Quelle: MEW 4 Mai 1846 - März 1848
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#144# Karl Marx
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§ 2. Arbeitsteilung und Maschinen
Die Arbeitsteilung eröffnet nach Herrn Proudhon die Reihe der
ö k o n o m i s c h e n E n t w i c k l u n g e n.
Gute Seite {"Ihrem Wesen nach ist die Arbeitsteilung der
der Arbeitsteilung {Modus, nach welchem die G l e i c h h e i t
{der Bedingungen und Intelligenzen sich
{realisiert." (Bd. I, S.93.)
{"Die Arbeitsteilung ist für uns eine Quelle
Schlechte Seite {des Elends geworden." (Bd. I, S.94.)
der Arbeitsteilung { Variante:
{"Die Arbeit gelangt dadurch, daß sie sich
{n a c h d e m G e s e t z t e i l t,
{welches ihr eigen und die vornehmste
{Bedingung ihrer Fruchtbarkeit ist, zu der
{Negation ihrer Ziele und hebt sich selbst
7auf." (Bd. I, S. 94.)
{"Die Rekomposition" finden, "die die
Zu lösendes Problem {Unzuträglichkeiten der Teilung beseitigt
{und dabei ihre nützlichen Wirkungen erhält."
{(Bd. I, S. 97.)
Die Arbeitsteilung ist nach Herrn Proudhon ein ewiges Gesetz,
eine einfache und abstrakte Kategorie. Somit muß auch die Ab-
straktion, die Idee, das
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bloße Wort ihm genügen, um die Arbeitsteilung in den verschie-
denen Epochen der Geschichte zu erklären. Die Kasten, die Zünfte,
die Manufaktur, die Großindustrie, alles muß durch das einfache
Wort "teilen" erklärt sein. Man studiere zunächst gehörig den
Sinn des Wortes "teilen", und man wird nicht mehr nötig haben,
die zahlreichen Einflüsse zu erforschen, die in jeder Epoche der
Arbeitsteilung einen bestimmten Charakter gegeben haben.
Man vereinfacht in der Tat die Sachen gar zu sehr, wenn man sie
auf die Kategorien des Herrn Proudhon zurückführt. Die Geschichte
geht nicht so kategorisch vor. Es bedurfte in Deutschland ganzer
drei Jahrhunderte, um die erste bedeutende Arbeitsteilung herzu-
stellen - nämlich die Trennung von Stadt und Land. In dem Maße,
wie sich bloß dies Verhältnis der Stadt zum Land modifiziert, mo-
difiziert sich die ganze Gesellschaft. Um nur diese eine Seite
der Arbeitsteilung ins Auge zu fassen, so ergibt sie uns hier die
antiken Republiken, dort den christlichen Feudalismus, hier das
alte England mit seinen Landbaronen, dort das moderne England mit
seinen Baumwollenbaronen (cotton-lords). Im 14. und 15. Jahrhun-
dert, als es noch keine Kolonien gab, als Amerika noch nicht und
Asien nur durch die Vermittlung von Konstantinopel für Europa
existierte, als das Mittelmeer noch das Zentrum der Handelstätig-
keit war, hatte die Arbeitsteilung einen ganz anderen Charakter,
ein ganz anderes Aussehen als im 17. Jahrhundert, wo Spanier,
Portugiesen, Holländer, Engländer, Franzosen in allen Weltteilen
Kolonien errichtet hatten. Die Ausdehnung des Marktes, seine Phy-
siognomie gaben der Arbeitsteilung in den verschiedenen Epochen
eine Physiognomie, einen Charakter, den man Mühe hätte, von dem
bloßen Wort "teilen", von der Idee, von der Kategorie der
"Teilung" abzuleiten.
"Alle Ökonomen seit Adam Smith", sagt Herr Proudhon, "haben auf
die V o r t e i l e und U n z u t r ä g l i c h k e i t e n
des Gesetzes der Teilung aufmerksam gemacht, aber dabei viel mehr
Gewicht auf die erster en als auf die letzteren gelegt, weil das
ihrem Optimismus besser paßte, und ohne daß einer von ihnen sich
je gefragt hätte, was die Unzuträglichkeiten eines Gesetzes sein
könnten... Wie führt dasselbe Prinzip, streng in seine Konsequen-
zen verfolgt, zu diametral entgegengesetzten Wirkungen? Nicht ein
Ökonom, weder vor noch nach Adam Smith, hat je gemerkt, daß es
hier ein Problem zu lösen gilt. Say geht so weit, anzuerkennen,
daß in der Arbeitsteilung dieselbe Ursache, welche den Vorteil
bewirkt, auch den Schaden zur Folge hat." [I, S. 95-96.]
Adam Smith hat viel weiter gesehen, als Herr Proudhon meint. Er
hat sehr wohl gesehen, daß "in Wirklichkeit die Verschiedenheit
der natürlichen Anlagen zwischen den Individuen weit geringer
ist, als wir glauben. Diese so verschiedenen Anlagen, welche die
Angehörigen der verschiedenen Professionen zu unterscheiden
scheinen, Leute, die bereits in das reife Alter getreten
#146# Karl Marx
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sind, sind nicht sowohl die U r s a c h e als die W i r-
k u n g der Arbeitsteilung." [Smith, a.a.O., I, S. 33-34.] Ur-
sprünglich unterscheidet sich ein Lastträger weniger von einem
Philosophen als ein Kettenhund von einem Windhund. Es ist die Ar-
beitsteilung, welche einen Abgrund zwischen beiden aufgetan hat.
Alles dies hindert Herrn Proudhon nicht, an einer anderen Stelle
zu behaupten, daß Adam Smith von den Unzuträglichkeiten, welche
die Arbeitsteilung bewirkt, keine Ahnung hatte; und zu behaupten,
J[ean]-B[aptiste] Say habe z u e r s t anerkannt, "daß in der
Arbeitsteilung dieselbe Ursache, welche den Vorteil bewirkt, auch
den Schaden zur Folge hat".
