Quelle: MEW 4 Mai 1846 - März 1848
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ZWEITES KAPITEL
Die Metaphysik der politischen Ökonomie
§ 1. Die Methode
Wir befinden uns jetzt mitten in Deutschland! Wir werden Metaphy-
sik treiben müssen, wo und während wir politische Ökonomie trei-
ben. Und auch hierin folgen wir nur den "Widersprüchen" des Herrn
Proudhon. Soeben zwang er uns noch, englisch zu sprechen, selbst
ein wenig Engländer zu werden. Jetzt ändert sich die Szene. Herr
Proudhon versetzt uns in unser geliebtes Vaterland und zwingt
uns, wieder einmal in unserer Eigenschaft als Deutscher wider
Willen aufzutreten.
Wenn der Engländer die Menschen in Hüte verwandelt, so verwandelt
der. Deutsche die Hüte in Ideen. Der Engländer ist Ricardo, der
reiche Bankier und ausgezeichnete Ökonom. Der Deutsche ist Hegel,
simpler Professor der Philosophie an der Universität zu Berlin.
Ludwig XV., der letzte absolute König und der Repräsentant des
Verfalls des französischen Königtums, hatte einen Leibarzt, der
der erste Ökonom Frankreichs war. Dieser Arzt, dieser Ökonom, re-
präsentierte den bevorstehenden und sichern Triumph der französi-
schen Bourgeoisie. Der Arzt Quesnay hat die politische Ökonomie
zu einer Wissenschaft gemacht; er hat sie in seinem berühmten
"Ökonomischen Tableau" zusammengefaßt. Neben den tausendundein
Kommentaren, die zu diesem Tableau erschienen sind, besitzen wir
einen von Quesnay selbst. Es ist dies die "Analyse des ökonomi-
schen Tableau", der "sieben w i c h t i g e B e m e r k u n-
g e n" [57] angehängt sind.
Herr Proudhon ist ein zweiter Doktor Quesnay. Er ist der Quesnay
der Metaphysik der politischen Ökonomie.
Nun faßt sich nach Hegel die Metaphysik, die ganze Philosophie,
in der Methode zusammen. Wir müssen daher suchen, die Methode des
Herrn Proudhon klarzustellen, die mindestens ebenso dunkel ist
wie das "Ökonomische Tableau". Wir werden deshalb sieben mehr
oder weniger wichtige
#126# Karl Marx
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Bemerkungen folgen lassen. Wenn Herr Doktor Proudhon mit unseren
Bemerkungen nicht zufrieden ist, so möge er den Abbé Baudeau
spielen und selbst die "Erklärung der ökonomisch-metaphysischen
Methode" [58] geben.
Erste Bemerkung
"Wir geben keine G e s c h i c h t e n a c h d e r O r d-
n u n g d e r Z e i t, sondern n a c h d e r F o l g e
d e r I d e e n. Die ökonomischen P h a s e n oder K a t e-
g o r i e n treten in ihrer M a n i f e s t a t i o n bald
gleichzeitig, bald in verkehrter Reihenfolge auf... Die öko-
nomischen Theorien haben nicht minder ihre l o g i s c h e
A b f o l g e und ihre G l i e d e r u n g i n d e r
V e r n u n f t; diese Ordnung schmeicheln wir uns entdeckt zu
haben." (Proudhon, Bd. I, S. [145-]146.)
Ganz sicher hat Herr Proudhon den Franzosen einen Schreck einja-
gen wollen, indem er ihnen quasi Hegelsche Phrasen an den Kopf
warf. Wir haben also mit zwei Männern zu tun: zuerst mit Herrn
Proudhon und dann mit Hegel. Wodurch zeichnet sich Herr Proudhon
vor den anderen Ökonomen aus? Und welche Rolle spielt Hegel in
der politischen Ökonomie des Herrn Proudhon?
Die Ökonomen stellen die bürgerlichen Produktionsverhältnisse,
Arbeitsteilung, Kredit, Geld etc., als fixe, unveränderliche,
ewige Kategorien hin. Herr Proudhon, der diese Kategorien fertig
vorfindet, will uns den Akt der Bildung und Erzeugung dieser Ka-
tegorien, Prinzipien, Gesetze, Ideen, Gedanken explizieren.
Die Ökonomen erklären uns, wie man unter den obigen gegebenen
Verhältnissen produziert; was sie uns aber nicht erklären, ist,
wie diese Verhältnisse selbst produziert werden, d.h. die histo-
rische Bewegung, die sie ins Leben ruft. Herr Proudhon, der diese
Verhältnisse als Prinzipien, als Kategorien, als abstrakte Gedan-
ken nimmt, hat nur diese Gedanken in eine bestimmte
O r d n u n g zu bringen, die sich bereits in alphabetischer
Reihenfolge am Schlüsse jeder Abhandlung über politische Ökonomie
vorfinden. Die Materialien der Ökonomen sind das bewegte und be-
wegende Leben der Menschen; die Materialien des Herrn Proudhon
sind die Dogmen der Ökonomen. Sobald man aber die historische
Entwicklung der Produktionsverhältnisse nicht verfolgt - und die
Kategorien sind nur der theoretische Ausdruck derselben -; sobald
man in diesen Kategorien nur von selbst entstandene Ideen, von
den wirklichen Verhältnissen unabhängige Gedanken sieht, ist man
wohl oder übel gezwungen, den Ursprung dieser Gedanken in die Be-
wegung der reinen Vernunft zu verlegen. Wie erzeugt die reine,
ewige, unpersönliche Vernunft diese Gedanken? Wie stellt sie es
an, um sie zu erzeugen?
#127# Das Elend der Philosophie
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Hätten wir die Unerschrockenheit des Herrn Proudhon in Sachen des
Hegelianismus, so würden wir sagen: Sie unterscheidet sich in
sich selbst von sich selbst. Was will das sagen? Da die unpersön-
liche Vernunft außer sich weder einen Boden hat, auf den sie sich
stellen kann, noch ein Objekt, dem sie sich entgegenstellen kann,
noch ein Subjekt, mit dem sie sich verbinden kann, sieht sie sich
gezwungen, einen Purzelbaum zu schlagen und sich selbst zu ponie-
ren, zu opponieren und zu komponieren - Position, Opposition,
Komposition. Um griechisch zu sprechen, haben wir These, Anti-
these und Synthese. Für die, welche die Hegelsche Sprache nicht
kennen, lassen wir die Weihungsformel folgen: Affirmation, Nega-
tion, Negation der Negation. Das nennt man reden. Es ist zwar
kein Hebräisch, mit Verlaub des Herrn Proudhon; aber es ist die
Sprache dieser reinen, vom Individuum getrennten Vernunft. An
Stelle des gewöhnlichen Individuums und seiner gewöhnlichen Art
zu reden und zu denken, haben wir lediglich diese gewöhnliche Art
an sich, ohne das Individuum.
Ist es zum Verwundern, daß in letzter Abstraktion - denn es han-
delt sich um Abstraktion, nicht um Analyse - jedes Ding sich als
logische Kategorie darstellt? Ist es zum Verwundern, daß, wenn
man nach und nach alles fallen läßt, was die Individualität eines
Hauses ausmacht, wenn man von den Baustoffen absieht, woraus es
besteht, von der Form, die es auszeichnet, man schließlich nur
noch einen Körper vor sich hat; daß, wenn man von den Umrissen
dieses Körpers absieht, man schließlich nur einen Raum hat; daß,
wenn man endlich von den Dimensionen dieses Raumes abstrahiert,
man zum Schluß nichts mehr übrig hat als die Quantität an sich,
die logische Kategorie der Quantität? Wenn wir solchermaßen kon-
sequent abstrahieren, von jedem Subjekt, von allen seinen beleb-
ten oder unbelebten angeblichen Akzidenzien, Menschen oder Din-
gen, so haben wir ein Recht zu sagen, daß man in letzter Abstrak-
tion nur noch die logischen Kategorien als Substanz übrigbehält.
