Quelle: MEW 4 Mai 1846 - März 1848
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Karl Marx
Rede über die Frage des Freihandels,
gehalten am 9. Januar 1848 1*) in der Demokratischen Gesell-
schaft zu Brüssel [291]
Meine Herren!
Die Abschaffung der Korngesetze [292] in England ist der größte
Triumph, den der Freihandel im neunzehnten Jahrhundert errungen
hat. In allen Ländern, wo die Fabrikanten von Freihandel spre-
chen, haben sie vorzugsweise den Freihandel in Getreide oder
überhaupt in Rohstoffen im Auge. Das ausländische Korn mit
Schutzzöllen belasten ist infam, heißt auf den Hunger des Volkes
spekulieren.
Billiges Brot, hohe Löhne, cheap food, high wages 2*), das ist
der alleinige Zweck, für welchen die Freihändler in England Mil-
lionen ausgegeben haben, und schon hat ihr Enthusiasmus ihre Brü-
der auf dem Festlande angesteckt. Überhaupt, Wenn man den Frei-
handel will, so will man ihn zur Verbesserung der Lage der arbei-
tenden Klassen.
Aber, wunderbar! Das Volk, dem man um jeden Preis billiges Brot
verschaffen will, ist sehr undankbar. Das wohlfeile Brot ist in
England ebenso verrufen wie die wohlfeile Regierung in
Frankreich. Das Volk erblickt in den Männern voll Hingebung, in
einem Bowring, einem Bright und Konsorten, seine größten Feinde
und die unverschämtesten Heuchler.
Jedermann weiß, daß der Kampf zwischen Liberalen und Demokraten
in England Kampf zwischen Freihändlern und Chartisten heißt.
Sehen wir nun zu, auf welche Art die englischen Freihändler dem
Volke die edle Gesinnung bewiesen haben, welche sie beseelte.
Sie sagten den Fabrikarbeitern 3*):
Der Getreidezoll ist eine Steuer auf den Lohn; diese Steuer zahlt
ihr den Großgrundbesitzern, diesen mittelalterlichen Aristokra-
ten; wenn eure Lage
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1*) (1885, 1892 u. 1895) irrtümlich: 1849 - 2*) demagogische Pa-
role der Freihändler - 3*) (1885) irrtümlich: Fabrikanten
#445# Rede über die Frage des Freihandels
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jammervoll ist, so ist dies eine Folge der Kostspieligkeit der
unentbehrlichsten Lebensmittel.
Die Arbeiter fragten ihrerseits die Fabrikanten: Wie kommt es,
daß im Verlauf der letzten dreißig Jahre, wo unsere Industrie die
größte Entwicklung genommen hat, unser Lohn in einem viel rapide-
ren Verhältnis gesunken ist, als der Preis des Getreides gestie-
gen?
Die Steuer, welche wir, wie ihr behauptet, den Grundbesitzern
zahlen, beträgt für den Arbeiter ungefähr 3 Pence pro Woche; da-
gegen ist der Lohn des Handwebers von 1815 bis 1843 von 28 Shil-
ling pro Woche auf 5 Shilling gefallen; und der Lohn des Maschi-
nenwebers ist in der Zeit von 1823 bis 1843 von 20 Shilling pro
Woche auf 8 Shilling heruntergedrückt worden.
Und während dieser ganzen Zeit ist der Steuerbetrag, den wir dem
Grundbesitzer gezahlt haben, nie höher als 3 Pence gewesen. Und
dann, als im Jahre 18341 das Brot sehr billig war und das Ge-
schäft sehr flott ging, was sagtet ihr uns damals? Wenn ihr un-
glücklich seid, so kommt dies daher, daß ihr zuviel Kinder macht
und daß eure Ehe fruchtbarer ist als euer Gewerbe!
Das sind eure eigenen Worte, die ihr uns damals zurieft, und ihr
gingt hin, neue Armengesetze zu fabrizieren und die Arbeitshäuser
zu errichten, diese Bastillen der Proletarier.
Hierauf erwiderten die Fabrikanten:
Ihr habt recht, werte Herren Arbeiter; es ist nicht nur der Preis
des Getreides, sondern außerdem auch die Konkurrenz unter den an-
gebotenen Händen, welche den Lohn bestimmt.
Aber denkt an den einen Umstand, daß unser Boden nur aus Felsen
und Sandbänken besteht. Ihr bildet euch doch nicht ein, daß man
Getreide in Blumentöpfen ziehen kann! Würden wir aber, anstatt
unser Kapital, unsere Arbeit auf einen durchaus unfruchtbaren Bo-
den zu verschwenden, den Ackerbau aufgeben und uns ausschließlich
der Industrie widmen, dann würde ganz Europa seine Fabriken auf-
geben und England eine einzige große Fabrikstadt bilden, mit dem
ganzen übrigen Europa als Ackerprovinz.
Während er nun so zu seinen eigenen Arbeitern spricht, wird der
Fabrikant von dem Kleinhändler interpelliert, der ihm zuruft:
Aber wenn wir die Korngesetze abschaffen, werden wir zwar die
Landwirtschaft ruinieren, aber darum noch nicht die anderen Län-
der zwingen, aus unseren Fabriken zu beziehen und die ihrigen
aufzugeben.
Was wird die Folge sein? Ich verliere die Kundschaft, die ich
jetzt auf dem Lande habe, und der innere Handel verliert seinen
Markt.