Hören wir indes Lemontey; s u u m c u i q u e 1*).
"Herr J.-B. Say hat mir die Ehre erwiesen, in seinem vortreffli-
chen Werk über politische Ökonomie das Prinzip zu adoptieren,
w e l c h e s i c h in dem Fragment" über den moralischen Ein-
fluß der Arbeitsteilung "z u e r s t d a r g e t a n h a b e.
Der ein wenig frivole Titel meines Buches [61] hat ihm ohne Zwei-
fel nicht erlaubt, mich zu zitieren. Ich finde nur diese Erklä-
rung für das Schweigen eines Schriftstellers, der zu reich an ei-
genem Fonds ist, um eine so bescheidene Anleihe in Abrede zu
stellen." (Lemontey, OEuvres complètes 2*), Bd. I, S. 245, Paris
1840.)
Lassen wir ihm diese Gerechtigkeit widerfahren: Lemontey hat die
schlimmen Folgen der Arbeitsteilung, wie sie sich heute voll-
zieht, geistreich dargelegt, und Herr Proudhon bat nichts hinzu-
zufügen gewußt. Da wir aber einmal durch Herrn Proudhons Schuld
uns auf diese Frage der Priorität eingelassen haben, so sei bei-
läufig bemerkt, daß sehr lange vor Lemontey und siebzehn Jahre
vor Adam Smith, dem Schüler von Adam Ferguson, dieser letztere
diesen Punkt in einem Kapitel, welches speziell die Arbeitstei-
lung behandelt, klar und deutlich auseinandergesetzt hat.
"Man könnte sogar zweifeln; ob die allgemeine Befähigung einer
Nation im Verhältnis zum Fortschritt der Technik zunimmt. In meh-
reren Zweigen der Technik ... wird der Zweck vollkommen erreicht,
auch wenn sie vollständig der Mitwirkung der Vernunft und des Ge-
fühles entledigt sind, und die Unwissenheit ist ebenso die Mutter
der Industrie wie des Aberglaubens. Reflexion und Phantasie sind
Verirrungen unterworfen; aber die Gewohnheit, den Fuß oder die
Hand zu bewegen, hängt weder von dieser noch von jener ab. So
könnte man sagen, daß d i e Vollkommenheit der Manufakturarbeit
dann besteht, daß der Geist entbehrlich gemacht und die ohne Mit-
arbeit des Kopfes betriebene Werkstatt als ein Mechanismus be-
trachtet werden kann, dessen einzelne Teile Menschen sind... Der
General kann in der Kriegskunst sehr erfahren sein, während sich
das Verdienst des Soldaten darauf beschränkt, einige Hand- und
Fußbewegungen auszuführen. Der eine kann gewonnen haben, was der
andere verloren... In einer Periode, in der alles geschieden ist,
kann selbst die Kunst zu denken einen
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1*) jedem das Seine - 2*) Sämtliche Werke
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besonderen Beruf bilden." (A. Ferguson, "Essai sur l'histoire de
la société civile" 1*), Paris 1783 [II, S. 134, 135 u. 136].)
Um mit unserer literarischen Abschweifung zu enden, stellen wir
ausdrücklich in Abrede, daß "alle Ökonomen viel mehr Gewicht auf
die Vorteile als auf die Nachteile der Arbeitsteilung gelegt ha-
ben". Es genügt, Sismondi zu nennen.
So hat Herr Proudhon, was die V o r t e i l e der Arbeitstei-
lung betrifft, weiter nichts zu tun, als die allgemeinen und all-
gemein bekannten Redensarten mehr oder weniger schwülstig zu pa-
raphrasieren.
Sehen wir nunmehr, wie er von der Arbeitsteilung, als allgemeinem
Gesetz, als Kategorie, als Idee gefaßt, die U n z u t r ä g-
l i c h k e i t e n ableitet, die mit ihr verbunden sind. Wie
kommt es, daß diese Kategorie, dieses Gesetz eine ungleiche Ver-
teilung der Arbeit einschließt, zum Nachteil von Herrn Proudhons
egalitärem System?
"Mit dieser feierlichen Stunde der Arbeitsteilung beginnt der
Sturmwind über die Menschheit zu wehen. Der Fortschritt vollzieht
sich nicht für alle auf eine gleiche und einheitliche Art... Er
beginnt damit, sich einer kleinen Zahl von Privilegierten zu be-
mächtigen ... Diese Bevorzugung von Personen von Seiten des Fort-
schritts ist es, die so lange an die natürliche und providenti-
elle Ungleichheit der Lebenslagen glauben gemacht, die Kasten ins
Leben gerufen und alle Gesellschaften hierarchisch aufgebaut
hat." (Proudhon, Bd. I, S. 94.)
Die Arbeitsteilung bat die Kasten geschaffen: Nun sind aber die
Kasten die Unzuträglichkeiten der Arbeitsteilung; also hat die
Arbeitsteilung Unzuträglichkeiten geschaffen. Quod erat demon-
strandum. 2*) Will man weitergeben und fragen, was die Arbeits-
teilung dahin brachte, die Kasten, die hierarchischen Konstitu-
tionen und die Privilegien zu schaffen, so wird Herr Proudhon
antworten: der Fortschritt. Und was hat den Fortschritt veran-
laßt? Die Schranke. Die Schranke, für Herrn Proudhon, ist die Be-
vorzugung von Personen von seilen des Fortschritts.
Nach der Philosophie die Geschichte - aber weder die beschrei-
bende noch die dialektische, sondern die vergleichende Ge-
schichte. Herr Proudhon zieht eine Parallele zwischen dem Buch-
drucker von heute und dem Buchdrucker des Mittelalters, zwischen
dem Arbeiter der riesigen Hüttenwerke des Creusot [62] und dem
Hufschmied auf dem Lande, zwischen dem Schriftsteller unserer
Tage und dem Schriftsteller des Mittelalters, und er läßt die
Waagschale auf Seite derer sinken, welche mehr oder weniger der
Arbeitsteilung angehören, wie sie das Mittelalter erzeugt oder
überliefert hat. Er stellt die Arbeitsteilung
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1*) Abhandlung über die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft"
2*) Was zu beweisen war.