So haben die Metaphysiker, die sich einbilden, vermittelst sol-
cher Abstraktionen zu analysieren, und die, je mehr sie sich von
den Gegenständen entfernen, sie desto mehr zu durchdringen wähnen
- diese Metaphysiker haben ihrerseits recht zu sagen, daß die
Dinge dieser Welt nur Stickereien sind auf einem Stramingewebe,
gebildet durch die logischen Kategorien. Da haben wir den Unter-
schied zwischen dem Philosophen und dem Christen. Der Christ
kennt nur eine Fleischwerdung des L o g o s 1*), trotz der Lo-
gik; der Philosoph kommt mit den Fleischwerdungen gar nicht zu
Ende. Daß alles, was existiert, daß alles, was auf der Erde und
im Wasser lebt, durch Abstraktion auf eine
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1*) Wortes
#128# Karl Marx
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logische Kategorie zurückgeführt werden kann, daß man auf diese
Art die gesamte wirkliche Welt ersäufen kann in der Welt der Ab-
straktionen, der Welt der logischen Kategorien - wen wundert das?
Alles, was existiert, alles, was auf der Erde und im Wasser lebt,
existiert nur, lebt nur vermittelst irgendwelcher Bewegung. So
erzeugt die Bewegung der Geschichte die sozialen Beziehungen 1*),
die industrielle Bewegung gibt uns die industriellen Produkte
etc.
Ebenso wie wir durch Abstraktion jedes Ding in eine logische Ka-
tegorie verwandelt haben, braucht man nur von jeder unterschei-
denden Eigenschaft der verschiedenen Bewegungen zu abstrahieren,
um zur Bewegung im abstrakten Zustande, zur rein formellen Bewe-
gung, zu der rein logischen Formel der Bewegung zu gelangen. Hat
man erst in den logischen Kategorien das Wesen aller Dinge gefun-
den, so bildet man sich ein, in der logischen Formel der Bewegung
die a b s o l u t e M e t h o d e zu finden, die nicht nur
alle Dinge erklärt, sondern die auch die Bewegung der Dinge um-
faßt.
Es ist dies die absolute Methode, von der Hegel sagt:
"Die Methode ist die absolute, die einzige, die höchste, unendli-
che Kraft, der kein Ding widerstehen kann. Sie ist die Tendenz
der Vernunft, sich selbst in jedem Dinge wiederzufinden, wieder-
zuerkennen."[59] ("Logik", Bd. III, [S. 320-321].)
Ist jedes Ding auf eine logische Kategorie und jede Bewegung, je-
der Produktionsakt auf die Methode reduziert, so folgt daraus,
daß jeder Zusammenhang von Produkten und Produktion, von Dingen
und Bewegung sich auf eine angewandte Metaphysik reduziert. Was
Hegel für die Religion, das Recht etc. getan hat, sucht Herr
Proudhon für die politische Ökonomie zu tun.
Was ist somit diese absolute Methode? Die Abstraktion der Bewe-
gung. Was ist die Abstraktion der Bewegung? Die Bewegung im ab-
strakten Zustande. Was ist die Bewegung im abstrakten Zustande?
Die rein logische Formel der Bewegung oder die Bewegung der rei-
nen Vernunft. Worin besteht die Bewegung der reinen Vernunft?
Sich zu setzen, sich sich selbst entgegenzusetzen, und schließ-
lich wieder sich mit sich selbst in eins zu setzen, sich als
These, Antithese, Synthese zu formulieren, oder schließlich sich
zu setzen, sich zu negieren und ihre Negation zu negieren.
Wie stellt es die Vernunft an, um sich als bestimmte Kategorie
hinzustellen, zu setzen? Das ist die Sache der Vernunft selbst
und ihrer Apologeten.
Aber, einmal dahin gelangt, sich als These zu setzen, spaltet
sich diese
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1*) (1847) rapports (siehe Anmerkung 45)
#129# Das Elend der Philosophie
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These, indem sie sich selbst entgegenstellt, in zwei widerspre-
chende Gedanken, in Positiv und Negativ, in Ja und Nein. Der
Kampf dieser beiden gegensätzlichen, in der Antithese enthaltenen
Elemente bildet die dialektische Bewegung. Das Ja wird Nein, das
Nein wird Ja, das Ja wird gleichzeitig Ja und Nein, das Nein wird
gleichzeitig Nein und Ja; auf diese Weise halten sich die Gegen-
sätze die Waage, neutralisieren sie sich, heben sie sich auf. Die
Verschmelzung dieser beiden widersprechenden Gedanken bildet
einen neuen Gedanken, die Synthese derselben. Dieser neue Gedanke
spaltet sich wiederum in zwei widersprechende Gedanken, die ih-
rerseits wiederum eine neue Synthese bilden. Aus dieser Zeugungs-
arbeit erwächst eine Gruppe von Gedanken. Diese Gedankengruppe
verfolgt dieselbe dialektische Bewegung wie eine einfache Katego-
rie und hat zur Antithese eine gegensätzliche Gruppe. Aus diesen
zwei Gedankengruppen entsteht eine neue Gedankengruppe, die Syn-
these beider.
Wie aus der dialektischen Bewegung der einfachen Kategorien die
Gruppe entsteht, so entsteht aus der dialektischen Bewegung der
Gruppen die Reihe (série) und aus der dialektischen Bewegung der
Reihen das ganze System.
Man wende diese Methode auf die Kategorien der politischen Ökono-
mie an, und man hat die Logik und die Metaphysik der politischen
Ökonomie, oder mit anderen Worten: Man hat die aller Welt bekann-
ten ökonomischen Kategorien in eine wenig bekannte Sprache über-
setzt, in der sie aussehen, als seien sie soeben funkelneu einem
reinen Vernunftskopf entsprungen; dergestalt scheinen diese Kate-
gorien einander zu erzeugen, sich zu verketten und aneinander-
zugliedern, vermittelst der bloßen Tätigkeit der dialektischen
Bewegung. Der Leser braucht indes vor dieser Metaphysik mit ihrem
ganzen Gerüst von Kategorien, Gruppen, Serien und Systemen nicht
zu erschrecken. Trotz aller der sauren Arbeit, womit Herr Proud-
hon die Höhe dieses S y s t e m s d e r W i d e r s p r ü-
c h e zu erklimmen strebt, bringt er es doch nie über die zwei
ersten Stufen der einfachen These und Antithese; und auch sie hat
er nur zweimal erstiegen, bei welcher Gelegenheit er einmal
obendrein auf den Rücken gefallen ist.
Auch haben wir bis jetzt nur die Dialektik Hegels auseinanderge-
setzt; wir werden später sehen, wie Herr Proudhon es fertig-
bringt, sie auf das kläglichste Maß herunterzubringen. So ist für
Hegel alles, was geschehen ist und noch geschieht, genau das, was
in seinem eigenen Denken vor sich geht. So ist die Philosophie
der Geschichte nur mehr die Geschichte der Philosophie, seiner
eigenen Philosophie. Es gibt keine "Geschichte nach der Ordnung
der Zeit" mehr, sondern nur noch die "Aufeinanderfolge der Ideen
in der
#130# Karl Marx
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Vernunft". Er glaubt, die Welt mittelst der Bewegung des Gedan-
kens konstruieren zu können, während er nur die Gedanken, die in
jedermanns Kopf sind, systematisch rekonstruiert und nach der ab-
soluten Methode klassifiziert.
Zweite Bemerkung
Die ökonomischen Kategorien sind nur die theoretischen Ausdrücke,
die Abstraktionen der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse.
