Quelle: MEW 4 Mai 1846 - März 1848


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       #125#
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       ZWEITES KAPITEL
       
       Die Metaphysik der politischen Ökonomie
       
       § 1. Die Methode
       
       Wir befinden uns jetzt mitten in Deutschland! Wir werden Metaphy-
       sik treiben  müssen, wo und während wir politische Ökonomie trei-
       ben. Und auch hierin folgen wir nur den "Widersprüchen" des Herrn
       Proudhon. Soeben  zwang er uns noch, englisch zu sprechen, selbst
       ein wenig  Engländer zu werden. Jetzt ändert sich die Szene. Herr
       Proudhon  versetzt uns  in unser  geliebtes Vaterland  und zwingt
       uns,  wieder einmal  in unserer  Eigenschaft  als Deutscher wider
       Willen aufzutreten.
       Wenn der Engländer die Menschen in Hüte verwandelt, so verwandelt
       der. Deutsche  die Hüte  in Ideen. Der Engländer ist Ricardo, der
       reiche Bankier und ausgezeichnete Ökonom. Der Deutsche ist Hegel,
       simpler Professor der Philosophie an der Universität zu Berlin.
       Ludwig XV.,  der letzte  absolute König  und der Repräsentant des
       Verfalls des  französischen Königtums,  hatte einen Leibarzt, der
       der erste Ökonom Frankreichs war. Dieser Arzt, dieser Ökonom, re-
       präsentierte den bevorstehenden und sichern Triumph der französi-
       schen Bourgeoisie.  Der Arzt  Quesnay hat die politische Ökonomie
       zu einer  Wissenschaft gemacht;  er hat  sie in  seinem berühmten
       "Ökonomischen Tableau"  zusammengefaßt. Neben  den  tausendundein
       Kommentaren, die  zu diesem Tableau erschienen sind, besitzen wir
       einen von  Quesnay selbst.  Es ist dies die "Analyse des ökonomi-
       schen Tableau",  der "sieben   w i c h t i g e   B e m e r k u n-
       g e n"  [57] angehängt sind.
       Herr Proudhon  ist ein zweiter Doktor Quesnay. Er ist der Quesnay
       der Metaphysik der politischen Ökonomie.
       Nun faßt  sich nach  Hegel die Metaphysik, die ganze Philosophie,
       in der Methode zusammen. Wir müssen daher suchen, die Methode des
       Herrn Proudhon  klarzustellen, die  mindestens ebenso  dunkel ist
       wie das  "Ökonomische Tableau".  Wir werden  deshalb sieben  mehr
       oder weniger wichtige
       
       #126# Karl Marx
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       Bemerkungen folgen  lassen. Wenn Herr Doktor Proudhon mit unseren
       Bemerkungen nicht  zufrieden ist,  so möge  er den  Abbé  Baudeau
       spielen und  selbst die  "Erklärung der ökonomisch-metaphysischen
       Methode" [58] geben.
       
       Erste Bemerkung
       
       "Wir geben  keine   G e s c h i c h t e   n a c h   d e r  O r d-
       n u n g   d e r   Z e i t,   sondern   n a c h   d e r  F o l g e
       d e r   I d e e n.  Die ökonomischen  P h a s e n  oder  K a t e-
       g o r i e n   treten in  ihrer   M a n i f e s t a t i o n   bald
       gleichzeitig, bald  in verkehrter  Reihenfolge  auf...  Die  öko-
       nomischen Theorien  haben  nicht  minder  ihre    l o g i s c h e
       A b f o l g e    und  ihre    G l i e d e r u n g    i n    d e r
       V e r n u n f t;   diese Ordnung  schmeicheln wir uns entdeckt zu
       haben." (Proudhon, Bd. I, S. [145-]146.)
       
       Ganz sicher  hat Herr Proudhon den Franzosen einen Schreck einja-
       gen wollen,  indem er  ihnen quasi  Hegelsche Phrasen an den Kopf
       warf. Wir  haben also  mit zwei  Männern zu tun: zuerst mit Herrn
       Proudhon und  dann mit Hegel. Wodurch zeichnet sich Herr Proudhon
       vor den  anderen Ökonomen  aus? Und  welche Rolle spielt Hegel in
       der politischen Ökonomie des Herrn Proudhon?
       Die Ökonomen  stellen die  bürgerlichen  Produktionsverhältnisse,
       Arbeitsteilung, Kredit,  Geld etc.,  als  fixe,  unveränderliche,
       ewige Kategorien  hin. Herr Proudhon, der diese Kategorien fertig
       vorfindet, will  uns den Akt der Bildung und Erzeugung dieser Ka-
       tegorien, Prinzipien, Gesetze, Ideen, Gedanken explizieren.
       Die Ökonomen  erklären uns,  wie man  unter den  obigen gegebenen
       Verhältnissen produziert;  was sie  uns aber nicht erklären, ist,
       wie diese  Verhältnisse selbst produziert werden, d.h. die histo-
       rische Bewegung, die sie ins Leben ruft. Herr Proudhon, der diese
       Verhältnisse als Prinzipien, als Kategorien, als abstrakte Gedan-
       ken  nimmt,   hat  nur   diese   Gedanken   in   eine   bestimmte
       O r d n u n g   zu bringen,  die sich  bereits in  alphabetischer
       Reihenfolge am Schlüsse jeder Abhandlung über politische Ökonomie
       vorfinden. Die  Materialien der Ökonomen sind das bewegte und be-
       wegende Leben  der Menschen;  die Materialien  des Herrn Proudhon
       sind die  Dogmen der  Ökonomen. Sobald  man aber  die historische
       Entwicklung der  Produktionsverhältnisse nicht verfolgt - und die
       Kategorien sind nur der theoretische Ausdruck derselben -; sobald
       man in  diesen Kategorien  nur von  selbst entstandene Ideen, von
       den wirklichen  Verhältnissen unabhängige Gedanken sieht, ist man
       wohl oder übel gezwungen, den Ursprung dieser Gedanken in die Be-
       wegung der  reinen Vernunft  zu verlegen.  Wie erzeugt die reine,
       ewige, unpersönliche  Vernunft diese  Gedanken? Wie stellt sie es
       an, um sie zu erzeugen?
       
       #127# Das Elend der Philosophie
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       Hätten wir die Unerschrockenheit des Herrn Proudhon in Sachen des
       Hegelianismus, so  würden wir  sagen: Sie  unterscheidet sich  in
       sich selbst von sich selbst. Was will das sagen? Da die unpersön-
       liche Vernunft außer sich weder einen Boden hat, auf den sie sich
       stellen kann, noch ein Objekt, dem sie sich entgegenstellen kann,
       noch ein Subjekt, mit dem sie sich verbinden kann, sieht sie sich
       gezwungen, einen Purzelbaum zu schlagen und sich selbst zu ponie-
       ren, zu  opponieren und  zu komponieren  - Position,  Opposition,
       Komposition. Um  griechisch zu  sprechen, haben  wir These, Anti-
       these und  Synthese. Für  die, welche die Hegelsche Sprache nicht
       kennen, lassen  wir die Weihungsformel folgen: Affirmation, Nega-
       tion, Negation  der Negation.  Das nennt  man reden.  Es ist zwar
       kein Hebräisch,  mit Verlaub  des Herrn Proudhon; aber es ist die
       Sprache dieser  reinen, vom  Individuum getrennten  Vernunft.  An
       Stelle des  gewöhnlichen Individuums  und seiner gewöhnlichen Art
       zu reden und zu denken, haben wir lediglich diese gewöhnliche Art
       an sich, ohne das Individuum.
       Ist es  zum Verwundern, daß in letzter Abstraktion - denn es han-
       delt sich  um Abstraktion, nicht um Analyse - jedes Ding sich als
       logische Kategorie  darstellt? Ist  es zum  Verwundern, daß, wenn
       man nach und nach alles fallen läßt, was die Individualität eines
       Hauses ausmacht,  wenn man  von den Baustoffen absieht, woraus es
       besteht, von  der Form,  die es  auszeichnet, man schließlich nur
       noch einen  Körper vor  sich hat;  daß, wenn man von den Umrissen
       dieses Körpers  absieht, man schließlich nur einen Raum hat; daß,
       wenn man  endlich von  den Dimensionen dieses Raumes abstrahiert,
       man zum  Schluß nichts  mehr übrig hat als die Quantität an sich,
       die logische  Kategorie der Quantität? Wenn wir solchermaßen kon-
       sequent abstrahieren,  von jedem Subjekt, von allen seinen beleb-
       ten oder  unbelebten angeblichen  Akzidenzien, Menschen oder Din-
       gen, so haben wir ein Recht zu sagen, daß man in letzter Abstrak-
       tion nur  noch die logischen Kategorien als Substanz übrigbehält.
       So haben  die Metaphysiker,  die sich einbilden, vermittelst sol-
       cher Abstraktionen  zu analysieren, und die, je mehr sie sich von
       den Gegenständen entfernen, sie desto mehr zu durchdringen wähnen
       - diese  Metaphysiker haben  ihrerseits recht  zu sagen,  daß die
       Dinge dieser  Welt nur  Stickereien sind auf einem Stramingewebe,
       gebildet durch  die logischen Kategorien. Da haben wir den Unter-
       schied zwischen  dem Philosophen  und dem  Christen.  Der  Christ
       kennt nur  eine Fleischwerdung des  L o g o s  1*), trotz der Lo-
       gik; der  Philosoph kommt  mit den  Fleischwerdungen gar nicht zu
       Ende. Daß  alles, was  existiert, daß alles, was auf der Erde und
       im Wasser lebt, durch Abstraktion auf eine
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       1*) Wortes
       
