Quelle: MEW 4 Mai 1846 - März 1848
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Friedrich Engels
Die Bewegungen von 1847
["Deutsche-Brüsseler-Zeitung" Nr. 7 vom 23. Januar 1848]
Gewiß, 1847 war das bewegteste Jahr, das wir seit langer Zeit ge-
habt haben. In Preußen eine Konstitution und ein Vereinigter
Landtag, in Italien ein unerwartet schnelles Erwachen des politi-
schen Lebens und allgemeine Bewaffnung gegenüber Östreich, in der
Schweiz ein Bürgerkrieg, in England ein neues Parlament mit ent-
schieden radikaler Färbung, in Frankreich Skandale und Reformban-
ketts, in Amerika Eroberung Mexikos durch die Vereinigten Staaten
- das ist eine Reihe Veränderungen und Bewegungen, wie keins der
letzten Jahre sie aufzuweisen hat.
1830 war der letzte Wendepunkt der Geschichte. Die Julirevolution
in Frankreich, die Reformbill [246] in England, sicherten den
schließlichen Sieg der Bourgeoisie, und zwar in England schon den
Sieg der industriellen Bourgeoisie, der Fabrikanten, über die
nichtindustrielle, die Rentiers. Belgien und teilweise die
Schweiz folgten; auch hier siegte die Bourgeoisie. [299] Polen
stand auf, Italien zuckte unter dem Joch Metternichs, Deutschland
war in voller Gärung. Alle Länder bereiteten sich auf gewaltige
Kämpfe vor.
Aber seit 1830 ging alles rückwärts. Polen fiel, die insurgierten
Romagnolen wurden zersprengt [300], die Bewegung in Deutschland
wurde unterdrückt. Die französische Bourgeoisie schlug die Repu-
blikaner im Lande selbst und verriet die Liberalen anderer Län-
der, die sie selbst zum Aufstande gereizt hatte. Das liberale Mi-
nisterium in England konnte nichts durchsetzen. Endlich, 1840,
war die Reaktion in voller Blüte. Polen, Italien, Deutschland po-
litisch tot, in Preußen das "Berliner politische Wochenblatt" auf
dem Throne [301], in Hannover Herrn Dahlmanns superkluge
Konstitution umgestoßen [302], die Wiener Konferenzbeschlüsse von
1834 [303] in voller Kraft. In der Schweiz die Konservativen und
Jesuiten im besten Fortschreiten. In Belgien die Katholiken am
Ruder. In Frankreich Sieg Guizots, in England letzte Zuckungen
der
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Whigregierung unter dem Druck der wachsenden Macht Peels; vergeb-
liche Reorganisationsversuche der Chartisten nach ihrer großen
Niederlage von 1839. [304] Überall Sieg der reaktionären Partei,
überall vollständige Auflösung und Zersprengung aller Fort-
schrittsparteien. Die Sperrung der geschichtlichen Bewegung, das
schien das endliche Resultat der gewaltigen Kämpfe von 1830 zu
sein.
1840 war aber auch der Höhepunkt der Reaktion, wie 1830 der Höhe-
punkt der revolutionären Bewegung der Bourgeoisie gewesen war.
Von 1840 an begannen die gegen den bestehenden Zustand gerichte-
ten Bewegungen aufs neue. Oft geschlagen, gewannen sie auf die
Dauer mehr und mehr Terrain. Während in England die Chartisten
sich wieder organisierten und stärker wurden als je, mußte Peel
ein Mal über das andere seine Partei verraten, ihr durch die Ab-
schaffung der Korngesetze [12] den Todesstoß geben und schließ-
lich selbst abtreten. In der Schweiz machten die Radikalen Fort-
schritte, in Deutschland und namentlich in Preußen wurden die
Forderungen der Liberalen mit jedem Jahre heftiger. In Belgien
siegten die Liberalen ebenfalls in den Wahlen von 1847. Nur
Frankreich gab durch die Wahlen von 1846 seinen reaktionären Mi-
nistern eine unerhörte Majorität; nur Italien blieb tot, bis Pius
IX. den Thron bestieg und einige, Ende 1846 noch sehr zweifel-
hafte Reformversuche machte.
