Quelle: MEW 4 Mai 1846 - März 1848
zurück
#399#
-----
[Friedrich Engels]
Die Reformbewegung in Frankreich
["The Northern Star" Nr. 526 vom 20. November 1847]
Als während der letzten Session der gesetzgebenden Versammlung
Herr E[mile] de Girardin jene zahlreichen und skandalösen Korrup-
tionsfälle ans Tageslicht brachte, von denen er annahm, daß sie
die Regierung zu Fall bringen würden, als sich die Regierung am
Ende doch gegen den Sturm behauptet hatte, als die berühmten
Zweihundertfünfundzwanzig 1*) erklärten, daß sie von der Unschuld
des Kabinetts "überzeugt" seien, schien alles vorbei zu sein, und
die Opposition im Parlament fiel gegen Ende der Session in die-
selbe Hilflosigkeit und Lethargie zurück, die sie am Anfang ge-
zeigt hatte. Aber es war doch nicht alles vorbei. Die Herren
Rothschild, Fould, Fulchiron und Co. waren zwar zufrieden, aber
das Volk war es nicht und ein großer Teil der Bourgeoisie auch
nicht. Die Mehrheit der französischen Bourgeoisie, besonders die
mittlere und kleinere Bourgeoisie, mußte erkennen, daß die jetzi-
gen Wähler mehr und mehr zu gehorsamen Dienern einer kleinen
Gruppe von Bankiers, Börsenmaklern, Eisenbahnspekulanten, großen
Fabrikanten, Grund- und Bergwerksbesitzern geworden waren, deren
Interessen die einzigen sind, um die sich die Regierung kümmerte.
Sie begriffen, daß für sie keine Hoffnung bestand, jemals die
Stellung in den Kammern wiederzuerlangen, die sie seit 1830 mit
jedem Tage mehr verloren hatten, solange sie nicht das Wahlrecht
ausdehnten. Sie wußten, daß der Versuch einer Wahl- und Parla-
mentsreform für sie ein gefährliches Experiment war; aber was
blieb ihnen anderes übrig? Da sie sahen, daß die Regierung und
beide Kammern von der haute finance 2*), den Königen der Pariser
Börse, gekauft waren, daß man ihre eigenen Interessen offen mit
Füßen trat, standen
-----
1*) die Mehrheit der Deputiertenkammer, die die Regierung Guizot
unterstützte - 2*) Finanzaristokratie
#400# Friedrich Engels
-----
sie vor der Wahl, sich entweder geduldig zu fügen und demütig und
bescheiden zu warten, bis die Habgier der herrschenden money
lords sie an den Bettelstab gebracht hatte, oder eine Parlaments-
reform zu wagen. Sie zogen das letztere vor.
Die Opposition aller Schattierungen schloß sich daher vor etwa
vier Monaten zusammen, um eine Kundgebung für die Wahlreform zu
veranstalten. Ein öffentliches Bankett wurde vorbereitet, das im
Juli in den Festsälen des Château-Rouge zu Paris stattfand. Alle
Gruppen von Reformern waren vertreten, und es war eine ziemlich
bunte Gesellschaft; aber die Demokraten als die aktivsten hatten
offensichtlich die Oberhand. Sie hatten ihre Teilnahme nur unter
der Bedingung zugesagt, daß man nicht auf die Gesundheit des Kö-
nigs trinken, sondern statt dessen ein Hoch auf die Herrschaft
des Volkes ausbringen werde. Da das Komitee genau wußte, daß in
der demokratischsten Stadt Frankreichs eine wirksame Kundgebung
ohne die Demokraten unmöglich war, mußte es nachgeben. Wenn ich
mich richtig erinnere, veröffentlichten Sie damals einen ausführ-
lichen Bericht über dieses Bankett [261], das in jeder Beziehung
mehr als alles andere eine Demonstration der Stärke der Demokra-
tie in Paris war, sowohl in zahlenmäßiger als auch in intellektu-
eller Hinsicht.
Das "Journal des Debats" versäumte nicht, ein fürchterliches Ge-
schrei über dieses Bankett zu erheben.