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1*) (1848): 1844; (1885, 1892 u. 1895): 1834
#446# Karl Marx
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Der Fabrikant wendet dem Arbeiter den Rücken und antwortet dem
Krämer: Was das anbetrifft, so laßt uns nur machen. Einmal der
Getreidezoll abgeschafft, werden wir vom Auslande billigeres Ge-
treide bekommen. Dann werden wir den Lohn herabsetzen, der
gleichzeitig in den anderen Ländern, aus denen wir Getreide be-
ziehen, steigen wird.
So werden wir außer den Vorteilen, deren wir uns bereits er-
freuen, noch den niedrigerer Löhne haben, und mit all diesen Vor-
teilen werden wir den Kontinent schon zwingen, von uns zu kaufen.
Aber jetzt mischen sich der Pächter und der Landarbeiter in die
Diskussion.
Und wir, rufen sie, was wird aus uns werden?
Sollen wir ein Todesurteil fällen helfen über die Landwirtschaft,
von der wir leben? Müssen wir dulden, daß man uns den Boden unter
den Füßen wegzieht?
Statt jeder Antwort hat sich die Anti-Corn-Law League [188] damit
begnügt, Preise auszusetzen auf die drei besten Schriften über
den heilsamen Einfluß der Abschaffung der Korngesetze auf den
englischen Ackerbau.
Diese Preise wurden erworben von den Herren Hope, Morse und Greg,
deren Abhandlungen in Tausenden von Exemplaren auf dem Lande ver-
breitet wurden.
Der eine dieser Preisgekrönten verlegt sich darauf, zu beweisen,
daß weder der Pächter noch der Landarbeiter bei der Einfuhr des
fremden Getreides verlieren werde, sondern lediglich der Grundbe-
sitzer. Der englische Pächter, ruft er aus, hat die Abschaffung
der Korngesetze nicht zu fürchten, weil kein Land so gutes und so
billiges Getreide produzieren kann wie England.
So könnte, selbst wenn der Preis des Getreides fiele, euch dies
nicht schaden, weil dieses Sinken lediglich die Rente träfe, die
fallen würde, und keineswegs den Kapitalgewinn und den Lohn, die
sich gleich blieben.
Der zweite Laureat, Herr Morse, behauptet im Gegenteil, daß der
Getreidepreis infolge der Abschaffung der Korngesetze steigen
würde. Er gibt sich unendliche Mühe, nachzuweisen, daß die
Schutzzölle dem Getreide niemals einen lohnenden Preis haben si-
chern können.
Zur Bekräftigung seiner Behauptung führt er die Tatsache an, daß
stets, wenn ausländisches Getreide eingeführt wurde, der Getrei-
depreis in England beträchtlich stieg, und daß, wenn man wenig
einführte, derselbe außerordentlich fiel. Der Laureat vergißt,
daß die Einfuhr nicht die Ursache des hohen Preises war, sondern
der hohe Preis die Ursache der Einfuhr.
#447# Rede über die Frage des Freihandels
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Ganz im Gegensatz zu seinen Mitpreisgekrönten behauptet er, daß
jedes Steigen im Preise des Korns dem Pächter und dem Arbeiter
zugute komme und nicht dem Grundbesitzer.
Der dritte Laureat, Herr Greg, der Großfabrikant ist und dessen
Buch sich an die Klasse der Großpächter wendet, durfte sich nicht
mit solchen Albernheiten aus der Affäre ziehen. Seine Sprache ist
wissenschaftlicher.
Er gibt zu, daß die Korngesetze die Rente nur dadurch steigen ma-
chen, daß sie den Preis des Getreides erhöhen, und daß sie den
Getreidepreis nur dadurch erhöhen, daß sie das Kapital zwingen,
sich auf Boden niederer Qualität zu werfen, was sich ganz einfach
erklärt.
In dem Maße, wie die Bevölkerung anwächst, ist man eben gezwun-
gen, sobald das fremde Getreide nicht in das Land kann, minder
fruchtbare Ländereien zu verwerten, deren Kultur mehr Kosten er-
fordert und deren Produkt infolgedessen teurer ist.
Da das Getreide zwangsläufig abgesetzt wird, wird sich der Preis
notwendigerweise nach dem Preis der Produkte des kostspieligsten
Bodens richten. Die Differenz zwischen diesem Preis und den Pro-
duktionskosten des besseren Bodens bildet eben die Rente.
Wenn somit infolge der Abschaffung der Korngesetze der Preis des
Getreides und folglich auch die Rente fällt, so rührt dies daher,
daß der schlechtere Boden nicht mehr bebaut wird. Somit zieht die
Herabsetzung der Rente unfehlbar den Ruin eines Teils der Pächter
nach sich.
Diese Bemerkungen waren notwendig, um die Sprache des Herrn Greg
zu verstehen.
Die kleinen Pächter, sagt er, die sich nicht beim Ackerbau halten
können, werden eine Zuflucht in der Industrie finden. Was die
Großpächter anbetrifft, so müssen sie dabei gewinnen. Entweder
werden die Grundbesitzer gezwungen sein, ihnen ihre Grundstücke
sehr billig zu verkaufen, oder die Pachtkontrakte, welche sie mit
ihnen machen, werden auf sehr lange Termine abgeschlossen werden.
Das wird ihnen gestatten, größere Kapitalien in den Boden zu
stecken, Maschinen in größerem Umfange anzuwenden und so Handar-
beit zu ersparen, die übrigens billiger sein wird dank dem allge-
meinen Sinken der Löhne, der unmittelbaren Folge der Abschaffung
der Korngesetze.
Doktor Bowring hat allen diesen Argumenten eine religiöse Weihe
gegeben, indem er in einem öffentlichen Meeting ausrief: "Jesus
Christus ist der Freihandel - der Freihandel ist Jesus Christus!"
