Quelle: MEW 3 1845 - 1846


       zurück

       #98# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       4. Nachruf an "M. Heß"
       
       "Was Engels  und Marx  n o c h  n i c h t  konnten, das vollendet
       M. Heß."
       
       Großer, göttlicher Übergang, der dem heiligen Manne durch das re-
       lative "Können" und "Nichtkönnen" der Evangelisten so fest in den
       Fingern sitzengeblieben  ist, daß  er in  jedem Aufsatze des Kir-
       chenvaters passend oder unpassend seine Stelle finden muß.
       "Was Engels  und Marx  noch nicht konnten, das vollendet M. Heß."
       Und was  ist das "Was", das "Engels und Marx noch nicht konnten"?
       Nun, nichts  mehr und  nichts weniger, als - Stirner kritisieren.
       Und warum  "konnten" Engels  und Marx Stirner "noch nicht" kriti-
       sieren?  Aus  dem  zureichenden  Grunde,  weil  -  Stirners  Buch
       n o c h   n i c h t   e r s c h i e n e n   w a r,   als sie  die
       "Heilige Familie" schrieben.
       Dieser spekulative Kunstgriff, Alles zu konstruieren und das Dis-
       parateste in  einen vorgeblichen  Kausalzusammenhang zu  bringen,
       ist unsrem Heiligen wirklich aus dem Kopf in die Finger gefahren.
       Er erreicht  bei ihm  die gänzliche  Inhaltslosigkeit  und  sinkt
       herab zu  einer burlesken Manier, Tautologien mit wichtiger Miene
       zu  sagen.   Z.B.  schon   in  der   "Allg[emeinen]  Literat[ur]-
       Z[ei]t[un]g" I, 5:
       
       "Der Unterschied  zwischen meiner  Arbeit und  den Blättern,  die
       z.B. ein  Philippson vollschreibt"  (also den  l e e r e n  Blät-
       tern, auf  die "z.B.  ein Philippson"  schreibt), "muß    d a n n
       a u c h   s o   b e s c h a f f e n   s e i n,   w i e   e r  i n
       d e r  T a t  b e s c h a f f e n  i s t"  !!!
       
       "M. Heß",  für dessen  Schriften Engels  und Marx  durchaus keine
       Verantwortlichkeit übernehmen,  ist dem heiligen Kritiker eine so
       merkwürdige Erscheinung,  daß er weiter nichts tun kann als lange
       Stellen aus  den "Letzten Philosophen" abschreiben und das Urteil
       fällen, daß  "diese Kritik  in einzelnen  Punkten  den  Feuerbach
       nicht kapiert  hat  o d e r  a u c h"  (o, Theologie!) "das Gefäß
       sich gegen den Töpfer empören will". Vergl. Römer, 9, 20-21. Nach
       einer erneuerten "sauren Arbeit" des Zitierens kommt unser heili-
       ger Kritiker  dann schließlich zu dem Resultate, daß Heß, weil er
       die  beiden   Worte  "vereinigt"   und  "Entwicklung"  gebraucht,
       H e g e l   abschreibt. Sankt  Bruno mußte  natürlich den  in der
       "Heiligen Familie" gelieferten Nachweis seiner totalen
       
       #99# Deutsche Ideologie - Das Leipziger Konzil. II. Sankt Bruno
       -----
       Abhängigkeit von  Hegel durch einen Umweg auf Feuerbach zurückzu-
       werfen suchen.
       "Siehe, so  mußte Bauer enden! Er hat gegen alle Hegelschen Kate-
       gorien", mit  Ausnahme des  Selbstbewußtseins, "gekämpft, wie und
       was er  nur konnte",  speziell in  dem famosen Literaturzeitungs-
       kampf gegen  Herrn Hinrichs [47]. Wie er sie bekämpft und besiegt
       hat, haben  wir gesehen. Zum Überfluß zitieren wir noch Wigand p.
       110, wo er behauptet, daß die
       
       "wahre" (1)   "A u f l ö s u n g"   (2)  "d e r  G e g e n s ä t-
       z e"   (3) "in Natur und Geschichte" (4), "die wahre Einheit" (5)
       "der getrennten  Relationen" (6), "der wahrhafte" (7) "Grund" (8)
       "und Abgrund"  (9) "der Religion, die wahre  u n e n d l i c h e"
       (10), "unwiderstehliche,  selbstschöpferische" (11)  "Persönlich-
       keit" (12) "noch nicht gefunden ist".
       
       In drei  Zeilen nicht zwei zweifelhafte, wie bei Heß, sondern ein
       volles Dutzend  "wahrer, unendlicher,  unwiderstehliche [r]"  und
       durch "die wahre Einheit der getrennten Relationen" sich als sol-
       che beweisende [r] Hegelschefr] 1*) Kategorien - "siehe, so mußte
       Bauer enden"!  Und wenn  der heilige  Mann in Heß einen gläubigen
       Christen zu  entdecken meint,  nicht weil  Heß "hofft", wie Bruno
       sagt, sondern  weil  er    n i c h t    hofft  und  weil  er  von
       "Auferstehen" spricht, so setzt uns der große Kirchenvater in den
       Stand, ihm  aus  ebenderselben  pagina  110  das  prononcierteste
       J u d e n t u m  nachzuweisen. Er erklärt dort,
       
