Quelle: MEW 3 1845 - 1846


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       #91# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. II. Sankt Bruno
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       3. Sankt Bruno contra die Verfasser der "Heiligen Familie"
       
       Sankt Bruno, der auf die angegebene Weise mit Feuerbach und Stir-
       ner fertig  geworden ist, der dem "Einzigen jeden Fortschritt ab-
       geschnitten"  hat,   wendet  sich   nun  gegen   die  angeblichen
       "Konsequenzen Feuerbachs", die deutschen Kommunisten und speziell
       die Verfasser  der "Heiligen  Familie". Das Wort "realer Humanis-
       mus", das er in der Vorrede dieser Streitschrift fand, bildet die
       Hauptgrundlage seiner  Hypothese. Er  wird sich einer Bibelstelle
       erinnern:
       
       "Und ich,  lieben Brüder,  konnte nicht  mit Euch  reden als  mit
       Geistlichen, sondern  als mit Fleischlichen" (in unsrem Falle war
       es gerade  umgekehrt), "wie  mit jungen Kindern in Christo. Milch
       habe ich Euch zu trinken gegeben und nicht Speise, denn Ihr konn-
       tet noch nicht." 1. Cor[inther] 3, 1-2.
       
       Der erste Eindruck, den die "Heilige Familie" auf den ehrwürdigen
       Kirchenvater macht, ist der einer tiefen Betrübnis und einer ern-
       sten, biedermännischen Wehmut. Die einzige gute Seite des Buchs -
       daß es
       
       "zeigte, was Feuerbach werden  m u ß t e  und wie sich seine Phi-
       losophie stellen   k a m,   wenn  sie gegen  die  Kritik  kämpfen
       w i l l",  p. 138,
       
       daß es  also auf  eine ungezwungene  Weise das  "Wollen" mit  dem
       "Können" und "Müssen" vereinigte, wiegt dennoch die vielen betrü-
       benden Seiten  nicht auf.  Die Feuerbachsche, hier komischerweise
       vorausgesetzte Philosophie
       
       "d a r f   und   k a n n   den Kritiker  nicht  verstehen  -  sie
       d a r f  und  k a n n  die Kritik in ihrer Entwicklung nicht ken-
       nen und  erkennen -  sie  d a r f  und  k a n n  es nicht wissen,
       daß die  Kritik aller  Transzendenz gegenüber  ein immerwährendes
       Kämpfen und  Siegen, ein  fortdauerndes Vernichten  und Schaffen,
       das   e i n z i g"  (!) "Schöpferische und Produzierende ist. Sie
       d a r f   und  k a n n  nicht wissen, wie der Kritiker gearbeitet
       hat und  noch arbeitet,  um die transzendenten Mächte, die bisher
       die Menschheit niederhielten und
       
       #92# Karl Marx und Friedrich Engels
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       nicht zum  Atmen und  zum Leben  kommen ließen, als das zu setzen
       und zu  dem zu   m a c h e n"   (!),  "was sie    w i r k l i c h
       s i n d,   als Geist  vom Geist,  als Inneres aus dem Innern, als
       Heimatliches" (!)  "aus und  in der  Heimat, als Produkte und Ge-
       schöpfe des  Selbstbewußtseins. Sie  d a r f  und  k a n n  nicht
       wissen, wie  einzig und allein der Kritiker die Religion in ihrer
       Totalität,  den   Staat  in   seinen  verschiednen  Erscheinungen
       gebrochen hat pp.", p. 138, 139.
       