Herr Proudhon stellt als echter Philosoph die Dinge auf den Kopf
und sieht in den wirklichen Verhältnissen nur die Fleischwerdung
jener Prinzipien, jener Kategorien, die, wie uns wiederum Herr
Proudhon, der Philosoph, sagt, im Schoß der "unpersönlichen Ver-
nunft der Menschheit" schlummerten.
Herr Proudhon, der Ökonom, hat ganz gut begriffen, daß die Men-
schen Tuch, Leinwand, Seidenstoffe unter bestimmten Produktions-
verhältnissen anfertigen. Aber was er nicht begriffen hat, ist,
daß diese bestimmten sozialen Verhältnisse ebensogut Produkte der
Menschen sind wie Tuch, Leinen etc. Die sozialen Verhältnisse
sind eng verknüpft mit den Produktivkräften. Mit der Erwerbung
neuer Produktivkräfte verändern die Menschen ihre Produktions-
weise, und mit der Veränderung der Produktionsweise, der Art, ih-
ren Lebensunterhalt zu gewinnen, verändern sie alle ihre gesell-
schaftlichen Verhältnisse. Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft
mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industri-
ellen Kapitalisten.
Aber dieselben Menschen, welche die sozialen Verhältnisse gemäß
ihrer materiellen Produktivität 1*) gestalten, gestalten auch die
Prinzipien, die Ideen, die Kategorien gemäß ihren gesellschaftli-
chen Verhältnissen.
Somit sind diese Ideen, diese Kategorien, ebensowenig ewig wie
die Verhältnisse, die sie ausdrücken. Sie sind h i s t o r i-
s c h e, v e r g ä n g l i c h e, v o r ü b e r g e h e n d e
P r o d u k t e.
Wir leben inmitten einer beständigen Bewegung des Anwachsens der
Produktivkräfte, der Zerstörung sozialer Verhältnisse, der Bil-
dung von Ideen; unbeweglich ist nur die Abstraktion von der Bewe-
gung - "mors immortalis" [60].
Dritte Bemerkung
Die Produktionsverhältnisse jeder Gesellschaft bilden ein Ganzes.
Herr Proudhon betrachtet die ökonomischen Verhältnisse als ebenso
viele soziale Phasen, die einander erzeugen, von denen die eine
aus der anderen sich ergibt,
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1*) (1847) productivité materielle; (1885, 1892 u. 1895) Produk-
tionsweise
#131# Das Elend der Philosophie
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wie die Antithese aus der These, und die in ihrer logischen Auf-
einanderfolge die unpersönliche Vernunft der Menschheit verwirk-
lichen.
Der einzige Übelstand bei dieser Methode ist der, daß Herr Proud-
hon, sobald er eine einzelne dieser Phasen getrennt untersuchen
will, er sie nicht erklären kann, ohne auf die anderen gesell-
schaftlichen Verhältnisse zurückzukommen, obwohl er diese Ver-
hältnisse noch nicht vermittelst seiner dialektischen Bewegung
bat entstehen lassen. Wenn Herr Proudhon dann mittelst der reinen
Vernunft zur Erzeugung der anderen Phasen übergeht, so stellt er
sich, als ob er neugeborene Kinder vor sich habe, und vergißt,
daß sie ebenso alt sind wie die erste.
So konnte er, um zur Konstituierung des Wertes zu gelangen, die
für ihn die Grundlage aller ökonomischen Entwicklung ist, die Ar-
beitsteilung, die Konkurrenz etc. nicht entbehren. In der
S e r i e, in der V e r n u n f t des Herrn Proudhon, in der
l o g i s c h e n A u f e i n a n d e r f o l g e sind diese
Beziehungen aber noch gar nicht vorhanden.
Sobald man mit den Kategorien der politischen Ökonomie das Ge-
bäude eines ideologischen Systems errichtet, verrenkt man die
Glieder des gesellschaftlichen Systems. Man verwandelt die ver-
schiedenen Teilstücke der Gesellschaft in ebenso viele Gesell-
schaften für sich, von denen eine nach der anderen auftritt. Wie
kann in der Tat die logische Formel der Bewegung, der Aufeinan-
derfolge, der Zeit allein den Gesellschaftskörper erklären, in
dem alle Beziehungen gleichzeitig existieren und einander stüt-
zen?
Vierte Bemerkung
Sehen wir nunmehr, welchen Änderungen Herr Proudhon die Dialektik
Hegels unterwirft, sobald er sie auf die politische Ökonomie an-
wendet.
Für Herrn Proudhon hat jede ökonomische Kategorie zwei Seiten,
eine gute und eine schlechte. Er betrachtet die Kategorien, wie
der Spießbürger die großen Männer der Geschichte betrachtet:
N a p o l e o n ist ein großer Mann, er hat viel Gutes getan, er
hat auch viel Schlechtes getan.
Die g u t e S e i t e und die s c h l e c h t e S e i t e,
der V o r t e i l und der N a c h t e i l zusammengenommen
bilden für Herrn Proudhon den W i d e r s p r u c h in jeder
ökonomischen Kategorie.
Zu lösendes Problem: Die gute Seite bewahren und die schlechte
beseitigen.
Die S k l a v e r e i ist eine ökonomische Kategorie wie eine
andere. Sie hat also gleichfalls ihre zwei Seiten. Halten wir uns
nicht bei der schlechten Seite auf und sprechen wir von der schö-
nen Seite der Sklaverei. Wohlverstanden, es
#132# Karl Marx
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handelt sich hier nur um die direkte Sklaverei, um die Sklaverei
der Schwarzen in Surinam, in Brasilien, in den Südstaaten Nord-
amerikas.
Die direkte Sklaverei ist der Angelpunkt der bürgerlichen Indu-
strie, ebenso wie die Maschinen etc. Ohne Sklaverei keine Baum-
wolle; ohne Baumwolle keine moderne Industrie. Nur die Sklaverei
hat den Kolonien ihren Wert gegeben; die Kolonien haben den Welt-
handel geschaffen; und der Welthandel ist die Bedingung der Groß-
industrie. So ist die Sklaverei eine ökonomische Kategorie von
der höchsten Wichtigkeit.
Ohne die Sklaverei würde Nordamerika, das vorgeschrittenste Land,
sich in ein patriarchalisches Land verwandeln. Man streiche Nord-
amerika von der Weltkarte, und man hat die Anarchie, den voll-
ständigen Verfall des Handels und der modernen Zivilisation. Laßt
die Sklaverei verschwinden, und ihr streicht Amerika von der
Weltkarte. *)
So hat die Sklaverei, weil sie eine ökonomische Kategorie ist,
stets in den Institutionen der Völker figuriert. Die modernen
Völker haben die Sklaverei in ihren Ländern lediglich zu maskie-
ren gewußt, während sie sie in der Neuen Welt unverhüllt einge-
führt haben.
Wie wird es Herr Proudhon anfangen, die Sklaverei zu retten? Er
wird das P r o b l e m stellen: die gute Seite dieser ökonomi-
schen Kategorie zu erhalten und die schlechte auszumerzen.
Hegel hat keine Probleme zu stellen. Er kennt nur die Dialektik.
Herr Proudhon hat von der Hegelschen Dialektik nur die Redeweise.
Seine eigene dialektische Methode besteht in der dogmatischen Un-
terscheidung von gut und schlecht.
Nehmen wir einmal Herrn Proudhon selbst als Kategorie; untersu-
chen wir seine gute und seine schlechte Seite, seine Vorteile und
seine Nachteile.
