Quelle: MEW 4 Mai 1846 - März 1848


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       #444#
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       Karl Marx
       
       Rede über die Frage des Freihandels,
       
       gehalten am  9. Januar  1848   1*) in  der Demokratischen Gesell-
       schaft zu Brüssel  [291]
       
       Meine Herren!
       Die Abschaffung  der Korngesetze  [292] in England ist der größte
       Triumph, den  der Freihandel  im neunzehnten Jahrhundert errungen
       hat. In  allen Ländern,  wo die  Fabrikanten von Freihandel spre-
       chen, haben  sie vorzugsweise  den Freihandel  in  Getreide  oder
       überhaupt in  Rohstoffen  im  Auge.  Das  ausländische  Korn  mit
       Schutzzöllen belasten  ist infam, heißt auf den Hunger des Volkes
       spekulieren.
       Billiges Brot,  hohe Löhne,  cheap food,  high wages 2*), das ist
       der alleinige  Zweck, für welchen die Freihändler in England Mil-
       lionen ausgegeben haben, und schon hat ihr Enthusiasmus ihre Brü-
       der auf  dem Festlande  angesteckt. Überhaupt, Wenn man den Frei-
       handel will, so will man ihn zur Verbesserung der Lage der arbei-
       tenden Klassen.
       Aber, wunderbar!  Das Volk,  dem man um jeden Preis billiges Brot
       verschaffen will,  ist sehr  undankbar. Das wohlfeile Brot ist in
       England  ebenso   verrufen  wie   die  wohlfeile   Regierung   in
       Frankreich. Das  Volk erblickt  in den Männern voll Hingebung, in
       einem Bowring,  einem Bright  und Konsorten, seine größten Feinde
       und die unverschämtesten Heuchler.
       Jedermann weiß,  daß der  Kampf zwischen Liberalen und Demokraten
       in England Kampf zwischen Freihändlern und Chartisten heißt.
       Sehen wir  nun zu,  auf welche Art die englischen Freihändler dem
       Volke die edle Gesinnung bewiesen haben, welche sie beseelte.
       Sie sagten den Fabrikarbeitern 3*):
       Der Getreidezoll ist eine Steuer auf den Lohn; diese Steuer zahlt
       ihr den  Großgrundbesitzern, diesen  mittelalterlichen Aristokra-
       ten; wenn eure Lage
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       1*) (1885, 1892  u. 1895) irrtümlich: 1849 - 2*) demagogische Pa-
       role der Freihändler - 3*) (1885) irrtümlich: Fabrikanten
       
       #445# Rede über die Frage des Freihandels
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       jammervoll ist,  so ist  dies eine  Folge der Kostspieligkeit der
       unentbehrlichsten Lebensmittel.
       Die Arbeiter  fragten ihrerseits  die Fabrikanten:  Wie kommt es,
       daß im Verlauf der letzten dreißig Jahre, wo unsere Industrie die
       größte Entwicklung genommen hat, unser Lohn in einem viel rapide-
       ren Verhältnis  gesunken ist, als der Preis des Getreides gestie-
       gen?
       Die Steuer,  welche wir,  wie ihr  behauptet, den  Grundbesitzern
       zahlen, beträgt  für den Arbeiter ungefähr 3 Pence pro Woche; da-
       gegen ist  der Lohn des Handwebers von 1815 bis 1843 von 28 Shil-
       ling pro  Woche auf 5 Shilling gefallen; und der Lohn des Maschi-
       nenwebers ist  in der  Zeit von 1823 bis 1843 von 20 Shilling pro
       Woche auf 8 Shilling heruntergedrückt worden.
       Und während  dieser ganzen Zeit ist der Steuerbetrag, den wir dem
       Grundbesitzer gezahlt  haben, nie  höher als 3 Pence gewesen. Und
       dann, als  im Jahre  18341 das  Brot sehr  billig war und das Ge-
       schäft sehr  flott ging,  was sagtet ihr uns damals? Wenn ihr un-
       glücklich seid,  so kommt dies daher, daß ihr zuviel Kinder macht
       und daß eure Ehe fruchtbarer ist als euer Gewerbe!
       Das sind  eure eigenen Worte, die ihr uns damals zurieft, und ihr
       gingt hin, neue Armengesetze zu fabrizieren und die Arbeitshäuser
       zu errichten, diese Bastillen der Proletarier.
       Hierauf erwiderten die Fabrikanten:
       Ihr habt recht, werte Herren Arbeiter; es ist nicht nur der Preis
       des Getreides, sondern außerdem auch die Konkurrenz unter den an-
       gebotenen Händen, welche den Lohn bestimmt.
       Aber denkt  an den  einen Umstand, daß unser Boden nur aus Felsen
       und Sandbänken  besteht. Ihr  bildet euch doch nicht ein, daß man
       Getreide in  Blumentöpfen ziehen  kann! Würden  wir aber, anstatt
       unser Kapital, unsere Arbeit auf einen durchaus unfruchtbaren Bo-
       den zu verschwenden, den Ackerbau aufgeben und uns ausschließlich
       der Industrie  widmen, dann würde ganz Europa seine Fabriken auf-
       geben und  England eine einzige große Fabrikstadt bilden, mit dem
       ganzen übrigen Europa als Ackerprovinz.
       Während er  nun so  zu seinen eigenen Arbeitern spricht, wird der
       Fabrikant von dem Kleinhändler interpelliert, der ihm zuruft:
       Aber wenn  wir die  Korngesetze abschaffen,  werden wir  zwar die
       Landwirtschaft ruinieren,  aber darum noch nicht die anderen Län-
       der zwingen,  aus unseren  Fabriken zu  beziehen und  die ihrigen
       aufzugeben.
       Was wird  die Folge  sein? Ich  verliere die  Kundschaft, die ich
       jetzt auf  dem Lande  habe, und der innere Handel verliert seinen
       Markt.
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       1*) (1848): 1844; (1885, 1892 u. 1895): 1834
       