       Ist es  nicht auf  ein Haar  der alte Jehova, der seinem durchge-
       brannten Volk,  das an  den lustigen Göttern der Heiden mehr Spaß
       findet, nachläuft und schreit:
       
       "Höre mich, Israel, und verschließe dein Ohr nicht, Juda! Bin ich
       nicht der  Herr dein  Gott, der dich aus Ägyptenland geführet hat
       in das  Land, da Milch und Honig fleußt, und siehe, ihr habet von
       Jugend auf  getan, das  mir übel gefällt, und habet mich erzürnet
       durch meiner  Hände Werk,  und habt  mir den Rücken und nicht das
       Angesicht zugekehret,  wiewohl ich sie stets lehren ließ; und ha-
       ben mir ihre Greuel in mein Haus gesetzt, daß sie es verunreinig-
       ten, und  haben die Höhen des Baals gebaut im Tal Ben Himmon, da-
       von ich ihnen nichts befohlen habe, und ist mir nicht in den Sinn
       gekommen, daß sie solche Greuel tun sollten; und habe zu euch ge-
       sandt meinen  Knecht Jeremiam, zu dem mein Wort geschehen ist von
       dem dreizehnten  Jahr des  Königs Josia, des Sohnes Amon, bis auf
       diesen Tag,  und derselbige  1*) hat euch nun dreiundzwanzig Jahr
       mit Fleiß  gepredigt, aber  ihr  habt  nie  hören  wollen.  Darum
       spricht der  Herr Herr:  Wer hat  je dergleichen gehöret, daß die
       Jungfrau Israel  so gar greuliches Ding tut? Denn das Regenwasser
       verschießt nicht  so bald,  als mein Volk meiner vergißt. O Land,
       Land, Land, höre des Herrn Wort!"
       
       Sankt Bruno  behauptet also  in einer langen Rede über Dürfen und
       Können, daß  seine kommunistischen  Gegner ihn mißverstanden hät-
       ten. Die  Art und  Weise, wie er in dieser Rede die Kritik neuer-
       dings schildert, wie er die bisherigen Mächte, die das "Leben der
       Menschheit" niederhielten,  in "transzendente",  und diese  tran-
       szendenten Mächte in "Geist vom Geist" verwandelt, wie er  "d i e
       Kritik"  für   den  einzigen  Produktionszweig  ausgibt,  beweist
       zugleich, daß  das angebliche  Mißverständnis nichts  ist als ein
       mißliebiges Verständnis.  Wir bewiesen,  daß die Bauersche Kritik
       unter aller  Kritik ist, wodurch wir notwendig Dogmatiker werden.
       Ja er  wirft uns  alles Ernstes  den unverschämten  Unglauben  an
       seine althergebrachten  Phrasen vor.  Die  ganze  Mythologie  der
       selbständigen Begriffe, mit dem Wolkensammler Zeus, dem Selbstbe-
       wußtsein, an der Spitze, paradiert hier wieder mit "dem Schellen-
       spiel von  Redensarten einer  ganzen Janitscharenmusik  gangbarer
       Kategorien" ("Lit[eratur]-Z[ei]t[un]g"  [40] vgl.  "Heilige Fami-
       lie", p. 234  2*)). Zuerst natürlich die Mythe von der Weltschöp-
       fung, nämlich von der sauren
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       1*) MEGA: derselbe - 2*) Siehe Bd. 2 unserer Ausgabe, S. 156
       
       #93# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. II. Sankt Bruno
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       "A r b e i t"   des Kritikers,  die das "einzig Schöpferische und
       Produzierende, ein  immerwährendes Kämpfen  und Siegen, ein fort-
       dauerndes  Vernichten   und   Schaffen",   ein   "Arbeiten"   und
       "Gearbeitet-Haben"  ist.   Ja  der  ehrwürdige  Vater  wirft  der
       "Heiligen Familie"  sogar vor, daß sie "die Kritik" so verstanden
       hat, wie  er selbst  sie in  der gegenwärtigen  Replik  versteht.
       Nachdem er  die "Substanz" "in ihr Geburtsland, das Selbstbewußt-
       sein, den  kritisierenden und" (seit der "Heiligen Familie" auch)
       "kritisierten  Menschen  zurückgenommen  und    v e r w o r f e n
       hat" (das  Selbstbewußtsein scheint hier die Stelle einer ideolo-
       gischen Rumpelkammer einzunehmen), fährt er fort:
       
