Quelle: MEW 3 1845 - 1846
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II
Sankt Bruno
1. "Feldzug" gegen Feuerbach
Ehe wir der feierlichen Auseinandersetzung des Bauerschen Selbst-
bewußtseins mit sich selbst und der Welt folgen, müssen wir ein
Geheimnis verraten. Der heilige Bruno hat nur darum Krieg und
Kriegsgeschrei erregt, weil er sich selbst und seine abgestan-
dene, sauer gewordene Kritik vor der undankbaren Vergeßlichkeit
des Publikums "sicherstellen", weil er zeigen mußte, daß auch un-
ter den veränderten Verhältnissen des Jahres 1845 die Kritik
stets sich selbst gleich und unveränderlich blieb. Er schrieb den
zweiten Band der "guten Sache und seiner eignen Sache" [31]; er
behauptet sein eignes Terrain, er kämpft pro aris et focis 1*).
Echt theologisch aber verdeckt er diesen Selbstzweck unter dem
Schein, als wolle er Feuerbach "charakterisieren". Man hatte den
guten Mann gänzlich vergessen, wie die Polemik zwischen Feuerbach
und Stirner, in der er gar nicht berücksichtigt wurde, am besten
bewies. Ebendarum klammert er sich an diese Polemik an, um sich
als Gegensatz der Entgegengesetzten zu ihrer höheren Einheit, zum
heiligen Geist proklamieren zu können.
Der heilige Bruno eröffnet seinen "Feldzug" mit einer Kanonade
gegen Feuerbach, c'est-à-dire 2*) mit dem verbesserten und ver-
mehrten Abdruck eines bereits in den "Norddeutschen Blättern" fi-
gurierenden Aufsatzes [32]. Feuerbach wird zum Ritter der "Sub-
stanz" geschlagen, um dem Bauerschen "Selbstbewußtsein" größeren
Relief zu verleihen. Bei dieser Transsubstantiation Feuerbachs,
die angeblich durch sämtliche Schriften Feuerbachs bewiesen wird,
hüpft der heilige Mann von Feuerbachs Schriften über Leibniz und
Bayle sogleich auf das "Wesen des Christenthums" und überspringt
den Aufsatz gegen die "positiven Philosophen" in den "Hallischen
Jahrbüchern" [33]. Dies "Versehen" ist "an der Stelle". Feuerbach
enthüllte hier nämlich den
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1*) für Heim und Herd - 2*) das heißt
#82# Karl Marx und Friedrich Engels
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positiven Vertretern der "Substanz" gegenüber die ganze Weisheit
vom "Selbstbewußtsein" zu einer Zeit, wo der heilige Bruno noch
über die unbefleckte Empfängnis spekulierte.
Es bedarf kaum der Erwähnung, daß Sankt Bruno sich noch immer auf
seinem althegelschen Schlachtroß herumtummelt. Man höre gleich
den ersten Passus seiner neuesten Offenbarungen aus dem Reiche
Gottes:
"Hegel hatte die Substanz Spinozas und das Fichtesche Ich in eins
zusammengefaßt; die Einheit von Beiden, die Verknüpfung dieser
entgegengesetzten Sphären pp. bilden das eigentümliche Interesse,
aber auch zugleich die Schwäche der Hegelschen Philosophie. [...]
Dieser Widerspruch, in dem sich das Hegelsche System hin und her
bewegte, mußte gelöst und vernichtet werden. Er konnte es aber
nur dadurch, daß die Aufstellung der Frage: wie verhält sich das
S e l b s t b e w u ß t s e i n zum a b s o l u t e n Geiste?
... für immer unmöglich gemacht wurde. Es war nach zwei Seiten
möglich. Entweder muß das Selbstbewußtsein wieder in der Glut der
Substanz verbrennen, d.h. das reine Substantialitätsverhältnis
feststehen und bestehen, oder es muß aufgezeigt werden, daß die
Persönlichkeit der Urheber ihrer Attribute und ihres Wesens ist,
daß es im B e g r i f f e der Persönlichkeit ü b e r h a u p t
liegt, sich selbst" (den "Begriff oder die "Persönlichkeit"?)
