Quelle: MEW 3 1845 - 1846


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       "Der Dr. Georg Kuhlmann aus Holstein"
       oder
       Die Prophetie des wahren Sozialismus
       
       "Die Neue Welt
       oder
       das Reich des Geistes auf Erden. Verkündigung" [199]
       
       "Es fehlte  an einem  Manne", heißt  es im  Vorworte, "in  dessen
       Munde all unser Leiden und all unser Sehnen und Hoffen, mit einem
       Worte Alles,  was unsre  Zeit im  Innersten bewegt,  zur  Sprache
       würde. Und  der 1*) mußte mitten in diesem Drängen und Ringen des
       Zweifels und  der Sehnsucht  hervortreten aus  der Einsamkeit des
       Geistes mit der Lösung des Rätsels, das uns alle in so lebendigen
       Bildern umringt.  Dieser Mann,  den unsre  Zeit erwartet - er ist
       aufgetreten. Es ist der Dr. Georg Kuhlmann aus Holstein."
       
       August Becker,  der Verfasser  dieser Zeilen,  ließ sich also von
       einem sehr  einfältigen Geiste und sehr zweideutigen Charakter in
       den Kopf  setzen, es  sei noch  kein einziges Rätsel gelöst, noch
       keine einzige  Tatkraft geweckt  - die  kommunistische  Bewegung,
       welche bereits  alle zivilisierten Länder ergriffen hat, sei eine
       taube Nuß,  deren Kern  nicht zu  entdecken, ein  Weltei, das vom
       großen Welthuhn ohne Hahn gezeugt worden - der wahre Kern und der
       eigentliche Hahn  im Korbe: das sei der Doktor Georg Kuhlmann aus
       Holstein! ...
       Dieser große  Welthahn ist aber ein ganz gewöhnlicher Kapaun, der
       sich einige  Zeit von  den deutschen  Handwerkern in  der Schweiz
       füttern ließ und seinem Schicksale nicht entgeht.
       Nicht, als ob wir den Doktor Kuhlmann aus Holstein für einen ganz
       ordinären Charlatan  und schlauen  Betrüger hielten,  der  selbst
       nicht an die Heilkraft seiner Lebenstinktur glaubt und mit seiner
       ganzen Makrobiotik nur
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       1*) MEGA: er
       
       #522# Karl Marx und Friedrich Engels
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       bezweckt, seine  eigne Person  dem Leben  zu erhalten - nein, wir
       wissen es  sehr wohl,  dieser inspirierte  Doktor ist ein  s p i-
       r i t u a l i s t i s c h e r    Charlatan,  ein    f r o m m e r
       Betrüger, ein   m y s t i s c h e r   Schlaukopf,  der aber,  wie
       seine  ganze   Spezies,  in  der  Wahl  der  Mittel  nicht  allzu
       gewissenhaft verfährt,  weil mit  seinem  heiligen  Zwecke  seine
       Person innig  verwachsen ist.  Die heiligen  Zwecke sind  nämlich
       immer mit den heiligen Personen auf das Innigste verwachsen; denn
       sie sind   r e i n   idealistischer Natur und haben ihre Existenz
       n u r   i n   den  K ö p f e n.  Alle Idealisten, die philosophi-
       schen wie  die religiösen, die alten wie die modernen, glauben an
       Inspirationen, an  Offenbarungen, an  Heilande, an  Wundermänner,
       und es hängt nur von der Stufe ihrer Bildung ab, ob dieser Glaube
       eine rohe,  religiöse oder eine gebildete, philosophische Gestalt
       annimmt, wie  es nur von dem Maße ihrer Energie, ihrem Charakter,
       ihrer gesellschaftlichen  Stellung  usw.  abhängt,  ob  sie  sich
       passiv oder aktiv zum Wunderglauben verhalten, d.h. Wunderschäfer
       oder Schafe  sind, ob  sie ferner  theoretische  oder  praktische
       Zwecke dabei verfolgen.
       Kuhlmann ist ein sehr energischer Mann und nicht ohne philosophi-
       sche Bildung; er verhält sich keineswegs passiv zum Wunderglauben
       und verfolgt dabei sehr praktische Zwecke.
       August Becker  teilt nur  mit Kuhlmann die nationale Gemütskrank-
       heit. Der  gute Mann  "bedauert die,  welche es  nicht über  sich
       bringen können,  einzusehen, daß  der Wille  und Gedanke der Zeit
       immer nur von Einzelnen ausgesprochen werden kann". Für den Idea-
       listen hat  jede weltumgestaltende  Bewegung ihre Existenz nur im
       Kopfe eines  Auserwählten, und das Schicksal der Welt hängt davon
       ab, ob  dieser eine  Kopf, der alle Weisheit als Privateigentümer
       besitzt, durch  irgendeinen realistischen  Stein tödlich verletzt
       wird, bevor  er seine  Offenbarungen von sich gegeben. "Oder wäre
       dem nicht  so?" fügt  August Becker herausfordernd hinzu. "Setzet
       alle Philosophen und Theologen der Zeit zusammen und laßt sie ra-
       ten und abstimmen, und dann sehet, was da herauskommt!"
       Die ganze  historische Entwicklung reduziert sich für den Ideolo-
       gen auf die theoretischen Abstraktionen der historischen Entwick-
       lung, wie  sie in  den "Köpfen"  aller "Philosophen und Theologen
       der Zeit" sich gebildet haben, und da man alle die "Köpfe" unmög-
       lich "zusammensetzen"  und "raten  und abstimmen" lassen kann, so
       muß es  Einen heiligen Kopf geben, der die Spitze von allen jenen
       philosophischen  und  theologischen  Köpfen  bildet,  und  dieser
       S p i t z k o p f   ist die  spekulative   E i n h e i t    jener
       D i c k k ö p f e  - der Erlöser.
       Dieses Kopfsystem  ist so  alt wie die ägyptischen Pyramiden, mit
       denen es  mancherlei Ähnlichkeit  hat, und so neu wie die preußi-
       sche Monarchie, in
       
