Quelle: MEW 3 1845 - 1846
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#445#
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I
"Die Rheinischen Jahrbücher" [164]
oder
Die Philosophie des wahren Sozialismus
A) "Communismus, Socialismus, Humanismus" [165]
"Rhein[ische] Jahrb[ücher]" 1. Bd., p. 167 ff.
Wir beginnen mit diesem Aufsatz, weil er den deutsch-nationalen
Charakter des wahren Sozialismus mit vollständigem Bewußtsein und
großem Selbstgefühl zur Schau trägt.
p. 168. "Es scheint, als ob die F r a n z o s e n ihre eignen
Genies nicht verständen. Hier kommt ihnen die d e u t s c h e
W i s s e n s c h a f t zu Hülfe, die im S o z i a l i s m u s,
wenn bei der Vernunft eine Steigerung gilt, die v e r n ü n f-
t i g s t e O r d n u n g d e r G e s e l l s c h a f t
g i b t."
Hier gibt also "die deutsche Wissenschaft" eine, und zwar "die
vernünftigste", "Ordnung der Gesellschaft" "i m Sozialismus".
Der Sozialismus wird ein bloßer Zweig der allmächtigen, allwei-
sen, Alles umfassenden deutschen Wissenschaft, die sogar eine Ge-
sellschaft stiftet. Der Sozialismus ist zwar ursprünglich franzö-
sisch, aber die französischen Sozialisten waren "a n s i c h"
D e u t s c h e, weshalb auch die w i r k l i c h e n Franzo-
sen sie "nicht verstanden". Daher kann unser Verfasser sagen:
"Der K o m m u n i s m u s ist f r a n z ö s i s c h, der
S o z i a l i s m u s d e u t s c h; ein Glück ist es für die
Franzosen, daß sie einen so glücklichen gesellschaftlichen
I n s t i n k t haben, der ihnen einst die w i s s e n-
s c h a f t l i c h e n S t u d i e n wird ersetzen helfen.
Dieses Resultat lag in dem Entwicklungsgange beider Völker
vorgezeichnet; die Franzosen kamen durch die P o l i t i k zum
K o m m u n i s m u s" (nun weiß man natürlich, wie das franzö-
sische Volk zum Kommunismus kam), "die Deutschen durch die
M e t a p h y s i k, die zuletzt in Anthropologie umschlug, zum
S o z i a l i s m u s" (nämlich zum "wahren Sozialismus"). "Bei-
de lösen sich zuletzt in H u m a n i s m u s auf."
Nachdem man den Kommunismus und Sozialismus in zwei abstrakte
Theorien, zwei Prinzipien verwandelt hat, ist natürlich nichts
leichter, als eine beliebige Hegelsche Einheit dieser beiden Ge-
gensätze unter einem beliebigen unbestimmten Namen zu phantasie-
ren. Womit nicht nur ein durchdringender
#446# Karl Marx und Friedrich Engels
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Blick in "den Entwicklungsgang beider Völker" geworfen, sondern
auch die Erhabenheit des spekulierenden Individuums über Franzo-
sen und Deutsche glänzend dargetan ist.
Übrigens ist dieser Satz ziemlich wörtlich kopiert aus dem Pütt-
mannschen "Bürgerbuch", p. 43 [166] und anderwärts; wie denn auch
die "wissenschaftlichen Studien" des Verfassers über den Sozia-
lismus sich auf eine konstruierende Reproduktion der in diesem
Buche, den "Einundzwanzig Bogen" und anderen Schriften aus der
Entstehungsepoche des deutschen Kommunismus gegebenen Ideen be-
schränken.
Wir geben nur einige Proben von den in diesem Aufsatze erhobenen
Einwendungen gegen den K o m m u n i s m u s.
p. 168. "Der Kommunismus verbindet die Atome zu keinem organi-
schen Ganzen."
Die Verbindung von "Atomen" zu einem "organischen Ganzen" ist
ebensowenig zu verlangen wie die Quadratur des Zirkels.
"Wie der Kommunismus faktisch in Frankreich, seinem Hauptsitz,
vertreten wird, ist er der r o h e Gegensatz gegen die egoisti-
sche Zerfallenheit des Krämerstaats, über diesen politischen Ge-
gensatz kommt er nicht hinaus, gelangt zu keiner u n b e-
d i n g t e n, v o r a u s s e t z u n g s l o s e n F r e i-
h e i t." (ibidem.)
Voilà 1*) das deutsch-ideologische Postulat der "unbedingten,
voraussetzungslosen Freiheit", die nur die praktische Formel für
das "unbedingte, voraussetzungslose Denken" ist. Der französische
Kommunismus ist allerdings "roh", weil er der theoretische Aus-
druck eines w i r k l i c h e n Gegensatzes ist, über den er
nach unsrem Verfasser aber dadurch hinaus sein sollte, daß er
diesen Gegensatz in der Einbildung als schon überwunden unter-
stellt. Vergleiche übrigens "Bürgerbuch" u.a. p. 43.
"Innerhalb des Kommunismus kann die Tyrannei recht wohl fortbe-
stehen, weil er nicht die Gattung fortbestehen läßt." p. 168.
Arme Gattung! Bisher hat die "Gattung" g l e i c h z e i t i g
m i t der "Tyrannei" bestanden; aber eben weil der Kommunismus
die "Gattung" a b s c h a f f t, deswegen kann er die "Tyran-
nei" f o r t bestehen lassen. Und wie fängt es nach unsrem
wahren Sozialisten der Kommunismus an, "die Gattung" abzuschaf-
fen? Er "hat die Masse vor sich", (ibidem.)
"Der Mensch wird im Kommunismus seines Wesens nicht b e w u ß t
... seine Abhängigkeit wird durch den Kommunismus auf das
l e t z t e, b r u t a l s t e V e r h ä l t n i s gebracht,
auf die Abhängigkeit von der r o h e n M a t e r i e - Tren-
nung von A r b e i t und G e n u ß. Der Mensch gelangt zu
keiner f r e i e n sittlichen T ä t i g k e i t."
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1*) da haben wir
#447# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialism. I. "Rhein. Jahrbücher"
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Um die "wissenschaftlichen Studien" zu würdigen, welche unsrem
wahren Sozialisten zu diesem Satz verholfen haben, vergleiche man
folgenden Satz:
"Die französischen Sozialisten und Kommunisten ... haben das
W e s e n des Sozialismus theoretisch keineswegs erkannt ...
selbst die radikalen" (französischen) "Kommunisten sind noch kei-
neswegs über den Gegensatz von A r b e i t und G e n u ß hin-
aus ... haben sich noch nicht zum Gedanken d e r f r e i e n
T ä t i g k e i t erhoben ... Der Unterschied zwischen dem Kom-
munismus und der Krämerwelt ist nur der, daß die v o l l-
s t ä n d i g e E n t ä u ß e r u n g d e s w i r k l i-
c h e n m e n s c h l i c h e n E i g e n t u m s im Kommunis-
mus aller Zufälligkeit enthoben, d.h. i d e a l i s i e r t
werden soll." "Bürgerbuch", p. 43.
Unser wahrer Sozialist wirft also hier den Franzosen vor, daß sie
ein richtiges Bewußtsein ihrer faktischen gesellschaftlichen Zu-
stände haben, während sie das Bewußtsein "d e s Menschen" über
"s e i n Wesen" zutage fördern sollten. Alle Vorwürfe dieser
wahren Sozialisten gegen die Franzosen laufen darauf hinaus, daß
die Feuerbachsche Philosophie nicht die letzte Pointe ihrer ge-
samten Bewegung ist. Wovon der Verfasser ausgeht, ist der vorge-
fundene Satz von der Trennung von Arbeit und Genuß. Statt mit
diesem Satze anzufangen, dreht er ideologisch die Sache um, fängt
an mit dem fehlenden Bewußtsein des Menschen, schließt daraus auf
die "Abhängigkeit von der rohen Materie" und läßt diese sich
r e a l i s i e r e n in der "Trennung von Arbeit und Genuß".
Wir werden übrigens noch Exempel davon sehen, wohin unser wahrer
Sozialist mit seiner Unabhängigkeit "von der rollen Materie"
kommt. - Überhaupt sind diese Herren alle von merkwürdigem Zart-
gefühl. Alles, namentlich die Materie, schockiert sie, überall
klagen sie über Roheit. Oben hatten wir schon den "r o h e n
Gegensatz", jetzt das "b r u t a l s t e Verhältnis" der "Ab-
hängigkeit von der r o h e n Materie".
Der Deutsche öffnet den Mund weit:
Die Liebe sei nicht zu r o h,
Sie schadet sonst der Gesundheit. [167]
Natürlich, die deutsche Philosophie in ihrer Verkleidung als So-
zialismus geht zwar zum Schein auf die "rohe Wirklichkeit" ein,
aber sie hält sich immer in anständiger Entfernung von ihr und
ruft ihr mit hysterischer Gereiztheit zu: Noli me tangere! 1*)
Nach diesen wissenschaftlichen Einwürfen gegen den französischen
Kommunismus kommen wir auf einige historische Erörterungen, die
von der "freien sittlichen Tätigkeit" und den "wissenschaftlichen
Studien" unsres wahren Sozialisten wie auch von seiner Unabhän-
gigkeit von der rohen Materie glänzendes Zeugnis ablegen.
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1*) Rühr mich nicht an!
#448# Karl Marx und Friedrich Engels
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p. 170 kommt er zu dem "Resultate", daß "der" (abermals)
"r o h e französische Kommunismus" der einzige ist, den es
"gibt". Die Konstruktion dieser Wahrheit a priori wird mit großem
"gesellschaftlichem Instinkt" durchgeführt und zeigt, daß "der
Mensch seines Wesens sich bewußt" geworden ist. Man höre:
"Es gibt keinen andern, d e n n was Weitling gegeben hat, ist
nur eine Verarbeitung fourieristischer und kommunistischer Ideen,
wie er sie in Paris und Genf kennenlernte."
"Es gibt keinen" englischen Kommunismus, "denn was Weitling" usw.
Thomas Morus, die Levellers [168], Owen, Thompson, Watts, Ho-
lyoake, Harney, Morgan, Southwell, Goodwyn Barmby, Greaves, Ed-
monds, Hobson, Spence werden sich sehr wundern, resp. im Grabe
umdrehen, wenn ihnen zu Ohren kommt, wie sie keine Kommunisten
sind, "denn" Weitling ging nach Paris und Genf.
Übrigens scheint der Weitlingsche Kommunismus doch auch ein
andrer zu sein als der "rohe französische", vulgo Babouvismus, da
er auch "fourieristische Ideen" enthält.
"Die Kommunisten waren besonders stark in der Aufstellung von Sy-
stemen oder gleich fertigen Gesellschaftsordnungen (Cabets Ika-
rien, 'La Félicité' [169], Weitling). Alle Systeme aber sind dog-
matisch-diktatorisch." p. 170.
