Quelle: MEW 3 1845 - 1846


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       #81#
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       II
       
       Sankt Bruno
       
       1. "Feldzug" gegen Feuerbach
       
       Ehe wir der feierlichen Auseinandersetzung des Bauerschen Selbst-
       bewußtseins mit  sich selbst  und der Welt folgen, müssen wir ein
       Geheimnis verraten.  Der heilige  Bruno hat  nur darum  Krieg und
       Kriegsgeschrei erregt,  weil er  sich selbst  und seine abgestan-
       dene, sauer  gewordene Kritik  vor der undankbaren Vergeßlichkeit
       des Publikums "sicherstellen", weil er zeigen mußte, daß auch un-
       ter den  veränderten Verhältnissen  des Jahres  1845  die  Kritik
       stets sich selbst gleich und unveränderlich blieb. Er schrieb den
       zweiten Band  der "guten  Sache und seiner eignen Sache" [31]; er
       behauptet sein  eignes Terrain,  er kämpft pro aris et focis 1*).
       Echt theologisch  aber verdeckt  er diesen  Selbstzweck unter dem
       Schein, als  wolle er Feuerbach "charakterisieren". Man hatte den
       guten Mann gänzlich vergessen, wie die Polemik zwischen Feuerbach
       und Stirner,  in der er gar nicht berücksichtigt wurde, am besten
       bewies. Ebendarum  klammert er  sich an diese Polemik an, um sich
       als Gegensatz der Entgegengesetzten zu ihrer höheren Einheit, zum
       heiligen Geist proklamieren zu können.
       Der heilige  Bruno eröffnet  seinen "Feldzug"  mit einer Kanonade
       gegen Feuerbach,  c'est-à-dire 2*)  mit dem verbesserten und ver-
       mehrten Abdruck eines bereits in den "Norddeutschen Blättern" fi-
       gurierenden Aufsatzes  [32].  Feuerbach wird zum Ritter der "Sub-
       stanz" geschlagen,  um dem Bauerschen "Selbstbewußtsein" größeren
       Relief zu  verleihen. Bei  dieser Transsubstantiation Feuerbachs,
       die angeblich durch sämtliche Schriften Feuerbachs bewiesen wird,
       hüpft der  heilige Mann von Feuerbachs Schriften über Leibniz und
       Bayle sogleich  auf das "Wesen des Christenthums" und überspringt
       den Aufsatz  gegen die "positiven Philosophen" in den "Hallischen
       Jahrbüchern" [33]. Dies "Versehen" ist "an der Stelle". Feuerbach
       enthüllte hier nämlich den
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       1*) für Heim und Herd - 2*) das heißt
       
       #82# Karl Marx und Friedrich Engels
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       positiven Vertretern  der "Substanz" gegenüber die ganze Weisheit
       vom "Selbstbewußtsein"  zu einer  Zeit, wo der heilige Bruno noch
       über die unbefleckte Empfängnis spekulierte.
       Es bedarf kaum der Erwähnung, daß Sankt Bruno sich noch immer auf
       seinem althegelschen  Schlachtroß herumtummelt.  Man höre  gleich
       den ersten  Passus seiner  neuesten Offenbarungen  aus dem Reiche
       Gottes:
       
