Quelle: MEW 3 1845 - 1846
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"Der Dr. Georg Kuhlmann aus Holstein"
oder
Die Prophetie des wahren Sozialismus
"Die Neue Welt
oder
das Reich des Geistes auf Erden. Verkündigung" [199]
"Es fehlte an einem Manne", heißt es im Vorworte, "in dessen
Munde all unser Leiden und all unser Sehnen und Hoffen, mit einem
Worte Alles, was unsre Zeit im Innersten bewegt, zur Sprache
würde. Und der 1*) mußte mitten in diesem Drängen und Ringen des
Zweifels und der Sehnsucht hervortreten aus der Einsamkeit des
Geistes mit der Lösung des Rätsels, das uns alle in so lebendigen
Bildern umringt. Dieser Mann, den unsre Zeit erwartet - er ist
aufgetreten. Es ist der Dr. Georg Kuhlmann aus Holstein."
August Becker, der Verfasser dieser Zeilen, ließ sich also von
einem sehr einfältigen Geiste und sehr zweideutigen Charakter in
den Kopf setzen, es sei noch kein einziges Rätsel gelöst, noch
keine einzige Tatkraft geweckt - die kommunistische Bewegung,
welche bereits alle zivilisierten Länder ergriffen hat, sei eine
taube Nuß, deren Kern nicht zu entdecken, ein Weltei, das vom
großen Welthuhn ohne Hahn gezeugt worden - der wahre Kern und der
eigentliche Hahn im Korbe: das sei der Doktor Georg Kuhlmann aus
Holstein! ...
Dieser große Welthahn ist aber ein ganz gewöhnlicher Kapaun, der
sich einige Zeit von den deutschen Handwerkern in der Schweiz
füttern ließ und seinem Schicksale nicht entgeht.
Nicht, als ob wir den Doktor Kuhlmann aus Holstein für einen ganz
ordinären Charlatan und schlauen Betrüger hielten, der selbst
nicht an die Heilkraft seiner Lebenstinktur glaubt und mit seiner
ganzen Makrobiotik nur
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1*) MEGA: er
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bezweckt, seine eigne Person dem Leben zu erhalten - nein, wir
wissen es sehr wohl, dieser inspirierte Doktor ist ein s p i-
r i t u a l i s t i s c h e r Charlatan, ein f r o m m e r
Betrüger, ein m y s t i s c h e r Schlaukopf, der aber, wie
seine ganze Spezies, in der Wahl der Mittel nicht allzu
gewissenhaft verfährt, weil mit seinem heiligen Zwecke seine
Person innig verwachsen ist. Die heiligen Zwecke sind nämlich
immer mit den heiligen Personen auf das Innigste verwachsen; denn
sie sind r e i n idealistischer Natur und haben ihre Existenz
n u r i n den K ö p f e n. Alle Idealisten, die philosophi-
schen wie die religiösen, die alten wie die modernen, glauben an
Inspirationen, an Offenbarungen, an Heilande, an Wundermänner,
und es hängt nur von der Stufe ihrer Bildung ab, ob dieser Glaube
eine rohe, religiöse oder eine gebildete, philosophische Gestalt
annimmt, wie es nur von dem Maße ihrer Energie, ihrem Charakter,
ihrer gesellschaftlichen Stellung usw. abhängt, ob sie sich
passiv oder aktiv zum Wunderglauben verhalten, d.h. Wunderschäfer
oder Schafe sind, ob sie ferner theoretische oder praktische
Zwecke dabei verfolgen.
Kuhlmann ist ein sehr energischer Mann und nicht ohne philosophi-
sche Bildung; er verhält sich keineswegs passiv zum Wunderglauben
und verfolgt dabei sehr praktische Zwecke.
