Quelle: MEW 3 1845 - 1846


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       #445#
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       I
       
       "Die Rheinischen Jahrbücher" [164]
       oder
       Die Philosophie des wahren Sozialismus
       
       A) "Communismus, Socialismus, Humanismus" [165]
       "Rhein[ische] Jahrb[ücher]" 1. Bd., p. 167 ff.
       
       Wir beginnen  mit diesem  Aufsatz, weil er den deutsch-nationalen
       Charakter des wahren Sozialismus mit vollständigem Bewußtsein und
       großem Selbstgefühl zur Schau trägt.
       
       p. 168.  "Es scheint,  als ob die  F r a n z o s e n  ihre eignen
       Genies nicht  verständen. Hier  kommt ihnen  die  d e u t s c h e
       W i s s e n s c h a f t  zu Hülfe, die im  S o z i a l i s m u s,
       wenn bei  der Vernunft  eine Steigerung gilt, die  v e r n ü n f-
       t i g s t e     O r d n u n g    d e r    G e s e l l s c h a f t
       g i b t."
       
       Hier gibt  also "die  deutsche Wissenschaft"  eine, und zwar "die
       vernünftigste", "Ordnung  der Gesellschaft"   "i m  Sozialismus".
       Der Sozialismus  wird ein  bloßer Zweig der allmächtigen, allwei-
       sen, Alles umfassenden deutschen Wissenschaft, die sogar eine Ge-
       sellschaft stiftet. Der Sozialismus ist zwar ursprünglich franzö-
       sisch, aber  die französischen  Sozialisten waren  "a n  s i c h"
       D e u t s c h e,   weshalb auch die  w i r k l i c h e n  Franzo-
       sen sie "nicht verstanden". Daher kann unser Verfasser sagen:
       
       "Der   K o m m u n i s m u s   ist   f r a n z ö s i s c h,   der
       S o z i a l i s m u s   d e u t s c h;   ein Glück ist es für die
       Franzosen,  daß   sie  einen  so  glücklichen  gesellschaftlichen
       I n s t i n k t    haben,  der  ihnen  einst  die    w i s s e n-
       s c h a f t l i c h e n   S t u d i e n   wird  ersetzen  helfen.
       Dieses  Resultat  lag  in  dem  Entwicklungsgange  beider  Völker
       vorgezeichnet; die  Franzosen kamen durch die  P o l i t i k  zum
       K o m m u n i s m u s"   (nun weiß man natürlich, wie das franzö-
       sische Volk  zum  Kommunismus  kam),  "die  Deutschen  durch  die
       M e t a p h y s i k,   die zuletzt in Anthropologie umschlug, zum
       S o z i a l i s m u s"  (nämlich zum "wahren Sozialismus"). "Bei-
       de lösen sich zuletzt in  H u m a n i s m u s  auf."
       
       Nachdem man  den Kommunismus  und Sozialismus  in zwei  abstrakte
       Theorien, zwei  Prinzipien verwandelt  hat, ist  natürlich nichts
       leichter, als  eine beliebige Hegelsche Einheit dieser beiden Ge-
       gensätze unter  einem beliebigen unbestimmten Namen zu phantasie-
       ren. Womit nicht nur ein durchdringender
       
       #446# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Blick in  "den Entwicklungsgang  beider Völker" geworfen, sondern
       auch die  Erhabenheit des spekulierenden Individuums über Franzo-
       sen und Deutsche glänzend dargetan ist.
       Übrigens ist  dieser Satz ziemlich wörtlich kopiert aus dem Pütt-
       mannschen "Bürgerbuch", p. 43 [166] und anderwärts; wie denn auch
       die "wissenschaftlichen  Studien" des  Verfassers über den Sozia-
       lismus sich  auf eine  konstruierende Reproduktion  der in diesem
       Buche, den  "Einundzwanzig Bogen"  und anderen  Schriften aus der
       Entstehungsepoche des  deutschen Kommunismus  gegebenen Ideen be-
       schränken.
       Wir geben  nur einige Proben von den in diesem Aufsatze erhobenen
       Einwendungen gegen den  K o m m u n i s m u s.
       
       p. 168.  "Der Kommunismus  verbindet die  Atome zu keinem organi-
       schen Ganzen."
       
       Die Verbindung  von "Atomen"  zu einem  "organischen Ganzen"  ist
       ebensowenig zu verlangen wie die Quadratur des Zirkels.
       
       "Wie der  Kommunismus faktisch  in Frankreich,  seinem Hauptsitz,
       vertreten wird, ist er der  r o h e  Gegensatz gegen die egoisti-
       sche Zerfallenheit  des Krämerstaats, über diesen politischen Ge-
       gensatz kommt  er nicht  hinaus,  gelangt  zu  keiner    u n b e-
       d i n g t e n,   v o r a u s s e t z u n g s l o s e n   F r e i-
       h e i t."  (ibidem.)
       
       Voilà 1*)  das deutsch-ideologische  Postulat  der  "unbedingten,
       voraussetzungslosen Freiheit",  die nur die praktische Formel für
       das "unbedingte, voraussetzungslose Denken" ist. Der französische
       Kommunismus ist  allerdings "roh",  weil er der theoretische Aus-
       druck eines   w i r k l i c h e n   Gegensatzes  ist, über den er
       nach unsrem  Verfasser aber  dadurch hinaus  sein sollte,  daß er
       diesen Gegensatz  in der  Einbildung als  schon überwunden unter-
       stellt. Vergleiche übrigens "Bürgerbuch" u.a. p. 43.
       
       "Innerhalb des  Kommunismus kann  die Tyrannei recht wohl fortbe-
       stehen, weil er nicht die Gattung fortbestehen läßt." p. 168.
       
       Arme Gattung!  Bisher hat  die "Gattung"  g l e i c h z e i t i g
       m i t   der "Tyrannei"  bestanden; aber eben weil der Kommunismus
       die "Gattung"   a b s c h a f f t,   deswegen kann er die "Tyran-
       nei"   f o r t bestehen lassen.  Und wie  fängt  es  nach  unsrem
       wahren Sozialisten  der Kommunismus  an, "die Gattung" abzuschaf-
       fen? Er "hat die Masse vor sich", (ibidem.)
       
       "Der Mensch  wird im Kommunismus seines Wesens nicht  b e w u ß t
       ...  seine  Abhängigkeit  wird  durch  den  Kommunismus  auf  das
       l e t z t e,   b r u t a l s t e   V e r h ä l t n i s  gebracht,
       auf die  Abhängigkeit von  der  r o h e n  M a t e r i e  - Tren-
       nung von   A r b e i t   und   G e n u ß.   Der Mensch gelangt zu
       keiner  f r e i e n  sittlichen  T ä t i g k e i t."
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       1*) da haben wir
       
       #447# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialism. I. "Rhein. Jahrbücher"
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       Um die  "wissenschaftlichen Studien"  zu würdigen,  welche unsrem
       wahren Sozialisten zu diesem Satz verholfen haben, vergleiche man
       folgenden Satz:
       
       "Die französischen  Sozialisten und  Kommunisten  ...  haben  das
       W e s e n   des Sozialismus  theoretisch keineswegs  erkannt  ...
       selbst die radikalen" (französischen) "Kommunisten sind noch kei-
       neswegs über den Gegensatz von  A r b e i t  und  G e n u ß  hin-
       aus ...  haben sich  noch nicht  zum Gedanken  d e r  f r e i e n
       T ä t i g k e i t   erhoben ... Der Unterschied zwischen dem Kom-
       munismus und  der Krämerwelt  ist nur  der,  daß  die    v o l l-
       s t ä n d i g e    E n t ä u ß e r u n g    d e s    w i r k l i-
       c h e n  m e n s c h l i c h e n  E i g e n t u m s  im Kommunis-
       mus aller  Zufälligkeit  enthoben,  d.h.    i d e a l i s i e r t
       werden soll." "Bürgerbuch", p. 43.
       
       Unser wahrer Sozialist wirft also hier den Franzosen vor, daß sie
       ein richtiges  Bewußtsein ihrer faktischen gesellschaftlichen Zu-
       stände haben,  während sie das Bewußtsein  "d e s  Menschen" über
       "s e i n   Wesen" zutage  fördern sollten.  Alle Vorwürfe  dieser
       wahren Sozialisten  gegen die Franzosen laufen darauf hinaus, daß
       die Feuerbachsche  Philosophie nicht  die letzte Pointe ihrer ge-
       samten Bewegung  ist. Wovon der Verfasser ausgeht, ist der vorge-
       fundene Satz  von der  Trennung von  Arbeit und  Genuß. Statt mit
       diesem Satze anzufangen, dreht er ideologisch die Sache um, fängt
       an mit dem fehlenden Bewußtsein des Menschen, schließt daraus auf
       die "Abhängigkeit  von der  rohen Materie"  und läßt  diese  sich
       r e a l i s i e r e n   in der  "Trennung von  Arbeit und Genuß".
       Wir werden  übrigens noch Exempel davon sehen, wohin unser wahrer
       Sozialist mit  seiner Unabhängigkeit  "von  der  rollen  Materie"
       kommt. -  Überhaupt sind diese Herren alle von merkwürdigem Zart-
       gefühl. Alles,  namentlich die  Materie, schockiert  sie, überall
       klagen sie  über Roheit.  Oben hatten  wir schon  den  "r o h e n
       Gegensatz", jetzt  das   "b r u t a l s t e  Verhältnis" der "Ab-
       hängigkeit von der  r o h e n  Materie".
       
       Der Deutsche öffnet den Mund weit:
       Die Liebe sei nicht zu  r o h,
       Sie schadet sonst der Gesundheit. [167]
       
       Natürlich, die  deutsche Philosophie in ihrer Verkleidung als So-
       zialismus geht  zwar zum  Schein auf die "rohe Wirklichkeit" ein,
       aber sie  hält sich  immer in  anständiger Entfernung von ihr und
       ruft ihr mit hysterischer Gereiztheit zu: Noli me tangere! 1*)
       Nach diesen  wissenschaftlichen Einwürfen gegen den französischen
       Kommunismus kommen  wir auf  einige historische Erörterungen, die
       von der "freien sittlichen Tätigkeit" und den "wissenschaftlichen
       Studien" unsres  wahren Sozialisten  wie auch von seiner Unabhän-
       gigkeit von der rohen Materie glänzendes Zeugnis ablegen.
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       1*) Rühr mich nicht an!
       
       #448# Karl Marx und Friedrich Engels
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       p.  170  kommt  er  zu  dem  "Resultate",  daß  "der"  (abermals)
       "r o h e   französische Kommunismus"  der  einzige  ist,  den  es
       "gibt". Die Konstruktion dieser Wahrheit a priori wird mit großem
       "gesellschaftlichem Instinkt"  durchgeführt und  zeigt, daß  "der
       Mensch seines Wesens sich bewußt" geworden ist. Man höre:
       
       "Es gibt  keinen andern,   d e n n  was Weitling gegeben hat, ist
       nur eine Verarbeitung fourieristischer und kommunistischer Ideen,
       wie er sie in Paris und Genf kennenlernte."
       
       "Es gibt keinen" englischen Kommunismus, "denn was Weitling" usw.
       Thomas Morus,  die Levellers  [168], Owen,  Thompson, Watts,  Ho-
       lyoake, Harney,  Morgan, Southwell,  Goodwyn Barmby, Greaves, Ed-
       monds, Hobson,  Spence werden  sich sehr  wundern, resp. im Grabe
       umdrehen, wenn  ihnen zu  Ohren kommt,  wie sie keine Kommunisten
       sind, "denn" Weitling ging nach Paris und Genf.
       Übrigens scheint  der  Weitlingsche  Kommunismus  doch  auch  ein
       andrer zu sein als der "rohe französische", vulgo Babouvismus, da
       er auch "fourieristische Ideen" enthält.
       
       "Die Kommunisten waren besonders stark in der Aufstellung von Sy-
       stemen oder  gleich fertigen  Gesellschaftsordnungen (Cabets Ika-
       rien, 'La Félicité' [169], Weitling). Alle Systeme aber sind dog-
       matisch-diktatorisch." p. 170.
       