       #446# Karl Marx
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       Der Fabrikant  wendet dem  Arbeiter den  Rücken und antwortet dem
       Krämer: Was  das anbetrifft,  so laßt  uns nur machen. Einmal der
       Getreidezoll abgeschafft,  werden wir vom Auslande billigeres Ge-
       treide bekommen.  Dann  werden  wir  den  Lohn  herabsetzen,  der
       gleichzeitig in  den anderen  Ländern, aus denen wir Getreide be-
       ziehen, steigen wird.
       So werden  wir außer  den Vorteilen,  deren wir  uns bereits  er-
       freuen, noch den niedrigerer Löhne haben, und mit all diesen Vor-
       teilen werden wir den Kontinent schon zwingen, von uns zu kaufen.
       Aber jetzt  mischen sich  der Pächter und der Landarbeiter in die
       Diskussion.
       Und wir, rufen sie, was wird aus uns werden?
       Sollen wir ein Todesurteil fällen helfen über die Landwirtschaft,
       von der wir leben? Müssen wir dulden, daß man uns den Boden unter
       den Füßen wegzieht?
       Statt jeder Antwort hat sich die Anti-Corn-Law League [188] damit
       begnügt, Preise  auszusetzen auf  die drei  besten Schriften über
       den heilsamen  Einfluß der  Abschaffung der  Korngesetze auf  den
       englischen Ackerbau.
       Diese Preise wurden erworben von den Herren Hope, Morse und Greg,
       deren Abhandlungen in Tausenden von Exemplaren auf dem Lande ver-
       breitet wurden.
       Der eine  dieser Preisgekrönten verlegt sich darauf, zu beweisen,
       daß weder  der Pächter  noch der Landarbeiter bei der Einfuhr des
       fremden Getreides verlieren werde, sondern lediglich der Grundbe-
       sitzer. Der  englische Pächter,  ruft er aus, hat die Abschaffung
       der Korngesetze nicht zu fürchten, weil kein Land so gutes und so
       billiges Getreide produzieren kann wie England.
       So könnte,  selbst wenn  der Preis des Getreides fiele, euch dies
       nicht schaden,  weil dieses Sinken lediglich die Rente träfe, die
       fallen würde,  und keineswegs den Kapitalgewinn und den Lohn, die
       sich gleich blieben.
       Der zweite  Laureat, Herr  Morse, behauptet im Gegenteil, daß der
       Getreidepreis infolge  der Abschaffung  der  Korngesetze  steigen
       würde. Er  gibt  sich  unendliche  Mühe,  nachzuweisen,  daß  die
       Schutzzölle dem  Getreide niemals einen lohnenden Preis haben si-
       chern können.
       Zur Bekräftigung  seiner Behauptung führt er die Tatsache an, daß
       stets, wenn  ausländisches Getreide eingeführt wurde, der Getrei-
       depreis in  England beträchtlich  stieg, und  daß, wenn man wenig
       einführte, derselbe  außerordentlich fiel.  Der Laureat  vergißt,
       daß die  Einfuhr nicht die Ursache des hohen Preises war, sondern
       der hohe Preis die Ursache der Einfuhr.
       
       #447# Rede über die Frage des Freihandels
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       Ganz im  Gegensatz zu  seinen Mitpreisgekrönten behauptet er, daß
       jedes Steigen  im Preise  des Korns  dem Pächter und dem Arbeiter
       zugute komme und nicht dem Grundbesitzer.
       Der dritte  Laureat, Herr  Greg, der Großfabrikant ist und dessen
       Buch sich an die Klasse der Großpächter wendet, durfte sich nicht
       mit solchen Albernheiten aus der Affäre ziehen. Seine Sprache ist
       wissenschaftlicher.
       Er gibt zu, daß die Korngesetze die Rente nur dadurch steigen ma-
       chen, daß  sie den  Preis des  Getreides erhöhen, und daß sie den
       Getreidepreis nur  dadurch erhöhen,  daß sie das Kapital zwingen,
       sich auf Boden niederer Qualität zu werfen, was sich ganz einfach
       erklärt.
       In dem  Maße, wie  die Bevölkerung anwächst, ist man eben gezwun-
       gen, sobald  das fremde  Getreide nicht  in das Land kann, minder
       fruchtbare Ländereien  zu verwerten, deren Kultur mehr Kosten er-
       fordert und deren Produkt infolgedessen teurer ist.
       Da das  Getreide zwangsläufig abgesetzt wird, wird sich der Preis
       notwendigerweise nach  dem Preis der Produkte des kostspieligsten
       Bodens richten.  Die Differenz zwischen diesem Preis und den Pro-
       duktionskosten des besseren Bodens bildet eben die Rente.
       Wenn somit  infolge der Abschaffung der Korngesetze der Preis des
       Getreides und folglich auch die Rente fällt, so rührt dies daher,
       daß der schlechtere Boden nicht mehr bebaut wird. Somit zieht die
       Herabsetzung der Rente unfehlbar den Ruin eines Teils der Pächter
       nach sich.
       Diese Bemerkungen  waren notwendig, um die Sprache des Herrn Greg
       zu verstehen.
       Die kleinen Pächter, sagt er, die sich nicht beim Ackerbau halten
       können, werden  eine Zuflucht  in der  Industrie finden.  Was die
       Großpächter anbetrifft,  so müssen  sie dabei  gewinnen. Entweder
       werden die  Grundbesitzer gezwungen  sein, ihnen ihre Grundstücke
       sehr billig zu verkaufen, oder die Pachtkontrakte, welche sie mit
       ihnen machen, werden auf sehr lange Termine abgeschlossen werden.
       Das wird  ihnen gestatten,  größere Kapitalien  in den  Boden  zu
       stecken, Maschinen  in größerem Umfange anzuwenden und so Handar-
       beit zu ersparen, die übrigens billiger sein wird dank dem allge-
       meinen Sinken  der Löhne, der unmittelbaren Folge der Abschaffung
       der Korngesetze.
       Doktor Bowring  hat allen  diesen Argumenten eine religiöse Weihe
       gegeben, indem  er in  einem öffentlichen Meeting ausrief: "Jesus
       Christus ist der Freihandel - der Freihandel ist Jesus Christus!"
       Man begreift, daß die ganze Heuchelei nicht dazu angetan war, den
       Arbeitern das billige Brot schmackhaft zu machen.
       
