Quelle: MEW 3 1845 - 1846
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#50# Karl Marx und Friedrich Engels
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[B. Die wirkliche Basis der Ideologie]
[1.] Verkehr und Produktivkraft
Die größte Teilung der materiellen und geistigen Arbeit ist die
Trennung von Stadt und Land. Der Gegensatz zwischen Stadt und
Land fängt an mit dem Übergange aus der Barbarei in die Zivilisa-
tion, aus dem Stammwesen in den Staat, aus der Lokalität in die
Nation, und zieht sich durch die ganze Geschichte der Zivilisa-
tion bis auf den heutigen Tag (die Anti-Corn-Law League [17])
hindurch. - Mit der Stadt ist zugleich die Notwendigkeit der Ad-
ministration, der Polizei, der Steuern usw., kurz des Gemeindewe-
sens und damit der Politik überhaupt gegeben. Hier zeigte sich
zuerst die Teilung der Bevölkerung in zwei große Klassen, die di-
rekt auf der Teilung der Arbeit und den Produktionsinstrumenten
beruht. Die Stadt ist bereits die Tatsache der Konzentration der
Bevölkerung, der Produktionsinstrumente, des Kapitals, der
Genüsse, der Bedürfnisse, während das Land gerade die entgegenge-
setzte Tatsache, die Isolierung und Vereinzelung, zur Anschauung
bringt. Der Gegensatz zwischen Stadt und Land kann nur innerhalb
des Privateigentums existieren. Er ist der krasseste Ausdruck der
Subsumtion des Individuums unter die Teilung der Arbeit, unter
eine bestimmte, ihm aufgezwungene Tätigkeit, eine Subsumtion, die
den Einen zum bornierten Stadttier, den Ändern zum bornierten
Landtier macht und den Gegensatz der Interessen Beider täglich
neu erzeugt. Die Arbeit ist hier wieder die Hauptsache, die Macht
ü b e r den Individuen, und solange diese existiert, solange muß
das Privateigentum existieren. Die Aufhebung des Gegensatzes von
Stadt und Land ist eine der ersten Bedingungen der Gemeinschaft,
eine Bedingung, die wieder von einer Masse materieller Vorausset-
zungen abhängt und die der bloße Wille nicht erfüllen kann, wie
Jeder auf den ersten Blick sieht. (Diese , Bedingungen müssen
noch entwickelt werden.) Die Trennung von Stadt und Land kann
auch gefaßt werden als die Trennung von Kapital und Grundeigen-
tum, als der Anfang einer vom Grundeigentum unabhängigen Existenz
und Entwicklung des Kapitals, eines Eigentums, das bloß in der
Arbeit und im Austausch seine Basis hat.
In den Städten, welche im Mittelalter nicht aus der früheren Ge-
schichte fertig überliefert waren, sondern sich neu aus den frei-
gewordnen Leibeignen
#51# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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bildeten, war die besondre Arbeit eines Jeden sein einziges Ei-
gentum außer dem kleinen, fast nur im nötigsten Handwerkszeug be-
stehenden Kapital, das er mitbrachte. Die Konkurrenz der fortwäh-
rend in die Stadt kommenden entlaufenen Leibeigenen, der fortwäh-
rende Krieg des Landes gegen die Städte und damit die Notwendig-
keit einer organisierten städtischen Kriegsmacht, das Band des
gemeinsamen Eigentums an einer bestimmten Arbeit, die Notwendig-
keit gemeinsamer Gebäude zum Verkauf ihrer Waren zu einer Zeit,
wo die Handwerker zugleich commerçants 1*), und die damit gege-
bene Ausschließung Unberufener von diesen Gebäuden, der Gegensatz
der Interessen der einzelnen Handwerke unter sich, die Notwendig-
keit eines Schutzes der mit Mühe erlernten Arbeit und die feudale
Organisation des ganzen Landes waren die Ursachen der Vereinigung
der Arbeiter eines jeden Handwerks in Zünften. Wir haben hier auf
die vielfachen Modifikationen des Zunftwesens, die durch spätere
historische Entwicklungen hereinkommen, nicht weiter einzugehen.
Die Flucht der Leibeignen in die Städte fand während des ganzen
Mittelalters ununterbrochen statt. Diese Leibeignen, auf dem
Lande von ihren Herren verfolgt, kamen einzeln in die Städte, wo
sie eine organisierte Gemeinde vorfanden, gegen die sie machtlos
waren und worin 2*) sie sich der Stellung unterwerfen mußten, die
ihnen das Bedürfnis nach ihrer Arbeit und das Interesse ihrer or-
ganisierten städtischen Konkurrenten anwies. Diese einzeln her-
einkommenden Arbeiter konnten es nie zu einer Macht bringen, da,
wenn ihre Arbeit eine zunftmäßige war, die erlernt werden mußte,
die Zunftmeister sie sich unterwarfen und nach ihrem Interesse
organisierten, oder, wenn ihre Arbeit nicht erlernt werden mußte,
daher keine zunftmäßige, sondern Taglöhnerarbeit war, nie zu ei-
ner Organisation kamen, sondern unorganisierter Pöbel blieben.
Die Notwendigkeit der Taglöhnerarbeit in den Städten schuf den
Pöbel.
Diese Städte waren wahre "Vereine", hervorgerufen durch das un-
mittelbare Bedürfnis, die Sorge um den Schutz des Eigentums, und
um die Produktionsmittel und Verteidigungsmittel der einzelnen
Mitglieder zu multiplizieren. Der Pöbel dieser Städte war da-
durch, daß er aus einander fremden, vereinzelt hereingekommenen
Individuen bestand, die einer organisierten, kriegsmäßig gerüste-
ten, sie eifersüchtig überwachenden Macht unorganisiert gegen-
überstanden, aller Macht beraubt. Die Gesellen und Lehrlinge wa-
ren in jedem Handwerk so organisiert, wie es dem Interesse der
Meister am besten entsprach; das patriarchalische Verhältnis, in
dem sie zu ihren Meistern standen, gab diesen eine doppelte
Macht, einerseits in ihrem direkten Einfluß
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1*) Kaufleute - 2*) MEGA: gegen die sie machtlos waren, worin
#52# Karl Marx und Friedrich Engels
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auf das ganze Leben der Gesellen und dann, weil es für die Gesel-
len, die bei demselben Meister arbeiteten, ein wirkliches Band
war, das sie gegenüber den Gesellen der übrigen Meister zusammen-
hielt und sie von diesen trennte-und endlich waren die Gesellen
schon durch das Interesse, das sie hatten, selbst Meister zu wer-
den, an die bestehende Ordnung geknüpft. Während daher der Pöbel
es wenigstens zu Erneuten gegen die ganze städtische Ordnung
brachte, die indes bei seiner Machtlosigkeit ohne alle Wirkung
blieben, kamen die Gesellen nur zu kleinen Widersetzlichkeiten
innerhalb einzelner Zünfte, wie sie zur Existenz des Zunftwesens
selbst gehören. Die großen Aufstände des Mittelalters gingen alle
vom Lande aus, blieben aber ebenfalls wegen der Zersplitterung
und der daraus folgenden Roheit der Bauern total erfolglos.
Die Teilung der Arbeit war in den Städten zwischen den einzelnen
Zünften noch [ganz naturwüchsig] und in den Zünften selbst zwi-
schen den einzelnen Arbeitern gar nicht durchgeführt. Jeder Ar-
beiter mußte in einem ganzen Kreise von Arbeiten bewandert sein,
mußte Alles machen können, was mit seinen Werkzeugen zu machen
war; der beschränkte Verkehr und die geringe Verbindung der ein-
zelnen Städte unter sich, der Mangel an Bevölkerung und die Be-
schränktheit der Bedürfnisse ließen keine weitere Teilung der Ar-
beit aufkommen, und daher mußte Jeder, der Meister werden wollte,
seines ganzen Handwerks mächtig sein. Daher findet sich bei den
mittelalterlichen Handwerkern noch ein Interesse an ihrer spe-
ziellen Arbeit und an der Geschicklichkeit darin, das sich bis zu
einem gewissen bornierten Kunstsinn steigern konnte. Daher ging
aber auch jeder mittelalterliche Handwerker ganz in seiner Arbeit
auf, hatte ein gemütliches Knechtschaftsverhältnis zu ihr und war
viel mehr als der moderne Arbeiter, dem seine Arbeit gleichgültig
ist, unter sie subsumiert.
