Quelle: MEW 3 1845 - 1846


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       #50# Karl Marx und Friedrich Engels
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       [B. Die wirkliche Basis der Ideologie]
       
       [1.] Verkehr und Produktivkraft
       
       Die größte  Teilung der  materiellen und geistigen Arbeit ist die
       Trennung von  Stadt und  Land. Der  Gegensatz zwischen  Stadt und
       Land fängt an mit dem Übergange aus der Barbarei in die Zivilisa-
       tion, aus  dem Stammwesen  in den Staat, aus der Lokalität in die
       Nation, und  zieht sich  durch die ganze Geschichte der Zivilisa-
       tion bis  auf den  heutigen Tag  (die Anti-Corn-Law  League [17])
       hindurch. -  Mit der Stadt ist zugleich die Notwendigkeit der Ad-
       ministration, der Polizei, der Steuern usw., kurz des Gemeindewe-
       sens und  damit der  Politik überhaupt  gegeben. Hier zeigte sich
       zuerst die Teilung der Bevölkerung in zwei große Klassen, die di-
       rekt auf  der Teilung  der Arbeit und den Produktionsinstrumenten
       beruht. Die  Stadt ist bereits die Tatsache der Konzentration der
       Bevölkerung,  der   Produktionsinstrumente,  des   Kapitals,  der
       Genüsse, der Bedürfnisse, während das Land gerade die entgegenge-
       setzte Tatsache,  die Isolierung und Vereinzelung, zur Anschauung
       bringt. Der  Gegensatz zwischen Stadt und Land kann nur innerhalb
       des Privateigentums existieren. Er ist der krasseste Ausdruck der
       Subsumtion des  Individuums unter  die Teilung  der Arbeit, unter
       eine bestimmte, ihm aufgezwungene Tätigkeit, eine Subsumtion, die
       den Einen  zum bornierten  Stadttier, den  Ändern zum  bornierten
       Landtier macht  und den  Gegensatz der  Interessen Beider täglich
       neu erzeugt. Die Arbeit ist hier wieder die Hauptsache, die Macht
       ü b e r  den Individuen, und solange diese existiert, solange muß
       das Privateigentum  existieren. Die Aufhebung des Gegensatzes von
       Stadt und  Land ist eine der ersten Bedingungen der Gemeinschaft,
       eine Bedingung, die wieder von einer Masse materieller Vorausset-
       zungen abhängt  und die  der bloße Wille nicht erfüllen kann, wie
       Jeder auf  den ersten  Blick sieht.  (Diese ,  Bedingungen müssen
       noch entwickelt  werden.) Die  Trennung von  Stadt und  Land kann
       auch gefaßt  werden als  die Trennung von Kapital und Grundeigen-
       tum, als der Anfang einer vom Grundeigentum unabhängigen Existenz
       und Entwicklung  des Kapitals,  eines Eigentums,  das bloß in der
       Arbeit und im Austausch seine Basis hat.
       In den  Städten, welche im Mittelalter nicht aus der früheren Ge-
       schichte fertig überliefert waren, sondern sich neu aus den frei-
       gewordnen Leibeignen
       
       #51# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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       bildeten, war  die besondre  Arbeit eines Jeden sein einziges Ei-
       gentum außer dem kleinen, fast nur im nötigsten Handwerkszeug be-
       stehenden Kapital, das er mitbrachte. Die Konkurrenz der fortwäh-
       rend in die Stadt kommenden entlaufenen Leibeigenen, der fortwäh-
       rende Krieg  des Landes gegen die Städte und damit die Notwendig-
       keit einer  organisierten städtischen  Kriegsmacht, das  Band des
       gemeinsamen Eigentums  an einer bestimmten Arbeit, die Notwendig-
       keit gemeinsamer  Gebäude zum  Verkauf ihrer Waren zu einer Zeit,
       wo die  Handwerker zugleich  commerçants 1*), und die damit gege-
       bene Ausschließung Unberufener von diesen Gebäuden, der Gegensatz
       der Interessen der einzelnen Handwerke unter sich, die Notwendig-
       keit eines Schutzes der mit Mühe erlernten Arbeit und die feudale
       Organisation des ganzen Landes waren die Ursachen der Vereinigung
       der Arbeiter eines jeden Handwerks in Zünften. Wir haben hier auf
       die vielfachen  Modifikationen des Zunftwesens, die durch spätere
       historische Entwicklungen  hereinkommen, nicht weiter einzugehen.
       Die Flucht  der Leibeignen  in die Städte fand während des ganzen
       Mittelalters ununterbrochen  statt.  Diese  Leibeignen,  auf  dem
       Lande von  ihren Herren verfolgt, kamen einzeln in die Städte, wo
       sie eine  organisierte Gemeinde vorfanden, gegen die sie machtlos
       waren und worin 2*) sie sich der Stellung unterwerfen mußten, die
       ihnen das Bedürfnis nach ihrer Arbeit und das Interesse ihrer or-
       ganisierten städtischen  Konkurrenten anwies.  Diese einzeln her-
       einkommenden Arbeiter  konnten es nie zu einer Macht bringen, da,
       wenn ihre  Arbeit eine zunftmäßige war, die erlernt werden mußte,
       die Zunftmeister  sie sich  unterwarfen und  nach ihrem Interesse
       organisierten, oder, wenn ihre Arbeit nicht erlernt werden mußte,
       daher keine  zunftmäßige, sondern Taglöhnerarbeit war, nie zu ei-
       ner Organisation  kamen, sondern  unorganisierter Pöbel  blieben.
       Die Notwendigkeit  der Taglöhnerarbeit  in den  Städten schuf den
       Pöbel.
       Diese Städte  waren wahre  "Vereine", hervorgerufen durch das un-
       mittelbare Bedürfnis,  die Sorge um den Schutz des Eigentums, und
       um die  Produktionsmittel und  Verteidigungsmittel der  einzelnen
       Mitglieder zu  multiplizieren. Der  Pöbel dieser  Städte war  da-
       durch, daß  er aus  einander fremden, vereinzelt hereingekommenen
       Individuen bestand, die einer organisierten, kriegsmäßig gerüste-
       ten, sie  eifersüchtig überwachenden  Macht unorganisiert  gegen-
       überstanden, aller  Macht beraubt. Die Gesellen und Lehrlinge wa-
       ren in jedem Handwerk  so organisiert,  wie es  dem Interesse der
       Meister am  besten entsprach; das patriarchalische Verhältnis, in
       dem sie  zu ihren  Meistern standen,  gab  diesen  eine  doppelte
       Macht, einerseits in ihrem direkten Einfluß
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       1*) Kaufleute - 2*) MEGA: gegen die sie machtlos waren, worin
       
       #52# Karl Marx und Friedrich Engels
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       auf das ganze Leben der Gesellen und dann, weil es für die Gesel-
       len, die  bei demselben  Meister arbeiteten,  ein wirkliches Band
       war, das sie gegenüber den Gesellen der übrigen Meister zusammen-
       hielt und  sie von  diesen trennte-und endlich waren die Gesellen
       schon durch das Interesse, das sie hatten, selbst Meister zu wer-
       den, an  die bestehende Ordnung geknüpft. Während daher der Pöbel
       es wenigstens  zu Erneuten  gegen die  ganze  städtische  Ordnung
       brachte, die  indes bei  seiner Machtlosigkeit  ohne alle Wirkung
       blieben, kamen  die Gesellen  nur zu  kleinen Widersetzlichkeiten
       innerhalb einzelner  Zünfte, wie sie zur Existenz des Zunftwesens
       selbst gehören. Die großen Aufstände des Mittelalters gingen alle
       vom Lande  aus, blieben  aber ebenfalls  wegen der Zersplitterung
       und der daraus folgenden Roheit der Bauern total erfolglos.
       Die Teilung  der Arbeit war in den Städten zwischen den einzelnen
       Zünften noch  [ganz naturwüchsig]  und in den Zünften selbst zwi-
       schen den  einzelnen Arbeitern  gar nicht durchgeführt. Jeder Ar-
       beiter mußte  in einem ganzen Kreise von Arbeiten bewandert sein,
       mußte Alles  machen können,  was mit  seinen Werkzeugen zu machen
       war; der  beschränkte Verkehr und die geringe Verbindung der ein-
       zelnen Städte  unter sich,  der Mangel an Bevölkerung und die Be-
       schränktheit der Bedürfnisse ließen keine weitere Teilung der Ar-
       beit aufkommen, und daher mußte Jeder, der Meister werden wollte,
       seines ganzen  Handwerks mächtig  sein. Daher findet sich bei den
       mittelalterlichen Handwerkern  noch ein  Interesse an  ihrer spe-
       ziellen Arbeit und an der Geschicklichkeit darin, das sich bis zu
       einem gewissen  bornierten Kunstsinn  steigern konnte. Daher ging
       aber auch jeder mittelalterliche Handwerker ganz in seiner Arbeit
       auf, hatte ein gemütliches Knechtschaftsverhältnis zu ihr und war
       viel mehr als der moderne Arbeiter, dem seine Arbeit gleichgültig
       ist, unter sie subsumiert.
       Das Kapital in diesen Städten war ein naturwüchsiges Kapital, das
       in der  Wohnung, den Handwerkszeugen und der naturwüchsigen, erb-
       lichen Kundschaft  bestand und sich wegen des unentwickelten Ver-
       kehrs und der mangelnden Zirkulation als unrealisierbar vom Vater
       auf den Sohn forterben mußte. Dies Kapital war nicht, wie das mo-
       derne, ein  in Geld abzuschätzendes, bei dem es gleichgültig ist,
       ob es  in dieser oder jener Sache steckt, sondern ein unmittelbar
       m i t  der bestimmten Arbeit des Besitzers zusammenhängendes, von
       ihr gar  nicht zu trennendes, und insofern  s t ä n d i s c h e s
       Kapital.
       Die nächste  Ausdehnung der  Teilung der  Arbeit war die Trennung
       von Produktion  und Verkehr,  die Bildung  einer besondern Klasse
       von Kaufleuten,  eine Trennung, die in den historisch überliefer-
       ten Städten  (u.a. mit  den Juden)  mit überkommen war und in den
       neugebildeten sehr bald eintrat.
       
