Quelle: MEW 4 Mai 1846 - März 1848

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       #399#
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       [Friedrich Engels]
       
       Die Reformbewegung in Frankreich
       
       ["The Northern Star" Nr. 526 vom 20. November 1847]
       Als während  der letzten  Session der  gesetzgebenden Versammlung
       Herr E[mile] de Girardin jene zahlreichen und skandalösen Korrup-
       tionsfälle ans  Tageslicht brachte,  von denen er annahm, daß sie
       die Regierung  zu Fall  bringen würden, als sich die Regierung am
       Ende doch  gegen den  Sturm behauptet  hatte, als  die  berühmten
       Zweihundertfünfundzwanzig 1*) erklärten, daß sie von der Unschuld
       des Kabinetts "überzeugt" seien, schien alles vorbei zu sein, und
       die Opposition  im Parlament  fiel gegen Ende der Session in die-
       selbe Hilflosigkeit  und Lethargie  zurück, die sie am Anfang ge-
       zeigt hatte.  Aber es  war doch  nicht alles  vorbei. Die  Herren
       Rothschild, Fould,  Fulchiron und  Co. waren zwar zufrieden, aber
       das Volk  war es  nicht und  ein großer Teil der Bourgeoisie auch
       nicht. Die  Mehrheit der französischen Bourgeoisie, besonders die
       mittlere und kleinere Bourgeoisie, mußte erkennen, daß die jetzi-
       gen Wähler  mehr und  mehr zu  gehorsamen Dienern  einer  kleinen
       Gruppe von  Bankiers, Börsenmaklern, Eisenbahnspekulanten, großen
       Fabrikanten, Grund-  und Bergwerksbesitzern geworden waren, deren
       Interessen die einzigen sind, um die sich die Regierung kümmerte.
       Sie begriffen,  daß für  sie keine  Hoffnung bestand,  jemals die
       Stellung in  den Kammern  wiederzuerlangen, die sie seit 1830 mit
       jedem Tage  mehr verloren hatten, solange sie nicht das Wahlrecht
       ausdehnten. Sie  wußten, daß  der Versuch  einer Wahl- und Parla-
       mentsreform für  sie ein  gefährliches Experiment  war; aber  was
       blieb ihnen  anderes übrig?  Da sie  sahen, daß die Regierung und
       beide Kammern  von der haute finance 2*), den Königen der Pariser
       Börse, gekauft  waren, daß  man ihre eigenen Interessen offen mit
       Füßen trat, standen
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       1*) die Mehrheit  der Deputiertenkammer, die die Regierung Guizot
       unterstützte - 2*) Finanzaristokratie
       
       #400# Friedrich Engels
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       sie vor der Wahl, sich entweder geduldig zu fügen und demütig und
       bescheiden zu  warten, bis  die Habgier  der  herrschenden  money
       lords sie an den Bettelstab gebracht hatte, oder eine Parlaments-
       reform zu wagen. Sie zogen das letztere vor.
       Die Opposition  aller Schattierungen  schloß sich  daher vor etwa
       vier Monaten  zusammen, um  eine Kundgebung für die Wahlreform zu
       veranstalten. Ein  öffentliches Bankett wurde vorbereitet, das im
       Juli in  den Festsälen des Château-Rouge zu Paris stattfand. Alle
       Gruppen von  Reformern waren  vertreten, und es war eine ziemlich
       bunte Gesellschaft;  aber die Demokraten als die aktivsten hatten
       offensichtlich die  Oberhand. Sie hatten ihre Teilnahme nur unter
       der Bedingung  zugesagt, daß man nicht auf die Gesundheit des Kö-
       nigs trinken,  sondern statt  dessen ein  Hoch auf die Herrschaft
       des Volkes  ausbringen werde.  Da das Komitee genau wußte, daß in
       der demokratischsten  Stadt Frankreichs  eine wirksame Kundgebung
       ohne die  Demokraten unmöglich  war, mußte es nachgeben. Wenn ich
       mich richtig erinnere, veröffentlichten Sie damals einen ausführ-
       lichen Bericht  über dieses Bankett [261], das in jeder Beziehung
       mehr als  alles andere eine Demonstration der Stärke der Demokra-
       tie in Paris war, sowohl in zahlenmäßiger als auch in intellektu-
       eller Hinsicht.
       Das "Journal  des Debats" versäumte nicht, ein fürchterliches Ge-
       schrei über dieses Bankett zu erheben.
       