Das Kapital in diesen Städten war ein naturwüchsiges Kapital, das
in der Wohnung, den Handwerkszeugen und der naturwüchsigen, erb-
lichen Kundschaft bestand und sich wegen des unentwickelten Ver-
kehrs und der mangelnden Zirkulation als unrealisierbar vom Vater
auf den Sohn forterben mußte. Dies Kapital war nicht, wie das mo-
derne, ein in Geld abzuschätzendes, bei dem es gleichgültig ist,
ob es in dieser oder jener Sache steckt, sondern ein unmittelbar
m i t der bestimmten Arbeit des Besitzers zusammenhängendes, von
ihr gar nicht zu trennendes, und insofern s t ä n d i s c h e s
Kapital.
Die nächste Ausdehnung der Teilung der Arbeit war die Trennung
von Produktion und Verkehr, die Bildung einer besondern Klasse
von Kaufleuten, eine Trennung, die in den historisch überliefer-
ten Städten (u.a. mit den Juden) mit überkommen war und in den
neugebildeten sehr bald eintrat.
#53# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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Hiermit war die Möglichkeit einer über den nächsten Umkreis hin-
ausgehenden Handelsverbindung gegeben, eine Möglichkeit, deren
Ausführung von den bestehenden Kommunikationsmitteln, dem durch
die politischen Verhältnisse bedingten Stande der öffentlichen
Sicherheit auf dem Lande (im ganzen Mittelalter zogen bekanntlich
die Kaufleute in bewaffneten Karawanen herum) und von den durch
die jedesmalige Kulturstufe bedingten roheren oder entwickelteren
Bedürfnissen des dem Verkehr zugänglichen Gebietes abhing.
Mit dem in einer besonderen Klasse konstituierten Verkehr, mit
der Ausdehnung des Handels durch die Kaufleute über die nächste
Umgebung der Stadt hinaus, tritt sogleich eine Wechselwirkung
zwischen der Produktion und dem Verkehr ein. Die Städte treten
m i t e i n a n d e r in Verbindung, es werden neue Werkzeuge
aus einer Stadt in die andre gebracht, und die Teilung zwischen
Produktion und Verkehr ruft bald eine neue Teilung der Produktion
zwischen den einzelnen Städten hervor, deren Jede bald einen vor-
herrschenden Industriezweig exploitiert. Die anfängliche Be-
schränkung auf die Lokalität fängt an, allmählich aufgelöst zu
werden.
Die Bürger in jeder Stadt waren im Mittelalter gezwungen, sich
gegen den Landadel zu vereinigen, um sich ihrer Haut zu wehren;
die Ausdehnung des Handels, die Herstellung der Kommunikationen
führte die einzelnen Städte dazu, andere Städte kennenzulernen,
die dieselben Interessen im Kampfe mit demselben Gegensatz durch-
gesetzt hatten. Aus den vielen lokalen Bürgerschaften der einzel-
nen Städte entstand erst sehr allmählich die Bürgerklasse. Die
Lebensbedingungen der einzelnen Bürger wurden durch den Gegensatz
gegen die bestehenden Verhältnisse und durch die davon bedingte
Art der Arbeit zugleich zu Bedingungen, welche ihnen allen ge-
meinsam und von jedem einzelnen unabhängig waren. Die Bürger hat-
ten diese Bedingungen geschaffen, insofern sie sich von dem feu-
dalen Verbände losgerissen hatten, und waren von ihnen geschaf-
fen, insofern sie durch ihren Gegensatz gegen die Feudalität, die
sie vorfanden, bedingt waren. Mit dem Eintreten der Verbindung
zwischen den einzelnen Städten entwickelten sich diese gemeinsa-
men Bedingungen zu Klassenbedingungen. Dieselben Bedingungen,
derselbe Gegensatz, dieselben Interessen mußten im Ganzen und
Großen auch überall gleiche Sitten hervorrufen. Die Bourgeoisie
selbst entwickelt sich erst mit ihren Bedingungen allmählich,
spaltet sich nach der Teilung der Arbeit wie' der in verschiedene
Fraktionen und absorbiert endlich alle vorgefundenen besitzenden
Klassen in sich *) (während sie die Majorität der vorgefundenen
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*) [Randbemerkung von Marx:] Sie absorbiert zunächst die dem
Staat direkt A n g e h ö r i g e n Arbeitszweige, dann alle ±
[mehr oder weniger] ideologischen Stände.
#54# Karl Marx und Friedrich Engels
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besitzlosen und einen Teil der bisher besitzenden Klassen 1*) zu
einer neuen Klasse, dem Proletariat, entwickelt), in dem Maße,
als alles vorgefundene Eigentum in industrielles oder kommerziel-
les Kapital umgewandelt wird. Die einzelnen Individuen bilden nur
insofern eine Klasse, als sie einen gemeinsamen Kampf gegen eine
andre Klasse zu führen haben; im übrigen stehen sie einander
selbst in der Konkurrenz wieder feindlich gegenüber. Auf der än-
dern Seite verselbständigt sich die Klasse wieder gegen die Indi-
viduen, so daß diese ihre Lebensbedingungen prädestiniert vorfin-
den, von der Klasse ihre Lebensstellung und damit ihre Persönli-
che Entwicklung angewiesen bekommen, unter sie subsumiert werden.
Dies ist dieselbe Erscheinung wie die Subsumtion der einzelnen
Individuen unter die Teilung der Arbeit und kann nur durch die
Aufhebung des Privateigentums und der Arbeit 2*) selbst beseitigt
werden. Wie diese Subsumtion der Individuen unter die Klasse sich
zugleich zu einer Subsumtion unter allerlei Vorstellungen pp.
entwickelt, haben wir bereits mehrere Male angedeutet.
Es hängt lediglich von der Ausdehnung des Verkehrs ab, ob die in
einer Lokalität gewonnenen Produktivkräfte, namentlich Erfindun-
gen, für die spätere Entwicklung verlorengehen oder nicht. So-
lange noch kein über die unmittelbare Nachbarschaft hinausgehen-
der Verkehr existiert, muß jede Erfindung in jeder Lokalität be-
sonders gemacht werden, und bloße Zufälle, wie Irruptionen barba-
rischer Völker, selbst gewöhnliche Kriege, reichen hin, ein Land
mit entwickelten Produktivkräften und Bedürfnissen dahin zu brin-
gen, daß es wieder von vorne anfangen muß. In der anfänglichen
Geschichte mußte jede Erfindung täglich neu und in jeder Lokali-
tät unabhängig gemacht werden. Wie wenig ausgebildete Produktiv-
kräfte selbst bei einem verhältnismäßig sehr ausgedehnten Handel
vor dem gänzlichen Untergange sicher sind, beweisen die Phöni-
zier, deren Erfindungen zum größten Teil durch die Verdrängung
dieser Nation aus dem Handel, die Eroberung Alexanders und den
daraus folgenden Verfall auf lange Zeit verlorengingen. Ebenso im
Mittelalter die Glasmalerei z.B. Erst wenn der Verkehr zum Welt-
verkehr geworden ist und die große Industrie zur Basis hat, alle
Nationen in den Konkurrenzkampf hereingezogen sind, ist die Dauer
der gewonnenen Produktivkräfte gesichert. Die Teilung der Arbeit
zwischen den verschiedenen Städten hatte zur nächsten Folge das
Entstehen der Manufakturen, der dem Zunftwesen entwachsenen Pro-
duktionszweige. Das erste Aufblühen der Manufakturen - in Italien
und später in Flandern - hatte den Verkehr mit auswärtigen Natio-
nen
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1*) MEGA: Klasse - 2*) Über die Bedeutung des Ausdrucks:
"Aufhebung der Arbeit" siehe vorl. Bd. S. 65-70, 77, 186
#55# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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zu seiner historischen Voraussetzung. In ändern Ländern - England
und Frankreich z.B. - beschränkten die Manufakturen sich anfangs
auf den inländischen Markt. Die Manufakturen haben außer den an-
gegebenen Voraussetzungen noch eine schon fortgeschrittene Kon-
zentration der Bevölkerung - namentlich auf dem Lande - und des
Kapitals, das sich teils in den Zünften trotz der Zunftgesetze,
teils bei den Kaufleuten in einzelnen Händen zu sammeln anfing,
zur Voraussetzung.