"Was! Kein Toast auf den König? Und dieser Trinkspruch wurde
nicht aus Nachlässigkeit oder aus Mangel an Anstand unterlassen -
o nein, ein Teil der Veranstalter machte seine Unterlassung zur
Bedingung für ihre Unterstützung! Da haben sich ja der ruhige und
friedfertige Herr Duvergier de Hauranne - der Verfechter der mo-
ralischen Gewalt und königstreue Herr Odilon Barrot mit einer
feinen Gesellschaft eingelassen! Das ist nicht bloß Republikanis-
mus. physical forcism 1*), Sozialismus, Utopismus, Anarchismus
und Kommunismus! O nein, meine Herren, wir durchschauen Sie - wir
haben genügend Beispiele Ihrer blutigen Taten kennengelernt; wir
können beweisen, wofür Sie kämpfen! Vor 50 Jahren, meine Herren,
nannten Sie sich Klub der Jakobiner!"
Am nächsten Tage beantwortete der "National" das grimmig-wilde
Knurren der zornschnaubend-gemäßigten Zeitung mit einer Flut von
Zitaten aus Louis Philippes persönlichem Tagebuch von 1790 und
1791, wonach die Aufzeichnungen des damaligen "Citizen Égalité
2*) junior" jeden Tag mit den Worten begannen: "Heute war ich bei
den Jakobinern" - "Heute erlaubte ich
-----
1*) Lehre von der Anwendung der physischen Gewalt - 2*) Bürger
Gleichheit (Name, den der Herzog von Orleans, Vater Louis-Philip-
pes, in der Französischen Revolution annahm)
#401# Die Reformbewegung in Frankreich
-----
mir, ein paar Worte an die Jakobiner zu richten, die mit herzli-
chem Beifall aufgenommen wurden" - "Heute wurde ich zum Amt des
Torhüters der Jakobiner berufen" etc.
Das Zentralkomitee der Opposition hatte seine Freunde im ganzen
Lande aufgefordert, dem Beispiel ihrer Metropole zu folgen und
überall ähnliche Bankette für die Reform zu veranstalten. Das ge-
schah denn auch, und in fast allen Teilen Frankreichs wurde eine
große Anzahl Bankette zur Unterstützung der Reform gegeben. Aber
nicht überall konnte die gleiche Einmütigkeit unter allen Gruppen
der Reformer erzielt werden. In vielen Kleinstädten Waren die
Bourgeois-Liberalen stark genug, um den Trinkspruch auf die Ge-
sundheit des Königs durchzusetzen, wodurch die Demokraten von der
Teilnahme ausgeschlossen wurden. In anderen Ortschaften versuch-
ten sie, den Trinkspruch in folgender Form durchzubringen: "Auf
den konstitutionellen König und die Herrschaft des Volkes." Da
die Demokraten damit auch nicht einverstanden waren, griff man zu
einer neuen List und ersetzte den "konstitutionellen König" durch
die "konstitutionellen Einrichtungen", in denen das Königtum na-
türlich stillschweigend mit einbegriffen war. Unter den Liberalen
auf dem Lande erhob sich nun die große Frage, ob sie sogar auf
diese Formulierung verzichten und alle Versuche aufgeben sollten,
in irgendeiner Form auf die Gesundheit des Königs zu trinken,
oder ob sie offen mit den Demokraten brechen sollten, die in die-
sem Fall ihre eigenen Bankette veranstaltet und ihnen schwere
Konkurrenz gemacht hätten. Denn die demokratische Partei bestand
auf der ursprünglichen Vereinbarung, daß der König bei der ganzen
Angelegenheit überhaupt nicht erwähnt werden sollte, und wenn
auch der "National" in einem Fall etwas schwankte, so stand doch
die Partei der "Réforme" fest auf der republikanischen Seite. In
den Großstädten mußten die Liberalen überall nachgeben, und wenn
sie auch in den weniger wichtigen Ortschaften auf die Gesundheit
des Königs getrunken haben, so war das nur deshalb möglich, weil
solche Bankette eine Menge Geld kosten und das Volk daher natür-
licherweise davon ausgeschlossen ist. Anläßlich des Banketts von
Bar-le-Duc schrieb die "Réforme":
"Diejenigen, die sich einbilden, daß solche Kundgebungen Ausdruck
der öffentlichen Meinung in Frankreich sind, irren sich ganz ge-
waltig; sie werden allein von der Bourgeoisie durchgeführt, und
das Volk ist davon ausgeschlossen. Wenn diese Bewegung weiterhin
innerhalb der engen Grenzen eines Bar-le-Duc-Banketts verläuft,
wird sie wie alle Bourgeois-Bewegungen wieder verschwinden,
ebenso wie die Freihandelsbewegung nach einigen hohlen Reden
ziemlich bald das Zeitliche segnete."