So brach das verflossene Jahr an und mit ihm eine Reihe von Sie-
gen für die Fortschrittsparteien fast aller Länder. Selbst da, wo
sie geschlagen wurden, half ihre Niederlage ihnen weiter, als der
sofortige Sieg getan haben
würde.
Das Jahr 1847 entschied nichts, aber es stellte überall die Par-
teien einander scharf und klar gegenüber, es löste keine Frage
definitiv, aber es stellte alle Fragen so, daß sie jetzt gelöst
werden müssen.
Von den Bewegungen und Veränderungen des Jahres 1847 waren die
bedeutendsten die in Preußen, in Italien und in der Schweiz.
In P r e u ß e n wurde Friedrich Wilhelm IV, endlich zu einer
Konstitution gezwungen. Der unfruchtbare Don Quijote von Sans-
souci kam nach langen Kämpfen und Wehen mit einer Verfassung nie-
der, die den Sieg der feuda-listisch-patnarchalisch-absoluti-
stisch-bürokratisch-pfäffischen Reaktion auf ewig sicherstellen
sollte. Aber er hatte sich verrechnet. Die Bourgeoisie war schon
mächtig genug geworden, um selbst in dieser Verfassung eine Waffe
gegen ihn und sämtliche reaktionäre Klassen der Gesellschaft zu
finden. Wie überall, fing sie auch in Preußen damit an, ihm die
Gelder zu verweigern. Der König war in Verzweiflung. Man kann sa-
gen, daß in den ersten Tagen nach den Geldverweigerungen Preußen
gar keinen König hatte; es war in
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voller Revolution, ohne es zu wissen. Da kamen zum Glück die
fünfzehn russischen Millionen; und Friedrich Wilhelm wurde wieder
König, die Bourgeois des Landtags knickten erschrocken zusammen,
und die revolutionären Gewitterwolken verzogen sich. Die preußi-
sche Bourgeoisie war für den Augenblick geschlagen. Aber sie
hatte einen großen Schritt getan, sie hatte sich ein Forum ero-
bert, dem König einen Beweis ihrer Macht gegeben und das ganze
Land in Aufregung versetzt. Die Frage, wer in Preußen herrschen
soll, ob die Allianz zwischen Adel, Bürokraten, Pfaffen mit dem
König an ihrer Spitze, oder die Bourgeoisie, ist jetzt so ge-
stellt, daß sie für die eine oder die andere Seite entschieden
werden muß. Auf dem Vereinigten Landtag war noch ein Vergleich
beider Parteien möglich; jetzt ist er's nicht mehr. Es gilt jetzt
einen Kampf auf Tod und Leben zwischen beiden. Dazu kommt noch,
daß die Ausschüsse, diese unglückselige Erfindung der Berliner
Verfassungsfabrikanten, sich in diesem Augenblick versammeln.
[305] Sie werden die ohnehin schon verworrene Rechtsfrage
vollends so verwirren, daß kein Mensch mehr wissen wird, woran er
ist. Sie werden einen gordischen Knoten daraus machen, der mit
dem Schwert wird zerhauen werden müssen; sie werden die letzten
Vorbereitungen zur Bourgeois-Revolution in Preußen vollenden.
Wir können also mit der größten Ruhe diese preußische Revolution
abwarten. 1849 wird der Vereinigte Landtag wieder berufen werden
müssen, der König mag wollen oder nicht. Bis dahin geben wir Sr.
Majestät Frist, nicht länger. Dann wird er sein Zepter und seine
berühmte "Ungeschwächte" [306] an die christlichen und jüdischen
Bourgeois seines Reichs abtreten müssen.
Das Jahr 1847 war demnach ein vortreffliches Jahr für die politi-
schen Geschäfte der preußischen Bourgeois, trotz ihrer momentanen
Niederlage. Das haben die Bourgeois und Spießbürger der übrigen
deutschen Staaten auch gemerkt und ihnen die lebhafteste Sympa-
thie bezeugt. Sie wissen, daß der Sieg der preußischen Bourgeois
ihr eigner Sieg ist.