Mit seiner Meinungsabgabe über Systeme überhaupt hat der wahre
Sozialismus sich natürlich der Mühe überhoben, die kommunisti-
schen Systeme selbst kennenzulernen. Mit einem Schlage hat er
nicht nur Ikarien [170], sondern auch alle philosophischen Sy-
steme von Aristoteles bis Hegel, das Systeme de la nature [171],
das Linnésche und Jussieusche Pflanzensystem und sogar das Son-
nensystem überwunden. Was übrigens die Systeme selbst angeht, so
sind diese fast alle im Anfange der kommunistischen Bewegung auf-
gekommen und dienten damals der Propaganda als Volksromane, die
dem noch unentwickelten Bewußtsein der sich eben in Bewegung set-
zenden Proletarier vollkommen entsprachen. Cabet selbst nennt
seine "Icarie" einen roman philosophique 1*) und ist keineswegs
aus seinem System, sondern aus seinen Streitschriften, überhaupt
aus seiner ganzen Tätigkeit als Parteichef zu beurteilen. Einige
dieser Romane, z.B. das Fouriersche System, sind mit wirklich
poetischem Geiste, andere, wie das Owensche und Cabetsche, ohne
alle Phantasie mit kaufmännischer Berechnung oder juristisch-
schlauem Anschmiegen an die Anschauungen der zu bearbeitenden
Klasse ausgeführt. Diese Systeme verlieren bei der Entwicklung
der Partei alle Bedeutung und
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1*) philosophischen Roman
#449# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialism. I. "Rhein. Jahrbücher"
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werden höchstens nominell als Stichwörter beibehalten. Wer glaubt
in Frankreich an Ikarien, wer in England an die verschiedenen mo-
difizierten Pläne Owens, die er selbst je nach veränderten Zeit-
umständen oder mit Rücksicht auf Propaganda unter bestimmten
Klassen predigte? Wie wenig der wirkliche Inhalt dieser Systeme
in ihrer systematischen Form liegt, beweisen am besten die ortho-
doxen Fourieristen der "Democratie pacifique", die bei all ihrer
Orthodoxie die geraden Antipoden Fouriers, doktrinäre Bourgeois
sind. Der eigentliche Inhalt aller epochemachenden Systeme sind
die Bedürfnisse der Zeit, in der sie entstanden. Jedem derselben
hegt die ganze vorhergegangne Entwicklung einer Nation, die ge-
schichtliche Gestaltung der Klassenverhältnisse mit ihren politi-
schen, moralischen, philosophischen und andern Konsequenzen zu-
grunde. Dieser Basis und diesem Inhalt der kommunistischen Sy-
steme gegenüber ist mit dem Satz, daß alle Systeme dogmatisch-
diktatorisch sind, gar nichts ausgerichtet. Den Deutschen lagen
keine ausgebildeten Klassenverhältnisse vor wie den Engländern
und Franzosen. Die deutschen Kommunisten konnten daher die Basis
ihres Systems nur aus den Verhältnissen des Standes nehmen, aus
dem sie hervorgingen. Daß daher das einzige existierende deutsche
kommunistische System eine Reproduktion der französischen Ideen
innerhalb der durch die kleinen Handwerkerverhältnisse beschränk-
ten Anschauungsweise war, ist ganz natürlich.
Die Tyrannei, die innerhalb des Kommunismus fortbesteht, zeigt
"der W a h n s i n n Cabets, welcher verlangt, daß alle Welt
auf s e i n e n 'Populaire' abonnieren soll", p. 168. Wenn un-
ser Freund Forderungen, die ein Parteichef, durch bestimmte Um-
stände" und die Gefahr der Zersplitterung beschränkter Geldmittel
gezwungen, an seine Partei stellt, zuerst verdreht und dann an
dem "Wesen des Menschen" mißt, so muß er allerdings zu dem Resul-
tate kommen, daß dieser Parteichef und alle andern Parteileute
"wahnsinnig", dagegen bloß unparteiische Gestalten, wie er und
das "Wesen des Menschen", gesunden Verstandes seien. Er möge üb-
rigens aus Cabets "Ma ligne droite" das wahre Sachverhältnis ken-
nenlernen.
Schließlich faßt sich der ganze Gegensatz unsres Verfassers und
überhaupt der deutschen wahren Sozialisten und Ideologen gegen
die wirklichen Bewegungen andrer Nationen in einem klassischen
Satze zusammen. Die Deutschen beurteilen Alles sub specie aeterni
1*) (nach dem Wesen d e s Menschen), die Ausländer sehen alles
praktisch, nach den wirklich vorliegenden Menschen und Verhält-
nissen. Die Ausländer denken und handeln für die Z e i t, die
Deutschen für die E w i g k e i t. Dies gesteht unser wahrer
Sozialist folgendermaßen ein:
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1*) vom Gesichtspunkt der Ewigkeit
#450# Karl Marx und Friedrich Engels
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"Schon durch seinen Namen, den Gegensatz gegen die Konkurrenz,
zeigt der Kommunismus seine Einseitigkeit; soll denn aber diese
Befangenheit, die w o h l j e t z t als Parteiname ihre Gel-
tung haben kann, e w i g w ä h r e n?"
Nach dieser gründlichen Vernichtung des Kommunismus geht unser
Verfasser auf seinen Gegensatz, den S o z i a l i s m u s,
über.
"Der Sozialismus gibt die anarchische Ordnung, die der menschli-
chen Gattung, wie dem Universum, w e s e n t l i c h e i g e n-
t ü m l i c h ist" (p. 170) und ebendeshalb für "die menschliche
Gattung" bisher nicht existiert hat.
Die freie Konkurrenz ist zu "roh", um unsrem wahren Sozialisten
als "anarchische Ordnung" zu erscheinen.
"Voll Vertrauen auf den s i t t l i c h e n K e r n der
Menschheit" dekretiert "der Sozialismus", daß "die Vereinigung
der Geschlechter nur die höchste Steigerung der Liebe i s t
u n d sein s o l l t e, d e n n nur das Natürliche ist wahr,
und das Wahre ist sittlich." p. 171.
Der Grund, weshalb "die Vereinigung etc. etc. ist und sein
sollte", paßt auf Alles. Z.B. "Voll Vertrauen auf den s i t t-
l i c h e n K e r n" des Affengeschlechts kann "der Sozialis-
mus" ebenfalls dekretieren, daß die bei den Affen sich natürlich
vorfindende Onanie "nur die höchste Steigerung der" Selbst-"Liebe
ist und sein sollte; d e n n nur das Natürliche ist wahr, und
das Wahre ist sittlich."
Woher der Sozialismus den Maßstab dessen nimmt, was "natürlich"
ist, läßt sich schwer sagen.
"Tätigkeit und Genuß fallen in des Menschen E i g e n t ü m-
l i c h k e i t zusammen. Durch diese werden jene beiden be-
stimmt, nicht durch die a u ß e r u n s s t e h e n d e n
Produkte."
"Da nun aber diese Produkte zur Tätigkeit, das ist zum wahren Le-
ben unumgänglich sind, dieselben aber durch die gemeinsame Tätig-
keit der gesamten Menschheit sich von Letzterer gleichsam abge-
löst haben, so s i n d o d e r s o l l e n sie auch für Alle
das gemeinsame Substrat weiterer Entwicklung sein (G ü t e r-
g e m e i n s c h a f t)."
"Unsre heutige Gesellschaft ist freilich so verwildert, daß Ein-
zelne in tierischem Heißhunger über die Produkte fremder Arbeit
herfallen und dabei untätig ihr eignes Wesen verfaulen lassen
(R e n t i e r s); wovon wieder die n o t w e n d i g e K o n-
s e q u e n z ist, daß Andere, deren Eigentum (ihr eignes
menschliches Wesen) nicht durch Untätigkeit, sondern durch auf-
reibende Anspannung verkümmert, zu m a s c h i n e n m ä ß i-
g e m Produzieren getrieben werden (P r o l e t a r i e r) ...
Beide Extreme unsrer Gesellschaft a b e r, Rentiers und Pro-
letarier, stehen auf Einer Stufe der Bildung, B e i d e s i n d
a b h ä n g i g v o n d e n D i n g e n a u ß e r i h n e n"
oder "Neger", wie Sankt Max sagen würde, p. 169, 170.
Diese obigen "Resultate" unsres "Mongolen" über "Unser Negertum"
sind das Vollendetste, was der wahre Sozialismus bis jetzt "als
zum wahren Leben unumgängliches Produkt gleichsam von sich abge-
löst hat" und wovon
#451# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialism. I. "Rhein. Jahrbücher"
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er nach "des Menschen Eigentümlichkeit" glaubt, daß "die gesamte
Menschheit" darüber "in tierischem Heißhunger herfallen" müsse.
"Rentiers", "Proletarier", "maschinenmäßig", "Gütergemeinschaft"
- diese vier Vorstellungen sind jedenfalls für unsren Mongolen
"außer ihm stehende Produkte", in Beziehung auf welche seine
"Tätigkeit" und sein "Genuß " darin besteht, sie als die bloß an-
tizipierten Namen für die Resultate seines eignen "maschinen-
mäßigen Produzierens" darzustellen.
Wir erfahren, daß die Gesellschaft verwildert ist und daß deshalb
die Individuen, die ebendiese Gesellschaft bilden, an allerhand
Gebrechen leiden. Die Gesellschaft wird getrennt von diesen Indi-
viduen, verselbständigt, sie verwildert auf eigne Faust, und erst
in F o l g e dieser Verwilderung leiden die Individuen. Die er-
ste Folge dieser Verwilderung sind die Bestimmungen Raubtier, un-
tätig und Inhaber eines "verfaulenden eignen Wesens", worauf wir
zu unsrem Schrecken erfahren, daß diese Bestimmungen "der Ren-
tier" sind. Dabei ist nur zu bemerken, daß dies "Verfaulenlassen
des eignen Wesens" weiter nichts ist als eine philosophisch my-
stifizierte Manier, sich über die "Untätigkeit" klarzuwerden, von
deren praktischer Beschaffenheit man wenig zu wissen scheint.
Die zweite "notwendige Konsequenz" dieser ersten Folge der Ver-
wilderung sind die beiden Bestimmungen: "Verkümmern des eignen
menschlichen Wesens durch aufreibende Anspannung" und
"Getriebenwerden zu maschinenmäßigem Produzieren". Diese beiden
Bestimmungen sind die notwendige "Konsequenz davon, daß die Ren-
tiers ihr eignes Wesen verfaulen lassen", und heißen in der pro-
fanen Sprache, wie wir wiederum mit Schrecken erfahren, "der Pro-
letarier".
Der Kausalnexus des Satzes ist also folgender: Daß Proletarier
existieren und maschinenmäßig arbeiten, findet sich als Tatsache
vor. Warum müssen die Proletarier "maschinenmäßig produzieren"?
Weil die Rentiers "ihr eignes Wesen verfaulen lassen". Warum las-
sen die Rentiers ihr eignes Wesen verfaulen? Weil "unsre heutige
Gesellschaft so verwildert ist". Warum ist sie so verwildert? Das
frage deinen Schöpfer.