Man begreift, daß die ganze Heuchelei nicht dazu angetan war, den
Arbeitern das billige Brot schmackhaft zu machen.
#448# Karl Marx
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Wie hätten übrigens die Arbeiter die plötzliche Philanthropie der
Fabrikanten begreifen sollen, derselben Leute, die noch in vollem
Kampf waren gegen die Zehnstundenbill[50J, mittelst deren man den
Arbeitstag des Fabrikarbeiters von zwölf auf zehn Stunden redu-
zieren wollte!
Um Ihnen eine Idee zu geben von der Philanthropie dieser Fabri-
kanten, erinnere ich Sie, meine Herren, an die in allen Fabriken
eingeführten Fabrikordnungen.
Jeder Fabrikant hat zu seinem Privatgebrauch ein regelrechtes
Strafgesetzbuch, das für alle absichtlichen und unabsichtlichen
Vergehen Bußen festsetzt; z.B. zahlt der Arbeiter soundso viel,
wenn er das Unglück hat, sich auf einen Stuhl zu setzen, wenn er
tuschelt, plaudert, lacht, wenn er einige Minuten zu spät kommt,
wenn ein Maschinenteil zerbricht, wenn er die Produkte nicht in
der verlangten Qualität liefert etc. etc. Die Bußen sind stets
höher als der wirklich vom Arbeiter verursachte Schaden. Um es
dem Arbeiter möglichst zu erleichtern, sich Strafen zuzuziehen,
läßt man die Fabrikuhr vorgehen, liefert man schlechten Rohstoff,
aus welchem der Arbeiter gutes Produkt anfertigen soll. Man setzt
den Werkführer ab, wenn er nicht geschickt genug ist, die Fälle
von Übertretungen zu vermehren.
Sie sehen, meine Herren, diese Privatgesetzgebung ist eigens ge-
schaffen, Verstöße zu züchten, und man züchtet Verstöße, um Geld
zu machen. So wendet der Fabrikant alle Mittel an, den nominellen
Lohn herabzusetzen und sogar die Zufälle auszubeuten, deren der
Arbeiter nicht Herr ist.
Und diese Fabrikanten, das sind dieselben Philanthropen, welche
den Arbeitern einreden wollten, sie seien fähig, enorme Summen
auszugeben, einzig und allein, um deren Los zu verbessern.
Auf der einen Seite beschneiden sie den Lohn des Arbeiters durch
Fabrikordnungen in der kleinlichsten Weise, auf der anderen legen
sie sich die größten Opfer auf, um ihn mit Hilfe der Anti-Corn-
Law League zu erhöhen.
Sie bauen mit großen Unkosten Paläste, in denen die Liga gewis-
sermaßen ihre Amtswohnung einrichtete, sie entsenden eine ganze
Armee von Missionaren nach allen Punkten Englands, um die Reli-
gion des Freihandels zu predigen. Sie lassen Tausende von Bro-
schüren drucken und unentgeltlich verteilen, um den Arbeiter über
seine eigenen Interessen aufzuklären. Sie geben enorme Summen
aus, um die Presse für ihre Sache günstig zu stimmen. Sie organi-
sieren einen großartigen Verwaltungsapparat, um die freihändleri-
sche Bewegung zu leiten, und entfalten alle Gaben ihrer Beredsam-
keit in öffentlichen Meetings. Auf einem dieser Meetings war es,
wo ein Arbeiter ausrief:
#449# Rede über die Frage des Freihandels
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"Wenn die Grundbesitzer unsere Knochen verkauften, so würdet ihr
Fabrikanten die ersten sein, sie zu kaufen, um sie in eine Dampf-
mühle zu werfen und Mehl daraus zu machen."
Die englischen Arbeiter haben die Bedeutung des Kampfes zwischen
den Grundbesitzern und den Kapitalisten sehr gut begriffen. Sie
wissen sehr wohl, daß man den Preis des Brotes herunterdrücken
wollte, um den Lohn herabzudrücken, und daß der Kapitalprofit um
so viel steigen würde, wie die Rente fiele.
Ricardo, der Apostel der englischen Freihändler, der ausgezeich-
netste Ökonom unseres Jahrhunderts, stimmt in bezug auf diesen
Punkt vollkommen mit den Arbeitern überein.
Er sagt in seinem berühmten Werk über politische Ökonomie:
"Wenn wir, anstatt bei uns Getreide zu ernten ... einen neuen
Markt entdeckten, wo wir es uns zu einem niedrigeren Preise ver-
schaffen könnten, so würden in diesem Falle die Löhne sinken und
die Profite steigen... Das Fallen des Preises der landwirtschaft-
lichen Produkte reduziert die Löhne nicht nur der in der Land-
wirtschaft beschäftigten Arbeiter, sondern auch all derer, die in
der Industrie arbeiten oder im Handel beschäftigt sind." [293]
Und glauben Sie nicht, meine Herren, daß es für den Arbeiter eine
ganz gleichgültige Sache sei, nicht mehr als vier Francs zu be-
kommen, weil das Getreide billiger ist, wenn er früher fünf
Francs bekam.
Ist sein Lohn nicht gefallen im Verhältnis zum Profit? Und ist es
nicht klar, daß seine soziale Lage gegenüber der des Kapitalisten
schlechter geworden ist? Außerdem verliert er auch tatsächlich.
Solange der Getreidepreis noch höher war und der Lohn gleich-
falls, genügte eine kleine Ersparnis am Brotverbrauch, um ihm an-
dere Genüsse zu verschaffen. Sobald aber das Brot und folglich
der Lohn sehr niedrig steht, wird er am Brot fast nichts absparen
können für den Ankauf anderer Dinge.