       #53# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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       Hiermit war  die Möglichkeit einer über den nächsten Umkreis hin-
       ausgehenden Handelsverbindung  gegeben, eine  Möglichkeit,  deren
       Ausführung von  den bestehenden  Kommunikationsmitteln, dem durch
       die politischen  Verhältnisse bedingten  Stande der  öffentlichen
       Sicherheit auf dem Lande (im ganzen Mittelalter zogen bekanntlich
       die Kaufleute  in bewaffneten  Karawanen herum) und von den durch
       die jedesmalige Kulturstufe bedingten roheren oder entwickelteren
       Bedürfnissen des dem Verkehr zugänglichen Gebietes abhing.
       Mit dem  in einer  besonderen Klasse  konstituierten Verkehr, mit
       der Ausdehnung  des Handels  durch die Kaufleute über die nächste
       Umgebung der  Stadt hinaus,  tritt sogleich  eine  Wechselwirkung
       zwischen der  Produktion und  dem Verkehr  ein. Die Städte treten
       m i t e i n a n d e r   in Verbindung,  es werden  neue Werkzeuge
       aus einer  Stadt in  die andre gebracht, und die Teilung zwischen
       Produktion und Verkehr ruft bald eine neue Teilung der Produktion
       zwischen den einzelnen Städten hervor, deren Jede bald einen vor-
       herrschenden  Industriezweig  exploitiert.  Die  anfängliche  Be-
       schränkung auf  die Lokalität  fängt an,  allmählich aufgelöst zu
       werden.
       Die Bürger  in jeder  Stadt waren  im Mittelalter gezwungen, sich
       gegen den  Landadel zu  vereinigen, um sich ihrer Haut zu wehren;
       die Ausdehnung  des Handels,  die Herstellung der Kommunikationen
       führte die  einzelnen Städte  dazu, andere Städte kennenzulernen,
       die dieselben Interessen im Kampfe mit demselben Gegensatz durch-
       gesetzt hatten. Aus den vielen lokalen Bürgerschaften der einzel-
       nen Städte  entstand erst  sehr allmählich  die Bürgerklasse. Die
       Lebensbedingungen der einzelnen Bürger wurden durch den Gegensatz
       gegen die  bestehenden Verhältnisse  und durch die davon bedingte
       Art der  Arbeit zugleich  zu Bedingungen,  welche ihnen allen ge-
       meinsam und von jedem einzelnen unabhängig waren. Die Bürger hat-
       ten diese  Bedingungen geschaffen, insofern sie sich von dem feu-
       dalen Verbände  losgerissen hatten,  und waren von ihnen geschaf-
       fen, insofern sie durch ihren Gegensatz gegen die Feudalität, die
       sie vorfanden,  bedingt waren.  Mit dem  Eintreten der Verbindung
       zwischen den  einzelnen Städten entwickelten sich diese gemeinsa-
       men Bedingungen  zu  Klassenbedingungen.  Dieselben  Bedingungen,
       derselbe Gegensatz,  dieselben Interessen  mußten im  Ganzen  und
       Großen auch  überall gleiche  Sitten hervorrufen. Die Bourgeoisie
       selbst entwickelt  sich erst  mit ihren  Bedingungen  allmählich,
       spaltet sich nach der Teilung der Arbeit wie' der in verschiedene
       Fraktionen und  absorbiert endlich alle vorgefundenen besitzenden
       Klassen in sich *) (während sie die Majorität der vorgefundenen
       ---
       *) [Randbemerkung von  Marx:] Sie  absorbiert  zunächst  die  dem
       Staat direkt   A n g e h ö r i g e n   Arbeitszweige, dann alle ±
       [mehr oder weniger] ideologischen Stände.
       
       #54# Karl Marx und Friedrich Engels
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       besitzlosen und  einen Teil der bisher besitzenden Klassen 1*) zu
       einer neuen  Klasse, dem  Proletariat, entwickelt),  in dem Maße,
       als alles vorgefundene Eigentum in industrielles oder kommerziel-
       les Kapital umgewandelt wird. Die einzelnen Individuen bilden nur
       insofern eine  Klasse, als sie einen gemeinsamen Kampf gegen eine
       andre Klasse  zu führen  haben; im  übrigen stehen  sie  einander
       selbst in  der Konkurrenz wieder feindlich gegenüber. Auf der än-
       dern Seite verselbständigt sich die Klasse wieder gegen die Indi-
       viduen, so daß diese ihre Lebensbedingungen prädestiniert vorfin-
       den, von  der Klasse ihre Lebensstellung und damit ihre Persönli-
       che Entwicklung angewiesen bekommen, unter sie subsumiert werden.
       Dies ist  dieselbe Erscheinung  wie die  Subsumtion der einzelnen
       Individuen unter  die Teilung  der Arbeit  und kann nur durch die
       Aufhebung des Privateigentums und der Arbeit 2*) selbst beseitigt
       werden. Wie diese Subsumtion der Individuen unter die Klasse sich
       zugleich zu  einer Subsumtion  unter allerlei  Vorstellungen  pp.
       entwickelt, haben wir bereits mehrere Male angedeutet.
       Es hängt  lediglich von der Ausdehnung des Verkehrs ab, ob die in
       einer Lokalität  gewonnenen Produktivkräfte, namentlich Erfindun-
       gen, für  die spätere  Entwicklung verlorengehen  oder nicht. So-
       lange noch  kein über die unmittelbare Nachbarschaft hinausgehen-
       der Verkehr  existiert, muß jede Erfindung in jeder Lokalität be-
       sonders gemacht werden, und bloße Zufälle, wie Irruptionen barba-
       rischer Völker,  selbst gewöhnliche Kriege, reichen hin, ein Land
       mit entwickelten Produktivkräften und Bedürfnissen dahin zu brin-
       gen, daß  es wieder  von vorne  anfangen muß. In der anfänglichen
       Geschichte mußte  jede Erfindung täglich neu und in jeder Lokali-
       tät unabhängig  gemacht werden. Wie wenig ausgebildete Produktiv-
       kräfte selbst  bei einem verhältnismäßig sehr ausgedehnten Handel
       vor dem  gänzlichen Untergange  sicher sind,  beweisen die Phöni-
       zier, deren  Erfindungen zum  größten Teil  durch die Verdrängung
       dieser Nation  aus dem  Handel, die  Eroberung Alexanders und den
       daraus folgenden Verfall auf lange Zeit verlorengingen. Ebenso im
       Mittelalter die  Glasmalerei z.B. Erst wenn der Verkehr zum Welt-
       verkehr geworden  ist und die große Industrie zur Basis hat, alle
       Nationen in den Konkurrenzkampf hereingezogen sind, ist die Dauer
       der gewonnenen  Produktivkräfte gesichert. Die Teilung der Arbeit
       zwischen den  verschiedenen Städten  hatte zur nächsten Folge das
       Entstehen der  Manufakturen, der dem Zunftwesen entwachsenen Pro-
       duktionszweige. Das erste Aufblühen der Manufakturen - in Italien
       und später in Flandern - hatte den Verkehr mit auswärtigen Natio-
       nen
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       1*) MEGA:  Klasse   -  2*) Über   die  Bedeutung  des  Ausdrucks:
       "Aufhebung der Arbeit" siehe vorl. Bd. S. 65-70, 77, 186
       
