Quelle: MEW 3 1845 - 1846
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#413# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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6. Das hohe Lied Salomonis oder Der Einzige
Cessem do sabio Grego, e do Troiano,
As navegaçoes grandes que fizeram;
Calle-se de Alexandro, e de Trajano
A fama das victorias que tiveram
- - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Cesse tudo o que a Musa antigua canta,
Que outro valor mais alto se alevanta.
E vós, Spreïdes minhas - -
Dai-me huma furia grande, e sonorosa,
E naõ de agreste avena, on frauta ruda;
Mas de tuba canora, e bellicosa
Que o peito accende, e o côr ao gesto muda, 1*)
gebt mir, o Nymphen der Spree, ein Lied, wie es würdig ist der
Helden, die an Eurem Ufer wider die Substanz und den Menschen
kämpfen, ein Lied, das über alle Welt sich verbreitet und in al-
len Landen gesungen wird - denn es handelt sich hier um den Mann,
der getan hat,
Mais do que promettia a força humana 2*),
mehr als die bloß "menschliche" Kraft zu leisten vermag, um den
Mann, der - -
edificára
Novo reino que tanto sublimára 3*),
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1*) Verstumme denn, was weiser Griechen Ahnen,
was Trojas Söhn' auf weiter See vermocht;
von Alexandern schweige, von Trajanen,
der Ruf der Siege, die ihr Arm erfocht...
Verstumme, was die Muse grauer Zeiten
besang, vor andern, größern Herrlichkeiten!
Und ihr, der Spree Jungfrauen ...
Leiht mir Begeisterung, die mächtig schalle,
nicht, wie von rauher Flöt' und wildem Rohr,
nein, von der Tuba stolzem Kriegeshalle,
der Wangen rötet, Geister hebt empor ...
2*) was niemals Menschenkraft vollbracht
3*) ... errichtete
ein neues Reich ... in ferner Zone
#414# Karl Marx und Friedrich Engels
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der ein neues Reich gestiftet hat unter entferntem Volk, nämlich
den "Verein" - es handelt sich hier um den
- tenro, e novo ramo florescente
De huma arvore de Christo, mais amada 1*),
um den zarten und jungen, blühenden Schößling eines von Christo
vorzugsweise geliebten Baumes, der nicht weniger
certissima esperança
Do augmento da pequena Christiandade 2*),
die gewisseste Hoffnung des Wachstums ist für die kleinmütige
Christenheit - es handelt sich mit Einem Wort um etwas "Noch nie
Dagewesenes", um den "Einzigen". *)
Alles, was sich in diesem noch nie dagewesenen hohen Liede vom
Einzigen findet, ist bereits früher im "Buch" dagewesen. Bloß der
Ordnung wegen erwähnen wir dies Kapitel; um dies mit Anstand tun
zu können, haben wir uns einige Punkte bis jetzt aufgespart und
werden andre kurz rekapitulieren.
Das "Ich" Sanchos macht eine komplette Seelenwanderung durch. Wir
fanden es schon als mit sich einigen Egoisten, als Fronbauer, als
Gedankenhändler, als unglücklichen Konkurrenten, als Eigner, als
Sklaven, dem ein Bein ausgerissen wird, als von der Wechselwir-
kung zwischen Geburt und Umständen in die Luft geprellten Sancho
und in hundert andern Gestalten. Hier nimmt es Abschied als
"U n m e n s c h"; unter derselben Devise, unter der es seinen
Einzug ins Neue Testament hielt.
"W i r k l i c h e r Mensch ist nur der - U n m e n s c h." p.
232.
Dies ist eine der Tausend und ein Gleichungen, in welche Sancho
seine Legende vom Heiligen setzt.
Der Begriff Mensch ist nicht wirklicher Mensch.
Der Begriff Mensch = D e r Mensch.
D e r Mensch = Nicht wirklicher Mensch.
Wirklicher Mensch = Der Nicht-Mensch,
= Der Unmensch.
"Wirklicher Mensch ist nur der - Unmensch."
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*) Vgl. Camoes, "Lusiadas", 1, 1-7.
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1*) - zarten Sproß, am Baume neu entfaltet,
dem Christus sich vor allen zugewandt
2*) zum sichern Hoffnungsstern erkoren,
daß wachse stets die kleine Christenheit
#415# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Sancho sucht sich die Harmlosigkeit dieses Satzes in folgenden
Wendungen klarzumachen:
"Mit dürren Worten zu sagen, was ein Unmensch sei, hält nicht
eben schwer; es ist ein Mensch, [...] welcher dem Begriffe des
Menschlichen nicht angemessen ist. Die Logik nennt dies ein wi-
dersinniges Urteil. Dürfte man wohl dies Urteil, daß einer Mensch
sein könne, ohne Mensch zu sein, aussprechen, wenn man nicht die
Hypothese gelten ließe, daß der Begriff des Menschen von der Exi-
stenz, das Wesen von der Erscheinung getrennt sein könne. Man
sagt: Der erscheint zwar als Mensch, ist aber kein Mensch. Dies
widersinnige Urteil haben die Menschen eine lange Reihe von Jahr-
hunderten hindurch gefällt, ja was noch mehr ist, in dieser lan-
gen Zeit gab es nur Unmenschen. Welcher Einzelne hätte je seinem
Begriffe entsprochen?" p. 232.
Die hier wieder zugrunde hegende Einbildung unsres Schulmeisters
von dem Schulmeister, der sich ein Ideal "d e s Menschen" ge-
macht und dies den Übrigen "in den Kopf gesetzt" habe, ist der
Grundtext "des Buches".
Sancho nennt das eine Hypothese, daß Begriff und Existenz, Wesen
und Erscheinung "des Menschen" getrennt sein können, als wenn er
in den Worten selbst nicht schon die Möglichkeit der Trennung
ausspräche. Sobald er B e g r i f f sagt, sagt er etwas Unter-
schiedenes von der E x i s t e n z, sobald er W e s e n sagt,
sagt er etwas Unterschiedenes von der E r s c h e i n u n g.
Nicht diese A u s s a g e n bringt er in Gegensatz, sondern sie
sind die Aussagen eines Gegensatzes. Die einzige Frage wäre also
gewesen, ob er etwas unter diese Gesichtspunkte rangieren dürfe;
und um hierauf einzugehen, hätte Sancho sich die wirklichen Ver-
hältnisse der Menschen, die in diesen metaphysischen Verhältnis-
sen andre Namen erhalten haben, betrachten müssen. Im übrigen
zeigen Sanchos eigne Abhandlungen über den mit sich einigen
Egoisten und die Empörung, wie man diese Gesichtspunkte auseinan-
derfallen lassen, und über Eigenheit, Möglichkeit und Wirklich-
keit im "Selbstgenuß", wie man sie zu gleicher Zeit zusammen- und
auseinanderfallen lassen kann.