       "daß der   w i r k l i c h e,   l e b e n d e   u n d    l e i b-
       h a f t i g e   M e n s c h   n o c h   n i c h t   g e b o r e n
       i s t"   !!! (neuer  Aufschluß über  die Bestimmung des "einzigen
       Geschlechts") "und  die erzeugte Zwittergestalt" (Bruno Bauer?!?)
       "noch nicht in stände ist, aller  d o g m a t i s c h e n  F o r-
       m e l n  Herr zu werden" pp. -
       
       d.h., daß  der  M e s s i a s  noch nicht geboren ist, daß  d e s
       M e n s c h e n   S o h n  erst in die Welt kommen soll und diese
       Welt, als  Welt des  Alten Bundes,  noch unter  der Zuchtrute des
       G e s e t z e s,  "der dogmatischen Formeln", steht.
       In derselben Weise, wie Sankt Bruno oben "Engels und Marx" zu ei-
       nem Übergange zu Heß benutzte, dient ihm hier Heß dazu, Feuerbach
       schließlich wieder  in einen Kausalnexus mit seinen Exkursen über
       Stirner, die  "Heilige Familie"  und die "Letzten Philosophen" zu
       bringen:
       
       "Siehe,  so   mußte  Feuerbach  enden!"  "Die  Philosophie  mußte
       f r o m m  enden" pp., Wigand p. 145.
       
       Der wahre  Kausalnexus ist  aber der,  daß diese Exklamation eine
       Nachahmung einer  u.a. gegen  Bauer gerichteten  Stelle aus  Heß'
       "Letzten Philosophen", Vorrede, p. 4, ist:
       -----
       1*) MEGA: beweisende Hegelsche
       
       #100# Karl Marx und Friedrich Engels
       -----
       "So [...]  und nicht  anders mußten  die letzten  Nachkommen  der
       christlichen Asketen [...] Abschied von der Welt nehmen."
                                    ---
       Sankt Bruno  schließt sein Plaidoyer gegen Feuerbach und angebli-
       che Konsorten  mit einer  Anrede an  Feuerbach, worin er ihm vor-
       wirft, er könne nur "ausposaunen", "Posaunenstöße erlassen", wäh-
       rend Monsieur B. Bauer oder Madame la critique 1*), "die erzeugte
       Zwittergestalt" des  unaufhörlichen "Vernichtens" nicht zu erwäh-
       nen,   "a u f   s e i n e m   T r i u m p h w a g e n   f ä h r t
       u n d   n e u e   T r i u m p h e  s a m m e l t"  (p. 125), "vom
       Throne stößt" (p. 119), "niedermetzelt" (p. 111), "niederdonnert"
       (p.  115),   "ein  für   allemal  zugrunde   richtet"  (p.  120),
       "zerschmettert" (p.  121), der  Natur nur zu "vegetieren" erlaubt
       (p. 120), "straffere" (!) "Gefängnisse" baut (p. 104) und endlich
       mit "niedermetzelnder" Kanzelberedsamkeit frischfrommfröhlichfrei
       das "Fixfirmfestbestehende"  p. 105  entwickelt, Feuerbach p. 110
       "das Felsige  und den  Felsen" an  den Kopf wirft und schließlich
       mit einer  Seitenwendung auch  Sankt Max überwindet, indem er die
       "kritische Kritik",  die "gesellschaftliche  Gesellschaft",  "das
       Felsige und  den Felsen"  noch durch  "die abstrakteste Abstrakt-
       heit" und "härteste Härte" p. 124 ergänzt.
       Alles dies  hat Sankt  Bruno vollbracht "durch sich selbst und in
       sich selbst  und mit sich selbst", denn er ist "Er selber", ja er
       ist "stets  und selbst  der Größeste  und kann der Größeste sein"
       (i s t  es und  k a n n  es sein!) "durch sich selbst und in sich
       selbst und mit sich selbst" (p. 136). Sela. 2*)
       Sankt Bruno  wäre für das weibliche Geschlecht allerdings gefähr-
       lich, da  er die "unwiderstehliche Persönlichkeit" ist, fürchtete
       er nicht  "auf der ändern Seite ebensosehr" "die Sinnlichkeit als
       die Schranke,  an der sich der Mensch den  Todes - S t o ß  geben
       muß". Er wird daher "durch sich selbst und in sich selbst und mit
       sich selbst"  wohl keine  Blumen brechen,  sondern sie  verwelken
       lassen in  unbegrenzter Sehnsucht und schmachtender Hysterie nach
       der "unwiderstehlichen  Persönlichkeit", die  "dieses einzige Ge-
       schlecht und  diese einzigen,  bestimmten  Geschlechtsorgane  be-
       sitzt". *)
       -----
       *) [Im Manuskript gestrichen:]
       5. Sankt Bruno auf seinem "Triumphwagen"
       Ehe wir unseren "siegreichen und siegsgewissen" Kirchenvater ver-
       lassen, treten wir für einen Augenblick unter die gaffende Masse,
       die ebenso  eifrig herbeiläuft,  wenn er "auf seinem Triumphwagen
       fährt und  neue Triumphe sammelt", als wenn der General Tom Thumb
       mit seinen  vier Ponies  eine Diversion  macht. Wenn wir einzelne
       Gassenlieder brummen  hören, so  "liegt es  doch im  Begriff" des
       Triumphats "überhaupt", mit Gassenliedern empfangen zu [werden.]
       -----
       1*) Frau Kritik - 2*) abgemacht; Schluß!

       zurück