Diejenige Arbeit, die von vornherein eine Maschine, wenn auch
noch in der rohsten Gestalt, voraussetzte, zeigte sich sehr bald
als die entwicklungsfähigste. Die Weberei, bisher auf dem Lande
von den Bauern nebenbei betrieben, um sich ihre nötige Kleidung
zu verschaffen, war die erste Arbeit, welche durch die Ausdehnung
des Verkehrs einen Anstoß und eine weitere Ausbildung erhielt.
Die Weberei war die erste und blieb die hauptsächlichste Manufak-
tur. Die mit der steigenden Bevölkerung steigende Nachfrage nach
Kleidungsstoffen, die beginnende Akkumulation und Mobilisation
des naturwüchsigen Kapitals durch die beschleunigte Zirkulation,
das hierdurch hervorgerufene und durch die allmähliche Ausdehnung
des Verkehrs überhaupt begünstigte Luxusbedürfnis gaben der Webe-
rei quantitativ und qualitativ einen Anstoß, der sie aus der bis-
herigen Produktionsform herausriß. Neben den zum Selbstgebrauch
webenden Bauern, die fortbestehen blieben und noch fortbestehen,
kam eine neue Klasse von Webern in den Städten auf, deren Gewebe
für den ganzen heimischen Markt und meist auch für auswärtige
Märkte bestimmt waren.
Die Weberei, eine in den meisten Fällen wenig Geschicklichkeit
erfordernde und bald in unendlich viele Zweige zerfallende Ar-
beit, widerstrebte ihrer ganzen Beschaffenheit nach den Fesseln
der Zunft. Die Weberei wurde daher auch meist in Dörfern und
Marktflecken ohne zünftige Organisation betrieben, die allmählich
zu Städten, und zwar bald zu den blühendsten Städten jedes Landes
wurden.
Mit der zunftfreien Manufaktur veränderten sich sogleich auch die
Eigentumsverhältnisse. Der erste Fortschritt über das naturwüch-
sig-ständische Kapital hinaus war durch das Aufkommen der Kauf-
leute gegeben, deren Kapital von vornherein mobil, Kapital im mo-
dernen Sinne war, soweit davon unter den damaligen Verhältnissen
die Rede sein kann. Der zweite Fortschritt kam mit der Manufak-
tur, die wieder eine Masse des naturwüchsigen Kapitals mobili-
sierte und überhaupt die Masse des mobilen Kapitals gegenüber der
des naturwüchsigen vermehrte.
Die Manufaktur wurde zugleich eine Zuflucht der Bauern gegen die
sie ausschließenden oder schlecht bezahlenden Zünfte, wie früher
die Zunftstädte
#56# Karl Marx und Friedrich Engels
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den Bauern als Zuflucht gegen [den sie bedrückenden Landadel ge-
dient] hatten.
Mit dem Anfange der Manufakturen gleichzeitig war eine Periode
des Vagabundentums, veranlaßt durch das Aufhören der feudalen Ge-
folgschaften, die Entlassung der zusammengelaufenen Armeen, die
den Königen gegen die Vasallen gedient hatten, durch verbesserten
Ackerbau und Verwandlung von großen Streifen Ackerlandes in Vieh-
weiden. Schon hieraus geht hervor, wie dies Vagabundentum genau
mit der Auflösung der Feudalität zusammenhängt. Schon im drei-
zehnten Jahrhundert kommen einzelne Epochen dieser Art vor, all-
gemein und dauernd tritt dies Vagabundentum erst mit dem Ende des
15. und Anfang des 16. Jahrhunderts hervor. Diese Vagabunden, die
so zahlreich waren, daß u. a. Heinrich VIII. von England ihrer
72 000 hängen ließ, wurden nur mit den größten Schwierigkeiten
und durch die äußerste Not und erst nach langem Widerstreben da-
hin gebracht, daß sie arbeiteten. Das rasche Aufblühen der Manu-
fakturen, namentlich in England, absorbierte sie allmählich.
Mit der Manufaktur traten die verschiedenen Nationen in ein Kon-
kurrenzverhältnis, in den Handelskampf, der in Kriegen, Schutz-
zöllen und Prohibitionen durchgekämpft wurde, während früher die
Nationen, soweit sie in Verbindung waren, einen harmlosen Aus-
tausch miteinander verführt 1*) hatten. Der Handel hat von nun an
politische Bedeutung.
Mit der Manufaktur war zugleich ein verändertes Verhältnis des
Arbeiters zum Arbeitgeber gegeben. In den Zünften existierte das
patriarchalische Verhältnis zwischen Gesellen und Meister fort;
in der Manufaktur trat an seine Stelle das Geldverhältnis zwi-
schen Arbeiter und Kapitalist; ein Verhältnis, das auf dem Lande
und in kleinen Städten patriarchalisch tingiert blieb, in den
größeren, eigentlichen Manufakturstädten jedoch schon früh fast
alle patriarchalische Färbung verlor.
Die Manufaktur und überhaupt die Bewegung der Produktion erhielt
einen enormen Aufschwung durch die Ausdehnung des Verkehrs, wel-
che mit der Entdeckung Amerikas und des Seeweges nach Ostindien
eintrat. Die neuen, von dort importierten Produkte, namentlich
die Massen von Gold und Silber, die in Zirkulation kamen, die
Stellung der Klassen gegeneinander total veränderten und dem feu-
dalen Grundeigentum und den Arbeitern einen harten Stoß gaben,
die Abenteurerzüge, Kolonisation und vor Allem die jetzt möglich
gewordene und täglich sich mehr und mehr herstellende Ausdehnung
der Märkte zum Weltmarkt riefen eine neue Phase der
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1*) MEGA vollführt
#57# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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geschichtlichen Entwicklung hervor, auf welche im Allgemeinen
hier nicht weiter einzugehen ist. Durch die Kolonisation der neu-
entdeckten Länder erhielt der Handelskampf der Nationen gegenein-
ander neue Nahrung und demgemäß größere Ausdehnung und Erbitte-
rung.
Die Ausdehnung des Handels und der Manufaktur beschleunigten die
Akkumulation des mobilen Kapitals, während in den Zünften, die
keinen Stimulus zur erweiterten Produktion erfuhren, das natur-
wüchsige Kapital stabil blieb oder gar abnahm. Handel und Manu-
faktur schufen die große Bourgeoisie, in den Zünften konzen-
trierte sich die Kleinbürgerschaf t, die nun nicht mehr wie frü-
her in den Städten herrschte, sondern der Herrschaft der großen
Kaufleute und Manufacturiers 1*) sich beugen mußte. *) Daher der
Verfall der Zünfte, sobald sie mit der Manufaktur in Berührung
kam[en].
Das Verhältnis der Nationen untereinander in ihrem Verkehr nahm
während der Epoche, von der wir gesprochen haben, zwei verschie-
dene Gestalten an. Im Anfange bedingte die geringe zirkulierende
Quantität des Goldes und Silbers das Verbot der Ausfuhr dieser
Metalle; und die durch die Notwendigkeit der Beschäftigung für
die wachsende städtische Bevölkerung nötig gewordene, meist vom
Auslande importierte Industrie konnte der Privilegien nicht ent-
behren, die natürlich nicht nur gegen inländische, sondern haupt-
sächlich gegen auswärtige Konkurrenz gegeben werden konnten. Das
lokale Zunftprivilegium wurde in diesen ursprünglichen Prohibi-
tionen auf die ganze Nation erweitert. Die Zölle entstanden aus
den Abgaben, die die Feudalherren den ihr Gebiet durchziehenden
Kaufleuten als Abkauf der Plünderung auflegten, Abgaben, die spä-
ter von den Städten ebenfalls auferlegt wurden und die beim Auf-
kommen der modernen Staaten das zunächstliegende Mittel für den
Fiskus waren, um Geld zu bekommen.
Die Erscheinung des amerikanischen Goldes und Silbers auf den eu-
ropäischen Märkten, die allmähliche Entwicklung der Industrie,
der rasche Aufschwung des Handels und das hierdurch hervorgeru-
fene Aufblühen der nichtzünftigen Bourgeoisie und des Geldes gab
diesen Maßregeln eine andre Bedeutung. Der Staat, der des Geldes
täglich weniger entbehren konnte, behielt nun das Verbot der
Gold- und Silberausfuhr aus fiskalischen Rücksichten bei; die
Bourgeois, für die diese neu auf den Markt geschleuderten Geld-
massen der Hauptgegenstand des Akkaparements 2*) war, waren damit
vollständig zufrieden; die bisherigen Privilegien wurden eine
Einkommenquelle für die Regierung und für Geld verkauft; in der
Zollgesetzgebung
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*) [Randbemerkung von Marx:] Kleinbürger - Mittelstand - Große
Bourgeoisie.
