Quelle: MEW 3 1845 - 1846
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#91# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. II. Sankt Bruno
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3. Sankt Bruno contra die Verfasser der "Heiligen Familie"
Sankt Bruno, der auf die angegebene Weise mit Feuerbach und Stir-
ner fertig geworden ist, der dem "Einzigen jeden Fortschritt ab-
geschnitten" hat, wendet sich nun gegen die angeblichen
"Konsequenzen Feuerbachs", die deutschen Kommunisten und speziell
die Verfasser der "Heiligen Familie". Das Wort "realer Humanis-
mus", das er in der Vorrede dieser Streitschrift fand, bildet die
Hauptgrundlage seiner Hypothese. Er wird sich einer Bibelstelle
erinnern:
"Und ich, lieben Brüder, konnte nicht mit Euch reden als mit
Geistlichen, sondern als mit Fleischlichen" (in unsrem Falle war
es gerade umgekehrt), "wie mit jungen Kindern in Christo. Milch
habe ich Euch zu trinken gegeben und nicht Speise, denn Ihr konn-
tet noch nicht." 1. Cor[inther] 3, 1-2.
Der erste Eindruck, den die "Heilige Familie" auf den ehrwürdigen
Kirchenvater macht, ist der einer tiefen Betrübnis und einer ern-
sten, biedermännischen Wehmut. Die einzige gute Seite des Buchs -
daß es
"zeigte, was Feuerbach werden m u ß t e und wie sich seine Phi-
losophie stellen k a m, wenn sie gegen die Kritik kämpfen
w i l l", p. 138,
daß es also auf eine ungezwungene Weise das "Wollen" mit dem
"Können" und "Müssen" vereinigte, wiegt dennoch die vielen betrü-
benden Seiten nicht auf. Die Feuerbachsche, hier komischerweise
vorausgesetzte Philosophie
"d a r f und k a n n den Kritiker nicht verstehen - sie
d a r f und k a n n die Kritik in ihrer Entwicklung nicht ken-
nen und erkennen - sie d a r f und k a n n es nicht wissen,
daß die Kritik aller Transzendenz gegenüber ein immerwährendes
Kämpfen und Siegen, ein fortdauerndes Vernichten und Schaffen,
das e i n z i g" (!) "Schöpferische und Produzierende ist. Sie
d a r f und k a n n nicht wissen, wie der Kritiker gearbeitet
hat und noch arbeitet, um die transzendenten Mächte, die bisher
die Menschheit niederhielten und
#92# Karl Marx und Friedrich Engels
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nicht zum Atmen und zum Leben kommen ließen, als das zu setzen
und zu dem zu m a c h e n" (!), "was sie w i r k l i c h
s i n d, als Geist vom Geist, als Inneres aus dem Innern, als
Heimatliches" (!) "aus und in der Heimat, als Produkte und Ge-
schöpfe des Selbstbewußtseins. Sie d a r f und k a n n nicht
wissen, wie einzig und allein der Kritiker die Religion in ihrer
Totalität, den Staat in seinen verschiednen Erscheinungen
gebrochen hat pp.", p. 138, 139.
Ist es nicht auf ein Haar der alte Jehova, der seinem durchge-
brannten Volk, das an den lustigen Göttern der Heiden mehr Spaß
findet, nachläuft und schreit:
"Höre mich, Israel, und verschließe dein Ohr nicht, Juda! Bin ich
nicht der Herr dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführet hat
in das Land, da Milch und Honig fleußt, und siehe, ihr habet von
Jugend auf getan, das mir übel gefällt, und habet mich erzürnet
durch meiner Hände Werk, und habt mir den Rücken und nicht das
Angesicht zugekehret, wiewohl ich sie stets lehren ließ; und ha-
ben mir ihre Greuel in mein Haus gesetzt, daß sie es verunreinig-
ten, und haben die Höhen des Baals gebaut im Tal Ben Himmon, da-
von ich ihnen nichts befohlen habe, und ist mir nicht in den Sinn
gekommen, daß sie solche Greuel tun sollten; und habe zu euch ge-
sandt meinen Knecht Jeremiam, zu dem mein Wort geschehen ist von
dem dreizehnten Jahr des Königs Josia, des Sohnes Amon, bis auf
diesen Tag, und derselbige 1*) hat euch nun dreiundzwanzig Jahr
mit Fleiß gepredigt, aber ihr habt nie hören wollen. Darum
spricht der Herr Herr: Wer hat je dergleichen gehöret, daß die
Jungfrau Israel so gar greuliches Ding tut? Denn das Regenwasser
verschießt nicht so bald, als mein Volk meiner vergißt. O Land,
Land, Land, höre des Herrn Wort!"