Die englischen Arbeiter haben es die englischen Freihändler füh-
len lassen, daß sie sich von ihren Vorspiegelungen und Lügen
nicht hinters Licht führen lassen, und wenn sie sich ihnen trotz-
dem gegen die Grundbesitzer angeschlossen haben, so geschah es,
um die letzten Reste des Feudalismus zu zerstören und nur noch
mit einem einzigen Feind zu tun zu haben. Die Arbeiter haben sich
in ihren Berechnungen nicht getäuscht; denn die Grundbesitzer, um
sich an den Fabrikanten zu rächen, machten gemeinsame Sache mit
den Arbeitern zur Durchbringung der Zehnstundenbill, die diese
letzteren seit dreißig Jahren vergeblich gefordert hatten und die
unmittelbar nach der Abschaffung der Korngesetze durchging.
#450# Karl Marx
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Wenn auf dem Kongreß der Ökonomen 1*) Dr. Bowring aus seiner Ta-
sche eine lange Liste zog, um zu zeigen, wieviel Stück Vieh,
Schinken, Speck, Hühner etc. etc. in England eingeführt worden
sind, um dort, wie er sagt, von den Arbeitern konsumiert zu wer-
den, so hat er leider vergessen zu sagen, daß zur selben Zeit die
Arbeiter von Manchester und den anderen Fabrikstädten sich durch
die beginnende Krisis aufs Pflaster geworfen sahen.
Grundsätzlich darf man in der politischen Ökonomie niemals Zahlen
eines einzelnen Jahres zusammenstellen, um aus ihnen allgemeine
Gesetze abzuleiten. Man muß stets den Durchschnitt von sechs bis
sieben Jahren nehmen - den Zeitabschnitt, während dessen die mo-
derne Industrie die verschiedenen Phasen der Prosperität, Über-
produktion 2*), Stagnation, Krise durchmacht und ihren unvermeid-
lichen Kreislauf vollendet. [239]
Kein Zweifel, wenn der Preis aller Waren fällt, und dies ist die
notwendige Konsequenz des Freihandels, so kann ich mir für einen
Franc weit mehr Dinge als vorher verschaffen. Und der Franc des
Arbeiters gilt ebensoviel wie jeder andere. Somit wird der Frei-
handel dem Arbeiter sehr vorteilhaft sein. Es ist nur ein kleiner
Übelstand damit verbunden, nämlich der, daß der Arbeiter, bevor
er seinen Franc gegen andere Ware umtauscht, zunächst den Tausch
seiner Arbeit [198] gegen das Kapital vollzogen hat. Wenn er bei
diesem Tausch stets für dieselbe Arbeit den bewußten Franc er-
hielte und der Preis aller anderen Waren fiele, so würde er stets
bei diesem Handel gewinnen. Die Schwierigkeit besteht nicht
darin, zu beweisen, daß, wenn der Preis aller Waren fällt, ich
für dasselbe Geld mehr Waren bekomme.
Die Ökonomen greifen stets den Preis der Arbeit in dem Moment
heraus, wo er sich gegen andere Waren austauscht, aber sie lassen
den Moment gänzlich beiseite, wo die Arbeit ihren Tausch gegen
das Kapital vollzieht.
Wenn weniger Kosten erforderlich sind, um die Maschine in Bewe-
gung zu setzen, welche die Waren anfertigt, so werden die zum Un-
terhalt dieser Maschine, die sich Arbeiter nennt, notwendigen
Dinge gleichfalls weniger kosten. Wenn alle Waren billiger sind,
so wird die Arbeit, die auch eine Ware ist, gleichfalls im Preise
sinken, und wie wir später sehen werden, wird diese Ware Arbeit
verhältnismäßig viel mehr sinken als alle anderen Waren. Verläßt
sich der Arbeiter dann immer noch auf die Argumente der Ökonomen,
so wird er finden, daß der Franc in seiner Tasche zusammenge-
schmolzen ist und ihm nur noch fünf Sous übrigbleiben.
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1*) Über diesen Kongreß siehe vorl. Band, S. 291-295 und 299-308
- 2*) (1885, 1892 und 1895) fehlt: Überproduktion
#451# Rede über die Frage des Freihandels
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Hierauf werden Ihnen die Ökonomen sagen: Nun ja, wir geben zu,
daß die Konkurrenz unter den Arbeitern, die unter der Herrschaft
des Freihandels sicherlich nicht geringer sein wird, sehr bald
die Löhne in Einklang mit dem niedrigen Preis der Waren bringen
wird. Aber anderseits wird der niedrige Preis der Waren den Kon-
sum vermehren; der größere Konsum wird eine stärkere Produktion
erfordern, welche eine stärkere Nachfrage nach Arbeitskräften
nach sich ziehen wird, und dieser stärkeren Nachfrage nach Ar-
beitskräften wird ein Steigen der Löhne folgen.
Diese ganze Argumentation läuft auf folgendes hinaus: Der Frei-
handel vermehrt die Produktivkräfte. Wenn die Industrie im Wachs-
tum begriffen ist, wenn der Reichtum, wenn die Produktivkräfte,
wenn mit einem Wort das Produktivkapital die Nachfrage nach Ar-
beit vermehrt, so steigt auch der Preis der Arbeit und folglich
der Lohn. Die günstigste Bedingung für den Arbeiter ist das An-
wachsen des Kapitals. Und man muß dies zugeben. Wenn das Kapital
stationär bleibt, wird die Industrie nicht nur stationär bleiben,
sondern zurückgehen, und in diesem Falle wird der Arbeiter das
erste Opfer sein. Er wird vor dem Kapitalisten zugrunde gehen.