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1*) Besitzer eines Manufakturbetriebes - 2*) wucherischen Auf-
kaufs
#58# Karl Marx und Friedrich Engels
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kamen die Ausfuhrzölle auf, die, der Industrie nur ein Hindernis
in den Weg [legend], einen rein fiskalischen Zweck hatten.
Die zweite Periode trat mit der Mitte des siebzehnten Jahrhun-
derts ein und dauerte fast bis zum Ende des achtzehnten. Der Han-
del und die Schifffahrt hatten sich rascher ausgedehnt als die
Manufaktur, die eine sekundäre Rolle spielte; die Kolonien fingen
an, starke Konsumenten zu werden, die einzelnen Nationen teilten
sich durch lange Kämpfe in den sich öffnenden Weltmarkt. Diese
Periode beginnt mit den Navigationsgesetzen [18] und Kolonial-
monopolen. Die Konkurrenz der Nationen untereinander wurde durch
Tarife, Prohibitionen, Traktate möglichst ausgeschlossen; und in
letzter Instanz wurde der Konkurrenzkampf durch Kriege (besonders
Seekriege) geführt und entschieden. Die zur See mächtigste Na-
tion, die Engländer, behielten das Übergewicht im Handel und der
Manufaktur. Schon hier die Konzentration auf Ein Land.
Die Manufaktur war fortwährend durch Schutzzölle im heimischen
Markte, im Kolonialmarkte durch Monopole und im auswärtigen mög-
lichst viel durch Differentialzölle [19] geschützt. Die Bearbei-
tung des im Lande selbst erzeugten Materials wurde begünstigt
(Wolle und Leinen in England, Seide in Frankreich), die Ausfuhr
des im Inlande erzeugten Rohmaterials verboten (Wolle in England)
und die [Bearbeitung] des importierten vernachlässigt oder unter-
drückt (Baumwolle in England). Die im Seehandel und der Kolonial-
macht vorherrschende Nation sicherte sich natürlich auch die
größte quantitative und qualitative Ausdehnung der Manufaktur.
Die Manufaktur konnte überhaupt des Schutzes nicht entbehren, da
sie durch die geringste Veränderung, die in ändern Ländern vor-
geht, ihren Markt verlieren und ruiniert werden kann; sie ist
leicht in einem Lande unter einigermaßen günstigen Bedingungen
eingeführt und ebendeshalb leicht zerstört. Sie ist zugleich
durch die Art, wie sie, namentlich im 18. Jahrhundert auf dem
Lande, betrieben wurde, mit den Lebensverhältnissen einer großen
Masse von Individuen so verwachsen, daß kein Land wagen darf,
ihre Existenz durch Zulassung der freien Konkurrenz aufs Spiel zu
setzen. Sie hängt daher, insofern sie es bis zum Export bringt,
ganz von der Ausdehnung oder Beschränkung des Handels ab und übt
eine Verhältnis [mäßig] sehr geringe Rückwirkung [auf ihn] aus.
Daher ihre sekundäre [Bedeutung] und daher der Einfluß [der
Kauf]leute im achtzehnten Jahrhundert. Die Kaufleute und beson-
ders die Reeder waren es, die vor allen Ändern auf Staatsschutz
und Monopolien drangen; die Manufacturiers verlangten und erhiel-
ten zwar auch Schutz, standen aber fortwährend hinter den Kauf-
leuten an politischer Bedeutung zurück. Die Handelsstädte, spezi-
ell die Seestädte, wurden einigermaßen zivilisiert
#59# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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und großbürgerlich, während in den Fabrikstädten die größte
Kleinbürgerei bestehen blieb. Vgl. Aikin pp. Das achtzehnte Jahr-
hundert war das des Handels. Pinto sagt dies ausdrücklich [20]:
"Le commerce fait la marotte du siècle" 1*), und: "Depuis quelque
temps il n'est plus question que de commerce, de navigation et de
marine." 2*) *)
Diese Periode ist auch bezeichnet durch das Aufhören der Gold-
und Silberausfuhrverbote, das Entstehen des Geldhandels, der Ban-
ken, der Staatsschulden, des Papiergeldes, der Aktien- und Fonds-
spekulation, der Agiotage in allen Artikeln und der Ausbildung
des Geldwesens überhaupt. Das Kapital verlor wieder einen großen
Teil der ihm noch anklebenden Naturwüchsigkeit.
Die im siebzehnten Jahrhundert unaufhaltsam sich entwickelnde
Konzentration des Handels und der Manufaktur auf ein Land, Eng-
land, schuf für dieses Land allmählich einen relativen Weltmarkt
und damit eine Nachfrage für die Manufakturprodukte dieses Lan-
des, die durch die bisherigen industriellen Produktivkräfte nicht
mehr befriedigt werden konnte. Diese den Produktionskräften über
den Kopf wachsende Nachfrage war die treibende Kraft, welche die
dritte Periode des Privateigentums seit dem Mittelalter hervor-
rief, indem sie die große Industrie - die Anwendung von Elemen-
tarkräften zu industriellen Zwecken, die Maschinerie und die aus-
gedehnteste Teilung der Arbeit - erzeugte. Die übrigen Bedingun-
gen dieser neuen Phase - die Freiheit der Konkurrenz innerhalb
der Nation, die Ausbildung der theoretischen Mechanik (die durch
Newton vollendete Mechanik war überhaupt im 18. Jahrhundert in
Frankreich und England die populärste Wissenschaft) pp. - exi-
stierten in England bereits. (Die freie Konkurrenz in der Nation
selbst mußte überall durch eine Revolution erobert werden - 1640
und 1688 in England, 1789 in Frankreich.) Die Konkurrenz zwang
bald jedes
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*) Die Bewegung des Kapitals, obwohl bedeutend beschleunigt,
blieb doch noch stets verhältnismäßig langsam. Die Zersplitterung
des Weltmarktes in einzelne Teile, deren Jeder von einer beson-
dern Nation ausgebeutet wurde, die Ausschließung der Konkurrenz
der Nationen unter sich, die Unbebülflichkeit der Produktion
selbst und das aus den ersten Stufen sich erst entwickelnde Geld-
wesen hielten die Zirkulation sehr auf. Die Folge davon war ein
krämerhafter, schmutzig-kleinlicher Geist, der allen Kaufleuten
und der ganzen Weise des Handelsbetriebs noch anhaftete. Im Ver-
gleich mit den Manufacturiers und vollends den Handwerkern waren
sie allerdings Großbürger, Bourgeois, im Vergleich zu den Kauf-
leuten und Industriellen der nächsten Periode bleiben sie Klein-
bürger. Vgl. A. Smith. [21]
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1*) "Der Handel ist das Steckenpferd des Jahrhunderts" -
2*) "Seit einiger Zeit ist nur noch von Handel, Seefahrt und Ma-
rine die Rede."