       "Was! Kein  Toast auf  den König?  Und dieser  Trinkspruch  wurde
       nicht aus Nachlässigkeit oder aus Mangel an Anstand unterlassen -
       o nein,  ein Teil  der Veranstalter machte seine Unterlassung zur
       Bedingung für ihre Unterstützung! Da haben sich ja der ruhige und
       friedfertige Herr  Duvergier de Hauranne - der Verfechter der mo-
       ralischen Gewalt  und königstreue  Herr Odilon  Barrot mit  einer
       feinen Gesellschaft eingelassen! Das ist nicht bloß Republikanis-
       mus. physical  forcism 1*),  Sozialismus, Utopismus,  Anarchismus
       und Kommunismus! O nein, meine Herren, wir durchschauen Sie - wir
       haben genügend  Beispiele Ihrer blutigen Taten kennengelernt; wir
       können beweisen,  wofür Sie kämpfen! Vor 50 Jahren, meine Herren,
       nannten Sie sich Klub der Jakobiner!"
       
       Am nächsten  Tage beantwortete  der "National"  das grimmig-wilde
       Knurren der  zornschnaubend-gemäßigten Zeitung mit einer Flut von
       Zitaten aus  Louis Philippes  persönlichem Tagebuch  von 1790 und
       1791, wonach  die Aufzeichnungen  des damaligen  "Citizen Égalité
       2*) junior" jeden Tag mit den Worten begannen: "Heute war ich bei
       den Jakobinern" - "Heute erlaubte ich
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       1*) Lehre von  der Anwendung  der physischen  Gewalt - 2*) Bürger
       Gleichheit (Name, den der Herzog von Orleans, Vater Louis-Philip-
       pes, in der Französischen Revolution annahm)
       
       #401# Die Reformbewegung in Frankreich
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       mir, ein  paar Worte an die Jakobiner zu richten, die mit herzli-
       chem Beifall  aufgenommen wurden"  - "Heute wurde ich zum Amt des
       Torhüters der Jakobiner berufen" etc.
       Das Zentralkomitee  der Opposition  hatte seine Freunde im ganzen
       Lande aufgefordert,  dem Beispiel  ihrer Metropole  zu folgen und
       überall ähnliche Bankette für die Reform zu veranstalten. Das ge-
       schah denn  auch, und in fast allen Teilen Frankreichs wurde eine
       große Anzahl  Bankette zur Unterstützung der Reform gegeben. Aber
       nicht überall konnte die gleiche Einmütigkeit unter allen Gruppen
       der Reformer  erzielt werden.  In vielen  Kleinstädten Waren  die
       Bourgeois-Liberalen stark  genug, um  den Trinkspruch auf die Ge-
       sundheit des Königs durchzusetzen, wodurch die Demokraten von der
       Teilnahme ausgeschlossen  wurden. In anderen Ortschaften versuch-
       ten sie,  den Trinkspruch  in folgender Form durchzubringen: "Auf
       den konstitutionellen  König und  die Herrschaft  des Volkes." Da
       die Demokraten damit auch nicht einverstanden waren, griff man zu
       einer neuen List und ersetzte den "konstitutionellen König" durch
       die "konstitutionellen  Einrichtungen", in denen das Königtum na-
       türlich stillschweigend mit einbegriffen war. Unter den Liberalen
       auf dem  Lande erhob  sich nun  die große Frage, ob sie sogar auf
       diese Formulierung verzichten und alle Versuche aufgeben sollten,
       in irgendeiner  Form auf  die Gesundheit  des Königs  zu trinken,
       oder ob sie offen mit den Demokraten brechen sollten, die in die-
       sem Fall  ihre eigenen  Bankette veranstaltet  und ihnen  schwere
       Konkurrenz gemacht  hätten. Denn die demokratische Partei bestand
       auf der ursprünglichen Vereinbarung, daß der König bei der ganzen
       Angelegenheit überhaupt  nicht erwähnt  werden sollte,  und  wenn
       auch der  "National" in einem Fall etwas schwankte, so stand doch
       die Partei  der "Réforme" fest auf der republikanischen Seite. In
       den Großstädten  mußten die Liberalen überall nachgeben, und wenn
       sie auch  in den weniger wichtigen Ortschaften auf die Gesundheit
       des Königs  getrunken haben, so war das nur deshalb möglich, weil
       solche Bankette  eine Menge Geld kosten und das Volk daher natür-
       licherweise davon  ausgeschlossen ist. Anläßlich des Banketts von
       Bar-le-Duc schrieb die "Réforme":
       