Und in dem Falle, wo das Kapital anwächst, also in diesem, wie
gesagt, besten Falle für den Arbeiter, welches wird da sein
Schicksal sein? Er wird gleichfalls zugrunde gehen. Das Anwachsen
des Produktivkapitals begreift in sich die Akkumulation und Kon-
zentration der Kapitalien. Die Zentralisation der Kapitalien hat
eine größere Arbeitsteilung und eine größere Anwendung von Ma-
schinen zur Folge. Die größere Teilung der Arbeit zerstört die
besondere Geschicklichkeit des Arbeiters; und indem sie an die
Stelle dieser besonderen Geschicklichkeit eine Arbeit setzt, die
jedermann verrichten kann, vermehrt sie die Konkurrenz unter den
Arbeitern.
Diese Konkurrenz wird um so stärker, als die Arbeitsteilung den
Arbeiter in die Lage versetzt, allein die Arbeit von dreien zu
verrichten. Die Maschinen bewirken das gleiche Resultat in noch
viel größerem Grade. Das Anwachsen des Produktivkapitals zwingt
die industriellen Kapitalisten, mit stets wachsenden Mitteln zu
arbeiten, und ruiniert damit die Kleinindustriellen und wirft sie
ins Proletariat. Ferner, da der Zinsfuß in dem Maße fällt, wie
die Kapitalien sich anhäufen, werden die kleinen Rentiers, die
nicht mehr von ihren Renten leben können, gezwungen sein, sich
der Industrie zuzuwenden, und somit die Zahl der Proletarier ver-
mehren.
Endlich, je mehr das Produktivkapital wächst, desto mehr ist es
gezwungen, für einen Markt zu produzieren, dessen Bedürfnisse es
nicht kennt. Um so mehr geht die Produktion dem Bedarf voraus, um
so mehr sucht das Angebot die Nachfrage zu erzwingen und nehmen
daher die Krisen an Intensität
#452# Karl Marx
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und Plötzlichkeit zu. Aber jede Krisis ihrerseits beschleunigt
die Zentralisation der Kapitalien und vermehrt das Proletariat.
Je mehr das Produktivkapital also anwächst, desto mehr steigert
sich die Konkurrenz unter den Arbeitern, und zwar in viel stärke-
rem Verhältnis. Die Entlohnung der Arbeit nimmt ab für alle, und
die Arbeitslast vermehrt sich für einige.
1829 gab es in Manchester 1088 Spinner, die in 36 Fabriken be-
schäftigt waren. 1841 gab es nur noch 448, und diese Arbeiter be-
dienten 53 353 Spindeln mehr als die 1088 von 1829. Wenn die
Handarbeit zugenommen hätte in demselben Maße wie die Produktiv-
kraft, so hätte die Zahl der Arbeiter auf 1848 steigen müssen;
die technischen Verbesserungen haben also 1100 [294] Arbeiter au-
ßer Arbeit gesetzt.
Wir kennen im voraus die Antwort der Ökonomen. Diese außer Arbeit
gesetzten Leute, sagen sie, werden eine andere Beschäftigung fin-
den. Herr Dr. Bowring hat nicht unterlassen, dieses Argument auf
dem Ökonomenkongreß wieder vorzubringen. Aber er hat auch nicht
unterlassen, sich selbst zu widerlegen.
1835 1*) hielt Herr Dr. Bowring im Unterhaus eine Rede über die
50 000 Weber Londons, die seit langem am Hungertuch nagen, ohne
diese neue Beschäftigung finden zu können, welche die Freihändler
ihnen in Aussicht stellen.
Hören wir die markantesten Stellen dieser Rede des Herrn Dr. Bow-
ring:
"Das Elend der Handweber", sagt er, "ist das unvermeidliche
Schicksal jeder Arbeit, die leicht erlernt wird und in jedem Au-
genblick durch weniger kostspielige Mittel ersetzt werden kann.
Da in diesem Falle die Konkurrenz unter den Arbeitern ungemein
groß ist, führt die geringste Verminderung der Nachfrage eine
Krise herbei. Die Handweber befinden sich gewissermaßen an die
äußerste Grenze der menschlichen Existenz gesetzt. Ein Schritt
weiter, und ihre Existenz wird unmöglich. Die geringste Erschüt-
terung genügt, um sie in die Bahn des Verkommens zu schleudern.
Der Fortschritt der Technik, der die Handarbeit immer mehr auf-
hebt, führt unfehlbar während der Epoche des Übergangs viel zeit-
weiliges Leiden mit sich. Der nationale Wohlstand kann nur um den
Preis einiger individueller Übel erkauft werden. Man schreitet in
der Industrie nur auf Kosten der Nachzügler vorwärts, und von al-
len Entdeckungen ist der Dampfwebstuhl diejenige, welche am
schwersten auf dem Handweber lastet. Bereits ist in vielen Arti-
keln, welche mit der Hand gearbeitet wurden, der Weber außer
Kampf gesetzt worden, aber er wird auch weiterhin in vielen Din-
gen geschlagen werden, die heute noch mit der Hand verfertigt
werden."
