Quelle: MEW 3 1845 - 1846
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#473#
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IV
Karl Grün:
"Die soziale Bewegung in Frankreich und Belgien" (Darmstadt 1845)
oder
Die Geschichtschreibung des wahren Sozialismus
"Wahrlich, gälte es hier nicht, zugleich eine ganze Rotte zu
zeichnen ... wir würden die Feder noch wegwerfen ... Und jetzt
tritt sie" (Mundts "Geschichte der Gesellschaft") "mit derselben
Anmaßung vor den großen Leserkreis des Publikums, des Publikums,
das heißhungrig nach Allem greift, was nur das Wort s o z i a l
an der Stirne trägt, weil ein richtiger Takt ihm sagt, welche Ge-
heimnisse der Zukunft in diesem Wörtchen verborgen liegen. Dop-
pelte Verantwortlichkeit des Schriftstellers, doppelte Züchti-
gung, wenn er unberufen ans Werk ging!"
"Darüber wollen wir eigentlich mit Herrn Mundt nicht rechten, daß
er von den faktischen Leistungen der sozialen Literatur
Frankreichs und Englands durchaus nichts weiß, als was ihm Herr
L. Stein verraten, dessen Buch anerkannt werden konnte, als es
erschien. ... Aber heute noch ... über Saint-Simon Phrasen ma-
chen, Bazard und Enfantin die beiden Zweige des Saint-Simonismus
nennen, Fourier folgen lassen, über Proudhon ungenügendes Zeug
nachplappern, etc.! ... Dennoch würden wir gerne ein Auge zudrüc-
ken, wäre mindestens die G e n e s i s der sozialen Ideen eigen
und neu dargestellt."
Mit dieser hochfahrenden, rhadamantischen [178] Sentenz eröffnet
Herr Grün ("Neue Anekdota" p. 122, 123) eine Rezension von
M u n d t s - G e s c h i c h t e d e r G e s e l l-
s c h a f t".
Wie überrascht wird der Leser von dem artistischen Talent des
Herrn Grün sein, das unter der obigen Maske nur eine Selbstkritik
seines eignen damals noch ungebornen Buchs versteckte.
Herr Grün bietet uns das amüsante Schauspiel einer Verschmelzung
des wahren Sozialismus mit jungdeutschem Literatentum. Das obige
Buch ist in Briefen an eine Dame geschrieben, woraus der Leser
schon ahnt, daß hier die tiefsinnigen Götter des wahren Sozialis-
mus mit den Rosen und Myrten der
#474# Karl Marx und Friedrich Engels
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"jungen Literatur" bekränzt einherwandeln. Pflücken wir gleich
einige Rosen:
"Die Carmagnole sang sich selbst in meinem Kopfe ... auf alle
Fälle aber bleibt es schrecklich, daß die Carmagnole im Kopfe ei-
nes deutschen Schriftstellers, wenn nicht vollständig logieren,
so doch ein Frühstück nehmen darf." p. 3.
"Hätte ich den alten Hegel hier, ich packte ihn bei den Ohren:
Was, die Natur wäre das Anderssein des Geistes? Was, Er Nacht-
wächter?" p. 11.
"Brüssel stellt gewissermaßen den französischen Konvent dar: es
hat eine Bergpartie und eine Partie des Tales." p. 24.
"Die Lüneburger Heide der Politik." p. 80.
"Bunte, poetische, inkonsequente, phantastische Chrysalide." p.
82.
"Den Liberalismus der Restauration, den bodenlosen Kaktus, der
sich als Schmarotzerpflanze um die Bänke der Deputiertenkammer
wand." p. 87, 88.
Daß der Kaktus weder "bodenlos" noch eine "Schmarotzerpflanze"
ist, tut diesem schönen Bilde ebensowenig Abbruch, wie dem vori-
gen, daß es weder "bunte" noch "poetische" noch "inkonsequente"
"Chrysaliden" oder Puppen gibt.
"Ich selbst aber komme mir mitten in diesem Gewoge" (der Zeitun-
gen und Zeitungsschreiber im Cabinet Montpensier) "vor wie ein
zweiter Noah, der seine Tauben aussendet, ob sich irgendwo Hütten
oder Reben bauen lassen, ob es möglich sei, mit den erzürnten
Göttern einen räsonnablen Vertrag abzuschließen." p. 259.
Herr Grün spricht hier wohl von seiner Tätigkeit als Zeitungskor-
respondent.
"Camille Desmoulins war ein M e n s c h. Die Konstituante be-
stand aus P h i l i s t e r n. Robespierre war ein t u-
g e n d h a f t e r M a g n e t i s e u r. Die neue Geschichte
ist mit einem Wort der Kampf auf Tod und Leben wider die Épiciers
1*) und die Magnetiseure!!!" p. 311.
"Das Glück ist ein Plus, aber ein Plus in der xten Potenz." p.
203.
Also das Glück = + x, eine Formel, die sich nur in der ästheti-
schen Mathematik des Herrn Grün findet.
"Die Organisation der Arbeit, was ist sie? Und die Völker antwor-
teten der Sphinx mit tausend Zeitungsstimmen ... Frankreich singt
die Strophe, Deutschland die Antistrophe, das alte mystische
Deutschland." p. 259.
"Nordamerika ist mir sogar widerwärtiger als die alte Welt, weil
dieser Egoismus der Krämerwelt die rote Farbe einer impertinenten
Gesundheit trägt ... weil dort Alles so oberflächlich, so wurzel-
los, fast möchte ich sagen so k l e i n s t ä d t i s c h ist
... Ihr nennt Amerika die neue Welt; es ist die älteste von allen
alten, unsre abgetragenen Kleider machen dort Parade." p. 101,
324.
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1*) "Krämer
#475# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün
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Bisher wußte man nur, daß die ungetragenen deutschen Strümpfe
dort getragen werden, obwohl sie zum "Parademachen" zu schlecht
sind.
"Der logisch feste Garantismus dieser Institutionen." p. 461.
Wen solche Blüten nicht erfreun,
Verdienet nicht, ein "Mensch" zu sein! [179]
Welch graziöser Mutwille! Welche schnippische Naivetät! Welch he-
roisches Durchwühlen durch die Ästhetik! Welche Heinesche Noncha-
lance und Genialität!
Wir haben den Leser getäuscht. Herrn Grüns Belletristik schmückt
nicht die Wissenschaft des wahren Sozialismus, sondern die Wis-
senschaft ist nur die Ausfüllung zwischen diesen belletristischen
Schwätzereien. Sie bildet sozusagen ihren "sozialen Hintergrund".
In einem Aufsatze des Herrn Grün: "Feuerbach und die Socialisten"
("Deutsches Bürgerbuch", p. 74) findet sich folgende Äußerung:
"Wenn man Feuerbach n e n n t, so hat man die ganze Arbeit der
Philosophie genannt von Baco von Verulam bis heute, so hat man
zugleich gesagt, was die Philosophie in letzter Instanz will und
bedeutet, so hat man d e n M e n s c h e n als letztes Ergeb-
nis der Weltgeschichte. Dabei geht man s i c h e r e r, w e i l
g r ü n d l i c h e r, zu Werke, als wenn man den Arbeitslohn,
die Konkurrenz, die Mangelhaftigkeit der Konstitutionen und Ver-
fassungen aufs Tapet bringt ... Wir haben d e n M e n s c h e n
gewonnen, den Menschen, der sich der Religion, der toten Gedan-
ken, alles ihm fremden Wesens mit allen Übersetzungen in der Pra-
xis entledigt hat, den r e i n e n, w a h r h a f t e n M e n-
s c h e n."
Dieser Eine Satz klärt vollständig auf über die Art von
"Sicherheit" und "Gründlichkeit", welche bei Herrn Grün zu suchen
ist. Auf kleine Fragen läßt er sich nicht ein. Ausgestattet mit
dem ungetrübten Glauben an die Resultate der deutschen Philoso-
phie, wie sie in Feuerbach niedergelegt sind, nämlich daß "d e r
M e n s c h", der "reine, wahrhafte Mensch", das Endziel der
Weltgeschichte sei, daß die Religion das entäußerte menschliche
Wesen sei, daß das menschliche Wesen das menschliche Wesen und
der Maßstab aller Dinge sei; ausgestattet mit den weiteren Wahr-
heiten des deutschen Sozialismus (siehe oben), daß auch das Geld,
die Lohnarbeit pp. Entäußerungen des menschlichen Wesens seien,
daß der deutsche Sozialismus die Verwirklichung der deutschen
Philosophie und die theoretische Wahrheit des auswärtigen Sozia-
lismus und Kommunismus sei pp. - reist Herr Grün nach Brüssel und
Paris mit der ganzen Selbstgefälligkeit des wahren Sozialismus.
Die gewaltigen Posaunenstöße des Herrn Grün zum Lobe des wahren
Sozialismus und der deutschen Wissenschaft übertreffen Alles, was
von seinen übrigen Glaubensgenossen in dieser Beziehung geliefert
ist. Was den wahren
#476# Karl Marx und Friedlich Engels
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Sozialismus angeht, so kommen diese Lobpreisungen offenbar von
Herzen. Herrn Grüns Bescheidenheit erlaubt ihm nicht, einen ein-
zigen Satz auszusprechen, den nicht schon ein anderer wahrer So-
zialist vor ihm in den "Einundzwanzig Bogen", dem "Bürgerbuch"
und den "Neuen Anekdotis" geoffenbart hatte. Ja, sein ganzes Buch
hat keinen andren Zweck, als ein in den "Einundzwanzig Bogen" p.
74-88 von Heß gegebenes Konstruktionsschema der französischen so-
zialen Bewegung auszufüllen und damit einem ebendaselbst p. 88
ausgesprochenen Bedürfnis zu entsprechen [180]. Was aber die Lo-
beserhebungen der deutschen Philosophie angeht, so muß diese sie
ihm um so höher anrechnen, je weniger er sie kennt. Der National-
stolz der wahren Sozialisten, der Stolz auf Deutschland als das
Land "des Menschen", des "Wesens des Menschen", gegenüber den an-
dern profanen Nationalitäten erreicht bei ihm seinen Gipfelpunkt.
Wir geben gleich einige Proben davon:
"Ich möchte doch wissen, ob sie nicht Alle erst von uns lernen
müssen, Franzosen und Engländer, Belgier und Nordamerikaner." p.
28.
Dies wird jetzt ausgeführt.
"Die N o r d a m e r i k a n e r kommen mir grundprosaisch vor,
und d e n S o z i a l i s m u s sollen sie wohl, trotz aller
ihrer gesetzlichen Freiheit, erst von uns kennenlernen." p. 101.
Besonders seitdem sie seit 1829 eine eigne sozialistisch-demokra-
tische Schule haben, die ihr Nationalökonom Cooper bereits 1830
bekämpfte.
"Die b e l g i s c h e n DemokratenI Glaubst Du wohl, sie wären
h a l b s o w e i t als wir Deutsche ? Habe ich mich wieder
mit Einem herumbalgen müssen, der die R e a l i s i e r u n g
d e s f r e i e n M e n s c h e n t u m s für eine Chimäre
hält!" p. 28.
Hier macht sich die Nationalität "des Menschen", des "Wesens des
Menschen", des "Menschentums" breit gegenüber der belgischen Na-
tionalität.
"Ihr F r a n z o s e n, laßt den Hegel in Ruhe, bis Ihr ihn
versteht." (Wir glauben, daß die sonst sehr schwache Kritik der
Rechtsphilosophie von Lerminier [181] mehr Einsicht in Hegel be-
weist als irgend etwas, was Herr Grün, sei es unter eigenem Na-
men, sei es qua 1*) "Ernst von der Haide" geschrieben hat.)
"Trinkt einmal ein Jahr lang keinen Kaffee, keinen Wein; erhitzt
Euer Gemüt durch keine aufregende Leidenschaft; laßt den Guizot
regieren und Algier unter die Herrschaft Marokkos kommen" (wie
sollte Algier je unter die Herrschaft Marokkos kommen, selbst
wenn die Franzosen es aufgäben!); "sitzt auf einer Mansarde und
studiert die 'Logik' nebst der 'Phänomenologie .. Wenn Ihr dann
endlich nach Jahresfrist mager und mit rotangelaufenen Augen in
die Straßen hinabsteigt und meinetwegen über den ersten Dandy
oder öffentlichen Ausrufer stolpert, laßt Euch das nicht irren.
Denn Ihr seid mittlerweile große und mächtige Menschen geworden,
Euer Geist gleicht einem Eichbaum, den wundertätige" (!) "Säfte
ernährten;
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1*) als
#477# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün
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was Ihr anseht, das enthüllt Euch seine geheimsten Schwächen; Ihr
dringt als erschaffne Geister dennoch ins Innre der Natur; Euer
Blick ist tötend, Euer Wort versetzt Berge, Eure Dialektik ist
schärfer als die schärfste Guillotine. Ihr stellt Euch ans Hotel
de Ville - und die Bourgeoisie ist gewesen, Ihr tretet ans Palais
Bourbon [182] - und es zerfällt, seine ganze Deputiertenkammer
löst sich in das nihilum album 1*) auf, Guizot verschwindet, Lud-
wig Philipp erblaßt zum geschichtlichen Schemen, und aus all die-
sen zugrunde gegangnen Momenten erhebt sich siegesstolz die abso-
lute Idee der freien Gesellschaft. Ohne Scherz, den Hegel könnt
Ihr nur bezwingen, wenn Ihr selbst vorher Hegel werdet. Wie ich
schon oben sagte: Moors Geliebte kann nur durch Moor sterben." p.
115, 116.
Der belletristische Duft, der diese Sätze des wahren Sozialismus
umgibt, wird Jedermann m die Nase steigen. Herr Grün, wie alle
wahren Sozialisten, vergißt nicht, das alte Geschwätz von der
Oberflächlichkeit der Franzosen wieder vorzubringen:
"Bin ich doch dazu verdammt, den französischen Geist jedesmal,
wenn ich ihn in der Nähe habe, ungenügend und oberflächlich zu
finden." p. 371.
Herr Grün verheimlicht es uns nicht, daß sein Buch dazu bestimmt
ist, den deutschen Sozialismus als die Kritik des französischen
zu verherrlichen:
"Der Pöbel der deutschen Tagesliteratur hat unsren sozialisti-
schen Bestrebungen nachgesagt, sie seien die Nachahmung französi-
scher Verkehrtheiten. Es hat bis jetzt Niemand der Mühe wert ge-
halten, nur eine Silbe darauf zu erwidern. Dieser Pöbel muß sich
schämen - besitzt er anders noch Schamgefühl -, wenn er d i e-
s e s B u c h liest. Das hat er sich wohl nicht träumen lassen,
daß der d e u t s c h e S o z i a l i s m u s d i e K r i-
t i k d e s f r a n z ö s i s c h e n ist, daß er, weit
entfernt, die Franzosen für Erfinder des neuen Contrat social 2*)
zu halten, vielmehr die Forderung an sie stellt, sich erst
d u r c h d i e d e u t s c h e W i s s e n s c h a f t z u
e r g ä n z e n? In diesem Augenblick wird hier in Paris die
Herausgabe einer Übersetzung von Feuerbachs 'Wesen des Christen-
thums' veranstaltet. Wohl bekomme den Franzosen die deutsche
Schule! Was auch aus der ökonomischen Lage des Landes, aus der
Konstellation der hiesigen Politik entstehe, zu einem
m e n s c h l i c h e n Leben in der Zukunft befähigt einzig die
humanistische Weltanschauung. Das unpolitische, verworfne Volk
der Deutschen, dies Volk, welches gar kein Volk ist, wird den
Eckstein gelegt haben zum Bau der Zukunft." p. 353.
Allerdings, "was aus der ökonomischen Lage und der Konstellation
der Politik" in einem Lande "entsteht", braucht ein wahrer Sozia-
list bei seinem vertrauten Umgange mit dem "Wesen des Menschen"
nicht zu wissen.
Herr Grün als Apostel des wahren Sozialismus begnügt sich nicht
damit, gleich seinen Mitaposteln der Unwissenheit andrer Völker
die Allwissenheit der Deutschen stolz entgegenzuhalten. Er nimmt
seine alte Literatenpraxis
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1*) graue Nichts - 2*) Gesellschaftsvertrag
#478# Karl Marx und Friedrich Engels
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zu Hülfe, erdrängt sich den Repräsentanten der verschiedenen so-
zialistischen, demokratischen und kommunistischen Parteien in der
verrufensten Weltfahrer-Manier auf, und nachdem er sie von allen
Seiten beschnüffelt hat, tritt er ihnen als Apostel des wahren
Sozialismus entgegen. Er hat sie nur noch zu belehren, ihnen die
tiefsten Aufschlüsse über das freie Menschentum mitzuteilen. Die
Überlegenheit des wahren Sozialismus über die Parteien
Frankreichs verwandelt sich hier in die persönliche Überlegenheit
des Herrn Grün gegenüber den Repräsentanten dieser Parteien.
Schließlich bietet dies dann auch Gelegenheit, nicht nur die
französischen Parteichefs als Piedestal des Herrn Grün dienen zu
lassen, sondern auch noch eine Masse von Klatschereien anzubrin-
gen und so den deutschen Kleinstädter für die Anstrengung zu ent-
schädigen, die ihm die inhaltvolleren Sätze des wahren Sozialis-
mus verursacht haben.
"K a t s verzog sein ganzes Gesicht zu einer plebejischen Hei-
terkeit, als ich ihm meine hohe Zufriedenheit mit seiner Rede be-
zeugte." p. 50.
Herr Grün erteilt Kats auch sogleich Unterricht über den franzö-
sischen Terrorismus und "war so glücklich, meinem neuen Freunde
Beifall abzugewinnen", p. 51.
Ganz anders bedeutsam wirkt er auf P r o u d h o n:
"Ich hatte das unendliche Vergnügen, gewissermaßen der P r i-
v a t d o z e n t des Mannes zu werden, dessen Scharfsinn viel-
leicht seit Lessing und Kant nicht überboten wurde." p. 404.
L o u i s B l a n c ist nur "sein schwarz Jüngelchen". p. 314.
"Er frug sehr wißbegierig, aber zugleich sehr unwissend, nach un-
sren Zuständen. Wir Deutsche kennen" (?) "die französischen fast
so gut wie die Franzosen selbst; wenigstens studieren" (?) "wir
sie." p. 315.
Und über den "Papa C a b e t" erfahren wir, daß er "borniert"
ist. p. 382. Herr Grün legt ihm "Fragen" vor, von denen Cabet
"gestand, daß er sie nicht gerade approfondiert hätte. Das hatte
i c h" (Grün) "längst gemerkt, und da hörte natürlich Alles auf,
um so mehr, als mir einfiel, daß Cabets Mission eine längst in
sich abgeschlossene sei." p. 38!.
Wir werden später sehen, wie Herr Grün dem Cabet eine neue
"Mission" zu geben gewußt hat.
Wir heben zunächst das Schema und die paar überkommenen allgemei-
nen Gedanken hervor, die das Gerippe des Grünschen Buches bilden.