       "Diejenigen, die sich einbilden, daß solche Kundgebungen Ausdruck
       der öffentlichen  Meinung in Frankreich sind, irren sich ganz ge-
       waltig; sie  werden allein  von der Bourgeoisie durchgeführt, und
       das Volk  ist davon ausgeschlossen. Wenn diese Bewegung weiterhin
       innerhalb der  engen Grenzen  eines Bar-le-Duc-Banketts verläuft,
       wird  sie  wie  alle  Bourgeois-Bewegungen  wieder  verschwinden,
       ebenso wie  die Freihandelsbewegung  nach  einigen  hohlen  Reden
       ziemlich bald das Zeitliche segnete."
       Das erste große Bankett nach dem Pariser Bankett fand Anfang Sep-
       tember in  Straßburg statt. Es war ziemlich demokratisch, und zum
       Schluß
       
       #402# Friedrich Engels
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       brachte ein  Arbeiter ein  Hoch auf  die Organisation  der Arbeit
       aus. Damit  bezeichnet man  in Frankreich das, was man in England
       mit der  National Association  of United Trades 1*) durchzuführen
       versucht, nämlich, die Befreiung der Arbeit von der Unterdrückung
       durch das Kapital, indem man Industrie, Landwirtschaft und andere
       Gebiete unter  einer demokratischen  Regierung entweder zugunsten
       der vereinigten  Arbeiter selbst oder zugunsten des gesamten Vol-
       kes weiterführt.
       Dann folgten  die Bankette  von Bar-le-Duc,  eine Kundgebung  der
       Bourgeoisie, die  der Bürgermeister mit einem Trinkspruch auf die
       Gesundheit des  konstitutionellen Königs  abschloß (wirklich  äu-
       ßerst konstitutionell); die Bankette von Colmar, Reims und Meaux,
       welche alle  völlig von der Bourgeoisie beherrscht wurden, die in
       diesen  zweitrangigen  Städten  stets  ihren  Willen  durchsetzen
       konnte.
       Aber das  Bankett von  Saint-Quentin war wieder mehr oder weniger
       demokratisch, und  das von  Orléans in den letzten Septembertagen
       war von  Anfang bis  Ende ein  völlig demokratisches Treffen. Das
       beweist der  Trinkspruch auf  die Arbeiterklasse,  den Herr Marie
       ausbrachte, einer  der gefeiertsten Anwälte von Paris und ein De-
       mokrat. Er eröffnete seine Ansprache mit folgenden Worten:
       
       "An die  Arbeiter, an  jene Männer,  die stets vernachlässigt und
       vergessen worden  sind, aber  immer den  Interessen ihres  Landes
       treu dienten,  die immer  bereit waren,  dafür zu sterben, sei es
       für die  Verteidigung ihrer Heimat gegen Überfälle von außen, sei
       es für  den Schutz unserer Institutionen, wenn sie von Feinden im
       Inland bedroht  werden! An  jene, von denen wir die Julitage for-
       derten und  die sie  uns gaben; die schrecklich sind in ihren Ta-
       ten, hochherzig  in ihrem  Sieg und herrlich in ihrer Tapferkeit,
       Aufrichtigkeit und Selbstlosigkeit!"
       
       Er schloß  den Toast  mit den Worten: "Freiheit, Gleichheit, Brü-
       derlichkeit!" Es  ist charakteristisch, daß das Bankett zu Orléns
       das einzige  war, auf dem offiziell Gedecke für die Vertreter der
       Arbeiterklasse reserviert waren.
       Die Bankette  von Coulommiers,  Melun und  Cosne waren allerdings
       wieder ausschließlich Zusammenkünfte der Bourgeoisie. Das "Links-
       Zentrum", die Bourgeois-Liberalen des "Constitutionnel" [262] und
       des "Siècle" ergötzten sich an den Reden der Herren Barrot, Beau-
       mont, Drouyn  de Lhuys und ähnlicher Reformkrämer. In Cosne spra-
       chen sich die Demokraten offen gegen die Kundgebung aus, weil man
       auf den  Trinkspruch für den König bestanden hatte. Dieselbe Enge
       des Geistes  herrschte auf  dem Bankett  von La  Charité  an  der
       Loire.
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       1*) Landesassoziation der Vereinigten Gewerbe
       
