Quelle: MEW 4 Mai 1846 - März 1848
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Friedrich Engels
Die wahren Sozialisten [131]
Seit die obigen Schilderungen wahrer Sozialisten geschrieben wur-
den, sind mehrere Monate verflossen. Während dieser Zeit hat der
wahre Sozialismus, der bisher nur vereinzelt, hie und da auf-
tauchte, einen großartigen Aufschwung genommen. Er hat in allen
Teilen des Gesamtvaterlandes Vertreter gefunden, er hat sich so-
gar zu einer gewissen literarischen Parteibedeutung emporgehoben.
Noch mehr, er sondert sich bereits in mehrere Gruppen, die zwar
durch das gemeinsame Band deutscher Innigkeit und Wissenschaft-
lichkeit, durch gemeinsame Bestrebungen und Zwecke eng verbunden,
die aber doch durch die besondre Individualität einer jeden be-
stimmt voneinander geschieden sind. Auf diese Weise ist "die
chaotische Lichtmasse", wie Herr Grün so schön sagt, des wahren
Sozialismus mit der Zeit in eine "geordnete Helle" übergegangen;
sie hat sich zu Sternen mit Sterngruppen konzentriert, bei deren
mildem, ruhig strahlendem Schein der deutsche Bürger seinen Plä-
nen für redliche Erwerbung eines kleinen Vermögens und seinen
Hoffnungen für Hebung der niederen Volksklassen sorglos nachhän-
gen kann.
Wir dürfen vom wahren Sozialismus nicht scheiden, ohne vorher we-
nigstens die entwickeltsten dieser Gruppen näher beobachtet zu
haben. Wir werden sehen, wie jede von ihnen, anfangs in der
Milchstraße der allgemeinen Menschenliebe verschwimmend, durch
die eintretende saure Gärung, die "wahre Begeisterung für die
Menschheit" (wie Herr Dr. Lüning, gewiß eine kompetente Autori-
tät, sich ausdrückt), sich als besondre Flocke konstituiert und
von den bürgerlich-liberalen Molken scheidet; wie sie dann eine
Zeitlang als Nebelfleck am sozialistischen Himmel figuriert, wie
der Nebelfleck an Größe und Helligkeit zunimmt und schließlich
gleich einer Rakete sich in eine blendende Gruppe von Sternen und
Sternbildern zerteilt.
Die älteste, am frühsten selbständig entwickelte Gruppe ist die
des w e s t f ä l i s c h e n S o z i a l i s m u s. Dank den
überaus wichtigen Händeln dieser Gruppe mit der königlich preußi-
schen Polizei, dank dem Eifer dieser westfälischen
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Fortschrittsmänner für Öffentlichkeit, hat das deutsche Publikum
den Gewinn gehabt, die ganze Geschichte dieser Gruppe in der
"Kölnischen .. ." [132], "Trier'schen .,." [26] und andern Zei-
tungen lesen zu können. Wir brauchen hier daher nur das Nötigste
zu erwähnen.
Der westfälische Sozialismus ist in der Gegend von Bielefeld, im
Teutoburger Walde zu Hause. Die Zeitungen enthielten ihrer Zeit
geheimnisvolle Andeutungen über den mystischen Charakter seiner
frühesten Epoche. Aber bald überschritt er die Stufe des Nebel-
flecks; mit dem ersten Hefte des "Westphälischen Dampfboots" [31]
erschloß er sich und zeigte dem erstaunten Auge ein Heer schim-
mernder Sterne. Wir befinden uns im Norden des Äquators und, sagt
ein alter Reim:
Im Norden sind zu sehn der W i d d e r und der S t i e r,
Die Z w i l l i n g, K r e b s und L e u, samt einer
J u n g f r a u Zier.
Die Existenz der "Jungfrauen" wurde schon früh von der "guten
Presse" behauptet; der "Leu" war ebenderselbe Hermann der Cherus-
ker, der bald, nachdem der westfälische Nebelfleck sich erschlos-
sen, seine trauten Freunde verließ und nunmehr als Volkstribun
[133] von Amerika herüber seine blonden Mähnen schüttelt. Nicht
gar zu lange darauf ist ihm der Krebs "wegen unangenehmer
Wechselgeschichten" gefolgt, wodurch der westfälische Sozialismus
zwar Witwe wurde, aber darum nicht minder das Geschäft fortsetzt.
Von den Zwillingen ist der eine ebenfalls nach Amerika gegangen,
um eine Kolonie zu stiften; während er dort abhanden kam, erfand
der zweite "die Volkswirtschaft in ihrer zukünftigen Gestaltung"
(vgl. Lüning, "Dies Buch gehört dem Volke", II. Jahrg.) [134].
Alle diese verschiedenen Figuren sind indes verhältnismäßig unbe-
deutend. Das Gewicht der Gruppe konzentriert sich im Widder und
im Stier, diesen echt westfälischen Gestirnen, unter deren Obhut
das "Westphälische Dampfboot" sicher die Wogen durchschneidet
[135].
Das "Westphälische Dampfboot" hielt sich eine lange Zeit auf dem
mode simple 1*) des wahren Sozialismus. "Es verging kein Stund in
der Nacht" [136], wo es nicht bittre Tränen vergoß über das Elend
der leidenden Menschheit. Es predigte das Evangelium vom Men-
schen, vom wahren Menschen, vom wahren wirklichen Menschen, vom
wahren wirklichen leibhaftigen Menschen aus Leibeskräften, und
die waren freilich nicht sonderlich groß. Es hatte ein weiches
Gemüt und liebte Milchreis mehr als spanischen Pfeffer. Daher
trug seine Kritik einen sehr sanftmütigen Charakter und schloß
sich lieber an gleich barmherzige, liebevolle Rezensenten an, als
an die neuerdings aufkommende herzlose, kalte Schärfe der Beur-
teilung. Aber es hatte ein weites Herz bei
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1*) einfache Art
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wenig Courage, und so fand selbst die gefühllose "Heilige Fami-
lie" [29] Gnade vor seinen Augen. Mit der größten Gewissenhaftig-
keit berichtete es über die verschiedenen Phasen der Bielefelder,
Münsterschen usw. Lokalvereine zur Hebung der arbeitenden Klas-
sen. Größte Aufmerksamkeit wurde den wichtigen Ereignissen im
Bielefelder Museum gewidmet. Und damit ja der westfälische Bürger
und Landmann erfahre, was die Glocke geschlagen, wurden in dem
monatlichen Überblick der "Weltbegebenheiten" am Schluß jeder
Nummer dieselben Liberalen belobt, die in den übrigen Artikeln
der Nummer angegriffen worden waren. Nebenbei teilte man dem
westfälischen Bürger und Landmann noch mit, wann die Königin Vic-
toria niedergekommen war, in Ägypten die Pest wütete und die Rus-
sen im Kaukasus eine Schlacht verloren hatten.
Man sieht, das "Westphälische Dampfboot" war eine Zeitschrift,
die auf den Dank aller Wohlgesinnten und auf das überquellende
Lob des Herrn Fr. Schnake im "Gesellschaftsspiegel" [137] vollen
Anspruch machen durfte. Der Stier redigierte mit dem lächelndsten
Behagen auf der marschigen Weide des wahren Sozialismus herum.
Wenn ihm auch der Zensor zuweilen ins Fleisch schnitt, so
brauchte er doch nie zu seufzen: "es war die beste Stelle"; der
westfälische Stier war ein Zugstier und kein Zuchtstier. Selbst
der "Rheinische Beobachter" [138] hat nie gewagt, weder dem
"Westphälischen Dampfboot" im allgemeinen noch dem Dr. Otto
Lüning im besondern ein Attentat auf die Sittlichkeit vorzu-
werfen. Kurz, man konnte wähnen, das "Dampfboot", das, seit ihm
die Weser verboten wurde, nur noch auf dem mythisch unter die
Sterne versetzten Flusse Eridanus [139] schwimmt (denn bei
Bielefeld fließt kein andres Wasser)·- das "Dampfboot" habe den
höchsten Grad menschlicher Vollkommenheit erreicht.
Aber in allen seinen bisherigen Efforts hatte das "Dampfboot" nur
die einfachste Phase des wahren Sozialismus entwickelt. Gegen den
Sommer des Jahres 1846 trat es aus dem Zeichen des Stiers heraus
und näherte sich dem des Widders, oder vielmehr, um historisch
richtiger zu sprechen, der Widder näherte sich ihm. Der Widder
war ein gereister Mann und stand vollständig auf der Höhe der
Zeit. Er erklärte dem Stier, wie es jetzt in der Welt eigentlich
aussehe, daß die "wirklichen Verhältnisse" jetzt die Hauptsache
seien, und daß man deshalb eine neue Wendung machen müsse. Der
Stier war vollkommen einverstanden, und von diesem Augenblick an
bietet das "Westphälische Dampfboot" ein noch viel erhebenderes
Schauspiel dar: den mode composé 1*) des wahren Sozialismus.
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1*) die zusammengesetzte Art
#251# Die wahren Sozialisten
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"Der Widder und der Stier" glaubten diese graziöse Tour nicht
besser ausführen zu können als durch den Abdruck unsrer Kritik
des New-Yorker "Volks-Tribunen" [140], die wir diesem Blatte im
Manuskript eingeschickt hatten und die von ihm aufgenommen war.
Das "Dampfboot", das sich jetzt nicht scheute, auf seinen eignen,
weit in Amerika befindlichen Leuen anzuschlagen (der mode composé
des wahren Sozialismus gibt bei weitem mehr Keckheit als der mode
simple), das "Dampfboot" war übrigens pfiffig genug, folgende
menschenfreundliche Bemerkung an obige Kritik zu knüpfen: "Sollte
jemand im obigen Aufsatz eine S e l b s t k r i t i k (?!) des
'Dampfboots' erblicken wollen, so haben wir nichts dagegen."
Damit ist der mode composé des wahren Sozialismus genügend einge-
leitet, und nun geht es im gestreckten Galopp vorwärts auf der
neuen Bahn. Der Widder, von Natur ein kriegerisches Geschöpf,
kann sich bei der bisherigen gutmütigen Art der Kritik nicht be-
ruhigen; dem neuen Leithammel der westfälischen Lämmerherde zuckt
die Kampflust durch alle Glieder, und eh seine zaghafteren Genos-
sen ihn daran hindern können, trabt er mit gesenkten Hörnern auf
den Dr. Georg Schirges in Hamburg los. Der Dr. Schirges war frü-
her gar so übel nicht angesehen bei den Lenkern des "Dampfboots",
aber jetzt ist das anders geworden. Der arme Dr. Schirges reprä-
sentiert den mode simplicissimus 1*) des wahren Sozialismus, und
diese jüngst noch geteilte Einfalt verzeiht ihm der mode composé
nicht. Darum rennt ihm der Widder im Septemberheft 1846 des
"Dampfboots" pag. 409-414 die unbarmherzigsten Breschen m die
Mauern seiner "Werkstatt" [141]. Genießen wir einen Augenblick
dies Schauspiel.
Einige wahre Sozialisten und soi-disant 2*) Kommunisten haben die
brillanten Satiren Fouriers über die Lebensverhältnisse der Bour-
geoisie, soweit sie etwas davon kennengelernt hatten, in die
Sprache der deutschen bürgerlichen Moralität übersetzt. Sie ent-
deckten bei dieser Gelegenheit die bereits den Aufklärern und Fa-
beldichtern des vorigen Jahrhunderts bekannte Theorie von dem Un-
glück der Reichen und bekamen damit Stoff zu den unerschöpflich-
sten moralischen Tiraden. Der Dr. Georg Schirges, noch nicht tief
genug eingeweiht in die Mysterien der wahren Doktrin, ist keines-
wegs der Meinung, daß "die Reichen ebenso unglücklich seien als
die Armen". Der westfälische Leithammel versetzt ihm dafür einen
entrüsteten Stoß, wie ihn ein Mensch verdient, den "ein Gewinn in
der Lotterie ... zum glücklichsten und zufriedensten Menschen von
der Welt machen könnte".
"Ja", ruft unser stoischer Widder aus, "es ist denn doch trotz
Herrn Schirges wahr,
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1*) die einfältige Art - 2*) sogenannte
#252# Friedrich Engels
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daß der Besitz nicht ausreicht, die Leute glücklich zu machen,
daß ein sehr großer Teil unsrer Reichen sich ... nichts weniger
als glücklich fühlt." (Du hast recht, biedrer Widder, die Gesund-
heit ist ein Gut, das mit keinem Golde aufzuwiegen ist.) "Hat er
auch durch Hunger und Kälte nicht zu leiden, so gibt es doch noch
andre Übel" (zum Beispiel venerische Krankheiten, anhaltendes Re-
genwetter, in Deutschland mitunter auch Gewissensbisse), "deren
Druck er sich nicht entziehen kann." (Namentlich ist für den Tod
kein Kraut gewachsen.) "Ein Blick in das Innere der meisten Fami-
lien ... faul und morsch Alles ... Der Mann durch Börsen- und
Handelsgeschäfte ganz absorbiert" (beatus ille qui procul nego-
tiis 1*) - es ist erstaunlich, daß der Arme noch Zeit übrig be-
hält, ein paar Kinder zu machen) ... "zum Sklaven des Geldes her-
abgewürdigt" (der Ärmste!), "die Frau zur inhaltslosen" (außer
wenn sie schwanger ist), "hohlen Salondame herangebildet oder zur
guten Hausfrau erzogen, die für nichts Sinn hat als für Kochen,
Waschen und Kinderwarten" (spricht der Widder noch von den
"Reichen"?) "und höchstens einige Klatschgesellschaften" (wir
sind, sieht man, noch immer auf ausschließlich deutschem Boden,
wo die "gute Hausfrau" die schönste Gelegenheit hat, sich dem zu
widmen, wofür "sie Sinn hat"; Grund genug, höchst "unglücklich"
zu sein); "dabei beide nicht selten in einem ununterbrochenen
Kriege miteinander ... selbst das Band zwischen Eltern und Kin-
dern wird durch die sozialen Verhältnisse häufig zerrissen" etc.
etc.
Das schlimmste Leiden hat unser Autor vergessen. Ein jeder
"reiche" deutsche Hausvater wird ihm sagen können, daß ehelicher
Unfriede mit der Zeit ein Bedürfnis werden, daß man ungeratene
Kinder nach Batavia expedieren und vergessen kann, daß aber die-
bische und widerspenstige Dienstboten ein unerträgliches und bei
der um sich greifenden Demoralisation des gemeinen Mannes und
Weibes nunmehr fast unvermeidliches "Übel" sind.
Wenn die Herren Rothschild, Fulchiron und Decazes in Paris, Sa-
muel Jones Loyd, Baring und Lord Westminster in London diese
Schilderung von den Trübsalen der "Reichen" läsen, wie würden sie
den guten westfälischen Widder bemitleiden!
... "Dabei aber, n a c h z u w e i s e n" (wie oben geschehen),
"daß der Druck unserer Verhältnisse" (namentlich der Druck der
Atmosphäre mit 15 Pfund pro Quadratzoll) "auch auf dem Reichen,
wenn auch nicht ebenso stark, wie auf dem Armen laste, kommt das
heraus, was bei der Schilderung unsrer Verhältnisse und Zustände
überhaupt herauskommt: Aufklärung für jeden, der damit bekannt zu
werden sucht." (Es scheint fast, daß bei dem mode composé des
wahren Sozialismus noch weniger "herauskommt" als bei dem mode
simple.) "Aus der Unzufriedenheit des Reichen wird a l l e r-
d i n g s keine Umwälzung zugunsten des Proletariers hervor-
gehen, dazu gehören mächtigere Triebfedern" (namentlich
S c h r e i b federn); "a u c h ist es mit dem: 'Seid umschlun-
gen Millionen, diesen Kuß der ganzen Welt' [142] - nicht abgetan;
a b e r ebensowenig
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1*) glückselig, wer dem Treiben der Geschäfte fern (Horaz,
"Epodon", Ode II, Vers 1)
#253# Die wahren Sozialisten
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nützt es, sich mit Flickwerk und Palliativmittelchen" (etwa Ver-
söhnungsversuchen in der obigen unglücklichen Haushaltung) "abzu-
quälen und darüber das Große, die wirklichen Reformen" (wohl die
Ehescheidung) "ganz zu vergessen."