       "Sie" (die angebliche Feuerbachsche Philosophie) "darf nicht wis-
       sen, daß  die Kritik  u n d  die Kritiker, solange sie sind" (!),
       "die Geschichte  gelenkt und gemacht haben, daß sogar ihre Gegner
       und alle  Bewegungen und  Regungen der  Gegenwart ihre  Geschöpfe
       sind, daß  sie  allein  es  sind,  die  die    G e w a l t    i n
       i h r e n   H ä n d e n   haben,   w e i l  d i e  K r a f t  i n
       i h r e m   B e w u ß t s e i n,   und weil  sie die Macht  a u s
       s i c h   s e l b e r,   aus ihren  Taten,   a u s  d e r  K r i-
       t i k,   aus ihren  Gegnern, aus  ihren Geschöpfen  schöpfen; daß
       erst mit  dem Akte  der Kritik der Mensch befreit wird, und damit
       d i e  Menschen, der Mensch  g e s c h a f f e n"  (!) "wird, und
       damit die Menschen."
       
       Also die  Kritik   u n d  die Kritiker sind zuerst zwei ganz ver-
       schiedene, außereinander  stehende und  handelnde  Subjekte.  Der
       Kritiker ist  ein andres  Subjekt als  die Kritik, und die Kritik
       ein andres  Subjekt als  der Kritiker. Diese personifizierte Kri-
       tik, die  Kritik als Subjekt, ist ja eben die "kritische Kritik",
       gegen die die "Heilige Familie" auftrat. "Die Kritik und die Kri-
       tiker haben,  solange sie  sind, die  Geschichte gelenkt  und ge-
       macht." Daß  sie dies  nicht tun  konnten,  "solange  sie"  nicht
       "sind", ist klar, und daß sie, "solange sie sind", in ihrer Weise
       "Geschichte gemacht" haben, ist ebenfalls klar. Sankt Bruno kommt
       endlich so  weit, uns  einen der  tiefsten Aufschlüsse  über  die
       staatsbrecherische Macht der Kritik geben zu "dürfen und können",
       den Aufschluß  nämlich, daß  "die Kritik  und  die  Kritiker  die
       G e w a l t   i n   i h r e n  H ä n d e n  haben, weil" (schönes
       Weil!)  "d i e   K r a f t  i n  i h r e m  B e w u ß t s e i n",
       und zweitens,  daß diese großen Geschichtsfabrikanten "die Gewalt
       in ihren  Händen haben",  weil sie "die Macht aus sich selber und
       aus der  Kritik" (also  noch einmal aus sich selber) "schöpfen" -
       wobei leider  noch immer nicht bewiesen, daß da drinnen, in "sich
       selber", in  "der Kritik", irgend etwas zu "schöpfen" ist. Wenig-
       stens sollte  man nach der eignen Aussage der Kritik glauben, daß
       es schwer  sein müßte,  dort etwas  andres zu  "schöpfen" als die
       dorthin  "verworfene"   Kategorie  der   "Substanz".  Schließlich
       "schöpft" die  Kritik noch "die Kraft" zu einem höchst ungeheuer-
       lichen Orakelspruch  "aus der  Kritik". Sie  enthüllt uns nämlich
       das Geheimnis, so da verborgen war unsern Vätern und verschlossen
       unsern Großvätern, daß "erst mit dem Akte der Kritik der
       