       "Hegel hatte die Substanz Spinozas und das Fichtesche Ich in eins
       zusammengefaßt; die  Einheit von  Beiden, die  Verknüpfung dieser
       entgegengesetzten Sphären pp. bilden das eigentümliche Interesse,
       aber auch zugleich die Schwäche der Hegelschen Philosophie. [...]
       Dieser Widerspruch,  in dem sich das Hegelsche System hin und her
       bewegte, mußte  gelöst und  vernichtet werden.  Er konnte es aber
       nur dadurch,  daß die Aufstellung der Frage: wie verhält sich das
       S e l b s t b e w u ß t s e i n   zum  a b s o l u t e n  Geiste?
       ... für  immer unmöglich  gemacht wurde.  Es war nach zwei Seiten
       möglich. Entweder muß das Selbstbewußtsein wieder in der Glut der
       Substanz verbrennen,  d.h. das  reine  Substantialitätsverhältnis
       feststehen und  bestehen, oder  es muß aufgezeigt werden, daß die
       Persönlichkeit der  Urheber ihrer Attribute und ihres Wesens ist,
       daß es im  B e g r i f f e  der Persönlichkeit  ü b e r h a u p t
       liegt, sich  selbst" (den  "Begriff oder  die  "Persönlichkeit"?)
       "beschränkt zu  setzen und  diese Beschränkung, die sie 1*) durch
       ihr   a l l g e m e i n e s  W e s e n  setzt, wieder aufzuheben,
       da eben  dieses Wesen   n u r   d a s   R e s u l t a t   ihrer -
       i n n e r n   S e l b s t u n t e r s c h e i d u n g,  ihrer Tä-
       tigkeit ist." Wigand, p. [86,] 87, 88.
       Die Hegelsche  Philosophie war  in der "Heiligen Familie" p. 220²
       als Einheit  von Spinoza  und Fichte dargestellt und zugleich der
       Widerspruch, der  darin liegt,  hervorgehoben. Dem heiligen Bruno
       gehört  eigentümlich,   daß  er  nicht,  wie  die  Verfasser  der
       "Heiligen Familie",  die Frage  vom Verhältnis des Selbstbewußts-
       eins zur  Substanz für  eine "Streitfrage  i n n e r h a l b  der
       Hegelschen Spekulation"  hält, sondern  für eine welthistorische,
       ja für  eine absolute  Frage. Es ist die einzige Form, in welcher
       er die  Kollisionen der  Gegenwart aussprechen  kann.  Er  glaubt
       wirklich, daß  der Sieg  des Selbstbewußtseins  über die Substanz
       nicht nur  vom wesentlichsten Einfluß auf das europäische Gleich-
       gewicht, sondern  auch auf  die ganze  zukünftige Entwicklung der
       Oregonfrage [34] sei. Inwiefern dadurch die Abschaffung der Korn-
       gesetze in  England bedingt ist, darüber ist bis jetzt wenig ver-
       lautet.
       Der abstrakte  und verhimmelte Ausdruck, wozu eine wirkliche Kol-
       lision sich bei Hegel verzerrt, gilt diesem "kritischen" Kopf für
       die  wirkliche  Kollision.  Er  akzeptiert  den    s p e k u l a-
       t i v e n  Widerspruch und behauptet den einen Teil desselben dem
       ändern gegenüber. Die philosophische  P h r a s e  der wirklichen
       Frage ist für ihn die wirkliche Frage selbst. Er hat also auf der
       einen Seite  statt der  wirklichen Menschen  und ihres wirklichen
       Bewußtseins
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       1*) MEGA : sich - 2*) Siehe Bd. 2 unserer Ausgabe, S. 147
       