Der Zusammenhang des obigen "allerdings" mit den folgenden "auch,
und "aber ebensowenig" liefert "allerdings" ein beklagenswertes
Beispiel von der Verwirrung, welche durch den Übergang vom einfa-
chen zum zusammengesetzten wahren Sozialismus im Kopf eines West-
falen herbeigeführt wird; "auch" wird sich unsre Betrübnis nicht
vermindern, wenn wir auf der nächsten Seite (p. 413) lesen, daß
"in den politisch entwickelten Ländern ... e i n Z u s t a n d
ohne alle Schranke besteht"; "aber ebensowenig" spricht es für
die geschichtlichen Kenntnisse des westfälischen Sozialismus,
wenn nach derselben Seite "d e r E g o i s m u s ... in der
glänzendsten Zeit der Revolution, in der Zeit des Konventes sogar
n i c h t s e l t e n b e s t r a f t w u r d e" - wahr-
scheinlich mit Stockprügeln. Doch "wir haben keinen Grund, von
dem ferneren Wirken 'unsres Widders' Besseres zu erwarten, und
werden deshalb wohl sobald nicht wieder auf ihn zurückkommen".
Sehen wir uns lieber nach dem Stier um. Dieser beschäftigt sich
inzwischen milden "Weltbegebenheiten" [143], wirft p. 421
(Septemberheft 1846) "lauter wohl aufzuwerfende Fragen" auf und
stürzt sich köpflings in diejenige Politik, welcher nach dem
"Charivari" Herr Guizot den Spitznamen der "großen" gegeben hat.
Auch hier ist der Fortschritt gegen die frühere Periode des ein-
fachen Sozialismus augenscheinlich. Ein paar Proben:
Es ist das Gerücht nach Westfalen gedrungen, daß die preußische
Regierung durch die Geldnot, in der sie sich befindet, sehr
leicht zur Oktroyierung einer Konstitution genötigt werden
könnte. Zugleich berichten die Zeitungen von der an der Berliner
Börse herrschenden Geldnot. Unser westfälischer Zugstier, der in
der politischen Ökonomie eben nicht stark ist, identifiziert tout
bonnement 1*) die Geldnot der Berliner R e g i e r u n g mit
der ganz verschiedenen Geldnot der Berliner C o m m e r-
ç a n t s 2*) und entwickelt folgende tiefblickende Hypothese:
"... als vielleicht noch in diesem Jahre die Provinzialstände als
Reichsstände zusammenberufen werden. D e n n die Geldnot ist
noch immer dieselbe, die Bank scheint ihr nicht abhelfen zu kön-
nen. J a, es könnten s o g a r die begonnenen und projektier-
ten Eisenbahnbauten ernstlich durch den Geldmangel gefährdet wer-
den, in w e l c h e m F a l l e d a n n der Staat
l e i c h t" (o sancta simplicitas! 3*)) "zur Übernahme einzel-
ner Linien veranlaßt sein könnte" (äußerst scharfsinnig), "was
wieder ohne Anleihe nicht möglich ist."
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1*) ohne weiteres - 2*) Kaufleule - 3*) o heilige Einfalt!
#254# Friedrich Engels
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Letzteres ist sehr wahr. In dem biedern Westfalen glaubt man
wirklich noch unter einer väterlichen Regierung zu stehen. Selbst
unser extremer Sozialist im mode composé traut der preußischen
Regierung die Naivität zu, eine Konstitution zu geben, bloß um
durch eine auswärtige Anleihe der Berliner Börsenklemme abzuhel-
fen - glücklicher Köhlerglaube!
Die feine Nase unsres westfälischen Zugstiers zeigt sich aber am
feinsten in seinen Glossen über auswärtige Politik. Vor einigen
Monaten roch der mode composé des wahren Sozialismus folgende
neue Pariser und Londoner Mysterien, die wir zur Erheiterung des
Lesers mitteilen wollen:
Septemberheft:
Frankreich. - "Das Ministerium ist siegreich aus dem Wahlkampfe
hervorgegangen, wie das nicht anders zu erwarten war" (wo hat
wohl je ein Westfale etwas "anders" erwartet, als "zu erwarten
war"?). "Mag es immerhin alle Hebel der Korruption in Bewegung
gesetzt, mag es das Henrische Attentat... genug, die a l t e
Opposition (Thiers, Barrot) hat eine bedeutende Niederlage erlit-
ten. A b e r auch Herr Guizot wird nicht mehr auf eine so kom-
pakte, konservative und ministeriell quand même 1*) votierende
Partei zählen können; d e n n auch die konservative Partei ist
in zwei Abteilungen zerfallen, in die conservateurs bornés 2*)
mit den Journalen 'Debats' und 'Epoque' und in die conservateurs
progressifs 3*), deren Organ die 'Presse' ist." (Der Stier
vergißt nur, daß Herr Guizot höchstselbst in seiner Rede vor
seinen Wählern zu Lisieux [144] z u e r s t die Redensart vom
progressiven Konservatismus ausbeutete.) "Ü b e r h a u p t"
(hier fängt die oben schon beim Widder bemerkte sonderbare
Zusammenhanglosigkeit wieder an, "wie das nicht anders zu
erwarten war") "werden wohl die abstrakt-politischen Parteifra-
gen, die sich nur darum drehten, ob Thiers Minister sein sollte
oder Guizot" (das nennt man in Westfalen "abstrakt-politische
Parteifragen", und dort glaubt man noch, es habe sich bisher in
Frankreich "n u r d a r u m gedreht"!), "etwas in den Hinter-
grund gedrängt werden. Die Nationalökonomen Blanqui ... sind in
die Kammer gewählt, und mit ihnen werden dort auch wohl" (zur
Aufklärung der Westfalen) "nationalökonomische Fragen aufs Tapet
kommen" (was man in Westfalen wohl für eine Vorstellung von den
"Fragen" haben mag, die bisher "dort auf dem Tapet" waren!). -
Pag. 426, 427.
Frage: Warum besteht die englische Aristokratie auf den Peit-
schenhieben für die Soldaten? Antwort:
"Will man die Prügel abschaffen, so muß man ein andres Rekrutie-
rungssystem anordnen, und h a t m a n b e s s e r e S o l-
d a t e n, s o b r a u c h t m a n a u c h b e s s e r e
O f f i z i e r e (!!), die ihre Stelle dem Verdienste verdanken
und nicht dem Kaufe oder der Gunst. D e s h a l b ist die Ari-
stokratie gegen 'die Abschaffung der Peitschenhiebe', weil sie
dadurch ein neues Bollwerk, die Versorgung ihrer jüngeren Söhne',
verliert. Die Mittelklasse verfolgt aber ihren Vorteil Schritt
vor Schritt und wird auch hier noch den Sieg erringen."
1*) - trotz allem - 2*) eingefleischten Konservativen - 3*) fort-
schrittlichen Konservativen
#255# Die wahren Sozialisten
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(Welche Mythen! Die Feldzüge der Engländer in Indien, Afghanistan
etc. beweisen, daß sie vorderhand keine "besseren Offiziere brau-
chen", und die englische Mittelklasse wünscht weder bessere Offi-
ziere noch bessere Soldaten, noch ein andres Rekrutierungssystem,
noch hegt ihr viel an der Abschaffung der Peitsche. Das
"Dampfboot" wittert aber seit einiger Zeit in England nichts an-
dres als Kampf der Mittelklasse und der Aristokratie.) Pag. 428.
Oktoberheft:
Frankreich. - "Herr Thiers hat sein langjähriges Organ, den 'Con-
stitutionnel' verloren; das Blatt ist von einem konservativen
Deputierten gekauft und wird nun langsam und unmerklich" (aller-
dings nur für den mode composé des wahren Sozialismus "merklich")
"ins konservative Lager hinübergeleitet. Herr Thiers, der schon
früher gedroht hat, wenn man es ihm gar zu arg machte, so würde
er seine alte Feder vom 'National' wieder ergreifen, soll jetzt
wirklich den 'National' gekauft haben."
(Leider war der - 'National' von 1830" ein ganz anderer, konsti-
tutioneller und orleanistischer "National" als der republikani-
sche "'National' von 1834", den Herr Thiers Anno 1846 "wirklich
gekauft haben soll". Es ist übrigens ein unverantwortlicher Bu-
benstreich an dem "Dampfboot" verübt worden. Irgendein gewissen-
loser Bösewicht und Feind der guten Sache hat dem Redakteur ei-
nige Blätter des "Corsaire-Satan" .[145] zugeschoben, und nun
druckt das "Dampfboot" die in diesem für westfälische Leser kei-
neswegs hinreichend moralischen Blatte figurierenden Tagesge-
rüchte bona fide 1*) als Orakel ab. Wie konnte das "Dampfboot"
auch bezweifeln, daß ein "Corsaire-Satan" nicht wenigstens eben-
soviel sittlichen Gehalt und Bewußtsein des erhabenen Berufs der
Presse habe, wie es selbst?)
"Ob Herr Thiers durch diesen Schritt zu den Republikanern überge-
treten ist, wird sich zeigen."
Ehrlicher Cherusker, dies "Ob" verdankst Du nicht dem "Corsaire";
cela sent la forêt teutobourgienne d'une lieue 2*)! - Dafür aber
läßt er sich vom "Corsaire", der für die Handelsfreiheit Partei
ergriffen hat, verleiten, der Agitation für den libre échange 3*)
in Frankreich einen Erfolg und eine Wichtigkeit zu geben, die sie
bei weitem nicht hat.
"Unsre Voraussagungen, daß alle industriellen Länder denselben
Gang gehen und zu demselben Ziele gelangen müssen wie England ...
scheinen also doch nicht so ganz unrichtig zu sein, da sie jetzt
verwirklicht werden. Und wir 'unpraktischen Theoretiker' scheinen
also doch die w i r k l i c h e n V e r h ä l t n i s s e"
(hurra!) "ebensogut zu kennen
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1*) in gutem Glauben - 2*) das riecht meilenweit nach Teutoburger
Wald - 3*) Freihandel
#256# Friedrich Engels
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und besser zu beurteilen als die 'praktischen Männer', die sich
so gerne mit ihrer Erfahrung, mit ihrer Kenntnis der praktischen
Zustände breitmachen."
Unglückliche teutoburgische "Theoretiker"! Nicht einmal die
"wirklichen Verhältnisse" des "Corsaire-Satan" "kennt" ihr!
(Diese schönen Sachen finden sich p. 479.)
Novemberheft:
Frankreich. - "Vergebens zerbrechen sich die Gelehrten die Köpfe
darüber, woher diese so häufig wiederkehrenden Überschwemmungen
rühren mögen. Früher wurden d u r c h e i n e n M a c h t-
s p r u c h d e r A k a d e m i e die rauschenden Wälder auf
den Bergen als U r s a c h e n d e s Ü b e l s niedergehauen,
nachher wurden sie wieder angepflanzt, und das Übel blieb das-
selbe." Pag. 522.
"Vergebens" würden "sich die Gelehrten die Köpfe darüber zerbre-
chen", wo hier der größte Unsinn steckt: I. glaubt der Westfale,
in Frankreich könne die Akademie Machtsprüche tun und Wälder nie-
derhauen lassen; 2. glaubt er, die Wälder seien niedergehauen
nicht um des Holzes und seines Geldertrags, sondern um der Über-
schwemmungen willen; 3. glaubt er, die Gelehrten zerbrächen sich
die Köpfe über die Ursachen dieser Überschwemmungen; 4. glaubt
er, die W ä l d e r seien jemals für eine Ursache derselben an-
gesehen worden, wo in Frankreich jedes Kind weiß, daß gerade die
A u s r o t t u n g d e r W ä l d e r diese Ursache ist, und
5. glaubt er, die Wälder seien wieder angepflanzt, während nir-
gend so sehr über Forstvernachlässigung und immer fortschrei-
tende, um Reproduktion unbekümmerte Entholzung der Forsten ge-
klagt wird als gerade in Frankreich (vgl. außer den Fachzeit-
schriften die "Réforme", "National", "Démocratie pacifique" und
andre Oppositionsblätter vom Oktober und November 1846). Der
westfälische Stier hat in jeder Beziehung Unglück. Folgt er dem
"Corsaire-Satan", so verwickelt er sich; folgt er seinem eignen
Genius, so verwickelt er sich ebenfalls.
Der wahre Sozialismus in seiner zweiten Potenz hat, wie wir se-
hen, auf dem Felde der höheren Politik Großes geleistet. Welcher
Scharfblick, welche Kombination gegenüber den früheren Berichten
über die "Weltbegebenheiten"! Welche gründliche Kenntnis der
"wirklichen Verhältnisse"! Das wichtigste "wirkliche Verhältnis"
ist aber für das "Dampfboot" die Stellung der königlich preußi-
schen Offiziere. Der seit einiger Zeit in der deutschen periodi-
schen Presse unvermeidliche Leutnant Anneke, die wichtige Diskus-
sion im Bielefelder Museum wegen des Degentragens, die daraus
entstehenden ehrengerichtlichen Prozesse usw. machen den Hauptin-
halt des Oktober- und Novemberheftes aus. Auch über die nicht zu-
stande gekommene
#257# Die wahren Sozialisten
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"Deutsche Zeitung", das im siebzehnten Jahrhundert zugrunde ge-
gangene und von Monteil geschilderte französische Bettlerkönig-
reich [146] und andere gleich "wirkliche" Verhältnisse erhalten
wir interessante Aufschlüsse. Dazwischen treibt sich von Zeit zu
Zeit ein Multiplikationskreuz [147] herum, das noch vollständig
den mode simple des wahren Sozialismus repräsentiert und mit der
größten Unbefangenheit alle seine Stichworte haufenweise von sich
gibt: deutsche Theorie und französische Praxis sollen sich verei-
nigen, der Kommunismus soll durchgesetzt werden, d a m i t der
Humanismus durchsetzbar sei (p. 455-58) usw. Von Zeit zu Zeit
entwischt dem Widder oder dem Stier selbst noch eine ähnliche Re-
miniszenz, ohne indes die göttliche Harmonie der "wirklichen Ver-
hältnisse'" im geringsten zu stören.
Verlassen wir jetzt das Gros der westfälischen Armee, um den Evo-
lutionen eines detachierten Korps zu folgen, das sich im gesegne-
ten Wuppertal unter dem Unterrock einer massiven Nemesis [148]
verschanzt hat. Seit längerer Zeit hat ein Herr Fr. Schnake in
der Rolle des P e r s e u s dem Publikum den Gorgonenschild
[149] des "G e s e l l s c h a f t s s p i e g e l s" vorgehal-
ten und zwar mit solchem Erfolge, daß nicht nur das Publikum über
dem "Gesellschaftsspiegel", sondern auch der "Gesellschafts-
spiegel" über dem Publikum eingeschlafen ist. Unser Perseus ist
aber ein Spaßvogel. Nachdem er dies beneidenswerte Resultat
erreicht, zeigt er (letztes Heft, letzte Seite) an: 1. daß der
"Gesellschaftsspiegel" entschlafen sei, 2. daß man, um Verzöge-
rungen zu vermeiden, ihn künftig am besten durch die P o s t
beziehe. Womit er, unter Verbesserung seiner letzten Druckfehler,
sein Exit nimmt.