"beschränkt zu setzen und diese Beschränkung, die sie 1*) durch
ihr a l l g e m e i n e s W e s e n setzt, wieder aufzuheben,
da eben dieses Wesen n u r d a s R e s u l t a t ihrer -
i n n e r n S e l b s t u n t e r s c h e i d u n g, ihrer Tä-
tigkeit ist." Wigand, p. [86,] 87, 88.
Die Hegelsche Philosophie war in der "Heiligen Familie" p. 220²
als Einheit von Spinoza und Fichte dargestellt und zugleich der
Widerspruch, der darin liegt, hervorgehoben. Dem heiligen Bruno
gehört eigentümlich, daß er nicht, wie die Verfasser der
"Heiligen Familie", die Frage vom Verhältnis des Selbstbewußts-
eins zur Substanz für eine "Streitfrage i n n e r h a l b der
Hegelschen Spekulation" hält, sondern für eine welthistorische,
ja für eine absolute Frage. Es ist die einzige Form, in welcher
er die Kollisionen der Gegenwart aussprechen kann. Er glaubt
wirklich, daß der Sieg des Selbstbewußtseins über die Substanz
nicht nur vom wesentlichsten Einfluß auf das europäische Gleich-
gewicht, sondern auch auf die ganze zukünftige Entwicklung der
Oregonfrage [34] sei. Inwiefern dadurch die Abschaffung der Korn-
gesetze in England bedingt ist, darüber ist bis jetzt wenig ver-
lautet.
Der abstrakte und verhimmelte Ausdruck, wozu eine wirkliche Kol-
lision sich bei Hegel verzerrt, gilt diesem "kritischen" Kopf für
die wirkliche Kollision. Er akzeptiert den s p e k u l a-
t i v e n Widerspruch und behauptet den einen Teil desselben dem
ändern gegenüber. Die philosophische P h r a s e der wirklichen
Frage ist für ihn die wirkliche Frage selbst. Er hat also auf der
einen Seite statt der wirklichen Menschen und ihres wirklichen
Bewußtseins
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1*) MEGA : sich - 2*) Siehe Bd. 2 unserer Ausgabe, S. 147
#83# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. II. Sankt Bruno
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von ihren ihnen scheinbar selbständig gegenüberstehenden gesell-
schaftlichen Verhältnissen die bloße abstrakte Phrase: d a s
S e l b s t b e w u ß t s e i n, wie statt der wirklichen Pro-
duktion d i e v e r s e l b s t ä n d i g t e T ä t i g-
k e i t d i e s e s S e l b s t b e w u ß t s e i n s; und auf
der ändern Seite statt der wirklichen Natur und der wirklich
bestehenden sozialen Verhältnisse die philosophische Zusammenfas-
sung aller philosophischen Kategorien oder Namen dieser Ver-
hältnisse in der Phrase: die S u b s t a n z, da er mit allen
Philosophen und Ideologen die Gedanken, Ideen, den verselb-
ständigten Gedankenausdruck der bestehenden Welt für die
Grundlage dieser bestehenden Welt versieht. Daß er nun mit diesen
beiden sinnlos und inhaltslos gewordenen Abstraktionen allerlei
Kunststücke machen kann, ohne von den wirklichen Menschen und
ihren Verhältnissen etwas zu wissen, liegt auf der Hand. (Siehe
übrigens über die Substanz, was bei Feuerbach, bei Sankt Max über
den "humanen Liberalismus" und über das "Heilige" gesagt ist.) Er
verläßt also nicht den spekulativen Boden, um die Widersprüche
der Spekulation zu lösen; er manövriert von diesem Boden aus und
steht s e l b s t so sehr noch auf speziell Hegelschem Boden,
daß das Verhältnis "des Selbstbewußtseins" zum "absoluten Geist"
ihm immer noch den Schlaf raubt. Mit einem Wort, wir haben hier
die in der "Kritik der Synoptiker "angekündigte, im "Entdeckten
Christenthum" [35] ausgeführte und leider in der Hegelschen
"Phänomenologie" längst antizipierte P h i l o s o p h i e
d e s S e l b s t b e w u ß t s e i n s. Diese neue Bauersche
Philosophie hat in der "Heiligen Familie" p. 220 seqq. und 304-
307 1*) ihre vollständige Erledigung gefunden. Sankt Bruno
bringt es indes hier fertig, sich selbst noch zu karikieren,
indem er die "Persönlichkeit" heremschmuggelt, um mit Stirner den
Einzelnen als sein "eignes Machwerk" und um Stirner als Brunos
Machwerk darstellen zu können. Dieser Fortschritt verdient eine
kurze Notiz.