       #128# Karl Marx
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       logische Kategorie  zurückgeführt werden  kann, daß man auf diese
       Art die  gesamte wirkliche Welt ersäufen kann in der Welt der Ab-
       straktionen, der Welt der logischen Kategorien - wen wundert das?
       Alles, was existiert, alles, was auf der Erde und im Wasser lebt,
       existiert nur,  lebt nur  vermittelst irgendwelcher  Bewegung. So
       erzeugt die Bewegung der Geschichte die sozialen Beziehungen 1*),
       die industrielle  Bewegung gibt  uns die  industriellen  Produkte
       etc.
       Ebenso wie  wir durch Abstraktion jedes Ding in eine logische Ka-
       tegorie verwandelt  haben, braucht  man nur von jeder unterschei-
       denden Eigenschaft  der verschiedenen Bewegungen zu abstrahieren,
       um zur  Bewegung im abstrakten Zustande, zur rein formellen Bewe-
       gung, zu  der rein logischen Formel der Bewegung zu gelangen. Hat
       man erst in den logischen Kategorien das Wesen aller Dinge gefun-
       den, so bildet man sich ein, in der logischen Formel der Bewegung
       die   a b s o l u t e   M e t h o d e   zu finden,  die nicht nur
       alle Dinge  erklärt, sondern  die auch die Bewegung der Dinge um-
       faßt.
       Es ist dies die absolute Methode, von der Hegel sagt:
       
       "Die Methode ist die absolute, die einzige, die höchste, unendli-
       che Kraft,  der kein  Ding widerstehen  kann. Sie ist die Tendenz
       der Vernunft,  sich selbst in jedem Dinge wiederzufinden, wieder-
       zuerkennen."[59] ("Logik", Bd. III, [S. 320-321].)
       
       Ist jedes Ding auf eine logische Kategorie und jede Bewegung, je-
       der Produktionsakt  auf die  Methode reduziert,  so folgt daraus,
       daß jeder  Zusammenhang von  Produkten und Produktion, von Dingen
       und Bewegung  sich auf  eine angewandte Metaphysik reduziert. Was
       Hegel für  die Religion,  das Recht  etc. getan  hat, sucht  Herr
       Proudhon für die politische Ökonomie zu tun.
       Was ist  somit diese  absolute Methode? Die Abstraktion der Bewe-
       gung. Was  ist die  Abstraktion der Bewegung? Die Bewegung im ab-
       strakten Zustande.  Was ist  die Bewegung im abstrakten Zustande?
       Die rein  logische Formel der Bewegung oder die Bewegung der rei-
       nen Vernunft.  Worin besteht  die Bewegung  der reinen  Vernunft?
       Sich zu  setzen, sich  sich selbst entgegenzusetzen, und schließ-
       lich wieder  sich mit  sich selbst  in eins  zu setzen,  sich als
       These, Antithese,  Synthese zu formulieren, oder schließlich sich
       zu setzen, sich zu negieren und ihre Negation zu negieren.
       Wie stellt  es die  Vernunft an,  um sich als bestimmte Kategorie
       hinzustellen, zu  setzen? Das  ist die  Sache der Vernunft selbst
       und ihrer Apologeten.
       Aber, einmal  dahin gelangt,  sich als  These zu  setzen, spaltet
       sich diese
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       1*) (1847) rapports (siehe Anmerkung 45)
       
       #129# Das Elend der Philosophie
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       These, indem  sie sich  selbst entgegenstellt, in zwei widerspre-
       chende Gedanken,  in Positiv  und Negativ,  in Ja  und Nein.  Der
       Kampf dieser beiden gegensätzlichen, in der Antithese enthaltenen
       Elemente bildet  die dialektische Bewegung. Das Ja wird Nein, das
       Nein wird Ja, das Ja wird gleichzeitig Ja und Nein, das Nein wird
       gleichzeitig Nein  und Ja; auf diese Weise halten sich die Gegen-
       sätze die Waage, neutralisieren sie sich, heben sie sich auf. Die
       Verschmelzung  dieser  beiden  widersprechenden  Gedanken  bildet
       einen neuen Gedanken, die Synthese derselben. Dieser neue Gedanke
       spaltet sich  wiederum in  zwei widersprechende Gedanken, die ih-
       rerseits wiederum eine neue Synthese bilden. Aus dieser Zeugungs-
       arbeit erwächst  eine Gruppe  von Gedanken.  Diese Gedankengruppe
       verfolgt dieselbe dialektische Bewegung wie eine einfache Katego-
       rie und  hat zur Antithese eine gegensätzliche Gruppe. Aus diesen
       zwei Gedankengruppen  entsteht eine neue Gedankengruppe, die Syn-
       these beider.
       Wie aus  der dialektischen  Bewegung der einfachen Kategorien die
       Gruppe entsteht,  so entsteht  aus der dialektischen Bewegung der
       Gruppen die  Reihe (série) und aus der dialektischen Bewegung der
       Reihen das ganze System.
       Man wende diese Methode auf die Kategorien der politischen Ökono-
       mie an,  und man hat die Logik und die Metaphysik der politischen
       Ökonomie, oder mit anderen Worten: Man hat die aller Welt bekann-
       ten ökonomischen  Kategorien in eine wenig bekannte Sprache über-
       setzt, in  der sie aussehen, als seien sie soeben funkelneu einem
       reinen Vernunftskopf entsprungen; dergestalt scheinen diese Kate-
       gorien einander  zu erzeugen,  sich zu  verketten und aneinander-
       zugliedern, vermittelst  der bloßen  Tätigkeit der  dialektischen
       Bewegung. Der Leser braucht indes vor dieser Metaphysik mit ihrem
       ganzen Gerüst  von Kategorien, Gruppen, Serien und Systemen nicht
       zu erschrecken.  Trotz aller der sauren Arbeit, womit Herr Proud-
       hon die  Höhe dieses   S y s t e m s   d e r   W i d e r s p r ü-
       c h e   zu erklimmen  strebt, bringt er es doch nie über die zwei
       ersten Stufen der einfachen These und Antithese; und auch sie hat
       er nur  zweimal erstiegen,  bei  welcher  Gelegenheit  er  einmal
       obendrein auf den Rücken gefallen ist.
       Auch haben  wir bis jetzt nur die Dialektik Hegels auseinanderge-
       setzt; wir  werden später  sehen, wie  Herr Proudhon  es  fertig-
       bringt, sie auf das kläglichste Maß herunterzubringen. So ist für
       Hegel alles, was geschehen ist und noch geschieht, genau das, was
       in seinem  eigenen Denken  vor sich  geht. So ist die Philosophie
       der Geschichte  nur mehr  die Geschichte  der Philosophie, seiner
       eigenen Philosophie.  Es gibt  keine "Geschichte nach der Ordnung
       der Zeit"  mehr, sondern nur noch die "Aufeinanderfolge der Ideen
       in der
       
       #130# Karl Marx
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       Vernunft". Er  glaubt, die  Welt mittelst der Bewegung des Gedan-
       kens konstruieren  zu können, während er nur die Gedanken, die in
       jedermanns Kopf sind, systematisch rekonstruiert und nach der ab-
       soluten Methode klassifiziert.
       