       #83# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. II. Sankt Bruno
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       von ihren  ihnen scheinbar selbständig gegenüberstehenden gesell-
       schaftlichen Verhältnissen  die bloße  abstrakte Phrase:    d a s
       S e l b s t b e w u ß t s e i n,   wie statt  der wirklichen Pro-
       duktion    d i e    v e r s e l b s t ä n d i g t e    T ä t i g-
       k e i t  d i e s e s  S e l b s t b e w u ß t s e i n s;  und auf
       der ändern  Seite statt  der wirklichen  Natur und  der  wirklich
       bestehenden sozialen Verhältnisse die philosophische Zusammenfas-
       sung aller  philosophischen Kategorien  oder  Namen  dieser  Ver-
       hältnisse in  der Phrase:  die  S u b s t a n z,  da er mit allen
       Philosophen und  Ideologen  die  Gedanken,  Ideen,  den  verselb-
       ständigten  Gedankenausdruck   der  bestehenden   Welt  für   die
       Grundlage dieser bestehenden Welt versieht. Daß er nun mit diesen
       beiden sinnlos  und inhaltslos  gewordenen Abstraktionen allerlei
       Kunststücke machen  kann, ohne  von den  wirklichen Menschen  und
       ihren Verhältnissen  etwas zu  wissen, liegt auf der Hand. (Siehe
       übrigens über die Substanz, was bei Feuerbach, bei Sankt Max über
       den "humanen Liberalismus" und über das "Heilige" gesagt ist.) Er
       verläßt also  nicht den  spekulativen Boden,  um die Widersprüche
       der Spekulation  zu lösen; er manövriert von diesem Boden aus und
       steht   s e l b s t   so sehr noch auf speziell Hegelschem Boden,
       daß das  Verhältnis "des Selbstbewußtseins" zum "absoluten Geist"
       ihm immer  noch den  Schlaf raubt. Mit einem Wort, wir haben hier
       die in  der "Kritik  der Synoptiker "angekündigte, im "Entdeckten
       Christenthum" [35]  ausgeführte  und  leider  in  der  Hegelschen
       "Phänomenologie"  längst   antizipierte     P h i l o s o p h i e
       d e s   S e l b s t b e w u ß t s e i n s.   Diese neue Bauersche
       Philosophie hat  in der  "Heiligen Familie" p. 220 seqq. und 304-
       307   1*) ihre  vollständige  Erledigung  gefunden.  Sankt  Bruno
       bringt es  indes hier  fertig, sich  selbst noch  zu  karikieren,
       indem er die "Persönlichkeit" heremschmuggelt, um mit Stirner den
       Einzelnen als  sein "eignes  Machwerk" und  um Stirner als Brunos
       Machwerk darstellen  zu können.  Dieser Fortschritt verdient eine
       kurze Notiz.
       Zunächst vergleiche der Leser diese Karikatur mit ihrem Original,
       der Erklärung des Selbstbewußtseins im "Entdeckten Christenthum",
       p. 113,  und diese Erklärung wieder mit ihrem Ur-Original, Hegels
       "Phänomenologie", p. 575, 583 und anderwärts. (Beide Stellen sind
       abgedruckt: "Heilige  Familie" p.  221, 223,  224.  2*)) Nun aber
       die Karikatur!  "Persönlichkeit überhaupt"! "Begriff"! "Allgemei-
       nes Wesen"! "Sich selbst beschränkt setzen und diese Beschränkung
       wieder aufheben"!  "innere Selbstunterscheidung"!  Welche  gewal-
       tigen  "Resultate"!   "Persönlichkeit  überhaupt"   ist  entweder
       "überhaupt" Unsinn oder der abstrakte Begriff der Persönlichkeit.
       Es liegt also "im Begriff" des Begriffs der Persönlichkeit, "sich
       selbst  beschränkt   zu  setzen".   Diese  Beschränkung,  die  im
       "Begriff" ihres Begriffs liegt, setzt sie
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       1*) Siehe Bd.  2 unserer  Ausgabe, S.  148, 149  - 2*) ebenda, S.
       203-205
       