Zunächst vergleiche der Leser diese Karikatur mit ihrem Original,
der Erklärung des Selbstbewußtseins im "Entdeckten Christenthum",
p. 113, und diese Erklärung wieder mit ihrem Ur-Original, Hegels
"Phänomenologie", p. 575, 583 und anderwärts. (Beide Stellen sind
abgedruckt: "Heilige Familie" p. 221, 223, 224. 2*)) Nun aber
die Karikatur! "Persönlichkeit überhaupt"! "Begriff"! "Allgemei-
nes Wesen"! "Sich selbst beschränkt setzen und diese Beschränkung
wieder aufheben"! "innere Selbstunterscheidung"! Welche gewal-
tigen "Resultate"! "Persönlichkeit überhaupt" ist entweder
"überhaupt" Unsinn oder der abstrakte Begriff der Persönlichkeit.
Es liegt also "im Begriff" des Begriffs der Persönlichkeit, "sich
selbst beschränkt zu setzen". Diese Beschränkung, die im
"Begriff" ihres Begriffs liegt, setzt sie
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1*) Siehe Bd. 2 unserer Ausgabe, S. 148, 149 - 2*) ebenda, S.
203-205
#84# Karl Marx und Friedrich Engels
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gleich darauf "durch ihr allgemeines Wesen". Und nachdem sie
diese Beschränkung wieder aufgehoben hat, zeigt sich, daß "eben
dieses Wesen" erst "das R e s u l t a t ihrer innern Selbstun-
terscheidung ist". Das ganze großmächtige Resultat dieser ver-
zwickten Tautologie läuft also auf das altbekannte Hegelsche
Kunststück der Selbstunterscheidung des Menschen im Denken her-
aus, welche uns der unglückliche Bruno beharrlich als die einzige
Tätigkeit der "Persönlichkeit überhaupt" predigt. Daß mit einer
"Persönlichkeit", deren Tätigkeit sich auf diese trivial gewor-
denen logischen Sprünge beschränkt, nichts anzufangen ist, hat
man dem heiligen Bruno schon vor längerer Zeit bemerklich ge-
macht. Zugleich enthält dieser Passus das naive Geständnis, daß
das Wesen der Bauerschen "Persönlichkeit" der Begriff eines Be-
griffs, die Abstraktion von einer Abstraktion ist.
Die Kritik Feuerbachs durch Bruno, soweit sie neu ist, beschränkt
sich darauf, Stirners Vorwürfe gegen Feuerbach u n d B a u e r
heuchlerischerweise als Bauers Vorwürfe gegen Feuerbach darzu-
stellen. So z.B., daß "das Wesen des Menschen Wesen überhaupt und
etwas Heiliges" sei, daß "der Mensch der Gott des Menschen" sei,
daß die Menschengattung "das Absolute" sei, daß Feuerbach den
Menschen "in ein wesentliches und unwesentliches Ich" spalte
(obwohl Bruno stets das Abstrakte für das Wesentliche erklärt und
in seinem Gegensatz von Kritik und Masse sich diese Spaltung noch
viel ungeheuerlicher vorgestellt als Feuerbach), daß der Kampf
gegen "die Prädikate Gottes" geführt werden müsse etc. Über ei-
gennützige und uneigennützige Liebe schreibt Bruno den Stirner,
dem Feuerbach gegenüber, auf drei Seiten (p. 133-135) fast wört-
lich ab, wie er auch die Phrasen von Stirner: "jeder Mensch sein
eigenes Geschöpf", "Wahrheit ein Gespenst" usw. sehr ungeschickt
kopiert. Bei Bruno verwandelt sich das "Geschöpf" noch dazu in
ein "Machwerk". Wir werden zurückkommen auf die Exploitation
Stirners durch Sankt Bruno.