Das widersinnige Urteil der Philosophen, daß der wirkliche Mensch
nicht Mensch sei, ist nur innerhalb der Abstraktion der univer-
sellste, umfassendste Ausdruck des faktisch bestehenden univer-
sellen Widerspruchs zwischen den Verhältnissen und den Bedürfnis-
sen der Menschen. Die widersinnige Form des abstrakten Satzes
entspricht ganz der Widersinnigkeit der auf ihre höchste Spitze
getriebenen Verhältnisse der bürgerlichen Gesellschaft. Gerade
wie Sanchos widersinniges Urteil über seine Umgebung: sie sind
Egoisten und sind es nicht, dem faktischen Widerspruch entspricht
zwischen dem Dasein der deutschen Kleinbürger und den ihnen durch
die Verhältnisse aufgedrungenen und als fromme Wünsche und Gelü-
ste in ihnen selbst hausenden Aufgaben. Übrigens haben die Philo-
sophen die Menschen nicht darum für
#416# Karl Marx und Friedrich Engels
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unmenschlich erklärt, weil sie dem Begriff des Menschen nicht
entsprachen, sondern weil ihr Begriff des Menschen nicht dem wah-
ren Begriff des Menschen entsprach, oder weil sie nicht das wahre
Bewußtsein vom Menschen hatten. Tout comme chez nous 1*) im
"Buche", wo Sancho auch die Menschen nur deshalb für Nichte-
goisten erklärt, weil sie nicht das wahre Bewußtsein vom Egoismus
haben.
Der durchaus harmlose Satz, daß die V o r s t e l l u n g vom
Menschen nicht w i r k l i c h e r Mensch sei, daß die Vorstel-
lung eines Dinges nicht das Ding selbst ist - dieser auch vom
Stein und der Vorstellung des Steins geltende Satz, wonach Sancho
sagen müßte, daß wirklicher Stein nur der Unstein ist, hätte we-
gen seiner enormen Trivialität und unbezweifelten Gewißheit kei-
ner Erwähnung bedurft. Aber Sanchos bekannte Einbildung, daß die
Menschen bisher nur durch die Herrschaft der Vorstellungen und
Begriffe in allerlei Unglück gestürzt worden, macht es ihm mög-
lich, an diesen Satz seine alten Folgerungen wieder anzuknüpfen.
Sanchos alte Meinung, man habe sich nur einige Vorstellungen] aus
dem K o p f zu schlagen, um die Verhältnisse, aus denen diese
Vorstellungen entstanden sind, aus der W e l t zu schlagen, re-
produziert sich hier in der Gestalt, daß man sich nur die Vor-
stellung M e n s c h aus dem Kopf zu schlagen habe, um die
heute u n m e n s c h l i c h genannten wirklichen Verhältnisse
zu vernichten, sei dies Prädikat "unmenschlich" nun das Urteil
des im Widerspruch mit seinen Verhältnissen stehenden Individuums
oder das Urteil der normalen, herrschenden Gesellschaft über die
abnorme, beherrschte Klasse. Gerade wie ein aus seinem Salzwasser
m den Kupfergraben versetzter Walfisch, wenn er Bewußtsein hätte,
diese durch "Ungunst der Umstände" bewirkte Lage für unwal-
fischmäßig erklären würde, obwohl ihm Sancho demonstrieren
könnte, sie sei schon deswegen walfischmäßig, weil sie seine, des
Walfisches, Lage sei - geradeso urteilen die Menschen unter ge-
wissen Umständen.
p. 185 wirft Sancho die große Frage auf:
"Aber der Unmensch, der doch in jedem Einzelnen steckt, wie dämmt
man den? Wie stellt man's an, daß man mit dem Menschen nicht
zugleich den Unmenschen freiläßt? Der gesamte Liberalismus hat
einen Todfeind, einen unüberwindlichen Gegensatz, wie Gott den
Teufel: dem Menschen steht der Unmensch, der Egoist, der Ein-
zelne, stets zur Seite. Staat, Gesellschaft, Menschheit bewälti-
gen diesen Teufel nicht."
"Und wenn tausend Jahre vollendet sind, wird der Satanas los wer-
den aus seinem Gefängnis und wird ausgehen zu verführen die Hei-
den in den vier örtern der Erde, den Gog und Magog, sie zu ver-
sammeln in einem
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1*) ganz wie bei uns
#417# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Streit... Und sie traten auf die Breite der Erde und umringten
das Heerlager des Heiligen und die geliebte Stadt." Offenbarung
Johannis, 20, 7-9.
Die Frage, wie Sancho sie selbst versteht, läuft wieder auf rei-
nen Unsinn hinaus. Er bildet sich ein, die Menschen hätten sich
bisher immer einen Begriff vom Menschen gemacht und sich dann so
weit befreit, als nötig war, um diesen Begriff in sich zu ver-
wirklichen; das jedesmalige Maß der Freiheit, das sie sich errun-
gen, sei durch ihre jedesmalige Vorstellung vom Ideal des Men-
schen bestimmt worden; wobei denn nicht fehlen konnte, daß in je-
dem Individuum ein Rest zurückblieb, der diesem Ideal nicht ent-
sprach und daher als "unmenschlich" nicht oder nur malgré eux 1*)
befreit wurde.