       Mit seiner  Meinungsabgabe über  Systeme überhaupt  hat der wahre
       Sozialismus sich  natürlich der  Mühe überhoben,  die kommunisti-
       schen Systeme  selbst kennenzulernen.  Mit einem  Schlage hat  er
       nicht nur  Ikarien [170],  sondern auch  alle philosophischen Sy-
       steme von  Aristoteles bis Hegel, das Systeme de la nature [171],
       das Linnésche  und Jussieusche  Pflanzensystem und sogar das Son-
       nensystem überwunden.  Was übrigens die Systeme selbst angeht, so
       sind diese fast alle im Anfange der kommunistischen Bewegung auf-
       gekommen und  dienten damals  der Propaganda als Volksromane, die
       dem noch unentwickelten Bewußtsein der sich eben in Bewegung set-
       zenden Proletarier  vollkommen entsprachen.  Cabet  selbst  nennt
       seine "Icarie"  einen roman  philosophique 1*) und ist keineswegs
       aus seinem  System, sondern aus seinen Streitschriften, überhaupt
       aus seiner  ganzen Tätigkeit als Parteichef zu beurteilen. Einige
       dieser Romane,  z.B. das  Fouriersche System,  sind mit  wirklich
       poetischem Geiste,  andere, wie  das Owensche und Cabetsche, ohne
       alle Phantasie  mit kaufmännischer  Berechnung  oder  juristisch-
       schlauem Anschmiegen  an die  Anschauungen der  zu  bearbeitenden
       Klasse ausgeführt.  Diese Systeme  verlieren bei  der Entwicklung
       der Partei alle Bedeutung und
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       1*) philosophischen Roman
       
       #449# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialism. I. "Rhein. Jahrbücher"
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       werden höchstens nominell als Stichwörter beibehalten. Wer glaubt
       in Frankreich an Ikarien, wer in England an die verschiedenen mo-
       difizierten Pläne  Owens, die er selbst je nach veränderten Zeit-
       umständen oder  mit Rücksicht  auf  Propaganda  unter  bestimmten
       Klassen predigte?  Wie wenig  der wirkliche Inhalt dieser Systeme
       in ihrer systematischen Form liegt, beweisen am besten die ortho-
       doxen Fourieristen  der "Democratie pacifique", die bei all ihrer
       Orthodoxie die  geraden Antipoden  Fouriers, doktrinäre Bourgeois
       sind. Der  eigentliche Inhalt  aller epochemachenden Systeme sind
       die Bedürfnisse  der Zeit, in der sie entstanden. Jedem derselben
       hegt die  ganze vorhergegangne  Entwicklung einer Nation, die ge-
       schichtliche Gestaltung der Klassenverhältnisse mit ihren politi-
       schen, moralischen,  philosophischen und  andern Konsequenzen zu-
       grunde. Dieser  Basis und  diesem Inhalt  der kommunistischen Sy-
       steme gegenüber  ist mit  dem Satz,  daß alle Systeme dogmatisch-
       diktatorisch sind,  gar nichts  ausgerichtet. Den Deutschen lagen
       keine ausgebildeten  Klassenverhältnisse vor  wie den  Engländern
       und Franzosen.  Die deutschen Kommunisten konnten daher die Basis
       ihres Systems  nur aus  den Verhältnissen des Standes nehmen, aus
       dem sie hervorgingen. Daß daher das einzige existierende deutsche
       kommunistische System  eine Reproduktion  der französischen Ideen
       innerhalb der durch die kleinen Handwerkerverhältnisse beschränk-
       ten Anschauungsweise war, ist ganz natürlich.
       Die Tyrannei,  die innerhalb  des Kommunismus  fortbesteht, zeigt
       "der   W a h n s i n n   Cabets, welcher  verlangt, daß alle Welt
       auf   s e i n e n  'Populaire' abonnieren soll", p. 168. Wenn un-
       ser Freund  Forderungen, die  ein Parteichef, durch bestimmte Um-
       stände" und die Gefahr der Zersplitterung beschränkter Geldmittel
       gezwungen, an  seine Partei  stellt, zuerst  verdreht und dann an
       dem "Wesen des Menschen" mißt, so muß er allerdings zu dem Resul-
       tate kommen,  daß dieser  Parteichef und  alle andern Parteileute
       "wahnsinnig", dagegen  bloß unparteiische  Gestalten, wie  er und
       das "Wesen  des Menschen", gesunden Verstandes seien. Er möge üb-
       rigens aus Cabets "Ma ligne droite" das wahre Sachverhältnis ken-
       nenlernen.
       Schließlich faßt  sich der  ganze Gegensatz unsres Verfassers und
       überhaupt der  deutschen wahren  Sozialisten und  Ideologen gegen
       die wirklichen  Bewegungen andrer  Nationen in  einem klassischen
       Satze zusammen. Die Deutschen beurteilen Alles sub specie aeterni
       1*) (nach  dem Wesen  d e s  Menschen), die Ausländer sehen alles
       praktisch, nach  den wirklich  vorliegenden Menschen und Verhält-
       nissen. Die  Ausländer denken  und handeln für die  Z e i t,  die
       Deutschen für  die   E w i g k e i t.   Dies gesteht unser wahrer
       Sozialist folgendermaßen ein:
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       1*) vom Gesichtspunkt der Ewigkeit
       
       #450# Karl Marx und Friedrich Engels
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       "Schon durch  seinen Namen,  den Gegensatz  gegen die Konkurrenz,
       zeigt der  Kommunismus seine  Einseitigkeit; soll denn aber diese
       Befangenheit, die   w o h l   j e t z t  als Parteiname ihre Gel-
       tung haben kann,  e w i g  w ä h r e n?"
       
       Nach dieser  gründlichen Vernichtung  des Kommunismus  geht unser
       Verfasser  auf  seinen  Gegensatz,  den    S o z i a l i s m u s,
       über.
       
       "Der Sozialismus  gibt die anarchische Ordnung, die der menschli-
       chen Gattung, wie dem Universum,  w e s e n t l i c h  e i g e n-
       t ü m l i c h  ist" (p. 170) und ebendeshalb für "die menschliche
       Gattung" bisher nicht existiert hat.
       
       Die freie  Konkurrenz ist  zu "roh", um unsrem wahren Sozialisten
       als "anarchische Ordnung" zu erscheinen.
       
       "Voll Vertrauen  auf den    s i t t l i c h e n    K e r n    der
       Menschheit" dekretiert  "der Sozialismus",  daß "die  Vereinigung
       der Geschlechter  nur die  höchste Steigerung  der Liebe    i s t
       u n d   sein  s o l l t e,  d e n n  nur das Natürliche ist wahr,
       und das Wahre ist sittlich." p. 171.
       
       Der Grund,  weshalb "die  Vereinigung  etc.  etc.  ist  und  sein
       sollte", paßt  auf Alles.  Z.B. "Voll Vertrauen auf den  s i t t-
       l i c h e n   K e r n"   des Affengeschlechts kann "der Sozialis-
       mus" ebenfalls  dekretieren, daß die bei den Affen sich natürlich
       vorfindende Onanie "nur die höchste Steigerung der" Selbst-"Liebe
       ist und  sein sollte;   d e n n  nur das Natürliche ist wahr, und
       das Wahre ist sittlich."
       Woher der  Sozialismus den  Maßstab dessen nimmt, was "natürlich"
       ist, läßt sich schwer sagen.
       
       "Tätigkeit und  Genuß fallen  in des  Menschen   E i g e n t ü m-
       l i c h k e i t   zusammen. Durch  diese werden  jene beiden  be-
       stimmt, nicht  durch die   a u ß e r   u n s    s t e h e n d e n
       Produkte."
       "Da nun aber diese Produkte zur Tätigkeit, das ist zum wahren Le-
       ben unumgänglich sind, dieselben aber durch die gemeinsame Tätig-
       keit der  gesamten Menschheit  sich von Letzterer gleichsam abge-
       löst haben,  so  s i n d  o d e r  s o l l e n  sie auch für Alle
       das gemeinsame  Substrat weiterer  Entwicklung sein   (G ü t e r-
       g e m e i n s c h a f t)."
       "Unsre heutige  Gesellschaft ist freilich so verwildert, daß Ein-
       zelne in  tierischem Heißhunger  über die Produkte fremder Arbeit
       herfallen und  dabei untätig  ihr eignes  Wesen verfaulen  lassen
       (R e n t i e r s);  wovon wieder die  n o t w e n d i g e  K o n-
       s e q u e n z   ist,  daß  Andere,  deren  Eigentum  (ihr  eignes
       menschliches Wesen)  nicht durch  Untätigkeit, sondern durch auf-
       reibende Anspannung  verkümmert, zu    m a s c h i n e n m ä ß i-
       g e m  Produzieren getrieben werden  (P r o l e t a r i e r)  ...
       Beide Extreme  unsrer Gesellschaft   a b e r,   Rentiers und Pro-
       letarier, stehen auf Einer Stufe der Bildung,  B e i d e  s i n d
       a b h ä n g i g  v o n  d e n  D i n g e n  a u ß e r  i h n e n"
       oder "Neger", wie Sankt Max sagen würde, p. 169, 170.
       
       Diese obigen  "Resultate" unsres "Mongolen" über "Unser Negertum"
       sind das  Vollendetste, was  der wahre Sozialismus bis jetzt "als
       zum wahren  Leben unumgängliches Produkt gleichsam von sich abge-
       löst hat" und wovon
       
       #451# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialism. I. "Rhein. Jahrbücher"
       -----
       er nach  "des Menschen Eigentümlichkeit" glaubt, daß "die gesamte
       Menschheit" darüber "in tierischem Heißhunger herfallen" müsse.
       "Rentiers", "Proletarier",  "maschinenmäßig", "Gütergemeinschaft"
       - diese  vier Vorstellungen  sind jedenfalls  für unsren Mongolen
       "außer ihm  stehende Produkte",  in Beziehung  auf  welche  seine
       "Tätigkeit" und sein "Genuß " darin besteht, sie als die bloß an-
       tizipierten Namen  für die  Resultate seines  eignen  "maschinen-
       mäßigen Produzierens" darzustellen.
       Wir erfahren, daß die Gesellschaft verwildert ist und daß deshalb
       die Individuen,  die ebendiese  Gesellschaft bilden, an allerhand
       Gebrechen leiden. Die Gesellschaft wird getrennt von diesen Indi-
       viduen, verselbständigt, sie verwildert auf eigne Faust, und erst
       in  F o l g e  dieser Verwilderung leiden die Individuen. Die er-
       ste Folge dieser Verwilderung sind die Bestimmungen Raubtier, un-
       tätig und  Inhaber eines "verfaulenden eignen Wesens", worauf wir
       zu unsrem  Schrecken erfahren,  daß diese  Bestimmungen "der Ren-
       tier" sind.  Dabei ist nur zu bemerken, daß dies "Verfaulenlassen
       des eignen  Wesens" weiter  nichts ist als eine philosophisch my-
       stifizierte Manier, sich über die "Untätigkeit" klarzuwerden, von
       deren praktischer Beschaffenheit man wenig zu wissen scheint.
       Die zweite  "notwendige Konsequenz"  dieser ersten Folge der Ver-
       wilderung sind  die beiden  Bestimmungen: "Verkümmern  des eignen
       menschlichen   Wesens    durch   aufreibende    Anspannung"   und
       "Getriebenwerden zu  maschinenmäßigem Produzieren".  Diese beiden
       Bestimmungen sind  die notwendige "Konsequenz davon, daß die Ren-
       tiers ihr  eignes Wesen verfaulen lassen", und heißen in der pro-
       fanen Sprache, wie wir wiederum mit Schrecken erfahren, "der Pro-
       letarier".
       Der Kausalnexus  des Satzes  ist also  folgender: Daß Proletarier
       existieren und  maschinenmäßig arbeiten, findet sich als Tatsache
       vor. Warum  müssen die  Proletarier "maschinenmäßig produzieren"?
       Weil die Rentiers "ihr eignes Wesen verfaulen lassen". Warum las-
       sen die  Rentiers ihr eignes Wesen verfaulen? Weil "unsre heutige
       Gesellschaft so verwildert ist". Warum ist sie so verwildert? Das
       frage deinen Schöpfer.
       Charakteristisch ist für unsren wahren Sozialisten, daß er in dem
       Gegensatz von Rentiers und Proletariern "die Extreme  u n s r e r
       Gesellschaft" sieht.  Dieser Gegensatz, der so ziemlich auf allen
       einigermaßen entwickelten  Gesellschaftsstufen existiert  hat und
       seit undenklicher  Zeit von allen Moralisten breitgeschlagen ist,
       wurde namentlich ganz im Anfange der proletarischen Bewegung wie-
       der hervorgesucht,  zu einer Zeit, wo das Proletariat mit der in-
       dustriellen und  kleinen Bourgeoisie  noch gemeinsame  Interessen
       hatte. Vergleiche  z.B. Cobbetts und P.L. Couriers Schriften oder
       Saint-Simon, der
       