#60# Karl Marx und Friedrich Engels
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Land, das seine historische Rolle behalten wollte, seine Manufak-
turen durch erneuerte Zollmaßregeln zu schützen (die alten Zölle
halfen gegen die große Industrie nicht mehr) und bald darauf die
große Industrie unter Schutzzöllen einzuführen. Die große Indu-
strie universalisierte trotz dieser Schutzmittel die Konkurrenz
(sie ist die praktische Handelsfreiheit, der Schutzzoll ist in
ihr nur ein Palliativ, eine Gegenwehr i n der Handelsfreiheit),
stellte die Kommunikationsmittel und den modernen Weltmarkt her,
unterwarf sich den Handel, verwandelte alles Kapital in industri-
elles Kapital und erzeugte damit die rasche Zirkulation (die Aus-
bildung des Geldwesens) und Zentralisation der Kapitalien. Sie
zwang durch die universelle Konkurrenz alle Individuen zur äu-
ßersten Anspannung ihrer Energie. Sie vernichtete möglichst die
Ideologie, Religion, Moral etc., und wo sie dies nicht konnte,
machte sie sie zur handgreiflichen Lüge. Sie erzeugte insoweit
erst die Weltgeschichte, als sie jede zivilisierte Nation und je-
des Individuum darin in der Befriedigung seiner Bedürfnisse von
der ganzen Welt abhängig machte und die bisherige naturwüchsige
Ausschließlichkeit einzelner Nationen vernichtete. Sie subsu-
mierte die Naturwissenschaft unter das Kapital und nahm der Tei-
lung der Arbeit den letzten Schein der Naturwüchsigkeit. Sie ver-
nichtete überhaupt die Naturwüchsigkeit, soweit dies innerhalb
der Arbeit möglich ist, und löste alle naturwüchsigen Verhält-
nisse in Geldverhältnisse auf. Sie schuf an der Stelle der natur-
wüchsigen Städte die modernen, großen Industriestädte, die über
Nacht entstanden sind. Sie zerstörte, wo sie durchdrang, das
Handwerk und überhaupt alle früheren Stufen der Industrie. Sie
vollendete den Sieg [der] Handelsstadt über das Land. [Ihre erste
Voraussetzung] ist das automatische System. [Ihre Entwicklung
er]zeugte eine Masse von Pro[duktivkräften, für die das
Privateigentum] ebensosehr eine Fessel wurde wie die Zunft für
die Manufaktur und der kleine, ländliche Betrieb für das sich
ausbildende Handwerk. Diese Produktivkräfte erhalten unter dem
Privateigentum eine nur einseitige Entwicklung, werden, für die
Mehrzahl zu Destruktivkräften, und eine Menge solcher Kräfte
können im Privateigentum gar nicht zur Anwendung kommen. Sie
erzeugte im Allgemeinen überall dieselben Verhältnisse zwischen
den Klassen der Gesellschaft und vernichtete · dadurch die
Besonderheit der einzelnen Nationalitäten. Und endlich, während
die Bourgeoisie jeder Nation noch aparte nationale Interessen
behält, schuf die große Industrie eine Klasse, die bei allen
Nationen dasselbe Interesse hat und bei der die Nationalität
schon vernichtet ist, eine Klasse, die wirklich die ganze alte
Welt los ist und zugleich ihr gegenübersteht. Sie macht dem
Arbeiter nicht bloß das Verhältnis zum Kapitalisten, sondern die
Arbeit selbst unerträglich.
#61# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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Es versteht sich, daß die große Industrie nicht in jeder Lokali-
tät eines Landes zu derselben Höhe der Ausbildung kommt. Dies
hält indes die Klassenbewegung des Proletariats nicht auf, da die
durch die große Industrie erzeugten Proletarier an die Spitze
dieser Bewegung treten und die ganze Masse mit sich fortreißen,
und da die von der großen Industrie ausgeschlossenen Arbeiter
durch diese große Industrie in eine noch schlechtere Lebenslage
versetzt werden als die Arbeiter der großen Industrie selbst.
Ebenso wirken die Länder, in denen eine große Industrie entwic-
kelt ist, auf die plus ou moins 1*) nichtindustriellen Länder,
sofern diese durch den Weltverkehr in den universellen Konkur-
renzkampf hereingerissen sind. *)
Diese verschiedenen Formen sind ebensoviel Formen der Organisa-
tion der Arbeit und damit des Eigentums. In jeder Periode fand
eine Vereinigung der existierenden Produktivkräfte statt, soweit
sie durch die Bedürfnisse notwendig geworden war.
[2.] Verhältnis von Staat und Recht zum Eigentum
Die erste Form des Eigentums ist sowohl in der antiken Welt wie
im Mittelalter das Stammeigentum, bedingt bei den Römern haupt-
sächlich durch den Krieg, bei den Germanen durch die Viehzucht.
Bei den antiken Völkern erscheint, weil in einer Stadt mehrere
Stämme zusammenwohnen, das Stammeigentum als Staatseigentum und
das Recht des Einzelnen daran als bloße Possessio 2*), die sich
indes, wie das Stammeigentum überhaupt, nur auf das Grundeigentum
beschränkt. Das eigentliche Privateigentum fängt bei den Alten,
wie bei den modernen Völkern, mit dem Mobiliareigentum an. -
(Sklaverei und Gemeinwesen) (dominium ex jure Quiritum 3*)). Bei
den aus
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*) Die Konkurrenz isoliert die Individuen, nicht nur die Bour-
geois, sondern noch mehr die Proletarier gegeneinander, trotzdem
daß sie sie zusammenbringt. Daher dauert es eine lange Zeit, bis
diese Individuen sich vereinigen können, abgesehn davon, daß zu
dieser Vereinigung - wenn sie nicht bloß lokal sein soll - die
nötigen Mittel, die großen Industriestädte und die wohlfeilen und
schnellen Kommunikationen durch die große Industrie erst herge-
stellt sein müssen, und daher ist jede organisierte Macht gegen-
über diesen isolierten und in Verhältnissen, die die Isolierung
täglich reproduzieren, lebenden Individuen erst nach langen Kämp-
fen zu besiegen. Das Gegenteil verlangen, hieße ebensoviel wie zu
verlangen, daß die Konkurrenz in dieser bestimmten Geschichtsepo-
che nicht existieren soll oder daß die Individuen Verhältnisse,
über die sie als Isolierte keine Kontrolle haben, sich aus dem
Kopf schlagen sollen.
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1*) mehr oder weniger - 2*) Besitz - 3*) Eigentum eines altrömi-
schen Vollbürgers
#62# Karl Marx und Friedrich Engels
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dem Mittelalter hervorgehenden Völkern entwickelt sich das Stamm-
eigentum so durch verschiedene Stufen - feudales Grundeigentum,
korporatives Mobiliareigenturn, Manufakturkapital - bis zum mo-
dernen, durch die große Industrie und universelle Konkurrenz be-
dingten Kapital, dem reinen Privateigentum, das allen Schein des
Gemeinwesens abgestreift und alle Einwirkung des Staats auf die
Entwicklung des Eigentums ausgeschlossen hat. Diesem modernen
Privateigentum entspricht der moderne Staat, der durch die Steu-
ern allmählich von den Privateigentümern an sich gekauft, durch
das Staatsschuldenwesen ihnen vollständig verfallen und dessen
Existenz in dem Steigen und Fallen der Staatspapiere auf der
Börse gänzlich von dem kommerziellen Kredit abhängig geworden
ist, den ihm die Privateigentümer, die Bourgeois, geben. Die
Bourgeoisie ist schon, weil sie eine K l a s s e, nicht mehr
ein S t a n d ist, dazu gezwungen, sich national, nicht mehr
lokal zu organisieren und ihrem Durchschnittsinteresse eine all-
gemeine Form zu geben. Durch die Emanzipation des Privateigentums
vom Gemeinwesen ist der Staat zu einer besonderen Existenz neben
und außer der bürgerlichen Gesellschaft geworden; er ist aber
weiter Nichts als die Form der Organisation, welche sich die
Bourgeois sowohl nach Außen als nach innen hin zur gegenseitigen
Garantie ihres Eigentums und ihrer Interessen notwendig geben.
Die Selbständigkeit des Staats kommt heutzutage nur noch in sol-
chen Ländern vor, wo die Stände sich nicht vollständig zu Klassen
entwickelt haben, wo die in den fortgeschrittneren Ländern besei-
tigten Stände noch eine Rolle spielen und ein Gemisch existiert,
in denen daher kein Teil der Bevölkerung es zur Herrschaft über
die übrigen bringen kann. Dies ist namentlich in Deutschland der
Fall. Das vollendetste Beispiel des modernen Staats ist Nordame-
rika. Die neueren französischen, englischen und amerikanischen
Schriftsteller sprechen sich Alle dahin aus, daß der Staat nur um
des Privateigentums willen existiere, so daß dies auch in das ge-
wöhnliche Bewußtsein übergegangen ist.
Da der Staat die Form ist, in welcher die Individuen einer herr-
schenden Klasse ihre gerneinsamen Interessen geltend machen und
die ganze bürgerliche Gesellschaft einer Epoche sich zusammen-
faßt, so folgt, daß alle gemeinsamen Institutionen durch den
Staat vermittelt werden, eine politische Form erhalten. Daher die
Illusion, als ob das Gesetz auf dem Willen, und zwar auf dem von
seiner realen Basis losgerissenen, d e m f r e i e n Willen
beruhe. Ebenso wird das Recht dann wieder auf das Gesetz redu-
ziert.