Wenn er vor Hegel den Vorteil voraus hat, Probleme zu stellen,
die er sich vorbehält zum Besten der Menschheit zu lösen, so hat
er den Nachteil
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*) Dies war vollkommen richtig für das Jahr 1847. Damals be-
schränkte sich der Welthandel der Vereinigten Staaten hauptsäch-
lich auf die Einfuhr von Einwanderern und Industneprodukten und
auf die Ausfuhr von Baumwolle und Tabak, also von Produkten der
südlichen Sklavenarbeit. Die nördlichen Staaten produzierten
hauptsächlich Korn und Fleisch für die Sklavenstaaten. Erst seit-
dem der Norden Korn und Fleisch für die Ausfuhr produzierte und
daneben ein Industrieland wurde und seitdem dem amerikanischen
Baumwollmonopol in Indien, Ägypten, Brasilien etc. eine mächtige
Konkurrenz entstanden, war die Abschaffung der Sklaverei möglich.
Und selbst dann hatte sie zur Folge den Ruin des Südens, dem es
nicht gelungen ist, die offene Negersklaverei durch die verdeckte
Sklaverei indischer und chinesischer Kulis zu ersetzen. F.E.
#133# Das Elend der Philosophie
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vollständiger Unfruchtbarkeit, sobald es sich darum handelt,
durch die Tätigkeit der dialektischen Zeugung eine neue Kategorie
ins Leben zu rufen. Was die dialektische Bewegung ausmacht, ist
gerade das Nebeneinanderbestehen der beiden entgegengesetzten
Seiten, ihr Widerstreit und ihr Aufgehen in eine neue Kategorie.
Sowie man sich nur das Problem stellt, die schlechte Seite auszu-
merzen, schneidet man die dialektische Bewegung entzwei. Es ist
nicht die Kategorie mehr, die sich hier selbst, infolge ihrer wi-
derspruchsvollen Natur, setzt und entgegensetzt; es ist vielmehr
Herr Proudhon, der zwischen den beiden Seiten sich hin- und her-
zerrt, zerarbeitet und abquält.
So in einer Sackgasse gefangen, aus der es schwer ist mittelst
erlaubter Mittel freizukommen, macht Herr Proudhon plötzlich
einen wahren Riesenkraftsprung, der ihn mit einem einzigen Satz
in eine neue Kategorie versetzt. Und nun enthüllt sich vor seinen
erstaunten Augen die R e i h e n f o l g e i n d e r V e r-
n u n f t.
Er nimmt die erste beste Kategorie und legt ihr willkürlich die
Eigenschaft bei, den Nachteilen der Kategorie abzuhelfen, die er
weißzuwaschen hat. So beseitigen die Steuern, wenn wir nämlich
Herrn Proudhon glauben, die Nachteile des Monopols; die Handels-
bilanz die Nachteile der Steuern; der Grundbesitz die Nachteile
des Kredits.
Indem er so nach und nach die ökonomischen Kategorien einzeln
vornimmt und aus der einen das G e g e n g i f t der anderen
macht, bringt es Herr Proudhon fertig, mit diesem Mischmasch von
Widersprüchen und Gegenmitteln für Widersprüche zwei Bände Wider-
sprüche herzustellen, die er ganz richtig betitelt: "System der
ökonomischen Widersprüche".
Fünfte Bemerkung
"In der absoluten Vernunft sind alle diese Ideen ... gleich ein-
fach und generell... In der Tat gelangen wir zur Wissenschaft nur
dadurch, daß wir unsere Ideen zu einer A r t v o n G e r ü s t
aufbauen. Aber die Wahrheit an sich ist unabhängig von diesen
dialektischen Figuren und frei von den Kombinationen unseres Gei-
stes." (Proudhon, Bd. II, S. 97.)
Da sehen wir plötzlich, vermittelst einer Kehrtwendung, deren Ge-
heimnis wir jetzt kennen, die Metaphysik der politischen Ökonomie
zur Illusion geworden! Niemals hat Herr Proudhon wahrer gespro-
chen. Ganz gewiß, von dem Augenblick an, wo der Prozeß der dia-
lektischen Bewegung sich reduziert auf die einfache Prozedur, Gut
und Schlecht einander gegenüberzuhalten, Probleme zu stellen, die
darauf hinauskommen, das Schlechte auszumerzen und eine Kategorie
als Gegengift gegen die andere zu verabreichen, von da an
#134# Karl Marx
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haben die Kategorien keine Selbsttätigkeit mehr; die Idee
"f u n k t i o n i e r t nicht mehr", es ist kein Leben mehr in
ihr. Weder setzt noch zersetzt sie sich fernerhin in Kategorien.
Die Aufeinanderfolge der Kategorien hat sich verwandelt in ein
bloßes G e r ü s t. Die Dialektik ist nicht mehr die Bewegung
der absoluten Vernunft. Es gibt keine Dialektik mehr, es gibt
höchstens nur noch pure Moral.
Als Herr Proudhon von der R e i h e n f o l g e i m V e r-
s t a n d e, von der l o g i s c h e n A u f e i n a n-
d e r f o l g e d e r K a t e g o r i e n sprach, erklärte er
positiv, daß er nicht die G e s c h i c h t e n a c h d e r
O r d n u n g d e r Z e i t geben wolle, das heißt nach Herrn
Proudhon die historische Aufeinanderfolge, in welcher die
Kategorien s i c h o f f e n b a r t haben. Alles vollzog sich
damals für ihn in dem r e i n e n Ä t h e r d e r V e r-
n u n f t. Alles sollte sich mittelst der Dialektik aus diesem
reinen Äther ableiten. Jetzt, wo es sich darum handelt, diese
Dialektik in die Praxis zu übersetzen, läßt ihn die Vernunft im
Stich. Die Dialektik des Herrn Proudhon schlägt der Dialektik
Hegels ein Schnippchen, und so muß Herr Proudhon uns mitteilen,
daß die Ordnung, in der er uns die ökonomischen Kategorien gibt,
nicht mehr die Ordnung ist, in der sie sich auseinanderent-
wickeln. Die ökonomischen Evolutionen sind nicht mehr die
Evolutionen der reinen Vernunft.
Was denn gibt uns eigentlich Herr Proudhon? Die wirkliche Ge-
schichte, das heißt nach dem Verstande des Herrn Proudhon die
Aufeinanderfolge, in der sich die Kategorien in der Zeitordnung
o f f e n b a r t haben? Nein. Die Geschichte, wie sie sich in
der Idee selbst vollzieht? Noch weniger. Also weder die profane
Geschichte der Kategorien noch ihre heilige Geschichte! Welche
Geschichte gibt er uns denn nun? Die Geschichte seiner eigenen
Widersprüche. Sehen wir, wie sie marschieren und Herrn Proudhon
hinter sich herschleppen.
Bevor wir uns an diese Untersuchung machen, welche zu der sech-
sten wichtigen Bemerkung Veranlassung gibt, haben wir noch eine
weniger wichtige Bemerkung zu machen.
Nehmen wir einmal mit Herrn Proudhon an, die wirkliche Geschichte
nach der Zeitordnung sei die historische Aufeinanderfolge, in
welcher die Ideen, die Kategorien, die Prinzipien sich offenbart
haben.
Jedes Prinzip hat sein Jahrhundert gehabt, worin es sich ent-
hüllte. Das Autoritätsprinzip hat z.B. das 11. Jahrhundert gehabt
wie das Prinzip des Individualismus das 18. Folgerichtigerweise
gehörte das Jahrhundert dem Prinzip, nicht das Prinzip dem Jahr-
hundert. Mit anderen Worten: Das Prinzip macht die Geschichte,
nicht die Geschichte das Prinzip. Fragt man sich endlich, um
Prinzipien wie Geschichte zu retten: warum dieses Prinzip sich
gerade im 11. oder im 18. Jahrhundert und nicht in irgendeinem
ändern offenbart
#135# Das Elend der Philosophie
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hat, so sieht man sich notwendigerweise gezwungen, im einzelnen
zu untersuchen, welches die Menschen des 11. und die des 18.