       #84# Karl Marx und Friedrich Engels
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       gleich darauf  "durch ihr  allgemeines Wesen".  Und  nachdem  sie
       diese Beschränkung  wieder aufgehoben  hat, zeigt sich, daß "eben
       dieses Wesen"  erst "das  R e s u l t a t  ihrer innern Selbstun-
       terscheidung ist".  Das ganze  großmächtige Resultat  dieser ver-
       zwickten Tautologie  läuft also  auf  das  altbekannte  Hegelsche
       Kunststück der  Selbstunterscheidung des  Menschen im Denken her-
       aus, welche uns der unglückliche Bruno beharrlich als die einzige
       Tätigkeit der  "Persönlichkeit überhaupt"  predigt. Daß mit einer
       "Persönlichkeit", deren  Tätigkeit sich  auf diese trivial gewor-
       denen logischen  Sprünge beschränkt,  nichts anzufangen  ist, hat
       man dem  heiligen Bruno  schon vor  längerer Zeit  bemerklich ge-
       macht. Zugleich  enthält dieser  Passus das naive Geständnis, daß
       das Wesen  der Bauerschen  "Persönlichkeit" der Begriff eines Be-
       griffs, die Abstraktion von einer Abstraktion ist.
       Die Kritik Feuerbachs durch Bruno, soweit sie neu ist, beschränkt
       sich darauf,  Stirners Vorwürfe gegen Feuerbach  u n d  B a u e r
       heuchlerischerweise als  Bauers Vorwürfe  gegen Feuerbach  darzu-
       stellen. So z.B., daß "das Wesen des Menschen Wesen überhaupt und
       etwas Heiliges"  sei, daß "der Mensch der Gott des Menschen" sei,
       daß die  Menschengattung "das  Absolute" sei,  daß Feuerbach  den
       Menschen "in  ein wesentliches  und  unwesentliches  Ich"  spalte
       (obwohl Bruno stets das Abstrakte für das Wesentliche erklärt und
       in seinem Gegensatz von Kritik und Masse sich diese Spaltung noch
       viel ungeheuerlicher  vorgestellt als  Feuerbach), daß  der Kampf
       gegen "die  Prädikate Gottes"  geführt werden müsse etc. Über ei-
       gennützige und  uneigennützige Liebe  schreibt Bruno den Stirner,
       dem Feuerbach  gegenüber, auf drei Seiten (p. 133-135) fast wört-
       lich ab,  wie er auch die Phrasen von Stirner: "jeder Mensch sein
       eigenes Geschöpf",  "Wahrheit ein Gespenst" usw. sehr ungeschickt
       kopiert. Bei  Bruno verwandelt  sich das  "Geschöpf" noch dazu in
       ein "Machwerk".  Wir werden  zurückkommen  auf  die  Exploitation
       Stirners durch Sankt Bruno.
       Das Erste,  was wir  also bei Sankt Bruno fanden, war seine fort-
       währende Abhängigkeit  von Hegel.  Wir werden auf seine aus Hegel
       kopierten Bemerkungen  natürlich nicht  weiter eingehen,  sondern
       nur noch  einige Sätze zusammenstellen, aus denen hervorgeht, wie
       felsenfest er an die Macht der Philosophen glaubt und wie er ihre
       Einbildung teilt,  daß ein verändertes Bewußtsein, eine neue Wen-
       dung der  Interpretation der existierenden Verhältnisse die ganze
       bisherige Welt umstürzen könne. In diesem Glauben läßt sich Sankt
       Bruno auch durch einen Schüler, Heft IV der Wigand'schen Quartal-
       schrift, pag.  327, das  Attest ausstellen,  daß seine obigen, in
       Heft III  proklamierten Phrasen  über Persönlichkeit "weltumstür-
       zende Gedanken" seien. [36]
       
       #85# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. II. Sankt Bruno
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       Sankt Bruno sagt p. 95 Wigand:
       
       "Die Philosophie  ist nie  etwas Anderes gewesen als die auf ihre
       allgemeinste Form  reduzierte, auf  ihren vernünftigsten Ausdruck
       gebrachte Theologie."
       
       Dieser   g e g e n  Feuerbach gerichtete Passus ist fast wörtlich
       abgeschrieben aus Feuerbachs "Philosophie der Zukunft", pag. 2:
       
       "Die spekulative  Philosophie ist die wahre, die konsequente, die
       v e r n ü n f t i g e  Theologie."
       
       Bruno fährt fort:
       
       "Die Philosophie  hat selbst  im Bunde mit der Religion stets auf
       die absolute  Unselbständigkeit des Individuums hingearbeitet und
       d i e s e l b e  w i r k l i c h  v o l l b r a c h t,  indem sie
       das Einzelleben  in dem  allgemeinen Leben,  das Akzidens  in der
       Substanz, den  Menschen im  absoluten  Geist  aufgehen  hieß  und
       ließ."
       