Man sieht schon aus dieser Berücksichtigung der "wirklichen Ver-
hältnisse", daß wir es auch hier mit dem mode composé des wahren
Sozialismus zu tun haben. Es ist indes ein bedeutender Unter-
schied zwischen dem Widder und dem Stier und unsrem Perseus. Man
muß dem Widder und dem Stier das Zeugnis geben, daß sie den
"wirklichen Verhältnissen", nämlich denen Westfalens und über-
haupt Deutschlands, möglichst treu bleiben. Beweis die obige Jam-
merszene des Widders, Beweis die gemütlichen Schilderungen des
Stiers - die oben übergangen werden mußten - aus dem deutschen
politischen Leben. Sie haben aus dem mode simple besonders die
einfache, ungeschminkte Kleinbürgerlichkeit, die deutsche Reali-
tät auf ihren neuen Standpunkt mitgenommen; die Geltendmachung
des Menschen, der deutschen Theorie usw. bleibt allerhand Multi-
plikationskreuzen und sonstigen untergeordneten Sternen über-
lassen. Beim "Gesellschaftsspiegel" ist es gerade umgekehrt. Hier
entäußert sich der Heerführer Perseus möglichst der kleinbür-
gerlichen Realität, die er seinem Gefolge auszubeuten überläßt
und schwingt sich, der Mythe getreu, hoch in die Lüfte der
deutschen Theorie. Er kann um so eher
#258# Friedrich Engels
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den "wirklichen Verhältnissen" einige Geringschätzung beweisen,
als er auf einem viel bestimmteren Standpunkt steht. Repräsentie-
ren die unmittelbar westfälischen Gestirne den mode composé, so
ist Perseus tout ce qu'il y a de plus composé en Allemagne 1*).
In seinem kühnsten ideologischen Fluge steht er dennoch stets auf
der "materiellen Basis", und dies sichere Untergestell gibt ihm
eine Keckheit im Kampf, an die die Herren Gutzkow, Steinmann,
Opitz und andere bedeutende Charaktere noch nach Jahren gedenken
werden. Die "materielle Basis" unseres Perseus besteht aber
hauptsächlich in Folgendem [150]:
1. "Nur mit der Aufhebung der m a t e r i e l l e n B a s i s
unsrer Gesellschaft, des Privaterwerbs, wird auch der Mensch ein
Andrer." (Heft X, p. 53.)
Hätte der mode simple, der diesen uralten Gedanken so oft aus-
sprach, nur gewußt, daß der Privaterwerb die materielle Basis un-
srer Gesellschaft sei, so wäre er der mode composé gewesen und
hätte unter den Auspizien unsres Perseus fortfahren können, ein
ruhiges-und demütiges Leben zu führen in aller Gottseligkeit und
Ehrbarkeit. So aber hatte er selbst keine materielle Basis, und
es erfüllte sich an ihm wie geschrieben steht im Propheten Goe-
the:
Und wenn er keinen H i n t e r n hat,
Wie soll der Edle sitzen? [151]
Wie "materiell" diese Basis, der Privaterwerb, ist, geht unter
ändern aus folgenden Stellen hervor:
"Der Egoismus, der Privaterwerb" (die also identisch sind, und
wonach der "Egoismus" auch eine "m a t e r i e l l e B a s i s"
ist) "zerrüttet die Welt mit dem Grundsatz: Jeder für sich" usw.
(p. 53.)
Also eine "m a t e r i e l l e Basis", die nicht mit "materiel-
len" Tatsachen, sondern mit ideellen "Grundsätzen" "zerrüttet". -
Das Elend ist bekanntlich (wem es noch nicht bekannt sein sollte,
dem setzt es Perseus am angeführten Ort selbst auseinander) auch
eine Seite "unsrer Gesellschaft". Aber, erfahren wir, nicht die
"materielle Basis, der Privaterwerb", sondern au contraire 2*)
"die Transzendenz hat die Menschheit ins Elend gestürzt" (p. 54
... alle drei Stellen sind aus einem Aufsatz).
Möge "die Transzendenz" den unglücklichen Perseus schleunigst
"aus dem Elende befreien, in welches" die "materielle Basis" ihn
"gestürzt hat".
2. "Die wirkliche Masse bringt auch nicht eine Idee, sondern das
'wohlverstandene Interesse' in Bewegung ... In der sozialen Revo-
lution ... wird dem Egoismus der konservativen
-----
1*) alles das, was es in Deutschland an noch Zusammengesetzterem
gibt - 2*) im Gegenteil
#259# Die wahren Sozialisten
-----
Partei der e d l e r e Egoismus des erlösungsbedürftigen Volks"
(ein "erlösungsbedürftiges" Volk, das eine Revolution macht!)
"gegenübertreten ... es kämpft eben für sein 'wohlverstandenes
Interesse' gegen das ausschließliche, brutale Interesse der Pri-
vaten, gestützt und getragen durch eine s i t t l i c h e Kraft
und rastlosen Eifer (Heft XII, p. 86). [152]
Das "wohlverstandene Interesse" unsres "erlösungsbedürftigen"
Perseus, ohne Zweifel "gestützt und getragen durch eine sittliche
Kraft und rastlosen Eifer", besteht darin, "dem Egoismus der kon-
servativen Partei, den edleren Egoismus" des Schweigens "gegen-
übertreten" zu lassen; denn er "bringt auch nicht e i n e Idee
in Bewegung", ohne zugleich den mode composé des wahren So-
zialismus zu kompromittieren.
3. "Die Armut ist eine Folge des Eigentums, welches Privateigen-
tum und seiner Natur nach ausschließend ist!!" (XII, 79.) [153]
4. "W e l c h e Assoziationen hier g e m e i n t s i n d,
l ä ß t s i c h n i c h t b e s t i m m e n; m e i n t der
Verfasser a b e r die egoistischen Assoziationen der Kapitali-
sten, so hat er die wichtigen Assoziationen der Handwerker gegen
die Willkür der Arbeitgeber vergessen"!! (XII, 80).
Perseus ist glücklicher. Welchen Unsinn er hat machen wollen,
"läßt sich nicht bestimmen, meinte" er aber den bloß stilisti-
schen, so hat er den ebenso "wichtigen" logischen keineswegs
"vergessen". Bei Gelegenheit der Assoziation erwähnen wir noch,
daß wir p. 84 Aufschluß erhalten über "die Assoziationen im
e i g e n t l i c h e n S i n n e, welche das Bewußtsein des
Proletariers heben und die energische (!) proletarische (!!) ge-
samte (!!!) Opposition gegen die bestehenden Zustände ausbilden".
Wir sprachen schon oben bei Gelegenheit des Herrn Grün von der
Gewohnheit der wahren Sozialisten, unverstandene Entwicklungen
durch Auswendiglernen einzelner Sätze und Stichwörter sich anzu-
eignen. 1*) Der mode composé unterscheidet sich vom mode simple
nur durch die Masse solcher, ihm auf Schleichwegen zugeführten
und deshalb um s o eiliger verschluckten, unverdauten Bissen
und durch das ihm dadurch verursachte entsetzliche Leibschneiden.
Wir sahen, wie den Westfalen bei jedem Wort "die wirklichen Ver-
hältnisse", "nationalökonomischen Fragen" usw., aufstießen, wie
der unerschrockene Perseus an der "materiellen Basis", dem
"wohlverstandenen Interesse", der "proletarischen Opposition" la-
boriert. Dieser letztere Spiegelritter führt außerdem noch "den
Feudalismus des Geldes" zu beliebigem Gebrauch bei sich, den er
aber besser seinem Urheber Fourier belassen hätte. Er denkt sich
so wenig bei diesem Stichworte, daß er XII,
-----
1*) Siehe vorl. Band, S. 228/229
#260# Friedrich Engels
-----
p. 79 behauptet, dieser Feudalismus "schaffe statt der Feudalari-
stokratie eine Besitzaristokratie", wonach also 1. der
"Feudalismus des Geldes", d.h. die "Besitzaristokratie", s i c h
s e l b s t "schafft" und 2. die "Feudalaristokratie" keine
"Besitzaristokratie" gewesen ist. Nachher meint er, p. 79, der
"Feudalismus des G e l d e s" (d.h. der Bankiers, der die
k l e i n e r e n K a p i t a l i s t e n und I n d u-
s t r i e l l e n zu Vasallen hat, wenn man im Bilde bleiben
will) und der "der Industrie" (der die P r o l e t a r i e r zu
Vasallen hat) seien "nur e i n e r".
An die "materielle Basis" knüpft sich noch ungezwungen folgender
fromme Wunsch des Spiegelritters, der an die freudige Hoffnung
der Westfalen erinnert, die französische Deputiertenkammer werde
zu ihrer, der Teutoburger Belehrung, ein nationalökonomisches
Kollegium lesen:
"Nur müssen wir bemerken, daß wir in den uns zugesandten Nummern
des (New-Yorker) 'Volks-Tribuns' bis jetzt noch fast gar nichts
... über den H a n d e l und die I n d u s t r i e Amerikas
erfahren ... Mangel an b e l e h r e n d e r Mitteilung über
die industriellen und nationalökonomischen Verhältnisse Amerikas,
von denen d o c h" (ei?) "immer die soziale Reform ausgeht"
usw. (X, p. 56.)
Der "Volks-Tribun", ein Blatt, das in Amerika direkt populäre
Propaganda machen will, wird also nicht deshalb getadelt, weil er
seine Sache verkehrt anfängt, sondern weil er es unterläßt, dem
"Gesellschaftsspiegel" "belehrende Mitteilungen" zu machen über
Dinge, mit denen er in der hier geforderten Weise allerdings
nicht das geringste zu tun hat. Seitdem Perseus die "materielle
Basis" erwischt hat, von der er nicht weiß, was er an ihr hat,
verlangt er von jedem, daß er ihm Aufschluß darüber geben soll.
Außerdem erzählt uns Perseus noch, daß die Konkurrenz die kleine
Mittelklasse ruiniert, daß "der Luxus in der Kleidertracht ...
durch die s c h w e r e n Stoffe ... sehr lästig ist" (XII, p.
83 - Perseus glaubt wahrscheinlich, ein Atlaskleid wiege ebenso
schwer wie ein Panzerhemd) und dergleichen mehr.
Und damit dem Leser ja kein Zweifel bleibe, was die "materielle
Basis" der Vorstellungen unseres Perseus sei, heißt es X, p. 53:
"Herr Gutzkow würde wohl tun, sich erst einmal mit der
d e u t s c h e n Wissenschaft der Gesellschaft bekannt zu ma-
chen, damit ihm die Erinnerungen an den v e r p ö n t e n
f r a n z ö s i s c h e n Kommunismus, Babeuf, Cabet ... nicht
in den Weg laufen",
und p. 52:
"der d e u t s c h e Kommunismus will eine Gesellschaft zur
Darstellung bringen, in welcher A r b e i t und G e n u ß
i d e n t i s c h und nicht mehr durch den ä u ß e r e n
L o h n voneinander getrennt sind".
#261# Die wahren Sozialisten
-----
Wir haben oben gesehn, worin sowohl die "deutsche Wissenschaft
der Gesellschaft", wie die zur "Darstellung" zu bringende Gesell-
schaft selbst besteht, und haben uns dabei nicht gerade in der
besten Gesellschaft befunden.
Was die Genossen des Spiegelritters betrifft, so "bringen" sie
eine äußerst langweilige "Gesellschaft" zur "Darstellung". Eine
Zeitlang hatten sie sich vorgenommen, die Vorsehung des deutschen
Bürgers und Landmanns zu spielen. Ohne Wissen und Willen des
"Gesellschaftsspiegels" fiel kein Dachdecker vom Dach und kein
kleines Kind ins Wasser. Zum Glück für die Dorfzeitung, der diese
Konkurrenz anfing, gefährlich zu werden, gab die Spiegelbruder-
schaft diese ermüdende Tätigkeit bald auf: einer nach dem anderen
schlief vor Ermattung ein. Vergebens wurden alle Mittel aufgebo-
ten, um sie aufzurütteln, um dem Journal neues Lebensblut zuzu-
führen; der versteinernde Einfluß des Gorgonenschildes [149] äu-
ßerte sich auch auf die Mitarbeiter; am Ende stand unser Perseus
mit seinem Schild und seiner "materiellen Basis" einsam da,
"unter Leichen die einzige fühlende Brust" [154], die unmögliche
Taille der massiven Nemesis brach in Trümmer zusammen, und - der
"Gesellschaftsspiegel" hatte aufgehört zu existieren.
Friede seiner Asche! Machen wir inzwischen eine Schwenkung und
suchen wir an einer benachbarten Stelle der nördlichen Halbkugel
ein andres, helleres Gestirn auf. Mit leuchtendem Schweife
strahlt uns Ursa Major, der g r o ß e B ä r oder Bärenmajor
Püttmann entgegen, auch das Siebengestirn genannt, weil er immer
selbsiebent auftritt, um die benötigten zwanzig Bogen [155] zu-
stande zu bringen. Ein wackrer Kriegsheld! Er hat sich, seiner
alten vierfüßigen Stellung auf der Himmelskarte überdrüssig, end-
lich auf die Hinterbeine gestellt, er hat sich gerüstet, wie ge-
schrieben steht: So ziehet nun an die Uniform des Charakters und
die Schärpe der Gesinnung; heftet auf Eure Achseln die Epauletten
des Bombastes, und setzet auf den Dreimaster der Begeisterung und
schmückt Eure Mannesbrust mit dem Ordenskreuz der Aufopferung
dritter Klasse: seid umgürtet mit dem Krötenspieß des Tyrannen-
hasses und an Beinen gestiefelt, zu treiben die Propaganda mit
möglichst wenigen Produktionskosten. Also ausstaffiert tritt un-
ser Major vor die Front seines Bataillons, zieht seinen Degen,
kommandiert: Stillgestanden! und hält folgende Rede:
Soldaten! Von der Höhe jenes Verlegerfensters blicken vierzig
Louisd'ore auf Euch! Schaut um Euch, heldenmütige Verteidiger der
"gesellschaftlichen Totalreform", seht Ihr die Sonne? Das ist die
Sonne von Austerlitz, die uns Sieg verkündet, Soldaten!
#262# Friedrich Engels
-----
"Den Mut, die Unerschrockenheit, standzuhalten bis ans Ende, gibt
uns das Bewußtsein, n u r für die A r m e n und V e r-
w o r f e n e n, für die V e r r a t e n e n und die V e r-
z w e i f e l n d e n zu kämpfen. Es ist nichts H a l b e s,
was wir verteidigen, es ist nichts U n k l a r e s" (sondern
vielmehr etwas total Konfuses), "was wir wollen; und darum sind
wir entschieden und bleiben trotz allem dem V o l k e, dem
u n t e r d r ü c k t e n V o l k e für immer treu!" ("Rheini-
sche Jahrbücher", II. Band, Vorrede.)
Gewehr auf! - Achtung - präsentiert's Gewehr! Es lebe die neue
Gesellschaftsordnung, welche wir nach Babeuf verbessert in 14 Ka-
pitel und 63 Kriegsartikel gebracht haben!
"Es ist freilich zuletzt eins, ob es so kommen wird, als wir an-
gaben, aber es wird anders kommen, als der Feind glaubt, anders
als es bisher gewesen! Alle niederträchtigen Institutionen, die
mit hundsföttischer Arbeit im Laufe der Jahrhunderte zum Rum der
Völker und Menschen erzeugt wurden, werden untergehen!"
("Rheinische Jahrbücher", II, p. 240.)
Kreuzhimmelsackerment! Achtung - Gewehr in Arm! Links um! Gewehr
ab! Rühren! Oben gehn! - Aber der Bär ist von Natur ein echt ger-
manisches Tier. Nachdem er mit dieser Rede ein allgemeines stür-
mendes Hurra erweckt und so eine der kühnsten Taten unsres Jahr-
hunderts verrichtet, setzt er sich zu Hause hin und läßt seinem
weichen, liebevollen Herzen freien Lauf in einer langen, schmel-
zenden Elegie über "Heuchelei" ("Rheinische Jahrbücher", II, p.