       #523# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialismus. V. Der Dr. Kuhlmann
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       deren Hauptstadt  es kürzlich  wieder  verjüngt  auferstand.  Die
       idealistischen Dalai-Lamas  haben das  mit dem wirklichen gemein,
       daß sie sich einreden möchten, die Welt, aus der sie ihre Nahrung
       ziehen, könne  ohne ihre  heiligen Exkremente nicht bestehen. So-
       bald diese idealistische Tollheit  p r a k t i s c h  wird, tritt
       alsbald ihr   b ö s a r t i g e r   Charakter  an den  Tag,  ihre
       pfäffische Herrschsucht,  ihr religiöser Fanatismus, ihre Charla-
       tanerie, ihre  pietistische Heuchelei,  ihr frommer  Betrug.  Das
       Wunder ist  die   E s e l s b r ü c k e   aus dem Reiche der Idee
       zur   P r a x i s.  Herr Dr. Georg Kuhlmann aus Holstein ist eine
       solche Eselsbrücke  - er ist inspiriert - und es kann daher nicht
       fehlen, daß  sein Zauberwort  die stabilsten  Berge versetzt; das
       ist ein Trost für die geduldigen Geschöpfe, die nicht genug Ener-
       gie in  sich verspüren,  diese   B e r g e  durch  n a t ü r l i-
       c h e s   P u l v e r  zu sprengen, eine Zuversicht für die Blin-
       den und  Zaghaften, welche  den materiellen  Zusammenhang in  den
       mannigfaltig  zersplitterten   Erscheinungen  der  revolutionären
       Bewegung nicht sehen können.
       "Es fehlte  bisher", sagt  August Becker, "an einem Vereinigungs-
       punkt." Der  heilige Georg  überwindet mit leichter Mühe alle re-
       alen Hindernisse,  indem er alle realen Dinge in Ideen verwandelt
       und sich  als die  spekulative Einheit derselben konstruiert, wo-
       durch er sie zu "regieren und ordnen" vermag:
       
       "Die   G e s e l l s c h a f t   d e r   I d e e n  ist die Welt.
       Und ihre  Einheit   o r d n e t  u n d  r e g i e r t  die Welt."
       (138.)
       
       In dieser   "G e s e l l s c h a f t  d e r  I d e e n"  schaltet
       und waltet unser Prophet nach Herzenslust.
       
       "Da wollen  wir, geführt von unsrer eignen Idee, umherwandeln und
       Alles bis  ins Einzelne  betrachten, soweit  es unsre Zeit erfor-
       dert." (138.)
       