Jahrhunderts waren, welches ihre jedesmaligen Bedürfnisse, ihre
Produktivkräfte, ihre Produktionsweise, die Rohstoffe ihrer Pro-
duktion, welches endlich die Beziehungen von Mensch zu Mensch wa-
ren, die aus allen diesen Existenzbedingungen hervorgingen. Alle
diese Fragen ergründen, heißt das nicht, die wirkliche, profane
Geschichte der Menschen eines jeden Jahrhunderts erforschen,
diese Menschen darstellen, wie sie in einem Verfasser und Schau-
steller ihres eigenen Dramas waren? Aber von dem Augenblick an,
wo man die Menschen als die Schausteller und Verfasser ihrer ei-
genen Geschichte hinstellt, ist man auf einem Umweg zum wirkli-
chen Ausgangspunkt zurückgekehrt, weil man die ewigen Prinzipien
fallengelassen hat, von denen man ausging.
Aber Herr Proudhon hat sich nicht einmal weit genug vorgewagt auf
dem Querpfad, den der Ideologe einschlägt, um die große Heer-
straße der Geschichte zu gewinnen.
Sechste Bemerkung
Schlagen wir mit Herrn Proudhon den Querpfad ein.
Wir wollen annehmen, daß die ökonomischen Beziehungen, als u n-
w a n d e l b a r e G e s e t z e, als e w i g e P r i n-
z i p i e n, als i d e a l e K a t e g o r i e n betrachtet,
früher da waren als die tätigen und handelnden Menschen; wir
wollen sogar annehmen, daß diese Gesetze, diese Prinzipien, diese
Kategorien von Anbeginn der Zeit an "in der unpersönlichen
Vernunft der Menschheit" geschlummert haben. Wir haben bereits
gesehen, daß es bei diesen unwandelbaren, unveränderlichen Ewig-
keiten keine Geschichte mehr gibt; es gibt höchstens eine
Geschichte in der Idee, d.h. die Geschichte, die sich in der
dialektischen Bewegung der reinen Vernunft abspiegelt. Damit
aber, daß Herr Proudhon sagt, in der dialektischen Bewegung
"d i f f e r e n z i e r t e n" sich die Ideen nicht mehr, hat
er sowohl den S c h a t t e n d e r B e w e g u n g wie die
B e w e g u n g d e r S c h a t t e n ausgestrichen, mittelst
deren man noch allenfalls etwas hätte zuwege bringen können, was
nach Geschichte aussieht. Statt dessen schiebt er der Geschichte
seine eigene Ohnmacht in die Schuhe, er schiebt die Schuld auf
alles, sogar auf die französische Sprache.
"Es stimmt also nicht genau", sagt Herr Proudhon, der Philosoph,
"wenn man sagt, daß irgend etwas s i c h e r e i g n e t, daß
irgend etwas p r o d u z i e r t w i r d: In der Zivilisation
wie im Weltall existiert alles, wirkt alles von jeher ... Es ver-
hält sich ebenso mit der ganzen Sozialökonomie." (Bd. II, S.
102.)
So gewaltig ist die schöpferische Kraft der Widersprüche, die auf
Herrn Proudhon w i r k e n und ihn wirken machen, daß er da, wo
er die Geschichte
#136# Karl Marx
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erklären will, sich gezwungen sieht, sie zu leugnen, daß, wo er
die Aufeinanderfolge der sozialen Verhältnisse erklären will, er
leugnet, daß e t w a s s i c h e r e i g n e n kann, daß, wo
er die Produktion in allen ihren Phasen erklären will, er be-
streitet, daß e t w a s p r o d u z i e r t w e r d e n
k a n n.
So gibt es für Herrn Proudhon weder Geschichte noch Aufeinander-
folge der Ideen, und doch ist sein Buch noch da; und just dieses
Buch ist, nach seinen eigenen Worten, "die Geschichte nach der
Aufeinanderfolge der Ideen". Wie eine Formel finden - denn Herr
Proudhon ist der Mann der Formeln -, die ihm erlaubt, m i t
e i n e m S p r u n g über all seine Widersprüche hinwegzuset-
zen?
Zu diesem Zweck hat er eine neue Vernunft erfunden, die weder die
reine und jungfräuliche absolute Vernunft noch die gemeine Ver-
nunft der in den verschiedenen Jahrhunderten auftretenden und
handelnden Menschen ist, sondern eine ganz absonderliche Ver-
nunft, die Vernunft der Gesellschaft als Person, der
M e n s c h h e i t als Subjekt, die unter der Feder des Herrn
Proudhon auch zuweilen als "G e n i u s d e r G e s e l l-
s c h a f t", als "a l l g e m e i n e V e r n u n f t", und
in letzter Linie "V e r n u n f t d e r M e n s c h h e i t"
sich vorführt. Diese, mit soviel Namen ausstaffierte Vernunft
verrät sich jedoch bei jeder Gelegenheit als die individuelle
Vernunft des Herrn Proudhon mit ihrer guten und ihrer schlech-
ten Seite, ihren Gegengiften und ihren Problemen.
"Die menschliche Vernunft schafft nicht die Wahrheit", die in den
Tiefen der absoluten, ewigen Vernunft sich verbirgt. Sie kann sie
nur enthüllen. Aber die Wahrheiten, die sie bis jetzt enthüllt
hat, sind unvollständig, unzulänglich und folglich widerspre-
chend. Somit sind auch die ökonomischen Kategorien selbst nur von
der Vernunft der Menschheit, von dem Genius der Gesellschaft ent-
deckte und enthüllte Wahrheiten, weshalb sie ebenfalls unvoll-
ständig sind und den Keim des Widerspruchs in sich tragen. Vor
Herrn Proudhon sah der Genius der Gesellschaft nur die
g e g e n s ä t z l i c h e n E l e m e n t e, nicht aber die
einheitliche s y n t h e t i s c h e F o r m e l, die beide
gleichzeitig in der a b s o l u t e n V e r n u n f t stecken.
Die ökonomischen Verhältnisse sind aber nichts anderes als die
Verwirklichung auf Erden dieser unzulänglichen Wahrheiten, dieser
unvollständigen Kategorien, dieser sich widersprechenden Be-
griffe, und deshalb sind auch sie m sich widerspruchsvoll und
bieten die beiden Seiten dar, von denen die eine gut, die andere
schlecht ist.
Die ganze Wahrheit, den Begriff in seiner ganzen Fülle, die syn-
thetische Formel, die den Widerspruch aufhebt, zu finden, das ist
die Aufgabe des Genius der Gesellschaft. Deshalb ist auch in der
Einbildung des Herrn Proudhon dieser selbe Genius der Gesell-
schaft von einer Kategorie zur anderen herumgejagt worden, ohne
daß er es bisher mit der ganzen Batterie
#137# Das Elend der Philosophie
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seiner Kategorien fertiggebracht hätte, Gott, der absoluten Ver-
nunft, eine synthetische Formel abzuringen.
"Zuerst stellt die Gesellschaft (der Genius der Gesellschaft) 1*)
ein erstes Faktum, eine erste H y p o t h e s e auf..., eine
wahrhafte Antinomie, deren gegensätzliche Resultate sich in der
sozialen Ökonomie in derselben Art entwickeln, wie ihre Konse-
quenzen im Geiste hätten abgeleitet werden können; so daß die in-
dustrielle Entwicklung, durchaus der Ableitung der Ideen folgend,
sich in zwei Richtungen teilt, die der nützlichen und die der
zerstörenden Wirkungen... Um dieses Prinzip mit doppeltem Antlitz
harmonisch zu konstituieren und diesen Widerspruch aufzuheben,
läßt die Gesellschaft aus demselben einen z w e i t e n hervor-
gehen, dem bald ein dritter folgt, und dies wird der W e g
d e s G e n i u s d e r G e s e l l s c h a f t sein, bis er
nach Erschöpfung aller seiner Widersprüche - ich setze voraus,
was jedoch nicht bewiesen ist, daß der Widerspruch in der Mensch-
heit einmal ein Ende haben werde - mit einem Sprung auf alle
seine früheren Positionen zurückkommt und alle seine Aufgaben in
einer e i n z i g e n F o r m e l löst." (Bd. I, S. 133.)