August Becker teilt nur mit Kuhlmann die nationale Gemütskrank-
heit. Der gute Mann "bedauert die, welche es nicht über sich
bringen können, einzusehen, daß der Wille und Gedanke der Zeit
immer nur von Einzelnen ausgesprochen werden kann". Für den Idea-
listen hat jede weltumgestaltende Bewegung ihre Existenz nur im
Kopfe eines Auserwählten, und das Schicksal der Welt hängt davon
ab, ob dieser eine Kopf, der alle Weisheit als Privateigentümer
besitzt, durch irgendeinen realistischen Stein tödlich verletzt
wird, bevor er seine Offenbarungen von sich gegeben. "Oder wäre
dem nicht so?" fügt August Becker herausfordernd hinzu. "Setzet
alle Philosophen und Theologen der Zeit zusammen und laßt sie ra-
ten und abstimmen, und dann sehet, was da herauskommt!"
Die ganze historische Entwicklung reduziert sich für den Ideolo-
gen auf die theoretischen Abstraktionen der historischen Entwick-
lung, wie sie in den "Köpfen" aller "Philosophen und Theologen
der Zeit" sich gebildet haben, und da man alle die "Köpfe" unmög-
lich "zusammensetzen" und "raten und abstimmen" lassen kann, so
muß es Einen heiligen Kopf geben, der die Spitze von allen jenen
philosophischen und theologischen Köpfen bildet, und dieser
S p i t z k o p f ist die spekulative E i n h e i t jener
D i c k k ö p f e - der Erlöser.
Dieses Kopfsystem ist so alt wie die ägyptischen Pyramiden, mit
denen es mancherlei Ähnlichkeit hat, und so neu wie die preußi-
sche Monarchie, in
#523# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialismus. V. Der Dr. Kuhlmann
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deren Hauptstadt es kürzlich wieder verjüngt auferstand. Die
idealistischen Dalai-Lamas haben das mit dem wirklichen gemein,
daß sie sich einreden möchten, die Welt, aus der sie ihre Nahrung
ziehen, könne ohne ihre heiligen Exkremente nicht bestehen. So-
bald diese idealistische Tollheit p r a k t i s c h wird, tritt
alsbald ihr b ö s a r t i g e r Charakter an den Tag, ihre
pfäffische Herrschsucht, ihr religiöser Fanatismus, ihre Charla-
tanerie, ihre pietistische Heuchelei, ihr frommer Betrug. Das
Wunder ist die E s e l s b r ü c k e aus dem Reiche der Idee
zur P r a x i s. Herr Dr. Georg Kuhlmann aus Holstein ist eine
solche Eselsbrücke - er ist inspiriert - und es kann daher nicht
fehlen, daß sein Zauberwort die stabilsten Berge versetzt; das
ist ein Trost für die geduldigen Geschöpfe, die nicht genug Ener-
gie in sich verspüren, diese B e r g e durch n a t ü r l i-
c h e s P u l v e r zu sprengen, eine Zuversicht für die Blin-
den und Zaghaften, welche den materiellen Zusammenhang in den
mannigfaltig zersplitterten Erscheinungen der revolutionären
Bewegung nicht sehen können.
"Es fehlte bisher", sagt August Becker, "an einem Vereinigungs-
punkt." Der heilige Georg überwindet mit leichter Mühe alle re-
alen Hindernisse, indem er alle realen Dinge in Ideen verwandelt
und sich als die spekulative Einheit derselben konstruiert, wo-
durch er sie zu "regieren und ordnen" vermag:
"Die G e s e l l s c h a f t d e r I d e e n ist die Welt.
Und ihre Einheit o r d n e t u n d r e g i e r t die Welt."
(138.)
In dieser "G e s e l l s c h a f t d e r I d e e n" schaltet
und waltet unser Prophet nach Herzenslust.
"Da wollen wir, geführt von unsrer eignen Idee, umherwandeln und
Alles bis ins Einzelne betrachten, soweit es unsre Zeit erfor-
dert." (138.)
Welch eine spekulative Einheit des Unsinns!
Aber das Papier ist geduldig, und das deutsche Publikum, dem der
Prophet seine Orakelsprüche vortrug, wußte von der philosophi-
schen Entwickelung des eignen Vaterlandes so wenig, daß es nicht
einmal merkte, wie der große Prophet in seinen spekulativen Ora-
kelsprüchen nur die verkommensten philosophischen Phrasen wieder-
holt und sie für seine praktischen Zwecke zurechtgemacht hat.