       #448# Karl Marx
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       Wie hätten übrigens die Arbeiter die plötzliche Philanthropie der
       Fabrikanten begreifen sollen, derselben Leute, die noch in vollem
       Kampf waren gegen die Zehnstundenbill[50J, mittelst deren man den
       Arbeitstag des  Fabrikarbeiters von  zwölf auf zehn Stunden redu-
       zieren wollte!
       Um Ihnen  eine Idee  zu geben von der Philanthropie dieser Fabri-
       kanten, erinnere  ich Sie, meine Herren, an die in allen Fabriken
       eingeführten Fabrikordnungen.
       Jeder Fabrikant  hat zu  seinem Privatgebrauch  ein  regelrechtes
       Strafgesetzbuch, das  für alle  absichtlichen und unabsichtlichen
       Vergehen Bußen  festsetzt; z.B.  zahlt der Arbeiter soundso viel,
       wenn er  das Unglück hat, sich auf einen Stuhl zu setzen, wenn er
       tuschelt, plaudert,  lacht, wenn er einige Minuten zu spät kommt,
       wenn ein  Maschinenteil zerbricht,  wenn er die Produkte nicht in
       der verlangten  Qualität liefert  etc. etc.  Die Bußen sind stets
       höher als  der wirklich  vom Arbeiter  verursachte Schaden. Um es
       dem Arbeiter  möglichst zu  erleichtern, sich Strafen zuzuziehen,
       läßt man die Fabrikuhr vorgehen, liefert man schlechten Rohstoff,
       aus welchem der Arbeiter gutes Produkt anfertigen soll. Man setzt
       den Werkführer  ab, wenn  er nicht geschickt genug ist, die Fälle
       von Übertretungen zu vermehren.
       Sie sehen,  meine Herren, diese Privatgesetzgebung ist eigens ge-
       schaffen, Verstöße  zu züchten, und man züchtet Verstöße, um Geld
       zu machen. So wendet der Fabrikant alle Mittel an, den nominellen
       Lohn herabzusetzen  und sogar  die Zufälle auszubeuten, deren der
       Arbeiter nicht Herr ist.
       Und diese  Fabrikanten, das  sind dieselben Philanthropen, welche
       den Arbeitern  einreden wollten,  sie seien  fähig, enorme Summen
       auszugeben, einzig und allein, um deren Los zu verbessern.
       Auf der  einen Seite beschneiden sie den Lohn des Arbeiters durch
       Fabrikordnungen in der kleinlichsten Weise, auf der anderen legen
       sie sich  die größten  Opfer auf, um ihn mit Hilfe der Anti-Corn-
       Law League zu erhöhen.
       Sie bauen  mit großen  Unkosten Paläste, in denen die Liga gewis-
       sermaßen ihre  Amtswohnung einrichtete,  sie entsenden eine ganze
       Armee von  Missionaren nach  allen Punkten Englands, um die Reli-
       gion des  Freihandels zu  predigen. Sie  lassen Tausende von Bro-
       schüren drucken und unentgeltlich verteilen, um den Arbeiter über
       seine eigenen  Interessen aufzuklären.  Sie geben  enorme  Summen
       aus, um die Presse für ihre Sache günstig zu stimmen. Sie organi-
       sieren einen großartigen Verwaltungsapparat, um die freihändleri-
       sche Bewegung zu leiten, und entfalten alle Gaben ihrer Beredsam-
       keit in  öffentlichen Meetings. Auf einem dieser Meetings war es,
       wo ein Arbeiter ausrief:
       
       #449# Rede über die Frage des Freihandels
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       "Wenn die  Grundbesitzer unsere Knochen verkauften, so würdet ihr
       Fabrikanten die ersten sein, sie zu kaufen, um sie in eine Dampf-
       mühle zu werfen und Mehl daraus zu machen."
       Die englischen  Arbeiter haben die Bedeutung des Kampfes zwischen
       den Grundbesitzern  und den  Kapitalisten sehr gut begriffen. Sie
       wissen sehr  wohl, daß  man den  Preis des Brotes herunterdrücken
       wollte, um  den Lohn herabzudrücken, und daß der Kapitalprofit um
       so viel steigen würde, wie die Rente fiele.
       Ricardo, der  Apostel der englischen Freihändler, der ausgezeich-
       netste Ökonom  unseres Jahrhunderts,  stimmt in  bezug auf diesen
       Punkt vollkommen mit den Arbeitern überein.
       Er sagt in seinem berühmten Werk über politische Ökonomie:
       
       "Wenn wir,  anstatt bei  uns Getreide  zu ernten  ... einen neuen
       Markt entdeckten,  wo wir es uns zu einem niedrigeren Preise ver-
       schaffen könnten,  so würden in diesem Falle die Löhne sinken und
       die Profite steigen... Das Fallen des Preises der landwirtschaft-
       lichen Produkte  reduziert die  Löhne nicht  nur der in der Land-
       wirtschaft beschäftigten Arbeiter, sondern auch all derer, die in
       der Industrie arbeiten oder im Handel beschäftigt sind." [293]
       