       Als ob "die Philosophie" Brunos "im Bunde mit der" Hegelschen und
       seinem noch  fortdauernden verbotenen  Umgang mit  der  Theologie
       "den Menschen"  nicht in  der Vorstellung  eines seiner "Akziden-
       tien",  des  Selbstbewußtseins,  als  der  "Substanz",  "aufgehen
       hieße", wenn  auch nicht  "ließe"! Man  ersieht übrigens  aus dem
       ganzen Passus,  mit welcher  Freudigkeit der "kanzelberedsamkeit-
       liche" Kirchenvater  noch immer seinen "weltumstürzenden" Glauben
       an die  geheimnisschwangere  Macht  der  heiligen  Theologen  und
       Philosophen bekennt.  Natürlich im Interesse "der guten Sache der
       Freiheit und seiner eignen Sache".
       p. 105  hat der  gottesfürchtige Mann die Unverschämtheit, Feuer-
       bach vorzuwerfen:
       
       "Feuerbach hat  aus dem Individuum, aus dem entmenschten Menschen
       des Christentums,  nicht den  Menschen, den  wahren" (!) "wirkli-
       chen" (!!)  "persönlichen" (!!!)  "Menschen" (durch  die "Heilige
       Familie" und Stirner veranlaßte Prädikate), "sondern den entmann-
       ten Menschen, den Sklaven  g e m a c h t"
       
       und damit  u.a. den  Unsinn zu  behaupten, daß  er,  der  heilige
       Bruno, mit dem  K o p f e  Menschen  m a c h e n  könne.
       Ferner heißt es ibid.:
       
       "Bei Feuerbach  muß sich  das Individuum der Gattung unterwerfen,
       ihr dienen.  Die Gattung Feuerbachs ist das Absolute Hegels, auch
       sie existiert nirgends."
       
       Hier wie  in allen ändern Stellen ermangelt Sankt Bruno nicht des
       Ruhmes, die wirklichen Verhältnisse der Individuen von der philo-
       sophischen Interpretation  derselben abhängig  zu machen. Er ahnt
       nicht, in  welchem Zusammenhang  die Vorstellungen des Hegelschen
       "absoluten Geistes"  und der  Feuerbachschen "Gattung"  zur  exi-
       stierenden Welt stehen.
       
       #86# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Der heilige  Vater skandaliert sich p. 104 erschrecklich über die
       Ketzerei, womit  Feuerbach die  göttliche Dreieinigkeit  von Ver-
       nunft, Liebe  und Wille zu etwas macht, das  "i n  den Individuen
       ü b e r   den Individuen  ist"; als  ob heutzutage nicht jede An-
       lage, jeder Trieb, jedes Bedürfnis als eine Macht "in dem Indivi-
       duum   ü b e r   dem Individuum"  sich behauptete, sobald die Um-
       stände deren  Befriedigung verhindern.  Wenn  der  heilige  Vater
       Bruno z.B.  Hunger verspürt, ohne die Mittel, ihn zu befriedigen,
       so wird  sogar sein  Magen zu einer Macht "in ihm  ü b e r  ihm".
       Feuerbachs Fehler  besteht nicht darin, dies Faktum ausgesprochen
       zu haben,  sondern dann,  daß er es in idealisierender Weise ver-
       selbständigte, statt  es als  das Produkt  einer  bestimmten  und
       überschreitbaren historischen Entwicklungsstufe aufzufassen.
       p. 111:
       
       "Feuerbach ist  ein Knecht,  und seine  knechtische Natur erlaubt
       ihm nicht,  das Werk  eines  M e n s c h e n  zu vollbringen, das
       Wesen der  Religion zu erkennen" (schönes "Werk eines Menschen"!)
       ... "er  erkennt das  Wesen  der  Religion  nicht,  weil  er  die
       B r ü c h e  nicht kennt, auf der er zum  Q u e l l  der Religion
       kommt."
       
       Sankt Bruno  glaubt alles  Ernstes noch,  daß  die  Religion  ein
       eignes "Wesen" habe. Was die "Brücke" betrifft, "auf der" man zum
       "Q u e l l  der Religion" kommt, so muß die Eselsbrücke notwendig
       ein   A q u a d u k t   sein. Sankt Bruno etabliert sich zugleich
       als wunderlich  modernisierter und  durch die Brücke in Ruhestand
       versetzter Charon [37], indem er als tollkeeper 1*) an der Brücke
       zum Schattenreich  der Religion  jedem Passierenden  seinen Half-
       penny abverlangt.
       p. 120 bemerkt der Heilige:
       
       "Wie könnte  Feuerbach existieren, wenn es keine  W a h r h e i t
       gäbe und  die Wahrheit nichts als ein  G e s p e n s t"  (Stirner
       hilf!) "wäre, vor dem sich der Mensch bisher fürchtete."
       