Charakteristisch ist für unsren wahren Sozialisten, daß er in dem
Gegensatz von Rentiers und Proletariern "die Extreme u n s r e r
Gesellschaft" sieht. Dieser Gegensatz, der so ziemlich auf allen
einigermaßen entwickelten Gesellschaftsstufen existiert hat und
seit undenklicher Zeit von allen Moralisten breitgeschlagen ist,
wurde namentlich ganz im Anfange der proletarischen Bewegung wie-
der hervorgesucht, zu einer Zeit, wo das Proletariat mit der in-
dustriellen und kleinen Bourgeoisie noch gemeinsame Interessen
hatte. Vergleiche z.B. Cobbetts und P.L. Couriers Schriften oder
Saint-Simon, der
#452# Karl Marx und Friedrich Engels
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im Anfange die industriellen Kapitalisten noch zu den travail-
leurs 1*) rechnete, im Gegensatz zu den oisifs 2*), den Rentiers.
Diesen trivialen Gegensatz auszusprechen, und zwar nicht in der
gewöhnlichen, sondern in der heiligen philosophischen Sprache,
für diese kindliche Einsicht nicht den passenden, sondern einen
verhimmelten, abstrakten Ausdruck zu geben, darauf reduziert sich
die Gründlichkeit der im wahren Sozialismus vollendeten deutschen
Wissenschaft hier wie in allen andern Fällen. Dieser Gründlich-
keit setzt dann auch der Schluß die Krone auf. Hier verwandelt
unser wahrer Sozialist die ganz verschiedenen Bildungsstufen der
Proletarier und Rentiers in "eine Stufe der Bildung", weil er von
ihren wirklichen Bildungsstufen Umgang nehmen und sie unter die
philosophische Phrase "Abhängigkeit von den Dingen außer ihnen"
subsumieren kann. Hier hat der wahre Sozialismus die Bildungs-
stufe gefunden, auf der die Verschiedenheit aller Bildungsstufen
in den drei Naturreichen, der Geologie und Geschichte sich voll-
ständig in nichts auflöst.
Trotz seines Hasses gegen die "Abhängigkeit von den Dingen 3*)
außer ihm" gesteht der wahre Sozialist doch ein, daß er von ihnen
abhängig ist, "da die Produkte", d. h. eben diese Dinge, "zur Tä-
tigkeit" und "zum wahren Leben unumgänglich sind". Dies ver-
schämte Geständnis wird gemacht, um einer philosophischen Kon-
struktion der Gütergemeinschaft Bahn zu brechen, einer Konstruk-
tion, die in so baren Unsinn verläuft, daß sie bloß der Aufmerk-
samkeit des Lesers zu empfehlen ist.
Wir kommen jetzt zu dem ersten der oben zitierten Sätze. Hier
wird wieder die "Unabhängigkeit von den Dingen" für die Tätigkeit
und den Genuß in Anspruch genommen. Tätigkeit und Genuß "werden
bestimmt" durch "die Eigentümlichkeit des Menschen". Statt diese
Eigentümlichkeit in der Tätigkeit und dem Genuß der ihn umgeben-
den Menschen nachzuweisen, wo er sehr bald gefunden haben würde,
inwiefern hier die außer uns stehenden Produkte ebenfalls mit-
sprechen, läßt er Beide in "der Eigentümlichkeit des Menschen zu-
sammenfallen". Statt die Eigentümlichkeit der Menschen in ihrer
Tätigkeit und der dadurch bedingten Weise des Genusses sich zur
Anschauung zu bringen, erklärt er Beide aus der "Eigentümlichkeit
des Menschen", wo dann alle Diskussion abgeschnitten ist. Von der
wirklichen , Handlung des Individuums flüchtet er sich wieder in
seine unbeschreibliche, unnahbare Eigentümlichkeit. Wir sehen
hier übrigens, was die w a h r e n S o z i a l i s t e n unter
der "freien Tätigkeit" verstehen. Unser Verfasser verrät uns un-
vorsichtigerweise, daß sie die Tätigkeit ist, die "nicht durch
die Dinge außer uns bestimmt wird", d. h. der actus purus, die
reine, absolute Tätigkeit,
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1*) Arbeitern - 2*) Müßiggängern - 3*) MEGA: Abhängigkeit von
Dingen
#453# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialism. I. "Rhein. Jahrbücher"
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die nichts als Tätigkeit ist und in letzter Instanz wieder auf
die Illusion vom "reinen Denken" hinausläuft. Diese reine Tätig-
keit wird natürlich sehr verunreinigt, wenn sie ein materielles
Substrat und ein materielles Resultat hat; der wahre Sozialist
befaßt sich nur widerstrebend mit solcher unreinen Tätigkeit und
verachtet ihr Produkt, das nicht mehr "Resultat", sondern "nur
ein A b f a l l vom Menschen" genannt wird (p. 169). Das Sub-
jekt, das dieser reinen Tätigkeit zugrunde liegt, kann daher auch
kein wirklicher sinnlicher Mensch, sondern nur der denkende Geist
sein. Die so verdeutschte "freie Tätigkeit" ist nur eine andere
Formel für die obige "unbedingte, voraussetzungslose Freiheit".
Wie sehr übrigens dies Gerede von der "freien Tätigkeit", das bei
den wahren Sozialisten nur dazu dient, ihre Unkenntnis der wirk-
lichen Produktion zu verhüllen, in letzter Instanz auf das "reine
Denken" hinausläuft, beweist unser Verfasser schon dadurch, daß
das Postulat der wahrhaften Erkenntnis sein letztes Wort ist.
"Diese Sonderung der b e i d e n H a u p t p a r t e i e n
d e r Z e i t" (nämlich des französischen rohen K o m m u-
n i s m u s und des deutschen S o z i a l i s m u s) "hat sich
durch die E n t w i c k l u n g d e r l e t z t e n z w e i
J a h r e ergeben, wie sie namentlich in Heß' 'Philosophie der
That' - Herweghs 'Einundzwanzig Bogen' - b e g a n n. Es war
s o m i t an der Zeit, auch einmal die Schibboleths der
g e s e l l s c h a f t l i c h e n P a r t e i e n näher zu
beleuchten." p. 173.
Wir haben hier also auf der einen Seite die wirklich existierende
kommunistische Partei in Frankreich mit ihrer Literatur und auf
der andern einige deutsche Halbgelehrte, die sich die Ideen die-
ser Literatur philosophisch zu verdeutlichen streben. Diese letz-
teren gelten ebensogut wie die ersteren für eine
"H a u p t p a r t e i der Z e i t", also für eine Partei, die
nicht nur für ihren nächsten Gegensatz, die französischen Kommu-
nisten, sondern auch für die englischen Chartisten und Kommuni-
sten, die amerikanischen Nationalreformer und überhaupt alle an-
dern Parteien "der Zeit" von unendlicher Wichtigkeit ist. Leider
wissen alle diese Parteien nichts von der Existenz dieser
"Hauptpartei". Es ist aber seit geraumer Zeit die Manier der
deutschen Ideologen, daß jede ihrer literarischen Fraktionen, be-
sonders die, die "am weitesten zu gehen" wähnt, sich nicht nur
für "eine Hauptpartei", sondern geradezu für "d i e Hauptpartei
der Zeit" erklärt. Wir haben so unter andern "die Hauptpartei"
der kritischen Kritik, "die Hauptpartei" des mit sich einigen
Egoismus und jetzt "die Hauptpartei" der wahren Sozialisten.
Deutschland kann es auf diese Weise noch zu einem ganzen Schock
von "Hauptparteien" bringen, deren Existenz bloß in Deutschland
und auch hier nur unter dem kleinen Stande der Gelehrten, Halbge-
lehrten und Literaten bekannt ist, während sie alle wähnen, die
Kurbel der Weltgeschichte zu drehen, wenn sie das lange Garn ih-
rer eignen Phantasien spinnen.
#454# Karl Marx und Friedrich Engels
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Diese "Hauptpartei" der wahren Sozialisten hat sich "durch die
Entwicklung der letzten zwei Jahre ergeben, wie sie namentlich in
Heß' Philosophie begann". D.h., sie hat "sich ergeben", als die
V e r wicklung unsres Verfassers in den Sozialismus "begann",
nämlich in den "zwei letzten Jahren", womit es für ihn "an der
Zeit war", sich vermittelst einiger "Schibboleths" über das, was
er für "gesellschaftliche Parteien" hält, "auch einmal näher" zu
erleuchten.
Nachdem wir so mit dem Kommunismus und Sozialismus fertig gewor-
den sind, führt uns unser Verfasser die höhere Einheit beider,
den H u m a n i s m u s, vor. Von diesem Augenblicke an betre-
ten wir das Land "d e s Menschen", und von nun an trägt sich
die ganze wahre Geschichte unsres wahren Sozialisten nur in
Deutschland zu.
"In dem H u m a n i s m u s nun lösen sich alle Namenstreitig-
keiten auf; zu was Kommunisten, zu was Sozialisten? Wir sind
M e n s c h e n" (p. 172)
- tous frères, tous amis 1*),
Laßt uns nicht schwimmen gegen den Strom,
Ihr Brüder, es hilft uns wenig!
Laßt uns besteigen den Templower Berg
Und rufen: Es lebe der König! [172]
Zu was Menschen, zu was Bestien, zu was Pflanzen, zu was Steine?
Wir sind Körper!
Folgt eine historische Auseinandersetzung, die auf der deutschen
Wissenschaft basiert und die den Franzosen ihr "gesellschaft-
licher Instinkt einst ersetzen helfen wird". Antike Zeit -
Naivetät, Mittelalter - Romantik, neue Zeit - Humanismus. Durch
diese drei Trivialitäten ist natürlich der Humanismus unsres Ver-
fassers historisch konstruiert und als die Wahrheit der Humaniora
[173] von ehedem erwiesen. Über dergleichen Konstruktionen
vergleiche man "Sankt Max" im ersten Bande, der diesen Artikel
viel kunstgerechter und weniger dilettantisch fabriziert.
p. 172 wird uns berichtet, daß
"die letzte Folge des Scholastizismus die Spaltung des Lebens
ist, die Heß vernichtete".
Die Theorie wird hier also als die Ursache der "Spaltung des Le-
bens" dargestellt. Man sieht nicht ein, weshalb diese wahren So-
zialisten überhaupt von der Gesellschaft sprechen, wenn sie mit
den Philosophen glauben, daß alle w i r k l i c h e n Spaltun-
gen durch B e g r i f f s s p a l t u n g e n hervorgerufen
wurden.
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1*) alle Brüder, alle Freunde
#455# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialism. I. "Rhein. Jahrbücher"
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Sie können sich in diesem philosophischen Glauben an die welt-
schöpferische und weltzerstörende Macht der Begriffe dann auch
einbilden, ein beliebiges Individuum habe durch irgendwelche
"Vernichtung" von Begriffen "die Spaltung des Lebens vernichtet".