       #94# Karl Marx und Friedrich Engels
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       Mensch geschaffen wird, und damit die Menschen", während man bis-
       her die  Kritik für  einen Akt  der durch ganz andre Akte präexi-
       stierenden Menschen  versah. Der  heilige  Bruno  selbst  scheint
       hiernach durch  "die Kritik", also durch generatio aequivoca 1*),
       "in die  Welt, von  der Welt  und zu  der Welt" gekommen zu sein.
       Vielleicht indes  ist dies  Alles bloß  eine andre Interpretation
       der Stelle  aus der  Genesis: Und  Adam  e r k a n n t e,  id est
       kritisierte, sein Weib Hevam, und sie ward schwanger pp.
       Wir sehen  hier also  die ganze altbekannte kritische Kritik, die
       schon in  der "Heiligen  Familie "hinreichend signalisiert, noch-
       mals und  als ob  gar nichts  passiert wäre, mit ihren sämtlichen
       Schwindeleien auftreten.  Wundern dürfen  wir uns  nicht darüber,
       denn der  heilige Mann jammert ja selbst p. 140, daß die "Heilige
       Familie" "der Kritik jeden Fortschritt abschneide". Mit der größ-
       ten Entrüstung wirft Sankt Bruno den Verfassern der "Heiligen Fa-
       milie" vor, daß sie die Bauersche Kritik vermittelst eines chemi-
       schen Prozesses  aus ihrem  "flüssigen" Aggregatzustande zu einer
       "kristallinischen" Formation abgedampft habe.
       Also die  "Institutionen des  Bettlertums", das  "Taufzeugnis der
       Mündigkeit", die  "Region des  Pathos und  donnerähnlicher Aspek-
       ten", die  "moslemitische Begriffsaffektion"  ("Heilige Familie",
       p. 2, 3, 4  2*) nach der kritischen "Lit.-Ztg.") sind nur Unsinn,
       wenn man  sie "kristallinisch"  auffaßt; die  achtundzwanzig  ge-
       schichtlichen Schnitzer, die man der Kritik in ihrem Exkurse über
       "Englische Tagesfragen"  [41] nachgewiesen  hat, sind,  "flüssig"
       betrachtet, keine  Schnitzer? Die Kritik besteht darauf, daß sie,
       flüssig betrachtet,  die Nauwercksche Kollision [42], nachdem sie
       längst vor  ihren Augen  passiert, a priori 3*) prophezeit, nicht
       post festum  4*) konstruiert  habe? sie  besteht noch darauf, daß
       maréchal, "kristallinisch"  betrachtet, ein   H u f s c h m i e d
       heißen  könne,   aber  "flüssig"   betrachtet,   jedenfalls   ein
       M a r s c h a l l   sein müsse?  daß, wenn auch für die "kristal-
       linische" Auffassung  un fait  physique "eine physische Tatsache"
       sein dürfe,  die wahre,  "flüssige" Übersetzung  davon "eine Tat-
       sache der  Physik" laute?  daß la  malveillance de  nos bourgeois
       juste-milieuxs  5*)  im  "flüssigen"  Zustande  noch  immer  "die
       Sorglosigkeit  unsrer   guten  Bürger"  bedeute?  daß,  "flüssig"
       betrachtet, "ein  Kind, das  nicht wieder Vater oder Mutter wird,
       w e s e n t l i c h   T o c h t e r  ist"? daß Jemand die Aufgabe
       haben kann.  "gleichsam die letzte Wehmutsträne der Vergangenheit
       darzustellen"? daß  die verschiedenen Portiers, Lions, Grisetten,
       Marquisen, Spitzbuben  und hölzernen  Türen von  Paris  in  ihrer
       "flüssigen" Form weiter nichts sind als
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       1*) Urzeugung - 2*) Siehe Bd. 2 unserer Ausgabe, S. 9 u. 10 - 3*)
       von vornherein; unabhängig von der Erfahrung - 4*) nach dem Fest;
       hinterher. -  5*) die Böswilligkeit  (auch:  regierungsfeindliche
       Gesinnung) unserer Spießbürger
       