       #452# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       im Anfange  die industriellen  Kapitalisten noch  zu den travail-
       leurs 1*) rechnete, im Gegensatz zu den oisifs 2*), den Rentiers.
       Diesen trivialen  Gegensatz auszusprechen,  und zwar nicht in der
       gewöhnlichen, sondern  in der  heiligen philosophischen  Sprache,
       für diese  kindliche Einsicht  nicht den passenden, sondern einen
       verhimmelten, abstrakten Ausdruck zu geben, darauf reduziert sich
       die Gründlichkeit der im wahren Sozialismus vollendeten deutschen
       Wissenschaft hier  wie in  allen andern Fällen. Dieser Gründlich-
       keit setzt  dann auch  der Schluß  die Krone auf. Hier verwandelt
       unser wahrer  Sozialist die ganz verschiedenen Bildungsstufen der
       Proletarier und Rentiers in "eine Stufe der Bildung", weil er von
       ihren wirklichen  Bildungsstufen Umgang  nehmen und sie unter die
       philosophische Phrase  "Abhängigkeit von  den Dingen außer ihnen"
       subsumieren kann.  Hier hat  der wahre  Sozialismus die Bildungs-
       stufe gefunden,  auf der die Verschiedenheit aller Bildungsstufen
       in den  drei Naturreichen, der Geologie und Geschichte sich voll-
       ständig in nichts auflöst.
       Trotz seines  Hasses gegen  die "Abhängigkeit  von den Dingen 3*)
       außer ihm" gesteht der wahre Sozialist doch ein, daß er von ihnen
       abhängig ist, "da die Produkte", d. h. eben diese Dinge, "zur Tä-
       tigkeit" und  "zum wahren  Leben unumgänglich  sind".  Dies  ver-
       schämte Geständnis  wird gemacht,  um einer  philosophischen Kon-
       struktion der  Gütergemeinschaft Bahn zu brechen, einer Konstruk-
       tion, die  in so baren Unsinn verläuft, daß sie bloß der Aufmerk-
       samkeit des Lesers zu empfehlen ist.
       Wir kommen  jetzt zu  dem ersten  der oben  zitierten Sätze. Hier
       wird wieder die "Unabhängigkeit von den Dingen" für die Tätigkeit
       und den  Genuß in  Anspruch genommen. Tätigkeit und Genuß "werden
       bestimmt" durch  "die Eigentümlichkeit des Menschen". Statt diese
       Eigentümlichkeit in  der Tätigkeit und dem Genuß der ihn umgeben-
       den Menschen  nachzuweisen, wo er sehr bald gefunden haben würde,
       inwiefern hier  die außer  uns stehenden  Produkte ebenfalls mit-
       sprechen, läßt er Beide in "der Eigentümlichkeit des Menschen zu-
       sammenfallen". Statt  die Eigentümlichkeit  der Menschen in ihrer
       Tätigkeit und  der dadurch  bedingten Weise des Genusses sich zur
       Anschauung zu bringen, erklärt er Beide aus der "Eigentümlichkeit
       des Menschen", wo dann alle Diskussion abgeschnitten ist. Von der
       wirklichen ,  Handlung des Individuums flüchtet er sich wieder in
       seine unbeschreibliche,  unnahbare  Eigentümlichkeit.  Wir  sehen
       hier übrigens, was die  w a h r e n  S o z i a l i s t e n  unter
       der "freien  Tätigkeit" verstehen. Unser Verfasser verrät uns un-
       vorsichtigerweise, daß  sie die  Tätigkeit ist,  die "nicht durch
       die Dinge  außer uns  bestimmt wird",  d. h. der actus purus, die
       reine, absolute Tätigkeit,
       -----
       1*) Arbeitern -  2*) Müßiggängern -  3*) MEGA:  Abhängigkeit  von
       Dingen
       
       #453# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialism. I. "Rhein. Jahrbücher"
       -----
       die nichts  als Tätigkeit  ist und  in letzter Instanz wieder auf
       die Illusion  vom "reinen Denken" hinausläuft. Diese reine Tätig-
       keit wird  natürlich sehr  verunreinigt, wenn sie ein materielles
       Substrat und  ein materielles  Resultat hat;  der wahre Sozialist
       befaßt sich  nur widerstrebend mit solcher unreinen Tätigkeit und
       verachtet ihr  Produkt, das  nicht mehr  "Resultat", sondern "nur
       ein   A b f a l l   vom Menschen" genannt wird (p. 169). Das Sub-
       jekt, das dieser reinen Tätigkeit zugrunde liegt, kann daher auch
       kein wirklicher sinnlicher Mensch, sondern nur der denkende Geist
       sein. Die  so verdeutschte  "freie Tätigkeit" ist nur eine andere
       Formel für  die obige  "unbedingte, voraussetzungslose Freiheit".
       Wie sehr übrigens dies Gerede von der "freien Tätigkeit", das bei
       den wahren  Sozialisten nur dazu dient, ihre Unkenntnis der wirk-
       lichen Produktion zu verhüllen, in letzter Instanz auf das "reine
       Denken" hinausläuft,  beweist unser  Verfasser schon dadurch, daß
       das Postulat der wahrhaften Erkenntnis sein letztes Wort ist.
       
       "Diese Sonderung  der    b e i d e n    H a u p t p a r t e i e n
       d e r   Z e i t"   (nämlich des  französischen rohen   K o m m u-
       n i s m u s   und des deutschen  S o z i a l i s m u s) "hat sich
       durch die   E n t w i c k l u n g   d e r  l e t z t e n  z w e i
       J a h r e   ergeben, wie  sie namentlich in Heß' 'Philosophie der
       That' -  Herweghs 'Einundzwanzig  Bogen' -   b e g a n n.  Es war
       s o m i t    an  der  Zeit,  auch  einmal  die  Schibboleths  der
       g e s e l l s c h a f t l i c h e n   P a r t e i e n   näher  zu
       beleuchten." p. 173.
       Wir haben hier also auf der einen Seite die wirklich existierende
       kommunistische Partei  in Frankreich  mit ihrer Literatur und auf
       der andern  einige deutsche Halbgelehrte, die sich die Ideen die-
       ser Literatur philosophisch zu verdeutlichen streben. Diese letz-
       teren   gelten    ebensogut   wie    die   ersteren    für   eine
       "H a u p t p a r t e i  der  Z e i t",  also für eine Partei, die
       nicht nur  für ihren nächsten Gegensatz, die französischen Kommu-
       nisten, sondern  auch für  die englischen Chartisten und Kommuni-
       sten, die  amerikanischen Nationalreformer und überhaupt alle an-
       dern Parteien  "der Zeit" von unendlicher Wichtigkeit ist. Leider
       wissen  alle  diese  Parteien  nichts  von  der  Existenz  dieser
       "Hauptpartei". Es  ist aber  seit geraumer  Zeit die  Manier  der
       deutschen Ideologen, daß jede ihrer literarischen Fraktionen, be-
       sonders die,  die "am  weitesten zu  gehen" wähnt, sich nicht nur
       für "eine Hauptpartei", sondern geradezu für  "d i e  Hauptpartei
       der Zeit"  erklärt. Wir  haben so  unter andern "die Hauptpartei"
       der kritischen  Kritik, "die  Hauptpartei" des  mit sich  einigen
       Egoismus und  jetzt "die  Hauptpartei"  der  wahren  Sozialisten.
       Deutschland kann  es auf  diese Weise noch zu einem ganzen Schock
       von "Hauptparteien"  bringen, deren  Existenz bloß in Deutschland
       und auch hier nur unter dem kleinen Stande der Gelehrten, Halbge-
       lehrten und  Literaten bekannt  ist, während sie alle wähnen, die
       Kurbel der  Weltgeschichte zu drehen, wenn sie das lange Garn ih-
       rer eignen Phantasien spinnen.
       
       #454# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       Diese "Hauptpartei"  der wahren  Sozialisten hat  sich "durch die
       Entwicklung der letzten zwei Jahre ergeben, wie sie namentlich in
       Heß' Philosophie  begann". D.h.,  sie hat "sich ergeben", als die
       V e r wicklung   unsres Verfassers  in den  Sozialismus "begann",
       nämlich in  den "zwei  letzten Jahren",  womit es für ihn "an der
       Zeit war",  sich vermittelst einiger "Schibboleths" über das, was
       er für  "gesellschaftliche Parteien" hält, "auch einmal näher" zu
       erleuchten.
       Nachdem wir  so mit dem Kommunismus und Sozialismus fertig gewor-
       den sind,  führt uns  unser Verfasser  die höhere Einheit beider,
       den   H u m a n i s m u s,  vor. Von diesem Augenblicke an betre-
       ten wir  das Land   "d e s   Menschen", und von nun an trägt sich
       die ganze  wahre Geschichte  unsres  wahren  Sozialisten  nur  in
       Deutschland zu.
       
       "In dem   H u m a n i s m u s  nun lösen sich alle Namenstreitig-
       keiten auf;  zu was  Kommunisten, zu  was Sozialisten?  Wir  sind
       M e n s c h e n"  (p. 172)
       
       - tous frères, tous amis 1*),
       
       Laßt uns nicht schwimmen gegen den Strom,
       Ihr Brüder, es hilft uns wenig!
       Laßt uns besteigen den Templower Berg
       Und rufen: Es lebe der König! [172]
       
       Zu was  Menschen, zu was Bestien, zu was Pflanzen, zu was Steine?
       Wir sind Körper!
       Folgt eine  historische Auseinandersetzung, die auf der deutschen
       Wissenschaft basiert  und die  den Franzosen  ihr  "gesellschaft-
       licher Instinkt  einst  ersetzen  helfen  wird".  Antike  Zeit  -
       Naivetät, Mittelalter  - Romantik,  neue Zeit - Humanismus. Durch
       diese drei Trivialitäten ist natürlich der Humanismus unsres Ver-
       fassers historisch konstruiert und als die Wahrheit der Humaniora
       [173]  von   ehedem  erwiesen.  Über  dergleichen  Konstruktionen
       vergleiche man  "Sankt Max"  im ersten  Bande, der diesen Artikel
       viel kunstgerechter und weniger dilettantisch fabriziert.
       p. 172 wird uns berichtet, daß
       
       "die letzte  Folge des  Scholastizismus die  Spaltung des  Lebens
       ist, die Heß vernichtete".
       