       Und glauben Sie nicht, meine Herren, daß es für den Arbeiter eine
       ganz gleichgültige  Sache sei,  nicht mehr als vier Francs zu be-
       kommen, weil  das Getreide  billiger ist,  wenn  er  früher  fünf
       Francs bekam.
       Ist sein Lohn nicht gefallen im Verhältnis zum Profit? Und ist es
       nicht klar, daß seine soziale Lage gegenüber der des Kapitalisten
       schlechter geworden ist? Außerdem verliert er auch tatsächlich.
       Solange der  Getreidepreis noch  höher war  und der  Lohn gleich-
       falls, genügte eine kleine Ersparnis am Brotverbrauch, um ihm an-
       dere Genüsse  zu verschaffen.  Sobald aber  das Brot und folglich
       der Lohn sehr niedrig steht, wird er am Brot fast nichts absparen
       können für den Ankauf anderer Dinge.
       Die englischen  Arbeiter haben es die englischen Freihändler füh-
       len lassen,  daß sie  sich von  ihren Vorspiegelungen  und  Lügen
       nicht hinters Licht führen lassen, und wenn sie sich ihnen trotz-
       dem gegen  die Grundbesitzer  angeschlossen haben, so geschah es,
       um die  letzten Reste  des Feudalismus  zu zerstören und nur noch
       mit einem einzigen Feind zu tun zu haben. Die Arbeiter haben sich
       in ihren Berechnungen nicht getäuscht; denn die Grundbesitzer, um
       sich an  den Fabrikanten  zu rächen, machten gemeinsame Sache mit
       den Arbeitern  zur Durchbringung  der Zehnstundenbill,  die diese
       letzteren seit dreißig Jahren vergeblich gefordert hatten und die
       unmittelbar nach der Abschaffung der Korngesetze durchging.
       
       #450# Karl Marx
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       Wenn auf  dem Kongreß der Ökonomen 1*) Dr. Bowring aus seiner Ta-
       sche eine  lange Liste  zog, um  zu zeigen,  wieviel Stück  Vieh,
       Schinken, Speck,  Hühner etc.  etc. in  England eingeführt worden
       sind, um  dort, wie er sagt, von den Arbeitern konsumiert zu wer-
       den, so hat er leider vergessen zu sagen, daß zur selben Zeit die
       Arbeiter von  Manchester und den anderen Fabrikstädten sich durch
       die beginnende Krisis aufs Pflaster geworfen sahen.
       Grundsätzlich darf man in der politischen Ökonomie niemals Zahlen
       eines einzelnen  Jahres zusammenstellen,  um aus ihnen allgemeine
       Gesetze abzuleiten.  Man muß stets den Durchschnitt von sechs bis
       sieben Jahren  nehmen - den Zeitabschnitt, während dessen die mo-
       derne Industrie  die verschiedenen  Phasen der Prosperität, Über-
       produktion 2*), Stagnation, Krise durchmacht und ihren unvermeid-
       lichen Kreislauf vollendet. [239]
       Kein Zweifel,  wenn der Preis aller Waren fällt, und dies ist die
       notwendige Konsequenz  des Freihandels, so kann ich mir für einen
       Franc weit  mehr Dinge  als vorher verschaffen. Und der Franc des
       Arbeiters gilt  ebensoviel wie jeder andere. Somit wird der Frei-
       handel dem Arbeiter sehr vorteilhaft sein. Es ist nur ein kleiner
       Übelstand damit  verbunden, nämlich  der, daß der Arbeiter, bevor
       er seinen  Franc gegen andere Ware umtauscht, zunächst den Tausch
       seiner Arbeit  [198] gegen das Kapital vollzogen hat. Wenn er bei
       diesem Tausch  stets für  dieselbe Arbeit  den bewußten Franc er-
       hielte und der Preis aller anderen Waren fiele, so würde er stets
       bei diesem  Handel  gewinnen.  Die  Schwierigkeit  besteht  nicht
       darin, zu  beweisen, daß,  wenn der  Preis aller Waren fällt, ich
       für dasselbe Geld mehr Waren bekomme.
       Die Ökonomen  greifen stets  den Preis  der Arbeit  in dem Moment
       heraus, wo er sich gegen andere Waren austauscht, aber sie lassen
       den Moment  gänzlich beiseite,  wo die  Arbeit ihren Tausch gegen
       das Kapital vollzieht.
       Wenn weniger  Kosten erforderlich  sind, um die Maschine in Bewe-
       gung zu setzen, welche die Waren anfertigt, so werden die zum Un-
       terhalt dieser  Maschine, die  sich Arbeiter  nennt,  notwendigen
       Dinge gleichfalls  weniger kosten. Wenn alle Waren billiger sind,
       so wird die Arbeit, die auch eine Ware ist, gleichfalls im Preise
       sinken, und  wie wir  später sehen werden, wird diese Ware Arbeit
       verhältnismäßig viel  mehr sinken als alle anderen Waren. Verläßt
       sich der Arbeiter dann immer noch auf die Argumente der Ökonomen,
       so wird  er finden,  daß der  Franc in  seiner Tasche zusammenge-
       schmolzen ist und ihm nur noch fünf Sous übrigbleiben.
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       1*) Über diesen  Kongreß siehe vorl. Band, S. 291-295 und 299-308
       - 2*) (1885, 1892 und 1895) fehlt: Überproduktion
       