Wie die medizinischen Wundermänner und Wunderkuren auf der Unbe-
kanntschaft mit den Gesetzen der n a t ü r l i c h e n, so
fußen die s o z i a l e n Wundermänner und Wunderkuren auf der
Unbekanntschaft mit den Gesetzen der s o z i a l e n Welt - und
der Wunderdoktor aus Holstein ist eben der s o z i a l i s t i-
s c h e W u n d e r s c h ä f e r aus Niederempt.
#524# Karl Marx und Friedrich Engels
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Dieser Wunderschäfer eröffnet zunächst seinen Schafen:
"Ich sehe vor mir eine Versammlung A u s e r w ä h l t e r, die
m i r v o r a n g e g a n g e n, durch Wort und Tat zu wirken
für das Heil der Zeit, und nun gekommen sind, zu hören, was
i c h über das Wohl und Wehe der Menschheit reden werde."
"Viele schon haben in ihrem Namen geredet und geschrieben; noch
aber hat N i e m a n d ausgesprochen, woran sie eigentlich lei-
det, was sie hoffet und erwartet und wie sie das erreichen kann.
Das aber ist es, was i c h tun will."
Und seine Schafe glauben ihm das.
Im ganzen Werke dieses "heiligen Geistes", der bereits veraltete,
sozialistische Theorien auf die kahlsten, allgemeinsten Abstrak-
tionen reduziert, ist kein einziger origineller Gedanke. Selbst
in der Form, im Stil ist nichts Originelles. Der heilige Stil der
Bibel ist schon von Andern glücklicher nachgeahmt worden. Kuhl-
mann hat sich in dieser Beziehung Lamennais zum Muster genommen.
Aber er ist nur die Karikatur Lamennais'. Wir wollen unsern Le-
sern hier eine Probe von den Schönheiten seines Stils geben:
"Sagt mir erstens, wie wird Euch zumute, wenn Ihr daran denkt,
was aus Euch werden soll m alle Ewigkeit?
Viele lachen zwar und sagen: 'Was kümmert mich die Ewigkeit?' An-
dre reiben sich die Augen aus und fragen: 'Ewigkeit - was ist
das? ...' Wie ist Euch ferner, wenn Ihr an die Stunde denkt, wo
Euch das Grab verschlingen wird?"
"Und ich höre viele Stimmen." - Darunter eine, welche also
spricht: "Man lehrt in neuester Zeit, der Geist sei ewig, er
werde im Tode nur wieder aufgelöst in Gott, von dem er ausgegan-
gen sei. Die aber solches lehren, können mir nicht sagen, was
dann von mir übrigbleibt. 0, daß ich nie geboren wäre! Und ge-
setzt, ich daure fort - o, meine Eltern, meine Schwestern, meine
Brüder, meine Kinder und Alle, die ich liebe, werd' ich Euch dann
jemals wiedersehen? O, hätt' ich Euch nie gesehen!" usw.
"Wie wird Euch ferner, wenn Ihr denkt an die Unendlichkeit?"...
Es wird uns übel, Herr Kuhlmann - nicht vor dem Gedanken des
T o d e s, sondern vor Ihrer P h a n t a s i e des Todes, vor
Ihrem S t i l, vor Ihren a r m s e l i g e n M i t t e l n,
auf die G e m ü t e r zu wirken!
"Wie wird Dir zumute", lieber Leser, wenn Du einen P f a f f e n
hörst, der seinen Schafen die Hölle recht heiß und das Gemüt
recht weich macht, dessen ganze Beredsamkeit sich darauf be-
schränkt, die T r ä n e n d r ü s e n seiner Zuhörer in Aktivi-
tät zu setzen, und der nur auf die F e i g h e i t seiner Ge-
meinde spekuliert?