Bei diesen wahren Sozialisten wird, wie bei allen deutschen Ideo-
logen, die literarische Geschichte fortwährend mit der wirklichen
Geschichte als gleich wirkend durcheinandergeworfen. Diese Manier
ist allerdings sehr begreiflich bei den Deutschen, die die mi-
serable Rolle, die sie in der wirklichen Geschichte gespielt ha-
ben und fortwährend spielen, dadurch verdecken, daß sie die Illu-
sionen, an denen sie so besonders reich waren, auf gleiche Stufe
mit der Wirklichkeit stellen.
Nun zu den "letzten zwei Jahren", in denen die deutsche Wissen-
schaft sämtliche Fragen gründlichst erledigt und den andern Na-
tionen nichts mehr übrigläßt als die Ausführung ihrer Dekrete.
"Das Werk der Anthropologie, die Wiedergewinnung seines"
(Feuerbachs oder des Menschen?) "ihm entfremdeten Wesens durch
den Menschen ward durch Feuerbach nur einseitig vollzogen, d.h.
begonnen; er vernichtete die r e l i g i ö s e Illusion, die
theoretische Abstraktion, den Gott-Menschen, während Heß die
p o l i t i s c h e Illusion, die Abstraktion seines" (Hessens
oder des Menschen?), "Vermögens, seiner Tätigkeit, d.i. d a s
V e r m ö g e n z e r s t ö r t. Nur durch die Arbeit des letz-
teren ward d e r M e n s c h von den letzten Mächten außer ihm
befreit, zu sittlicher Tätigkeit befähigt - alle Uneigennützig-
keit der früheren" (vorhessischen) "Zeit war nur eine scheinbare
- und in seine Würde wieder eingesetzt: oder wo galt der Mensch
früher" (vor Heß) "das, was er war? Wurde er nicht nach seinen
Schätzen geschätzt? Sein Geld schaffte ihm seine Geltung." p.
171.
Charakteristisch ist für alle diese hohen Worte von Befreiung
usw., daß immer nur "d e r Mensch" der Befreite etc. ist. Ob-
gleich es nach den obigen Aussprüchen scheint, als habe nun das
"Vermögen", "Geld" usw. aufgehört, so erfahren wir doch im fol-
genden Satz:
"Nun erst, nach Zerstörung dieser Illusionen" (das Geld ist, sub
specie aeterni 1*) betrachtet, allerdings eine Illusion, l'or
n'est qu'une chimère 2*)), "kann an eine neue, m e n s c h-
l i c h e Ordnung der Gesellschaft g e d a c h t werden."
(ibid.)
Dies ist aber ganz überflüssig, denn
"die Erkenntnis des W e s e n s d e s M e n s c h e n hat ein
wahrhaft menschliches Leben zur natürlichen, notwendigen Folge",
(p. 172.)
Durch die Metaphysik, durch die Politik pp. zum Kommunismus oder
Sozialismus kommen - diese bei den wahren Sozialisten sehr be-
liebten Phrasen besagen weiter nichts, als daß dieser oder jener
Schriftsteller die ihm
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1*) vom Gesichtspunkt der Ewigkeit - 2*) das Gold ist nur ein
Hirngespinst
#456# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
von Außen zugekommenen und aus ganz andern Verhältnissen ent-
sprungenen kommunistischen Ideen sich in der Redeweise seines
bisherigen Standpunkts angeeignet und ihnen den diesem Stand-
punkte entsprechenden Ausdruck gegeben hat. Ob einer oder der an-
dre dieser Standpunkte bei einer ganzen Nation vorwiegt, ob ihre
kommunistische Anschauungsweise politisch, metaphysisch oder
sonst tingiert ist, hängt natürlich von der ganzen Entwicklung
des Volkes ab. Unser Verfasser zieht aus der Tatsache, daß die
Anschauungsweise der meisten französischen Kommunisten eine poli-
tische Färbung hat - einer Tatsache, der die andre gegenüber-
steht, daß sehr viele französische Sozialisten von der Politik
gänzlich abstrahiert haben - den Schluß, daß die Franzosen "durch
die Politik", durch ihre politische Entwicklung "zum Kommunismus
gekommen seien". Dieser überhaupt in Deutschland sehr stark zir-
kulierende Satz beweist nicht, daß unser Verfasser von der Poli-
tik, namentlich der französischen politischen Entwicklung, oder
vom Kommunismus irgend etwas weiß, sondern nur, daß er die Poli-
tik für eine selbständige Sphäre hält, die ihre eigne, selbstän-
dige Entwicklung hat, ein Glaube, den er mit allen Ideologen
teilt.
Ein anderes Stichwort der wahren Sozialisten ist das "wahre Ei-
gentum", das "wahre, persönliche Eigentum", "wirkliche", "gesell-
schaftliche", "lebendige", "natürliche" ppp. Eigentum, wogegen
sie höchst charakteristisch das Privateigentum als "s o g e-
n a n n t e s Eigentum" bezeichnen. Wir haben schon im ersten
Bande darauf hingewiesen, daß dieser Sprachgebrauch ursprünglich
von den Saint-Simomsten herrührt, bei denen er indes nie diese
deutsche metaphysisch-mysteriöse Form erreichte und bei denen er
im Anfange der sozialistischen Bewegung gegenüber dem bornierten
Geschrei der Bourgeois 1*) einigermaßen berechtigt war. Das Ende,
das die meisten Saint-Simonisten genommen haben, beweist
übrigens, wie leicht dies "wahre Eigentum" sich in "gewöhnliches
Privateigentum" wieder auflöst.
Wenn man sich den Gegensatz des Kommunismus zur Welt des Privat-
eigentums in der rohsten Form vorstellt, d.h. in der abstrakte-
sten 2*) Form, in der man alle wirklichen Bedingungen dieses Ge-
gensatzes entfernt, so hat man den Gegensatz von Eigentum und Ei-
gentumslosigkeit. Man kann dann die Aufhebung dieses Gegensatzes
als Aufhebung der einen oder der andern Seite fassen, als Aufhe-
bung des Eigentums, wobei die allgemeine Eigentumslosigkeit oder
Lumperei herauskommt, oder als Aufhebung der Eigentumslosigkeit,
die in der Herstellung des wahren Eigentums besteht. In der Wirk-
lichkeit stehen auf der einen Seite die wirklichen Privateigentü-
mer, auf der andern die
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1*) MEGA: Bourgeoisie - 2*) MEGA: abstrakten
#457# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialism. I. "Rhein. Jahrbücher"
-----
eigentumslosen kommunistischen Proletarier. Dieser Gegensatz wird
täglich schärfer und drängt auf eine Krise hin. Wenn also die
theoretischen Vertreter der Proletarier irgend etwas durch ihre
literarische Tätigkeit ausrichten wollen, so müssen sie vor Allem
darauf dringen, daß alle Phrasen entfernt werden, die das Bewußt-
sein der Schärfe dieses Gegensatzes schwächen, alle Phrasen, die
diesen Gegensatz vertuschen und wohl gar den Bourgeois Gelegen-
heit bieten, sich kraft ihrer philanthropischen Schwärmereien der
Sicherheit halber den Kommunisten zu nähern. Alle diese schlech-
ten Eigenschaften finden wir aber in den Stichwörtern der wahren
Sozialisten, namentlich in dem "wahren Eigentum". Wir wissen sehr
gut, daß die kommunistische Bewegung nicht durch ein paar deut-
sche Phrasenmacher verdorben werden kann. Aber es ist dennoch nö-
tig, in einem Lande wie Deutschland, wo die philosophischen Phra-
sen seit Jahrhunderten eine gewisse Macht hatten und wo die Abwe-
senheit der scharfen Klassengegensätze andrer Nationen ohnehin
dem kommunistischen Bewußtsein weniger Schärfe und Entschieden-
heit gibt, allen Phrasen entgegenzutreten, die das Bewußtsein
über den totalen Gegensatz des Kommunismus gegen die bestehende
Weltordnung noch mehr abschwächen und verwässern könnten.
Diese Theorie vom wahren Eigentum faßt das bisherige w i r k-
l i c h e Privateigentum nur als Schein, dagegen die aus diesem
wirklichen Eigentum abstrahierte Vorstellung als W a h r h e i t
und W i r k l i c h k e i t dieses Scheins, ist also durch und
durch ideologisch. Sie spricht nur klarer und bestimmter die
Vorstellungen der Kleinbürger aus, deren wohltätige Bestrebungen
und fromme Wünsche ebenfalls auf die Aufhebung der Eigentums-
losigkeit hinauslaufen.
Wir haben in diesem Aufsatze wieder gesehen, welche borniert-na-
tionale Anschauungsweise dem vorgeblichen Universalismus und Kos-
mopolitismus der Deutschen zugrunde liegt.
Franzosen und Russen gehört das Land,
Das Meer gehört den Briten,
Wir aber besitzen im Luftreich des Traums
Die Herrschaft unbestritten.
Hier üben wir die Hegemonie,
Hier sind wir unzerstückelt;
Die andern Völker haben sich
Auf platter Erde entwickelt. [174]
Dieses Luftreich des Traums, das Reich des "Wesens des Menschen",
halten die Deutschen den andern Völkern mit gewaltigem Selbstge-
fühl als die Vollendung und den Zweck der ganzen Weltgeschichte
entgegen; auf jedem Felde betrachten sie ihre Träumereien als
schließliches Endurteil über die Taten
#458# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
der andern Nationen, und weil sie überall nur das Zusehen und
Nachsehen haben, glauben sie berufen zu sein, über alle Welt zu
Gericht zu sitzen und die ganze Geschichte in Deutschland ihr
letztes Absehen erreichen zu lassen. Daß dieser aufgeblasene und
überschwengliche Nationalhochmut einer ganz kleinlichen, krämer-
haften und handwerkermäßigen Praxis entspricht, haben wir bereits
mehrere Male gesehen. Wenn die nationale Borniertheit überall wi-
derlich ist, so wird sie namentlich in Deutschland ekelhaft, weil
sie hier mit der Illusion, über die Nationalität und über alle
wirklichen Interessen erhaben zu sein, denjenigen Nationalitäten
entgegengehalten wird, die ihre nationale Borniertheit und ihr
Beruhen auf wirklichen Interessen offen eingestehen. Übrigens
findet sich unter allen Völkern das Beharren auf der Nationalität
nur noch bei den Bourgeois und ihren Schriftstellern.
B) "Socialistische Bausteine" [175]
"Rhein[ische] Jahrb[ücher]" p. 155 seqq.
In diesem Aufsatze wird der Leser zunächst durch einen belletri-
stisch-poetischen Prolog auf die schwereren 1*) Wahrheiten des
wahren Sozialismus vorbereitet. Der Prolog beginnt damit, als
"Endzweck alles Strebens, aller Bewegungen, der schweren und un-
ermüdeten Anstrengungen vergangener Jahrtausende"... "das Glück"
zu konstatieren. Wir erhalten in einigen kurzen Zügen sozusagen
eine Geschichte des Strebens nach Glück:
"Als das Gebäude der alten Welt in Trümmer zerfiel, flüchtete
sich das menschliche Herz mit seinen Wünschen hinüber in das Jen-
seits; dorthin übertrug es sein Glück." p. 156.
