Quelle: MEW 4 Mai 1846 - März 1848


       zurück

       #144# Karl Marx
       -----
       § 2. Arbeitsteilung und Maschinen
       
       Die Arbeitsteilung  eröffnet nach  Herrn Proudhon  die Reihe  der
       ö k o n o m i s c h e n  E n t w i c k l u n g e n.
       
       
       Gute Seite          {"Ihrem Wesen nach ist die Arbeitsteilung der
       der Arbeitsteilung  {Modus, nach welchem die  G l e i c h h e i t
                           {der Bedingungen und Intelligenzen sich
                           {realisiert." (Bd. I, S.93.)
       
                           {"Die Arbeitsteilung ist für uns eine Quelle
       Schlechte Seite     {des Elends geworden." (Bd. I, S.94.)
       der Arbeitsteilung  {              Variante:
                           {"Die Arbeit gelangt dadurch, daß sie sich
                           {n a c h  d e m  G e s e t z  t e i l t,
                           {welches ihr eigen und die vornehmste
                           {Bedingung ihrer Fruchtbarkeit ist, zu der
                           {Negation ihrer Ziele und hebt sich selbst
                           7auf." (Bd. I, S. 94.)
       
                           {"Die Rekomposition" finden, "die die
       Zu lösendes Problem {Unzuträglichkeiten der Teilung beseitigt
                           {und dabei ihre nützlichen Wirkungen erhält."
                           {(Bd. I, S. 97.)
       
       Die Arbeitsteilung  ist nach  Herrn Proudhon  ein ewiges  Gesetz,
       eine einfache  und abstrakte  Kategorie. Somit  muß auch  die Ab-
       straktion, die Idee, das
       
       #145# Das Elend der Philosophie
       -----
       bloße Wort  ihm genügen,  um die  Arbeitsteilung in den verschie-
       denen Epochen der Geschichte zu erklären. Die Kasten, die Zünfte,
       die Manufaktur,  die Großindustrie,  alles muß durch das einfache
       Wort "teilen"  erklärt sein.  Man studiere  zunächst gehörig  den
       Sinn des  Wortes "teilen",  und man  wird nicht mehr nötig haben,
       die zahlreichen  Einflüsse zu erforschen, die in jeder Epoche der
       Arbeitsteilung einen bestimmten Charakter gegeben haben.
       Man vereinfacht  in der  Tat die Sachen gar zu sehr, wenn man sie
       auf die Kategorien des Herrn Proudhon zurückführt. Die Geschichte
       geht nicht  so kategorisch vor. Es bedurfte in Deutschland ganzer
       drei Jahrhunderte,  um die erste bedeutende Arbeitsteilung herzu-
       stellen -  nämlich die  Trennung von Stadt und Land. In dem Maße,
       wie sich bloß dies Verhältnis der Stadt zum Land modifiziert, mo-
       difiziert sich  die ganze  Gesellschaft. Um  nur diese eine Seite
       der Arbeitsteilung ins Auge zu fassen, so ergibt sie uns hier die
       antiken Republiken,  dort den  christlichen Feudalismus, hier das
       alte England mit seinen Landbaronen, dort das moderne England mit
       seinen Baumwollenbaronen  (cotton-lords). Im 14. und 15. Jahrhun-
       dert, als  es noch keine Kolonien gab, als Amerika noch nicht und
       Asien nur  durch die  Vermittlung von  Konstantinopel für  Europa
       existierte, als das Mittelmeer noch das Zentrum der Handelstätig-
       keit war,  hatte die Arbeitsteilung einen ganz anderen Charakter,
       ein ganz  anderes Aussehen  als im  17. Jahrhundert,  wo Spanier,
       Portugiesen, Holländer,  Engländer, Franzosen in allen Weltteilen
       Kolonien errichtet hatten. Die Ausdehnung des Marktes, seine Phy-
       siognomie gaben  der Arbeitsteilung  in den verschiedenen Epochen
       eine Physiognomie,  einen Charakter,  den man Mühe hätte, von dem
       bloßen Wort  "teilen",  von  der  Idee,  von  der  Kategorie  der
       "Teilung" abzuleiten.
       
       "Alle Ökonomen  seit Adam  Smith", sagt Herr Proudhon, "haben auf
       die   V o r t e i l e   und   U n z u t r ä g l i c h k e i t e n
       des Gesetzes der Teilung aufmerksam gemacht, aber dabei viel mehr
       Gewicht auf  die erster en als auf die letzteren gelegt, weil das
       ihrem Optimismus  besser paßte, und ohne daß einer von ihnen sich
       je gefragt  hätte, was die Unzuträglichkeiten eines Gesetzes sein
       könnten... Wie führt dasselbe Prinzip, streng in seine Konsequen-
       zen verfolgt, zu diametral entgegengesetzten Wirkungen? Nicht ein
       Ökonom, weder  vor noch  nach Adam  Smith, hat je gemerkt, daß es
       hier ein  Problem zu  lösen gilt. Say geht so weit, anzuerkennen,
       daß in  der Arbeitsteilung  dieselbe Ursache,  welche den Vorteil
       bewirkt, auch den Schaden zur Folge hat." [I, S. 95-96.]
       
       Adam Smith  hat viel  weiter gesehen, als Herr Proudhon meint. Er
       hat sehr  wohl gesehen,  daß "in Wirklichkeit die Verschiedenheit
       der natürlichen  Anlagen zwischen  den Individuen  weit  geringer
       ist, als  wir glauben. Diese so verschiedenen Anlagen, welche die
       Angehörigen  der   verschiedenen  Professionen  zu  unterscheiden
       scheinen, Leute, die bereits in das reife Alter getreten
       
       #146# Karl Marx
       -----
       sind, sind  nicht sowohl  die   U r s a c h e   als die    W i r-
       k u n g   der Arbeitsteilung."  [Smith, a.a.O., I, S. 33-34.] Ur-
       sprünglich unterscheidet  sich ein  Lastträger weniger  von einem
       Philosophen als ein Kettenhund von einem Windhund. Es ist die Ar-
       beitsteilung, welche  einen Abgrund zwischen beiden aufgetan hat.
       Alles dies  hindert Herrn Proudhon nicht, an einer anderen Stelle
       zu behaupten,  daß Adam  Smith von den Unzuträglichkeiten, welche
       die Arbeitsteilung bewirkt, keine Ahnung hatte; und zu behaupten,
       J[ean]-B[aptiste] Say  habe   z u e r s t  anerkannt, "daß in der
       Arbeitsteilung dieselbe Ursache, welche den Vorteil bewirkt, auch
       den Schaden zur Folge hat".
       Hören wir indes Lemontey;  s u u m  c u i q u e  1*).
       