Was den magern I n h a l t der "Verkündigung" betrifft, so läßt
sich zunächst die erste Abteilung oder die Einleitung in die
"Neue Welt" auf den
#525# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialismus. V. Der Dr. Kuhlmann
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einfachen Gedanken reduzieren, daß Herr Kuhlmann aus Holstein ge-
kommen ist, um das "Reich des Geistes", das "Himmelreich" auf Er-
den, zu gründen, daß kein Mensch vor ihm gewußt habe, was die ei-
gentliche Hölle und was der eigentliche Himmel - das nämlich jene
die bisherige, dieser die zukünftige Gesellschaft, das "Reich des
Geistes" - und er selbst der ersehnte heilige "Geist" sei ...
Alle diese großen Gedanken sind nicht gerade ganz originelle Ge-
danken des heiligen Georg, und er hätte sich nicht von Holstein
nach der Schweiz zu bemühen und aus der "Einsamkeit des Geistes"
zu den Handwerkern herabzulassen und sich zu "offenbaren" nötig
gehabt, um der "Welt" dieses "Gesicht" zu zeigen.
Daß aber der Herr Dr. Kuhlmann aus Holstein der "ersehnte heilige
Geist", dieser Gedanke ist allerdings sein ganz ausschließliches
Privateigentum und wird es bleiben.
Die heilige Schrift unsres St. Georg nimmt nun, wie er dieses
selbst "offenbart", folgenden Verlauf:
"Sie wird eröffnen", sagt er, "das Reich des Geistes in irdischer
Gestalt, damit Ihr schauet dessen Herrlichkeit und sehet, daß
kein ander Heil ist als im Reich des Geistes. Auf der anderen
Seite wird sie e n t h ü l l e n Euer Jammertal, damit Ihr Euer
Elend schauet und erkennt den Grund aller Eurer Leiden. Dann
werde ich den Weg zeigen, der hinüberführt aus dieser kummer-
vollen Gegenwart in eine freudenvolle Zukunft. Zu diesem Ende
folget mir im Geist auf eine H ö h e, von wannen wir eine freie
Aussicht haben in die weite Gegend."
Der Prophet läßt uns also zunächst seine "s c h ö n e Gegend",
sein H i m m e l r e i c h, schauen. Wir sehen nichts als ein
erbärmlich m Szene gesetztes Mißverständnis des Saint-Simonismus
in karikiertem Lamennaisschem Kostüm, verbrämt mit Erinnerungen
aus Herrn Stein.
Wir zitieren nun die wichtigsten Offenbarungen aus dem H i m-
m e l r e i c h, welche die prophetische Methode konstatieren.
Z.B. Seite 37:
"Die Wahl i s t f r e i u n d r i c h t e t s i c h nach ei-
nes Jeden Neigung. Die Neigung r i c h t e t s i c h nach sei-
nen Anlagen."
"Wenn in der Gesellschaft", orakelt St. Georg, "Jeder seiner Nei-
gung folgt, so werden alle ihre Anlagen insgesamt entwickelt, und
w e n n d i e s e s i s t, so wird auch stets hervorgebracht,
was Alle insgesamt bedürfen, im Reich des Geistes wie im Reich
der Materie. Denn die Gesellschaft besitzt stets so viele Anlagen
und Kräfte, als sie Bedürfnisse hat" ... "Les attractions sont
proportionelles aux Destinées" 1*), vergleiche auch Proudhon.
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1*) Die Neigungen sind den Bestimmungen proportional [200]
#526# Karl Marx und Friedrich Engels
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Der Herr Kuhlmann unterscheidet sich hier von den Sozialisten und
Kommunisten nur durch ein M i ß v e r s t ä n d n i s, dessen
Grund in der Verfolgung seiner p r a k t i s c h e n Z w e-
c k e und ohne Zweifel auch in seiner Borniertheit zu suchen
ist. Er verwechselt die V e r s c h i e d e n h e i t der
Anlagen und Fähigkeiten mit der U n g l e i c h h e i t des
B e s i t z e s und des vom Besitze bedingten G e n u s s e s
und p o l e m i s i e r t daher gegen den K o m m u n i s-
m u s.