Daher alles Pech der irdischen Welt. In der neuesten Zeit hat der
Mensch dem Jenseits den Abschied gegeben, und unser wahrer Sozia-
list fragt nun:
"Vermag er die Erde wiederum als das L a n d seines Glücks zu
begrüßen? Hat er in ihr wieder seine ursprüngliche Heimat
e r k a n n t? Warum trennt er dann noch länger Leben und Glück,
warum hebt er die letzte Scheidewand nicht auf, welche das irdi-
sche Leben selbst noch immer in zwei feindliche Hälften spaltet?"
(ibidem.)
"Land meiner seligsten Gefühle!" etc.
Er erläßt nun eine Einladung zu einem Spaziergange an "d e n
Menschen", eine Einladung, die "d e r Mensch" mit Vergnügen ak-
zeptiert. "Der Mensch" tritt in die "freie Natur" und entwickelt
unter Anderm folgende Herzensergießungen eines wahren Soziali-
sten:
-----
1*) MEGA: schweren
#459# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialism. I. "Rhein. Jahrbücher"
-----
".!. bunte Blumen ... hohe und stolze Eichen ... ihr Wachsen und
Blühen, ihr Leben ist ihre Befriedigung, ihr Glück ... eine uner-
meßliche Schar von kleinen Tieren auf den Wiesen ... Waldvögel...
mutige Schar junger Rosse ... ich sehe" (spricht "der Mensch"),
"daß diese Tiere kein anderes Glück kennen noch begehren als das-
jenige, welches für sie in der Äußerung und im Genüsse ihres Le-
bens liegt. Wenn die Nacht herabsinkt, begegnet dem Blick meines
Auges eine unzählbare Schar von Welten, welche nach ewigen Geset-
zen im unendlichen Raum kreisend sich umschwingen. In diesen
Schwingungen sehe ich eine Einheit von Leben, Bewegung und
Glück." p. 157.
"Der Mensch" konnte noch eine Masse andrer Dinge in der Natur se-
hen, z.B. die größte Konkurrenz unter Pflanzen und Tieren, wie
z.B. im Pflanzenreich, in seinem "Walde von hohen und stolzen Ei-
chen" diese hohen und stolzen Kapitalisten dem kleinen Gebüsch
die Lebensmittel verkümmern und dies ebenfalls ausrufen könnte:
terra, aqua, aere et igni interdicti sumus 1*); er konnte die
Schmarotzerpflanzen, die Ideologen der Vegetation, sehen, ferner
einen offenen Krieg zwischen den "Waldvögeln" und der "unermeß-
lichen Schar kiemer Tiere", zwischen dem Grase seiner "Wiesen"
und der "mutigen Schar junger Rosse". Er konnte in der "unzähl-
baren Schar von Welten" eine ganze himmlische Feudalmonarchie mit
Hintersassen und Inliegern sehen, von welchen letzteren einige,
z.B. der Mond, eine sehr kümmerliche Existenz fristen, aere et
aqua interdicti; ein Lehnswesen, in dem sogar die heimatlosen
Vagabunden, die Kometen, eine ständische Gliederung erhalten
haben, und in dem z.B. die zerschlagenen Asteroiden von zeit-
weiligen unangenehmen Auftritten zeugen, während die Meteor-
steine, diese gefallnen Engel, sich verschämt durch "den unendli-
chen Raum" schleichen, bis sie irgendwo ein bescheidnes Unterkom-
men finden. Weiter hinaus würde er dann auf die reaktionären Fix-
sterne kommen.
"Alle diese Wesen finden in der Übung und Äußerung aller ihrer
Lebensfähigkeiten, mit denen sie von der Natur begabt sind,
zugleich ihr Glück, die Befriedigung und den Genuß ihres Lebens."
D.h., in der gegenseitigen Einwirkung der Naturkörper aufeinan-
der, in der Äußerung ihrer Kräfte findet "der Mensch", daß diese
Naturkörper dann ihr Glück usw. finden.
"Der Mensch" erhält nunmehr von unsrem wahren Sozialisten einen
Verweis wegen seiner Zwietracht:
"Ist der Mensch nicht gleichfalls hervorgegangen aus der Urwelt,
ein Geschöpf der Natur wie alle andern? Ist er nicht aus
d e n s e l b e n Stoffen gebildet, mit d e n s e l b e n all-
gemeinen
-----
1*) von Erde, Wasser, Luft und Feuer sind wir ausgeschlossen wor-
den
#460# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
Kräften und Eigenschaften begabt, welche a l l e D i n g e be-
leben? Warum sucht er sein Glück auf der Erde noch immer in einem
irdischen Jenseits?" p. 158.
"D i e s e l b e n allgemeinen Kräfte und Eigenschaften", die
der Mensch mit "a l l e n Dingen" gemein hat, sind Kohäsion,
Undurchdringlichkeit, Volumen, Schwere usw., die man auf der er-
sten Seite jedes Lehrbuchs der Physik ausführlich verzeichnet
findet. Wie hieraus ein Grund gezogen werden kann, warum der
Mensch nicht "sein Glück in einem irdischen Jenseits suchen"
sollte, ist schlechterdings nicht abzusehen. Aber, ermahnt er den
Menschen:
"Sehet die Lilien auf dem Felde."
Ja, sehet die Lilien auf dem Felde, wie sie von den Ziegen ver-
speist, von "dem Menschen" ins Knopfloch verpflanzt werden, wie
sie unter den unkeuschen Liebkosungen der Viehmagd und des Esels-
treibers zusammenknicken!
"Sehet die Lilien auf dem Felde, sie a r b e i t e n nicht, sie
s p i n n e n nicht, und euer himmlischer Vater ernähret sie
doch."
Gehet hin und tut desgleichen!
Nachdem wir so die Einheit "des Menschen" mit "allen Dingen" er-
fahren haben, erfahren wir nun seinen U n t e r s c h i e d von
"allen Dingen".
"Aber der Mensch e r n e n n t s i c h, besitzt d a s B e-
w u ß t s e i n s e i n e r s e l b s t. Während in den andern
Wesen die Triebe und Kräfte d e r N a t u r einzeln und unbe-
wußt zur Erscheinung kommen, vereinigen sie sich im Menschen und
gelangen in ihm zum Bewußtsein ... seine Natur ist der Spiegel
der ganzen Natur, welche s i c h i n ihm e r k e n n t.
Wohlan! Erkennt sich die Natur in mir, so erkenne ich in der Na-
tur mich selbst, in ihrem Leben mein eignes Leben [...] So leben
auch wir aus, was die Natur in uns hineingelegt hat." p. 158.
Dieser ganze Prolog ist ein Muster naiver philosophischer Mysti-
fikation. Der wahre Sozialist geht von dem Gedanken aus, daß der
Zwiespalt von Leben und Glück aufhören müsse. Um für diesen Satz
einen Beweis zu finden, nimmt er die Natur zu Hülfe und unter-
stellt, daß in ihr dieser Zwiespalt nicht existiere, und hieraus
schließt er, daß, da der Mensch ebenfalls ein Naturkörper sei und
die allgemeinen Eigenschaften des Körpers besitze, für ihn dieser
Zwiespalt ebenfalls nicht existieren dürfe. Mit viel größerem
Rechte konnte Hobbes sein bellum omnium contra omnes 1*) aus der
Natur beweisen und Hegel, auf dessen Konstruktion unser wahrer
Sozialist fußt, in der Natur den Zwiespalt, die liederliche Peri-
ode der absoluten Idee erblicken und das Tier sogar die konkrete
Angst Gottes nennen. Nachdem unser
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1*) [seinen] Krieg aller gegen alle
#461# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialism. I. "Rhein. Jahrbücher"
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wahrer Sozialist die Natur so mystifiziert hat, mystifiziert er
das menschliche Bewußtsein, indem er es zum "Spiegel" der so my-
stifizierten Natur macht. Natürlich, sobald die Äußerung des Be-
wußtseins den Gedankenausdruck eines frommen Wunsches über men-
schliche Verhältnisse der N a t u r untergeschoben, versteht es
sich von selbst, daß das Bewußtsein nur der Spiegel ist, in dem
die Natur sich selbst beschaut. Wie oben aus der Qualität des
Menschen als bloßer Naturkörper, so hier aus seiner Qualität als
bloßer passiver Spiegel, m dem die Natur zum Bewußtsein kommt,
wird bewiesen, daß "der Mensch" den in der Natur als nicht exi-
stierend unterstellten Zwiespalt ebenfalls in seiner Sphäre auf-
zuheben habe. Doch sehen wir uns den letzten Satz, in dem sich
der ganze Unsinn zusammenfaßt, näher an.
Der Mensch besitzt Selbstbewußtsein, erstes Faktum, was ausgesagt
wird. Die Triebe und Kräfte der einzelnen Naturwesen werden ver-
wandelt in die Triebe und Kräfte "d e r Natur", die dann natür-
lich i n diesen einzelnen Wesen v e r e i n z e l t "zur Er-
scheinung kommen". Diese Mystifikation war nötig, um nachher die
Vereinigung dieser Triebe und Kräfte "d e r Natur" im menschli-
chen Selbstbewußtsein hervorzubringen. Hiermit wird dann auch
ganz selbstredend das Selbstbewußtsein des Menschen verwandelt in
das Selbstbewußtsein der Natur in ihm. Diese Mystifikation wird
dadurch scheinbar wieder aufgelöst, daß der Mensch an der Natur
Revanche nimmt und dafür, daß die Natur in ihm i h r Selbstbe-
wußtsein findet, er nun in ihr das seinige sucht - eine Prozedur,
wobei er natürlich nichts in ihr findet, als was er durch die
oben beschriebne Mystifikation in sie hineingelegt hat.
Er ist jetzt glücklich wieder dabei angekommen, wovon er im An-
fange ausging, und dies Herumdrehen auf dem Absatz nennt man neu-
erdings in Deutschland ... E n t w i c k l u n g.
Nach diesem Prologe kommt die eigentliche Entwicklung des wahren
Sozialismus.
Erster Baustein
p. 160. "Saint-Simon sagte auf seinem Totenbett zu seinen Schü-
lern: Mein ganzes Leben faßt sich in Einen Gedanken zusammen: al-
len Menschen die freieste Enwicklung ihrer natürlichen Anlagen zu
sichern. Saint-Simon war ein Verkündiger des Sozialismus."
Dieser Satz wird nach der oben geschilderten Methode der wahren
Sozialisten und in Verbindung 1*) mit der Naturmystifikation des
Prologs verarbeitet.
-----
1*) MEGA: Methode der wahren Sozialisten in Verbindung
#462# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
"Die Natur als Grundlage alles Lebens ist eine aus sich selbst
hervorgehende und auf sich selbst zurückgehende Einheit, welche
alle die unzähligen Mannigfaltigkeiten ihrer Erscheinungen umfaßt
und außer welcher Nichts ist." p. 158.
Wir haben gesehen, wie man es anfängt, die verschiedenen Natur-
körper und ihre gegenseitigen Verhältnisse in mannigfaltige
"Erscheinungen" des geheimen Wesens dieser mysteriösen "Einheit"
zu verwandeln. Neu ist in diesem Satze nur, daß die Natur einmal
"die G r u n d l a g e alles Lebens" heißt und gleich darauf
gesagt wird, daß "außer ihr Nichts ist", wonach sie "das Leben"
ebenfalls umschließt und nicht seine bloße G r u n d l a g e
sein kann.