       Zweite Bemerkung
       
       Die ökonomischen Kategorien sind nur die theoretischen Ausdrücke,
       die Abstraktionen der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse.
       Herr Proudhon  stellt als echter Philosoph die Dinge auf den Kopf
       und sieht  in den wirklichen Verhältnissen nur die Fleischwerdung
       jener Prinzipien,  jener Kategorien,  die, wie  uns wiederum Herr
       Proudhon, der  Philosoph, sagt, im Schoß der "unpersönlichen Ver-
       nunft der Menschheit" schlummerten.
       Herr Proudhon,  der Ökonom,  hat ganz gut begriffen, daß die Men-
       schen Tuch,  Leinwand, Seidenstoffe unter bestimmten Produktions-
       verhältnissen anfertigen.  Aber was  er nicht begriffen hat, ist,
       daß diese bestimmten sozialen Verhältnisse ebensogut Produkte der
       Menschen sind  wie Tuch,  Leinen etc.  Die sozialen  Verhältnisse
       sind eng  verknüpft mit  den Produktivkräften.  Mit der Erwerbung
       neuer Produktivkräfte  verändern die  Menschen ihre  Produktions-
       weise, und mit der Veränderung der Produktionsweise, der Art, ih-
       ren Lebensunterhalt  zu gewinnen, verändern sie alle ihre gesell-
       schaftlichen Verhältnisse. Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft
       mit Feudalherren,  die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industri-
       ellen Kapitalisten.
       Aber dieselben  Menschen, welche  die sozialen Verhältnisse gemäß
       ihrer materiellen Produktivität 1*) gestalten, gestalten auch die
       Prinzipien, die Ideen, die Kategorien gemäß ihren gesellschaftli-
       chen Verhältnissen.
       Somit sind  diese Ideen,  diese Kategorien,  ebensowenig ewig wie
       die Verhältnisse,  die sie  ausdrücken. Sie  sind  h i s t o r i-
       s c h e,   v e r g ä n g l i c h e,   v o r ü b e r g e h e n d e
       P r o d u k t e.
       Wir leben  inmitten einer beständigen Bewegung des Anwachsens der
       Produktivkräfte, der  Zerstörung sozialer  Verhältnisse, der Bil-
       dung von Ideen; unbeweglich ist nur die Abstraktion von der Bewe-
       gung - "mors immortalis" [60].
       
       Dritte Bemerkung
       
       Die Produktionsverhältnisse jeder Gesellschaft bilden ein Ganzes.
       Herr Proudhon betrachtet die ökonomischen Verhältnisse als ebenso
       viele soziale  Phasen, die  einander erzeugen, von denen die eine
       aus der anderen sich ergibt,
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       1*) (1847)  productivité materielle; (1885, 1892 u. 1895) Produk-
       tionsweise
       
       #131# Das Elend der Philosophie
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       wie die  Antithese aus der These, und die in ihrer logischen Auf-
       einanderfolge die  unpersönliche Vernunft der Menschheit verwirk-
       lichen.
       Der einzige Übelstand bei dieser Methode ist der, daß Herr Proud-
       hon, sobald  er eine  einzelne dieser Phasen getrennt untersuchen
       will, er  sie nicht  erklären kann,  ohne auf die anderen gesell-
       schaftlichen Verhältnisse  zurückzukommen, obwohl  er diese  Ver-
       hältnisse noch  nicht vermittelst  seiner dialektischen  Bewegung
       bat entstehen lassen. Wenn Herr Proudhon dann mittelst der reinen
       Vernunft zur  Erzeugung der anderen Phasen übergeht, so stellt er
       sich, als  ob er  neugeborene Kinder  vor sich habe, und vergißt,
       daß sie ebenso alt sind wie die erste.
       So konnte  er, um  zur Konstituierung des Wertes zu gelangen, die
       für ihn die Grundlage aller ökonomischen Entwicklung ist, die Ar-
       beitsteilung,  die   Konkurrenz  etc.  nicht  entbehren.  In  der
       S e r i e,   in der   V e r n u n f t  des Herrn Proudhon, in der
       l o g i s c h e n   A u f e i n a n d e r f o l g e   sind  diese
       Beziehungen aber noch gar nicht vorhanden.
       Sobald man  mit den  Kategorien der  politischen Ökonomie das Ge-
       bäude eines  ideologischen Systems  errichtet, verrenkt  man  die
       Glieder des  gesellschaftlichen Systems.  Man verwandelt die ver-
       schiedenen Teilstücke  der Gesellschaft  in ebenso  viele Gesell-
       schaften für  sich, von denen eine nach der anderen auftritt. Wie
       kann in  der Tat  die logische Formel der Bewegung, der Aufeinan-
       derfolge, der  Zeit allein  den Gesellschaftskörper  erklären, in
       dem alle  Beziehungen gleichzeitig  existieren und einander stüt-
       zen?
       
       Vierte Bemerkung
       
       Sehen wir nunmehr, welchen Änderungen Herr Proudhon die Dialektik
       Hegels unterwirft,  sobald er sie auf die politische Ökonomie an-
       wendet.
       Für Herrn  Proudhon hat  jede ökonomische  Kategorie zwei Seiten,
       eine gute  und eine  schlechte. Er betrachtet die Kategorien, wie
       der Spießbürger  die großen  Männer  der  Geschichte  betrachtet:
       N a p o l e o n  ist ein großer Mann, er hat viel Gutes getan, er
       hat auch viel Schlechtes getan.
       Die   g u t e   S e i t e  und die  s c h l e c h t e  S e i t e,
       der   V o r t e i l   und der   N a c h t e i l  zusammengenommen
       bilden für  Herrn Proudhon  den   W i d e r s p r u c h  in jeder
       ökonomischen Kategorie.
       Zu lösendes  Problem: Die  gute Seite  bewahren und die schlechte
       beseitigen.
       Die   S k l a v e r e i   ist eine ökonomische Kategorie wie eine
       andere. Sie hat also gleichfalls ihre zwei Seiten. Halten wir uns
       nicht bei der schlechten Seite auf und sprechen wir von der schö-
       nen Seite der Sklaverei. Wohlverstanden, es
       
       #132# Karl Marx
       -----
       handelt sich  hier nur um die direkte Sklaverei, um die Sklaverei
       der Schwarzen  in Surinam,  in Brasilien, in den Südstaaten Nord-
       amerikas.
       Die direkte  Sklaverei ist  der Angelpunkt der bürgerlichen Indu-
       strie, ebenso  wie die  Maschinen etc. Ohne Sklaverei keine Baum-
       wolle; ohne  Baumwolle keine moderne Industrie. Nur die Sklaverei
       hat den Kolonien ihren Wert gegeben; die Kolonien haben den Welt-
       handel geschaffen; und der Welthandel ist die Bedingung der Groß-
       industrie. So  ist die  Sklaverei eine  ökonomische Kategorie von
       der höchsten Wichtigkeit.
       Ohne die Sklaverei würde Nordamerika, das vorgeschrittenste Land,
       sich in ein patriarchalisches Land verwandeln. Man streiche Nord-
       amerika von  der Weltkarte,  und man  hat die Anarchie, den voll-
       ständigen Verfall des Handels und der modernen Zivilisation. Laßt
       die Sklaverei  verschwinden, und  ihr streicht  Amerika  von  der
       Weltkarte. *)
       So hat  die Sklaverei,  weil sie  eine ökonomische Kategorie ist,
       stets in  den Institutionen  der Völker  figuriert. Die  modernen
       Völker haben  die Sklaverei in ihren Ländern lediglich zu maskie-
       ren gewußt,  während sie  sie in der Neuen Welt unverhüllt einge-
       führt haben.
       Wie wird  es Herr  Proudhon anfangen, die Sklaverei zu retten? Er
       wird das   P r o b l e m  stellen: die gute Seite dieser ökonomi-
       schen Kategorie zu erhalten und die schlechte auszumerzen.
       Hegel hat  keine Probleme zu stellen. Er kennt nur die Dialektik.
       Herr Proudhon hat von der Hegelschen Dialektik nur die Redeweise.
       Seine eigene dialektische Methode besteht in der dogmatischen Un-
       terscheidung von gut und schlecht.
       Nehmen wir  einmal Herrn  Proudhon selbst als Kategorie; untersu-
       chen wir seine gute und seine schlechte Seite, seine Vorteile und
       seine Nachteile.
       Wenn er  vor Hegel  den Vorteil  voraus hat, Probleme zu stellen,
       die er  sich vorbehält zum Besten der Menschheit zu lösen, so hat
       er den Nachteil
       ---
       *) Dies war  vollkommen richtig  für das  Jahr 1847.  Damals  be-
       schränkte sich  der Welthandel der Vereinigten Staaten hauptsäch-
       lich auf  die Einfuhr  von Einwanderern und Industneprodukten und
       auf die  Ausfuhr von  Baumwolle und Tabak, also von Produkten der
       südlichen  Sklavenarbeit.  Die  nördlichen  Staaten  produzierten
       hauptsächlich Korn und Fleisch für die Sklavenstaaten. Erst seit-
       dem der  Norden Korn  und Fleisch für die Ausfuhr produzierte und
       daneben ein  Industrieland wurde  und seitdem  dem amerikanischen
       Baumwollmonopol in  Indien, Ägypten, Brasilien etc. eine mächtige
       Konkurrenz entstanden, war die Abschaffung der Sklaverei möglich.
       Und selbst  dann hatte  sie zur Folge den Ruin des Südens, dem es
       nicht gelungen ist, die offene Negersklaverei durch die verdeckte
       Sklaverei indischer und chinesischer Kulis zu ersetzen. F.E.
       