Sankt Bruno behauptet also in einer langen Rede über Dürfen und
Können, daß seine kommunistischen Gegner ihn mißverstanden hät-
ten. Die Art und Weise, wie er in dieser Rede die Kritik neuer-
dings schildert, wie er die bisherigen Mächte, die das "Leben der
Menschheit" niederhielten, in "transzendente", und diese tran-
szendenten Mächte in "Geist vom Geist" verwandelt, wie er "d i e
Kritik" für den einzigen Produktionszweig ausgibt, beweist
zugleich, daß das angebliche Mißverständnis nichts ist als ein
mißliebiges Verständnis. Wir bewiesen, daß die Bauersche Kritik
unter aller Kritik ist, wodurch wir notwendig Dogmatiker werden.
Ja er wirft uns alles Ernstes den unverschämten Unglauben an
seine althergebrachten Phrasen vor. Die ganze Mythologie der
selbständigen Begriffe, mit dem Wolkensammler Zeus, dem Selbstbe-
wußtsein, an der Spitze, paradiert hier wieder mit "dem Schellen-
spiel von Redensarten einer ganzen Janitscharenmusik gangbarer
Kategorien" ("Lit[eratur]-Z[ei]t[un]g" [40] vgl. "Heilige Fami-
lie", p. 234 2*)). Zuerst natürlich die Mythe von der Weltschöp-
fung, nämlich von der sauren
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1*) MEGA: derselbe - 2*) Siehe Bd. 2 unserer Ausgabe, S. 156
#93# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. II. Sankt Bruno
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"A r b e i t" des Kritikers, die das "einzig Schöpferische und
Produzierende, ein immerwährendes Kämpfen und Siegen, ein fort-
dauerndes Vernichten und Schaffen", ein "Arbeiten" und
"Gearbeitet-Haben" ist. Ja der ehrwürdige Vater wirft der
"Heiligen Familie" sogar vor, daß sie "die Kritik" so verstanden
hat, wie er selbst sie in der gegenwärtigen Replik versteht.
Nachdem er die "Substanz" "in ihr Geburtsland, das Selbstbewußt-
sein, den kritisierenden und" (seit der "Heiligen Familie" auch)
"kritisierten Menschen zurückgenommen und v e r w o r f e n
hat" (das Selbstbewußtsein scheint hier die Stelle einer ideolo-
gischen Rumpelkammer einzunehmen), fährt er fort:
"Sie" (die angebliche Feuerbachsche Philosophie) "darf nicht wis-
sen, daß die Kritik u n d die Kritiker, solange sie sind" (!),
"die Geschichte gelenkt und gemacht haben, daß sogar ihre Gegner
und alle Bewegungen und Regungen der Gegenwart ihre Geschöpfe
sind, daß sie allein es sind, die die G e w a l t i n
i h r e n H ä n d e n haben, w e i l d i e K r a f t i n
i h r e m B e w u ß t s e i n, und weil sie die Macht a u s
s i c h s e l b e r, aus ihren Taten, a u s d e r K r i-
t i k, aus ihren Gegnern, aus ihren Geschöpfen schöpfen; daß
erst mit dem Akte der Kritik der Mensch befreit wird, und damit
d i e Menschen, der Mensch g e s c h a f f e n" (!) "wird, und
damit die Menschen."