#148# Karl Marx
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einer historischen Epoche der Arbeitsteilung einer anderen histo-
rischen Epoche gegenüber. War es das, was Herr Proudhon darzutun
hatte? Nein. Er sollte uns die Unzuträglichkeiten der Arbeitstei-
lung im allgemeinen, der Arbeitsteilung als Kategorie zeigen.
Wozu übrigens auf dieser Partie der Proudhonschen Werke beharren,
da, wie wir sehen werden, er selbst ein wenig später alle diese
angeblichen Entwicklungen ausdrücklich widerruft?
"Die erste Wirkung der zerstückelten Arbeit", fährt Herr Proudhon
fort, "nächst der D e p r a v a t i o n d e r S e e l e, ist
die Verlängerung des Arbeitstages, der im umgekehrten Verhältnis
zur Summe der verausgabten Intelligenz wächst... Da jedoch die
Dauer des Arbeitstages sechzehn bis achtzehn Stunden nicht über-
schreiten kann, so wird von dem Augenblick an, wo die Kompensa-
tion nicht mehr in der Form von Zeit genommen werden kann, sie
auf den Preis genommen werden und der Lohn sinken... Was fest-
steht und was lediglich hier zu vermerken gilt, ist, daß das
a l l g e m e i n e G e w i s s e n die Arbeit eines Werkmei-
sters und die eines Handlangers nicht als gleichwertig taxiert.
Die Herabsetzung des Preises des Arbeitstages wird h i e r-
d u r c h eine Notwendigkeit, so daß der Arbeiter, nachdem seine
Seele durch eine degradierende Tätigkeit niedergedrückt ist,
nicht umhinkann, auch in seinem Körper durch die Geringfügigkeit
der Entlohnung getroffen zu werden." [I, S. 97-98]
Wir gehen weg über den logischen Wert dieser Syllogismen, die
Kant abseitsführende Paralogismen genannt haben würde. Dies der
Inhalt:
Die Arbeitsteilung reduziert den Arbeiter auf eine degradierende
Funktion. Dieser degradierenden Funktion entspricht eine depra-
vierte Seele. Dieser Depravation der Seele entspricht eine stets
wachsende Lohnsenkung. Und um zu beweisen, daß diese Lohnsenkung
einer depravierten Seele entspricht, behauptet Herr Proudhon zur
Beruhigung des Gewissens, daß es das allgemeine Gewissen ist,
welches es so will. Zählt die Seele des Herrn Proudhon mit in dem
allgemeinen Gewissen?
Die M a s c h i n e n sind für Herrn Proudhon "der logische Ge-
gensatz der Arbeitsteilung" [I, S. 135], und mit Hilfe seiner
Dialektik beginnt er damit, Maschine in W e r k s t a t t umzu-
wandeln.
Nachdem er die moderne Werkstatt (die Fabrik) 1*) unterstellt
hat, um aus der Arbeitsteilung das Elend hervorgehen zu lassen,
setzt Herr Proudhon das durch die Arbeitsteilung geschaffene
Elend voraus, um zur Fabrik gelangen und sie als die dialektische
Negation dieses Elends hinstellen zu können. Nachdem er den Ar-
beiter in moralischer Beziehung mit einer d e g r a d i e r e n-
d e n F u n k t i o n, in physischer mit der Geringfügigkeit
des Lohnes bedacht hat,
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1*) (die Fabrik): Einfügung der Übersetzer. Auf den folgenden
Seiten wird der von Marx verwendete Begriff atelier (Werkstatt)
meist mit Fabrik übersetzt.
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nachdem er den Arbeiter unter die A b h ä n g i g k e i t v o m
W e r k f ü h r e r gestellt und seine Arbeit auf die
L e i s t u n g e i n e s H a n d l a n g e r s herabgedrückt
hat, schiebt er die Schuld von neuem auf Fabrik und Maschinen, um
den Arbeiter "dadurch, daß er ihm einen M e i s t e r gibt" [I,
S. 164], z u d e g r a d i e r e n, und vollendet seine Er-
niedrigung dadurch, daß er ihn "von dem Range eines Handwerkers
zu dem eines H a n d l a n g e r s sinken" [I, S. 164] läßt.
Schöne Dialektik! Und wenn er hiebei noch stehenbliebe; aber
nein, er braucht eine neue Geschichte der Arbeitsteilung, nicht
mehr, um daraus die Widersprüche abzuleiten, sondern um die Fa-
brik auf seine Art zu rekonstruieren. Um das zu erreichen, sieht
er sich genötigt, alles zu vergessen, was er über die Arbeitstei-
lung gesagt.
Die Arbeit organisiert und teilt sich verschieden, je nach den
Werkzeugen, über die sie verfügt. Die Handmühle setzt eine andere
Arbeitsteilung voraus als die Dampfmühle. Es heißt somit der Ge-
schichte ins Gesicht schlagen, wenn man mit der Arbeitsteilung im
allgemeinen beginnt, um in der Folge zu einem speziellen Produk-
tionsinstrument, den Maschinen, zu gelangen.
Die Maschinen sind ebensowenig eine ökonomische Kategorie wie der
Ochse, der den Pflug zieht, sie sind nur eine Produktivkraft. Die
moderne Fabrik, die auf der Anwendung von Maschinen beruht, ist
ein gesellschaftliches Produktionsverhältnis, eine ökonomische
Kategorie.
Sehen wir nun, wie die Dinge in der glänzenden Einbildung des
Herrn Proudhon sich vollziehen.