       Welch eine spekulative Einheit des Unsinns!
       Aber das  Papier ist geduldig, und das deutsche Publikum, dem der
       Prophet seine  Orakelsprüche vortrug,  wußte von  der philosophi-
       schen Entwickelung  des eignen Vaterlandes so wenig, daß es nicht
       einmal merkte,  wie der große Prophet in seinen spekulativen Ora-
       kelsprüchen nur die verkommensten philosophischen Phrasen wieder-
       holt und sie für seine praktischen Zwecke zurechtgemacht hat.
       Wie die  medizinischen Wundermänner und Wunderkuren auf der Unbe-
       kanntschaft mit  den Gesetzen  der   n a t ü r l i c h e n,    so
       fußen die   s o z i a l e n  Wundermänner und Wunderkuren auf der
       Unbekanntschaft mit den Gesetzen der  s o z i a l e n  Welt - und
       der Wunderdoktor  aus Holstein ist eben der  s o z i a l i s t i-
       s c h e  W u n d e r s c h ä f e r  aus Niederempt.
       
       #524# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Dieser Wunderschäfer eröffnet zunächst seinen Schafen:
       
       "Ich sehe vor mir eine Versammlung  A u s e r w ä h l t e r,  die
       m i r   v o r a n g e g a n g e n,   durch Wort und Tat zu wirken
       für das  Heil der  Zeit, und  nun gekommen  sind, zu  hören,  was
       i c h  über das Wohl und Wehe der Menschheit reden werde."
       "Viele schon  haben in  ihrem Namen geredet und geschrieben; noch
       aber hat  N i e m a n d  ausgesprochen, woran sie eigentlich lei-
       det, was  sie hoffet und erwartet und wie sie das erreichen kann.
       Das aber ist es, was  i c h  tun will."
       
       Und seine Schafe glauben ihm das.
       Im ganzen Werke dieses "heiligen Geistes", der bereits veraltete,
       sozialistische Theorien  auf die kahlsten, allgemeinsten Abstrak-
       tionen reduziert,  ist kein  einziger origineller Gedanke. Selbst
       in der Form, im Stil ist nichts Originelles. Der heilige Stil der
       Bibel ist  schon von  Andern glücklicher nachgeahmt worden. Kuhl-
       mann hat  sich in dieser Beziehung Lamennais zum Muster genommen.
       Aber er  ist nur  die Karikatur Lamennais'. Wir wollen unsern Le-
       sern hier eine Probe von den Schönheiten seines Stils geben:
       
       "Sagt mir  erstens, wie  wird Euch  zumute, wenn Ihr daran denkt,
       was aus Euch werden soll m alle Ewigkeit?
       Viele lachen zwar und sagen: 'Was kümmert mich die Ewigkeit?' An-
       dre reiben  sich die  Augen aus  und fragen:  'Ewigkeit - was ist
       das? ...'  Wie ist  Euch ferner, wenn Ihr an die Stunde denkt, wo
       Euch das Grab verschlingen wird?"
       "Und ich  höre viele  Stimmen."  -  Darunter  eine,  welche  also
       spricht: "Man  lehrt in  neuester Zeit,  der Geist  sei ewig,  er
       werde im  Tode nur wieder aufgelöst in Gott, von dem er ausgegan-
       gen sei.  Die aber  solches lehren,  können mir  nicht sagen, was
       dann von  mir übrigbleibt.  0, daß  ich nie geboren wäre! Und ge-
       setzt, ich  daure fort - o, meine Eltern, meine Schwestern, meine
       Brüder, meine Kinder und Alle, die ich liebe, werd' ich Euch dann
       jemals wiedersehen? O, hätt' ich Euch nie gesehen!" usw.
       "Wie wird Euch ferner, wenn Ihr denkt an die Unendlichkeit?"...
       
       Es wird  uns übel,  Herr Kuhlmann  - nicht  vor dem  Gedanken des
       T o d e s,   sondern vor Ihrer  P h a n t a s i e  des Todes, vor
       Ihrem   S t i l,   vor Ihren  a r m s e l i g e n  M i t t e l n,
       auf die  G e m ü t e r  zu wirken!
       "Wie wird Dir zumute", lieber Leser, wenn Du einen  P f a f f e n
       hörst, der  seinen Schafen  die Hölle  recht heiß  und das  Gemüt
       recht weich  macht, dessen  ganze Beredsamkeit  sich  darauf  be-
       schränkt, die  T r ä n e n d r ü s e n  seiner Zuhörer in Aktivi-
       tät zu  setzen, und  der nur auf die  F e i g h e i t  seiner Ge-
       meinde spekuliert?
       Was den magern  I n h a l t  der "Verkündigung" betrifft, so läßt
       sich zunächst  die erste  Abteilung oder  die Einleitung  in  die
       "Neue Welt" auf den
       