In I t a l i e n haben wir das merkwürdige Schauspiel erlebt,
daß der Mann, der die reaktionärste Stellung in ganz Europa ein-
nimmt, der die versteinerte Ideologie des Mittelalters repräsen-
tiert, daß der Papst 1*) sich an die Spitze einer liberalen Bewe-
gung gestellt hat. Die Bewegung ist über Nacht mächtig geworden,
sie hat den östreichischen Erzherzog in Toskana 2*) und den Ver-
räter Karl Albert von Sardinien mit fortgerissen, sie unterwühlt
den Thron Ferdinands von Neapel, ihre Wogen schlagen über die
Lombardei bis an die Tiroler und Steirischen Alpen.
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1*) Pius IX. - 2*) Leopold II., Großherzog von Toskana
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Die gegenwärtige Bewegung in Italien ist dieselbe, die in Preußen
1807 bis 1812 vor sich ging. Es handelt sich, wie damals in Preu-
ßen, um zweierlei: um Unabhängigkeit nach außen, um Reformen nach
innen. Man verlangt vorderhand keine Konstitutionen, man verlangt
bloße administrative Reformen, man vermeidet einstweilen alle
ernstlichen Konflikte mit der Regierung, um gegenüber der fremden
Übermacht möglichst einig zu sein. Aber welcher Art sind diese
Reformen? wem kommen sie zugut? Vor allen Dingen der Bourgeoisie.
Die Presse wird begünstigt, die Bürokratie wird dem Interesse der
Bourgeoisie dienstbar gemacht (vgl. die sardinischen Reformen,
die römische Consulta [307] und die Reorganisation der Ministe-
rien), die Bourgeois erhalten ausgedehntem Einfluß auf die Kommu-
nalverwaltung, das bon plaisir 1*) des Adels und der Bürokratie
wird beschränkt, die Bourgeoisie wird als guardia civica 2*)
b e w a f f n e t. Bis jetzt sind alle Reformen ausschließlich
im Interesse der Bourgeoisie gewesen und mußten es sein. Man ver-
gleiche hiermit die preußischen Reformen aus der napoleonischen
Zeit. Es sind genau dieselben, nur daß sie in vieler Beziehung
noch weiter gehen: die Administration dem Interesse der Bour-
geoisie untergeordnet, die Willkür des Adels und der Bürokraten
gebrochen, die Städteordnung, die Landwehr, die Ablösung der
Frondienste. Wie damals in Preußen, ist jetzt in Italien die
Bourgeoisie, vermöge ihres steigenden Reichtums und namentlich
vermöge der steigenden Bedeutung der Industrie und des Handels
für die Existenz des ganzen Volks, die Klasse geworden, von der
die Befreiung des Landes aus der Fremdherrschaft hauptsächlich
abhängt.
Die Bewegung in Italien ist also eine entschiedene Bourgeoisbewe-
gung. Alle reformbegeisterten Klassen, von Fürsten und Adel bis
zu den Pifferari und Lazzaroni [308], treten einstweilen als
Bourgeois auf, und der Papst ist vorderhand der erste Bourgeois
von Italien. Aber alle diese Klassen werden sich sehr enttäuscht
finden, sobald das östreichische Joch einmal abgeschüttelt sein
wird. Dann, wenn die Bourgeois mit dem auswärtigen Feinde fertig
sind, werden sie zu Hause die Böcke von den Schafen scheiden;
dann werden die Fürsten und Grafen Östreich wieder um Hilfe an-
schreien, aber es wird zu spät sein, und dann werden die Arbeiter
von Mailand, Florenz und Neapel entdecken, daß i h r e Arbeit
erst recht anfängt.
Endlich die S c h w e i z. Zum ersten Male seit ihrer Existenz
hat die Schweiz eine bestimmte Rolle im europäischen Staatensy-
stem gespielt, zum ersten Mal hat sie eine entschiedne Handlung
gewagt, hat sie den Mut gehabt, nicht mehr als Agglomerat von 22
einander wildfremden Kantonen, sondern
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1*) Willkürliche - 2*) Bürgergarde
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als Föderalrepublik aufzutreten. Sie hat durch einen mit großer
Entschiedenheit unterdrückten Bürgerkrieg die Suprematie der Zen-
tralgewalt gesichert, sie hat sich mit einem Wort zentralisiert.
Sie wird die faktisch bestehende Zentralisation durch die bevor-
stehende Reform des Bundesvertrags legalisieren.