"In der Gesellschaft ist das Auftreten der Maschinen und immer
neuen Maschinen die Antithese, die Gegenformel der Arbeit: Sie
ist der P r o t e s t des Genius der Industrie gegen die
z e r s t ü c k e l t e u n d m e n s c h e n m ö r d e r i-
s c h e A r b e i t. Was in der Tat ist eine Maschine? E i n e
A r t, d i e v e r s c h i e d e n e n T e i l e d e r A r-
b e i t, welche die Arbeitsteilung geschieden hat, z u v e r-
e i n i g e n. Jede Maschine kann definiert werden als eine
Zusammenfassung verschiedener Operationen... Somit haben wir in
der Maschine die W i e d e r h e r s t e l l u n g d e s A r-
b e i t e r s... Die Maschinen, die sich in der politischen
Ökonomie gegensätzlich zur Arbeitsteilung stellen, repräsentieren
die Synthese, die sich im menschlichen Geist der Analyse
gegenüberstellt... Die Teilung trennte nur die verschiedenen
Teile der Arbeit, indem sie es einem jeden überließ, sich der
Spezialität, die ihm am meisten zusagte, zu widmen. Die Fabrik
gruppiert die Arbeiter nach der Beziehung jedes Teiles zum Ganzen
..., sie führt das Prinzip der Autorität in die Arbeit ein...
Aber das ist nicht genug. Die M a s c h i n e oder die
F a b r i k, nachdem sie den Arbeiter dadurch degradiert hat,
daß sie ihm einen Meister gibt, vollendet seine Erniedrigung
damit, daß sie ihn vom Range eines Handwerkers zu dem eines
Handlangers fallen läßt... Die Periode, die wir in diesem Moment
durchleben, die der Maschinen, zeichnet sich durch einen
besonderen Charakter aus, die L o h n a r b e i t... Die
Lohnarbeit ist s p ä t e r e n D a t u m s als Arbeitsteilung
und Tausch." [I, S. 135, 136, 161 u. 164.]
#150# Karl Marx
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Eine einfache Bemerkung für Herrn Proudhon. Die Trennung der ver-
schiedenen Arbeitstelle, die einem jeden die Möglichkeit gibt,
sich der Spezialität zu widmen, die ihm am meisten zusagt, eine
Trennung, welche Herr Proudhon von Anfang der Welt datiert, gibt
es erst in der modernen Industrie unter der Herrschaft der Kon-
kurrenz.
Herr Proudhon gibt uns sodann eine mehr als "interessante Ge-
nealogie" [I, S. 161], um nachzuweisen, wie die Fabrik aus der
Arbeitsteilung und die Lohnarbeit aus der Fabrik entstanden ist.
1. Er setzt einen Menschen voraus, der "bemerkt hat", daß man die
Produktivkräfte vermehrt, "wenn man die Produktion in ihre ver-
schiedenen Teile zerlegt und jeden von einem besonderen Arbeiter
ausführen läßt" [1, S. 161].
2. Dieser Mensch "ergreift den Faden dieser Idee und sagt sich,
daß, wenn er eine ständige Gruppe von Arbeitern bildet, assor-
tiert für den besonderen Zweck, den er sich v o r n i m m t, er
dann eine stetigere Produktion erzielen würde etc." [I, S. 161.]
3. Dieser Mensch macht anderen Menschen einen V o r s c h l a g,
damit sie seine Idee und den Faden seiner Idee ergreifen.
4. Dieser Mensch "verhandelt im Beginn der Industrie mit seinen
G e n o s s e n, die später seine A r b e i t e r geworden,
auf dem F u ß e d e r G l e i c h h e i t." [1, S. 163.]
5. "Es leuchtet in der Tat ein, daß diese ursprüngliche Gleich-
heit bald verschwinden mußte angesichts der vorteilhaften Stel-
lung des Meisters und der Abhängigkeit des Lohnarbeiters." [I, S.
163.]
Hier haben wir wiederum eine Probe der h i s t o r i s c h e n
und b e s c h r e i b e n d e n M e t h o d e des Herrn Proud-
hon.
Untersuchen wir nunmehr vom historischen und ökonomischen Ge-
sichtspunkte aus, ob die Fabrik und die Maschine in der Tat das
A u t o r i t ä t s p r i n z i p später als die Arbeitsteilung
in die Gesellschaft eingeführt hat; ob auf der einen Seite der
Arbeiter rehabilitiert worden ist, trotzdem daß er auf der ande-
ren Seite der Autorität unterworfen wurde; ob die Maschine die
Rekomposition der geteilten Arbeit, die ihrer A n a l y s e
entgegengesetzte S y n t h e s e der Arbeit ist.
Die Gesellschaft als Ganzes hat das mit dem Innern einer Fabrik
gemein, daß auch sie ihre Arbeitsteilung hat. Nimmt man die Ar-
beitsteilung in einer modernen Fabrik als Beispiel, um sie auf
eine ganze Gesellschaft anzuwenden, so wäre unzweifelhaft dieje-
nige Gesellschaft am besten für die Produktion ihres Reichtums
organisiert, welche nur einen einzigen Unternehmer als Führer
hätte, der nach einer im voraus festgesetzten Ordnung die Funk-
tionen
#151# Das Elend der Philosophie
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unter die verschiedenen Mitglieder der Gemeinschaft verteilt.
Aber dem ist keineswegs so. Während innerhalb der modernen Fabrik
die Arbeitsteilung durch die Autorität des Unternehmers bis ins
einzelnste geregelt ist, kennt die moderne Gesellschaft keine an-
dere Regel, keine andere Autorität für die Verteilung der Arbeit
als die freie Konkurrenz.