Beides ist abgeschrieben von Heß, den Herr Grün überhaupt auf die
großartigste Weise paraphrasiert. Sachen, die schon bei Heß ganz
unbestimmt und
#479# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün
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mystisch sind, die aber im Anfange "in den "Einundzwanzig Bogen"
"anzuerkennen waren und nur durch ihre ewige Wiederaufdrängung im
"Bürgerbuch", den "Neuen Anekdotis" und den "Rheinischen Jahrbü-
chern" zu einer Zeit, wo sie bereits antiquiert waren, langweilig
und reaktionär geworden sind - diese Sachen werden bei Herrn Grün
vollends Unsinn.
Heß synthetisiert die Entwicklung des französischen Sozialismus
mit der Entwicklung der deutschen Philosophie - Saint-Simon mit
Schelling, Fourier mit Hegel, Proudhon mit Feuerbach. Vgl. z.B.
"Einundzwanzig] Bogen", p. 78, 79, 326, 327, "Neue Anekd[ota]",
p. 194, 195, 196, 202 seqq. (Parallele zwischen Feuerbach und
Proudhon. Z.B. Heß: "Feuerbach ist der deutsche Proudhon" pp.,
"N[eue] A[nekdota]", p. 202. Grün: "Proudhon ist der französische
Feuerbach", p. 404.) - Dieser Schematismus mit der Ausführung,
die Heß ihm gibt, bildet den ganzen inneren Zusammenhang des
Grünschen Buchs. Nur daß Herr Grün nicht verfehlt, die Heßschen
Sätze belletristisch anzustreichen. Ja selbst offenbare Schnitzer
von Heß, z. B. daß theoretische Entwicklungen den "sozialen Hin-
tergrund" und die "theoretische Basis" praktischer Bewegungen
bilden (z. B. "N. An.", p. 192), schreibt Herr Grün getreulichst
nach. (Z.B. Grün, p. 264: "Der soziale Hintergrund, den die poli-
tische Frage des achtzehnten Jahrhunderts hatte ... war das
gleichzeitige Produkt beider philosophischen Richtungen" - der
Sensualisten und Deisten.) Ebenso die Meinung, man brauche Feuer-
bach nur praktisch zu machen, ihn nur aufs soziale Leben anzuwen-
den, um die vollständige Kritik der bestehenden Gesellschaft zu
geben. Nimmt man noch die sonstige Kritik des französischen Kom-
munismus und Sozialismus durch Heß hinzu, z. B. daß "Fourier,
Proudhon pp. nicht über die Kategorie der Lohnarbeit hinausgekom-
men sind", "Bürgerbuch", p. 40 u.a., daß "Fourier die Welt mit
neuen Assoziationen des Egoismus beglücken möchte", "N. Anekd.",
p. 196, daß "selbst die radikalen franz[ösischen] Kommunisten
noch nicht über den Gegensatz von Arbeit und Genuß hinaus sind,
sich noch nicht zu der E i n h e i t v o n P r o d u k t i o n
u n d K o n s u m t i o n pp. erhoben haben", "Bürgerb[uch]",
p. 43, daß "die Anarchie die Negation des Begriffs der politi-
schen Herrschaft ist", "Einundzwanzig Bogen", p. 77 ppp., so hat
man die ganze Kritik der Franzosen durch Herrn Grün in der Ta-
sche, ebensogut wie Herr Grün sie bereits in der Tasche hatte,
ehe er nach Paris ging. Außer dem Obengenannten erleichtern dann
noch einige in Deutschland traditionell zirkulierende Phrasen
über Religion, Politik, Nationalität, menschlich und unmenschlich
ppp., Phrasen, die von den Philosophen auf die wahren Sozialisten
übergegangen sind, Herrn Grün den Rechnungsabschluß mit den fran-
zösischen Sozialisten und Kommunisten. Er hat nur überall nach
"d e m M e n s c h e n" und dem
#480# Karl Marx und Friedrich Engels
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Worte menschlich zu suchen und zu verdammen, wo er dies nicht
findet. Z.B.: "Du bist politisch, Du bist borniert", p. 283. In
ähnlicher Weise kann Herr Grün dann ausrufen: Du bist national,
religiös, nationalökonomisch, Du hast einen Gott - Du bist nicht
menschlich, Du bist borniert, wie er dies im ganzen Buche tut.
Womit natürlich Politik, Nationalität, Religion pp. gründlich
kritisiert und zugleich die Eigentümlichkeit der gerade kriti-
sierten Schriftsteller und ihr Zusammenhang mit der gesellschaft-
lichen Entwicklung hinreichend beleuchtet sind.
Man sieht schon hieraus, daß das Grünsche Machwerk weit unter dem
Buche von S t e i n steht, der wenigstens versuchte, den Zusam-
menhang der sozialistischen Literatur mit der wirklichen Entwick-
lung der französischen Gesellschaft darzustellen. Es bedarf indes
kaum der Erwähnung, daß Herr Grün sowohl im vorliegenden Buche
wie in den "Neuen Anekdotis" mit der größten Vornehmheit auf sei-
nen Vorgänger herabsieht.
Aber hat Herr Grün wenigstens die ihm von Heß und Andern überlie-
ferten Sachen richtig kopiert? Hat er innerhalb seines höchst un-
kritisch auf Treu und Glauben angenommenen Schemas wenigstens das
nötige Material niedergelegt, hat er eine richtige und vollstän-
dige Darstellung der einzelnen sozialistischen Schriftsteller
nach den Quellen gegeben? Dies sind doch wahrlich die niedrigsten
Forderungen, die man an den Mann stellen kann, von dem Nordameri-
kaner und Franzosen, Engländer und Belgier zu lernen haben, der
der Privatdozent Proudhons war und jeden Augenblick auf die deut-
sche Gründlichkeit gegenüber den oberflächlichen Franzosen pocht.
Saint-Simonismus
Von der ganzen saint-simonistischen Literatur hat Herr Grün
k e i n e i n z i g e s B u c h in der Hand gehabt. Seine
Hauptquellen sind: vor Allem der vielverachtete L o r e n z 1*)
S t e i n, ferner die Hauptquelle Steins, L. R e y b a u d
[183] (wofür er p. 260 an Herrn Reybaud ein Exempel statuieren
will und ihn einen Philister nennt; er stellt sich auf derselben
Seite, als sei ihm Reybaud erst lange, nachdem er die Saint-Simo-
nisten abgefertigt, ganz zufällig in die Hände geraten) und stel-
lenweise L. B l a n c. Wir werden den Beweis ganz direkt lie-
fern.
Vergleichen wir zuerst, was Herr Grün über das Leben Saint-Simons
selbst sagt.
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1*) im Original: Ludwig
#481# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün
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Die Hauptquellen für das Leben Saint-Simons sind die Fragmente
seiner Selbstbiographie in den OEuvres de Saint-Simon, publiziert
von Olinde Rodrigues, und dem "Organisateur" [184] vom 19. Mai
1830. Wir haben hier also sämtliche Aktenstücke vor uns: 1. die
Originalquellen, 2. Reybaud, der sie auszog, 3. Stein, der Rey-
baud benutzte, 4. die belletristische Ausgabe von Herrn Grün.
Herr Grün:
"Saint-Simon kämpft den Befreiungskampf der Amerikaner mit, ohne
ein besondres Interesse am Kriege selbst zu haben; es f ä l l t
i h m e i n, man könne die b e i d e n großen W e l t-
m e e r e verbinden." p. 84.
S t e i n, p. 143:
"Zuerst trat er in den militärischen Dienst... und ging mit
Bouillé nach Amerika ... In diesem Krieg, dessen Bedeutung er üb-
rigens wohl begriff ... der Krieg a l s s o l c h e r, sagte
er, interessierte mich nicht, nur der Zweck dieses Kriegs etc."
... "Nachdem er vergebens versucht, den Vizekönig von Mexiko für
einen großen Kanalbau zur Verbindung der b e i d e n W e l t-
m e e r e zu interessieren."
R e y b a u d, p. 77:
"Soldat de l'indépendance américaine, il servait sous Washington
... la guerre, en elle-même, ne m'intéressait pas, dit-il; mais
le seul but de la guerre m'intéressait vivement, et cet intérêt
m'en faisait supporter les travaux sans répugnance." 1*)
Herr Grün schreibt nur ab, daß Saint-Simon "kein besondres Inter-
esse am Kriege selbst" hatte, läßt aber die Pointe aus, nämlich
sein Interesse für den Zweck dieses Kriegs.
Herr Grün läßt ferner weg, daß Saint-Simon seinen Plan beim Vi-
zekönig habe durchsetzen wollen, und reduziert ihn dadurch auf
einen bloßen "Einfall". Er läßt ebenfalls fort, weil Stein dies
nur durch die Jahreszahl andeutet, daß Saint-Simon dies erst "à
la paix" 2*) tat.
Herr G r ü n fährt unmittelbar fort:
"S p ä t e r" (wann?) "e n t w i r f t er den Plan zu einer
französisch-holländischen Expedition nach dem englischen Indien."
(ibid).
S t e i n:
"Er reiste 1785 nach Holland, um eine vereinigte französisch-hol-
ländische Expedition gegen die englischen Kolonien in Indien zu
e n t w e r f e n." p. 143.
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1*) "Als Soldat der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung diente
er unter Washington ... der Krieg selbst interessierte mich
nicht, sagte er, sondern einzig der Zweck des Krieges interes-
sierte mich lebhaft, und dieses Interesse ließ mich seine Be-
schwernisse ohne Widerwillen ertragen." - 2*) im Frieden
#482# Karl Marx und Friedrich Engels
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Stein erzählt hier falsch und Grün kopiert getreu. Nach Saint-Si-
mon selbst hatte der Herzog von La Vauguyon die Generalstaaten
bestimmt, eine vereinigte Expedition mit Frankreich nach den eng-
lischen Kolonien in Indien zu unternehmen. Von sich selbst sagt
er nur, daß er, "während eines Jahres die Ausführung dieses Plans
b e t r i e b e n" (poursuivi) habe.
H e r r G r ü n:
"In Spanien w i l l e r einen Kanal von Madrid ins Meer
g r a b e n." (ibid.)
Saint-Simon will einen K a n a l g r a b e n, welcher Unsinn!
Vorhin f i e l i h m e i n, jetzt w i l l e r. Grün ver-
fälscht hier das Faktum, nicht weil er, wie oben, den Stein zu
getreu, sondern weil er ihn zu oberflächlich abschreibt.
S t e i n, p. 144:
"1786 nach Frankreich zurückgekehrt, ging er schon im folgenden
Jahr nach Spanien, um dem Gouvernement einen Plan zur Vollendung
eines Kanals von Madrid bis zum Meere vorzulegen."
Herr Grün konnte bei raschem Lesen sich seinen obigen Satz aus
dem Steinschen abstrahieren, weil es bei Stein wenigstens den
Schein hat, als sei der Bauplan und die Idee des ganzen Projekts
von Saint-Simon ausgegangen, während dieser nur einen Plan zur
Beseitigung der bei dem längst begonnenen Kanalbau eingetretenen
finanziellen Schwierigkeiten entwarf.
R e y b a u d:
"Six ans plus tard il proposa au gouvernement espagnol un plan de
canal qui devait établir une ligne navigable de Madrid à la mer."
1*) p. 78.
Derselbe Irrtum wie bei Stein.
S a i n t - S i m o n, p. XVII:
"Le gouvernement espagnol avait entrepris un canal qui devait
faire communiquer Madrid à la mer; cette entreprise languissait
parce que ce gouvernement manquait d'ouvriers et d'argent; je me
concertai avec M. le comte de Cabarrus, aujourd'hui ministre des
finances, et nous présentâmes au gouvernement le projet suivant"
2*) etc.
H e r r G r ü n:
"In Frankreich spekuliert er a u f Nationalgüter."
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1*) "Sechs Jahre später unterbreitete er der spanischen Regierung
den Plan eines Kanals, der eine schiffbare Verbindung zwischen
Madrid und dem Meer herstellen sollte." - 2*) "Die spanische Re-
gierung hatte den Bau eines Kanals unternommen, der Madrid mit
dem Meere verbinden sollte; dieses Unternehmen stockte, weil es
der Regierung an Arbeitern und Geld fehlte; ich verständigte mich
mit dem Grafen Cabarrus, dem heutigen Finanzminister, und wir
legten der Regierung folgendes Projekt vor"
#483# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün
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S t e i n schildert erst Saint-Simons Stellung während der Revo-
lution und kommt dann auf seine Spekulation in Nationalgütern, p.
144 seqq. Woher aber Herr Grün den unsinnigen Ausdruck hat:
"a u f Nationalgüter spekulieren", statt i n Nationalgütern,
auch hierüber können wir dem Leser durch Vorlage des Originals
Aufklärung geben:
R e y b a u d, p. 78:
"Revenu à Paris, il tourna son activité vers des spéculations, et
trafiqua sur les domaines nationaux." 1*)
Herr Grün stellt seinen obigen Satz ohne alle Motivierung hin.
Man erfährt gar nicht, weshalb Saint-Simon in Nationalgütern spe-
kulierte und weshalb dies an sich triviale Faktum von Bedeutung
in seinem Leben ist. Herr Grün findet nämlich überflüssig, aus
Stein und Reybaud abzuschreiben, daß Saint-Simon eine wissen-
schaftliche Schule und ein großes industrielles Etablissement als
Experimente gründen und sich das dazu nötige Kapital durch diese
Spekulationen verschaffen wollte. Saint-Simon motiviert selbst
seine Spekulationen hierdurch. (OEuvres, p. XIX.)
H e r r G r ü n:
"Er heiratet, um die Wissenschaft bewirten zu können, um das Le-
ben der Menschen zu erproben, um sie psychologisch auszusaugen."
(ibid.)
Herr Grün überspringt hier plötzlich eine der wichtigsten Peri-
oden Saint-Simons, die seiner naturwissenschaftlichen Studien und
Reisen. Was heißt das, heiraten, um d i e W i s s e n-
s c h a f t z u b e w i r t e n, heiraten, um d i e M e n-
s c h e n (die man nicht heiratet) psychologisch auszusaugen
pp.? Die ganze Sache ist die: Saint-Simon heiratete, um Salons
halten und dort unter Andern auch die Gelehrten studieren zu
können.
S t e i n drückt dies so aus, p. 149:
"Er verheiratet sich 1801 ... Ich habe die Ehe benutzt, um die
Gelehrten zu studieren." (Vgl. Saint-Simon, p. 23.)
Jetzt, durch Vergleichung des Originals, wird Herrn Grüns Unsinn
verständlich und erklärlich.
Das "psychologische Aussaugen der M e n s c h e n" reduziert
sich bei Stein und Saint-Simon selbst auf die Beobachtung der
G e l e h r t e n im gesellschaftlichen Leben. Saint-Simon
wollte, 'ganz im Zusammenhange mit seiner sozialistischen
Grundansicht, den Einfluß der Wissenschaft auf die Persönlichkeit
der Gelehrten und auf ihr Verhalten im gewöhnlichen Leben
-----
1*) "Nach Paris zurückgekehrt, wandte er seine Tätigkeit Spekula-
tionen zu und spekulierte in Nationalgütern." (sur ist in den
meisten anderen Verbindungen mit a u f zu übersetzen.)
#484# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
kennenlernen. Bei Herrn Grün verwandelt sich dies in einen sinn-
losen, unbestimmten, romanhaften Einfall.
H e r r G r ü n:
"Er wird arm" (wie, wodurch?), "kopiert i n e i n e m Lombard
für tausend Franken Jahrgehalt - er, der Graf, der Sprößling
Karls des Großen; d a n n" (wann und warum?) "lebt er von der
Gnade eines ehemaligen Dieners; später" (wann und warum?)
"versucht er sich zu erschießen, wird gerettet und beginnt ein
neues Leben des Studiums und der Propaganda. Jetzt erst schreibt
er seine b e i d e n H a u p t w e r k e."
"Er wird" - "dann" - "später" - "jetzt" sollen bei Herrn Grün die
Chronologie und den Zusammenhang der einzelnen Lebensmomente
Saint-Simons ersetzen.
Stein, p. 156, 157:
"Dazu kam ein neuer und furchtbarer Feind, die allmählich immer
drückender werdende äußere Not ... Nach sechs Monaten peinlichen
Harrens wird ... ihm eine Stelle -" (auch den Gedankenstrich hat
Herr Grün von Stein, nur daß er so pfiffig war, ihn hinter den
Lombard zu stellen) "als Kopist i m Lombard" (nicht, wie Herr
Grün pfiffigerweise ändert, "in e i n e m Lombard", da es be-
kanntlich in Paris nur den e i n e n, öffentlichen Lombard
gibt) "mit tausend Franken Jahrgehalt. Wunderbarer Glückswechsel
jener Zeiten! Der Enkel des berühmten Höflings an Ludwigs XIV.
Hofe, der Erbe einer Herzogskrone, eines mächtigen Vermögens, ein
geborner Pair von Frankreich und Grande von Spanien, Kopist i n
e i n e m Lombard!"
Hier erklärt sich Herrn Grüns Versehen mit dem Lombard; hier, bei
Stein, ist der Ausdruck am Orte. Um sich auch sonst noch von
Stein zu unterscheiden, nennt Herr Grün Saint-Simon nur "Graf"
und "Sprößling Karls des Großen". Letzteres hat er von Stein p.
142, Reybaud p. 77, die indes so klug sind, zu sagen, Saint-Simon
leite sich selbst von Karl dem Großen her. Statt der positiven
Fakta Steins, die allerdings u n t e r d e r R e s t a u-
r a t i o n die Armut Saint-Simons auffallend machen, erfahren
wir bei Herrn Grün nur seine Verwunderung darüber, daß ein Graf
und angeblicher Sprößling Karls des Großen überhaupt herunter-
kommen kann.
S t e i n:
"Zwei Jahre lebte er noch" (nach dem Selbstmordsversuch) "und
wirkte in ihnen vielleicht mehr als in ebensoviel Jahrzehnten
seines früheren Lebens. Der 'Catéchisme des industriels' ward
v o l l e n d e t" (Herr Grün verwandelt dies Vollenden eines
längst vorbereiteten Werks in: "Jetzt erst s c h r i e b er"
pp.) "und der .'Nouveau christianisme' pp.", p. 164, 165.
p. 169 nennt Stein diese beiden Schriften "d i e b e i d e n
H a u p t w e r k e s e i n e s L e b e n s".