       #451# Rede über die Frage des Freihandels
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       Hierauf werden  Ihnen die  Ökonomen sagen:  Nun ja, wir geben zu,
       daß die  Konkurrenz unter den Arbeitern, die unter der Herrschaft
       des Freihandels  sicherlich nicht  geringer sein  wird, sehr bald
       die Löhne  in Einklang  mit dem niedrigen Preis der Waren bringen
       wird. Aber  anderseits wird der niedrige Preis der Waren den Kon-
       sum vermehren;  der größere  Konsum wird eine stärkere Produktion
       erfordern, welche  eine stärkere  Nachfrage  nach  Arbeitskräften
       nach sich  ziehen wird,  und dieser  stärkeren Nachfrage nach Ar-
       beitskräften wird ein Steigen der Löhne folgen.
       Diese ganze  Argumentation läuft  auf folgendes hinaus: Der Frei-
       handel vermehrt die Produktivkräfte. Wenn die Industrie im Wachs-
       tum begriffen  ist, wenn  der Reichtum, wenn die Produktivkräfte,
       wenn mit  einem Wort  das Produktivkapital die Nachfrage nach Ar-
       beit vermehrt,  so steigt  auch der Preis der Arbeit und folglich
       der Lohn.  Die günstigste  Bedingung für den Arbeiter ist das An-
       wachsen des  Kapitals. Und man muß dies zugeben. Wenn das Kapital
       stationär bleibt, wird die Industrie nicht nur stationär bleiben,
       sondern zurückgehen,  und in  diesem Falle  wird der Arbeiter das
       erste Opfer  sein. Er  wird vor  dem Kapitalisten zugrunde gehen.
       Und in  dem Falle,  wo das  Kapital anwächst, also in diesem, wie
       gesagt, besten  Falle für  den Arbeiter,  welches  wird  da  sein
       Schicksal sein? Er wird gleichfalls zugrunde gehen. Das Anwachsen
       des Produktivkapitals  begreift in sich die Akkumulation und Kon-
       zentration der  Kapitalien. Die Zentralisation der Kapitalien hat
       eine größere  Arbeitsteilung und  eine größere  Anwendung von Ma-
       schinen zur  Folge. Die  größere Teilung  der Arbeit zerstört die
       besondere Geschicklichkeit  des Arbeiters;  und indem  sie an die
       Stelle dieser  besonderen Geschicklichkeit eine Arbeit setzt, die
       jedermann verrichten  kann, vermehrt sie die Konkurrenz unter den
       Arbeitern.
       Diese Konkurrenz  wird um  so stärker, als die Arbeitsteilung den
       Arbeiter in  die Lage  versetzt, allein  die Arbeit von dreien zu
       verrichten. Die  Maschinen bewirken  das gleiche Resultat in noch
       viel größerem  Grade. Das  Anwachsen des Produktivkapitals zwingt
       die industriellen  Kapitalisten, mit  stets wachsenden Mitteln zu
       arbeiten, und ruiniert damit die Kleinindustriellen und wirft sie
       ins Proletariat.  Ferner, da  der Zinsfuß  in dem Maße fällt, wie
       die Kapitalien  sich anhäufen,  werden die  kleinen Rentiers, die
       nicht mehr  von ihren  Renten leben  können, gezwungen sein, sich
       der Industrie zuzuwenden, und somit die Zahl der Proletarier ver-
       mehren.
       Endlich, je  mehr das  Produktivkapital wächst, desto mehr ist es
       gezwungen, für  einen Markt zu produzieren, dessen Bedürfnisse es
       nicht kennt. Um so mehr geht die Produktion dem Bedarf voraus, um
       so mehr  sucht das  Angebot die Nachfrage zu erzwingen und nehmen
       daher die Krisen an Intensität
       
       #452# Karl Marx
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       und Plötzlichkeit  zu. Aber  jede Krisis  ihrerseits beschleunigt
       die Zentralisation der Kapitalien und vermehrt das Proletariat.
       Je mehr  das Produktivkapital  also anwächst, desto mehr steigert
       sich die Konkurrenz unter den Arbeitern, und zwar in viel stärke-
       rem Verhältnis.  Die Entlohnung der Arbeit nimmt ab für alle, und
       die Arbeitslast vermehrt sich für einige.
       1829 gab  es in  Manchester 1088  Spinner, die in 36 Fabriken be-
       schäftigt waren. 1841 gab es nur noch 448, und diese Arbeiter be-
       dienten 53 353  Spindeln mehr  als die  1088 von  1829. Wenn  die
       Handarbeit zugenommen  hätte in demselben Maße wie die Produktiv-
       kraft, so  hätte die  Zahl der  Arbeiter auf 1848 steigen müssen;
       die technischen Verbesserungen haben also 1100 [294] Arbeiter au-
       ßer Arbeit gesetzt.
       Wir kennen im voraus die Antwort der Ökonomen. Diese außer Arbeit
       gesetzten Leute, sagen sie, werden eine andere Beschäftigung fin-
       den. Herr  Dr. Bowring hat nicht unterlassen, dieses Argument auf
       dem Ökonomenkongreß  wieder vorzubringen.  Aber er hat auch nicht
       unterlassen, sich selbst zu widerlegen.
       1835   1*) hielt Herr Dr. Bowring im Unterhaus eine Rede über die
       50 000 Weber  Londons, die  seit langem am Hungertuch nagen, ohne
       diese neue Beschäftigung finden zu können, welche die Freihändler
       ihnen in Aussicht stellen.
       Hören wir die markantesten Stellen dieser Rede des Herrn Dr. Bow-
       ring:
       
       "Das Elend  der Handweber",  sagt  er,  "ist  das  unvermeidliche
       Schicksal jeder  Arbeit, die leicht erlernt wird und in jedem Au-
       genblick durch  weniger kostspielige  Mittel ersetzt werden kann.
       Da in  diesem Falle  die Konkurrenz  unter den Arbeitern ungemein
       groß ist,  führt die  geringste Verminderung  der Nachfrage  eine
       Krise herbei.  Die Handweber  befinden sich  gewissermaßen an die
       äußerste Grenze  der menschlichen  Existenz gesetzt.  Ein Schritt
       weiter, und  ihre Existenz wird unmöglich. Die geringste Erschüt-
       terung genügt,  um sie  in die Bahn des Verkommens zu schleudern.
       Der Fortschritt  der Technik,  der die Handarbeit immer mehr auf-
       hebt, führt unfehlbar während der Epoche des Übergangs viel zeit-
       weiliges Leiden mit sich. Der nationale Wohlstand kann nur um den
       Preis einiger individueller Übel erkauft werden. Man schreitet in
       der Industrie nur auf Kosten der Nachzügler vorwärts, und von al-
       len Entdeckungen  ist  der  Dampfwebstuhl  diejenige,  welche  am
       schwersten auf  dem Handweber lastet. Bereits ist in vielen Arti-
       keln, welche  mit der  Hand gearbeitet  wurden, der  Weber  außer
       Kampf gesetzt  worden, aber er wird auch weiterhin in vielen Din-
       gen geschlagen  werden, die  heute noch  mit der  Hand verfertigt
       werden."
       "Ich habe",  sagt er  an anderer Stelle, "in der Hand eine Korre-
       spondenz des Generalgouverneurs
       -----
       1*) (1848) irrtümlich:  1833; (1885,  1892 u.  1895)  irrtümlich:
       1838
       