       #133# Das Elend der Philosophie
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       vollständiger Unfruchtbarkeit,  sobald  es  sich  darum  handelt,
       durch die Tätigkeit der dialektischen Zeugung eine neue Kategorie
       ins Leben  zu rufen.  Was die dialektische Bewegung ausmacht, ist
       gerade das  Nebeneinanderbestehen  der  beiden  entgegengesetzten
       Seiten, ihr  Widerstreit und ihr Aufgehen in eine neue Kategorie.
       Sowie man sich nur das Problem stellt, die schlechte Seite auszu-
       merzen, schneidet  man die  dialektische Bewegung entzwei. Es ist
       nicht die Kategorie mehr, die sich hier selbst, infolge ihrer wi-
       derspruchsvollen Natur,  setzt und entgegensetzt; es ist vielmehr
       Herr Proudhon,  der zwischen den beiden Seiten sich hin- und her-
       zerrt, zerarbeitet und abquält.
       So in  einer Sackgasse  gefangen, aus  der es schwer ist mittelst
       erlaubter Mittel  freizukommen,  macht  Herr  Proudhon  plötzlich
       einen wahren  Riesenkraftsprung, der  ihn mit einem einzigen Satz
       in eine neue Kategorie versetzt. Und nun enthüllt sich vor seinen
       erstaunten Augen  die   R e i h e n f o l g e  i n  d e r  V e r-
       n u n f t.
       Er nimmt  die erste  beste Kategorie und legt ihr willkürlich die
       Eigenschaft bei,  den Nachteilen der Kategorie abzuhelfen, die er
       weißzuwaschen hat.  So beseitigen  die Steuern,  wenn wir nämlich
       Herrn Proudhon  glauben, die Nachteile des Monopols; die Handels-
       bilanz die  Nachteile der  Steuern; der Grundbesitz die Nachteile
       des Kredits.
       Indem er  so nach  und nach  die ökonomischen  Kategorien einzeln
       vornimmt und  aus der  einen das   G e g e n g i f t  der anderen
       macht, bringt  es Herr Proudhon fertig, mit diesem Mischmasch von
       Widersprüchen und Gegenmitteln für Widersprüche zwei Bände Wider-
       sprüche herzustellen,  die er  ganz richtig betitelt: "System der
       ökonomischen Widersprüche".
       
       Fünfte Bemerkung
       
       "In der  absoluten Vernunft sind alle diese Ideen ... gleich ein-
       fach und generell... In der Tat gelangen wir zur Wissenschaft nur
       dadurch, daß wir unsere Ideen zu einer  A r t  v o n  G e r ü s t
       aufbauen. Aber  die Wahrheit  an sich  ist unabhängig  von diesen
       dialektischen Figuren und frei von den Kombinationen unseres Gei-
       stes." (Proudhon, Bd. II, S. 97.)
       Da sehen wir plötzlich, vermittelst einer Kehrtwendung, deren Ge-
       heimnis wir jetzt kennen, die Metaphysik der politischen Ökonomie
       zur Illusion  geworden! Niemals  hat Herr Proudhon wahrer gespro-
       chen. Ganz  gewiß, von  dem Augenblick an, wo der Prozeß der dia-
       lektischen Bewegung sich reduziert auf die einfache Prozedur, Gut
       und Schlecht einander gegenüberzuhalten, Probleme zu stellen, die
       darauf hinauskommen, das Schlechte auszumerzen und eine Kategorie
       als Gegengift gegen die andere zu verabreichen, von da an
       
       #134# Karl Marx
       -----
       haben  die   Kategorien  keine  Selbsttätigkeit  mehr;  die  Idee
       "f u n k t i o n i e r t   nicht mehr", es ist kein Leben mehr in
       ihr. Weder  setzt noch zersetzt sie sich fernerhin in Kategorien.
       Die Aufeinanderfolge  der Kategorien  hat sich  verwandelt in ein
       bloßes   G e r ü s t.   Die Dialektik ist nicht mehr die Bewegung
       der absoluten  Vernunft. Es  gibt keine  Dialektik mehr,  es gibt
       höchstens nur noch pure Moral.
       Als Herr  Proudhon von  der   R e i h e n f o l g e   i m  V e r-
       s t a n d e,    von  der    l o g i s c h e n    A u f e i n a n-
       d e r f o l g e   d e r  K a t e g o r i e n  sprach, erklärte er
       positiv, daß  er nicht  die   G e s c h i c h t e  n a c h  d e r
       O r d n u n g   d e r  Z e i t  geben wolle, das heißt nach Herrn
       Proudhon  die   historische  Aufeinanderfolge,   in  welcher  die
       Kategorien  s i c h  o f f e n b a r t  haben. Alles vollzog sich
       damals für  ihn in  dem   r e i n e n   Ä t h e r   d e r  V e r-
       n u n f t.   Alles sollte  sich mittelst der Dialektik aus diesem
       reinen Äther  ableiten. Jetzt,  wo es  sich darum  handelt, diese
       Dialektik in  die Praxis  zu übersetzen, läßt ihn die Vernunft im
       Stich. Die  Dialektik des  Herrn Proudhon  schlägt der  Dialektik
       Hegels ein  Schnippchen, und  so muß Herr Proudhon uns mitteilen,
       daß die  Ordnung, in der er uns die ökonomischen Kategorien gibt,
       nicht mehr  die Ordnung  ist, in  der  sie  sich  auseinanderent-
       wickeln.  Die   ökonomischen  Evolutionen  sind  nicht  mehr  die
       Evolutionen der reinen Vernunft.
       Was denn  gibt uns  eigentlich Herr  Proudhon? Die  wirkliche Ge-
       schichte, das  heißt nach  dem Verstande  des Herrn  Proudhon die
       Aufeinanderfolge, in  der sich  die Kategorien in der Zeitordnung
       o f f e n b a r t   haben? Nein.  Die Geschichte, wie sie sich in
       der Idee  selbst vollzieht?  Noch weniger. Also weder die profane
       Geschichte der  Kategorien noch  ihre heilige  Geschichte! Welche
       Geschichte gibt  er uns  denn nun?  Die Geschichte seiner eigenen
       Widersprüche. Sehen  wir, wie  sie marschieren und Herrn Proudhon
       hinter sich herschleppen.
       Bevor wir  uns an  diese Untersuchung machen, welche zu der sech-
       sten wichtigen  Bemerkung Veranlassung  gibt, haben wir noch eine
       weniger wichtige Bemerkung zu machen.
       Nehmen wir einmal mit Herrn Proudhon an, die wirkliche Geschichte
       nach der  Zeitordnung sei  die historische  Aufeinanderfolge,  in
       welcher die  Ideen, die Kategorien, die Prinzipien sich offenbart
       haben.
       Jedes Prinzip  hat sein  Jahrhundert gehabt,  worin es  sich ent-
       hüllte. Das Autoritätsprinzip hat z.B. das 11. Jahrhundert gehabt
       wie das  Prinzip des  Individualismus das 18. Folgerichtigerweise
       gehörte das  Jahrhundert dem Prinzip, nicht das Prinzip dem Jahr-
       hundert. Mit  anderen Worten:  Das Prinzip  macht die Geschichte,
       nicht die  Geschichte das  Prinzip. Fragt  man sich  endlich,  um
       Prinzipien wie  Geschichte zu  retten: warum  dieses Prinzip sich
       gerade im  11. oder  im 18.  Jahrhundert und nicht in irgendeinem
       ändern offenbart
       
       #135# Das Elend der Philosophie
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       hat, so  sieht man  sich notwendigerweise gezwungen, im einzelnen
       zu untersuchen,  welches die  Menschen des  11. und  die des  18.
       Jahrhunderts waren,  welches ihre  jedesmaligen Bedürfnisse, ihre
       Produktivkräfte, ihre  Produktionsweise, die Rohstoffe ihrer Pro-
       duktion, welches endlich die Beziehungen von Mensch zu Mensch wa-
       ren, die  aus allen diesen Existenzbedingungen hervorgingen. Alle
       diese Fragen  ergründen, heißt  das nicht, die wirkliche, profane
       Geschichte der  Menschen  eines  jeden  Jahrhunderts  erforschen,
       diese Menschen  darstellen, wie sie in einem Verfasser und Schau-
       steller ihres  eigenen Dramas  waren? Aber von dem Augenblick an,
       wo man  die Menschen als die Schausteller und Verfasser ihrer ei-
       genen Geschichte  hinstellt, ist  man auf einem Umweg zum wirkli-
       chen Ausgangspunkt  zurückgekehrt, weil man die ewigen Prinzipien
       fallengelassen hat, von denen man ausging.
       Aber Herr Proudhon hat sich nicht einmal weit genug vorgewagt auf
       dem Querpfad,  den der  Ideologe einschlägt,  um die  große Heer-
       straße der Geschichte zu gewinnen.
       