       #525# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialismus. V. Der Dr. Kuhlmann
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       einfachen Gedanken reduzieren, daß Herr Kuhlmann aus Holstein ge-
       kommen ist, um das "Reich des Geistes", das "Himmelreich" auf Er-
       den, zu gründen, daß kein Mensch vor ihm gewußt habe, was die ei-
       gentliche Hölle und was der eigentliche Himmel - das nämlich jene
       die bisherige, dieser die zukünftige Gesellschaft, das "Reich des
       Geistes" - und er selbst der ersehnte heilige "Geist" sei ...
       Alle diese  großen Gedanken sind nicht gerade ganz originelle Ge-
       danken des  heiligen Georg,  und er hätte sich nicht von Holstein
       nach der  Schweiz zu bemühen und aus der "Einsamkeit des Geistes"
       zu den  Handwerkern herabzulassen  und sich zu "offenbaren" nötig
       gehabt, um der "Welt" dieses "Gesicht" zu zeigen.
       Daß aber der Herr Dr. Kuhlmann aus Holstein der "ersehnte heilige
       Geist", dieser  Gedanke ist allerdings sein ganz ausschließliches
       Privateigentum und wird es bleiben.
       Die heilige  Schrift unsres  St. Georg  nimmt nun,  wie er dieses
       selbst "offenbart", folgenden Verlauf:
       
       "Sie wird eröffnen", sagt er, "das Reich des Geistes in irdischer
       Gestalt, damit  Ihr schauet  dessen Herrlichkeit  und sehet,  daß
       kein ander  Heil ist  als im  Reich des  Geistes. Auf der anderen
       Seite wird sie  e n t h ü l l e n  Euer Jammertal, damit Ihr Euer
       Elend schauet  und erkennt  den Grund  aller Eurer  Leiden.  Dann
       werde ich  den Weg  zeigen, der  hinüberführt aus  dieser kummer-
       vollen Gegenwart  in eine  freudenvolle Zukunft.  Zu diesem  Ende
       folget mir im Geist auf eine  H ö h e,  von wannen wir eine freie
       Aussicht haben in die weite Gegend."
       
       Der Prophet  läßt uns also zunächst seine  "s c h ö n e  Gegend",
       sein   H i m m e l r e i c h,   schauen. Wir sehen nichts als ein
       erbärmlich m  Szene gesetztes Mißverständnis des Saint-Simonismus
       in karikiertem  Lamennaisschem Kostüm,  verbrämt mit Erinnerungen
       aus Herrn Stein.
       Wir zitieren  nun die  wichtigsten Offenbarungen  aus dem  H i m-
       m e l r e i c h,   welche die  prophetische Methode konstatieren.
       Z.B. Seite 37:
       
       "Die Wahl  i s t  f r e i  u n d  r i c h t e t  s i c h nach ei-
       nes Jeden Neigung. Die Neigung  r i c h t e t  s i c h  nach sei-
       nen Anlagen."
       "Wenn in der Gesellschaft", orakelt St. Georg, "Jeder seiner Nei-
       gung folgt, so werden alle ihre Anlagen insgesamt entwickelt, und
       w e n n   d i e s e s  i s t,  so wird auch stets hervorgebracht,
       was Alle  insgesamt bedürfen,  im Reich  des Geistes wie im Reich
       der Materie. Denn die Gesellschaft besitzt stets so viele Anlagen
       und Kräfte,  als sie  Bedürfnisse hat"  ... "Les attractions sont
       proportionelles aux Destinées" 1*), vergleiche auch Proudhon.
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       1*) Die Neigungen sind den Bestimmungen proportional [200]
       
       #526# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Der Herr Kuhlmann unterscheidet sich hier von den Sozialisten und
       Kommunisten nur  durch ein   M i ß v e r s t ä n d n i s,  dessen
       Grund in  der Verfolgung  seiner   p r a k t i s c h e n   Z w e-
       c k e   und ohne  Zweifel auch  in seiner  Borniertheit zu suchen
       ist. Er  verwechselt  die    V e r s c h i e d e n h e i t    der
       Anlagen und  Fähigkeiten mit  der   U n g l e i c h h e i t   des
       B e s i t z e s   und des  vom Besitze bedingten  G e n u s s e s
       und   p o l e m i s i e r t   daher gegen  den   K o m m u n i s-
       m u s.
       