       #403# Die Reformbewegung in Frankreich
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       Das Bankett  von Chartres  war dagegen  völlig demokratisch. Kein
       Trinkspruch auf  den König, sondern auf eine weitestgehende Wahl-
       und Parlamentsreform, Trinksprüche auf Polen und Italien, auf die
       Organisation der Arbeit.
       In dieser  Woche werden Bankette in Lilie, Valenciennes und Aves-
       nes und  im ganzen  nördlichen Departement stattfinden. Zumindest
       die Treffen  von Lilie  und Valenciennes werden höchstwahrschein-
       lich eine  entschieden demokratische  Wendung  nehmen.  Im  Süden
       Frankreichs, in Lyon und im Westen, werden ebenfalls Kundgebungen
       vorbereitet. Die  Reformbewegung ist noch lange nicht abgeschlos-
       sen.
       Sie ersehen  aus diesem  Bericht, daß die Reformbewegung von 1847
       von Anfang  an durch  den Kampf zwischen Liberalen und Demokraten
       gekennzeichnet ist, daß, während die Liberalen in allen kleineren
       Ortschaften ihren  Willen durchsetzten,  die Demokraten  in allen
       großen Städten  stärker  waren:  in  Paris,  Straßburg,  Orléans,
       Chartres und  sogar in  einer kleineren  Stadt, nämlich in Saint-
       Quentin, daß  die Liberalen  sehr viel Wert auf die Unterstützung
       durch die  Demokraten legten, daß sie sich drehten und wanden und
       Konzessionen machten,  während die  Demokraten nicht  um  Haares-
       breite von  den Bedingungen abwichen, die sie für ihre Unterstüt-
       zung gestellt  hatten, und  daß die Demokraten auf allen Treffen,
       an denen  sie teilnahmen,  den Sieg  davontrugen. So  schlug  die
       ganze Bewegung schließlich zugunsten der Demokratie um, denn alle
       jene Bankette, die irgendwie öffentliches Interesse erregten, wa-
       ren durchweg demokratisch.
       Die Reformbewegung  wurde von den im September tagenden Räten der
       Departements unterstützt,  die sich  vollkommen aus Bourgeois zu-
       sammensetzen. Die Räte der Departements von Côte-d'Or, Finistère,
       Aisne, Moselle, Haut-Rhin, Oise, der Vogesen, des Nordens und an-
       dere forderten  mehr oder  weniger umfangreiche Reformen, die na-
       türlich alle  innerhalb der  Schranken des Bourgeois-Liberalismus
       bleiben.
       Aber wie,  werden Sie  fragen, sehen die verlangten Reformen aus?
       Es gibt  so viele verschiedene Reformvorschläge, wie es Schattie-
       rungen der Liberalen und Radikalen gibt. Die Mindestforderung ist
       die Ausdehnung  des Wahlrechts  auf die  K a p a z i t ä t e n  -
       die Sie  in England  vielleicht als Akademiker bezeichnen -, auch
       wenn sie  nicht die 200 Francs direkter Steuern zahlen, durch die
       man heutzutage das Wahlrecht bekommt. Die Liberalen fernerhin ha-
       ben einige  andere Vorschläge mehr oder weniger mit den Radikalen
       gemeinsam. Sie lauten:
       1. Die Ausdehnung  der   U n v e r e i n b a r k e i t,  d.h. die
       Erklärung, daß  gewisse Regierungsämter  mit den Funktionen eines
       Abgeordneten unvereinbar sind.
       