Wie früher sich der G e g e n s a t z in ein G e g e n g i f t
verwandelte, so wird jetzt die T h e s e zur H y p o-
t h e s e. Dies Vertauschen der Worte kann uns bei Herrn
Proudhon nicht wundernehmen. Die Vernunft der Menschheit, die
nichts weniger als rein, da ihr Gesichtskreis beschränkt ist,
stößt mit jedem Schritt auf neue zu lösende Aufgaben. Jede neue
These, die sie in der absoluten Vernunft entdeckt und die die Ne-
gation der vorhergehenden These ist, wird für sie zur Synthese,
die sie ziemlich naiv für die Lösung der in Frage stehenden Auf-
gabe nimmt. So quält sich diese Vernunft in stets neuen Wider-
sprüchen ab, bis sie am Ende dieser Widersprüche anlangt und
merkt, daß alle ihre Thesen und Synthesen nichts anderes sind als
sich widersprechende Hypothesen. In ihrer Verblüfftheit "kommt
die menschliche Vernunft, der Genius der Gesellschaft, mit einem
Sprung auf alle seine früheren Positionen zurück und löst alle
seine Aufgaben in einer einzigen Formel". Diese einzige Formel
bildet beiläufig die veritable Entdeckung des Herrn Proudhon. Sie
ist der k o n s t i t u i e r t e W e r t.
Man macht Hypothesen nur im Hinblick auf ein bestimmtes Ziel. Das
Ziel, welches sich der Genius der Gesellschaft, der durch den
Mund des Herrn Proudhon spricht, in erster Linie setzte, war die
Ausmerzung des Schlechten aus jeder ökonomischen Kategorie, um
nur Gutes übrigzubehalten. Für ihn ist dies Gute das höchste Gut,
das wahre praktische Ziel - die G l e i c h h e i t. Und warum
zog der Genius der Gesellschaft die Gleichheit der Ungleichheit,
der Brüderlichkeit, dem Katholizismus, kurz jedem ändern Prinzip
vor? Weil "die Menschheit eine solche Anzahl besonderer Hypothe-
sen
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1*) (der Genius der Gesellschaft): Einfügung von Marx
#138# Karl Marx
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nacheinander verwirklicht hat, nur mit Rücksicht auf eine höhere
Hypothese", die eben die Gleichheit ist. Mit anderen Worten: weil
die Gleichheit das Ideal des Herrn Proudhon ist. Er bildet sich
ein, daß die Teilung der Arbeit, der Kredit, die Kooperation in
der 1*) Werkstatt, kurz alle ökonomischen Verhältnisse nur erfun-
den worden sind zum Besten der Gleichheit, und doch sind sie
schließlich stets zu ihrem Schaden ausgefallen. Wenn die Ge-
schichte und die Fiktion des Herrn Proudhon einander auf Schritt
und Tritt widersprechen, so schließt dieser, daß ein Widerspruch
besteht. Wenn aber ein Widerspruch besteht, so besteht er nur
zwischen seiner fixen Idee und den wirklichen Vorgängen.
Von jetzt ab ist die gute Seite eines ökonomischen Verhältnisses
stets diejenige, welche die Gleichheit bekräftigt, die schlechte
diejenige, welche sie verneint und die Ungleichheit stärkt. Jede
neue Kategorie ist eine Hypothese des Genius der Gesellschaft be-
hufs Ausmerzung der von der vorhergehenden Hypothese geschaffenen
Ungleichheit. Mit einem Wort: Die Gleichheit ist die
u r s p r ü n g l i c h e A b s i c h t, die m y s t i s c h e
T e n d e n z, das p r o v i d e n t i e l l e Z i e l, wel-
ches der Genius der Gesellschaft beständig vor Augen hat, indem
er sich im Zirkel der ökonomischen Widersprüche herumdreht. Daher
ist auch die V o r s e h u n g die Lokomotive, die das ökonomi-
sche Rüstzeug des Herrn Proudhon besser in Gang bringt als seine
luftige, reine Vernunft. Er hat der Vorsehung ein ganzes Kapitel
gewidmet, welches auf das über die Steuern folgt.
Vorsehung, providentielles Ziel, das ist das große Wort, dessen
man sich heute bedient, um den Gang der Geschichte zu erklären.
Tatsächlich erklärt dieses Wort nichts. Es ist höchstens eine
rhetorische Form, eine der vielen Arten, die Tatsachen zu um-
schreiben.
Es ist Tatsache, daß der Grundbesitz in Schottland durch die Ent-
wicklung der Industrie neuen Wert erhielt, diese Industrie eröff-
nete der Wolle neue Märkte. Um die Wolle im großen Maßstabe zu
produzieren, mußte man das Ackerland in Weideland verwandeln. Um
diese Umwandlung zu bewirken, mußte man die Güter konzentrieren.
Um die Güter zu konzentrieren, mußte man die kleinen Pachtungen
abschaffen, Tausende von Pächtern aus ihrer Heimat verjagen und
an ihre Stelle einige Hirten setzen, die Millionen von Schafen
bewachen. So hatte der Grundbesitz in Schottland infolge sukzes-
siver Umwandlungen das Resultat, daß Menschen durch Hammel ver-
drängt wurden. Man sage jetzt, daß es das providentielle Ziel der
Institution des Grundbesitzes in Schottland war, Menschen durch
Hammel verdrängen zu lassen, und man hat providentielle Ge-
schichte getrieben.
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1*) ... Kooperation in der ...: Einfügung der Übersetzer
#139# Das Elend der Philosophie
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Gewiß, die Tendenz zur Gleichheit ist unserem Jahrhundert eigen.
Wer nun sagt, daß die vorhergegangenen Jahrhunderte mit vollstän-
dig verschiedenen Bedürfnissen, Produktionsmitteln etc. provi-
dentiell für die Verwirklichung der Gleichheit wirkten, der sub-
stituiert zunächst die Mittel und die Menschen unseres Jahrhun-
derts den Menschen und Mitteln der früheren Jahrhunderte und ver-
kennt die historische Bewegung, mittelst derer die aufeinander-
folgenden Generationen die von den ihnen vorhergehenden Genera-
tionen erreichten Resultate umformten. Die Ökonomen wissen sehr
gut, daß dasselbe Ding, das für den einen verarbeitetes Produkt,
für den anderen um Rohmaterial zu neuer Produktion ist.
Man nehme an, wie Herr Proudhon es tut, daß der Genius der Ge-
sellschaft die Feudalherren in der providentiellen Absicht ge-
schaffen oder vielmehr improvisiert habe, die Z i n s-
b a u e r n in v e r a n t w o r t l i c h e und g l e i c h-
h e i t l i c h e A r b e i t e r zu verwandeln, und man wird
eine Unterschiebung von Zielen und Illusionen vollzogen haben,
würdig der Vorsehung, welche in Schottland das Grundeigentum
einführte, um sich das böswillige Vergnügen zu machen, Menschen
durch Hammel zu ersetzen.
Da aber Herr Proudhon ein so zärtliches Interesse für die Vorse-
hung empfindet, so verweisen wir ihn auf die "Geschichte der po-
litischen Ökonomie" des Herrn de Villeneuve-Bargemont, der
gleichfalls einem providentiellen Ziel nachläuft. Dieses Ziel ist
nicht mehr die Gleichheit, sondern der Katholizismus.