Das Erste, was wir also bei Sankt Bruno fanden, war seine fort-
währende Abhängigkeit von Hegel. Wir werden auf seine aus Hegel
kopierten Bemerkungen natürlich nicht weiter eingehen, sondern
nur noch einige Sätze zusammenstellen, aus denen hervorgeht, wie
felsenfest er an die Macht der Philosophen glaubt und wie er ihre
Einbildung teilt, daß ein verändertes Bewußtsein, eine neue Wen-
dung der Interpretation der existierenden Verhältnisse die ganze
bisherige Welt umstürzen könne. In diesem Glauben läßt sich Sankt
Bruno auch durch einen Schüler, Heft IV der Wigand'schen Quartal-
schrift, pag. 327, das Attest ausstellen, daß seine obigen, in
Heft III proklamierten Phrasen über Persönlichkeit "weltumstür-
zende Gedanken" seien. [36]
#85# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. II. Sankt Bruno
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Sankt Bruno sagt p. 95 Wigand:
"Die Philosophie ist nie etwas Anderes gewesen als die auf ihre
allgemeinste Form reduzierte, auf ihren vernünftigsten Ausdruck
gebrachte Theologie."
Dieser g e g e n Feuerbach gerichtete Passus ist fast wörtlich
abgeschrieben aus Feuerbachs "Philosophie der Zukunft", pag. 2:
"Die spekulative Philosophie ist die wahre, die konsequente, die
v e r n ü n f t i g e Theologie."
Bruno fährt fort:
"Die Philosophie hat selbst im Bunde mit der Religion stets auf
die absolute Unselbständigkeit des Individuums hingearbeitet und
d i e s e l b e w i r k l i c h v o l l b r a c h t, indem sie
das Einzelleben in dem allgemeinen Leben, das Akzidens in der
Substanz, den Menschen im absoluten Geist aufgehen hieß und
ließ."
Als ob "die Philosophie" Brunos "im Bunde mit der" Hegelschen und
seinem noch fortdauernden verbotenen Umgang mit der Theologie
"den Menschen" nicht in der Vorstellung eines seiner "Akziden-
tien", des Selbstbewußtseins, als der "Substanz", "aufgehen
hieße", wenn auch nicht "ließe"! Man ersieht übrigens aus dem
ganzen Passus, mit welcher Freudigkeit der "kanzelberedsamkeit-
liche" Kirchenvater noch immer seinen "weltumstürzenden" Glauben
an die geheimnisschwangere Macht der heiligen Theologen und
Philosophen bekennt. Natürlich im Interesse "der guten Sache der
Freiheit und seiner eignen Sache".
p. 105 hat der gottesfürchtige Mann die Unverschämtheit, Feuer-
bach vorzuwerfen:
"Feuerbach hat aus dem Individuum, aus dem entmenschten Menschen
des Christentums, nicht den Menschen, den wahren" (!) "wirkli-
chen" (!!) "persönlichen" (!!!) "Menschen" (durch die "Heilige
Familie" und Stirner veranlaßte Prädikate), "sondern den entmann-
ten Menschen, den Sklaven g e m a c h t"
und damit u.a. den Unsinn zu behaupten, daß er, der heilige
Bruno, mit dem K o p f e Menschen m a c h e n könne.
Ferner heißt es ibid.:
"Bei Feuerbach muß sich das Individuum der Gattung unterwerfen,
ihr dienen. Die Gattung Feuerbachs ist das Absolute Hegels, auch
sie existiert nirgends."
Hier wie in allen ändern Stellen ermangelt Sankt Bruno nicht des
Ruhmes, die wirklichen Verhältnisse der Individuen von der philo-
sophischen Interpretation derselben abhängig zu machen. Er ahnt
nicht, in welchem Zusammenhang die Vorstellungen des Hegelschen
"absoluten Geistes" und der Feuerbachschen "Gattung" zur exi-
stierenden Welt stehen.
#86# Karl Marx und Friedrich Engels
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Der heilige Vater skandaliert sich p. 104 erschrecklich über die
Ketzerei, womit Feuerbach die göttliche Dreieinigkeit von Ver-
nunft, Liebe und Wille zu etwas macht, das "i n den Individuen
ü b e r den Individuen ist"; als ob heutzutage nicht jede An-
lage, jeder Trieb, jedes Bedürfnis als eine Macht "in dem Indivi-
duum ü b e r dem Individuum" sich behauptete, sobald die Um-
stände deren Befriedigung verhindern. Wenn der heilige Vater
Bruno z.B. Hunger verspürt, ohne die Mittel, ihn zu befriedigen,
so wird sogar sein Magen zu einer Macht "in ihm ü b e r ihm".