       Der "Mensch",  der sich  vor dem "Gespenst" der "Wahrheit" fürch-
       tet, ist  Niemand anders als der ehrwürdige Bruno selbst. Bereits
       zehn Seiten  vorher, p. 110, stieß er vor dem "Gespenst" Wahrheit
       folgenden welterschütternden Angstschrei aus:
       
       "Die Wahrheit,  die nirgends für sich als fertiges Objekt zu fin-
       den ist  und nur  in der  Entfaltung der  Persönlichkeit  s i c h
       entwickelt und zur Einheit zusammenfaßt."
       
       So haben  wir hier  also nicht nur die Wahrheit, dieses Gespenst,
       in eine  Person verwandelt, die sich entwickelt und zusammenfaßt,
       sondern dies Kunststück noch obendrein nach Art der Bandwürmer in
       einer dritten Persönlichkeit
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       1*) Zolleinnehmer
       
       #87# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. II. Sankt Bruno
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       außer ihr vollzogen. Über des heiligen Mannes früheres Liebesver-
       hältnis zur Wahrheit, da er noch jung war und des Fleisches Lüste
       stark in ihm siedeten, siehe "Heilige Familie", p. 115 seqq. 1*)
       Wie gereinigt  von allen  fleischlichen Lüsten und weltlichen Be-
       gierden der heilige Mann derzeit dasteht, zeigt seine heftige Po-
       lemik gegen  Feuerbachs   S i n n l i c h k e i t.   Bruno greift
       keineswegs die  höchst bornierte  Weise an,  worin Feuerbach  die
       S i n n l i c h k e i t  anerkennt. Der verunglückte Versuch Feu-
       erbachs gilt ihm schon als Versuch, der Ideologie zu entspringen,
       für -   S ü n d e.   Natürlich!  Sinnlichkeit -  Augenlust, Flei-
       scheslust und  hoffärtiges Wesen,  Scheuel  und  Greuel  vor  dem
       Herrn! Wisset  Ihr nicht,  daß fleischlich  gesinnet sein ist der
       Tod, aber  geistlich gesinnet  sein ist  Leben und  Friede;  denn
       fleischlich gesinnet  sein ist eine Feindschaft wider die Kritik,
       und alles,  so da  fleischlich ist,  das ist von dieser Welt, und
       wisset Ihr  auch, was  geschrieben steht:  Offenbar sind aber die
       Werke des Fleisches, als da sind Ehebruch, Hurerei, Unreinigkeit,
       Unzucht, Abgötterei,  Zauberei, Feindschaft,  Hader, Neid,  Zorn,
       Zank, Zwietracht, Rotten, Haß, Mord, Saufen, Fressen und derglei-
       chen, von welchen ich Euch habe zuvor gesagt und sage noch zuvor,
       daß die  solches tun,  werden das Reich der Kritik nicht ererben;
       sondern wehe  ihnen, denn  sie gehen  den Weg Kains und fallen in
       den Irrtum  Balaams um  Genusses willen,  und kommen  um  in  dem
       Aufruhr Korah.  Diese Unfläter  prassen von  Euren  Almosen  ohne
       Scheu, weiden  sich selbst,  sie sind Wolken ohne Wasser, von dem
       Winde umgetrieben,  kahle unfruchtbare  Bäume, zweimal  erstorben
       und ausgewurzelt,  wilde Wellen des Meers, die ihre eigne Schande
       ausschäumen, irrige  Sterne, welchen  behalten ist das Dunkel der
       Finsternis in  Ewigkeit. Denn  wir  haben  gelesen,  daß  in  den
       letzten Tagen  werden greuliche  Zeiten kommen, Menschen, die von
       sich selbst  halten, Schänder,  Unkeusch, die mehr lieben Wollust
       als die  Kritik, die  da Rotten machen, kurz, Fleischliche. Diese
       verabscheut Sankt Bruno, der da geistlich gesinnet ist und hasset
       den befleckten  Rock des Fleisches; und so verdammt er Feuerbach,
       den er  für den  Korah der  Rotte hält, draußen zu bleiben, wo da
       sind  die   Hunde  und   die  Zauberer  und  die  Hurer  und  die
       Totschläger.  "Sinnlichkeit"   -  pfui  Teufel,  das  bringt  den
       heiligen Kirchenvater  nicht  nur  in  die  ärgsten  Krämpfe  und
       Verzückungen, das  bringt ihn  sogar zum  Singen, und er singt p.
       121 "das  Lied vom  Ende und  das Ende  vom Liede". Sinnlichkeit,
       weißt  du   auch  wohl,  was  Sinnlichkeit  ist,  Unglückseliger?
       Sinnlichkeit ist  - "ein Stock", p. 130. In seinen Krämpfen ringt
       der heilige Bruno auch einmal mit Einem seiner Sätze, wie weiland
       Jakob mit Gott, nur mit dem
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       1*) Siehe Bd. 2 unserer Ausgabe, S. 82 ff.
       