       #55# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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       zu seiner historischen Voraussetzung. In ändern Ländern - England
       und Frankreich  z.B. - beschränkten die Manufakturen sich anfangs
       auf den  inländischen Markt. Die Manufakturen haben außer den an-
       gegebenen Voraussetzungen  noch eine  schon fortgeschrittene Kon-
       zentration der  Bevölkerung -  namentlich auf dem Lande - und des
       Kapitals, das  sich teils  in den Zünften trotz der Zunftgesetze,
       teils bei  den Kaufleuten  in einzelnen Händen zu sammeln anfing,
       zur Voraussetzung.
       Diejenige Arbeit,  die von  vornherein eine  Maschine, wenn  auch
       noch in  der rohsten Gestalt, voraussetzte, zeigte sich sehr bald
       als die  entwicklungsfähigste. Die  Weberei, bisher auf dem Lande
       von den  Bauern nebenbei  betrieben, um sich ihre nötige Kleidung
       zu verschaffen, war die erste Arbeit, welche durch die Ausdehnung
       des Verkehrs  einen Anstoß  und eine  weitere Ausbildung erhielt.
       Die Weberei war die erste und blieb die hauptsächlichste Manufak-
       tur. Die  mit der steigenden Bevölkerung steigende Nachfrage nach
       Kleidungsstoffen, die  beginnende Akkumulation  und  Mobilisation
       des naturwüchsigen  Kapitals durch die beschleunigte Zirkulation,
       das hierdurch hervorgerufene und durch die allmähliche Ausdehnung
       des Verkehrs überhaupt begünstigte Luxusbedürfnis gaben der Webe-
       rei quantitativ und qualitativ einen Anstoß, der sie aus der bis-
       herigen Produktionsform  herausriß. Neben  den zum Selbstgebrauch
       webenden Bauern,  die fortbestehen blieben und noch fortbestehen,
       kam eine  neue Klasse von Webern in den Städten auf, deren Gewebe
       für den  ganzen heimischen  Markt und  meist auch  für auswärtige
       Märkte bestimmt waren.
       Die Weberei,  eine in  den meisten  Fällen wenig Geschicklichkeit
       erfordernde und  bald in  unendlich viele  Zweige zerfallende Ar-
       beit, widerstrebte  ihrer ganzen  Beschaffenheit nach den Fesseln
       der Zunft.  Die Weberei  wurde daher  auch meist  in Dörfern  und
       Marktflecken ohne zünftige Organisation betrieben, die allmählich
       zu Städten, und zwar bald zu den blühendsten Städten jedes Landes
       wurden.
       Mit der zunftfreien Manufaktur veränderten sich sogleich auch die
       Eigentumsverhältnisse. Der  erste Fortschritt über das naturwüch-
       sig-ständische Kapital  hinaus war  durch das Aufkommen der Kauf-
       leute gegeben, deren Kapital von vornherein mobil, Kapital im mo-
       dernen Sinne  war, soweit davon unter den damaligen Verhältnissen
       die Rede  sein kann.  Der zweite Fortschritt kam mit der Manufak-
       tur, die  wieder eine  Masse des  naturwüchsigen Kapitals mobili-
       sierte und überhaupt die Masse des mobilen Kapitals gegenüber der
       des naturwüchsigen vermehrte.
       Die Manufaktur  wurde zugleich eine Zuflucht der Bauern gegen die
       sie ausschließenden  oder schlecht bezahlenden Zünfte, wie früher
       die Zunftstädte
       
       #56# Karl Marx und Friedrich Engels
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       den Bauern  als Zuflucht gegen [den sie bedrückenden Landadel ge-
       dient] hatten.
       Mit dem  Anfange der  Manufakturen gleichzeitig  war eine Periode
       des Vagabundentums, veranlaßt durch das Aufhören der feudalen Ge-
       folgschaften, die  Entlassung der  zusammengelaufenen Armeen, die
       den Königen gegen die Vasallen gedient hatten, durch verbesserten
       Ackerbau und Verwandlung von großen Streifen Ackerlandes in Vieh-
       weiden. Schon  hieraus geht  hervor, wie dies Vagabundentum genau
       mit der  Auflösung der  Feudalität zusammenhängt.  Schon im drei-
       zehnten Jahrhundert  kommen einzelne Epochen dieser Art vor, all-
       gemein und dauernd tritt dies Vagabundentum erst mit dem Ende des
       15. und Anfang des 16. Jahrhunderts hervor. Diese Vagabunden, die
       so zahlreich  waren, daß  u. a.  Heinrich VIII. von England ihrer
       72 000 hängen  ließ, wurden  nur mit  den größten Schwierigkeiten
       und durch  die äußerste Not und erst nach langem Widerstreben da-
       hin gebracht,  daß sie arbeiteten. Das rasche Aufblühen der Manu-
       fakturen, namentlich in England, absorbierte sie allmählich.
       Mit der  Manufaktur traten die verschiedenen Nationen in ein Kon-
       kurrenzverhältnis, in  den Handelskampf,  der in Kriegen, Schutz-
       zöllen und  Prohibitionen durchgekämpft wurde, während früher die
       Nationen, soweit  sie in  Verbindung waren,  einen harmlosen Aus-
       tausch miteinander verführt 1*) hatten. Der Handel hat von nun an
       politische Bedeutung.
       Mit der  Manufaktur war  zugleich ein  verändertes Verhältnis des
       Arbeiters zum  Arbeitgeber gegeben. In den Zünften existierte das
       patriarchalische Verhältnis  zwischen Gesellen  und Meister fort;
       in der  Manufaktur trat  an seine  Stelle das Geldverhältnis zwi-
       schen Arbeiter  und Kapitalist; ein Verhältnis, das auf dem Lande
       und in  kleinen Städten  patriarchalisch tingiert  blieb, in  den
       größeren, eigentlichen  Manufakturstädten jedoch  schon früh fast
       alle patriarchalische Färbung verlor.
       Die Manufaktur  und überhaupt die Bewegung der Produktion erhielt
       einen enormen  Aufschwung durch die Ausdehnung des Verkehrs, wel-
       che mit  der Entdeckung  Amerikas und des Seeweges nach Ostindien
       eintrat. Die  neuen, von  dort importierten  Produkte, namentlich
       die Massen  von Gold  und Silber,  die in  Zirkulation kamen, die
       Stellung der Klassen gegeneinander total veränderten und dem feu-
       dalen Grundeigentum  und den  Arbeitern einen  harten Stoß gaben,
       die Abenteurerzüge,  Kolonisation und vor Allem die jetzt möglich
       gewordene und  täglich sich mehr und mehr herstellende Ausdehnung
       der Märkte zum Weltmarkt riefen eine neue Phase der
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       1*) MEGA vollführt
       
       #57# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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       geschichtlichen Entwicklung  hervor, auf  welche  im  Allgemeinen
       hier nicht weiter einzugehen ist. Durch die Kolonisation der neu-
       entdeckten Länder erhielt der Handelskampf der Nationen gegenein-
       ander neue  Nahrung und  demgemäß größere Ausdehnung und Erbitte-
       rung.
       Die Ausdehnung  des Handels und der Manufaktur beschleunigten die
       Akkumulation des  mobilen Kapitals,  während in  den Zünften, die
       keinen Stimulus  zur erweiterten  Produktion erfuhren, das natur-
       wüchsige Kapital  stabil blieb  oder gar abnahm. Handel und Manu-
       faktur schufen  die große  Bourgeoisie, in  den  Zünften  konzen-
       trierte sich  die Kleinbürgerschaf t, die nun nicht mehr wie frü-
       her in  den Städten  herrschte, sondern der Herrschaft der großen
       Kaufleute und  Manufacturiers 1*) sich beugen mußte. *) Daher der
       Verfall der  Zünfte, sobald  sie mit  der Manufaktur in Berührung
       kam[en].
       Das Verhältnis  der Nationen  untereinander in ihrem Verkehr nahm
       während der  Epoche, von der wir gesprochen haben, zwei verschie-
       dene Gestalten  an. Im Anfange bedingte die geringe zirkulierende
       Quantität des  Goldes und  Silbers das  Verbot der Ausfuhr dieser
       Metalle; und  die durch  die Notwendigkeit  der Beschäftigung für
       die wachsende  städtische Bevölkerung  nötig gewordene, meist vom
       Auslande importierte  Industrie konnte der Privilegien nicht ent-
       behren, die natürlich nicht nur gegen inländische, sondern haupt-
       sächlich gegen  auswärtige Konkurrenz gegeben werden konnten. Das
       lokale Zunftprivilegium  wurde in  diesen ursprünglichen Prohibi-
       tionen auf  die ganze  Nation erweitert. Die Zölle entstanden aus
       den Abgaben,  die die  Feudalherren den ihr Gebiet durchziehenden
       Kaufleuten als Abkauf der Plünderung auflegten, Abgaben, die spä-
       ter von  den Städten ebenfalls auferlegt wurden und die beim Auf-
       kommen der  modernen Staaten  das zunächstliegende Mittel für den
       Fiskus waren, um Geld zu bekommen.
       Die Erscheinung des amerikanischen Goldes und Silbers auf den eu-
       ropäischen Märkten,  die allmähliche  Entwicklung der  Industrie,
       der rasche  Aufschwung des  Handels und das hierdurch hervorgeru-
       fene Aufblühen  der nichtzünftigen Bourgeoisie und des Geldes gab
       diesen Maßregeln  eine andre Bedeutung. Der Staat, der des Geldes
       täglich weniger  entbehren konnte,  behielt nun  das  Verbot  der
       Gold- und  Silberausfuhr aus  fiskalischen Rücksichten  bei;  die
       Bourgeois, für  die diese  neu auf den Markt geschleuderten Geld-
       massen der Hauptgegenstand des Akkaparements 2*) war, waren damit
       vollständig zufrieden;  die bisherigen  Privilegien  wurden  eine
       Einkommenquelle für  die Regierung  und für Geld verkauft; in der
       Zollgesetzgebung
       ---
       *) [Randbemerkung von  Marx:] Kleinbürger  - Mittelstand  - Große
       Bourgeoisie.
       -----
       1*) Besitzer eines  Manufakturbetriebes -  2*) wucherischen  Auf-
       kaufs
       
