesamtheit geltend gemacht gegenüber
       dem Willen  des vereinzelten Einzelnen. Da jeder der mit sich ei-
       nigen Egoisten  mit den Andern uneinig werden und damit in diesen
       Widerspruch treten  kann, muß der Gesamtwille auch einen Ausdruck
       haben gegenüber den vereinzelten Einzelnen -
       
       "und man  nennt diesen  Willen den  S t a a t s w i l l e n"  (p.
       257).
       
       Seine Bestimmungen  sind dann die  r e c h t l i c h e n  Bestim-
       mungen. Die Exekution dieses Gesamtwillens wird wieder Repressiv-
       maßregeln und eine öffentliche Gewalt nötig machen.
       
       "Vereine werden  dann auch  in dieser  Sache" (dem Eigentum) "die
       Mittel des  Einzelnen multiplizieren  und sein   a n g e f o c h-
       t e n e s  Eigentum  s i c h e r s t e l l e n"  (garantieren al-
       so garantiertes  Eigentum, also rechtliches Eigentum, also Eigen-
       tum, das  Sancho nicht  "unbedingt" besitzt, sondern vom "Verein"
       "zu Lehen trägt"), p. 342.
       
       Mit den  Eigentumsverhältnissen versteht sich dann, daß das ganze
       Zivilrecht wiederhergestellt  wird, und  Sancho selbst trägt z.B.
       die Lehre vom Vertrag ganz im Sinne der Juristen vor, wie folgt:
       
       "Auch hat  es Nichts  zu sagen, wenn Ich selbst Mich um diese und
       jene Freiheit  bringe, z.B.  durch jeden   K o n t r a k t."   p.
       409.
       
       #385# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       Und um  die "angefochtenen"  Kontrakte "sicherzustellen", wird es
       ebenfalls "Nichts  zu sagen haben", wenn er sich wieder einem Ge-
       richte und  allen jetzigen  Folgen eines Zivilprozesses zu unter-
       werfen hat.
       So rücken wir "allgemach aus Dämmerung und Nacht" den bestehenden
       Verhältnissen wieder  näher, nur den bestehenden Verhältnissen in
       der zwerghaften Vorstellung des deutschen Kleinbürgers.
       Sancho gesteht:
       
       "In bezug  auf die  Freiheit unterliegen  Staat und Verein keiner
       wesentlichen Verschiedenheit.  Der letztere kann ebensowenig ent-
       stehen und  bestehen, ohne  daß die Freiheit auf allerlei Art be-
       schränkt werde, als der Staat mit ungemessener Freiheit sich ver-
       trägt. Beschränkung  der Freiheit  ist überall  unabwendbar, denn
       man kann  nicht Alles   l o s w e r d e n;  man kann nicht gleich
       einem Vogel fliegen, bloß weil man so fliegen möchte etc. ... Der
       Unfreiheit und  Unfreiwilligkeit wird  der Verein noch genug ent-
       halten, denn  sein Zweck  ist eben  nicht die Freiheit, die er im
       Gegenteil   der    Eigenheit   opfert,    aber   auch   nur   der
       E i g e n h e i t."  p. 410, 411.
       
       Abgesehen einstweilen  von  der  komischen  Distinktion  zwischen
       Freiheit und Eigenheit, so hat Sancho seine "Eigenheit" in seinem
       Vereine durch  die   ö k o n o m i s c h e n  Einrichtungen schon
       geopfert, ohne  es zu  wollen. Als echter "Staatsgläubiger" sieht
       er erst  da eine  Beschränkung, wo  die politischen Einrichtungen
       anfangen. Er  läßt die alte Gesellschaft fortbestehen und mit ihr
       die Subsumtion der Individuen unter die Teilung der Arbeit; wobei
       er dann  dem Schicksal  nicht entgehen  kann, von der Teilung der
       Arbeit und der ihm dadurch zugefallenen Beschäftigung und Lebens-
       lage eine  aparte "Eigenheit"  sich vorschreiben  zu lassen. Wird
       ihm z.B. das Los angewiesen, in Willenhall [146] als Schlosserge-
       sell zu  arbeiten, so wird seine aufgedrungene "Eigenheit" in ei-
       ner Verdrehung der Hüftknochen bestehen, die ihm ein "Hinterbein"
       verschafft; wird  "das  Titelgespenst  seines  Buchs"  [147]  als
       Throstlespinnerin 1*) existieren müssen, so wird ihre "Eigenheit"
       in steifen  Knien bestehen.  Selbst wenn  unser Sancho bei seinem
       alten Beruf  des Fronbauers bleibt, den ihm schon Cervantes ange-
       wiesen hat  und den  er jetzt für seinen eignen Beruf erklärt, zu
       dem er sich beruft, so fällt ihm kraft der Teilung der Arbeit und
       der Trennung  von Stadt  und Land  die "Eigenheit"  zu, von allem
       Weltverkehr und  folglich von  aller Bildung  ausgeschlossen  ein
       bloßes Lokaltier zu werden.
       So verliert Sancho im Verein seine Eigenheit malgré lui 2*) durch
       die gesellschaftliche Organisation, wenn wir einmal ausnahmsweise
       die Eigenheit  im Sinne  von Individualität nehmen wollen. Daß er
       nun auch durch die politische
       -----
       1*) Ringspinnerin - 2*) gegen seinen Willen
       
       #386# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       Organisation seine  Freiheit aufgibt, ist ganz konsequent und be-
       weist nur  noch deutlicher,  wie sehr  er den jetzigen Zustand im
       Verein sich anzueignen strebt.
       Die wesentliche Verschiedenheit von Freiheit und Eigenheit bildet
       also den  Unterschied zwischen  dem  jetzigen  Zustande  und  dem
       "Verein". Wie  wesentlich dieser  Unterschied ist,  haben wir be-
       reits gesehen.  Die Majorität  seines Vereins wird sich ebenfalls
       an dieser  Distinktion möglicherweise  nicht stören,  sondern das
       "Lossein" von ihr dekretieren, und wenn er sich dabei nicht beru-
       higt, wird sie ihm aus seinem eignen "Buche" beweisen, daß es er-
       stens keine  Wesen gibt,  sondern Wesen  und  wesentliche  Unter-
       schiede "das  Heilige" sind;  zweitens, daß  der Verein nach "der
       Natur der  Sache" und  "dem Begriff des Verhältnisses" gar nichts
       zu fragen  hat, und  drittens, daß sie keineswegs seine Eigenheit
       antastet, sondern nur seine Freiheit, sie zu äußern. Sie wird ihm
       vielleicht beweisen,  wenn er  "sich bestrebt,  verfassungslos zu
       werden", daß sie nur seine Freiheit beschränkt, wenn sie ihn ein-
       sperrt, ihm Hiebe diktiert, ihm ein Bein ausreißt, daß er partout
       et toujours 1*) "eigen" ist, solange er noch die Lebensäußerungen
       eines Polypen, einer Auster, ja eines galvanisierten Froschleich-
       nams von sich zu geben vermag. Sie wird ihm für seine Arbeit eine
       "Preisbestimmung setzen",  wie wir  schon hörten, "eine wirkliche
       f r e i e"   (!) "Verwertung seines Eigentums nicht zulassen", da
       sie ihm  hiermit die  Freiheit, nicht  die Eigenheit  beschränkt;
       Dinge, die Sancho p. 338 dem Staate vorwirft. "Was soll also" der
       Fronbauer Sancho  "anfangen? Auf sich halten und nach dem" Verein
       "nichts fragen",  (ibid.) Sie  wird ihm  schließlich insinuieren,
       sooft er gegen die ihm gesetzte Schranke poltert, daß, solange er
       die Eigenheit  hat, Freiheiten  für Eigenheiten  zu erklären, sie
       sich die Freiheit nimmt, seine Eigenheiten für Freiheiten anzuse-
       hen.
       Wie oben  der Unterschied  zwischen menschlicher und einziger Ar-
       beit nur  eine kümmerliche  Aneignung des  Gesetzes von Nachfrage
       und Zufuhr  war, so  ist jetzt  der Unterschied zwischen Freiheit
       und Eigenheit  eine kümmerliche  Aneignung des  Verhältnisses von
       Staat und  bürgerlicher Gesellschaft, oder, wie Herr Guizot sagt,
       der liberté individuelle 2*) und des pouvoir public 3*). Dies ist
       so sehr  der Fall, daß er im Folgenden den Rousseau fast wörtlich
       abschreiben kann:
       
       "Die Übereinkunft,  der Jeder  einen Teil  seiner Freiheit opfern
       muß", geschieht  "ganz und  gar nicht  um eines  Allgemeinen oder
       auch nur  um eines  andern Menschen  willen", sondern  - Ich ging
       vielmehr nur  auf sie  ein aus   E i g e n n u t z.  Was aber das
       Opfern betrifft, so opfere Ich doch wohl nur Dasjenige, was nicht
       in Meiner Gewalt steht, d. h. opfere gar Nichts." p. 418.
       -----
       1*) überall und  immer - 2*) individuellen Freiheit - 3*) öffent-
       lichen Gewalt
       
       #387# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       Diese Qualität  teilt der mit sich einige Fronbauer mit jedem an-
       dern Fronbauer und überhaupt mit jedem Individuum, das je auf der
       Welt gelebt  hat. Vergleiche  auch  Godwin,  "Political  Justice"
       [148]. -  Sancho scheint,  nebenbei bemerkt, die Eigenheit zu be-
       sitzen, zu  glauben, bei  Rousseau schlössen  die Individuen  den
       Vertrag dem  Allgemeinen zuliebe,  was Rousseau  nie  eingefallen
       ist.
       Indessen Ein Trost ist ihm geblieben.
       
       "Der Staat  ist   h e i l i g    ...  der  Verein  aber  ist  ...
       n i c h t  heilig." Und darin besteht "der große Unterschied zwi-
       schen Staat und Verein", p. 411.
       
       Dieser ganze  Unterschied  läuft  also  darauf  hinaus,  daß  der
       "Verein" der wirkliche moderne Staat und der "Staat" die Stirner-
       sche Illusion  vom preußischen  Staat ist,  den er  für den Staat
       überhaupt versieht.
       
       5. Empörung
       
       Sancho traut  seinen feinen Distinktionen zwischen Staat und Ver-
       ein, heilig  und nicht  heilig, menschlich  und einzig, Eigenheit
       und Freiheit  usw. schließlich mit Recht so wenig, daß er zur ul-
       tima ratio 1*) des mit sich einigen Egoisten seine Zuflucht nimmt
       - zur  Empörung. Diesmal  indes empört  er sich  nicht gegen sich
       selbst, wie  er früher  vorgab, sondern  gegen den Verein. Wie er
       sich über alle Punkte erst im Verein klarzuwerden suchte, so auch
       hier mit der Empörung.
       
       "Macht Mir's  die Gemeinde  nicht recht, so empöre Ich Mich gegen
       sie und verteidige Mein Eigentum." p. 343.
       "Gedeiht" die  Empörung nicht, so wird der Verein "ihn ausschlie-
       ßen (einsperren, verbannen usw.)". p. 256, 257.
       
       Sancho sucht  sich hier die droits de l'homme 2*) von 1793, unter
       denen auch  das Recht der Insurrektion [149] aufgezählt wird, an-
       zueignen, ein  Menschenrecht, das  natürlich bittere  Früchte für
       den trägt, der davon nach seinem "eignen" Sinn Gebrauch macht.
       Der ganze Verein Sanchos läuft also auf Folgendes hinaus. Während
       er früher  m der Kritik die bestehenden Verhältnisse nur nach der
       Seite der Illusion betrachtete, sucht er im Verein diese Verhält-
       nisse ihrem  wirklichen Inhalt nach kennenzulernen und diesen In-
       halt gegen die früheren Illusionen
       -----
       1*) [zum] letzten Mittel - 2*) Menschenrechte
       
       #388# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       geltend zu  machen. Bei  diesem Versuch  mußte  unser  ignoranter
       Schulmeister natürlich mit Eklat scheitern. Er hat sich ausnahms-
       weise einmal  bestrebt, sich  "die Natur  der Sache" und "den Be-
       griff des Verhältnisses" anzueignen, aber es ist ihm nicht gelun-
       gen, irgendeiner  Sache oder  einem  Verhältnis  "den  Geist  der
       Fremdheit abzustreifen".
       Nachdem wir jetzt den Verein in seiner wirklichen Gestalt kennen-
       lernten, bleibt  uns nur noch übrig, die schwärmerischen Vorstel-
       lungen, die  Sancho sich von ihm macht, die Religion und Philoso-
       phie des Vereins, zu betrachten.
       