       Die Theorie  wird hier also als die Ursache der "Spaltung des Le-
       bens" dargestellt.  Man sieht nicht ein, weshalb diese wahren So-
       zialisten überhaupt  von der  Gesellschaft sprechen, wenn sie mit
       den Philosophen  glauben, daß alle  w i r k l i c h e n  Spaltun-
       gen durch    B e g r i f f s s p a l t u n g e n    hervorgerufen
       wurden.
       -----
       1*) alle Brüder, alle Freunde
       
       #455# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialism. I. "Rhein. Jahrbücher"
       -----
       Sie können  sich in  diesem philosophischen  Glauben an die welt-
       schöpferische und  weltzerstörende Macht  der Begriffe  dann auch
       einbilden, ein  beliebiges  Individuum  habe  durch  irgendwelche
       "Vernichtung" von Begriffen "die Spaltung des Lebens vernichtet".
       Bei diesen wahren Sozialisten wird, wie bei allen deutschen Ideo-
       logen, die literarische Geschichte fortwährend mit der wirklichen
       Geschichte als gleich wirkend durcheinandergeworfen. Diese Manier
       ist allerdings  sehr begreiflich  bei den  Deutschen, die die mi-
       serable Rolle,  die sie in der wirklichen Geschichte gespielt ha-
       ben und fortwährend spielen, dadurch verdecken, daß sie die Illu-
       sionen, an  denen sie so besonders reich waren, auf gleiche Stufe
       mit der Wirklichkeit stellen.
       Nun zu  den "letzten  zwei Jahren", in denen die deutsche Wissen-
       schaft sämtliche  Fragen gründlichst  erledigt und den andern Na-
       tionen nichts mehr übrigläßt als die Ausführung ihrer Dekrete.
       "Das  Werk   der  Anthropologie,   die  Wiedergewinnung   seines"
       (Feuerbachs oder  des Menschen?)  "ihm entfremdeten  Wesens durch
       den Menschen  ward durch  Feuerbach nur einseitig vollzogen, d.h.
       begonnen; er  vernichtete die   r e l i g i ö s e   Illusion, die
       theoretische Abstraktion,  den  Gott-Menschen,  während  Heß  die
       p o l i t i s c h e   Illusion, die  Abstraktion seines" (Hessens
       oder des  Menschen?), "Vermögens,  seiner Tätigkeit,  d.i.  d a s
       V e r m ö g e n  z e r s t ö r t.  Nur durch die Arbeit des letz-
       teren ward  d e r  M e n s c h  von den letzten Mächten außer ihm
       befreit, zu  sittlicher Tätigkeit  befähigt - alle Uneigennützig-
       keit der  früheren" (vorhessischen) "Zeit war nur eine scheinbare
       - und  in seine  Würde wieder eingesetzt: oder wo galt der Mensch
       früher" (vor  Heß) "das,  was er  war? Wurde er nicht nach seinen
       Schätzen geschätzt?  Sein Geld  schaffte ihm  seine Geltung."  p.
       171.
       
       Charakteristisch ist  für alle  diese hohen  Worte von  Befreiung
       usw., daß  immer nur   "d e r  Mensch" der Befreite etc. ist. Ob-
       gleich es  nach den  obigen Aussprüchen scheint, als habe nun das
       "Vermögen", "Geld"  usw. aufgehört,  so erfahren wir doch im fol-
       genden Satz:
       
       "Nun erst,  nach Zerstörung dieser Illusionen" (das Geld ist, sub
       specie aeterni  1*) betrachtet,  allerdings eine  Illusion,  l'or
       n'est qu'une  chimère 2*)),  "kann an  eine neue,    m e n s c h-
       l i c h e   Ordnung der  Gesellschaft   g e d a c h t    werden."
       (ibid.)
       
       Dies ist aber ganz überflüssig, denn
       
       "die Erkenntnis des  W e s e n s  d e s  M e n s c h e n  hat ein
       wahrhaft menschliches  Leben zur natürlichen, notwendigen Folge",
       (p. 172.)
       
       Durch die  Metaphysik, durch die Politik pp. zum Kommunismus oder
       Sozialismus kommen  - diese  bei den  wahren Sozialisten sehr be-
       liebten Phrasen  besagen weiter nichts, als daß dieser oder jener
       Schriftsteller die ihm
       -----
       1*) vom Gesichtspunkt  der Ewigkeit  - 2*) das  Gold ist  nur ein
       Hirngespinst
       
       #456# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       von Außen  zugekommenen und  aus ganz  andern Verhältnissen  ent-
       sprungenen kommunistischen  Ideen sich  in der  Redeweise  seines
       bisherigen Standpunkts  angeeignet und  ihnen den  diesem  Stand-
       punkte entsprechenden Ausdruck gegeben hat. Ob einer oder der an-
       dre dieser  Standpunkte bei einer ganzen Nation vorwiegt, ob ihre
       kommunistische  Anschauungsweise   politisch,  metaphysisch  oder
       sonst tingiert  ist, hängt  natürlich von  der ganzen Entwicklung
       des Volkes  ab. Unser  Verfasser zieht  aus der Tatsache, daß die
       Anschauungsweise der meisten französischen Kommunisten eine poli-
       tische Färbung  hat -  einer Tatsache,  der die  andre gegenüber-
       steht, daß  sehr viele  französische Sozialisten  von der Politik
       gänzlich abstrahiert haben - den Schluß, daß die Franzosen "durch
       die Politik",  durch ihre politische Entwicklung "zum Kommunismus
       gekommen seien".  Dieser überhaupt in Deutschland sehr stark zir-
       kulierende Satz  beweist nicht, daß unser Verfasser von der Poli-
       tik, namentlich  der französischen  politischen Entwicklung, oder
       vom Kommunismus  irgend etwas weiß, sondern nur, daß er die Poli-
       tik für  eine selbständige Sphäre hält, die ihre eigne, selbstän-
       dige Entwicklung  hat, ein  Glaube, den  er mit  allen  Ideologen
       teilt.
       Ein anderes  Stichwort der  wahren Sozialisten ist das "wahre Ei-
       gentum", das "wahre, persönliche Eigentum", "wirkliche", "gesell-
       schaftliche", "lebendige",  "natürliche" ppp.  Eigentum,  wogegen
       sie höchst  charakteristisch das  Privateigentum als    "s o g e-
       n a n n t e s   Eigentum" bezeichnen.  Wir haben  schon im ersten
       Bande darauf  hingewiesen, daß dieser Sprachgebrauch ursprünglich
       von den  Saint-Simomsten herrührt,  bei denen  er indes nie diese
       deutsche metaphysisch-mysteriöse  Form erreichte und bei denen er
       im Anfange  der sozialistischen Bewegung gegenüber dem bornierten
       Geschrei der Bourgeois 1*) einigermaßen berechtigt war. Das Ende,
       das  die   meisten  Saint-Simonisten   genommen  haben,   beweist
       übrigens, wie  leicht dies "wahre Eigentum" sich in "gewöhnliches
       Privateigentum" wieder auflöst.
       Wenn man  sich den Gegensatz des Kommunismus zur Welt des Privat-
       eigentums in  der rohsten  Form vorstellt, d.h. in der abstrakte-
       sten 2*)  Form, in der man alle wirklichen Bedingungen dieses Ge-
       gensatzes entfernt, so hat man den Gegensatz von Eigentum und Ei-
       gentumslosigkeit. Man  kann dann die Aufhebung dieses Gegensatzes
       als Aufhebung  der einen oder der andern Seite fassen, als Aufhe-
       bung des  Eigentums, wobei die allgemeine Eigentumslosigkeit oder
       Lumperei herauskommt,  oder als Aufhebung der Eigentumslosigkeit,
       die in der Herstellung des wahren Eigentums besteht. In der Wirk-
       lichkeit stehen auf der einen Seite die wirklichen Privateigentü-
       mer, auf der andern die
       -----
       1*) MEGA: Bourgeoisie - 2*) MEGA: abstrakten
       
       #457# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialism. I. "Rhein. Jahrbücher"
       -----
       eigentumslosen kommunistischen Proletarier. Dieser Gegensatz wird
       täglich schärfer  und drängt  auf eine  Krise hin.  Wenn also die
       theoretischen Vertreter  der Proletarier  irgend etwas durch ihre
       literarische Tätigkeit ausrichten wollen, so müssen sie vor Allem
       darauf dringen, daß alle Phrasen entfernt werden, die das Bewußt-
       sein der  Schärfe dieses Gegensatzes schwächen, alle Phrasen, die
       diesen Gegensatz  vertuschen und  wohl gar den Bourgeois Gelegen-
       heit bieten, sich kraft ihrer philanthropischen Schwärmereien der
       Sicherheit halber  den Kommunisten zu nähern. Alle diese schlech-
       ten Eigenschaften  finden wir aber in den Stichwörtern der wahren
       Sozialisten, namentlich in dem "wahren Eigentum". Wir wissen sehr
       gut, daß  die kommunistische  Bewegung nicht durch ein paar deut-
       sche Phrasenmacher verdorben werden kann. Aber es ist dennoch nö-
       tig, in einem Lande wie Deutschland, wo die philosophischen Phra-
       sen seit Jahrhunderten eine gewisse Macht hatten und wo die Abwe-
       senheit der  scharfen Klassengegensätze  andrer Nationen  ohnehin
       dem kommunistischen  Bewußtsein weniger  Schärfe und Entschieden-
       heit gibt,  allen Phrasen  entgegenzutreten, die  das  Bewußtsein
       über den  totalen Gegensatz  des Kommunismus gegen die bestehende
       Weltordnung noch mehr abschwächen und verwässern könnten.
       Diese Theorie  vom wahren  Eigentum faßt  das bisherige  w i r k-
       l i c h e   Privateigentum nur als Schein, dagegen die aus diesem
       wirklichen Eigentum abstrahierte Vorstellung als  W a h r h e i t
       und   W i r k l i c h k e i t  dieses Scheins, ist also durch und
       durch ideologisch.  Sie spricht  nur klarer  und  bestimmter  die
       Vorstellungen der  Kleinbürger aus, deren wohltätige Bestrebungen
       und fromme  Wünsche ebenfalls  auf die  Aufhebung der  Eigentums-
       losigkeit hinauslaufen.
       Wir haben  in diesem Aufsatze wieder gesehen, welche borniert-na-
       tionale Anschauungsweise dem vorgeblichen Universalismus und Kos-
       mopolitismus der Deutschen zugrunde liegt.
       
       Franzosen und Russen gehört das Land,
       Das Meer gehört den Briten,
       Wir aber besitzen im Luftreich des Traums
       Die Herrschaft unbestritten.
       Hier üben wir die Hegemonie,
       Hier sind wir unzerstückelt;
       Die andern Völker haben sich
       Auf platter Erde entwickelt. [174]
       
       Dieses Luftreich des Traums, das Reich des "Wesens des Menschen",
       halten die  Deutschen den andern Völkern mit gewaltigem Selbstge-
       fühl als  die Vollendung  und den Zweck der ganzen Weltgeschichte
       entgegen; auf  jedem Felde  betrachten sie  ihre Träumereien  als
       schließliches Endurteil über die Taten
       
       #458# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       der andern  Nationen, und  weil sie  überall nur  das Zusehen und
       Nachsehen haben,  glauben sie  berufen zu sein, über alle Welt zu
       Gericht zu  sitzen und  die ganze  Geschichte in  Deutschland ihr
       letztes Absehen  erreichen zu lassen. Daß dieser aufgeblasene und
       überschwengliche Nationalhochmut  einer ganz kleinlichen, krämer-
       haften und handwerkermäßigen Praxis entspricht, haben wir bereits
       mehrere Male gesehen. Wenn die nationale Borniertheit überall wi-
       derlich ist, so wird sie namentlich in Deutschland ekelhaft, weil
       sie hier  mit der  Illusion, über  die Nationalität und über alle
       wirklichen Interessen  erhaben zu sein, denjenigen Nationalitäten
       entgegengehalten wird,  die ihre  nationale Borniertheit  und ihr
       Beruhen auf  wirklichen Interessen  offen  eingestehen.  Übrigens
       findet sich unter allen Völkern das Beharren auf der Nationalität
       nur noch bei den Bourgeois und ihren Schriftstellern.
       
       B) "Socialistische Bausteine" [175]
       "Rhein[ische] Jahrb[ücher]" p. 155 seqq.
       
       In diesem  Aufsatze wird der Leser zunächst durch einen belletri-
       stisch-poetischen Prolog  auf die  schwereren 1*)  Wahrheiten des
       wahren Sozialismus  vorbereitet. Der  Prolog beginnt  damit,  als
       "Endzweck alles  Strebens, aller Bewegungen, der schweren und un-
       ermüdeten Anstrengungen  vergangener Jahrtausende"... "das Glück"
       zu konstatieren.  Wir erhalten  in einigen kurzen Zügen sozusagen
       eine Geschichte des Strebens nach Glück:
       
       "Als das  Gebäude der  alten Welt  in Trümmer  zerfiel, flüchtete
       sich das menschliche Herz mit seinen Wünschen hinüber in das Jen-
       seits; dorthin übertrug es sein Glück." p. 156.
       