       #58# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       kamen die  Ausfuhrzölle auf, die, der Industrie nur ein Hindernis
       in den Weg [legend], einen rein fiskalischen Zweck hatten.
       Die zweite  Periode trat  mit der  Mitte des siebzehnten Jahrhun-
       derts ein und dauerte fast bis zum Ende des achtzehnten. Der Han-
       del und  die Schifffahrt  hatten sich  rascher ausgedehnt als die
       Manufaktur, die eine sekundäre Rolle spielte; die Kolonien fingen
       an, starke  Konsumenten zu werden, die einzelnen Nationen teilten
       sich durch  lange Kämpfe  in den  sich öffnenden Weltmarkt. Diese
       Periode beginnt  mit den  Navigationsgesetzen [18]  und Kolonial-
       monopolen. Die  Konkurrenz der Nationen untereinander wurde durch
       Tarife, Prohibitionen,  Traktate möglichst ausgeschlossen; und in
       letzter Instanz wurde der Konkurrenzkampf durch Kriege (besonders
       Seekriege) geführt  und entschieden.  Die zur  See mächtigste Na-
       tion, die  Engländer, behielten das Übergewicht im Handel und der
       Manufaktur. Schon hier die Konzentration auf Ein Land.
       Die Manufaktur  war fortwährend  durch Schutzzölle  im heimischen
       Markte, im  Kolonialmarkte durch Monopole und im auswärtigen mög-
       lichst viel  durch Differentialzölle [19] geschützt. Die Bearbei-
       tung des  im Lande  selbst erzeugten  Materials wurde  begünstigt
       (Wolle und  Leinen in  England, Seide in Frankreich), die Ausfuhr
       des im Inlande erzeugten Rohmaterials verboten (Wolle in England)
       und die [Bearbeitung] des importierten vernachlässigt oder unter-
       drückt (Baumwolle in England). Die im Seehandel und der Kolonial-
       macht vorherrschende  Nation sicherte  sich  natürlich  auch  die
       größte quantitative  und qualitative  Ausdehnung der  Manufaktur.
       Die Manufaktur  konnte überhaupt des Schutzes nicht entbehren, da
       sie durch  die geringste  Veränderung, die in ändern Ländern vor-
       geht, ihren  Markt verlieren  und ruiniert  werden kann;  sie ist
       leicht in  einem Lande  unter einigermaßen  günstigen Bedingungen
       eingeführt und  ebendeshalb leicht  zerstört.  Sie  ist  zugleich
       durch die  Art, wie  sie, namentlich  im 18.  Jahrhundert auf dem
       Lande, betrieben  wurde, mit den Lebensverhältnissen einer großen
       Masse von  Individuen so  verwachsen, daß  kein Land  wagen darf,
       ihre Existenz durch Zulassung der freien Konkurrenz aufs Spiel zu
       setzen. Sie  hängt daher,  insofern sie es bis zum Export bringt,
       ganz von  der Ausdehnung oder Beschränkung des Handels ab und übt
       eine Verhältnis  [mäßig] sehr  geringe Rückwirkung [auf ihn] aus.
       Daher ihre  sekundäre [Bedeutung]  und  daher  der  Einfluß  [der
       Kauf]leute im  achtzehnten Jahrhundert.  Die Kaufleute und beson-
       ders die  Reeder waren  es, die vor allen Ändern auf Staatsschutz
       und Monopolien drangen; die Manufacturiers verlangten und erhiel-
       ten zwar  auch Schutz,  standen aber fortwährend hinter den Kauf-
       leuten an politischer Bedeutung zurück. Die Handelsstädte, spezi-
       ell die Seestädte, wurden einigermaßen zivilisiert
       
       #59# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
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       und großbürgerlich,  während  in  den  Fabrikstädten  die  größte
       Kleinbürgerei bestehen blieb. Vgl. Aikin pp. Das achtzehnte Jahr-
       hundert war  das des  Handels. Pinto sagt dies ausdrücklich [20]:
       "Le commerce fait la marotte du siècle" 1*), und: "Depuis quelque
       temps il n'est plus question que de commerce, de navigation et de
       marine." 2*) *)
       Diese Periode  ist auch  bezeichnet durch  das Aufhören der Gold-
       und Silberausfuhrverbote, das Entstehen des Geldhandels, der Ban-
       ken, der Staatsschulden, des Papiergeldes, der Aktien- und Fonds-
       spekulation, der  Agiotage in  allen Artikeln  und der Ausbildung
       des Geldwesens  überhaupt. Das Kapital verlor wieder einen großen
       Teil der ihm noch anklebenden Naturwüchsigkeit.
       Die im  siebzehnten Jahrhundert  unaufhaltsam  sich  entwickelnde
       Konzentration des  Handels und  der Manufaktur auf ein Land, Eng-
       land, schuf  für dieses Land allmählich einen relativen Weltmarkt
       und damit  eine Nachfrage  für die Manufakturprodukte dieses Lan-
       des, die durch die bisherigen industriellen Produktivkräfte nicht
       mehr befriedigt  werden konnte. Diese den Produktionskräften über
       den Kopf  wachsende Nachfrage war die treibende Kraft, welche die
       dritte Periode  des Privateigentums  seit dem Mittelalter hervor-
       rief, indem  sie die  große Industrie - die Anwendung von Elemen-
       tarkräften zu industriellen Zwecken, die Maschinerie und die aus-
       gedehnteste Teilung  der Arbeit - erzeugte. Die übrigen Bedingun-
       gen dieser  neuen Phase  - die  Freiheit der Konkurrenz innerhalb
       der Nation,  die Ausbildung der theoretischen Mechanik (die durch
       Newton vollendete  Mechanik war  überhaupt im  18. Jahrhundert in
       Frankreich und  England die  populärste Wissenschaft)  pp. - exi-
       stierten in  England bereits. (Die freie Konkurrenz in der Nation
       selbst mußte  überall durch eine Revolution erobert werden - 1640
       und 1688  in England,  1789 in  Frankreich.) Die Konkurrenz zwang
       bald jedes
       ---
       *) Die Bewegung  des  Kapitals,  obwohl  bedeutend  beschleunigt,
       blieb doch noch stets verhältnismäßig langsam. Die Zersplitterung
       des Weltmarktes  in einzelne  Teile, deren Jeder von einer beson-
       dern Nation  ausgebeutet wurde,  die Ausschließung der Konkurrenz
       der Nationen  unter sich,  die  Unbebülflichkeit  der  Produktion
       selbst und das aus den ersten Stufen sich erst entwickelnde Geld-
       wesen hielten  die Zirkulation  sehr auf. Die Folge davon war ein
       krämerhafter, schmutzig-kleinlicher  Geist, der  allen Kaufleuten
       und der  ganzen Weise des Handelsbetriebs noch anhaftete. Im Ver-
       gleich mit  den Manufacturiers und vollends den Handwerkern waren
       sie allerdings  Großbürger, Bourgeois,  im Vergleich zu den Kauf-
       leuten und  Industriellen der nächsten Periode bleiben sie Klein-
       bürger. Vgl. A. Smith. [21]
       -----
       1*) "Der  Handel   ist  das   Steckenpferd  des  Jahrhunderts"  -
       2*) "Seit einiger  Zeit ist nur noch von Handel, Seefahrt und Ma-
       rine die Rede."
       
