Quelle: MEW 4 Mai 1846 - März 1848


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       #248#
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       Friedrich Engels
       
       Die wahren Sozialisten [131]
       
       Seit die obigen Schilderungen wahrer Sozialisten geschrieben wur-
       den, sind  mehrere Monate verflossen. Während dieser Zeit hat der
       wahre Sozialismus,  der bisher  nur vereinzelt,  hie und  da auf-
       tauchte, einen  großartigen Aufschwung  genommen. Er hat in allen
       Teilen des  Gesamtvaterlandes Vertreter gefunden, er hat sich so-
       gar zu einer gewissen literarischen Parteibedeutung emporgehoben.
       Noch mehr,  er sondert  sich bereits in mehrere Gruppen, die zwar
       durch das  gemeinsame Band  deutscher Innigkeit und Wissenschaft-
       lichkeit, durch gemeinsame Bestrebungen und Zwecke eng verbunden,
       die aber  doch durch  die besondre Individualität einer jeden be-
       stimmt voneinander  geschieden sind.  Auf diese  Weise  ist  "die
       chaotische Lichtmasse",  wie Herr  Grün so schön sagt, des wahren
       Sozialismus mit  der Zeit in eine "geordnete Helle" übergegangen;
       sie hat  sich zu Sternen mit Sterngruppen konzentriert, bei deren
       mildem, ruhig  strahlendem Schein der deutsche Bürger seinen Plä-
       nen für  redliche Erwerbung  eines kleinen  Vermögens und  seinen
       Hoffnungen für  Hebung der niederen Volksklassen sorglos nachhän-
       gen kann.
       Wir dürfen vom wahren Sozialismus nicht scheiden, ohne vorher we-
       nigstens die  entwickeltsten dieser  Gruppen näher  beobachtet zu
       haben. Wir  werden sehen,  wie jede  von ihnen,  anfangs  in  der
       Milchstraße der  allgemeinen Menschenliebe  verschwimmend,  durch
       die eintretende  saure Gärung,  die "wahre  Begeisterung für  die
       Menschheit" (wie  Herr Dr.  Lüning, gewiß eine kompetente Autori-
       tät, sich  ausdrückt), sich  als besondre Flocke konstituiert und
       von den  bürgerlich-liberalen Molken  scheidet; wie sie dann eine
       Zeitlang als  Nebelfleck am sozialistischen Himmel figuriert, wie
       der Nebelfleck  an Größe  und Helligkeit  zunimmt und schließlich
       gleich einer Rakete sich in eine blendende Gruppe von Sternen und
       Sternbildern zerteilt.
       Die älteste,  am frühsten  selbständig entwickelte Gruppe ist die
       des   w e s t f ä l i s c h e n  S o z i a l i s m u s.  Dank den
       überaus wichtigen Händeln dieser Gruppe mit der königlich preußi-
       schen Polizei, dank dem Eifer dieser westfälischen
       
       #249# Die wahren Sozialisten
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       Fortschrittsmänner für  Öffentlichkeit, hat das deutsche Publikum
       den Gewinn  gehabt, die  ganze Geschichte  dieser Gruppe  in  der
       "Kölnischen ..  ." [132],  "Trier'schen .,." [26] und andern Zei-
       tungen lesen  zu können. Wir brauchen hier daher nur das Nötigste
       zu erwähnen.
       Der westfälische  Sozialismus ist in der Gegend von Bielefeld, im
       Teutoburger Walde  zu Hause.  Die Zeitungen enthielten ihrer Zeit
       geheimnisvolle Andeutungen  über den  mystischen Charakter seiner
       frühesten Epoche.  Aber bald  überschritt er die Stufe des Nebel-
       flecks; mit dem ersten Hefte des "Westphälischen Dampfboots" [31]
       erschloß er  sich und  zeigte dem erstaunten Auge ein Heer schim-
       mernder Sterne. Wir befinden uns im Norden des Äquators und, sagt
       ein alter Reim:
       
       Im Norden sind zu sehn der  W i d d e r  und der  S t i e r,
       Die   Z w i l l i n g,    K r e b s    und    L e u,  samt  einer
       J u n g f r a u  Zier.
       
       Die Existenz  der "Jungfrauen"  wurde schon  früh von  der "guten
       Presse" behauptet; der "Leu" war ebenderselbe Hermann der Cherus-
       ker, der bald, nachdem der westfälische Nebelfleck sich erschlos-
       sen, seine  trauten Freunde  verließ und  nunmehr als Volkstribun
       [133] von  Amerika herüber  seine blonden Mähnen schüttelt. Nicht
       gar zu  lange  darauf  ist  ihm  der  Krebs  "wegen  unangenehmer
       Wechselgeschichten" gefolgt, wodurch der westfälische Sozialismus
       zwar Witwe wurde, aber darum nicht minder das Geschäft fortsetzt.
       Von den  Zwillingen ist der eine ebenfalls nach Amerika gegangen,
       um eine  Kolonie zu stiften; während er dort abhanden kam, erfand
       der zweite  "die Volkswirtschaft in ihrer zukünftigen Gestaltung"
       (vgl. Lüning,  "Dies Buch  gehört dem  Volke", II. Jahrg.) [134].
       Alle diese verschiedenen Figuren sind indes verhältnismäßig unbe-
       deutend. Das  Gewicht der  Gruppe konzentriert sich im Widder und
       im Stier,  diesen echt westfälischen Gestirnen, unter deren Obhut
       das "Westphälische  Dampfboot" sicher  die  Wogen  durchschneidet
       [135].
       Das "Westphälische  Dampfboot" hielt sich eine lange Zeit auf dem
       mode simple 1*) des wahren Sozialismus. "Es verging kein Stund in
       der Nacht" [136], wo es nicht bittre Tränen vergoß über das Elend
       der leidenden  Menschheit. Es  predigte das  Evangelium vom  Men-
       schen, vom  wahren Menschen,  vom wahren wirklichen Menschen, vom
       wahren wirklichen  leibhaftigen Menschen  aus Leibeskräften,  und
       die waren  freilich nicht  sonderlich groß.  Es hatte ein weiches
       Gemüt und  liebte Milchreis  mehr als  spanischen Pfeffer.  Daher
       trug seine  Kritik einen  sehr sanftmütigen  Charakter und schloß
       sich lieber an gleich barmherzige, liebevolle Rezensenten an, als
       an die  neuerdings aufkommende  herzlose, kalte Schärfe der Beur-
       teilung. Aber es hatte ein weites Herz bei
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       1*) einfache Art
       
       #250# Friedrich Engels
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       wenig Courage,  und so  fand selbst die gefühllose "Heilige Fami-
       lie" [29] Gnade vor seinen Augen. Mit der größten Gewissenhaftig-
       keit berichtete es über die verschiedenen Phasen der Bielefelder,
       Münsterschen usw.  Lokalvereine zur  Hebung der arbeitenden Klas-
       sen. Größte  Aufmerksamkeit wurde  den wichtigen  Ereignissen  im
       Bielefelder Museum gewidmet. Und damit ja der westfälische Bürger
       und Landmann  erfahre, was  die Glocke  geschlagen, wurden in dem
       monatlichen Überblick  der "Weltbegebenheiten"  am  Schluß  jeder
       Nummer dieselben  Liberalen belobt,  die in  den übrigen Artikeln
       der Nummer  angegriffen worden  waren. Nebenbei  teilte  man  dem
       westfälischen Bürger und Landmann noch mit, wann die Königin Vic-
       toria niedergekommen war, in Ägypten die Pest wütete und die Rus-
       sen im Kaukasus eine Schlacht verloren hatten.
       Man sieht,  das "Westphälische  Dampfboot" war  eine Zeitschrift,
       die auf  den Dank  aller Wohlgesinnten  und auf das überquellende
       Lob des  Herrn Fr. Schnake im "Gesellschaftsspiegel" [137] vollen
       Anspruch machen durfte. Der Stier redigierte mit dem lächelndsten
       Behagen auf  der marschigen  Weide des  wahren Sozialismus herum.
       Wenn ihm  auch  der  Zensor  zuweilen  ins  Fleisch  schnitt,  so
       brauchte er  doch nie  zu seufzen: "es war die beste Stelle"; der
       westfälische Stier  war ein  Zugstier und kein Zuchtstier. Selbst
       der "Rheinische  Beobachter" [138]  hat  nie  gewagt,  weder  dem
       "Westphälischen Dampfboot"  im  allgemeinen  noch  dem  Dr.  Otto
       Lüning im  besondern ein  Attentat auf  die  Sittlichkeit  vorzu-
       werfen. Kurz,  man konnte  wähnen, das "Dampfboot", das, seit ihm
       die Weser  verboten wurde,  nur noch  auf dem  mythisch unter die
       Sterne  versetzten  Flusse  Eridanus  [139]  schwimmt  (denn  bei
       Bielefeld fließt  kein andres  Wasser)·- das "Dampfboot" habe den
       höchsten Grad menschlicher Vollkommenheit erreicht.
       Aber in allen seinen bisherigen Efforts hatte das "Dampfboot" nur
       die einfachste Phase des wahren Sozialismus entwickelt. Gegen den
       Sommer des  Jahres 1846 trat es aus dem Zeichen des Stiers heraus
       und näherte  sich dem  des Widders,  oder vielmehr, um historisch
       richtiger zu  sprechen, der  Widder näherte  sich ihm. Der Widder
       war ein  gereister Mann  und stand  vollständig auf  der Höhe der
       Zeit. Er erklärte dem  Stier, wie es jetzt in der Welt eigentlich
       aussehe, daß  die "wirklichen  Verhältnisse" jetzt die Hauptsache
       seien, und  daß man  deshalb eine  neue Wendung machen müsse. Der
       Stier war  vollkommen einverstanden, und von diesem Augenblick an
       bietet das  "Westphälische Dampfboot"  ein noch viel erhebenderes
       Schauspiel dar: den mode composé 1*) des wahren Sozialismus.
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       1*) die zusammengesetzte Art
       
       #251# Die wahren Sozialisten
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       "Der Widder  und der  Stier" glaubten  diese graziöse  Tour nicht
       besser ausführen  zu können  als durch  den Abdruck unsrer Kritik
       des New-Yorker  "Volks-Tribunen" [140],  die wir diesem Blatte im
       Manuskript eingeschickt  hatten und  die von ihm aufgenommen war.
       Das "Dampfboot", das sich jetzt nicht scheute, auf seinen eignen,
       weit in Amerika befindlichen Leuen anzuschlagen (der mode composé
       des wahren Sozialismus gibt bei weitem mehr Keckheit als der mode
       simple), das  "Dampfboot" war  übrigens pfiffig  genug,  folgende
       menschenfreundliche Bemerkung an obige Kritik zu knüpfen: "Sollte
       jemand im  obigen Aufsatz eine  S e l b s t k r i t i k  (?!) des
       'Dampfboots' erblicken wollen, so haben wir nichts dagegen."
       Damit ist der mode composé des wahren Sozialismus genügend einge-
       leitet, und  nun geht  es im  gestreckten Galopp vorwärts auf der
       neuen Bahn.  Der Widder,  von Natur  ein kriegerisches  Geschöpf,
       kann sich  bei der bisherigen gutmütigen Art der Kritik nicht be-
       ruhigen; dem neuen Leithammel der westfälischen Lämmerherde zuckt
       die Kampflust durch alle Glieder, und eh seine zaghafteren Genos-
       sen ihn  daran hindern können, trabt er mit gesenkten Hörnern auf
       den Dr.  Georg Schirges in Hamburg los. Der Dr. Schirges war frü-
       her gar so übel nicht angesehen bei den Lenkern des "Dampfboots",
       aber jetzt  ist das anders geworden. Der arme Dr. Schirges reprä-
       sentiert den  mode simplicissimus 1*) des wahren Sozialismus, und
       diese jüngst  noch geteilte Einfalt verzeiht ihm der mode composé
       nicht. Darum  rennt ihm  der Widder  im  Septemberheft  1846  des
       "Dampfboots" pag.  409-414 die  unbarmherzigsten Breschen  m  die
       Mauern seiner  "Werkstatt" [141].  Genießen wir  einen Augenblick
       dies Schauspiel.
       Einige wahre Sozialisten und soi-disant 2*) Kommunisten haben die
       brillanten Satiren Fouriers über die Lebensverhältnisse der Bour-
       geoisie, soweit  sie etwas  davon kennengelernt  hatten,  in  die
       Sprache der  deutschen bürgerlichen Moralität übersetzt. Sie ent-
       deckten bei dieser Gelegenheit die bereits den Aufklärern und Fa-
       beldichtern des vorigen Jahrhunderts bekannte Theorie von dem Un-
       glück der  Reichen und bekamen damit Stoff zu den unerschöpflich-
       sten moralischen Tiraden. Der Dr. Georg Schirges, noch nicht tief
       genug eingeweiht in die Mysterien der wahren Doktrin, ist keines-
       wegs der  Meinung, daß  "die Reichen ebenso unglücklich seien als
       die Armen".  Der westfälische Leithammel versetzt ihm dafür einen
       entrüsteten Stoß, wie ihn ein Mensch verdient, den "ein Gewinn in
       der Lotterie ... zum glücklichsten und zufriedensten Menschen von
       der Welt machen könnte".
       
       "Ja", ruft  unser stoischer  Widder aus,  "es ist denn doch trotz
       Herrn Schirges wahr,
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       1*) die einfältige Art - 2*) sogenannte
       
       #252# Friedrich Engels
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       daß der  Besitz nicht  ausreicht, die  Leute glücklich zu machen,
       daß ein  sehr großer  Teil unsrer Reichen sich ... nichts weniger
       als glücklich fühlt." (Du hast recht, biedrer Widder, die Gesund-
       heit ist  ein Gut, das mit keinem Golde aufzuwiegen ist.) "Hat er
       auch durch Hunger und Kälte nicht zu leiden, so gibt es doch noch
       andre Übel" (zum Beispiel venerische Krankheiten, anhaltendes Re-
       genwetter, in  Deutschland mitunter  auch Gewissensbisse), "deren
       Druck er  sich nicht entziehen kann." (Namentlich ist für den Tod
       kein Kraut gewachsen.) "Ein Blick in das Innere der meisten Fami-
       lien ...  faul und  morsch Alles  ... Der  Mann durch Börsen- und
       Handelsgeschäfte ganz  absorbiert" (beatus  ille qui procul nego-
       tiis 1*)  - es  ist erstaunlich, daß der Arme noch Zeit übrig be-
       hält, ein paar Kinder zu machen) ... "zum Sklaven des Geldes her-
       abgewürdigt" (der  Ärmste!), "die  Frau zur  inhaltslosen" (außer
       wenn sie schwanger ist), "hohlen Salondame herangebildet oder zur
       guten Hausfrau  erzogen, die  für nichts Sinn hat als für Kochen,
       Waschen und  Kinderwarten"  (spricht  der  Widder  noch  von  den
       "Reichen"?) "und  höchstens  einige  Klatschgesellschaften"  (wir
       sind, sieht  man, noch  immer auf ausschließlich deutschem Boden,
       wo die  "gute Hausfrau" die schönste Gelegenheit hat, sich dem zu
       widmen, wofür  "sie Sinn  hat"; Grund genug, höchst "unglücklich"
       zu sein);  "dabei beide  nicht selten  in einem  ununterbrochenen
       Kriege miteinander  ... selbst  das Band zwischen Eltern und Kin-
       dern wird  durch die sozialen Verhältnisse häufig zerrissen" etc.
       etc.
       
       Das schlimmste  Leiden  hat  unser  Autor  vergessen.  Ein  jeder
       "reiche" deutsche  Hausvater wird ihm sagen können, daß ehelicher
       Unfriede mit  der Zeit  ein Bedürfnis  werden, daß man ungeratene
       Kinder nach  Batavia expedieren und vergessen kann, daß aber die-
       bische und  widerspenstige Dienstboten ein unerträgliches und bei
       der um  sich greifenden  Demoralisation des  gemeinen Mannes  und
       Weibes nunmehr fast unvermeidliches "Übel" sind.
       Wenn die  Herren Rothschild,  Fulchiron und Decazes in Paris, Sa-
       muel Jones  Loyd, Baring  und Lord  Westminster in  London  diese
       Schilderung von den Trübsalen der "Reichen" läsen, wie würden sie
       den guten westfälischen Widder bemitleiden!
       
       ... "Dabei aber,  n a c h z u w e i s e n"  (wie oben geschehen),
       "daß der  Druck unserer  Verhältnisse" (namentlich  der Druck der
       Atmosphäre mit  15 Pfund  pro Quadratzoll) "auch auf dem Reichen,
       wenn auch  nicht ebenso stark, wie auf dem Armen laste, kommt das
       heraus, was  bei der Schilderung unsrer Verhältnisse und Zustände
       überhaupt herauskommt: Aufklärung für jeden, der damit bekannt zu
       werden sucht."  (Es scheint  fast, daß  bei dem  mode composé des
       wahren Sozialismus  noch weniger  "herauskommt" als  bei dem mode
       simple.) "Aus  der Unzufriedenheit  des Reichen  wird  a l l e r-
       d i n g s   keine Umwälzung  zugunsten des  Proletariers  hervor-
       gehen,   dazu   gehören   mächtigere   Triebfedern"   (namentlich
       S c h r e i b federn);  "a u c h  ist es mit dem: 'Seid umschlun-
       gen Millionen, diesen Kuß der ganzen Welt' [142] - nicht abgetan;
       a b e r ebensowenig
       -----
       1*) glückselig,  wer  dem  Treiben  der  Geschäfte  fern  (Horaz,
       "Epodon", Ode II, Vers 1)
       
       #253# Die wahren Sozialisten
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       nützt es,  sich mit Flickwerk und Palliativmittelchen" (etwa Ver-
       söhnungsversuchen in der obigen unglücklichen Haushaltung) "abzu-
       quälen und  darüber das Große, die wirklichen Reformen" (wohl die
       Ehescheidung) "ganz zu vergessen."
       