       "Herr J.-B.  Say hat mir die Ehre erwiesen, in seinem vortreffli-
       chen Werk  über politische  Ökonomie das  Prinzip zu  adoptieren,
       w e l c h e s   i c h  in dem Fragment" über den moralischen Ein-
       fluß der  Arbeitsteilung  "z u e r s t  d a r g e t a n  h a b e.
       Der ein wenig frivole Titel meines Buches [61] hat ihm ohne Zwei-
       fel nicht  erlaubt, mich  zu zitieren. Ich finde nur diese Erklä-
       rung für das Schweigen eines Schriftstellers, der zu reich an ei-
       genem Fonds  ist, um  eine so  bescheidene Anleihe  in Abrede  zu
       stellen." (Lemontey,  OEuvres complètes 2*), Bd. I, S. 245, Paris
       1840.)
       
       Lassen wir  ihm diese Gerechtigkeit widerfahren: Lemontey hat die
       schlimmen Folgen  der Arbeitsteilung,  wie sie  sich heute  voll-
       zieht, geistreich  dargelegt, und Herr Proudhon bat nichts hinzu-
       zufügen gewußt.  Da wir  aber einmal durch Herrn Proudhons Schuld
       uns auf  diese Frage der Priorität eingelassen haben, so sei bei-
       läufig bemerkt,  daß sehr  lange vor  Lemontey und siebzehn Jahre
       vor Adam  Smith, dem  Schüler von  Adam Ferguson, dieser letztere
       diesen Punkt  in einem  Kapitel, welches speziell die Arbeitstei-
       lung behandelt, klar und deutlich auseinandergesetzt hat.
       
       "Man könnte  sogar zweifeln;  ob die  allgemeine Befähigung einer
       Nation im Verhältnis zum Fortschritt der Technik zunimmt. In meh-
       reren Zweigen der Technik ... wird der Zweck vollkommen erreicht,
       auch wenn sie vollständig der Mitwirkung der Vernunft und des Ge-
       fühles entledigt sind, und die Unwissenheit ist ebenso die Mutter
       der Industrie  wie des Aberglaubens. Reflexion und Phantasie sind
       Verirrungen unterworfen;  aber die  Gewohnheit, den  Fuß oder die
       Hand zu  bewegen, hängt  weder von  dieser noch  von jener ab. So
       könnte man sagen, daß  d i e  Vollkommenheit der Manufakturarbeit
       dann besteht, daß der Geist entbehrlich gemacht und die ohne Mit-
       arbeit des  Kopfes betriebene  Werkstatt als  ein Mechanismus be-
       trachtet werden  kann, dessen einzelne Teile Menschen sind... Der
       General kann  in der Kriegskunst sehr erfahren sein, während sich
       das Verdienst  des Soldaten  darauf beschränkt,  einige Hand- und
       Fußbewegungen auszuführen.  Der eine kann gewonnen haben, was der
       andere verloren... In einer Periode, in der alles geschieden ist,
       kann selbst die Kunst zu denken einen
       -----
       1*) jedem das Seine - 2*) Sämtliche Werke
       
       #147# Das Elend der Philosophie
       -----
       besonderen Beruf  bilden." (A. Ferguson, "Essai sur l'histoire de
       la société civile" 1*), Paris 1783 [II, S. 134, 135 u. 136].)
       
       Um mit  unserer literarischen  Abschweifung zu enden, stellen wir
       ausdrücklich in  Abrede, daß "alle Ökonomen viel mehr Gewicht auf
       die Vorteile  als auf die Nachteile der Arbeitsteilung gelegt ha-
       ben". Es genügt, Sismondi zu nennen.
       So hat  Herr Proudhon,  was die  V o r t e i l e  der Arbeitstei-
       lung betrifft, weiter nichts zu tun, als die allgemeinen und all-
       gemein bekannten  Redensarten mehr oder weniger schwülstig zu pa-
       raphrasieren.
       Sehen wir nunmehr, wie er von der Arbeitsteilung, als allgemeinem
       Gesetz, als  Kategorie, als  Idee gefaßt,  die   U n z u t r ä g-
       l i c h k e i t e n   ableitet, die  mit ihr  verbunden sind. Wie
       kommt es,  daß diese Kategorie, dieses Gesetz eine ungleiche Ver-
       teilung der  Arbeit einschließt, zum Nachteil von Herrn Proudhons
       egalitärem System?
       
       "Mit dieser  feierlichen Stunde  der Arbeitsteilung  beginnt  der
       Sturmwind über die Menschheit zu wehen. Der Fortschritt vollzieht
       sich nicht  für alle  auf eine gleiche und einheitliche Art... Er
       beginnt damit,  sich einer kleinen Zahl von Privilegierten zu be-
       mächtigen ... Diese Bevorzugung von Personen von Seiten des Fort-
       schritts ist  es, die  so lange an die natürliche und providenti-
       elle Ungleichheit der Lebenslagen glauben gemacht, die Kasten ins
       Leben gerufen  und  alle  Gesellschaften  hierarchisch  aufgebaut
       hat." (Proudhon, Bd. I, S. 94.)
       
       Die Arbeitsteilung  bat die  Kasten geschaffen: Nun sind aber die
       Kasten die  Unzuträglichkeiten der  Arbeitsteilung; also  hat die
       Arbeitsteilung Unzuträglichkeiten  geschaffen. Quod  erat  demon-
       strandum. 2*)  Will man  weitergeben und fragen, was die Arbeits-
       teilung dahin  brachte, die  Kasten, die hierarchischen Konstitu-
       tionen und  die Privilegien  zu schaffen,  so wird  Herr Proudhon
       antworten: der  Fortschritt. Und  was hat  den Fortschritt veran-
       laßt? Die Schranke. Die Schranke, für Herrn Proudhon, ist die Be-
       vorzugung von Personen von seilen des Fortschritts.
       Nach der  Philosophie die  Geschichte -  aber weder die beschrei-
       bende  noch  die  dialektische,  sondern  die  vergleichende  Ge-
       schichte. Herr  Proudhon zieht  eine Parallele zwischen dem Buch-
       drucker von  heute und dem Buchdrucker des Mittelalters, zwischen
       dem Arbeiter  der riesigen  Hüttenwerke des  Creusot [62] und dem
       Hufschmied auf  dem Lande,  zwischen dem  Schriftsteller  unserer
       Tage und  dem Schriftsteller  des Mittelalters,  und er  läßt die
       Waagschale auf  Seite derer  sinken, welche mehr oder weniger der
       Arbeitsteilung angehören,  wie sie  das Mittelalter  erzeugt oder
       überliefert hat. Er stellt die Arbeitsteilung
       -----
       1*) Abhandlung über die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft"
       2*) Was zu beweisen war.
       