       #88# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Unterschiede, daß Gott dem Jakob die Hüfte verrenkte, während der
       heilige Epileptiker seinem Satze alle Glieder und Bänder verrenkt
       und so die Identität von Subjekt und Objekt an mehreren schlagen-
       den Exempeln klarmacht:
       
       "Mag darum  Feuerbach immerhin  sprechen ...  er   v e r n i c h-
       t e t"   (!) "dennoch   d e n   M e n s c h e n   ... weil er das
       W o r t   Mensch zur  bloßen   P h r a s e   macht  ...  weil  er
       n i c h t   d e n   M e n s c h e n    g a n z    m a c h t"  (!)
       "u n d  s c h a f f t"  (!)  "s o n d e r n  die ganze Menschheit
       zum  Absoluten   erhebt,  weil  er    a u c h    n i c h t    die
       Menschheit,   v i e l m e h r   den Sinn zum Organ des Absoluten,
       und als  das Absolute,  das Unbezweifelbare,  das unmittelbar Ge-
       wisse, das  Objekt des  Sinnes, der  Anschauung, der Empfindung -
       das Sinnliche  stempelt." Womit  Feuerbach - dies ist die Meinung
       des heiligen  Bruno - "wohl Luftschichten erschüttern, aber nicht
       E r s c h e i n u n g e n   d e s   m e n s c h l i c h e n  W e-
       s e n s   z e r s c h m e t t e r n   kann, weil sein  i n n e r-
       s t e s"   (!) "Wesen  und seine  belebende Seele [...] schon den
       ä u ß e r n"  (!) "Klang zerstört  u n d  hohl  u n d  schnarrend
       macht." p. 121.
       
       Der heilige Bruno gibt uns selbst über die Ursachen seiner Wider-
       sinnigkeit zwar geheimnisvolle, aber entscheidende Aufschlüsse:
       
       "Als ob  mein Ich  nicht auch dieses bestimmte,  v o r  a l l e n
       A n d e r n   e i n z i g e   G e s c h l e c h t   und diese be-
       stimmten einzigen Geschlechtsorgane hätte!"
       
       (Außer seinen "einzigen Geschlechtsorganen" hat der Edle noch ein
       apartes "einziges Geschlecht"!) Dieses einzige Geschlecht wird p.
       121 dahin erläutert, daß
       
       "die Sinnlichkeit  wie ein  Vampyr alles  Mark und Blut dem  Men-
       schen l e b e n  aussaugt, die unüberschreitbare Schranke ist, an
       der sich der Mensch den  Todes - S t o ß  geben muß".
       