#485# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün
-----
Herr Grün hat also nicht nur die I r r t ü m e r S t e i n s
k o p i e r t, sondern auch aus unbestimmt gehaltenen Stellen
Steins n e u e f a b r i z i e r t. Um seine Abschreiberei zu
verdecken, nimmt er nur die hervorspringendsten Fakta heraus,
raubt ihnen aber ihren Charakter als Fakta, indem er sie sowohl
aus dem chronologischen Zusammenhange wie aus ihrer ganzen Moti-
vierung reißt und selbst die allernotwendigsten Mittelglieder
ausläßt. Was wir nämlich oben gegeben haben, ist buchstäblich
A l l e s, was Herr Grün von Saint-Simons Leben berichtet. In
dieser Darstellung wird das bewegte, tätige Leben Saint-Simons in
eine Reihe von Einfallen und Ereignissen verwandelt, die weniger
Interesse darbieten als das Leben des ersten besten gleichzeiti-
gen Bauern oder Spekulanten in einer bewegten Provinz Frank-
reichs. Und dann, nachdem er diese biographische Sudelei hinge-
worfen hat, ruft er aus: "Dieses ganze, e c h t z i v i l i-
s i e r t e Leben!" Ja er scheut sich nicht, p. 85 zu sagen:
"Saint-Simons Leben ist der Spiegel des Saint-Simoms-mus selbst -
" als wenn dies Grünsche "Leben" Saint-Simons der Spiegel von
irgend etwas wäre, außer von Herrn Grüns Art der Buchmacherei
"selbst".
Wir haben uns bei dieser Biographie länger aufgehalten, weil sie
ein klassisches Exempel von der Art und Weise liefert, in der
Herr Grün die französischen Sozialisten g r ü n d l i c h behan-
delt. Wie er hier schon scheinbar nonchalant hinwirft, ausläßt,
verfälscht, transponiert, um seine Abschreiberei zu verbergen, so
werden wir später sehen, daß Herr Grün auch fernerhin alle Sym-
ptome eines, innerlich beunruhigten Plagiarius entwickelt: künst-
liche Unordnung, um die Vergleichung zu erschweren, Auslassung
von Sätzen und Worten, die er wegen Unkenntnis der Originale
nicht recht versteht, aus den Zitaten seiner Vorgänger, Dichtung
und Ausschmückung durch unbestimmte Phrasen, perfide Ausfälle auf
die Leute, die er gerade kopiert. Ja Herr Grün ist so übereilt
und hastig in seiner Abschreiberei, daß er sich oft auf Sachen
beruft, von denen er dem Leser nie gesprochen, die er aber als
Leser Steins im Kopfe mit sich herumträgt.
Wir gehn jetzt auf die Grünsche Darstellung der Doktrin Saint-Si-
mons über.
1. "Lettres d'un habitant de Genève à ses contemporains" [185]
Herr[n] Grün wurde aus Stein nicht recht klar, in welchem Zusam-
menhange der in der eben zitierten Schrift gegebene Plan zur Un-
terstützung der Gelehrten mit dem phantastischen Anhange der Bro-
schüre steht. Er spricht
#486# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
von dieser Schrift, als wenn es sich in ihr hauptsächlich um eine
neue Organisation 1*) der Gesellschaft handle, und schließt wie
folgt:
"Die geistliche Macht in den Händen der Gelehrten, die weltliche
Macht in den Händen der Eigentümer, die Wahl für Alle." p. 85.
Vgl. Stein, p. 151, Reybaud, p. 83.
Den Satz "le pouvoir de nommer les individus appelés à remplir
les fonctions des chefs de l'humanité entre les mains de tout le
monde" 2*), den Reybaud aus Saint-Simon (p. 47) zitiert und Stein
höchst unbeholfen übersetzt - diesen Satz reduziert Herr Grün auf
"die Wahl für Alle", wodurch er allen Sinn verliert. Bei Saint-
Simon ist von der Wahl des Newtonschen Rats die Rede, bei Herrn
Grün handelt es sich von der Wahl überhaupt.
Nachdem Herr Grün durch vier oder fünf von Stein und Reybaud ab-
geschriebne Sätze längst mit den "Lettres pp." fertig geworden
ist und schon vom "Nouveau christianisme" gesprochen hat, kehrt
er plötzlich zu ihnen zurück.
"Aber die abstrakte Wissenschaft tut's freilich nicht." (Noch
viel weniger die konkrete Unwissenheit, wie wir sehen.) "Vom
Standpunkt der abstrakten Wissenschaft waren j a die
'Eigentümer' und 'J e d e r m a n n' n o c h auseinandergefal-
len." p. 87.
Herr Grün vergißt, daß er bisher nur von "der Wahl für alle",
nicht von "Jedermann" gesprochen hat. Aber bei Stein und Reybaud
findet er "tout le monde" und setzt daher "Jedermann" in Anfüh-
rungszeichen. Er vergißt ferner, daß er den folgenden Satz St-
eins, wodurch das "j a" in seinem eignen Satze motiviert wird,
nicht mitgeteilt hat:
"Es t r e t e n ihm" (Saint-Simon) "neben den Weisen oder Wis-
senden die p r o p r i é t a i r e s 3*) und t o u t l e
m o n d e a u s e i n a n d e r. Zwar sind Beide n o c h ohne
eigentliche Grenze im Verhältnis zueinander ... dennoch liegt
schon in jenem vagen Bilde der tout le monde der Keim der Klasse
verborgen, die zu begreifen und zu heben die spätere Grundtendenz
seiner Theorie ward, der classe la plus nombreuse et la plus pau-
vre 4*), wie in der Wirklichkeit dieser Teil des Volkes damals
nur potentiell da war." p. 154.
Stein hebt hervor, daß Saint-Simon zwischen proprietaires und
tout le monde s c h o n einen Unterschied, aber n o c h einen
sehr unbestimmten macht. Herr Grün verdreht dies dahin, daß
Saint-Simon den Unterschied überhaupt n o c h macht. Dies ist
natürlich ein großes Versehen von Saint-Simon und nur dadurch zu
erklären, daß er in den "Lettres" auf dem Standpunkte der ab-
strakten Wissenschaft sich befindet. Leider aber spricht Saint-
Simon an der fraglichen Stelle gar nicht, wie Herr Grün meint,
von Unterschieden
-----
1*) MEGA: um eine Organisation - 2*) "die Macht zur Ernennung der
Individuen, die berufen sind, die Funktionen der Führer der
Menschheit auszuüben, in den Händen von jedermann" - 3*) Eigentü-
mer - 4*) zahlreichsten und ärmsten Klasse
#487# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün
-----
in einer zukünftigen Gesellschaftsordnung. Er adressiert sich we-
gen einer Subskription an die ganze Menschheit, die ihm, wie er
sie vorfindet, in drei Klassen geteilt erscheint: in drei Klas-
sen, die nicht, wie Stein glaubt, savants 1*), propriétaires und
tout le monde sind, sondern 1. die savants und artistes 2*) und
alle Leute mit liberalen Ideen, 2. die Gegner der Neuerung, d.h.
die propriétaires, sofern sie sich nicht der ersten Klasse an-
schließen, 3. das surplus de l'humanité qui se rallie au mot:
É g a l i t é 3*). Diese drei Klassen bilden tout le monde. Vgl.
Saint-Simon, "Lettres", p. 21, 22. Da Saint-Simon übrigens an ei-
ner späteren Stelle sagt, er halte seine Verteilung der Gewalt
für vorteilhaft für alle Klassen, so entspricht in der Stelle, wo
er von dieser Verteilung spricht, p. 47, tout le monde offenbar
dem surplus, das sich bei der Parole Gleichheit ralliiert, ohne
indes die andern Klassen auszuschließen. Stein hat also in der
Hauptsache das Richtige getroffen, obwohl er die Stelle p. 21, 22
nicht berücksichtigt, und Herr Grün, der das Original gar nicht
kennt, klammert sich an das unbedeutende Versehen Steins, um aus
seinem Räsonnement sich baren Unsinn zu abstrahieren.
Wir erhalten sogleich ein noch frappanteres Beispiel, p. 94, wo
Herr Grün gar nicht mehr von Saint-Simon, sondern von seiner
Schule spricht, erfahren wir unerwartet:
"Saint-Simon sagt in e i n e m seiner Bücher die m y s t e-
r i ö s e n Worte: 'Die Frauen werden zugelassen werden, sie
werden selbst ernannt werden können.' Aus diesem fast tauben
Saatkorn ist der ganze ungeheure Spektakel der Emanzipation der
Frauen entsprossen."
Allerdings, wenn Saint-Simon in einer beliebigen Schrift von ei-
ner Zulassung und Ernennung der Frauen, man weiß nicht wozu, ge-
sprochen hat, so sind dies sehr "mysteriöse Worte". Dies Myste-
rium existiert aber nur für Herrn Grün. Das "eine der Bücher"
Saint-Simons ist kein andres als die "Lettres d'un habitant de
Genève". Nachdem Saint-Simon hier gesagt hat, daß jeder Mensch
für den Newtonschen Rat oder dessen Abteilungen unterschreiben
kann, fährt er fort: Les femmes seront admises à s o u s-
c r i r e, elles pourront être n o m m é e s. 4*) Natürlich,
zu einer Stelle in diesem Rat oder seinen Abteilungen. Stein hat
diese Stelle, wie sich gebührt, bei dem Buche selbst zitiert und
macht dabei folgende Bemerkung:
Hier pp. "finden sich alle Spuren seiner späteren Ansicht und
selbst seiner Schule im K e i m e wieder, und selbst der erste
Gedanken einer E m a n z i p a t i o n d e r F r a u e n". p.
152.
-----
1*) Gelehrte - 2*) Künstler - 3*) der Rest der Menschheit, der
sich bei der Parole G l e i c h h e i t versammelt - 4*) Die
Frauen werden zum U n t e r s c h r e i b e n zugelassen wer-
den, sie werden e r n a n n t werden können.
#488# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
Stein hebt auch richtig in einer Note hervor, daß Olinde Rodri-
gues diese Stelle in seiner Ausgabe von 1832 als einzige Beleg-
stelle für die Frauenemanzipation bei Saint-Simon selbst aus po-
lemischen Gründen groß drucken ließ. Grün, um seine Abschreiberei
zu verbergen, versetzt diese Stelle von dem Buch, wohin sie ge-
hört, in die Schule, macht den obigen Unsinn daraus, verwandelt
Steins "Keim" in ein "Saatkorn" und bildet sich kindischerweise
ein, die Lehre von der Emanzipation der Frauen sei aus dieser
Stelle hervorgegangen.
Herr Grün riskiert eine Ansicht über einen Gegensatz, worin die
"Briefe eines Bewohners von Genf" zum "Katechismus der Industri-
ellen" stehen sollen und der darin besteht, daß im "Katechismus"
das Recht der travailleurs 1*) geltend gemacht wird. Herr Grün
mußte diesen Unterschied allerdings zwischen den ihm von Stein
und Reybaud überlieferten "Lettres" und dem ebenso überlieferten
"Catéchisme" entdecken. Hätte er den Saint-Simon selbst gelesen,
so konnte er statt dieses Gegensatzes in den "Lettres" schon sein
"Saatkorn" zu der unter Andern im "Catéchisme" weiter entwickel-
ten Anschauung finden. Z.B.:
"Tous les hommes travailleront" 2*), "Lettres, p. 60. "Si sa cer-
velle" (des Reichen) "ne sera pas propre au travail, il sera bien
obligé de faire travailler ses bras; car Newton ne laissera sûre-
ment pas sur cette planète ... des ouvriers volontairement inuti-
les dans l'atelier." 3*) p. 64.
2. "Catéchisme polilique des industriels" [186]
Da Stein diese Schrift gewöhnlich als "Catéchisme des indu-
striels" zitiert, so kennt Herr Grün keinen andern Titel. Die An-
gabe des richtigen T i t e l s wenigstens wäre um so eher von
Herrn Grün zu verlangen gewesen, als er da, wo er ex officio 4*)
von dieser Schrift spricht, ihr nur zehn Zeilen dediziert.
Nachdem Herr Grün aus Stein abgeschrieben hat, daß Saint-Simon in
dieser Schrift der Arbeit die Herrschaft geben will, fährt er
fort:
"Die Welt teilt sich für ihn jetzt in Müßiggänger und Industri-
elle." p. 85.
Herr Grün begeht hier ein Falsum. Er schiebt dem "Catéchisme"
eine Unterscheidung unter, die er bei Stein viel später, bei Ge-
legenheit der saint-simomstischen Schule, vorfindet:
-----
1*) Arbeiter - 2*) "Alle Menschen werden arbeiten" - 3*) "Wenn
sein Gehirn nicht zur Arbeit taugt, wird er mit den Händen arbei-
ten müssen; denn Newton wird auf diesem Planeten sicher keine Ar-
beiter dulden, die in der Werkstatt willentlich unnütz sind." -
4*) von Amts wegen
#489# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün
-----
Stein, p. 206:
"Die Gesellschaft besteht gegenwärtig nur aus Müßiggängern und
Arbeitern." (Enfantin.)
Statt dieser untergeschobenen Einteilung findet sich im
"Catéchisme" die Einteilung in drei Klassen, die classes féodale,
intermédiaire et industrielle 1*), auf die Herr Grün natürlich
nicht eingehen konnte, ohne Stein abzuschreiben, da er den
"Catéchisme" selbst nicht kannte.
Herr Grün wiederholt hierauf noch einmal, daß die Herrschaft der
Arbeit der Inhalt des "Catéchisme" ist, und Schließt dann seine
Charakteristik dieser Schrift folgendermaßen:
"Wie der Republikanismus sagt: Alles für das Volk, Alles durch
das Volk, so sagt Saint-Simon: Alles für die Industrie, Alles
durch die Industrie." (ibid.)
Stein, p. 165:
"Da Alles durch die Industrie geschieht, so muß auch Alles für
sie geschehen."
Wie Stein richtig angibt (p. 160, Note), findet sich bereits auf
der Schrift Saint-Simons "L'industrie" von 1817 das Motto: Tout
par l'industrie, tout pour elle 2*). Herrn Grüns Charakteristik
des "Catéchisme" besteht also darin, daß er, außer dem obigen
Falsum, das Motto einer viel früheren Schrift, die er gar nicht
kennt, falsch zitiert.
Hiermit hat die deutsche Gründlichkeit den "Catéchisme politique
des industriels" hinreichend kritisiert. Wir finden indes noch an
andern sehr zerstreuten Stellen des Grünschen Sammelsuriums ein-
zelne hieher gehörige Glossen. Herr Grün verteilt mit innerem
Vergnügen über seine eigene Schlauheit die Sachen, die er bei St-
eins Charakteristik dieser Schrift zusammenfindet, und verarbei-
tet sie mit anerkennenswerter Courage:
Herr Grün, p. 87:
"Die freie Konkurrenz war ein unreiner, ein konfuser Begriff, ein
Begriff, der in sich selbst eine neue Welt von Kampf und Unglück
enthielt, den Kampf zwischen Kapital und Arbeit und das Unglück
des kapitallosen Arbeiters. Saint-Simon r e i n i g t e d e n
B e g r i f f d e r I n d u s t r i e, e r r e d u z i e r-
t e i h n a u f d e n B e g r i f f d e r A r b e i t e r,
er formulierte die Rechte und Beschwerden des v i e r t e n
S t a n d e s, des Proletariats. Er mußte das Erbrecht aufheben,
weil es zum Unrecht am Arbeiter, am Industriellen wurde. Diese
Bedeutung hat sein 'Katechismus der Industriellen'."
Herr Grün fand bei Stein, p. 169, bei Gelegenheit des "Caté-
chisme":
"Das ist mithin die wahre Bedeutung Saint-Simons, diesen Gegen-
satz" (von Bourgeoisie und peuple 3*)) "als einen bestimmten vor-
ausgesehen zu haben."
-----
1*) feudale, mittlere und industrielle Klasse [187] - 2*) Alles
durch die Industrie, alles für sie - 3*) Volk
#490# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
Dies das Original zu der "B e d e u t u n g" des "Katechismus"
bei Herrn Grün. Stein:
"Er" (Saint-Simon im "Catéchisme") "beginnt mit dem B e-
g r i f f des industriellen Arbeiters."
Hieraus macht Herr Grün den kolossalen Unsinn, daß Saint-Simon,
der die freie Konkurrenz als einen "u n r e i n e n B e-
g r i f f" vorfand, "den B e g r i f f d e r I n d u-
s t r i e reinigte und ihn auf den B e g r i f f d e r A r-
b e i t e r reduzierte". Daß der Begriff des Herrn Grün von der
freien Konkurrenz und Industrie ein sehr "unreiner" und "kon-
fuser" ist, zeigt er an allen Ecken.
Noch nicht zufrieden mit diesem Unsinn, wagt er die direkte Lüge,
Saint-Simon habe die Aufhebung des Erbrechts verlangt.
Immer noch auf die Art gestützt, wie er den "Catéchisme" nach
Stein versteht, sagt er p. 88:
"Saint-Simon hatte die Rechte des Proletariats festgesetzt, er
hatte die neue Parole bereits ausgegeben: Die I n d u-
s t r i e l l e n, die A r b e i t e r sollen auf die erste
Stufe der Macht erhoben werden. Das war einseitig, aber jeder
Kampf führt die Einseitigkeit mit sich; wer nicht einseitig ist,
kann nicht kämpfen."
Herr Grün mit seiner schönrednerischen Maxime von der Einseitig-
keit begeht hier selbst die Einseitigkeit, den Stein dahin mißzu-
verstehen, Saint-Simon habe die eigentlichen Arbeiter, die
P r o l e t a r i e r, "auf die erste Stufe der Macht erheben"
wollen. Vgl. p. 102, wo über Michel Chevalier gesagt wird:
"M. Chevalier spricht noch mit sehr großer Teilnahme von den
I n d u s t r i e l l e n ... aber dem Jünger sind die Industri-
ellen nicht mehr die P r o l e t a r i e r, w i e d e m
M e i s t e r; er faßt Kapitalist, Unternehmer und Arbeiter in
einen Begriff zusammen, rechnet also die Müßiggänger mit zu einer
Kategorie, die nur die ärmste und zahlreichste Klasse umfassen
sollte."
Bei Saint-Simon gehören zu den Industriellen außer den Arbeitern
auch die fabricants, négociants 1*), kurz, s ä m t l i c h e
i n d u s t r i e l l e K a p i t a l i s t e n, an die er sich
sogar vorzugsweise adressiert. Herr Grün konnte dies bereits auf
der ersten Seite des "Catéchisme" finden. Man sieht aber, wie er,
ohne die Schrift selbst je gesehen zu haben, nach dem Hörensagen
belletristisch über sie phantasiert.
Bei seiner Besprechung des "Catéchisme" sagt Stein:
"Von ... kommt Saint-Simon zu einer G e s c h i c h t e d e r
I n d u s t r i e in ihrem Verhältnis zur Staatsgewalt ... er
ist der erste, der es zum Bewußtsein gebracht hat, daß in der
-----
1*) Fabrikanten, Kaufleute
#491# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün
-----
Wissenschaft der Industrie ein s t a a t l i c h e s Moment
verborgen liege ... es läßt sich nicht leugnen, daß ihm ein we-
sentlicher Anstoß gelungen ist. Denn erst seit ihm besitzt
Frankreich eine Histoire de l'economie politique" pp., p. 165,
170.
Stein selbst ist im höchsten Grade konfus, wenn er von einem
"staatlichen Moment" in "der Wissenschaft der Industrie" spricht.