"Niemand soll da" (nämlich im Kommunismus) "e i n e n V o r-
z u g haben vor dem Andern", eifert der Prophet, "Niemand
m e h r b e s i t z e n und b e s s e r l e b e n als der
Andre ... Und wenn Ihr daran Zweifel heget und nicht einstimmt in
ihr Geschrei, dann schmähen sie, verdammen und verfolgen Euch und
hängen Euch an den Galgen." (p. 100.)
Kuhlmann prophezeit zuweilen doch ganz richtig.
"In ihrer Reihe stehen darauf Alle, die da rufen: Weg mit der Bi-
bel! Weg vor Allem mit der christlichen Religion, denn es ist die
Religion der Demut und der knechtischen Gesinnung! Weg überhaupt
mit allem Glauben! Wir wissen nichts von Gott noch von Unsterb-
lichkeit. Das sind nur Hirngespinste, zu ihrem Vorteil ausgebeu-
tet" (soll heißen: die von den Pfaffen zu ihrem Vorteil ausgebeu-
tet werden) "und fortgesponnen von Lügnern und Betrügern. Für-
wahr, wer noch an solche Dinge glaubt, der ist der größte Narr!"
Kuhlmann polemisiert namentlich heftig gegen die prinzipiellen
Widersacher der Lehre vom G l a u b e n, von der D e m u t
und U n g l e i c h h e i t, d.h. dem - U n t e r s c h i e d
d e s S t a n d e s u n d d e r G e b u r t".
Auf die niederträchtige Lehre der prädestinierten Sklaverei, die,
in der Kuhlmannschen Weise ausgedrückt, stark an Friedrich Rohmer
erinnert - auf die theokratische Hierarchie und m letzter Instanz
auf seine e i g n e h e i l i g e P e r s o n begründet er
seinen Sozialismus!
"Jeder Zweig der Arbeit", heißt es p. 42, "wird geleitet vom Ge-
schicktesten, der selber mitarbeitet, und jeder Zweig im Reiche
des Genusses vom V e r g n ü g t e s t e n, der selber mitge-
nießet. Wie aber die Gesellschaft ungeteilt ist und nur einen
Geist hat, so wird die ganze Ordnung nur von e i n e m Menschen
geleitet und regiert. Und dieses ist der W e i s e s t e, der
T u g e n d h a f t e s t e und S e l i g s t e."
Seite 34 erfahren wir:
"Wenn der Mensch im G e i s t nach T u g e n d strebt, so
r e g e t und b e w e g t er seine G l i e d e r und entwic-
kelt und bildet und gestaltet Alles an und außer sich nach seinem
Wohlgefallen. Und wenn er sich im Geiste w o h l b e f i n-
d e t, so muß er es e m p f i n d e n an Allem, was da an ihm
leibt und lebt. D a h e r i ß t und t r i n k t der Mensch
und läßt sich's s c h m e c k e n; d a h e r s i n g t und
s p i e l t und t a n z t er und k ü ß t und w e i n t und
l a c h t."
Der Einfluß der A n s c h a u u n g G o t t e s auf den A p-
p e t i t und der g e i s t i g e n S e l i g k e i t auf den
G e s c h l e c h t s t r i e b ist zwar auch nicht eben das
Privateigentum
#527# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialismus. V. Der Dr. Kuhlmann
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des Kuhlmannismus; aber er enthüllt doch manche d u n k l e
S t e l l e im P r o p h e t e n.
Z.B. p. 36. "Beides" (Besitz und Genuß) "richtet sich nach sei-
ner" (nämlich des Menschen) "Arbeit. Diese ist der Maßstab seiner
Bedürfnisse." (So verdreht Kuhlmann den Satz, daß die kommunisti-
sche G e s e l l s c h a f t i m G a n z e n stets so viele
Anlagen und Kräfte als Bedürfnisse hat.) "Denn die Arbeit ist die
Äußerung der Ideen und der Triebe. Und darin ruhen die Bedürf-
nisse. D a aber die Anlagen und Bedürfnisse der Menschen stets
verschieden sind und so verteilt, daß jene nur entwickelt und
diese nur befriedigt werden können, wenn Einer stets für Alle
schafft und das Erzeugnis Aller ausgewechselt und verteilt wird
nach Verdienst" - (?) - "so empfängt Jeder nur den W e r t für
seine Arbeit."