Unter dem patriarchalischen Regime, unter dem Regime der Kasten,
des feudalen und Zunftsystems, gab es Arbeitsteilung in der gan-
zen Gesellschaft nach bestimmten Regeln. Sind diese Regeln von
einem Gesetzgeber angeordnet worden? Nein. Ursprünglich aus den
Bedingungen der materiellen Produktion hervorgegangen, wurden sie
erst viel später zum Gesetz erhoben. So wurden diese verschie-
denen Formen der Arbeitsteilung ebenso viele Grundlagen sozialer
Organisationen. Was die Arbeitsteilung in der Werkstatt anbe-
trifft, so war sie in allen diesen Gesellschaftsformen sehr wenig
entwickelt.
Man kann als allgemeine Regel aufstellen: Je weniger die Autori-
tät der Teilung der Arbeit innerhalb der Gesellschaft vorsteht,
desto mehr entwickelt sich die Arbeitsteilung im Innern der Werk-
statt und um so mehr ist sie der Autorität eines einzelnen unter-
worfen. Danach steht die Autorität in der Werkstatt und die in
der Gesellschaft, in bezug auf die Arbeitsteilung, im u m g e-
k e h r t e n V e r h ä l t n i s zueinander.
Es kommt nunmehr darauf an nachzusehen, was das für eine Werk-
statt ist, in der die Beschäftigungen sehr getrennt sind, wo die
Aufgabe jedes Arbeiters auf eine sehr einfache Operation redu-
ziert ist und wo die Autorität, das Kapital, die Arbeiter grup-
piert und leitet. Wie ist diese Werkstatt, die Fabrik, entstan-
den? Um diese Frage zu beantworten, haben wir zu prüfen, wie die
eigentliche Manufakturindustrie sich entwickelt hat. Ich spreche
hier von jener Industrie, die noch nicht die moderne große Indu-
strie mit ihren Maschinen ist, die aber bereits weder die Indu-
strie des Mittelalters noch die Hausindustrie mehr ist. Wir wol-
len nicht zu sehr ins Detail eingehen; wir wollen nur einige
Hauptpunkte feststellen, um zu zeigen, wie man mit Formeln noch
keine Geschichte macht.
Eine der unerläßlichsten Bedingungen für die Bildung der Manufak-
tur-Industrie war die Akkumulation der Kapitalien, erleichtert
durch die Entdeckung Amerikas und die Einfuhr seiner Edelmetalle.
Es ist hinlänglich erwiesen, daß die Vermehrung der Tauschmittel
zur Folge hatte einerseits die Entwertung der Löhne und Grundren-
ten und anderseits die Vermehrung der industriellen Profite. Mit
anderen Worten: Um so viel, wie die Klasse der Grundbesitzer und
die Klasse der Arbeiter, die Feudalherren und das Volk sanken, um
so viel hob sich die Klasse der Kapitalisten, die Bourgeoisie.
#152# Karl Marx
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Es gab noch andere Umstände, die gleichzeitig zur Entwicklung der
Manufakturindustrie beitrugen: die Vermehrung der auf den Markt
gebrachten Waren, sobald einmal die Verbindung mit Ostindien auf
dem Seewege um das Kap der Guten Hoffnung hergestellt war, ferner
das Kolonialsystem und die Entwicklung des Seehandels.
Eine andere Seite, die in der Geschichte der Manufakturindustrie
noch nicht genügend gewürdigt wurde, ist die Entlassung der zahl-
reichen Gefolgschaften der Feudalherren, deren untergeordnete An-
gehörige Landstreicher wurden, ehe sie in die Werkstatt eintra-
ten. Der Schöpfung der in die Fabrik übergehenden Werkstatt ging
im 15. und 16. Jahrhundert ein fast universelles Landstreichertum
voraus. Die Werkstatt fand ferner einen mächtigen Rückhalt in den
zahlreichen Landleuten, die infolge der Umwandlung der Äcker in
Wiesen und infolge der Fortschritte in der Landwirtschaft, die
weniger Arbeiter für die Bearbeitung der Äcker nötig machten,
fortgesetzt aus dem Dienst gejagt wurden und ganze Jahrhunderte
hindurch in die Städte strömten.
Das Anwachsen des Marktes, die Akkumulation von Kapitalien, die
in der sozialen Stellung der Klassen eingetretenen Veränderungen,
eine Menge von Personen, die sich ihrer Einnahmequellen beraubt
sehen - das sind ebenso viele historische Vorbedingungen für die
Entstehung der Manufaktur. Es waren nicht, wie Herr Proudhon
sagt, freundschaftliche Vereinbarungen und dergleichen, welche
die Menschen in Werkstätten und Fabriken vereinigten. Nicht ein-
mal im Schoß der alten Zünfte ist die Manufaktur erwachsen. Dar
Kaufmann war es, der der Prinzipal der modernen Werkstatt wurde,
und nicht der alte Zunftmeister. Fast überall herrschte ein er-
bitterter Kampf zwischen Manufaktur und Handwerk.
Die Akkumulation, die Konzentration von Werkzeugen und Arbeitern
ging der Entwicklung der Arbeitsteilung im Innern des Ateliers
voraus. Eine Manufaktur bestand weit mehr in der Vereinigung
vieler Arbeiter und vieler Handwerke in einem und demselben Lo-
kal, in einem Saal unter dem Kommando eines Kapitals, als in der
Auflösung der Arbeiten und der Anpassung eines speziellen Arbei-
ters an eine sehr einfache Aufgabe.
Der Nutzen einer Fabrikswerkstatt bestand viel weniger in der ei-
gentlichen Arbeitsteilung als in dem Umstände, daß man in größe-
rem Maßstabe arbeitete, viele unnütze Unkosten sparte etc. Ende
des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts kannte die holländische
Manufaktur die Teilung der Arbeit noch kaum.