       Der Zusammenhang des obigen "allerdings" mit den folgenden "auch,
       und "aber  ebensowenig" liefert  "allerdings" ein beklagenswertes
       Beispiel von der Verwirrung, welche durch den Übergang vom einfa-
       chen zum zusammengesetzten wahren Sozialismus im Kopf eines West-
       falen herbeigeführt  wird; "auch" wird sich unsre Betrübnis nicht
       vermindern, wenn  wir auf  der nächsten Seite (p. 413) lesen, daß
       "in den  politisch entwickelten Ländern ...  e i n  Z u s t a n d
       ohne alle  Schranke besteht";  "aber ebensowenig"  spricht es für
       die geschichtlichen  Kenntnisse  des  westfälischen  Sozialismus,
       wenn nach  derselben Seite   "d e r   E g o i s m u s  ... in der
       glänzendsten Zeit der Revolution, in der Zeit des Konventes sogar
       n i c h t   s e l t e n   b e s t r a f t   w u r d e"   -  wahr-
       scheinlich mit  Stockprügeln. Doch  "wir haben  keinen Grund, von
       dem ferneren  Wirken 'unsres  Widders' Besseres  zu erwarten, und
       werden deshalb wohl sobald nicht wieder auf ihn zurückkommen".
       Sehen wir  uns lieber  nach dem Stier um. Dieser beschäftigt sich
       inzwischen  milden   "Weltbegebenheiten"  [143],   wirft  p.  421
       (Septemberheft 1846)  "lauter wohl  aufzuwerfende Fragen" auf und
       stürzt sich  köpflings in  diejenige Politik,  welcher  nach  dem
       "Charivari" Herr  Guizot den Spitznamen der "großen" gegeben hat.
       Auch hier  ist der Fortschritt gegen die frühere Periode des ein-
       fachen Sozialismus augenscheinlich. Ein paar Proben:
       Es ist  das Gerücht  nach Westfalen gedrungen, daß die preußische
       Regierung durch  die Geldnot,  in der  sie  sich  befindet,  sehr
       leicht  zur   Oktroyierung  einer  Konstitution  genötigt  werden
       könnte. Zugleich  berichten die Zeitungen von der an der Berliner
       Börse herrschenden  Geldnot. Unser westfälischer Zugstier, der in
       der politischen Ökonomie eben nicht stark ist, identifiziert tout
       bonnement 1*)  die Geldnot  der Berliner   R e g i e r u n g  mit
       der  ganz   verschiedenen  Geldnot  der  Berliner    C o m m e r-
       ç a n t s  2*) und entwickelt folgende tiefblickende Hypothese:
       
       "... als vielleicht noch in diesem Jahre die Provinzialstände als
       Reichsstände zusammenberufen  werden.   D e n n   die Geldnot ist
       noch immer  dieselbe, die Bank scheint ihr nicht abhelfen zu kön-
       nen.  J a,  es könnten  s o g a r  die begonnenen und projektier-
       ten Eisenbahnbauten ernstlich durch den Geldmangel gefährdet wer-
       den,  in     w e l c h e m     F a l l e    d a n n    der  Staat
       l e i c h t"   (o sancta simplicitas! 3*)) "zur Übernahme einzel-
       ner Linien  veranlaßt sein  könnte" (äußerst  scharfsinnig), "was
       wieder ohne Anleihe nicht möglich ist."
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       1*) ohne weiteres - 2*) Kaufleule - 3*) o heilige Einfalt!
       
       #254# Friedrich Engels
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       Letzteres ist  sehr wahr.  In dem  biedern Westfalen  glaubt  man
       wirklich noch unter einer väterlichen Regierung zu stehen. Selbst
       unser extremer  Sozialist im  mode composé  traut der preußischen
       Regierung die  Naivität zu,  eine Konstitution  zu geben, bloß um
       durch eine  auswärtige Anleihe der Berliner Börsenklemme abzuhel-
       fen - glücklicher Köhlerglaube!
       Die feine  Nase unsres westfälischen Zugstiers zeigt sich aber am
       feinsten in  seinen Glossen  über auswärtige Politik. Vor einigen
       Monaten roch  der mode  composé des  wahren Sozialismus  folgende
       neue Pariser  und Londoner Mysterien, die wir zur Erheiterung des
       Lesers mitteilen wollen:
       
       Septemberheft:
       Frankreich. -  "Das Ministerium  ist siegreich aus dem Wahlkampfe
       hervorgegangen, wie  das nicht  anders zu  erwarten war"  (wo hat
       wohl je  ein Westfale  etwas "anders"  erwartet, als "zu erwarten
       war"?). "Mag  es immerhin  alle Hebel  der Korruption in Bewegung
       gesetzt, mag  es das  Henrische Attentat...  genug, die   a l t e
       Opposition (Thiers, Barrot) hat eine bedeutende Niederlage erlit-
       ten.   A b e r  auch Herr Guizot wird nicht mehr auf eine so kom-
       pakte, konservative  und ministeriell  quand même  1*) votierende
       Partei zählen  können;   d e n n auch die konservative Partei ist
       in zwei  Abteilungen zerfallen,  in die  conservateurs bornés 2*)
       mit den  Journalen 'Debats' und 'Epoque' und in die conservateurs
       progressifs 3*),  deren  Organ  die  'Presse'  ist."  (Der  Stier
       vergißt nur,  daß Herr  Guizot höchstselbst  in seiner  Rede  vor
       seinen Wählern  zu Lisieux  [144]  z u e r s t  die Redensart vom
       progressiven  Konservatismus  ausbeutete.)    "Ü b e r h a u p t"
       (hier fängt  die  oben  schon  beim  Widder  bemerkte  sonderbare
       Zusammenhanglosigkeit  wieder   an,  "wie  das  nicht  anders  zu
       erwarten war")  "werden wohl  die abstrakt-politischen Parteifra-
       gen, die  sich nur  darum drehten, ob Thiers Minister sein sollte
       oder Guizot"  (das nennt  man in  Westfalen  "abstrakt-politische
       Parteifragen", und  dort glaubt  man noch, es habe sich bisher in
       Frankreich   "n u r   d a r u m gedreht"!), "etwas in den Hinter-
       grund gedrängt  werden. Die  Nationalökonomen Blanqui ... sind in
       die Kammer  gewählt, und  mit ihnen  werden dort  auch wohl" (zur
       Aufklärung der  Westfalen) "nationalökonomische Fragen aufs Tapet
       kommen" (was  man in  Westfalen wohl für eine Vorstellung von den
       "Fragen" haben  mag, die  bisher "dort  auf dem Tapet" waren!). -
       Pag. 426, 427.
       
       Frage: Warum  besteht die  englische Aristokratie  auf den  Peit-
       schenhieben für die Soldaten? Antwort:
       
       "Will man  die Prügel abschaffen, so muß man ein andres Rekrutie-
       rungssystem anordnen,  und   h a t   m a n  b e s s e r e  S o l-
       d a t e n,   s o   b r a u c h t   m a n   a u c h  b e s s e r e
       O f f i z i e r e  (!!), die ihre Stelle dem Verdienste verdanken
       und nicht  dem Kaufe oder der Gunst.  D e s h a l b  ist die Ari-
       stokratie gegen  'die Abschaffung  der Peitschenhiebe',  weil sie
       dadurch ein neues Bollwerk, die Versorgung ihrer jüngeren Söhne',
       verliert. Die  Mittelklasse verfolgt  aber ihren  Vorteil Schritt
       vor Schritt und wird auch hier noch den Sieg erringen."
       1*) - trotz allem - 2*) eingefleischten Konservativen - 3*) fort-
       schrittlichen Konservativen
       
       #255# Die wahren Sozialisten
       -----
       (Welche Mythen! Die Feldzüge der Engländer in Indien, Afghanistan
       etc. beweisen, daß sie vorderhand keine "besseren Offiziere brau-
       chen", und die englische Mittelklasse wünscht weder bessere Offi-
       ziere noch bessere Soldaten, noch ein andres Rekrutierungssystem,
       noch  hegt   ihr  viel  an  der  Abschaffung  der  Peitsche.  Das
       "Dampfboot" wittert  aber seit einiger Zeit in England nichts an-
       dres als Kampf der Mittelklasse und der Aristokratie.) Pag. 428.
       
       Oktoberheft:
       Frankreich. - "Herr Thiers hat sein langjähriges Organ, den 'Con-
       stitutionnel' verloren;  das Blatt  ist von  einem  konservativen
       Deputierten gekauft  und wird nun langsam und unmerklich" (aller-
       dings nur für den mode composé des wahren Sozialismus "merklich")
       "ins konservative  Lager hinübergeleitet.  Herr Thiers, der schon
       früher gedroht  hat, wenn  man es ihm gar zu arg machte, so würde
       er seine  alte Feder  vom 'National' wieder ergreifen, soll jetzt
       wirklich den 'National' gekauft haben."
       
       (Leider war  der - 'National' von 1830" ein ganz anderer, konsti-
       tutioneller und  orleanistischer "National"  als der republikani-
       sche "'National'  von 1834",  den Herr Thiers Anno 1846 "wirklich
       gekauft haben  soll". Es  ist übrigens ein unverantwortlicher Bu-
       benstreich an  dem "Dampfboot" verübt worden. Irgendein gewissen-
       loser Bösewicht  und Feind  der guten Sache hat dem Redakteur ei-
       nige Blätter  des "Corsaire-Satan"  .[145] zugeschoben,  und  nun
       druckt das  "Dampfboot" die in diesem für westfälische Leser kei-
       neswegs hinreichend  moralischen  Blatte  figurierenden  Tagesge-
       rüchte bona  fide 1*)  als Orakel  ab. Wie konnte das "Dampfboot"
       auch bezweifeln,  daß ein "Corsaire-Satan" nicht wenigstens eben-
       soviel sittlichen  Gehalt und Bewußtsein des erhabenen Berufs der
       Presse habe, wie es selbst?)
       
       "Ob Herr Thiers durch diesen Schritt zu den Republikanern überge-
       treten ist, wird sich zeigen."
       
       Ehrlicher Cherusker, dies "Ob" verdankst Du nicht dem "Corsaire";
       cela sent  la forêt teutobourgienne d'une lieue 2*)! - Dafür aber
       läßt er  sich vom  "Corsaire", der für die Handelsfreiheit Partei
       ergriffen hat, verleiten, der Agitation für den libre échange 3*)
       in Frankreich einen Erfolg und eine Wichtigkeit zu geben, die sie
       bei weitem nicht hat.
       
       "Unsre Voraussagungen,  daß alle  industriellen Länder  denselben
       Gang gehen und zu demselben Ziele gelangen müssen wie England ...
       scheinen also  doch nicht so ganz unrichtig zu sein, da sie jetzt
       verwirklicht werden. Und wir 'unpraktischen Theoretiker' scheinen
       also doch  die    w i r k l i c h e n    V e r h ä l t n i s s e"
       (hurra!) "ebensogut zu kennen
       ------
       1*) in gutem Glauben - 2*) das riecht meilenweit nach Teutoburger
       Wald - 3*) Freihandel
       
       #256# Friedrich Engels
       -----
       und besser  zu beurteilen  als die 'praktischen Männer', die sich
       so gerne  mit ihrer Erfahrung, mit ihrer Kenntnis der praktischen
       Zustände breitmachen."
       
       Unglückliche  teutoburgische   "Theoretiker"!  Nicht  einmal  die
       "wirklichen  Verhältnisse"   des  "Corsaire-Satan"  "kennt"  ihr!
       (Diese schönen Sachen finden sich p. 479.)
       
       Novemberheft:
       Frankreich. -  "Vergebens zerbrechen sich die Gelehrten die Köpfe
       darüber, woher  diese so  häufig wiederkehrenden Überschwemmungen
       rühren mögen.  Früher wurden   d u r c h   e i n e n   M a c h t-
       s p r u c h   d e r   A k a d e m i e  die rauschenden Wälder auf
       den Bergen als  U r s a c h e n  d e s  Ü b e l s  niedergehauen,
       nachher wurden  sie wieder  angepflanzt, und  das Übel blieb das-
       selbe." Pag. 522.
       
       "Vergebens" würden  "sich die Gelehrten die Köpfe darüber zerbre-
       chen", wo  hier der größte Unsinn steckt: I. glaubt der Westfale,
       in Frankreich könne die Akademie Machtsprüche tun und Wälder nie-
       derhauen lassen;  2. glaubt  er, die  Wälder seien  niedergehauen
       nicht um  des Holzes und seines Geldertrags, sondern um der Über-
       schwemmungen willen;  3. glaubt er, die Gelehrten zerbrächen sich
       die Köpfe  über die  Ursachen dieser  Überschwemmungen; 4. glaubt
       er, die  W ä l d e r  seien jemals für eine Ursache derselben an-
       gesehen worden,  wo in Frankreich jedes Kind weiß, daß gerade die
       A u s r o t t u n g   d e r   W ä l d e r  diese Ursache ist, und
       5. glaubt  er, die  Wälder seien wieder angepflanzt, während nir-
       gend so  sehr über  Forstvernachlässigung und  immer  fortschrei-
       tende, um  Reproduktion unbekümmerte  Entholzung der  Forsten ge-
       klagt wird  als gerade  in Frankreich  (vgl. außer  den Fachzeit-
       schriften die  "Réforme", "National",  "Démocratie pacifique" und
       andre Oppositionsblätter  vom Oktober  und  November  1846).  Der
       westfälische Stier  hat in  jeder Beziehung Unglück. Folgt er dem
       "Corsaire-Satan", so  verwickelt er  sich; folgt er seinem eignen
       Genius, so verwickelt er sich ebenfalls.
       Der wahre  Sozialismus in  seiner zweiten Potenz hat, wie wir se-
       hen, auf  dem Felde der höheren Politik Großes geleistet. Welcher
       Scharfblick, welche  Kombination gegenüber den früheren Berichten
       über die  "Weltbegebenheiten"!  Welche  gründliche  Kenntnis  der
       "wirklichen Verhältnisse"!  Das wichtigste "wirkliche Verhältnis"
       ist aber  für das  "Dampfboot" die Stellung der königlich preußi-
       schen Offiziere.  Der seit einiger Zeit in der deutschen periodi-
       schen Presse unvermeidliche Leutnant Anneke, die wichtige Diskus-
       sion im  Bielefelder Museum  wegen des  Degentragens, die  daraus
       entstehenden ehrengerichtlichen Prozesse usw. machen den Hauptin-
       halt des Oktober- und Novemberheftes aus. Auch über die nicht zu-
       stande gekommene
       
       #257# Die wahren Sozialisten
       -----
       "Deutsche Zeitung",  das im  siebzehnten Jahrhundert zugrunde ge-
       gangene und  von Monteil  geschilderte französische Bettlerkönig-
       reich [146]  und andere  gleich "wirkliche" Verhältnisse erhalten
       wir interessante  Aufschlüsse. Dazwischen treibt sich von Zeit zu
       Zeit ein  Multiplikationskreuz [147]  herum, das noch vollständig
       den mode  simple des wahren Sozialismus repräsentiert und mit der
       größten Unbefangenheit alle seine Stichworte haufenweise von sich
       gibt: deutsche Theorie und französische Praxis sollen sich verei-
       nigen, der  Kommunismus soll durchgesetzt werden,  d a m i t  der
       Humanismus durchsetzbar  sei (p.  455-58) usw.  Von Zeit  zu Zeit
       entwischt dem Widder oder dem Stier selbst noch eine ähnliche Re-
       miniszenz, ohne indes die göttliche Harmonie der "wirklichen Ver-
       hältnisse'" im geringsten zu stören.
       Verlassen wir jetzt das Gros der westfälischen Armee, um den Evo-
       lutionen eines detachierten Korps zu folgen, das sich im gesegne-
       ten Wuppertal  unter dem  Unterrock einer  massiven Nemesis [148]
       verschanzt hat.  Seit längerer  Zeit hat  ein Herr Fr. Schnake in
       der Rolle  des   P e r s e u s   dem Publikum  den Gorgonenschild
       [149] des  "G e s e l l s c h a f t s s p i e g e l s"  vorgehal-
       ten und zwar mit solchem Erfolge, daß nicht nur das Publikum über
       dem  "Gesellschaftsspiegel",  sondern  auch  der  "Gesellschafts-
       spiegel" über  dem Publikum  eingeschlafen ist. Unser Perseus ist
       aber ein  Spaßvogel.  Nachdem  er  dies  beneidenswerte  Resultat
       erreicht, zeigt  er (letztes  Heft, letzte  Seite) an: 1. daß der
       "Gesellschaftsspiegel" entschlafen  sei, 2.  daß man, um Verzöge-
       rungen zu  vermeiden, ihn  künftig am  besten durch  die  P o s t
       beziehe. Womit er, unter Verbesserung seiner letzten Druckfehler,
       sein Exit nimmt.
       Man sieht  schon aus dieser Berücksichtigung der "wirklichen Ver-
       hältnisse", daß  wir es auch hier mit dem mode composé des wahren
       Sozialismus zu  tun haben.  Es ist  indes ein  bedeutender Unter-
       schied zwischen  dem Widder und dem Stier und unsrem Perseus. Man
       muß dem  Widder und  dem Stier  das Zeugnis  geben, daß  sie  den
       "wirklichen Verhältnissen",  nämlich denen  Westfalens und  über-
       haupt Deutschlands, möglichst treu bleiben. Beweis die obige Jam-
       merszene des  Widders, Beweis  die gemütlichen  Schilderungen des
       Stiers -  die oben  übergangen werden  mußten - aus dem deutschen
       politischen Leben.  Sie haben  aus dem  mode simple besonders die
       einfache, ungeschminkte  Kleinbürgerlichkeit, die deutsche Reali-
       tät auf  ihren neuen  Standpunkt mitgenommen;  die Geltendmachung
       des Menschen,  der deutschen Theorie usw. bleibt allerhand Multi-
       plikationskreuzen und  sonstigen  untergeordneten  Sternen  über-
       lassen. Beim "Gesellschaftsspiegel" ist es gerade umgekehrt. Hier
       entäußert sich  der Heerführer  Perseus möglichst  der  kleinbür-
       gerlichen Realität,  die er  seinem Gefolge  auszubeuten überläßt
       und schwingt  sich, der  Mythe getreu,  hoch  in  die  Lüfte  der
       deutschen Theorie. Er kann um so eher
       
       #258# Friedrich Engels
       -----
       den "wirklichen  Verhältnissen" einige  Geringschätzung beweisen,
       als er auf einem viel bestimmteren Standpunkt steht. Repräsentie-
       ren die  unmittelbar westfälischen  Gestirne den mode composé, so
       ist Perseus  tout ce  qu'il y a de plus composé en Allemagne 1*).
       In seinem kühnsten ideologischen Fluge steht er dennoch stets auf
       der "materiellen  Basis", und  dies sichere Untergestell gibt ihm
       eine Keckheit  im Kampf,  an die  die Herren  Gutzkow, Steinmann,
       Opitz und  andere bedeutende Charaktere noch nach Jahren gedenken
       werden. Die  "materielle  Basis"  unseres  Perseus  besteht  aber
       hauptsächlich in Folgendem [150]:
       
       1. "Nur mit  der Aufhebung  der  m a t e r i e l l e n  B a s i s
       unsrer Gesellschaft,  des Privaterwerbs, wird auch der Mensch ein
       Andrer." (Heft X, p. 53.)
       