Auf diese Donnerworte folgt das Pivot 1*) des ganzen Aufsatzes:
"Jede dieser Erscheinungen, jedes E i n z e l l e b e n besteht
und entwickelt sich nur durch seinen G e g e n s a t z, seinen
K a m p f mit der Außenwelt, beruht nur auf seiner W e c h-
s e l w i r k u n g mit dem G e s a m t l e b e n, mit dem es
wiederum durch seine Natur zu einem Ganzen, z u r o r g a-
n i s c h e n E i n h e i t d e s U n i v e r s u m s ver-
knüpft ist." p. 158, 159.
Dieser Pivotalsatz wird folgendermaßen näher erläutert:
"Das Einzelleben findet einerseits seine Grundlage, seine Quelle
und Nahrung in dem Gesamtleben, andererseits sucht das Gesamtle-
ben das Einzelleben in stetem Kampf zu verzehren und in sich auf-
zulösen." p. 159.
Nachdem dieser Satz so von a l l e m Einzelleben ausgesagt ist,
kann er "demnach" auch auf den Menschen angewandt werden, wie
dies auch wirklich geschieht:
"Der Mensch kann sich d e m n a c h nur in und durch das Ge-
samtleben entfalten." (Nr. I) ibid.
Nun wird dem unbewußten Einzelleben das bewußte, dem allgemeinen
Naturleben die menschliche Gesellschaft gegenübergestellt und
dann der letztzitierte Satz unter folgender Form wiederholt:
"Ich kann meiner Natur nach nur in und durch die Gemeinschaft mit
andern Menschen zur Entwicklung, zum selbstbewußten Genüsse mei-
nes Lebens gelangen, meines Glückes teilhaftig werden." (Nr. II)
ibid.
Diese Entwicklung des einzelnen Menschen in der Gesellschaft
wird, wie oben beim "Einzelleben" überhaupt, weiter ausgeführt:
"Der Gegensatz des einzelnen zum allgemeinen Leben wird auch in
der Gesellschaft die Bedingung zur bewußten menschlichen Entwick-
lung. Ich entwickle mich im steten Kampfe, in steter Gegenwirkung
gegen die Gesellschaft, die mir als beschränkende Macht gegen-
übersteht, zur Selbstbestimmung, zur Freiheit, ohne welche
-----
1*) der Angelpunkt
#463# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialism. I. "Rhein. Jahrbücher"
-----
kein Glück ist. Mein Leben ist eine fortwährende Befreiung, ein
fortwährender Streit und Sieg über die bewußte und unbewußte Au-
ßenwelt, um sie mir zu unterwerfen und sie zum Genüsse meines Le-
bens zu verbrauchen. Der Trieb der Selbsterhaltung, das Streben
nach eignem Glück, Freiheit, Befriedigung sind a l s o natürli-
che, d.h. vernünftige Lebensäußerungen." (ibid.)
Weiter.
" Ich verlange d e m n a c h von der Gesellschaft, daß sie mir
die M ö g l i c h k e i t gewährt, von ihr meine Befriedigung,
mein Glück zu erkämpfen, daß sie meiner Kampfeslust ein Schlacht-
feld eröffne. - Wie die einzelne Pflanze Boden, Wärme, Sonne,
Luft und Regen verlangt, um zu wachsen, ihre Blätter, Blüten und
Früchte zu tragen, so w i l l auch der Mensch in der Gesell-
schaft die B e d i n g u n g e n für die allseitige Ausbildung
und Befriedigung aller seiner Bedürfnisse, Neigungen und Anlagen
finden. Sie s o l l ihm die Möglichkeit zur Erringung seines
Glücks bieten. Wie er sie benutzen, was er aus sich, aus seinem
Leben machen wird, das hängt von ihm, von seiner Eigenheit ab.
Über mein Glück kann Niemand als ich selbst bestimmen." p. 159,
160.
Folgt nun der von uns am Anfange dieses Bausteins zitierte Satz
Saint-Simons als Schlußresultat der ganzen Auseinandersetzung.
Der französische Einfall ist somit durch die deutsche Wissen-
schaft begründet. Worin besteht diese Begründung?
Der Natur waren bereits oben einige Ideen untergeschoben, die der
wahre Sozialist in der menschlichen Gesellschaft realisiert zu
sehen wünscht. Wie früher der einzelne Mensch, so ist jetzt die
ganze Gesellschaft der Spiegel der Natur. Von den der Natur un-
tergeschobenen Vorstellungen kann jetzt ein weiterer Schluß auf
die menschliche Gesellschaft gezogen werden. Da der Verfasser
sich nicht auf die historische Entwicklung der Gesellschaft ein-
läßt und sich bei dieser dürren Analogie beruhigt, so ist nicht
abzusehen, weshalb sie nicht zu allen Zeiten ein getreues Abbild
der Natur gewesen. Die Phrasen über die Gesellschaft, die den
Einzelnen als beschränkende Macht gegenübertritt usw., passen da-
her auch auf alle Gesellschaftsformen. Daß bei dieser Konstruk-
tion der Gesellschaft einige Inkonsequenzen sich einschleichen,
ist natürlich. So muß hier im Gegensatz zur Harmonie des Prologs
ein K a m p f in der Natur anerkannt werden. Die Gesellschaft,
das "Gesamtleben", faßt unser Verfasser nicht als die Wechselwir-
kung der sie zusammensetzenden "Einzelleben", sondern als eine
besondre Existenz, die mit diesen "Einzelleben" noch in eine
aparte Wechselwirkung tritt. Wenn hier irgendeine Beziehung auf
wirkliche Verhältnisse zugrunde liegt, so ist es die Illusion von
der Selbständigkeit des Staates gegenüber dem Privatleben und der
Glaube an diese scheinbare Selbständigkeit als an etwas Absolu-
tes. Übrigens handelt es sich hier ebensowenig wie im ganzen Auf-
satze von Natur und Gesellschaft,
#464# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
sondern bloß von den beiden Kategorien Einzelnheit und Allgemein-
heit, denen verschiedene Namen gegeben werden und von welchen ge-
sagt wird, daß sie einen Gegensatz bilden, dessen Versöhnung
höchst wünschenswert sei.
Aus der Berechtigung des "Einzellebens" gegen das "Gesamtleben"
folgt, daß die Befriedigung der Bedürfnisse, die Entwicklung der
Anlagen, die Selbstliebe pp. "natürliche, vernünftige Lebensäuße-
rungen" sind. Aus der Auffassung der Gesellschaft als Spiegelbild
der Natur folgt, daß in allen bisherigen Gesellschaftsformen, die
gegenwärtige eingeschlossen, diese Lebensäußerungen zu ihrer
vollständigen Entwicklung kamen und in ihrer Berechtigung aner-
kannt wurden.
Plötzlich erfahren wir p. 159, daß "in unsrer heutigen Gesell-
schaft" diese vernünftigen, natürlichen Lebensäußerungen dennoch
"so oft unterdrückt werden" und "gewöhnlich nur deshalb in Unna-
tur, Verbildung, Egoismus, Laster pp. ausarten".
Da also dennoch die Gesellschaft nicht der Natur, ihrem Urbilde,
entspricht, so "verlangt" der wahre Sozialist von ihr, daß sie
sich naturgemäß einrichte, und beweist sein Recht zu diesem Po-
stulat durch das unglückliche Beispiel von der Pflanze. Erstens
"verlangt" nicht die Pflanze von der Natur alle die oben aufge-
zählten Existenzbedingungen, sondern sie wird gar nicht Pflanze,
sie bleibt Samenkorn, wenn sie sie nicht findet. Dann hängt die
Beschaffenheit der "Blätter, Blüten und Früchte" sehr von dem
"Boden", der "Wärme" pp., von den klimatischen und geologischen
Verhältnissen ab, unter denen sie wächst. Während also das der
Pflanze untergeschobene "Verlangen" sich in eine vollständige Ab-
hängigkeit von den vorliegenden Existenzbedingungen auflöst, soll
ebendies Verlangen unsren wahren Sozialisten berechtigen, eine
Einrichtung der Gesellschaft nach seiner individuellen
"Eigenheit" zu verlangen. Das Postulat der wahren sozialistischen
Gesellschaft begründet sich auf das eingebildete Postulat einer
Kokospalme an "das Gesamtleben", ihr am Nordpol "Boden, Wärme,
Sonne, Luft und Regen" zu verschaffen.
Aus dem angeblichen Verhältnis der metaphysischen Personen Ein-
zelnheit und Allgemeinheit, nicht aus der wirklichen Entwicklung
der Gesellschaft, wird das obige Postulat des Einzelnen an die
Gesellschaft deduziert. Hierzu braucht man nur die einzelnen In-
dividuen als Repräsentanten, Verkörperungen der Einzelnheit, und
die Gesellschaft als Verkörperung der Allgemeinheit zu interpre-
tieren, und das ganze Kunststück ist fertig. Zugleich ist hier-
durch der saint-simonistische Satz von der freien Entwicklung der
Anlagen auf seinen richtigen Ausdruck und seine wahre Begründung
zurückgeführt.
#465# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialism. I. "Rhein. Jahrbücher"
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Dieser richtige Ausdruck besteht in dem Unsinn, daß die Indivi-
duen, die die Gesellschaft bilden, ihre "Eigenheit" bewahren, daß
sie bleiben wollen, wie sie sind, während sie von der Gesell-
schaft eine Veränderung verlangen, die bloß aus ihrer e i g-
n e n Veränderung hervorgehen kann.
Zweiter Baustein
"Und wer das Lied nicht weiter kann,
Der fang' es wieder von vornen an." [176]
"Die unendliche Mannigfaltigkeit aller Einzel-
Wesen als Einheit zusammengefaßt ist der Weltorganismus".(p.
160.)
Also zurück an den Anfang des Aufsatzes sind wir geschleudert und
erleben die ganze Komödie vom Einzelleben und Gesamtleben zum an-
dern Mal. Wiederum enthüllt sich uns das tiefe Geheimnis der
Wechselwirkung zwischen den beiden Leben, restauré a neuf 1*)
durch den neuen Ausdruck "p o l a r e s V e r h ä l t n i s"
und die Verwandlung des Einzellebens in ein bloßes S y m b o l,
"A b b i l d" des Gesamtlebens. Dieser Aufsatz reflektiert sich
kaleidoskopisch in sich selbst, eine Manier der Entwicklung, die
allen wahren Sozialisten gemeinsam ist. Sie machen es mit ihren
Sätzen wie jenes Kirschenweib, das unter dem Einkaufspreise los-
schlug nach dem richtigen ökonomischen Prinzip: Die M a s s e
muß es tun. Bei dem wahren Sozialismus ist dies um so notwendi-
ger, als seine Kirschen faul waren, ehe sie reiften.
Einige Proben dieser Selbstspiegelung:
Baustein Nr. I p. 158, 159.