       Daher alles Pech der irdischen Welt. In der neuesten Zeit hat der
       Mensch dem Jenseits den Abschied gegeben, und unser wahrer Sozia-
       list fragt nun:
       
       "Vermag er  die Erde  wiederum als das  L a n d  seines Glücks zu
       begrüßen?  Hat  er  in  ihr  wieder  seine  ursprüngliche  Heimat
       e r k a n n t?  Warum trennt er dann noch länger Leben und Glück,
       warum hebt  er die letzte Scheidewand nicht auf, welche das irdi-
       sche Leben selbst noch immer in zwei feindliche Hälften spaltet?"
       (ibidem.)
       
       "Land meiner seligsten Gefühle!" etc.
       Er erläßt  nun eine  Einladung zu  einem Spaziergange  an  "d e n
       Menschen", eine Einladung, die  "d e r  Mensch" mit Vergnügen ak-
       zeptiert. "Der  Mensch" tritt in die "freie Natur" und entwickelt
       unter Anderm  folgende Herzensergießungen  eines wahren  Soziali-
       sten:
       -----
       1*) MEGA: schweren
       
       #459# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialism. I. "Rhein. Jahrbücher"
       -----
       ".!. bunte  Blumen ... hohe und stolze Eichen ... ihr Wachsen und
       Blühen, ihr Leben ist ihre Befriedigung, ihr Glück ... eine uner-
       meßliche Schar von kleinen Tieren auf den Wiesen ... Waldvögel...
       mutige Schar  junger Rosse  ... ich sehe" (spricht "der Mensch"),
       "daß diese Tiere kein anderes Glück kennen noch begehren als das-
       jenige, welches  für sie in der Äußerung und im Genüsse ihres Le-
       bens liegt.  Wenn die Nacht herabsinkt, begegnet dem Blick meines
       Auges eine unzählbare Schar von Welten, welche nach ewigen Geset-
       zen im  unendlichen Raum  kreisend sich  umschwingen.  In  diesen
       Schwingungen sehe  ich  eine  Einheit  von  Leben,  Bewegung  und
       Glück." p. 157.
       
       "Der Mensch" konnte noch eine Masse andrer Dinge in der Natur se-
       hen, z.B.  die größte  Konkurrenz unter  Pflanzen und Tieren, wie
       z.B. im Pflanzenreich, in seinem "Walde von hohen und stolzen Ei-
       chen" diese  hohen und  stolzen Kapitalisten  dem kleinen Gebüsch
       die Lebensmittel  verkümmern und  dies ebenfalls ausrufen könnte:
       terra, aqua,  aere et  igni interdicti  sumus 1*);  er konnte die
       Schmarotzerpflanzen, die  Ideologen der Vegetation, sehen, ferner
       einen offenen  Krieg zwischen  den "Waldvögeln" und der "unermeß-
       lichen Schar  kiemer Tiere",  zwischen dem  Grase seiner "Wiesen"
       und der  "mutigen Schar  junger Rosse". Er konnte in der "unzähl-
       baren Schar von Welten" eine ganze himmlische Feudalmonarchie mit
       Hintersassen und  Inliegern sehen,  von welchen letzteren einige,
       z.B. der  Mond, eine  sehr kümmerliche  Existenz fristen, aere et
       aqua interdicti;  ein Lehnswesen,  in dem  sogar die  heimatlosen
       Vagabunden, die  Kometen,  eine  ständische  Gliederung  erhalten
       haben, und  in dem  z.B. die  zerschlagenen Asteroiden  von zeit-
       weiligen unangenehmen  Auftritten  zeugen,  während  die  Meteor-
       steine, diese gefallnen Engel, sich verschämt durch "den unendli-
       chen Raum" schleichen, bis sie irgendwo ein bescheidnes Unterkom-
       men finden. Weiter hinaus würde er dann auf die reaktionären Fix-
       sterne kommen.
       
       "Alle diese  Wesen finden  in der  Übung und Äußerung aller ihrer
       Lebensfähigkeiten, mit  denen sie  von  der  Natur  begabt  sind,
       zugleich ihr Glück, die Befriedigung und den Genuß ihres Lebens."
       
       D.h., in  der gegenseitigen  Einwirkung der Naturkörper aufeinan-
       der, in  der Äußerung ihrer Kräfte findet "der Mensch", daß diese
       Naturkörper dann ihr Glück usw. finden.
       
       "Der Mensch"  erhält nunmehr  von unsrem wahren Sozialisten einen
       Verweis wegen seiner Zwietracht:
       
       "Ist der  Mensch nicht gleichfalls hervorgegangen aus der Urwelt,
       ein Geschöpf  der  Natur  wie  alle  andern?  Ist  er  nicht  aus
       d e n s e l b e n  Stoffen gebildet, mit  d e n s e l b e n  all-
       gemeinen
       -----
       1*) von Erde, Wasser, Luft und Feuer sind wir ausgeschlossen wor-
       den
       
       #460# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       Kräften und Eigenschaften begabt, welche  a l l e  D i n g e  be-
       leben? Warum sucht er sein Glück auf der Erde noch immer in einem
       irdischen Jenseits?" p. 158.
       
       "D i e s e l b e n   allgemeinen Kräfte  und Eigenschaften",  die
       der Mensch  mit   "a l l e n   Dingen" gemein hat, sind Kohäsion,
       Undurchdringlichkeit, Volumen,  Schwere usw., die man auf der er-
       sten Seite  jedes Lehrbuchs  der Physik  ausführlich  verzeichnet
       findet. Wie  hieraus ein  Grund gezogen  werden kann,  warum  der
       Mensch nicht  "sein Glück  in einem  irdischen  Jenseits  suchen"
       sollte, ist schlechterdings nicht abzusehen. Aber, ermahnt er den
       Menschen:
       
       "Sehet die Lilien auf dem Felde."
       
       Ja, sehet  die Lilien  auf dem Felde, wie sie von den Ziegen ver-
       speist, von  "dem Menschen"  ins Knopfloch verpflanzt werden, wie
       sie unter den unkeuschen Liebkosungen der Viehmagd und des Esels-
       treibers zusammenknicken!
       
       "Sehet die Lilien auf dem Felde, sie  a r b e i t e n  nicht, sie
       s p i n n e n   nicht, und  euer himmlischer  Vater ernähret  sie
       doch."
       
       Gehet hin und tut desgleichen!
       Nachdem wir  so die Einheit "des Menschen" mit "allen Dingen" er-
       fahren haben, erfahren wir nun seinen  U n t e r s c h i e d  von
       "allen Dingen".
       
       "Aber der  Mensch   e r n e n n t  s i c h,  besitzt  d a s  B e-
       w u ß t s e i n  s e i n e r  s e l b s t.  Während in den andern
       Wesen die  Triebe und Kräfte  d e r  N a t u r  einzeln und unbe-
       wußt zur  Erscheinung kommen, vereinigen sie sich im Menschen und
       gelangen in  ihm zum  Bewußtsein ...  seine Natur ist der Spiegel
       der ganzen  Natur, welche   s i c h   i n   ihm    e r k e n n t.
       Wohlan! Erkennt  sich die Natur in mir, so erkenne ich in der Na-
       tur mich  selbst, in ihrem Leben mein eignes Leben [...] So leben
       auch wir aus, was die Natur in uns hineingelegt hat." p. 158.
       
       Dieser ganze  Prolog ist ein Muster naiver philosophischer Mysti-
       fikation. Der  wahre Sozialist geht von dem Gedanken aus, daß der
       Zwiespalt von  Leben und Glück aufhören müsse. Um für diesen Satz
       einen Beweis  zu finden,  nimmt er  die Natur zu Hülfe und unter-
       stellt, daß  in ihr dieser Zwiespalt nicht existiere, und hieraus
       schließt er, daß, da der Mensch ebenfalls ein Naturkörper sei und
       die allgemeinen Eigenschaften des Körpers besitze, für ihn dieser
       Zwiespalt ebenfalls  nicht existieren  dürfe. Mit  viel  größerem
       Rechte konnte  Hobbes sein bellum omnium contra omnes 1*) aus der
       Natur beweisen  und Hegel,  auf dessen  Konstruktion unser wahrer
       Sozialist fußt, in der Natur den Zwiespalt, die liederliche Peri-
       ode der  absoluten Idee erblicken und das Tier sogar die konkrete
       Angst Gottes nennen. Nachdem unser
       -----
       1*) [seinen] Krieg aller gegen alle
       
       #461# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialism. I. "Rhein. Jahrbücher"
       -----
       wahrer Sozialist  die Natur  so mystifiziert hat, mystifiziert er
       das menschliche  Bewußtsein, indem er es zum "Spiegel" der so my-
       stifizierten Natur  macht. Natürlich, sobald die Äußerung des Be-
       wußtseins den  Gedankenausdruck eines  frommen Wunsches über men-
       schliche Verhältnisse der  N a t u r  untergeschoben, versteht es
       sich von  selbst, daß  das Bewußtsein nur der Spiegel ist, in dem
       die Natur  sich selbst  beschaut. Wie  oben aus  der Qualität des
       Menschen als  bloßer Naturkörper, so hier aus seiner Qualität als
       bloßer passiver  Spiegel, m  dem die  Natur zum Bewußtsein kommt,
       wird bewiesen,  daß "der  Mensch" den in der Natur als nicht exi-
       stierend unterstellten  Zwiespalt ebenfalls in seiner Sphäre auf-
       zuheben habe.  Doch sehen  wir uns  den letzten Satz, in dem sich
       der ganze Unsinn zusammenfaßt, näher an.
       Der Mensch besitzt Selbstbewußtsein, erstes Faktum, was ausgesagt
       wird. Die  Triebe und Kräfte der einzelnen Naturwesen werden ver-
       wandelt in die Triebe und Kräfte  "d e r  Natur", die dann natür-
       lich   i n  diesen einzelnen Wesen  v e r e i n z e l t  "zur Er-
       scheinung kommen".  Diese Mystifikation war nötig, um nachher die
       Vereinigung dieser Triebe und Kräfte  "d e r  Natur" im menschli-
       chen Selbstbewußtsein  hervorzubringen. Hiermit  wird  dann  auch
       ganz selbstredend das Selbstbewußtsein des Menschen verwandelt in
       das Selbstbewußtsein  der Natur  in ihm. Diese Mystifikation wird
       dadurch scheinbar  wieder aufgelöst,  daß der Mensch an der Natur
       Revanche nimmt  und dafür, daß die Natur in ihm  i h r  Selbstbe-
       wußtsein findet, er nun in ihr das seinige sucht - eine Prozedur,
       wobei er  natürlich nichts  in ihr  findet, als  was er durch die
       oben beschriebne Mystifikation in sie hineingelegt hat.
       Er ist  jetzt glücklich  wieder dabei angekommen, wovon er im An-
       fange ausging, und dies Herumdrehen auf dem Absatz nennt man neu-
       erdings in Deutschland ...  E n t w i c k l u n g.
       Nach diesem  Prologe kommt die eigentliche Entwicklung des wahren
       Sozialismus.
       
       Erster Baustein
       
       p. 160.  "Saint-Simon sagte  auf seinem Totenbett zu seinen Schü-
       lern: Mein ganzes Leben faßt sich in Einen Gedanken zusammen: al-
       len Menschen die freieste Enwicklung ihrer natürlichen Anlagen zu
       sichern. Saint-Simon war ein Verkündiger des Sozialismus."
       