Feuerbachs Fehler besteht nicht darin, dies Faktum ausgesprochen
zu haben, sondern dann, daß er es in idealisierender Weise ver-
selbständigte, statt es als das Produkt einer bestimmten und
überschreitbaren historischen Entwicklungsstufe aufzufassen.
p. 111:
"Feuerbach ist ein Knecht, und seine knechtische Natur erlaubt
ihm nicht, das Werk eines M e n s c h e n zu vollbringen, das
Wesen der Religion zu erkennen" (schönes "Werk eines Menschen"!)
... "er erkennt das Wesen der Religion nicht, weil er die
B r ü c h e nicht kennt, auf der er zum Q u e l l der Religion
kommt."
Sankt Bruno glaubt alles Ernstes noch, daß die Religion ein
eignes "Wesen" habe. Was die "Brücke" betrifft, "auf der" man zum
"Q u e l l der Religion" kommt, so muß die Eselsbrücke notwendig
ein A q u a d u k t sein. Sankt Bruno etabliert sich zugleich
als wunderlich modernisierter und durch die Brücke in Ruhestand
versetzter Charon [37], indem er als tollkeeper 1*) an der Brücke
zum Schattenreich der Religion jedem Passierenden seinen Half-
penny abverlangt.
p. 120 bemerkt der Heilige:
"Wie könnte Feuerbach existieren, wenn es keine W a h r h e i t
gäbe und die Wahrheit nichts als ein G e s p e n s t" (Stirner
hilf!) "wäre, vor dem sich der Mensch bisher fürchtete."
Der "Mensch", der sich vor dem "Gespenst" der "Wahrheit" fürch-
tet, ist Niemand anders als der ehrwürdige Bruno selbst. Bereits
zehn Seiten vorher, p. 110, stieß er vor dem "Gespenst" Wahrheit
folgenden welterschütternden Angstschrei aus:
"Die Wahrheit, die nirgends für sich als fertiges Objekt zu fin-
den ist und nur in der Entfaltung der Persönlichkeit s i c h
entwickelt und zur Einheit zusammenfaßt."
So haben wir hier also nicht nur die Wahrheit, dieses Gespenst,
in eine Person verwandelt, die sich entwickelt und zusammenfaßt,
sondern dies Kunststück noch obendrein nach Art der Bandwürmer in
einer dritten Persönlichkeit
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1*) Zolleinnehmer
#87# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. II. Sankt Bruno
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außer ihr vollzogen. Über des heiligen Mannes früheres Liebesver-
hältnis zur Wahrheit, da er noch jung war und des Fleisches Lüste
stark in ihm siedeten, siehe "Heilige Familie", p. 115 seqq. 1*)
Wie gereinigt von allen fleischlichen Lüsten und weltlichen Be-
gierden der heilige Mann derzeit dasteht, zeigt seine heftige Po-
lemik gegen Feuerbachs S i n n l i c h k e i t. Bruno greift
keineswegs die höchst bornierte Weise an, worin Feuerbach die
S i n n l i c h k e i t anerkennt. Der verunglückte Versuch Feu-
erbachs gilt ihm schon als Versuch, der Ideologie zu entspringen,
für - S ü n d e. Natürlich! Sinnlichkeit - Augenlust, Flei-
scheslust und hoffärtiges Wesen, Scheuel und Greuel vor dem
Herrn! Wisset Ihr nicht, daß fleischlich gesinnet sein ist der
Tod, aber geistlich gesinnet sein ist Leben und Friede; denn
fleischlich gesinnet sein ist eine Feindschaft wider die Kritik,
und alles, so da fleischlich ist, das ist von dieser Welt, und
wisset Ihr auch, was geschrieben steht: Offenbar sind aber die
Werke des Fleisches, als da sind Ehebruch, Hurerei, Unreinigkeit,
Unzucht, Abgötterei, Zauberei, Feindschaft, Hader, Neid, Zorn,
Zank, Zwietracht, Rotten, Haß, Mord, Saufen, Fressen und derglei-
chen, von welchen ich Euch habe zuvor gesagt und sage noch zuvor,