Das Privatrecht entwickelt sich zu gleicher Zeit mit dem Privat-
eigentum aus der Auflösung des naturwüchsigen Gemeinwesens. Bei
den Römern blieb die Entwicklung des Privateigentums und Privat-
rechts ohne weitere industrielle und kommerzielle Folgen, weil
ihre ganze Produktionsweise dieselbe
#63# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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blieb. *) Bei den modernen Völkern, wo das feudale Gemeinwesen
durch die Industrie und den Handel aufgelöst wurde, begann mit
dem Entstehen des Privateigentums und Privatrechts eine neue
Phase, die einer weiteren Entwicklung fähig war. Gleich die erste
Stadt, die im Mittelalter einen ausgedehnten Seehandel führte,
Amalfi [22], bildete auch das Seerecht aus. Sobald, zuerst in
Italien und später in anderen Ländern, die Industrie und der Han-
del das Privateigentum weiterentwickelten, wurde gleich das aus-
gebildete römische Privatrecht wieder aufgenommen und zur Autori-
tät erhoben. Als später die Bourgeoisie so viel Macht erlangt
hatte, daß die Fürsten sich ihrer Interessen annahmen, um vermit-
telst der Bourgeoisie den Feudaladel zu stürzen, begann in allen
Ländern - in Frankreich im 16. Jahrhundert - die eigentliche Ent-
wicklung des Rechts, die in allen Ländern, ausgenommen England,
auf der Basis des römischen Kodex vor sich ging. Auch in England
mußten römische Rechtsgrundsätze zur weiteren Ausbildung des Pri-
vatrechts (besonders beim Mobiliareigentum) hereingenommen wer-
den. (Nicht zu vergessen, daß das Recht ebensowenig eine eigene
Geschichte hat wie die Religion.)
Im Privatrecht werden die bestehenden Eigentumsverhältnisse als
Resultat des allgemeinen Willens ausgesprochen. Das jus utendi et
abutendi 1*) selbst spricht einerseits die Tatsache aus, daß das
Privateigentum vom Gemeinwesen durchaus unabhängig geworden ist,
und andererseits die Illusion, als ob das Privateigentum selbst
auf dem bloßen Privatwillen, der willkürlichen Disposition über
die Sache beruhe. In der Praxis hat das abuti 2*) sehr bestimmte
ökonomische Grenzen für den Privateigentümer, wenn er nicht sein
Eigentum und damit sein jus abutendi in andre Hände übergehn se-
hen will, da überhaupt die Sache, bloß in Beziehung auf seinen
Willen betrachtet, gar keine Sache ist, sondern erst im Verkehr
und unabhängig vom Recht zu einer Sache, zu wirklichem Eigentum
wird (ein V e r h ä l t n i s, was die Philosophen eine Idee
nennen). **)
Diese juristische Illusion, die das Recht auf den bloßen Willen
reduziert, führt in der weiteren Entwicklung der Eigentumsver-
hältnisse notwendig dahin, daß Jemand einen juristischen Titel
auf eine Sache haben kann, ohne
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*) [Randbemerkung von Engels:] (Wucher!)
**) Verhältnis für die Philosophen = Idee. Sie kennen bloß das
Verhältnis "d e s Menschen" zu sich selbst, und darum werden
alle wirklichen Verhältnisse ihnen zu Ideen.
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1*) das Recht, das Seinige zu gebrauchen und zu verbrauchen
(auch: mißbrauchen) - 2*) Verbrauchen (auch: Mißbrauchen)
#64# Karl Marx und Friedrich Engels
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die Sache wirklich zu haben. Wird z. B. durch die Konkurrenz die
Rente eines Grundstückes beseitigt, so hat der Eigentümer dessel-
ben zwar seinen juristischen Titel daran, samt dem jus utendi et
abutendi. Aber er kann nichts damit anfangen, er besitzt nichts
als Grundeigentümer, falls er nicht sonst noch Kapital genug be-
sitzt, um seinen Boden zu bebauen. Aus derselben Illusion der Ju-
risten erklärt es sich, daß es für sie und für jeden Kodex über-
haupt zufällig ist, daß Individuen in Verhältnisse untereinander
treten, z.B. Verträge, und daß ihm diese Verhältnisse für solche
gelten, die man nach Belieben eingehen oder nicht eingehen [kann]
und deren Inhalt ganz auf der individuellen [Will]kür der Kontra-
henten [ber]uht.
Sooft sich durch die Entwicklung] der Industrie und des Handels
neue [Ve]rkehrsformen gebildet haben, [z.] B. Assekuranz-etc.-
Kompanien, war das Recht jedesmal genötigt, sie unter die Eigen-
tumserwerbsarten aufzunehmen.
Es ist nichts gewöhnlicher als die Vorstellung, in der Geschichte
sei es bisher nur auf das N e h m e n angekommen. Die Barbaren
n e h m e n das römische Reich, und mit der Tatsache dieses Neh-
mens erklärt man den Übergang aus der alten Welt in die Feudali-
tät. Bei dem Nehmen durch Barbaren kommt es aber darauf an, ob
die Nation, die eingenommen wird, industrielle Produktivkräfte
entwickelt hat, wie dies bei den modernen Völkern der Fall ist,
oder ob ihre Produktivkräfte hauptsächlich bloß auf ihrer Verei-
nigung und dem Gemeinwesen beruhen. Das Nehmen ist ferner bedingt
durch den Gegenstand, der genommen wird. Das in Papier bestehende
Vermögen eines Bankiers kann gar nicht genommen werden, ohne daß
der Nehmende sich den Produktions- und Verkehrsbedingungen des
genommenen Landes unterwirft. Ebenso das gesamte industrielle Ka-
pital eines modernen Industrielandes. Und endlich hat das Nehmen
überall sehr bald ein Ende, und wenn nichts mehr zu nehmen ist,
muß man anfangen zu produzieren. Aus dieser sehr bald eintreten-
den Notwendigkeit des Produzierens folgt, daß die von den sich
niederlassenden Eroberern angenommene Form des Gemeinwesens der
Entwicklungsstufe der vorgefundnen Produktivkräfte entsprechen,
oder, wenn dies nicht von vornherein der Fall ist, sich nach den
Produktivkräften ändern muß. Hieraus erklärt sich auch das Fak-
tum, das man in der Zeit nach der Völkerwanderung überall bemerkt
haben will, daß nämlich der Knecht der Herr war, und die Eroberer
von den Eroberten Sprache, Bildung und Sitten sehr bald annahmen.
Die Feudalität wurde keineswegs aus Deutschland fertig mitge-
bracht, sondern sie hatte ihren Ursprung von sehen der Eroberer
in der kriegerischen
#65# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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Organisation des Heerwesens während der Eroberung selbst, und
diese entwickelte sich nach derselben durch die Einwirkung der in
den eroberten Ländern vorgefundnen Produktivkräfte erst zur ei-
gentlichen Feudalität. Wie sehr diese Form durch die Produktiv-
kräfte bedingt war, zeigen die gescheiterten Versuche, andre aus
altrömischen Reminiszenzen entspringende Formen durchzusetzen
(Karl der Große pp.).
[3.] Naturwüchsige und zivilisierte Produktionsinstrumente
und Eigentumsformen
[..] 1*) funden wird. Aus dem ersteren ergibt sich die Vorausset-
zung einer ausgebildeten Teilung der Arbeit und eines ausgedehn-
ten Handels, aus dem zweiten die Lokalität. Bei dem ersten müssen
die Individuen zusammengebracht sein, bei dem zweiten finden sie
sich neben dem gegebenen Produktionsinstrument selbst als Produk-
tionsinstrumente vor. Hier tritt also der Unterschied zwischen
den naturwüchsigen und den durch die Zivilisation geschaffenen
Produktionsinstrumenten hervor. Der Acker (das Wasser etc.) kann
als naturwüchsiges Produktionsinstrument betrachtet werden. Im
ersten Fall, beim naturwüchsigen Produktionsinstrument, werden
die Individuen unter die Natur subsumiert, im zweiten Falle unter
ein Produkt der Arbeit. Im ersten Falle erscheint daher auch das
Eigentum (Grundeigentum) als unmittelbare, naturwüchsige Herr-
schaft, im zweiten als Herrschaft der Arbeit, speziell der akku-
mulierten Arbeit, des Kapitals. Der erste Fall setzt voraus, daß
die Individuen durch irgendein Band, sei es Familie, Stamm, der
Boden selbst pp. zusammengehören, der zweite Fall, daß sie unab-
hängig voneinander sind und nur durch den Austausch zusammenge-
halten werden. Im ersten Fall ist der Austausch hauptsächlich ein
Austausch zwischen den Menschen und der Natur, ein Austausch, in
dem die Arbeit der Einen gegen die Produkte der Ändern einge-
tauscht wird; im zweiten Falle ist er vorherrschend Austausch der
Menschen unter sich. Im ersten Falle reicht der durchschnittliche
Menschenverstand hin, körperliche und geistige Tätigkeit sind
noch gar nicht getrennt; im zweiten Falle muß bereits die Teilung
zwischen geistiger und körperlicher Arbeit praktisch vollzogen
sein. Im ersten Falle kann die Herrschaft des Eigentümers über
die Nichteigentümer auf persönlichen Verhältnissen, auf einer Art
von Gemeinwesen beruhen, im zweiten Falle muß sie in einem Drit-
ten, dem Geld, eine dingliche Gestalt angenommen haben. Im ersten
Falle existiert die kleine Industrie, aber subsumiert
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1*) Hier fehlen in der Handschrift vier Seiten.