       Dieser Satz  wird nach  der oben geschilderten Methode der wahren
       Sozialisten und  in Verbindung 1*) mit der Naturmystifikation des
       Prologs verarbeitet.
       -----
       1*) MEGA: Methode der wahren Sozialisten in Verbindung
       
       #462# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       "Die Natur  als Grundlage  alles Lebens  ist eine aus sich selbst
       hervorgehende und  auf sich  selbst zurückgehende Einheit, welche
       alle die unzähligen Mannigfaltigkeiten ihrer Erscheinungen umfaßt
       und außer welcher Nichts ist." p. 158.
       Wir haben  gesehen, wie  man es anfängt, die verschiedenen Natur-
       körper  und  ihre  gegenseitigen  Verhältnisse  in  mannigfaltige
       "Erscheinungen" des  geheimen Wesens dieser mysteriösen "Einheit"
       zu verwandeln.  Neu ist in diesem Satze nur, daß die Natur einmal
       "die   G r u n d l a g e   alles Lebens"  heißt und gleich darauf
       gesagt wird,  daß "außer  ihr Nichts ist", wonach sie "das Leben"
       ebenfalls umschließt  und nicht  seine bloße    G r u n d l a g e
       sein kann.
       Auf diese Donnerworte folgt das Pivot 1*) des ganzen Aufsatzes:
       
       "Jede dieser Erscheinungen, jedes  E i n z e l l e b e n  besteht
       und entwickelt  sich nur durch seinen  G e g e n s a t z,  seinen
       K a m p f   mit der  Außenwelt, beruht  nur auf  seiner  W e c h-
       s e l w i r k u n g   mit dem  G e s a m t l e b e n,  mit dem es
       wiederum durch  seine Natur  zu einem  Ganzen,   z u r   o r g a-
       n i s c h e n   E i n h e i t   d e s   U n i v e r s u m s  ver-
       knüpft ist." p. 158, 159.
       
       Dieser Pivotalsatz wird folgendermaßen näher erläutert:
       
       "Das Einzelleben  findet einerseits seine Grundlage, seine Quelle
       und Nahrung  in dem Gesamtleben, andererseits sucht das Gesamtle-
       ben das Einzelleben in stetem Kampf zu verzehren und in sich auf-
       zulösen." p. 159.
       
       Nachdem dieser Satz so von  a l l e m  Einzelleben ausgesagt ist,
       kann er  "demnach" auch  auf den  Menschen angewandt  werden, wie
       dies auch wirklich geschieht:
       
       "Der Mensch  kann sich   d e m n a c h   nur in und durch das Ge-
       samtleben entfalten." (Nr. I) ibid.
       
       Nun wird  dem unbewußten Einzelleben das bewußte, dem allgemeinen
       Naturleben die  menschliche  Gesellschaft  gegenübergestellt  und
       dann der letztzitierte Satz unter folgender Form wiederholt:
       
       "Ich kann meiner Natur nach nur in und durch die Gemeinschaft mit
       andern Menschen  zur Entwicklung, zum selbstbewußten Genüsse mei-
       nes Lebens  gelangen, meines Glückes teilhaftig werden." (Nr. II)
       ibid.
       
       Diese Entwicklung  des einzelnen  Menschen  in  der  Gesellschaft
       wird, wie oben beim "Einzelleben" überhaupt, weiter ausgeführt:
       
       "Der Gegensatz  des einzelnen  zum allgemeinen Leben wird auch in
       der Gesellschaft die Bedingung zur bewußten menschlichen Entwick-
       lung. Ich entwickle mich im steten Kampfe, in steter Gegenwirkung
       gegen die  Gesellschaft, die  mir als  beschränkende Macht gegen-
       übersteht, zur Selbstbestimmung, zur Freiheit, ohne welche
       -----
       1*) der Angelpunkt
       
       #463# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialism. I. "Rhein. Jahrbücher"
       -----
       kein Glück  ist. Mein  Leben ist eine fortwährende Befreiung, ein
       fortwährender Streit  und Sieg über die bewußte und unbewußte Au-
       ßenwelt, um sie mir zu unterwerfen und sie zum Genüsse meines Le-
       bens zu  verbrauchen. Der  Trieb der Selbsterhaltung, das Streben
       nach eignem Glück, Freiheit, Befriedigung sind  a l s o  natürli-
       che, d.h. vernünftige Lebensäußerungen." (ibid.)
       
       Weiter.
       
       " Ich  verlange  d e m n a c h  von der Gesellschaft, daß sie mir
       die   M ö g l i c h k e i t  gewährt, von ihr meine Befriedigung,
       mein Glück zu erkämpfen, daß sie meiner Kampfeslust ein Schlacht-
       feld eröffne.  - Wie  die einzelne  Pflanze Boden,  Wärme, Sonne,
       Luft und  Regen verlangt, um zu wachsen, ihre Blätter, Blüten und
       Früchte zu  tragen, so   w i l l   auch der Mensch in der Gesell-
       schaft die   B e d i n g u n g e n  für die allseitige Ausbildung
       und Befriedigung  aller seiner Bedürfnisse, Neigungen und Anlagen
       finden. Sie   s o l l   ihm  die Möglichkeit zur Erringung seines
       Glücks bieten.  Wie er  sie benutzen, was er aus sich, aus seinem
       Leben machen  wird, das  hängt von  ihm, von seiner Eigenheit ab.
       Über mein  Glück kann  Niemand als ich selbst bestimmen." p. 159,
       160.
       
       Folgt nun  der von  uns am Anfange dieses Bausteins zitierte Satz
       Saint-Simons als  Schlußresultat der  ganzen  Auseinandersetzung.
       Der französische  Einfall ist  somit durch  die deutsche  Wissen-
       schaft begründet. Worin besteht diese Begründung?
       Der Natur waren bereits oben einige Ideen untergeschoben, die der
       wahre Sozialist  in der  menschlichen Gesellschaft  realisiert zu
       sehen wünscht.  Wie früher  der einzelne Mensch, so ist jetzt die
       ganze Gesellschaft  der Spiegel  der Natur. Von den der Natur un-
       tergeschobenen Vorstellungen  kann jetzt  ein weiterer Schluß auf
       die menschliche  Gesellschaft gezogen  werden. Da  der  Verfasser
       sich nicht  auf die historische Entwicklung der Gesellschaft ein-
       läßt und  sich bei  dieser dürren Analogie beruhigt, so ist nicht
       abzusehen, weshalb  sie nicht zu allen Zeiten ein getreues Abbild
       der Natur  gewesen. Die  Phrasen über  die Gesellschaft,  die den
       Einzelnen als beschränkende Macht gegenübertritt usw., passen da-
       her auch  auf alle  Gesellschaftsformen. Daß bei dieser Konstruk-
       tion der  Gesellschaft einige  Inkonsequenzen sich einschleichen,
       ist natürlich.  So muß hier im Gegensatz zur Harmonie des Prologs
       ein   K a m p f  in der Natur anerkannt werden. Die Gesellschaft,
       das "Gesamtleben", faßt unser Verfasser nicht als die Wechselwir-
       kung der  sie zusammensetzenden  "Einzelleben", sondern  als eine
       besondre Existenz,  die mit  diesen "Einzelleben"  noch  in  eine
       aparte Wechselwirkung  tritt. Wenn  hier irgendeine Beziehung auf
       wirkliche Verhältnisse zugrunde liegt, so ist es die Illusion von
       der Selbständigkeit des Staates gegenüber dem Privatleben und der
       Glaube an  diese scheinbare  Selbständigkeit als an etwas Absolu-
       tes. Übrigens handelt es sich hier ebensowenig wie im ganzen Auf-
       satze von Natur und Gesellschaft,
       
       #464# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       sondern bloß von den beiden Kategorien Einzelnheit und Allgemein-
       heit, denen verschiedene Namen gegeben werden und von welchen ge-
       sagt wird,  daß sie  einen Gegensatz  bilden,  dessen  Versöhnung
       höchst wünschenswert sei.
       Aus der  Berechtigung des  "Einzellebens" gegen das "Gesamtleben"
       folgt, daß  die Befriedigung der Bedürfnisse, die Entwicklung der
       Anlagen, die Selbstliebe pp. "natürliche, vernünftige Lebensäuße-
       rungen" sind. Aus der Auffassung der Gesellschaft als Spiegelbild
       der Natur folgt, daß in allen bisherigen Gesellschaftsformen, die
       gegenwärtige  eingeschlossen,  diese  Lebensäußerungen  zu  ihrer
       vollständigen Entwicklung  kamen und  in ihrer Berechtigung aner-
       kannt wurden.
       Plötzlich erfahren  wir p.  159, daß  "in unsrer heutigen Gesell-
       schaft" diese  vernünftigen, natürlichen Lebensäußerungen dennoch
       "so oft  unterdrückt werden" und "gewöhnlich nur deshalb in Unna-
       tur, Verbildung, Egoismus, Laster pp. ausarten".
       Da also  dennoch die Gesellschaft nicht der Natur, ihrem Urbilde,
       entspricht, so  "verlangt" der  wahre Sozialist  von ihr, daß sie
       sich naturgemäß  einrichte, und  beweist sein Recht zu diesem Po-
       stulat durch  das unglückliche  Beispiel von der Pflanze. Erstens
       "verlangt" nicht  die Pflanze  von der Natur alle die oben aufge-
       zählten Existenzbedingungen,  sondern sie wird gar nicht Pflanze,
       sie bleibt  Samenkorn, wenn  sie sie nicht findet. Dann hängt die
       Beschaffenheit der  "Blätter, Blüten  und Früchte"  sehr von  dem
       "Boden", der  "Wärme" pp.,  von den klimatischen und geologischen
       Verhältnissen ab,  unter denen  sie wächst.  Während also das der
       Pflanze untergeschobene "Verlangen" sich in eine vollständige Ab-
       hängigkeit von den vorliegenden Existenzbedingungen auflöst, soll
       ebendies Verlangen  unsren wahren  Sozialisten berechtigen,  eine
       Einrichtung   der    Gesellschaft   nach   seiner   individuellen
       "Eigenheit" zu verlangen. Das Postulat der wahren sozialistischen
       Gesellschaft begründet  sich auf  das eingebildete Postulat einer
       Kokospalme an  "das Gesamtleben",  ihr am  Nordpol "Boden, Wärme,
       Sonne, Luft und Regen" zu verschaffen.
       Aus dem  angeblichen Verhältnis  der metaphysischen Personen Ein-
       zelnheit und  Allgemeinheit, nicht aus der wirklichen Entwicklung
       der Gesellschaft,  wird das  obige Postulat  des Einzelnen an die
       Gesellschaft deduziert.  Hierzu braucht man nur die einzelnen In-
       dividuen als  Repräsentanten, Verkörperungen der Einzelnheit, und
       die Gesellschaft  als Verkörperung der Allgemeinheit zu interpre-
       tieren, und  das ganze  Kunststück ist fertig. Zugleich ist hier-
       durch der saint-simonistische Satz von der freien Entwicklung der
       Anlagen auf  seinen richtigen Ausdruck und seine wahre Begründung
       zurückgeführt.
       
       #465# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialism. I. "Rhein. Jahrbücher"
       -----
       Dieser richtige  Ausdruck besteht  in dem Unsinn, daß die Indivi-
       duen, die die Gesellschaft bilden, ihre "Eigenheit" bewahren, daß
       sie bleiben  wollen, wie  sie sind,  während sie  von der Gesell-
       schaft eine  Veränderung verlangen,  die bloß  aus ihrer   e i g-
       n e n Veränderung hervorgehen kann.
       
       Zweiter Baustein
       
       "Und wer das Lied nicht weiter kann,
       Der fang' es wieder von vornen an." [176]
       
       "Die unendliche Mannigfaltigkeit aller Einzel-
       Wesen als  Einheit  zusammengefaßt  ist  der  Weltorganismus".(p.
       160.)
       