       #60# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       Land, das seine historische Rolle behalten wollte, seine Manufak-
       turen durch  erneuerte Zollmaßregeln zu schützen (die alten Zölle
       halfen gegen  die große Industrie nicht mehr) und bald darauf die
       große Industrie  unter Schutzzöllen  einzuführen. Die große Indu-
       strie universalisierte  trotz dieser  Schutzmittel die Konkurrenz
       (sie ist  die praktische  Handelsfreiheit, der  Schutzzoll ist in
       ihr nur ein Palliativ, eine Gegenwehr  i n  der Handelsfreiheit),
       stellte die  Kommunikationsmittel und den modernen Weltmarkt her,
       unterwarf sich den Handel, verwandelte alles Kapital in industri-
       elles Kapital und erzeugte damit die rasche Zirkulation (die Aus-
       bildung des  Geldwesens) und  Zentralisation der  Kapitalien. Sie
       zwang durch  die universelle  Konkurrenz alle  Individuen zur äu-
       ßersten Anspannung  ihrer Energie.  Sie vernichtete möglichst die
       Ideologie, Religion,  Moral etc.,  und wo  sie dies nicht konnte,
       machte sie  sie zur  handgreiflichen Lüge.  Sie erzeugte insoweit
       erst die Weltgeschichte, als sie jede zivilisierte Nation und je-
       des Individuum  darin in  der Befriedigung seiner Bedürfnisse von
       der ganzen  Welt abhängig  machte und die bisherige naturwüchsige
       Ausschließlichkeit einzelner  Nationen  vernichtete.  Sie  subsu-
       mierte die  Naturwissenschaft unter das Kapital und nahm der Tei-
       lung der Arbeit den letzten Schein der Naturwüchsigkeit. Sie ver-
       nichtete überhaupt  die Naturwüchsigkeit,  soweit dies  innerhalb
       der Arbeit  möglich ist,  und löste  alle naturwüchsigen Verhält-
       nisse in Geldverhältnisse auf. Sie schuf an der Stelle der natur-
       wüchsigen Städte  die modernen,  großen Industriestädte, die über
       Nacht entstanden  sind. Sie  zerstörte, wo  sie  durchdrang,  das
       Handwerk und  überhaupt alle  früheren Stufen  der Industrie. Sie
       vollendete den Sieg [der] Handelsstadt über das Land. [Ihre erste
       Voraussetzung] ist  das automatische  System.  [Ihre  Entwicklung
       er]zeugte  eine   Masse  von   Pro[duktivkräften,  für   die  das
       Privateigentum] ebensosehr  eine Fessel  wurde wie  die Zunft für
       die Manufaktur  und der  kleine, ländliche  Betrieb für  das sich
       ausbildende Handwerk.  Diese Produktivkräfte  erhalten unter  dem
       Privateigentum eine  nur einseitige  Entwicklung, werden, für die
       Mehrzahl zu  Destruktivkräften, und  eine  Menge  solcher  Kräfte
       können im  Privateigentum gar  nicht zur  Anwendung  kommen.  Sie
       erzeugte im  Allgemeinen überall  dieselben Verhältnisse zwischen
       den Klassen  der  Gesellschaft  und  vernichtete  ·  dadurch  die
       Besonderheit der  einzelnen Nationalitäten.  Und endlich, während
       die Bourgeoisie  jeder Nation  noch aparte  nationale  Interessen
       behält, schuf  die große  Industrie eine  Klasse, die  bei  allen
       Nationen dasselbe  Interesse hat  und bei  der  die  Nationalität
       schon vernichtet  ist, eine  Klasse, die  wirklich die ganze alte
       Welt los  ist und  zugleich ihr  gegenübersteht.  Sie  macht  dem
       Arbeiter nicht  bloß das Verhältnis zum Kapitalisten, sondern die
       Arbeit selbst unerträglich.
       
       #61# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
       -----
       Es versteht  sich, daß die große Industrie nicht in jeder Lokali-
       tät eines  Landes zu  derselben Höhe  der Ausbildung  kommt. Dies
       hält indes die Klassenbewegung des Proletariats nicht auf, da die
       durch die  große Industrie  erzeugten Proletarier  an die  Spitze
       dieser Bewegung  treten und  die ganze Masse mit sich fortreißen,
       und da  die von  der großen  Industrie ausgeschlossenen  Arbeiter
       durch diese  große Industrie  in eine noch schlechtere Lebenslage
       versetzt werden  als die  Arbeiter der  großen Industrie  selbst.
       Ebenso wirken  die Länder,  in denen eine große Industrie entwic-
       kelt ist,  auf die  plus ou  moins 1*) nichtindustriellen Länder,
       sofern diese  durch den  Weltverkehr in  den universellen Konkur-
       renzkampf hereingerissen sind. *)
       Diese verschiedenen  Formen sind  ebensoviel Formen der Organisa-
       tion der  Arbeit und  damit des  Eigentums. In jeder Periode fand
       eine Vereinigung  der existierenden Produktivkräfte statt, soweit
       sie durch die Bedürfnisse notwendig geworden war.
       
       [2.] Verhältnis von Staat und Recht zum Eigentum
       
       Die erste  Form des  Eigentums ist sowohl in der antiken Welt wie
       im Mittelalter  das Stammeigentum,  bedingt bei den Römern haupt-
       sächlich durch  den Krieg,  bei den Germanen durch die Viehzucht.
       Bei den  antiken Völkern  erscheint, weil  in einer Stadt mehrere
       Stämme zusammenwohnen,  das Stammeigentum  als Staatseigentum und
       das Recht  des Einzelnen  daran als bloße Possessio 2*), die sich
       indes, wie das Stammeigentum überhaupt, nur auf das Grundeigentum
       beschränkt. Das  eigentliche Privateigentum  fängt bei den Alten,
       wie bei  den modernen  Völkern, mit  dem Mobiliareigentum  an.  -
       (Sklaverei und  Gemeinwesen) (dominium ex jure Quiritum 3*)). Bei
       den aus
       ---
       *) Die Konkurrenz  isoliert die  Individuen, nicht  nur die Bour-
       geois, sondern  noch mehr die Proletarier gegeneinander, trotzdem
       daß sie  sie zusammenbringt. Daher dauert es eine lange Zeit, bis
       diese Individuen  sich vereinigen  können, abgesehn davon, daß zu
       dieser Vereinigung  - wenn  sie nicht  bloß lokal sein soll - die
       nötigen Mittel, die großen Industriestädte und die wohlfeilen und
       schnellen Kommunikationen  durch die  große Industrie erst herge-
       stellt sein  müssen, und daher ist jede organisierte Macht gegen-
       über diesen  isolierten und  in Verhältnissen, die die Isolierung
       täglich reproduzieren, lebenden Individuen erst nach langen Kämp-
       fen zu besiegen. Das Gegenteil verlangen, hieße ebensoviel wie zu
       verlangen, daß die Konkurrenz in dieser bestimmten Geschichtsepo-
       che nicht  existieren soll  oder daß die Individuen Verhältnisse,
       über die  sie als  Isolierte keine  Kontrolle haben, sich aus dem
       Kopf schlagen sollen.
       -----
       1*) mehr oder  weniger - 2*) Besitz - 3*) Eigentum eines altrömi-
       schen Vollbürgers
       
       #62# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       dem Mittelalter hervorgehenden Völkern entwickelt sich das Stamm-
       eigentum so  durch verschiedene  Stufen - feudales Grundeigentum,
       korporatives Mobiliareigenturn,  Manufakturkapital -  bis zum mo-
       dernen, durch  die große Industrie und universelle Konkurrenz be-
       dingten Kapital,  dem reinen Privateigentum, das allen Schein des
       Gemeinwesens abgestreift  und alle  Einwirkung des Staats auf die
       Entwicklung des  Eigentums ausgeschlossen  hat.  Diesem  modernen
       Privateigentum entspricht  der moderne Staat, der durch die Steu-
       ern allmählich  von den  Privateigentümern an sich gekauft, durch
       das Staatsschuldenwesen  ihnen vollständig  verfallen und  dessen
       Existenz in  dem Steigen  und Fallen  der Staatspapiere  auf  der
       Börse gänzlich  von dem  kommerziellen Kredit  abhängig  geworden
       ist, den  ihm die  Privateigentümer, die  Bourgeois,  geben.  Die
       Bourgeoisie ist  schon, weil  sie eine   K l a s s e,  nicht mehr
       ein   S t a n d   ist, dazu  gezwungen, sich national, nicht mehr
       lokal zu  organisieren und ihrem Durchschnittsinteresse eine all-
       gemeine Form zu geben. Durch die Emanzipation des Privateigentums
       vom Gemeinwesen  ist der Staat zu einer besonderen Existenz neben
       und außer  der bürgerlichen  Gesellschaft geworden;  er ist  aber
       weiter Nichts  als die  Form der  Organisation, welche  sich  die
       Bourgeois sowohl  nach Außen als nach innen hin zur gegenseitigen
       Garantie ihres  Eigentums und  ihrer Interessen  notwendig geben.
       Die Selbständigkeit  des Staats kommt heutzutage nur noch in sol-
       chen Ländern vor, wo die Stände sich nicht vollständig zu Klassen
       entwickelt haben, wo die in den fortgeschrittneren Ländern besei-
       tigten Stände  noch eine Rolle spielen und ein Gemisch existiert,
       in denen  daher kein  Teil der Bevölkerung es zur Herrschaft über
       die übrigen  bringen kann. Dies ist namentlich in Deutschland der
       Fall. Das  vollendetste Beispiel des modernen Staats ist Nordame-
       rika. Die  neueren französischen,  englischen und  amerikanischen
       Schriftsteller sprechen sich Alle dahin aus, daß der Staat nur um
       des Privateigentums willen existiere, so daß dies auch in das ge-
       wöhnliche Bewußtsein übergegangen ist.
       Da der  Staat die Form ist, in welcher die Individuen einer herr-
       schenden Klasse  ihre gerneinsamen  Interessen geltend machen und
       die ganze  bürgerliche Gesellschaft  einer Epoche  sich zusammen-
       faßt, so  folgt, daß  alle gemeinsamen  Institutionen  durch  den
       Staat vermittelt werden, eine politische Form erhalten. Daher die
       Illusion, als  ob das Gesetz auf dem Willen, und zwar auf dem von
       seiner realen  Basis losgerissenen,   d e m   f r e i e n  Willen
       beruhe. Ebenso  wird das  Recht dann  wieder auf das Gesetz redu-
       ziert.
       Das Privatrecht  entwickelt sich zu gleicher Zeit mit dem Privat-
       eigentum aus  der Auflösung  des naturwüchsigen Gemeinwesens. Bei
       den Römern  blieb die Entwicklung des Privateigentums und Privat-
       rechts ohne  weitere industrielle  und kommerzielle  Folgen, weil
       ihre ganze Produktionsweise dieselbe
       