"Ich habe", sagt er an anderer Stelle, "in der Hand eine Korre-
spondenz des Generalgouverneurs
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1*) (1848) irrtümlich: 1833; (1885, 1892 u. 1895) irrtümlich:
1838
#453# Rede über die Frage des Freihandels
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von Ostindien mit der Ostindischen Kompanie. Diese Korrespondenz
betrifft die Weber des Distrikts von Dakka. Der Gouverneur sagt
in seinen Briefen: Vor einigen Jahren empfing die Ostindische
Kompanie sechs bis acht Millionen Stück Kattun, die auf den ein-
heimischen Handstühlen hergestellt waren. Die Nachfrage fiel ste-
tig und ward auf ungefähr eine Million Stück reduziert.
In diesem Augenblick hat sie fast aufgehört. Noch mehr. Im Jahre
1800 bezog Nordamerika von Indien nahezu 800000 Stück Kattun. Im
Jahre 1830 bezog es nicht einmal mehr 4000 Stück. Endlich ver-
schiffte man im Jahre 1800 eine Million Stück Kattun nach Portu-
gal. 1830 empfing Portugal nicht mehr als 20000 Stück.
Die Berichte über die Not der indischen Weber sind schrecklich;
und welches war die Ursache dieser Not?
Das Auftreten englischer Produkte auf dem Markte, die Herstellung
des Artikels vermittelst des Dampfwebstuhls. Eine sehr große An-
zahl von Webern ist im Elend umgekommen. Der Rest ist zu anderen
Beschäftigungen, namentlich zu ländlichen, übergegangen. Seine
Beschäftigung nicht wechseln können gleicht einem Todesurteil.
Und in diesem Augenblick ist der Distrikt von Dakka überschwemmt
von englischen Garnen und Geweben. Der Musselin von Dakka, in der
ganzen Welt wegen seiner Schönheit und der Festigkeit seines Ge-
webes berühmt, ist gleichfalls infolge der Konkurrenz der engli-
schen Maschinen verschwunden. In der ganzen Geschichte des Gewer-
bes wird man vielleicht Mühe haben, ähnliche Leiden zu finden wie
die, welche auf diese Weise ganze Klassen in Ostindien erdulden
mußten." [295]
Die Rede des Herrn Dr. Bowring ist um so bemerkenswerter, als die
darin erwähnten Tatsachen richtig sind und die Phrasen, mit denen
er sie zu bemänteln sucht, durchaus den Charakter der Heuchelei
tragen, welche allen freihändlerischen Reden eigen ist. Er stellt
die Arbeiter als Produktionsmittel hin, welche man durch weniger
kostspielige Produktionsmittel ersetzen muß. Er tut so, als sähe
er in der Arbeit, von der er spricht, eine ganz und gar ausnahms-
weise Arbeit, und in der Maschine, welche die Weber ausgerottet
hat, eine ebenfalls ausnahmsweise Maschine. Er vergißt, daß es
keine Handarbeit gibt, die nicht eines Tages vom Schicksal der
Weberei betroffen Werden kann.
"Das beständige Ziel und die Tendenz jeder Vervollkommnung in der
Mechanik besteht in der Tat darin, vollständig die menschliche
Arbeit entbehrlich zu machen oder ihren Preis zu vermindern, in-
dem man die Arbeit von Frauen und Kindern an die Stelle der des
erwachsenen männlichen Arbeiters oder den einfachen Handlanger an
die Stelle des geschickten Handarbeiters setzt. In der Mehrzahl
der Spinnereien von Wassergarn, auf englisch throstle-mills, wird
das Spinnen lediglich von Mädchen von sechzehn Jahren und darun-
ter 1*) besorgt. Die Einführung des Selfaktors anstatt der
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1*) Bei Andrew Ure "The Philosophy of Manufactures...", London
1861, S. 23: upwards [darüber]
#454# Karl Marx
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Hand-Mule [64] hat zur Folge die Entlassung der Mehrzahl der
Spinner und die Beibehaltung von Kindern und jungen Leuten."
Diese Worte des leidenschaftlichsten Freihändlers, des Herrn Dr.
Ure [296], sind geeignet, die Bekenntnisse des Herrn Bowring zu
ergänzen. Herr Bowring spricht von einigen individuellen Leiden
und sagt gleichzeitig, daß diese individuellen Leiden ganze Klas-
sen zugrunde richten; spricht von vorübergehenden Leiden in der
Zeit des Überganges, und zu gleicher Zeit verheimlicht er nicht,
daß diese Leiden des Überganges für die Mehrzahl der Übergang vom
Leben zum Tod gewesen sind und für den Rest der Übergang von ei-
ner besseren zu einer schlechteren Lage. Wenn er später sagt, daß
die Leiden dieser Arbeiter untrennbar sind vom Fortschritt der
Industrie und notwendig für den nationalen Wohlstand, so sagt er
einfach, daß der Wohlstand der Bourgeoisklasse zur notwendigen
Bedingung hat das Leiden der arbeitenden Klasse.
Der ganze Trost, den Herr Bowring den Arbeitern spendet, die da
umkommen, und überhaupt die ganze Doktrin der Ausgleichung, wel-
che die Freihändler aufstellen, läuft auf folgendes hinaus:
Ihr Tausende von Arbeitern, die ihr umkommt, verzagt nicht. Ihr
könnt in aller Ruhe sterben. Eure Klasse wird nicht aussterben.
Sie wird stets zahlreich genug sein, daß das Kapital sie dezimie-
ren kann, ohne befürchten zu müssen, daß es sie vernichtet. Übri-
gens, wie soll das Kapital eine nützliche Verwendung finden, wenn
es nicht Sorge trüge, sich das Ausbeutungsmaterial, die Arbeiter,
zu erhalten, um sie von neuem ausbeuten zu können?