129-149). Es gibt in unsrer innerlich verfaulten, an Leib und
Seele vom Wurm der Selbstsucht zerfressenen Zeit leider! Indivi-
duen, die kein warmes, pochendes Herz im Busen tragen, denen nie
eine Träne des Mitgefühls im Auge geblinkt, nie ein schallender
Blitz leuchtender Menschheitsbegeisterung durch den öden Schädel
gezuckt hat: Leser, findest Du einen solchen, o so laß ihn die
"Heuchelei" des großen Bären lesen, und er wird weinen, weinen,
weinen! Hier wird er sehen, wie elend, armselig und nackend er
ist, denn sei er Theolog, Jurist, Mediziner, Staatsmann, Kauf-
mann, Besenbinder oder Logenschließer, hier findet er für jeden
Stand seine aparte Heuchelei apart aufgedeckt. Hier wird er se-
hen, wie die Heuchelei sich überall eingenistet und wie nament-
lich "eine schwere Verdammnis die der Juristen" ist. Wenn ihn
dies nicht zur Buße und Bekehrung bringt, so verdient er nicht,
im Jahrhundert des großen Bären geboren zu sein. In der Tat, man
mußte ein ehrlicher, ein, wie die Engländer sagen,
"unsophistizierter" B ä r sein, um die Heuchelei der bösen Welt
so auf jedem Tritt und Schritt herauszuwittern. Wohin er sich
dreht und wendet, überall stößt der große Bär auf Heuchelei. Es
geht ihm wie seinem Vorgänger in "Lilis Park" [156]:
#263# Die wahren Sozialisten
-----
Denn ha! steh' ich so an der Ecke
Und hör' von weitem das Geschnatter,
Seh' das Geflitter, das Geflatter,
Kehr' ich mich um
Und brumm',
Und renne rückwärts eine Strecke,
Und seh' mich um
Und brumm',
Und laufe wieder eine Strecke
Und kehr doch endlich wieder um.
Natürlich, denn wie wäre der Heuchelei in unsrer grundverderbten
Gesellschaft zu entrinnen! Aber es ist traurig!
"Jedermann darf ja medisant, süffisant, perfid, maliziös 1*) und
alles Andre sein, weil die s c h i c k l i c h e Form aufgefun-
den ist" (p. 145).
Es ist wirklich zum Verzweifeln, namentlich, wenn man Ursa Major
ist!
Und "leider! auch die F a m i l i e ist besudelt von der Lüge
... und der Lügenfaden zieht sich mitten durch die Familie und
vererbt sich von Glied zu Glied".
Wehe, dreimal wehe über die Hausväter des deutschen Vaterlandes!
Dann fängt's auf einmal an zu rasen,
Ein mächt'ger Geist schnaubt aus der Nasen,
Es wildzt 2*) die inner Natur -
und Ursa Major stellt sich wieder auf die Hinterbeine:
"Fluch der Selbstsucht! Wie grausig schwebst du über den Häuptern
der Menschen! Mit deinen schwarzen Fittichen ... mit deinem
schrillen Gekrächz... Fluch der Selbstsucht! ... Millionen und
aber Millionen arme Sklaven ... weinend und schluchzend, klagend
und jammernd ... Fluch der Selbstsucht!... Fluch der Selbst-
sucht!... Rotte der Baalspriester ... Pesthauch ... Fluch der
Selbstsucht!... Ungeheuer der Selbstsucht..."(p. 146-148.)
Ich sträube meinen borst'gen Nacken,
Zu dienen ungewöhnt.
Ein jedes aufgestutztes Bäumchen höhnt
Mich an! Ich flieh' vom Bowlinggreen 3*),
Vom niedlich glattgemähten Grase;
Der Buchsbaum zieht mir eine Nase,
..................................
Ich arbeite mich ab, und bin ich matt genug,
Dann lieg' ich an gekünstelten Kaskaden,
Und kau' und wein' und wälze mich halbtot,
Und ach! es hören meine Not
Nur porzellanene Oreaden!
-----
1*) schmähsüchtig, selbstgefällig, hinterlistig, boshaft -
2*) offenbart sich in ihrer angebornen Wildheit, Tierheit -
3*) Rasenplatz
#264# Friedrich Engels
-----
Die größte "Heuchelei" in der ganzen Jeremiade liegt aber darin,
ein solches von platten Literatenphrasen und Romanreminiszenzen
zusammengestoppeltes Miserere für eine Schilderung der
"Heuchelei" in der heutigen Gesellschaft auszugeben und zu tun,
als ob man über diesen Popanz im Interesse der leidenden Mensch-
heit gewaltig in Eifer geriete.
Wer auf der Himmelskarte einigermaßen bewandert ist, weiß, daß
Ursa Major sich dort in einer intimen Unterhaltung mit einem In-
dividuum von langweiligem Äußern befindet, welches mehrere Wind-
hunde an einem Strick führt und B o o t e s [157] genannt wird.
Diese Unterhaltung reproduziert sich am Sternhimmel des wahren
Sozialismus auf pag. 241-256 der "Rheinischen Jahrbücher", II.
Band. Die Rolle des Bootes übernimmt derselbe Herr Semmig, dessen
Aufsatz über "Socialismus, Communismus, Humanismus" schon oben
besprochen wurde. 1*) Wir befinden uns bei ihm in der
s ä c h s i s c h e n G r u p p e, deren vornehmstes Gestirn er
ist, deshalb er auch ein Bändchen über "Sächsische Zustände" ge-
schrieben hat. Über dies Bändchen erläßt Ursa Major an der ange-
führten Stelle ein wohlgefälliges Gebrumm und rezitiert "mit ur-
kräftigem Behagen" [158] ganze Seiten daraus. Diese Zitate rei-
chen hin, das ganze Büchlein zu charakterisieren, und sind um so
willkommener, als die Schriften von Bootes sonst im Auslande
nicht zu haben sind.
Obwohl Bootes sich in den "Sächsischen Zuständen" aus der Höhe
seiner Spekulation auf die "wirklichen Verhältnisse" herabgelas-
sen hat, so gehört er doch mit seiner ganzen sächsischen Gruppe,
wie auch schon Ursa Major, mit Leib und Seele dem mode simple des
wahren Sozialismus an. Der mode composé ist überhaupt mit den
Westfalen und der Spiegelbruderschaft, speziell mit Widder, Stier
und Perseus erschöpft. Die sächsische und alle folgenden Gruppen
bieten uns daher nur weitere Entwicklungen des schon oben charak-
terisierten e i n f a c h e n wahren Sozialismus.
Bootes, als Bürger und Beschreiber des deutsch-konstitutionellen
Musterstaats, läßt vor allem eines seiner Windspiele gegen die
L i b e r a l e n los. Auf diese sprudelnde Philippika brauchen
wir um so weniger einzugehen als sie, wie alle ähnlichen Tiraden
der wahren Sozialisten, nichts weiter ist als eine platte
V e r d e u t s c h u n g der Kritik desselben Gegenstandes
durch die französischen Sozialisten. Es geht Bootes gerade wie
den Kapitalisten; er besitzt, um seine eignen Worte zu gebrau-
chen, "die von den Arbeitern" Frankreichs und ihren literarischen
Repräsentanten "erzeugten Produkte infolge b l i n d e r E r b-
s c h a f t fremder Kapitalien" ("Rheinische Jahrbücher", II, p.
256). Er hat sie nicht einmal verdeutscht, denn dies war schon
vor ihm durch andre (vgl.
-----
1*) Siehe Band 3 unserer Ausgabe, S. 445
#265# Die wahren Sozialisten
-----
"Deutsches Bürgerbuch" [159], "Rheinische Jahrbücher", I, usw.)
geschehen. Er hat diese "blinde Erbschaft" nur durch einige nicht
bloß deutsche, sondern speziell s ä c h s i s c h e "Blind-
heiten" vergrößert. So meint er ibidem p. 243, die Liberalen
sprächen "für öffentliches Gerichtsverfahren, um im Gerichtssaal
ihre rhetorischen Exerzitien zu deklamieren"! Bootes sieht also,
trotz seines Eifers gegen die Bourgeoisie, Kapitalisten usw., in
den Liberalen nicht sowohl diese, als ihre besoldeten Bedienten,
die A d v o k a t e n.
Das Resultat der scharfsinnigen Untersuchungen unsres Bootes über
den Liberalismus ist bemerkenswert. Noch nie hat der wahre Sozia-
lismus seine politisch-reaktionäre Tendenz so entschieden ausge-
sprochen:
"Ihr ... Proletarier aber ... die ihr euch ehedem von dieser li-
beralen Bourgeoisie in Bewegung setzen und zu Tumulten verleiten
ließet (denkt an 1830), seid vorsichtig! Unterstützt sie nicht in
ihren Bestrebungen und Kämpfen ... laßt sie allein ausfechten,
was sie ... nur in ihrem Interesse beginnen; vor allem aber nehmt
z u k e i n e r Z e i t a n p o l i t i s c h e n R e v o-
l u t i o n e n t e i l, die stets nur von einer unzufriedenen
Minderzahl ausgehen, welche selbst herrschsüchtig die herrschende
Gewalt stürzen und sich die Regierung anmaßen möchte!" (p. 245,
246.)
Bootes hat auf den Dank der königlich-sächsischen Regierung die
gegründetsten Ansprüche - eine Rautenkrone [160] ist das minde-
ste, womit sie ihn lohnen kann. Wäre daran zu denken, daß das
deutsche Proletariat seinem Rate folgte, so wäre die Existenz des
feudalistisch-kleinbürgerhch-bäuerlich-bürokratischen Muster-
staats Sachsen auf lange Zeiten gesichert. Bootes träumt, was für
Frankreich und England, wo die Bourgeoisie h e r r s c h t, gut
sei, müsse auch für Sachsen gut sein, wo sie noch lange nicht
herrscht. Wie wenig übrigens selbst in England und Frankreich das
Proletariat gegen Fragen gleichgültig bleiben kann, die zunächst
allerdings nur ein Interesse der Bourgeoisie oder einer Fraktion
derselben sind, kann Bootes täglich in den dortigen Proletarier-
journalen lesen. Dergleichen Fragen sind u.a. in England die Auf-
hebung der Staatskirche, das sogenannte equitable adjustment 1*)
der Nationalschuld, die direkte Besteuerung, in Frankreich die
Ausdehnung des Wahlrechts auf die kleine Bourgeoisie, Aufhebung
der städtischen Oktrois usw.
Schließlich ist dann alle sächsische "gerühmte Freisinnigkeit ei-
tel Wind und Schaum ... Wortfechterei", nicht weil nichts damit
durchgesetzt wird und die Bourgeoisie keinen Schritt weiterkommt,
sondern weil "ihr", die Liberalen, "doch damit nicht vermögt, die
kranke Gesellschaft von Grund aus zu heilen", p. 249. Was sie um
so weniger vermögen, als sie die Gesellschaft gar nicht einmal
für krank halten.
-----
1*) gerechter Ausgleich
#266# Friedrich Engels
-----
Genug hierüber. Auf pag. 248 läßt Bootes ein zweites ökonomisches
Windspiel los.
Zu Leipzig ... "sind ganze Stadtteile n e u entstanden" (Bootes
kennt Stadtteile, die n i c h t "n e u", sondern gleich von
vornherein a l t "entstehen"). "Dabei hat sich aber in den
L o g i s ein drückendes Mißverhältnis herausgestellt, indem es
an Wohnungen zu einem (!) mittleren Preise fehlt. Jeder Neubauer
richtet des hohen Zinses" (! soll heißen des h ö h e r e n
M i e t z i n s e s) "wegen sein Haus nur für große Haushaltun-
gen ein; schon aus Mangel an anderweitigen Wohnungen ist manche
Familie gezwungen, ein größeres Logis zu mieten, als sie braucht
und bezahlen kann. So häufen sich Schulden, Pfändungen, Wech-
selarrest u. dgl.!" (Dies "!" verdient ein zweites (!).)
"K u r z, d e r M i t t e l s t a n d s o l l f ö r m l i c h
v e r d r ä n g t w e r d e n."
Man bewundre die primitive Einfalt dieses ökonomischen Windspie-
les! Bootes sieht, daß die kleine Bourgeoisie der gebildeten
Stadt Leipzig auf eine für uns höchst erheiternde Weise ruiniert
wird. "In unsern Tagen, wo alle Unterschiede sich in der Gattung
verwischen" (p. 251), müßte ihm dies Phänomen ebenfalls erfreu-
lich sein; aber es betrübt ihn vielmehr und veranlaßt ihn, die
Ursachen davon aufzusuchen. Er findet diese Ursachen - in der Ma-
lice der Bauspekulanten, die es darauf anlegen, jeden Gevatter
Schneider und Handschuhmacher gegen Bezahlung einer übertriebnen
Miete in einen Palast einzuquartieren. Die Leipziger "Neubauer"
sind, wie uns Bootes in möglichst unbeholfenem und verworrenem
Sächsisch - Deutsch ist es nicht - auseinandersetzt, über alle
Gesetze der Konkurrenz erhaben. Sie bauen teurere Wohnungen, als
ihre Abnehmer nötig haben, sie richten sich nicht nach dem Stand
des Marktes, sondern nach dem "hohen Zins"; und während überall
anderswo die Folge davon sein würde, daß sie ihre Wohnungen unter
dem Preise vermieten müßten, gelingt es ihnen in Leipzig, den
Markt ihrem eignen bon plaisir 1*) zu unterwerfen und die Mieter
zu zwingen, sich selbst durch hohe Miete zu ruinieren! Bootes hat
eine Mücke für einen Elefanten, ein momentanes Mißverhältnis zwi-
schen Nachfrage und Angebot im Häusermarkt für einen permanenten
Zustand, ja für die Ursache des Ruins der kleinen Bourgeoisie an-
gesehen. Doch dergleichen Bonhomien 2*) sind dem sächsischen So-
zialismus zu verzeihen, solange er noch "ein Werk vollbringt, das
d e s Menschen würdig ist und über das 'ihn' d i e Menschen
segnen werden" (p. 242).
Wir wissen schon, daß der wahre Sozialismus ein großer Hypochon-
der ist. Man durfte sich indes der Hoffnung hingeben, daß Bootes,
der im ersten Band der "Rheinischen Jahrbücher" eine so liebens-
würdige Keckheit des
-----
1*) Gutdünken, Willkür - 2*) Einfältigkeiten
#267# Die wahren Sozialisten
-----
Urteils bewiesen, von dieser Krankheit frei sein würde. Keines-
wegs. Bootes läßt p. 252, 253 folgendes wimmernde Windspiel los
und versetzt damit Ursam Majorem in Ekstase:
"Das Dresdner Vogelschießen ... ein Volksfest, und kaum betritt
man die Wiese, so jammern uns die Leierkasten der Blinden entge-
gen, die die Konstitution nicht satt macht ... so widern uns
schon die Marktschreiereien der 'Künstler' an, die durch die Ver-
renkungen ihrer Glieder die Gesellschaft ergötzen, deren Ordnung
selbst fratzenhaft und widerlich verrenkt ist."
(Wenn sich ein Seiltänzer auf den Kopf stellt, so bezeichnet das
für Bootes die heutige verkehrte Welt; der mystische Sinn des
Radschlagens ist der Bankerott; das Geheimnis des Eiertanzes ist
die Karriere des wahrhaft sozialistischen Schriftstellers, der
trotz aller "Verrenkungen" zuweilen ausgleitet und sich die ganze
"materielle Basis" mit Eigelb besudelt; ein Leierkasten bedeutet
eine Konstitution, die nicht satt macht, eine Maultrommel die
Preßfreiheit, die nicht satt macht, eine Trödelbude den wahren
Sozialismus, der ebenfalls nicht satt macht. In diese Symbolik
vertieft, wandelt Bootes seufzend durchs Gedränge und bringt es
so zu dem stolzen Gefühl, wie oben schon Perseus, "unter Larven
die einzige fühlende Brust" zu sein.)
"Und dort in den Zelten, da treiben die Bordellwirte ... ihr
schamloses Handwerk" (folgt eine lange Tirade über) ...
"Prostitution, pestatmendes Scheusal, du bist die letzte Frucht
unsrer heutigen Gesellschaft" (nicht immer die l e t z t e, es
kommt vielleicht nachträglich noch ein uneheliches Kind) ... "Ich
könnte Geschichten erzählen, wie ein Mädchen dem fremden Manne zu
Füßen" ... (folgt die Geschichte) ... "ich könnte Geschichten er-
zählen, aber nein, ich will es nicht" (er hat sie nämlich eben
schon erzählt) ... "Nein, nicht s i e klagt an, die armen Opfer
der Not und Verführung, aber sie zieht vor den Richterstuhl: die
frechen Kuppler ... nein, nein, auch sie nicht! Was tun sie an-
ders, als was andre tun, sie treiben Handel, wo alles Handel
treibt" usw.
Damit hat der wahre Sozialist alle Schuld von allen Individuen
abgewälzt und sie der unantastbaren "Gesellschaft" zugeschoben.