       #148# Karl Marx
       -----
       einer historischen Epoche der Arbeitsteilung einer anderen histo-
       rischen Epoche  gegenüber. War es das, was Herr Proudhon darzutun
       hatte? Nein. Er sollte uns die Unzuträglichkeiten der Arbeitstei-
       lung im  allgemeinen, der  Arbeitsteilung als  Kategorie  zeigen.
       Wozu übrigens auf dieser Partie der Proudhonschen Werke beharren,
       da, wie  wir sehen  werden, er selbst ein wenig später alle diese
       angeblichen Entwicklungen ausdrücklich widerruft?
       
       "Die erste Wirkung der zerstückelten Arbeit", fährt Herr Proudhon
       fort, "nächst  der  D e p r a v a t i o n  d e r  S e e l e,  ist
       die Verlängerung  des Arbeitstages, der im umgekehrten Verhältnis
       zur Summe  der verausgabten  Intelligenz wächst...  Da jedoch die
       Dauer des  Arbeitstages sechzehn bis achtzehn Stunden nicht über-
       schreiten kann,  so wird  von dem Augenblick an, wo die Kompensa-
       tion nicht  mehr in  der Form  von Zeit genommen werden kann, sie
       auf den  Preis genommen  werden und  der Lohn sinken... Was fest-
       steht und  was lediglich  hier zu  vermerken gilt,  ist, daß  das
       a l l g e m e i n e   G e w i s s e n   die Arbeit eines Werkmei-
       sters und  die eines  Handlangers nicht als gleichwertig taxiert.
       Die Herabsetzung  des Preises  des Arbeitstages  wird    h i e r-
       d u r c h  eine Notwendigkeit, so daß der Arbeiter, nachdem seine
       Seele durch  eine  degradierende  Tätigkeit  niedergedrückt  ist,
       nicht umhinkann,  auch in seinem Körper durch die Geringfügigkeit
       der Entlohnung getroffen zu werden." [I, S. 97-98]
       Wir gehen  weg über  den logischen  Wert dieser  Syllogismen, die
       Kant abseitsführende  Paralogismen genannt  haben würde. Dies der
       Inhalt:
       Die Arbeitsteilung  reduziert den Arbeiter auf eine degradierende
       Funktion. Dieser  degradierenden Funktion  entspricht eine depra-
       vierte Seele.  Dieser Depravation der Seele entspricht eine stets
       wachsende Lohnsenkung.  Und um zu beweisen, daß diese Lohnsenkung
       einer depravierten  Seele entspricht, behauptet Herr Proudhon zur
       Beruhigung des  Gewissens, daß  es das  allgemeine Gewissen  ist,
       welches es so will. Zählt die Seele des Herrn Proudhon mit in dem
       allgemeinen Gewissen?
       Die  M a s c h i n e n  sind für Herrn Proudhon "der logische Ge-
       gensatz der  Arbeitsteilung" [I,  S. 135],  und mit  Hilfe seiner
       Dialektik beginnt er damit, Maschine in  W e r k s t a t t  umzu-
       wandeln.
       Nachdem er  die moderne  Werkstatt (die  Fabrik) 1*)  unterstellt
       hat, um  aus der  Arbeitsteilung das Elend hervorgehen zu lassen,
       setzt Herr  Proudhon das  durch  die  Arbeitsteilung  geschaffene
       Elend voraus, um zur Fabrik gelangen und sie als die dialektische
       Negation dieses  Elends hinstellen  zu können. Nachdem er den Ar-
       beiter in moralischer Beziehung mit einer  d e g r a d i e r e n-
       d e n   F u n k t i o n,   in physischer  mit der Geringfügigkeit
       des Lohnes bedacht hat,
       -----
       1*) (die Fabrik):  Einfügung der  Übersetzer. Auf  den  folgenden
       Seiten wird  der von  Marx verwendete Begriff atelier (Werkstatt)
       meist mit Fabrik übersetzt.
       
       #149# Das Elend der Philosophie
       -----
       nachdem er den Arbeiter unter die  A b h ä n g i g k e i t  v o m
       W e r k f ü h r e r     gestellt  und   seine  Arbeit   auf   die
       L e i s t u n g   e i n e s  H a n d l a n g e r s  herabgedrückt
       hat, schiebt er die Schuld von neuem auf Fabrik und Maschinen, um
       den Arbeiter "dadurch, daß er ihm einen  M e i s t e r  gibt" [I,
       S. 164],   z u   d e g r a d i e r e n,   und vollendet seine Er-
       niedrigung dadurch,  daß er  ihn "von dem Range eines Handwerkers
       zu dem  eines   H a n d l a n g e r s   sinken" [I, S. 164] läßt.
       Schöne Dialektik!  Und wenn  er hiebei  noch  stehenbliebe;  aber
       nein, er  braucht eine  neue Geschichte der Arbeitsteilung, nicht
       mehr, um  daraus die  Widersprüche abzuleiten, sondern um die Fa-
       brik auf  seine Art zu rekonstruieren. Um das zu erreichen, sieht
       er sich genötigt, alles zu vergessen, was er über die Arbeitstei-
       lung gesagt.
       Die Arbeit  organisiert und  teilt sich  verschieden, je nach den
       Werkzeugen, über die sie verfügt. Die Handmühle setzt eine andere
       Arbeitsteilung voraus  als die Dampfmühle. Es heißt somit der Ge-
       schichte ins Gesicht schlagen, wenn man mit der Arbeitsteilung im
       allgemeinen beginnt,  um in der Folge zu einem speziellen Produk-
       tionsinstrument, den Maschinen, zu gelangen.
       Die Maschinen sind ebensowenig eine ökonomische Kategorie wie der
       Ochse, der den Pflug zieht, sie sind nur eine Produktivkraft. Die
       moderne Fabrik,  die auf  der Anwendung von Maschinen beruht, ist
       ein gesellschaftliches  Produktionsverhältnis,  eine  ökonomische
       Kategorie.
       Sehen wir  nun, wie  die Dinge  in der  glänzenden Einbildung des
       Herrn Proudhon sich vollziehen.
       