       6. Religion und Philosophie des Vereins
       
       Wir fangen  hier wieder  mit dem  Punkte an, mit dem wir oben die
       Darstellung des Vereins eröffneten. Sancho gebraucht zwei Katego-
       rien, Eigentum  und Vermögen;  die Illusionen  über das  Eigentum
       entsprechen hauptsächlich  den gegebenen positiven Daten über das
       Grundeigentum, die über das Vermögen den Daten über die Organisa-
       tion der Arbeit und das Geldwesen im "Verein".
       
       A. Eigentum
       
       p. 331. "Mir gehört die Welt."
       
       Interpretation seiner Erbpacht an der Parzelle.
       
       p. 343. "Ich bin Eigentümer von Allem, dessen Ich brauche",
       
       eine beschönigende  Umschreibung  davon,  daß  seine  Bedürfnisse
       seine Habe  sind und daß das, was er als Fronbauer braucht, durch
       seine Verhältnisse  bedingt ist. In derselben Weise behaupten die
       Ökonomen, daß  der Arbeiter  Eigentümer von Allem ist, was er als
       Arbeiter braucht.  Siehe die Entwicklung über das Minimum des Sa-
       lärs bei Ricardo. [150]
       
       p. 343. "Jetzt aber gehört Alles Mir."
       
       Musikalischer Tusch  zu seiner  Lohntaxe, seiner Parzelle, seiner
       permanenten Geldklemme  und seinem  Ausgeschlossensein von Allem,
       wovon die  "Sozietät" nicht  will, daß er es allein besitze. Der-
       selbe Satz findet sich p. 327 auch so ausgedrückt:
       
       "Seine" (sc.  des Andern) "Güter sind Mein, und Ich schalte damit
       als Eigentümer nach dem Maße Meiner Gewalt."
       
       Dies hochtönende Allegro marciale 1*) geht folgendermaßen in eine
       sanfte
       -----
       1*) flotte Marschweise
       
       #389# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       Kadenz über,  in welcher es allmählich ganz auf den Hintern fällt
       - gewöhnliches Schicksal Sanchos:
       
       p. 331:  "Mir gehört die Welt. Sagt Ihr" (Kommunisten) "etwas An-
       deres mit dem umgekehrten Satze: Allen gehört die Welt? Alle sind
       Ich und  wieder Ich  usw."  (z.B.  "Robespierre  z.B.,  Samt-Just
       usw.")
       p. 415:  "Ich bin Ich und Du bist Ich, aber ... dieses Ich, worin
       Wir alle  gleich sind,  ist nur  Mein Gedanke - - eine Allgemein-
       heit" (das Heilige).
       
       Die praktische Variation dieses Themas findet sich
       p. 330,  wo die  "Einzelnen als eine Gesamtmasse" (d.h. Alle) dem
       "vereinzelten Einzelnen"  (d.h. Ich  im Unterschied von Alle) als
       regulierende Macht gegenübergestellt werden.
       Diese Dissonanzen lösen sich also schließlich in den beruhigenden
       Schlußakkord auf,  daß, was Ich nicht besitze, jedenfalls das Ei-
       gentum eines  andern "Ich" ist. Das "Eigentum an Allem" ist hier-
       mit nur  die Interpretation davon, daß Jeder ein ausschließliches
       Eigentum besitzt.
       
       p. 336.  "Eigentum ist  aber nur Mein Eigentum, wenn Ich dasselbe
       unbedingt innehabe. Als unbedingtes Ich habe Ich Eigentum, treibe
       freien Handel."
       Wir wissen schon, daß, wenn die Handelsfreiheit und Unbedingtheit
       im Verein  nicht respektiert  wird, damit  nur die  Freiheit  und
       nicht die  Eigenheit angetastet  wird. Das  "unbedingte Eigentum"
       ist ein  passendes Supplement  zu dem  "sichergestellten", garan-
       tierten Eigentum im Verein.
       
       p. 342.  "Nach der  Meinung der Kommunisten soll die Gemeinde Ei-
       gentümerin sein.  Umgekehrt, Ich  bin Eigentümer  und verständige
       Mich nur mit Anderen über Mein Eigentum."
       
       Nach p.  329 sahen wir, wie "sich die société 1*) zur  E i g e n-
       t ü m e r i n   macht", und  nach p.  330, wie  sie "die   E i n-
       z e l n e n  von  i h r e m  Eigentum ausschließt". Überhaupt sa-
       hen wir das Stammlehnswesen, den rohesten Anfang des Lehnswesens,
       eingeführt. Nach  p. 416  ist "Feudalwesen = Eigentumslosigkeit",
       weswegen nach ebenderselben Pagina "im Vereine und nur im Vereine
       das Eigentum  anerkannt wird",  und  zwar  aus  dem  zureichenden
       Grunde, "weil  man das  Seine von  keinem Wesen  mehr  zum  Lehen
       trägt", (ibid.)  D.h., in  dem  bisherigen  Lehnswesen  war  "das
       Wesen" der  Lehnsherr, im  Verein  ist  es  die  société.  Woraus
       wenigstens soviel  hervorgeht, daß Sancho ein "ausschließliches",
       aber keineswegs "sichergestelltes" Eigentum am "Wesen" der bishe-
       rigen Geschichte hat.
       Im Zusammenhang  mit p. 330, wonach jeder Einzelne von dem ausge-
       schlossen
       -----
       1*) Gesellschaft
       
       #390# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       wird, wovon es der Sozietät nicht recht ist, daß er es allein be-
       sitzt, und mit dem Staats- und Rechtswesen des Vereins steht
       
       p. 369:  "Rechtliches und rechtmäßiges Eigentum eines Andern wird
       nur dasjenige  sein, wovon  Dir's recht ist, daß es sein Eigentum
       sei. Hört  es auf,  Dir recht  zu sein,  so hat es für Dich seine
       Rechtmäßigkeit eingebüßt,  und das  absolute Recht daran wirst Du
       verlachen."
       
       Er dokumentiert  hiermit das  erstaunliche Faktum,  daß das,  was
       Rechtens im Verein ist, ihm nicht recht zu sein braucht - ein un-
       bestreitbares Menschenrecht.  Findet sich  im Verein die Institu-
       tion der altfranzösischen Parlamente, die Sancho ja so sehr hebt,
       so wird  er sogar  seinen zu  Protokoll gegebenen Widerwillen auf
       dem Greffe  1*) deponieren  können und  dabei den Trost behalten,
       daß "man nicht von Allem los sein kann".
       Die bisherigen Sätze scheinen mit sich, untereinander und mit der
       Wirklichkeit des  Vereins im Widerspruch zu stehen. Der Schlüssel
       zum Rätsel liegt indes in der schon angeführten juristischen Fik-
       tion, daß  da, wo er vom Eigentum Anderer ausgeschlossen wird, er
       sich bloß  mit diesen  Andern verständigt.  Diese Fiktion wird in
       folgenden Sätzen näher ausgeführt:
       
       p. 369. "Das nimmt ein Ende" (sc. der Respekt vor dem fremden Ei-
       gentum), "wenn  Ich jenen Baum zwar einem Andern überlassen kann,
       wie Ich  meinen Stock usw. einem Andern überlasse, aber nicht von
       vornherein ihn Mir als fremd, d.h. heilig betrachte. Vielmehr ...
       er bleibt  mein Eigentum,  auf solange  Ich ihn auch an Andre ab-
       trete, er  ist und  bleibt Mein.  In dem  Vermögen  des  Bankiers
       s e h e  Ich Nichts Fremdes."
       p. 328.  "Vor Deinem und Eurem Eigentum trete Ich nicht scheu zu-
       rück, sondern   s e h e   es stets als Mein Eigentum  a n,  woran
       Ich Nichts zu respektieren brauche. Tut doch desgleichen mit dem,
       was Ihr  Mein Eigentum  nennt! Bei  dieser  A n s i c h t  werden
       Wir uns am leichtesten miteinander verständigen.
       
       Wenn Sancho  nach den  Statuten des  Vereins "mit Kolben gelaust"
       wird, sobald  er nach  fremdem Eigentum zugreift, so wird er zwar
       behaupten, es sei seine "Eigenheit", lange Finger zu machen, aber
       der Verein wird dekretieren, Sancho habe sich nur eine "Freiheit"
       herausgenommen. Und  wenn Sancho  so "frei"  ist, zuzugreifen, so
       hat der Verein die "Eigenheit", ihm dafür Hiebe zu diktieren.
       Die Sache  selbst ist die. Das bürgerliche, und zwar speziell das
       kleinbürgerliche und  kleinbäuerliche Eigentum  bleibt im  Verein
       bestehen, wie  wir sahen.  Nur die   I n t e r p r e t a t i o n,
       die  "A n s i c h t",  ist eine verschiedene, weshalb auch Sancho
       den Akzent stets auf das "Ansehen" legt. Die "Verständigung" wird
       damit vollzogen,  daß diese  neue Philosophie  des Ansehens  beim
       ganzen
       -----
       1*) [auf der] Gerichtskanzlei
       
       #391# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       Verein zu Ansehen kommt. Diese Philosophie besteht darin, daß er-
       stens jedes Verhältnis, sei es durch ökonomische Bedingungen oder
       durch  direkten  Zwang  herbeigeführt,  für  ein  Verhältnis  der
       "Verständigung" angesehen wird; zweitens, daß man sich einbildet,
       alles Eigentum Andrer sei ihnen von uns überlassen und bleibe ih-
       nen nur  solange, bis  wir die  Gewalt haben, es ihnen zu nehmen,
       und bekommen  wir diese Gewalt nie, tant mieux 1*); drittens, daß
       Sancho und  sein Verein  sich in der Theorie die gegenseitige Re-
       spektslosigkeit garantieren,  während in  der Praxis  der  Verein
       vermittelst des  Stockes sich  mit Sancho "verständigt", und end-
       lich, daß  diese "Verständigung"  eine bloße Phrase ist, da Jeder
       weiß, daß die Andern sie nur mit dem geheimen Vorbehalt eingegan-
       gen sind, sie bei der nächsten Gelegenheit wieder umzustoßen. Ich
       sehe in  Deinem Eigentum  nicht das  Deine, sondern das Meine; da
       jedes Ich dies tut, so sehen sie das  A l l g e m e i n e  darin,
       wobei wir  denn bei der modern-deutschphilosophischen Interpreta-
       tion des  gewöhnlichen, besondern  und ausschließlichen Privatei-
       gentums angelangt sind.
       Zu der  Philosophie des  Vereins über  das Eigentum  gehören u.a.
       auch noch  folgende, aus  dem System Sanchos hervorgehende Marot-
       ten:
       p. 342,  daß man  durch die  Respektslosigkeit im Verein Eigentum
       erwerben kann,  p. 351,  daß "Wir  Alle im Vollen sitzen" und Ich
       "nur zuzulangen  habe, so  gut Ich kann" - während doch der ganze
       Verein zu  den sieben magern Kühen Pharaonis gehört, und endlich,
       daß Sancho  "Gedanken hegt", die "in seinem Buche stehen", was p.
       374 in der unvergleichlichen an sich gerichteten, den drei Heine-
       schen Oden  an Schlegel  [151] nachgemachten  Ode besungen  wird:
       "D u,   d e r  D u  solche Gedanken, wie sie in Deinem Buche ste-
       hen, hegst  - Unsinn!"  Dies ist  die Hymne, die Sancho vorläufig
       sich selbst dekretiert und worüber sich später der Verein mit ihm
       "verständigen" wird.
       Schließlich versteht  es sich  auch ohne "Verständigung", daß das
       Eigentum im außergewöhnlichen Verstande, von dem wir schon in der
       Phänomenologie sprachen,  im Verein  als "gangbares" und "kursie-
       rendes Eigentum"  an Zahlungs  Statt angenommen  wird.  Über  die
       einfachen Tatsachen,  z.B., daß  Ich Mitgefühl  hege, daß Ich mit
       Andern spreche,  daß Mir  ein Bein  amputiert (resp. ausgerissen)
       wird, wird  der Verein sich dahin verständlichen, daß "das Gefühl
       der Fühlenden  auch das  Meinige, ein  Eigentum ist", p. 387; daß
       auch fremde  Ohren und  Zungen Mein  Eigentum sind;  daß auch me-
       chanische Verhältnisse  Mein Eigentum sind. So wird das Akkapare-
       ment im  Verein hauptsächlich  darin bestehen,  daß alle Verhält-
       nisse vermöge  einer leichten Paraphrase in Eigentumsverhältnisse
       verwandelt werden. Diese neue Ausdrucksweise
       -----
       1*) um so besser
       
       #392# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       schon jetzt grassierender "Übelstände" ist ein "wesentliches Mit-
       tel oder  Vermögen" im  Verein und wird das bei dem "sozialen Ta-
       lente" Sanchos  unvermeidliche Defizit an Lebensmitteln glücklich
       decken.
       