Cosi fan tutti [161] - es handelt sich schließlich nur darum, mit
aller Welt gut Freund zu bleiben. Die charakteristischste Seite
der Prostitution, daß sie nämlich die handgreiflichste, direkt
auf den Leib gehende Exploitation des Proletariats durch die
Bourgeoisie ist, die Seite, wo der "tatenzeugende Schmerz des
Herzens" von p. 253 mit seinen breiten moralischen Bettelsuppen
bankerott macht und wo die Leidenschaft, der rachdurstende Klas-
senhaß anfängt, diese Seite kennt der wahre Sozialismus nicht. Er
bejammert vielmehr in den Prostituierten die verlorengegangenen
Epicieren 1*) und die Kleinmeisterinnen,
-----
1*) Krämerinnen
#268# Friedrich Engels
-----
in denen er nun nicht mehr "das Meisterstück der Schöpfung", die
"Blumenkelche, durchduftet von den heiligsten und süßesten Gefüh-
len", bewundern kann. Pauvre petit bonhomme! 1*)
Die Blüte des sächsischen Sozialismus ist ein kleines Wochen-
blättchen, genannt: "Veilchen. Blätter für die h a r m l o s e
moderne Kritik" [162], redigiert und verlegt von G. Schlüssel zu
Bautzen. Die "Veilchen" sind also im Grunde Schlüsselblumen.
Diese sanften Blümlein werden in der "Trier'schen Zeitung" [26]
(12. Januar dieses Jahres) von einem Leipziger Korrespondenten,
der auch von der Kompanie ist, folgendermaßen angezeigt:
"Einen Fortschritt, eine Entwicklung in der sächsischen schönen
Literatur können wir in den 'V e i l c h e n' begrüßen; so jung
das Blatt ist, so strebsam vermittelt es die alte sächsische po-
litische Halbheit mit der sozialen Theorie der Gegenwart."
Die "alte sächsische Halbheit" ist diesen Erzsachsen noch nicht
halb genug, sie müssen sie noch einmal halbieren, indem sie sie
"vermitteln". Äußerst "harmlos"!
Wir haben nur ein einziges dieser Veilchen zu Gesicht bekommen;
aber:
Gebückt in sich und unbekannt,
Es war ein h e r z i g' s Veilchen. [163]
Freund Bootes legt in dieser Nummer - der ersten von 1847 - den
"harmlosen modernen" Damen einige zierliche Verslein als Huldi-
gung zu Füßen. Es heißt darin u.a.:
Und selbst der Frauen zarte H e r z e n
S c h m ü c k t des Tyrannenhasses D o r n - [164]
ein Gleichnis, dessen Keckheit inzwischen wohl unsres Bootes
"zartes Herz" mit des Gewissensbissens "Dorn" "geschmückt" haben
wird.
Es glühn nicht bloß von L i e b e s s c h e r z e n -
sollte Bootes, der zwar "Geschichten erzählen k ö n n t e",
aber nicht erzählen "w i l l", weil er sie schon erzählt
h a t, der von keinem ändern "Dorn" als dem "des Tyrannenhasses"
spricht, sollte dieser anständige und gebildete Mann wirklich im-
stande sein, die "schönen Wangen" der Frauen und Jungfrauen durch
zweideutige "Liebesscherze g l ü h e n" zu machen?
Es glühn nicht bloß von Liebesscherzen,
Es glühn von hellem Freiheitszorn,
Vom heiligen, die schönen Wangen,
Die wie die Rosen lieblich prangen.
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1*) Armer kleiner Mann!
#269# Die wahren Sozialisten
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Die Glut des "Freiheitszorns" muß allerdings durch eine keu-
schere, sittlichere, "hellere" Couleur 1*) leicht zu unterschei-
den sein von der dunkelroten Glut der "Liebesscherze", besonders
für einen Mann wie Bootes, der den "Dorn des Tyrannenhasses" von
allen ändern "Dornen" unterscheiden kann.
Die "Veilchen" geben uns sogleich Gelegenheit, die Bekanntschaft
einer jener Schönen zu machen, deren "zartes Herz des Tyrannenh-
asses Dorn schmückt" und deren "schöne Wangen von hellem Frei-
heitszorn glühn". Die A n d r o m e d a des wahrhaft soziali-
stischen Sternhimmels (Fräulein Louise Otto), das gefesselte, an
den Felsen der widernatürlichen Verhältnisse geschmiedete, von
der Brandung verjährter Vorurteile umbrauste moderne Weib liefert
nämlich eine "harmlose moderne Kritik" der poetischen Werke von
Alfred Meißner [165]. Es ist ein eigentümliches, aber reizendes
Schauspiel, wie hier die überquellende Begeisterung mit der zar-
ten Verschämtheit der deutschen Jungfrau kämpft, die Begeisterung
für den "Dichterkönig", der die tiefsten Saiten des weiblichen
Herzens in Schwingungen versetzt und ihnen Töne der Huldigung
entlockt, die an tiefere und zartere Empfindungen grenzen, Töne,
die in ihrer unschuldigen Offenherzigkeit des Sängers schönster
Lohn sind. Man höre in ihrer ganzen naiven Ursprünglichkeit diese
schmeichelhaften Bekenntnisse einer jungfräulichen Seele, der
noch so manches in dieser bösen Welt dunkel blieb. Man höre und
vergesse nicht, daß dem Reinen a l l e s rein ist:
Ja, "die tiefe Innerlichkeit, die in Meißners Gedichten atmet,
kann man nur nachfühlen, aber davon denen keine Rechenschaft ge-
ben, die dazu unfähig sind. Diese Lieder sind der goldene Wider-
schein von den heißen Flammen, welche der Dichter auf dem Altare
der Freiheit im Heiligtum seines Herzens opfernd emporlodern
läßt, ein Widerschein, bei dessen Glanz wir an Schillers Worte
erinnert werden: den Schriftsteller überhüpfe die Nachwelt, der
nicht m e h r war als seine Werke - wir fühlen es heraus, daß
dieser Dichter s e l b s t noch m e h r ist als seine schönen
Lieder" (ganz gewiß, Fräulein Andromeda, ganz gewiß), "daß ein
U n a u s s p r e c h l i c h e s in ihm ist, Etwas 'ü b e r
a l l e n S c h e i n' [166], wie Hamlet sagt". (Du ahnungsvol-
ler Engel du! [167]) "Dieses E t w a s ist, was so vielen neuen
Freiheitsdichtern abgeht, z.B. ganz und gar Hoffmann von Fallers-
leben und Prutz" (sollte dies wirklich der Fall sein?), "zum Teil
auch Herwegh und Freiligrath, dieses E t w a s - vielleicht ist
es der Genius."
Vielleicht ist es der "D o r n" des Bootes, schönes Fräulein!
"Doch", heißt es in demselben Artikel, "hat die Kritik ihre
Pflicht - aber die Kritik kommt mir sehr h ö l z e r n vor ge-
genüber einem solchen Dichter!"
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1*) Färbung
#270# Friedrich Engels
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Wie jungfräulich! Gewiß, eine junge, reine Mädchenseele muß sich
"sehr hölzern vorkommen" gegenüber dem Dichter, der im Besitze
eines so wundervollen "Etwas" ist.
"Wir lesen fort und fort bis zum letzten Vers, der uns allen treu
im Gedächtnis bleiben möge:
Und endlich kommt er doch ...
Der Tag...
Dann sitzen Völker, Hand in Hand, verschlungen,
Wie K i n d e r unter'm großen Himmelssaal
Und wieder wird ein Kelch, ein Kelch geschwungen,
Der L i e b e s kelch am Völker l i e b e s mahl."
Hiermit versinkt Fräulein Andromeda in ein vielsagendes Schwei-
gen, "wie ein Kind, Hand in Hand verschlungen". Hüten wir uns ja,
sie zu stören.
Unsre Leser werden hiernach begierig sein, den "Dichterkönig"
A l f r e d M e i ß n e r und sein "E t w a s" näher kennen-
zulernen. Er ist der O r i o n des wahrhaft sozialistischen
Sternhimmels, und wahrlich, er macht seinem Posten keine Schande.
Umgürtet mit dem leuchtenden Schwert der Poesie, "in seines Kum-
mers Mantel" gehüllt (p. 67 und p. 260 der "Gedichte von A. Meiß-
ner, 2te Auflage, Leipzig 1846), schwingt er in nerviger Faust
die Keule der Unverständlichkeit, mit der er alle Gegner der
guten Sache siegreich niederschmettert. Auf den Fersen folgt ihm
als k l e i n e r H u n d ein gewisser M o r i t z H a r t-
m a n n, der ebenfalls zum Besten der guten Sache ein energi-
sches Kläffen unter dem Titel: "Kelch und Seh wert "(Leipzig
1845) erhebt. Um irdisch zu sprechen, geraten wir mit diesen
Helden in eine Gegend, welche schon seit längerer Zeit dem wahren
Sozialismus zahlreiche und kräftige Rekruten lieferte, nämlich in
die b ö h m i s c h e n W ä l d e r.
Der erste wahre Sozialist in den böhmischen Wäldern war bekannt-
lich Karl Moor. Diesem gelang es nicht, das Werk der Regeneration
zu Ende zu führen; seine Zeit verstand ihn nicht, und er überlie-
ferte sich selbst der Gerechtigkeit. Orion-Meißner nun hat es
übernommen, in die Fußtapfen dieses Edlen zu treten und wenig-
stens im Geiste sein erhabenes Werk dem Ziele näher zu führen.
Ihm, K a r l M o o r d e m Z w e i t e n, steht hierbei der
erwähnte Moritz Hartmann, Canis Minor [168], als Biedermann
S c h w e i z e r zur Seite, indem er Gott, König und Vaterland
in elegischen Weisen feiert und namentlich auf dem Grabe jenes
Bonhomme, des Kaisers Joseph, Tränen dankbarer Erinnerung ver-
gießt. Von dem Rest der Bande bemerken wir bloß, daß keiner unter
ihnen bisher Verstand und Witz genug entwickelt zu haben scheint,
um die Rolle des Spiegelberg [169] zu übernehmen.
#271# Die wahren Sozialisten
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Man sieht es Karl Moor dem Zweiten auf den ersten Blick an, daß
er kein gewöhnlicher Mann ist. Er hat in Karl Becks Schule
Deutsch gelernt und drückt sich demgemäß mit einer mehr als ori-
entalischen Pracht der Rede aus. Der Glaube ist ihm "ein Falter"
(p. 13), das Herz "eine Blume" (p. 16), später ein "öder Forst"
(p. 24), endlich ein "Geier" (p. 31). Der Abendhimmel ist ihm (p.
65)
rot und stier wie eine Augenhöhle,
Die ohne Auge, ohne Glanz und Seele.
Das Lächeln seiner Geliebten ist "ein Kind der Erde, das mit den
Kindern Gottes kost" (p. 19).
Noch weit mehr aber als seine prunkhafte Bildersprache zeichnet
ihn sein riesenhafter Weltschmerz vor den gewöhnlichen Sterbli-
chen aus. Er qualifiziert sich durch diesen als echter Sohn und
Nachfolger Karl Moors des Ersten, wie er denn p. 65 nachweist,
daß der "wilde Weltschmerz" eines der ersten Erfordernisse jedes
"Welterlösers" ist. In der Tat, was den Weltschmerz angeht, über-
bietet Orion-Moor alle seine Vorgänger und Konkurrenten. Hören
wir ihn selbst:
"Vom G r a m g e k r e u z i g t, war ich tot" (p. 7). "Dies
Herz dem T o d g e w e i h t" (p. 8). "Mein Sinn ist
f i n s t e r" (p. 10). Ihm "klagt in des Herzens ödem Forst
u r a l t e s L e i d" (p. 24). "N i e g e b o r e n wäre
besser, aber gut war auch der Tod" (p. 29).
In dieser bittren, bösen Stunde,
Wo dich die kalte Welt vergißt,
Gesteh 's, mein Herz, aus bleichem Munde,
Daß du u n s ä g l i c h e l e n d bist (p. 30).
p. 100 "blutet" er "aus manch verborgner Wunde" und befindet sich
p. 101 im Interesse der Menschheit so unwohl, daß er "um die
Brust, die zu zerspringen drohte ... fest wie zwei Klammern" die
Arme pressen muß, und p. 79 ist er ein angeschossener Kranich,
der nicht mit seinen Brüdern im Herbst gen Süden fliegen kann und
der "mit bleidurchschoßnen Schwingen" im Gestrüpp zappelt und
"ein breites, blutiges Gefieder schlägt" [p. 78]. Und woher all
dieser Schmerz? Sind alle diese Klagen nur Wertherscher alltägli-
cher Liebesjammer [170], vermehrt durch Unzufriedenheit über Pri-
vatleiden unsres Dichters? Keineswegs; - unser Dichter hat zwar
viel gelitten, aber er hat allen seinen Leiden eine allgemeine
Seite abzugewinnen gewußt. Er deutet häufig, z.B. p. 64, an, daß
ihm die Frauenzimmer manchen schlimmen Streich gespielt
(gewöhnliches Los der Deutschen, besonders der Poeten), daß er
bittre Erfahrungen im Leben gemacht habe; aber alles das
#272# Friedrich Engels
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beweist für ihn nur die Schlechtigkeit der Welt und die Notwen-
digkeit einer Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse. In
ihm hat nicht Alfred Meißner, sondern die Menschheit gelitten,
und darum zieht er aus allem seinen Kummer nur das Resultat, daß
es ein großes Kunststück und ein schweres Leiden ist, ein Mensch
zu sein.
Hier (in der Einöde), lerne, Herz, in allen Lebenslagen
Des M e n s c h s e i n s S c h w e r e mutig zu ertragen (p.
66).
O süßer Schmerz, o Fluch voll Segen,
O s ü ß e s W e h, e i n M e n s c h z u s e i n (p. 90).
Solch edler Schmerz kann in unsrer gefühllosen Welt nur auf
Gleichgültigkeit, verletzende Zurückstoßung und Spott rechnen.
Karl Moor der Zweite macht diese Erfahrung auch. Wir sahen schon
oben, daß ihn "die kalte Welt vergißt". Es geht ihm wirklich in
dieser Beziehung sehr schlecht:
Daß ich der Menschen kalten Hohn vermeide,
Baut' ich den Kerker mir, den grabeskalten (p. 227).
Einmal ermannt er sich noch:
Du, der mich schmäht, du bleicher Heuchler, nenne
Mir einen Schmerz, der nicht dies Herz zerschnitten,
Ein Hochgefühl, in dem ich nicht entbrenne (p. 212).
Aber es wird ihm doch zu arg, er zieht sich zurück, geht p. 65
"in die Einöde" und p. 70 "in die Gebirgswüste". Ganz wie Karl
Moor der Erste. Hier läßt er sich von einem Bach auseinanderset-
zen, weil a l l e s leide, z.B. das vom Adler zerfleischte Lamm
leide, der Falke leide, das Rohr leide, das im Winde kreischt -
"wie klein da eines Menschen Wehe" seien und wie ihm da nichts
übrigbleibe, als "jauchzen und untergehn". Da ihm aber das
"Jauchzen" nicht recht von Herzen zu kommen, das "Untergehn" ihm
vollends nicht zuzusagen scheint, so reitet er aus, um die
"Stimmen auf der Heide" zu hören. Hier geht es ihm noch viel
schlimmer. Drei geheimnisvolle Reiter reiten einer nach dem än-
dern zu ihm heran und geben ihm in ziemlich dürren Worten den
guten Rat, er solle sich begraben lassen:
Traun besser wärs, Du
Scharrtest Dich in tote Blätter ein,
Und stürbst bedeckt von Gras und feuchter Erde (p. 75).
Dies ist die Krone seiner Leiden. Die Menschen stoßen ihn mit
seinem Jammer zurück, er wendet sich an die Natur, und auch von
dieser erhält er nur verdrießliche Gesichter und grobe Antworten.
Und nachdem uns so der
#273# Die wahren Sozialisten
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Schmerz Karl Moors des Zweiten "sein breites, blutiges Gefieder
..." bis zum Ekel vorgeschlagen hat, finden wir p. 211 ein So-
nett, wo der Poet sich verteidigen zu müssen glaubt,
... weil s t u m m und i n V e r w a h r u n g
Ich meinen Schmerz und meine Wunden trage,
Und weil mein Mund, v e r s c h m ä h e n d e i t l e
K l a g e,
N i c h t p r a h l e n m a g mit gräßlicher Erfahrung!!