Das erste große Bankett nach dem Pariser Bankett fand Anfang Sep-
tember in Straßburg statt. Es war ziemlich demokratisch, und zum
Schluß
#402# Friedrich Engels
-----
brachte ein Arbeiter ein Hoch auf die Organisation der Arbeit
aus. Damit bezeichnet man in Frankreich das, was man in England
mit der National Association of United Trades 1*) durchzuführen
versucht, nämlich, die Befreiung der Arbeit von der Unterdrückung
durch das Kapital, indem man Industrie, Landwirtschaft und andere
Gebiete unter einer demokratischen Regierung entweder zugunsten
der vereinigten Arbeiter selbst oder zugunsten des gesamten Vol-
kes weiterführt.
Dann folgten die Bankette von Bar-le-Duc, eine Kundgebung der
Bourgeoisie, die der Bürgermeister mit einem Trinkspruch auf die
Gesundheit des konstitutionellen Königs abschloß (wirklich äu-
ßerst konstitutionell); die Bankette von Colmar, Reims und Meaux,
welche alle völlig von der Bourgeoisie beherrscht wurden, die in
diesen zweitrangigen Städten stets ihren Willen durchsetzen
konnte.
Aber das Bankett von Saint-Quentin war wieder mehr oder weniger
demokratisch, und das von Orléans in den letzten Septembertagen
war von Anfang bis Ende ein völlig demokratisches Treffen. Das
beweist der Trinkspruch auf die Arbeiterklasse, den Herr Marie
ausbrachte, einer der gefeiertsten Anwälte von Paris und ein De-
mokrat. Er eröffnete seine Ansprache mit folgenden Worten:
"An die Arbeiter, an jene Männer, die stets vernachlässigt und
vergessen worden sind, aber immer den Interessen ihres Landes
treu dienten, die immer bereit waren, dafür zu sterben, sei es
für die Verteidigung ihrer Heimat gegen Überfälle von außen, sei
es für den Schutz unserer Institutionen, wenn sie von Feinden im
Inland bedroht werden! An jene, von denen wir die Julitage for-
derten und die sie uns gaben; die schrecklich sind in ihren Ta-
ten, hochherzig in ihrem Sieg und herrlich in ihrer Tapferkeit,
Aufrichtigkeit und Selbstlosigkeit!"
Er schloß den Toast mit den Worten: "Freiheit, Gleichheit, Brü-
derlichkeit!" Es ist charakteristisch, daß das Bankett zu Orléns
das einzige war, auf dem offiziell Gedecke für die Vertreter der
Arbeiterklasse reserviert waren.
Die Bankette von Coulommiers, Melun und Cosne waren allerdings
wieder ausschließlich Zusammenkünfte der Bourgeoisie. Das "Links-
Zentrum", die Bourgeois-Liberalen des "Constitutionnel" [262] und
des "Siècle" ergötzten sich an den Reden der Herren Barrot, Beau-
mont, Drouyn de Lhuys und ähnlicher Reformkrämer. In Cosne spra-
chen sich die Demokraten offen gegen die Kundgebung aus, weil man
auf den Trinkspruch für den König bestanden hatte. Dieselbe Enge
des Geistes herrschte auf dem Bankett von La Charité an der
Loire.