       B. Vermögen
       
       p. 216:  "Werde  Jeder  von  Euch  ein    a l l m ä c h t i g e s
       I c h!"
       p. 353: "Denke auf die Vergrößerung Deines Vermögens!"
       p. 420: "Haltet auf den Wert Eurer Gaben",
       "Haltet sie im Preise",
       "Laßt Euch nicht zwingen, unter dem Preise loszuschlagen",
       "Laßt Euch nicht einreden, Eure Ware sei nicht preiswürdig",
       "Macht Euch nicht zum Gespötte durch einen Spottpreis",
       "Ahmt den Tapfern nach" etc.!
       p. 420: "Verwertet Euer Eigentum!"
       "Verwerte Dich!"
       
       Diese Sittensprüchlem,  die Sancho  von einem andalusischen Scha-
       cherjuden gelernt hat, der seinem Sohne Lebens- und Handelsregeln
       gab, und  die er jetzt aus seinem Schnappsack hervorlangt, bilden
       das Hauptvermögen  des Vereins.  Die Grundlage aller dieser Sätze
       ist der große Satz p. 351:
       
       "Alles, was Du vermagst, ist Dein Vermögen."
       
       Dieser Satz  hat entweder  keinen, d.h. einen bloß tautologischen
       Sinn oder  einen Unsinn. Tautologie ist er, wenn er heißt: Was Du
       vermagst, vermagst  Du. Unsinn  ist er,  wenn das  Vermögen Nr. 2
       Vermögen "im  gewöhnlichen Verstand", Handelsvermögen, ausdrücken
       soll, und wenn also auf diese Etymologie basiert wird. Die Kolli-
       sion besteht  eben dann,  daß meinem  Vermögen etwas Anderes, als
       dies Vermögen  leisten kann, zugemutet wird, z.B. von meinem Ver-
       mögen, Verse  zu machen, verlangt wird, Geld aus diesen Versen zu
       machen. Man  verlangt eben von meinem Vermögen etwas ganz Anderes
       als das eigentümliche Produkt dieses besondern Vermögens, nämlich
       ein von  fremden, meinem Vermögen nicht unterworfenen Verhältnis-
       sen abhängiges  Produkt. Diese Schwierigkeit soll im Verein durch
       etymologische Synonymik  gelöst  werden.  Man  sieht,  wie  unser
       egoistischer Schulmeister auf einen ansehnlichen Posten im Verein
       spekuliert. Übrigens  ist diese  Schwierigkeit nur scheinbar. Das
       gewöhnliche Kern-  und Sittensprüchlein  der Bourgeois : Anything
       is good  to make  money of  1*), wird hier in Sanchos feierlicher
       Manier breitgetreten.
       -----
       1*) Aus allem, was es auch sei, kann man Geld machen
       
       #393# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       C. Moral, Verkehr, Exploitationstheorie
       
       p. 352. "Egoistisch verfahrt Ihr, wenn Ihr einander weder als In-
       haber noch als Lumpe oder Arbeiter achtet, sondern als einen Teil
       Eures Vermögens, als  b r a u c h b a r e  S u b j e k t e.  Dann
       werdet Ihr weder dem Inhaber, Eigentümer für seine Habe etwas ge-
       ben, noch Dem, der arbeitet, sondern allein Dem, den Ihr braucht.
       Brauchen Wir einen König? fragen sich die Nordamerikaner und ant-
       worten: Nicht einen Heller ist er und seine Arbeit Uns wert."
       
       Dagegen wirft er p. 229 der "Bürgerperiode" vor:
       
       "Statt Mich  zu nehmen, wie Ich bin, sieht man lediglich auf Mein
       Eigentum, Meine  Eigenschaften, und schließt mit Mir einen eheli-
       chen 1*)  Bund, nur  um Meines  Besitztums willen.  Man  heiratet
       gleichsam, was Ich habe, nicht was Ich bin."
       
       D.h. also,  man nimmt bloß Rücksicht auf das, was Ich für den An-
       dern bin, auf Meine Brauchbarkeit, man behandelt Mich als brauch-
       bares Subjekt. Sancho spuckt der "Bürgerperiode" in die Suppe, um
       sie im Verein ganz allein auszufressen.
       Wenn die  Individuen der heutigen Gesellschaft einander als Inha-
       ber, als  Arbeiter, und,  wenn Sancho  will, als Lumpe achten, so
       heißt das  ja weiter Nichts, als daß sie sich als brauchbare Sub-
       jekte behandeln, ein Faktum, das nur ein so unbrauchbares Indivi-
       duum wie  Sancho in Zweifel zu ziehen vermag. Der Kapitalist, der
       den Arbeiter  "als Arbeiter  achtet", nimmt nur deshalb Rücksicht
       auf ihn,  weil er  Arbeiter braucht; der Arbeiter macht es ebenso
       mit dem  Kapitalisten; wie  denn auch die Amerikaner nach Sanchos
       Meinung (er möge uns anzeigen, welcher Quelle er dies historische
       Faktum entnommen)    d e s w e g e n    keinen  König    b r a u-
       c h e n,   weil sie  ihn nicht  a l s  A r b e i t e r  brauchen.
       Sancho hat  sein Beispiel  wieder mit  seinem gewöhnlichen  Unge-
       schick gewählt,  indem es  gerade das  Gegenteil von dem beweisen
       soll, was es wirklich beweist.
       
       p. 395.  "Du bist für Mich Nichts als eine Speise, gleichwie auch
       Ich von Dir verspeiset und verbraucht werde. Wir haben zueinander
       nur Eine  Beziehung: die  der Brauchbarkeit, der Nutzbarkeit, des
       Nutzens."
       p. 416.  "Es ist  Keiner für  Mich eine  Respektsperson, auch der
       Mitmensch nicht,  sondern lediglich  wie andre   W e s e n"   (!)
       "ein   G e g e n s t a n d,  für den Ich Teilnahme habe oder auch
       nicht, ein  interessanter oder  uninteressanter  Gegenstand,  ein
       brauchbares oder unbrauchbares Subjekt."
       
       Das Verhältnis der "Brauchbarkeit", welches im Verein die  e i n-
       z i g e   Beziehung der  Individuen aufeinander  sein soll,  wird
       sogleich  wieder  paraphrasiert  in  das  gegenseitige    "V e r-
       s p e i s e n".  Die "vollendeten Christen" des Vereins
       -----
       1*) Bei Stirner: ehrlichen
       
       #394# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       eins verzehren  natürlich auch ein Abendmahl, nur nicht miteinan-
       der, sondern aneinander.
       Wie sehr  diese Theorie  der  wechselseitigen  Exploitation,  die
       Bentham bis zum Überdruß ausführte, schon im Anfange dieses Jahr-
       hunderts als  eine Phase des vorigen aufgefaßt werden konnte, be-
       weist Hegel  in der  "Phänomenologie". Siehe daselbst das Kapitel
       "Der Kampf der Aufklärung mit dem Aberglauben", wo die Brauchbar-
       keitstheorie als  das letzte  Resultat der Aufklärung dargestellt
       wird. Die  scheinbare Albernheit,  welche alle die mannigfaltigen
       Verhältnisse der  Menschen zueinander in das  E i n e  Verhältnis
       der Brauchbarkeit auflöst, diese scheinbar metaphysische Abstrak-
       tion geht  daraus hervor, daß innerhalb der modernen bürgerlichen
       Gesellschaft alle Verhältnisse unter das Eine abstrakte Geld- und
       Schacherverhältnis praktisch  subsumiert sind.  Diese Theorie kam
       auf mit Hobbes und Locke, gleichzeitig mit der ersten und zweiten
       englischen Revolution,  den ersten  Schlägen, wodurch  die  Bour-
       geoisie sich politische Macht eroberte. Bei ökonomischen Schrift-
       stellern ist  sie natürlich schon früher stillschweigende Voraus-
       setzung. Die eigentliche Wissenschaft dieser Nützlichkeitstheorie
       ist die  Ökonomie; in den Physiokraten [89] erhält sie ihren wah-
       ren Inhalt,  da diese  zuerst die Ökonomie systematisch zusammen-
       fassen. Schon  bei Helvétius und Holbach findet sich eine Ideali-
       sierung dieser  Lehre, die  ganz der oppositionellen Stellung der
       französischen Bourgeoisie vor der Revolution entspricht. Bei Hol-
       bach wird  alle Betätigung der Individuen durch ihren gegenseiti-
       gen Verkehr  als Nützlichkeits-  und Benutzungsverhältnis  darge-
       stellt, z.B.  Sprechen, Lieben  etc. Die wirklichen Verhältnisse,
       die hier  vorausgesetzt werden,  sind also  Sprechen, Lieben, be-
       stimmte Betätigungen  bestimmter  Eigenschaften  der  Individuen.
       Diese Verhältnisse  sollen nun  nicht die ihnen  e i g e n t ü m-
       l i c h e  Bedeutung haben, sondern der Ausdruck und die Darstel-
       lung eines  dritten, ihnen  untergeschobenen Verhältnisses  sein,
       des   N ü t z l i c h k e i t s-   o d e r   B e n u t z u n g s-
       v e r h ä l t n i s s e s.   Diese  U m s c h r e i b u n g  hört
       erst dann  auf, sinnlos  und willkürlich  zu  sein,  sobald  jene
       Verhältnisse den  Individuen nicht  ihrer  selbst  wegen  gelten,
       nicht als  Selbstbetätigung, sondern  vielmehr als  Verkleidungen
       keineswegs der  Kategorie  Benutzung,  sondern  eines  wirklichen
       dritten Zwecks und Verhältnisses, welches Nützlichkeitsverhältnis
       heißt.
       Die Maskerade  in der  Sprache hat  nur dann einen Sinn, wenn sie
       der unbewußte  oder bewußte  Ausdruck einer  wirklichen Maskerade
       ist. In  diesem Falle  hat das Nützlichkeitsverhältnis einen ganz
       bestimmten Sinn,  nämlich den, daß ich mir dadurch nütze, daß ich
       einem Andern  Abbruch tue  (exploitation de  l'homme par  l'homme
       1*)); in diesem Falle ist ferner der Nutzen, den ich
       -----
       1*) Ausbeutung des Menschen durch den Menschen
       
       #395# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       aus  einem  Verhältnisse  ziehe,  diesem  Verhältnisse  überhaupt
       fremd, wie  wir oben  beim Vermögen sahen, daß von jedem Vermögen
       ein ihm  fremdes Produkt verlangt wird, eine Beziehung, die durch
       die gesellschaftlichen  Verhältnisse bestimmt ist - und diese ist
       eben die  Nützlichkeitsbeziehung. Dies Alles ist wirklich bei dem
       Bourgeois der  Fall. Ihm gilt nur ein Verhältnis um seiner selbst
       willen, das  Exploitationsverhältnis;  alle  andern  Verhältnisse
       gelten ihm  nur so  weit, als  er sie  unter dies eine Verhältnis
       subsumieren kann,  und selbst  wo ihm Verhältnisse vorkommen, die
       sich dem Exploitationsverhältnis nicht direkt unterordnen lassen,
       subordiniert er  sie ihm  wenigstens in der Illusion. Der materi-
       elle Ausdruck  dieses Nutzens  ist das Geld, der Repräsentant der
       Werte aller  Dinge, Menschen und gesellschaftlichen Verhältnisse.
       Im Übrigen sieht man auf den ersten Blick, daß aus den wirklichen
       Verkehrsbeziehungen, in  denen ich zu andern Menschen stehe, kei-
       neswegs aber  aus Reflexion und bloßem Willen, erst die Kategorie
       "Benutzen" abstrahiert  wird und dann umgekehrt jene Verhältnisse
       für die  Wirklichkeit dieser aus ihnen selbst abstrahierten Kate-
       gorie ausgegeben werden, eine ganz spekulative Methode zu verfah-
       ren. Ganz  in derselben  Weise und mit demselben Rechte hat Hegel
       alle Verhältnisse  als Verhältnisse des objektiven Geistes darge-
       stellt. Holbachs  Theorie ist  also die  historisch  berechtigte,
       philosophische Illusion  über die  eben in Frankreich aufkommende
       Bourgeoisie, deren Exploitationslust noch ausgelegt werden konnte
       als Lust  an der  vollen Entwicklung  der Individuen in einem von
       den alten  feudalen Banden  befreiten Verkehr.  Die Befreiung auf
       dem Standpunkte  der Bourgeoisie,  die Konkurrenz, war allerdings
       für das achtzehnte Jahrhundert die einzig mögliche Weise, den In-
       dividuen eine neue Laufbahn freierer Entwicklung zu eröffnen. Die
       theoretische Proklamation des dieser Bourgeoispraxis entsprechen-
       den Bewußtseins, des Bewußtseins der wechselseitigen Exploitation
       als des  allgemeinen Verhältnisses  aller Individuen  zueinander,
       war ebenfalls  ein kühner  und offner Fortschritt, eine profanie-
       rende   A u f k l ä r u n g   über die  politische, patriarchali-
       sche, religiöse  und gemütliche Verbrämung der Exploitation unter
       der Feudalität;  eine Verbrämung,  die der damaligen Form der Ex-
       ploitation entsprach  und namentlich  von den Schriftstellern der
       absoluten Monarchie systematisiert worden war.
       Selbst wenn  Sancho in  seinem "Buche"  dasselbe getan hätte, was
       Helvétius und  Holbach im  vorigen Jahrhundert taten, so wäre der
       Anachronismus immer  noch lächerlich. Aber wir sahen, wie er [a]n
       die Stelle  des tätigen Bourgeoisegoismus einen rodomontierenden,
       mit sich ei[ni]gen Egoismus setzte. Sein einziges Ver[die]nst hat
       er wider  seinen Willen und ohne es zu wissen: das Verdienst, der
       Ausdruck der deutschen Kleinbürger von heute zu
       