daß die solches tun, werden das Reich der Kritik nicht ererben;
sondern wehe ihnen, denn sie gehen den Weg Kains und fallen in
den Irrtum Balaams um Genusses willen, und kommen um in dem
Aufruhr Korah. Diese Unfläter prassen von Euren Almosen ohne
Scheu, weiden sich selbst, sie sind Wolken ohne Wasser, von dem
Winde umgetrieben, kahle unfruchtbare Bäume, zweimal erstorben
und ausgewurzelt, wilde Wellen des Meers, die ihre eigne Schande
ausschäumen, irrige Sterne, welchen behalten ist das Dunkel der
Finsternis in Ewigkeit. Denn wir haben gelesen, daß in den
letzten Tagen werden greuliche Zeiten kommen, Menschen, die von
sich selbst halten, Schänder, Unkeusch, die mehr lieben Wollust
als die Kritik, die da Rotten machen, kurz, Fleischliche. Diese
verabscheut Sankt Bruno, der da geistlich gesinnet ist und hasset
den befleckten Rock des Fleisches; und so verdammt er Feuerbach,
den er für den Korah der Rotte hält, draußen zu bleiben, wo da
sind die Hunde und die Zauberer und die Hurer und die
Totschläger. "Sinnlichkeit" - pfui Teufel, das bringt den
heiligen Kirchenvater nicht nur in die ärgsten Krämpfe und
Verzückungen, das bringt ihn sogar zum Singen, und er singt p.
121 "das Lied vom Ende und das Ende vom Liede". Sinnlichkeit,
weißt du auch wohl, was Sinnlichkeit ist, Unglückseliger?
Sinnlichkeit ist - "ein Stock", p. 130. In seinen Krämpfen ringt
der heilige Bruno auch einmal mit Einem seiner Sätze, wie weiland
Jakob mit Gott, nur mit dem
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1*) Siehe Bd. 2 unserer Ausgabe, S. 82 ff.
#88# Karl Marx und Friedrich Engels
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Unterschiede, daß Gott dem Jakob die Hüfte verrenkte, während der
heilige Epileptiker seinem Satze alle Glieder und Bänder verrenkt
und so die Identität von Subjekt und Objekt an mehreren schlagen-
den Exempeln klarmacht:
"Mag darum Feuerbach immerhin sprechen ... er v e r n i c h-
t e t" (!) "dennoch d e n M e n s c h e n ... weil er das
W o r t Mensch zur bloßen P h r a s e macht ... weil er
n i c h t d e n M e n s c h e n g a n z m a c h t" (!)
"u n d s c h a f f t" (!) "s o n d e r n die ganze Menschheit
zum Absoluten erhebt, weil er a u c h n i c h t die
Menschheit, v i e l m e h r den Sinn zum Organ des Absoluten,
und als das Absolute, das Unbezweifelbare, das unmittelbar Ge-
wisse, das Objekt des Sinnes, der Anschauung, der Empfindung -
das Sinnliche stempelt." Womit Feuerbach - dies ist die Meinung
des heiligen Bruno - "wohl Luftschichten erschüttern, aber nicht
E r s c h e i n u n g e n d e s m e n s c h l i c h e n W e-
s e n s z e r s c h m e t t e r n kann, weil sein i n n e r-
s t e s" (!) "Wesen und seine belebende Seele [...] schon den
ä u ß e r n" (!) "Klang zerstört u n d hohl u n d schnarrend
macht." p. 121.
Der heilige Bruno gibt uns selbst über die Ursachen seiner Wider-
sinnigkeit zwar geheimnisvolle, aber entscheidende Aufschlüsse:
"Als ob mein Ich nicht auch dieses bestimmte, v o r a l l e n
A n d e r n e i n z i g e G e s c h l e c h t und diese be-
stimmten einzigen Geschlechtsorgane hätte!"
(Außer seinen "einzigen Geschlechtsorganen" hat der Edle noch ein
apartes "einziges Geschlecht"!) Dieses einzige Geschlecht wird p.
121 dahin erläutert, daß
"die Sinnlichkeit wie ein Vampyr alles Mark und Blut dem Men-
schen l e b e n aussaugt, die unüberschreitbare Schranke ist, an
der sich der Mensch den Todes - S t o ß geben muß".