-----
1*) Landesassoziation der Vereinigten Gewerbe
#403# Die Reformbewegung in Frankreich
-----
Das Bankett von Chartres war dagegen völlig demokratisch. Kein
Trinkspruch auf den König, sondern auf eine weitestgehende Wahl-
und Parlamentsreform, Trinksprüche auf Polen und Italien, auf die
Organisation der Arbeit.
In dieser Woche werden Bankette in Lilie, Valenciennes und Aves-
nes und im ganzen nördlichen Departement stattfinden. Zumindest
die Treffen von Lilie und Valenciennes werden höchstwahrschein-
lich eine entschieden demokratische Wendung nehmen. Im Süden
Frankreichs, in Lyon und im Westen, werden ebenfalls Kundgebungen
vorbereitet. Die Reformbewegung ist noch lange nicht abgeschlos-
sen.
Sie ersehen aus diesem Bericht, daß die Reformbewegung von 1847
von Anfang an durch den Kampf zwischen Liberalen und Demokraten
gekennzeichnet ist, daß, während die Liberalen in allen kleineren
Ortschaften ihren Willen durchsetzten, die Demokraten in allen
großen Städten stärker waren: in Paris, Straßburg, Orléans,
Chartres und sogar in einer kleineren Stadt, nämlich in Saint-
Quentin, daß die Liberalen sehr viel Wert auf die Unterstützung
durch die Demokraten legten, daß sie sich drehten und wanden und
Konzessionen machten, während die Demokraten nicht um Haares-
breite von den Bedingungen abwichen, die sie für ihre Unterstüt-
zung gestellt hatten, und daß die Demokraten auf allen Treffen,
an denen sie teilnahmen, den Sieg davontrugen. So schlug die
ganze Bewegung schließlich zugunsten der Demokratie um, denn alle
jene Bankette, die irgendwie öffentliches Interesse erregten, wa-
ren durchweg demokratisch.
Die Reformbewegung wurde von den im September tagenden Räten der
Departements unterstützt, die sich vollkommen aus Bourgeois zu-
sammensetzen. Die Räte der Departements von Côte-d'Or, Finistère,
Aisne, Moselle, Haut-Rhin, Oise, der Vogesen, des Nordens und an-
dere forderten mehr oder weniger umfangreiche Reformen, die na-
türlich alle innerhalb der Schranken des Bourgeois-Liberalismus
bleiben.
Aber wie, werden Sie fragen, sehen die verlangten Reformen aus?
Es gibt so viele verschiedene Reformvorschläge, wie es Schattie-
rungen der Liberalen und Radikalen gibt. Die Mindestforderung ist
die Ausdehnung des Wahlrechts auf die K a p a z i t ä t e n -
die Sie in England vielleicht als Akademiker bezeichnen -, auch
wenn sie nicht die 200 Francs direkter Steuern zahlen, durch die
man heutzutage das Wahlrecht bekommt. Die Liberalen fernerhin ha-
ben einige andere Vorschläge mehr oder weniger mit den Radikalen
gemeinsam. Sie lauten:
1. Die Ausdehnung der U n v e r e i n b a r k e i t, d.h. die
Erklärung, daß gewisse Regierungsämter mit den Funktionen eines
Abgeordneten unvereinbar sind.
#404# Friedrich Engels
-----
Die Regierung hat gegenwärtig mehr als 150 ihrer untergeordneten
Angestellten in der Deputiertenkammer, die alle jederzeit entlas-
sen werden können und daher gänzlich vom Kabinett abhängig sind.
2. Die Erweiterung einiger Wahlbezirke; einige davon haben weni-
ger als 150 Wähler, diese unterliegen daher völlig dem Einfluß,
den die Regierung auf ihre lokalen und persönlichen Interessen
ausübt.
3. Die Wahl aller Deputierten eines Departements in einer Wähler-
vollversammlung, die in der entsprechenden Hauptstadt des Depar-
tements stattfindet, so daß die lokalen Interessen mehr oder we-
niger in den allgemeinen Interessen des ganzen Departements un-
tertauchen und auf diese Weise Korruption und Einfluß der Regie-
rung unwirksam gemacht werden.