       #396# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       sein, die  danach trachten,  Bourgeois zu  werden. Es war ganz in
       der Ordnung, daß, so kleinlich, zaghaft und befangen diese Bürger
       praktisch auftreten,  ebenso  marktschreierisch,  bramarbasierend
       und vorwitzig "der Einzige" unter ihren philosophischen Repräsen-
       tanten in  die Welt  hinaus renommierte; es paßt ganz zu den Ver-
       hältnissen dieser  Bürger, daß  sie von ihrem theoretischen Maul-
       helden Nichts wissen wollen und er Nichts von ihnen weiß, daß sie
       miteinander uneinig  sind und  er den  mit sich  einigen Egoismus
       predigen muß;  Sancho sieht jetzt vielleicht, durch welche Nabel-
       schnur  s e i n  "Verein" mit dem Zollverein [152] zusammenhängt.
       Die Fortschritte  der  Nützlichkeits-  und  Exploitationstheorie,
       ihre verschiedenen Phasen hängen genau zusammen mit den verschie-
       denen Entwicklungsepochen der Bourgeoisie. Bei Helvétius und Hol-
       bach war  sie dem wirklichen Inhalt nach nie weit darüber hinaus-
       gekommen, die  Ausdrucksweise der Schriftsteller aus der Zeit der
       absoluten Monarchie zu umschreiben. Es war eine andere Ausdrucks-
       weise, mehr  der Wunsch, alle Verhältnisse auf das Exploitations-
       verhältnis zurückzuführen,  den Verkehr  aus den  materiellen Be-
       dürfnissen und den Weisen ihrer Befriedigung zu erklären, als die
       Tat selbst.  Die Aufgabe  war gestellt.  Hobbes und  Locke hatten
       sowohl die frühere Entwicklung der holländischen Bourgeoisie (sie
       lebten Beide eine Zeitlang in Holland) wie die ersten politischen
       Aktionen, durch welche die Bourgeoisie in England aus der lokalen
       und provinziellen Beschränkung heraustrat, und eine schon relativ
       entwickelte Stufe  der Manufaktur, des Seehandels und der Koloni-
       sation vor  Augen: besonders  Locke, der gleichzeitig mit der er-
       sten Periode der englischen Ökonomie, mit dem Entstehen der Akti-
       engesellschaften, der  englischen Bank und der Seeherrschaft Eng-
       lands schrieb.  Bei ihnen,  und namentlich bei Locke, ist die Ex-
       ploitationstheone noch  unmittelbar mit  ökonomischem Inhalt ver-
       bunden.
       Helvétius und Holbach hatten außer der englischen Theorie und der
       bisherigen Entwicklung  der holländischen  und  englischen  Bour-
       geoisie die  um ihre freie Entfaltung noch kämpfende französische
       Bourgeoisie vor sich. Der allgemeine kommerzielle Geist des acht-
       zehnten Jahrhunderts  hatte namentlich  in Frankreich in der Form
       der Spekulation  alle Klassen ergriffen. Die Finanzverlegenheiten
       der Regierung und die daraus entspringenden Debatten über die Be-
       steuerung beschäftigten  schon damals  ganz Frankreich. Dazu kam,
       daß Paris  im achtzehnten  Jahrhundert die einzige Weltstadt war,
       die einzige  Stadt, in welcher ein persönlicher Verkehr von Indi-
       viduen aller  Nationen stattfand.  Diese Prämissen,  zusammen mit
       dem universelleren  Charakter der  Franzosen überhaupt, gaben der
       Theorie von  Helvétius und  Holbach die  eigentümliche allgemeine
       Färbung, nahmen ihr aber zugleich
       
       #397# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       den noch  bei den Engländern vorfindlichen positiven ökonomischen
       Inhalt. Die Theorie, die bei den Engländern noch einfache Konsta-
       tierung 1*)  einer Tatsache  war, wird bei den Franzosen zu einem
       philosophischen System. Diese des positiven Inhalts beraubte All-
       gemeinheit, wie sie in Helvétius und Holbach hervortritt, ist we-
       sentlich verschieden  von der  inhaltsvollen Totalität,  die erst
       bei Bentham  und Mill  sich findet.  Die erstere  entspricht  der
       kämpfenden, noch unentwickelten Bourgeoisie, die zweite der herr-
       schenden, entwickelten.
       Der von  Helvétius und  Holbach vernachlässigte  Inhalt  der  Ex-
       ploitationstheone wurde  gleichzeitig mit  Letzterem von den Phy-
       siokraten entwickelt und systematisiert; da ihnen aber die unent-
       wickelten ökonomischen  Verhältnisse Frankreichs  zugrunde lagen,
       wo der  den Grundbesitz  zur Hauptsache machende Feudalismus noch
       ungebrochen war,  so blieben  sie insofern in der feudalistischen
       Anschauungsweise befangen,  daß sie den Grundbesitz und die Agri-
       kulturarbeit für diejenige [Produktivkraft] erklärten, welche die
       ganze Gestaltung der Gesellschaft bedingt.
       Die weitere  Entwicklung der  Exploitationstheone ging in England
       durch Godwin,  besonders aber durch Bentham vor sich, der den von
       den Franzosen  vernachlässigten ökonomischen Inhalt nach und nach
       wieder hereinnahm, je weiter sich die Bourgeoisie, sowohl in Eng-
       land wie  in Frankreich, durchsetzte. Godwins "Political Justice"
       wurde während der Schreckensperiode, die Hauptwerke Benthams wäh-
       rend und  seit der  französischen Revolution  und der Entwicklung
       der großen  Industrie in  England geschrieben.  Die  vollständige
       Vereinigung der  Nützlichkeitstheorie mit der Ökonomie finden wir
       endlich bei Mill.
       Die Ökonomie, die früher entweder von Finanzmännern, Bankiers und
       Kaufleuten, also überhaupt von Leuten, die unmittelbar mit ökono-
       mischen Verhältnissen  zu tun hatten, oder von allgemein gebilde-
       ten Männern  wie Hobbes, Locke, Hume behandelt wurde, für die sie
       als ein  Zweig des enzyklopädischen Wissens Bedeutung hatte - die
       Ökonomie wurde  erst durch  die Physiokraten  zu einer  besondern
       Wissenschaft erhoben  und seit  ihnen als  eine solche behandelt.
       Als besondere Fachwissenschaft nahm sie die übrigen, politischen,
       juristischen etc. Verhältnisse so weit in sich auf, daß sie diese
       Verhältnisse auf  ökonomische reduzierte.  Sie hielt  aber  diese
       Subsumtion aller  Verhältnisse unter sich nur für eine Seite die-
       ser Verhältnisse  und ließ ihnen damit im Übrigen auch eine selb-
       ständige Bedeutung  außer der  Ökonomie. Die vollständige Subsum-
       tion aller existierenden Verhältnisse unter das Nützlichkeitsver-
       hältnis,
       -----
       1*) MEGA: bei den Engländern einfache Konstatierung
       
       #398# Karl Marx und Friedrich Engels
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       die unbedingte  Erhebung  dieses  Nützlichkeitsverhältnisses  zum
       einzigen Inhalt  aller übrigen,  finden wir  erst bei Bentham, wo
       nach der  französischen Revolution und der Entwicklung der großen
       Industrie die  Bourgeoisie nicht  mehr als  eine besondre Klasse,
       sondern als  die Klasse auftritt, deren Bedingungen die Bedingun-
       gen der ganzen Gesellschaft sind.
       Nachdem die  sentimentalen und  moralischen Paraphrasen,  die bei
       den Franzosen  den ganzen  Inhalt der Nützlichkeitstheorie bilde-
       ten, erschöpft  waren, blieb für eine 1*) fernere Ausbildung die-
       ser Theorie nur noch die Frage übrig, wie die Individuen und Ver-
       hältnisse zu  benutzen, zu  exploitieren seien.  Die Antwort  auf
       diese Frage  war inzwischen in der Ökonomie schon gegeben worden;
       der einzig mögliche Fortschritt lag m dem Hereinnehmen des ökono-
       mischen Inhalts.  Bentham vollzog diesen Fortschritt. In der Öko-
       nomie aber  war es  schon ausgesprochen,  daß die hauptsächlichen
       Verhältnisse der  Exploitation unabhängig von dem Willen der Ein-
       zelnen durch die Produktion im Ganzen und Großen bestimmt und von
       den einzelnen Individuen fertig vorgefunden werden. Es blieb also
       für die  Nützlichkeitstheorie kein  anderes Feld  der Spekulation
       als die  Stellung der  Einzelnen zu  diesen großen Verhältnissen,
       die Privat-Exploitation  einer vorgefundenen  Welt durch die ein-
       zelnen Individuen.  Hierüber hat  Bentham und  seine Schule lange
       moralische Reflexionen angestellt. Die ganze Kritik der bestehen-
       den Welt  durch die  Nützlichkeitstheorie erhielt hierdurch eben-
       falls einen  beschränkten Gesichtskreis.  In den  Bedingungen der
       Bourgeoisie befangen,  blieben ihr zur Kritik nur diejenigen Ver-
       hältnisse, die aus einer früheren Epoche überkommen waren und der
       Entwicklung der  Bourgeoisie im  Wege standen. Die Nützlichkeits-
       theone entwickelt  daher allerdings  den Zusammenhang  sämtlicher
       bestehenden Verhältnisse  mit ökonomischen, aber nur auf eine be-
       schränkte Weise.
       Die Nützlichkeitstheorie  hatte von  vornherein den Charakter der
       Gemeinnützlichkeitstheorie; dieser  Charakter wurde  jedoch  erst
       inhaltsvoll mit  dem Hereinnehmen  der ökonomischen Verhältnisse,
       speziell der  Teilung der Arbeit und des Austausches. In der Tei-
       lung der  Arbeit wird  die Privattätigkeit  des Einzelnen gemein-
       nützlich; die Gemeinnützlichkeit Benthams reduziert sich auf die-
       selbe Gemeinnützlichkeit, die überhaupt in der Konkurrenz geltend
       gemacht wird.  Durch das  Hereinziehen der  ökonomischen Verhält-
       nisse von Grundrente, Profit und Arbeitslohn kamen die bestimmten
       Exploitationsverhältnisse der  einzelnen Klassen  herein, da  die
       Art der  Exploitation von  der Lebensstellung des Exploitierenden
       abhängt. Bis hieher konnte die
       -----
       1*) MEGA: für die
       
       #399# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       Nützlichkeitstheorie sich  an bestimmte  gesellschaftliche Tatsa-
       chen anschließen; ihr weiteres Eingehen auf die Art der Exploita-
       tion verläuft sich in Katechismusphrasen.
       Der ökonomische  Inhalt verwandelte  1*) die Nützlichkeitstheorie
       allmählich in  eine bloße  Apologie des  Bestehenden 2*),  in den
       Nachweis, daß  unter den  existierenden Bedingungen  die jetzigen
       Verhältnisse der Menschen zueinander die vorteilhaftesten und ge-
       meinnützlichsten seien.  Diesen Charakter  trägt  sie  bei  allen
       neueren Ökonomen.
       Während so  die Nützlichkeitstheorie wenigstens den Vorzug hatte,
       den Zusammenhang  aller bestehenden Verhältnisse mit den ökonomi-
       schen Grundlagen  der Gesellschaft anzudeuten, hat sie bei Sancho
       allen positiven Inhalt verloren, abstrahiert von allen wirklichen
       Verhältnissen und beschränkt sich auf die bloße Illusion des ein-
       zelnen Bürgers  über seine "Gescheitheit", mit der er die Welt zu
       exploitieren glaubt.  Übrigens läßt sich Sancho nur an sehr weni-
       gen  Stellen   auf  die  Nützlichkeitstheorie  selbst  in  dieser
       verdünnten Gestalt  ein; der  mit sich  einige Egoismus, d.h. die
       Illusion über  diese Illusion  des Kleinbürgers, erfüllt fast das
       ganze "Buch",  wie wir  gesehen haben.  Und selbst  diese wenigen
       Stellen löst  Sancho schließlich, wie sich zeigen wird, in blauen
       Dunst auf.
       
