Quelle: MEW 3 1845 - 1846


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       Das Leipziger Konzil [25]
       
       Im dritten  Bande der "Wigand'schen Vierteljahrsschrift" für 1845
       ereignet sich die von Kaulbach prophetisch gemalte Hunnenschlacht
       wirklich. [26]  Die Geister der Erschlagenen, deren Grimm auch im
       Tode sich  nicht beruhigt,  erheben ein  Getöse und Heulen in der
       Luft, wie  von Kriegen und Kriegsgeschrei, von Schwertern, Schil-
       den und  eisernen Wagen.  Aber es  handelt sich nicht um irdische
       Dinge. Der  heilige Krieg wird geführt nicht um Schutzzölle, Kon-
       stitution, Kartoffelkrankheit, Bankwesen und Eisenbahnen, sondern
       um die  heiligsten Interessen des Geistes, um die "Substanz", das
       "Selbstbewußtsein", die  "Kritik", den "Einzigen" und den "wahren
       Menschen". Wir  befinden uns  auf einem Konzil von Kirchenvätern.
       Da sie  die letzten Exemplare ihrer Art sind und hier hoffentlich
       zum letzten  Mal in  Sachen des  Allerhöchsten, alias  Absoluten,
       plädiert wird,  so lohnt  es sich, über die Verhandlungen procès-
       verbal 1*) aufzunehmen.
       Da ist  zuerst   d e r   h e i l i g e  B r u n o,  der an seinem
       S t o c k  leicht zu erkennen ist ("werde Sinnlichkeit, werde ein
       S t o c k",   Wigand, p.  130). Er trägt um sein Haupt die Glorie
       der  "reinen  Kritik"  und  hüllt  sich  weltverachtend  in  sein
       "Selbstbewußtsein" ein.  Er hat  "die Religion in ihrer Totalität
       und den  Staat in  seinen Erscheinungen   g e b r o c h e n"  (p.
       138), indem  er den  Begriff der  "Substanz" im  Namen des aller-
       höchsten Selbstbewußtseins  genotzüchtigt. Die Trümmer der Kirche
       und die "Bruch"-stücke des Staats liegen zu seinen Füßen, während
       sein Blick  "die Masse"  in den Staub "niedermetzelt". Er ist wie
       Gott, er  hat weder  Vater noch  Mutter, er  ist "sein eignes Ge-
       schöpf, sein  eignes Machwerk"  (p. 136).  Mit Einem Wort: Er ist
       der "Napoleon"  des Geistes - im Geist "Napoleon". Seine geistli-
       chen Übungen  bestehen dann,  daß er  stets "sich vernimmt und in
       diesem Selbstvernehmen  den Antrieb  zur Selbstbestimmung findet"
       (p. 136); infolge welches anstrengenden Selbst-
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       1*) Protokoll
       
       #79# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil
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       protokollierens  er   sichtlich  abmagert.   Außer  sich   selbst
       "vernimmt" er,  wie wir  sehen werden,  von Zeit zu Zeit auch das
       "Westphälische  Dampfboot"  [27].  Ihm  gegenüber  steht    d e r
       h e i l i g e   M a x,   dessen Verdienste  um das  Reich  Gottes
       darin bestehen,  daß er  seine Identität  nunmehr auf  zirka  600
       Druckseiten konstatiert  und bewiesen  zu haben behauptet, wie er
       nicht Dieser  und Jener, nicht "Hans oder Kunz", sondern eben der
       heilige Max  und kein  andrer sei.  Von seiner  Glorie und seinen
       sonstigen Abzeichen läßt sich nur sagen, daß sie "sein Gegenstand
       und darum  sein Eigentum", daß sie "einzig" und "unvergleichlich"
       sind und  daß "Namen  sie nicht nennen" (p. 148). Er ist zu glei-
       cher Zeit  die "Phrase" und der "Phraseneigner", zu gleicher Zeit
       Sancho Pansa  und Don Quijote. Seine asketischen Übungen bestehen
       in sauren Gedanken über die Gedankenlosigkeit, in bogenlangen Be-
       denken über  die Unbedenklichkeit,  in  der  Heiligsprechung  der
       Heillosigkeit. Im übrigen brauchen wir nicht viel von ihm zu rüh-
       men, da  er die  Manier hat, von allen ihm zugeschriebenen Eigen-
       schaften, und  wären ihrer  mehr als der Namen Gottes bei den Mu-
       hammedanern, zu sagen: Ich bin das Alles und noch etwas mehr, Ich
       bin das  Alles von diesem Nichts und das Nichts von diesem Allen.
       Er unterscheidet  sich dadurch vorteilhaft von seinem düstern Ne-
       benbuhler, daß er einen gewissen feierlichen "Leichtsinn" besitzt
       und von  Zeit zu  Zeit.  seine  ernsten  Meditationen  durch  ein
       "kritisches Juchhe" unterbricht.
       Vor diese  beiden Großmeister  der heiligen  Inquisition wird der
       Häretiker Feuerbach zitiert, um sich wegen einer schweren Anklage
       des Gnostizismus zu verantworten. Der Ketzer Feuerbach, "donnert"
       der heilige Bruno, ist im Besitz der Hyle, der Substanz, und ver-
       weigert sie  herauszugeben, auf daß sich mein unendliches Selbst-
       bewußtsein nicht  dann spiegle.  Das Selbstbewußtsein muß solange
       wie ein  Gespenst umgehen,  bis es alle Dinge, die von ihm und zu
       ihm sind,  in sich  zurückgenommen hat.  Nun hat  es bereits  die
       ganze Welt  verschluckt, außer dieser Hyle, der Substanz, die der
       Gnostiker Feuerbach  unter Schloß  und Riegel hält und nicht her-
       ausgeben will.
       Der heilige  Max klagt  den Gnostiker  an, das  durch seinen Mund
       geoffenbarte Dogma zu bezweifeln, daß "jede Gans, jeder Hund, je-
       des Pferd"  der "vollkommene,  ja wenn man einen Superlativ gerne
       hört, der  vollkommenste Mensch"  sei. (Wigand, p: 187 [28]: "Dem
       pp. fehlt  auch nicht ein Titelchen von dem, was den Menschen zum
       Menschen macht.  Freilich ist das auch  d e r s e l b e  Fall mit
       jeder Gans, jedem Hunde; jedem Pferde.")
       Außer der Verhandlung dieser wichtigen 1*) Anklagen wird noch ein
       Prozeß der beiden Heiligen gegen Moses Heß und des heiligen Bruno
       gegen die Verfasser
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       1*) MEGA: richtigen
       
       #80# Karl Marx und Friedrich Engels
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       der "Heiligen  Familie" entschieden. Da diese Inkulpaten sich in-
       des unter den "Dingen dieser Welt" herumtreiben und deshalb nicht
       vor der Santa Casa [29] erscheinen, werden sie in Kontumaz verur-
       teilt zu  ewiger Verbannung  aus dem  Reiche des  Geistes für die
       Dauer ihres natürlichen Lebens.
       Schließlich verführen die beiden Großmeister wieder absonderliche
       Intrigen unter- und gegeneinander. *)
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       *) [Im Manuskript  gestrichen:] Im Hintergründe erscheint Dottore
       Graziano [30],  alias  Arnold  Ruge,  unter  dem  Vorwande  eines
       "ungemein pfiffigen und politischen Kopfes" (Wigand. p. 192).

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