       #404# Friedrich Engels
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       Die Regierung  hat gegenwärtig mehr als 150 ihrer untergeordneten
       Angestellten in der Deputiertenkammer, die alle jederzeit entlas-
       sen werden können und daher gänzlich vom Kabinett abhängig sind.
       2. Die Erweiterung  einiger Wahlbezirke; einige davon haben weni-
       ger als  150 Wähler,  diese unterliegen daher völlig dem Einfluß,
       den die  Regierung auf  ihre lokalen  und persönlichen Interessen
       ausübt.
       3. Die Wahl aller Deputierten eines Departements in einer Wähler-
       vollversammlung, die  in der entsprechenden Hauptstadt des Depar-
       tements stattfindet,  so daß die lokalen Interessen mehr oder we-
       niger in  den allgemeinen  Interessen des ganzen Departements un-
       tertauchen und  auf diese Weise Korruption und Einfluß der Regie-
       rung unwirksam gemacht werden.
       Außerdem gibt  es Vorschläge,  die Bedingungen des Zensus stufen-
       weise zu verringern. Der radikalste dieser Vorschläge kam von dem
       "National", der Zeitung der republikanischen Kleingewerbetreiben-
       den, der  das Wahlrecht  auf alle  Angehörigen der  Nationalgarde
       ausdehnen will. Das würde der ganzen Klasse von Kleingewerbetrei-
       benden und  Händlern das  Stimmrecht geben  und das  Wahlrecht in
       demselben Maße ausdehnen wie bei der Reformbill in England [246],
       aber die  Folgen einer  solchen Maßnahme würden in Frankreich von
       Weit größerer Bedeutung sein. Die Kleinbourgeoisie wird in diesem
       Lande von  den Großkapitalisten  derartig unterdrückt  und ausge-
       preßt, daß  sie zu direkten aggressiven Maßnahmen gegen die money
       lords greifen muß, sobald sie das Wahlrecht erhalten hat. Wie ich
       bereits vor  Monaten in einem Ihnen übersandten Artikel darlegte,
       würde sie  sich immer stärker mitreißen lassen, sogar gegen ihren
       eigenen Willen;  sie wäre gezwungen, entweder ihre bereits errun-
       genen Positionen  aufzugeben oder ein offenes Bündnis mit der Ar-
       beiterklasse zu  schließen, und das würde über kurz oder lang zur
       Republik führen.  In gewissem  Maße ist  sie sich dessen auch be-
       wußt. Ihre Mehrheit unterstützt das allgemeine Wahlrecht. So auch
       der "National",  der die  obenerwähnte Maßnahme nur soweit unter-
       stützt, wie  sie als  ein vorbereitender  Schritt auf dem Weg zur
       Reform betrachtet  wird. Unter  allen Pariser Tageszeitungen gibt
       es jedoch nur eine, die sich mit nichts weniger als dem allgemei-
       nen Wahlrecht zufrieden gibt und die unter dem Begriff "Republik"
       nicht nur  p o l i t i s c h e  Reformen versteht, welche am Ende
       die Arbeiterklasse  in demselben  Elend lassen werden wie zuvor -
       sondern   s o z i a l e  Reformen, und zwar ganz bestimmte Refor-
       men. Diese Zeitung ist die "Réforme".
       Man darf  jedoch nicht  glauben, daß die Reformbewegung heute die
       einzige in Frankreich ist. Ganz im Gegenteil! Auf all diesen Ban-
       ketten, ganz  gleich, ob liberal oder demokratisch, war die Bour-
       geoisie vorherrschend,  und lediglich  an dem Bankett von Orléans
       nahmen auch Arbeiter teil. Die Arbeiterbewegung
       