       "Niemand soll  da" (nämlich  im Kommunismus)   "e i n e n  V o r-
       z u g   haben vor  dem  Andern",  eifert  der  Prophet,  "Niemand
       m e h r   b e s i t z e n   und   b e s s e r  l e b e n  als der
       Andre ... Und wenn Ihr daran Zweifel heget und nicht einstimmt in
       ihr Geschrei, dann schmähen sie, verdammen und verfolgen Euch und
       hängen Euch an den Galgen." (p. 100.)
       
       Kuhlmann prophezeit zuweilen doch ganz richtig.
       
       "In ihrer Reihe stehen darauf Alle, die da rufen: Weg mit der Bi-
       bel! Weg vor Allem mit der christlichen Religion, denn es ist die
       Religion der  Demut und der knechtischen Gesinnung! Weg überhaupt
       mit allem  Glauben! Wir  wissen nichts von Gott noch von Unsterb-
       lichkeit. Das  sind nur Hirngespinste, zu ihrem Vorteil ausgebeu-
       tet" (soll heißen: die von den Pfaffen zu ihrem Vorteil ausgebeu-
       tet werden)  "und fortgesponnen  von Lügnern  und Betrügern. Für-
       wahr, wer noch an solche Dinge glaubt, der ist der größte Narr!"
       
       Kuhlmann polemisiert  namentlich heftig  gegen die  prinzipiellen
       Widersacher der  Lehre vom   G l a u b e n,   von  der  D e m u t
       und   U n g l e i c h h e i t,  d.h. dem -  U n t e r s c h i e d
       d e s  S t a n d e s  u n d  d e r  G e b u r t".
       Auf die niederträchtige Lehre der prädestinierten Sklaverei, die,
       in der Kuhlmannschen Weise ausgedrückt, stark an Friedrich Rohmer
       erinnert - auf die theokratische Hierarchie und m letzter Instanz
       auf seine   e i g n e   h e i l i g e   P e r s o n  begründet er
       seinen Sozialismus!
       
       "Jeder Zweig  der Arbeit", heißt es p. 42, "wird geleitet vom Ge-
       schicktesten, der  selber mitarbeitet,  und jeder Zweig im Reiche
       des Genusses  vom   V e r g n ü g t e s t e n,  der selber mitge-
       nießet. Wie  aber die  Gesellschaft ungeteilt  ist und  nur einen
       Geist hat, so wird die ganze Ordnung nur von  e i n e m  Menschen
       geleitet und  regiert. Und  dieses ist der  W e i s e s t e,  der
       T u g e n d h a f t e s t e  und  S e l i g s t e."
       
       Seite 34 erfahren wir:
       
       "Wenn der  Mensch im   G e i s t  nach   T u g e n d   strebt, so
       r e g e t  und  b e w e g t  er seine  G l i e d e r  und entwic-
       kelt und bildet und gestaltet Alles an und außer sich nach seinem
       Wohlgefallen. Und  wenn er  sich im  Geiste    w o h l b e f i n-
       d e t,   so muß er es  e m p f i n d e n  an Allem, was da an ihm
       leibt und  lebt.   D a h e r  i ß t  und  t r i n k t  der Mensch
       und läßt  sich's   s c h m e c k e n;   d a h e r  s i n g t  und
       s p i e l t  und  t a n z t  er und  k ü ß t  und  w e i n t  und
       l a c h t."
       
       Der Einfluß  der  A n s c h a u u n g  G o t t e s  auf den  A p-
       p e t i t  und der  g e i s t i g e n  S e l i g k e i t  auf den
       G e s c h l e c h t s t r i e b   ist zwar  auch nicht  eben  das
       Privateigentum
       
       #527# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialismus. V. Der Dr. Kuhlmann
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       des Kuhlmannismus;  aber er  enthüllt doch  manche    d u n k l e
       S t e l l e  im  P r o p h e t e n.
       