       Hätte der  mode simple,  der diesen  uralten Gedanken so oft aus-
       sprach, nur gewußt, daß der Privaterwerb die materielle Basis un-
       srer Gesellschaft  sei, so  wäre er  der mode composé gewesen und
       hätte unter  den Auspizien  unsres Perseus fortfahren können, ein
       ruhiges-und demütiges  Leben zu führen in aller Gottseligkeit und
       Ehrbarkeit. So  aber hatte  er selbst keine materielle Basis, und
       es erfüllte  sich an  ihm wie geschrieben steht im Propheten Goe-
       the:
       
       Und wenn er keinen  H i n t e r n  hat,
       Wie soll der Edle sitzen? [151]
       
       Wie "materiell"  diese Basis,  der Privaterwerb,  ist, geht unter
       ändern aus folgenden Stellen hervor:
       
       "Der Egoismus,  der Privaterwerb"  (die also  identisch sind, und
       wonach der "Egoismus" auch eine  "m a t e r i e l l e  B a s i s"
       ist) "zerrüttet  die Welt mit dem Grundsatz: Jeder für sich" usw.
       (p. 53.)
       
       Also eine  "m a t e r i e l l e  Basis", die nicht mit "materiel-
       len" Tatsachen, sondern mit ideellen "Grundsätzen" "zerrüttet". -
       Das Elend ist bekanntlich (wem es noch nicht bekannt sein sollte,
       dem setzt  es Perseus am angeführten Ort selbst auseinander) auch
       eine Seite  "unsrer Gesellschaft".  Aber, erfahren wir, nicht die
       "materielle Basis,  der Privaterwerb",  sondern au  contraire 2*)
       "die Transzendenz  hat die  Menschheit ins Elend gestürzt" (p. 54
       ... alle drei Stellen sind aus einem Aufsatz).
       Möge "die  Transzendenz" den  unglücklichen  Perseus  schleunigst
       "aus dem  Elende befreien, in welches" die "materielle Basis" ihn
       "gestürzt hat".
       
       2. "Die wirkliche  Masse bringt auch nicht eine Idee, sondern das
       'wohlverstandene Interesse' in Bewegung ... In der sozialen Revo-
       lution ... wird dem Egoismus der konservativen
       -----
       1*) alles das,  was es in Deutschland an noch Zusammengesetzterem
       gibt - 2*) im Gegenteil
       
       #259# Die wahren Sozialisten
       -----
       Partei der  e d l e r e  Egoismus des erlösungsbedürftigen Volks"
       (ein "erlösungsbedürftiges"  Volk, das  eine  Revolution  macht!)
       "gegenübertreten ...  es kämpft  eben für  sein 'wohlverstandenes
       Interesse' gegen  das ausschließliche, brutale Interesse der Pri-
       vaten, gestützt und getragen durch eine  s i t t l i c h e  Kraft
       und rastlosen Eifer (Heft XII, p. 86). [152]
       
       Das  "wohlverstandene  Interesse"  unsres  "erlösungsbedürftigen"
       Perseus, ohne Zweifel "gestützt und getragen durch eine sittliche
       Kraft und rastlosen Eifer", besteht darin, "dem Egoismus der kon-
       servativen Partei,  den edleren  Egoismus" des Schweigens "gegen-
       übertreten" zu  lassen; denn er "bringt auch nicht  e i n e  Idee
       in Bewegung",  ohne zugleich  den mode  composé  des  wahren  So-
       zialismus zu kompromittieren.
       
       3. "Die Armut  ist eine Folge des Eigentums, welches Privateigen-
       tum und seiner Natur nach ausschließend ist!!" (XII, 79.) [153]
       4. "W e l c h e   Assoziationen hier    g e m e i n t    s i n d,
       l ä ß t   s i c h   n i c h t  b e s t i m m e n;  m e i n t  der
       Verfasser   a b e r  die egoistischen Assoziationen der Kapitali-
       sten, so  hat er die wichtigen Assoziationen der Handwerker gegen
       die Willkür der Arbeitgeber vergessen"!! (XII, 80).
       
       Perseus ist  glücklicher. Welchen  Unsinn er  hat machen  wollen,
       "läßt sich  nicht bestimmen,  meinte" er  aber den bloß stilisti-
       schen, so  hat er  den ebenso  "wichtigen"  logischen  keineswegs
       "vergessen". Bei  Gelegenheit der  Assoziation erwähnen wir noch,
       daß wir  p. 84  Aufschluß erhalten  über  "die  Assoziationen  im
       e i g e n t l i c h e n   S i n n e,   welche das  Bewußtsein des
       Proletariers heben  und die energische (!) proletarische (!!) ge-
       samte (!!!) Opposition gegen die bestehenden Zustände ausbilden".
       Wir sprachen  schon oben  bei Gelegenheit  des Herrn Grün von der
       Gewohnheit der  wahren Sozialisten,  unverstandene  Entwicklungen
       durch Auswendiglernen  einzelner Sätze und Stichwörter sich anzu-
       eignen. 1*)  Der mode  composé unterscheidet sich vom mode simple
       nur durch  die Masse  solcher, ihm  auf Schleichwegen zugeführten
       und deshalb  um   s o   eiliger verschluckten, unverdauten Bissen
       und durch das ihm dadurch verursachte entsetzliche Leibschneiden.
       Wir sahen,  wie den Westfalen bei jedem Wort "die wirklichen Ver-
       hältnisse", "nationalökonomischen  Fragen" usw.,  aufstießen, wie
       der  unerschrockene  Perseus  an  der  "materiellen  Basis",  dem
       "wohlverstandenen Interesse", der "proletarischen Opposition" la-
       boriert. Dieser  letztere Spiegelritter  führt außerdem noch "den
       Feudalismus des  Geldes" zu  beliebigem Gebrauch bei sich, den er
       aber besser  seinem Urheber Fourier belassen hätte. Er denkt sich
       so wenig bei diesem Stichworte, daß er XII,
       -----
       1*) Siehe vorl. Band, S. 228/229
       
       #260# Friedrich Engels
       -----
       p. 79 behauptet, dieser Feudalismus "schaffe statt der Feudalari-
       stokratie  eine   Besitzaristokratie",   wonach   also   1.   der
       "Feudalismus des Geldes", d.h. die "Besitzaristokratie",  s i c h
       s e l b s t   "schafft" und  2.  die  "Feudalaristokratie"  keine
       "Besitzaristokratie" gewesen  ist. Nachher  meint er,  p. 79, der
       "Feudalismus des   G e l d e s"   (d.h.  der  Bankiers,  der  die
       k l e i n e r e n     K a p i t a l i s t e n     und    I n d u-
       s t r i e l l e n   zu Vasallen  hat, wenn  man im  Bilde bleiben
       will) und der "der Industrie" (der die  P r o l e t a r i e r  zu
       Vasallen hat) seien "nur  e i n e r".
       An die  "materielle Basis" knüpft sich noch ungezwungen folgender
       fromme Wunsch  des Spiegelritters,  der an  die freudige Hoffnung
       der Westfalen  erinnert, die französische Deputiertenkammer werde
       zu ihrer,  der Teutoburger  Belehrung,  ein  nationalökonomisches
       Kollegium lesen:
       
       "Nur müssen  wir bemerken, daß wir in den uns zugesandten Nummern
       des (New-Yorker)  'Volks-Tribuns' bis  jetzt noch fast gar nichts
       ... über  den   H a n d e l  und die  I n d u s t r i e  Amerikas
       erfahren ...  Mangel an   b e l e h r e n d e r   Mitteilung über
       die industriellen und nationalökonomischen Verhältnisse Amerikas,
       von denen   d o c h"   (ei?)  "immer die  soziale Reform ausgeht"
       usw. (X, p. 56.)
       
       Der "Volks-Tribun",  ein Blatt,  das in  Amerika direkt  populäre
       Propaganda machen will, wird also nicht deshalb getadelt, weil er
       seine Sache  verkehrt anfängt,  sondern weil er es unterläßt, dem
       "Gesellschaftsspiegel" "belehrende  Mitteilungen" zu  machen über
       Dinge, mit  denen er  in der  hier geforderten  Weise  allerdings
       nicht das  geringste zu  tun hat. Seitdem Perseus die "materielle
       Basis" erwischt  hat, von  der er  nicht weiß, was er an ihr hat,
       verlangt er von jedem, daß er ihm Aufschluß darüber geben soll.
       Außerdem erzählt  uns Perseus noch, daß die Konkurrenz die kleine
       Mittelklasse ruiniert,  daß "der  Luxus in  der Kleidertracht ...
       durch die   s c h w e r e n  Stoffe ... sehr lästig ist" (XII, p.
       83 -  Perseus glaubt  wahrscheinlich, ein Atlaskleid wiege ebenso
       schwer wie ein Panzerhemd) und dergleichen mehr.
       Und damit  dem Leser  ja kein Zweifel bleibe, was die "materielle
       Basis" der Vorstellungen unseres Perseus sei, heißt es X, p. 53:
       
       "Herr  Gutzkow   würde  wohl   tun,  sich  erst  einmal  mit  der
       d e u t s c h e n   Wissenschaft der  Gesellschaft bekannt zu ma-
       chen, damit  ihm  die  Erinnerungen  an  den    v e r p ö n t e n
       f r a n z ö s i s c h e n   Kommunismus, Babeuf,  Cabet ... nicht
       in den Weg laufen",
       
       und p. 52:
       
       "der   d e u t s c h e   Kommunismus will  eine Gesellschaft  zur
       Darstellung bringen,  in welcher   A r b e i t   und    G e n u ß
       i d e n t i s c h   und  nicht  mehr  durch  den    ä u ß e r e n
       L o h n  voneinander getrennt sind".
       
       #261# Die wahren Sozialisten
       -----
       Wir haben  oben gesehn,  worin sowohl  die "deutsche Wissenschaft
       der Gesellschaft", wie die zur "Darstellung" zu bringende Gesell-
       schaft selbst  besteht, und  haben uns  dabei nicht gerade in der
       besten Gesellschaft befunden.
       Was die  Genossen des  Spiegelritters betrifft,  so "bringen" sie
       eine äußerst  langweilige "Gesellschaft"  zur "Darstellung". Eine
       Zeitlang hatten sie sich vorgenommen, die Vorsehung des deutschen
       Bürgers und  Landmanns zu  spielen. Ohne  Wissen und  Willen  des
       "Gesellschaftsspiegels" fiel  kein Dachdecker  vom Dach  und kein
       kleines Kind ins Wasser. Zum Glück für die Dorfzeitung, der diese
       Konkurrenz anfing,  gefährlich zu  werden, gab die Spiegelbruder-
       schaft diese ermüdende Tätigkeit bald auf: einer nach dem anderen
       schlief vor  Ermattung ein. Vergebens wurden alle Mittel aufgebo-
       ten, um  sie aufzurütteln,  um dem Journal neues Lebensblut zuzu-
       führen; der  versteinernde Einfluß des Gorgonenschildes [149] äu-
       ßerte sich  auch auf die Mitarbeiter; am Ende stand unser Perseus
       mit seinem  Schild und  seiner  "materiellen  Basis"  einsam  da,
       "unter Leichen  die einzige fühlende Brust" [154], die unmögliche
       Taille der  massiven Nemesis brach in Trümmer zusammen, und - der
       "Gesellschaftsspiegel" hatte aufgehört zu existieren.
       Friede seiner  Asche! Machen  wir inzwischen  eine Schwenkung und
       suchen wir  an einer benachbarten Stelle der nördlichen Halbkugel
       ein  andres,  helleres  Gestirn  auf.  Mit  leuchtendem  Schweife
       strahlt uns  Ursa Major,  der   g r o ß e  B ä r  oder Bärenmajor
       Püttmann entgegen,  auch das Siebengestirn genannt, weil er immer
       selbsiebent auftritt,  um die  benötigten zwanzig Bogen [155] zu-
       stande zu  bringen. Ein  wackrer Kriegsheld!  Er hat sich, seiner
       alten vierfüßigen Stellung auf der Himmelskarte überdrüssig, end-
       lich auf  die Hinterbeine gestellt, er hat sich gerüstet, wie ge-
       schrieben steht:  So ziehet nun an die Uniform des Charakters und
       die Schärpe der Gesinnung; heftet auf Eure Achseln die Epauletten
       des Bombastes, und setzet auf den Dreimaster der Begeisterung und
       schmückt Eure  Mannesbrust mit  dem Ordenskreuz  der  Aufopferung
       dritter Klasse:  seid umgürtet  mit dem Krötenspieß des Tyrannen-
       hasses und  an Beinen  gestiefelt, zu  treiben die Propaganda mit
       möglichst wenigen  Produktionskosten. Also ausstaffiert tritt un-
       ser Major  vor die  Front seines  Bataillons, zieht seinen Degen,
       kommandiert: Stillgestanden! und hält folgende Rede:
       Soldaten! Von  der Höhe  jenes Verlegerfensters  blicken  vierzig
       Louisd'ore auf Euch! Schaut um Euch, heldenmütige Verteidiger der
       "gesellschaftlichen Totalreform", seht Ihr die Sonne? Das ist die
       Sonne von Austerlitz, die uns Sieg verkündet, Soldaten!
       
       #262# Friedrich Engels
       -----
       "Den Mut, die Unerschrockenheit, standzuhalten bis ans Ende, gibt
       uns das  Bewußtsein,   n u r   für die   A r m e n   und   V e r-
       w o r f e n e n,   für die  V e r r a t e n e n   und die  V e r-
       z w e i f e l n d e n   zu kämpfen.   Es ist nichts  H a l b e s,
       was wir  verteidigen, es  ist nichts   U n k l a r e s"  (sondern
       vielmehr etwas  total Konfuses),  "was wir wollen; und darum sind
       wir entschieden  und bleiben  trotz allem  dem   V o l k e,   dem
       u n t e r d r ü c k t e n   V o l k e  für immer treu!" ("Rheini-
       sche Jahrbücher", II. Band, Vorrede.)
       
       Gewehr auf!  - Achtung  - präsentiert's  Gewehr! Es lebe die neue
       Gesellschaftsordnung, welche wir nach Babeuf verbessert in 14 Ka-
       pitel und 63 Kriegsartikel gebracht haben!
       
       "Es ist  freilich zuletzt eins, ob es so kommen wird, als wir an-
       gaben, aber  es wird  anders kommen, als der Feind glaubt, anders
       als es  bisher gewesen!  Alle niederträchtigen Institutionen, die
       mit hundsföttischer  Arbeit im Laufe der Jahrhunderte zum Rum der
       Völker  und   Menschen  erzeugt   wurden,   werden   untergehen!"
       ("Rheinische Jahrbücher", II, p. 240.)
       
       Kreuzhimmelsackerment! Achtung  - Gewehr in Arm! Links um! Gewehr
       ab! Rühren! Oben gehn! - Aber der Bär ist von Natur ein echt ger-
       manisches Tier.  Nachdem er mit dieser Rede ein allgemeines stür-
       mendes Hurra  erweckt und so eine der kühnsten Taten unsres Jahr-
       hunderts verrichtet,  setzt er  sich zu Hause hin und läßt seinem
       weichen, liebevollen  Herzen freien Lauf in einer langen, schmel-
       zenden Elegie  über "Heuchelei"  ("Rheinische Jahrbücher", II, p.
       129-149). Es  gibt in  unsrer innerlich  verfaulten, an  Leib und
       Seele vom  Wurm der Selbstsucht zerfressenen Zeit leider! Indivi-
       duen, die  kein warmes, pochendes Herz im Busen tragen, denen nie
       eine Träne  des Mitgefühls  im Auge geblinkt, nie ein schallender
       Blitz leuchtender  Menschheitsbegeisterung durch den öden Schädel
       gezuckt hat:  Leser, findest  Du einen  solchen, o so laß ihn die
       "Heuchelei" des  großen Bären  lesen, und er wird weinen, weinen,
       weinen! Hier  wird er  sehen, wie  elend, armselig und nackend er
       ist, denn  sei er  Theolog, Jurist,  Mediziner, Staatsmann, Kauf-
       mann, Besenbinder  oder Logenschließer,  hier findet er für jeden
       Stand seine  aparte Heuchelei  apart aufgedeckt. Hier wird er se-
       hen, wie  die Heuchelei  sich überall eingenistet und wie nament-
       lich "eine  schwere Verdammnis  die der  Juristen" ist.  Wenn ihn
       dies nicht  zur Buße  und Bekehrung bringt, so verdient er nicht,
       im Jahrhundert  des großen Bären geboren zu sein. In der Tat, man
       mußte   ein    ehrlicher,   ein,   wie   die   Engländer   sagen,
       "unsophistizierter"  B ä r  sein, um die Heuchelei der bösen Welt
       so auf  jedem Tritt  und Schritt  herauszuwittern. Wohin  er sich
       dreht und  wendet, überall  stößt der große Bär auf Heuchelei. Es
       geht ihm wie seinem Vorgänger in "Lilis Park" [156]:
       
       #263# Die wahren Sozialisten
       -----
       Denn ha! steh' ich so an der Ecke
       Und hör' von weitem das Geschnatter,
       Seh' das Geflitter, das Geflatter,
       Kehr' ich mich um
       Und brumm',
       Und renne rückwärts eine Strecke,
       Und seh' mich um
       Und brumm',
       Und laufe wieder eine Strecke
       Und kehr doch endlich wieder um.
       