       #453# Rede über die Frage des Freihandels
       -----
       von Ostindien  mit der Ostindischen Kompanie. Diese Korrespondenz
       betrifft die  Weber des  Distrikts von Dakka. Der Gouverneur sagt
       in seinen  Briefen: Vor  einigen Jahren  empfing die  Ostindische
       Kompanie sechs  bis acht Millionen Stück Kattun, die auf den ein-
       heimischen Handstühlen hergestellt waren. Die Nachfrage fiel ste-
       tig und ward auf ungefähr eine Million Stück reduziert.
       In diesem  Augenblick hat sie fast aufgehört. Noch mehr. Im Jahre
       1800 bezog  Nordamerika von Indien nahezu 800000 Stück Kattun. Im
       Jahre 1830  bezog es  nicht einmal  mehr 4000 Stück. Endlich ver-
       schiffte man  im Jahre 1800 eine Million Stück Kattun nach Portu-
       gal. 1830 empfing Portugal nicht mehr als 20000 Stück.
       Die Berichte  über die  Not der indischen Weber sind schrecklich;
       und welches war die Ursache dieser Not?
       Das Auftreten englischer Produkte auf dem Markte, die Herstellung
       des Artikels  vermittelst des Dampfwebstuhls. Eine sehr große An-
       zahl von  Webern ist im Elend umgekommen. Der Rest ist zu anderen
       Beschäftigungen, namentlich  zu ländlichen,  übergegangen.  Seine
       Beschäftigung nicht  wechseln können  gleicht einem  Todesurteil.
       Und in  diesem Augenblick ist der Distrikt von Dakka überschwemmt
       von englischen Garnen und Geweben. Der Musselin von Dakka, in der
       ganzen Welt  wegen seiner Schönheit und der Festigkeit seines Ge-
       webes berühmt,  ist gleichfalls infolge der Konkurrenz der engli-
       schen Maschinen verschwunden. In der ganzen Geschichte des Gewer-
       bes wird man vielleicht Mühe haben, ähnliche Leiden zu finden wie
       die, welche  auf diese  Weise ganze Klassen in Ostindien erdulden
       mußten." [295]
       
       Die Rede des Herrn Dr. Bowring ist um so bemerkenswerter, als die
       darin erwähnten Tatsachen richtig sind und die Phrasen, mit denen
       er sie  zu bemänteln  sucht, durchaus den Charakter der Heuchelei
       tragen, welche allen freihändlerischen Reden eigen ist. Er stellt
       die Arbeiter  als Produktionsmittel hin, welche man durch weniger
       kostspielige Produktionsmittel  ersetzen muß. Er tut so, als sähe
       er in der Arbeit, von der er spricht, eine ganz und gar ausnahms-
       weise Arbeit,  und in  der Maschine, welche die Weber ausgerottet
       hat, eine  ebenfalls ausnahmsweise  Maschine. Er  vergißt, daß es
       keine Handarbeit  gibt, die  nicht eines  Tages vom Schicksal der
       Weberei betroffen Werden kann.
       
       "Das beständige Ziel und die Tendenz jeder Vervollkommnung in der
       Mechanik besteht  in der  Tat darin,  vollständig die menschliche
       Arbeit entbehrlich  zu machen oder ihren Preis zu vermindern, in-
       dem man  die Arbeit  von Frauen und Kindern an die Stelle der des
       erwachsenen männlichen Arbeiters oder den einfachen Handlanger an
       die Stelle  des geschickten  Handarbeiters setzt. In der Mehrzahl
       der Spinnereien von Wassergarn, auf englisch throstle-mills, wird
       das Spinnen  lediglich von Mädchen von sechzehn Jahren und darun-
       ter 1*) besorgt. Die Einführung des Selfaktors anstatt der
       -----
       1*) Bei Andrew  Ure "The  Philosophy of  Manufactures...", London
       1861, S. 23: upwards [darüber]
       
       #454# Karl Marx
       -----
       Hand-Mule [64]  hat zur  Folge die  Entlassung der  Mehrzahl  der
       Spinner und die Beibehaltung von Kindern und jungen Leuten."
       
       Diese Worte  des leidenschaftlichsten Freihändlers, des Herrn Dr.
       Ure [296],  sind geeignet,  die Bekenntnisse des Herrn Bowring zu
       ergänzen. Herr  Bowring spricht  von einigen individuellen Leiden
       und sagt gleichzeitig, daß diese individuellen Leiden ganze Klas-
       sen zugrunde  richten; spricht  von vorübergehenden Leiden in der
       Zeit des  Überganges, und zu gleicher Zeit verheimlicht er nicht,
       daß diese Leiden des Überganges für die Mehrzahl der Übergang vom
       Leben zum  Tod gewesen sind und für den Rest der Übergang von ei-
       ner besseren zu einer schlechteren Lage. Wenn er später sagt, daß
       die Leiden  dieser Arbeiter  untrennbar sind  vom Fortschritt der
       Industrie und  notwendig für den nationalen Wohlstand, so sagt er
       einfach, daß  der Wohlstand  der Bourgeoisklasse  zur notwendigen
       Bedingung hat das Leiden der arbeitenden Klasse.
       Der ganze  Trost, den  Herr Bowring den Arbeitern spendet, die da
       umkommen, und  überhaupt die ganze Doktrin der Ausgleichung, wel-
       che die Freihändler aufstellen, läuft auf folgendes hinaus:
       Ihr Tausende  von Arbeitern,  die ihr umkommt, verzagt nicht. Ihr
       könnt in  aller Ruhe  sterben. Eure Klasse wird nicht aussterben.
       Sie wird stets zahlreich genug sein, daß das Kapital sie dezimie-
       ren kann, ohne befürchten zu müssen, daß es sie vernichtet. Übri-
       gens, wie soll das Kapital eine nützliche Verwendung finden, wenn
       es nicht Sorge trüge, sich das Ausbeutungsmaterial, die Arbeiter,
       zu erhalten, um sie von neuem ausbeuten zu können?
       Aber warum  ist es  denn noch eine erst zu lösende Frage, welchen
       Einfluß die  Verwirklichung des  Freihandels auf die Lage der ar-
       beitenden Klasse  ausüben wird? Alle Gesetze, welche die Ökonomen
       von Quesnay bis Ricardo formuliert haben, sind auf der Vorausset-
       zung aufgebaut,  daß die  Schranken nicht mehr existieren, welche
       die Handelsfreiheit  bisher noch beengen. Diese Gesetze bekräfti-
       gen sich  in dem  Maße, wie der Freihandel verwirklicht wird. Das
       erste dieser  Gesetze sagt,  daß die  Konkurrenz den  Preis jeder
       Ware auf das Minimum ihrer Produktionskosten reduziert. Somit ist
       das Lohnminimum  der natürliche Preis der Arbeit. Und was ist das
       Lohnminimum? Genau  das, was  nötig ist, um die zum Unterhalt des
       Arbeiters unerläßlichen  Gegenstände zu  produzieren, um  ihn  in
       Stand zu setzen, sich durchzuschlagen und seine Klasse soviel wie
       nötig fortzupflanzen.
       Glauben wir  deshalb nicht, daß der Arbeiter nur dieses Lohnmini-
       mum haben wird, glauben wir noch weniger, daß er dieses Lohnmini-
       mum stets haben wird.
       