Dieser ganze tautologische Galimathias wäre - wie die folgenden
Sätze und wie noch viele andere, mit denen wir den Leser verscho-
nen - trotz der von A. Becker gerühmten "erhabenen E i n-
f a c h h e i t und K l a r h e i t" der "Offenbarung"
schlechterdings u n d u r c h d r i n g l i c h, wenn man nicht
in den p r a k t i s c h e n Z w e c k e n, die der Prophet
verfolgt, einen S c h l ü s s e l hätte. Es wird sogleich Alles
verständlich sein.
"Der Wert" - orakelt Herr K[uhlmann] weiter - "bestimmt sich
selbst nach dem Bedürfnis Aller." (?) "Im Wert ist eines Jeden
Arbeit stets enthalten, und dafür" (?) "kann er sich verschaffen,
was sein Herz nur wünschen mag."
"Sehet, meine Freunde", heißt es p. 39, "die Gesellschaft wahrer
Menschen betrachtet das L e b e n stets als eine S c h u l e
... um sich ... zu e r z i e h e n. Und d a b e i w i l l
sie s e l i g sein. Solches" (?) "aber muß e r s c h e i n e n
und sichtbar werden" (?), "sonst ist es" (?) "nicht m ö g-
l i c h."
Was Herr Georg Kuhlmann aus Holstein damit sagen will, daß
"solches" (das Leben? oder die Seligkeit?) "erscheinen" und
"sichtbar" werden müsse, weil "es" sonst nicht "möglich" sei -
daß die "Arbeit" im "Wert enthalten" sei und man sich dafür
(wofür ?) verschaffen könne, was das Herz wünscht - daß endlich
der "Wert" nach dem "Bedürfnis" sich selbst bestimme: ist wie-
derum nicht abzusehen, wenn man die P o i n t e der ganzen Of-
fenbarung, die p r a k t i s c h e P o i n t e, außer acht
läßt.
Versuchen wir daher eine praktische Erklärung.
Der heilige Georg Kuhlmann aus Holstein hat, wie wir von August
Becker erfahren, im Vaterlande kein Glück gemacht. Er kommt nach
der Schweiz und findet hier eine ganz "neue Welt": die kommuni-
stischen Gesellschaften der deutschen Handwerker. Das ist ihm
schon recht - und er macht sich sofort an den Kommunismus und die
Kommunisten. Er hat immer, wie August Becker uns erzählt,
"unablässig daran gearbeitet, seine Lehre weiterzubilden und sie
auf die H ö h e der großen Zeit zu e r h e b e n", d.h.,
#528# Karl Marx und Friedrich Engels
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er wurde unter den Kommunisten ad majorem Dei gloriam 1*) Kommu-
nist. So weit ging Alles ganz gut 2*).
Nun aber besteht eines der wesentlichsten Prinzipien des Kommu-
nismus, wodurch er sich von jedem reaktionären Sozialismus unter-
scheidet, in der auf die Natur des Menschen begründeten empiri-
schen Ansicht, daß die Unterschiede des K o p f e s und der in-
tellektuellen Fähigkeiten überhaupt keine Unterschiede des
M a g e n s und der physischen B e d ü r f n i s s e bedingen;
daß mithin der falsche, auf unsre bestehenden Verhältnisse be-
gründete Satz: "Jedem nach seinen Fähigkeiten", sofern er sich
auf den Genuß im engeren Sinne bezieht, umgewandelt werden muß in
den Satz: J e d e m n a c h B e d ü r f n i s; daß, mit an-
dern Worten, die V e r s c h i e d e n h e i t in der Tätig-
keit, in den Arbeiten, keine U n g l e i c h h e i t, kein
V o r r e c h t des Besitzes und Genusses begründet.