Aber nicht nur schmerzlich, sondern auch w i l d muß der
"Welterlöser" sein. Daher "braust durch seine Brust der
w i l d e Drang der Leidenschaft" (p. 24); wenn er liebt, so
"lohen seine Sonnen heiß" (p. 17); sein "Lieben ist
G e w i t t e r b l i t z e n, ein S t u r m ist seine Poesie"
(p. 68). Wir werden bald Exempel davon haben, wie wild diese
Wildheit ist.
Gehen wir rasch einige der sozialistischen Gedichte Orion-Moors
durch.
Von p. 100 bis 106 schlägt er sein "breites, blutiges Gefieder",
um die Übelstände der jetzigen Gesellschaft im Fluge zu über-
schauen. Er rennt in einem wütenden Anfall von "wildem Welt-
schmerz" durch die Straßen von Leipzig. Es ist Nacht um ihn und
in seinem Herzen. Endlich bleibt er stehen. Ein mysteriöser Dämon
tritt an ihn heran und fragt ihn im Ton eines Nachtwächters, was
er so spät auf der Straße zu suchen habe. Karl Moor der Zweite,
der grade damit beschäftigt war, die "Klammern" seiner Arme fest
an seinen "zu zerspringen drohenden" Brustkasten zu pressen,
starrt dem Dämon mit den "heiß lohenden Sonnen" seiner Augen wüst
ins Gesicht und bricht endlich aus (p. 102):
S o v i e l s e h' i c h, in des Geistes Licht
Aus des Glaubens Sternennacht erwacht:
Der auf Golgatha, der hat noch nicht
Die Erlösung dieser Welt gebracht!
"Soviel" sieht Karl Moor der Zweite! Bei des Herzens ödem Forst,
bei seines Kummers Mantel, bei des Menschseins Schwere, bei den
bleidurchschoßnen Schwingen unsres Dichters und bei allem, was
Karl Moor dem Zweiten sonst noch heilig ist - es war nicht der
Mühe wert, nachts auf die Straße zu rennen, seine Brust der Ge-
fahr des Zerspringens und der Lungenentzündung auszusetzen und
einen aparten Dämon zu zitieren, um uns schließlich diese Entdec-
kung mitzuteilen! Doch hören wir weiter. Der Dämon will sich da-
bei nicht beruhigen. Da erzählt Karl Moor der Zweite denn, wie
ihn ein prostituiertes Mädchen an der Hand gefaßt und dadurch al-
lerlei schmerzliche Reflexionen in ihm hervorgerufen habe, die
zuletzt sich in folgender Apostrophe Luft machten:
#274# Friedrich Engels
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Weib, an Deinem Elend ist nur schuld
Die Gesellschaft, die erbarmungslose!
Bleiches Opfer, traurig anzuschau'n,
Auf der Sünde heidnischem (!!) Altare
Liegst Du, daß die Unschuld andrer Frau'n
Sich im Hause unbefleckt bewahre! [p. 103.]
Der Dämon, der sich jetzt als ein ganz ordinärer Bourgeois ent-
wickelt, geht auf die in diesen Zeilen liegende, wahrhaft sozia-
listische Theorie der Prostitution nicht ein, sondern erwidert
ganz einfach: Jeder sei seines Glückes Schmied, "seiner Schuld
ist jeder Einzle schuldig" und andre Bourgeoisphrasen; er be-
merkt: "die Gesellschaft ist ein leeres Wort" (er hatte wahr-
scheinlich Stirner gelesen [171]) und fordert Karl Moor den Zwei-
ten auf, weiter zu berichten. Dieser erzählt, wie er die Proleta-
rierwohnungen betrachtet und das Weinen der Kinder gehört:
Weil der Mutter welke Brust für sie
Keinen Tropfen süßer Labung hatte,
Schuldlos sterben in der Mutter Hut!
U n d d o c h (!!) ist's ein Wunder, hold und milde,
Wie in Mutterbrust aus rotem Blut
Weiße Milch sich scheide und sich bilde, [p. 104.]
Wer dies Wunder gesehen, meint er, brauche nicht zu trauern, wenn
er nicht glauben könne, daß Christus Wein aus Wasser gemacht
habe. Die Geschichte mit der Hochzeit zu Cana scheint unsren Poe-
ten sehr günstig für das Christentum eingenommen zu haben. Der
Weltschmerz wird hier so gewaltig, daß Karl Moor der Zweite allen
Zusammenhang verliert. Der dämonische Bourgeois sucht ihn zu be-
ruhigen und läßt ihn weiter berichten:
Andre Kinder, eine blasse Brut,
Sah ich dort, wo hohe Essen dampften
Und die ehr'nen Räder, in der Glut,
Einen Tanz in schwerem Takte stampften, [p. 105.]
Was das wohl für eine Fabrik gewesen sein mag, wo Karl Moor der
Zweite "Räder in der Glut" und noch dazu "stampfende, einen
T a n z stampfende Räder" gesehen hat! Es kann nur dieselbe Fa-
brik sein, wo die ebenfalls "einen Tanz in schwerem Takte stamp-
fenden" Verse unsres Poeten fabriziert werden. Folgt einiges über
die Lage der Fabrikkinder. Das greift dem dämonischen Bourgeois,
der ohne Zweifel auch Fabrikant ist, an den Geldbeutel. Er wird
auch aufgeregt und erwidert, das sei dummes Zeug, an dem Lumpen-
pack von Proletarierkindern sei nichts gelegen, ein Genie sei
noch
#275# Die wahren Sozialisten
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nie an solchen Kleinigkeiten untergegangen, überhaupt komme es
nicht auf die Einzelnen an, sondern nur auf die
M e n s c h h e i t im Ganzen, und die werde sich auch ohne Al-
fred Meißner durchbeißen. Not und Elend seien einmal das Los der
Menschen und im übrigen,
Was der Schöpfer hatte schlecht getan,
Wird der Mensch doch nie zum Bessern leiten, [p. 107.]
Damit verschwindet er und läßt unsren bedrängten Poeten stehn.
Dieser schüttelt sein konfuses Haupt und weiß nichts Beßres zu
tun, als nach Hause zu gehen und sich das alles wörtlich zu Pa-
pier und unter die Presse zu bringen.
Pag. 109 will sich "ein armer Mann" ersäufen; Karl Moor der
Zweite hält ihn edelmütig zurück und fragt ihn um seine Gründe.
Der arme Mann erzählt, er sei viel gereist:
Wo Englands Essen blutig (!) flammten,
Sah ich in Schmerzen stumpf und stumm
Die neuen Höllen und Verdammten.
Der arme Mann hat in England, wo die Chartisten in jeder einzel-
nen Fabrikstadt mehr Tätigkeit entwickeln als alle politischen,
sozialistischen und religiösen Parteien in ganz Deutschland zu-
sammen, sonderbare Dinge gesehen. Er muß wohl selbst "stumpf und
stumm" gewesen sein.
Nach Frankreich kommend übers Meer,
Sah ich e r s c h r o c k e n und m i t G r a u s e n,
Wie Lava gärend um mich her
Der Proletarier Massen brausen.
"Erschrocken und mit Grausen" sah er das, der "arme Mann"! So
sieht er überall den "Kampf der Armen und der Reichen", er selbst
"Einer der Heloten", und weil die Reichen nicht hören wollen und
"des Volkes Tage sind noch fern", so glaubt er, daß er nichts
Beßres tun könne als ins Wasser springen - und Meißner, über-
führt, läßt ihn los: "Leb wohl, ich kann Dich nicht - mehr hal-
ten!"
Unser Poet hat sehr wohl getan, diesen bornierten Feigling, der
in England gar nichts gesehn, den die proletarische Bewegung in
Frankreich "erschrocken und mit Grausen" erfüllt hat, und der zu
lâche 1*) ist, um sich dem Kampf seiner Klasse gegen ihre Unter-
drücker anzuschließen, sich ruhig ersäufen zu lassen. Der Kerl
war ohnehin zu nichts mehr gut.
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1*) feige
#276# Friedrich Engels
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Pag. 237 richtet Orion-Moor einen tyrtäischen Hymnus [172] "an
die Frauen". "Jetzt, da die Männer feige sünd'gen", werden Germa-
niens blonde Töchter aufgefordert, sich zu erheben und "ein Wort
der Freiheit zu verkünd'gen". Unsre sanften Blondinen haben seine
Aufforderung nicht erst abgewartet; das Publikum hat "erschrocken
und mit Grausen" Exempel davon gesehen, welcher erhabenen Taten
Deutschlands Frauenzimmer fähig ist, sobald es erst Hosen trägt
und Zigarren rauchen kann.
Suchen wir jetzt, nach dieser Kritik der bestehenden Gesellschaft
durch unsern Dichter, seine pia desideria 1*) in sozialer Bezie-
hung auf. Wir finden am Schluß eine in zerhackter Prosa abgefaßte
"Versöhnung", die die "Auferstehung" am Schluß der gesammelten
Gedichte von K. Beck mehr als nachahmt. Dort heißt es u.a.:
"Nicht darum, daß sie den Einzlen gebäre, lebt und ringt die
Menschheit. - E i n Mensch ist die Menschheit." Wonach unser
Dichter, "der Einzle" natürlich, "k e i n Mensch" ist. "Und sie
wird kommen, die Zeit ... dann erhebt sich die Menschheit, ein
Messias, ein Gott in ihrer Entfaltung ..." Dieser Messias kommt
aber erst "in tausend Jahren und tausend, der neue Heiland, der
da sprechen wird" (das Durchführen überläßt er ändern) "von der
Teilung der Arbeit, der brüderlich gleichmäßigen für alle Kinder
der Erde"... und dann wird die "Pflugschar, Symbol der geistbe-
schatteten Erde ... ein Zeichen inniger Verehrung ... sich erhe-
ben, strahlend, rosenbekränzt, s c h ö n e r s e l b s t als
das alte christliche Kreuz".
Was nach "tausend Jahren und tausend" kommen wird, kann uns im
Grunde ziemlich gleichgültig sein. Wir brauchen daher nicht zu
untersuchen, ob die dann existierenden Menschen durch das
"Sprechen" des neuen Heilandes um einen Zoll weitergebracht wer-
den, ob sie überhaupt noch einen "Heiland" werden hören wollen
und ob die brüderliche Theorie dieses "Heilandes" ausführbar oder
vor den Schrecken des Bankerottes sicher ist. "Soviel sieht" un-
ser Poet diesmal nicht. Interessant ist in dem ganzen Passus nur
seine andächtige Kniebeugung vor dem Sakrosanktum 2*) der Zu-
kunft, der idyllischen "Pflugschar". In den Reihen der wahren So-
zialisten fanden wir bisher nur den B ü r g e r; wir merken
hier schon, daß Karl Moor der Zweite uns auch den
L a n d m a n n im Sonntagsstaat vorführen wird. In der Tat se-
hen wir ihn p. 154 vom Berge in ein liebliches, sonntägliches Tal
herniederschauen, wo die Bauern und Hirten gar still vergnügt,
fröhlich und mit Gottvertrauen ihr Tagewerk beschicken; und
In meinem Zweiflerherzen rief es laut:
O horch, so fröhlich kann die Armut singen!
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1*) frommen Wünsche - 2*) das Unverletzliche, Hochheilige
#277# Die wahren Sozialisten
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Hier ist die Armut "kein Weib, das sich verkauft, sie ist ein
Kind, und arglos ihre Blöße!"
Und ich verstand, daß fröhlich, fromm und gut
Die vielgeprüfte Menschheit dann nur werde,
Wenn sie in s e l i g e m V e r g e s s e n ruht
Bei Müh' und Arbeit an der Brust der Erde.
Und um uns noch deutlicher zu sagen, was seine ernstliche Meinung
ist, schildert er uns p. 159 das Familienglück eines ländlichen
Schmiedes und wünscht, daß seine Kinder
... nie die Seuchen kennen,
Die im Triumphatorston
Böse oder Toren nennen:
Bildung, Zivilisation.
Der wahre Sozialismus hatte keine Ruhe, bis neben der bürgerli-
chen auch die bäuerliche Idylle, neben Lafontaines Romanen auch
Geßners Schäferszenen rehabilitiert waren. In der Person des
Herrn Alfred Meißner hat er sich auf den Boden von Rochows
"Kinderfreund" [173] gestellt und proklamiert von diesem erhabnen
Standpunkt, daß es die Bestimmung des Menschen sei, zu verbauern.
Wer hätte solche Kindlichkeit von dem Dichter des "wilden Welt-
schmerzes", von dem Inhaber "heiß lohender Sonnen", von dem
"gewitterblitzenden" Karl Moor dem Jüngeren erwartet?
Trotz seiner bäuerlichen Sehnsucht nach dem Frieden des Landle-
bens erklärt er jedoch, die großen Städte seien sein eigentliches
Feld der Tätigkeit. Demgemäß hat unser Poet sich nach Paris bege-
ben, um hier ebenfalls
... erschrocken und mit Grausen
Wie Lava gärend, um sich her
Der Proletarier Massen brausen [p. 111]
zu sehen. Hélas! il n'en fut rien. 1*) In den "Grenzboten" er-
klärt er sich - in einer Korrespondenz aus Paris - für schreck-
lich enttäuscht. Der ehrliche Poet hat diese brausenden Massen
der Proletarier überall gesucht, selbst im Cirque olympique
[174], wo damals die französische Revolution mit Pauken und Kano-
nen aufgeführt wurde; aber statt den gesuchten finstern Tugend-
helden und farouchen 2*) Republikaner fand er nur ein lachendes,
bewegliches Volk von unverwüstlicher Heiterkeit, das für hübsche
Frauenzimmer viel mehr Interesse verriet als für die großen Fra-
gen der Menschheit. Gerade so suchte er in der Deputiertenkammer
"die Vertreter des französischen Volks"
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1*) Aber ach! es wurde nichts daraus. - 2*) wilden
#278# Friedrich Engels
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und fand nur einen Haufen wohlgenährter, durcheinander schwatzen-
der Ventrus 1*).
Es ist in der Tat unverantwortlich, daß die Pariser Proletarier
nicht zu Ehren Karl Moors des Jüngeren so eine kleine Julirevolu-
tion exekutierten, um ihm Gelegenheit zu geben, "erschrocken und
mit Grausen" eine bessere Meinung von ihnen sich anzueignen. Über
all dieses Unglück erhebt unser ehrlicher Poet ein großes Wehge-
schrei und weissagt als neuer aus dem Bauche des wahren Sozialis-
mus gespiener Jonas den Untergang des Seine-Ninive, wie das des
breiteren in den "Grenzboten" von 1847 Nr. [14], Korr[espondenz]
"Aus Paris", nachzulesen ist, woselbst unser Poet auch höchst er-
götzlich erzählt, wie er einen bon bourgeois du marais 2*) für
einen Proletarier versehen und was daraus für sonderbare Mißver-
ständnisse entstehen.
Seinen "Ziska" wollen wir ihm schenken, denn der ist bloß lang-
weilig.
Da wir gerade von Gedichten sprechen, so wollen wir mit ein paar
Worten der sechs Provokationen zur Revolution erwähnen, die unser
Freihgrath unter dem Titel: "Ça ira", Herisau 1846, erlassen hat.
Die erste derselben ist eine deutsche Marseillaise und besingt
einen "kecken Piraten", der "so in Österreich wie in Preußen Re-
volution heißt". An dieses Schiff unter eigner Flagge, welche der
berühmten deutschen Flotte in partibus infidelium [175] eine be-
deutende Verstärkung zuführt, wird die Aufforderung gerichtet:
Auf des Besitzes Silberflotten
Richte kühn der Kanonen Schlund,
Auf des Meeres rottigem Grund
Laß der Habsucht Schätze verrotten, [p. 9.]
Das ganze Lied ist übrigens so gemütlich abgefaßt, daß es trotz
des Versmaßes am besten nach der Melodie: "Auf Matrosen, die An-
ker gelichtet" zu singen ist.