       #455# Rede über die Frage des Freihandels
       -----
       Nein, nach  diesem  Gesetz  wird  die  Arbeiterklasse  zeitweilig
       glücklicher sein.  Sie wird  zuweilen mehr als das Minimum haben,
       aber dieses  Mehr wird nur die Ausgleichung von dem sein, was sie
       in Zeiten  der industriellen Stockung weniger als das Minimum ha-
       ben wird.  Das will  sagen: Wenn man in einem gewissen periodisch
       wiederkehrenden Zeitabschnitt,  in jenem Kreislauf, den die Indu-
       strie beschreibt, indem sie nacheinander die Phasen von Prosperi-
       tät, Überproduktion,  Stagnation, Krise  durchläuft, alles zusam-
       menrechnet, was die Arbeiterklasse über und unter dem Notwendigen
       gehabt hat,  so wird man sehen, daß sie im ganzen weder mehr noch
       weniger als das Minimum gehabt hat: das heißt, die Arbeiterklasse
       wird als  Klasse erhalten  sein, nachdem  sie soundso viel Elend,
       soundso viel  Leiden durchgemacht,  soundso viel  Leichen auf dem
       Schlachtfeld der  Industrie zurückgelassen  hat.  Aber  was  ver-
       schlägt das?  Die Klasse besteht fort, und mehr als das, sie wird
       zugenommen haben.
       Das ist jedoch nicht alles. Der Fortschritt der Industrie liefert
       weniger kostspielige Existenzmittel. So hat der Schnaps das Bier,
       die Baumwolle Wolle und Leinen, die Kartoffel das Brot ersetzt.
       Da man  stets Mittel  findet, die Arbeit mit wohlfeileren und er-
       bärmlicheren Gegenständen  zu ernähren, so ist das Lohnminimum in
       stetem Sinken  begriffen. Wenn  dieser Lohn  anfangs den Menschen
       arbeiten ließ, um zu leben, läßt er ihn schließlich auch noch le-
       ben, aber das Leben einer Maschine. Seine Existenz hat keinen an-
       deren Wert  als den einer einfachen Produktivkraft, und der Kapi-
       talist behandelt ihn demgemäß.
       Dieses Gesetz  der Ware  Arbeit, des  Lohnminimums,  bewahrheitet
       sich in  dem Maße,  wie die Voraussetzung der Ökonomen, der Frei-
       handel, eine Wahrheit, eine Tatsache wird. So von zwei Dingen ei-
       nes: Entweder  muß man die ganze, auf die Voraussetzung des Frei-
       handels begründete  politische Ökonomie leugnen, oder man muß zu-
       gestehen, daß die Arbeiter unter diesem Freihandel von der ganzen
       Härte der ökonomischen Gesetze getroffen werden.
       Um zusammenzufassen:  Was ist  also unter  dem  heutigen  Gesell-
       schafts-zustand der  Freihandel? Die  Freiheit des Kapitals. Habt
       ihr die paar nationalen Schranken, die noch die freie Entwicklung
       des Kapitals  einengen, eingerissen,  so habt ihr lediglich seine
       Tätigkeit völlig entfesselt. Solange ihr das Verhältnis von Lohn-
       arbeit zu  Kapital fortbestehen laßt, mag der Austausch der Waren
       sich immerhin  unter den  günstigsten Bedingungen  vollziehen, es
       wird stets eine Klasse geben, die ausbeutet, und eine, die ausge-
       beutet wird.  Es wird  einem wirklich  schwer, die  Anmaßung  der
       Freihändler zu begreifen, die sich einbilden, daß die vorteilhaf-
       tere Verwendung des Kapitals
       