       "In der  Gesellschaft ist  das Auftreten  der Maschinen und immer
       neuen Maschinen  die Antithese,  die Gegenformel  der Arbeit: Sie
       ist der   P r o t e s t   des  Genius  der  Industrie  gegen  die
       z e r s t ü c k e l t e   u n d    m e n s c h e n m ö r d e r i-
       s c h e  A r b e i t.  Was in der Tat ist eine Maschine?  E i n e
       A r t,   d i e  v e r s c h i e d e n e n  T e i l e  d e r  A r-
       b e i t,   welche die Arbeitsteilung geschieden hat,  z u  v e r-
       e i n i g e n.   Jede Maschine  kann definiert  werden  als  eine
       Zusammenfassung verschiedener  Operationen... Somit  haben wir in
       der Maschine  die  W i e d e r h e r s t e l l u n g  d e s  A r-
       b e i t e r s...   Die Maschinen,  die sich  in  der  politischen
       Ökonomie gegensätzlich zur Arbeitsteilung stellen, repräsentieren
       die  Synthese,   die  sich  im  menschlichen  Geist  der  Analyse
       gegenüberstellt... Die  Teilung  trennte  nur  die  verschiedenen
       Teile der  Arbeit, indem  sie es  einem jeden  überließ, sich der
       Spezialität, die  ihm am  meisten zusagte,  zu widmen. Die Fabrik
       gruppiert die Arbeiter nach der Beziehung jedes Teiles zum Ganzen
       ..., sie  führt das  Prinzip der  Autorität in  die Arbeit ein...
       Aber das  ist  nicht  genug.  Die    M a s c h i n e    oder  die
       F a b r i k,   nachdem sie  den Arbeiter  dadurch degradiert hat,
       daß sie  ihm einen  Meister gibt,  vollendet  seine  Erniedrigung
       damit, daß  sie ihn  vom Range  eines Handwerkers  zu  dem  eines
       Handlangers fallen  läßt... Die Periode, die wir in diesem Moment
       durchleben,  die   der  Maschinen,   zeichnet  sich  durch  einen
       besonderen  Charakter  aus,  die    L o h n a r b e i t...    Die
       Lohnarbeit ist   s p ä t e r e n  D a t u m s  als Arbeitsteilung
       und Tausch." [I, S. 135, 136, 161 u. 164.]
       
       #150# Karl Marx
       -----
       Eine einfache Bemerkung für Herrn Proudhon. Die Trennung der ver-
       schiedenen Arbeitstelle,  die einem  jeden die  Möglichkeit gibt,
       sich der  Spezialität zu  widmen, die ihm am meisten zusagt, eine
       Trennung, welche  Herr Proudhon von Anfang der Welt datiert, gibt
       es erst  in der  modernen Industrie unter der Herrschaft der Kon-
       kurrenz.
       Herr Proudhon  gibt uns  sodann eine  mehr als  "interessante Ge-
       nealogie" [I,  S. 161],  um nachzuweisen,  wie die Fabrik aus der
       Arbeitsteilung und die Lohnarbeit aus der Fabrik entstanden ist.
       1. Er setzt einen Menschen voraus, der "bemerkt hat", daß man die
       Produktivkräfte vermehrt,  "wenn man  die Produktion in ihre ver-
       schiedenen Teile  zerlegt und jeden von einem besonderen Arbeiter
       ausführen läßt" [1, S. 161].
       2. Dieser Mensch  "ergreift den  Faden dieser Idee und sagt sich,
       daß, wenn  er eine  ständige Gruppe  von Arbeitern bildet, assor-
       tiert für den besonderen Zweck, den er sich  v o r n i m m t,  er
       dann eine stetigere Produktion erzielen würde etc." [I, S. 161.]
       3. Dieser Mensch macht anderen Menschen einen  V o r s c h l a g,
       damit sie seine Idee und den Faden seiner Idee ergreifen.
       4. Dieser Mensch  "verhandelt im  Beginn der Industrie mit seinen
       G e n o s s e n,   die später  seine   A r b e i t e r  geworden,
       auf dem  F u ß e  d e r  G l e i c h h e i t."  [1, S. 163.]
       5. "Es leuchtet  in der  Tat ein, daß diese ursprüngliche Gleich-
       heit bald  verschwinden mußte  angesichts der vorteilhaften Stel-
       lung des Meisters und der Abhängigkeit des Lohnarbeiters." [I, S.
       163.]
       Hier haben  wir wiederum  eine Probe der  h i s t o r i s c h e n
       und  b e s c h r e i b e n d e n  M e t h o d e  des Herrn Proud-
       hon.
       Untersuchen wir  nunmehr vom  historischen und  ökonomischen  Ge-
       sichtspunkte aus,  ob die  Fabrik und die Maschine in der Tat das
       A u t o r i t ä t s p r i n z i p   später als die Arbeitsteilung
       in die  Gesellschaft eingeführt  hat; ob  auf der einen Seite der
       Arbeiter rehabilitiert  worden ist, trotzdem daß er auf der ande-
       ren Seite  der Autorität  unterworfen wurde;  ob die Maschine die
       Rekomposition der  geteilten Arbeit,  die  ihrer    A n a l y s e
       entgegengesetzte  S y n t h e s e  der Arbeit ist.
       Die Gesellschaft  als Ganzes  hat das mit dem Innern einer Fabrik
       gemein, daß  auch sie  ihre Arbeitsteilung hat. Nimmt man die Ar-
       beitsteilung in einer modernen  Fabrik als  Beispiel, um  sie auf
       eine ganze  Gesellschaft anzuwenden, so wäre unzweifelhaft dieje-
       nige Gesellschaft  am besten  für die  Produktion ihres Reichtums
       organisiert, welche  nur einen  einzigen Unternehmer  als  Führer
       hätte, der  nach einer  im voraus festgesetzten Ordnung die Funk-
       tionen
       