Also die Kritik u n d die Kritiker sind zuerst zwei ganz ver-
schiedene, außereinander stehende und handelnde Subjekte. Der
Kritiker ist ein andres Subjekt als die Kritik, und die Kritik
ein andres Subjekt als der Kritiker. Diese personifizierte Kri-
tik, die Kritik als Subjekt, ist ja eben die "kritische Kritik",
gegen die die "Heilige Familie" auftrat. "Die Kritik und die Kri-
tiker haben, solange sie sind, die Geschichte gelenkt und ge-
macht." Daß sie dies nicht tun konnten, "solange sie" nicht
"sind", ist klar, und daß sie, "solange sie sind", in ihrer Weise
"Geschichte gemacht" haben, ist ebenfalls klar. Sankt Bruno kommt
endlich so weit, uns einen der tiefsten Aufschlüsse über die
staatsbrecherische Macht der Kritik geben zu "dürfen und können",
den Aufschluß nämlich, daß "die Kritik und die Kritiker die
G e w a l t i n i h r e n H ä n d e n haben, weil" (schönes
Weil!) "d i e K r a f t i n i h r e m B e w u ß t s e i n",
und zweitens, daß diese großen Geschichtsfabrikanten "die Gewalt
in ihren Händen haben", weil sie "die Macht aus sich selber und
aus der Kritik" (also noch einmal aus sich selber) "schöpfen" -
wobei leider noch immer nicht bewiesen, daß da drinnen, in "sich
selber", in "der Kritik", irgend etwas zu "schöpfen" ist. Wenig-
stens sollte man nach der eignen Aussage der Kritik glauben, daß
es schwer sein müßte, dort etwas andres zu "schöpfen" als die
dorthin "verworfene" Kategorie der "Substanz". Schließlich
"schöpft" die Kritik noch "die Kraft" zu einem höchst ungeheuer-
lichen Orakelspruch "aus der Kritik". Sie enthüllt uns nämlich
das Geheimnis, so da verborgen war unsern Vätern und verschlossen
unsern Großvätern, daß "erst mit dem Akte der Kritik der
#94# Karl Marx und Friedrich Engels
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Mensch geschaffen wird, und damit die Menschen", während man bis-
her die Kritik für einen Akt der durch ganz andre Akte präexi-
stierenden Menschen versah. Der heilige Bruno selbst scheint
hiernach durch "die Kritik", also durch generatio aequivoca 1*),
"in die Welt, von der Welt und zu der Welt" gekommen zu sein.
Vielleicht indes ist dies Alles bloß eine andre Interpretation
der Stelle aus der Genesis: Und Adam e r k a n n t e, id est
kritisierte, sein Weib Hevam, und sie ward schwanger pp.
Wir sehen hier also die ganze altbekannte kritische Kritik, die
schon in der "Heiligen Familie "hinreichend signalisiert, noch-
mals und als ob gar nichts passiert wäre, mit ihren sämtlichen
Schwindeleien auftreten. Wundern dürfen wir uns nicht darüber,
denn der heilige Mann jammert ja selbst p. 140, daß die "Heilige
Familie" "der Kritik jeden Fortschritt abschneide". Mit der größ-
ten Entrüstung wirft Sankt Bruno den Verfassern der "Heiligen Fa-
milie" vor, daß sie die Bauersche Kritik vermittelst eines chemi-
schen Prozesses aus ihrem "flüssigen" Aggregatzustande zu einer
"kristallinischen" Formation abgedampft habe.