       #456# Karl Marx
       -----
       den Gegensatz  zwischen industriellen Kapitalisten und Lohnarbei-
       tern verschwinden  machen wird.  Ganz im  Gegenteil. Die  einzige
       Folge wird  sein, daß  der Gegensatz  dieser beiden  Klassen noch
       klarer zutage treten wird.
       Man nehme  einen Augenblick  an, daß  es keine Korngesetze, keine
       Gemeinde- und  keine Staatszölle  mehr gäbe,  mit einem Wort, daß
       alle Nebenumstände,  welche der Arbeiter heute noch für die Ursa-
       chen seiner  elenden Lage  halten kann,  vollständig verschwunden
       wären, und man wird ebenso viele Vorhänge zerrissen haben, welche
       seinen Augen den wahren Feind verhüllten.
       Er wird  sehen, daß  das frei  gewordene Kapital ihn nicht minder
       zum Sklaven macht als das durch Zollschranken belästigte.
       Meine Herren!  Lassen Sie  sich nicht  durch das  abstrakte  Wort
       F r e i h e i t   imponieren. Freiheit  wessen? Es bedeutet nicht
       die Freiheit  eines einzelnen Individuums gegenüber einem anderen
       Individuum. Es bedeutet die Freiheit, welche das Kapital genießt,
       den Arbeiter zu erdrücken.
       Wozu wollen  Sie die  freie Konkurrenz  noch  durch  diese  Frei-
       heitsidee sanktionieren,  da doch  diese Freiheitsidee selbst nur
       das Produkt  eines auf der freien Konkurrenz beruhenden Zustandes
       ist?
       Wir haben  gezeigt, was  die Brüderlichkeit ist, welche der Frei-
       handel zwischen  den verschiedenen  Klassen ein und derselben Na-
       tion hervorruft.  Die Brüderlichkeit,  welche der Freihandel zwi-
       schen den  verschiedenen Nationen  der Erde  stiften würde,  wäre
       schwerlich brüderlicher; die Ausbeutung in ihrer kosmopolitischen
       Gestaltung mit  dem Namen  der allgemeinen  Brüderlichkeit zu be-
       zeichnen ist  eine Idee,  die nur  dem Schoß der Bourgeoisie ent-
       springen konnte.  Alle  destruktiven  Erscheinungen,  welche  die
       freie Konkurrenz  in dem Innern eines Landes zeitigt, wiederholen
       sich in  noch riesigerem  Umfange auf dem Weltmarkt. Wir brauchen
       uns nicht  länger bei den Sophismen aufzuhalten, welche die Frei-
       händler über  diesen Gegenstand  ausspielen und  die geradesoviel
       wert sind  wie die  Argumente unserer  drei Laureaten, der Herren
       Hope, Morse und Greg.
       Man sagt uns zum Beispiel, daß der Freihandel eine internationale
       Arbeitsteilung ins  Leben rufen  und damit  jedem Lande  eine mit
       seinen natürlichen  Vorteilen harmonierende  Produktion  zuweisen
       würde.
       Sie glauben vielleicht, meine Herren, daß die Produktion von Kaf-
       fee und Zucker die natürliche Bestimmung von Westindien sei.
       Vor zwei  Jahrhunderten hatte  die Natur,  die sich  nicht um den
       Handel kümmert, dort weder Kaffeebäume noch Zuckerrohr gepflanzt.
       Und es  wird vielleicht  kein halbes  Jahrhundert dauern, bis Sie
       dort weder  Kaffee noch Zucker mehr finden, denn bereits hat Ost-
       indien durch billigere
       
       #457# Rede über die Frage des Freihandels
       -----
       Produktion gegen  diese angeblich natürliche Bestimmung von West-
       indien den Kampf siegreich aufgenommen. Und dieses Westindien mit
       seinen natürlichen  Reichtümern ist  bereits eine  ebenso schwere
       Last für  die Engländer wie die Weber von Dakka, die auch von An-
       beginn der Zeiten bestimmt waren, mit der Hand zu weben.
       Noch ein Umstand darf dabei nie aus dem Auge gelassen werden: der
       nämlich, daß,  wie alles  Monopol geworden ist, es auch heute ei-
       nige Industriezweige  gibt, welche  alle anderen  beherrschen und
       den sie  vorzugsweise betreibenden Völkern die Herrschaft auf dem
       Weltmarkt sichern.  So hat  im internationalen Verkehr allein die
       Baumwolle eine viel größere kommerzielle Bedeutung als alle ande-
       ren zur  Anfertigung von Bekleidungsgegenständen verwendeten Roh-
       stoffe zusammen.  Es ist wahrhaft lächerlich, wie die Freihändler
       auf die  paar Spezialitäten in jedem Industriezweig hinweisen, um
       sie gegen  die Produkte  des alltäglichen Gebrauches in die Waag-
       schale zu  werfen, die  am billigsten  in den  Ländern produziert
       werden, wo die Industrie am entwickeltsten ist.
       Wenn die  Freihändler nicht  begreifen können,  wie ein Land sich
       auf Kosten  des anderen bereichern kann, so brauchen wir uns dar-
       über nicht zu wundern, da dieselben Herren noch weniger begreifen
       wollen, wie  innerhalb eines  Landes eine  Klasse sich auf Kosten
       einer anderen bereichern kann.
       Glauben Sie  aber nicht, meine Herren, daß, wenn wir die Handels-
       freiheit kritisieren, wir die Absicht haben, das Schutzzollsystem
       zu verteidigen.
       Man kann  den Konstitutionalismus  bekämpfen, ohne deshalb Freund
       des Absolutismus zu sein.
       Übrigens ist  das Schutzzollsystem nur ein Mittel, in einem Lande
       die Großindustrie aufzuziehen, das heißt, es vom Weltmarkt abhän-
       gig zu  machen; und  von dem  Augenblick an, wo man vom Weltmarkt
       abhängt, hängt man schon mehr oder weniger vom Freihandel ab. Au-
       ßerdem entwickelt  das Schutzzollsystem  die freie  Konkurrenz im
       Innern eines  Landes. Deshalb  sehen wir,  daß in den Ländern, wo
       die Bourgeoisie  anfängt, sich als Klasse Geltung zu verschaffen,
       wie zum  Beispiel in  Deutschland, sie große Anstrengungen macht,
       Schutzzölle zu  bekommen. Dieselben sind für sie Waffen gegen den
       Feudalismus und  die absolute  Staatsgewalt, sie sind für sie ein
       Mittel, ihre Kräfte zu konzentrieren und den Freihandel im Innern
       des Landes selbst zu realisieren.
       Aber im allgemeinen ist heutzutage das Schutzzollsystem konserva-
       tiv, während  das Freihandelssystem zerstörend wirkt. Es zersetzt
       die bisherigen
       
       #458# Karl Marx
       -----
       Nationalitäten und  treibt den Gegensatz zwischen Proletariat und
       Bourgeoisie auf  die Spitze.  Mit einem Wort, das System der Han-
       delsfreiheit beschleunigt die soziale Revolution. Und nur in die-
       sem revolutionären  Sinne, meine Herren, stimme ich für den Frei-
       handel.
       
       Nach "Discours sur la question du libre échange,
       prononcé à l'Association Démocratique de Bruxelles",
       Bruxelles 1848.
       
       Aus dem Französischen.

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