Er zeigt indes, daß er eine richtige Ahnung hatte, indem er hin-
zufügt, daß die Geschichte des Staats aufs genaueste zusammen-
hänge mit der Geschichte der Volkswirtschaft.
Sehen wir, wie Herr Grün später, da er von der saint-simonisti-
schen Schule spricht, diesen Fetzen Steins sich aneignet.
"Saint-Simon hatte in seinem 'Katechismus der Industriellen' eine
G e s c h i c h t e d e r I n d u s t r i e versucht, indem er
das s t a a t l i c h e Element in ihr hervorhob. Der Meister
selbst brach a l s o die Bahn zur p o l i t i s c h e n
Ö k o n o m i e." p. 99.
Herr Grün verwandelt "also" zunächst das "staatliche M o-
m e n t" Steins in ein "staatliches E l e m e n t" und macht
es zu einer sinnlosen Phrase, indem er die näheren Data, die
Stein gegeben hatte, wegläßt. Dieser "Stein, den die Bauleute
verworfen haben", ist für Herrn Grün wirklich zum "Eckstein" sei-
ner "Briefe und Studien" geworden. Zugleich aber auch zum Stein
des Anstoßes. Aber noch mehr. Während Stein sagt, Saint-Simon
habe durch Hervorhebung dieses staatlichen Moments in der Wissen-
schaft der Industrie die Bahn gebrochen zur G e s c h i c h t e
der politischen Ökonomie, läßt Herr Grün ihn die Bahn zur
p o l i t i s c h e n Ö k o n o m i e s e l b s t brechen.
Herr Grün räsoniert etwa so: Ökonomie gab es bereits v o r
Saint-Simon; wie Stein erzählt, hob er das staatliche Moment in
der Industrie hervor, machte also die Ökonomie staatlich - staat-
liche Ökonomie = politische Ökonomie, also brach Saint-Simon die
Bahn zur politischen Ökonomie. Herr Grün verrät unleugbar einen
sehr heitern Geist bei Bildung seiner Konjekturen.
Der Art, wie Herr Grün Saint-Simon die Bahn zur politischen Öko-
nomie brechen läßt, entspricht die Art, wie er ihn die Bahn zum
wissenschaftlichen Sozialismus brechen läßt:
"Er" (der Saint-Simonismus) "enthält ... den wissenschaftlichen
Sozialismus, i n d e m Saint-Simon sein ganzes Leben lang nach
der neuen Wissenschaft suchte"! p. 82.
3. "Nouveau christianisme"
Herr Grün gibt in derselben glänzenden Weise wie bisher Auszüge
aus den Auszügen von Stein und Reybaud mit belletristischer Aus-
schmückung und unbarmherziger Zerreißung der bei diesen zusammen-
gehörigen Glieder.
#492# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
Wir geben nur ein Beispiel, um zu zeigen, daß er auch diese
Schrift nie in der Hand gehabt hat.
"Es galt für Saint-Simon, eine einheitliche Weltanschauung her-
stellen, wie sie für organische Geschichtsperioden paßt, die e r
a u s d r ü c k l i c h den kritischen gegenüberstellt. Seit Lu-
ther leben wir nach seiner Meinung in einer k r i t i s c h e n
Periode, er gedachte den Anfang der neuen o r g a n i s c h e n
Periode zu begründen. D a h e r das 'Neue Christentum'." p. 88.
Saint-Simon hat n i e und n i r g e n d s die organischen Ge-
schichtsperioden den kritischen gegenübergestellt. Herr Grün lügt
dies geradezu. Erst B a z a r d machte diese Einteilung. Herr
Grün fand bei Stein und Reybaud, daß im "Nouveau christianisme"
Saint-Simon die K r i t i k Luthers anerkennt, aber seine posi-
tive, dogmatische D o k t r i n mangelhaft findet. Herr Grün
wirft diesen Satz mit seinen Reminiszenzen aus ebendenselben
Quellen über die saint-simonistische S c h u l e zusammen und
fabriziert daraus seine obige Behauptung.
Nachdem Herr Grün in der geschilderten Weise über Saint-Simons
Leben und Werke mit einziger Benutzung von Stein und dessen Leit-
faden Reybaud einige belletristische Phrasen gemacht hat,
schließt er mit dem Ausruf:
"Und diesen Saint-Simon haben die Philister der Moral, Herr Rey-
baud und mit ihm die ganze Schar deutscher Nachschwätzer, in
Schutz nehmen zu müssen geglaubt, indem sie mit ihrer gewöhnli-
chen Weisheit orakelten, ein solcher Mensch, ein solches Leben
seien nicht nach g e w ö h n l i c h e n Maßstäben zu messen! -
Sagt doch, sind Eure Maßstäbe von Holz? Sprecht die Wahrheit, es
soll uns lieb sein, wenn sie von recht festem Eichenstamm sind.
Gebt sie her, wir wollen sie als ein kostbares Geschenk dankbar
hinnehmen, wir wollen sie nicht verbrennen, behüte! Wir wollen
den Rücken der Philister mit ihnen - messen." p. 89.
Durch solche belletristische burschikose Phrasen dokumentiert
Herr Grün seine Überlegenheit über seine Vorbilder.
4. Saint-simonistische Schule
Da Herr Grün von den Saint-Simonisten geradesoviel gelesen hat
wie von Saint-Simon selbst, nämlich Nichts, so hätte er wenig-
stens einen ordentlichen Auszug aus Stein und Reybaud machen, die
chronologische Reihenfolge beobachten, den Verlauf im Zusammen-
hange erzählen, die nötigen Punkte erwähnen sollen. Statt dessen
tut er, durch sein böses Gewissen verleitet, das Gegenteil, wirft
möglichst durcheinander, läßt die allernotwendigsten Dinge aus
und richtet eine Konfusion an, die noch größer ist als in seiner
Darstellung von Saint-Simon. Wir müssen uns hier noch kürzer fas-
sen,
#493# Dt. Ideologie · Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün
-----
da wir ein Buch schreiben müßten, so dick wie das des Herrn Grün,
um jedes Plagiat und jeden Schnitzer hervorzuheben.
Über die Zeit vom Tode Saint-Simons bis zur Julirevolution, die
Zeit, worin mit die bedeutendste theoretische Entwicklung des
Saint-Simonismus fällt, erfahren wir nichts: Hiermit fällt so-
gleich der bedeutendste Teil des Saint-Simonismus, die Kritik der
bestehenden Zustände, ganz fort für Herrn Grün. Es war in der Tat
auch schwer, hierüber etwas zu sagen, ohne die Quellen selbst,
namentlich die Journale, zu kennen.
Herr Grün eröffnet seinen Kursus über die Saint-Simonisten mit
folgendem Satze:
"Jedem nach seiner Fähigkeit, jeder Fähigkeit nach ihren Werken,
so heißt das praktische Dogma des Saint-Simonismus."
Wie Reybaud, p. 96, diesen Satz als Übergangspunkt von Saint-Si-
mon zu den Saint-Simonisten darstellt, so Herr Grün, der fort-
fährt:
"Es entspringt unmittelbar aus dem letzten Worte Saint-Simons:
allen Menschen die freiste Entwicklung ihrer Anlagen zu sichern."
Herr Grün wollte sich hier von Reybaud unterscheiden. Reybaud
knüpft dieses "praktische Dogma" an den "Nouveau christianisme"
an. Herr Grün hält dies für einen Einfalt Reybauds und substitu-
iert dem "Nouveau christianisme' ungeniert das letzte Wort Saint-
Simons. Er wußte nicht, daß Reybaud nur einen wörtlichen Auszug
aus der "Doctrine de Saint-Simon, Exposition, première année", p.
70, gab.
Herr Grün weiß sich nicht recht zu erklären, wie hier bei Rey-
baud, nach einigen Auszügen über die religiöse Hierarchie des
Saint-Simonismus, das "praktische Dogma" plötzlich hereinge-
schneit kommt. Während dieser Satz erst im Zusammenhang mit den
religiösen Ideen des "Nouveau christianisme" aufgefaßt auf eine
neue Hierarchie hinweisen kann, während er ohne diese Ideen
höchstens eine profane Klassifikation der Gesellschaft verlangt,
bildet sich Herr Grün ein, aus diesem Satze allein folge die
Hierarchie. Er sagt p. 91:
"Jedem nach seiner Fähigkeit, das heißt die katholische Hierar-
chie zum Gesetz der gesellschaftlichen Ordnung machen. Jeder Fä-
higkeit nach ihren Werken: das heißt auch noch die Werkstatt zur
Sakristei, auch noch das ganze bürgerliche Leben in eine Domäne
des Pfaffen verwandeln."
Bei Reybaud findet er nämlich im oben erwähnten Auszug aus der
Exposition:
"L'église vraiment universelle va paraître ... l'église univer-
selle gouverne le temporel comme le spirituel ... la science est
sainte, l'industrie est sainte ... et tout bien
#494# Karl Marx und Friedrich Engels
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est bien d'eglise et toute profession est une fonction religi-
euse, un grade dans la hierarchie sociale. - A chacun selon sa
capacité, á chaque capacité selon ses oeuvres." 1*)
Herr Grün hatte offenbar nur diese Stelle umzudrehen, nur die
vorhergehenden Sätze in Folgerungen aus dem Schlußsatz zu verwan-
deln, um seinen ganz unbegreiflichen Satz herauszubringen.
"So wirr und kraus gestaltet sich" die Grünsche Widerspiegelung
des Saint-Simonismus, daß er p. 90 erst aus dem "praktischen
Dogma" ein "geistiges Proletariat", aus diesem geistigen Proleta-
riat eine "Hierarchie der Geister" und aus dieser Hierarchie der
Geister eine Spitze der Hierarchie hervorgehen läßt. Hätte er
auch nur die Exposition gelesen, so würde er gesehen haben, wie
die religiöse Anschauungsweise des "Nouveau christianisme" in
Verbindung mit der Frage, wie denn die capacité festzustellen
sei, die Notwendigkeit der Hierarchie und ihrer Spitze herein-
bringt.
Mit dem Einen Satz "à chacun selon sa capacité, à chaque capacité
selon ses oeuvres" hat Herr Grün seine ganze Darstellung und Kri-
tik der Exposition von 1828/29 abgeschlossen. Den "Producteur"
[188] und "Organisateur" erwähnt er außerdem kaum einmal. Er
blättert in Reybaud und findet in dem Abschnitt "Dritte Epoche
des Saint-Simonismus", p. 126, Stein, p. 205:
"... et les jours suivants le Globe parut avec le sous-titre de
Journal de la doctrine de Saint-Simon, laquelle était résumée
ainsi sur la première page:
Religion
Science Industrie
Association universelle." 2*)
Herr Grün springt nun unmittelbar von dem obigen Satze ins Jahr
1831, indem er folgendermaßen Reybaud verarbeitet (p. 91):
"Die Saint-Simonisten stellten folgendes S c h e m a ihres Sy-
stems auf, dessen Formulierung besonders das Werk Bazards war:
Religion
Wissenschaft Industrie
Allgemeine Association."
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1*) "Die wahrhaft allumfassende Kirche wird erscheinen ... die
allumfassende Kirche regiert das Weltliche wie das Geistliche ...
die Wissenschaft ist heilig, die Industrie ist heilig ... und al-
les Gut ist Kirchengut, und jeder Beruf ist ein geistliches Amt,
ein Grad in der sozialen Hierarchie. - Jedem nach seiner Fähig-
keit, jeder Fähigkeit nach ihren Werken." - 2*) "... und in den
folgenden Tagen erschien der 'Globe' mit dem Untertitel
'Zeitschrift für die Lehre Saint-Simons', welche auf der ersten
Seite wie folgt z u s a m m e n g e f a ß t wurde:
Religion
Wissenschaft Industrie
Allumfassende Vereinigung"
#495# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün
-----
Herr Grün läßt drei Sätze fort, die ebenfalls auf dem Titel des
"Globe" [189] stehen und sich Alle auf praktische soziale Refor-
men beziehen. Sie finden sich sowohl bei Stein wie bei Reybaud.
Er tut dies, um dies bloße Aushängeschild eines Journals in ein
"Schema" des Systems verwandeln zu können. Er verschweigt, daß es
auf dem Titel des "Globe" stand, und kann nun im verstümmelten
Titel dieses Blattes den ganzen Saint-Simonismus durch die kluge
Bemerkung kritisieren, daß die Religion o b e n a n stehe. Er
konnte übrigens bei Stein finden, daß im "Globe" dies keineswegs
der Fall ist. Der "Globe" enthält, was Herr Grün freilich nicht
wissen konnte, die ausführlichsten und wichtigsten Kritiken der
bestehenden, besonders der ökonomischen Zustände.
Woher Herr Grün die neue, aber wichtige Nachricht hat, daß die
"Formulierung dieses Schemas" von vier Worten "b e s o n d e r s
das Werk B a z a r d s war", ist schwer zu sagen.
Vom Januar 1831 springt Herr Grün jetzt zurück zum Oktober 1830:
"Ein kurzes, aber umfassendes Glaubensbekenntnis adressierten die
Saint-Simonisten in der Periode Bazard" (woher die?) "kurz nach
der Julirevolution an die Deputiertenkammer, nachdem die Herren
Dupin und Mauguin sie von der Tribüne herab bezichtigt hatten,
Güter- und Weibergemeinschaft zu lehren."
Folgt nun diese Adresse, und macht Herr Grün darauf die Bemer-
kung:
"Wie vernünftig und gemessen ist das Alles noch. Bazard redi-
gierte die Eingabe an die Kammer." p. 92-94.
Was zunächst diese Schlußbemerkung betrifft, so sagt Stein, p.
205:
"Seiner Form und Haltung nach stehen wir keinen Augenblick an,
es" (dies Aktenstück) "mit Reybaud Bazard m e h r zuzuschreiben
als Enfantin."
Und Reybaud, p. 123:
"Aux formes, aux pretentions assez modérées de cet écrit il est
facile de voir qu'il provenait plutôt de l'impulsion de M. Bazard
que de celle de son collègue." 1*)
Herrn Grüns geniale Kühnheit verwandelt Reybauds Vermutung, daß
Bazard eher als Enfantin den Anstoß zu dieser Adresse gab, in die
Gewißheit, daß er sie ganz redigierte. Der Übergang zu diesem Ak-
tenstück ist übersetzt aus Reybaud, p. 122:
"MM. Dupin et Mauguin signalèrent du haut de la tribune une secte
qui prechait la communaute des biens et la communauté des fem-
mes." 2*)
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1*) "An den Formen, an den ziemlich gemäßigten Forderungen dieser
Schrift sieht man leicht, daß sie e h e r dem Anstoß des Herrn
Bazard als dem seines Kollegen entsprang." - 2*) "Die Herren Du-
pin und Mauguin wiesen von der Tribüne herab auf eine Sekte hin,
die Güter- und Weibergemeinschaft predige."
#496# Karl Marx und Friedrich Engels
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Nur läßt Herr Grün das von Reybaud gegebne Datum weg und sagt da-
für: "kurz nach der Julirevolution". Die Chronologie paßt über-
haupt nicht m die Art des Herrn Grün, sich von seinen Vorgängern
zu emanzipieren. Von Stein unterscheidet er sich hier, indem er
in den Text setzt, was bei Stein in einer Note steht, indem er
den Eingangspassus der Adresse wegläßt, indem er fonds de produc-
tion (produktives Kapital) mit "G r u n d v e r m ö g e n" und
classement social des individus (gesellschaftliche Klassifizie-
rung der Individuen) mit "gesellschaftliche Ordnung der Einzel-
nen" übersetzt.
Folgen nun einige liederliche Notizen über die Geschichte der
saint-simonistischen Schule, welche mit derselben künstlerischen
Plastik aus Stein, Reybaud und L. Blanc zusammengewürfelt sind
wie oben das Leben Saint-Simons. Wir überlassen dem Leser, diese
im Buche selbst nachzusehen.
Wir haben dem Leser jetzt Alles mitgeteilt, was Herr Grün vom
Saint-Simonismus in der Periode Bazard, d.h. seit dem Tode Saint-
Simons bis zum ersten Schisma, zu sagen weiß. Er kann jetzt einen
belletristisch-kritischen Trumpf ausspielen, indem er Bazard
einen "schlechten Dialektiker" nennt und fortfährt:
"Aber so sind die Republikaner. Sie wissen nur zu sterben, Cato
wie Bazard; wenn sie sich nicht erdolchen, lassen sie sich d al
s H e r z b r e c h e n." p. 95.
"Wenige Monate nach diesem Streite b r a c h i h m" (Bazard)
"d a s H e r z." Stein, p. 210.
Wie richtig die Bemerkung des Herrn Grün ist, beweisen Republika-
ner wie Levasseur, Carnot, Barere, Billaud-Varennes, Buonarroti,
Teste, d'Argenson etc. etc.
Folgen nun einige banale Phrasen über Enfantin, wo wir bloß auf
folgende Entdeckung des Herrn Grün aufmerksam machen:
"Wird es an dieser geschichtlichen Erscheinung endlich klar, daß
die Religion nichts ist als Sensualismus, daß der Materialismus
kühn denselben Ursprung in Anspruch nehmen darf wie das heilige
Dogma selbst?" p. 97.
Herr Grün blickt selbstgefällig um sich: "Hat wohl schon Jemand
d a r a n g e d a c h t?" Er würde nie "daran gedacht" haben,
wenn nicht schon die "Hallischen Jahrbücher "bei Gelegenheit der
Romantiker "daran gedacht" hätten. [190] Man hätte übrigens
hoffen können, daß seit der Zeit Herr Grün weiter gedacht hätte.
Herr Grün weiß, wie wir gesehen haben, von der ganzen ökonomi-
schen Kritik der Saint-Simonisten Nichts. Indessen benutzt er En-
fantin, um auch über die ökonomischen Konsequenzen Saint-Simons,
von denen er schon oben fabelte, ein Wort zu sagen. Er findet
nämlich bei Reybaud, p. 129 seqq., und Stein, p. 206, Auszüge aus
der "Politischen Ökonomie" Enfantins, verfälscht
#497# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün
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fälscht aber auch hier, indem er die Aufhebung der Steuern auf
die notwendigsten Lebensbedürfnisse, welche Reybaud und Stein
nach Enfantin richtig als Konsequenz der Vorschläge über das Erb-
recht darstellen, zu einer gleichgültigen, unabhängigen Maßregel
n e b e n diesen Vorschlägen macht. Er beweist auch darin seine
Originalität, daß er die chronologische Ordnung verfälscht, zu-
erst vom P r i e s t e r Enfantin und Ménilmontant [191] und
dann vom Ö k o n o m e n Enfantin spricht, während seine Vor-
gänger die Ökonomie Enfantins in der Periode Bazard gleichzeitig
mit dem "Globe" behandeln, für den sie geschrieben wurde. [192]
Wenn er hier die Periode Bazard in die Periode Ménilmontant her-
einzieht, so zieht er später, wo er von der Ökonomie und M.