Siebente und letzte Bemerkung
Die Ökonomen verfahren auf eine sonderbare Art. Es gibt für sie
nur zwei Arten von Institutionen, künstliche und natürliche. Die
Institutionen des Feudalismus sind künstliche Institutionen, die
der Bourgeoisie natürliche. Sie gleichen dann den Theologen, die
auch zwei Arten von Religionen unterscheiden. Jede Religion, die
nicht die ihre ist, ist eine Erfindung der Menschen, während ihre
eigene Religion eine Offenbarung Gottes ist. Wenn die Ökonomen
sagen, daß die gegenwärtigen Verhältnisse - die Verhältnisse der
bürgerlichen Produktion - natürliche sind, so geben sie damit zu
verstehen, daß es Verhältnisse sind, in denen die Erzeugung des
Reichtums und die Entwicklung der Produktivkräfte sich gemäß den
Naturgesetzen vollziehen. Somit sind diese Verhältnisse selbst
von dem Einfluß der Zeit unabhängige Naturgesetze. Es sind ewige
Gesetze, welche stets die Gesellschaft zu regieren haben. Somit
hat es eine Geschichte gegeben, aber es gibt keine mehr; es hat
eine Geschichte gegeben, weil feudale Einrichtungen bestanden ha-
ben und weil man in diesen feudalen Einrichtungen Produktionsver-
hältnisse findet,
#140# Karl Marx
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vollständig verschieden von denen der bürgerlichen Gesellschaft,
welche die Ökonomen als natürliche und demgemäß ewige angesehen
wissen wollen.
Auch der Feudalismus hatte sein Proletariat - die Leibeigen-
schaft, welche alle Keime des Bürgertums enthielt. Auch die feu-
dale Produktion hatte zwei antagonistische Elemente, die man
gleichfalls als g u t e u n d s c h l e c h t e S e i t e
des Feudalismus bezeichnet, ohne zu berücksichtigen, daß es stets
die schlechte Seite ist, welche schließlich den Sieg über die
gute Seite davonträgt. Die schlechte Seite ist es, welche die Be-
wegung ins Leben ruft, welche die Geschichte macht, dadurch, daß
sie den Kampf zeitigt. Hätten zur Zeit der Herrschaft des Feuda-
lismus die Ökonomen, begeistert von den ritterlichen Tugenden,
von der schönen Harmonie zwischen Rechten und Pflichten, von dem
patriarchalischen Leben der Städte, von dem Blühen der Hausindu-
strie auf dem Lande, von der Entwicklung der in Korporationen,
Zünften, Innungen organisierten Industrie, mit einem Wort von al-
lem, was die schöne Seite des Feudalismus bildet, sich das Pro-
blem gestellt, alles auszumerzen, was einen Schatten auf dies
Bild wirft - Leibeigenschaft, Privilegien, Anarchie -, wohin wä-
ren sie damit gekommen? Man hätte alle Elemente vernichtet, wel-
che den Kampf hervorriefen, man hätte die Entwicklung der Bour-
geoisie im Keim erstickt. Man hätte sich das absurde Problem ge-
stellt, die Geschichte auszustreichen.
Als die Bourgeoisie obenauf gekommen war, fragte man weder nach
der guten noch nach der schlechten Seite des Feudalismus. Die
Produktivkräfte, welche sich durch sie unter dem Feudalismus ent-
wickelt hatten, fielen ihr zu. Alle alten ökonomischen Formen,
die privatrechtlichen Beziehungen, welche ihnen entsprachen, der
politische Zustand, welcher der offizielle Ausdruck der alten Ge-
sellschaft war, wurden zerbrochen.
Will man somit die feudale Produktion richtig beurteilen, so muß
man sie als eine auf dem Gegensatz basierte Produktionsweise be-
trachten. Man muß zeigen, wie der Reichtum innerhalb dieses Ge-
gensatzes produziert wurde, wie die Produktivkräfte sich gleich-
zeitig mit dem Widerstreit der Klassen entwickelten, wie die eine
dieser Klassen, die schlechte Seite, das gesellschaftliche Übel,
stets anwuchs, bis die materiellen Bedingungen ihrer Emanzipation
zur Reife gediehen waren. Sagt das nicht deutlich genug, daß die
Produktionsweise, die Verhältnisse, in denen die Produktivkräfte
sich entwickeln, nichts weniger als ewige Gesetze sind, sondern
einem bestimmten Entwicklungszustande der Menschen und ihrer Pro-
duktivkräfte entsprechen und daß eine in den Produktivkräften der
Menschen eingetretene Veränderung notwendigerweise eine Verände-
rung in ihren Produktionsverhältnissen herbeiführt? Da es vor al-
len Dingen darauf ankommt, nicht von den Früchten der
#141# Das Elend der Philosophie
-----
Zivilisation, den erworbenen Produktivkräften ausgeschlossen zu
sein, so wird es notwendig, die überkommenen Formen, in welchen
sie geschaffen worden, zu zerbrechen. Von diesem Augenblick an
wird die revolutionäre Klasse konservativ.
Die Bourgeoisie beginnt mit einem Proletariat, das selbst wie-
derum ein Überbleibsel des Proletariats 1*) des Feudalismus ist.
In dem Verlauf ihrer historischen Entwicklung entwickelt die
Bourgeoisie notwendigerweise ihren antagonistischen Charakter,
der sich bei ihrem ersten Auftreten mehr oder minder verhüllt
vorfindet, nur im latenten Zustande existiert. In dem Maße, wie
die Bourgeoisie sich entwickelt, entwickelt sich in ihrem Schöße
ein neues Proletariat, ein modernes Proletariat: Es entwickelt
sich ein Kampf zwischen der Proletarierklasse und der Bourgeois-
klasse, ein Kampf, der, bevor er auf beiden Seiten empfunden, be-
merkt, gewürdigt, begriffen, eingestanden und endlich laut pro-
klamiert wird, sich vorläufig nur in teilweisen und vorübergehen-
den Konflikten, in Zerstörungswerken äußert. Anderseits, wenn
alle Angehörigen der modernen Bourgeoisie das gleiche Interesse
haben, insoweit sie eine Klasse gegenüber einer anderen Klasse
bilden, so haben sie entgegengesetzte, widerstreitende Interes-
sen, sobald sie selbst einander gegenüberstehen. Dieser Interes-
sengegensatz geht aus den ökonomischen Bedingungen ihres bürger-
lichen Lebens hervor. Von Tag zu Tag wird es somit klarer, daß
die Produktionsverhältnisse, in denen sich die Bourgeoisie be-
wegt, nicht einen einheitlichen, einfachen Charakter haben, son-
dern einen zwieschlächtigen; daß in denselben Verhältnissen, in
denen der Reichtum produziert wird, auch das Elend produziert
wird; daß in denselben Verhältnissen, in denen die Entwicklung
der Produktivkräfte vor sich geht, sich eine Repressionskraft
entwickelt; daß diese Verhältnisse den b ü r g e r l i c h e n
R e i c h t u m, d.h. den Reichtum der Bourgeoisklasse, nur er-
zeugen unter fortgesetzter Vernichtung des Reichtums einzelner
Glieder dieser Klasse und unter Schaffung eines stets wachsenden
Proletariats.
Je mehr dieser gegensätzliche Charakter zutage tritt, desto mehr
geraten die Ökonomen, die wissenschaftlichen Repräsentanten der
bürgerlichen Produktion, mit ihrer eigenen Theorie in Wider-
spruch, und verschiedene Schulen bilden sich.
Wir haben die f a t a l i s t i s c h e n Ökonomen, die in ih-
rer Theorie ebenso gleichgiltig gegen das sind, was sie die Übel-
stände der bürgerlichen Produktionsweise nennen, wie die Bour-
geois selbst es in der Praxis sind gegenüber
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1*) Im Widmungsexemplar steht hier die Randbemerkung: de la
classe travailleur [der arbeitenden Klasse].