Das konnte der Prophet nicht zugeben; denn das Vorrecht, der Vor-
zug, das Auserwähltsein vor andern ist eben der K i t z e l des
Propheten. "Solches aber muß erscheinen und sichtbar werden,
sonst ist es nicht möglich." Ohne praktischen Vorzug, ohne
f ü h l b a r e n K i t z e l wäre eben der Prophet kein Pro-
phet, kein p r a k t i s c h e r, sondern nur ein t h e o r e-
t i s c h e r Gottesmann, ein P h i l o s o p h. Der Prophet
muß also den Kommunisten begreiflich machen, daß die Verschieden-
heit der T ä t i g k e i t, der A r b e i t, eine Verschie-
denheit des W e r t e s und der S e l i g k e i t (oder des
Genusses, Verdienstes, Vergnügens, was Alles dasselbe) begründe,
und daß, da jeder seine S e l i g k e i t, wie seine A r-
b e i t, selbst bestimme, folglich e r, der Prophet - dieses
ist die praktische Pointe der Offenbarung - ein b e s s e r e s
L e b e n zu beanspruchen habe als der g e m e i n e H a n d-
w e r k e r *).
Hiernach werden alle dunklen Stellen des Propheten klar: daß der
"Besitz" und "Genuß" eines Jeden sich nach seiner "Arbeit"
richte; daß die "Arbeit" des Menschen der Maßstab seiner "B e-
d ü r f n i s s e" sei; daß alsdann Jeder den "Wert" für seine
Arbeit empfange; daß der "Wert" sich nach dem "Bedürfnis"
s e l b s t bestimme; daß eines Jeden Arbeit im Werte "ent-
halten" sei und er sich dafür, was sein "Herz" verlangt, ver-
schaffen kann; daß endlich die "Seligkeit" des Auserwählten
"erscheinen und sichtbar werden" müsse, weil sie sonst nicht
"möglich" ist. All dieser Unsinn wird jetzt begreiflich.
Wir wissen nicht, wie weit die praktischen Ansprüche des Dr.
Kuhlmann den Handwerkern gegenüber in der Wirklichkeit gehen. Wir
wissen aber, daß seine Lehre das Grunddogma aller geistlichen und
weltlichen
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*) In einer nicht gedruckten Vorlesung hat der Prophet dieses üb-
rigens u n v e r h ü l l t ausgesprochen.
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1*) zum höheren Ruhme Gottes - 2*) MEGA: sehr gut
#529# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialismus, V. Der Dr. Kuhlmann
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Herrschsucht, der mystische Schleier aller muckerhaften Genuß-
sucht, die Beschönigung jeder Niederträchtigkeit und die Quelle
vieler Verrücktheiten ist.
Wir dürfen nicht unterlassen, dem Leser noch den Weg zu zeigen,
der, nach Herrn Kuhlmann aus Holstein, "hinüberführt aus dieser
kummervollen Gegenwart in eine freudenvolle Zukunft", Dieser Weg
ist lieblich und ergötzlich wie der Frühling in einem Blumenge-
filde - oder wie ein Blumengefilde im Frühling.
"Sanft und leise - mit warmer Hand - und treibet Knospen - aus
den Knospen werden Blüten - und ruft die Lerche und die Nachti-
gall - und weckt die Grille im Grase. Wie der Frühling, so komme
daher die neue Welt." (p. 114 sq.)