       Z.B. p.  36. "Beides"  (Besitz und Genuß) "richtet sich nach sei-
       ner" (nämlich des Menschen) "Arbeit. Diese ist der Maßstab seiner
       Bedürfnisse." (So verdreht Kuhlmann den Satz, daß die kommunisti-
       sche   G e s e l l s c h a f t   i m  G a n z e n  stets so viele
       Anlagen und Kräfte als Bedürfnisse hat.) "Denn die Arbeit ist die
       Äußerung der  Ideen und  der Triebe.  Und darin ruhen die Bedürf-
       nisse.   D a  aber die Anlagen und Bedürfnisse der Menschen stets
       verschieden sind  und so  verteilt, daß  jene nur  entwickelt und
       diese nur  befriedigt werden  können, wenn  Einer stets  für Alle
       schafft und  das Erzeugnis  Aller ausgewechselt und verteilt wird
       nach Verdienst"  - (?) - "so empfängt Jeder nur den  W e r t  für
       seine Arbeit."
       Dieser ganze  tautologische Galimathias  wäre - wie die folgenden
       Sätze und wie noch viele andere, mit denen wir den Leser verscho-
       nen -  trotz der  von A.  Becker  gerühmten  "erhabenen    E i n-
       f a c h h e i t     und    K l a r h e i t"    der  "Offenbarung"
       schlechterdings  u n d u r c h d r i n g l i c h,  wenn man nicht
       in den   p r a k t i s c h e n   Z w e c k e n,   die der Prophet
       verfolgt, einen  S c h l ü s s e l  hätte. Es wird sogleich Alles
       verständlich sein.
       
       "Der Wert"  - orakelt  Herr K[uhlmann]  weiter -  "bestimmt  sich
       selbst nach  dem Bedürfnis  Aller." (?)  "Im Wert ist eines Jeden
       Arbeit stets enthalten, und dafür" (?) "kann er sich verschaffen,
       was sein Herz nur wünschen mag."
       "Sehet, meine  Freunde", heißt es p. 39, "die Gesellschaft wahrer
       Menschen betrachtet  das   L e b e n  stets als eine  S c h u l e
       ... um  sich ...  zu   e r z i e h e n.   Und  d a b e i  w i l l
       sie  s e l i g  sein. Solches" (?) "aber muß  e r s c h e i n e n
       und sichtbar  werden" (?),  "sonst ist  es" (?)  "nicht    m ö g-
       l i c h."
       
       Was Herr  Georg Kuhlmann  aus  Holstein  damit  sagen  will,  daß
       "solches" (das  Leben?  oder  die  Seligkeit?)  "erscheinen"  und
       "sichtbar" werden  müsse, weil  "es" sonst  nicht "möglich" sei -
       daß die  "Arbeit" im  "Wert enthalten"  sei und  man  sich  dafür
       (wofür ?)  verschaffen könne,  was das Herz wünscht - daß endlich
       der "Wert"  nach dem  "Bedürfnis" sich  selbst bestimme: ist wie-
       derum nicht  abzusehen, wenn man die  P o i n t e  der ganzen Of-
       fenbarung, die   p r a k t i s c h e   P o i n t e,   außer  acht
       läßt.
       Versuchen wir daher eine praktische Erklärung.
       Der heilige  Georg Kuhlmann  aus Holstein hat, wie wir von August
       Becker erfahren,  im Vaterlande kein Glück gemacht. Er kommt nach
       der Schweiz  und findet  hier eine ganz "neue Welt": die kommuni-
       stischen Gesellschaften  der deutschen  Handwerker. Das  ist  ihm
       schon recht - und er macht sich sofort an den Kommunismus und die
       Kommunisten.  Er  hat  immer,  wie  August  Becker  uns  erzählt,
       "unablässig daran  gearbeitet, seine Lehre weiterzubilden und sie
       auf die  H ö h e  der großen Zeit zu  e r h e b e n",  d.h.,
       