Die Entwicklung der Arbeitsteilung setzt die Vereinigung der Ar-
beiter in einer Werkstatt voraus. Es gibt sogar nicht ein einzi-
ges Beispiel dafür, weder
#153# Das Elend der Philosophie
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im 16. noch im 17. Jahrhundert, daß die verschiedenen Zweige ei-
nes und desselben Handwerks in dem Maße getrennt betrieben wur-
den, daß es genügt hätte, sie in einem Ort zu vereinigen, um da-
mit die Fabrikwerkstatt fix und fertig herzustellen. Aber einmal
die Menschen und Werkzeuge vereinigt, reproduzierte sich die Ar-
beitsteilung, wie sie zur Zeit der Zünfte bestanden, und spiegelt
sich notwendig im Innern der Fabrikswerkstatt wider.
Für Herrn Proudhon, der die Dinge auf dem Kopf stehend sieht,
wenn er sie überhaupt sieht, geht die Arbeitsteilung im Sinne von
Adam Smith der Fabrikwerkstatt, die eigentlich ihre Existenzbe-
dingung ist, voraus.
Die eigentlichen M a s c h i n e n datieren seit dem Ende des
18. Jahrhunderts. Nichts abgeschmackter, als in den Maschinen die
A n t i t h e s e der Arbeitsteilung zu erblicken, die
S y n t h e s e, die die Einheit in der zerstückelten Arbeit
wiederherstellt.
Die Maschine ist eine Vereinigung von Arbeitswerkzeugen und kei-
neswegs eine Verbindung der Arbeiten für den Arbeiter selbst.
"Wenn durch die Arbeitsteilung jede besondere Arbeitsleistung auf
die Handhabung eines einfachen Instrumentes reduziert wurde, so
bildet die Vereinigung aller dieser durch einen einzigen Motor in
Bewegung gesetzten Werkzeuge eine Maschine." (Babbage, "Traité
sur l'economie des machines, etc." 1*), Paris 1833 [S. 230].)
Einfache Werkzeuge; Akkumulation von Werkzeugen; zusammengesetzte
Werkzeuge; In-Bewegung-Setzen eines zusammengesetzten Werkzeuges
durch einen einzigen Handmotor den Menschen; In-Bewegung-Setzen
dieser Instrumente durch die Naturkräfte; Maschinen; System von
Maschinen, die nur einen Motor haben; System von Maschinen, die
einen automatischen Motor haben - das ist die Entwicklung der Ma-
schine.
Die Konzentration der Produktionsinstrumente und die Arbeitstei-
lung sind ebenso untrennbar voneinander wie auf dem Gebiete der
Politik die Zentralisation der öffentlichen Gewalten und die
Teilung der Privatinteressen. England mit seiner Konzentrierung
des Grund und Bodens, dieses Werkzeugs der agrikolen Arbeit, hat
ebenfalls die Arbeitsteilung in der Agrikultur und die Anwendung
der Maschinerie beim Landbau. Frankreich, welches die Teilung des
Werkzeugs, des Bodens 2*) hat, das Parzellensystem, hat im
allgemeinen weder Arbeitsteilung in der Agrikultur noch Anwendung
von Maschinen beim Landbau.
Für Herrn Proudhon ist die Konzentration der Arbeitsinstrumente
die Negation der Arbeitsteilung. In der Wirklichkeit finden wir
abermals das
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1*) "Abhandlung über die Ökonomie der Maschinen etc." - 2*) des
Bodens: Einfügung der Übersetzer
#154# Karl Marx
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Gegenteil. In dem Maße, wie die Konzentrierung der Werkzeuge sich
entwickelt, entwickelt sich auch die Arbeitsteilung, und umge-
kehrt. Dies die Ursache, weshalb jede große Erfindung in der me-
chanischen Technik eine größere Arbeitsteilung zur Folge hat und
jede Steigerung der Arbeitsteilung ihrerseits neue mechanische
Erfindungen hervorruft.
Wir brauchen nicht daran zu erinnern, daß die großen Fortschritte
der Arbeitsteilung in England nach der Erfindung der Maschinen
begonnen haben. So waren die Weber und die Spinner meistenteils
Bauern, wie man sie noch in rückständigen Ländern antrifft. Die
Erfindung der Maschinen hat die Trennung der Manufakturindustrie
von der Agrikulturindustrie vollendet. Weber und Spinner, früher
in einer Familie vereinigt, wurden durch die Maschine getrennt.
Dank der Maschine kann der Spinner in England wohnen, während der
Weber gleichzeitig in Ostindien lebt. Vor der Erfindung der
Maschinen erstreckte sich die Industrie eines Landes haupt-
sächlich auf die Rohstoffe, die sein eigener Boden hervorbrachte:
so in England Wolle, m Deutschland Flachs, in Frankreich Seide
und Flachs, in Ostindien und in der Levante Baumwolle etc. Dank
der Anwendung der Maschinen und des Dampfes hat die Arbeits-
teilung eine derartige Ausdehnung nehmen können, daß die von
nationalem Boden losgelöste Großindustrie einzig und allein vom
Welthandel, vom internationalen Austausch, von einer internatio-
nalen Arbeitsteilung abhängt. Kurz, die Maschine übt einen
solchen Einfluß auf die Teilung der Arbeit aus, daß, wenn bei der
Fabrikation irgendeines Gegenstandes das Mittel gefunden ist,
Teile desselben mechanisch herzustellen, seine Fabrikation sich
alsbald in zwei voneinander unabhängige Betriebe sondert.
Brauchen wir noch von dem p r o v i d e n t i e l l e n und
philanthropischen Z w e c k zu reden, welchen Herr Proudhon in
der Erfindung und ursprünglichen Anwendung der Maschine entdeckt?
Als in England der Markt eine solche Entwicklung gewonnen hatte,
daß die Handarbeit ihm nicht mehr genügen konnte, empfand man das
Bedürfnis nach Maschinen. Man sann nun auf die Anwendung der me-
chanischen Wissenschaft, die bereits im 18. Jahrhundert fertig da
war.
Das erste Auftreten der Fabrik mit Kraftbetrieb ist durch Akte
bezeichnet, die nichts weniger als philanthropisch waren. Kinder
wurden mit der Peitsche zur Arbeit angehalten; sie wurden ein Ge-
genstand des Schachers; man schloß mit Waisenhäusern Kontrakte.