Aber warum ist es denn noch eine erst zu lösende Frage, welchen
Einfluß die Verwirklichung des Freihandels auf die Lage der ar-
beitenden Klasse ausüben wird? Alle Gesetze, welche die Ökonomen
von Quesnay bis Ricardo formuliert haben, sind auf der Vorausset-
zung aufgebaut, daß die Schranken nicht mehr existieren, welche
die Handelsfreiheit bisher noch beengen. Diese Gesetze bekräfti-
gen sich in dem Maße, wie der Freihandel verwirklicht wird. Das
erste dieser Gesetze sagt, daß die Konkurrenz den Preis jeder
Ware auf das Minimum ihrer Produktionskosten reduziert. Somit ist
das Lohnminimum der natürliche Preis der Arbeit. Und was ist das
Lohnminimum? Genau das, was nötig ist, um die zum Unterhalt des
Arbeiters unerläßlichen Gegenstände zu produzieren, um ihn in
Stand zu setzen, sich durchzuschlagen und seine Klasse soviel wie
nötig fortzupflanzen.
Glauben wir deshalb nicht, daß der Arbeiter nur dieses Lohnmini-
mum haben wird, glauben wir noch weniger, daß er dieses Lohnmini-
mum stets haben wird.
#455# Rede über die Frage des Freihandels
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Nein, nach diesem Gesetz wird die Arbeiterklasse zeitweilig
glücklicher sein. Sie wird zuweilen mehr als das Minimum haben,
aber dieses Mehr wird nur die Ausgleichung von dem sein, was sie
in Zeiten der industriellen Stockung weniger als das Minimum ha-
ben wird. Das will sagen: Wenn man in einem gewissen periodisch
wiederkehrenden Zeitabschnitt, in jenem Kreislauf, den die Indu-
strie beschreibt, indem sie nacheinander die Phasen von Prosperi-
tät, Überproduktion, Stagnation, Krise durchläuft, alles zusam-
menrechnet, was die Arbeiterklasse über und unter dem Notwendigen
gehabt hat, so wird man sehen, daß sie im ganzen weder mehr noch
weniger als das Minimum gehabt hat: das heißt, die Arbeiterklasse
wird als Klasse erhalten sein, nachdem sie soundso viel Elend,
soundso viel Leiden durchgemacht, soundso viel Leichen auf dem
Schlachtfeld der Industrie zurückgelassen hat. Aber was ver-
schlägt das? Die Klasse besteht fort, und mehr als das, sie wird
zugenommen haben.
Das ist jedoch nicht alles. Der Fortschritt der Industrie liefert
weniger kostspielige Existenzmittel. So hat der Schnaps das Bier,
die Baumwolle Wolle und Leinen, die Kartoffel das Brot ersetzt.
Da man stets Mittel findet, die Arbeit mit wohlfeileren und er-
bärmlicheren Gegenständen zu ernähren, so ist das Lohnminimum in
stetem Sinken begriffen. Wenn dieser Lohn anfangs den Menschen
arbeiten ließ, um zu leben, läßt er ihn schließlich auch noch le-
ben, aber das Leben einer Maschine. Seine Existenz hat keinen an-
deren Wert als den einer einfachen Produktivkraft, und der Kapi-
talist behandelt ihn demgemäß.
Dieses Gesetz der Ware Arbeit, des Lohnminimums, bewahrheitet
sich in dem Maße, wie die Voraussetzung der Ökonomen, der Frei-
handel, eine Wahrheit, eine Tatsache wird. So von zwei Dingen ei-
nes: Entweder muß man die ganze, auf die Voraussetzung des Frei-
handels begründete politische Ökonomie leugnen, oder man muß zu-
gestehen, daß die Arbeiter unter diesem Freihandel von der ganzen
Härte der ökonomischen Gesetze getroffen werden.
Um zusammenzufassen: Was ist also unter dem heutigen Gesell-
schafts-zustand der Freihandel? Die Freiheit des Kapitals. Habt
ihr die paar nationalen Schranken, die noch die freie Entwicklung
des Kapitals einengen, eingerissen, so habt ihr lediglich seine
Tätigkeit völlig entfesselt. Solange ihr das Verhältnis von Lohn-
arbeit zu Kapital fortbestehen laßt, mag der Austausch der Waren
sich immerhin unter den günstigsten Bedingungen vollziehen, es
wird stets eine Klasse geben, die ausbeutet, und eine, die ausge-
beutet wird. Es wird einem wirklich schwer, die Anmaßung der
Freihändler zu begreifen, die sich einbilden, daß die vorteilhaf-
tere Verwendung des Kapitals
#456# Karl Marx
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den Gegensatz zwischen industriellen Kapitalisten und Lohnarbei-
tern verschwinden machen wird. Ganz im Gegenteil. Die einzige
Folge wird sein, daß der Gegensatz dieser beiden Klassen noch
klarer zutage treten wird.
Man nehme einen Augenblick an, daß es keine Korngesetze, keine
Gemeinde- und keine Staatszölle mehr gäbe, mit einem Wort, daß
alle Nebenumstände, welche der Arbeiter heute noch für die Ursa-
chen seiner elenden Lage halten kann, vollständig verschwunden
wären, und man wird ebenso viele Vorhänge zerrissen haben, welche
seinen Augen den wahren Feind verhüllten.
Er wird sehen, daß das frei gewordene Kapital ihn nicht minder
zum Sklaven macht als das durch Zollschranken belästigte.
Meine Herren! Lassen Sie sich nicht durch das abstrakte Wort
F r e i h e i t imponieren. Freiheit wessen? Es bedeutet nicht
die Freiheit eines einzelnen Individuums gegenüber einem anderen
Individuum. Es bedeutet die Freiheit, welche das Kapital genießt,
den Arbeiter zu erdrücken.