Am bezeichnendsten ist das Gedicht: "Wie man's macht", das heißt,
wie Freihgrath eine Revolution macht. Es sind gerade schlechte
Zeiten, das Volk hungert und geht m Lumpen: "Wo kriegt es Brot
und Kleider her?" Bei dieser Gelegenheit findet sich "ein kecker
Bursch", der Rat zu schaffen weiß. Er führt den ganzen Haufen
aufs Landwehrzeughaus und verteilt die Umformen, die sogleich an-
gezogen werden. "Zum Versuch" greift man auch nach den Flinten
und findet, daß es "ein Spaß wäre", wenn man sie mitnähme. Bei
dieser Gelegenheit fällt es unserm "kecken Burschen" ein, man
könne "diesen Kleiderwitz vielleicht noch gar Rebellerei nennen,
Einbruch und Raub", und da müsse man "für seinen Rock die Zähne
weisen". Daher
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1*) Bäuche - 2*) biederen Spießbürger
#279# Die wahren Sozialisten
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wandern Tschako, Säbel und Patronentasche auch mit, und als Fahne
wird ein Bettelsack aufgepflanzt. So kommt man auf die Straße.
Bei dieser Gelegenheit präsentiert sich dann "die königliche Li-
nie", der General kommandiert Feuer, aber die Soldaten sinken der
kleiderwitzigen Landwehr jubelnd in die Arme. Und da man jetzt
einmal im Zuge ist, so zieht man ebenfalls zum "Spaß" nach der
Hauptstadt, findet Anhang, und so, bei Gelegenheit eines
"Kleiderwitzes":
"Umstürzt der Thron, die Krone fällt, in seinen Angeln bebt das
Reich", und "das Volk erhebt sieghaft sein lang zertreten Haupt."
Alles geht so rasch, so flott, daß über der ganzen Prozedur gewiß
keinem einzigen Mitgliede des "Proletarier-Bataillons" die Pfeif
ausgegangen ist. Man muß gestehen, nirgends machen sich die Revo-
lutionen mit größerer Heiterkeit und Ungezwungenheit als im Kopf
unsres Freiligrath. Es gehört wirklich die ganze schwarzgallige
Hypochondrie der "Allgemeinen preußischen Zeitung" dazu, um in
solch einer unschuldigen, idyllischen Landpartie Hochverrat zu
wittern.
Die letzte Gruppe wahrer Sozialisten, zu der wir uns wenden, ist
die B e r l i n e r. Von dieser Gruppe nehmen wir ebenfalls nur
ein bezeichnendes Individuum heraus, nämlich den Herrn Ernst
Dronke, weil er sich durch Erfindung einer neuen Dichtungsart
dauernde Verdienste um die deutsche Literatur erworben hat. Die
Romanschreiber und Novellisten unsres Vaterlandes waren seit ge-
raumer Zeit um Material verlegen. Noch nie hatte sich eine solche
Teuerung des Rohstoffs für ihre Industrie fühlbar gemacht. Die
französischen Fabriken lieferten zwar viel Brauchbares, aber
diese Zufuhr reichte um so weniger zur Befriedigung der Nachfrage
aus, als manches sogleich in der Gestalt der Übersetzung den Kon-
sumenten offeriert und hierdurch auch den Romanschreibern gefähr-
liche Konkurrenz gemacht wurde. Da bewährte sich das Ingenium des
Herrn Dronke: in der Gestalt des Ophiuchus, des Schlangenträgers
am wahrhaft sozialistischen Firmament, hielt er die ringelnde
Riesenschlange der deutschen Polizeigesetzgebung empor, um sie in
seinen "Polizei-Geschichten" zu einer Reihe der interessantesten
Novellen zu verarbeiten. In der Tat enthält diese verwickelte,
schlangenglatte Gesetzgebung den reichhaltigsten Stoff für diese
Art der Dichtung. In jedem Paragraphen steckt ein Roman, in jedem
Reglement eine Tragödie. Herr Dronke, der als Berliner Literat
selbst gewaltige Kämpfe mit dem Polizeipräsidio bestanden, konnte
hier aus eigner Erfahrung sprechen. An Nachfolgern auf der einmal
betretenen Bahn wird es nicht fehlen; das Feld ist reichhaltig.
Das preußische Landrecht unter ändern ist eine unerschöpfliche
Fundgrube von spannenden Konflikten und drastischen Effektszenen.
An der Ehescheidungs-,
#280# Friedrich Engels
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Alimentations- und Jungfernkranz-Gesetzgebung allein - von den
Kapiteln über unnatürliche Privatvergnügen gar nicht zu reden -
hat die ganze deutsche Romanindustrie Rohmaterial für
Jahrhunderte. Dazu ist nichts leichter, als solch einen
Paragraphen poetisch zu verarbeiten; die Kollision und ihre
Lösung ist schon fertig, man hat nichts hinzuzufügen als das
Beiwerk, das man aus dem ersten besten Roman von Bulwer, Dumas
oder Sue nimmt und etwas zustutzt, und die Novelle ist fertig. So
steht zu hoffen, daß der deutsche Bürger und Landmann, ingleichen
der Studiosus juris oder cameralium 1*) allmählich in den Besitz
einer Reihe von Kommentaren über die derzeitige Gesetzgebung
kommen wird, die ihm erlauben, sich spielend und mit gänzlicher
Beseitigung der Pedanterie mit diesem Fache gründlich bekannt zu
machen.
Wir sehen an Herrn Dronke, daß wir uns nicht zuviel versprechen.
Aus der Heimatrechtsgesetzgebung allein macht er zwei Novellen.
In der einen ("Polizeiliche Ehescheidung") heiratet ein kurhessi-
scher Literat (die deutschen Literaten machen immer Literaten zu
ihren Helden) eine Preußin ohne die gesetzlich vorgeschriebene
Zustimmung seines Stadtrats. Seine Frau und Kinder verlieren da-
durch den Anspruch auf kurhessische Untertanenschaft, und daraus
entwickelt sich die Trennung der Gatten vermittelst der Polizei.
Der Literat wird wütend, spricht sich mißliebig über das Beste-
hende aus, wird dafür von einem Leutnant gefordert und erstochen.
Die polizeilichen Verwicklungen waren mit Kosten verknüpft, die
sein Vermögen bereits ruiniert hatten. Madame hat durch ihre Ehe
mit einem Ausländer ihre Eigenschaft als preußische Untertanin
verloren und fällt nun ins äußerste Elend. - In der zweiten Hei-
matrechtsnovelle wird ein armer Teufel 14 Jahre lang von Hamburg
nach Hannover und von Hannover nach Hamburg transportiert, um
hier die Süßigkeiten der Tretmühle, dort die Freuden des Gefäng-
nisses zu schmecken und auf beiden Elbufern Stockprügel zu genie-
ßen. In derselben Weise wird der Übelstand behandelt, daß man ge-
gen Übergriffe der Polizei nur bei der Polizei selbst klagen
kann. Sehr rührend wird geschildert, wie die Polizei in Berlin
durch ihr Reglement wegen Ausweisung , arbeitsloser Dienstboten
der Prostitution unter die Arme greift, und andre ergreifende
Kollisionen.
Der wahre Sozialismus hat sich von Herrn Dronke aufs gutmütigste
düpieren lassen. Er hat die "Polizei-Geschichten", weinerliche
Schilderungen aus der deutschen Spießbürgermisere im Tone von
"Menschenhaß und Reue" [176], für Gemälde von Konflikten aus der
modernen Gesellschaft versehen;
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1*) Student des allgemeinen Rechts oder Verwaltungsrechts
#281# Die wahren Sozialisten
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er hat geglaubt, hier werde sozialistische Propaganda gemacht, er
hat keinen Augenblick daran gedacht, daß dergleichen Jammerszenen
in Frankreich, England und Amerika, wo das Gegenteil von allem
Sozialismus herrscht, ganz unmöglich sind, daß also Herr Dronke
keine sozialistische, sondern l i b e r a l e Propaganda macht.
Der wahre Sozialismus ist hier indes um so eher zu entschuldigen,
als Herr Dronke selbst an das a l l e s ebenfalls nicht gedacht
hat.
Herr Dronke hat auch Geschichten "Aus dem Volke" geschrieben.
Hier erleben wir wieder eine Literatennovelle, in der das Elend
der industriellen Schriftsteller dem Mitleiden des Publikums dar-
gelegt wird. Diese Erzählung scheint Freiligrath zu dem rührenden
Gedicht begeistert zu haben, worin er um Teilnahme für den Lite-
raten fleht und ausruft: "Er auch ist ein Proletar!" [177] Wenn
es einmal dazu kommt, daß die deutschen Proletarier mit der Bour-
geoisie und den übrigen besitzenden Klassen die Bilanz abschlie-
ßen, so werden sie es den Herren Literaten, dieser lumpigsten al-
ler käuflichen Klassen, vermittelst der Laterne beweisen, inwie-
fern auch sie Proletarier sind. Die übrigen Novellen des Dronke-
schen Buchs sind mit einem gänzlichen Mangel an Phantasie und
ziemlicher Unkenntnis des wirklichen Lebens zusammengestoppelt
und dienen nur dazu, Herrn Dronkes sozialistische Gedanken gerade
solchen Leuten in den Mund zu legen, bei denen sie am allerwenig-
sten angebracht sind.
Ferner hat Herr Dronke ein Buch über Berlin geschrieben, das auf
der Höhe der modernen Wissenschaft steht, d.h., in dem sich Jung-
hegelsche, Bauersche, Feuerbachsche, Stirnersche, wahrhaft sozia-
listische und kommunistische Anschauungen bunt durcheinander fin-
den, wie sie in der Literatur der letzten Jahre in Zirkulation
gekommen sind. Das Endresultat des Ganzen ist, daß Berlin trotz
alledem und alledem der Mittelpunkt moderner Bildung, das Zentrum
der Intelligenz und eine Weltstadt mit zwei fünftel Millionen
Einwohner bleibt, vor deren Konkurrenz Paris und London sich in
acht nehmen mögen. Sogar G r i s e t t e n gibt es in Berlin -
aber der Himmel weiß es, sie sind auch danach!
Zu der Berliner Couleur des wahren Sozialismus gehört auch Herr
Friedrich Saß, der ebenfalls ein Buch über seine geistige Vater-
stadt geschrieben hat. [178] Von diesem Herrn ist uns indes nur
ein Gedicht vorgekommen, das in dem sogleich näher zu besprechen-
den Püttmannschen "Album" p. 29 zu lesen steht. In diesem Gedicht
wird "Des alten Europas Zukunft" nach der Weise: "Lenore fuhr ums
Morgenrot" [179] mit den ekelhaftesten Ausdrücken, die unser Ver-
fasser in der ganzen deutschen Sprache finden konnte, und mit
möglichst vielen grammatischen Fehlern besungen. Der Sozialismus
Herrn
#282# Friedrich Engels
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Saß' reduziert sich darauf, daß Europa, das "buhlerische Weib",
nächstens untergehen wird:
Es freit um Dich der Totenwurm,
Hörst Du, hörst Du im Hochzeitssturm
Kosaken und Tartaren
Dein morsches Bett befahren? ...
An Asiens wüstem Sarkophag
Wird sich der Deine reihen --
Die grauen Riesenleichen
Sie bersten (pfui Teufel) und sie weichen --
Wie Memphis und Palmyra borst (!)
Baut einst der wilde Aar den Horst
In Deine morsche Stirne,
Du altgewordne Dirne!
Man sieht, die Phantasie und die Sprache des Dichters sind nicht
minder "geborsten" als seine Geschichtsauffassung.
Mit diesem Blick in die Zukunft beschließen wir die Übersicht der
verschiednen Sterngruppen des wahren Sozialismus. In der Tat, es
war eine glänzende Reihe von Konstellationen, die vor unsrem Te-
leskop vorübergezogen sind, es ist die strahlendste Hälfte des
Himmels, die der wahre Sozialismus mit seiner Armee besetzt hält!
Und um alle diese lichten Gestirne zieht sich mit dem sanften
Glanz bürgerlicher Philanthropie als M i l c h s t r a ß e die
"T r i e r' s c h e Z e i t u n g", ein Blatt, das sich mit
Leib und Seele dem wahren Sozialismus angeschlossen hat. Es ist
kein Ereignis vorgefallen, das den wahren Sozialismus auch nur im
entferntesten berührte, ohne daß die "Trier'sche Zeitung" mit Be-
geisterung in die Schranken trat. Von dem Lieutenant Anneke bis
zur Gräfin Hatzfeld, vom Bielefelder Museum bis zur Madame Aston
hat die "Trier'sche Zeitung" mit einer Energie für die Interessen
des wahren Sozialismus gekämpft, die ihrer Stirn den Schweiß der
Edlen entlockte. Sie ist im wörtlichsten Sinne eine Milchstraße
der Sanftmut, Barmherzigkeit und Menschenliebe und pflegt nur in
sehr wenigen Fällen mit saurer Milch aufzuwarten. Möge sie still
und ungetrübt, wie es einer rechten Milchstraße geziemt, ihres
Weges weiterfließen und fortfahren, Deutschlands wackere Bürger
mit der Butter der Weichherzigkeit und dem Käse der Spießbürgerei
zu versorgen! Daß ihr jemand den Rahm abschöpfe, braucht sie
nicht zu besorgen, da sie zu wässerig ist, um welchen anzusetzen.
Damit wir aber in ungetrübter Heiterkeit von ihm scheiden, hat
uns der wahre Sozialismus ein schließliches Fest bereitet in dem
"Album", herausgegeben
#283# Die wahren Sozialisten
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von H. Püttmann, Borna, bei Reiche, 1847. Unter der Ägide des
großen Bären wird hier eine Girandola abgefeuert, wie man sie am
Osterfest in Rom nicht glänzender sehen kann. Alle sozialisti-
schen Poeten haben, freiwillig oder gezwungen, Raketen dazu ge-
liefert, die in zischenden, funkelnden Garben gen Himmel steigen,
in den Lüften knallend zu Millionen Sternen verstieben und
ringsum Tageshelle in die Nacht unsrer Verhältnisse zaubern. Aber
ach, das schöne Schauspiel dauert nur einen Augenblick - das Feu-
erwerk brennt aus und hinterläßt nur einen qualmenden Rauch, der
die Nacht noch dunkler erscheinen läßt, als sie wirklich ist,
einen Rauch, durch den als unveränderlich helle Sterne nur die
sieben Gedichte von H e i n e [180] hindurchschimmern, die
sich zu unserem großen Erstaunen und zu nicht geringer Verlegen-
heit des großen Bären in dieser Gesellschaft befinden. Lassen wir
uns das indes nicht stören, nehmen wir ebensowenig Anstoß daran,
daß auch mehrere hier wieder abgedruckte Sachen von W e e r t h
[181] sich in solcher Kompanie unbehaglich fühlen müssen, und ge-
nießen wir den vollen Eindruck des Feuerwerks.
Wir finden hier sehr interessante Themata behandelt. Der Frühling
wird drei oder viermal mit allem Aufwande besungen, dessen der
wahre Sozialismus fähig ist. Nicht weniger als a c h t ver-
führte Mädchen werden uns [unter] allen möglichen Gesichtspunkten
vorgeführt. Wir bekommen hier nicht nur den Aktus der Verführung
zu sehen, sondern auch seine Folgen; jede Hauptepoche der Schwan-
gerschaft ist durch mindestens ein Subjekt vertreten, nachher
kommt dann die Niederkunft, wie billig, und in ihrem Gefolge Kin-
desmord oder Selbstmord. Es ist nur zu bedauern, daß Schillers
"Kindesmörderin" nicht auch aufgenommen ist; aber der Herausgeber
mochte denken, es sei schon hinreichend, wenn der bekannte Aus-
ruf: "Joseph, Joseph" usw. [182] durch das ganze Buch klinge. Wie
diese Verführungslieder beschaffen sind, davon möge eine Strophe
- nach einer bekannten Wiegenmelodie - Zeugnis ablegen. Herr Lud-
wig K ö h l e r singt p. 299:
Weine, Mutter, weine!
Deiner Tochter Herz ist krank!