Man schaffte alle Gesetze über die Lehrzeit der Arbeiter ab, weil
man, um uns der Phrasen des Herrn Proudhon zu bedienen, nicht
mehr der s y n t h e t i s c h e n Arbeiter bedurfte. Endlich
waren seit 1825 [63] fast alle neuen Erfindungen das Ergebnis von
Kollisionen zwischen
#155# Das Elend der Philosophie
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Arbeiter und Unternehmer, der um jeden Preis die Fachbildung des
Arbeiters zu entwerten suchte. Nach jedem neuen einigermaßen be-
deutenden Strike erstand eine neue Maschine. So wenig sah der Ar-
beiter in der Anwendung der Maschinen eine Art Rehabilitierung,
eine Art W i e d e r h e r s t e l l u n g, wie Herr Proudhon
es nennt, daß er im 18. Jahrhundert der erstehenden Herrschaft
der Kraftautomaten sehr lange Widerstand leistete.
"Wyatt", sagt Dr. Ure, "hatte die künstlichen Spinnfinger" (die
drei Reihen geriffelten Walzen) "lange vor Arkwright erfunden.
[64] Die Hauptschwierigkeit bestand nicht so sehr in der Erfin-
dung eines selbsttätigen Mechanismus... Die Schwierigkeit bestand
vor allem in der Disziplin, notwendig, damit die Menschen auf
ihre unregelmäßigen Gewohnheiten bei der Arbeit verzichten und
sich mit der unveränderlichen Regelmäßigkeit der Bewegung einer
großen selbsttätigen Maschine identifizieren. Aber einen den Be-
dürfnissen, der Geschwindigkeit des automatischen Systems ent-
sprechendem Disziplinarkodex zu erfinden und mit Erfolg auszufüh-
ren, war ein Unternehmen des Herkules würdig. Das ist das edle
Werk Arkwrights." [65]
Alles in allem hat die Einführung der Maschinen die Teilung der
Arbeit innerhalb der Gesellschaft gesteigert, das Werk des Arbei-
ters innerhalb der Werkstatt vereinfacht, das Kapital konzen-
triert und den Menschen zerstückelt.
Will Herr Proudhon Ökonom sein und für eine Weile die
"Entwicklung in der Reihe der Gedanken, nach der Gliederung der
Vernunft" beiseite lassen, so wird er seine Belehrung bei Adam
Smith suchen, zur Zeit, wo die automatische Fabrik erst im Ent-
stehen war. In der Tat, welcher Unterschied zwischen der Teilung
der Arbeit, wie sie zur Zeit von Adam Smith bestand und wie wir
sie in der automatischen Fabrik sehen! Um ihn gut zu erfassen,
genügt es, einige Stellen aus der "Philosophie der Manufaktur"
von Dr. Ure zu zitieren.
"Als Adam Smith sein unsterbliches Werk über die Grundzüge der
politischen Ökonomie schrieb, war das automatische Industriesy-
stem kaum noch bekannt. Die Teilung der Arbeit erschien ihm mit
Recht als das große Prinzip der Vervollkommnung in der Manufak-
tur. Er zeigte an der Fabrikation der Nadeln, wie ein Arbeiter,
der sich durch die Beschäftigung mit einem und demselben Gegen-
stand vervollkommnet, leistungsfähiger und weniger kostspielig
wird. In jedem Zweig der Manufaktur sah er, wie nach diesem Prin-
zip gewisse Verrichtungen, wie das Schneiden von Messingdrähten
in gleiche Abschnitte, leicht ausführbar werden; wie andere Ar-
beiten, z.B. die Herstellung und Ansetzung der Nadelköpfe, ver-
hältnismäßig schwerer sind: er schloß also daraus, daß man jeder
dieser Verrichtungen einen Arbeiter anpassen kann, dessen Lohn
seiner Geschicklichkeit entspräche. Diese A n p a s s u n g ist
das Wesen der Arbeitsteilung. Aber was zur Zeit des Dr. Smith als
passendes Beispiel dienen konnte, kann heute das Publikum in be-
zug auf das wirkliche Prinzip der Fabrikindustrie nur irreführen.
#156# Karl Marx
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In der Tat paßt die Verteilung oder vielmehr die Anpassung der
Arbeiten an die verschiedenen individuellen Fähigkeiten nicht in
den Operationsplan der automatischen Fabrik: im Gegenteil, über-
all, wo ein Prozeß große Geschicklichkeit und eine sichere Hand
erfordert, entzieht man ihn dem zu geschickten und oft zu aller-
hand Unregelmäßigkeiten geneigten Arbeiter, um ihn einem besonde-
ren Mechanismus zu übertragen, dessen automatische Tätigkeit so
gut reguliert ist, daß ein Kind sie überwachen kann.
Das Prinzip des automatischen Systems besteht also darin, an die
Stelle der Handarbeit die mechanische Arbeit zu setzen und die
Arbeitsteilung unter den Handwerkern durch die Zerlegung eines
Prozesses in die ihn ausmachenden Teile zu ersetzen. Nach dem Sy-
stem der Handarbeit war die menschliche Arbeit in der Regel das
teuerste Element eines Produkts; aber nach dem automatischen Sy-
stem sehen wir die geschickten Handarbeiter allmählich verdrängt
durch einfache Maschinenwärter.
Die Schwäche der menschlichen Natur ist so groß, daß, je ge-
schickter der Arbeiter, er um so anspruchsvoller und schwerer zu
behandeln und infolgedessen weniger für ein mechanisches System
geeignet ist, in dessen Getriebe seine launenhaften Einfalle be-
trächtlichen Schaden anrichten können. Die Hauptaufgabe des heu-
tigen Fabrikanten besteht also darin, durch Verbindung von Wis-
senschaft und Kapital die Tätigkeit seiner Arbeiter darauf zu re-
duzieren, daß sie ihre Wachsamkeit und ihre Gewandtheit ausüben,
Eigenschaften, die sie in ihrer Jugend sehr vervollkommnen,
w e n n m a n s i e n u r a u s s c h l i e ß l i c h m i t
e i n e m b e s t i m m t e n G e g e n s t a n d b e-
s c h ä f t i g t.