Chevalier spricht, wieder die Periode von Ménilmontant herein.
Das "Livre nouveau" [103] gibt ihm hiezu Gelegenheit, und wie ge-
wöhnlich verwandelt er die Vermutung Reybauds, daß M. Chevalier
der Verfasser dieser Schrift sei, in eine kategorische Behaup-
tung.
Herr Grün hat jetzt den Saint-Simomsmus "in seiner Gesamtheit"
(p. 82) dargestellt. Er hat sein Versprechen gehalten, "ihn nicht
in seine Literatur hinein kritisch zu verfolgen" (ibid.), und hat
sich daher in eine ganz andere "Literatur", in Stein und Reybaud,
höchst unkritisch verwickelt. Zum Ersatz gibt er uns einige Auf-
schlüsse über M. Chevaliers ökonomische Vorlesungen von 1841/42,
wo er längst aufgehört hatte, Saint-Simonist zu sein. Herrn Grün
lag nämlich, als er über den Saint-Simonismus schrieb, eine Kri-
tik dieser Vorlesungen in der "Revue des deux Mondes" vor, die er
in derselben Weise benutzen konnte wie bisher Stein und Reybaud.
Wir geben nur eine Probe seiner kritischen Einsicht:
"Er behauptet dann, es würde nicht genug produziert. Das ist ein
Wort, ganz würdig der alten ökonomischen Schule mit ihren verro-
steten Einseitigkeiten ... Solange die politische Ökonomie nicht
einsieht, daß die Produktion abhängig von der Konsumtion ist, so-
lange kommt diese sogenannte Wissenschaft auf keinen grünen
Zweig." p. 102.
Man sieht, wie Herr Grün mit den ihm vom wahren Sozialismus über-
lieferten Phrasen über Konsumtion und Produktion weit über jedes
ökonomische Werk erhaben dasteht. Abgesehen davon, daß er in je-
dem Ökonomen finden kann, daß die Zufuhr auch von der Nachfrage,
d.h. die Produktion von der Konsumtion abhängt, gibt es in
Frankreich sogar eine eigne ökonomische Schule, die von Sismondi,
die die Produktion in einer andern Weise von der Konsumtion ab-
hängig machen will, als dies durch die freie Konkurrenz ohnehin
der Fall ist, und die den entschiedensten Gegensatz bildet zu den
von Herrn Grün angefeindeten Ökonomen. Wir werden Herrn Grün üb-
rigens erst später mit dem ihm anvertrauten Pfunde, der Einheit
von Produktion und Konsumtion, mit Erfolg wuchern sehen.
#498# Karl Marx und Friedrich Engels
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Herr Grün entschädigt den Leser für die durch seine dünnen, ver-
fälschten und mit Phrasen adulterierten Auszüge aus Stein und
Reybaud erregte Langeweile durch folgendes jungdeutsch sprühen-
des, humanistisch glühendes und sozialistisch blühendes Raketen-
feuer:
"Der ganze Saint-Simonismus als soziales System war nichts weiter
als ein Sprudelregen von Gedanken, den eine wohltätige Wolke über
den Boden Frankreichs ausgoß" (früher p. 82, 83 eine "Lichtmasse,
aber noch als Lichtchaos" (!), "nicht als g e o r d n e t e
H e l l e" !!)·"Er war ein Schaustück von der erschütterndsten
und lustigsten Wirkung zugleich. Der Dichter starb noch vor der
Aufführung, der eine Regisseur während der Vorstellung; die übri-
gen Regisseure und sämtliche Schauspieler legten ihre Kostüme ab,
schlüpften in ihre bürgerlichen Kleider hinein, gingen heim und
taten, als sei Nichts vorgefallen. Es war ein Schauspiel, ein in-
teressantes, zuletzt etwas verwirrt, einige Akteure chargierten -
das war Alles." p. 104.
Wie richtig hat Heine seine Nachkläffer beurteilt: "Ich habe Dra-
chenzähne gesäet und Flöhe geerntet."
Fourierismus
Außer einigen Übersetzungen über die Liebe aus den "Quatre mou-
vements" [194] erfahren wir auch hier nichts, was nicht schon bei
Stein vollständiger ist. Die Moral fertigt Herr Grün mit einem
Satze ab, der schon lange vor Fourier von hundert anderen
Schriftstellern gesagt war:
"Die Moral ist nach Fourier weiter nichts als der systematische
Versuch, die Leidenschaften der Menschen zu unterdrücken." p.
147.
Die christliche Moral hat sich selbst nie anders definiert. Auf
Fouriers Kritik der jetzigen Landwirtschaft und Industrie geht
Herr Grün gar nicht ein und begnügt sich, zur Kritik des Handels
einige allgemeine Sätze aus der Einleitung ("Origine de
l'économie politique et de la controverse mercantile" 1*), p.
332, 334 der "Quatre mouvements") zu einem Abschnitt der "Quatre
mouvements" zu übersetzen. Folgen dann einige Auszüge aus den
"Quatre mouvements" und einer aus dem "Traité de l'association"
[155] über die französische Revolution, nebst den schon aus Stein
bekannten Tabellen über die Zivilisation. So wird der kritische
Teil Fouriers, der wichtigste, auf 28 Seiten wörtlicher
Übersetzungen, die sich mit sehr wenigen Ausnahmen auf das
Allerallgemeinste und Abstrakteste beschränken und Wichtiges und
Unwichtiges durcheinanderwerfen, mit der größten Oberflächlich-
keit und Hast abgefertigt.
-----
1*) Ursprung der politischen Ökonomie und der Kontroverse über
den Handel"
#499# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün
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Herr Grün geht nun zur Darstellung des Fourierschen Systems über.
Vollständigeres und Besseres liegt längst in der schon von Stein
zitierten Schrift von Chouroa [195] vor. Herr Grün hält es zwar
für "unumgänglich nötig", tiefe Aufschlüsse über die Serien Fou-
riers zu geben, weiß aber zu diesem Behufe nichts Besseres zu
tun, als wörtliche Zitate aus Fourier selbst zu übersetzen und
später, wie wir sehen werden, einige belletristische Phrasen über
die Zahl zu machen. Er denkt nicht daran, zu zeigen, wie Fourier
auf die Serien kam und wie er und seine Schüler Serien konstru-
iert haben; er gibt nicht den geringsten Aufschluß über die in-
nere Konstruktion dieser Serien. Derartige Konstruktionen, gerade
wie die Hegelsche Methode, werden nur kritisiert, indem man auf-
zeigt, wie sie zu machen sind, und dadurch beweist, daß man Herr
über sie ist.
Bei Herrn Grün tritt endlich ganz in den Hintergrund, was Stein
wenigstens einigermaßen hervorhebt, der Gegensatz von travail ré-
pugnant 1*) und travail attrayant 2*).
Die Hauptsache bei dieser ganzen Darstellung ist die Kritik Fou-
riers durch Herrn Grün. Wir rufen dem Leser ins Gedächtnis zu-
rück, was wir schon oben über die Quellen der Grünschen Kritik
sagten, und werden nun an einigen Beispielen zeigen, wie Herr
Grün die Sätze des wahren Sozialismus erst akzeptiert und dann
übertreibt und verfälscht. Daß die Fouriersche Teilung zwischen
Kapital, Talent und Arbeit einen prächtigen Stoff zu breiter
Klugtuerei bietet, daß man hier über die Unmöglichkeit und Unge-
rechtigkeit der Teilung, über das Hereinkommen der Lohnarbeit
usw. weitläufiges Gerede machen kann, ohne diese Teilung aus dem
w i r k l i c h e n Verhältnis von Arbeit und Kapital zu kriti-
sieren, bedarf keiner weiteren Erwähnung. Proudhon hat das vor
Herrn Grün schon Alles unendlich besser gesagt, ohne damit den
Kern der Frage auch nur berührt zu haben.
Die Kritik der P s y c h o l o g i e Fouriers schöpft Herr
Grün, wie seine ganze Kritik, aus dem "Wesen des Menschen":
"Denn das menschliche Wesen ist Alles in Allem." p. 190.
"Fourier appelliert ebenfalls an dies menschliche Wesen, dessen
inneres Gehäuse " (!) "er uns auf seine Weise in der Tafel der
zwölf Leidenschaften enthüllt; auch er will, was alle redlichen
und vernünftigen Köpfe wollen, das innere Wesen des Menschen zur
Wirklichkeit, z u r P r a x i s machen. Was drinnen ist, soll
auch draußen sein, und so d e r U n t e r s c h i e d z w i-
s c h e n d r i n n e n u n d d r a u ß e n ü b e r h a u p t
a u f g e h o b e n w e r d e n. Die Geschichte der Menschheit
wimmelt von Sozialisten, wenn wir sie an diesem Merkmale erkennen
wollen ... es kommt bei Jedem nur darauf an, was er sich unter
dem W e s e n d e s M e n s c h e n denkt." p. 190.
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1*) abstoßender Arbeit - 2*) anziehender Arbeit
#500# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
Oder vielmehr, es kommt den wahren Sozialisten nur darauf an, Je-
dem Gedanken über das Wesen des Menschen unterzuschieben und die
verschiedenen Stufen des Sozialismus in verschiedne Philosophien
des Wesens des Menschen zu verwandeln. Diese ungeschichtliche Ab-
straktion verleitet hier Herrn Grün dazu, die Aufhebung alles Un-
terschiedes zwischen Innen und Außen zu proklamieren, eine Aufhe-
bung, die sogar der Fortpflanzung des Wesens des Menschen ein
Ende machen würde. Man sieht übrigens gar nicht ein, weshalb die
Deutschen so erschrecklich mit ihrer Weisheit vom Wesen des Men-
schen renommieren, da ihre ganze Weisheit, die drei allgemeinen
Eigenschaften, Verstand, Herz und Wille, bereits seit Aristoteles
und den Stoikern ziemlich allgemein bekannt sind. Von diesem
Standpunkt auswirft Herr Grün Fourier vor, daß er den Menschen in
zwölf Leidenschaften "zerklüftet".
"Von der Vollständigkeit dieser Tafel, p s y c h o l o g i s c h
gesprochen, will ich gar nicht reden; ich halte sie für ungenü-
gend" - (wobei sich, "psychologisch gesprochen", das Publikum be-
ruhigen mag). - "Weiß man etwa durch diese Zwölfzahl, w a s der
Mensch ist? Noch keinen Augenblick. Fourier hätte ebensogut bloß
die fünf Sensitiven nennen können; in ihnen liegt d e r
g a n z e M e n s c h, wenn man sie erklärt, wenn man den men-
schlichen Inhalt derselben zu deuten versteht" (als wenn dieser
"menschliche Inhalt" nicht ganz von der Stufe der Produktion und
des Verkehrs der Menschen abhinge). "Ja, der Mensch liegt ganz
allein in E i n e m Sinne, im Gefühle, erfühlt anders als das
Tier" pp., p. 205.
Man sieht, wie Herr Grün, hier zum ersten Male im ganzen Buche,
sich anstrengt, um vom Feuerbachschen Standpunkte nur irgend et-
was über Fouriers Psychologie zu sagen. Man sieht ebenfalls,
welch eine Phantasie dieser "ganze Mensch" ist, der in einer ein-
zigen Eigenschaft eines wirklichen Individuums "liegt" und vom
Philosophen aus ihr heraus interpretiert wird; was das überhaupt
für ein "Mensch" ist, der nicht in seiner wirklichen geschichtli-
chen Tätigkeit und Dasein angeschaut wird, sondern aus seinem
eignen Ohrläppchen oder sonstigen Unterscheidungsmerkmal vom Tier
gefolgert werden kann. Dieser Mensch "liegt" in sich selbst, wie
sein eigner Komedon. Daß das menschliche Gefühl menschlich und
nicht tierisch ist, diese Einsicht macht natürlich nicht nur je-
den psychologischen Versuch überflüssig, sondern ist auch
zugleich die Kritik aller Psychologie.
Fouriers Behandlung der Liebe kann Herr Grün sehr leicht kriti-
sieren, indem er dessen Kritik der jetzigen Liebesverhältnisse an
den Phantasien mißt, in denen Fourier sich eine Anschauung von
der freien Liebe zu geben suchte. Herr Grün nimmt diese Phanta-
sien ernsthaft als echter deutscher Philister. Sie sind das Ein-
zige, das er ernsthaft nimmt. Wollte er einmal auf
#501# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün
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diese Seite des Systems eingehen, so ist nicht abzusehen, weshalb
er nicht auch auf Fouriers Ausführungen über Erziehung einging,
die bei weitem das beste sind, was in dieser Art existiert, und
die genialsten Beobachtungen enthalten. Übrigens verrät Herr Grün
bei Gelegenheit der Liebe, wie wenig er als echter jungdeutscher
Belletrist von Fouriers Kritik gelernt hat. Er meint, es sei ei-
nerlei, ob man von der Aufhebung der Ehe oder des Privateigentums
ausgehe, eins müsse immer das Andre nach sich ziehen. Es ist aber
reine belletristische Phantasie, von einer andern Auflösung der
Ehe, als wie sie sich schon jetzt in der bürgerlichen Gesell-
schaft praktisch vorfindet, a u s g e h e n zu wollen. Bei Fou-
rier selbst konnte er finden, daß dieser überall nur von der Um-
änderung der Produktion ausgeht.
Es nimmt Herrn Grün wunder, daß Fourier, der doch überall von der
Neigung (soll heißen Attraktion) ausgeht, allerlei "mathema-
tische" Versuche macht, weshalb er auch p. 203 der "mathematische
Sozialist" genannt wird. Selbst die ganzen Lebensverhältnisse
Fouriers aus dem Spiel gelassen, hätte Herr Grün auf die
Attraktion näher eingehen müssen, wo er sehr bald gefunden haben
würde, daß solch ein Naturverhältnis nicht ohne Berechnung näher
bestimmt werden kann. Statt dessen regaliert er uns mit einer
belletristischen, mit Hegelschen Traditionen verquickten
Philippika gegen die Zahl, worin Stellen vorkommen wie:
Fourier "berechnet die Moleküle Deines abnormsten Geschmackes",
ein wahres Wunder - ferner:
"Die so hart befehdete Zivilisation beruhte auf dem herzlosen
Einmaleins ... die Zahl ist nichts Bestimmtes ... Was ist Eins?
Die Eins hat keine Ruhe, sie wird Zwei, Drei, Vier" -
es geht ihr wie dem deutschen Landpfarrer, der auch "keine Ruhe"
hat, bis er eine Frau und neun Kinder hat ...
"Die Zahl tötet alles Wesentliche und Wirkliche, was ist eine
halbe Vernunft, was ist ein Drittel Wahrheit" -
er hätte auch fragen können: Was ist ein grün angelaufener Log-
arithmus? ...
bei der organischen Entwicklung wird die Zahl verrückt" ...
ein Satz, worauf die Physiologie und organische Chemie beruhen,
(p. 203, 204.)
"Wer die Zahl zum Maße der Dinge nimmt, der wird, nein - der
i s t ein Egoist."
An diesen Satz kann er den ihm von Heß überlieferten (s. oben)
übertreibend anknüpfen:
"Der ganze Fouriersche Organisationsplan beruht auf Nichts als
auf Egoismus ... der ärgste Ausdruck des zivilisierten Egoismus
ist gerade Fourier." p. 206, 208.
#502# Karl Marx und Friedrich Engels
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Er beweist dies sogleich, indem er erzählt, wie in der Fourier-
schen Weltordnung der Ärmste täglich von 40 Schüsseln speist, 5
Mahlzeiten täglich genommen werden, die Leute 144 Jahre alt wer-
den und dergl. mehr. Die kolossale Anschauung der Menschen, die
Fourier der bescheidnen Mittelmäßigkeit der Restaurationsmenschen
mit naivem Humor gegenüberstellt, gibt Herrn Grün bloß Gelegen-
heit, die unschuldigste Seite herauszunehmen und darüber morali-
sche Philisterglossen zu machen.
Indem Herr Grün Fourier Vorwürfe macht über seine Auffassung der
französischen Revolution, gibt er zugleich einen Vorschmack sei-
ner eignen Einsicht in die Revolutionszeit:
"Hätte man nur vierzig Jahre früher um die Assoziation gewußt"
(läßt er Fourier sagen), "so wäre die Revolution vermieden wor-
den. Wie kam es denn aber" (fragt Herr Grün), "daß der Minister
Turgot das Recht zur Arbeit kannte und daß dennoch der Kopf Lud-
wigs XVI. fiel? Mit dem Rechte zur Arbeit hätte man doch leichter
als mit Hühnereiern die Staatsschuld bezahlen können." p. 211.
Herr Grün übersieht nur die Bagatelle, daß das Recht zur Arbeit,
wovon Turgot spricht, die freie Konkurrenz ist, und daß ebendiese
freie Konkurrenz die Revolution nötig hatte, um sich durchzuset-
zen.
Herr Grün kann seine ganze Kritik Fouriers zusammenfassen in dem
Satz, daß Fourier "die Zivilisation" keiner "gründlichen Kritik"
unterworfen habe. Und warum tat Fourier dies nicht? Man höre:
"Sie ist kritisiert worden in ihren E r s c h e i n u n g e n,
nicht in ihren G r u n d l a g e n; sie ist als D a s e i e n-
d e s perhorresziert, lächerlich gemacht, in ihrer W u r z e l
aber nicht untersucht worden. Weder die P o l i t i k noch die
R e l i g i o n sind vor das Forum der Kritik gezogen worden,
und deshalb blieb das W e s e n d e s M e n s c h e n un-
untersucht." p. 209.
Herr Grün erklärt hier also die wirklichen Lebensverhältnisse der
Menschen für E r s c h e i n u n g e n, Religion und Politik
aber für die G r u n d l a g e u n d W u r z e l dieser Er-
scheinungen. Man sieht an diesem abgeschmackten Satze, wie die
wahren Sozialisten die ideologischen Phrasen der deutschen Philo-
sophie gegenüber den wirklichen Darstellungen französischer So-
zialisten als höhere Wahrheit geltend machen und zugleich, wie
sie ihr eigentliches Objekt, das Wesen des Menschen, mit den Re-
sultaten der französischen Kritik der Gesellschaft zu verbinden
streben. Daß, wenn Religion und Politik als Grundlage der materi-
ellen Lebensverhältnisse gefaßt werden, Alles in letzter Instanz
auf Untersuchungen über das Wesen des Menschen, d. h. über das
Bewußtsein des Menschen von sich selbst ausläuft, ist ganz natür-
lich. - Man sieht zugleich, wie wenig es dem Herrn Grün darauf
ankommt, was er abschreibt; an einer späteren Stelle, wie auch in
den "Rheinischen] Jahrbüchern",
#503# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün
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eignet er sich in seiner Weise an, was in den "Deutsch-Französi-
schen Jahrbüchern" über das Verhältnis von citoyen und bourgeois
gesagt war 1*) und was dem obigen Satze direkt widerspricht.
