Quelle: MEW 4 Mai 1846 - März 1848

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       [Friedrich Engels]
       
       [Chartistenbewegung]
       
       ["La Réforme" vom 22. November 1847]
       Die Eröffnung eines neugewählten Parlaments, dem überdies hervor-
       ragende Vertreter  der Volkspartei  angehören, mußte unweigerlich
       eine außergewöhnliche  Bewegung in  den Reihen der demokratischen
       Kräfte zur Folge haben. Die örtlichen Verbände der Chartisten re-
       organisieren sich  überall. Es mehren sich die Versammlungen; sie
       schlagen Aktionsmöglichkeiten  verschiedenster Art vor und disku-
       tieren sie.  Das Exekutivkomitee  der  Chartistenvereinigung  hat
       jetzt die Leitung dieser Bewegung übernommen und in einer Adresse
       an die  britische Demokratie  den Kampagneplan der Partei für die
       gegenwärtige Session entwickelt.
       
       "In wenigen Tagen", heißt es dort, "wird ein Haus zusammentreten,
       das es  wagt, sich offen vor dem Volke Haus der Gemeinen 1*) Eng-
       lands zu nennen. In wenigen Tagen wird dieses Haus, das von einer
       einzigen Klasse  der Gesellschaft gewählt wurde, seine unrechtmä-
       ßige und  widerwärtige Arbeit  aufnehmen, um  die Interessen eben
       dieser Klasse, zum Schaden des Volkes, zu festigen.
       Das Volk  muß in Massen von Anbeginn Protest dagegen erheben, daß
       dieses Haus die gesetzgeberische Gewalt usurpiert hat und nunmehr
       ausübt. Ihr,  die Chartisten  des Vereinigten  Königreichs,  habt
       dazu alle  Möglichkeiten; es ist eure Pflicht, sie zu nutzen. Wir
       unterbreiten euch  deshalb eine  neue nationale  Petition für die
       Charte des  Volkes. Setzt eure Unterschriften zu Millionen darun-
       ter; sorgt  dafür, daß  wir sie  vorlegen können als den Ausdruck
       des Willens  der Nation,  als den  feierlichen Protest des Volkes
       gegen jedes  ohne die Zustimmung des Volkes erlassene Gesetz, als
       eine Bill  zur Rückgabe der dem Volk seit Jahrhunderten entrisse-
       nen nationalen Souveränität.
       Die Petition allein kann aber dem Gebot der Stunde nicht genügen.
       Wir haben  zwar in  der gesetzgebenden Versammlung einen Sitz für
       Herrn O'Connor erobert. Die demokratischen Abgeordneten werden in
       ihm einen  wachsamen Führer voller Tatkraft finden. Aber O'Connor
       braucht Unterstützung  durch den   D r u c k   v o n   a u ß e n,
       und diesen Druck von außen, diese starke, Achtung erzwingende öf-
       fentliche Meinung, die müßt ihr schaffen. Überall müssen sich die
       Gruppen unserer  Vereinigung reorganisieren,  alle früheren  Mit-
       glieder müssen  sich wieder  einreihen, überall  müssen  Meetings
       einberufen werden. Überall muß die Diskussion über die Charte auf
       die Tagesordnung
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       1*) Unterhaus des englischen Parlaments
       
       #408# Friedrich Engels
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       gesetzt werden; alle Ortsverbände müssen Beiträge beschließen, um
       unsere Kassen  aufzufüllen. Seid  aktiv, zeigt die alte englische
       Energie, und die Kampagne, die jetzt ihren Anfang nimmt, wird die
       ruhmreichste sein, die wir jemals für den Sieg der Demokratie un-
       ternommen haben."
       
       Die Gesellschaft  der   B r ü d e r l i c h e n    D e m o k r a-
       t e n   [264], die  sich aus  Demokraten fast  aller europäischen
       Nationen zusammensetzt,  hat sich  jetzt gleichfalls ganz und gar
       der chartistischen Agitation offen angeschlossen. Sie hat folgen-
       de Resolution angenommen:
       
       "In Erwägung,  daß das  englische Volk im Kampf um die Demokratie
       in den  anderen Ländern  nur in dem Maße wirksamen Beistand geben
       kann, wie es für sich selbst die Herrschaft der Demokratie errun-
       gen hat;
       daß es  zu den  Pflichten unserer zur Unterstützung der kämpferi-
       schen Demokratie  aller Länder  gegründeten Gesellschaft  gehört,
       sich den  Bemühungen der englischen Demokraten um eine Wahlreform
       auf der Basis der Charte anzuschließen;
       verpflichtet sich  die Gesellschaft  der Brüderlichen Demokraten,
       mit allen ihren Kräften die Agitation für die Volkscharte fördern
       zu helfen."
       
       Diese brüderliche Gesellschaft, die die hervorragendsten Demokra-
       ten in  London, Engländer sowohl wie Ausländer, zu ihren Mitglie-
       dern zählt, gewinnt an Bedeutung von Tag zu Tag. Sie ist so stark
       gewachsen, daß die Londoner Liberalen es für richtig befunden ha-
       ben, ihr  eine bürgerliche   I n t e r n a t i o n a l e  L i g a
       [265] entgegenzustellen,  die von  hervorragenden Vertretern  des
       F r e i h a n d e l s   im Parlament  geleitet wird.  Diese  neue
       Vereinigung, an  deren Spitze  die  Herren  Dr.  Bowring,  Oberst
       Thompson und  andere Verfechter  der Handelsfreiheit  stehen, hat
       kein anderes  Ziel, als  unter den  Ausländern Propaganda für den
       Freihandel, unter  dem Deckmantel philanthropischer und liberaler
       Phrasen, zu  treiben. Aber  es scheint,  daß sie  nicht recht vom
       Fleck kommt.  In den  sechs Monaten  ihres Bestehens hat sie fast
       nichts getan, während die Brüderlichen Demokraten offen gegen je-
       den Akt der Unterdrückung aufgetreten sind, von welcher Seite der
       Versuch auch  ausging. Deshalb haben sich auch die englischen und
       ausländischen demokratischen  Bewegungen, soweit  sie  in  London
       vertreten sind, den Brüderlichen Demokraten angeschlossen und ha-
       ben gleichzeitig  erklärt, daß  sie sich nicht für die Interessen
       der freihändlerischen  Fabrikanten Englands ausnutzen lassen wer-
       den.
       
       Geschrieben am 21. November 1847.
       
       Aus dem Französischen.
       

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