       D. Religion
       
       "In dieser  Gemeinsamkeit" (sc. mit andern Leuten)  "s e h e  Ich
       durchaus nichts Anderes als eine Multiplikation Meiner Macht, und
       nur solange  sie Meine  vervielfachte Kraft  ist, behalte Ich sie
       bei." p. 416.
       "Ich   d e m ü t i g e   Mich vor  keiner Macht  mehr und    e r-
       k e n n e,   daß alle  Mächte nur  Meine Macht  sind, die Ich so-
       gleich zu  unterwerfen habe,  wenn sie eine Macht gegen oder über
       Mich zu  werden drohen; jede derselben  d a r f  nur eins  M e i-
       n e r  M i t t e l  sein. Mich durchzusetzen."
       
       Ich   "s e h e   a n",   ich  "e r k e n n e",  ich  "h a b e  zu
       unterwerfen", die  Macht  "d a r f  nur eins Meiner Mittel sein".
       Was diese  moralischen Forderungen zu bedeuten haben und wie sehr
       sie der  Wirklichkeit entsprechen,  hat sich  uns  beim  "Verein"
       selbst gezeigt.  Mit dieser  Illusion von seiner Macht hängt denn
       auch genau  die andre  zusammen, daß  im  Verein  "die  Substanz"
       (siehe "Humaner  Liberalismus") vernichtet  wird und die Verhält-
       nisse der  Vereinsglieder nie  eine feste  Gestalt gegenüber  den
       einzelnen Individuen gewinnen.
       
       "Der Verein,  die Vereinigung,  diese stets  flüssige Vereinigung
       Alles Bestandes  ... Allerdings  entsteht auch  durch Verein eine
       Gesellschaft, aber  nur, wie  durch einen Gedanken eine fixe Idee
       entsteht ... Hat sich ein Verein zur Gesellschaft kristallisiert,
       so hat  er aufgehört,  eine Vereinigung zu sein; denn Vereinigung
       ist ein unaufhörliches
       -----
       1*) MEGA: verwandelt - 2*) MEGA: der Bestehenden
       
       #400# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       Sich-Vereinigen; er  ist zu  einem  Vereinigtsein  geworden,  der
       Leichnam des  Vereins oder der Vereinigung - Gesellschaft ... Den
       Verein hält  weder ein natürliches noch ein geistiges Band zusam-
       men." p. 294, 408, 416.
       
       Was das "natürliche Band" anbetrifft, so existiert das trotz San-
       chos "Widerwillen"  in der  Fronbauerwirtschaft und  Organisation
       der Arbeit etc. im Verein, ebenso das "geistige Band" in der San-
       choschen Philosophie. Im Übrigen brauchen wir nur auf das zu ver-
       weisen, was  wir mehrmals  und noch  beim Verein über die auf der
       Teilung der  Arbeit beruhende  Verselbständigung der Verhältnisse
       gegenüber den Individuen gesagt haben.
       "Kurz, die  Gesellschaft ist   h e i l i g,   der Verein ist Dein
       e i g e n:   die Gesellschaft  verbraucht Dich,  den Verein  ver-
       brauchst Du" usw. p. 418.
       
       E. Nachträgliches zum Verein
       
       Während wir bisher keine andre Möglichkeit sahen, in den "Verein"
       zu kommen,  als durch  die Empörung,  erfahren wir  jetzt aus dem
       Kommentar, daß  der "Verein von Egoisten" bereits "zu Hunderttau-
       senden" von  Exemplaren existiert  als eine Seite der bestehenden
       bürgerlichen Gesellschaft und uns auch ohne alle Empörung und je-
       den "Stirner" zugänglich ist. Sancho zeigt uns dann
       
       "solche Vereine  im Leben.  Faust befindet sich mitten in solchen
       Vereinen, als  er ausruft: Hier bin ich  M e n s c h"  (!), "hier
       darf ich's  sein [153]  - Goethe  gibt's hier  sogar schwarz  auf
       weiß" ("aber  Humanus heißt  der Heilige,  s. Goethe" [154], vgl.
       "das Buch")  ... "Sähe  Heß das wirkliche Leben aufmerksam an, so
       würde er  Hunderttausende von solchen teils schnell vorübergehen-
       den, teils dauernden egoistischen Vereinen vor Augen haben."
       Sancho läßt  dann vor  Heß' Fenster "Kinder" zum Spiele zusammen-
       laufen, "ein  paar gute  Bekannte" ihn ins Wirtshaus abnehmen und
       ihn mit seiner "Geliebten" sich vereinigen.
       
       "Freilich wird  Heß es diesen trivialen Beispielen nicht ansehen,
       wie inhaltsschwer und wie himmelweit verschieden sie von den hei-
       ligen Gesellschaften,  ja von  der brüderlichen, menschlichen Ge-
       sellschaft der  heiligen Sozialisten  sind." (Sancho  contra Heß,
       Wigand, p. 193,194.)
       
       Ebenso ist schon p. 305 "des Buchs" "die Vereinigung zu materiel-
       len Zwecken  und Interessen" als freiwilliger Verein von Egoisten
       zu Gnaden angenommen worden.
       Der Verein  reduziert sich  hier also  einerseits auf  die  Bour-
       geoisassoziationen und Aktiengesellschaften, andererseits auf die
       Bürgerressourcen 1*),
       -----
       1*) Name geselliger Vereine
       
       #401# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
       -----
       Picknicks usw.  Daß die  ersteren ganz  der  g e g e n w ä r t i-
       g e n  E p o c h e  angehören, ist bekannt, und daß die letzteren
       nicht  minder,  ist  ebenfalls  bekannt.  Sancho  möge  sich  die
       "Vereine" einer  früheren Epoche,  etwa der  Feudalzeit, oder die
       anderer Nationen,  etwa die der Italiener, Engländer etc. bis auf
       die Kinder  herab, ansehen, um den Unterschied kennenzulernen. Er
       bestätigt durch  diese neue Interpretation des Vereins nur seinen
       eingerosteten Konservatismus.  Sancho, der  die ganze bürgerliche
       Gesellschaft in  sein vorgebliches neues Institut aufnahm, soweit
       sie ihm  angenehm war, Sancho beteuert hier nachträglich nur, daß
       man in  seinem Verein  sich auch  amüsieren,  und  zwar  ganz  in
       hergebrachter Weise  amüsieren wird.  Welche unabhängig  von  ihm
       existierenden Verhältnisse  ihn in  den Stand  oder  außer  Stand
       setzen, "ein  paar gute  Bekannte m  ein Weinhaus  zu begleiten",
       daran denkt unser Bon-homme natürlich nicht.
       Die hier  nach Berliner  Hörensagen verstirnerte  Idee, die ganze
       Gesellschaft in  freiwillige Gruppen  aufzulösen, gehört  Fourier
       an. [155] Aber bei Fourier hat diese Anschauung eine totale Umge-
       staltung der  Gesellschaft zur  Voraussetzung und basiert auf der
       Kritik der  bestehenden, von  Sancho so bewunderten "Vereine" und
       ihrer ganzen  Langweiligkeit. Fourier  schildert  diese  Erheite-
       rungsversuche von heute im Zusammenhange mit den bestehenden Pro-
       duktions- und  Verkehrsverhältnissen und  polemisiert gegen  sie;
       Sancho, weit  entfernt, sie zu kritisieren, will sie mit Haut und
       Haaren in sein neues Beglückungsinstitut der "Verständigung" ver-
       pflanzen und  beweist dadurch nur noch einmal, wie sehr er in der
       bestehenden bürgerlichen Gesellschaft befangen ist.
       Schließlich hält  Sancho noch  folgende oratio pro domo 1*), d.h.
       für den "Verein":
       
       "Ist ein  Verein, in  welchem sich die Meisten um ihre natürlich-
       sten und  offenbarsten Interessen  prellen lassen, ein Verein von
       Egoisten? Haben  sich da  Egoisten vereint,  wo Einer  des Andern
       Sklav oder Leibeigner ist? ... Gesellschaften, in welchen die Be-
       dürfnisse der  Einen auf  Kosten der Andern befriedigt werden, in
       denen z.B.  die Einen  das Bedürfnis der Ruhe dadurch befriedigen
       können, daß  die Andern  bis zur Erschlaffung arbeiten müssen ...
       Heß ...  identifiziert ... diese seine 'egoistischen Vereine' mit
       dem Stirnerschen Verein von Egoisten." [Wigand,] p. 192. 193.
       
       Sancho spricht also den frommen Wunsch aus, daß in seinem auf der
       gegenseitigen  Exploitation  beruhenden  Verein  alle  Mitglieder
       gleich mächtig,  pfiffig etc.  etc. sein möchten, damit Jeder die
       Andern gerade  soweit exploitiert,  als er  von ihnen exploitiert
       wird, und damit Keiner um seine "natürlichsten
       -----
       1*) wörtlich :  Rede für das eigene Haus; hier: im eigenen Inter-
       esse
       
       #402# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       und  offenbarsten   Interessen"  "geprellt"   wird   oder   seine
       "Bedürfnisse auf  Kosten der Andern befriedigen" kann. Wir bemer-
       ken hier,  daß Sancho  "natürliche und  offenbare Interessen" und
       "Bedürfnisse" Aller - also  g l e i c h e  Interessen und Bedürf-
       nisse anerkennt.  Wir erinnern uns ferner zugleich der p. 456 des
       Buchs, wonach  "die Übervorteilung" ein "vom Zunftgeist eingepre-
       digter moralischer  Gedanke" ist,  und einem  Menschen, der  eine
       "weise Erziehung"  genossen hat, bleibt sie "fixe Idee, gegen die
       keine Gedankenfreiheit  schützt". Sancho  "hat seine Gedanken von
       oben und  bleibt dabei",  (ibid.) Diese  gleiche Macht  Aller ist
       nach seiner  Forderung, daß  Jeder  "a l l m ä c h t i g",  d.h.,
       daß Alle  gegeneinander   o h n m ä c h t i g  werden sollen, ein
       ganz konsequentes Postulat und fällt zusammen mit dem gemütlichen
       Verlangen des  Kleinbürgers nach einer Welt des Schachers, in der
       Jeder seinen  Vorteil findet.  Oder aber unser Heiliger setzt ur-
       plötzlich eine  Gesellschaft voraus,  in der  Jeder seine Bedürf-
       nisse ungehindert befriedigen kann, ohne dies "auf Kosten Andrer"
       zu tun,  und in diesem Falle wird die Exploitationstheorie wieder
       zu einer sinnlosen Paraphrase für die wirklichen Verhältnisse der
       Individuen zueinander.
       Nachdem Sancho  in seinem "Verein" die Andern "verzehrt" und ver-
       speist und damit den Verkehr mit der Welt in den Verkehr mit sich
       verwandelt hat,  geht  er  von  diesem  indirekten  zum  direkten
       Selbstgenuß über, indem er sich selber verspeist.
       