       #151# Das Elend der Philosophie
       -----
       unter die  verschiedenen Mitglieder  der  Gemeinschaft  verteilt.
       Aber dem ist keineswegs so. Während innerhalb der modernen Fabrik
       die Arbeitsteilung  durch die  Autorität des Unternehmers bis ins
       einzelnste geregelt ist, kennt die moderne Gesellschaft keine an-
       dere Regel,  keine andere Autorität für die Verteilung der Arbeit
       als die freie Konkurrenz.
       Unter dem  patriarchalischen Regime, unter dem Regime der Kasten,
       des feudalen  und Zunftsystems, gab es Arbeitsteilung in der gan-
       zen Gesellschaft  nach bestimmten  Regeln. Sind  diese Regeln von
       einem Gesetzgeber  angeordnet worden?  Nein. Ursprünglich aus den
       Bedingungen der materiellen Produktion hervorgegangen, wurden sie
       erst viel  später zum  Gesetz erhoben.  So wurden diese verschie-
       denen Formen  der Arbeitsteilung ebenso viele Grundlagen sozialer
       Organisationen. Was  die Arbeitsteilung  in der  Werkstatt  anbe-
       trifft, so war sie in allen diesen Gesellschaftsformen sehr wenig
       entwickelt.
       Man kann  als allgemeine Regel aufstellen: Je weniger die Autori-
       tät der  Teilung der  Arbeit innerhalb der Gesellschaft vorsteht,
       desto mehr entwickelt sich die Arbeitsteilung im Innern der Werk-
       statt und um so mehr ist sie der Autorität eines einzelnen unter-
       worfen. Danach  steht die  Autorität in  der Werkstatt und die in
       der Gesellschaft,  in bezug  auf die Arbeitsteilung, im  u m g e-
       k e h r t e n  V e r h ä l t n i s  zueinander.
       Es kommt  nunmehr darauf  an nachzusehen,  was das für eine Werk-
       statt ist,  in der die Beschäftigungen sehr getrennt sind, wo die
       Aufgabe jedes  Arbeiters auf  eine sehr  einfache Operation redu-
       ziert ist  und wo  die Autorität, das Kapital, die Arbeiter grup-
       piert und  leitet. Wie  ist diese Werkstatt, die Fabrik, entstan-
       den? Um  diese Frage zu beantworten, haben wir zu prüfen, wie die
       eigentliche Manufakturindustrie  sich entwickelt hat. Ich spreche
       hier von  jener Industrie, die noch nicht die moderne große Indu-
       strie mit  ihren Maschinen  ist, die aber bereits weder die Indu-
       strie des  Mittelalters noch die Hausindustrie mehr ist. Wir wol-
       len nicht  zu sehr  ins Detail  eingehen; wir  wollen nur  einige
       Hauptpunkte feststellen,  um zu  zeigen, wie man mit Formeln noch
       keine Geschichte macht.
       Eine der unerläßlichsten Bedingungen für die Bildung der Manufak-
       tur-Industrie war  die Akkumulation  der Kapitalien,  erleichtert
       durch die Entdeckung Amerikas und die Einfuhr seiner Edelmetalle.
       Es ist  hinlänglich erwiesen, daß die Vermehrung der Tauschmittel
       zur Folge hatte einerseits die Entwertung der Löhne und Grundren-
       ten und  anderseits die Vermehrung der industriellen Profite. Mit
       anderen Worten:  Um so viel, wie die Klasse der Grundbesitzer und
       die Klasse der Arbeiter, die Feudalherren und das Volk sanken, um
       so viel hob sich die Klasse der Kapitalisten, die Bourgeoisie.
       
       #152# Karl Marx
       -----
       Es gab noch andere Umstände, die gleichzeitig zur Entwicklung der
       Manufakturindustrie beitrugen:  die Vermehrung  der auf den Markt
       gebrachten Waren,  sobald einmal die Verbindung mit Ostindien auf
       dem Seewege um das Kap der Guten Hoffnung hergestellt war, ferner
       das Kolonialsystem und die Entwicklung des Seehandels.
       Eine andere  Seite, die in der Geschichte der Manufakturindustrie
       noch nicht genügend gewürdigt wurde, ist die Entlassung der zahl-
       reichen Gefolgschaften der Feudalherren, deren untergeordnete An-
       gehörige Landstreicher  wurden, ehe  sie in die Werkstatt eintra-
       ten. Der  Schöpfung der in die Fabrik übergehenden Werkstatt ging
       im 15. und 16. Jahrhundert ein fast universelles Landstreichertum
       voraus. Die Werkstatt fand ferner einen mächtigen Rückhalt in den
       zahlreichen Landleuten, die infolge  der Umwandlung  der Äcker in
       Wiesen und  infolge der  Fortschritte in  der Landwirtschaft, die
       weniger Arbeiter  für die  Bearbeitung der  Äcker nötig  machten,
       fortgesetzt aus  dem Dienst  gejagt wurden und ganze Jahrhunderte
       hindurch in die Städte strömten.
       Das Anwachsen  des Marktes,  die Akkumulation von Kapitalien, die
       in der sozialen Stellung der Klassen eingetretenen Veränderungen,
       eine Menge  von Personen,  die sich ihrer Einnahmequellen beraubt
       sehen -  das sind ebenso viele historische Vorbedingungen für die
       Entstehung der  Manufaktur. Es  waren nicht,  wie  Herr  Proudhon
       sagt, freundschaftliche  Vereinbarungen und  dergleichen,  welche
       die Menschen  in Werkstätten und Fabriken vereinigten. Nicht ein-
       mal im  Schoß der  alten Zünfte ist die Manufaktur erwachsen. Dar
       Kaufmann war  es, der der Prinzipal der modernen Werkstatt wurde,
       und nicht  der alte  Zunftmeister. Fast überall herrschte ein er-
       bitterter Kampf zwischen Manufaktur und Handwerk.
       Die Akkumulation,  die Konzentration von Werkzeugen und Arbeitern
       ging der  Entwicklung der  Arbeitsteilung im  Innern des Ateliers
       voraus. Eine  Manufaktur bestand  weit mehr  in  der  Vereinigung
       vieler Arbeiter  und vieler  Handwerke in einem und demselben Lo-
       kal, in einem Saal  unter dem Kommando eines Kapitals, als in der
       Auflösung der  Arbeiten und der Anpassung eines speziellen Arbei-
       ters an eine sehr einfache Aufgabe.
       Der Nutzen einer Fabrikswerkstatt bestand viel weniger in der ei-
       gentlichen Arbeitsteilung  als in dem Umstände, daß man in größe-
       rem Maßstabe  arbeitete, viele  unnütze Unkosten sparte etc. Ende
       des 16.  und Anfang  des 17. Jahrhunderts kannte die holländische
       Manufaktur die Teilung der Arbeit noch kaum.
       Die Entwicklung  der Arbeitsteilung setzt die Vereinigung der Ar-
       beiter in  einer Werkstatt voraus. Es gibt sogar nicht ein einzi-
       ges Beispiel dafür, weder
       