       Natürlich, denn  wie wäre der Heuchelei in unsrer grundverderbten
       Gesellschaft zu entrinnen! Aber es ist traurig!
       
       "Jedermann darf  ja medisant, süffisant, perfid, maliziös 1*) und
       alles Andre sein, weil die  s c h i c k l i c h e  Form aufgefun-
       den ist" (p. 145).
       
       Es ist  wirklich zum Verzweifeln, namentlich, wenn man Ursa Major
       ist!
       
       Und "leider!  auch die   F a m i l i e  ist besudelt von der Lüge
       ... und  der Lügenfaden  zieht sich  mitten durch die Familie und
       vererbt sich von Glied zu Glied".
       
       Wehe, dreimal wehe über die Hausväter des deutschen Vaterlandes!
       
       Dann fängt's auf einmal an zu rasen,
       Ein mächt'ger Geist schnaubt aus der Nasen,
       Es wildzt 2*) die inner Natur -
       
       und Ursa Major stellt sich wieder auf die Hinterbeine:
       
       "Fluch der Selbstsucht! Wie grausig schwebst du über den Häuptern
       der Menschen!  Mit deinen  schwarzen  Fittichen  ...  mit  deinem
       schrillen Gekrächz...  Fluch der  Selbstsucht! ...  Millionen und
       aber Millionen  arme Sklaven ... weinend und schluchzend, klagend
       und jammernd  ... Fluch  der Selbstsucht!...  Fluch  der  Selbst-
       sucht!... Rotte  der Baalspriester  ... Pesthauch  ... Fluch  der
       Selbstsucht!... Ungeheuer der Selbstsucht..."(p. 146-148.)
       
       Ich sträube meinen borst'gen Nacken,
       Zu dienen ungewöhnt.
       Ein jedes aufgestutztes Bäumchen höhnt
       Mich an! Ich flieh' vom Bowlinggreen 3*),
       Vom niedlich glattgemähten Grase;
       Der Buchsbaum zieht mir eine Nase,
       ..................................
       Ich arbeite mich ab, und bin ich matt genug,
       Dann lieg' ich an gekünstelten Kaskaden,
       Und kau' und wein' und wälze mich halbtot,
       Und ach! es hören meine Not
       Nur porzellanene Oreaden!
       -----
       1*) schmähsüchtig,  selbstgefällig,   hinterlistig,   boshaft   -
       2*) offenbart sich  in  ihrer  angebornen  Wildheit,  Tierheit  -
       3*) Rasenplatz
       
       #264# Friedrich Engels
       -----
       Die größte  "Heuchelei" in der ganzen Jeremiade liegt aber darin,
       ein solches  von platten  Literatenphrasen und Romanreminiszenzen
       zusammengestoppeltes   Miserere    für   eine   Schilderung   der
       "Heuchelei" in  der heutigen  Gesellschaft auszugeben und zu tun,
       als ob  man über diesen Popanz im Interesse der leidenden Mensch-
       heit gewaltig in Eifer geriete.
       Wer auf  der Himmelskarte  einigermaßen bewandert  ist, weiß, daß
       Ursa Major sich dort  in einer intimen Unterhaltung mit einem In-
       dividuum von langweiligem Äußern befindet, welches  mehrere Wind-
       hunde an einem Strick führt und  B o o t e s  [157] genannt wird.
       Diese Unterhaltung  reproduziert sich  am Sternhimmel  des wahren
       Sozialismus auf  pag. 241-256  der "Rheinischen  Jahrbücher", II.
       Band. Die Rolle des Bootes übernimmt derselbe Herr Semmig, dessen
       Aufsatz über  "Socialismus, Communismus,  Humanismus" schon  oben
       besprochen  wurde.   1*)  Wir   befinden  uns   bei  ihm  in  der
       s ä c h s i s c h e n  G r u p p e,  deren vornehmstes Gestirn er
       ist, deshalb  er auch ein Bändchen über "Sächsische Zustände" ge-
       schrieben hat.  Über dies Bändchen erläßt Ursa Major an der ange-
       führten Stelle  ein wohlgefälliges Gebrumm und rezitiert "mit ur-
       kräftigem Behagen"  [158] ganze  Seiten daraus. Diese Zitate rei-
       chen hin,  das ganze Büchlein zu charakterisieren, und sind um so
       willkommener, als  die Schriften  von Bootes  sonst  im  Auslande
       nicht zu haben sind.
       Obwohl Bootes  sich in  den "Sächsischen  Zuständen" aus der Höhe
       seiner Spekulation  auf die "wirklichen Verhältnisse" herabgelas-
       sen hat,  so gehört er doch mit seiner ganzen sächsischen Gruppe,
       wie auch schon Ursa Major, mit Leib und Seele dem mode simple des
       wahren Sozialismus  an. Der  mode composé  ist überhaupt  mit den
       Westfalen und der Spiegelbruderschaft, speziell mit Widder, Stier
       und Perseus  erschöpft. Die sächsische und alle folgenden Gruppen
       bieten uns daher nur weitere Entwicklungen des schon oben charak-
       terisierten  e i n f a c h e n  wahren Sozialismus.
       Bootes, als  Bürger und Beschreiber des deutsch-konstitutionellen
       Musterstaats, läßt  vor allem  eines seiner  Windspiele gegen die
       L i b e r a l e n   los. Auf diese sprudelnde Philippika brauchen
       wir um  so weniger einzugehen als sie, wie alle ähnlichen Tiraden
       der  wahren  Sozialisten,  nichts  weiter  ist  als  eine  platte
       V e r d e u t s c h u n g    der  Kritik  desselben  Gegenstandes
       durch die  französischen Sozialisten.  Es geht  Bootes gerade wie
       den Kapitalisten;  er besitzt,  um seine  eignen Worte zu gebrau-
       chen, "die von den Arbeitern" Frankreichs und ihren literarischen
       Repräsentanten "erzeugten Produkte infolge  b l i n d e r  E r b-
       s c h a f t  fremder Kapitalien" ("Rheinische Jahrbücher", II, p.
       256). Er  hat sie  nicht einmal  verdeutscht, denn dies war schon
       vor ihm durch andre (vgl.
       -----
       1*) Siehe Band 3 unserer Ausgabe, S. 445
       
       #265# Die wahren Sozialisten
       -----
       "Deutsches Bürgerbuch"  [159], "Rheinische  Jahrbücher", I, usw.)
       geschehen. Er hat diese "blinde Erbschaft" nur durch einige nicht
       bloß deutsche,  sondern speziell   s ä c h s i s c h e    "Blind-
       heiten" vergrößert.  So meint  er ibidem  p. 243,  die  Liberalen
       sprächen "für  öffentliches Gerichtsverfahren, um im Gerichtssaal
       ihre rhetorischen  Exerzitien zu deklamieren"! Bootes sieht also,
       trotz seines  Eifers gegen die Bourgeoisie, Kapitalisten usw., in
       den Liberalen  nicht sowohl diese, als ihre besoldeten Bedienten,
       die  A d v o k a t e n.
       Das Resultat der scharfsinnigen Untersuchungen unsres Bootes über
       den Liberalismus ist bemerkenswert. Noch nie hat der wahre Sozia-
       lismus seine  politisch-reaktionäre Tendenz so entschieden ausge-
       sprochen:
       
       "Ihr ...  Proletarier aber ... die ihr euch ehedem von dieser li-
       beralen Bourgeoisie  in Bewegung setzen und zu Tumulten verleiten
       ließet (denkt an 1830), seid vorsichtig! Unterstützt sie nicht in
       ihren Bestrebungen  und Kämpfen  ... laßt  sie allein ausfechten,
       was sie ... nur in ihrem Interesse beginnen; vor allem aber nehmt
       z u   k e i n e r   Z e i t  a n  p o l i t i s c h e n  R e v o-
       l u t i o n e n   t e i l,  die stets nur von einer unzufriedenen
       Minderzahl ausgehen, welche selbst herrschsüchtig die herrschende
       Gewalt stürzen  und sich  die Regierung anmaßen möchte!" (p. 245,
       246.)
       
       Bootes hat  auf den  Dank der königlich-sächsischen Regierung die
       gegründetsten Ansprüche  - eine  Rautenkrone [160] ist das minde-
       ste, womit  sie ihn  lohnen kann.  Wäre daran  zu denken, daß das
       deutsche Proletariat seinem Rate folgte, so wäre die Existenz des
       feudalistisch-kleinbürgerhch-bäuerlich-bürokratischen     Muster-
       staats Sachsen auf lange Zeiten gesichert. Bootes träumt, was für
       Frankreich und England, wo die Bourgeoisie  h e r r s c h t,  gut
       sei, müsse  auch für  Sachsen gut  sein, wo  sie noch lange nicht
       herrscht. Wie wenig übrigens selbst in England und Frankreich das
       Proletariat gegen  Fragen gleichgültig bleiben kann, die zunächst
       allerdings nur  ein Interesse der Bourgeoisie oder einer Fraktion
       derselben sind,  kann Bootes täglich in den dortigen Proletarier-
       journalen lesen. Dergleichen Fragen sind u.a. in England die Auf-
       hebung der  Staatskirche, das sogenannte equitable adjustment 1*)
       der Nationalschuld,  die direkte  Besteuerung, in  Frankreich die
       Ausdehnung des  Wahlrechts auf  die kleine Bourgeoisie, Aufhebung
       der städtischen Oktrois usw.
       Schließlich ist dann alle sächsische "gerühmte Freisinnigkeit ei-
       tel Wind  und Schaum  ... Wortfechterei", nicht weil nichts damit
       durchgesetzt wird und die Bourgeoisie keinen Schritt weiterkommt,
       sondern weil "ihr", die Liberalen, "doch damit nicht vermögt, die
       kranke Gesellschaft  von Grund aus zu heilen", p. 249. Was sie um
       so weniger  vermögen, als  sie die  Gesellschaft gar nicht einmal
       für krank halten.
       -----
       1*) gerechter Ausgleich
       
       #266# Friedrich Engels
       -----
       Genug hierüber. Auf pag. 248 läßt Bootes ein zweites ökonomisches
       Windspiel los.
       
       Zu Leipzig ... "sind ganze Stadtteile  n e u  entstanden" (Bootes
       kennt Stadtteile,  die   n i c h t   "n e u",  sondern gleich von
       vornherein   a l t   "entstehen"). "Dabei  hat sich  aber in  den
       L o g i s   ein drückendes Mißverhältnis herausgestellt, indem es
       an Wohnungen  zu einem (!) mittleren Preise fehlt. Jeder Neubauer
       richtet des  hohen Zinses"  (! soll  heißen  des    h ö h e r e n
       M i e t z i n s e s)   "wegen sein Haus nur für große Haushaltun-
       gen ein;  schon aus  Mangel an anderweitigen Wohnungen ist manche
       Familie gezwungen,  ein größeres Logis zu mieten, als sie braucht
       und bezahlen  kann. So  häufen sich  Schulden, Pfändungen,  Wech-
       selarrest  u.   dgl.!"  (Dies  "!"  verdient  ein  zweites  (!).)
       "K u r z,  d e r  M i t t e l s t a n d  s o l l  f ö r m l i c h
       v e r d r ä n g t  w e r d e n."
       
       Man bewundre  die primitive Einfalt dieses ökonomischen Windspie-
       les! Bootes  sieht, daß  die kleine  Bourgeoisie  der  gebildeten
       Stadt Leipzig  auf eine für uns höchst erheiternde Weise ruiniert
       wird. "In  unsern Tagen, wo alle Unterschiede sich in der Gattung
       verwischen" (p.  251), müßte  ihm dies Phänomen ebenfalls erfreu-
       lich sein;  aber es  betrübt ihn  vielmehr und veranlaßt ihn, die
       Ursachen davon aufzusuchen. Er findet diese Ursachen - in der Ma-
       lice der  Bauspekulanten, die  es darauf  anlegen, jeden Gevatter
       Schneider und  Handschuhmacher gegen Bezahlung einer übertriebnen
       Miete in  einen Palast  einzuquartieren. Die Leipziger "Neubauer"
       sind, wie  uns Bootes  in möglichst  unbeholfenem und verworrenem
       Sächsisch -  Deutsch ist  es nicht  - auseinandersetzt, über alle
       Gesetze der  Konkurrenz erhaben. Sie bauen teurere Wohnungen, als
       ihre Abnehmer  nötig haben, sie richten sich nicht nach dem Stand
       des Marktes,  sondern nach  dem "hohen Zins"; und während überall
       anderswo die Folge davon sein würde, daß sie ihre Wohnungen unter
       dem Preise  vermieten müßten,  gelingt es  ihnen in  Leipzig, den
       Markt ihrem  eignen bon plaisir 1*) zu unterwerfen und die Mieter
       zu zwingen, sich selbst durch hohe Miete zu ruinieren! Bootes hat
       eine Mücke für einen Elefanten, ein momentanes Mißverhältnis zwi-
       schen Nachfrage  und Angebot im Häusermarkt für einen permanenten
       Zustand, ja für die Ursache des Ruins der kleinen Bourgeoisie an-
       gesehen. Doch  dergleichen Bonhomien 2*) sind dem sächsischen So-
       zialismus zu verzeihen, solange er noch "ein Werk vollbringt, das
       d e s   Menschen würdig  ist und  über das 'ihn'  d i e  Menschen
       segnen werden" (p. 242).
       Wir wissen  schon, daß der wahre Sozialismus ein großer Hypochon-
       der ist. Man durfte sich indes der Hoffnung hingeben, daß Bootes,
       der im  ersten Band der "Rheinischen Jahrbücher" eine so liebens-
       würdige Keckheit des
       -----
       1*) Gutdünken, Willkür - 2*) Einfältigkeiten
       
       #267# Die wahren Sozialisten
       -----
       Urteils bewiesen,  von dieser  Krankheit frei sein würde. Keines-
       wegs. Bootes  läßt p.  252, 253 folgendes wimmernde Windspiel los
       und versetzt damit Ursam Majorem in Ekstase:
       
       "Das Dresdner  Vogelschießen ...  ein Volksfest, und kaum betritt
       man die  Wiese, so jammern uns die Leierkasten der Blinden entge-
       gen, die  die Konstitution  nicht satt  macht ...  so widern  uns
       schon die Marktschreiereien der 'Künstler' an, die durch die Ver-
       renkungen ihrer  Glieder die Gesellschaft ergötzen, deren Ordnung
       selbst fratzenhaft und widerlich verrenkt ist."
       
       (Wenn sich  ein Seiltänzer auf den Kopf stellt, so bezeichnet das
       für Bootes  die heutige  verkehrte Welt;  der mystische  Sinn des
       Radschlagens ist  der Bankerott; das Geheimnis des Eiertanzes ist
       die Karriere  des wahrhaft  sozialistischen Schriftstellers,  der
       trotz aller "Verrenkungen" zuweilen ausgleitet und sich die ganze
       "materielle Basis"  mit Eigelb besudelt; ein Leierkasten bedeutet
       eine Konstitution,  die nicht  satt macht,  eine Maultrommel  die
       Preßfreiheit, die  nicht satt  macht, eine  Trödelbude den wahren
       Sozialismus, der  ebenfalls nicht  satt macht.  In diese Symbolik
       vertieft, wandelt  Bootes seufzend  durchs Gedränge und bringt es
       so zu  dem stolzen  Gefühl, wie oben schon Perseus, "unter Larven
       die einzige fühlende Brust" zu sein.)
       
       "Und dort  in den  Zelten, da  treiben die  Bordellwirte ...  ihr
       schamloses  Handwerk"   (folgt  eine   lange  Tirade   über)  ...
       "Prostitution, pestatmendes  Scheusal, du  bist die letzte Frucht
       unsrer heutigen  Gesellschaft" (nicht immer die  l e t z t e,  es
       kommt vielleicht nachträglich noch ein uneheliches Kind) ... "Ich
       könnte Geschichten erzählen, wie ein Mädchen dem fremden Manne zu
       Füßen" ... (folgt die Geschichte) ... "ich könnte Geschichten er-
       zählen, aber  nein, ich  will es  nicht" (er hat sie nämlich eben
       schon erzählt) ... "Nein, nicht  s i e  klagt an, die armen Opfer
       der Not  und Verführung, aber sie zieht vor den Richterstuhl: die
       frechen Kuppler  ... nein,  nein, auch sie nicht! Was tun sie an-
       ders, als  was andre  tun, sie  treiben Handel,  wo alles  Handel
       treibt" usw.
       