Nach dem System der Abstufung der Arbeit braucht es eine Lehrzeit
von mehreren Jahren, bevor Augen und Hand geschickt genug werden,
um gewisse mechanische Kunststücke zu verrichten; aber nach dem
System, das einen Prozeß zerlegt, indem es ihn in seine einzelnen
wesentlichen Bestandteile teilt, und welches alle seine Teile
durch eine selbsttätige Maschine ausführen läßt, kann man diese
elementaren Teile einer Person mit gewöhnlicher Begabung nach
kurzer Probezeit anvertrauen; man kann sogar in dringenden Fällen
diese Person von einer Maschine an die andere stellen, nach dem
Belieben des Betriebsleiters. Solche Änderungen stehen im offenen
Widerspruch mit der alten Routine, welche die Arbeit teilt und
einen Arbeiter Nadelköpfe verfertigen, einen anderen Nadelspitzen
schärfen heißt, eine Beschäftigung, deren langweilige Einförmig-
keit sie entnervt... Aber nach dem Prinzip der G l e i c h m a-
c h u n g oder dem automatischen System werden die Fähigkeiten
des Arbeiters nur einer angenehmen Übung unterworfen etc... Da
seine Tätigkeit darin besteht, die Arbeit eines wohlgeregelten
Mechanismus zu überwachen, kann er sie in kurzer Zeit erlernen;
indem er seine Leistungen von einer Maschine auf eine andere
überträgt, wechselt er seine Tätigkeit und entwickelt er seine
Ideen, indem er über die allgemeinen Kombinationen nachdenkt,
welche aus seiner und seiner Kollegen Arbeit resultieren. So kann
dieses Einzwängen der Fähigkeiten, diese Verengerung der Ideen,
dieser Zustand der Störung der körperlichen Entwicklung, die
nicht ohne Grund der Arbeitsteilung zugeschrieben werden, unter
gewöhnlichen Umständen nicht statthaben in einem System der
g l e i c h e n V e r t e i l u n g d e r A r b e i t e n.
#157# Das Elend der Philosophie
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Das beständige Ziel, die Tendenz aller Vervollkommnung der Tech-
nik, geht in der Tat dahin, die Arbeit des Menschen möglichst
entbehrlich zu machen oder den Preis derselben zu verringern, in-
dem man die Arbeit von Frauen und Kindern an die Stelle der von
erwachsenen Arbeitern oder die grobe Arbeit an Stelle der ge-
schickten Arbeit setzt... Diese Tendenz, nur noch Kinder mit leb-
haften Augen und gelenken Fingern an Stelle von geübten Arbeitern
zu beschäftigen, zeigt, daß das Schuldogma von der Teilung der
Arbeit nach den verschiedenen Graden der Geschicklichkeit von un-
seren aufgeklärten Fabrikanten endlich beiseite geworfen ist."
(André Ure, "Philosophie des manafactures ou économie industri-
elle", Bd. I, Kap. 1 [66].)
Was die Arbeitsteilung in der modernen Gesellschaft charakteri-
siert, ist die Tatsache, daß sie die Spezialitäten, die Fachleute
und mit ihnen den Fachidiotismus erzeugt.
"Bewunderung erfaßt uns", sagt Lemontey, "wenn wir bei den Alten
dieselbe Person gleichzeitig in hohem Grade sich auszeichnen se-
hen als Philosoph, Dichter, Redner, Historiker, Priester, Staats-
mann und Feldherr. Unsere Seelen erschrecken bei der Betrachtung
eines so umfassenden Gebietes. Jeder steckt sich heute sein Ge-
hege ab und schließt sich darin ein. Ich weiß nicht, ob durch
diese Zerstücklung das Feld sich vergrößert, aber ich weiß wohl,
daß der Mensch kleiner wird." [Lemontey, a.a.O., S. 213.]
Was die Teilung der Arbeit in der mechanischen Fabrik kennzeich-
net, ist, daß sie jeden Spezialcharakter verloren hat. Aber von
dem Augenblick an, wo jede besondere Entwicklung aufhört, macht
sich das Bedürfnis nach Universalität, das Bestreben nach einer
allseitigen Entwicklung des Individuums fühlbar. Die automatische
Fabrik beseitigt die Spezialisten und den Fachidiotismus.
Herr Proudhon, der nicht einmal diese eine revolutionäre Seite
der automatischen Fabrik begriffen hat, tut einen Schritt rück-
wärts und schlägt dem Arbeiter vor, nicht lediglich den zwölften
Teil einer Nadel, sondern nach und nach alle zwölf Teile anzufer-
tigen. Der Arbeiter würde so zu der Wissenschaft und dem Bewußt-
sein der Nadel gelangen. Das ist mit einem Wort die synthetische
Arbeit des Herrn Proudhon. Niemand wird bestreiten, daß eine Be-
wegung nach vorwärts und eine andere nach rückwärts machen auch
eine synthetische Bewegung machen heißt.
Alles in allem geht Herr Proudhon nicht über das Ideal des Klein-
bürgers hinaus. Und um dieses Ideal zu verwirklichen, fällt ihm
nichts Besseres ein, als uns zum Handwerksgesellen oder höchstens
zum Handwerksmeister des Mittelalters zurückzuführen. Es genügt,
sagt er irgendwo in seinem Buche, ein einziges Mal in seinem Le-
ben ein Meisterstück gemacht, sich ein einziges Mal als Mensch
gefühlt zu haben. Ist das nicht nach Form wie Inhalt das von den
Zünften des Mittelalters verlangte Meisterstück?
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