"J e d e s E i n z e l l e b e n b e s t e h t a n d e n t-
w i c k e l t s i c h n u r d u r c h s e i n e n G e g e n-
s a t z ... beruht nur auf der W e c h s e l w i r k u n g mit
dem G e s a m t l e b e n,
Mit dem es wieder durch seine Natur zu einem G a n z e n ver-
knüpft ist.
Organische Einheit des Universums.
Das Einzelleben findet einerseits seine G r u n d l a g e,
Quelle und N a h r u n g in dem Gesamtleben,
Baustein Nr. II. p. 160, 161.
"J e d e s E i n z e l l e b e n b e s t e h t u n d e n t-
w i c k e l t s i c h i n u n d d u r c h d a s G e-
s a m t l e b e n, das Gesamtleben nur in und durch das Einzel-
leben." (Wechselwirkung.)
"Das Einzelleben entwickelt sich ... als T e i l des allgemei-
nen Lebens.
Einheit zusammengefaßt ist der Weltorganismus.
Das" (das Gesamtleben) "der B o d e n und N a h r u n g sei-
ner" (des Einzellebens) "Entfaltung wird ... daß sich beide ge-
genseitig b e g r ü n d e n ...
-----
1*) auf neu hergerichtet
#466# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
Andrerseits sucht das Gesamtleben das Einzelleben in stetem
K a m p f e zu verzehren.
D e m n a c h (p. 159):
Was dem unbewußten Einzelleben das unbewußte, allgemeine Weltle-
ben, das ist dem b e w u ß t e n ... Leben die menschliche Ge-
sellschaft.
I c h kann nur i n u n d d u r c h d i e G e m e i n-
s c h a f t mit andern Menschen zur E n t w i c k l u n g
gelangen ... Der Gegensatz des e i n z e l n e n und a l l-
g e m e i n e n L e b e n s wird auch in der Gesellschaft" usw.
"Die Natur ... ist eine ... E i n h e i t, welche alle die un-
zähligen M a n n i g f a l t i g k e i t e n ihrer Erscheinun-
gen u m f a ß t."
Daß sich beide b e k ä m p f e n und feindlich gegenüberstehen.
D a r a u s f o l g t (p. 161):
Daß auch das b e w u ß t e E i n z e l l e b e n durch das be-
wußte Gesamtleben und" ... (umgekehrt) ... "bedingt ist.
D e r e i n z e l n e M e n s c h e n t w i c k e l t s i c h
n u r i n u n d d u r c h d i e G e s e l l s c h a f t,
die Gesellschaft" vice versa 1*) usw.
"Die Gesellschaft ist die E i n h e i t, welche die M a n-
n i g f a l t i g k e i t der einzelnen menschlichen Lebens-
entwicklungen in sich begreift und z u s a m m e n f a ß t."
Mit dieser Kaleidoskopie nicht zufrieden, wiederholt unser Ver-
fasser seine einfachen Sätze über Einzelnheit und Allgemeinheit
auch noch auf andre Weise. Zuerst stellt er diese paar dürren 2*)
Abstraktionen als absolute Prinzipien auf und schließt daraus,
daß in der Wirklichkeit dasselbe Verhältnis wiederkehren müsse.
Dies gibt schon Gelegenheit, unter dem Schein der Deduktion alles
zweimal zu sagen, in abstrakter und als Schluß daraus in schein-
bar konkreter Form. Dann aber wechselt er mit den konkreten
N a m e n, die er seinen beiden Kategorien gibt. Die Allgemein-
heit tritt so nach der Reihe als Natur, unbewußtes Gesamtleben,
bewußtes ditto, allgemeines Leben, Weltorganismus, zusammenfas-
sende Einheit, menschliche Gesellschaft, Gemeinschaft, organische
Einheit des Universums, allgemeines Glück, Gesamtwohl pp., und
die Einzelnheit unter den entsprechenden Namen unbewußtes und be-
wußtes Einzelleben, Glück des Einzelnen, eignes Wohl pp. auf. Bei
jedem dieser Namen müssen wir dieselben Phrasen wieder anhören,
die über Einzelnheit und Allgemeinheit schon oft genug gesagt
sind.
Der zweite Baustein enthält also nichts, als was der erste schon
enthielt. Da sich aber bei den französischen Sozialisten die
Worte égalité, solidarité, unité des intérêts 3*) vorfinden, so
sucht unser Verfasser sie durch Verdeutschung zu "Bausteinen" des
wahren Sozialismus zuzuhauen.
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1*) umgekehrt - 2*) MEGA: diese ganz dürren - 3*) Gleichheit, So-
lidarität, Einheit der Interessen ...
#467# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialism. I. "Rhein. Jahrbücher"
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"Als bewußtes Mitglied der Gesellschaft erkenne ich jedes andre
Mitglied als ein von mir verschiedenes, mir gegenüberstehendes,
zugleich aber wieder als ein auf dem gemeinschaftlichen Urgründe
des Seins ruhendes und von ihm ausgehendes, mir gleiches Wesen.
Ich erkenne jeden Mitmenschen durch seine besondre Natur als mir
entgegengesetzt und durch seine allgemeine Natur als mir gleich.
Die Anerkennung der menschlichen Gleichheit, der Berechtigung ei-
nes Jeden zum Leben, beruht d e m n a c h auf dem Bewußtsein
der gemeinschaftlichen, allen gemeinsamen menschlichen Natur;
Liebe, Freundschaft, Gerechtigkeit und alle gesellschaftlichen
Tugenden beruhen gleichfalls auf dem Gefühle der natürlichen men-
schlichen Zusammengehörigkeit und Einheit. Hat man sie bisher als
Pflichten bezeichnet und auferlegt, so werden sie in einer Ge-
sellschaft, welche nicht auf äußern Zwang, sondern auf das
B e w u ß t s e i n der inneren menschlichen Natur, d.h. die
Vernunft, gegründet ist, zu freien, naturgemäßen Äußerungen des
Lebens werden. In. der natur-, d.h. vernunftgemäßen Gesellschaft
müssen d a h e r die Bedingungen des Lebens für alle Mitglieder
gleich, d.h. allgemein sein." p. 161, 162.
Der Verfasser besitzt ein großes Talent, zuerst einen Satz asser-
torisch aufzustellen und ihn dann durch ein D a h e r,
D e n n o c h pp. als Konsequenz aus sich selbst zu legitimie-
ren. Ebenso versteht er es, mitten in diese merkwürdige Art der
Deduktion traditionell gewordene sozialistische Sätze durch ein
"Hat", "Ist" - "so müssen", "so wird" usw. erzählend einzuschmug-
geln.
In dem ersten Baustein hatten wir auf der einen Seite den Einzel-
nen und auf der andern das Allgemeine, gegenüber den Einzelnen,
als Gesellschaft. Hier kehrt der Gegensatz in der Form wieder,
daß der Einzelne in sich selbst in eine besondre und eine allge-
meine Natur gespalten wird. Aus der a l l g e m e i n e n Natur
wird dann auf die "menschliche Gleichheit" und die Gemeinschaft-
lichkeit geschlossen. Die den Menschen gemeinschaftlichen Ver-
hältnisse erscheinen hier also als Produkt des "Wesens des Men-
schen", der N a t u r, während sie ebensogut wie das Bewußtsein
der Gleichheit historische Produkte sind. Damit noch nicht zu-
frieden, begründet der Verfasser die Gleichheit durch ihr aller-
seitiges Beruhen "auf dem gemeinschaftlichen Urgründe des Seins".
Im Prolog erfuhren wir p. 158, daß der Mensch "aus denselben
Stoffen gebildet, mit denselben allgemeinen Kräften und Eigen-
schaften begabt ist, welche alle Dinge beleben". Im ersten Bau-
stein erfuhren wir, daß die Natur die "Grundlage alles Lebens"
ist, also "der gemeinschaftliche Urgrund des Seins". Der Verfas-
ser ist also weit über die Franzosen hinausgegangen, indem er
"als bewußtes Mitglied der Gesellschaft" nicht nur die Gleichheit
der Menschen unter sich, sondern auch ihre Gleichheit mit jedem
Floh, jedem Strohwisch, jedem Stein bewiesen hat.
Wir wollen gerne glauben, daß "alle gesellschaftlichen Tugenden"
unsres wahren Sozialisten "auf dem Gefühl der natürlichen men-
schlichen Zusammengehörigkeit
#468# Karl Marx und Friedrich Engels
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und Einheit" beruhen, obwohl auf dieser "natürlichen Zusammenge-
hörigkeit" auch die Feudalhörigkeit, die Sklaverei und alle ge-
sellschaftlichen Ungleichheiten aller Epochen beruhen. Nebenbei
bemerkt, ist diese "natürliche menschliche Zusammengehörigkeit"
ein täglich von den Menschen umgestaltetes historisches Produkt,
das immer sehr natürlich war, so unmenschlich und widernatürlich
es nicht nur vor dem Richterstuhl "d e s Menschen", sondern
auch einer nachfolgenden revolutionären Generation erscheinen
mag.
Zufällig erfahren wir noch, daß die jetzige Gesellschaft "auf äu-
ßerm Zwang" beruht. Nicht die beschränkenden materiellen Lebens-
bedingungen gegebner Individuen stellen sich die wahren Soziali-
sten unter "äußerm Zwang" vor, sondern nur den S t a a t s-
z w a n g, Bajonette, Polizei, Kanonen, welche, weit entfernt,
die Grundlage der Gesellschaft zu sein, nur eine Konsequenz ihrer
eignen Gliederung sind. Es ist dies bereits in der "Heiligen
Familie" und jetzt wieder im ersten Bande dieser Publikation
auseinandergesetzt.
Gegenüber der jetzigen, "auf äußerm Zwang beruhenden" Gesell-
schaft stellt der Sozialist das Ideal der wahren Gesellschaft
auf, die auf dem "Bewußtsein der innern menschlichen Natur, d. h.
der Vernunft" beruht. Also auf dem Bewußtsein des Bewußtseins,
dem Denken des Denkens. Der wahre Sozialist unterscheidet sich
nicht einmal im Ausdruck mehr von den Philosophen. Er vergißt,
daß sowohl die "innere Natur" der Menschen wie ihr "Bewußtsein"
darüber, "d. h." ihre "Vernunft", zu allen Zeiten ein histori-
sches Produkt war, und daß, selbst wenn ihre Gesellschaft, wie er
meint, "auf äußerm Zwang" beruhte, ihre "innere Natur" diesem
"äußern Zwang" entsprach.
Folgen p. 163 die Einzelnheit und Allgemeinheit mit gewohntem Ge-
folge in der Gestalt des einzelnen Wohls und des Gesamtwohls.
Ähnliche Erklärungen über das Verhältnis beider findet man in je-
dem Handbuch der Nationalökonomie bei Gelegenheit der Konkurrenz,
und u.a. auch, nur besser ausgedrückt, bei Hegel.
Z.B. "Rhein[ische], Jahrb[bücher]", p. 163:
"Indem ich das Gesamtwohl fördere, fördere ich mein eignes Wohl,
und indem ich mein eignes Wohl fördere, das Gesamtwohl."