       Damit hat  der wahre  Sozialist alle  Schuld von allen Individuen
       abgewälzt und  sie der  unantastbaren "Gesellschaft" zugeschoben.
       Cosi fan tutti [161] - es handelt sich schließlich nur darum, mit
       aller Welt  gut Freund  zu bleiben. Die charakteristischste Seite
       der Prostitution,  daß sie  nämlich die  handgreiflichste, direkt
       auf den  Leib gehende  Exploitation des  Proletariats  durch  die
       Bourgeoisie ist,  die Seite,  wo der  "tatenzeugende Schmerz  des
       Herzens" von  p. 253  mit seinen breiten moralischen Bettelsuppen
       bankerott macht  und wo die Leidenschaft, der rachdurstende Klas-
       senhaß anfängt, diese Seite kennt der wahre Sozialismus nicht. Er
       bejammert vielmehr  in den  Prostituierten die verlorengegangenen
       Epicieren 1*) und die Kleinmeisterinnen,
       -----
       1*) Krämerinnen
       
       #268# Friedrich Engels
       -----
       in denen  er nun nicht mehr "das Meisterstück der Schöpfung", die
       "Blumenkelche, durchduftet von den heiligsten und süßesten Gefüh-
       len", bewundern kann. Pauvre petit bonhomme! 1*)
       Die Blüte  des sächsischen  Sozialismus ist  ein kleines  Wochen-
       blättchen, genannt:  "Veilchen. Blätter  für die  h a r m l o s e
       moderne Kritik"  [162], redigiert und verlegt von G. Schlüssel zu
       Bautzen. Die  "Veilchen" sind  also  im  Grunde  Schlüsselblumen.
       Diese sanften  Blümlein werden  in der "Trier'schen Zeitung" [26]
       (12. Januar  dieses Jahres)  von einem Leipziger Korrespondenten,
       der auch von der Kompanie ist, folgendermaßen angezeigt:
       
       "Einen Fortschritt,  eine Entwicklung  in der sächsischen schönen
       Literatur können wir in den  'V e i l c h e n'  begrüßen; so jung
       das Blatt  ist, so strebsam vermittelt es die alte sächsische po-
       litische Halbheit mit der sozialen Theorie der Gegenwart."
       
       Die "alte  sächsische Halbheit"  ist diesen Erzsachsen noch nicht
       halb genug,  sie müssen  sie noch einmal halbieren, indem sie sie
       "vermitteln". Äußerst "harmlos"!
       Wir haben  nur ein  einziges dieser Veilchen zu Gesicht bekommen;
       aber:
       
       Gebückt in sich und unbekannt,
       Es war ein  h e r z i g' s  Veilchen. [163]
       
       Freund Bootes  legt in  dieser Nummer - der ersten von 1847 - den
       "harmlosen modernen"  Damen einige  zierliche Verslein als Huldi-
       gung zu Füßen. Es heißt darin u.a.:
       
       Und selbst der Frauen zarte  H e r z e n
       S c h m ü c k t  des Tyrannenhasses  D o r n  - [164]
       
       ein Gleichnis,  dessen Keckheit  inzwischen  wohl  unsres  Bootes
       "zartes Herz"  mit des Gewissensbissens "Dorn" "geschmückt" haben
       wird.
       
       Es glühn nicht bloß von  L i e b e s s c h e r z e n  -
       
       sollte Bootes,  der zwar  "Geschichten  erzählen    k ö n n t e",
       aber nicht  erzählen   "w i l l",   weil  er  sie  schon  erzählt
       h a t,  der von keinem ändern "Dorn" als dem "des Tyrannenhasses"
       spricht, sollte dieser anständige und gebildete Mann wirklich im-
       stande sein, die "schönen Wangen" der Frauen und Jungfrauen durch
       zweideutige "Liebesscherze  g l ü h e n"  zu machen?
       
       Es glühn nicht bloß von Liebesscherzen,
       Es glühn von hellem Freiheitszorn,
       Vom heiligen, die schönen Wangen,
       Die wie die Rosen lieblich prangen.
       -----
       1*) Armer kleiner Mann!
       
       #269# Die wahren Sozialisten
       -----
       Die Glut  des "Freiheitszorns"  muß allerdings  durch  eine  keu-
       schere, sittlichere,  "hellere" Couleur 1*) leicht zu unterschei-
       den sein  von der dunkelroten Glut der "Liebesscherze", besonders
       für einen  Mann wie Bootes, der den "Dorn des Tyrannenhasses" von
       allen ändern "Dornen" unterscheiden kann.
       Die "Veilchen"  geben uns sogleich Gelegenheit, die Bekanntschaft
       einer jener  Schönen zu machen, deren "zartes Herz des Tyrannenh-
       asses Dorn  schmückt" und  deren "schöne  Wangen von hellem Frei-
       heitszorn glühn".  Die   A n d r o m e d a  des wahrhaft soziali-
       stischen Sternhimmels  (Fräulein Louise Otto), das gefesselte, an
       den Felsen  der widernatürlichen  Verhältnisse geschmiedete,  von
       der Brandung verjährter Vorurteile umbrauste moderne Weib liefert
       nämlich eine  "harmlose moderne  Kritik" der poetischen Werke von
       Alfred Meißner  [165]. Es  ist ein eigentümliches, aber reizendes
       Schauspiel, wie  hier die überquellende Begeisterung mit der zar-
       ten Verschämtheit der deutschen Jungfrau kämpft, die Begeisterung
       für den  "Dichterkönig", der  die tiefsten  Saiten des weiblichen
       Herzens in  Schwingungen versetzt  und ihnen  Töne der  Huldigung
       entlockt, die  an tiefere und zartere Empfindungen grenzen, Töne,
       die in  ihrer unschuldigen  Offenherzigkeit des Sängers schönster
       Lohn sind. Man höre in ihrer ganzen naiven Ursprünglichkeit diese
       schmeichelhaften Bekenntnisse  einer  jungfräulichen  Seele,  der
       noch so  manches in  dieser bösen Welt dunkel blieb. Man höre und
       vergesse nicht, daß dem Reinen  a l l e s  rein ist:
       
       Ja, "die  tiefe Innerlichkeit,  die in  Meißners Gedichten atmet,
       kann man  nur nachfühlen, aber davon denen keine Rechenschaft ge-
       ben, die  dazu unfähig sind. Diese Lieder sind der goldene Wider-
       schein von  den heißen Flammen, welche der Dichter auf dem Altare
       der Freiheit  im Heiligtum  seines  Herzens  opfernd  emporlodern
       läßt, ein  Widerschein, bei  dessen Glanz  wir an Schillers Worte
       erinnert werden:  den Schriftsteller  überhüpfe die Nachwelt, der
       nicht   m e h r   war als seine Werke - wir fühlen es heraus, daß
       dieser Dichter  s e l b s t  noch  m e h r  ist als seine schönen
       Lieder" (ganz  gewiß, Fräulein  Andromeda, ganz  gewiß), "daß ein
       U n a u s s p r e c h l i c h e s   in ihm  ist, Etwas   'ü b e r
       a l l e n  S c h e i n'  [166], wie Hamlet sagt". (Du ahnungsvol-
       ler Engel du! [167]) "Dieses  E t w a s  ist, was so vielen neuen
       Freiheitsdichtern abgeht, z.B. ganz und gar Hoffmann von Fallers-
       leben und Prutz" (sollte dies wirklich der Fall sein?), "zum Teil
       auch Herwegh und Freiligrath, dieses  E t w a s  - vielleicht ist
       es der Genius."
       
       Vielleicht ist es der  "D o r n"  des Bootes, schönes Fräulein!
       
       "Doch", heißt  es in  demselben Artikel,  "hat  die  Kritik  ihre
       Pflicht -  aber die Kritik kommt mir sehr  h ö l z e r n  vor ge-
       genüber einem solchen Dichter!"
       -----
       1*) Färbung
       
       #270# Friedrich Engels
       -----
       Wie jungfräulich!  Gewiß, eine junge, reine Mädchenseele muß sich
       "sehr hölzern  vorkommen" gegenüber  dem Dichter,  der im Besitze
       eines so wundervollen "Etwas" ist.
       
       "Wir lesen fort und fort bis zum letzten Vers, der uns allen treu
       im Gedächtnis bleiben möge:
       Und endlich kommt er doch ...
       Der Tag...
       Dann sitzen Völker, Hand in Hand, verschlungen,
       Wie  K i n d e r  unter'm großen Himmelssaal
       Und wieder wird ein Kelch, ein Kelch geschwungen,
       Der  L i e b e s kelch  am  Völker l i e b e s mahl."
       
       Hiermit versinkt  Fräulein Andromeda  in ein vielsagendes Schwei-
       gen, "wie ein Kind, Hand in Hand verschlungen". Hüten wir uns ja,
       sie zu stören.
       Unsre Leser  werden hiernach  begierig sein,  den  "Dichterkönig"
       A l f r e d   M e i ß n e r  und sein  "E t w a s"  näher kennen-
       zulernen. Er  ist der   O r i o n   des  wahrhaft sozialistischen
       Sternhimmels, und wahrlich, er macht seinem Posten keine Schande.
       Umgürtet mit  dem leuchtenden Schwert der Poesie, "in seines Kum-
       mers Mantel" gehüllt (p. 67 und p. 260 der "Gedichte von A. Meiß-
       ner, 2te  Auflage, Leipzig  1846), schwingt  er in nerviger Faust
       die Keule  der Unverständlichkeit,  mit der  er alle  Gegner  der
       guten Sache  siegreich niederschmettert. Auf den Fersen folgt ihm
       als   k l e i n e r  H u n d  ein gewisser  M o r i t z  H a r t-
       m a n n,   der ebenfalls  zum Besten  der guten Sache ein energi-
       sches Kläffen  unter dem  Titel: "Kelch  und Seh  wert  "(Leipzig
       1845) erhebt.  Um irdisch  zu sprechen,  geraten wir  mit  diesen
       Helden in eine Gegend, welche schon seit längerer Zeit dem wahren
       Sozialismus zahlreiche und kräftige Rekruten lieferte, nämlich in
       die  b ö h m i s c h e n  W ä l d e r.
       Der erste  wahre Sozialist in den böhmischen Wäldern war bekannt-
       lich Karl Moor. Diesem gelang es nicht, das Werk der Regeneration
       zu Ende zu führen; seine Zeit verstand ihn nicht, und er überlie-
       ferte sich  selbst der  Gerechtigkeit. Orion-Meißner  nun hat  es
       übernommen, in  die Fußtapfen  dieses Edlen  zu treten und wenig-
       stens im  Geiste sein  erhabenes Werk  dem Ziele näher zu führen.
       Ihm,   K a r l  M o o r  d e m  Z w e i t e n,  steht hierbei der
       erwähnte Moritz  Hartmann,  Canis  Minor  [168],  als  Biedermann
       S c h w e i z e r   zur Seite, indem er Gott, König und Vaterland
       in elegischen  Weisen feiert  und namentlich  auf dem Grabe jenes
       Bonhomme, des  Kaisers Joseph,  Tränen dankbarer  Erinnerung ver-
       gießt. Von dem Rest der Bande bemerken wir bloß, daß keiner unter
       ihnen bisher Verstand und Witz genug entwickelt zu haben scheint,
       um die Rolle des Spiegelberg [169] zu übernehmen.
       
       #271# Die wahren Sozialisten
       -----
       Man sieht  es Karl  Moor dem Zweiten auf den ersten Blick an, daß
       er kein  gewöhnlicher Mann  ist. Er  hat  in  Karl  Becks  Schule
       Deutsch gelernt  und drückt sich demgemäß mit einer mehr als ori-
       entalischen Pracht  der Rede aus. Der Glaube ist ihm "ein Falter"
       (p. 13),  das Herz  "eine Blume" (p. 16), später ein "öder Forst"
       (p. 24), endlich ein "Geier" (p. 31). Der Abendhimmel ist ihm (p.
       65)
       
       rot und stier wie eine Augenhöhle,
       Die ohne Auge, ohne Glanz und Seele.
       
       Das Lächeln  seiner Geliebten ist "ein Kind der Erde, das mit den
       Kindern Gottes kost" (p. 19).
       Noch weit  mehr aber  als seine prunkhafte Bildersprache zeichnet
       ihn sein  riesenhafter Weltschmerz  vor den gewöhnlichen Sterbli-
       chen aus.  Er qualifiziert  sich durch diesen als echter Sohn und
       Nachfolger Karl  Moors des  Ersten, wie  er denn p. 65 nachweist,
       daß der  "wilde Weltschmerz" eines der ersten Erfordernisse jedes
       "Welterlösers" ist. In der Tat, was den Weltschmerz angeht, über-
       bietet Orion-Moor  alle seine  Vorgänger und  Konkurrenten. Hören
       wir ihn selbst:
       
       "Vom   G r a m   g e k r e u z i g t,  war ich tot" (p. 7). "Dies
       Herz dem    T o d    g e w e i h t"    (p.  8).  "Mein  Sinn  ist
       f i n s t e r"   (p. 10).  Ihm "klagt  in des  Herzens ödem Forst
       u r a l t e s   L e i d"   (p. 24).   "N i e  g e b o r e n  wäre
       besser, aber gut war auch der Tod" (p. 29).
       In dieser bittren, bösen Stunde,
       Wo dich die kalte Welt vergißt,
       Gesteh 's, mein Herz, aus bleichem Munde,
       Daß du  u n s ä g l i c h  e l e n d  bist (p. 30).
       
       p. 100 "blutet" er "aus manch verborgner Wunde" und befindet sich
       p. 101  im Interesse  der Menschheit  so unwohl,  daß er  "um die
       Brust, die  zu zerspringen drohte ... fest wie zwei Klammern" die
       Arme pressen  muß, und  p. 79  ist er ein angeschossener Kranich,
       der nicht mit seinen Brüdern im Herbst gen Süden fliegen kann und
       der "mit  bleidurchschoßnen Schwingen"  im Gestrüpp  zappelt  und
       "ein breites,  blutiges Gefieder  schlägt" [p. 78]. Und woher all
       dieser Schmerz? Sind alle diese Klagen nur Wertherscher alltägli-
       cher Liebesjammer [170], vermehrt durch Unzufriedenheit über Pri-
       vatleiden unsres  Dichters? Keineswegs;  - unser Dichter hat zwar
       viel gelitten,  aber er  hat allen  seinen Leiden eine allgemeine
       Seite abzugewinnen  gewußt. Er deutet häufig, z.B. p. 64, an, daß
       ihm  die   Frauenzimmer  manchen   schlimmen   Streich   gespielt
       (gewöhnliches Los  der Deutschen,  besonders der  Poeten), daß er
       bittre Erfahrungen im Leben gemacht habe; aber alles das
       
       #272# Friedrich Engels
       -----
       beweist für  ihn nur  die Schlechtigkeit der Welt und die Notwen-
       digkeit einer Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse. In
       ihm hat  nicht Alfred  Meißner, sondern  die Menschheit gelitten,
       und darum  zieht er aus allem seinen Kummer nur das Resultat, daß
       es ein  großes Kunststück und ein schweres Leiden ist, ein Mensch
       zu sein.
       
       Hier (in der Einöde), lerne, Herz, in allen Lebenslagen
       Des   M e n s c h s e i n s  S c h w e r e  mutig zu ertragen (p.
       66).
       O süßer Schmerz, o Fluch voll Segen,
       O  s ü ß e s  W e h,  e i n  M e n s c h  z u  s e i n  (p. 90).
       
       Solch edler  Schmerz kann  in unsrer  gefühllosen  Welt  nur  auf
       Gleichgültigkeit, verletzende  Zurückstoßung und  Spott  rechnen.
       Karl Moor  der Zweite macht diese Erfahrung auch. Wir sahen schon
       oben, daß  ihn "die  kalte Welt vergißt". Es geht ihm wirklich in
       dieser Beziehung sehr schlecht:
       
       Daß ich der Menschen kalten Hohn vermeide,
       Baut' ich den Kerker mir, den grabeskalten (p. 227).
       
       Einmal ermannt er sich noch:
       
       Du, der mich schmäht, du bleicher Heuchler, nenne
       Mir einen Schmerz, der nicht dies Herz zerschnitten,
       Ein Hochgefühl, in dem ich nicht entbrenne (p. 212).
       
       Aber es  wird ihm  doch zu  arg, er zieht sich zurück, geht p. 65
       "in die  Einöde" und  p. 70  "in die Gebirgswüste". Ganz wie Karl
       Moor der  Erste. Hier läßt er sich von einem Bach auseinanderset-
       zen, weil  a l l e s  leide, z.B. das vom Adler zerfleischte Lamm
       leide, der  Falke leide,  das Rohr leide, das im Winde kreischt -
       "wie klein  da eines  Menschen Wehe"  seien und wie ihm da nichts
       übrigbleibe, als  "jauchzen  und  untergehn".  Da  ihm  aber  das
       "Jauchzen" nicht  recht von Herzen zu kommen, das "Untergehn" ihm
       vollends nicht  zuzusagen scheint,  so  reitet  er  aus,  um  die
       "Stimmen auf  der Heide"  zu hören.  Hier geht  es ihm  noch viel
       schlimmer. Drei  geheimnisvolle Reiter  reiten einer nach dem än-
       dern zu  ihm heran  und geben  ihm in  ziemlich dürren Worten den
       guten Rat, er solle sich begraben lassen:
       
       Traun besser wärs, Du
       Scharrtest Dich in tote Blätter ein,
       Und stürbst bedeckt von Gras und feuchter Erde (p. 75).
       