       Also zurück an den Anfang des Aufsatzes sind wir geschleudert und
       erleben die ganze Komödie vom Einzelleben und Gesamtleben zum an-
       dern Mal.  Wiederum enthüllt  sich uns  das tiefe  Geheimnis  der
       Wechselwirkung zwischen  den beiden  Leben, restauré  a neuf  1*)
       durch den  neuen Ausdruck   "p o l a r e s   V e r h ä l t n i s"
       und die  Verwandlung des Einzellebens in ein bloßes  S y m b o l,
       "A b b i l d"   des Gesamtlebens. Dieser Aufsatz reflektiert sich
       kaleidoskopisch in  sich selbst, eine Manier der Entwicklung, die
       allen wahren  Sozialisten gemeinsam  ist. Sie machen es mit ihren
       Sätzen wie  jenes Kirschenweib, das unter dem Einkaufspreise los-
       schlug nach  dem richtigen  ökonomischen Prinzip:  Die  M a s s e
       muß es  tun. Bei  dem wahren Sozialismus ist dies um so notwendi-
       ger, als seine Kirschen faul waren, ehe sie reiften.
       Einige Proben dieser Selbstspiegelung:
       
       Baustein Nr. I p. 158, 159.
       "J e d e s   E i n z e l l e b e n   b e s t e h t  a n d  e n t-
       w i c k e l t  s i c h  n u r  d u r c h  s e i n e n  G e g e n-
       s a t z  ... beruht nur auf der  W e c h s e l w i r k u n g  mit
       dem  G e s a m t l e b e n,
       Mit dem  es wieder  durch seine Natur zu einem  G a n z e n  ver-
       knüpft ist.
       Organische Einheit des Universums.
       Das  Einzelleben  findet  einerseits  seine    G r u n d l a g e,
       Quelle und  N a h r u n g  in dem Gesamtleben,
       
       Baustein Nr. II. p. 160, 161.
       "J e d e s   E i n z e l l e b e n   b e s t e h t  u n d  e n t-
       w i c k e l t   s i c h   i n   u n d   d u r c h   d a s    G e-
       s a m t l e b e n,   das Gesamtleben nur in und durch das Einzel-
       leben." (Wechselwirkung.)
       "Das Einzelleben  entwickelt sich ... als  T e i l  des allgemei-
       nen Lebens.
       Einheit zusammengefaßt ist der Weltorganismus.
       Das" (das  Gesamtleben) "der  B o d e n  und  N a h r u n g  sei-
       ner" (des  Einzellebens) "Entfaltung  wird ... daß sich beide ge-
       genseitig  b e g r ü n d e n  ...
       -----
       1*) auf neu hergerichtet
       
       #466# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       Andrerseits sucht  das  Gesamtleben  das  Einzelleben  in  stetem
       K a m p f e  zu verzehren.
       D e m n a c h  (p. 159):
       Was dem  unbewußten Einzelleben das unbewußte, allgemeine Weltle-
       ben, das  ist dem  b e w u ß t e n  ... Leben die menschliche Ge-
       sellschaft.
       I c h   kann nur   i n   u n d   d u r c h   d i e   G e m e i n-
       s c h a f t   mit  andern  Menschen  zur    E n t w i c k l u n g
       gelangen ...  Der Gegensatz  des   e i n z e l n e n  und  a l l-
       g e m e i n e n  L e b e n s  wird auch in der Gesellschaft" usw.
       "Die Natur  ... ist  eine ... E i n h e i t,  welche alle die un-
       zähligen   M a n n i g f a l t i g k e i t e n  ihrer Erscheinun-
       gen  u m f a ß t."
       
       Daß sich beide  b e k ä m p f e n  und feindlich gegenüberstehen.
       D a r a u s  f o l g t  (p. 161):
       Daß auch das  b e w u ß t e  E i n z e l l e b e n  durch das be-
       wußte Gesamtleben und" ... (umgekehrt) ... "bedingt ist.
       D e r  e i n z e l n e  M e n s c h  e n t w i c k e l t  s i c h
       n u r   i n   u n d   d u r c h   d i e  G e s e l l s c h a f t,
       die Gesellschaft" vice versa 1*) usw.
       "Die Gesellschaft  ist die   E i n h e i t,   welche  die  M a n-
       n i g f a l t i g k e i t   der  einzelnen  menschlichen  Lebens-
       entwicklungen in sich begreift und  z u s a m m e n f a ß t."
       
       Mit dieser  Kaleidoskopie nicht  zufrieden, wiederholt unser Ver-
       fasser seine  einfachen Sätze  über Einzelnheit und Allgemeinheit
       auch noch auf andre Weise. Zuerst stellt er diese paar dürren 2*)
       Abstraktionen als  absolute Prinzipien  auf und  schließt daraus,
       daß in  der Wirklichkeit  dasselbe Verhältnis wiederkehren müsse.
       Dies gibt schon Gelegenheit, unter dem Schein der Deduktion alles
       zweimal zu  sagen, in abstrakter und als Schluß daraus in schein-
       bar konkreter  Form. Dann  aber wechselt  er  mit  den  konkreten
       N a m e n,   die er seinen beiden Kategorien gibt. Die Allgemein-
       heit tritt  so nach  der Reihe als Natur, unbewußtes Gesamtleben,
       bewußtes ditto,  allgemeines Leben,  Weltorganismus, zusammenfas-
       sende Einheit, menschliche Gesellschaft, Gemeinschaft, organische
       Einheit des  Universums, allgemeines  Glück, Gesamtwohl  pp., und
       die Einzelnheit unter den entsprechenden Namen unbewußtes und be-
       wußtes Einzelleben, Glück des Einzelnen, eignes Wohl pp. auf. Bei
       jedem dieser  Namen müssen  wir dieselben Phrasen wieder anhören,
       die über  Einzelnheit und  Allgemeinheit schon  oft genug  gesagt
       sind.
       Der zweite  Baustein enthält also nichts, als was der erste schon
       enthielt. Da  sich aber  bei den  französischen  Sozialisten  die
       Worte égalité,  solidarité, unité  des intérêts 3*) vorfinden, so
       sucht unser Verfasser sie durch Verdeutschung zu "Bausteinen" des
       wahren Sozialismus zuzuhauen.
       -----
       1*) umgekehrt - 2*) MEGA: diese ganz dürren - 3*) Gleichheit, So-
       lidarität, Einheit der Interessen ...
       
       #467# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialism. I. "Rhein. Jahrbücher"
       -----
       "Als bewußtes  Mitglied der  Gesellschaft erkenne ich jedes andre
       Mitglied als  ein von  mir verschiedenes, mir gegenüberstehendes,
       zugleich aber  wieder als ein auf dem gemeinschaftlichen Urgründe
       des Seins  ruhendes und  von ihm ausgehendes, mir gleiches Wesen.
       Ich erkenne  jeden Mitmenschen durch seine besondre Natur als mir
       entgegengesetzt und  durch seine allgemeine Natur als mir gleich.
       Die Anerkennung der menschlichen Gleichheit, der Berechtigung ei-
       nes Jeden  zum Leben,  beruht   d e m n a c h  auf dem Bewußtsein
       der gemeinschaftlichen,  allen  gemeinsamen  menschlichen  Natur;
       Liebe, Freundschaft,  Gerechtigkeit und  alle  gesellschaftlichen
       Tugenden beruhen gleichfalls auf dem Gefühle der natürlichen men-
       schlichen Zusammengehörigkeit und Einheit. Hat man sie bisher als
       Pflichten bezeichnet  und auferlegt,  so werden  sie in einer Ge-
       sellschaft, welche  nicht  auf  äußern  Zwang,  sondern  auf  das
       B e w u ß t s e i n   der inneren  menschlichen Natur,  d.h.  die
       Vernunft, gegründet  ist, zu  freien, naturgemäßen Äußerungen des
       Lebens werden.  In. der natur-, d.h. vernunftgemäßen Gesellschaft
       müssen  d a h e r  die Bedingungen des Lebens für alle Mitglieder
       gleich, d.h. allgemein sein." p. 161, 162.
       
       Der Verfasser besitzt ein großes Talent, zuerst einen Satz asser-
       torisch  aufzustellen   und  ihn   dann  durch  ein    D a h e r,
       D e n n o c h   pp. als  Konsequenz aus sich selbst zu legitimie-
       ren. Ebenso  versteht er  es, mitten in diese merkwürdige Art der
       Deduktion traditionell  gewordene sozialistische  Sätze durch ein
       "Hat", "Ist" - "so müssen", "so wird" usw. erzählend einzuschmug-
       geln.
       In dem ersten Baustein hatten wir auf der einen Seite den Einzel-
       nen und  auf der  andern das Allgemeine, gegenüber den Einzelnen,
       als Gesellschaft.  Hier kehrt  der Gegensatz  in der Form wieder,
       daß der  Einzelne in sich selbst in eine besondre und eine allge-
       meine Natur gespalten wird. Aus der  a l l g e m e i n e n  Natur
       wird dann  auf die "menschliche Gleichheit" und die Gemeinschaft-
       lichkeit geschlossen.  Die den  Menschen gemeinschaftlichen  Ver-
       hältnisse erscheinen  hier also  als Produkt des "Wesens des Men-
       schen", der  N a t u r,  während sie ebensogut wie das Bewußtsein
       der Gleichheit  historische Produkte  sind. Damit  noch nicht zu-
       frieden, begründet  der Verfasser die Gleichheit durch ihr aller-
       seitiges Beruhen "auf dem gemeinschaftlichen Urgründe des Seins".
       Im Prolog  erfuhren wir  p. 158,  daß der  Mensch "aus  denselben
       Stoffen gebildet,  mit denselben  allgemeinen Kräften  und Eigen-
       schaften begabt  ist, welche  alle Dinge beleben". Im ersten Bau-
       stein erfuhren  wir, daß  die Natur  die "Grundlage alles Lebens"
       ist, also  "der gemeinschaftliche Urgrund des Seins". Der Verfas-
       ser ist  also weit  über die  Franzosen hinausgegangen,  indem er
       "als bewußtes Mitglied der Gesellschaft" nicht nur die Gleichheit
       der Menschen  unter sich,  sondern auch ihre Gleichheit mit jedem
       Floh, jedem Strohwisch, jedem Stein bewiesen hat.
       Wir wollen  gerne glauben, daß "alle gesellschaftlichen Tugenden"
       unsres wahren  Sozialisten "auf  dem Gefühl  der natürlichen men-
       schlichen Zusammengehörigkeit
       
       #468# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       und Einheit"  beruhen, obwohl auf dieser "natürlichen Zusammenge-
       hörigkeit" auch  die Feudalhörigkeit,  die Sklaverei und alle ge-
       sellschaftlichen Ungleichheiten  aller Epochen  beruhen. Nebenbei
       bemerkt, ist  diese "natürliche  menschliche Zusammengehörigkeit"
       ein täglich  von den Menschen umgestaltetes historisches Produkt,
       das immer  sehr natürlich war, so unmenschlich und widernatürlich
       es nicht  nur vor  dem Richterstuhl   "d e s   Menschen", sondern
       auch einer  nachfolgenden  revolutionären  Generation  erscheinen
       mag.
       Zufällig erfahren wir noch, daß die jetzige Gesellschaft "auf äu-
       ßerm Zwang"  beruht. Nicht die beschränkenden materiellen Lebens-
       bedingungen gegebner  Individuen stellen sich die wahren Soziali-
       sten unter  "äußerm Zwang"  vor, sondern  nur den    S t a a t s-
       z w a n g,   Bajonette, Polizei,  Kanonen, welche, weit entfernt,
       die Grundlage der Gesellschaft zu sein, nur eine Konsequenz ihrer
       eignen Gliederung  sind. Es  ist dies  bereits in  der  "Heiligen
       Familie" und  jetzt wieder  im ersten  Bande  dieser  Publikation
       auseinandergesetzt.
       Gegenüber der  jetzigen, "auf  äußerm Zwang  beruhenden"  Gesell-
       schaft stellt  der Sozialist  das Ideal  der wahren  Gesellschaft
       auf, die auf dem "Bewußtsein der innern menschlichen Natur, d. h.
       der Vernunft"  beruht. Also  auf dem  Bewußtsein des Bewußtseins,
       dem Denken  des Denkens.  Der wahre  Sozialist unterscheidet sich
       nicht einmal  im Ausdruck  mehr von  den Philosophen. Er vergißt,
       daß sowohl  die "innere  Natur" der Menschen wie ihr "Bewußtsein"
       darüber, "d.  h." ihre  "Vernunft", zu  allen Zeiten ein histori-
       sches Produkt war, und daß, selbst wenn ihre Gesellschaft, wie er
       meint, "auf  äußerm Zwang"  beruhte, ihre  "innere Natur"  diesem
       "äußern Zwang" entsprach.
       Folgen p. 163 die Einzelnheit und Allgemeinheit mit gewohntem Ge-
       folge in  der Gestalt  des einzelnen  Wohls und  des Gesamtwohls.
       Ähnliche Erklärungen über das Verhältnis beider findet man in je-
       dem Handbuch der Nationalökonomie bei Gelegenheit der Konkurrenz,
       und u.a. auch, nur besser ausgedrückt, bei Hegel.
       Z.B. "Rhein[ische], Jahrb[bücher]", p. 163:
       
       "Indem ich  das Gesamtwohl fördere, fördere ich mein eignes Wohl,
       und indem ich mein eignes Wohl fördere, das Gesamtwohl."
       