Wir haben dem Leser bis zuletzt die Ausführung des vom wahren So-
zialismus Herrn Grün anvertrauten Satzes über Produktion und Kon-
sumtion vorbehalten. Sie ist ein schlagendes Exempel, wie Herr
Grün die Sätze des wahren Sozialismus als Maßstab an die Leistun-
gen der Franzosen legt und sie dadurch, daß er sie aus ihrer völ-
ligen Unbestimmtheit herausreißt, als vollständigen Unsinn dar-
legt.
"Produktion und Konsumtion lassen sich m der Theorie und in der
ä u ß e r n W i r k l i c h k e i t zeitlich und räumlich tren-
nen, dem Wesen nach sind sie nur Eins. Ist nicht die Tätigkeit
des gewöhnlichsten Gewerbes, z.B. des Brotbackens, eine Produk-
tion, welche für hundert Andre zur Konsumtion wird ? Ja, welche
es für den Backenden selbst ist, der ja Korn, Wasser, Milch, Eier
pp. konsumiert? Ist die Konsumtion von Schuhen und Kleidern nicht
die Produktion bei Schustern und Schneidern? ... Produziere ich
nicht, wenn ich Brot esse? Ich produziere ungeheuer, ich produ-
ziere Mühlen, Backtröge, Backöfen und folglich Pflüge, Eggen,
Dreschflegel, Mühlräder, Schreinerarbeit, Maurerarbeit" ("und
folglich" Schreiner, Maurer und Bauern, "folglich" ihre Eltern,
"folglich" alle ihre Vorfahren, "folglich" Adam). "Konsumiere ich
nicht, wenn ich produziere? Ebenfalls ungeheuer ... Lese ich ein
Buch, so konsumiere ich zwar zunächst das Produkt ganzer Jahre,
wenn ich es für mich behalte oder verderbe, ich konsumiere den
Stoff und die Tätigkeit der Papierfabrik, der Buchdruckerei, des
Buchbinders. Produziere ich aber nichts? Ich produziere viel-
leicht ein neues Buch, und dadurch neues Papier, neue Typen, neue
Druckerschwärze, neue Buchbinderwerkzeuge; lese ich es bloß, und
lesen es tausend Andre auch, so produzieren wir durch unsre Kon-
sumtion eine neue Auflage und dadurch alle jene Materialien, die
zur Beschaffung derselben erforderlich sind. Die Alles das ver-
fertigen, konsumieren wieder eine Masse Rohmaterial, das aber
produziert werden will und nur durch Konsumtion produziert werden
kann . . . Mit Einem Worte, T ä t i g k e i t und G e n u ß
sind Eins, eine verkehrte Welt hat sie nur auseinandergerissen,
hat den Begriff des W e r t e s und P r e i s e s zwischen
Beide hineingeschoben, durch diesen Begriff den Menschen mitten
auseinandergerissen und mit dem Menschen die Gesellschaft." p.
191, 192.
Produktion und Konsumtion stehen in der Wirklichkeit vielfach im
Widerspruch gegeneinander. Man braucht aber nur diesen Wider-
spruch wahrhaft zu i n t e r p r e t i e r e n, das wahre
W e s e n der Produktion und Konsumtion zu b e g r e i f e n,
um die Einheit Beider herzustellen und allen Widerspruch aufzuhe-
ben. Diese deutsch-ideologische Theorie paßt daher auch ganz vor-
trefflich auf die bestehende Welt; die Einheit von Produktion und
Konsumtion wird an Exempeln aus der gegenwärtigen Gesellschaft
bewiesen, sie existiert a n s i c h.
-----
1*=) Siehe Bd. 1 unserer Ausgabe, S. 355, und vorl. Bd., S. 127
und 156
#504# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
Herr Grün beweist vor allen Dingen, daß überhaupt ein Verhältnis
zwischen Produktion und Konsumtion existiert. Er setzt auseinan-
der, daß er keinen Rock tragen, kein Brot essen kann, ohne daß
Beides produziert ist, und daß es in der heutigen Gesellschaft
Leute gibt, die Röcke, Schuhe, Brot produzieren, von welchen Din-
gen andre Leute die Konsumenten sind. Herr Grün hält diese Ein-
sicht für neu. Er drückt sie in einer klassischen, belletristi-
schideologischen Sprache aus. Z.B.:
"Man glaubt, der Genuß des Kaffees, des Zuckers usw. sei bloße
Konsumtion; ist dieser Genuß aber nicht Produktion in den Kolo-
nien?"
Er hätte ebensogut fragen können: Ist dieser Genuß nicht der Ge-
nuß der Peitsche für den Negersklaven und die Produktion von Prü-
geln in den Kolonien? Man sieht, wie bei dieser überschwenglichen
Manier nichts als eine Apologie der bestehenden Zustände heraus-
kommt. Die zweite Einsicht des Herrn Grün besteht darin, daß er
konsumiert, wenn er produziert, nämlich das Rohmaterial, über-
haupt die Produktionskosten; dies ist die Einsicht, daß Nichts
aus Nichts wird, daß er M a t e r i a l haben muß. Er konnte in
jeder Ökonomie unter dem Kapitel "Reproduktive Konsumtion" ausge-
führt finden, welche verwickelten Beziehungen in dies Verhältnis
hereinkommen, wenn man sich nicht mit Herrn Grün auf die triviale
Erkenntnis beschränkt, daß man ohne Leder keine Stiefel machen
kann.
Bisher hat Herr Grün sich davon überzeugt, daß produziert werden
muß, um zu konsumieren, und daß bei der Produktion Rohmaterial
konsumiert wird. Die eigentliche Schwierigkeit für ihn beginnt
da, wo er beweisen will, daß er produziert, wenn er konsumiert.
Herr Grün macht hier einen gänzlich verfehlten Versuch, sich über
das allertrivialste und allgemeinste Verhältnis von Nachfrage und
Zufuhr ein geringes Licht zu verschaffen. Er bringt es zu der
Einsicht, daß seine Konsumtion, d. h. seine Nachfrage, neue Zu-
fuhr produziert. Er vergißt aber, daß seine Nachfrage eine
e f f e k t i v e Nachfrage sein, daß er ein Äquivalent für das
verlangte Produkt bieten muß, damit sie neue Produktion hervor-
rufe. Die Ökonomen beziehen sich ebenfalls auf die Untrennbarkeit
von Konsumtion und Produktion und die absolute Identität von
Nachfrage und Zufuhr, gerade wenn sie beweisen wollen, daß nie
Überproduktion stattfindet; aber so ungeschickte und triviale
Dinge wie Herr Grün bringen sie nicht vor. Übrigens ist diese Ma-
nier ganz dieselbe, wodurch alle Adlige, Pfaffen, Rentiers usw.
von jeher ihre Produktivität bewiesen haben. Herr Grün vergißt
ferner, daß Brot heutzutage durch Dampfmühlen, früher durch Wind-
und Wassermühlen, noch früher durch Handmühlen produziert wurde,
daß diese verschiedenen Produktionsweisen vom bloßen Brotessen
gänzlich unabhängig sind und also eine geschichtliche Entwicklung
#505# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün
-----
der Produktion hereinkommt, an die der "ungeheuer produzierende"
Herr Grün nicht denkt. Daß mit diesen verschiedenen Stufen der
Produktion auch verschiedene Verhältnisse der Produktion zur Kon-
sumtion, verschiedne Widersprüche Beider gegeben sind, daß diese
Widersprüche zu verstehen sind nur aus einer Betrachtung, zu lö-
sen nur durch eine praktische Veränderung der jedesmaligen Pro-
duktionsweise und des ganzen darauf basierenden gesellschaftli-
chen Zustandes, das ahnt Herr Grün nicht. Wenn Herr Grün in sei-
nen übrigen Beispielen an Trivialität schon unter den allerge-
wöhnlichsten Ökonomen steht, so beweist er bei seinem Beispiel
vom Buch, daß diese viel "menschlicher" sind als er. Sie verlan-
gen gar nicht, daß er, wenn er ein Buch konsumiert hat, sogleich
ein neues produziere! Sie sind damit zufrieden, daß er seine
eigne Bildung dadurch produziert und damit auf die Produktion
überhaupt günstig wirkt. Durch die Auslassung des Mittelgliedes,
der baren Zahlung, die Herr Grün durch bloße Abstraktion von ihr
überflüssig macht, wodurch seine Nachfrage erst e f f e k t i v
wird, verwandelt sich die reproduktive Konsumtion des Herrn Grün
in ein blaues Wunder. Er liest, und durch sein bloßes L e s e n
setzt er die Schriftgießer, Papierfabrikanten und Drucker in den
Stand, neue Typen, neues Papier, neue Bücher zu produzieren.
Seine bloße Konsumtion ersetzt allen diesen Leuten die Produkti-
onskosten. Wir haben übrigens bisher die Virtuosität hinreichend
nachgewiesen, womit Herr Grün aus alten Büchern neue Bücher her-
auszulesen und sich als Produzent von neuem Papier, neuen Typen,
neuer Druckerschwärze und neuen Buchbinderwerkzeugen um die kom-
merzielle Welt verdient zu machen weiß. Der erste Brief des Grün-
schen Buchs endet mit den Worten: "Ich stehe im Begriff, mich in
die Industrie zu stürzen." Nirgendwo im ganzen Buche verleugnet
Herr Grün diese seine Devise.
Worin bestand also die ganze Tätigkeit des Herrn Grün? Um den
Satz des wahren Sozialismus von der Einheit von Produktion und
Konsumtion zu beweisen, nimmt Herr Grün seine Zuflucht zu den
allertrivialsten Sätzen der Ökonomie über Nachfrage und Zufuhr,
und um diese wieder für seinen Zweck zurechtzustutzen, wirft er
aus ihnen die notwendigen Mittelglieder heraus und verwandelt sie
damit in reine Phantasien. Der Kern des Ganzen ist also eine un-
wissende und phantastische Verklärung der bestehenden Zustände.
Charakteristisch ist noch der sozialistische Schluß, worin er
wieder ganz seinen deutschen Vorgängern nachstammelt. Produktion
und Konsumtion sind getrennt, weil eine verkehrte Welt sie aus-
einandergerissen hat. Wie fing das diese verkehrte Welt an? Sie
schob einen B e g r i f f zwischen Beide. Durch diesen Schub
riß sie den Menschen m i t t e n a u s e i n a n d e r. Damit
nicht zufrieden,
#506# Karl Marx und Friedrich Engels
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reißt sie hierdurch die Gesellschaft, d. h. sich selbst, eben-
falls mitten auseinander. Diese Tragödie hat sich im Jahre 1845
zugetragen.
Die Einheit von Konsumtion und Produktion, die bei den wahren So-
zialisten ursprünglich die Bedeutung hat, daß die Tätigkeit
selbst Genuß bieten soll (bei ihnen freilich eine rein phantasti-
sche Vorstellung), wird von Herrn Grün dahin weiter bestimmt, daß
"Konsumtion und Produktion, ökonomisch gesprochen, s i c h
d e c k e n müssen" (p. 196), daß kein Überschuß der Produkten-
masse über die unmittelbaren Konsumtionsbedürfnisse stattfinden
darf, womit natürlich alle Bewegung ein Ende hat. Er wirft daher
auch Fourier mit wichtiger Miene vor, daß er diese Einheit durch
eine Ü b e r p r o d u k t i o n s t ö r e n wolle. Herr Grün
vergißt, daß die Überproduktion nur durch ihren Einfluß auf den
Tauschwert der Produkte Krisen hervorruft, und daß nicht nur bei
Fourier, sondern auch in der besten Welt des Herrn Grün der
Tauschwert verschwunden ist. Über diese philisterhafte Albernheit
ist weiter nichts zu sagen, als daß sie des wahren Sozialismus
würdig ist.
Herr Grün wiederholt an vielen Orten mit großer Selbstgefällig-
keit seinen Kommentar zur Theorie des wahren Sozialismus über
Produktion und Konsumtion. So auch bei Gelegenheit Proudhons:
"Predigt die soziale Freiheit der Konsumenten, so habt Ihr die
wahre Gleichheit der Produktion." p. 433.
Nichts leichter als das zu predigen! Der Fehler lag bisher bloß
daran,
"daß die Konsumenten nicht erzogen, nicht gebildet sind, daß
nicht Alle m e n s c h l i c h konsumieren", p. 432. "Dieser
Gesichtspunkt, daß die Konsumtion der Maßstab der Produktion ist,
nicht umgekehrt, ist der Tod jeder bisherigen ökonomischen An-
schauung." (ibid.) "Die wahre Solidarität der Menschen unterein-
ander macht sogar den Satz zur Wahrheit, daß die Konsumtion eines
Jeden die Konsumtion Aller zur Voraussetzung hat." (ibid.)
Die Konsumtion eines Jeden hat innerhalb der Konkurrenz plus ou
moins 1*) fortwährend die Konsumtion Aller zur Voraussetzung,
ebenso wie die Produktion eines Jeden die Produktion Aller. Es
handelt sich nur darum, w i e, in welcher Weise dies der Fall
ist. Hierauf antwortet Herr Grün nur mit dem moralischen Postulat
der m e n s c h l i c h e n Konsumtion, der Erkenntnis des
"wahren Wesens der Konsumtion" (p. 432). Da er von den wirklichen
Produktionsund Konsumtionsverhältnissen nichts weiß, so bleibt
ihm keine andre Zuflucht übrig als der letzte Schlupfwinkel der
wahren Sozialisten, das Wesen des Menschen. Aus demselben Grunde
beharrt er darauf, nicht von der
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1*) mehr oder weniger
#507# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün
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Produktion, sondern von der Konsumtion auszugehen. Wenn man von
der Produktion ausgeht, so muß man sich um die wirklichen Produk-
tionsbedingungen und die produktive Tätigkeit der Menschen beküm-
mern. Wenn man aber von der Konsumtion ausgeht, so kann man sich
bei der Erklärung, daß jetzt nicht "menschlich" konsumiert werde,
und bei dem Postulat der "menschlichen Konsumtion", der Erziehung
zur wahren Konsumtion und dergleichen Phrasen beruhigen, ohne
sich im Geringsten auf die wirklichen Lebensverhältnisse der Men-
schen und ihre Tätigkeit einzulassen.
Schließlich ist noch zu erwähnen, daß gerade die Ökonomen, die
von der Konsumtion ausgingen, reaktionär waren und das revolutio-
näre Element in der Konkurrenz und großen Industrie ignoriert ha-
ben.
Der "bornierte Papa Cabet" und Herr Grün
Herr Grün schließt seinen Exkurs über die fourieristische Schule
und Herrn Reybaud mit folgenden Worten:
"Ich will den Arbeitsorganisierern d a s B e w u ß t s e i n
i h r e s W e s e n s beibringen, ich will ihnen h i s t o-
r i s c h z e i g e n, woher sie stammen ... diesen Zwittern
... die auch n i c h t d e n m i n d e s t e n G e d a n-
k e n a u s s i c h s e l b s t g e s c h ö p f t h a b e n.
Und später werde ich vielleicht Raum finden, an dem Herrn Reybaud
ein Exempel zu statuieren, nicht nur an Herrn Reybaud, sondern
auch an Herrn Say. Im Grunde genommen ist der erstere so schlimm
nicht, er ist bloß dumm; der Zweite aber ist mehr als dumm, er
ist gelehrt.
Also." p. 260.
Die gladiatorische Stellung, in die sich Herr Grün wirft, seine
Drohungen gegen Reybaud, die Verachtung gegen die Gelehrsamkeit,
seine schmetternden Versprechungen, alles das sind sichre Zei-
chen, daß er hier mit großen Dingen schwanger geht. Im vollen
"Bewußtsein seines Wesens" ahnten wir aus diesen Symptomen, daß
Herr Grün im Begriffe stehe, einen der ungeheuerlichsten plagia-
rischen Coups auszuführen. Wenn man seiner Taktik einmal auf die
Spur gekommen ist, verliert seine Marktschreierei ihre Unschuld
und löst sich überall in eine pfiffige Berechnung auf.
"Also":
Folgt ein Kapitel mit der Überschrift:
"Die Organisation der Arbeit!"
"Wo wurde dieser Gedanke geboren? - In Frankreich. - Aber wie?"
Auch unter der Etikette:
"Rückblick auf das achtzehnte Jahrhundert."
#508# Karl Marx und Friedrich Engels
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"Wo wurde dies" Kapitel des Herrn Grün "geboren? In Frankreich.
Aber wie?" Das wird der Leser sogleich erfahren.
Noch einmal erinnre sich der Leser, daß Herr Grün hier den fran-
zösischen Arbeitsorganisierern das Bewußtsein ihres Wesens durch
eine historische Demonstration auf gründliche deutsche Weise bei-
bringen will.
Also.
Als Herr Grün gemerkt hatte, daß Cabet "borniert" und seine
"Mission eine längst in sieb abgeschlossene" sei, was er freilich
längst gemerkt hatte, hörte nicht "natürlich alles auf". Im Ge-
genteil, er gab dem Cabet die neue Mission, in einigen willkür-
lich zusammengewürfelten Zitaten den französischen "Hintergrund"
zu Herrn Grüns deutscher Geschichte der sozialistischen Entwick-
lung des 18. Jahrhunderts zu bilden.
Wie beginnt er dies? Er liest "p r o d u k t i v".
Cabet in seiner "Voyage en Icarie" würfelt im zwölften und drei-
zehnten Kapitel die Meinungen alter und neuer Autoritäten für den
Kommunismus zusammen. Er macht durchaus nicht die Prätension,
eine historische Bewegung zu schildern. Der Kommunismus gilt den
französischen Bourgeois für eine anrüchige Person. Gut, sagt Ca-
bet, ich werde Euch Zeugenbeweise der respektabelsten Männer al-
ler Zeiten beibringen, die für den Charakter meines Klienten ein-
stehen; und Cabet verfährt wie ein Advokat. Selbst die seinem
Klienten ungünstigen Zeugenaussagen verwandelt er in günstige.
Historische Treue ist in einem Plaidoyer nicht zu verlangen. Wenn
ein berühmter Mann gelegentlich einmal gegen das Geld, gegen die
Ungleichheit, gegen den Reichtum, gegen soziale Mißstände ein
Wort hat fallen lassen, Cabet hebt es auf, bittet es zu wiederho-
len, macht es zum Glaubensbekenntnis des Mannes, läßt es drucken,
klatscht in die Hände und ruft mit ironischer Bonhomie seinem ge-
ärgerten Bourgeois zu: Écoutez, écoutez, n'était-il pas communi-
ste? 1*) Da entgeht ihm keiner, nicht Montesquieu, nicht Sieyès,
nicht Lamartine, nicht einmal Guizot - alles Kommunisten malgré
eux 2*). Voilà mon communiste tout trouvé! 3*)
Herr Grün in seiner produktiven Laune liest die von Cabet für das
achtzehnte Jahrhundert gesammelten Zitate; er zweifelt keinen Au-
genblick, daß das alles seine Richtigkeit habe, er phantasiert
dem Leser einen mystischen Zusammenhang vor zwischen den Schrift-
stellern, die bei Cabet sich zufällig auf einer Seite begegnen,
er übergießt das Ganze mit seiner jungdeutsch-belletristischen
Jauche und tauft es dann wie oben.