Außerdem gibt es Vorschläge, die Bedingungen des Zensus stufen-
weise zu verringern. Der radikalste dieser Vorschläge kam von dem
"National", der Zeitung der republikanischen Kleingewerbetreiben-
den, der das Wahlrecht auf alle Angehörigen der Nationalgarde
ausdehnen will. Das würde der ganzen Klasse von Kleingewerbetrei-
benden und Händlern das Stimmrecht geben und das Wahlrecht in
demselben Maße ausdehnen wie bei der Reformbill in England [246],
aber die Folgen einer solchen Maßnahme würden in Frankreich von
Weit größerer Bedeutung sein. Die Kleinbourgeoisie wird in diesem
Lande von den Großkapitalisten derartig unterdrückt und ausge-
preßt, daß sie zu direkten aggressiven Maßnahmen gegen die money
lords greifen muß, sobald sie das Wahlrecht erhalten hat. Wie ich
bereits vor Monaten in einem Ihnen übersandten Artikel darlegte,
würde sie sich immer stärker mitreißen lassen, sogar gegen ihren
eigenen Willen; sie wäre gezwungen, entweder ihre bereits errun-
genen Positionen aufzugeben oder ein offenes Bündnis mit der Ar-
beiterklasse zu schließen, und das würde über kurz oder lang zur
Republik führen. In gewissem Maße ist sie sich dessen auch be-
wußt. Ihre Mehrheit unterstützt das allgemeine Wahlrecht. So auch
der "National", der die obenerwähnte Maßnahme nur soweit unter-
stützt, wie sie als ein vorbereitender Schritt auf dem Weg zur
Reform betrachtet wird. Unter allen Pariser Tageszeitungen gibt
es jedoch nur eine, die sich mit nichts weniger als dem allgemei-
nen Wahlrecht zufrieden gibt und die unter dem Begriff "Republik"
nicht nur p o l i t i s c h e Reformen versteht, welche am Ende
die Arbeiterklasse in demselben Elend lassen werden wie zuvor -
sondern s o z i a l e Reformen, und zwar ganz bestimmte Refor-
men. Diese Zeitung ist die "Réforme".
Man darf jedoch nicht glauben, daß die Reformbewegung heute die
einzige in Frankreich ist. Ganz im Gegenteil! Auf all diesen Ban-
ketten, ganz gleich, ob liberal oder demokratisch, war die Bour-
geoisie vorherrschend, und lediglich an dem Bankett von Orléans
nahmen auch Arbeiter teil. Die Arbeiterbewegung
#405# Die Reformbewegung in Frankreich
-----
läuft neben diesen Banketten her, ganz in der Stille, unterir-
disch und fast unsichtbar für jeden, der sie nicht aufmerksam
verfolgt. Aber sie ist heute stärker denn je zuvor. Die Regierung
weiß das recht gut. Sie hat all diese Bankette der Bourgeoisie
gestattet, aber als die Druckereiarbeiter von Paris im September
die Genehmigung für ihr Jahrestreffen einholen wollten, das bis-
her alljährlich stattgefunden hatte und absolut keinen politi-
schen Charakter trug, wurde sie ihnen verweigert. Die Regierung
hat so große Angst vor der Arbeiterklasse, daß sie ihr nicht die
geringste Freiheit läßt. Sie hat Angst, weil das Volkalle Versu-
che, Erhebungen und Aufstände zu machen, vollkommen aufgegeben
hat. Die Regierung ersehnt einen Aufstand, sie provoziert ihn mit
allen Mitteln. Die Polizei wirft kleine Bomben mit Flugblättern
aufrührerischen Inhalts ab, die bei der Explosion über die ganze
Straße verstreut werden. Ein Streitfall in einer Werkstatt der
Rue Saint-Honoré wurde zu höchst brutalen Angriffen auf das Volk
benutzt, um es zu Aufruhr und Gewalttätigkeit herauszufordern.