       #63# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
       -----
       blieb. *)  Bei den  modernen Völkern,  wo das feudale Gemeinwesen
       durch die  Industrie und  den Handel  aufgelöst wurde, begann mit
       dem Entstehen  des Privateigentums  und  Privatrechts  eine  neue
       Phase, die einer weiteren Entwicklung fähig war. Gleich die erste
       Stadt, die  im Mittelalter  einen ausgedehnten  Seehandel führte,
       Amalfi [22],  bildete auch  das Seerecht  aus. Sobald,  zuerst in
       Italien und später in anderen Ländern, die Industrie und der Han-
       del das  Privateigentum weiterentwickelten, wurde gleich das aus-
       gebildete römische Privatrecht wieder aufgenommen und zur Autori-
       tät erhoben.  Als später  die Bourgeoisie  so viel  Macht erlangt
       hatte, daß die Fürsten sich ihrer Interessen annahmen, um vermit-
       telst der  Bourgeoisie den Feudaladel zu stürzen, begann in allen
       Ländern - in Frankreich im 16. Jahrhundert - die eigentliche Ent-
       wicklung des  Rechts, die  in allen Ländern, ausgenommen England,
       auf der  Basis des römischen Kodex vor sich ging. Auch in England
       mußten römische Rechtsgrundsätze zur weiteren Ausbildung des Pri-
       vatrechts (besonders  beim Mobiliareigentum)  hereingenommen wer-
       den. (Nicht  zu vergessen,  daß das Recht ebensowenig eine eigene
       Geschichte hat wie die Religion.)
       Im Privatrecht  werden die  bestehenden Eigentumsverhältnisse als
       Resultat des allgemeinen Willens ausgesprochen. Das jus utendi et
       abutendi 1*)  selbst spricht einerseits die Tatsache aus, daß das
       Privateigentum vom  Gemeinwesen durchaus unabhängig geworden ist,
       und andererseits  die Illusion,  als ob das Privateigentum selbst
       auf dem  bloßen Privatwillen,  der willkürlichen Disposition über
       die Sache  beruhe. In der Praxis hat das abuti 2*) sehr bestimmte
       ökonomische Grenzen  für den Privateigentümer, wenn er nicht sein
       Eigentum und  damit sein jus abutendi in andre Hände übergehn se-
       hen will,  da überhaupt  die Sache,  bloß in Beziehung auf seinen
       Willen betrachtet,  gar keine  Sache ist, sondern erst im Verkehr
       und unabhängig  vom Recht  zu einer Sache, zu wirklichem Eigentum
       wird (ein   V e r h ä l t n i s,   was  die Philosophen eine Idee
       nennen). **)
       Diese juristische  Illusion, die  das Recht auf den bloßen Willen
       reduziert, führt  in der  weiteren Entwicklung  der Eigentumsver-
       hältnisse notwendig  dahin, daß  Jemand einen  juristischen Titel
       auf eine Sache haben kann, ohne
       ---
       *) [Randbemerkung von Engels:] (Wucher!)
       **) Verhältnis für  die Philosophen  = Idee.  Sie kennen bloß das
       Verhältnis   "d e s   Menschen" zu  sich selbst, und darum werden
       alle wirklichen Verhältnisse ihnen zu Ideen.
       -----
       1*) das Recht,  das Seinige  zu  gebrauchen  und  zu  verbrauchen
       (auch: mißbrauchen) - 2*) Verbrauchen (auch: Mißbrauchen)
       
       #64# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       die Sache  wirklich zu haben. Wird z. B. durch die Konkurrenz die
       Rente eines Grundstückes beseitigt, so hat der Eigentümer dessel-
       ben zwar  seinen juristischen Titel daran, samt dem jus utendi et
       abutendi. Aber  er kann  nichts damit anfangen, er besitzt nichts
       als Grundeigentümer,  falls er nicht sonst noch Kapital genug be-
       sitzt, um seinen Boden zu bebauen. Aus derselben Illusion der Ju-
       risten erklärt  es sich, daß es für sie und für jeden Kodex über-
       haupt zufällig  ist, daß Individuen in Verhältnisse untereinander
       treten, z.B.  Verträge, und daß ihm diese Verhältnisse für solche
       gelten, die man nach Belieben eingehen oder nicht eingehen [kann]
       und deren Inhalt ganz auf der individuellen [Will]kür der Kontra-
       henten [ber]uht.
       Sooft sich  durch die  Entwicklung] der Industrie und des Handels
       neue [Ve]rkehrsformen  gebildet haben,  [z.] B.  Assekuranz-etc.-
       Kompanien, war  das Recht jedesmal genötigt, sie unter die Eigen-
       tumserwerbsarten aufzunehmen.
       Es ist nichts gewöhnlicher als die Vorstellung, in der Geschichte
       sei es  bisher nur auf das  N e h m e n  angekommen. Die Barbaren
       n e h m e n  das römische Reich, und mit der Tatsache dieses Neh-
       mens erklärt  man den Übergang aus der alten Welt in die Feudali-
       tät. Bei  dem Nehmen  durch Barbaren  kommt es aber darauf an, ob
       die Nation,  die eingenommen  wird, industrielle  Produktivkräfte
       entwickelt hat,  wie dies  bei den modernen Völkern der Fall ist,
       oder ob  ihre Produktivkräfte hauptsächlich bloß auf ihrer Verei-
       nigung und dem Gemeinwesen beruhen. Das Nehmen ist ferner bedingt
       durch den Gegenstand, der genommen wird. Das in Papier bestehende
       Vermögen eines  Bankiers kann gar nicht genommen werden, ohne daß
       der Nehmende  sich den  Produktions- und  Verkehrsbedingungen des
       genommenen Landes unterwirft. Ebenso das gesamte industrielle Ka-
       pital eines  modernen Industrielandes. Und endlich hat das Nehmen
       überall sehr  bald ein  Ende, und wenn nichts mehr zu nehmen ist,
       muß man  anfangen zu produzieren. Aus dieser sehr bald eintreten-
       den Notwendigkeit  des Produzierens  folgt, daß  die von den sich
       niederlassenden Eroberern  angenommene Form  des Gemeinwesens der
       Entwicklungsstufe der  vorgefundnen Produktivkräfte  entsprechen,
       oder, wenn  dies nicht von vornherein der Fall ist, sich nach den
       Produktivkräften ändern  muß. Hieraus  erklärt sich auch das Fak-
       tum, das man in der Zeit nach der Völkerwanderung überall bemerkt
       haben will, daß nämlich der Knecht der Herr war, und die Eroberer
       von den Eroberten Sprache, Bildung und Sitten sehr bald annahmen.
       Die Feudalität  wurde keineswegs  aus Deutschland  fertig  mitge-
       bracht, sondern  sie hatte  ihren Ursprung von sehen der Eroberer
       in der kriegerischen
       
       #65# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
       -----
       Organisation des  Heerwesens während  der Eroberung  selbst,  und
       diese entwickelte sich nach derselben durch die Einwirkung der in
       den eroberten  Ländern vorgefundnen  Produktivkräfte erst zur ei-
       gentlichen Feudalität.  Wie sehr  diese Form durch die Produktiv-
       kräfte bedingt  war, zeigen die gescheiterten Versuche, andre aus
       altrömischen  Reminiszenzen  entspringende  Formen  durchzusetzen
       (Karl der Große pp.).
       
       [3.] Naturwüchsige und zivilisierte Produktionsinstrumente
       und Eigentumsformen
       
       [..] 1*) funden wird. Aus dem ersteren ergibt sich die Vorausset-
       zung einer  ausgebildeten Teilung der Arbeit und eines ausgedehn-
       ten Handels, aus dem zweiten die Lokalität. Bei dem ersten müssen
       die Individuen  zusammengebracht sein, bei dem zweiten finden sie
       sich neben dem gegebenen Produktionsinstrument selbst als Produk-
       tionsinstrumente vor.  Hier tritt  also der  Unterschied zwischen
       den naturwüchsigen  und den  durch die  Zivilisation geschaffenen
       Produktionsinstrumenten hervor.  Der Acker (das Wasser etc.) kann
       als naturwüchsiges  Produktionsinstrument betrachtet  werden.  Im
       ersten Fall,  beim naturwüchsigen  Produktionsinstrument,  werden
       die Individuen unter die Natur subsumiert, im zweiten Falle unter
       ein Produkt  der Arbeit. Im ersten Falle erscheint daher auch das
       Eigentum (Grundeigentum)  als unmittelbare,  naturwüchsige  Herr-
       schaft, im  zweiten als Herrschaft der Arbeit, speziell der akku-
       mulierten Arbeit,  des Kapitals. Der erste Fall setzt voraus, daß
       die Individuen  durch irgendein  Band, sei es Familie, Stamm, der
       Boden selbst  pp. zusammengehören, der zweite Fall, daß sie unab-
       hängig voneinander  sind und  nur durch den Austausch zusammenge-
       halten werden. Im ersten Fall ist der Austausch hauptsächlich ein
       Austausch zwischen  den Menschen und der Natur, ein Austausch, in
       dem die  Arbeit der  Einen gegen  die Produkte  der Ändern einge-
       tauscht wird; im zweiten Falle ist er vorherrschend Austausch der
       Menschen unter sich. Im ersten Falle reicht der durchschnittliche
       Menschenverstand hin,  körperliche und  geistige  Tätigkeit  sind
       noch gar nicht getrennt; im zweiten Falle muß bereits die Teilung
       zwischen geistiger  und körperlicher  Arbeit praktisch  vollzogen
       sein. Im  ersten Falle  kann die  Herrschaft des Eigentümers über
       die Nichteigentümer auf persönlichen Verhältnissen, auf einer Art
       von Gemeinwesen  beruhen, im zweiten Falle muß sie in einem Drit-
       ten, dem Geld, eine dingliche Gestalt angenommen haben. Im ersten
       Falle existiert die kleine Industrie, aber subsumiert
       -----
       1*) Hier fehlen in der Handschrift vier Seiten.
       