       #95# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. II. Sankt Bruno
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       Phasen des  Geheimnisses, "in  dessen Begriff es überhaupt liegt,
       sich selbst  beschränkt zu  setzen und diese Beschränkung, die es
       durch sein  allgemeines Wesen  setzt, wieder  aufzuheben, da eben
       dieses Wesen nur das Resultat seiner innern Selbstunterscheidung,
       seiner Tätigkeit  ist"? daß  die kritische  Kritik im "flüssigen"
       Sinne "unaufhaltsam,  siegreich und siegsgewiß ihres Weges geht",
       wenn sie bei einer Frage zuerst behauptet, ihre "wahre und allge-
       meine Bedeutung" enthüllt zu haben, alsdann zugibt, daß sie "über
       die Kritik  nicht hinausgehen wollte und durfte", und schließlich
       bekennt, "daß  sie noch  einen Schritt hätte tun müssen, der aber
       unmöglich war, weil - er unmöglich war" (p. 184 der "Heiligen Fa-
       milie" 1*))?  daß, "flüssig"  betrachtet, "die Zukunft noch immer
       das Werk"  der Kritik  ist, wenn  auch  "das  Schicksal    e n t-
       s c h e i d e n  mag, wie es will" [43]? daß, flüssig betrachtet,
       die Kritik  nichts Übermenschliches  beging, wenn  sie "mit ihren
       w a h r e n   E l e m e n t e n   in einen  W i d e r s p r u c h
       trat, der  in  j e n e n  E l e m e n t e n  b e r e i t s  seine
       A u f l ö s u n g  gefunden  h a t t e"  [44]?
       Allerdings begingen die Verfasser der "Heiligen Familie" die Fri-
       volität, alle  diese und  hundert andre Sätze als Sätze aufzufas-
       sen, die  einen festen, "kristallinischen"  U n s i n n  ausdrüc-
       ken - aber man muß die Synoptiker "flüssig", d. h. im Sinne ihrer
       Verfasser, und  beileibe nicht "kristallinisch", d. h. nach ihrem
       wirklichen Unsinn  lesen, um  zu dem wahren Glauben zu kommen und
       die Harmonie des kritischen Haushalts zu bewundern.
       "Engels und Marx kennen daher auch nur die Kritik der 'Literatur-
       Zeitung'" -  eine wissentliche  Lüge, die  beweist, wie "flüssig"
       der heilige Mann ein Buch gelesen hat, worin seine letzten Arbei-
       ten nur  als die  Krone seines  ganzen "Gearbeitet-Habens" darge-
       stellt werden.  Aber der  Kirchenvater ermangelte  der Ruhe, kri-
       stallinisch zu lesen, da er in seinen Gegnern Konkurrenten fürch-
       tet, die  ihm die  Kanonisation streitig  machen, ihn "aus seiner
       Heiligkeit herausziehen wollen, um  s i c h  heilig zu machen".
       Konstatieren wir  noch im Vorbeigehen die eine Tatsache, daß nach
       der jetzigen Aussage des heiligen Bruno seine "Literatur-Zeitung"
       keineswegs die  "gesellschaftliche Gesellschaft"  zu stiften oder
       "gleichsam  die  letzte  Wehmutsträne"  der  deutschen  Ideologie
       "darzustellen" bezweckte, noch den Geist in den schärfsten Gegen-
       satz zur  Masse zu  stellen und  die kritische  Kritik  in  ihrer
       vollen Reinheit  zu entwickeln,  sondern -  "den Liberalismus und
       Radikalismus des  Jahres 1842 und deren Nachklänge in ihrer Halb-
       heit und Phrasenhaftigkeit darzulegen", also die "Nachklänge" ei-
       nes bereits  Verschollenen zu  bekämpfen. Tant  de bruit pour une
       omelette! 2*)  Übrigens zeigt  sich gerade hierin wieder die  Ge-
       schichtsauffassung der deutschen Theorie
       -----
       1*) Siehe Bd.  2 unserer  Ausgabe, S.  125 -  2*) Soviel Lärm  um
       einen Eierkuchen!
       