In der Wirklichkeit trug sich die Sache natürlich so zu, daß die
Menschen sich jedesmal so weit befreiten, als nicht ihr Ideal vom
Menschen, sondern die existierenden Produktivkräfte ihnen vor-
schrieben und erlaubten. Allen bisherigen Befreiungen lagen indes
beschränkte Produktivkräfte zugrunde, deren für die ganze Gesell-
schaft unzureichende Produktion nur dann eine Entwicklung möglich
machte, wenn die Einen auf Kosten der Andern ihre Bedürfnisse be-
friedigten und dadurch die Einen - die Minorität - das Monopol
der Entwicklung erhielten, während die Andern - die Majorität -
durch den fortgesetzten Kampf um die Befriedigung der notwendig-
sten Bedürfnisse einstweilen (d.h. bis zur Erzeugung neuer revo-
lutionierender Produktivkräfte) von aller Entwicklung ausge-
schlossen wurden. So hat sich die Gesellschaft bisher immer in-
nerhalb eines Gegensatzes entwickelt, der bei den Alten der Ge-
gensatz von Freien und Sklaven, im Mittelalter der vom Adel und
Leibeignen, in der neueren Zeit der von Bourgeoisie und Proleta-
riat ist. Hieraus erklärt sich einerseits die abnorme
"unmenschliche" Weise, in der die beherrschte Klasse ihre Bedürf-
nisse befriedigt, und andererseits die Beschränkung, innerhalb
deren der Verkehr und mit ihm die ganze herrschende Klasse sich
entwickelt; so daß diese Beschränktheit der Entwicklung nicht nur
in dem Ausschließen der einen Klasse, sondern auch in der Bor-
niertheit der ausschließenden Klasse besteht und das "Un-
menschliche" ebenfalls in der herrschenden Klasse vorkommt. Dies
sogenannte "Unmenschliche" ist ebensogut ein Produkt der jetzigen
Verhältnisse wie das "Menschliche"; es ist ihre negative Seite,
die auf keiner neuen revolutionären Produktivkraft beruhende
Rebellion gegen die auf den bestehenden Produktivkräften be-
ruhenden herrschenden Verhältnisse und die ihnen entsprechende
Weise der Befriedigung der Bedürfnisse. Der positive Ausdruck
"menschlich" entspricht den bestimmten, einer gewissen Produkti-
onsstufe gemäß h e r r s c h e n d e n
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1*) gegen ihren Willen
#418# Karl Marx und Friedrich Engels
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Verhältnissen und der durch sie bedingten Weise, die Bedürfnisse
zu befriedigen, wie der negative Ausdruck "unmenschlich" dem
durch dieselbe Produktionsstufe täglich neu hervorgerufenen Ver-
suche entspricht, diese herrschenden Verhältnisse und die in ih-
nen herrschende Weise der Befriedigung innerhalb der existieren-
den Produktionsweise zu negieren.
Solche weltgeschichtliche Kämpfe verlaufen sich für unsren Heili-
gen in eine bloße Kollision Sankt Brunos und "der Masse". Vgl.
die ganze Kritik des humanen Liberalismus, namentlich p. 192
seqq.
Unser einfältiger Sancho kommt also mit seinem einfältigen
Sprüchlein über den Unmenschen und seinem Sich-aus-dem-Kopf-
Schlagen des Menschen, womit auch der Unmensch verschwindet und
kein Maß mehr für die Individuen existiert, schließlich zu fol-
gendem Resultat. Er anerkennt die Verkrüpplung und Knechtung, der
ein Individuum durch die bestehenden Verhältnisse physisch, in-
tellektuell und sozial anheimgefallen ist, als die Individualität
und Eigenheit dieses Individuums; er erkennt als ordinärer Kon-
servateur diese Verhältnisse ruhig an, nachdem er sich dadurch
von allem Kummer befreit hat, daß er sich die Vorstellung der
Philosophen von diesen Verhältnissen aus dem Kopfe geschlagen
hat. Wie er hier die dem Individuum aufgedrungene Zufälligkeit
für seine Individualität erklärt, so abstrahierte er früher (vgl.
Logik) bei seinem Ich nicht nur von aller Zufälligkeit, sondern
auch überhaupt von aller Individualität.
Dies sein "unmenschlich" großes Resultat besingt Sancho in fol-
gendem Kyrie eleison, das er "d e m Unmenschlichen" in den Mund
legt:
"Ich war verächtlich, weil Ich Mein b e s s e r e s S e l b s t
außer Mir suchte;
Ich war das Unmenschliche, weil Ich vom M e n s c h l i c h e n
träumte;
Ich glich den Frommen, die nach ihrem w a h r e n I c h hun-
gern und immer a r m e S ü n d e r bleiben;
Ich dachte Mich nur im Vergleich zu einem Andern;
Ich war nicht Alles in Allem, war nicht - e i n z i g.
Jetzt aber höre Ich auf, Mir als das Unmenschliche vorzukommen;
Höre auf, Mich am Menschen zu messen und messen zu lassen;
Höre auf, etwas über Mir anzuerkennen -
Ich bin das Unmenschliche nur gewesen, bin es nicht mehr, bin das
- E i n z i g e!"
Hallellujah!
Ohne hier weiter darauf einzugehen, wie "das Unmenschliche", das
sich, beiläufig gesagt, dadurch in den nötigen Humor versetzt
hat, daß es "s i c h s e l b s t und dem Kritiker" Sankt Bruno
"d e n R ü c k e n k e h r t" - wie "das Unmenschliche"
s i c h hier "vorkommt" oder nicht "vorkommt", notieren wir, daß
das oder der "Einzige" hier dadurch qualifiziert wird, daß er
sich zum
#419# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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neunhundertsten Male das Heilige aus dem Kopfe schlägt, womit,
wie wir ebenfalls zum neunhundertsten Male wiederholen müssen,
Alles beim Alten bleibt, abgesehen davon, daß es nur ein frommer
Wunsch ist.
Wir haben hier den Einzigen zum ersten Mal. Sancho, der unter der
obigen Litanei zum Ritter geschlagen worden ist, eignet sich
jetzt seinen neuen adligen Namen an. Sancho kommt dadurch zu sei-
ner Einzigkeit, daß er sich "d e n Menschen" aus dem Kopfe
schlägt. Hiermit hört er auf, "sich nur im Vergleiche zu einem
Andern zu denken" und "etwas über sich anzuerkennen". Er wird un-
vergleichlich. Wir haben hier wieder die alte Marotte Sanchos,
daß Vorstellungen, Ideen, "das Heilige", hier in Gestalt "d e s
Menschen", das alleinige tertium comparationis 1*) und das allei-
nige B a n d zwischen den Individuen seien, nicht ihre Bedürf-
nisse. Er schlägt sich eine V o r s t e l l u n g aus dem Kopfe
und wird dadurch e i n z i g.
Um "einzig" in seinem Sinne zu sein, muß er uns vor allem seine
V o r a u s s e t z u n g s l o s i g k e i t beweisen.
p. 470: "D e i n Denken hat nicht das D e n k e n zur Voraus-
setzung, sondern D i c h. Aber so setzest Du Dich doch voraus?
Ja, aber nicht Mir, sondern Meinem Denken. Vor Meinem Denken bin
- Ich. Daraus folgt, daß Meinem Denken nicht ein Gedanke vorher-
geht oder daß Mein Denken ohne eine Voraussetzung ist. Denn die
Voraussetzung, welche Ich für Mein Denken bin, ist keine v o m
D e n k e n g e m a c h t e, keine g e d a c h t e, sondern -
ist der Eigner des Denkens und beweist nur, daß das Denken nichts
weiter ist als - Eigentum."