       #528# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       er wurde  unter den Kommunisten ad majorem Dei gloriam 1*) Kommu-
       nist. So weit ging Alles ganz gut 2*).
       Nun aber  besteht eines  der wesentlichsten Prinzipien des Kommu-
       nismus, wodurch er sich von jedem reaktionären Sozialismus unter-
       scheidet, in  der auf  die Natur des Menschen begründeten empiri-
       schen Ansicht, daß die Unterschiede des  K o p f e s  und der in-
       tellektuellen  Fähigkeiten   überhaupt  keine   Unterschiede  des
       M a g e n s  und der physischen  B e d ü r f n i s s e  bedingen;
       daß mithin  der falsche,  auf unsre  bestehenden Verhältnisse be-
       gründete Satz:  "Jedem nach  seinen Fähigkeiten",  sofern er sich
       auf den Genuß im engeren Sinne bezieht, umgewandelt werden muß in
       den Satz:   J e d e m   n a c h  B e d ü r f n i s;  daß, mit an-
       dern Worten,  die   V e r s c h i e d e n h e i t   in der Tätig-
       keit, in  den Arbeiten,  keine   U n g l e i c h h e i t,    kein
       V o r r e c h t  des Besitzes und Genusses begründet.
       Das konnte der Prophet nicht zugeben; denn das Vorrecht, der Vor-
       zug, das Auserwähltsein vor andern ist eben der  K i t z e l  des
       Propheten. "Solches  aber muß  erscheinen  und  sichtbar  werden,
       sonst ist  es  nicht  möglich."  Ohne  praktischen  Vorzug,  ohne
       f ü h l b a r e n   K i t z e l   wäre eben der Prophet kein Pro-
       phet, kein  p r a k t i s c h e r,  sondern nur ein  t h e o r e-
       t i s c h e r   Gottesmann, ein   P h i l o s o p h.  Der Prophet
       muß also den Kommunisten begreiflich machen, daß die Verschieden-
       heit der   T ä t i g k e i t,   der   A r b e i t, eine Verschie-
       denheit des   W e r t e s   und der  S e l i g k e i t  (oder des
       Genusses, Verdienstes,  Vergnügens, was Alles dasselbe) begründe,
       und daß,  da jeder  seine   S e l i g k e i t,   wie seine   A r-
       b e i t,   selbst bestimme,  folglich  e r,  der Prophet - dieses
       ist die  praktische Pointe der Offenbarung - ein  b e s s e r e s
       L e b e n   zu beanspruchen habe als der  g e m e i n e  H a n d-
       w e r k e r  *).
       Hiernach werden  alle dunklen Stellen des Propheten klar: daß der
       "Besitz" und  "Genuß"  eines  Jeden  sich  nach  seiner  "Arbeit"
       richte; daß  die "Arbeit"  des Menschen der Maßstab seiner  "B e-
       d ü r f n i s s e"   sei; daß  alsdann Jeder den "Wert" für seine
       Arbeit  empfange;  daß  der  "Wert"  sich  nach  dem  "Bedürfnis"
       s e l b s t   bestimme; daß  eines Jeden  Arbeit im  Werte  "ent-
       halten" sei  und er  sich dafür,  was sein  "Herz" verlangt, ver-
       schaffen kann;  daß  endlich  die  "Seligkeit"  des  Auserwählten
       "erscheinen und  sichtbar werden"  müsse, weil  sie  sonst  nicht
       "möglich" ist. All dieser Unsinn wird jetzt begreiflich.
       Wir wissen  nicht, wie  weit die  praktischen Ansprüche  des  Dr.
       Kuhlmann den Handwerkern gegenüber in der Wirklichkeit gehen. Wir
       wissen aber, daß seine Lehre das Grunddogma aller geistlichen und
       weltlichen
       ---
       *) In einer nicht gedruckten Vorlesung hat der Prophet dieses üb-
       rigens  u n v e r h ü l l t  ausgesprochen.
       -----
       1*) zum höheren Ruhme Gottes - 2*) MEGA: sehr gut
       
       #529# Dt. Ideologie - Der wahre Sozialismus, V. Der Dr. Kuhlmann
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       Herrschsucht, der  mystische Schleier  aller muckerhaften  Genuß-
       sucht, die  Beschönigung jeder  Niederträchtigkeit und die Quelle
       vieler Verrücktheiten ist.
       Wir dürfen  nicht unterlassen,  dem Leser noch den Weg zu zeigen,
       der, nach  Herrn Kuhlmann  aus Holstein, "hinüberführt aus dieser
       kummervollen Gegenwart  in eine freudenvolle Zukunft", Dieser Weg
       ist lieblich  und ergötzlich  wie der Frühling in einem Blumenge-
       filde - oder wie ein Blumengefilde im Frühling.
       "Sanft und  leise -  mit warmer  Hand - und treibet Knospen - aus
       den Knospen  werden Blüten  - und ruft die Lerche und die Nachti-
       gall -  und weckt die Grille im Grase. Wie der Frühling, so komme
       daher die neue Welt." (p. 114 sq.)
       Wahrhaft idyllisch malt der Prophet den Übergang aus der jetzigen
       sozialen Isolierung in die Gemeinschaft. Wie er die wirkliche Ge-
       sellschaft in  eine  "Gesellschaft  von  Ideen"  verwandelt,  um,
       "geführt von  der eignen  Idee, dann umherzuwandeln und Alles bis
       ins Einzelne  betrachten zu  können, soweit  es seine Zeit erfor-
       dert", ebenso  verwandelt er  die wirkliche soziale Bewegung, die
       schon m  allen zivilisierten  Ländern sich  als Vorläuferin einer
       furchtbaren  Umwälzung  der  Gesellschaft  ankündigt  -  in  eine
       g e m ü t l i c h e  und  s t i l l e  B e k e h r u n g,  in ein
       S t i l l e b e n,  bei dem die Besitzer und Beherrscher der Welt
       s e h r   r u h i g    schlafen  können.  Die    t h e o r e t i-
       s c h e n   A b s t r a k t i o n e n  der wirklichen Begebenhei-
       ten, ihre ideellen Zeichen, sind für den Idealisten die  W i r k-
       l i c h k e i t   -   die   w i r k l i c h e n    B e g e b e n-
       h e i t e n   nur   "Z e i c h e n,   daß die  alte Welt zu Grabe
       geht".
       