       Aber auch  der Heiligste ist nicht rein! Sie sind allzumal Sünder
       und mangeln  des Ruhms,  den sie vor dem "Selbstbewußtsein" haben
       sollen. Der  heilige Bruno,  der um  Mitternacht sich im einsamen
       Kämmerlein mit der "Substanz" herumschlägt, wird von den lockeren
       Schriften des  Ketzers Feuerbach  auf das  Weib und die weibliche
       Schönheit aufmerksam  gemacht.  Plötzlich  verdunkelt  sich  sein
       Blick;  das   reine  Selbstbewußtsein   wird  befleckt,  und  die
       verwerfliche sinnliche  Phantasie umgaukelt  mit lasziven Bildern
       den geängstigten Kritiker. Der Geist ist willig, aber das Fleisch
       ist schwach.  Er strauchelt,  er fällt,  er vergißt,  daß er  die
       Macht ist,  die "mit ihrer Kraft bindet und löst und die Welt be-
       herrscht", daß diese Ausgeburten seiner Phantasie "Geist von sei-
       nem Geiste"  sind, er verliert alles "Selbstbewußtsein" und stam-
       melt berauscht  einen Dithyrambos auf die weibliche Schönheit "im
       Zarten, im  Weichlichen, im  Weiblichen", auf  die "schwellenden,
       abgerundeten Glieder"  und den  "wogenden, wallenden,  siedenden,
       brausenden und  zischenden, wellenförmigen  Körperbau"   [38] des
       Weibes. Aber die Unschuld
       
       #89# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. II. Sankt Bruno
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       verrät sich  stets, selbst  wo sie  sündigt. Wer wüßte nicht, daß
       ein "wogender, wallender, wellenförmiger  Körper b a u"  ein Ding
       ist, das  kein Auge  je gesehen,  noch ein Ohr gehöret hat? Darum
       stille, liebe  Seele, der  Geist wird  gar bald die Oberhand über
       das rebellische  Fleisch bekommen  und den  übersiedenden  Lüsten
       eine unüberwindliche  "Schranke" in  den Weg setzen, "an der" sie
       sich bald "den Todesstoß" geben.
       
       "Feuerbach" -  dahin ist endlich der Heilige mittels eines kriti-
       schen Verständnisses  der "Heiligen  Familie" gekommen - "ist der
       mit Humanismus  versetzte und zersetzte Materialist, d.h. der Ma-
       terialist, der  es nicht  auf der Erde und ihrem Sein auszuhalten
       vermag" (Sankt  Bruno kennt  ein von der Erde unterschiednes Sein
       der Erde  und weiß, wie man es anfangen muß, um es  "a u f  d e m
       S e i n   der Erde  a u s z u h a l t e n"!),  "sondern sich ver-
       geistigen und in den Himmel einkehren will, und der Humanist, der
       nicht denken  und eine  geistige Welt  aufbauen kann, sondern der
       sich mit Materialismus schwängert pp.", p. 123.
       
       Wie hiernach  bei Sankt  Bruno der  Humanismus  im  "Denken"  und
       "Aufbauen einer  geistigen Welt" besteht, so der Materialismus in
       folgendem:
       
       "Der Materialist  erkennt nur  das gegenwärtige,  wirkliche Wesen
       an, die   M a t e r i e"   (als  wenn der Mensch mit allen seinen
       Eigenschaften, auch  dem Denken,  nicht  ein    "g e g e n w ä r-
       t i g e s,   w i r k l i c h e s  W e s e n"  wäre), "und sie als
       tätig   s i c h   in die Vielheit ausbreitend und verwirklichend,
       die  N a t u r."  p. 123.
       
       Die   M a t e r i e   ist zuerst ein gegenwärtiges wirkliches We-
       sen, aber  nur an  sich, verborgen;  erst wenn sie "tätig sich in
       die Vielheit  ausbreitet und  verwirklicht"  (ein  "gegenwärtiges
       w i r k l i c h e s   Wesen"  "v e r w i r k l i c h t  sich"!!),
       erst dann  wird sie   N a t u r.   Zuerst  existiert  der    B e-
       g r i f f   der Materie,  das Abstraktum,  die  Vorstellung,  und
       diese verwirklicht sich in der wirklichen Natur. Wörtlich die He-
       gelsche Theorie  von der  Präexistenz der  schöpferischen Katego-
       rien. Von  diesem Standpunkt  aus versteht es sich dann auch, daß
       Sankt Bruno  die philosophischen  Phrasen der  Materialisten über
       die Materie für den wirklichen Kern und Inhalt ihrer Weltanschau-
       ung versieht.

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