Daß Sancho nicht eher denkt, als bis er denkt, und daß er und je-
der Andre in dieser Hinsicht ein voraussetzungsloser Denker ist,
"wird ihm hiermit zugegeben". Ebenso wird ihm konzediert, daß er
keinen Gedanken zur Voraussetzung seines Daseins hat, d.h., daß
er nicht von Gedanken gemacht worden ist. Wenn Sancho einen Au-
genblick von seinem ganzen Gedankenkram abstrahiert, was ihm bei
seinem spärlichen Sortiment nicht schwerfallen kann, so bleibt
sein wirkliches Ich, aber sein wirkliches Ich innerhalb der für
es existierenden wirklichen Weltverhältnisse übrig. Er hat sich
damit aller dogmatischen Voraussetzungen für einen Augenblick
entledigt, aber dafür fangen die w i r k l i c h e n Vorausset-
zungen für ihn erst an. Und diese wirklichen Voraussetzungen sind
auch die Voraussetzungen seiner d o g m a t i s c h e n Voraus-
setzungen, die ihm mit den wirklichen wiederkommen, er mag wollen
oder nicht, solange er nicht andre wirkliche Voraussetzungen und
damit auch andre dogmatische Voraussetzungen erhält oder solange
er die wirklichen Voraussetzungen nicht materialistisch als Vor-
aussetzungen seines Denkens anerkennt, womit die dogmatischen
überhaupt aufhören. Wie ihm mit seiner bisherigen
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1*) [der] Vergleichspunkt
#420# Karl Marx und Friedrich Engels
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Entwicklung und mit seinen Berliner Umgebungen jetzt die
dogmatische Voraussetzung des mit sich einigen Egoismus gegeben
ist, so wird sie ihm trotz aller eingebildeten Voraussetzungslo-
sigkeit bleiben, solange er nicht ihre wirklichen Voraussetzungen
überwindet.
Sancho trachtet als echter Schulmeister noch immer nach dem viel-
berühmten Hegelschen "voraussetzungslosen Denken", d.h. dem Den-
ken ohne dogmatische Voraussetzungen, das bei Hegel auch ein
frommer Wunsch ist. Er glaubte es durch eine feine Volte erha-
schen und es dadurch überbieten zu können, daß er auch auf das
voraussetzungslose Ich Jagd machte. Aber sowohl das Eine wie das
Andre ist ihm entwischt.
Sancho versucht sein Glück nun auf eine andre Manier:
p. 214, 215. "Erschöpft" die Freiheitsforderung! "Wer soll frei
werden? Du, Ich, Wir. Wovon frei? Von allem, was nicht Du, nicht
Ich, nicht Wir ist. Ich also bin der K e r n... Was bleibt üb-
rig, wenn Ich von allem, was nicht Ich bin, frei worden? Nur Ich
und n i c h t s als Ich."
"Das also war des Pudels Kern!
Ein fahrender Scholast? Der Kasus macht mich lachen." [158]
"Alles, was nicht Du, nicht Ich, nicht Wir ist", ist natürlich
hier wieder eine dogmatische Vorstellung, wie Staat, Nationali-
tät, Teilung der Arbeit pp. Nachdem diese Vorstellungen kriti-
siert sind, was Sancho von "der Kritik", nämlich der kritischen,
schon vollführt glaubt, bildet er sich wieder ein, auch vom wirk-
lichen Staat, der wirklichen Nationalität und Teilung der Arbeit
befreit zu sein. Das Ich, das hier "der Kern" ist, das "von Al-
lem, was nicht Ich bin, frei worden", ist also wieder das obige
voraussetzungslose Ich mit Allem, was es nicht losgeworden ist.
Nähme Sancho indes das "Freiwerden" einmal so, daß er nicht bloß
von den Kategorien, sondern von den wirklichen Fesseln frei wer-
den wollte, so setzt diese Befreiung wieder eine ihm mit einer
großen Masse Anderer gemeinsame Veränderung voraus und bewirkt
einen veränderten Weltzustand, der ihm wieder mit den Andern ge-
meinsam ist. Hiernach "bleibt" nach der Befreiung allerdings sein
"Ich", aber als ein ganz verändertes Ich, übrig, das mit Andern
eine veränderte Weltlage gemeinsam hat, die eben die ihm mit An-
dern gemeinsame Voraussetzung seiner und ihrer Freiheit ist, und
hiernach gerät die Einzigkeit, Unvergleichlichkeit und Unabhän-
gigkeit seines "Ich" wieder in die Brüche.
Sancho versucht's noch auf eine dritte Manier:
p. 237. "Nicht daß sie" (Jude und Christ) "sich a u s-
s c h l i e ß e n, ist ihre Schmach, sondern daß dies nur
h a l b geschieht. Könnten sie vollkommen Egoisten sein, so
schlössen sie sich g a n z aus."
#421# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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p. 273. "Man faßt die Bedeutung des Gegensatzes zu formell und
schwächlich, wenn man ihn n u r a u f l ö s e n will. Der Ge-
gensatz verdient vielmehr v e r s c h ä r f t zu werden."
p. 274. "Ihr werdet Euren Gegensatz erst dann nicht länger bloß
verhehlen, wenn Ihr ihn ganz anerkannt und Jedermann vom Wirbel
bis zur Zehe sich als e i n z i g behauptet ... Der letzte und
entschiedenste Gegensatz, der des Einzigen gegen den Einzigen,
ist im Grunde über das, was Gegensatz heißt, hinaus ... Du hast
als Einziger nichts Gemeinsames mehr mit dem Andern und darum
auch nichts Trennendes oder Feindliches ... Der Gegensatz ver-
schwindet in der vollkommenen ... Geschiedenheit oder Einzig-
keit."
p. 183. "Ich w i l l nichts B e s o n d e r e s vor Andern
haben oder sein; Ich messe Mich auch nicht an Andern ... Ich will
Alles sein und Alles haben, was Ich sein und haben kann. Ob Andre
Ä h n l i c h e s sind und haben, was kümmert's Mich? Das Glei-
che, dasselbe können sie weder sein noch haben. Ich tue ihnen
keinen Abbruch, wie Ich dem Felsen dadurch keinen Abbruch tue,
daß Ich die Bewegung vor ihm voraus habe. Wenn sie's haben könn-
ten, so hätten sie's. Den andern Menschen keinen Abbruch zu tun,
darauf kommt die Forderung hinaus, kein Vorrecht zu besitzen ...