       C. Mein Selbstgenuß
       
       Die   P h i l o s o p h i e,  welche das Genießen predigt, ist in
       Europa so  alt wie  die kyrenäische Schule [156]. Wie im Altertum
       die   G r i e c h e n,   sind unter den Neueren die  F r a n z o-
       s e n   die Matadore m dieser Philosophie, und zwar aus demselben
       Grunde, weil ihr Temperament und ihre Gesellschaft sie am meisten
       zum Genießen  befähigte. Die  Philosophie des  Genusses  war  nie
       etwas andres  als die  geistreiche  Sprache  gewisser  zum  Genuß
       privilegierter gesellschaftlicher  Kreise. Abgesehen  davon,  daß
       die Weise  und der  Inhalt ihres  Genießens stets durch die ganze
       Gestalt der  übrigen Gesellschaft  bedingt war und an allen ihren
       Widersprüchen  litt,   wurde   diese   Philosophie   zur   reinen
       P h r a s e,   sobald sie einen allgemeinen Charakter in Anspruch
       nahm und sich als die Lebensanschauung der Gesellschaft im Ganzen
       proklamierte. Sie  sank hier  herab zur erbaulichen Moralpredigt,
       zur sophistischen Beschönigung der vorhandenen Gesellschaft, oder
       sie schlug  in ihr Gegenteil um, indem sie eine unfreiwillige As-
       kese für Genuß erklärte.
       Die Philosophie  des Genusses kam auf in der neueren Zeit mit dem
       Untergange  der   Feudalität  und  der  Umwandlung  des  feudalen
       Landadels in den
       
       #403# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       lebenslustigen und verschwenderischen Hofadel unter der absoluten
       Monarchie. Bei  diesem Adel  hat sie noch mehr die Gestalt unmit-
       telbarer naiver Lebensanschauung, die ihren Ausdruck in Memoiren,
       Gedichten, Romanen  pp. erhält. Zur eigentlichen Philosophie wird
       sie erst  unter den  Händen einiger Schriftsteller der revolutio-
       nären Bourgeoisie,  die einerseits an der Bildung und Lebensweise
       des Hofadels  teilnahmen und andererseits die auf den allgemeine-
       ren Bedingungen  der Bourgeoisie  beruhende allgemeinere Anschau-
       ungsweise dieser  Klasse teilten.  Sie wurde  deshalb von  beiden
       Klassen, obwohl  von ganz  verschiedenen Gesichtspunkten aus, ak-
       zeptiert. War beim Adel diese Sprache noch ganz auf den Stand und
       die Lebensbedingungen  des Standes  beschränkt, so  wurde sie von
       der Bourgeoisie  verallgemeinert und an jedes Individuum ohne Un-
       terschied gerichtet,  so daß von den Lebensbedingungen dieser In-
       dividuen abstrahiert  und die  Genußtheorie dadurch  in eine fade
       und heuchlerische  Moraldoktrin verwandelt wurde. Als die weitere
       Entwicklung den  Adel gestürzt  und die Bourgeoisie mit ihrem Ge-
       gensatz, dem  Proletariat, m  Konflikt gebracht  hatte, wurde der
       Adel devot-religiös  und die  Bourgeoisie feierlich-moralisch und
       streng in  ihren Theorien,  oder verfiel  in die oben angedeutete
       Heuchelei, obwohl der Adel in der Praxis keineswegs aufs Genießen
       verzichtete und  der Genuß  bei der  Bourgeoisie sogar eine offi-
       zielle ökonomische Form annahm - als  L u x u s  *)
       Der Zusammenhang  des Genießens der Individuen jeder Zeit mit den
       Klassenverhältnissen und  den sie  erzeugenden  Produktions-  und
       Verkehrsbedingungen, in  denen sie  leben, die  Borniertheit  des
       bisherigen, außer  dem wirklichen Lebensinhalt der Individuen und
       zu ihm  in Gegensatz  stehenden Genießens, der Zusammenhang jeder
       Philosophie des Genießens mit dem ihr vorliegenden wirklichen Ge-
       nießen und  die Heuchelei  einer solchen Philosophie, die sich an
       alle Individuen  ohne Unterschied  richtet, konnte natürlich erst
       aufgedeckt werden,  als die  Produktions- und Verkehrsbedingungen
       der bisherigen  Welt kritisiert  werden konnten, d.h. als der Ge-
       gensatz zwischen
       ---
       *) [Im Manuskript  gestrichen:] Im  Mittelalter waren die Genüsse
       vollständig klassifiziert;  jeder  Stand  hatte  seine  besondern
       Genüsse und  seine besondre Weise des Genießens. Der Adel war der
       zum ausschließlichen  Genießen priviligierte  Stand, während  bei
       der Bourgeoisie schon die Spaltung zwischen Arbeit und Genuß exi-
       stierte und  der Genuß  der Arbeit subordiniert war. Die Leibeig-
       nen, die  ausschließlich zur  Arbeit bestimmte  Klasse, hatte nur
       höchst wenige  und beschränkte  Genüsse, die  ihnen mehr zufällig
       kamen, von der Laune ihrer Herren und andern zufälligen Umständen
       abhingen und  kaum in  Betracht kommen  können. - Unter der Herr-
       schaft der Bourgeoisie nahmen die Genüsse ihre Form von den Klas-
       sen der Gesellschaft an. Die Genüsse der Bourgeoisie richten sich
       nach dem Material, was diese
       
       #404# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Bourgeoisie und Proletariat kommunistische und sozialistische An-
       schauungen erzeugt  hatte. Damit  war aller  Moral, sei sie Moral
       der Askese oder des Genusses, der Stab gebrochen.
       Unser fader,  moralischer Sancho  glaubt natürlich,  wie aus  dem
       ganzen Buche  hervorgeht, es komme nur auf eine andere Moral, auf
       eine ihm  neu scheinende Lebensanschauung, auf das "Sich-aus-dem-
       Kopf-Schlagen" einiger  "fixen Ideen" an, damit Alle ihres Lebens
       froh werden, das Leben genießen können. Das Kapitel vom Selbstge-
       nuß könnte  also höchstens  unter einer  neuen Etikette dieselben
       Phrasen und Sentenzen wiederbringen, die er schon so oft sich den
       "Selbstgenuß" machte,  uns zu  predigen.  Das  einzig  Originelle
       darin beschränkt  sich auch  darauf, daß  er allen  Genuß  v e r-
       h i m m e l t   und philosophisch  verdeutscht, indem  er ihm den
       Namen   "S e l b s t g e n u ß"   gibt. Wenn die französische Ge-
       nußphilosophie des  achtzehnten Jahrhunderts  wenigstens ein vor-
       handenes heiteres  und keckes  Leben in  geistreicher Form schil-
       derte, so  beschränkt sich Sanchos ganze Frivolität auf Ausdrücke
       wie "Verzehren",  "Vertun", auf Bilder wie "das Licht" (soll hei-
       ßen die  Kerze) und  auf naturwissenschaftliche Erinnerungen, die
       entweder auf  belletristischen Unsinn,  wie daß die Pflanze "Luft
       des Äthers  einsaugt", daß  "die Singvögel Käfer schlucken", oder
       auf Falsa  auslaufen, z.B.  daß eine Kerze sich selbst verbrennt.
       Dagegen genießen wir hier wieder den ganzen feierlichen Ernst ge-
       gen "das  Heilige", von  dem wir  hören, daß es in seiner Gestalt
       als "Beruf  - Bestimmung - Aufgabe", "Ideal", den Menschen bisher
       ihren ,  Selbstgenuß versalzen  hat. Ohne im übrigen auf die mehr
       oder weniger schmutzigen Formen einzugehen, m denen das Selbst im
       "Selbstgenuß" mehr  als eine Phrase sein kann, müssen wir dem Le-
       ser nochmals die Machinationen Sanchos gegen das Heilige, mit den
       geringen Modulationen dieses Kapitels, in aller Kürze vorführen.
       ---
       Klasse in ihren verschiednen Entwicklungsstufen produziert hatte,
       und nahmen  von den Individuen sowie von der fortgesetzten Subor-
       dination des  Genusses unter den Gelderwerb den langweiligen Cha-
       rakter an, den sie noch jetzt haben. Die Genüsse des Proletariats
       erhielten einerseits  durch die lange Arbeitszeit, die das Genuß-
       bedürfnis aufs  Höchste steigerte, und andrerseits durch die qua-
       litative und  quantitative Beschränkung  der dem  Proletarier zu-
       gänglichen Genüsse,  die gegenwärtige brutale Form. - Die Genüsse
       Aller bisherigen  Stände und  Klassen mußten  überhaupt  entweder
       kindisch, ermüdend  oder brutal  sein, weil sie immer von der ge-
       samten Lebenstätigkeit,  dem eigentlichen  Inhalt des  Lebens der
       Individuen getrennt  waren, und sich mehr oder weniger darauf re-
       duzierten, daß  einer inhaltslosen  Tätigkeit ein scheinbarer In-
       halt gegeben  wurde. Die  Kritik dieser bisherigen Genüsse konnte
       natürlich erst dann stattfinden, als der Gegensatz zwischen Bour-
       geoisie und Proletariat so weit entwickelt war, daß auch die bis-
       herige Produktions- und Verkehrsweise kritisiert werden konnte.
       
       #405# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       "Beruf, Bestimmung, Aufgabe, Ideal" sind, um dies kurz zu wieder-
       holen, entweder
       1. die Vorstellung von den revolutionären Aufgaben, die einer un-
       terdrückten Klasse materiell vorgeschrieben sind; oder
       2. bloße idealistische  Paraphrasen oder  auch entsprechender be-
       wußter Ausdruck der durch die Teilung der Arbeit zu verschiedenen
       Geschäften verselbständigten  Betätigungsweisen  der  Individuen;
       oder
       3. der bewußte  Ausdruck der  Notwendigkeit, in  der  Individuen,
       Klassen, Nationen sich jeden Augenblick befinden, durch eine ganz
       bestimmte Tätigkeit ihre Stellung zu behaupten; oder
       4. die in  den Gesetzen,  der Moral pp. ideell ausgedrückten Exi-
       stenzbedingungen der  herrschenden Klasse (bedingt durch die bis-
       herige Entwicklung  der Produktion),  die von ihren Ideologen mit
       mehr oder  weniger Bewußtsein theoretisch verselbständigt werden,
       in dem  Bewußtsein der einzelnen Individuen dieser Klasse als Be-
       ruf pp.  sich darstellen können und den Individuen der beherrsch-
       ten Klasse  als Lebensnorm entgegengehalten werden, teils als Be-
       schönigung oder  Bewußtsein der Herrschaft, teils als moralisches
       Mittel derselben.  Hier, wie  überhaupt bei den Ideologen, ist zu
       bemerken, daß  sie die  Sache notwendig  auf den Kopf stellen und
       ihre Ideologie  sowohl für die erzeugende Kraft wie für den Zweck
       aller gesellschaftlichen  Verhältnisse ansehen,  während sie  nur
       ihr Ausdruck und Symptom ist.
       Von unsrem  Sancho wissen wir, daß er den unverwüstlichsten Glau-
       ben an  die Illusionen  dieser Ideologen  hat. Weil  die Menschen
       sich je  nach ihren verschiedenen Lebensverhältnissen verschiedne
       Vorstellungen von  sich, d.h. dem Menschen machen, so glaubt San-
       cho, daß  die verschiedenen  Vorstellungen die  verschiedenen Le-
       bensverhältnisse gemacht und so die Engrosfabrikanten dieser Vor-
       stellungen, die  Ideologen, die  Welt beherrscht  haben. Vgl.  p.
       433.
       
       "Die Denkenden  herrschen in  der Welt",  "der Gedanke beherrscht
       die Welt";  "die Pfaffen oder Schulmeister" "setzen sich allerlei
       Zeug in den Kopf", "sie denken sich ein Menschenideal",
       
       wonach sich die Übrigen richten müssen (p. 442). Sancho kennt so-
       gar ganz  genau den Schluß, wonach die Menschen den Schulmeister-
       grillen unterworfen  wurden und in ihrer Dummheit sich selbst un-
       terwarfen:
       
       "Weil es Mir" (dem Schulmeister)  "d e n k b a r  ist, ist es den
       Menschen  m ö g l i c h,  weil den Menschen möglich, so  s o l l-
       t e n   sie es  sein, so  war es ihr  B e r u f;  und endlich nur
       nach diesem   B e r u f,   nur  als  B e r u f e n e  hat man die
       Menschen zu nehmen. Und der weitere
       
       #406# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Schluß? Nicht  der Einzelne  ist der  Mensch, sondern  ein   G e-
       d a n k e,   ein   I d e a l ist  der Mensch  - Gattung - Mensch-
       heit." p. 441.
       