       Hegels "Rechtsphilosophie", p. 248 (1833):
       
       "Meinen Zweck  befördernd, fördere ich das Allgemeine, und dieses
       befördert wiederum meinen Zweck."
       
       #469# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialism. I. "Rhein. Jahrbücher"
       -----
       Vgl. auch "Rechtsphil[osophie]", p. 323 seqq. über das Verhältnis
       des Staatsbürgers zum Staat.
       
       Als letztes Ergebnis erscheint daher die bewußte Einheit des Ein-
       zellebens mit  dem Gesamtleben,  die Harmonie."  (p. 163, "Rh[ei-
       nische] J[ahrbücher]".)
       
       "Als letztes Ergebnis" nämlich daraus, daß
       
       "dieses polare  Verhältnis zwischen dem einzelnen und allgemeinen
       Leben dann besteht, daß sich einmal Beide bekämpfen und feindlich
       gegenüberstehen, das andre Mal, daß sich Beide gegenseitig bedin-
       gen und begründen."
       "Als letztes  Ergebnis" folgt  hieraus höchstens die Harmonie der
       Disharmonie mit  der Harmonie, und aus der ganzen abermaligen Re-
       petition der  bekannten Phrasen  folgt nur der Glaube des Verfas-
       sers, daß  sein vergebliches Abquälen mit den Kategorien der Ein-
       zelnheit und Allgemeinheit die wahre Form sei, in der die gesell-
       schaftlichen Fragen zu lösen seien.
       Der Verfasser schließt mit folgendem Tusch:
       
       "Die organische  Gesellschaft hat  zur Grundlage  die  allgemeine
       Gleichheit und entwickelt sich durch die Gegensätze der Einzelnen
       gegen das  Allgemeine zum  freien Einklänge, zur Einheit des ein-
       zelnen mit  dem allgemeinen  Glücke, zur  sozialen" (!)  "gesell-
       schaftlichen" (!!)  "Harmonie, dem  Spiegelbilde der universellen
       Harmonie." p. 164.
       
       Nur die  Bescheidenheit kann diesen Satz einen "Baustein" nennen.
       Er ist ein ganzer Urfels des wahren Sozialismus.
       
       Dritter Baustein
       
       "Auf dem  polaren Gegensatz,  der Wechselwirkung meines besondern
       Lebens mit  dem allgemeinen Naturleben, beruht der Kampf des Men-
       schen mit  der Natur. Wenn dieser Kampf als bewußte Tätigkeit er-
       scheint, heißt er  A r b e i t."  p. 164.
       
       Sollte nicht  umgekehrt die  Vorstellung von  dem "polaren Gegen-
       satz" auf  der Beobachtung eines Kampfes der Menschen mit der Na-
       tur beruhen? Erst wird eine Abstraktion aus einem Faktum gezogen;
       dann erklärt,  daß dies  Faktum auf  dieser  Abstraktion  beruhe.
       Wohlfeilste Methode,  deutsch-tief 1*) und spekulativ zu erschei-
       nen.
       Z.B.:  F a k t u m:  Die Katze frißt die Maus.
       R e f l e x i o n:   Katze -  Natur, Maus  - Natur, Verzehren der
       Maus durch  die Katze  = Verzehren  der Natur  durch die  Natur =
       Selbstverzehren der Natur.
       -----
       1*) MEGA: deutsch, tief
       
       #470# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       P h i l o s o p h i s c h e      D a r s t e l l u n g      d e s
       F a k t u m s:   Auf dem Selbstverzehren der Natur beruht das Ge-
       fressenwerden der Maus von der Katze.
       Nachdem also auf diese Weise der Kampf des Menschen mit der Natur
       mystifiziert ist,  wird die bewußte Tätigkeit des Menschen in Be-
       ziehung  auf   die  Natur  mystifiziert,  indem  sie  als    E r-
       s c h e i n u n g   dieser bloßen  Abstraktion wirklicher  Kämpfe
       gefaßt wird.  Schließlich wird dann das profane Wort  A r b e i t
       als Resultat  dieser Mystifikation  hereingeschmuggelt, ein Wort,
       das unser  wahrer Sozialist  von Anfang  an auf  der Zunge hatte,
       aber erst  nach gehöriger  Legitimierung auszusprechen wagte. Die
       Arbeit wird  aus der  bloßen, abstrakten Vorstellung  d e s  Men-
       schen und  der Natur  konstruiert und  daher auch  auf eine Weise
       bestimmt, die  auf alle  Entwicklungsstufen der Arbeit gleich gut
       paßt und nicht paßt.
       
       "Die Arbeit  ist   d e m n a c h  jede bewußte Tätigkeit des Men-
       schen, wodurch  er die  Natur seiner  Herrschaft in geistiger und
       materieller Beziehung  zu unterwerfen strebt, um sie zum bewußten
       Genuß seines Lebens zu bringen, sie zu seiner geistigen oder kör-
       perlichen Befriedigung zu verwenden." (ibid.)
       
       Wir machen bloß auf die glänzende Schlußfolgerung aufmerksam:
       
       "Wenn dieser  Kampf als bewußte Tätigkeit erscheint, heißt er Ar-
       beit -  die Arbeit ist  d e m n a c h  jede bewußte Tätigkeit des
       Menschen" usw.
       
       Diese tiefe Einsicht verdanken wir dem "polaren Gegensatz".
       Man rufe  sich den obigen saint-simonistischen Satz von dem libre
       développement de  toutes les  facultés 1*) ins Gedächtnis zurück.
       Man erinnere sich zu gleicher Zeit, daß Fourier an die Stelle des
       heutigen travail  répugnant 2*) den travail attrayant 3*) gesetzt
       sehen wollte. Dem "polaren Gegensatz" verdanken wir folgende phi-
       losophische Begründung und Explikation dieser Sätze:
       
       "Da   a b e r"  (dies Aber soll andeuten, daß hier kein Zusammen-
       hang stattfindet) "das  L e b e n  in jeder  E n t f a l t u n g,
       Übung und  Äußerung  seiner  Kräfte  und  Fähigkeiten  zu  seinem
       Genüsse, zu  seiner Befriedigung  kommen   s o l l,   s o    e r-
       g i b t   s i c h,   daß die  Arbeit selbst  eine Entfaltung  und
       Entwicklung menschlicher Anlagen sein und Genuß, Befriedigung und
       Glück gewähren   s o l l.   Die Arbeit selbst  m u ß  m i t h i n
       zu einer   f r e i e n   Äußerung  des Lebens  und  d a d u r c h
       zum Genuß werden," (ibid.)
       
       Hier wird  gezeigt, was  in der  Vorrede der "Rh[einischen] Jahr-
       b[ücher]"  versprochen   ist,  nämlich  "inwiefern  die  deutsche
       Gesellschaftswissenschaft in ihrer bisherigen Ausbildung sich von
       der französischen und englischen
       -----
       1*) [der] freien Entwicklung aller Fähigkeiten - 2*) [der] absto-
       ßenden Arbeit - 3*) [die] anziehende Arbeit
       
       #471# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialism. I. "Rhein. Jahrbücher"
       -----
       unterscheidet", und  was das  heißt, "die  Lehre des  Kommunismus
       wissenschaftlich darzustellen".
       Es ist  schwer, jeden  logischen Lapsus  in diesen wenigen Zeilen
       aufzudecken, ohne  langweilig zu  werden. Zunächst  die Schnitzer
       gegen die  f o r m e l l e  L o g i k.
       Um zu  beweisen, daß  die Arbeit, eine Äußerung des Lebens, Genuß
       bringen soll,  wird unterstellt, daß das Leben in  j e d e r  Äu-
       ßerung Genuß bringen soll, und hieraus geschlossen, daß das Leben
       dies auch  in seiner  Äußerung als  Arbeit soll. Mit dieser para-
       phrastischen Verwandlung eines Postulats in eine Konklusion nicht
       zufrieden, macht  der Verfasser  die Konklusion noch dazu falsch.
       Daraus, daß  "das Leben  in jeder  Entfaltung  zum  Genuß  kommen
       soll", ergibt  sich für ihn, daß die Arbeit, die eine dieser Ent-
       faltungen des Lebens ist, "selbst eine Entfaltung und Entwicklung
       menschlicher Anlagen",  also wieder  des Lebens, "sein soll". Sie
       soll also  sein, was  sie ist.  Wie hätte  die Arbeit es anfangen
       sollen, um jemals  n i c h t  eine "Entfaltung menschlicher Anla-
       gen" zu  sein? Damit  nicht genug.  W e i l  die Arbeit dies sein
       s o l l,   "m u ß"   sie es "mithin" sein, oder noch besser: Weil
       sie eine  "Entfaltung und  Entwicklung menschlicher  Anlagen sein
       soll",  m u ß  s i e  m i t h i n  ganz etwas Andres werden, näm-
       lich "eine  freie Äußerung  des Lebens",  wovon bisher  noch  gar
       nicht die  Rede war. Und während oben direkt von dem Postulat des
       Lebensgenusses auf  das Postulat der Arbeit als Genuß geschlossen
       wurde, wird  hier dies letztere Postulat als Konsequenz des neuen
       Postulats der  "freien Äußerung  des Lebens in der Arbeit" darge-
       stellt.
       Was den   I n h a l t  dieses Satzes angeht, so ist nicht abzuse-
       hen, warum die Arbeit nicht immer das war, was sie sein soll, und
       warum sie  es jetzt werden muß, oder warum sie etwas werden soll,
       was sie  bis dato  nicht muß.  Aber bisher war freilich nicht das
       Wesen des  Menschen und der polare Gegensatz des Menschen und der
       Natur entwickelt.
       Folgt eine  "wissenschaftliche  Begründung"  des  kommunistischen
       Satzes von  dem gemeinschaftlichen  Eigentum an den Produkten der
       Arbeit:
       
       "Das Produkt der Arbeit  a b e r"  (dies abermalige Aber hat den-
       selben Sinn  wie das  obige) "muß zugleich dem Glücke des Einzel-
       nen, Arbeitenden  und dem  allgemeinen Glücke  dienen.  Dies  ge-
       schieht durch  die Gegenseitigkeit, durch die gegenseitige Ergän-
       zung aller gesellschaftlichen Tätigkeiten." (ibid.)
       
       Dieser Satz ist nichts als eine durch das Wort "Glück" schwankend
       gemachte Kopie  dessen, was  in jeder Ökonomie der Konkurrenz und
       Teilung der Arbeit nachgerühmt wird.
       Endlich philosophische  Begründung der französischen Organisation
       der Arbeit:
       
       #472# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       "Die Arbeit  als eine  genußreiche, Befriedigung  gewährende  und
       zugleich dem  allgemeinen Wohle  dienende freie Tätigkeit ist die
       Grundlage der   O r g a n i s a t i o n  d e r  A r b e i t."  p.
       165.
       
       Da die  Arbeit erst "eine genußreiche pp. freie Tätigkeit" werden
       s o l l   und  m u ß,  es also noch nicht  i s t, so wäre eher zu
       erwarten, daß die Organisation der Arbeit  u m g e k e h r t  die
       Grundlage der "Arbeit als einer genußreichen Tätigkeit" ist. Aber
       der   B e g r i f f  der Arbeit als dieser Tätigkeit reicht voll-
       ständig hin.
       Der Verfasser glaubt am Schlüsse seines Aufsatzes zu "Resultaten"
       gekommen zu sein.
       Diese "Bausteine"  und "Resultate", zusammen mit den übrigen Gra-
       nitblöcken,  die   sich  in   den  "Einundzwanzig   Bogen",   dem
       "Bürgerbuch" und  den "Neuen  Anekdotis" [177] finden, bilden den
       Felsen, auf  den der   w a h r e   S o z i a l i s m u s,   alias
       d e u t s c h e  S o z i a l p h i l o s o p h i e,  seine Kirche
       bauen wird.
       Wir werden  gelegentlich einige  der Hymnen, einige Fragmente des
       cantique allégorique hébraique et mystique 1*) hören, die in die-
       ser Kirche gesungen werden.
       -----
       1*) hebräischen und mystischen allegorischen Lobgesangs

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