Man soll sich nicht für 'etwas B e s o n d e r e s' halten, wie
z.B. Jude oder Christ. Nun, Ich h a l t e Mich nicht für etwas
B e s o n d e r e s, sondern für e i n z i g. Ich habe wohl
Ähnlichkeit mit Andern; das gilt jedoch nur für die Vergleichung
oder Reflexion; in der Tat bin Ich unvergleichlich, einzig. Mein
Fleisch ist nicht ihr Fleisch, Mein Geist ist nicht ihr Geist.
Bringt Ihr sie unter die A l l g e m e i n h e i t e n
'Fleisch', 'Geist', so sind das Eure G e d a n k e n, die mit
Meinem Fleische, Meinem Geiste n i c h t s zu schaffen haben."
p. 234. "An den Egoisten geht die menschliche Gesellschaft zu-
grunde, denn sie beziehen sich nicht mehr als Menschen aufeinan-
der, sondern treten egoistisch als ein Ich gegen ein von Mir
durchaus verschiedenes und gegnerisches Du auf."
p. 180. "Als ob nicht immer Einer den Andern suchen wird, und als
ob nicht Einer in den Andern sich fügen muß, wenn er ihn braucht.
Der Unterschied ist aber der, daß dann wirklich der Einzelne
s i c h mit dem Einzelnen v e r e i n i g t, indes er früher
durch ein Band mit ihm verbunden war."
p. 178. "Nur wenn Ihr einzig seid, könnt Ihr als das, was Ihr
wirklich seid, miteinander verkehren."
Was die Illusion Sanchos über den Verkehr der Einzigen "als das,
was sie wirklich sind", über die "Vereinigung des Einzelnen mit
dem Einzelnen", kurz über den "Verein" betrifft, so ist das voll-
ständig abgemacht. Bemerken wir nur: wenn im Verein Jeder den An-
dern nur als s e i n e n Gegenstand, als s e i n Eigentum be-
trachtete und behandelte (vgl. p. 167 und die Eigentums- und Ex-
ploitationstheorie), so sieht der Statthalter der Insel Barataria
im Kommentar (Wig[and,] p. 157) dagegen ein und erkennt es an,
daß der Andre auch sich selbst gehört, S e i n eigen, einzig
ist und auch in dieser Qualität G e g e n s t a n d Sanchos
wird, obgleich nicht mehr Sanchos Eigentum.
#422# Karl Marx und Friedrich Engels
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In seiner Verzweiflung rettet er sich nur durch den unerwarteten
Einfall, daß er sich "hierüber selbst vergißt in süßer Selbstver-
gessenheit", ein Genuß, den er sich "in jeder Stunde tausendmal
macht" und den ihm das süße Bewußtsein noch versüßt, daß er dann
doch nicht "ganz verschwunden" ist. Es kommt hier also der alte
Witz heraus, daß Jeder für sich und für Andre ist.
Lösen wir jetzt Sanchos pomphafte Sätze in ihren bescheidenen In-
halt auf.
Die gewaltigen Redensarten über den "Gegensatz", der verschärft
und auf die Spitze getrieben werden soll, und über das
"Besondre", das Sancho nicht voraus haben will, laufen auf Ein
und Dasselbe hinaus. Sancho will oder g l a u b t vielmehr zu
wollen, daß die Individuen rein persönlich miteinander verkehren
sollen, daß ihr Verkehr nicht durch ein Drittes, eine Sache ver-
mittelt sein soll (vgl. die Konkurrenz). Dies Dritte ist hier das
"Besondre" oder der besondre, nicht absolute Gegensatz, d.h. die
durch die jetzigen gesellschaftlichen Verhältnisse bedingte Stel-
lung der Individuen zueinander. Sancho will z.B. nicht, daß zwei
Individuen als Bourgeois und Proletarier zueinander im
"Gegensatz" stehen, er protestiert gegen das "Besondre", das der
Bourgeois vor dem Proletarier "voraus hat"; er möchte sie in ein
rein persönliches Verhältnis treten, als bloße Individuen mitein-
ander verkehren lassen. Er bedenkt nicht, daß innerhalb der Tei-
lung der Arbeit die persönlichen Verhältnisse notwendig und un-
vermeidlich sich zu Klassenverhältnissen fortbilden und fixieren
und daß darum sein ganzes Gerede auf einen bloßen frommen Wunsch
herausläuft, den er zu realisieren denkt, indem er die Individuen
dieser Klassen vermahnt, sich die Vorstellung ihres "Gegensatzes"
und ihres "besondern" "Vorrechts" aus dem Kopf zu schlagen. In
den oben zitierten Sätzen Sanchos kommt es überhaupt nur darauf
an, wofür s i c h die Leute h a l t e n und wofür er sie
hält, was sie wollen und was e r will. Durch ein verändertes
"D a f ü r h a l t e n" und "W o l l e n" wird der "Gegen-
satz" und das "Besondre" aufgehoben.
Selbst das, was ein Individuum als solches vor dem andern voraus
hat, ist heutzutage zugleich ein Produkt der Gesellschaft und muß
sich in seiner Verwirklichung wieder als Pnvilegium geltend ma-
chen, wie wir Sancho schon bei Gelegenheit der Konkurrenz gezeigt
haben. Das Individuum als solches, für sich selbst betrachtet,
ist ferner unter die Teilung der Arbeit subsumiert, durch sie
vereinseitigt, verkrüppelt, bestimmt.
Worauf läuft Sanchos Zuspitzung des Gegensatzes und Aufhebung der
Besonderheit im besten Falle hinaus? Daß die Verhältnisse der In-
dividuen ihr V e r h a l t e n sein sollen und ihre gegenseiti-
gen Unterschiede ihre S e l b s t u n t e r s c h e i d u n-
g e n (wie das eine empirische Selbst s i c h vom Andern un-
terscheidet).
#423# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Beides ist entweder, wie bei Sancho, eine ideologische Umschrei-
bung des B e s t e h e n d e n, denn die Verhältnisse der Indi-
viduen k ö n n e n unter allen Umständen nichts andres als ihr
wechselseitiges Verhalten, und ihre Unterschiede k ö n n e n
nichts andres als ihre Selbstunterscheidungen sein. Oder es ist
der fromme Wunsch, daß sie sich so verhalten und s o voneinan-
der unterscheiden m ö c h t e n, daß ihr Verhalten nicht als
von ihnen unabhängiges gesellschaftliches Verhältnis verselbstän-
digt, daß ihre Unterschiede voneinander nicht den sachlichen (von
der Person unabhängigen) Charakter annehmen m ö c h t e n, den
sie angenommen haben und noch täglich annehmen.