       Alle Kollisionen,  in die  die Menschen durch ihre wirklichen Le-
       bensverhältnisse mit sich oder mit Andern geraten, erscheinen un-
       srem Schulmeister Sancho als Kollisionen, in die die Menschen mit
       Vorstellungen über  das Leben  "d e s  Menschen" geraten, die sie
       entweder sich  selbst in  den Kopf  gesetzt haben  oder sich  von
       Schulmeistern haben  in den Kopf setzen lassen. Schlügen sie sich
       diese aus  dem Kopf,  "wie glücklich"  könnten "diese armen Wesen
       leben", welche  "Sprünge" dürften  sie machen,  während sie jetzt
       "nach der Pfeife der Schulmeister und Bärenführer tanzen" müssen!
       (p. 435.)  (Der niedrigste dieser "Bärenführer" ist Sancho, da er
       nur   s i c h   s e l b s t  an der Nase herumführt.) Hätten z.B.
       die Menschen  sich nicht  fast immer  und fast  überall, in China
       sowohl wie  in Frankreich,  in den Kopf gesetzt, daß sie an Über-
       völkerung 1*)  litten, welch einen Überfluß an Lebensmitteln wür-
       den diese "armen Wesen" nicht alsbald vorgefunden haben.
       Sancho versucht  hier, seine alte Histoire von der Herrschaft des
       Heiligen in  der Welt wieder anzubringen unter dem Vorwande einer
       Abhandlung über  Möglichkeit und  Wirklichkeit. Möglich heißt ihm
       nämlich Alles,  was sich  ein Schulmeister  von mir  in den  Kopf
       setzt, wo Sancho dann leicht beweisen kann, daß diese Möglichkeit
       keine andre  Wirklichkeit hat als in seinem Kopfe. Seine feierli-
       che Behauptung,  daß "sich  der  folgenreichste  Mißverstand  von
       Jahrtausenden hinter  dem Wort   m ö g l i c h   versteckt hielt"
       (p. 441), beweist hinlänglich, wie unmöglich es ihm ist, die Fol-
       gen seines  reichlichen Mißverstandes  von  Jahrtausenden  hinter
       Worten zu verstecken.
       Diese Abhandlung  über "Zusammenfallen  von Möglichkeit und Wirk-
       lichkeit" (p.  439), von dem, was die Menschen das Vermögen haben
       zu sein  und von  dem, was  sie sind, welche in so guter Harmonie
       steht mit  seinen bisherigen zudringlichen Ermahnungen, man solle
       sein Vermögen wirken lassen usw., führt ihn indes noch auf einige
       Abschweifungen  über   die  materialistische     U m s t a n d s-
       t h e o r i e,   die wir  sogleich näher  würdigen werden. Vorher
       noch  ein   Beispiel  seiner  ideologischen  Verdrehung,  p.  428
       identifiziert er  die Frage,  "wie man das Leben erwerben könne",
       mit der  Frage, wie  man "das  wahre Ich" (oder auch "Leben") "in
       sich herzustellen" habe. Nach derselben p. [428] hört das "Bangen
       ums  Leben"  mit  seiner  neuen  Moralphilosophie  auf,  und  das
       "Vertun" desselben  beginnt. Die wundertätige Kraft dieser seiner
       angeblich neuen  Moralphilosophie spricht unser Salomo "sprechen-
       der" noch in folgendem Sprüchlein aus:
       ------
       1*) MEGA: Überbevölkerung
       
       #407# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       "Sieh Dich  als mächtiger an, als wofür man Dich ausgibt, so hast
       Du mehr Macht; sieh Dich als mehr an, so hast Du mehr." p. 483.
       
       Siehe oben  im "Verein" Sanchos Manier, Eigentum zu erwerben. Nun
       zu seiner  U m s t a n d s t h e o r i e.
       
       "Einen Beruf  hat der  Mensch nicht,  aber er  hat Kräfte,  d i e
       s i c h   äußern, wo  sie sind,  weil ihr Sein ja einzig in ihrer
       Äußerung besteht,  und sowenig  untätig verharren  können als das
       Leben ...  Es gebraucht  Jeder in  Jedem Augenblick soviel Kraft,
       als er  besitzt" ("verwertet  Euch, ahmt  den Tapfern nach, werde
       Jeder von Euch ein allmächtiges Ich" usw. ging oben die Rede San-
       chos). "...  Die Kräfte  lassen sich allerdings schärfen und ver-
       vielfältigen, besonders durch feindlichen Widerstand oder freund-
       lichen Beistand;  aber wo man ihre Anwendung vermißt, da kann man
       auch ihrer  Abwesenheit gewiß  sein. Man  kann aus  einem  Steine
       Feuer schlagen,  aber ohne  den Schlag  kommt keines  heraus;  in
       gleicher Art  bedarf auch ein Mensch des  A n s t o ß e s.  Darum
       nun, weil  Kräfte sich  stets von selbst werktätig erweisen, wäre
       das Gebot,  sie zu  gebrauchen, überflüssig und sinnlos ... Kraft
       ist nur ein einfacheres Wort für Kraftäußerung." p. 436, 437.
       
       Der "mit  sich einige  Egoismus", der  seine Kräfte oder Vermögen
       ganz nach  Belieben wirken  oder nicht  wirken läßt  und das  jus
       utendi et abutendi 1*) auf sie appliziert, purzelt hier plötzlich
       und unerwartet  zusammen. Die Kräfte wirken hier auf Einmal selb-
       ständig, ohne  sich um  das "Belieben" Sanchos zu kümmern, sobald
       sie vorhanden  sind, sie  wirken wie  chemische oder  mechanische
       Kräfte, unabhängig  von dem  Individuum, das sie besitzt. Wir er-
       fahren ferner,  daß eine Kraft nicht vorhanden ist, wenn man ihre
       Äußerung vermißt;  was dadurch berichtigt wird, daß die Kraft ei-
       nes   A n s t o ß e s  bedarf, um sich zu äußern. Wie aber Sancho
       entscheiden will,  ob bei  mangelnder  Kraftäußerung  der    A n-
       s t o ß   oder die  K r a f t  fehlt, erfahren wir nicht. Dagegen
       belehrt uns  unser einziger  Naturforscher, daß  "man  aus  einem
       Steine Feuer  schlagen kann",  ein Beispiel,  das, wie  immer bei
       Sancho, gar  nicht unglücklicher  gewählt werden  konnte.  Sancho
       glaubt  als  schlichter  Dorfschulmeister,  daß,  wenn  er  Feuer
       schlägt, dies  aus dem  Stein kommt,  wo es bisher verborgen lag.
       Jeder Quartaner  wird ihm  sagen können,  daß bei dieser in allen
       zivilisierten Ländern längst vergessenen Methode des Feuermachens
       durch die  Reibung von  Stahl und  Stein Partikelchen  vom Stahl,
       nicht vom  Stein, abgelöst werden, die durch ebendieselbe Reibung
       in Glühhitze  geraten; daß also "das Feuer", was für Sancho nicht
       ein unter gewissen Hitzegraden stattfindendes Verhältnis gewisser
       Körper zu  gewissen Andern Körpern, speziell dem Sauerstoff, son-
       dern ein  selbständiges Ding, ein "Element", eine fixe Idee, "das
       Heilige" - ist - daß dies Feuer weder aus dem Stein noch aus dem
       -----
       1*) Recht des Gebrauchens und Verbrauchens (auch : Mißbrauchens)
       
       #408# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Stahl kommt.  Sancho hätte  ebensogut sagen  können: Man kann aus
       Chlor gebleichte  Leinwand machen,  aber wenn der "Anstoß" fehlt,
       nämlich die   u n g e b l e i c h t e   Leinwand, so "kommt keine
       heraus".  Bei   dieser  Gelegenheit   wollen   wir   zu   Sanchos
       "Selbstgenuß" ein  früheres Faktum  der  "einzigen"  Naturwissen-
       schaft registrieren. In der Ode vom Verbrechen hieß es:
       
       "Grollt es nicht in fernen  D o n n e r n,
       Und  s i e h s t  Du nicht, wie der Himmel
       Ahnungsvoll   s c h w e i g t   und sich  trübt?"  (p.  319  "des
       Buchs".)
       
       Es donnert,  und der  Himmel schweigt. Sancho weiß also von einem
       andern Ort,  wo es  donnert, als am Himmel. Sancho bemerkt ferner
       das Schweigen  des Himmels durch seinen  G e s i c h t s s i n n,
       ein Kunststück,  das ihm  niemand nachmacht.  Oder  aber,  Sancho
       h ö r t   das Donnern  und   s i e h t   das Schweigen, wo beides
       gleichzeitig geschehen  kann. Wir  sahen, wie  Sancho beim "Spuk"
       die Berge  den "Geist  der Erhabenheit" repräsentieren ließ. Hier
       repräsentiert ihm der schweigende Himmel den Geist der Ahnung.
       Man sieht  übrigens nicht  ein, warum  Sancho hier  so sehr gegen
       "das Gebot,  seine Kräfte zu gebrauchen", eifert. Dies Gebot kann
       ja möglicherweise  der fehlende  "Anstoß" sein, ein "Anstoß", der
       zwar bei  einem Stein  seine Wirkung verfehlt, dessen Wirksamkeit
       Sancho indes  bei jedem  exerzierenden Bataillon beobachten kann.
       Daß das  "Gebot" selbst  für seine  geringen Kräfte  ein "Anstoß"
       ist, geht  ohnehin daraus  hervor, daß  es für ihn ein "Stein des
       Anstoßes" ist.
       Das Bewußtsein  ist auch  eine Kraft,  die sich nach der Doktrin,
       die wir  eben hörten,  auch "stets von selbst werktätig erweist".
       Sancho müßte  hiernach also nicht darauf ausgehen, das Bewußtsein
       zu ändern, sondern höchstens den "Anstoß", der auf das Bewußtsein
       wirkt; wonach  Sancho sein ganzes Buch umsonst geschrieben hätte.
       Aber in  diesem Falle hält er allerdings seine Moralpredigten und
       "Gebote" für einen hinreichenden "Anstoß."
       
       "Was Einer  werden kann,  das wird  er auch. Ein geborner Dichter
       mag wohl  durch die  Ungunst der  U m s t ä n d e  gehindert wer-
       den, auf der Höhe der Zeit zu stehen und nach den dazu unerläßli-
       chen großen  Studien große  Kunstwerke zu  schaffen; aber dichten
       wird er,  sei er  Ackerknecht oder  so glücklich,  am Weimarschen
       Hofe zu  leben. Ein  geborner Musiker wird Musik treiben, gleich-
       viel ob  auf allen Instrumenten" (diese Phantasie von  "a l l e n
       Instrumenten" hat  ihm Proudhon  geliefert. Sieh:  "Der Kommunis-
       mus") "oder nur auf einem Haferrohr" (dem Schulmeister fallen na-
       türlich wieder  Virgils Eklogen  ein). "Ein  geborner philosophi-
       scher Kopf  kann sich als Universitätsphilosoph oder als Dorfphi-
       losoph bewähren.  Endlich ein  g e b o r n e r  D u m m e r j a n
       wird immer  ein vernagelter  Kopf bleiben.  Ja die  gebornen  be-
       schränkten Köpfe bilden unstreitig
       
       #409# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       die  zahlreichste   Menschenklasse.    W a r u m    s o l l t e n
       a u c h   in der   M e n s c h e n g a t t u n g  nicht dieselben
       Unterschiede hervortreten, welche in jeder Tiergattung unverkenn-
       bar sind?" p. 434.
       