#142# Karl Marx
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den Leiden der Proletarier, die ihnen die Reichtümer erwerben
helfen. In dieser fatalistischen Schule gibt es Klassiker und Ro-
mantiker. Die Klassiker, wie Adam Smith und Ricardo, vertreten
eine Bourgeoisie, die, noch im Kampf mit den Resten der feudalen
Gesellschaft, nur daran arbeitet, die ökonomischen Verhältnisse
von den feudalen Flecken zu reinigen, die Produktivkräfte zu ver-
mehren und der Industrie und dem Handel neue Triebkraft zu geben.
Das an diesem Kampfe teilnehmende Proletariat kennt, von dieser
fieberhaften Arbeit absorbiert, nur vorübergehende, zufällige
Leiden, betrachtet sie selbst als solche. Die Ökonomen, wie Adam
Smith und Ricardo, welche die Historiker dieser Epoche sind, ha-
ben lediglich die Mission, nachzuweisen, wie der Reichtum unter
den Verhältnissen der bürgerlichen Produktion erworben wird,
diese Verhältnisse in Kategorien, in Gesetze zu formulieren und
nachzuweisen, um wieviel diese Gesetze, diese Kategorien für die
Produktion der Reichtümer überlegen sind den Gesetzen und Katego-
rien der feudalen Gesellschaft. Das Elend ist in ihren Augen nur
der Schmerz, der jede Geburt begleitet, in der Natur wie in der
Industrie.
Die Romantiker gehören unserer Epoche an, in der die Bourgeoisie
sich im direkten Gegensatz mit dem Proletariat befindet, wo das
Elend in ebenso großem Übermaß anwächst wie der Reichtum. Die
Ökonomen spielen sich alsdann als blasierte Fatalisten auf und
werfen von der Höhe ihres Standpunktes einen stolzen Blick der
Verachtung auf die menschlichen Maschinen, die den Reichtum er-
zeugen. Sie wiederholen alle von ihren Vorläufern gegebenen Aus-
führungen, aber die Indifferenz, die bei jenen Naivetät war, wird
bei ihnen Koketterie.
Kommt alsdann die h u m a n i t ä r e S c h u l e, welche sich
die schlechte Seite der heutigen Produktionsverhältnisse zu Her-
zen nimmt. Diese sucht, um ihr Gewissen zu beruhigen, die wirkli-
chen Kontraste, so gut es eben geht, zu bemänteln; sie beklagt
aufrichtig die Not des Proletariats, die zügellose Konkurrenz der
Bourgeois unter sich; sie rät den Arbeitern, mäßig zu sein, flei-
ßig zu arbeiten und wenig Kinder zu zeugen; sie empfiehlt den
Bourgeois Überlegung in ihrem Produktionseifer. Die ganze Theorie
dieser Schule besteht in endlosen Unterscheidungen zwischen Theo-
rie und Praxis, zwischen den Prinzipien und den Resultaten, zwi-
schen der Idee und der Anwendung, zwischen dem Inhalt und der
Form, zwischen dem Wesen und der Wirklichkeit, zwischen dem Recht
und der Tatsache, zwischen der guten und schlechten Seite.
Die p h i l a n t h r o p i s c h e Schule ist die vervoll-
kommne humanitäre Schule. Sie leugnet die Notwendigkeit des Ge-
gensatzes, sie will aus allen Menschen Bourgeois machen; sie will
die Theorie verwirklichen, soweit dieselbe sich von
#143# Das Elend der Philosophie
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der Praxis unterscheidet und den Antagonismus nicht einschließt.
Selbstverständlich ist es in der Theorie leicht, von den Wider-
sprüchen zu abstrahieren, auf die man auf jedem Schritt in der
Wirklichkeit stößt. Diese Theorie würde alsdann die idealisierte
Wirklichkeit werden. Die Philanthropen wollen also die Kategorien
erhalten, welche der Ausdruck der bürgerlichen Verhältnisse sind,
ohne den Widerspruch, der ihr Wesen ausmacht und der von ihnen
unzertrennlich ist. Sie bilden sich ein, ernsthaft die bürgerli-
che Praxis zu bekämpfen, und sie sind mehr Bourgeois als die an-
deren.
Wie die Ö k o n o m e n die wissenschaftlichen Vertreter der
Bourgeoisklasse sind, so sind die S o z i a l i s t e n und
K o m m u n i s t e n die Theoretiker der Klasse des Proletari-
ats. Solange das Proletariat noch nicht genügend entwickelt ist,
um sich als Klasse zu konstituieren, und daher der Kampf des Pro-
letariats mit der Bourgeoisie noch keinen politischen Charakter
trägt; solange die Produktivkräfte noch im Schöße der Bourgeoisie
selbst nicht genügend entwickelt sind, um die materiellen
Bedingungen durchscheinen zu lassen, die notwendig sind zur Be-
freiung des Proletariats und zur Bildung einer neuen Gesellschaft
- solange sind diese Theoretiker nur Utopisten, die, um den Be-
dürfnissen der unterdrückten Klassen abzuhelfen, Systeme ausden-
ken und nach einer regenerierenden Wissenschaft suchen. Aber in
dem Maße, wie die Geschichte vorschreitet und mit ihr der Kampf
des Proletariats sich deutlicher abzeichnet, haben sie nicht mehr
nötig, die Wissenschaft in ihrem Kopfe zu suchen; sie haben nur
sich Rechenschaft abzulegen von dem, was sich vor ihren Augen ab-
spielt, und sich zum Organ desselben zu machen. Solange sie die
Wissenschaft suchen und nur Systeme machen, solange sie im Beginn
des Kampfes sind, sehen sie im Elend nur das Elend, ohne die re-
volutionäre umstürzende Seite darin zu erblicken, welche die alte
Gesellschaft über den Haufen werfen wird. Von diesem Augenblick
an wird die Wissenschaft bewußtes Erzeugnis der historischen Be-
wegung, und sie hat aufgehört, doktrinär zu sein, sie ist revolu-
tionär geworden.
Kehren wir zu Herrn Proudhon zurück.
Jedes ökonomische Verhältnis hat eine gute und eine schlechte
Seite; das ist der einzige Punkt, in dem Herr Proudhon sich nicht
selbst ins Gesicht schlägt. Die gute Seite sieht er von den Öko-
nomen hervorgehoben, die schlechte von den Sozialisten angeklagt.
Er entlehnt den Ökonomen die Notwendigkeit der ewigen Verhält-
nisse; er entlehnt den Sozialisten die Illusion, in dem Elend nur
das Elend zu erblicken. Er ist mit beiden einverstanden, wobei er
sich auf die Autorität der Wissenschaft zu stützen sucht. Die
Wissenschaft reduziert sich für ihn auf den zwerghaften Umfang
einer wissenschaftlichen Formel; er ist der Mann auf der Jagd
nach Formeln. Demgemäß
#144# Karl Marx
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schmeichelt sich Herr Proudhon, die Kritik sowohl der politischen
Ökonomie als des Kommunismus gegeben zu haben - er steht tief un-
ter beiden. Unter den Ökonomen, weil er als Philosoph, der eine
magische Formel bei der Hand hat, sich erlassen zu können glaubt,
in die rein ökonomischen Details einzugehen; unter den Soziali-
sten, weil er weder genügend Mut noch genügend Einsicht besitzt,
sich, und sei es auch nur spekulativ, über den Bourgeoishorizont
zu erheben.
Er will die Synthese sein, und er ist ein zusammengesetzter Irr-
tum.
Er will als Mann der Wissenschaft über Bourgeois und Proletariern
schweben; er ist nur der Kleinbürger, der beständig zwischen dem
Kapital und der Arbeit, zwischen der politischen Ökonomie und dem
Kommunismus hin- und hergeworfen wird.
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