Die Individuen sind immer und unter allen Umständen "v o n
s i c h ausgegangen", aber da sie nicht e i n z i g in dem
Sinne waren, daß sie keine Beziehung zueinander nötig gehabt hät-
ten, da ihre B e d ü r f n i s s e, also ihre Natur, und die
Weise, sie zu befriedigen, sie aufeinander bezog (Geschlechtsver-
hältnis, Austausch, Teilung der Arbeit), so m u ß t e n sie in
Verhältnisse treten. Da sie ferner nicht als reine Ichs, sondern
als Individuen auf einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer
Produktivkräfte und Bedürfnisse in Verkehr traten, in einen Ver-
kehr, der seinerseits wieder die Produktion und die Bedürfnisse
bestimmte, so war es eben das persönliche, individuelle Verhalten
der Individuen, ihr Verhalten als Individuen zueinander, das die
bestehenden Verhältnisse schuf und täglich neu schafft. Sie
traten als das miteinander in Verkehr, was sie waren, sie gingen
"von sich aus", wie sie waren, gleichgültig, welche "Lebensan-
schauung" sie hatten. Diese "Lebensanschauung", selbst die wind-
schiefe der Philosophen, konnte natürlich immer nur durch ihr
wirkliches Leben bestimmt sein. Es stellt sich hierbei allerdings
heraus, daß die Entwicklung eines Individuums durch die Ent-
wicklung aller andern, mit denen es in direktem oder indirektem
Verkehr steht, bedingt ist, und daß die verschiedenen Genera-
tionen von Individuen, die miteinander in Verhältnisse treten,
einen Zusammenhang unter sich haben, daß die Späteren m ihrer
physischen Existenz durch ihre Vorgänger bedingt sind, die von
ihnen akkumulierten Produktivkräfte und Verkehrsformen übernehmen
und dadurch in ihren eignen gegenseitigen Verhältnissen bestimmt
werden. Kurz, es zeigt sich, daß eine Entwicklung stattfindet und
die Geschichte eines einzelnen Individuums keineswegs von der
Geschichte der vorhergegangenen und gleichzeitigen Individuen
loszureißen ist, sondern von ihr bestimmt wird.
Das Umschlagen des individuellen Verhaltens m sein Gegenteil, ein
bloß sachliches Verhalten, die Unterscheidung von Individualität
und Zufälligkeit durch die Individuen selbst, ist, wie wir be-
reits nachgewiesen haben, ein geschichtlicher Prozeß und nimmt
auf verschiednen Entwicklungsstufen
#424# Karl Marx und Friedrich Engels
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verschiedene, immer schärfere und universellere Formen an. In der
gegenwärtigen Epoche hat die Herrschaft der sachlichen Verhält-
nisse über die Individuen, die Erdrückung der Individualität
durch die Zufälligkeit, ihre schärfste und universellste Form er-
halten und damit den existierenden Individuen eine ganz bestimmte
Aufgabe gestellt. Sie hat ihnen die Aufgabe gestellt, an die
Stelle der Herrschaft der Verhältnisse und der Zufälligkeit über
die Individuen die Herrschaft der Individuen über die Zufällig-
keit und die Verhältnisse zu setzen. Sie hat nicht, wie Sancho
sich einbildet, die Forderung gestellt, daß "Ich Mich entwickle",
was jedes Individuum bis jetzt ohne Sanchos guten Rat getan hat,
sie hat vielmehr die Befreiung von einer ganz bestimmten Weise
der Entwicklung vorgeschrieben. Diese durch die gegenwärtigen
Verhältnisse vorgeschriebene Aufgabe fällt zusammen mit der Auf-
gabe, die Gesellschaft kommunistisch zu organisieren.
Wir haben bereits oben gezeigt, daß die Aufhebung der Verselb-
ständigung der Verhältnisse gegenüber den Individuen, der Unter-
werfung der Individualität unter die Zufälligkeit, der Subsumtion
ihrer persönlichen Verhältnisse unter die allgemeinen Klassenver-
hältnisse etc. in letzter Instanz bedingt ist durch die Aufhebung
der Teilung der Arbeit. Wir haben ebenfalls gezeigt, daß die Auf-
hebung der Teilung der Arbeit bedingt ist durch die Entwicklung
des Verkehrs und der Produktivkräfte zu einer solchen Universali-
tät, daß das Privateigentum und die Teilung der Arbeit für sie zu
einer Fessel wird. Wir haben ferner gezeigt, daß das Privateigen-
tum nur aufgehoben werden kann unter der Bedingung einer allsei-
tigen Entwicklung der Individuen, weil eben der vorgefundene Ver-
kehr und die vorgefundenen Produktivkräfte allseitig sind und nur
von allseitig sich entwickelnden Individuen angeeignet, d.h. zur
freien Betätigung ihres Lebens gemacht werden können. Wir haben
gezeigt, daß die gegenwärtigen Individuen das Privateigentum auf-
heben m ü s s e n, weil die Produktivkräfte und die Verkehrs-
formen sich so weit entwickelt haben, daß sie unter der Herr-
schaft des Privateigentums zu Destruktivkräften geworden sind,
und weil der Gegensatz der Klassen auf seine höchste Spitze ge-
trieben ist. Schließlich haben wir gezeigt, daß die Aufhebung des
Privateigentums und der Teilung der Arbeit selbst die Vereinigung
der Individuen auf der durch die jetzigen Produktivkräfte und den
Weltverkehr gegebenen Basis ist.
Innerhalb der kommunistischen Gesellschaft, der einzigen, worin
die originelle und freie Entwicklung der Individuen keine Phrase
ist, ist sie bedingt eben durch den Zusammenhang der Individuen,
ein Zusammenhang, der teils in den ökonomischen Voraussetzungen
besteht, teils m der notwendigen Solidarität der freien Entwick-
lung Aller, und endlich in der universellen
#425# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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Betätigungsweise der Individuen auf der Basis der vorhandenen
Produktivkräfte. Es handelt sich hier also um Individuen auf ei-
ner bestimmten historischen Entwicklungsstufe, keineswegs um be-
liebige zufällige Individuen, auch abgesehen von der notwendigen
kommunistischen Revolution, die selbst eine gemeinsame Bedingung
ihrer freien Entwicklung ist. Das Bewußtsein der Individuen über
ihre gegenseitige Beziehung wird natürlich ebenfalls ein ganz an-
dres und daher ebensowenig das "Liebesprinzip" oder das Dévoûment
1*) wie der Egoismus sein.