       "Was greift  Ihr so  ängstlich nach den Erscheinungen des Tages",
       grollt der  Prophet p.  118, "die nichts weiter sind als Zeichen,
       daß die   a l l e   Welt zu Grabe geht, und vergeudet Eure Kräfte
       auf Bestrebungen,  die Eure  Hoffnungen und Erwartungen nicht er-
       füllen können?"
       "Ihr sollet nicht niederreißen und zerstören, was Euch da im Wege
       stehet, sondern  es umgehen und verlassen. Und wenn Ihr es umgan-
       gen und  verlassen habt,  dann höret  es von  selber auf, denn es
       findet keine Nahrung mehr."
       "Wenn Ihr  die Wahrheit  suchet und das Licht verbreitet, so ver-
       schwindet unter Euch die Lüge und die Finsternis." (p, 116.)
       "Es werden  aber Viele  sagen: 'Wie  sollen wir  ein neues  Leben
       gründen, solange  die alte  Ordnung noch  besteht, die  uns daran
       verhindert?  Müßte   sie   nicht   erst   zerstört   werden?'   -
       'Nimmermehr', antwortet  der Weiseste,  Tugendhafteste und Selig-
       ste, 'nimmermehr.  Wenn Ihr  mit Andern in einem Hause wohnt, das
       morsch geworden  ist und Euch zu eng und unbequem, und die Andern
       wollen darin wohnen bleiben, so brechet Ihr's nicht ab und wohnet
       unter freiem  Himmel, sondern  bauet erst  ein neues, und wenn es
       fertig ist, da zieht Ihr ein und überlaßt das alte seinem Schick-
       sal.'" (p. 120.)
       
       #530# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Der Prophet gibt nun zwei Seiten lang Regeln, wie man sich in die
       neue Welt   h i n e i n s c h l e i c h e n   kann.  Dann wird er
       kriegerisch.
       
       "Es ist  aber nicht  genug, daß  Ihr zusammenstehet und der alten
       Welt entsagt  - Ihr  werdet auch die Waffen wider sie gebrauchen,
       um sie  zu bekämpfen,  und Euer  Reich erweitern  und verstärken.
       D o c h   n i c h t   a u f   d e m  W e g e  d e r  G e w a l t,
       s o n d e r n   a u f    d e m    W e g e    d e r    f r e i e n
       Ü b e r z e u g u n g."
       
       Sollte man  aber    d e n n o c h    dazu  kommen,  daß  man  ein
       w i r k l i c h e s  Schwert ergreifen und das  w i r k l i c h e
       Leben daransetzen  müßte, um  "den Himmel zu erobern mit Gewalt",
       dann verspricht  der Prophet seiner heiligen Schar eine russische
       Unsterblichkeit (die  Russen glauben  in ihren  respektiven  Ort-
       schaften wieder  lebendig aufzustehen,  wenn sie  im  Kriege  vom
       Feinde getötet werden):
       
       "Und die  da fallen  auf dem  Wege, werden neu geboren werden und
       schöner  auferblühen,  denn  sie  vorher  waren.  Darum"  (darum)
       "sorget nicht für Euer Leben und fürchtet nicht den Tod." (129.)
       
       Also auch  im Kampfe  mit   w i r k l i c h e n  Waffen, beruhigt
       der Prophet  seine heilige  Schar, braucht  Ihr Euer  Leben nicht
       w i r k l i c h,  sondern nur zum Scheine einzusetzen.
       Die Lehre  des Propheten ist in jedem Sinne  b e r u h i g e n d,
       und man  kann sich nach diesen Proben seiner heiligen Schrift ge-
       wiß  nicht   über  den  Beifall  wundern,  den  sie  bei  einigen
       g e m ü t l i c h e n  S c h l a f m ü t z e n  gefunden hat.

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