Also die "Institutionen des Bettlertums", das "Taufzeugnis der
Mündigkeit", die "Region des Pathos und donnerähnlicher Aspek-
ten", die "moslemitische Begriffsaffektion" ("Heilige Familie",
p. 2, 3, 4 2*) nach der kritischen "Lit.-Ztg.") sind nur Unsinn,
wenn man sie "kristallinisch" auffaßt; die achtundzwanzig ge-
schichtlichen Schnitzer, die man der Kritik in ihrem Exkurse über
"Englische Tagesfragen" [41] nachgewiesen hat, sind, "flüssig"
betrachtet, keine Schnitzer? Die Kritik besteht darauf, daß sie,
flüssig betrachtet, die Nauwercksche Kollision [42], nachdem sie
längst vor ihren Augen passiert, a priori 3*) prophezeit, nicht
post festum 4*) konstruiert habe? sie besteht noch darauf, daß
maréchal, "kristallinisch" betrachtet, ein H u f s c h m i e d
heißen könne, aber "flüssig" betrachtet, jedenfalls ein
M a r s c h a l l sein müsse? daß, wenn auch für die "kristal-
linische" Auffassung un fait physique "eine physische Tatsache"
sein dürfe, die wahre, "flüssige" Übersetzung davon "eine Tat-
sache der Physik" laute? daß la malveillance de nos bourgeois
juste-milieuxs 5*) im "flüssigen" Zustande noch immer "die
Sorglosigkeit unsrer guten Bürger" bedeute? daß, "flüssig"
betrachtet, "ein Kind, das nicht wieder Vater oder Mutter wird,
w e s e n t l i c h T o c h t e r ist"? daß Jemand die Aufgabe
haben kann. "gleichsam die letzte Wehmutsträne der Vergangenheit
darzustellen"? daß die verschiedenen Portiers, Lions, Grisetten,
Marquisen, Spitzbuben und hölzernen Türen von Paris in ihrer
"flüssigen" Form weiter nichts sind als
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1*) Urzeugung - 2*) Siehe Bd. 2 unserer Ausgabe, S. 9 u. 10 - 3*)
von vornherein; unabhängig von der Erfahrung - 4*) nach dem Fest;
hinterher. - 5*) die Böswilligkeit (auch: regierungsfeindliche
Gesinnung) unserer Spießbürger
#95# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. II. Sankt Bruno
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Phasen des Geheimnisses, "in dessen Begriff es überhaupt liegt,
sich selbst beschränkt zu setzen und diese Beschränkung, die es
durch sein allgemeines Wesen setzt, wieder aufzuheben, da eben
dieses Wesen nur das Resultat seiner innern Selbstunterscheidung,
seiner Tätigkeit ist"? daß die kritische Kritik im "flüssigen"
Sinne "unaufhaltsam, siegreich und siegsgewiß ihres Weges geht",
wenn sie bei einer Frage zuerst behauptet, ihre "wahre und allge-
meine Bedeutung" enthüllt zu haben, alsdann zugibt, daß sie "über
die Kritik nicht hinausgehen wollte und durfte", und schließlich
bekennt, "daß sie noch einen Schritt hätte tun müssen, der aber
unmöglich war, weil - er unmöglich war" (p. 184 der "Heiligen Fa-
milie" 1*))? daß, "flüssig" betrachtet, "die Zukunft noch immer
das Werk" der Kritik ist, wenn auch "das Schicksal e n t-
s c h e i d e n mag, wie es will" [43]? daß, flüssig betrachtet,
die Kritik nichts Übermenschliches beging, wenn sie "mit ihren
w a h r e n E l e m e n t e n in einen W i d e r s p r u c h
trat, der in j e n e n E l e m e n t e n b e r e i t s seine
A u f l ö s u n g gefunden h a t t e" [44]?
Allerdings begingen die Verfasser der "Heiligen Familie" die Fri-
volität, alle diese und hundert andre Sätze als Sätze aufzufas-
sen, die einen festen, "kristallinischen" U n s i n n ausdrüc-
ken - aber man muß die Synoptiker "flüssig", d. h. im Sinne ihrer
Verfasser, und beileibe nicht "kristallinisch", d. h. nach ihrem
wirklichen Unsinn lesen, um zu dem wahren Glauben zu kommen und
die Harmonie des kritischen Haushalts zu bewundern.
"Engels und Marx kennen daher auch nur die Kritik der 'Literatur-
Zeitung'" - eine wissentliche Lüge, die beweist, wie "flüssig"
der heilige Mann ein Buch gelesen hat, worin seine letzten Arbei-
ten nur als die Krone seines ganzen "Gearbeitet-Habens" darge-
stellt werden. Aber der Kirchenvater ermangelte der Ruhe, kri-
stallinisch zu lesen, da er in seinen Gegnern Konkurrenten fürch-
tet, die ihm die Kanonisation streitig machen, ihn "aus seiner
Heiligkeit herausziehen wollen, um s i c h heilig zu machen".