       Sechste Bemerkung
       
       Schlagen wir mit Herrn Proudhon den Querpfad ein.
       Wir wollen  annehmen, daß die ökonomischen Beziehungen, als  u n-
       w a n d e l b a r e   G e s e t z e,   als   e w i g e   P r i n-
       z i p i e n,   als  i d e a l e  K a t e g o r i e n  betrachtet,
       früher da  waren als  die tätigen  und handelnden  Menschen;  wir
       wollen sogar annehmen, daß diese Gesetze, diese Prinzipien, diese
       Kategorien von  Anbeginn  der  Zeit  an  "in  der  unpersönlichen
       Vernunft der  Menschheit" geschlummert  haben. Wir  haben bereits
       gesehen, daß  es bei diesen unwandelbaren, unveränderlichen Ewig-
       keiten  keine  Geschichte  mehr  gibt;  es  gibt  höchstens  eine
       Geschichte in  der Idee,  d.h. die  Geschichte, die  sich in  der
       dialektischen Bewegung  der  reinen  Vernunft  abspiegelt.  Damit
       aber, daß  Herr Proudhon  sagt,  in  der  dialektischen  Bewegung
       "d i f f e r e n z i e r t e n"   sich die  Ideen nicht mehr, hat
       er sowohl  den   S c h a t t e n  d e r  B e w e g u n g  wie die
       B e w e g u n g   d e r  S c h a t t e n  ausgestrichen, mittelst
       deren man  noch allenfalls etwas hätte zuwege bringen können, was
       nach Geschichte  aussieht. Statt dessen schiebt er der Geschichte
       seine eigene  Ohnmacht in  die Schuhe,  er schiebt die Schuld auf
       alles, sogar auf die französische Sprache.
       
       "Es stimmt  also nicht genau", sagt Herr Proudhon, der Philosoph,
       "wenn man  sagt, daß irgend etwas  s i c h  e r e i g n e t,  daß
       irgend etwas   p r o d u z i e r t  w i r d:  In der Zivilisation
       wie im Weltall existiert alles, wirkt alles von jeher ... Es ver-
       hält sich  ebenso mit  der ganzen  Sozialökonomie." (Bd.  II,  S.
       102.)
       
       So gewaltig ist die schöpferische Kraft der Widersprüche, die auf
       Herrn Proudhon  w i r k e n  und ihn wirken machen, daß er da, wo
       er die Geschichte
       
       #136# Karl Marx
       -----
       erklären will,  sich gezwungen  sieht, sie zu leugnen, daß, wo er
       die Aufeinanderfolge  der sozialen Verhältnisse erklären will, er
       leugnet, daß   e t w a s  s i c h  e r e i g n e n  kann, daß, wo
       er die  Produktion in  allen ihren  Phasen erklären  will, er be-
       streitet,  daß    e t w a s    p r o d u z i e r t    w e r d e n
       k a n n.
       So gibt  es für Herrn Proudhon weder Geschichte noch Aufeinander-
       folge der  Ideen, und doch ist sein Buch noch da; und just dieses
       Buch ist,  nach seinen  eigenen Worten,  "die Geschichte nach der
       Aufeinanderfolge der  Ideen". Wie  eine Formel finden - denn Herr
       Proudhon ist  der Mann  der Formeln  -, die  ihm erlaubt,   m i t
       e i n e m   S p r u n g  über all seine Widersprüche hinwegzuset-
       zen?
       Zu diesem Zweck hat er eine neue Vernunft erfunden, die weder die
       reine und  jungfräuliche absolute  Vernunft noch die gemeine Ver-
       nunft der  in den verschiedenen  Jahrhunderten  auftretenden  und
       handelnden  Menschen ist,  sondern  eine  ganz absonderliche Ver-
       nunft,   die   Vernunft   der   Gesellschaft   als   Person,  der
       M e n s c h h e i t   als Subjekt,  die unter der Feder des Herrn
       Proudhon auch  zuweilen als   "G e n i u s   d e r   G e s e l l-
       s c h a f t",  als  "a l l g e m e i n e   V e r n u n f t",  und
       in letzter Linie  "V e r n u n f t   d e r   M e n s c h h e i t"
       sich  vorführt.  Diese, mit soviel Namen  ausstaffierte  Vernunft
       verrät sich  jedoch bei  jeder Gelegenheit  als die  individuelle
       Vernunft des Herrn Proudhon mit ihrer  guten  und  ihrer schlech-
       ten Seite, ihren Gegengiften und ihren Problemen.
       "Die menschliche Vernunft schafft nicht die Wahrheit", die in den
       Tiefen der absoluten, ewigen Vernunft sich verbirgt. Sie kann sie
       nur enthüllen.  Aber die  Wahrheiten, die  sie bis jetzt enthüllt
       hat, sind  unvollständig, unzulänglich  und  folglich  widerspre-
       chend. Somit sind auch die ökonomischen Kategorien selbst nur von
       der Vernunft der Menschheit, von dem Genius der Gesellschaft ent-
       deckte und  enthüllte Wahrheiten,  weshalb sie  ebenfalls unvoll-
       ständig sind  und den  Keim des  Widerspruchs in sich tragen. Vor
       Herrn  Proudhon   sah  der   Genius  der   Gesellschaft  nur  die
       g e g e n s ä t z l i c h e n   E l e m e n t e,   nicht aber die
       einheitliche   s y n t h e t i s c h e   F o r m e l,   die beide
       gleichzeitig in der  a b s o l u t e n  V e r n u n f t  stecken.
       Die ökonomischen  Verhältnisse sind  aber nichts  anderes als die
       Verwirklichung auf Erden dieser unzulänglichen Wahrheiten, dieser
       unvollständigen  Kategorien,  dieser  sich  widersprechenden  Be-
       griffe, und  deshalb sind  auch sie  m sich  widerspruchsvoll und
       bieten die  beiden Seiten dar, von denen die eine gut, die andere
       schlecht ist.
       Die ganze  Wahrheit, den Begriff in seiner ganzen Fülle, die syn-
       thetische Formel, die den Widerspruch aufhebt, zu finden, das ist
       die Aufgabe  des Genius der Gesellschaft. Deshalb ist auch in der
       Einbildung des  Herrn Proudhon  dieser selbe  Genius der  Gesell-
       schaft von  einer Kategorie  zur anderen herumgejagt worden, ohne
       daß er es bisher mit der ganzen Batterie
       
       #137# Das Elend der Philosophie
       -----
       seiner Kategorien  fertiggebracht hätte, Gott, der absoluten Ver-
       nunft, eine synthetische Formel abzuringen.
       
       "Zuerst stellt die Gesellschaft (der Genius der Gesellschaft) 1*)
       ein erstes  Faktum, eine  erste   H y p o t h e s e  auf..., eine
       wahrhafte Antinomie,  deren gegensätzliche  Resultate sich in der
       sozialen Ökonomie  in derselben  Art entwickeln,  wie ihre Konse-
       quenzen im Geiste hätten abgeleitet werden können; so daß die in-
       dustrielle Entwicklung, durchaus der Ableitung der Ideen folgend,
       sich in  zwei Richtungen  teilt, die  der nützlichen  und die der
       zerstörenden Wirkungen... Um dieses Prinzip mit doppeltem Antlitz
       harmonisch zu  konstituieren und  diesen Widerspruch  aufzuheben,
       läßt die Gesellschaft aus demselben einen  z w e i t e n  hervor-
       gehen, dem  bald ein  dritter folgt,  und dies  wird der    W e g
       d e s   G e n i u s  d e r  G e s e l l s c h a f t  sein, bis er
       nach Erschöpfung  aller seiner  Widersprüche -  ich setze voraus,
       was jedoch nicht bewiesen ist, daß der Widerspruch in der Mensch-
       heit einmal  ein Ende  haben werde  - mit  einem Sprung  auf alle
       seine früheren  Positionen zurückkommt und alle seine Aufgaben in
       einer  e i n z i g e n  F o r m e l  löst." (Bd. I, S. 133.)
       