       Dies ist  die Krone  seiner Leiden.  Die Menschen  stoßen ihn mit
       seinem Jammer  zurück, er  wendet sich an die Natur, und auch von
       dieser erhält er nur verdrießliche Gesichter und grobe Antworten.
       Und nachdem uns so der
       
       #273# Die wahren Sozialisten
       -----
       Schmerz Karl  Moors des  Zweiten "sein breites, blutiges Gefieder
       ..." bis  zum Ekel  vorgeschlagen hat,  finden wir p. 211 ein So-
       nett, wo der Poet sich verteidigen zu müssen glaubt,
       
       ... weil  s t u m m  und  i n  V e r w a h r u n g
       Ich meinen Schmerz und meine Wunden trage,
       Und  weil   mein  Mund,     v e r s c h m ä h e n d     e i t l e
       K l a g e,
       N i c h t  p r a h l e n  m a g  mit gräßlicher Erfahrung!!
       
       Aber nicht  nur schmerzlich,  sondern auch    w i l d    muß  der
       "Welterlöser"  sein.   Daher  "braust   durch  seine   Brust  der
       w i l d e   Drang der  Leidenschaft" (p.  24); wenn  er liebt, so
       "lohen  seine   Sonnen  heiß"   (p.   17);   sein   "Lieben   ist
       G e w i t t e r b l i t z e n,  ein  S t u r m  ist seine Poesie"
       (p. 68).  Wir werden  bald Exempel  davon haben,  wie wild  diese
       Wildheit ist.
       Gehen wir  rasch einige  der sozialistischen Gedichte Orion-Moors
       durch.
       Von p.  100 bis 106 schlägt er sein "breites, blutiges Gefieder",
       um die  Übelstände der  jetzigen Gesellschaft  im Fluge  zu über-
       schauen. Er  rennt in  einem wütenden  Anfall von  "wildem  Welt-
       schmerz" durch  die Straßen  von Leipzig. Es ist Nacht um ihn und
       in seinem Herzen. Endlich bleibt er stehen. Ein mysteriöser Dämon
       tritt an  ihn heran und fragt ihn im Ton eines Nachtwächters, was
       er so  spät auf  der Straße zu suchen habe. Karl Moor der Zweite,
       der grade  damit beschäftigt war, die "Klammern" seiner Arme fest
       an seinen  "zu zerspringen  drohenden"  Brustkasten  zu  pressen,
       starrt dem Dämon mit den "heiß lohenden Sonnen" seiner Augen wüst
       ins Gesicht und bricht endlich aus (p. 102):
       
       S o v i e l  s e h'  i c h,  in des Geistes Licht
       Aus des Glaubens Sternennacht erwacht:
       Der auf Golgatha, der hat noch nicht
       Die Erlösung dieser Welt gebracht!
       
       "Soviel" sieht  Karl Moor der Zweite! Bei des Herzens ödem Forst,
       bei seines  Kummers Mantel,  bei des Menschseins Schwere, bei den
       bleidurchschoßnen Schwingen  unsres Dichters  und bei  allem, was
       Karl Moor  dem Zweiten  sonst noch  heilig ist - es war nicht der
       Mühe wert,  nachts auf  die Straße zu rennen, seine Brust der Ge-
       fahr des  Zerspringens und  der Lungenentzündung  auszusetzen und
       einen aparten Dämon zu zitieren, um uns schließlich diese Entdec-
       kung mitzuteilen!  Doch hören wir weiter. Der Dämon will sich da-
       bei nicht  beruhigen. Da  erzählt Karl  Moor der Zweite denn, wie
       ihn ein prostituiertes Mädchen an der Hand gefaßt und dadurch al-
       lerlei schmerzliche  Reflexionen in  ihm hervorgerufen  habe, die
       zuletzt sich in folgender Apostrophe Luft machten:
       
       #274# Friedrich Engels
       -----
       Weib, an Deinem Elend ist nur schuld
       Die Gesellschaft, die erbarmungslose!
       Bleiches Opfer, traurig anzuschau'n,
       Auf der Sünde heidnischem (!!) Altare
       Liegst Du, daß die Unschuld andrer Frau'n
       Sich im Hause unbefleckt bewahre! [p. 103.]
       
       Der Dämon,  der sich  jetzt als ein ganz ordinärer Bourgeois ent-
       wickelt, geht  auf die in diesen Zeilen liegende, wahrhaft sozia-
       listische Theorie  der Prostitution  nicht ein,  sondern erwidert
       ganz einfach:  Jeder sei  seines Glückes  Schmied, "seiner Schuld
       ist jeder  Einzle schuldig"  und andre  Bourgeoisphrasen; er  be-
       merkt: "die  Gesellschaft ist  ein leeres  Wort" (er  hatte wahr-
       scheinlich Stirner gelesen [171]) und fordert Karl Moor den Zwei-
       ten auf, weiter zu berichten. Dieser erzählt, wie er die Proleta-
       rierwohnungen betrachtet und das Weinen der Kinder gehört:
       
       Weil der Mutter welke Brust für sie
       Keinen Tropfen süßer Labung hatte,
       Schuldlos sterben in der Mutter Hut!
       U n d  d o c h  (!!) ist's ein Wunder, hold und milde,
       Wie in Mutterbrust aus rotem Blut
       Weiße Milch sich scheide und sich bilde, [p. 104.]
       
       Wer dies Wunder gesehen, meint er, brauche nicht zu trauern, wenn
       er nicht  glauben könne,  daß Christus  Wein aus  Wasser  gemacht
       habe. Die Geschichte mit der Hochzeit zu Cana scheint unsren Poe-
       ten sehr  günstig für  das Christentum  eingenommen zu haben. Der
       Weltschmerz wird hier so gewaltig, daß Karl Moor der Zweite allen
       Zusammenhang verliert.  Der dämonische Bourgeois sucht ihn zu be-
       ruhigen und läßt ihn weiter berichten:
       
       Andre Kinder, eine blasse Brut,
       Sah ich dort, wo hohe Essen dampften
       Und die ehr'nen Räder, in der Glut,
       Einen Tanz in schwerem Takte stampften, [p. 105.]
       
       Was das  wohl für  eine Fabrik gewesen sein mag, wo Karl Moor der
       Zweite "Räder  in der  Glut" und  noch  dazu  "stampfende,  einen
       T a n z   stampfende Räder" gesehen hat! Es kann nur dieselbe Fa-
       brik sein,  wo die ebenfalls "einen Tanz in schwerem Takte stamp-
       fenden" Verse unsres Poeten fabriziert werden. Folgt einiges über
       die Lage  der Fabrikkinder. Das greift dem dämonischen Bourgeois,
       der ohne  Zweifel auch  Fabrikant ist, an den Geldbeutel. Er wird
       auch aufgeregt  und erwidert, das sei dummes Zeug, an dem Lumpen-
       pack von  Proletarierkindern sei  nichts gelegen,  ein Genie  sei
       noch
       
       #275# Die wahren Sozialisten
       -----
       nie an  solchen Kleinigkeiten  untergegangen, überhaupt  komme es
       nicht   auf    die   Einzelnen    an,   sondern   nur   auf   die
       M e n s c h h e i t   im Ganzen, und die werde sich auch ohne Al-
       fred Meißner  durchbeißen. Not und Elend seien einmal das Los der
       Menschen und im übrigen,
       
       Was der Schöpfer hatte schlecht getan,
       Wird der Mensch doch nie zum Bessern leiten, [p. 107.]
       
       Damit verschwindet  er und  läßt unsren  bedrängten Poeten stehn.
       Dieser schüttelt  sein konfuses  Haupt und  weiß nichts Beßres zu
       tun, als  nach Hause  zu gehen und sich das alles wörtlich zu Pa-
       pier und unter die Presse zu bringen.
       Pag. 109  will sich  "ein armer  Mann" ersäufen;  Karl  Moor  der
       Zweite hält  ihn edelmütig  zurück und fragt ihn um seine Gründe.
       Der arme Mann erzählt, er sei viel gereist:
       
       Wo Englands Essen blutig (!) flammten,
       Sah ich in Schmerzen stumpf und stumm
       Die neuen Höllen und Verdammten.
       
       Der arme  Mann hat in England, wo die Chartisten in jeder einzel-
       nen Fabrikstadt  mehr Tätigkeit  entwickeln als alle politischen,
       sozialistischen und  religiösen Parteien  in ganz Deutschland zu-
       sammen, sonderbare  Dinge gesehen. Er muß wohl selbst "stumpf und
       stumm" gewesen sein.
       
       Nach Frankreich kommend übers Meer,
       Sah ich  e r s c h r o c k e n  und  m i t  G r a u s e n,
       Wie Lava gärend um mich her
       Der Proletarier Massen brausen.
       
       "Erschrocken und  mit Grausen"  sah er  das, der  "arme Mann"! So
       sieht er überall den "Kampf der Armen und der Reichen", er selbst
       "Einer der  Heloten", und weil die Reichen nicht hören wollen und
       "des Volkes  Tage sind  noch fern",  so glaubt  er, daß er nichts
       Beßres tun  könne als  ins Wasser  springen -  und Meißner, über-
       führt, läßt  ihn los:  "Leb wohl, ich kann Dich nicht - mehr hal-
       ten!"
       Unser Poet  hat sehr  wohl getan, diesen bornierten Feigling, der
       in England  gar nichts  gesehn, den die proletarische Bewegung in
       Frankreich "erschrocken  und mit Grausen" erfüllt hat, und der zu
       lâche 1*)  ist, um sich dem Kampf seiner Klasse gegen ihre Unter-
       drücker anzuschließen,  sich ruhig  ersäufen zu  lassen. Der Kerl
       war ohnehin zu nichts mehr gut.
       -----
       1*) feige
       
       #276# Friedrich Engels
       -----
       Pag. 237  richtet Orion-Moor  einen tyrtäischen  Hymnus [172] "an
       die Frauen". "Jetzt, da die Männer feige sünd'gen", werden Germa-
       niens blonde  Töchter aufgefordert, sich zu erheben und "ein Wort
       der Freiheit zu verkünd'gen". Unsre sanften Blondinen haben seine
       Aufforderung nicht erst abgewartet; das Publikum hat "erschrocken
       und mit  Grausen" Exempel  davon gesehen, welcher erhabenen Taten
       Deutschlands Frauenzimmer  fähig ist,  sobald es erst Hosen trägt
       und Zigarren rauchen kann.
       Suchen wir jetzt, nach dieser Kritik der bestehenden Gesellschaft
       durch unsern  Dichter, seine pia desideria 1*) in sozialer Bezie-
       hung auf. Wir finden am Schluß eine in zerhackter Prosa abgefaßte
       "Versöhnung", die  die "Auferstehung"  am Schluß  der gesammelten
       Gedichte von K. Beck mehr als nachahmt. Dort heißt es u.a.:
       
       "Nicht darum,  daß sie  den Einzlen  gebäre, lebt  und ringt  die
       Menschheit. -   E i n   Mensch  ist die Menschheit." Wonach unser
       Dichter, "der Einzle" natürlich,  "k e i n  Mensch" ist. "Und sie
       wird kommen,  die Zeit  ... dann  erhebt sich die Menschheit, ein
       Messias, ein  Gott in  ihrer Entfaltung ..." Dieser Messias kommt
       aber erst  "in tausend  Jahren und tausend, der neue Heiland, der
       da sprechen  wird" (das  Durchführen überläßt er ändern) "von der
       Teilung der  Arbeit, der brüderlich gleichmäßigen für alle Kinder
       der Erde"...  und dann  wird die "Pflugschar, Symbol der geistbe-
       schatteten Erde  ... ein Zeichen inniger Verehrung ... sich erhe-
       ben, strahlend,  rosenbekränzt,   s c h ö n e r  s e l b s t  als
       das alte christliche Kreuz".
       
       Was nach  "tausend Jahren  und tausend"  kommen wird, kann uns im
       Grunde ziemlich  gleichgültig sein.  Wir brauchen  daher nicht zu
       untersuchen,  ob   die  dann  existierenden  Menschen  durch  das
       "Sprechen" des  neuen Heilandes um einen Zoll weitergebracht wer-
       den, ob  sie überhaupt  noch einen  "Heiland" werden hören wollen
       und ob die brüderliche Theorie dieses "Heilandes" ausführbar oder
       vor den  Schrecken des Bankerottes sicher ist. "Soviel sieht" un-
       ser Poet  diesmal nicht. Interessant ist in dem ganzen Passus nur
       seine andächtige  Kniebeugung vor  dem Sakrosanktum  2*) der  Zu-
       kunft, der idyllischen "Pflugschar". In den Reihen der wahren So-
       zialisten fanden  wir bisher  nur den   B ü r g e r;   wir merken
       hier  schon,   daß  Karl   Moor   der   Zweite   uns   auch   den
       L a n d m a n n   im Sonntagsstaat vorführen wird. In der Tat se-
       hen wir ihn p. 154 vom Berge in ein liebliches, sonntägliches Tal
       herniederschauen, wo  die Bauern  und Hirten  gar still vergnügt,
       fröhlich und mit Gottvertrauen ihr Tagewerk beschicken; und
       
       In meinem Zweiflerherzen rief es laut:
       O horch, so fröhlich kann die Armut singen!
       -----
       1*) frommen Wünsche - 2*) das Unverletzliche, Hochheilige
       
       #277# Die wahren Sozialisten
       -----
       Hier ist  die Armut  "kein Weib,  das sich  verkauft, sie ist ein
       Kind, und arglos ihre Blöße!"
       
       Und ich verstand, daß fröhlich, fromm und gut
       Die vielgeprüfte Menschheit dann nur werde,
       Wenn sie in  s e l i g e m  V e r g e s s e n  ruht
       Bei Müh' und Arbeit an der Brust der Erde.
       
       Und um uns noch deutlicher zu sagen, was seine ernstliche Meinung
       ist, schildert  er uns  p. 159 das Familienglück eines ländlichen
       Schmiedes und wünscht, daß seine Kinder
       
       ... nie die Seuchen kennen,
       Die im Triumphatorston
       Böse oder Toren nennen:
       Bildung, Zivilisation.
       
       Der wahre  Sozialismus hatte  keine Ruhe, bis neben der bürgerli-
       chen auch  die bäuerliche  Idylle, neben Lafontaines Romanen auch
       Geßners Schäferszenen  rehabilitiert waren.  In  der  Person  des
       Herrn Alfred  Meißner hat  er sich  auf  den  Boden  von  Rochows
       "Kinderfreund" [173] gestellt und proklamiert von diesem erhabnen
       Standpunkt, daß es die Bestimmung des Menschen sei, zu verbauern.
       Wer hätte  solche Kindlichkeit  von dem Dichter des "wilden Welt-
       schmerzes", von  dem Inhaber  "heiß  lohender  Sonnen",  von  dem
       "gewitterblitzenden" Karl Moor dem Jüngeren erwartet?
       
       Trotz seiner  bäuerlichen Sehnsucht  nach dem Frieden des Landle-
       bens erklärt er jedoch, die großen Städte seien sein eigentliches
       Feld der Tätigkeit. Demgemäß hat unser Poet sich nach Paris bege-
       ben, um hier ebenfalls
       
       ... erschrocken und mit Grausen
       Wie Lava gärend, um sich her
       Der Proletarier Massen brausen [p. 111]
       
       zu sehen.  Hélas! il  n'en fut  rien. 1*) In den "Grenzboten" er-
       klärt er  sich -  in einer Korrespondenz aus Paris - für schreck-
       lich enttäuscht.  Der ehrliche  Poet hat  diese brausenden Massen
       der Proletarier  überall  gesucht,  selbst  im  Cirque  olympique
       [174], wo damals die französische Revolution mit Pauken und Kano-
       nen aufgeführt  wurde; aber  statt den gesuchten finstern Tugend-
       helden und  farouchen 2*) Republikaner fand er nur ein lachendes,
       bewegliches Volk  von unverwüstlicher Heiterkeit, das für hübsche
       Frauenzimmer viel  mehr Interesse verriet als für die großen Fra-
       gen der  Menschheit. Gerade so suchte er in der Deputiertenkammer
       "die Vertreter des französischen Volks"
       -----
       1*) Aber ach! es wurde nichts daraus. - 2*) wilden
       
       #278# Friedrich Engels
       -----
       und fand nur einen Haufen wohlgenährter, durcheinander schwatzen-
       der Ventrus 1*).
       Es ist  in der  Tat unverantwortlich, daß die Pariser Proletarier
       nicht zu Ehren Karl Moors des Jüngeren so eine kleine Julirevolu-
       tion exekutierten,  um ihm Gelegenheit zu geben, "erschrocken und
       mit Grausen" eine bessere Meinung von ihnen sich anzueignen. Über
       all dieses  Unglück erhebt unser ehrlicher Poet ein großes Wehge-
       schrei und weissagt als neuer aus dem Bauche des wahren Sozialis-
       mus gespiener  Jonas den  Untergang des Seine-Ninive, wie das des
       breiteren in  den "Grenzboten" von 1847 Nr. [14], Korr[espondenz]
       "Aus Paris", nachzulesen ist, woselbst unser Poet auch höchst er-
       götzlich erzählt,  wie er  einen bon  bourgeois du marais 2*) für
       einen Proletarier  versehen und was daraus für sonderbare Mißver-
       ständnisse entstehen.
       Seinen "Ziska"  wollen wir  ihm schenken, denn der ist bloß lang-
       weilig.
       Da wir  gerade von Gedichten sprechen, so wollen wir mit ein paar
       Worten der sechs Provokationen zur Revolution erwähnen, die unser
       Freihgrath unter dem Titel: "Ça ira", Herisau 1846, erlassen hat.
       Die erste  derselben ist  eine deutsche  Marseillaise und besingt
       einen "kecken  Piraten", der "so in Österreich wie in Preußen Re-
       volution heißt". An dieses Schiff unter eigner Flagge, welche der
       berühmten deutschen  Flotte in partibus infidelium [175] eine be-
       deutende Verstärkung zuführt, wird die Aufforderung gerichtet:
       
       Auf des Besitzes Silberflotten
       Richte kühn der Kanonen Schlund,
       Auf des Meeres rottigem Grund
       Laß der Habsucht Schätze verrotten, [p. 9.]
       