Wem kommen, fragen wir wieder, die Resultate des Krieges, die
Bundesreform, die Reorganisation der Sonderbundskantone zugut?
Der siegenden Partei, der Partei, die 1830 bis 1834 in einzelnen
Kantonen gesiegt hatte, den Liberalen und Radikalen, d.h. den
Bourgeois und Bauern. Die Patrizierherrschaft der ehemaligen
Reichsstädte war schon infolge der Julirevolution gestürzt wor-
den. Wo sie sich faktisch wiederhergestellt hatte, wie in Bern
und Genf, waren 1846Revolutionen erfolgt. Wo sie sich noch unver-
sehrt erhalten hatte, wie in Basel-Stadt, erlitt sie in demselben
Jahr bedeutende Stöße. Feudaladel war wenig in der Schweiz, und
wo er noch bestand, hatte er seine Hauptmacht in der Allianz mit
den Hirten der Hochalpen. Diese waren die letzten, die zähsten,
die wütendsten Feinde der Bourgeois. Sie bildeten den Rückhalt
der reaktionären Elemente in den liberalen Kantonen. Sie um-
strickten die ganze Schweiz mit dem Netz einer reaktionären Kon-
spiration durch die Jesuiten und Pietisten (vgl. Waadt). Sie ver-
eitelten alle Pläne der Bourgeoisie auf der Tagsatzung. Sie ver-
hinderten die schließliche Niederlage des spießbürgerlichen Pa-
triziats in den ehemaligen Reichsstädten.
Diese letzten Gegner der Schweizer Bourgeois sind 1847 gänzlich
gesprengt worden.
Die Schweizer Bourgeois hatten in fast allen Kantonen bisher
schon ziemlich freies Spiel für ihren Handel und ihre Industrie.
Soweit die Zünfte noch existierten, waren sie ihrer Entwicklung
wenig hinderlich. Innere Douanen existierten so gut wie gar
nicht. Wo die Bourgeoisie sich einigermaßen entwickelt hatte, war
die politische Macht in ihren Händen. Aber während sie in den
einzelnen Kantonen Fortschritte machte und Unterstützung fand,
fehlte ihr gerade die Hauptsache, die Zentralisation. Wie der
Feudalismus, der Patriarchalismus und das Spießbürgertum sich in
getrennten Provinzen und einzelnen Städten entwickeln, so ver-
langt die Bourgeoisie zu ihrer Entwicklung ein möglichst großes
Terrain, sie bedurfte, statt 22 kleiner Kantone, e i n e r
großen Schweiz. Die Kantonalsouveränität, die passendste Form der
a l t e n Schweiz, War den Bourgeois eine drückende Fessel ge-
worden. Sie bedurften einer Zentralgewalt, die stark genug war,
der Gesetzgebung der einzelnen Kantone eine bestimmte Bahn anzu-
weisen, die Verschiedenheiten der Verfassungen und Gesetze durch
ihr Übergewicht auszugleichen, die Reste der feudalen, patriar-
chalischen und spießbürgerlichen Gesetzgebung zu
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beseitigen und die Interessen der Schweizer Bourgeois nach außen
hin energisch zu repräsentieren.
Diese Zentralgewalt hat sie sich erobert.
Aber haben nicht auch die Bauern am Sturz des Sonderbunds mitge-
arbeitet? - Allerdings. Was die Bauern angeht, so werden sie ge-
genüber den Bourgeois vorderhand noch dieselbe Rolle weiter spie-
len, die sie gegenüber den Kleinbürgern so lange gespielt haben.
Sie werden der exploitierte Arm der Bourgeois bleiben, sie werden
diesen ihre Schlachten schlagen, ihre Kattune und Bänder weben
und ihr Proletariat rekrutieren. Was wollen sie anders machen?
Besitzer wie die Bourgeois, haben sie vorderhand fast alle Inter-
essen gemein mit den Bourgeois. Alle politischen Maßregeln, die
sie stark genug sind durchzusetzen, nutzen den Bourgeois nicht
viel mehr als ihnen selbst. Aber sie sind schwach gegenüber den
Bourgeois, weil diese reicher sind und den Hebel aller politi-
schen Macht in unserm Jahrhundert, die Industrie, in ihren Händen
haben. Mit den Bourgeois können sie viel, gegen die Bourgeois
nichts.