Also.
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1*) Hört, hört, war er nicht Kommunist? - 2*) gegen ihren Willen.
- 3*) Da haben wir meinen Kommunisten ertappt!
#509# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Kar! Grün
-----
Herr Grün:
Herr Grün eröffnet seinen Rückblick mit folgenden Worten:
"Die soziale Idee ist nicht vom Himmel gefallen, sie ist orga-
nisch, d.h. im Wege der allmählichen Entwicklung entstanden. Ich
kann hier ihre vollständige Geschichte nicht schreiben, kann
nicht bei Indern und Chinesen beginnen, nach Persien, Ägypten und
Judäa übergehen, die Griechen und Römer um ihr gesellschaftliches
Bewußtsein fragen, das Christentum, den Neuplatonismus und die
Patristik verhören, das Mittelalter und die Araber reden lassen,
die Reformation und die erwachende Philosophie untersuchen und so
bis aufs achtzehnte Jahrhundert kommen." p. 261.
Cabet:
Cabet eröffnet seine Zitate mit folgenden Worten:
"Vous prétendez, adversaires de la communauté, qu'elle n'a pour
elle que quelques opinions sans crédit et sans poids; eh bien, je
vais interroger devant vous l'histoire et tous les philosophes:
écoutez! Je ne m'arrête pas à vous parier de plusieurs peuples
anciens, qui pratiquaient ou avaient pratiqué la communauté des
biens! Je ne m'arrête non plus aux Hébreux ... ni aux prêtres
Égyptiens, ni à Minos ... Lycurgue et Pythagore ... je ne vous
parle non plus de Confucius et de Zoroastre, qui l'un en Chine et
l'autre en Perse ... proclamèrent ce principe." 1*) "Voyage en
Icarie", deuxième edition, p. 470.
Nach den angeführten Stellen geht Cabet auf die griechische und
römische Geschichte ein, verhört das Christentum, den Neuplato-
nismus, die Patristik, das Mittelalter, die Reformation, die er-
wachende Philosophie. Vgl. Cabet, p. 471-482. Herr Grün überläßt
das Abschreiben dieser elf Seiten andern "geduldigeren Leuten,
dafern der Bücherstaub den" (zum Abschreiben nämlich) "nötigen
Humanismus in ihrem Herzen hat bestehen lassen". Gr[ün,] p. 261.
Nur das soziale Bewußtsein der A r a b e r gehört Herrn Grün.
Wir harren mit Sehnsucht der Aufschlüsse, die er hierüber der
Welt mitzuteilen hat. "Ich muß mich aufs achtzehnte Jahrhundert
beschränken." Folgen wir Herrn Grün ins achtzehnte Jahrhundert
und bemerken wir nur vorher, daß fast ganz d i e s e l b e n
W o r t e bei Grün wie bei Cabet unterstrichen sind.
-----
1*) "Ihr Gegner der Gemeinschaft behauptet, sie habe nur einige
Meinungen ohne Ansehen und Gewicht für sich; nun, ich werde vor
euren Augen die Geschichte und alle Philosophen befragen: hört!
Ich halte mich nicht damit auf, euch von mehreren alten Völkern
zu erzählen, die die Gütergemeinschaft praktizierten oder prakti-
ziert hatten! Ebensowenig halte ich mich bei den Hebräern auf ...
bei den ägyptischen Priestern, bei Minos ... Lykurg und Pythago-
ras ... ich sage euch auch nichts von Konfuzius und Zarathustra,
die, der eine in China und der andere in Persien ... dieses Prin-
zip verkündeten."
#510# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
Herr Grün:
"Locke, der Begründer des Sensualismus sagt: Derjenige, welcher
über seine Bedürfnisse hinaus besitzt, überspringt die Grenzen
der Vernunft und der ursprünglichen Gerechtigkeit und raubt, was
Andern gehört. J e d e r Ü b e r f l u ß i s t e i n e
U s u r p a t i o n, und der Anblick des Dürftigen muß 1*) die
Gewissensbisse in der Seele des Reichen erwecken. Verderbte Men-
schen, die ihr im Überflusse und der Wollust schwimmt, zittert,
daß eines Tages der Unglückliche, der des Notwendigen ermangelt,
w a h r h a f t d i e R e c h t e d e s M e n s c h e n
k e n n e n l e r n e. Der Betrug, die Treulosigkeit, die Hab-
sucht haben die Ungleichheit des Besitzes hervorgebracht,
w e l c h e d a s U n g l ü c k d e s m e n s c h l i c h e n
G e s c h l e c h t s a u s m a c h t, indem sie auf der einen
Seite neben den Reichtümern, auf der andern neben dem Elende alle
Leiden aufhäuft. D e r P h i l o s o p h m u ß a l s o d e n
G e b r a u c h d e r M ü n z e a l s e i n e d e r v e r-
d e r b l i c h s t e n E r f i n d u n g e n d e r
m e n s c h l i c h e n I n d u s t r i e b e t r a c h t e n."
p. [265,] 266.
Cabet:
"Mais voici Locke, écoutez-le s'écrier dans son admirable G o u-
v e r n e m e n t c i v i l: 'Celui qui possède au delà de ses
besoins, passe les bornes de la raison et de la justice primitive
et e n l è v e ce qui a p p a r t i e n t a u x a u t r e s.
Toute s u p e r f l u i t è est une u s u r p a t i o n, et la
vue de l'indigent devrait éveiller le remords dans l'âme du nche.
Hommes pervers, qui nagez dans l'opulence et les voluptés,
tremblez qu'un jour l'infortuné qui manque du nécessaire
n'aprenne à connaître vraiment les d r o i t s d e
l' h o m m e.' Écoutez-le s'écrier encore: 'La fraude, la mau-
vaise foi, l'avarice ont produit cette i n é g a l i t é
d a n s l e s f o r t u n e s, qui fait le m a l h e u r
d e l' e s p è c e h u m a i n e, en amoncelant d'un côté
tous les vices avec la richesse et de l'autre tous les maux avec
la misère' (woraus Herr Grün Unsinn macht). Le philosophe doit
donc considerer l'usage de la m o n n a i e comme une des plus
f u n e s t e s inventions de l'industrie humaine." 2*) p. 485.
Herr Grün schließt aus diesen Zitaten Cabets, daß Locke "ein Geg-
ner des Geldsystems" (p. 264), "der erklärteste Gegner des Geldes
und jedes Besitzes, der über das Bedürfnis hinausgeht" (p. 266)
gewesen sei. Leider ist dieser Locke einer der ersten wissen-
schaftlichen Verfechter des Geldsystems,
-----
1*) bei Grün: müßte - 2*) "Doch hier ist Locke; hört ihn in sei-
ner bewundernswürdigen 'Bürgerlichen Regierung' ausrufen: 'Der-
jenige, der über seine Bedürfnisse hinaus besitzt, überschreitet
die Grenzen der Vernunft und der ursprünglichen Gerechtigkeit und
raubt das, was den anderen gehört. Jeder Überfluß ist eine
Usurpation, und der Anblick des Bedürftigen müßte den Gewis-
sensbiß in der Seele des Reichen wecken. Verderbte Menschen, die
ihr in Überfluß und Wollust schwimmt, zittert, daß eines Tages
der Unglückliche, der des Notwendigen ermangelt, wahrhaft die
Rechte des Menschen kennenlerne.' Hört ihn weiter ausrufen: 'Der
Betrug, die Unredlichkeit, die Habsucht haben, indem sie auf der
einen Seite alle Laster neben dem Reichtum und auf der anderen
alle Leiden neben dem Elend aufhäuften, jene Ungleichheit des Be-
sitzes hervorgebracht, die das Unglück des menschlichen Ge-
schlechts ausmacht.' Der Philosoph muß also den Gebrauch des
Geldes als eine der verderblichsten Erfindungen der menschlichen
Betriebsamkeit betrachten."
#511# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün
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ein ganz spezieller Patron des Durchpeitschens der Vagabunden und
Paupers, einer der Doyens der modernen Nationalökonomie.
Herr Grün:
"Schon Bossuet, der Bischof von Meaux, sagt in seiner 'Politik,
aus der Heiligen Schrift gezogen': 'Ohne die Regierungen' ('ohne
die Politik' - lächerlicher Zusatz des Herrn Grün) 'würde die
Erde nebst allen ihren Gütern ebenso gemeinschaftlich den Men-
schen gehören als Luft und Licht; nach dem Urrechte der Natur hat
Niemand das besondre Recht auf irgend etwas. Alles g e h ö r t
A l l e n, a u s d e r b ü r g e r l i c h e n R e g i e-
r u n g e n t s p r i n g t d a s E i g e n t u m.' Ein Pfaff
aus dem siebzehnten Jahrhundert besitzt die Ehrlichkeit, solche
Dinge zu sagen, solche Anschauungen! Auch der germanische
P u f f e n d o r f, den man" (i.e. Herr Grün) "nur aus einem
Schillerschen Epigramm [196] kennt, meinte: 'D i e g e g e n-
w ä r t i g e U n g l e i c h h e i t d e s V e r m ö g e n s
i s t e i n e U n g e r e c h t i g k e i t, welche die übrigen
Ungleichheiten nach sich ziehen kann durch die U n v e r-
s c h ä m t h e i t der Reichen und durch die F e i g h e i t
der Armen.'" p. 270. Herr Grün fügt noch hinzu: "Wir wollen nicht
abschweifen, sondern in Frankreich bleiben."
Cabet:
"+coutez le baron de Puffendorff, professeur de droit naturel en
Allemagne et conseiller d'état à Stockholm et à Berlin, qui dans
son droit de la nature et des gens réfute la doctrine d'Hobbes et
de Grotius sur la monarchie absolue, qui proclame l'égalité natu-
relle, la fraternité, la communauté des biens primitive, et qui
reconnaît que la propriété est une institution humaine, qu'elle
résulte d'un partage consenti pour assurer à chacun et surtout au
travailleur une possession perpétuelle, indivise ou divise, et
que par conséquent l'inégalité actuelle de fortune est une inju-
stice qui n'entraîne les autres inégalités" (unsinnig von Herrn
Grün übersetzt) "que par l'insolence des riches et la lâcheté des
pauvres.
Et Bossuet, l'évêque de Meaux, le précepteur du dauphin de
France, le célèbre Bossuet, dans sa 'Politique tiré de l'Ecriture
sainte', redigée pour l'instruction du Dauphin, ne reconnaît-il
pas aussi que sans les gouvernements la terre et tous les biens
seraient aussi communs entre les hommes que l'air et la lumière:
Selon le droit primitif de la nature nul n'a le droit particulier
sur quoi que ce soit: tout est à tous, et c'est du gouvernement
civil que naît la propriété." 1*) p. 486.
-----
1*) "Hört den Baron von Puffendorff, Professor des Naturrechts in
Deutschland und Staatsrat in Stockholm und Berlin, der in seinem
Natur- und Völkerrecht die Lehre von Hobbes und Grotius über die
absolute Monarchie widerlegt, der die natürliche Gleichheit, die
Brüderlichkeit und die ursprüngliche Gütergemeinschaft verkündet
und der erkennt, daß das Eigentum eine menschliche Einrichtung
ist, daß es aus einer allgemein gebilligten Teilung hervorgeht,
um jedem und vor allem dem Arbeiter einen dauernden, ungeteilten
oder geteilten Besitz zu sichern, und daß folglich die gegenwär-
tige Ungleichheit der Vermögen eine Ungerechtigkeit ist, die die
anderen Ungleichheiten (...) nur durch die Unverschämtheit der
Reichen
#512# Karl Marx und Friedrich Engels
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Herrn Grüns "Abschweifung" von Frankreich besteht darin, daß Ca-
bet einen Deutschen zitiert. Er orthographiert sogar den deut-
schen Namen nach der unrichtigen Orthographie des Franzosen. Ab-
gesehen davon, daß er gelegentlich falsch übersetzt und ausläßt,
überrascht er durch seine Verbesserungen. Cabet spricht zuerst
von Pufendorff und dann von Bossuet, Herr Grün spricht zuerst von
Bossuet und dann von Pufendorff. Cabet spricht von Bossuet als
einem berühmten Mann; Herr Grün nennt ihn "einen Pfaffen". Cabet
zitiert den Pufendorff mit seinen Titeln; Herr Grün macht die
aufrichtige Bemerkung, daß man ihn nur aus einem Schillerschen
Epigramm kenne. Jetzt kennt er ihn auch aus einem Cabetschen Zi-
tat, und es zeigt sich, daß der bornierte Franzose Cabet nicht
nur seine eignen Landsleute, sondern auch die Deutschen besser
studiert hat als Herr Grün.
Cabet sagt: "Ich beeile mich, auf die großen Philosophen des
achtzehnten Jahrhunderts zu kommen, und ich beginne mit Montes-
quieu", p. 487; Herr Grün, um auf Montesquieu zu kommen, beginnt
mit einer Schilderung "des legislativen Genies des achtzehnten
Jahrhunderts", p. 282. Man vergleiche ihre wechselseitigen Zitate
aus Montesquieu, Mably, Rousseau, Turgot. Uns genügt es hier, Ca-
bet und Herrn Grün über Rousseau und Turgot zu vergleichen. Cabet
kommt von Montesquieu zu Rousseau; Herr Grün konstruiert diesen
Übergang: "Rousseau war der radikale Politiker, wie Montesquieu
der konstitutionelle."
Herr Grün zitiert aus Rousseau:
"Das größte Übel ist schon geschehen, wenn man Arme zu verteidi-
gen und Reiche im Zaum zu halten hat etc." ......................
(endet mit den Worten) "woraus folgt, daß der soziale Zustand den
Menschen nur dann vorteilhaft ist, wenn sie Alle von ihnen etwas
und keiner von ihnen zuviel hat." Rousseau wird nach Herrn Grün
Cabet:
"Écoutez maintenant Rousseau, l'auteur de cet immortel 'Contrat
social' ... écoutez: 'Les hommes sont égaux en droit. La nature a
rendu tous les biens communs ... dans le cas de partage le part
dechacun devient sa propriété. Dans tous les cas la société est
toujours seule proptiétaire de tous les biens.'" (Pointe, die
Herr Grün wegläßt.) "Écoutez encore: ..." (endet:) "d'où il suit
que l'état social n'est avantageux
-----
und die Feigheit der Armen nach sich zieht. - Und Bossuet, der
Bischof von Meaux, der Lehrer des Thronfolgers von Frankreich,
der berühmte Bossuet, erkennt er nicht auch in seiner 'Politik,
aus der Heiligen Schrift gezogen', die er für den Unterricht des
Thronfolgers verfaßte, daß ohne die Regierungen die Erde und alle
Güter den Menschen ebenso gemeinsam gehören würden wie die Luft
und das Licht: Nach dem ursprünglichen Recht der Natur hat nie-
mand das besondere Recht auf irgend etwas; alles gehört allen,
und erst aus der bürgerlichen Regierung entspringt das Eigentum."
#513# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün
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"konfus und völlig schwankend, wenn er sich über die Frage erklä-
ren soll: Welche Umwandlung geht mit dem früheren Besitz vor,
wenn der naturwilde Mensch in die Gesellschaft tritt? Was antwor-
tet er? Er antwortet: Die Natur hat alle Güter gemeinschaftlich
gemacht" ... (endet mit den Worten:) "im Fall einer Teilung wird
der Anteil eines Jeden sein Eigentum." p. 284, 285.
aux hommes qu'autant qu'il ont tous quelque chose et qu'aucun
d'eux n'a rien de trop.'
Écoutez. écoutez encore Rousseau dans son 'Economie politique':
'Le plus grand mal est déjà fait quand on a des pauvres à defén-
dre, et des riches à contenir'" 1*), etc. etc. p. 489, 490.
Herrn Grüns geniale Neuerungen bestehen hier darin, erstens, daß
er die Zitate aus dem "Contrat social" und der "Économie politi-
que" durcheinanderwirft, und zweitens, daß er damit anfängt, wo-
mit Cabet schließt. Cabet nennt die Titel der Rousseauschen
Schriften, woraus er zitiert, Herr Grün verschweigt sie. Diese
Taktik erklären wir daraus, daß Cabet von einer "Économie politi-
que" des Rousseau spricht, die Herr Grün nicht einmal aus einem
Schillerschen Epigramme kennen kann. Herrn Grün, der alle Geheim-
nisse der "Encyclopédie" durchschaut hat (vgl. p. 263), war es
ein Geheimnis, daß Rousseaus "Économie politique" nichts andres
ist als der Artikel der "Encyclopédie" über die économie politi-
que.
Gehen wir zu Turgot über. Bei diesem begnügt sich Herr Grün nicht
mehr mit dem bloßen Kopieren der Zitate, er schreibt die Schilde-
rung ab, die Cabet von Turgot gibt.
Herr Grün:
"Einer der edelsten und vergeblichsten Versuche, auf dem Boden
des Alten, das den Zusammensturz allerwärts drohte, das Neue auf-
zupflanzen, wurde von Turgot gemacht. Umsonst. Die Aristokratie
bringt eine künstliche Hungersnot, bringt Revolten zuwege, ka-
baliert und verleumdet
Cabet:
"Et cependant, tandis que le roi déclare que lui seul et son mi-
nistre (Turgot) sont dans la cour les amis du peuple, tandis que
le peuple le comble de ses bénédictions, tandis que les philoso-
phes le couvrent de leur admiration, tandis que Voltaire veut,
avant de mourir, baiser la
------
1*) "Hört jetzt Rousseau, den Verfasser des unsterblichen
'Gesellschaftsvertrags' ... hört: 'Die Menschen sind im Rechte
gleich. Die Natur hat alle Güter gemeinschaftlich gemacht... Im
Falle der Teilung wird der Anteil eines jeden sein Eigentum. In
allen Fällen ist die Gesellschaft immer die einzige Eigentümerin
aller Güter.' Hört weiter:,... woraus folgt, daß der gesell-
schaftliche Zustand den Menschen nur dann vorteilhaft ist, wenn
sie alle etwas haben und wenn keiner von ihnen zuviel hat.' -
Hört, hört ferner Rousseau in seiner 'Politischen Ökonomie': 'Das
größte Übel ist schon geschehen, wenn man Arme zu verteidigen und
Reiche im Zaume zu halten hat.'"