       Wie früher sich der  G e g e n s a t z  in ein  G e g e n g i f t
       verwandelte, so  wird  jetzt  die    T h e s e    zur    H y p o-
       t h e s e.   Dies  Vertauschen  der  Worte  kann  uns  bei  Herrn
       Proudhon nicht  wundernehmen. Die  Vernunft der  Menschheit,  die
       nichts weniger  als rein,  da ihr  Gesichtskreis beschränkt  ist,
       stößt mit  jedem Schritt  auf neue zu lösende Aufgaben. Jede neue
       These, die sie in der absoluten Vernunft entdeckt und die die Ne-
       gation der  vorhergehenden These  ist, wird für sie zur Synthese,
       die sie  ziemlich naiv für die Lösung der in Frage stehenden Auf-
       gabe nimmt.  So quält  sich diese  Vernunft in stets neuen Wider-
       sprüchen ab,  bis sie  am Ende  dieser Widersprüche  anlangt  und
       merkt, daß alle ihre Thesen und Synthesen nichts anderes sind als
       sich widersprechende  Hypothesen. In  ihrer Verblüfftheit  "kommt
       die menschliche  Vernunft, der Genius der Gesellschaft, mit einem
       Sprung auf  alle seine  früheren Positionen  zurück und löst alle
       seine Aufgaben  in einer  einzigen Formel".  Diese einzige Formel
       bildet beiläufig die veritable Entdeckung des Herrn Proudhon. Sie
       ist der  k o n s t i t u i e r t e  W e r t.
       Man macht Hypothesen nur im Hinblick auf ein bestimmtes Ziel. Das
       Ziel, welches  sich der  Genius der  Gesellschaft, der  durch den
       Mund des  Herrn Proudhon spricht, in erster Linie setzte, war die
       Ausmerzung des  Schlechten aus  jeder ökonomischen  Kategorie, um
       nur Gutes übrigzubehalten. Für ihn ist dies Gute das höchste Gut,
       das wahre  praktische Ziel - die  G l e i c h h e i t.  Und warum
       zog der  Genius der Gesellschaft die Gleichheit der Ungleichheit,
       der Brüderlichkeit,  dem Katholizismus, kurz jedem ändern Prinzip
       vor? Weil  "die Menschheit eine solche Anzahl besonderer Hypothe-
       sen
       -----
       1*) (der Genius der Gesellschaft): Einfügung von Marx
       
       #138# Karl Marx
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       nacheinander verwirklicht  hat, nur mit Rücksicht auf eine höhere
       Hypothese", die eben die Gleichheit ist. Mit anderen Worten: weil
       die Gleichheit  das Ideal  des Herrn Proudhon ist. Er bildet sich
       ein, daß  die Teilung  der Arbeit, der Kredit, die Kooperation in
       der 1*) Werkstatt, kurz alle ökonomischen Verhältnisse nur erfun-
       den worden  sind zum  Besten der  Gleichheit, und  doch sind  sie
       schließlich stets  zu ihrem  Schaden ausgefallen.  Wenn  die  Ge-
       schichte und  die Fiktion des Herrn Proudhon einander auf Schritt
       und Tritt  widersprechen, so schließt dieser, daß ein Widerspruch
       besteht. Wenn  aber ein  Widerspruch besteht,  so besteht  er nur
       zwischen seiner fixen Idee und den wirklichen Vorgängen.
       Von jetzt  ab ist die gute Seite eines ökonomischen Verhältnisses
       stets diejenige,  welche die Gleichheit bekräftigt, die schlechte
       diejenige, welche  sie verneint und die Ungleichheit stärkt. Jede
       neue Kategorie ist eine Hypothese des Genius der Gesellschaft be-
       hufs Ausmerzung der von der vorhergehenden Hypothese geschaffenen
       Ungleichheit.  Mit   einem   Wort:   Die   Gleichheit   ist   die
       u r s p r ü n g l i c h e  A b s i c h t,  die  m y s t i s c h e
       T e n d e n z,   das  p r o v i d e n t i e l l e  Z i e l,  wel-
       ches der  Genius der  Gesellschaft beständig vor Augen hat, indem
       er sich im Zirkel der ökonomischen Widersprüche herumdreht. Daher
       ist auch die  V o r s e h u n g  die Lokomotive, die das ökonomi-
       sche Rüstzeug  des Herrn Proudhon besser in Gang bringt als seine
       luftige, reine  Vernunft. Er hat der Vorsehung ein ganzes Kapitel
       gewidmet, welches auf das über die Steuern folgt.
       Vorsehung, providentielles  Ziel, das  ist das große Wort, dessen
       man sich  heute bedient,  um den Gang der Geschichte zu erklären.
       Tatsächlich erklärt  dieses Wort  nichts. Es  ist höchstens  eine
       rhetorische Form,  eine der  vielen Arten,  die Tatsachen  zu um-
       schreiben.
       Es ist Tatsache, daß der Grundbesitz in Schottland durch die Ent-
       wicklung der Industrie neuen Wert erhielt, diese Industrie eröff-
       nete der  Wolle neue  Märkte. Um  die Wolle im großen Maßstabe zu
       produzieren, mußte  man das Ackerland in Weideland verwandeln. Um
       diese Umwandlung  zu bewirken, mußte man die Güter konzentrieren.
       Um die  Güter zu  konzentrieren, mußte man die kleinen Pachtungen
       abschaffen, Tausende  von Pächtern  aus ihrer Heimat verjagen und
       an ihre  Stelle einige  Hirten setzen,  die Millionen von Schafen
       bewachen. So  hatte der Grundbesitz in Schottland infolge sukzes-
       siver Umwandlungen  das Resultat,  daß Menschen durch Hammel ver-
       drängt wurden. Man sage jetzt, daß es das providentielle Ziel der
       Institution des  Grundbesitzes in  Schottland war, Menschen durch
       Hammel verdrängen  zu lassen,  und  man  hat  providentielle  Ge-
       schichte getrieben.
       -----
       1*) ... Kooperation in der ...: Einfügung der Übersetzer
       
       #139# Das Elend der Philosophie
       -----
       Gewiß, die  Tendenz zur Gleichheit ist unserem Jahrhundert eigen.
       Wer nun sagt, daß die vorhergegangenen Jahrhunderte mit vollstän-
       dig verschiedenen  Bedürfnissen, Produktionsmitteln  etc.  provi-
       dentiell für  die Verwirklichung der Gleichheit wirkten, der sub-
       stituiert zunächst  die Mittel  und die Menschen unseres Jahrhun-
       derts den Menschen und Mitteln der früheren Jahrhunderte und ver-
       kennt die  historische Bewegung,  mittelst derer die aufeinander-
       folgenden Generationen  die von  den ihnen vorhergehenden Genera-
       tionen erreichten  Resultate umformten.  Die Ökonomen wissen sehr
       gut, daß  dasselbe Ding, das für den einen verarbeitetes Produkt,
       für den anderen um Rohmaterial zu neuer Produktion ist.
       Man nehme  an, wie  Herr Proudhon  es tut, daß der Genius der Ge-
       sellschaft die  Feudalherren in  der providentiellen  Absicht ge-
       schaffen  oder   vielmehr  improvisiert   habe,  die     Z i n s-
       b a u e r n  in  v e r a n t w o r t l i c h e  und  g l e i c h-
       h e i t l i c h e   A r b e i t e r   zu verwandeln, und man wird
       eine Unterschiebung  von Zielen  und Illusionen  vollzogen haben,
       würdig der  Vorsehung, welche  in  Schottland  das  Grundeigentum
       einführte, um  sich das  böswillige Vergnügen zu machen, Menschen
       durch Hammel zu ersetzen.
       Da aber  Herr Proudhon ein so zärtliches Interesse für die Vorse-
       hung empfindet,  so verweisen wir ihn auf die "Geschichte der po-
       litischen  Ökonomie"   des  Herrn  de  Villeneuve-Bargemont,  der
       gleichfalls einem providentiellen Ziel nachläuft. Dieses Ziel ist
       nicht mehr die Gleichheit, sondern der Katholizismus.
       