#66# Karl Marx und Friedrich Engels
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unter die Benutzung des naturwüchsigen Produktionsinstruments,
und daher ohne Verteilung der Arbeit an verschiedene Individuen;
im zweiten Falle besteht die Industrie nur in und durch die Tei-
lung der Arbeit.
Wir gingen bisher von den Produktionsinstrumenten aus, und schon
hier zeigte sich die Notwendigkeit des Privateigentums für ge-
wisse industrielle Stufen. In der Industrie extractive 1*) fällt
das Privateigentum mit der Arbeit noch ganz zusammen; in der
kleinen Industrie und aller bisherigen Agrikultur ist das
Eigentum notwendige Konsequenz der vorhandenen Produktionsinstru-
mente; in der großen Industrie ist der Widerspruch zwischen dem
Produktionsinstrument und Privateigentum erst ihr Produkt, zu
dessen Erzeugung sie bereits sehr entwickelt sein muß. Mit ihr
ist also auch die Aufhebung des Privateigentums erst möglich.
In der großen Industrie und Konkurrenz sind die sämtlichen Exi-
stenzbedingungen, Bedingtheiten, Einseitigkeiten der Individuen
zusammengeschmolzen in die beiden einfachsten Formen: Privatei-
gentum und Arbeit. Mit dem Gelde ist jede Verkehrsform und der
Verkehr selbst für die Individuen als zufällig gesetzt. Also
liegt schon im Gelde, daß aller bisherige Verkehr nur Verkehr der
Individuen unter bestimmten Bedingungen, nicht der Individuen als
Individuen war. Diese Bedingungen sind auf zwei - akkumulierte
Arbeit oder Privateigentum, oder wirkliche Arbeit - reduziert.
Hört diese oder eine von ihnen auf, so stockt der Verkehr. Die
modernen Ökonomen selbst, z. B. Sismondi, Cherbuliez etc., stel-
len die association des individus 2*) der association des capi-
taux 3*) entgegen. Andererseits sind die Individuen selbst voll-
ständig unter die Teilung der Arbeit subsumiert und dadurch in
die vollständigste Abhängigkeit voneinander gebracht. Das Privat-
eigentum, soweit es, innerhalb der Arbeit, der Arbeit gegenüber-
tritt, entwickelt sich aus der Notwendigkeit der Akkumulation und
hat im Anfange immer noch mehr die Form des Gemeinwesens, nähert
sich aber in der weiteren Entwicklung immer mehr der modernen
Form des Privateigentums. Durch die Teilung der Arbeit ist schon
von vornherein die Teilung auch der Arbeits b e d i n g u n-
g e n, Werkzeuge und Materialien gegeben und damit die Zersplit-
terung des akkumulierten Kapitals an verschiedne Eigentümer, und
damit die Zersplitterung zwischen Kapital und Arbeit, und die
verschiedenen Formen des Eigentums selbst. Je mehr sich die
Teilung der Arbeit ausbildet und je mehr die Akkumulation wächst,
desto schärfer bildet sich auch diese Zersplitterung aus. Die
Arbeit selbst kann nur bestehen unter der Voraussetzung dieser
Zersplitterung.
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1*) auf die Gewinnung von Rohstoffen gerichteten Industrie -
2*) Vereinigung der Individuen - 3*) Vereinigung der Kapitale
#67# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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Es zeigen sich hier also zwei Fakta. *) Erstens erscheinen die
Produktivkräfte als ganz unabhängig und losgerissen von den Indi-
viduen, als eine eigne Welt neben den Individuen, was dann seinen
Grund hat, daß die Individuen, deren Kräfte sie sind, zersplit-
tert und im Gegensatz gegeneinander existieren, während diese
Kräfte andererseits nur im Verkehr und Zusammenhang dieser Indi-
viduen wirkliche Kräfte sind. Also auf der einen Seite eine Tota-
lität von Produktivkräften, die gleichsam eine sachliche Gestalt
angenommen haben und für die Individuen selbst nicht mehr die
Kräfte der Individuen, sondern des Privateigentums [sind], und
daher der Individuen nur, insofern sie Privateigentümer sind. In
keiner früheren Periode hatten die Produktivkräfte diese gleich-
gültige Gestalt für den Verkehr der Individuen a l s Individuen
angenommen, weil ihr Verkehr selbst noch ein bornierter war. Auf
der ändern Seite steht diesen Produktivkräften die Majorität der
Individuen gegenüber, von denen diese Kräfte losgerissen sind und
die daher alles wirklichen Lebensinhalts beraubt, abstrakte Indi-
viduen geworden sind, die aber dadurch erst in den Stand gesetzt
werden, a l s I n d i v i d u e n miteinander in Verbindung zu
treten.
Der einzige Zusammenhang, in dem sie noch mit den Produktivkräf-
ten und mit ihrer eignen Existenz stehen, die Arbeit, hat bei ih-
nen allen Schein der Selbstbetätigung verloren und erhält ihr Le-
ben nur, indem sie es verkümmert. Während in den früheren Perio-
den Selbstbetätigung und Erzeugung des materiellen Lebens dadurch
getrennt waren, daß sie an verschiedene Personen fielen und die
Erzeugung des materiellen Lebens wegen der Borniertheit der Indi-
viduen selbst noch als eine untergeordnete Art der Selbstbetäti-
gung galt, fallen sie jetzt so auseinander, daß überhaupt das ma-
terielle Leben als Zweck, die Erzeugung dieses materiellen Le-
bens, die Arbeit (welche die jetzt einzig mögliche, aber wie wir
sehn, negative Form der Selbstbetätigung ist), als Mittel er-
scheint.
Es ist also jetzt so weit gekommen, daß die Individuen sich die
vorhandene Totalität von Produktivkräften aneignen müssen, nicht
nur um zu ihrer Selbstbetätigung zu kommen, sondern schon über-
haupt um ihre Existenz sicherzustellen. Diese Aneignung ist zu-
erst bedingt durch den anzueignenden Gegenstand - die zu einer
Totalität entwickelten und nur innerhalb eines universellen Ver-
kehrs existierenden Produktivkräfte. Diese Aneignung muß also
schon von dieser Seite her einen den Produktivkräften und dem
Verkehr entsprechenden universellen Charakter haben. Die Aneig-
nung dieser Kräfte ist selbst weiter nichts als die Entwicklung
der den materiellen Produktionsinstrumenten
---
*) [Randbemerkung von Engels:] Sismondi
#68# Karl Marx und Friedrich Engels
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entsprechenden individuellen Fähigkeiten. Die Aneignung einer
Totalität von Produktionsinstrumenten ist schon deshalb die
Entwicklung einer Totalität von Fähigkeiten in den Individuen
selbst. Diese Aneignung ist ferner bedingt durch die aneignenden
Individuen. Nur die von aller Selbstbetätigung vollständig
ausgeschlossenen Proletarier der Gegenwart sind imstande, ihre
vollständige, nicht mehr bornierte Selbstbetätigung, die in der
Aneignung einer Totalität von Produktivkräften und der damit
gesetzten Entwicklung einer Totalität von Fähigkeiten besteht,
durchzusetzen. Alle früheren revolutionären Aneignungen waren
borniert; Individuen, deren Selbstbetätigung durch ein beschränk-
tes Produktionsinstrument und einen beschränkten Verkehr borniert
war, eigneten sich dies beschränkte Produktionsinstrument an und
brachten es daher nur zu einer neuen Beschränktheit. Ihr Produk-
tionsinstrument wurde ihr Eigentum, aber sie selbst blieben unter
die Teilung der Arbeit und unter ihr eignes Produktionsinstrument
subsumiert. Bei allen bisherigen Aneignungen blieb eine Masse von
Individuen unter ein einziges Produktionsinstrument subsumiert;
bei der Aneignung der Proletarier müssen eine Masse von Produkti-
onsinstrumente unter jedes Individuum und das Eigentum unter Alle
subsumiert werden. Der moderne universelle Verkehr kann nicht an-
ders unter die Individuen subsumiert werden, als dadurch, daß er
unter Alle subsumiert wird.