       #153# Das Elend der Philosophie
       -----
       im 16.  noch im 17. Jahrhundert, daß die verschiedenen Zweige ei-
       nes und  desselben Handwerks  in dem Maße getrennt betrieben wur-
       den, daß  es genügt hätte, sie in einem Ort zu vereinigen, um da-
       mit die  Fabrikwerkstatt fix und fertig herzustellen. Aber einmal
       die Menschen  und Werkzeuge vereinigt, reproduzierte sich die Ar-
       beitsteilung, wie sie zur Zeit der Zünfte bestanden, und spiegelt
       sich notwendig im Innern der Fabrikswerkstatt wider.
       Für Herrn  Proudhon, der  die Dinge  auf dem  Kopf stehend sieht,
       wenn er sie überhaupt sieht, geht die Arbeitsteilung im Sinne von
       Adam Smith  der Fabrikwerkstatt,  die eigentlich ihre Existenzbe-
       dingung ist, voraus.
       Die eigentlichen   M a s c h i n e n   datieren seit dem Ende des
       18. Jahrhunderts. Nichts abgeschmackter, als in den Maschinen die
       A n t i t h e s e     der  Arbeitsteilung   zu   erblicken,   die
       S y n t h e s e,   die die Einheit  in der  zerstückelten  Arbeit
       wiederherstellt.
       Die Maschine  ist eine Vereinigung von Arbeitswerkzeugen und kei-
       neswegs eine Verbindung der Arbeiten für den Arbeiter selbst.
       
       "Wenn durch die Arbeitsteilung jede besondere Arbeitsleistung auf
       die Handhabung  eines einfachen  Instrumentes reduziert wurde, so
       bildet die Vereinigung aller dieser durch einen einzigen Motor in
       Bewegung gesetzten  Werkzeuge eine  Maschine." (Babbage,  "Traité
       sur l'economie des machines, etc." 1*), Paris 1833 [S. 230].)
       
       Einfache Werkzeuge; Akkumulation von Werkzeugen; zusammengesetzte
       Werkzeuge; In-Bewegung-Setzen  eines zusammengesetzten Werkzeuges
       durch einen  einzigen Handmotor  den Menschen; In-Bewegung-Setzen
       dieser Instrumente  durch die  Naturkräfte; Maschinen; System von
       Maschinen, die  nur einen  Motor haben; System von Maschinen, die
       einen automatischen Motor haben - das ist die Entwicklung der Ma-
       schine.
       Die Konzentration  der Produktionsinstrumente und die Arbeitstei-
       lung sind  ebenso untrennbar  voneinander wie auf dem Gebiete der
       Politik die  Zentralisation der  öffentlichen  Gewalten  und  die
       Teilung der  Privatinteressen. England  mit seiner Konzentrierung
       des Grund  und Bodens, dieses Werkzeugs der agrikolen Arbeit, hat
       ebenfalls die  Arbeitsteilung in der Agrikultur und die Anwendung
       der Maschinerie beim Landbau. Frankreich, welches die Teilung des
       Werkzeugs, des  Bodens  2*)  hat,  das  Parzellensystem,  hat  im
       allgemeinen weder Arbeitsteilung in der Agrikultur noch Anwendung
       von Maschinen beim Landbau.
       Für Herrn  Proudhon ist  die Konzentration der Arbeitsinstrumente
       die Negation  der Arbeitsteilung.  In der Wirklichkeit finden wir
       abermals das
       -----
       1*) "Abhandlung über  die Ökonomie  der Maschinen etc." - 2*) des
       Bodens: Einfügung der Übersetzer
       
       #154# Karl Marx
       -----
       Gegenteil. In dem Maße, wie die Konzentrierung der Werkzeuge sich
       entwickelt, entwickelt  sich auch  die Arbeitsteilung,  und umge-
       kehrt. Dies  die Ursache, weshalb jede große Erfindung in der me-
       chanischen Technik  eine größere Arbeitsteilung zur Folge hat und
       jede Steigerung  der Arbeitsteilung  ihrerseits neue  mechanische
       Erfindungen hervorruft.
       Wir brauchen nicht daran zu erinnern, daß die großen Fortschritte
       der Arbeitsteilung  in England  nach der  Erfindung der Maschinen
       begonnen haben.  So waren  die Weber und die Spinner meistenteils
       Bauern, wie  man sie  noch in rückständigen Ländern antrifft. Die
       Erfindung der  Maschinen hat die Trennung der Manufakturindustrie
       von der  Agrikulturindustrie vollendet. Weber und Spinner, früher
       in einer  Familie vereinigt,  wurden durch die Maschine getrennt.
       Dank der Maschine kann der Spinner in England wohnen, während der
       Weber gleichzeitig  in Ostindien  lebt.  Vor  der  Erfindung  der
       Maschinen erstreckte  sich  die  Industrie  eines  Landes  haupt-
       sächlich auf die Rohstoffe, die sein eigener Boden hervorbrachte:
       so in  England Wolle,  m Deutschland  Flachs, in Frankreich Seide
       und Flachs,  in Ostindien  und in der Levante Baumwolle etc. Dank
       der Anwendung  der Maschinen  und des  Dampfes hat  die  Arbeits-
       teilung eine  derartige Ausdehnung  nehmen können,  daß  die  von
       nationalem Boden  losgelöste Großindustrie  einzig und allein vom
       Welthandel, vom  internationalen Austausch, von einer internatio-
       nalen  Arbeitsteilung  abhängt.  Kurz,  die  Maschine  übt  einen
       solchen Einfluß auf die Teilung der Arbeit aus, daß, wenn bei der
       Fabrikation irgendeines  Gegenstandes das  Mittel  gefunden  ist,
       Teile desselben  mechanisch herzustellen,  seine Fabrikation sich
       alsbald in zwei voneinander unabhängige Betriebe sondert.
       Brauchen wir  noch von  dem   p r o v i d e n t i e l l e n   und
       philanthropischen   Z w e c k  zu reden, welchen Herr Proudhon in
       der Erfindung und ursprünglichen Anwendung der Maschine entdeckt?
       Als in  England der Markt eine solche Entwicklung gewonnen hatte,
       daß die Handarbeit ihm nicht mehr genügen konnte, empfand man das
       Bedürfnis nach  Maschinen. Man sann nun auf die Anwendung der me-
       chanischen Wissenschaft, die bereits im 18. Jahrhundert fertig da
       war.
       Das erste  Auftreten der  Fabrik mit  Kraftbetrieb ist durch Akte
       bezeichnet, die  nichts weniger als philanthropisch waren. Kinder
       wurden mit der Peitsche zur Arbeit angehalten; sie wurden ein Ge-
       genstand des  Schachers; man  schloß mit Waisenhäusern Kontrakte.
       Man schaffte alle Gesetze über die Lehrzeit der Arbeiter ab, weil
       man, um  uns der  Phrasen des  Herrn Proudhon  zu bedienen, nicht
       mehr der   s y n t h e t i s c h e n   Arbeiter bedurfte. Endlich
       waren seit 1825 [63] fast alle neuen Erfindungen das Ergebnis von
       Kollisionen zwischen
       