       Siebente und letzte Bemerkung
       
       Die Ökonomen  verfahren auf  eine sonderbare Art. Es gibt für sie
       nur zwei  Arten von Institutionen, künstliche und natürliche. Die
       Institutionen des  Feudalismus sind künstliche Institutionen, die
       der Bourgeoisie  natürliche. Sie gleichen dann den Theologen, die
       auch zwei  Arten von Religionen unterscheiden. Jede Religion, die
       nicht die ihre ist, ist eine Erfindung der Menschen, während ihre
       eigene Religion  eine Offenbarung  Gottes ist.  Wenn die Ökonomen
       sagen, daß  die gegenwärtigen Verhältnisse - die Verhältnisse der
       bürgerlichen Produktion  - natürliche sind, so geben sie damit zu
       verstehen, daß  es Verhältnisse  sind, in denen die Erzeugung des
       Reichtums und  die Entwicklung der Produktivkräfte sich gemäß den
       Naturgesetzen vollziehen.  Somit sind  diese Verhältnisse  selbst
       von dem  Einfluß der Zeit unabhängige Naturgesetze. Es sind ewige
       Gesetze, welche  stets die  Gesellschaft zu regieren haben. Somit
       hat es  eine Geschichte  gegeben, aber es gibt keine mehr; es hat
       eine Geschichte gegeben, weil feudale Einrichtungen bestanden ha-
       ben und weil man in diesen feudalen Einrichtungen Produktionsver-
       hältnisse findet,
       
       #140# Karl Marx
       -----
       vollständig verschieden  von denen der bürgerlichen Gesellschaft,
       welche die  Ökonomen als  natürliche und demgemäß ewige angesehen
       wissen wollen.
       Auch der  Feudalismus hatte  sein Proletariat  -  die  Leibeigen-
       schaft, welche  alle Keime des Bürgertums enthielt. Auch die feu-
       dale Produktion  hatte zwei  antagonistische  Elemente,  die  man
       gleichfalls als   g u t e   u n d   s c h l e c h t e   S e i t e
       des Feudalismus bezeichnet, ohne zu berücksichtigen, daß es stets
       die schlechte  Seite ist,  welche schließlich  den Sieg  über die
       gute Seite davonträgt. Die schlechte Seite ist es, welche die Be-
       wegung ins  Leben ruft, welche die Geschichte macht, dadurch, daß
       sie den  Kampf zeitigt. Hätten zur Zeit der Herrschaft des Feuda-
       lismus die  Ökonomen, begeistert  von den  ritterlichen Tugenden,
       von der  schönen Harmonie zwischen Rechten und Pflichten, von dem
       patriarchalischen Leben  der Städte, von dem Blühen der Hausindu-
       strie auf  dem Lande,  von der  Entwicklung der in Korporationen,
       Zünften, Innungen organisierten Industrie, mit einem Wort von al-
       lem, was  die schöne  Seite des Feudalismus bildet, sich das Pro-
       blem gestellt,  alles auszumerzen,  was einen  Schatten auf  dies
       Bild wirft  - Leibeigenschaft, Privilegien, Anarchie -, wohin wä-
       ren sie  damit gekommen? Man hätte alle Elemente vernichtet, wel-
       che den  Kampf hervorriefen,  man hätte die Entwicklung der Bour-
       geoisie im  Keim erstickt. Man hätte sich das absurde Problem ge-
       stellt, die Geschichte auszustreichen.
       Als die  Bourgeoisie obenauf  gekommen war, fragte man weder nach
       der guten  noch nach  der schlechten  Seite des  Feudalismus. Die
       Produktivkräfte, welche sich durch sie unter dem Feudalismus ent-
       wickelt hatten,  fielen ihr  zu. Alle  alten ökonomischen Formen,
       die privatrechtlichen  Beziehungen, welche ihnen entsprachen, der
       politische Zustand, welcher der offizielle Ausdruck der alten Ge-
       sellschaft war, wurden zerbrochen.
       Will man  somit die feudale Produktion richtig beurteilen, so muß
       man sie  als eine auf dem Gegensatz basierte Produktionsweise be-
       trachten. Man  muß zeigen,  wie der Reichtum innerhalb dieses Ge-
       gensatzes produziert  wurde, wie die Produktivkräfte sich gleich-
       zeitig mit dem Widerstreit der Klassen entwickelten, wie die eine
       dieser Klassen,  die schlechte Seite, das gesellschaftliche Übel,
       stets anwuchs, bis die materiellen Bedingungen ihrer Emanzipation
       zur Reife  gediehen waren. Sagt das nicht deutlich genug, daß die
       Produktionsweise, die  Verhältnisse, in denen die Produktivkräfte
       sich entwickeln,  nichts weniger  als ewige Gesetze sind, sondern
       einem bestimmten Entwicklungszustande der Menschen und ihrer Pro-
       duktivkräfte entsprechen und daß eine in den Produktivkräften der
       Menschen eingetretene  Veränderung notwendigerweise eine Verände-
       rung in ihren Produktionsverhältnissen herbeiführt? Da es vor al-
       len Dingen darauf ankommt, nicht von den Früchten der
       
       #141# Das Elend der Philosophie
       -----
       Zivilisation, den  erworbenen Produktivkräften  ausgeschlossen zu
       sein, so  wird es  notwendig, die überkommenen Formen, in welchen
       sie geschaffen  worden, zu  zerbrechen. Von  diesem Augenblick an
       wird die revolutionäre Klasse konservativ.
       Die Bourgeoisie  beginnt mit  einem Proletariat,  das selbst wie-
       derum ein  Überbleibsel des Proletariats 1*) des Feudalismus ist.
       In dem  Verlauf ihrer  historischen  Entwicklung  entwickelt  die
       Bourgeoisie notwendigerweise  ihren  antagonistischen  Charakter,
       der sich  bei ihrem  ersten Auftreten  mehr oder  minder verhüllt
       vorfindet, nur  im latenten  Zustande existiert. In dem Maße, wie
       die Bourgeoisie  sich entwickelt, entwickelt sich in ihrem Schöße
       ein neues  Proletariat, ein  modernes Proletariat:  Es entwickelt
       sich ein  Kampf zwischen der Proletarierklasse und der Bourgeois-
       klasse, ein Kampf, der, bevor er auf beiden Seiten empfunden, be-
       merkt, gewürdigt,  begriffen, eingestanden  und endlich laut pro-
       klamiert wird, sich vorläufig nur in teilweisen und vorübergehen-
       den Konflikten,  in Zerstörungswerken  äußert.  Anderseits,  wenn
       alle Angehörigen  der modernen  Bourgeoisie das gleiche Interesse
       haben, insoweit  sie eine  Klasse gegenüber  einer anderen Klasse
       bilden, so  haben sie  entgegengesetzte, widerstreitende Interes-
       sen, sobald  sie selbst einander gegenüberstehen. Dieser Interes-
       sengegensatz geht  aus den ökonomischen Bedingungen ihres bürger-
       lichen Lebens  hervor. Von  Tag zu  Tag wird es somit klarer, daß
       die Produktionsverhältnisse,  in denen  sich die  Bourgeoisie be-
       wegt, nicht  einen einheitlichen, einfachen Charakter haben, son-
       dern einen  zwieschlächtigen; daß  in denselben Verhältnissen, in
       denen der  Reichtum produziert  wird, auch  das Elend  produziert
       wird; daß  in denselben  Verhältnissen, in  denen die Entwicklung
       der Produktivkräfte  vor sich  geht, sich  eine  Repressionskraft
       entwickelt; daß  diese Verhältnisse  den  b ü r g e r l i c h e n
       R e i c h t u m,   d.h. den Reichtum der Bourgeoisklasse, nur er-
       zeugen unter  fortgesetzter Vernichtung  des Reichtums  einzelner
       Glieder dieser  Klasse und unter Schaffung eines stets wachsenden
       Proletariats.
       Je mehr  dieser gegensätzliche Charakter zutage tritt, desto mehr
       geraten die  Ökonomen, die  wissenschaftlichen Repräsentanten der
       bürgerlichen Produktion,  mit ihrer  eigenen  Theorie  in  Wider-
       spruch, und verschiedene Schulen bilden sich.
       Wir haben  die  f a t a l i s t i s c h e n  Ökonomen, die in ih-
       rer Theorie ebenso gleichgiltig gegen das sind, was sie die Übel-
       stände der  bürgerlichen Produktionsweise  nennen, wie  die Bour-
       geois selbst es in der Praxis sind gegenüber
       -----
       1*) Im Widmungsexemplar  steht  hier  die  Randbemerkung:  de  la
       classe travailleur [der arbeitenden Klasse].
       