       #96# Karl Marx und Friedrich Engels
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       in ihrem  "reinsten" Licht. Das Jahr 1842 gilt für die Glanzperi-
       ode des  Liberalismus in  Deutschland, weil  sich die Philosophie
       damals an  der Politik  beteiligte. Der Liberalismus verschwindet
       für den  Kritiker mit dem Aufhören der "Deutschen Jahrbücher" und
       der "Rheinischen Zeitung" [45], den Organen der liberalen und ra-
       dikalen Theorie.  Er läßt  nur noch  "Nachklänge" zurück, während
       erst jetzt, wo das deutsche Bürgertum das wirkliche, durch ökono-
       mische Verhältnisse erzeugte Bedürfnis der politischen Macht emp-
       findet und  zu verwirklichen strebt, während erst jetzt der Libe-
       ralismus in  Deutschland eine  praktische Existenz  und damit die
       Chance eines Erfolgs hat.
       Die tiefe  Betrübnis Sankt  Brunos über die "Heilige Familie" er-
       laubte ihm  nicht, diese  Schrift "aus sich selbst und durch sich
       selbst und mit sich selbst" zu kritisieren. Um seinen Schmerz be-
       meistern zu  können, mußte  er sie sich erst in einer "flüssigen"
       Form verschaffen.  Diese flüssige  Form fand er in einer konfusen
       und von Mißverständnissen wimmelnden Rezension im "Westphälischen
       Dampfboot", Maiheft,  p. 206-214. [27] Alle seine Zitate sind aus
       den im  "Westphälischen Dampfboot" zitierten Stellen zitiert, und
       ohne dasselbige ist Nichts zitiert, was zitiert ist.
       Auch die Sprache des heiligen Kritikers ist durch die Sprache des
       westfälischen Kritikers  bedingt. Zuerst  werden sämtliche Sätze,
       die der  Westfale ("Dampfboot",  p. 206)  aus der   V o r r e d e
       anführt, in  die "Wigand'sche  Vierteljahrsschrift", p. 140, 141,
       übertragen. Diese Übertragung bildet den Hauptteil der Bauerschen
       Kritik, nach dem alten, schon von Hegel empfohlenen Prinzip:
       
       "Sich auf den gesunden Menschenverstand zu verlassen, und, um üb-
       rigens auch  mit der  Zeit und  der Philosophie  fortzuschreiten,
       R e z e n s i o n e n   von philosophischen  Schriften, etwa  gar
       die   V o r r e d e n  und ersten Paragraphen derselben zu lesen;
       denn diese  geben die  allgemeinen Grundsätze,  worauf Alles  an-
       kommt, und  jene neben  der historischen  Notiz noch die Beurtei-
       lung, die  sogar, weil  sie Beurteilung  ist, über das Beurteilte
       hinaus ist.  Dieser gemeine  Weg macht sich im Hausrocke; aber im
       hohenpriesterlichen Gewände  schreitet das Hochgefühl des Ewigen,
       Heiligen, Unendlichen einher, ein Weg",
       
       den Sankt  Bruno auch, wie wir sahen, "niedermetzelnd" zu "gehen"
       weiß. - Hegel, "Phänomenologie", p. 54.
       Der  w e s t f ä l i s c h e  Kritiker fährt nach einigen Zitaten
       aus der Vorrede fort:
       
       "So durch  die Vorrede  selbst auf  den  K a m p f p l a t z  des
       Buches geführt" usw. p. 206.
       Der   h e i l i g e   Kritiker, nachdem  er diese  Zitate in  die
       "Wigand'sche Vierteljahrsschrift" übertragen, distinguiert feiner
       und sagt:
       