       #155# Das Elend der Philosophie
       -----
       Arbeiter und  Unternehmer, der um jeden Preis die Fachbildung des
       Arbeiters zu  entwerten suchte. Nach jedem neuen einigermaßen be-
       deutenden Strike erstand eine neue Maschine. So wenig sah der Ar-
       beiter in  der Anwendung  der Maschinen eine Art Rehabilitierung,
       eine Art   W i e d e r h e r s t e l l u n g,   wie Herr Proudhon
       es nennt,  daß er  im 18.  Jahrhundert der erstehenden Herrschaft
       der Kraftautomaten sehr lange Widerstand leistete.
       
       "Wyatt", sagt  Dr. Ure,  "hatte die künstlichen Spinnfinger" (die
       drei Reihen  geriffelten Walzen)  "lange vor  Arkwright erfunden.
       [64] Die  Hauptschwierigkeit bestand  nicht so sehr in der Erfin-
       dung eines selbsttätigen Mechanismus... Die Schwierigkeit bestand
       vor allem  in der  Disziplin, notwendig,  damit die  Menschen auf
       ihre unregelmäßigen  Gewohnheiten bei  der Arbeit  verzichten und
       sich mit  der unveränderlichen  Regelmäßigkeit der Bewegung einer
       großen selbsttätigen  Maschine identifizieren. Aber einen den Be-
       dürfnissen, der  Geschwindigkeit des  automatischen Systems  ent-
       sprechendem Disziplinarkodex zu erfinden und mit Erfolg auszufüh-
       ren, war  ein Unternehmen  des Herkules  würdig. Das ist das edle
       Werk Arkwrights." [65]
       
       Alles in  allem hat  die Einführung der Maschinen die Teilung der
       Arbeit innerhalb der Gesellschaft gesteigert, das Werk des Arbei-
       ters innerhalb  der Werkstatt  vereinfacht, das  Kapital  konzen-
       triert und den Menschen zerstückelt.
       Will  Herr   Proudhon  Ökonom   sein  und   für  eine  Weile  die
       "Entwicklung in  der Reihe  der Gedanken, nach der Gliederung der
       Vernunft" beiseite  lassen, so  wird er  seine Belehrung bei Adam
       Smith suchen,  zur Zeit,  wo die automatische Fabrik erst im Ent-
       stehen war.  In der Tat, welcher Unterschied zwischen der Teilung
       der Arbeit,  wie sie  zur Zeit von Adam Smith bestand und wie wir
       sie in  der automatischen  Fabrik sehen!  Um ihn gut zu erfassen,
       genügt es,  einige Stellen  aus der  "Philosophie der Manufaktur"
       von Dr. Ure zu zitieren.
       
       "Als Adam  Smith sein  unsterbliches Werk  über die Grundzüge der
       politischen Ökonomie  schrieb, war  das automatische Industriesy-
       stem kaum  noch bekannt.  Die Teilung der Arbeit erschien ihm mit
       Recht als  das große  Prinzip der Vervollkommnung in der Manufak-
       tur. Er  zeigte an  der Fabrikation der Nadeln, wie ein Arbeiter,
       der sich  durch die  Beschäftigung mit einem und demselben Gegen-
       stand vervollkommnet,  leistungsfähiger und  weniger  kostspielig
       wird. In jedem Zweig der Manufaktur sah er, wie nach diesem Prin-
       zip gewisse  Verrichtungen, wie  das Schneiden von Messingdrähten
       in gleiche  Abschnitte, leicht  ausführbar werden; wie andere Ar-
       beiten, z.B.  die Herstellung  und Ansetzung der Nadelköpfe, ver-
       hältnismäßig schwerer  sind: er schloß also daraus, daß man jeder
       dieser Verrichtungen  einen Arbeiter  anpassen kann,  dessen Lohn
       seiner Geschicklichkeit entspräche. Diese  A n p a s s u n g  ist
       das Wesen der Arbeitsteilung. Aber was zur Zeit des Dr. Smith als
       passendes Beispiel  dienen konnte, kann heute das Publikum in be-
       zug auf das wirkliche Prinzip der Fabrikindustrie nur irreführen.
       