Die "Einzigkeit", in dem Sinne der originellen Entwicklung und
des individuellen Verhaltens, wie es oben entwickelt wurde, ge-
nommen, setzt also nicht nur ganz andre Dinge als den guten Wil-
len und das rechte Bewußtsein voraus, sondern auch gerade das Ge-
genteil von den Phantastereien Sanchos. Bei ihm ist sie weiter
nichts als eine Beschönigung der bestehenden Verhältnisse, ein
tröstliches Balsamtröpflein für die arme, ohnmächtige, in der
Misère miserabel gewordene Seele.
Wie mit der "Einzigkeit" verhält es sich mit Sanchos "U n v e r-
g l e i c h l i c h k e i t". Er selbst wird sich erinnern, wenn
er nicht ganz "verschwunden" ist "in süßer Selbstvergessenheit",
daß die Organisation der Arbeit im "S t i r n e r s c h e n
Verein von Egoisten" nicht nur auf der Vergleichlichkeit, sondern
auf der G l e i c h h e i t der Bedürfnisse beruhte. Und er
unterstellte nicht nur gleiche Bedürfnisse, sondern auch gleiche
Betätigung, so daß Einer den andern in der "menschlichen Arbeit"
ersetzen konnte. Und das Extrasalär des "Einzigen", das seine
Erfolge krönt, worauf beruhte es anders, als daß seine Leistung
mit denen andrer verglichen und wegen ihres Vorzugs besser
versilbert wurde? Und wie kann Sancho überhaupt" von Unver-
gleichlichkeit sprechen, wenn er die praktisch verselbständigte
Vergleichung, das G e l d, bestehen läßt, sich ihm subordi-
niert, sich zur Vergleichung mit Andern an diesem Universalmaß-
stabe messen läßt? Wie sehr er selbst also seine Unvergleichlich-
keit Lügen straft, ist evident. Nichts leichter, als Gleichheit
und Ungleichheit, Ähnlichkeit und Unähnlichkeit Reflexionsbestim-
mungen zu nennen. Auch die Unvergleichlichkeit ist eine Re-
flexionsbestimmung, welche die Tätigkeit des Vergleichens zu
ihrer Voraussetzung hat. Wie wenig die Vergleichung eine reine
willkürliche Reflexionsbestimmung ist, davon brauchen wir nur ein
Beispiel anzuführen, das G e l d, das stehende tertium compara-
tionis 2*) aller Menschen und Dinge.
Übrigens kann die Unvergleichlichkeit verschiedne Bedeutungen ha-
ben. Die einzige, die hier in Betracht kommt, die "Einzigkeit" im
Sinne von Originalität,
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1*) [die] Aufopferung - 2*) [den stehenden] Vergleichspunkt
#426# Karl Marx und Friedrich Engels
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setzt voraus, daß die Tätigkeit des unvergleichlichen Individuums
in einer bestimmten Sphäre sich selbst von der Tätigkeit
G l e i c h e r unterscheidet. Unvergleichliche Sängerin ist die
Persiani, eben weil sie S ä n g e r i n ist und mit andren Sän-
gerinnen verglichen wird, und zwar von Ohren, welche durch die
auf normaler Konstruktion und musikalischer Bildung beruhende
Vergleichung zur Erkenntnis ihrer Unvergleichlichkeit befähigt
sind. Unvergleichlich ist der Gesang der Persiani mit dem Gequake
eines Frosches, obgleich auch hier eine Vergleichung stattfinden
könnte, die aber dann eine Vergleichung zwischen Mensch und
Frosch, nicht zwischen der Persiani und diesem einzigen Frosch
wäre. Nur im ersten Fall ist von Vergleichung zwischen Individuen
zu reden, im zweiten geht die Vergleichung ihre Art oder Gat-
tungseigenschaft an. Eine dritte Art der Unvergleichlichkeit, die
Unvergleichlichkeit des Gesanges der Persiani mit dem Schwänze
eines Kometen, überlassen wir Sancho zu seinem "Selbstgenuß", da
er ohnehin am "widersinnigen Urteil" solche Freude hat, aber
selbst diese widersinnige Vergleichung hat in der Widersinnigkeit
der heutigen Verhältnisse eine Realität. Das Geld ist der
gemeinsame Maßstab aller, auch der heterogensten Dinge.
Übrigens kommt Sanchos Unvergleichlichkeit wieder auf dieselbe
Phrase hinaus wie die Einzigkeit. Die Individuen sollen nicht
mehr an einem von ihnen unabhängigen tertium comparationis gemes-
sen werden, sondern die Vergleichung s o l l zu ihrer Selbstun-
terscheidung, id est zur freien Entwicklung ihrer Individualität
umschlagen, und zwar dadurch, daß sie sich die "fixen Ideen" aus
dem Kopf schlagen.
Übrigens kennt Sancho nur die Literaten- und Kannegießer-Verglei-
chung, die zu dem großartigen Resultate kommt, daß Sancho nicht
Bruno und Bruno nicht Sancho ist. Die Wissenschaften dagegen, die
erst durch die Vergleichung und die Feststellung der Unterschiede
innerhalb der Sphären der Vergleichung zu bedeutenden Fortschrit-
ten gekommen sind und in denen die Vergleichung einen allgemein
bedeutenden Charakter erhält, die vergleichende Anatomie, Bota-
nik, Sprachforschung etc., kennt er natürlich nicht.
Große Nationen, Franzosen, Nordamerikaner, Engländer, vergleichen
sich fortwährend untereinander praktisch und theoretisch, in der
Konkurrenz wie in der Wissenschaft. Kleinkrämer und Spießbürger
wie die Deutschen, die die Vergleichung und Konkurrenz zu scheuen
haben, verkriechen sich hinter den Schild der Unvergleichlich-
keit, den ihnen ihr philosophischer Etikettenfabrikant liefert.
Sancho hat nicht nur in ihrem, sondern auch in seinem eignen In-
teresse sich alle Vergleichung verbeten.
#427# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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p. 415 sagt Sancho:
"Es ist Keiner M e i n e s G l e i c h e n",
und p. 408 wird der Umgang mit "Meines Gleichen" als die Auflö-
sung der Gesellschaft in den Verkehr dargestellt:
"Es zieht das Kind den V e r k e h r, den es mit S e i n e s
G l e i c h e n eingeht, der G e s e l l s c h a f t vor."