Wozu wollen Sie die freie Konkurrenz noch durch diese Frei-
heitsidee sanktionieren, da doch diese Freiheitsidee selbst nur
das Produkt eines auf der freien Konkurrenz beruhenden Zustandes
ist?
Wir haben gezeigt, was die Brüderlichkeit ist, welche der Frei-
handel zwischen den verschiedenen Klassen ein und derselben Na-
tion hervorruft. Die Brüderlichkeit, welche der Freihandel zwi-
schen den verschiedenen Nationen der Erde stiften würde, wäre
schwerlich brüderlicher; die Ausbeutung in ihrer kosmopolitischen
Gestaltung mit dem Namen der allgemeinen Brüderlichkeit zu be-
zeichnen ist eine Idee, die nur dem Schoß der Bourgeoisie ent-
springen konnte. Alle destruktiven Erscheinungen, welche die
freie Konkurrenz in dem Innern eines Landes zeitigt, wiederholen
sich in noch riesigerem Umfange auf dem Weltmarkt. Wir brauchen
uns nicht länger bei den Sophismen aufzuhalten, welche die Frei-
händler über diesen Gegenstand ausspielen und die geradesoviel
wert sind wie die Argumente unserer drei Laureaten, der Herren
Hope, Morse und Greg.
Man sagt uns zum Beispiel, daß der Freihandel eine internationale
Arbeitsteilung ins Leben rufen und damit jedem Lande eine mit
seinen natürlichen Vorteilen harmonierende Produktion zuweisen
würde.
Sie glauben vielleicht, meine Herren, daß die Produktion von Kaf-
fee und Zucker die natürliche Bestimmung von Westindien sei.
Vor zwei Jahrhunderten hatte die Natur, die sich nicht um den
Handel kümmert, dort weder Kaffeebäume noch Zuckerrohr gepflanzt.
Und es wird vielleicht kein halbes Jahrhundert dauern, bis Sie
dort weder Kaffee noch Zucker mehr finden, denn bereits hat Ost-
indien durch billigere
#457# Rede über die Frage des Freihandels
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Produktion gegen diese angeblich natürliche Bestimmung von West-
indien den Kampf siegreich aufgenommen. Und dieses Westindien mit
seinen natürlichen Reichtümern ist bereits eine ebenso schwere
Last für die Engländer wie die Weber von Dakka, die auch von An-
beginn der Zeiten bestimmt waren, mit der Hand zu weben.
Noch ein Umstand darf dabei nie aus dem Auge gelassen werden: der
nämlich, daß, wie alles Monopol geworden ist, es auch heute ei-
nige Industriezweige gibt, welche alle anderen beherrschen und
den sie vorzugsweise betreibenden Völkern die Herrschaft auf dem
Weltmarkt sichern. So hat im internationalen Verkehr allein die
Baumwolle eine viel größere kommerzielle Bedeutung als alle ande-
ren zur Anfertigung von Bekleidungsgegenständen verwendeten Roh-
stoffe zusammen. Es ist wahrhaft lächerlich, wie die Freihändler
auf die paar Spezialitäten in jedem Industriezweig hinweisen, um
sie gegen die Produkte des alltäglichen Gebrauches in die Waag-
schale zu werfen, die am billigsten in den Ländern produziert
werden, wo die Industrie am entwickeltsten ist.
Wenn die Freihändler nicht begreifen können, wie ein Land sich
auf Kosten des anderen bereichern kann, so brauchen wir uns dar-
über nicht zu wundern, da dieselben Herren noch weniger begreifen
wollen, wie innerhalb eines Landes eine Klasse sich auf Kosten
einer anderen bereichern kann.
Glauben Sie aber nicht, meine Herren, daß, wenn wir die Handels-
freiheit kritisieren, wir die Absicht haben, das Schutzzollsystem
zu verteidigen.
Man kann den Konstitutionalismus bekämpfen, ohne deshalb Freund
des Absolutismus zu sein.
Übrigens ist das Schutzzollsystem nur ein Mittel, in einem Lande
die Großindustrie aufzuziehen, das heißt, es vom Weltmarkt abhän-
gig zu machen; und von dem Augenblick an, wo man vom Weltmarkt
abhängt, hängt man schon mehr oder weniger vom Freihandel ab. Au-
ßerdem entwickelt das Schutzzollsystem die freie Konkurrenz im
Innern eines Landes. Deshalb sehen wir, daß in den Ländern, wo
die Bourgeoisie anfängt, sich als Klasse Geltung zu verschaffen,
wie zum Beispiel in Deutschland, sie große Anstrengungen macht,
Schutzzölle zu bekommen. Dieselben sind für sie Waffen gegen den
Feudalismus und die absolute Staatsgewalt, sie sind für sie ein
Mittel, ihre Kräfte zu konzentrieren und den Freihandel im Innern
des Landes selbst zu realisieren.
Aber im allgemeinen ist heutzutage das Schutzzollsystem konserva-
tiv, während das Freihandelssystem zerstörend wirkt. Es zersetzt
die bisherigen
#458# Karl Marx
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Nationalitäten und treibt den Gegensatz zwischen Proletariat und
Bourgeoisie auf die Spitze. Mit einem Wort, das System der Han-
delsfreiheit beschleunigt die soziale Revolution. Und nur in die-
sem revolutionären Sinne, meine Herren, stimme ich für den Frei-
handel.
Nach "Discours sur la question du libre échange,
prononcé à l'Association Démocratique de Bruxelles",
Bruxelles 1848.
Aus dem Französischen.
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