Konstatieren wir noch im Vorbeigehen die eine Tatsache, daß nach
der jetzigen Aussage des heiligen Bruno seine "Literatur-Zeitung"
keineswegs die "gesellschaftliche Gesellschaft" zu stiften oder
"gleichsam die letzte Wehmutsträne" der deutschen Ideologie
"darzustellen" bezweckte, noch den Geist in den schärfsten Gegen-
satz zur Masse zu stellen und die kritische Kritik in ihrer
vollen Reinheit zu entwickeln, sondern - "den Liberalismus und
Radikalismus des Jahres 1842 und deren Nachklänge in ihrer Halb-
heit und Phrasenhaftigkeit darzulegen", also die "Nachklänge" ei-
nes bereits Verschollenen zu bekämpfen. Tant de bruit pour une
omelette! 2*) Übrigens zeigt sich gerade hierin wieder die Ge-
schichtsauffassung der deutschen Theorie
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1*) Siehe Bd. 2 unserer Ausgabe, S. 125 - 2*) Soviel Lärm um
einen Eierkuchen!
#96# Karl Marx und Friedrich Engels
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in ihrem "reinsten" Licht. Das Jahr 1842 gilt für die Glanzperi-
ode des Liberalismus in Deutschland, weil sich die Philosophie
damals an der Politik beteiligte. Der Liberalismus verschwindet
für den Kritiker mit dem Aufhören der "Deutschen Jahrbücher" und
der "Rheinischen Zeitung" [45], den Organen der liberalen und ra-
dikalen Theorie. Er läßt nur noch "Nachklänge" zurück, während
erst jetzt, wo das deutsche Bürgertum das wirkliche, durch ökono-
mische Verhältnisse erzeugte Bedürfnis der politischen Macht emp-
findet und zu verwirklichen strebt, während erst jetzt der Libe-
ralismus in Deutschland eine praktische Existenz und damit die
Chance eines Erfolgs hat.
Die tiefe Betrübnis Sankt Brunos über die "Heilige Familie" er-
laubte ihm nicht, diese Schrift "aus sich selbst und durch sich
selbst und mit sich selbst" zu kritisieren. Um seinen Schmerz be-
meistern zu können, mußte er sie sich erst in einer "flüssigen"
Form verschaffen. Diese flüssige Form fand er in einer konfusen
und von Mißverständnissen wimmelnden Rezension im "Westphälischen
Dampfboot", Maiheft, p. 206-214. [27] Alle seine Zitate sind aus
den im "Westphälischen Dampfboot" zitierten Stellen zitiert, und
ohne dasselbige ist Nichts zitiert, was zitiert ist.
Auch die Sprache des heiligen Kritikers ist durch die Sprache des
westfälischen Kritikers bedingt. Zuerst werden sämtliche Sätze,
die der Westfale ("Dampfboot", p. 206) aus der V o r r e d e
anführt, in die "Wigand'sche Vierteljahrsschrift", p. 140, 141,
übertragen. Diese Übertragung bildet den Hauptteil der Bauerschen
Kritik, nach dem alten, schon von Hegel empfohlenen Prinzip:
"Sich auf den gesunden Menschenverstand zu verlassen, und, um üb-
rigens auch mit der Zeit und der Philosophie fortzuschreiten,
R e z e n s i o n e n von philosophischen Schriften, etwa gar
die V o r r e d e n und ersten Paragraphen derselben zu lesen;
denn diese geben die allgemeinen Grundsätze, worauf Alles an-
kommt, und jene neben der historischen Notiz noch die Beurtei-
lung, die sogar, weil sie Beurteilung ist, über das Beurteilte
hinaus ist. Dieser gemeine Weg macht sich im Hausrocke; aber im
hohenpriesterlichen Gewände schreitet das Hochgefühl des Ewigen,
Heiligen, Unendlichen einher, ein Weg",
den Sankt Bruno auch, wie wir sahen, "niedermetzelnd" zu "gehen"
weiß. - Hegel, "Phänomenologie", p. 54.
Der w e s t f ä l i s c h e Kritiker fährt nach einigen Zitaten
aus der Vorrede fort:
"So durch die Vorrede selbst auf den K a m p f p l a t z des
Buches geführt" usw. p. 206.