Sancho braucht indes mitunter "Meines Gleichen" und "das Gleiche"
überhaupt für "D a s s e l b e", z.B. die oben zitierte Stelle
p. 183:
"Das G l e i c h e, d a s s e l b e können sie weder sein noch
haben."
Und hiermit nimmt er seine schließliche "neue Wendung", die na-
mentlich im Kommentar verbraucht wird.
Die Einzigkeit, die Originalität, die "eigne" Entwicklung der In-
dividuen, die nach Sancho z.B. bei allen "menschlichen Arbeiten"
nicht stattfindet, obgleich Niemand leugnen wird, daß ein Ofen-
setzer den Ofen nicht auf "d i e s e l b e" Weise setzt wie der
andre; die "einzige" Entwicklung der Individuen, die nach demsel-
ben Sancho in den religiösen, politischen etc. Sphären nicht
stattfindet (siehe die "Phänomenologie"), obgleich Niemand leug-
nen wird, daß unter Allen, die an den Islam glauben, Keiner auf
"dieselbe" Weise an ihn glaubt und sich insofern "einzig" ver-
hält, wie unter allen Staatsbürgern keiner auf "dieselbe" Weise
sich zum Staat verhält, schon weil E r es ist und nicht der
A n d r e, der sich verhält - die vielgerühmte "Einzigkeit", die
so sehr von der "D i e s e l b i g k e i t", der I d e n t i-
t ä t d e r P e r s o n sich unterschied, daß Sancho in allen
bisherigen Individuen fast nur "Exemplare" einer Gattung sah,
löst sich also hier auf in die polizeilich konstatierte Identität
einer Person mit sich selbst, darin, daß Ein Individuum nicht das
Andre ist. So schrumpft der Weltstürmer Sancho zum Schreiber
eines Paßbüros zusammen.
p. 184 des Kommentars setzt er mit vieler Salbung und großem
Selbstgenuß auseinander, daß Er nicht davon satt wird, wenn der
Kaiser von Japan ißt, weil sein und des Kaisers von Japan Einge-
weide "einzige", "unvergleichliche Eingeweide", id est, nicht
d i e s e l b e n seien. Wenn Sancho glaubt, hierdurch die bis-
herigen sozialen Verhältnisse oder auch nur Naturgesetze aufgeho-
ben zu haben, so ist diese Naivetät gar zu groß und rührt bloß
daher, daß die Philosophen die sozialen Verhältnisse nicht als
die gegenseitigen Verhältnisse dieser mit sich identischen Indi-
viduen und die Naturgesetze als die gegenseitigen Beziehungen
dieser bestimmten Körper dargestellt haben.
#428# Karl Marx und Friedrich Engels
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Berühmt ist der klassische Ausdruck, den Leibniz diesem alten
Satz (der in jedem Handbuch der Physik als Lehre von der Undurch-
dringlichkeit der Körper auf der ersten Seite figuriert) gegeben
hat:
"Opus tamen est ... ut quaelibet monas differat ab alia quacun-
que, neque enim unquam dantur in natura duo entia, quorum unum
exasse conveniat cum altero." 1*) ("Principia Philos[ophiae] seu
Theses" pp.)
Sanchos Einzigkeit ist hier zu einer Qualität herabgesunken, die
er mit jeder Laus und jedem Sandkorn teilt.
Das größte Dementi, mit dem die Philosophie enden konnte, war,
daß sie die Einsicht jedes Bauerlümmels und Polizeisergeanten,
daß Sancho nicht Bruno ist, für eine der größten Entdeckungen,
und die Tatsache dieser Verschiedenheit für ein wahres Wunder an-
sieht.
So hat sich das "kritische Juchhe" unsres "Virtuosen im Denken"
in ein unkritisches Miserere verwandelt.
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Nach allen diesen Abenteuern segelt unser "einziger" Schildknapp
wieder in den Hafen seiner heimischen Fronkote ein. "Das Titelge-
spenst seines Buchs" springt ihm "jauchzend" entgegen. Ihre erste
Frage ist, wie sich der Graue befinde.
Besser als sein Herr, antwortet Sancho.
Gott sei gedankt dafür, daß er mir so viel Gutes getan hat; aber
erzähle mir jetzt, mein Freund, was hat Dir denn Deine Knapp-
schaft eingebracht? Was für ein neues Kleid bringst Du mir mit?
Ich bringe Nichts der Art, antwortet Sancho, aber "das schöpferi-
sche Nichts, das Nichts, aus dem Ich selbst als Schöpfer Alles
schaffe", das heißt, Du sollst mich noch sehen als Kirchenvater
und Erzbischof einer Insel, und zwar einer der besten, die man
finden kann.
Der Himmel gebe das, mein Schatz, und bald, denn wir haben's nö-
tig. Aber was ist denn das mit der Insel, ich versteh' das nicht.
Honig ist nichts für das Maul des Esels, erwidert Sancho. Du
wirst das seinerzeit sehen, Weib. Aber das kann ich Dir jetzt
schon sagen, daß es nichts Angenehmeres auf der Welt gibt denn
die Ehre, als mit sich einiger Egoist und Schildknapp von der
traurigen Gestalt Abenteuer zu suchen. Es ist freilich wahr, daß
die meisten, die man findet, nicht so "ihr letztes Absehen errei-
chen", daß "die m e n s c h l i c h e Forderung befriedigt
wird" (tan como el
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1*) "Mit Notwendigkeit jedoch unterscheidet sich jede beliebige
Monade von jeder anderen; denn niemals gibt es in der Natur zwei
Wesen, die miteinander gänzlich übereinstimmen."
#429# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. III. Sankt Max
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h o m b r e querria 1*)), denn von Hunderten, die man trifft,
pflegen neunundneunzig schief und verzwickt abzulaufen. Ich weiß
das aus Erfahrung, denn aus Einigen bin ich geprellt, aus andern
gemahlen und gedroschen heimgegangen. Aber bei Alledem ist es
doch eine schöne Sache, denn die "einzige " Forderung wird jeden-
falls dabei befriedigt, wenn man so durch die ganze Geschichte
vagabundiert, alle Bücher des Berliner Lesekabinetts zitiert, in
allen Sprachen ein etymologisches Nachtlager hält, in allen Län-
dern politische Fakta verfälscht, gegen alle Drachen und Strauße,
Kobolde, Feldteufel und "Gespenster" fanfaronierende Herausforde-
rungen erläßt, sich mit allen Kirchenvätern und Philosophen her-
umschlägt und schließlich doch nur mit seinem eigenen Körper be-
zahlt. (Vgl. Cervantes I, Cap. 52.)
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1*) so, wie es sich der M e n s c h wünscht
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