[263] Zehntausende versammelten sich 14 Tage lang jeden Abend;
man behandelte sie auf die schändlichste Weise; sie waren nahe
daran, Gewalt mit Gewalt zu vergelten, aber sie blieben standhaft
und gaben der Regierung keinen Vorwand, die Gesetzesschraube noch
enger anzuziehen. Man stelle sich vor, was für ein stillschwei-
gendes Einvernehmen, was für ein gemeinsames Gefühl für das, was
zu tun war, in diesem Moment geherrscht haben muß, was für eine
Überwindung es das Volk von Paris gekostet haben muß, lieber eine
so schändliche Behandlung zu ertragen, als einen hoffnungslosen
Aufstand zu wagen. Was für einen enormen Fortschritt bedeutet
doch diese Selbstbeherrschung gerade bei den Arbeitern von Paris,
die selten auf die Straßen gegangen sind, ohne alles, was ihnen
in den Weg kam, kurz und klein zu schlagen, denen Aufstände zur
Gewohnheit geworden sind und die in eine Revolution genauso fröh-
lich wie in eine Weinschenke marschieren. Aber wenn man daraus
die Schlußfolgerung ziehen würde, daß das revolutionäre Feuer des
Volkes im Verlöschen ist, wäre man im Irrtum. Im Gegenteil, die
Arbeiterklasse hier fühlt stärker denn je zuvor die Notwendigkeit
einer Revolution, die viel durchgreifender, viel radikaler ist
als die erste. Aber sie weiß aus ihren Erfahrungen von 1830, daß
der Kampf allein nicht genügt, daß sie, wenn der Feind erst ein-
mal geschlagen ist, Maßnahmen ergreifen muß, die die Beständig-
keit ihres Sieges gewährleisten, die nicht nur die politische,
sondern auch die gesellschaftliche Macht des Kapitals zerstören,
die ihr gesellschaftlichen Wohlstand und auch politische Stärke
sichern. Daher wartet sie sehr ruhig die passende Gelegenheit ab,
vertieft sich aber inzwischen ernsthaft in das Studium jener so-
zial-ökonomischen Fragen, deren Lösung zeigen wird, welche Maß-
nahmen allein den
#406# Friedrich Engels
-----
Wohlstand aller auf fester Grundlage herbeiführen können. Inner-
halb von ein bis zwei Monaten wurden in den Werkstätten von Paris
6000 Exemplare des Buches von Herrn Louis Blanc über "Die Organi-
sation der Arbeit" verkauft, wobei man noch in Betracht ziehen
muß, daß vorher bereits fünf Auflagen von diesem Buch erschienen
sind. Die Arbeiter lesen außerdem eine Reihe von anderen Werken
zu diesen Problemen; sie treffen sich in kleinen Gruppen von zehn
bis zwanzig Mann und diskutieren die verschiedenen Pläne, die
darin vorgeschlagen werden. Sie sprechen nicht viel über die Re-
volution, da sie eine Angelegenheit ist, über die keine Zweifel
bestehen und über die sich alle einig sind; wenn der Augenblick
gekommen ist, in dem der Zusammenstoß zwischen Volk und Regierung
unvermeidlich ist, werden sie auf den Straßen und Plätzen sein
und in Blitzesschnelle das Pflaster aufreißen, Omnibusse, Wagen
und Kutschen quer über die Straßen legen, jede Allee verbarrika-
dieren, jede enge Gasse zu einer Festung machen und allem Wider-
stand-zum Trotz von der Bastille gegen die Tuilerien vorrücken.
Dann, fürchte ich, werden sich die hohen Herren der Reformban-
kette in der dunkelsten Ecke ihrer Häuser verkriechen oder wie
welkes Laub vor dem Gewitter des Volkes auseinandergewirbelt wer-
den. Dann ist es aus mit den Herren Odilon Barrot, de Beaumont
und anderen liberalen Großmäulern, und dann wird das Volk sie ge-
nauso unbarmherzig verurteilen, wie sie heute die konservativen
Regierungen verurteilen.
Geschrieben Anfang November 1847.
Aus dem Englischen.
zurück