       #142# Karl Marx
       -----
       den Leiden  der Proletarier,  die ihnen  die Reichtümer  erwerben
       helfen. In dieser fatalistischen Schule gibt es Klassiker und Ro-
       mantiker. Die  Klassiker, wie  Adam Smith  und Ricardo, vertreten
       eine Bourgeoisie,  die, noch im Kampf mit den Resten der feudalen
       Gesellschaft, nur  daran arbeitet,  die ökonomischen Verhältnisse
       von den feudalen Flecken zu reinigen, die Produktivkräfte zu ver-
       mehren und der Industrie und dem Handel neue Triebkraft zu geben.
       Das an  diesem Kampfe  teilnehmende Proletariat kennt, von dieser
       fieberhaften Arbeit  absorbiert,  nur  vorübergehende,  zufällige
       Leiden, betrachtet  sie selbst als solche. Die Ökonomen, wie Adam
       Smith und  Ricardo, welche die Historiker dieser Epoche sind, ha-
       ben lediglich  die Mission,  nachzuweisen, wie der Reichtum unter
       den Verhältnissen  der  bürgerlichen  Produktion  erworben  wird,
       diese Verhältnisse  in Kategorien,  in Gesetze zu formulieren und
       nachzuweisen, um  wieviel diese Gesetze, diese Kategorien für die
       Produktion der Reichtümer überlegen sind den Gesetzen und Katego-
       rien der  feudalen Gesellschaft. Das Elend ist in ihren Augen nur
       der Schmerz,  der jede  Geburt begleitet, in der Natur wie in der
       Industrie.
       Die Romantiker  gehören unserer Epoche an, in der die Bourgeoisie
       sich im  direkten Gegensatz  mit dem Proletariat befindet, wo das
       Elend in  ebenso großem  Übermaß anwächst  wie der  Reichtum. Die
       Ökonomen spielen  sich alsdann  als blasierte  Fatalisten auf und
       werfen von  der Höhe  ihres Standpunktes  einen stolzen Blick der
       Verachtung auf  die menschlichen  Maschinen, die den Reichtum er-
       zeugen. Sie  wiederholen alle von ihren Vorläufern gegebenen Aus-
       führungen, aber die Indifferenz, die bei jenen Naivetät war, wird
       bei ihnen Koketterie.
       Kommt alsdann die  h u m a n i t ä r e  S c h u l e,  welche sich
       die schlechte  Seite der heutigen Produktionsverhältnisse zu Her-
       zen nimmt. Diese sucht, um ihr Gewissen zu beruhigen, die wirkli-
       chen Kontraste,  so gut  es eben  geht, zu bemänteln; sie beklagt
       aufrichtig die Not des Proletariats, die zügellose Konkurrenz der
       Bourgeois unter sich; sie rät den Arbeitern, mäßig zu sein, flei-
       ßig zu  arbeiten und  wenig Kinder  zu zeugen;  sie empfiehlt den
       Bourgeois Überlegung in ihrem Produktionseifer. Die ganze Theorie
       dieser Schule besteht in endlosen Unterscheidungen zwischen Theo-
       rie und  Praxis, zwischen den Prinzipien und den Resultaten, zwi-
       schen der  Idee und  der Anwendung,  zwischen dem  Inhalt und der
       Form, zwischen dem Wesen und der Wirklichkeit, zwischen dem Recht
       und der Tatsache, zwischen der guten und schlechten Seite.
       Die   p h i l a n t h r o p i s c h e   Schule ist  die  vervoll-
       kommne humanitäre  Schule. Sie  leugnet die Notwendigkeit des Ge-
       gensatzes, sie will aus allen Menschen Bourgeois machen; sie will
       die Theorie verwirklichen, soweit dieselbe sich von
       
       #143# Das Elend der Philosophie
       -----
       der Praxis  unterscheidet und den Antagonismus nicht einschließt.
       Selbstverständlich ist  es in  der Theorie leicht, von den Wider-
       sprüchen zu  abstrahieren, auf  die man  auf jedem Schritt in der
       Wirklichkeit stößt.  Diese Theorie würde alsdann die idealisierte
       Wirklichkeit werden. Die Philanthropen wollen also die Kategorien
       erhalten, welche der Ausdruck der bürgerlichen Verhältnisse sind,
       ohne den  Widerspruch, der  ihr Wesen  ausmacht und der von ihnen
       unzertrennlich ist.  Sie bilden sich ein, ernsthaft die bürgerli-
       che Praxis  zu bekämpfen, und sie sind mehr Bourgeois als die an-
       deren.
       Wie die   Ö k o n o m e n   die  wissenschaftlichen Vertreter der
       Bourgeoisklasse sind,  so sind  die   S o z i a l i s t e n   und
       K o m m u n i s t e n   die Theoretiker der Klasse des Proletari-
       ats. Solange  das Proletariat noch nicht genügend entwickelt ist,
       um sich als Klasse zu konstituieren, und daher der Kampf des Pro-
       letariats mit  der Bourgeoisie  noch keinen politischen Charakter
       trägt; solange die Produktivkräfte noch im Schöße der Bourgeoisie
       selbst  nicht   genügend  entwickelt  sind,  um  die  materiellen
       Bedingungen durchscheinen  zu lassen,  die notwendig sind zur Be-
       freiung des Proletariats und zur Bildung einer neuen Gesellschaft
       - solange  sind diese  Theoretiker nur Utopisten, die, um den Be-
       dürfnissen der  unterdrückten Klassen abzuhelfen, Systeme ausden-
       ken und  nach einer  regenerierenden Wissenschaft suchen. Aber in
       dem Maße,  wie die  Geschichte vorschreitet und mit ihr der Kampf
       des Proletariats sich deutlicher abzeichnet, haben sie nicht mehr
       nötig, die  Wissenschaft in  ihrem Kopfe zu suchen; sie haben nur
       sich Rechenschaft abzulegen von dem, was sich vor ihren Augen ab-
       spielt, und  sich zum  Organ desselben zu machen. Solange sie die
       Wissenschaft suchen und nur Systeme machen, solange sie im Beginn
       des Kampfes  sind, sehen sie im Elend nur das Elend, ohne die re-
       volutionäre umstürzende Seite darin zu erblicken, welche die alte
       Gesellschaft über  den Haufen  werfen wird. Von diesem Augenblick
       an wird  die Wissenschaft bewußtes Erzeugnis der historischen Be-
       wegung, und sie hat aufgehört, doktrinär zu sein, sie ist revolu-
       tionär geworden.
       Kehren wir zu Herrn Proudhon zurück.
       Jedes ökonomische  Verhältnis hat  eine gute  und eine  schlechte
       Seite; das ist der einzige Punkt, in dem Herr Proudhon sich nicht
       selbst ins  Gesicht schlägt. Die gute Seite sieht er von den Öko-
       nomen hervorgehoben, die schlechte von den Sozialisten angeklagt.
       Er entlehnt  den Ökonomen  die Notwendigkeit  der ewigen Verhält-
       nisse; er entlehnt den Sozialisten die Illusion, in dem Elend nur
       das Elend zu erblicken. Er ist mit beiden einverstanden, wobei er
       sich auf  die Autorität  der Wissenschaft  zu stützen  sucht. Die
       Wissenschaft reduziert  sich für  ihn auf  den zwerghaften Umfang
       einer wissenschaftlichen  Formel; er  ist der  Mann auf  der Jagd
       nach Formeln. Demgemäß
       
       #144# Karl Marx
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       schmeichelt sich Herr Proudhon, die Kritik sowohl der politischen
       Ökonomie als des Kommunismus gegeben zu haben - er steht tief un-
       ter beiden.  Unter den  Ökonomen, weil er als Philosoph, der eine
       magische Formel bei der Hand hat, sich erlassen zu können glaubt,
       in die  rein ökonomischen  Details einzugehen; unter den Soziali-
       sten, weil  er weder genügend Mut noch genügend Einsicht besitzt,
       sich, und  sei es auch nur spekulativ, über den Bourgeoishorizont
       zu erheben.
       Er will  die Synthese sein, und er ist ein zusammengesetzter Irr-
       tum.
       Er will als Mann der Wissenschaft über Bourgeois und Proletariern
       schweben; er  ist nur der Kleinbürger, der beständig zwischen dem
       Kapital und der Arbeit, zwischen der politischen Ökonomie und dem
       Kommunismus hin- und hergeworfen wird.

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