       Das ganze  Lied ist  übrigens so gemütlich abgefaßt, daß es trotz
       des Versmaßes  am besten nach der Melodie: "Auf Matrosen, die An-
       ker gelichtet" zu singen ist.
       Am bezeichnendsten ist das Gedicht: "Wie man's macht", das heißt,
       wie Freihgrath  eine Revolution  macht. Es  sind gerade schlechte
       Zeiten, das  Volk hungert  und geht  m Lumpen: "Wo kriegt es Brot
       und Kleider  her?" Bei dieser Gelegenheit findet sich "ein kecker
       Bursch", der  Rat zu  schaffen weiß.  Er führt  den ganzen Haufen
       aufs Landwehrzeughaus und verteilt die Umformen, die sogleich an-
       gezogen werden.  "Zum Versuch"  greift man  auch nach den Flinten
       und findet,  daß es  "ein Spaß  wäre", wenn man sie mitnähme. Bei
       dieser Gelegenheit  fällt es  unserm "kecken  Burschen" ein,  man
       könne "diesen  Kleiderwitz vielleicht noch gar Rebellerei nennen,
       Einbruch und  Raub", und  da müsse man "für seinen Rock die Zähne
       weisen". Daher
       -----
       1*) Bäuche - 2*) biederen Spießbürger
       
       #279# Die wahren Sozialisten
       -----
       wandern Tschako, Säbel und Patronentasche auch mit, und als Fahne
       wird ein  Bettelsack aufgepflanzt.  So kommt  man auf die Straße.
       Bei dieser  Gelegenheit präsentiert sich dann "die königliche Li-
       nie", der General kommandiert Feuer, aber die Soldaten sinken der
       kleiderwitzigen Landwehr  jubelnd in  die Arme.  Und da man jetzt
       einmal im  Zuge ist,  so zieht  man ebenfalls zum "Spaß" nach der
       Hauptstadt,  findet   Anhang,  und   so,  bei  Gelegenheit  eines
       "Kleiderwitzes":
       
       "Umstürzt der  Thron, die  Krone fällt, in seinen Angeln bebt das
       Reich", und "das Volk erhebt sieghaft sein lang zertreten Haupt."
       
       Alles geht so rasch, so flott, daß über der ganzen Prozedur gewiß
       keinem einzigen  Mitgliede des "Proletarier-Bataillons" die Pfeif
       ausgegangen ist. Man muß gestehen, nirgends machen sich die Revo-
       lutionen mit  größerer Heiterkeit und Ungezwungenheit als im Kopf
       unsres Freiligrath.  Es gehört  wirklich die ganze schwarzgallige
       Hypochondrie der  "Allgemeinen preußischen  Zeitung" dazu,  um in
       solch einer  unschuldigen, idyllischen  Landpartie Hochverrat  zu
       wittern.
       Die letzte  Gruppe wahrer Sozialisten, zu der wir uns wenden, ist
       die  B e r l i n e r.  Von dieser Gruppe nehmen wir ebenfalls nur
       ein bezeichnendes  Individuum heraus,  nämlich  den  Herrn  Ernst
       Dronke, weil  er sich  durch Erfindung  einer neuen  Dichtungsart
       dauernde Verdienste  um die  deutsche Literatur erworben hat. Die
       Romanschreiber und  Novellisten unsres Vaterlandes waren seit ge-
       raumer Zeit um Material verlegen. Noch nie hatte sich eine solche
       Teuerung des  Rohstoffs für  ihre Industrie  fühlbar gemacht. Die
       französischen Fabriken  lieferten  zwar  viel  Brauchbares,  aber
       diese Zufuhr reichte um so weniger zur Befriedigung der Nachfrage
       aus, als manches sogleich in der Gestalt der Übersetzung den Kon-
       sumenten offeriert und hierdurch auch den Romanschreibern gefähr-
       liche Konkurrenz gemacht wurde. Da bewährte sich das Ingenium des
       Herrn Dronke:  in der Gestalt des Ophiuchus, des Schlangenträgers
       am wahrhaft  sozialistischen Firmament,  hielt er  die  ringelnde
       Riesenschlange der deutschen Polizeigesetzgebung empor, um sie in
       seinen "Polizei-Geschichten"  zu einer Reihe der interessantesten
       Novellen zu  verarbeiten. In  der Tat  enthält diese verwickelte,
       schlangenglatte Gesetzgebung  den reichhaltigsten Stoff für diese
       Art der Dichtung. In jedem Paragraphen steckt ein Roman, in jedem
       Reglement eine  Tragödie. Herr  Dronke, der  als Berliner Literat
       selbst gewaltige Kämpfe mit dem Polizeipräsidio bestanden, konnte
       hier aus eigner Erfahrung sprechen. An Nachfolgern auf der einmal
       betretenen Bahn  wird es  nicht fehlen; das Feld ist reichhaltig.
       Das preußische  Landrecht unter  ändern ist  eine unerschöpfliche
       Fundgrube von spannenden Konflikten und drastischen Effektszenen.
       An der Ehescheidungs-,
       
       #280# Friedrich Engels
       -----
       Alimentations- und  Jungfernkranz-Gesetzgebung allein  - von  den
       Kapiteln über  unnatürliche Privatvergnügen  gar nicht zu reden -
       hat   die   ganze   deutsche   Romanindustrie   Rohmaterial   für
       Jahrhunderte.  Dazu   ist  nichts   leichter,  als   solch  einen
       Paragraphen poetisch  zu  verarbeiten;  die  Kollision  und  ihre
       Lösung ist  schon fertig,  man hat  nichts hinzuzufügen  als  das
       Beiwerk, das  man aus  dem ersten  besten Roman von Bulwer, Dumas
       oder Sue nimmt und etwas zustutzt, und die Novelle ist fertig. So
       steht zu hoffen, daß der deutsche Bürger und Landmann, ingleichen
       der Studiosus  juris oder cameralium 1*) allmählich in den Besitz
       einer Reihe  von Kommentaren  über  die  derzeitige  Gesetzgebung
       kommen wird,  die ihm  erlauben, sich spielend und mit gänzlicher
       Beseitigung der  Pedanterie mit diesem Fache gründlich bekannt zu
       machen.
       Wir sehen  an Herrn Dronke, daß wir uns nicht zuviel versprechen.
       Aus der  Heimatrechtsgesetzgebung allein  macht er zwei Novellen.
       In der einen ("Polizeiliche Ehescheidung") heiratet ein kurhessi-
       scher Literat  (die deutschen Literaten machen immer Literaten zu
       ihren Helden)  eine Preußin  ohne die  gesetzlich vorgeschriebene
       Zustimmung seines  Stadtrats. Seine Frau und Kinder verlieren da-
       durch den  Anspruch auf kurhessische Untertanenschaft, und daraus
       entwickelt sich  die Trennung der Gatten vermittelst der Polizei.
       Der Literat  wird wütend,  spricht sich mißliebig über das Beste-
       hende aus, wird dafür von einem Leutnant gefordert und erstochen.
       Die polizeilichen  Verwicklungen waren  mit Kosten verknüpft, die
       sein Vermögen  bereits ruiniert hatten. Madame hat durch ihre Ehe
       mit einem  Ausländer ihre  Eigenschaft als  preußische Untertanin
       verloren und  fällt nun ins äußerste Elend. - In der zweiten Hei-
       matrechtsnovelle wird  ein armer Teufel 14 Jahre lang von Hamburg
       nach Hannover  und von  Hannover nach  Hamburg transportiert,  um
       hier die  Süßigkeiten der Tretmühle, dort die Freuden des Gefäng-
       nisses zu schmecken und auf beiden Elbufern Stockprügel zu genie-
       ßen. In derselben Weise wird der Übelstand behandelt, daß man ge-
       gen Übergriffe  der Polizei  nur bei  der Polizei  selbst  klagen
       kann. Sehr  rührend wird  geschildert, wie  die Polizei in Berlin
       durch ihr  Reglement wegen  Ausweisung , arbeitsloser Dienstboten
       der Prostitution  unter die  Arme greift,  und andre  ergreifende
       Kollisionen.
       Der wahre  Sozialismus hat sich von Herrn Dronke aufs gutmütigste
       düpieren lassen.  Er hat  die "Polizei-Geschichten",  weinerliche
       Schilderungen aus  der deutschen  Spießbürgermisere im  Tone  von
       "Menschenhaß und  Reue" [176], für Gemälde von Konflikten aus der
       modernen Gesellschaft versehen;
       -----
       1*) Student des allgemeinen Rechts oder Verwaltungsrechts
       
       #281# Die wahren Sozialisten
       -----
       er hat geglaubt, hier werde sozialistische Propaganda gemacht, er
       hat keinen Augenblick daran gedacht, daß dergleichen Jammerszenen
       in Frankreich,  England und  Amerika, wo  das Gegenteil von allem
       Sozialismus herrscht,  ganz unmöglich  sind, daß also Herr Dronke
       keine sozialistische, sondern  l i b e r a l e  Propaganda macht.
       Der wahre Sozialismus ist hier indes um so eher zu entschuldigen,
       als Herr Dronke selbst an das  a l l e s  ebenfalls nicht gedacht
       hat.
       Herr Dronke  hat auch  Geschichten "Aus  dem Volke"  geschrieben.
       Hier erleben  wir wieder  eine Literatennovelle, in der das Elend
       der industriellen Schriftsteller dem Mitleiden des Publikums dar-
       gelegt wird. Diese Erzählung scheint Freiligrath zu dem rührenden
       Gedicht begeistert  zu haben, worin er um Teilnahme für den Lite-
       raten fleht  und ausruft:  "Er auch ist ein Proletar!" [177] Wenn
       es einmal dazu kommt, daß die deutschen Proletarier mit der Bour-
       geoisie und  den übrigen besitzenden Klassen die Bilanz abschlie-
       ßen, so werden sie es den Herren Literaten, dieser lumpigsten al-
       ler käuflichen  Klassen, vermittelst der Laterne beweisen, inwie-
       fern auch  sie Proletarier sind. Die übrigen Novellen des Dronke-
       schen Buchs  sind mit  einem gänzlichen  Mangel an  Phantasie und
       ziemlicher Unkenntnis  des wirklichen  Lebens  zusammengestoppelt
       und dienen nur dazu, Herrn Dronkes sozialistische Gedanken gerade
       solchen Leuten in den Mund zu legen, bei denen sie am allerwenig-
       sten angebracht sind.
       Ferner hat  Herr Dronke ein Buch über Berlin geschrieben, das auf
       der Höhe der modernen Wissenschaft steht, d.h., in dem sich Jung-
       hegelsche, Bauersche, Feuerbachsche, Stirnersche, wahrhaft sozia-
       listische und kommunistische Anschauungen bunt durcheinander fin-
       den, wie  sie in  der Literatur  der letzten Jahre in Zirkulation
       gekommen sind.  Das Endresultat  des Ganzen ist, daß Berlin trotz
       alledem und alledem der Mittelpunkt moderner Bildung, das Zentrum
       der Intelligenz  und eine  Weltstadt mit  zwei fünftel  Millionen
       Einwohner bleibt,  vor deren  Konkurrenz Paris und London sich in
       acht nehmen  mögen. Sogar  G r i s e t t e n  gibt es in Berlin -
       aber der Himmel weiß es, sie sind auch danach!
       Zu der  Berliner Couleur  des wahren Sozialismus gehört auch Herr
       Friedrich Saß,  der ebenfalls ein Buch über seine geistige Vater-
       stadt geschrieben  hat. [178]  Von diesem Herrn ist uns indes nur
       ein Gedicht vorgekommen, das in dem sogleich näher zu besprechen-
       den Püttmannschen "Album" p. 29 zu lesen steht. In diesem Gedicht
       wird "Des alten Europas Zukunft" nach der Weise: "Lenore fuhr ums
       Morgenrot" [179] mit den ekelhaftesten Ausdrücken, die unser Ver-
       fasser in  der ganzen  deutschen Sprache  finden konnte,  und mit
       möglichst vielen  grammatischen Fehlern besungen. Der Sozialismus
       Herrn
       
       #282# Friedrich Engels
       -----
       Saß' reduziert  sich darauf,  daß Europa, das "buhlerische Weib",
       nächstens untergehen wird:
       
       Es freit um Dich der Totenwurm,
       Hörst Du, hörst Du im Hochzeitssturm
       Kosaken und Tartaren
       Dein morsches Bett befahren? ...
       An Asiens wüstem Sarkophag
       Wird sich der Deine reihen --
       Die grauen Riesenleichen
       Sie bersten (pfui Teufel) und sie weichen --
       Wie Memphis und Palmyra borst (!)
       Baut einst der wilde Aar den Horst
       In Deine morsche Stirne,
       Du altgewordne Dirne!
       
       Man sieht,  die Phantasie und die Sprache des Dichters sind nicht
       minder "geborsten" als seine Geschichtsauffassung.
       Mit diesem Blick in die Zukunft beschließen wir die Übersicht der
       verschiednen Sterngruppen  des wahren Sozialismus. In der Tat, es
       war eine  glänzende Reihe von Konstellationen, die vor unsrem Te-
       leskop vorübergezogen  sind, es  ist die  strahlendste Hälfte des
       Himmels, die der wahre Sozialismus mit seiner Armee besetzt hält!
       Und um  alle diese  lichten Gestirne  zieht sich  mit dem sanften
       Glanz bürgerlicher  Philanthropie als  M i l c h s t r a ß e  die
       "T r i e r' s c h e   Z e i t u n g",   ein Blatt,  das sich  mit
       Leib und  Seele dem  wahren Sozialismus angeschlossen hat. Es ist
       kein Ereignis vorgefallen, das den wahren Sozialismus auch nur im
       entferntesten berührte, ohne daß die "Trier'sche Zeitung" mit Be-
       geisterung in  die Schranken  trat. Von dem Lieutenant Anneke bis
       zur Gräfin  Hatzfeld, vom Bielefelder Museum bis zur Madame Aston
       hat die "Trier'sche Zeitung" mit einer Energie für die Interessen
       des wahren  Sozialismus gekämpft, die ihrer Stirn den Schweiß der
       Edlen entlockte.  Sie ist  im wörtlichsten Sinne eine Milchstraße
       der Sanftmut,  Barmherzigkeit und Menschenliebe und pflegt nur in
       sehr wenigen  Fällen mit saurer Milch aufzuwarten. Möge sie still
       und ungetrübt,  wie es  einer rechten  Milchstraße geziemt, ihres
       Weges weiterfließen  und fortfahren,  Deutschlands wackere Bürger
       mit der Butter der Weichherzigkeit und dem Käse der Spießbürgerei
       zu versorgen!  Daß ihr  jemand den  Rahm abschöpfe,  braucht  sie
       nicht zu besorgen, da sie zu wässerig ist, um welchen anzusetzen.
       Damit wir  aber in  ungetrübter Heiterkeit  von ihm scheiden, hat
       uns der  wahre Sozialismus ein schließliches Fest bereitet in dem
       "Album", herausgegeben
       
       #283# Die wahren Sozialisten
       -----
       von H.  Püttmann, Borna,  bei Reiche,  1847. Unter  der Ägide des
       großen Bären  wird hier eine Girandola abgefeuert, wie man sie am
       Osterfest in  Rom nicht  glänzender sehen  kann. Alle sozialisti-
       schen Poeten  haben, freiwillig  oder gezwungen, Raketen dazu ge-
       liefert, die in zischenden, funkelnden Garben gen Himmel steigen,
       in den  Lüften  knallend  zu  Millionen  Sternen  verstieben  und
       ringsum Tageshelle in die Nacht unsrer Verhältnisse zaubern. Aber
       ach, das schöne Schauspiel dauert nur einen Augenblick - das Feu-
       erwerk brennt  aus und hinterläßt nur einen qualmenden Rauch, der
       die Nacht  noch dunkler  erscheinen läßt,  als sie  wirklich ist,
       einen Rauch,  durch den  als unveränderlich  helle Sterne nur die
       sieben Gedichte  von    H e i n e   [180] hindurchschimmern,  die
       sich zu  unserem großen Erstaunen und zu nicht geringer Verlegen-
       heit des großen Bären in dieser Gesellschaft befinden. Lassen wir
       uns das  indes nicht stören, nehmen wir ebensowenig Anstoß daran,
       daß auch  mehrere hier wieder abgedruckte Sachen von  W e e r t h
       [181] sich in solcher Kompanie unbehaglich fühlen müssen, und ge-
       nießen wir den vollen Eindruck des Feuerwerks.
       Wir finden hier sehr interessante Themata behandelt. Der Frühling
       wird drei  oder viermal  mit allem  Aufwande besungen, dessen der
       wahre Sozialismus  fähig ist.  Nicht weniger  als   a c h t  ver-
       führte Mädchen werden uns [unter] allen möglichen Gesichtspunkten
       vorgeführt. Wir  bekommen hier nicht nur den Aktus der Verführung
       zu sehen, sondern auch seine Folgen; jede Hauptepoche der Schwan-
       gerschaft ist  durch mindestens  ein Subjekt  vertreten,  nachher
       kommt dann die Niederkunft, wie billig, und in ihrem Gefolge Kin-
       desmord oder  Selbstmord. Es  ist nur  zu bedauern, daß Schillers
       "Kindesmörderin" nicht auch aufgenommen ist; aber der Herausgeber
       mochte denken,  es sei  schon hinreichend, wenn der bekannte Aus-
       ruf: "Joseph, Joseph" usw. [182] durch das ganze Buch klinge. Wie
       diese Verführungslieder  beschaffen sind, davon möge eine Strophe
       - nach einer bekannten Wiegenmelodie - Zeugnis ablegen. Herr Lud-
       wig  K ö h l e r  singt p. 299:
       
       Weine, Mutter, weine!
       Deiner Tochter Herz ist krank!
       Weine, Mutter, weine!
       Deiner Tochter Unschuld sank!
       Deinen Spruch: Sei brav mein Kind!
       Schlug sie frevelnd in den Wind!
       