Der h e i l i g e Kritiker, nachdem er diese Zitate in die
"Wigand'sche Vierteljahrsschrift" übertragen, distinguiert feiner
und sagt:
#97# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. II. Sankt Bruno
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"Das ist das T e r r a i n und der F e i n d, den sich Engels
und Marx zum K a m p f e geschaffen haben."
Der w e s t f ä l i s c h e Kritiker setzt aus der Erörterung
des kritischen Satzes: "Der Arbeiter schafft Nichts" nur den zu-
sammenfassenden S c h l u ß hin.
Der h e i l i g e Kritiker glaubt wirklich, dies sei Alles, was
über den Satz gesagt worden, schreibt p. 141 das westfälische Zi-
tat ab und freut sich der Entdeckung, daß man der Kritik nur
"Behauptungen" entgegengesetzt habe.
Aus der Beleuchtung der kritischen Expektorationen über die Liebe
- schreibt sich der w e s t f ä l i s c h e Kritiker p. 209
erst das corpus delicti 1*) teilweise und dann aus der Widerle-
gung einige Sätze ohne allen Zusammenhang heraus, die er als Au-
torität für seine schwammige, liebesselige Sentimentalität hin-
stellen möchte.
Der h e i l i g e Kritiker schreibt ihm p. 141, 142 alles buch-
stäblich ab, Satz für Satz in der Ordnung, wie sein Vorgänger zi-
tiert.
Der w e s t f ä l i s c h e Kritiker ruft über der Leiche des
Herrn Julius Faucher aus: "Das ist das Los des Schönen auf der
Erde!" [46]
Der h e i l i g e Kritiker darf seine "saure Arbeit" nicht
vollenden, ohne diesen Ausruf p. 142 bei unpassender Gelegenheit
sich anzueignen.
Der w e s t f ä l i s c h e Kritiker gibt p. 212 eine angebli-
che Zusammenfassung der in der "Heiligen Familie" gegen Sankt
Bruno selbst gerichteten Entwicklungen.
Der h e i l i g e Kritiker kopiert diese Siebensachen getrost
und wörtlich mit allen westfälischen Exklamationen. Er denkt
nicht im Traum daran, daß ihm n i r g e n d s in der ganzen
Streitschrift vorgeworfen wird, er "verwandle die Frage der poli-
tischen Emanzipation in die der menschlichen", er "wolle die Ju-
den totschlagen", er "verwandle die Juden in Theologen", er
"verwandle Hegel in Herrn Hinrichs" pp. Gläubig plappert der
h e i l i g e Kritiker dem w e s t f ä l i s c h e n die An-
gabe nach, als erbiete sich M a r x in der "Heiligen Familie"
zur Lieferung eines gewissen scholastischen Traktätleins "als Er-
widerung auf die a l b e r n e S e l b s t a p o t h e o s e
Bauers". Nun kommt die vom heiligen Bruno als Z i t a t ange-
führte "alberne Selbstapotheose" in der ganzen "Heiligen Familie"
nirgends, wohl aber bei dem westfälischen Kritiker vor. Ebensowe-
nig wird das Traktätlein als Erwiderung auf die
"Selbst a p o l o g i e" der Kritik, "Heilige Familie" p. 150-
163, angeboten, sondern erst im folgenden Abschnitt p. 165" bei
Gelegenheit der weltgeschichtlichen Frage, "warum Herr Bauer po-
litisieren m u ß t e?"
Schließlich läßt Sankt Bruno p. 143 Marx als "ergötzlichen Komö-
dianten"
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1*) Beweisstück - 2*) Siehe Bd. 2 unserer Ausgabe, S 105-112 u.
114
#98# Karl Marx und Friedrich Engels
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auftreten, nachdem sein westfälisches Vorbild bereits "das welt-
historische Drama der kritischen Kritik" sieb in die "ergötz-
lichste Komödie" p. 213 hat auflösen lassen.
Siehe, so "dürfen und können" die Gegner der kritischen Kritik es
"wissen, w i e d e r K r i t i k e r g e a r b e i t e t
h a t u n d n o c h a r b e i t e t"!
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