Hegels "Rechtsphilosophie", p. 248 (1833):
"Meinen Zweck befördernd, fördere ich das Allgemeine, und dieses
befördert wiederum meinen Zweck."
#469# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialism. I. "Rhein. Jahrbücher"
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Vgl. auch "Rechtsphil[osophie]", p. 323 seqq. über das Verhältnis
des Staatsbürgers zum Staat.
Als letztes Ergebnis erscheint daher die bewußte Einheit des Ein-
zellebens mit dem Gesamtleben, die Harmonie." (p. 163, "Rh[ei-
nische] J[ahrbücher]".)
"Als letztes Ergebnis" nämlich daraus, daß
"dieses polare Verhältnis zwischen dem einzelnen und allgemeinen
Leben dann besteht, daß sich einmal Beide bekämpfen und feindlich
gegenüberstehen, das andre Mal, daß sich Beide gegenseitig bedin-
gen und begründen."
"Als letztes Ergebnis" folgt hieraus höchstens die Harmonie der
Disharmonie mit der Harmonie, und aus der ganzen abermaligen Re-
petition der bekannten Phrasen folgt nur der Glaube des Verfas-
sers, daß sein vergebliches Abquälen mit den Kategorien der Ein-
zelnheit und Allgemeinheit die wahre Form sei, in der die gesell-
schaftlichen Fragen zu lösen seien.
Der Verfasser schließt mit folgendem Tusch:
"Die organische Gesellschaft hat zur Grundlage die allgemeine
Gleichheit und entwickelt sich durch die Gegensätze der Einzelnen
gegen das Allgemeine zum freien Einklänge, zur Einheit des ein-
zelnen mit dem allgemeinen Glücke, zur sozialen" (!) "gesell-
schaftlichen" (!!) "Harmonie, dem Spiegelbilde der universellen
Harmonie." p. 164.
Nur die Bescheidenheit kann diesen Satz einen "Baustein" nennen.
Er ist ein ganzer Urfels des wahren Sozialismus.
Dritter Baustein
"Auf dem polaren Gegensatz, der Wechselwirkung meines besondern
Lebens mit dem allgemeinen Naturleben, beruht der Kampf des Men-
schen mit der Natur. Wenn dieser Kampf als bewußte Tätigkeit er-
scheint, heißt er A r b e i t." p. 164.
Sollte nicht umgekehrt die Vorstellung von dem "polaren Gegen-
satz" auf der Beobachtung eines Kampfes der Menschen mit der Na-
tur beruhen? Erst wird eine Abstraktion aus einem Faktum gezogen;
dann erklärt, daß dies Faktum auf dieser Abstraktion beruhe.
Wohlfeilste Methode, deutsch-tief 1*) und spekulativ zu erschei-
nen.
Z.B.: F a k t u m: Die Katze frißt die Maus.
R e f l e x i o n: Katze - Natur, Maus - Natur, Verzehren der
Maus durch die Katze = Verzehren der Natur durch die Natur =
Selbstverzehren der Natur.
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1*) MEGA: deutsch, tief
#470# Karl Marx und Friedrich Engels
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P h i l o s o p h i s c h e D a r s t e l l u n g d e s
F a k t u m s: Auf dem Selbstverzehren der Natur beruht das Ge-
fressenwerden der Maus von der Katze.
Nachdem also auf diese Weise der Kampf des Menschen mit der Natur
mystifiziert ist, wird die bewußte Tätigkeit des Menschen in Be-
ziehung auf die Natur mystifiziert, indem sie als E r-
s c h e i n u n g dieser bloßen Abstraktion wirklicher Kämpfe
gefaßt wird. Schließlich wird dann das profane Wort A r b e i t
als Resultat dieser Mystifikation hereingeschmuggelt, ein Wort,
das unser wahrer Sozialist von Anfang an auf der Zunge hatte,
aber erst nach gehöriger Legitimierung auszusprechen wagte. Die
Arbeit wird aus der bloßen, abstrakten Vorstellung d e s Men-
schen und der Natur konstruiert und daher auch auf eine Weise
bestimmt, die auf alle Entwicklungsstufen der Arbeit gleich gut
paßt und nicht paßt.
"Die Arbeit ist d e m n a c h jede bewußte Tätigkeit des Men-
schen, wodurch er die Natur seiner Herrschaft in geistiger und
materieller Beziehung zu unterwerfen strebt, um sie zum bewußten
Genuß seines Lebens zu bringen, sie zu seiner geistigen oder kör-
perlichen Befriedigung zu verwenden." (ibid.)
Wir machen bloß auf die glänzende Schlußfolgerung aufmerksam:
"Wenn dieser Kampf als bewußte Tätigkeit erscheint, heißt er Ar-
beit - die Arbeit ist d e m n a c h jede bewußte Tätigkeit des
Menschen" usw.
Diese tiefe Einsicht verdanken wir dem "polaren Gegensatz".
Man rufe sich den obigen saint-simonistischen Satz von dem libre
développement de toutes les facultés 1*) ins Gedächtnis zurück.
Man erinnere sich zu gleicher Zeit, daß Fourier an die Stelle des
heutigen travail répugnant 2*) den travail attrayant 3*) gesetzt
sehen wollte. Dem "polaren Gegensatz" verdanken wir folgende phi-
losophische Begründung und Explikation dieser Sätze:
"Da a b e r" (dies Aber soll andeuten, daß hier kein Zusammen-
hang stattfindet) "das L e b e n in jeder E n t f a l t u n g,
Übung und Äußerung seiner Kräfte und Fähigkeiten zu seinem
Genüsse, zu seiner Befriedigung kommen s o l l, s o e r-
g i b t s i c h, daß die Arbeit selbst eine Entfaltung und
Entwicklung menschlicher Anlagen sein und Genuß, Befriedigung und
Glück gewähren s o l l. Die Arbeit selbst m u ß m i t h i n
zu einer f r e i e n Äußerung des Lebens und d a d u r c h
zum Genuß werden," (ibid.)
Hier wird gezeigt, was in der Vorrede der "Rh[einischen] Jahr-
b[ücher]" versprochen ist, nämlich "inwiefern die deutsche
Gesellschaftswissenschaft in ihrer bisherigen Ausbildung sich von
der französischen und englischen
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1*) [der] freien Entwicklung aller Fähigkeiten - 2*) [der] absto-
ßenden Arbeit - 3*) [die] anziehende Arbeit
#471# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialism. I. "Rhein. Jahrbücher"
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unterscheidet", und was das heißt, "die Lehre des Kommunismus
wissenschaftlich darzustellen".
Es ist schwer, jeden logischen Lapsus in diesen wenigen Zeilen
aufzudecken, ohne langweilig zu werden. Zunächst die Schnitzer
gegen die f o r m e l l e L o g i k.
Um zu beweisen, daß die Arbeit, eine Äußerung des Lebens, Genuß
bringen soll, wird unterstellt, daß das Leben in j e d e r Äu-
ßerung Genuß bringen soll, und hieraus geschlossen, daß das Leben
dies auch in seiner Äußerung als Arbeit soll. Mit dieser para-
phrastischen Verwandlung eines Postulats in eine Konklusion nicht
zufrieden, macht der Verfasser die Konklusion noch dazu falsch.
Daraus, daß "das Leben in jeder Entfaltung zum Genuß kommen
soll", ergibt sich für ihn, daß die Arbeit, die eine dieser Ent-
faltungen des Lebens ist, "selbst eine Entfaltung und Entwicklung
menschlicher Anlagen", also wieder des Lebens, "sein soll". Sie
soll also sein, was sie ist. Wie hätte die Arbeit es anfangen
sollen, um jemals n i c h t eine "Entfaltung menschlicher Anla-
gen" zu sein? Damit nicht genug. W e i l die Arbeit dies sein
s o l l, "m u ß" sie es "mithin" sein, oder noch besser: Weil
sie eine "Entfaltung und Entwicklung menschlicher Anlagen sein
soll", m u ß s i e m i t h i n ganz etwas Andres werden, näm-
lich "eine freie Äußerung des Lebens", wovon bisher noch gar
nicht die Rede war. Und während oben direkt von dem Postulat des
Lebensgenusses auf das Postulat der Arbeit als Genuß geschlossen
wurde, wird hier dies letztere Postulat als Konsequenz des neuen
Postulats der "freien Äußerung des Lebens in der Arbeit" darge-
stellt.
Was den I n h a l t dieses Satzes angeht, so ist nicht abzuse-
hen, warum die Arbeit nicht immer das war, was sie sein soll, und
warum sie es jetzt werden muß, oder warum sie etwas werden soll,
was sie bis dato nicht muß. Aber bisher war freilich nicht das
Wesen des Menschen und der polare Gegensatz des Menschen und der
Natur entwickelt.
Folgt eine "wissenschaftliche Begründung" des kommunistischen
Satzes von dem gemeinschaftlichen Eigentum an den Produkten der
Arbeit:
"Das Produkt der Arbeit a b e r" (dies abermalige Aber hat den-
selben Sinn wie das obige) "muß zugleich dem Glücke des Einzel-
nen, Arbeitenden und dem allgemeinen Glücke dienen. Dies ge-
schieht durch die Gegenseitigkeit, durch die gegenseitige Ergän-
zung aller gesellschaftlichen Tätigkeiten." (ibid.)
Dieser Satz ist nichts als eine durch das Wort "Glück" schwankend
gemachte Kopie dessen, was in jeder Ökonomie der Konkurrenz und
Teilung der Arbeit nachgerühmt wird.
Endlich philosophische Begründung der französischen Organisation
der Arbeit:
#472# Karl Marx und Friedrich Engels
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"Die Arbeit als eine genußreiche, Befriedigung gewährende und
zugleich dem allgemeinen Wohle dienende freie Tätigkeit ist die
Grundlage der O r g a n i s a t i o n d e r A r b e i t." p.
165.
Da die Arbeit erst "eine genußreiche pp. freie Tätigkeit" werden
s o l l und m u ß, es also noch nicht i s t, so wäre eher zu
erwarten, daß die Organisation der Arbeit u m g e k e h r t die
Grundlage der "Arbeit als einer genußreichen Tätigkeit" ist. Aber
der B e g r i f f der Arbeit als dieser Tätigkeit reicht voll-
ständig hin.
Der Verfasser glaubt am Schlüsse seines Aufsatzes zu "Resultaten"
gekommen zu sein.
Diese "Bausteine" und "Resultate", zusammen mit den übrigen Gra-
nitblöcken, die sich in den "Einundzwanzig Bogen", dem
"Bürgerbuch" und den "Neuen Anekdotis" [177] finden, bilden den
Felsen, auf den der w a h r e S o z i a l i s m u s, alias
d e u t s c h e S o z i a l p h i l o s o p h i e, seine Kirche
bauen wird.
Wir werden gelegentlich einige der Hymnen, einige Fragmente des
cantique allégorique hébraique et mystique 1*) hören, die in die-
ser Kirche gesungen werden.
-----
1*) hebräischen und mystischen allegorischen Lobgesangs
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