#514# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
so lange, bis der debonnäre Ludwig seinen Minister entläßt. - Die
Aristokratie wollte nicht hören, sie mußte also fühlen. Die Ent-
wicklung der Menschheit rächt immer die guten Engel, welche den
letzten dringenden Mahnruf vor einer Katastrophe ergehen lassen,
auf das Furchtbarste. Das französische Volk segnete Turgot, Vol-
taire wünschte ihm vor seinem Tode die Hand zu küssen, der König
hatte ihn seinen Freund genannt ... Turgot, der Baron, der Mini-
ster, einer der letzten Feudalherren, trug sich mit dem Gedanken,
man müsse eine Hauspresse erfinden, um die Preßfreiheit völlig
sicherzustellen." p. 289, 290.
main qui a signé tant d'améliorations populaires, l'aristocratie
conspire, organise même une vaste famine et des émeutes pour le
perdre et fait tant par ses intrigues et calomnies qu'elle par-
vient à déchaîner les salons de Paris contre le réformateur et à
perdre Louis XVI lui-même en le forçant à renvoyer le vertueux
ministre qui le sauverait." p. 497. "Revenons à Turgot, baron,
ministre de Louis XVI pendant la première année de son règne, qui
veut réformer les abus, qui fait une foule de réformes, qui veut
faire établir une nouvelle langue et qui, pour assurer la liberté
de la presse, travaille lui-même à l'invention d'une presse à do-
micile." 1*) p. 495.
Cabet nennt Turgot Baron und Minister, Herr Grün schreibt ihm
dies ab. Um Cabet zu verschönern, verwandelt er den jüngsten Sohn
des Prévôts 2*) der Kaufleute von Paris in "einen der
ä l t e s t e n Feudalherren". Cabet irrt sich, wenn er die Hun-
gersnot und die Revolte von 1775 als Machwerk der Aristokratie
hinstellt. Bis auf die heutige Zeit ist man über die Urheber des
Geschreis über die Hungersnot und der damit zusammenhängenden Be-
wegung nicht aufgeklärt. Jedenfalls hatten die Parlamente und po-
puläre Vorurteile weit mehr Anteil daran als die Aristokratie.
Daß Herr Grün diesen Irrtum des "bornierten Papa" Cabet ab-
schreibt, ist in der Ordnung. Er glaubt an ihn wie an ein Evange-
lium. Auf Cabets Autorität gestützt, zählt Herr Grün Turgot unter
die Kommunisten, Turgot, einen der Chefs der physiokratischen
Schule, den entschiedensten Vertreter der freien Konkurrenz, den
Verteidiger des
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1*) "Indes, während der König erklärt, am Hofe seien allein er
und sein Minister (Turgot) Freunde des Volkes, während das Volk
ihn mit seinen Segnungen überhäuft, während die Philosophen ihn
mit Bewunderung überschütten, während Voltaire vor seinem Tode
die Hand küssen will, die soviel dem Volk wohltätige Verordnungen
unterschrieben hat - währenddessen verschwört sich die Aristokra-
tie, organisiert sogar eine ausgedehnte Hungersnot und Aufstände,
um ihn zu stürzen, und erreicht mit ihren Ränken und Verleumdun-
gen so viel, daß sie die Salons von Paris gegen den Reformator
entfesselt und Ludwig XVI. selbst zugrunde richtet, indem sie ihn
zwingt, den tugendhaften Minister zu entlassen, der ihn gerettet
hätte." - "Kehren wir zu Turgot zurück, dem Baron, dem Minister
Ludwigs XVI. im ersten Jahr seiner Regierung, der die Mißbräuche
reformieren will, der eine Menge Reformen durchführt, der eine
neue Sprache einführen will und der, um die Pressefreiheit zu si-
chern, selbst an der Erfindung einer Hauspresse arbeitet." - 2*)
Vorstehers
#515# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün
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Wuchers, den Lehrer Adam Smiths. Turgot war ein großer Mann, weil
er seiner Zeit entsprach und nicht den Einbildungen des Herrn
Grün. Wie diese entstanden sind, haben wir gezeigt.
Gehen wir nun zu den Männern der französischen Revolution über.
Cabet setzt seinen Bourgeois, gegen den er plädiert, in die äu-
ßerste Verlegenheit, indem er Sieyès unter die Vorläufer des Kom-
munismus zählt, und zwar weil Sieyès die Gleichheit der Rechte
anerkenne und das Eigentum erst durch den Staat sanktionieren
lasse, Cabet, p. 499-502. Herr Grün, der "jedesmal dazu verdammt
ist, den französischen Geist, wenn er ihn in der Nähe hat, unge-
nügend und oberflächlich zu finden", schreibt dies getrost ab und
bildet sich ein, ein alter Parteichef wie Cabet sei dazu berufen,
den "Humanismus" des Herrn Grün "vor dem Bücherstaub" zu konser-
vieren. Cabet fährt fort: "Écoutez le fameux Mirabeau!" 1*), p.
504, Herr Grün sagt: "Hören wir Mirabeau!" p. 292, und zitiert
einige der von Cabet hervorgehobenen Stellen, worin Mirabeau sich
für gleiche Teilung der Erbschaft unter den Geschwistern aus-
spricht. Herr Grün ruft aus: "Kommunismus für die Familie!" p.
292. Nach dieser Methode kann Herr Grün sämtliche Bourgeois-In-
stitutionen durchgehen und überall ein Stück Kommunismus finden,
so daß sie alle zusammen der vollendete Kommunismus sind. Er kann
den Code Napoleon einen Code de la communaute 2*) taufen und in
den Hurenhäusern, Kasernen und Gefängnissen kommunistische Kolo-
nien entdecken.
Schließen wir diese langweiligen Zitate mit Condorcet. Die Ver-
gleichung der beiden Bücher wird dem Leser hier ganz speziell
zeigen, wie Herr Grün ausläßt, durcheinanderwirft, bald Titel zi-
tiert, bald nicht, die chronologischen Daten wegläßt, aber genau
der Ordnung Cabets folgt, selbst wenn dieser nicht genau nach der
Chronologie geht, und schließlich es doch nie weiter bringt als
zu einem schlecht und ängstlich maskierten Auszuge aus Cabet.
Herr Grün:
"Der radikale Girondist ist Condorcet. Er erkennt die Ungerech-
tigkeit der Besitzverteilung an, er entschuldigt das arme Volk
... wenn das Volk ein wenig diebisch aus Prinzip sei, so liege
das an den Institutionen.
In seinem Journal 'Der soziale Unterricht' ... er gestattet sogar
große Kapitalisten ...
Cabet:
"Entendez Condorcet soutenir dans sa réponse à l'académie de Ber-
lin"... (kommt lange Stelle bei Cabet, schließt:) "'C'est donc
uniquement parce que les institutions sont mauvaises que le peu-
ple est si souvent un peu voleur par principe.'
Écoutez-le dans son Journal 'L'instruction sociale' ... il tolère
même de grands capitalistes." pp.
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1*) "Hört den berühmten Mirabeau!" - 2*) Gesetzbuch der Gemein-
schaft
#516# Karl Marx und Friedrich Engels
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Condorcet machte bei der Legislative den Antrag, die 100 Millio-
nen der drei emigrierten Prinzen in 100 000 Teile zu verteilen
... organisiert den Unterricht und die E i n r i c h t u n g
öffentlicher Unterstützungen." (Vgl. Urtext.)
"In s e i n e m Bericht über die öffentliche Erziehung an die
Legislative sagt Condorcet: 'Allen Individuen der menschlichen
Gattung die Mittel darbieten, ihre Bedürfnisse zu befriedigen ...
das ist der Gegenstand des Unterrichts und die Pflicht einer
Staatsgewalt etc.'" (Hier verwandelt Herr Grün den Bericht des
Komitees ü b e r Condorcets Plan in einen Bericht Condorcets.)
Grün p. 293, 294.
"Écoutez Tun des chefs Girondins, le philosophe Condorcet, le 6
juillet 1792 à la tribune de l'assemblée législative: 'Décrétez
que les biens des trois princes, francais (Louis XVIII, Charles
X, et le prince de Condé'" - was Herr Grün wegläßt -) "'soient
sur-le-champ mis en vente ... ils montent à prés de 100 millions,
et vous remplacerez trois princes par cent mille citoyens ... or-
ganisez l'instruction et les établissements de secours publics.'
Mais écoutez le comité d'instruction publique presentant à
l'assemblée législative son rapport sur le plan d'éducation ré-
digé par Condorcet, 20 avril 1792: 'L'éducation publique doit of-
frir à tous les individus les moyens de pourvoir à leurs be-
soins... tel doit être le premier but d'une instruction nationale
et sous ce point de vue elle est pour la puissance politique un
devoir de justice'" 1*), pp., p. 502, 503, 505, 509.
Herr Grün, der durch diese unverschämte Abschreiberei aus Cabet
den französischen Arbeitsorganisierern auf historischem Wege das
Bewußtsein ihres Wesens beibringt, verfährt nebenbei noch nach
dem Prinzip: Divide et impera 2*). Er wirft zwischen die Zitate
sogleich sein Endurteil über die Leute, die er soeben aus einer
Stelle kennengelernt, ferner einige Phrasen über die
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1*) "Hört Condorcet in seiner Antwort an die Berliner Akademie
behaupten '... Also einzig, weil die Einrichtungen schlecht sind,
ist das Volk so oft aus Prinzip ein wenig diebisch.' - Hört ihn
in seinem Journal 'Der soziale Unterricht'... erduldet sogar
große Kapitalisten ..." - "Hört einen der Girondistenführer, den
Philosophen Condorcet, am 6. Juli 1792 auf der Tribüne der ge-
setzgebenden Versammlung: 'Dekretiert, daß die Güter der drei
französischen Prinzen (Ludwigs XVIII., Karl X. und des Prinzen
von Condé) auf der Stelle zum Verkauf ausgeboten werden ... sie
belaufen sich auf nahezu 100 Millionen, und ihr werdet drei Prin-
zen durch hunderttausend Staatsbürger ersetzen ... organisiert
den Unterricht und öffentliche Unterstützungseinrichtungen.' -
Aber hört das Komitee für den öffentlichen Unterricht, wie es der
gesetzgebenden Versammlung seinen Bericht über den von Condorcet
entworfenen Erziehungsplan am 20. April 1792 vorlegt: 'Die öf-
fentliche Erziehung soll allen Individuen die Mittel bieten, ihre
Bedürfnisse zu befriedigen ... dies muß das erste Ziel eines na-
tionalen Unterrichts sein, und unter diesem Gesichtspunkt ist er
eine Pflicht der Gerechtigkeit für die politische Gewalt.'" - 2*)
Teile und herrsche
#517# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialismus, IV. Karl Grün
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französische Revolution, und teilt das Ganze in zwei Hälften
durch einige Zitate aus Morelly, der gerade zur rechten Zeit für
Herrn Grün durch Villegardelle in Paris en vogue 1*) gebracht und
von dem die Hauptstellen bereits lange vor Herrn Grün im Pariser
"Vorwärts" [197] übersetzt worden waren. Von der Liederlichkeit,
mit der Herr Grün übersetzt, hier nur ein paar eklatante Bei-
spiele:
Morelly:
"L'intérêt rend les coeurs dénaturés et répand l'amertume sur les
plus doux liens, qu'il change en de pesantes chaînes que déte-
stent chez nous les époux en se détestant eux-mêmes." 2*)
Herr Grün:
"Das Interesse macht die Herzen unnatürlich und verbreitet Bit-
terkeit über die süßesten Bande, die es in schwere Ketten verwan-
delt, welche unsre Gatten Verabscheuen und sich selbst dazu." p.
274.
Reiner Unsinn.
Morelly:
"Notre âme ... contracte une soif si furieuse qu'elle se suffoque
pour l'étancher." 3*)
Herr Grün:
"Unsere Seele ... bekommt ... einen so wütenden Durst, daß sie
erstickt, um ihn zu löschen." ibid.
Wieder reiner Unsinn.
Morelly:
"Ceux qui prétendent régler les moeurs et dicter des lois" 4*)
pp.
Herr Grün:
"Die, welche sich dafür ausgeben, die Sitten zu regeln und Ge-
setze zu diktieren" pp., p. 275.
Alle drei Fehler aus, einem einzigen Passus von Morelly, in 14
Zeilen bei Herrn Grün. Auch in seiner Darstellung Morellys sind
große Plagiate aus Villegardelle.
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1*) in Mode - 2*) "Das Interesse läßt die Herzen entarten und
verbreitet Bitterkeit über die süßesten Bande, die es in schwere
Ketten verwandelt, welche bei uns die Gatten verabscheuen, indem
sie zugleich sich selbst verabscheuen." - 3*) "Unsere Seele be-
kommt einen so wütenden Durst, daß sie sich erstickt, um ihn zu
löschen." - 4*) "Die, welche sich anmaßen, die Sitten zu regeln
und Gesetze zu diktieren"
#518# Karl Marx und Friedrich Engels
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Herr Grün kann seine ganze Weisheit über das achtzehnte Jahrhun-
dert und die Revolution in folgende Worte zusammenfassen:
"Gegen die alte Welt liefen der Sensualismus, der Deismus und der
Theismus vereinigt Sturm. Die alte Welt stürzte. Als eine neue
Welt erbaut werden sollte, siegte der Deismus in der Konsti-
tuante, der Theismus im Konvent, der reine Sensualismus wurde ge-
köpft oder stumm gemacht." p. 263.
Man sieht, wie die philosophische Manier, die Geschichte mit ei-
nigen kirchengeschichtlichen Kategorien abzufertigen, bei Herrn
Grün auf der Stufe der tiefsten Erniedrigung, der bloßen belle-
tristischen Phrase steht; wie sie nur dazu dient, die Arabeske
seiner Plagiate zu bilden. Avis aux philosophes! 1*)
Wir übergehen, was Herr Grün über den Kommunismus sagt. Die hi-
storischen Notizen sind aus Cabets Broschüren abgeschrieben, die
"Voyage en Icarie" in der vom wahren Sozialismus adoptierten
Weise aufgefaßt (vgl. "Bürgerbuch" und "Rheinische Jahr-
b[ücher]"). [198] Herr Grün beweist seine Kenntnis der fran-
zösischen und zugleich der englischen Zustände dadurch, daß er
Cabet den "kommunistischen O'Connell von Frankreich" nennt, p.
382, und sagt dann:
"Er wäre imstande, mich hängen zu lassen, wenn er die Gewalt dazu
hätte und wüßte, was ich über ihn denke und schreibe. Diese Agi-
tatoren sind für Unsereins gefährlich, weil sie b o r n i e r t
sind." p. 382.
Proudhon
"Herr Stein hat sich selbst das glänzendste Armutszeugnis ausge-
stellt, da er diesen Proudhon en bagatelle 2*) behandelte" (vgl.
"Einundzw[anzig] Bogen", p. 84). "Es gehört freilich etwas mehr
als Hegelscher abgekochter Kohl dazu, um diese inkarnierte Logik
zu verfolgen." p. 411.
Einige wenige Beispiele mögen zeigen, daß Herr Grün auch in die-
sem Abschnitte sich treu bleibt.
Er übersetzt von p. 437-444 einige Auszüge aus den nationalökono-
mischen Beweisen Proudhons, daß das Eigentum unmöglich sei, und
ruft am Ende aus:
"Dieser Kritik des Eigentums, welche die v o l l s t ä n d i g e
A u f l ö s u n g desselben ist, brauchen wir nichts hinzuzufü-
gen! Wir wollen hier nicht eine neue Kritik schreiben,
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1*) Warnung an die Philosophen! - 2*) als eine Null
#519# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialismus. IV. Karl Grün
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welche wieder die Gleichheit der Produktion, die Vereinzelung der
gleichen Arbeiter aufhöbe. Schon oben habe ich das Nötige ange-
deutet, das Übrige" (was Herr Grün nämlich nicht angedeutet hat)
"wird sich beim Wiederaufbau der Gesellschaft, bei der Gründung
der wahren Besitzverhältnisse finden." p. 444.
So sucht Herr Grün dem Eingehen auf die nationalökonomischen Ent-
wicklungen Proudhons zu entschlüpfen und zugleich sich darüber zu
erheben. Proudhons sämtliche Beweise sind falsch, doch das wird
sich für Herrn Grün finden, sobald es von Andern nachgewiesen
ist.
Die in der "Heiligen Familie" gegebenen Bemerkungen über Proud-
hon, namentlich, daß Proudhon die Nationalökonomie vom national-
ökonomischen, das Recht vom juristischen Standpunkte aus kriti-
siere, werden von Herrn Grün abgeschrieben. Er hat indes so wenig
verstanden, w[or]u[m] es sich handelte, daß er die [eigentliche
Pointe weglaßt, [nämlich] daß Proudhon die I l l u s i[ o n e n
der] Juristen und Ökonomen gegenüber] ihrer Praxis geltend
m[acht, und] rein sinnlos[e Phrasen] für den obigen Satz gibt.
Das Wichtigste in Proudhons Buch "De la création de l'ordre dans
l'humanité" ist seine dialectique sérielle 1*), der Versuch, eine
Methode des Denkens zu geben, wodurch an die Stelle der selbstän-
digen Gedanken der Denk p r o z e ß tritt. Proudhon sucht von
französischem Standpunkte aus nach einer Dialektik, wie Hegel sie
wirklich gegeben hat. Die Verwandtschaft mit Hegel ist hier also
realiter vorhanden, nicht durch phantastische Analogie. Hier war
es also leicht, eine Kritik der Proudhonschen Dialektik zu geben,
wenn man mit der Kritik der Hegelschen fertig geworden war. Dies
war aber um so weniger von den wahren Sozialisten zu verlangen,
als der von ihnen sich vindizierte Philosoph Feuerbach damit
nicht zustande gekommen war. Herr Grün sucht auf eine wirklich
drollige Weise seine Aufgabe zu eskamotieren. Gerade an der
Stelle, wo er sein deutsches schweres Geschütz spielen lassen
sollte, reißt er aus mit einer unanständigen Gebärde. Er füllt
erst einige Blätter mit Übersetzungen aus und erklärt dem Proud-
hon dann mit breitspuriger belletristischer captatio benevolen-
tiae 2*), daß er mit seiner ganzen dialectique serielle nur
d e n G e l e h r t e n s p i e l e n w o l l e. Er sucht ihn
freilich durch den Zuruf zu trösten:
"Ach, mein lieber Freund, was das G e l e h r t-" (und "P r i-
v a t d o z e n t-) s e i n anbetrifft, so täusche dich nicht.
Wir haben A l l e s w i e d e r v e r l e r n e n müssen, was
uns unsre Scholarchen und Universitätsmaschinen" (mit Ausnahme
von Stein, Reybaud und Cabet) "mit so unendlicher Mühe, mit so
vielem Widerwillen von ihrer und von unsrer Seite beizubringen
suchten." p. [457.]
-----
1*) Seriendialektik - 2*) [mit breitspurigem belletristischem]
Jagen nach Popularität
#520# Karl Marx und Friedrich Engels
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Zum Beweise, daß Herr Grün jetzt nicht mehr "mit so unendlicher
Mühe", wenn auch vielleicht noch mit eben "so vielem Widerwillen"
lernt, beginnt er seine sozialistischen St[ud]ien und Briefe in
Paris am 6. November [und] hat bis zum nächsten 20. Januar
[nicht] nur die S t u d i e n, sondern auch [die D a r-
s t e l l u n g de]s "wahren Gesamteindrucks des vollstän[di-
g]en Verlaufs mit Notwendigkeit" voll[en]det.
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