       Überhaupt ist  das "Album"  eine wahre Apotheose des Verbrechens.
       Außer  den  erwähnten  zahlreichen  Kindesmorden  wird  noch  ein
       "Waldfrevel" von  Herrn Karl   E c k   besungen,  und der Schwabe
       Hiller, der  seine fünf  Kinder  ermordete,  von  Herrn  Johannes
       S c h e r r  in einem kurzen und von
       
       #284# Friedrich Engels
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       Ursa Major  höchstselbst in  einem endlosen Gedicht gefeiert. Man
       meint, man wäre auf einem deutschen Jahrmarkt, wo die Orgeldreher
       ihre Mordgeschichten ableiern:
       
       Rotes Kind, du Kind der Hölle,
       Sprich, was war dein Dasein hier?
       Vor dir und deiner Mörderhöhle,
       Da schaudert jeder Mensch dafür.
       Sechsundneunzig Menschenleben
       Mordete der Bösewicht;
       Er ließ sie nicht länger leben,
       Schnell den Hals er ihnen bricht, usw.
       
       Es fällt  schwer, unter diesen jugendkräftigen Dichtern und ihren
       lebenswarmen Produktionen eine Auswahl zu treffen; denn es ist im
       Grunde einerlei, ob man Theodor Opitz oder Karl Eck, Johannes Sc-
       herr oder  Joseph Schweitzer  heißt, die  Sachen sind alle gleich
       schön. Greifen wir aufs Geratewohl hinein.
       Da finden wir zuerst unsern Freund Bootes -  S e m m i g  wieder,
       wie er  damit beschäftigt  ist, den  Frühling auf die spekulative
       Höhe des wahren Sozialismus zu erheben (p. 35):
       
       Wacht auf! Wacht auf! Denn es will Frühling werden --.
       In Sturmesgang nimmt über Tal und Berge
       Die  F r e i h e i t  ihren fessellosen Lauf -
       
       Was das für eine Freiheit ist, erfahren wir gleich darauf:
       
       Was blickt ihr knechtisch auf des Kreuzes Zeichen?
       Ein freier Mann kann vor dem Gott nicht knie'n,
       Der uns gestürzt des Vaterlandes Eichen,
       Vor dem der Freiheit Götter mußten flieh'n!
       
       also die  Freiheit der  germanischen Urwälder,  in deren Schatten
       Bootes ruhig über "Socialismus, Communismus, Humanismus" nachden-
       ken und  nach Belieben  "des Tyrannenhasses  Dorn" pflegen  kann.
       Über letzteren erfahren wir:
       
       Es blüht ja keine Rose ohne Dorn,
       
       wonach also zu hoffen steht, daß auch die knospende "Rose" Andro-
       meda bald einen geeigneten "Dorn" finden und sich dann nicht mehr
       so "hölzern  vorkommen" möge  wie oben.  Auch  im  Interesse  der
       "Veilchen", die  damals freilich noch nicht existierten, operiert
       Bootes, indem er hier ein apartes
       
       #285# Die wahren Sozialisten
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       Gedicht erläßt, dessen Titel und Refrain lauten: "Kauft Veilchen!
       Kauft Veilchen! Kauft Veilchen!" (p. 38.)
       Herr N..h..s  1*) bemüht  sich mit  lobenswertem Eifer, 32 Seiten
       breitzeiliger Verse zustande zu bringen, ohne auch nur einen ein-
       zigen Gedanken  darin zutage  zu fördern. Da ist zum Beispiel ein
       "Proletarierlied" (p.  166). Die Proletarier treten hervor an die
       freie Natur  - wenn  wir sagen wollten,  w o r a u s  sie hervor-
       treten, so würden wir gar nicht zu Ende kommen - und entschließen
       sich nach langen Präambeln endlich zu folgender Apostrophe:
       
       O Natur! Du Mutter aller Wesen,
       Die Du alle willst mit Liebe laben,
       Alle hast zu Seligkeit erlesen,
       Unerforschlich groß bist und erhaben!
       Höre unsre heiligsten Entschlüsse!
       Höre, was wir treu und warm Dir schwören!
       Tragt die Kunde an das Meer, ihr Flüsse,
       Rausch' es, Lenzluft, durch die dunklen Föhren!
       
       Damit ist  ein neues  Thema gewonnen,  und nun geht es eine ganze
       Weile in  diesem Tone  fort.  Schließlich  erfahren  wir  in  der
       v i e r z e h n t e n   Strophe, was die Leute eigentlich wollen,
       und das ist nicht der Mühe wert, es hieher zu setzen.
       Auch Herr  Joseph  S c h w e i t z e r  ist eine interessante Be-
       kanntschaft:
       
       Der Gedanke ist die Seele, und das Handeln ist der Leib;
       Gatte ist der Feuerfunke, und die Tat sein Eheweib,
       woran sich  ungezwungen knüpft, was Herr J. Schweitzer will, näm-
       lich:
       
       P r a s s e l n   will ich,   f l a m m e n  will ich, Freiheits-
       licht
       in Wald und Plan,
       Bis der große Wassereimer, Tod genannt,
       erlöscht den Span. (p. 213.)
       
       Sein Wunsch  ist erfüllt.  In diesen  Gedichten "prasselt" es be-
       reits nach Herzenslust, und ein "Span" ist er auch, das sieht man
       auf den ersten Blick. Aber ein ergötzlicher Span:
       
       Hoch das Haupt, die Hand geschlossen,
       steh ich da, beseligt, frei. (p. 216.)
       
       Er muß  in dieser Stellung unbezahlbar gewesen sein. Leider reißt
       ihn der  Leipziger Augustkrawall  [183] auf  die Straße, und dort
       sieht er ergreifende Dinge:
       -----
       1*) Neuhaus
       
       #286# Friedrich Engels
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       Vor mir  s a u g t  in gier'gen Zügen, blutgetränkt,
       o Schmach, o Greul!
       Eine zarte  M e n s c h e n k n o s p e  bebend ihren  T o d e s-
       t a u  (p. 217).
       
       Hermann   E w e r b e c k    macht  seinem  Vornamen  auch  keine
       Schande. Er  beginnt p.  227 ein "Schlachtlied", das ohne Zweifel
       schon von den Cheruskern im Teutoburger Walde gebrüllt wurde:
       
       Wir ringen für die Freiheit,
       Für das  W e s e n  i n  u n s r e r  B r u s t. -
       
       Sollte dies ein Schlachtlied für schwangere Frauenzimmer sein?
       
       Und nicht um Gold noch Orden,
       Auch nicht aus eitler Lust.
       Wir kämpfen für spätere Geschlechter usw.
       
       In einem zweiten Gedicht [p. 229] erfahren wir:
       
       Des Menschen   S i n n e   sind  heilig, ;  Hochheilig ist reiner
       S i n n.
       Die Geister all, sie schwinden
       Vor Sinn und Sinnen hin.
       
       Ebensogut wie  "Sinn und  Sinne" uns  vor  solchen  Versen  "hin-
       schwinden".
       
       Heiß heben wir das Gute,
       Das Schöne dieser Welt,
       Wir wirken und schaffen rastlos
       Auf echtem Menschheitsfeld;
       
       und dies Feld lohnt unsre Arbeit mit einer Ernte gesinnungsvoller
       Knittelverse, wie sie selbst Ludwig der Baier nicht hervorbringen
       konnte [184].
       Ein stiller und gesetzter junger Mann ist Herr Richard Reinhardt.
       Er "geht  in  leiser  Ruhe  lange  der  stillen  Selbstentfaltung
       Schritt" und liefert ein Geburtstagsgedicht "An die junge Mensch-
       heit", in welchem er sich damit begnügt:
       
       Der reinen Freiheit Liebessonne,
       Der reinen Liebe Freiheit Licht,
       Des Liebefriedens freundlich Licht [p. 234, 236]
       
       zu besingen.  Auf diesen  sechs Seiten  wird uns wohl zumute. Die
       "Liebe" kommt  sechzehnmal, das  "Licht" siebenmal,  die  "Sonne"
       fünfmal,  die   "Freiheit"  achtmal   vor,  von   den  "Sternen",
       "Klarheiten", "Tagen",  "Wonnen", "Freuden",  "Frieden", "Rosen",
       "Gluten", "Wahrheiten"  und sonstigen  untergeordneten Würzen des
       Daseins gar nicht zu sprechen. Wenn man das
       
       #287# Die wahren Sozialisten
       -----
       Glück gehabt  hat,  s o  besungen zu werden, so kann man wahrlich
       in Frieden in die Grube fahren.
       Doch was  halten wir uns bei Stümpern auf, sobald wir Meister wie
       Herr Rudolf  Schwerdtlein und Ursa Major betrachten können! Über-
       lassen wir  alle jene  zwar liebenswürdigen,  aber doch noch sehr
       unvollkommnen Versuche  ihrem Schicksal  und wenden  wir uns  der
       Vollendung der sozialistischen Poesie zu!
       Herr Rudolf Schwerdtlein singt:
       
       "Frisch auf"
       Wir sind die Reiter des Lebens. Hurra (ter 1*))
       Wohin, Ihr Reiter des Lebens?
       Wir reiten in den Tod. Hurra!
       Wir blasen in die Trompete. Hurra (ter)
       Was schmettert Ihr in die Trompete?
       Wir schmettern, wettern Tod. Hurra!
       Das Heer blieb weit dahinter. Hurra (ter)
       Was macht Eu'r Heer dahinter?
       Es schläft den ew'gen Schlaf. Hurra!
       Horch! Blasen nicht die Feinde? Hurra (ter)
       O weh, Ihr armen Trompeter!
       Jetzt reiten wir in den Tod. Hurra! [p. 199, 200.]
       
       O weh,  du armer  Trompeter! -  Man sieht,  der Reiter des Lebens
       reitet nicht  nur mit  lachendem Mut  in den  Tod, er reitet auch
       ebenso kecklich  in den dicksten Unsinn hinein, in dem er sich so
       wohl befindet  wie die  Laus in  der Schafwolle.  Ein paar Seiten
       weiter gibt der Reiter des Lebens "Feuer":
       
       Wir sind so weise, wissen tausend Dinge,
       Der Fortschritt hat's so rasend weit gebracht --
       Doch kannst Du rudernd keine Welle kräuseln,
       Daß Dir nicht Geister um die Ohren säuseln, [p. 204.]
       
       Es ist  zu wünschen,  daß dem  Reiter des  Lebens recht  bald ein
       handfester   K ö r p e r  "um die Ohren säuseln" möge, um ihm die
       Geistersäuselei zu vertreiben.
       
       Beiß in den Apfel! Zwischen Frucht und Zähnen
       Steigt ein Gespenst Dir allsogleich hervor;
       Faß' einen Renner bei den starken Mähnen,
       Es bäumt ein Geist sich mit des Hengstes Ohr -
       -----
       1*) dreimal
       
       #288# Friedrich Engels
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       dem Reiter  des Lebens  "bäumt" sich  auch etwas zu beiden Seiten
       des Kopfes,! aber es ist nicht "des Hengstes Ohr" -
       
       Gedanken schießen um Dich, wie Hyänen,
       Umarmst Du die, die sich Dein Herz erkor.
       
       Es geht  dem Reiter  des Lebens  wie ändern tapfern Kriegshelden.
       Den Tod  fürchtet er  nicht, aber "Geister", "Gespenster" und be-
       sonders "Gedanken"  machen ihn zittern wie Espenlaub. Um sich vor
       ihnen zu  retten, beschließt  er, die  Welt in  Brand zu stecken,
       "den allgemeinen Weltbrand zu wagen":
       
       Zertrümmern ist die große Zeitparole,
       Zertrümmern ist des Zwiespalts einz'ge Schlichtung;
       Auf daß der Körper und der Geist verkohle
       Zu gründlicher Natur- und Wesens-Sichtung;
       Und wie das Erz im Tiegel, also hole
       Die Welt im Feuer sich die Neu-Verdichtung.
       Der Dämon nach dem Feuer-Weltgerichte
       Ist der Beginn der neuen Weltgeschichte, [p. 206.]
       Der Reiter  des Lebens  hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Der
       Zwiespalt der  einz'gen  Schlichtung  in  der  großen  Zeitparole
       gründlicher Natur-  und Wesenssichtung  ist eben,  daß das Erz im
       Tiegel zum  Körper und zum Geist verkohle, d. h., das Zertrümmern
       der neuen Weltgeschichte ist die Neuverdichtung des Feuer-Weltge-
       richtes oder  mit ändern Worten, der Dämon hole die Welt im Feuer
       des Beginns.
       Nun zu  unserm alten Freunde Ursa Major. Wir erwähnten die Hille-
       riade schon. Diese beginnt mit einer großen Wahrheit:
       
       Du Gottes-Gnaden-Volk begreifst es nicht,
       Wie schlimm es ist, als  L u m p  die Welt zu grüßen;
       M a n  w i r d' s  n i e  l o s.  [p. 256.]
       
       Nachdem wir  dann die  ganze Jammerhistorie mit den kleinsten De-
       tails haben  anhören müssen,  bricht Ursa Major abermals in "Heu-
       chelei" aus:
       
       Wehe, wehe Dir, Du arge, böse Welt -
       Fluch, ew'ger Fluch Dir! Du verdammtes Geld!
       Nicht ohne Dich war dieser Mord gescheh'n,
       Nicht ohne Euch, ihr reichen Ungeheuer! -
       Der Kinder Blut kommt über Euch allein!
       Die Wahrheit spricht aus meinem Dichtermunde,
       Ich schleud're sie Euch ins Gesicht hinein,
       Und harre auf den Schlag der Rachestunde! [p. 262.]
       
       #289# Die wahren Sozialisten
       -----
       Sollte man  nicht meinen,  Ursa Major  begehe hier die erschreck-
       lichste Tollkühnheit,  indem er den Leuten "Wahrheiten aus seinem
       Dichtermunde ins Gesicht schleudert"? Aber man beruhige sich, man
       zittere nicht  für seine  Leber und seine Sicherheit. Die Reichen
       tun dem  großen Bären  ebensowenig etwas, als der große Bär ihnen
       etwas tut.  Aber, meint dieser, man hätte den alten Hiller entwe-
       der köpfen lassen müssen oder:
       
       Den weichsten Flaum auf Erden unters Haupt
       Des Mörders mußtet ihr sorgfältig legen,
       Damit er, was ihr Liebes ihm geraubt,
       Im festen Schlaf vergesse - euch zum Segen.
       Und wenn er wachte, mußten um ihn her
       Z w e i h u n d e r t  Harfen schwirren süße Klänge,
       Damit der Kinder Röcheln nimmermehr
       Sein Ohr zerreiße und sein Herz zersprenge.
       Und andres noch zur Sühne - was es sei,
       Das Lieblichste, was Liebe kann ersinnen -
       Vielleicht dann wurdet ihr der Untat frei,
       Und konntet euch Gewissensruh gewinnen, (p. 263.)
       
       Das ist,  in der  Tat, die Bonhomie aller Bonhomien, die Wahrheit
       des wahren  Sozialismus! "Euch  zum Segen!"  "Gewissensruh!" Ursa
       Major wird  kindisch und  erzählt Ammenmärchen. Daß er noch immer
       "auf den Schlag der Rachestunde harrt", ist bekannt.
       Aber  noch   viel  heiterer   als   die   Hilleriade   sind   die
       "Friedhofsidyllen". Erst  sieht er  einen armen Mann begraben und
       hört die  Klagen seiner Witwe, dann einen jungen im Kriege gefal-
       lenen Soldaten,  seines greisen  Vaters einzige  Stütze, dann ein
       von seiner  Mutter ermordetes  Kind und schließlich einen reichen
       Mann. Als er das alles gesehen hat, fängt er an zu "denken", und
       
       ... meine Blicke wurden hell und klar
       Und strahlend drangen sie tief in die Grüfte; [p. 284]
       
       leider wurden sie nicht "klar", um "tief in" seine Verse zu drin-
       gen.
       
       Geheimnisvollstes ward mir offenbar.
       
       Dafür blieb  ihm das,  was aller Welt "offenbar" ist, nämlich die
       erschreckliche   Nichtswürdigkeit    seiner   Verse,   vollkommen
       "geheimnisvoll". Und  der klarsehende  Bär  sah,  "wie  im  Fluge
       schier die  größten Wunder  sich begaben".  Die Finger  des armen
       Mannes werden  Korallen, seine  Haare Seide,  und  dadurch  kommt
       seine Witwe  zu großem  Reichtum. Aus dem Grabe des Soldaten ent-
       springen Flammen, die den Palast des Königs verschlingen. Aus
       
       #290# Friedrich Engels
       -----
       dem Grabe  des Kindes entsprießt eine Rose, deren Duft bis in den
       Kerker der  Mutter dringt  - und der reiche Mann wird vermöge der
       Seelenwanderung zu  einer Natter, welche Ursa Major sich das Pri-
       vatvergnügen vorbehält,  durch seinen  jüngsten Sohn zertreten zu
       lassen! Und  so, meint  Ursa Major, "wird uns allen doch Unsterb-
       lichkeit".
       Übrigens hat  unser Bär doch Courage, p. 273 fordert er "sein Un-
       glück" mit Donnerstimme heraus; er trotzt ihm, denn:
       
       Ein starker Löwe mir im Herzen sitzt -
       Er ist so mutig, ist so groß und schnell -
       Sei Du vor seinen Krallen auf der Hut!
       
       Ja, Ursa Major "fühlt Kampfeslust", "fürchtet Wunden nicht".
       
       Geschrieben Januar bis April 1847.
       
       Nach der Handschrift.
       

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