Es wird allerdings eine Zeit kommen, wo der ausgesogene, verarmte
Teil der Bauern sich dem bis dahin weiter entwickelten Proleta-
riat anschließen und der Bourgeoisie den Krieg erklären wird -
aber das geht uns hier nichts an.
Genug, daß die Austreibung der Jesuiten nebst ihrer Affiliierten,
dieser organisierten Gegner der Bourgeois, die allgemeine Einfüh-
rung der b ü r g e r l i c h e n, statt der geistlichen Erzie-
hung, die Besitzergreifung der meisten geistlichen Güter durch
den Staat vor allen den Bourgeois zugute kommt.
Die drei hervorragendsten Bewegungen des Jahres 1847 haben also
das gemein, daß sie alle zunächst und hauptsächlich im Interesse
der Bourgeoisie sind. Die Fortschrittspartei war überall die Par-
tei der Bourgeois.
In der Tat ist es das charakteristische Merkmal dieser Bewegun-
gen, daß gerade die Länder, die 1830 zurückblieben, im vergange-
nen Jahr die ersten entscheidenden Schritte getan haben, um sich
auf die Höhe von 1830 zu stellen, d.h., um den Sieg der Bour-
geoisie durchzusetzen.
Bis dahin haben wir also gesehen, daß das Jahr 1847 ein brillan-
tes Jahr für die Bourgeoisie gewesen ist.
Gehen wir weiter.
In E n g l a n d haben wir ein neues Parlament, das, wie John
Bright der Quäker sagt, das entschiedenste Bourgeoisparlament
ist, welches je zusammenkam. John Bright ist der entschiedenste
Bourgeois von ganz England, ist die beste Autorität hierüber, die
wir wünschen können. Aber der Bourgeois John Bright ist nicht der
Bourgeois, der in Frankreich herrscht oder der
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gegen Friedrich Wilhelm IV. pathetische Bravaden donnert. Der
Bourgeois im Munde John Brights ist der Fabrikant. In England
herrschen einzelne Fraktionen der Bourgeoisie seit 1688; aber um
sich die Eroberung der Herrschaft zu erleichtern, haben sie ihren
von ihnen abhängigen Schuldnern, den Aristokraten, die nominelle
Herrschaft gelassen. Während so der Kampf in England in Wirklich-
keit ein Kampf zwischen einzelnen Fraktionen der Bourgeoisie
selbst, zwischen Rentiers und Fabrikanten ist, können die Fabri-
kanten ihn für einen Kampf zwischen Aristokratie und Bourgeoisie,
ja im Notfall für einen Kampf zwischen Aristokratie und Volk aus-
geben. Die Fabrikanten haben kein Interesse, den Schein der Herr-
schaft der Aristokratie aufrechtzuerhalten, denn ihnen sind die
Lords, Baronets und Squires keinen Heller schuldig. Aber sie ha-
ben ein großes Interesse, diesen Schein zu stürzen, weil mit die-
sem Schein den Rentiers der letzte Notanker verlorengeht. Das
jetzige Bourgeois- oder Fabrikantenparlament wird dies tun. Es
wird das alte, feudalistisch aussehende England in ein mehr oder
weniger modernes, bürgerlich organisiertes Land verwandeln. Es
wird die englische Verfassung der französischen und belgischen
Verfassung annähern. Es wird den Sieg der englischen industriel-
len Bourgeoisie vollenden.
Wieder ein Fortschritt der Bourgeoisie, denn auch der Fortschritt
innerhalb der Bourgeoisie ist eine Erweiterung, eine Verstärkung
der Bourgeoisherrschaft.