       #156# Karl Marx
       -----
       In der  Tat paßt  die Verteilung  oder vielmehr die Anpassung der
       Arbeiten an  die verschiedenen individuellen Fähigkeiten nicht in
       den Operationsplan  der automatischen Fabrik: im Gegenteil, über-
       all, wo  ein Prozeß  große Geschicklichkeit und eine sichere Hand
       erfordert, entzieht  man ihn dem zu geschickten und oft zu aller-
       hand Unregelmäßigkeiten geneigten Arbeiter, um ihn einem besonde-
       ren Mechanismus  zu übertragen,  dessen automatische Tätigkeit so
       gut reguliert ist, daß ein Kind sie überwachen kann.
       Das Prinzip  des automatischen Systems besteht also darin, an die
       Stelle der  Handarbeit die  mechanische Arbeit  zu setzen und die
       Arbeitsteilung unter  den Handwerkern  durch die  Zerlegung eines
       Prozesses in die ihn ausmachenden Teile zu ersetzen. Nach dem Sy-
       stem der  Handarbeit war  die menschliche Arbeit in der Regel das
       teuerste Element  eines Produkts; aber nach dem automatischen Sy-
       stem sehen  wir die geschickten Handarbeiter allmählich verdrängt
       durch einfache Maschinenwärter.
       Die Schwäche  der menschlichen  Natur ist  so groß,  daß, je  ge-
       schickter der  Arbeiter, er um so anspruchsvoller und schwerer zu
       behandeln und  infolgedessen weniger  für ein mechanisches System
       geeignet ist,  in dessen Getriebe seine launenhaften Einfalle be-
       trächtlichen Schaden  anrichten können. Die Hauptaufgabe des heu-
       tigen Fabrikanten  besteht also  darin, durch Verbindung von Wis-
       senschaft und Kapital die Tätigkeit seiner Arbeiter darauf zu re-
       duzieren, daß  sie ihre Wachsamkeit und ihre Gewandtheit ausüben,
       Eigenschaften, die  sie  in  ihrer  Jugend  sehr  vervollkommnen,
       w e n n   m a n  s i e  n u r  a u s s c h l i e ß l i c h  m i t
       e i n e m     b e s t i m m t e n     G e g e n s t a n d    b e-
       s c h ä f t i g t.
       Nach dem System der Abstufung der Arbeit braucht es eine Lehrzeit
       von mehreren Jahren, bevor Augen und Hand geschickt genug werden,
       um gewisse  mechanische Kunststücke  zu verrichten; aber nach dem
       System, das einen Prozeß zerlegt, indem es ihn in seine einzelnen
       wesentlichen Bestandteile  teilt, und  welches alle  seine  Teile
       durch eine  selbsttätige Maschine  ausführen läßt, kann man diese
       elementaren Teile  einer Person  mit gewöhnlicher  Begabung  nach
       kurzer Probezeit anvertrauen; man kann sogar in dringenden Fällen
       diese Person  von einer  Maschine an die andere stellen, nach dem
       Belieben des Betriebsleiters. Solche Änderungen stehen im offenen
       Widerspruch mit  der alten  Routine, welche  die Arbeit teilt und
       einen Arbeiter Nadelköpfe verfertigen, einen anderen Nadelspitzen
       schärfen heißt,  eine Beschäftigung, deren langweilige Einförmig-
       keit sie  entnervt... Aber nach dem Prinzip der  G l e i c h m a-
       c h u n g   oder dem  automatischen System werden die Fähigkeiten
       des Arbeiters  nur einer  angenehmen Übung  unterworfen etc... Da
       seine Tätigkeit  darin besteht,  die Arbeit  eines wohlgeregelten
       Mechanismus zu  überwachen, kann  er sie in kurzer Zeit erlernen;
       indem er  seine Leistungen  von einer  Maschine auf  eine  andere
       überträgt, wechselt  er seine  Tätigkeit und  entwickelt er seine
       Ideen, indem  er über  die allgemeinen  Kombinationen  nachdenkt,
       welche aus seiner und seiner Kollegen Arbeit resultieren. So kann
       dieses Einzwängen  der Fähigkeiten,  diese Verengerung der Ideen,
       dieser Zustand  der Störung  der  körperlichen  Entwicklung,  die
       nicht ohne  Grund der  Arbeitsteilung zugeschrieben werden, unter
       gewöhnlichen Umständen  nicht  statthaben  in  einem  System  der
       g l e i c h e n  V e r t e i l u n g  d e r  A r b e i t e n.
       
       #157# Das Elend der Philosophie
       -----
       Das beständige  Ziel, die Tendenz aller Vervollkommnung der Tech-
       nik, geht  in der  Tat dahin,  die Arbeit  des Menschen möglichst
       entbehrlich zu machen oder den Preis derselben zu verringern, in-
       dem man  die Arbeit  von Frauen und Kindern an die Stelle der von
       erwachsenen Arbeitern  oder die  grobe Arbeit  an Stelle  der ge-
       schickten Arbeit setzt... Diese Tendenz, nur noch Kinder mit leb-
       haften Augen und gelenken Fingern an Stelle von geübten Arbeitern
       zu beschäftigen,  zeigt, daß  das Schuldogma  von der Teilung der
       Arbeit nach den verschiedenen Graden der Geschicklichkeit von un-
       seren aufgeklärten  Fabrikanten endlich  beiseite geworfen  ist."
       (André Ure,  "Philosophie des  manafactures ou économie industri-
       elle", Bd. I, Kap. 1 [66].)
       
       Was die  Arbeitsteilung in  der modernen Gesellschaft charakteri-
       siert, ist die Tatsache, daß sie die Spezialitäten, die Fachleute
       und mit ihnen den Fachidiotismus erzeugt.
       
       "Bewunderung erfaßt  uns", sagt Lemontey, "wenn wir bei den Alten
       dieselbe Person  gleichzeitig in hohem Grade sich auszeichnen se-
       hen als Philosoph, Dichter, Redner, Historiker, Priester, Staats-
       mann und  Feldherr. Unsere Seelen erschrecken bei der Betrachtung
       eines so  umfassenden Gebietes.  Jeder steckt sich heute sein Ge-
       hege ab  und schließt  sich darin  ein. Ich  weiß nicht, ob durch
       diese Zerstücklung  das Feld sich vergrößert, aber ich weiß wohl,
       daß der Mensch kleiner wird." [Lemontey, a.a.O., S. 213.]
       
       Was die  Teilung der Arbeit in der mechanischen Fabrik kennzeich-
       net, ist,  daß sie  jeden Spezialcharakter verloren hat. Aber von
       dem Augenblick  an, wo  jede besondere Entwicklung aufhört, macht
       sich das  Bedürfnis nach  Universalität, das Bestreben nach einer
       allseitigen Entwicklung des Individuums fühlbar. Die automatische
       Fabrik beseitigt die Spezialisten und den Fachidiotismus.
       Herr Proudhon,  der nicht  einmal diese  eine revolutionäre Seite
       der automatischen  Fabrik begriffen  hat, tut einen Schritt rück-
       wärts und  schlägt dem Arbeiter vor, nicht lediglich den zwölften
       Teil einer Nadel, sondern nach und nach alle zwölf Teile anzufer-
       tigen. Der  Arbeiter würde so zu der Wissenschaft und dem Bewußt-
       sein der  Nadel gelangen. Das ist mit einem Wort die synthetische
       Arbeit des  Herrn Proudhon. Niemand wird bestreiten, daß eine Be-
       wegung nach  vorwärts und  eine andere nach rückwärts machen auch
       eine synthetische Bewegung machen heißt.
       Alles in allem geht Herr Proudhon nicht über das Ideal des Klein-
       bürgers hinaus.  Und um  dieses Ideal zu verwirklichen, fällt ihm
       nichts Besseres ein, als uns zum Handwerksgesellen oder höchstens
       zum Handwerksmeister  des Mittelalters zurückzuführen. Es genügt,
       sagt er  irgendwo in seinem Buche, ein einziges Mal in seinem Le-
       ben ein  Meisterstück gemacht,  sich ein  einziges Mal als Mensch
       gefühlt zu  haben. Ist das nicht nach Form wie Inhalt das von den
       Zünften des Mittelalters verlangte Meisterstück?
       

       zurück