       #405# Die Reformbewegung in Frankreich
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       läuft neben  diesen Banketten  her, ganz  in der Stille, unterir-
       disch und  fast unsichtbar  für jeden,  der sie  nicht aufmerksam
       verfolgt. Aber sie ist heute stärker denn je zuvor. Die Regierung
       weiß das  recht gut.  Sie hat  all diese Bankette der Bourgeoisie
       gestattet, aber  als die Druckereiarbeiter von Paris im September
       die Genehmigung  für ihr Jahrestreffen einholen wollten, das bis-
       her alljährlich  stattgefunden hatte  und absolut  keinen politi-
       schen Charakter  trug, wurde  sie ihnen verweigert. Die Regierung
       hat so  große Angst vor der Arbeiterklasse, daß sie ihr nicht die
       geringste Freiheit  läßt. Sie hat Angst, weil das Volkalle Versu-
       che, Erhebungen  und Aufstände  zu machen,  vollkommen aufgegeben
       hat. Die Regierung ersehnt einen Aufstand, sie provoziert ihn mit
       allen Mitteln.  Die Polizei  wirft kleine Bomben mit Flugblättern
       aufrührerischen Inhalts  ab, die bei der Explosion über die ganze
       Straße verstreut  werden. Ein  Streitfall in  einer Werkstatt der
       Rue Saint-Honoré  wurde zu höchst brutalen Angriffen auf das Volk
       benutzt, um  es zu  Aufruhr und  Gewalttätigkeit herauszufordern.
       [263] Zehntausende  versammelten sich  14 Tage  lang jeden Abend;
       man behandelte  sie auf  die schändlichste  Weise; sie waren nahe
       daran, Gewalt mit Gewalt zu vergelten, aber sie blieben standhaft
       und gaben der Regierung keinen Vorwand, die Gesetzesschraube noch
       enger anzuziehen.  Man stelle  sich vor, was für ein stillschwei-
       gendes Einvernehmen,  was für ein gemeinsames Gefühl für das, was
       zu tun  war, in  diesem Moment geherrscht haben muß, was für eine
       Überwindung es das Volk von Paris gekostet haben muß, lieber eine
       so schändliche  Behandlung zu  ertragen, als einen hoffnungslosen
       Aufstand zu  wagen. Was  für einen  enormen Fortschritt  bedeutet
       doch diese Selbstbeherrschung gerade bei den Arbeitern von Paris,
       die selten  auf die  Straßen gegangen sind, ohne alles, was ihnen
       in den  Weg kam,  kurz und klein zu schlagen, denen Aufstände zur
       Gewohnheit geworden sind und die in eine Revolution genauso fröh-
       lich wie  in eine  Weinschenke marschieren.  Aber wenn man daraus
       die Schlußfolgerung ziehen würde, daß das revolutionäre Feuer des
       Volkes im  Verlöschen ist,  wäre man im Irrtum. Im Gegenteil, die
       Arbeiterklasse hier fühlt stärker denn je zuvor die Notwendigkeit
       einer Revolution,  die viel  durchgreifender, viel  radikaler ist
       als die  erste. Aber sie weiß aus ihren Erfahrungen von 1830, daß
       der Kampf  allein nicht genügt, daß sie, wenn der Feind erst ein-
       mal geschlagen  ist, Maßnahmen  ergreifen muß, die die Beständig-
       keit ihres  Sieges gewährleisten,  die nicht  nur die politische,
       sondern auch  die gesellschaftliche Macht des Kapitals zerstören,
       die ihr  gesellschaftlichen Wohlstand  und auch politische Stärke
       sichern. Daher wartet sie sehr ruhig die passende Gelegenheit ab,
       vertieft sich  aber inzwischen ernsthaft in das Studium jener so-
       zial-ökonomischen Fragen,  deren Lösung  zeigen wird, welche Maß-
       nahmen allein den
       
       #406# Friedrich Engels
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       Wohlstand aller  auf fester Grundlage herbeiführen können. Inner-
       halb von ein bis zwei Monaten wurden in den Werkstätten von Paris
       6000 Exemplare des Buches von Herrn Louis Blanc über "Die Organi-
       sation der  Arbeit" verkauft,  wobei man  noch in Betracht ziehen
       muß, daß  vorher bereits fünf Auflagen von diesem Buch erschienen
       sind. Die  Arbeiter lesen  außerdem eine Reihe von anderen Werken
       zu diesen Problemen; sie treffen sich in kleinen Gruppen von zehn
       bis zwanzig  Mann und  diskutieren die  verschiedenen Pläne,  die
       darin vorgeschlagen  werden. Sie sprechen nicht viel über die Re-
       volution, da  sie eine  Angelegenheit ist, über die keine Zweifel
       bestehen und  über die  sich alle einig sind; wenn der Augenblick
       gekommen ist, in dem der Zusammenstoß zwischen Volk und Regierung
       unvermeidlich ist,  werden sie  auf den  Straßen und Plätzen sein
       und in  Blitzesschnelle das  Pflaster aufreißen, Omnibusse, Wagen
       und Kutschen  quer über die Straßen legen, jede Allee verbarrika-
       dieren, jede  enge Gasse zu einer Festung machen und allem Wider-
       stand-zum Trotz  von der  Bastille gegen die Tuilerien vorrücken.
       Dann, fürchte  ich, werden  sich die  hohen Herren der Reformban-
       kette in  der dunkelsten  Ecke ihrer  Häuser verkriechen oder wie
       welkes Laub vor dem Gewitter des Volkes auseinandergewirbelt wer-
       den. Dann  ist es  aus mit  den Herren Odilon Barrot, de Beaumont
       und anderen liberalen Großmäulern, und dann wird das Volk sie ge-
       nauso unbarmherzig  verurteilen, wie  sie heute die konservativen
       Regierungen verurteilen.
       
       Geschrieben Anfang November 1847.
       
       Aus dem Englischen.
       

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