F r a n k r e i c h scheint allein eine Ausnahme zu machen. Die
Herrschaft, 1830 der ganzen großen Bourgeoisie zugefallen, be-
schränkt sich von Jahr zu Jahr mehr auf die Herrschaft der reich-
sten Fraktion dieser großen Bourgeoisie, auf die Herrschaft der
Rentiers und Börsenspekulanten. Sie haben die Majorität der
großen Bourgeoisie ihrem Interesse dienstbar gemacht. Die Minori-
tät, an deren Spitze ein Teil der Fabrikanten und Reeder stehen,
wird immer geringer. Diese Minorität hat sich jetzt mit den vom
Wahlrecht ausgeschlossenen mittleren und kleinen Bourgeois ver-
bunden und feiert ihre Allianz in den Reformbanketts. Sie ver-
zweifelt daran, mit den bisherigen Wählern je zur Herrschaft zu
kommen. Sie hat sich daher nach langem Schwanken entschlossen,
den zunächst unter ihr stehenden Bourgeois, und namentlich den
Bourgeoisideologen, als den allerungefährlichsten, den Advokaten,
Medizinern usw., einen Anteil an der politischen Macht zu ver-
sprechen. Sie ist freilich noch weit davon entfernt, ihr Verspre-
chen halten zu können.
So sehen wir auch in Frankreich den Kampf innerhalb der Bour-
geoisie herannahen, der in England schon fast beendigt ist. Nur
daß, wie immer, in Frankreich die Situation einen schärfer ge-
zeichneten, revolutionären
#501# Die Bewegungen von 1847
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Charakter hat. Diese entschiedne Trennung in zwei Lager ist auch
ein Fortschritt der Bourgeoisie.
In B e l g i e n hat die Bourgeoisie in den Wahlen von 1847
einen entschiednen Sieg errungen: Das katholische Ministerium
mußte abtreten, und auch hier herrschen jetzt vorderhand die li-
beralen Bourgeois.
In A m e r i k a haben wir der Eroberung Mexikos zugesehen und
uns darüber gefreut. [309] Es ist auch ein Fortschritt, daß ein
Land, welches sich bisher ausschließlich mit sich selbst beschäf-
tigte, durch ewige Bürgerkriege zerrissen und an aller Entwick-
lung verhindert war, ein Land, dem höchstens bevorstand, in das
industrielle Vasallentum Englands zu geraten - daß ein solches
Land mit Gewalt in die geschichtliche Bewegung hineingerissen
wird. Es ist im Interesse seiner eignen Entwicklung, daß es in
Zukunft unter die Vormundschaft der Vereinigten Staaten gestellt
wird. Es ist im Interesse der Entwicklung von ganz Amerika, daß
die Vereinigten Staaten durch den Besitz Kaliforniens die Herr-
schaft auf dem Stillen Meer erhalten. Aber wem, fragen wir wie-
der, kommt der Krieg zunächst zugut? Nur der Bourgeoisie. Die
Nordamerikaner erhalten in Kalifornien und Neu-Mexiko neues Ter-
rain, um darauf neues Kapital zu erzeugen, d.h., neue Bourgeois
ins Leben zu rufen und die schon existierenden zu bereichern;
denn alles Kapital, was heute erzeugt wird, gerät in die Hände
der Bourgeoisie. Und die erstrebte Durchstechung der Landenge von
Tehuantepec [310], wem anders kommt sie zugut als den amerikani-
schen Reedern? Die Herrschaft auf dem Stillen Meer, wem kommt sie
zugut, wenn nicht denselben Reedern? Die neuen Kunden für Indu-
strieprodukte, die sich in den eroberten Ländern bilden, wer wird
sie versorgen, wenn nicht die amerikanischen Fabrikanten?
Also auch in Amerika haben die Bourgeois große Fortschritte ge-
macht, und wenn ihre Repräsentanten jetzt gegen den Krieg oppo-
nieren, so beweist das nur, daß sie fürchten, diese Fortschritte
seien in verschiedner Hinsicht zu teuer erkauft.
Selbst in ganz barbarischen Ländern macht die Bourgeoisie Fort-
schritte. In Rußland entwickelt sich die Industrie mit gewaltigen
Schritten und macht selbst aus Bojaren mehr und mehr Bourgeois.
Die Leibeigenschaft wird in Rußland und Polen beschränkt und da-
durch im Interesse der Bourgeois der Adel geschwächt und eine
freie Bauernklasse hergestellt, deren die Bourgeoisie überall be-
darf. Die Juden werden verfolgt - ganz im Interesse der ansässi-
gen christlichen Bürger, denen die Hausierer das Geschäft verdar-
ben. - In Ungarn werden die Feudalherren mehr und mehr Korn-,
Woll- und Viehhändler en gros und treten konsequent auf dem Land-
tage als Bourgeois auf. - Und all diese glorreichen Fortschritte
der "Zivilisation" in der Türkei, in
#502# Friedrich Engels
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Ägypten, in Tunis, in Persien und ändern barbarischen Ländern,
worin bestehen sie anders als in den Vorbereitungen für das Auf-
blühen einer zukünftigen Bourgeoisie? In diesen Ländern erfüllt
sich heute das Wort des Propheten: "Bereitet dem Herrn den Weg...
Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, daß der Kö-
nig der Ehren einziehe! Wer ist derselbige König der Ehren?"
[311] Es ist der Bourgeois.
Wohin wir blicken, macht die Bourgeoisie gewaltige Fortschritte.
Sie trägt das Haupt hoch und fordert ihre Feinde trotzig heraus.
Sie erwartet entscheidende Siege, und ihre Hoffnung wird nicht
getäuscht werden. Sie will die ganze Welt nach ihrem Maßstabe
einrichten, und auf einem bedeutenden Teil der Erde wird ihr dies
gelingen.
Wir sind keine Freunde der Bourgeoisie, das ist bekannt. Aber wir
gönnen ihr diesmal ihren Triumph. Wir können ruhig lächeln über
den hochfahrenden Blick, mit dem sie namentlich in Deutschland
auf das scheinbar so kleine Häuflein der Demokraten und Kommuni-
sten herabsieht. Wir haben nichts dawider, wenn sie überall ihre
Absichten durchsetzt.
Noch mehr. Wir können uns sogar eines ironischen Lächelns nicht
erwehren, wenn wir sehen, mit welchem schrecklichen Ernst, mit
welcher pathetischen Begeisterung fast überall die Bourgeois ih-
ren Zwecken nachstreben. Die Herren glauben wirklich, sie arbei-
teten für sich selbst. Sie sind beschränkt genug, zu glauben, daß
mit ihrem Siege die Welt ihre definitive Gestaltung bekomme. Und
doch ist nichts augenscheinlicher, als daß sie nur u n s , den
Demokraten und Kommunisten, überall den Weg bahnen, als daß sie
höchstens einige Jahre unruhigen Genusses erobern werden, um als-
dann sofort wieder gestürzt zu werden. Überall steht hinter ihnen
das Proletariat, hier an ihren Bestrebungen und teilweise an ih-
ren Illusionen teilnehmend, wie in Italien und der Schweiz, dort
schweigsam und zurückhaltend, aber unterderhand den Sturz der
Bourgeoisie vorbereitend, wie in Frankreich und Deutschland; dort
endlich, in England und Amerika, in offner Rebellion gegen die
herrschende Bourgeoisie.
Wir können noch mehr tun. Wir können den Bourgeois das alles ge-
radezu sagen, wir können mit offenen Karten spielen. Sie mögen es
vorher wissen, daß sie nur in unsrem Interesse arbeiten. Sie kön-
nen darum doch ihren Kampf gegen die absolute Monarchie, den Adel
und die Pfaffen nicht aufgeben. Sie müssen siegen oder schon
jetzt untergehen.
Ja, in sehr kurzer Zeit werden sie in Deutschland sogar unseren
Beistand anrufen müssen.
Kämpft also nur mutig fort, ihr gnädigen Herren vom Kapital! Wir
haben euch vorderhand nötig, wir haben sogar hie und da eure
Herrschaft nötig.
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Ihr müßt uns die Reste des Mittelalters und die absolute Monar-
chie aus dem Wege schaffen, ihr müßt den Patriarchalismus ver-
nichten, ihr müßt zentralisieren, ihr müßt alle mehr oder weniger
besitzlosen Klassen in wirkliche Proletarier, in Rekruten für
uns, verwandeln, ihr müßt uns durch eure Fabriken und Handelsver-
bindungen die Grundlage der materiellen Mittel liefern, deren das
Proletariat zu seiner Befreiung bedarf. Zum Lohn dafür sollt ihr
eine kurze Zeit herrschen. Ihr sollt Gesetze diktieren, ihr sollt
euch sonnen im Glanz der von euch geschaffnen Majestät, ihr sollt
bankettieren im königlichen Saal und die schöne Königstochter
freien, aber, vergeßt es nicht -
"Der Henker steht vor der Türe." [312]
F.E.
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