       #97# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. II. Sankt Bruno
       -----
       "Das ist das  T e r r a i n  und der  F e i n d,  den sich Engels
       und Marx zum  K a m p f e  geschaffen haben."
       Der   w e s t f ä l i s c h e   Kritiker setzt aus der Erörterung
       des kritischen  Satzes: "Der Arbeiter schafft Nichts" nur den zu-
       sammenfassenden  S c h l u ß  hin.
       Der  h e i l i g e  Kritiker glaubt wirklich, dies sei Alles, was
       über den Satz gesagt worden, schreibt p. 141 das westfälische Zi-
       tat ab  und freut  sich der  Entdeckung, daß  man der  Kritik nur
       "Behauptungen" entgegengesetzt habe.
       Aus der Beleuchtung der kritischen Expektorationen über die Liebe
       - schreibt  sich der   w e s t f ä l i s c h e   Kritiker  p. 209
       erst das  corpus delicti  1*) teilweise und dann aus der Widerle-
       gung einige  Sätze ohne allen Zusammenhang heraus, die er als Au-
       torität für  seine schwammige,  liebesselige Sentimentalität hin-
       stellen möchte.
       Der  h e i l i g e  Kritiker schreibt ihm p. 141, 142 alles buch-
       stäblich ab, Satz für Satz in der Ordnung, wie sein Vorgänger zi-
       tiert.
       Der   w e s t f ä l i s c h e   Kritiker ruft über der Leiche des
       Herrn Julius  Faucher aus:  "Das ist  das Los des Schönen auf der
       Erde!" [46]
       Der   h e i l i g e   Kritiker darf  seine "saure  Arbeit"  nicht
       vollenden, ohne  diesen Ausruf p. 142 bei unpassender Gelegenheit
       sich anzueignen.
       Der   w e s t f ä l i s c h e  Kritiker gibt p. 212 eine angebli-
       che Zusammenfassung  der in  der "Heiligen  Familie" gegen  Sankt
       Bruno selbst gerichteten Entwicklungen.
       Der   h e i l i g e   Kritiker kopiert diese Siebensachen getrost
       und wörtlich  mit allen  westfälischen  Exklamationen.  Er  denkt
       nicht im  Traum daran,  daß ihm   n i r g e n d s   in der ganzen
       Streitschrift vorgeworfen wird, er "verwandle die Frage der poli-
       tischen Emanzipation  in die der menschlichen", er "wolle die Ju-
       den totschlagen",  er "verwandle  die  Juden  in  Theologen",  er
       "verwandle Hegel  in Herrn  Hinrichs" pp.  Gläubig  plappert  der
       h e i l i g e   Kritiker dem   w e s t f ä l i s c h e n  die An-
       gabe nach,  als erbiete  sich  M a r x  in der "Heiligen Familie"
       zur Lieferung eines gewissen scholastischen Traktätleins "als Er-
       widerung auf  die   a l b e r n e   S e l b s t a p o t h e o s e
       Bauers". Nun  kommt die  vom heiligen Bruno als  Z i t a t  ange-
       führte "alberne Selbstapotheose" in der ganzen "Heiligen Familie"
       nirgends, wohl aber bei dem westfälischen Kritiker vor. Ebensowe-
       nig   wird    das   Traktätlein    als   Erwiderung    auf    die
       "Selbst a p o l o g i e"   der Kritik,  "Heilige Familie" p. 150-
       163, angeboten,  sondern erst  im folgenden Abschnitt p. 165" bei
       Gelegenheit der  weltgeschichtlichen Frage, "warum Herr Bauer po-
       litisieren  m u ß t e?"
       Schließlich läßt  Sankt Bruno p. 143 Marx als "ergötzlichen Komö-
       dianten"
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       1*) Beweisstück -  2*) Siehe Bd.  2 unserer Ausgabe, S 105-112 u.
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       #98# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       auftreten, nachdem  sein westfälisches Vorbild bereits "das welt-
       historische Drama  der kritischen  Kritik" sieb  in die  "ergötz-
       lichste Komödie" p. 213 hat auflösen lassen.
       Siehe, so "dürfen und können" die Gegner der kritischen Kritik es
       "wissen,   w i e   d e r   K r i t i k e r    g e a r b e i t e t
       h a t  u n d  n o c h  a r b e i t e t"!

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