Wahrhaft idyllisch malt der Prophet den Übergang aus der jetzigen
sozialen Isolierung in die Gemeinschaft. Wie er die wirkliche Ge-
sellschaft in eine "Gesellschaft von Ideen" verwandelt, um,
"geführt von der eignen Idee, dann umherzuwandeln und Alles bis
ins Einzelne betrachten zu können, soweit es seine Zeit erfor-
dert", ebenso verwandelt er die wirkliche soziale Bewegung, die
schon m allen zivilisierten Ländern sich als Vorläuferin einer
furchtbaren Umwälzung der Gesellschaft ankündigt - in eine
g e m ü t l i c h e und s t i l l e B e k e h r u n g, in ein
S t i l l e b e n, bei dem die Besitzer und Beherrscher der Welt
s e h r r u h i g schlafen können. Die t h e o r e t i-
s c h e n A b s t r a k t i o n e n der wirklichen Begebenhei-
ten, ihre ideellen Zeichen, sind für den Idealisten die W i r k-
l i c h k e i t - die w i r k l i c h e n B e g e b e n-
h e i t e n nur "Z e i c h e n, daß die alte Welt zu Grabe
geht".
"Was greift Ihr so ängstlich nach den Erscheinungen des Tages",
grollt der Prophet p. 118, "die nichts weiter sind als Zeichen,
daß die a l l e Welt zu Grabe geht, und vergeudet Eure Kräfte
auf Bestrebungen, die Eure Hoffnungen und Erwartungen nicht er-
füllen können?"
"Ihr sollet nicht niederreißen und zerstören, was Euch da im Wege
stehet, sondern es umgehen und verlassen. Und wenn Ihr es umgan-
gen und verlassen habt, dann höret es von selber auf, denn es
findet keine Nahrung mehr."
"Wenn Ihr die Wahrheit suchet und das Licht verbreitet, so ver-
schwindet unter Euch die Lüge und die Finsternis." (p, 116.)
"Es werden aber Viele sagen: 'Wie sollen wir ein neues Leben
gründen, solange die alte Ordnung noch besteht, die uns daran
verhindert? Müßte sie nicht erst zerstört werden?' -
'Nimmermehr', antwortet der Weiseste, Tugendhafteste und Selig-
ste, 'nimmermehr. Wenn Ihr mit Andern in einem Hause wohnt, das
morsch geworden ist und Euch zu eng und unbequem, und die Andern
wollen darin wohnen bleiben, so brechet Ihr's nicht ab und wohnet
unter freiem Himmel, sondern bauet erst ein neues, und wenn es
fertig ist, da zieht Ihr ein und überlaßt das alte seinem Schick-
sal.'" (p. 120.)
#530# Karl Marx und Friedrich Engels
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Der Prophet gibt nun zwei Seiten lang Regeln, wie man sich in die
neue Welt h i n e i n s c h l e i c h e n kann. Dann wird er
kriegerisch.
"Es ist aber nicht genug, daß Ihr zusammenstehet und der alten
Welt entsagt - Ihr werdet auch die Waffen wider sie gebrauchen,
um sie zu bekämpfen, und Euer Reich erweitern und verstärken.
D o c h n i c h t a u f d e m W e g e d e r G e w a l t,
s o n d e r n a u f d e m W e g e d e r f r e i e n
Ü b e r z e u g u n g."
Sollte man aber d e n n o c h dazu kommen, daß man ein
w i r k l i c h e s Schwert ergreifen und das w i r k l i c h e
Leben daransetzen müßte, um "den Himmel zu erobern mit Gewalt",
dann verspricht der Prophet seiner heiligen Schar eine russische
Unsterblichkeit (die Russen glauben in ihren respektiven Ort-
schaften wieder lebendig aufzustehen, wenn sie im Kriege vom
Feinde getötet werden):
"Und die da fallen auf dem Wege, werden neu geboren werden und
schöner auferblühen, denn sie vorher waren. Darum" (darum)
"sorget nicht für Euer Leben und fürchtet nicht den Tod." (129.)
Also auch im Kampfe mit w i r k l i c h e n Waffen, beruhigt
der Prophet seine heilige Schar, braucht Ihr Euer Leben nicht
w i r k l i c h, sondern nur zum Scheine einzusetzen.
Die Lehre des Propheten ist in jedem Sinne b e r u h i g e n d,
und man kann sich nach diesen Proben seiner heiligen Schrift ge-
wiß nicht über den Beifall wundern, den sie bei einigen
g e m ü t l i c h e n S c h l a f m ü t z e n gefunden hat.
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