Aber auch der Heiligste ist nicht rein! Sie sind allzumal Sünder
und mangeln des Ruhms, den sie vor dem "Selbstbewußtsein" haben
sollen. Der heilige Bruno, der um Mitternacht sich im einsamen
Kämmerlein mit der "Substanz" herumschlägt, wird von den lockeren
Schriften des Ketzers Feuerbach auf das Weib und die weibliche
Schönheit aufmerksam gemacht. Plötzlich verdunkelt sich sein
Blick; das reine Selbstbewußtsein wird befleckt, und die
verwerfliche sinnliche Phantasie umgaukelt mit lasziven Bildern
den geängstigten Kritiker. Der Geist ist willig, aber das Fleisch
ist schwach. Er strauchelt, er fällt, er vergißt, daß er die
Macht ist, die "mit ihrer Kraft bindet und löst und die Welt be-
herrscht", daß diese Ausgeburten seiner Phantasie "Geist von sei-
nem Geiste" sind, er verliert alles "Selbstbewußtsein" und stam-
melt berauscht einen Dithyrambos auf die weibliche Schönheit "im
Zarten, im Weichlichen, im Weiblichen", auf die "schwellenden,
abgerundeten Glieder" und den "wogenden, wallenden, siedenden,
brausenden und zischenden, wellenförmigen Körperbau" [38] des
Weibes. Aber die Unschuld
#89# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. II. Sankt Bruno
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verrät sich stets, selbst wo sie sündigt. Wer wüßte nicht, daß
ein "wogender, wallender, wellenförmiger Körper b a u" ein Ding
ist, das kein Auge je gesehen, noch ein Ohr gehöret hat? Darum
stille, liebe Seele, der Geist wird gar bald die Oberhand über
das rebellische Fleisch bekommen und den übersiedenden Lüsten
eine unüberwindliche "Schranke" in den Weg setzen, "an der" sie
sich bald "den Todesstoß" geben.
"Feuerbach" - dahin ist endlich der Heilige mittels eines kriti-
schen Verständnisses der "Heiligen Familie" gekommen - "ist der
mit Humanismus versetzte und zersetzte Materialist, d.h. der Ma-
terialist, der es nicht auf der Erde und ihrem Sein auszuhalten
vermag" (Sankt Bruno kennt ein von der Erde unterschiednes Sein
der Erde und weiß, wie man es anfangen muß, um es "a u f d e m
S e i n der Erde a u s z u h a l t e n"!), "sondern sich ver-
geistigen und in den Himmel einkehren will, und der Humanist, der
nicht denken und eine geistige Welt aufbauen kann, sondern der
sich mit Materialismus schwängert pp.", p. 123.
Wie hiernach bei Sankt Bruno der Humanismus im "Denken" und
"Aufbauen einer geistigen Welt" besteht, so der Materialismus in
folgendem:
"Der Materialist erkennt nur das gegenwärtige, wirkliche Wesen
an, die M a t e r i e" (als wenn der Mensch mit allen seinen
Eigenschaften, auch dem Denken, nicht ein "g e g e n w ä r-
t i g e s, w i r k l i c h e s W e s e n" wäre), "und sie als
tätig s i c h in die Vielheit ausbreitend und verwirklichend,
die N a t u r." p. 123.
Die M a t e r i e ist zuerst ein gegenwärtiges wirkliches We-
sen, aber nur an sich, verborgen; erst wenn sie "tätig sich in
die Vielheit ausbreitet und verwirklicht" (ein "gegenwärtiges
w i r k l i c h e s Wesen" "v e r w i r k l i c h t sich"!!),
erst dann wird sie N a t u r. Zuerst existiert der B e-
g r i f f der Materie, das Abstraktum, die Vorstellung, und
diese verwirklicht sich in der wirklichen Natur. Wörtlich die He-
gelsche Theorie von der Präexistenz der schöpferischen Katego-
rien. Von diesem Standpunkt aus versteht es sich dann auch, daß
Sankt Bruno die philosophischen Phrasen der Materialisten über
die Materie für den wirklichen Kern und Inhalt ihrer Weltanschau-
ung versieht.
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