Weine, Mutter, weine!
Deiner Tochter Unschuld sank!
Deinen Spruch: Sei brav mein Kind!
Schlug sie frevelnd in den Wind!
Überhaupt ist das "Album" eine wahre Apotheose des Verbrechens.
Außer den erwähnten zahlreichen Kindesmorden wird noch ein
"Waldfrevel" von Herrn Karl E c k besungen, und der Schwabe
Hiller, der seine fünf Kinder ermordete, von Herrn Johannes
S c h e r r in einem kurzen und von
#284# Friedrich Engels
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Ursa Major höchstselbst in einem endlosen Gedicht gefeiert. Man
meint, man wäre auf einem deutschen Jahrmarkt, wo die Orgeldreher
ihre Mordgeschichten ableiern:
Rotes Kind, du Kind der Hölle,
Sprich, was war dein Dasein hier?
Vor dir und deiner Mörderhöhle,
Da schaudert jeder Mensch dafür.
Sechsundneunzig Menschenleben
Mordete der Bösewicht;
Er ließ sie nicht länger leben,
Schnell den Hals er ihnen bricht, usw.
Es fällt schwer, unter diesen jugendkräftigen Dichtern und ihren
lebenswarmen Produktionen eine Auswahl zu treffen; denn es ist im
Grunde einerlei, ob man Theodor Opitz oder Karl Eck, Johannes Sc-
herr oder Joseph Schweitzer heißt, die Sachen sind alle gleich
schön. Greifen wir aufs Geratewohl hinein.
Da finden wir zuerst unsern Freund Bootes - S e m m i g wieder,
wie er damit beschäftigt ist, den Frühling auf die spekulative
Höhe des wahren Sozialismus zu erheben (p. 35):
Wacht auf! Wacht auf! Denn es will Frühling werden --.
In Sturmesgang nimmt über Tal und Berge
Die F r e i h e i t ihren fessellosen Lauf -
Was das für eine Freiheit ist, erfahren wir gleich darauf:
Was blickt ihr knechtisch auf des Kreuzes Zeichen?
Ein freier Mann kann vor dem Gott nicht knie'n,
Der uns gestürzt des Vaterlandes Eichen,
Vor dem der Freiheit Götter mußten flieh'n!
also die Freiheit der germanischen Urwälder, in deren Schatten
Bootes ruhig über "Socialismus, Communismus, Humanismus" nachden-
ken und nach Belieben "des Tyrannenhasses Dorn" pflegen kann.
Über letzteren erfahren wir:
Es blüht ja keine Rose ohne Dorn,
wonach also zu hoffen steht, daß auch die knospende "Rose" Andro-
meda bald einen geeigneten "Dorn" finden und sich dann nicht mehr
so "hölzern vorkommen" möge wie oben. Auch im Interesse der
"Veilchen", die damals freilich noch nicht existierten, operiert
Bootes, indem er hier ein apartes
#285# Die wahren Sozialisten
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Gedicht erläßt, dessen Titel und Refrain lauten: "Kauft Veilchen!
Kauft Veilchen! Kauft Veilchen!" (p. 38.)
Herr N..h..s 1*) bemüht sich mit lobenswertem Eifer, 32 Seiten
breitzeiliger Verse zustande zu bringen, ohne auch nur einen ein-
zigen Gedanken darin zutage zu fördern. Da ist zum Beispiel ein
"Proletarierlied" (p. 166). Die Proletarier treten hervor an die
freie Natur - wenn wir sagen wollten, w o r a u s sie hervor-
treten, so würden wir gar nicht zu Ende kommen - und entschließen
sich nach langen Präambeln endlich zu folgender Apostrophe:
O Natur! Du Mutter aller Wesen,
Die Du alle willst mit Liebe laben,
Alle hast zu Seligkeit erlesen,
Unerforschlich groß bist und erhaben!
Höre unsre heiligsten Entschlüsse!
Höre, was wir treu und warm Dir schwören!
Tragt die Kunde an das Meer, ihr Flüsse,
Rausch' es, Lenzluft, durch die dunklen Föhren!
Damit ist ein neues Thema gewonnen, und nun geht es eine ganze
Weile in diesem Tone fort. Schließlich erfahren wir in der
v i e r z e h n t e n Strophe, was die Leute eigentlich wollen,
und das ist nicht der Mühe wert, es hieher zu setzen.
Auch Herr Joseph S c h w e i t z e r ist eine interessante Be-
kanntschaft:
Der Gedanke ist die Seele, und das Handeln ist der Leib;
Gatte ist der Feuerfunke, und die Tat sein Eheweib,
woran sich ungezwungen knüpft, was Herr J. Schweitzer will, näm-
lich:
P r a s s e l n will ich, f l a m m e n will ich, Freiheits-
licht
in Wald und Plan,
Bis der große Wassereimer, Tod genannt,
erlöscht den Span. (p. 213.)
Sein Wunsch ist erfüllt. In diesen Gedichten "prasselt" es be-
reits nach Herzenslust, und ein "Span" ist er auch, das sieht man
auf den ersten Blick. Aber ein ergötzlicher Span:
Hoch das Haupt, die Hand geschlossen,
steh ich da, beseligt, frei. (p. 216.)
Er muß in dieser Stellung unbezahlbar gewesen sein. Leider reißt
ihn der Leipziger Augustkrawall [183] auf die Straße, und dort
sieht er ergreifende Dinge:
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1*) Neuhaus
#286# Friedrich Engels
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Vor mir s a u g t in gier'gen Zügen, blutgetränkt,
o Schmach, o Greul!
Eine zarte M e n s c h e n k n o s p e bebend ihren T o d e s-
t a u (p. 217).
Hermann E w e r b e c k macht seinem Vornamen auch keine
Schande. Er beginnt p. 227 ein "Schlachtlied", das ohne Zweifel
schon von den Cheruskern im Teutoburger Walde gebrüllt wurde:
Wir ringen für die Freiheit,
Für das W e s e n i n u n s r e r B r u s t. -
Sollte dies ein Schlachtlied für schwangere Frauenzimmer sein?
Und nicht um Gold noch Orden,
Auch nicht aus eitler Lust.
Wir kämpfen für spätere Geschlechter usw.
In einem zweiten Gedicht [p. 229] erfahren wir:
Des Menschen S i n n e sind heilig, ; Hochheilig ist reiner
S i n n.
Die Geister all, sie schwinden
Vor Sinn und Sinnen hin.
Ebensogut wie "Sinn und Sinne" uns vor solchen Versen "hin-
schwinden".
Heiß heben wir das Gute,
Das Schöne dieser Welt,
Wir wirken und schaffen rastlos
Auf echtem Menschheitsfeld;
und dies Feld lohnt unsre Arbeit mit einer Ernte gesinnungsvoller
Knittelverse, wie sie selbst Ludwig der Baier nicht hervorbringen
konnte [184].
Ein stiller und gesetzter junger Mann ist Herr Richard Reinhardt.
Er "geht in leiser Ruhe lange der stillen Selbstentfaltung
Schritt" und liefert ein Geburtstagsgedicht "An die junge Mensch-
heit", in welchem er sich damit begnügt:
Der reinen Freiheit Liebessonne,
Der reinen Liebe Freiheit Licht,
Des Liebefriedens freundlich Licht [p. 234, 236]
zu besingen. Auf diesen sechs Seiten wird uns wohl zumute. Die
"Liebe" kommt sechzehnmal, das "Licht" siebenmal, die "Sonne"
fünfmal, die "Freiheit" achtmal vor, von den "Sternen",
"Klarheiten", "Tagen", "Wonnen", "Freuden", "Frieden", "Rosen",
"Gluten", "Wahrheiten" und sonstigen untergeordneten Würzen des
Daseins gar nicht zu sprechen. Wenn man das
#287# Die wahren Sozialisten
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Glück gehabt hat, s o besungen zu werden, so kann man wahrlich
in Frieden in die Grube fahren.
Doch was halten wir uns bei Stümpern auf, sobald wir Meister wie
Herr Rudolf Schwerdtlein und Ursa Major betrachten können! Über-
lassen wir alle jene zwar liebenswürdigen, aber doch noch sehr
unvollkommnen Versuche ihrem Schicksal und wenden wir uns der
Vollendung der sozialistischen Poesie zu!
Herr Rudolf Schwerdtlein singt:
"Frisch auf"
Wir sind die Reiter des Lebens. Hurra (ter 1*))
Wohin, Ihr Reiter des Lebens?
Wir reiten in den Tod. Hurra!
Wir blasen in die Trompete. Hurra (ter)
Was schmettert Ihr in die Trompete?
Wir schmettern, wettern Tod. Hurra!
Das Heer blieb weit dahinter. Hurra (ter)
Was macht Eu'r Heer dahinter?
Es schläft den ew'gen Schlaf. Hurra!
Horch! Blasen nicht die Feinde? Hurra (ter)
O weh, Ihr armen Trompeter!
Jetzt reiten wir in den Tod. Hurra! [p. 199, 200.]
O weh, du armer Trompeter! - Man sieht, der Reiter des Lebens
reitet nicht nur mit lachendem Mut in den Tod, er reitet auch
ebenso kecklich in den dicksten Unsinn hinein, in dem er sich so
wohl befindet wie die Laus in der Schafwolle. Ein paar Seiten
weiter gibt der Reiter des Lebens "Feuer":
Wir sind so weise, wissen tausend Dinge,
Der Fortschritt hat's so rasend weit gebracht --
Doch kannst Du rudernd keine Welle kräuseln,
Daß Dir nicht Geister um die Ohren säuseln, [p. 204.]
Es ist zu wünschen, daß dem Reiter des Lebens recht bald ein
handfester K ö r p e r "um die Ohren säuseln" möge, um ihm die
Geistersäuselei zu vertreiben.
Beiß in den Apfel! Zwischen Frucht und Zähnen
Steigt ein Gespenst Dir allsogleich hervor;
Faß' einen Renner bei den starken Mähnen,
Es bäumt ein Geist sich mit des Hengstes Ohr -
-----
1*) dreimal
#288# Friedrich Engels
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dem Reiter des Lebens "bäumt" sich auch etwas zu beiden Seiten
des Kopfes,! aber es ist nicht "des Hengstes Ohr" -
Gedanken schießen um Dich, wie Hyänen,
Umarmst Du die, die sich Dein Herz erkor.
Es geht dem Reiter des Lebens wie ändern tapfern Kriegshelden.
Den Tod fürchtet er nicht, aber "Geister", "Gespenster" und be-
sonders "Gedanken" machen ihn zittern wie Espenlaub. Um sich vor
ihnen zu retten, beschließt er, die Welt in Brand zu stecken,
"den allgemeinen Weltbrand zu wagen":
Zertrümmern ist die große Zeitparole,
Zertrümmern ist des Zwiespalts einz'ge Schlichtung;
Auf daß der Körper und der Geist verkohle
Zu gründlicher Natur- und Wesens-Sichtung;
Und wie das Erz im Tiegel, also hole
Die Welt im Feuer sich die Neu-Verdichtung.
Der Dämon nach dem Feuer-Weltgerichte
Ist der Beginn der neuen Weltgeschichte, [p. 206.]
Der Reiter des Lebens hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Der
Zwiespalt der einz'gen Schlichtung in der großen Zeitparole
gründlicher Natur- und Wesenssichtung ist eben, daß das Erz im
Tiegel zum Körper und zum Geist verkohle, d. h., das Zertrümmern
der neuen Weltgeschichte ist die Neuverdichtung des Feuer-Weltge-
richtes oder mit ändern Worten, der Dämon hole die Welt im Feuer
des Beginns.
Nun zu unserm alten Freunde Ursa Major. Wir erwähnten die Hille-
riade schon. Diese beginnt mit einer großen Wahrheit:
Du Gottes-Gnaden-Volk begreifst es nicht,
Wie schlimm es ist, als L u m p die Welt zu grüßen;
M a n w i r d' s n i e l o s. [p. 256.]
Nachdem wir dann die ganze Jammerhistorie mit den kleinsten De-
tails haben anhören müssen, bricht Ursa Major abermals in "Heu-
chelei" aus:
Wehe, wehe Dir, Du arge, böse Welt -
Fluch, ew'ger Fluch Dir! Du verdammtes Geld!
Nicht ohne Dich war dieser Mord gescheh'n,
Nicht ohne Euch, ihr reichen Ungeheuer! -
Der Kinder Blut kommt über Euch allein!
Die Wahrheit spricht aus meinem Dichtermunde,
Ich schleud're sie Euch ins Gesicht hinein,
Und harre auf den Schlag der Rachestunde! [p. 262.]
#289# Die wahren Sozialisten
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Sollte man nicht meinen, Ursa Major begehe hier die erschreck-
lichste Tollkühnheit, indem er den Leuten "Wahrheiten aus seinem
Dichtermunde ins Gesicht schleudert"? Aber man beruhige sich, man
zittere nicht für seine Leber und seine Sicherheit. Die Reichen
tun dem großen Bären ebensowenig etwas, als der große Bär ihnen
etwas tut. Aber, meint dieser, man hätte den alten Hiller entwe-
der köpfen lassen müssen oder:
Den weichsten Flaum auf Erden unters Haupt
Des Mörders mußtet ihr sorgfältig legen,
Damit er, was ihr Liebes ihm geraubt,
Im festen Schlaf vergesse - euch zum Segen.
Und wenn er wachte, mußten um ihn her
Z w e i h u n d e r t Harfen schwirren süße Klänge,
Damit der Kinder Röcheln nimmermehr
Sein Ohr zerreiße und sein Herz zersprenge.
Und andres noch zur Sühne - was es sei,
Das Lieblichste, was Liebe kann ersinnen -
Vielleicht dann wurdet ihr der Untat frei,
Und konntet euch Gewissensruh gewinnen, (p. 263.)
Das ist, in der Tat, die Bonhomie aller Bonhomien, die Wahrheit
des wahren Sozialismus! "Euch zum Segen!" "Gewissensruh!" Ursa
Major wird kindisch und erzählt Ammenmärchen. Daß er noch immer
"auf den Schlag der Rachestunde harrt", ist bekannt.
Aber noch viel heiterer als die Hilleriade sind die
"Friedhofsidyllen". Erst sieht er einen armen Mann begraben und
hört die Klagen seiner Witwe, dann einen jungen im Kriege gefal-
lenen Soldaten, seines greisen Vaters einzige Stütze, dann ein
von seiner Mutter ermordetes Kind und schließlich einen reichen
Mann. Als er das alles gesehen hat, fängt er an zu "denken", und
... meine Blicke wurden hell und klar
Und strahlend drangen sie tief in die Grüfte; [p. 284]
leider wurden sie nicht "klar", um "tief in" seine Verse zu drin-
gen.
Geheimnisvollstes ward mir offenbar.
Dafür blieb ihm das, was aller Welt "offenbar" ist, nämlich die
erschreckliche Nichtswürdigkeit seiner Verse, vollkommen
"geheimnisvoll". Und der klarsehende Bär sah, "wie im Fluge
schier die größten Wunder sich begaben". Die Finger des armen
Mannes werden Korallen, seine Haare Seide, und dadurch kommt
seine Witwe zu großem Reichtum. Aus dem Grabe des Soldaten ent-
springen Flammen, die den Palast des Königs verschlingen. Aus
#290# Friedrich Engels
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dem Grabe des Kindes entsprießt eine Rose, deren Duft bis in den
Kerker der Mutter dringt - und der reiche Mann wird vermöge der
Seelenwanderung zu einer Natter, welche Ursa Major sich das Pri-
vatvergnügen vorbehält, durch seinen jüngsten Sohn zertreten zu
lassen! Und so, meint Ursa Major, "wird uns allen doch Unsterb-
lichkeit".
Übrigens hat unser Bär doch Courage, p. 273 fordert er "sein Un-
glück" mit Donnerstimme heraus; er trotzt ihm, denn:
Ein starker Löwe mir im Herzen sitzt -
Er ist so mutig, ist so groß und schnell -
Sei Du vor seinen Krallen auf der Hut!
Ja, Ursa Major "fühlt Kampfeslust", "fürchtet Wunden nicht".
Geschrieben Januar bis April 1847.
Nach der Handschrift.
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