       #66# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       unter die  Benutzung des  naturwüchsigen  Produktionsinstruments,
       und daher  ohne Verteilung der Arbeit an verschiedene Individuen;
       im zweiten  Falle besteht die Industrie nur in und durch die Tei-
       lung der Arbeit.
       Wir gingen  bisher von den Produktionsinstrumenten aus, und schon
       hier zeigte  sich die  Notwendigkeit des  Privateigentums für ge-
       wisse industrielle  Stufen. In der Industrie extractive 1*) fällt
       das Privateigentum  mit der  Arbeit noch  ganz zusammen;  in  der
       kleinen  Industrie   und  aller  bisherigen  Agrikultur  ist  das
       Eigentum notwendige Konsequenz der vorhandenen Produktionsinstru-
       mente; in  der großen  Industrie ist der Widerspruch zwischen dem
       Produktionsinstrument und  Privateigentum erst  ihr  Produkt,  zu
       dessen Erzeugung  sie bereits  sehr entwickelt  sein muß. Mit ihr
       ist also auch die Aufhebung des Privateigentums erst möglich.
       In der  großen Industrie  und Konkurrenz sind die sämtlichen Exi-
       stenzbedingungen, Bedingtheiten,  Einseitigkeiten der  Individuen
       zusammengeschmolzen in  die beiden  einfachsten Formen: Privatei-
       gentum und  Arbeit. Mit  dem Gelde  ist jede Verkehrsform und der
       Verkehr selbst  für die  Individuen als  zufällig  gesetzt.  Also
       liegt schon im Gelde, daß aller bisherige Verkehr nur Verkehr der
       Individuen unter bestimmten Bedingungen, nicht der Individuen als
       Individuen war.  Diese Bedingungen  sind auf  zwei - akkumulierte
       Arbeit oder  Privateigentum, oder  wirkliche Arbeit  - reduziert.
       Hört diese  oder eine  von ihnen  auf, so stockt der Verkehr. Die
       modernen Ökonomen  selbst, z. B. Sismondi, Cherbuliez etc., stel-
       len die  association des  individus 2*) der association des capi-
       taux 3*)  entgegen. Andererseits sind die Individuen selbst voll-
       ständig unter  die Teilung  der Arbeit  subsumiert und dadurch in
       die vollständigste Abhängigkeit voneinander gebracht. Das Privat-
       eigentum, soweit  es, innerhalb der Arbeit, der Arbeit gegenüber-
       tritt, entwickelt sich aus der Notwendigkeit der Akkumulation und
       hat im  Anfange immer noch mehr die Form des Gemeinwesens, nähert
       sich aber  in der  weiteren Entwicklung  immer mehr  der modernen
       Form des  Privateigentums. Durch die Teilung der Arbeit ist schon
       von vornherein  die Teilung  auch der    Arbeits b e d i n g u n-
       g e n,  Werkzeuge und Materialien gegeben und damit die Zersplit-
       terung des  akkumulierten Kapitals an verschiedne Eigentümer, und
       damit die  Zersplitterung zwischen  Kapital und  Arbeit, und  die
       verschiedenen Formen  des Eigentums  selbst.  Je  mehr  sich  die
       Teilung der Arbeit ausbildet und je mehr die Akkumulation wächst,
       desto schärfer  bildet sich  auch diese  Zersplitterung aus.  Die
       Arbeit selbst  kann nur  bestehen unter  der Voraussetzung dieser
       Zersplitterung.
       -----
       1*) auf die  Gewinnung von  Rohstoffen  gerichteten  Industrie  -
       2*) Vereinigung der Individuen - 3*) Vereinigung der Kapitale
       
       #67# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
       -----
       Es zeigen  sich hier  also zwei  Fakta. *) Erstens erscheinen die
       Produktivkräfte als ganz unabhängig und losgerissen von den Indi-
       viduen, als eine eigne Welt neben den Individuen, was dann seinen
       Grund hat,  daß die  Individuen, deren Kräfte sie sind, zersplit-
       tert und  im Gegensatz  gegeneinander existieren,  während  diese
       Kräfte andererseits  nur im Verkehr und Zusammenhang dieser Indi-
       viduen wirkliche Kräfte sind. Also auf der einen Seite eine Tota-
       lität von  Produktivkräften, die gleichsam eine sachliche Gestalt
       angenommen haben  und für  die Individuen  selbst nicht  mehr die
       Kräfte der  Individuen, sondern  des Privateigentums  [sind], und
       daher der  Individuen nur, insofern sie Privateigentümer sind. In
       keiner früheren  Periode hatten die Produktivkräfte diese gleich-
       gültige Gestalt für den Verkehr der Individuen  a l s  Individuen
       angenommen, weil  ihr Verkehr selbst noch ein bornierter war. Auf
       der ändern  Seite steht diesen Produktivkräften die Majorität der
       Individuen gegenüber, von denen diese Kräfte losgerissen sind und
       die daher alles wirklichen Lebensinhalts beraubt, abstrakte Indi-
       viduen geworden  sind, die aber dadurch erst in den Stand gesetzt
       werden,  a l s  I n d i v i d u e n  miteinander in Verbindung zu
       treten.
       Der einzige Zusammenhang,  in dem sie noch mit den Produktivkräf-
       ten und mit ihrer eignen Existenz stehen, die Arbeit, hat bei ih-
       nen allen Schein der Selbstbetätigung verloren und erhält ihr Le-
       ben nur, indem sie es verkümmert. Während  in den früheren Perio-
       den Selbstbetätigung und Erzeugung des materiellen Lebens dadurch
       getrennt waren,  daß sie an verschiedene Personen  fielen und die
       Erzeugung des materiellen Lebens wegen der Borniertheit der Indi-
       viduen selbst noch als eine untergeordnete Art  der Selbstbetäti-
       gung galt, fallen sie jetzt so auseinander, daß überhaupt das ma-
       terielle Leben als Zweck,  die Erzeugung  dieses  materiellen Le-
       bens, die Arbeit (welche die jetzt einzig mögliche,  aber wie wir
       sehn,  negative Form der  Selbstbetätigung ist),  als  Mittel er-
       scheint.
       Es ist  also jetzt  so weit gekommen, daß die Individuen sich die
       vorhandene Totalität  von Produktivkräften aneignen müssen, nicht
       nur um  zu ihrer  Selbstbetätigung zu kommen, sondern schon über-
       haupt um  ihre Existenz  sicherzustellen. Diese Aneignung ist zu-
       erst bedingt  durch den  anzueignenden Gegenstand  - die zu einer
       Totalität entwickelten  und nur innerhalb eines universellen Ver-
       kehrs existierenden  Produktivkräfte. Diese  Aneignung  muß  also
       schon von  dieser Seite  her einen  den Produktivkräften  und dem
       Verkehr entsprechenden  universellen Charakter  haben. Die Aneig-
       nung dieser  Kräfte ist  selbst weiter nichts als die Entwicklung
       der den materiellen Produktionsinstrumenten
       ---
       *) [Randbemerkung von Engels:] Sismondi
       