Die Aneignung ist ferner bedingt durch die Art und Weise, wie sie
vollzogen werden muß. Sie kann nur vollzogen werden durch eine
Vereinigung, die durch den Charakter des Proletariats selbst wie-
der nur eine universelle sein kann, und durch eine Revolution, in
der einerseits die Macht der bisherigen Produktions- und Ver-
kehrsweise und gesellschaftlichen Gliederung gestürzt wird und
andererseits der universelle Charakter und die zur Durchführung
der Aneignung nötige Energie des Proletariats sich entwickelt,
ferner das Proletariat alles abstreift, was ihm noch aus seiner
bisherigen Gesellschaftsstellung geblieben ist.
Erst auf dieser Stufe fällt die Selbstbetätigung mit dem materi-
ellen Leben zusammen, was der Entwicklung der Individuen zu tota-
len Individuen und der Abstreifung aller Naturwüchsigkeit ent-
spricht; und dann entspricht sich die Verwandlung der Arbeit in
Selbstbetätigung und die Verwandlung des bisherigen bedingten
Verkehrs in den Verkehr der Individuen als solcher. Mit der An-
eignung der totalen Produktivkräfte durch die vereinigten Indivi-
duen hört das Privateigentum auf. Während in der bisherigen Ge-
schichte immer eine besondere Bedingung als zufällig erschien,
ist jetzt die Absonderung der Individuen selbst, der besondre
Privaterwerb eines Jeden selbst zufällig geworden.
#69# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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Die Individuen, die nicht mehr unter die Teilung der Arbeit sub-
sumiert werden, haben die Philosophen sich als Ideal unter dem
Namen "der Mensch" vorgestellt, und den ganzen, von uns entwic-
kelten Prozeß als den Entwicklungsprozeß "des Menschen" gefaßt,
so daß den bisherigen Individuen auf jeder geschichtlichen Stufe
"der Mensch" untergeschoben und als die treibende Kraft der Ge-
schichte dargestellt wurde. Der ganze Prozeß wurde so als
Selbstentfremdungsprozeß "des Menschen" gefaßt, und dies kommt
wesentlich daher, daß das Durchschnittsindividuum der späteren
Stufe immer der früheren und das spätere Bewußtsein den früheren
Individuen untergeschoben [wurde]. Durch diese Umkehrung, die von
vornherein von den wirklichen Bedingungen abstrahiert, war es
möglich, die ganze Geschichte in einen Entwicklungsprozeß des Be-
wußtseins zu verwandeln.
*
Schließlich erhalten wir noch folgende Resultate aus der entwic-
kelten Geschichtsauffassung: 1. In der Entwicklung der Produktiv-
kräfte tritt eine Stufe ein, auf welcher Produktionskräfte und
Verkehrsmittel hervorgerufen werden, welche unter den bestehenden
Verhältnissen nur Unheil anrichten, welche keine Produktions-
kräfte mehr sind, sondern Destruktionskräfte (Maschinerie und
Geld) - und was damit zusammenhängt, daß eine Klasse hervorgeru-
fen wird, welche alle Lasten der Gesellschaft zu tragen hat, ohne
ihre Vorteile zu genießen, welche aus der Gesellschaft herausge-
drängt, in den entschiedensten Gegensatz zu allen ändern Klassen
forciert wird; eine Klasse, die die Majorität aller Gesell-
schaftsmitglieder bildet und von der das Bewußtsein über die Not-
wendigkeit einer gründlichen Revolution, das kommunistische Be-
wußtsein, ausgeht, das sich natürlich auch unter den ändern Klas-
sen vermöge der Anschauung der Stellung dieser Klasse bilden
kann; 2. daß die Bedingungen, innerhalb deren bestimmte Produkti-
onskräfte angewandt werden können, die Bedingungen der Herrschaft
einer bestimmten Klasse der Gesellschaft sind, deren soziale, aus
ihrem Besitz hervorgehende Macht in der jedesmaligen Staatsform
ihren praktisch-idealistischen Ausdruck hat, und deshalb jeder
revolutionäre Kampf gegen eine Klasse, die bisher geherrscht hat,
sich richtet *); 3. daß in allen bisherigen Revolutionen die Art
der Tätigkeit stets unangetastet blieb und es sich nur um eine
andre Distribution dieser Tätigkeit, um eine neue Verteilung der
Arbeit an andre Personen handelte, während die kommunistische Re-
volution sich gegen die
---
*) [Randbemerkung von Marx:] Daß die Leute interessiert sind, den
jetzigen Produktionszustand zu erhalten.
#70# Karl Marx und Friedrich Engels
-----
bisherige A r t der Tätigkeit richtet, die A r b e i t besei-
tigt *) und die Herrschaft aller Klassen mit den Klassen selbst
aufhebt, weil sie durch die Klasse bewirkt wird, die in der Ge-
sellschaft für keine Klasse mehr gilt, nicht als Klasse anerkannt
wird, schon der Ausdruck der Auflösung aller Klassen, Nationali-
täten etc. innerhalb der jetzigen Gesellschaft ist; und 4. daß
sowohl zur massenhaften Erzeugung dieses kommunistischen Bewußts-
eins wie zur Durchsetzung der Sache selbst eine massenhafte Ver-
änderung der Menschen nötig ist, die nur in einer praktischen Be-
wegung, in einer R e v o l u t i o n vor sich gehen kann; daß
also die Revolution nicht nur nötig ist, weil die h e r r-
s c h e n d e Klasse auf keine andre Weise gestürzt werden kann,
sondern auch, weil die s t ü r z e n d e Klasse nur in einer
Revolution dahin kommen kann, sich den ganzen alten Dreck vom
Halse zu schaffen und zu einer neuen Begründung der Gesellschaft
befähigt zu werden. **)
---
*) [Im Manuskript gestrichen:] ... die moder[ne] Form der Tätig-
keit, unter der die Herrschaft der ...
**) [Im Manuskript gestrichen:] Während über diese Notwendigkeit
der Revolution sämtliche Kommunisten sowohl in Frankreich, wie in
England und Deutschland seit geraumer Zeit einverstanden sind,
träumt der heilige Bruno ruhig weiter fort, und meint, der "Reale
Humanismus", d.h. Kommunismus, werde nur deswegen "an die Stelle
des Spiritualismus" (der keine Stelle hat) gesetzt, damit er Ver-
ehrung gewinne. Dann, träumt er fort, müsse wohl "das Heil gekom-
men, die Erde zum Himmel und der Himmel zur Erde gemacht sein".
(Der Gottesgelahrte kann den Himmel noch immer nicht verschmer-
zen.) "Dann tönt in himmlischen Harmonien Freud und Wonne von
Ewigkeit zu Ewigkeit" (p. 140). Der heilige Kirchenvater wird
sich doch sehr wundern, wenn der jüngste Tag, an dem sich dies
alles
#71# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
-----
---
erfüllet, über ihn hereinbricht - ein Tag, dessen Morgenrot der
Widerschein brennender Städte am Himmel ist, wenn unter diesen
"himmlischen Harmonien" die Melodie der Marseillaise und Carma-
gnole mit obligatem Kanonendonner an sein Ohr hallt, und die
Guillotine dazu den Takt schlägt; wenn die verruchte "Masse" ça
ira, ça ira brüllt und das "Selbstbewußtsein" vermittelst der La-
terne aufhebt.' [23] Der heilige Bruno hat am allerwenigsten Ur-
sache, sich von der "Freud und Wonne von Ewigkeit zu Ewigkeit"
ein erbauliches Gemälde zu entwerfen. Wir enthalten uns des Ver-
gnügens, das Verhalten Sankt Brunos am jüngsten Tage a priori zu
konstruieren. Es ist auch schwer zu entscheiden, ob die prolétai-
res en révolution als "Substanz", als "Masse", die die Kritik
stürzen will, oder als "Emanation" des Geistes, der indessen noch
die zur Verdauung Bauerscher Gedanken nötige Konsistenz abgeht,
gefaßt werden müßten.
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