       Sancho hat  wieder sein  Exempel mit  dem gewöhnlichen Ungeschick
       gewählt. Angenommen  seinen Unsinn von den gebornen Dichtern, Mu-
       sikern, Philosophen,  so beweist dies Exempel einerseits nur, daß
       ein geborner  P.P. das   b l e i b t,  was er schon durch die Ge-
       burt  i s t,  nämlich Dichter etc., und andererseits, daß der ge-
       borne P.P.,  soweit er  w i r d,  sich entwickelt, "durch die Un-
       gunst der  Umstände" dahin  kommen kann, das nicht zu werden, was
       er  w e r d e n  k o n n t e.  Sein Exempel beweist also nach der
       einen Seite  hin gar  nichts, nach  der andern  das Gegenteil von
       dem, was  es beweisen  sollte, und nach beiden zusammen, daß San-
       cho,  gleichviel   ob  durch   Geburt  oder   Umstände,  zu   der
       "z a h l r e i c h s t e n  M e n s c h e n k l a s s e"  gehört.
       Er teilt  dafür mit  ihr und seinem "Nagel" den Trost, daß er ein
       e i n z i g e r  "vernagelter Kopf" ist.
       Sancho erleidet  hier das  Abenteuer mit dem Zaubertrank, den Don
       Quijote aus  Rosmarin, Wein,  Öl und Salz gebraut hatte und wovon
       Cervantes am  siebzehnten berichtet, daß Sancho danach zwei Stun-
       den lang unter Schweiß und Verzückungen aus beiden Kanälen seines
       Leibes sich ergoß. Der materialistische Trank, den unser tapferer
       Schildknapp zu  seinem Selbstgenuß  eingenommen hat, entleert ihn
       seines ganzen  Egoismus im außergewöhnlichen Verstande. Wir sahen
       oben, wie Sancho gegenüber dem "Anstoß" plötzlich alle Feierlich-
       keit verlor und auf seine "Vermögen" verzichtete, wie weiland die
       ägyptischen Zauberer  gegenüber den Läusen Mosis; hier kommen nun
       zwei neue  Anfälle von  Kleinmütigkeit vor,  in denen er auch vor
       "der Ungunst  der  U m s t ä n d e"  sich beugt und endlich sogar
       seine ursprüngliche  physische Organisation  für etwas anerkennt,
       das ohne sein Zutun verkrüppelt wird. Was bleibt unsrem bankerut-
       ten Egoisten  nun noch  übrig? Seine  ursprüngliche  Organisation
       steht nicht  in seiner Hand; die "Umstände" und den 1*) "Anstoß",
       unter deren  Einfluß diese  Organisation sich entwickelt, kann er
       nicht kontrollieren;  "wie er  in jedem  Augenblicke ist, ist er"
       nicht "sein  Geschöpf", sondern  das Geschöpf  der Wechselwirkung
       zwischen seinen  angebornen Anlagen  und den auf sie einwirkenden
       Umständen -  alles das  konzediert Sancho.  Unglücklicher "Schöp-
       fer"! Unglücklichstes "Geschöpf"!
       Aber das  größte Unglück  kommt zuletzt.  Sancho, nicht zufrieden
       damit, daß  die tres mil azotes y trecientos en ambas sus valien-
       tes  posaderas  2*)  längst  vollzählig  sind,  Sancho  muß  sich
       schließlich noch einen Hauptschlag dadurch
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       1*) MEGA: der  - 2*) dreitausenddreihundert Geißelhiebe auf seine
       mächtigen Sitzfleischhälften
       
       #410# Karl Marx und Friedrich Engels
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       durch versetzen,  daß er sich als einen  G a t t u n g s g l ä u-
       b i g e n     proklamiert.  Und   welchen  Gattungsgläubigen!  Er
       schreibt der  Gattung zuerst  die Teilung der Arbeit zu, indem er
       sie für  das Faktum  verantwortlich macht, daß einige Leute Dich-
       ter, andre  Musiker, andre  Schulmeister sind;  er  schreibt  ihr
       zweitens die  existierenden physischen und intellektuellen Mängel
       der "zahlreichsten  Menschenklasse" zu  und macht  sie dafür ver-
       antwortlich,  daß   unter  der  Herrschaft  der  Bourgeoisie  die
       Mehrzahl  der   Individuen  seines  Gleichen  sind.  Nach  seinen
       Ansichten über die gebornen beschränkten Köpfe müßte man sich die
       heutige  Verbreitung  der  Skrofeln  daraus  erklären,  daß  "die
       Gattung" ein  besonderes Vergnügen  daran  findet,  die  gebornen
       skrofulösen Konstitutionen "die zahlreichste Menschenklasse" bil-
       den zu  lassen. Über  dergleichen Naivetäten  waren sogar die ge-
       wöhnlichsten Materialisten  und Mediziner  hinaus, lange  ehe der
       mit sich  einige Egoist  von der  "Gattung", der "Ungunst der Um-
       stände" und  dem "Anstoß"  den "Beruf" erhielt, vor dem deutschen
       Publikum zu  debütieren. Wie Sancho bisher alle Verkrüppelung der
       Individuen und  damit ihrer  Verhältnisse aus den fixen Ideen der
       Schulmeister erklärte,  ohne sich  um die Entstehung dieser Ideen
       zu bekümmern,  so erklärt  er diese  Verkrüppelung jetzt  aus dem
       bloßen Naturprozeß der Erzeugung. Er denkt nicht im Entferntesten
       daran, daß  die Entwicklungsfähigkeit  der Kinder  sich nach  der
       Entwicklung der Eltern richtet und daß alle diese Verkrüppelungen
       unter den  bisherigen gesellschaftlichen Verhältnissen historisch
       entstanden sind  und ebensogut historisch wieder abgeschafft wer-
       den können.  Selbst die naturwüchsigen Gattungsverschiedenheiten,
       wie Rassenunterschiede  etc., von denen Sancho gar nicht spricht,
       können und  müssen historisch  beseitigt werden.  Sancho, der bei
       dieser Gelegenheit einen verstohlenen Blick in die Zoologie wirft
       und dabei  entdeckt, daß  die "gebornen beschränkten Köpfe" nicht
       nur bei  Schafen und Ochsen, sondern auch bei Polypen 1*) und In-
       fusorien, die keine Köpfe haben, die zahlreichste Klasse bilden -
       Sancho hat  vielleicht davon gehört, daß man auch Tierrassen ver-
       edeln und  durch die Rassenkreuzung ganz neue, sowohl für den Ge-
       nuß der  Menschen wie  für ihren  eignen Selbstgenuß vollkommnere
       Arten erzeugen  kann. "Warum  sollte nicht"  Sancho hieraus einen
       Schluß auf die Menschen ziehen können?
       Bei dieser  Gelegenheit wollen  wir Sanchos "Wandlungen" über die
       Gattung "episodisch  einlegen". Wir werden sehen, daß er sich zur
       Gattung geradeso  stellt wie  zum Heiligen;  je mehr er gegen sie
       poltert, desto mehr glaubt er an sie.
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       1*) MEGA: bei den Polypen
       
       #411# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       Nr. I sahen wir schon, wie die Gattung die Teilung der Arbeit und
       die unter den bisherigen sozialen Umständen entstandenen Verkrüp-
       pelungen erzeugt,  und  z w a r  s o,  daß die Gattung samt ihren
       Produkten als  etwas unter  allen Umständen Unveränderliches, von
       der Kontrolle der Menschen Unabhängiges gefaßt wird.
       Nr. II. "Die Gattung ist bereits durch die Anlage realisiert; was
       Du hingegen  aus dieser Anlage machst" (müßte nach Obigem heißen:
       was die "Umstände" aus ihr machen), "das ist die Realisation Dei-
       ner. Deine  Hand ist  vollkommen realisiert im Sinne der Gattung,
       sonst wäre  sie nicht  Hand, sondern etwa Tatze ... Du machst aus
       ihr Das,  was und  wie Du sie haben willst und machen kannst." p.
       184, 185 Wig[and].
       Hier wiederholt Sancho das unter Nr. I Gesagte in andrer Form.
       Wir haben  also im Bisherigen gesehen, wie die Gattung unabhängig
       von der  Kontrolle und  der geschichtlichen Entwicklungsstufe der
       Individuen die  sämtlichen physischen  und geistigen Anlagen, das
       unmittelbare Dasein  der Individuen  und im  Keim die Teilung der
       Arbeit in die Welt setzt.
       Nr. III. Die  Gattung bleibt als "Anstoß", der nur der allgemeine
       Ausdruck für  die "Umstände" ist, welche die Entwicklung des wie-
       der von  der Gattung erzeugten ursprünglichen Individuums bestim-
       men. Sie  ist für  Sancho hier ebendieselbe mysteriöse Macht, die
       die übrigen Bourgeois die Natur der Dinge nennen und der sie alle
       Verhältnisse auf  die Schultern schieben, die von ihnen als Bour-
       geois unabhängig  sind und  deren Zusammenhang  sie deshalb nicht
       verstehen.
       Nr. IV. Die  Gattung als  das "Menschenmögliche" und "menschliche
       Bedürfnis" bildet  die Grundlage  der Organisation  der Arbeit im
       "Stirnerschen Verein",  wo ebenfalls  das Allen  Mögliche und das
       Allen gemeinschaftliche  Bedürfnis als Produkt der Gattung gefaßt
       werden.
       Nr. V. Wir haben gehört, welche Rolle die Verständigung im Verein
       spielt, p. 462:
       "Kommt es  darauf an,  sich zu  verständigen und  mitzuteilen, so
       kann Ich allerdings nur von den  m e n s c h l i c h e n  Mitteln
       Gebrauch machen,  die Mir,  weil Ich zugleich Mensch bin" (id est
       Exemplar der Gattung), "zu Gebote stehen."
       Hier also die  S p r a c h e  als Produkt der Gattung. Daß Sancho
       deutsch und nicht französisch spricht, verdankt er keineswegs der
       Gattung, sondern  den Umständen. Die Naturwüchsigkeit der Sprache
       ist übrigens in jeder modernen ausgebildeten Sprache, teils durch
       die Geschichte  der Sprachentwicklung aus vorgefundenem Material,
       wie bei  den romanischen  und germanischen  Sprachen, teils durch
       die Kreuzung  und Mischung von Nationen, wie im Englischen, teils
       durch auf  ökonomischer und  politischer Konzentration  beruhende
       Konzentration der  Dialekte innerhalb  einer Nation zur National-
       sprache
       
       #412# Karl Marx und Friedrich Engels
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       aufgehoben. Daß  die Individuen  ihrerzeit auch  dies Produkt der
       Gattung vollständig  unter ihre Kontrolle nehmen werden, versteht
       sich von  selbst. In  dem Verein  wird man die Sprache als solche
       sprechen, die  heilige Sprache, die Sprache des Heiligen - Hebrä-
       isch, und  zwar den  aramäischen Dialekt [157], den das "beleibte
       Wesen" Christus  sprach. Dies  "fiel" uns  hier "wider  Erwarten"
       Sanchos ein,  "und zwar  lediglich, weil  Uns dünkt, es könne zur
       Verdeutlichung des Übrigen beitragen".
       Nr. VI. p.  277, 278  erfahren wir,  daß "die  Gattung in Völker,
       Städte, Stände,  allerlei Körperschaften",  zuletzt "in die Fami-
       lie" sich  auftut und daher konsequent bis jetzt auch "Geschichte
       gespielt" hat.  Hier wird also die ganze bisherige Geschichte bis
       auf die  unglückliche Geschichte  des Einzigen  zum  Produkt  der
       "Gattung", und  zwar aus dem zureichenden Grunde, weil man zuwei-
       len diese Geschichte unter dem Namen Geschichte der  M e n s c h-
       h e i t,  i.e. der Gattung, zusammengefaßt hat.
       Nr. VII.  Sancho hat  in dem  Bisherigen der  G a t t u n g  mehr
       zugeteilt als  je ein  Sterblicher vor ihm und resümiert dies nun
       in dem Satz:
       
       "Die Gattung  ist   N i c h t s   ... die  Gattung nur  ein  G e-
       d a c h t e s"  (Geist, Gespenst pp.). p. 239.
       
       Schließlich hat es denn auch mit dem  "N i c h t s"  Sanchos, das
       mit dem   "G e d a c h t e n"   identisch  ist, nichts  auf sich,
       denn er  selbst ist  "das schöpferische  Nichts", und die Gattung
       schafft, wie  wir sahen,  sehr viel,  wobei  sie  also  sehr  gut
       "Nichts" sein kann. Überdem erzählt Sancho uns p. 456:
       
       "Durch das  S e i n  wird gar nichts gerechtfertigt; das Gedachte
       i s t  so gut wie das Nichtgedachte."
       
       Von p.  448 an  spinnt Sancho  ein 30  Seiten langes  Garn ab, um
       "Feuer" aus  dem Denken  und der  Kritik  des  mit  sich  einigen
       Egoisten zu  schlagen. Wir  haben schon zu viel Äußerungen seines
       Denkens und  seiner Kritik  erlebt, um dem Leser noch mit Sanchos
       Armenhaus-Gerstenbrühe einen  "Anstoß" zu  geben. Ein Löffel voll
       von dieser Brühe mag hinreichen.
       
       "Glaubt Ihr, die Gedanken flögen so vogelfrei umher, daß sich Je-
       der welche  holen dürfte,  die er dann als sein unantastbares Ei-
       gentum gegen  Mich geltend  machte ? Was umherfliegt, ist Alles -
       Mein." p. 457.
       
       Sancho begeht  hier Jagdfrevel  an gedachten Schnepfen. Wir haben
       gesehen, wie  viele von den umherfliegenden Gedanken er sich ein-
       gefangen hat.  Er wähnte sie erhäschen zu können, sobald er ihnen
       nur das  Salz des  Heiligen auf den Schwanz streute. Dieser unge-
       heure Widerspruch zwischen seinem wirklichen Eigentum an Gedanken
       und seiner Illusion darüber mag als klassisches
       
       #413# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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       und sinnfälliges  Exempel seines ganzen Eigentums im außergewöhn-
       lichen Verstande  dienen.  Eben  dieser  Kontrast  bildet  seinen
       S e l b s t g e n u ß.

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