       #68# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       entsprechenden individuellen  Fähigkeiten.  Die  Aneignung  einer
       Totalität  von  Produktionsinstrumenten  ist  schon  deshalb  die
       Entwicklung einer  Totalität von  Fähigkeiten in  den  Individuen
       selbst. Diese  Aneignung ist ferner bedingt durch die aneignenden
       Individuen.  Nur   die  von  aller  Selbstbetätigung  vollständig
       ausgeschlossenen Proletarier  der Gegenwart  sind imstande,  ihre
       vollständige, nicht  mehr bornierte  Selbstbetätigung, die in der
       Aneignung einer  Totalität von  Produktivkräften  und  der  damit
       gesetzten Entwicklung  einer Totalität  von Fähigkeiten  besteht,
       durchzusetzen. Alle  früheren  revolutionären  Aneignungen  waren
       borniert; Individuen, deren Selbstbetätigung durch ein beschränk-
       tes Produktionsinstrument und einen beschränkten Verkehr borniert
       war, eigneten  sich dies beschränkte Produktionsinstrument an und
       brachten es  daher nur zu einer neuen Beschränktheit. Ihr Produk-
       tionsinstrument wurde ihr Eigentum, aber sie selbst blieben unter
       die Teilung der Arbeit und unter ihr eignes Produktionsinstrument
       subsumiert. Bei allen bisherigen Aneignungen blieb eine Masse von
       Individuen unter  ein einziges  Produktionsinstrument subsumiert;
       bei der Aneignung der Proletarier müssen eine Masse von Produkti-
       onsinstrumente unter jedes Individuum und das Eigentum unter Alle
       subsumiert werden. Der moderne universelle Verkehr kann nicht an-
       ders unter  die Individuen subsumiert werden, als dadurch, daß er
       unter Alle subsumiert wird.
       Die Aneignung ist ferner bedingt durch die Art und Weise, wie sie
       vollzogen werden  muß. Sie  kann nur  vollzogen werden durch eine
       Vereinigung, die durch den Charakter des Proletariats selbst wie-
       der nur eine universelle sein kann, und durch eine Revolution, in
       der einerseits  die Macht  der bisherigen  Produktions- und  Ver-
       kehrsweise und  gesellschaftlichen Gliederung  gestürzt wird  und
       andererseits der  universelle Charakter  und die zur Durchführung
       der Aneignung  nötige Energie  des Proletariats  sich entwickelt,
       ferner das  Proletariat alles  abstreift, was ihm noch aus seiner
       bisherigen Gesellschaftsstellung geblieben ist.
       Erst auf  dieser Stufe fällt die Selbstbetätigung mit dem materi-
       ellen Leben zusammen, was der Entwicklung der Individuen zu tota-
       len Individuen  und der  Abstreifung aller  Naturwüchsigkeit ent-
       spricht; und  dann entspricht  sich die Verwandlung der Arbeit in
       Selbstbetätigung und  die Verwandlung  des  bisherigen  bedingten
       Verkehrs in  den Verkehr  der Individuen als solcher. Mit der An-
       eignung der totalen Produktivkräfte durch die vereinigten Indivi-
       duen hört  das Privateigentum  auf. Während in der bisherigen Ge-
       schichte immer  eine besondere  Bedingung als  zufällig erschien,
       ist jetzt  die Absonderung  der Individuen  selbst, der  besondre
       Privaterwerb eines Jeden selbst zufällig geworden.
       
       #69# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
       -----
       Die Individuen,  die nicht mehr unter die Teilung der Arbeit sub-
       sumiert werden,  haben die  Philosophen sich  als Ideal unter dem
       Namen "der  Mensch" vorgestellt,  und den ganzen, von uns entwic-
       kelten Prozeß  als den  Entwicklungsprozeß "des Menschen" gefaßt,
       so daß  den bisherigen Individuen auf jeder geschichtlichen Stufe
       "der Mensch"  untergeschoben und  als die treibende Kraft der Ge-
       schichte  dargestellt  wurde.  Der  ganze  Prozeß  wurde  so  als
       Selbstentfremdungsprozeß "des  Menschen" gefaßt,  und dies  kommt
       wesentlich daher,  daß das  Durchschnittsindividuum der  späteren
       Stufe immer  der früheren und das spätere Bewußtsein den früheren
       Individuen untergeschoben [wurde]. Durch diese Umkehrung, die von
       vornherein von  den wirklichen  Bedingungen abstrahiert,  war  es
       möglich, die ganze Geschichte in einen Entwicklungsprozeß des Be-
       wußtseins zu verwandeln.
       
                                    *
       
       Schließlich erhalten  wir noch folgende Resultate aus der entwic-
       kelten Geschichtsauffassung: 1. In der Entwicklung der Produktiv-
       kräfte tritt  eine Stufe  ein, auf  welcher Produktionskräfte und
       Verkehrsmittel hervorgerufen werden, welche unter den bestehenden
       Verhältnissen nur  Unheil anrichten,  welche  keine  Produktions-
       kräfte mehr  sind, sondern  Destruktionskräfte  (Maschinerie  und
       Geld) -  und was damit zusammenhängt, daß eine Klasse hervorgeru-
       fen wird, welche alle Lasten der Gesellschaft zu tragen hat, ohne
       ihre Vorteile  zu genießen, welche aus der Gesellschaft herausge-
       drängt, in  den entschiedensten Gegensatz zu allen ändern Klassen
       forciert wird;  eine Klasse,  die  die  Majorität  aller  Gesell-
       schaftsmitglieder bildet und von der das Bewußtsein über die Not-
       wendigkeit einer  gründlichen Revolution,  das kommunistische Be-
       wußtsein, ausgeht, das sich natürlich auch unter den ändern Klas-
       sen vermöge  der Anschauung  der Stellung  dieser  Klasse  bilden
       kann; 2. daß die Bedingungen, innerhalb deren bestimmte Produkti-
       onskräfte angewandt werden können, die Bedingungen der Herrschaft
       einer bestimmten Klasse der Gesellschaft sind, deren soziale, aus
       ihrem Besitz  hervorgehende Macht  in der jedesmaligen Staatsform
       ihren praktisch-idealistischen  Ausdruck hat,  und deshalb  jeder
       revolutionäre Kampf gegen eine Klasse, die bisher geherrscht hat,
       sich richtet  *); 3. daß in allen bisherigen Revolutionen die Art
       der Tätigkeit  stets unangetastet  blieb und  es sich nur um eine
       andre Distribution  dieser Tätigkeit, um eine neue Verteilung der
       Arbeit an andre Personen handelte, während die kommunistische Re-
       volution sich gegen die
       ---
       *) [Randbemerkung von Marx:] Daß die Leute interessiert sind, den
       jetzigen Produktionszustand zu erhalten.
       
       #70# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       bisherige  A r t  der Tätigkeit richtet, die  A r b e i t  besei-
       tigt *)  und die  Herrschaft aller Klassen mit den Klassen selbst
       aufhebt, weil  sie durch  die Klasse bewirkt wird, die in der Ge-
       sellschaft für keine Klasse mehr gilt, nicht als Klasse anerkannt
       wird, schon  der Ausdruck der Auflösung aller Klassen, Nationali-
       täten etc.  innerhalb der  jetzigen Gesellschaft  ist; und 4. daß
       sowohl zur massenhaften Erzeugung dieses kommunistischen Bewußts-
       eins wie  zur Durchsetzung der Sache selbst eine massenhafte Ver-
       änderung der Menschen nötig ist, die nur in einer praktischen Be-
       wegung, in  einer   R e v o l u t i o n  vor sich gehen kann; daß
       also die  Revolution nicht  nur nötig  ist, weil  die    h e r r-
       s c h e n d e  Klasse auf keine andre Weise gestürzt werden kann,
       sondern auch,  weil die   s t ü r z e n d e   Klasse nur in einer
       Revolution dahin  kommen kann,  sich den  ganzen alten  Dreck vom
       Halse zu  schaffen und zu einer neuen Begründung der Gesellschaft
       befähigt zu werden. **)
       ---
       *) [Im Manuskript  gestrichen:] ... die moder[ne] Form der Tätig-
       keit, unter der die Herrschaft der ...
       **) [Im Manuskript gestrichen:] Während  über diese Notwendigkeit
       der Revolution sämtliche Kommunisten sowohl in Frankreich, wie in
       England und  Deutschland seit  geraumer Zeit  einverstanden sind,
       träumt der heilige Bruno ruhig weiter fort, und meint, der "Reale
       Humanismus", d.h.  Kommunismus, werde nur deswegen "an die Stelle
       des Spiritualismus" (der keine Stelle hat) gesetzt, damit er Ver-
       ehrung gewinne. Dann, träumt er fort, müsse wohl "das Heil gekom-
       men, die  Erde zum  Himmel und der Himmel zur Erde gemacht sein".
       (Der Gottesgelahrte  kann den  Himmel noch immer nicht verschmer-
       zen.) "Dann  tönt in  himmlischen Harmonien  Freud und  Wonne von
       Ewigkeit zu  Ewigkeit" (p.  140). Der  heilige Kirchenvater  wird
       sich doch  sehr wundern,  wenn der  jüngste Tag, an dem sich dies
       alles
       
       #71# Deutsche Ideologie - I. Feuerbach
       -----
       ---
       erfüllet, über  ihn hereinbricht  - ein Tag, dessen Morgenrot der
       Widerschein brennender  Städte am  Himmel ist,  wenn unter diesen
       "himmlischen Harmonien"  die Melodie  der Marseillaise und Carma-
       gnole mit  obligatem Kanonendonner  an sein  Ohr hallt,  und  die
       Guillotine dazu  den Takt  schlägt; wenn die verruchte "Masse" ça
       ira, ça ira brüllt und das "Selbstbewußtsein" vermittelst der La-
       terne aufhebt.'  [23] Der heilige Bruno hat am allerwenigsten Ur-
       sache, sich  von der  "Freud und  Wonne von Ewigkeit zu Ewigkeit"
       ein erbauliches  Gemälde zu entwerfen. Wir enthalten uns des Ver-
       gnügens, das  Verhalten Sankt Brunos am jüngsten Tage a priori zu
       konstruieren. Es ist auch schwer zu entscheiden, ob die prolétai-
       res en  révolution als  "Substanz", als  "Masse", die  die Kritik
       stürzen will, oder als "Emanation" des Geistes, der indessen noch
       die zur  Verdauung Bauerscher  Gedanken nötige Konsistenz abgeht,
       gefaßt werden müßten.

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