Quelle: MEW 4 Mai 1846 - März 1848

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       #494#
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       Friedrich Engels
       
       Die Bewegungen von 1847
       
       ["Deutsche-Brüsseler-Zeitung" Nr. 7 vom 23. Januar 1848]
       Gewiß, 1847 war das bewegteste Jahr, das wir seit langer Zeit ge-
       habt haben.  In Preußen  eine Konstitution  und  ein  Vereinigter
       Landtag, in Italien ein unerwartet schnelles Erwachen des politi-
       schen Lebens und allgemeine Bewaffnung gegenüber Östreich, in der
       Schweiz ein  Bürgerkrieg, in England ein neues Parlament mit ent-
       schieden radikaler Färbung, in Frankreich Skandale und Reformban-
       ketts, in Amerika Eroberung Mexikos durch die Vereinigten Staaten
       - das  ist eine Reihe Veränderungen und Bewegungen, wie keins der
       letzten Jahre sie aufzuweisen hat.
       1830 war der letzte Wendepunkt der Geschichte. Die Julirevolution
       in Frankreich,  die Reformbill  [246] in  England, sicherten  den
       schließlichen Sieg der Bourgeoisie, und zwar in England schon den
       Sieg der  industriellen Bourgeoisie,  der Fabrikanten,  über  die
       nichtindustrielle,  die   Rentiers.  Belgien  und  teilweise  die
       Schweiz folgten;  auch hier  siegte die  Bourgeoisie. [299] Polen
       stand auf, Italien zuckte unter dem Joch Metternichs, Deutschland
       war in  voller Gärung.  Alle Länder bereiteten sich auf gewaltige
       Kämpfe vor.
       Aber seit 1830 ging alles rückwärts. Polen fiel, die insurgierten
       Romagnolen wurden  zersprengt [300],  die Bewegung in Deutschland
       wurde unterdrückt.  Die französische Bourgeoisie schlug die Repu-
       blikaner im  Lande selbst  und verriet die Liberalen anderer Län-
       der, die sie selbst zum Aufstande gereizt hatte. Das liberale Mi-
       nisterium in  England konnte  nichts durchsetzen.  Endlich, 1840,
       war die Reaktion in voller Blüte. Polen, Italien, Deutschland po-
       litisch tot, in Preußen das "Berliner politische Wochenblatt" auf
       dem  Throne   [301],  in   Hannover  Herrn  Dahlmanns  superkluge
       Konstitution umgestoßen [302], die Wiener Konferenzbeschlüsse von
       1834 [303]  in voller Kraft. In der Schweiz die Konservativen und
       Jesuiten im  besten Fortschreiten.  In Belgien  die Katholiken am
       Ruder. In  Frankreich Sieg  Guizots, in  England letzte Zuckungen
       der
       
       #495# Die Bewegungen von 1847
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       Whigregierung unter dem Druck der wachsenden Macht Peels; vergeb-
       liche Reorganisationsversuche  der Chartisten  nach ihrer  großen
       Niederlage von  1839. [304] Überall Sieg der reaktionären Partei,
       überall  vollständige  Auflösung  und  Zersprengung  aller  Fort-
       schrittsparteien. Die  Sperrung der geschichtlichen Bewegung, das
       schien das  endliche Resultat  der gewaltigen  Kämpfe von 1830 zu
       sein.
       1840 war aber auch der Höhepunkt der Reaktion, wie 1830 der Höhe-
       punkt der  revolutionären Bewegung  der Bourgeoisie  gewesen war.
       Von 1840  an begannen die gegen den bestehenden Zustand gerichte-
       ten Bewegungen  aufs neue.  Oft geschlagen,  gewannen sie auf die
       Dauer mehr  und mehr  Terrain. Während  in England die Chartisten
       sich wieder  organisierten und  stärker wurden als je, mußte Peel
       ein Mal  über das andere seine Partei verraten, ihr durch die Ab-
       schaffung der  Korngesetze [12]  den Todesstoß geben und schließ-
       lich selbst  abtreten. In der Schweiz machten die Radikalen Fort-
       schritte, in  Deutschland und  namentlich in  Preußen wurden  die
       Forderungen der  Liberalen mit  jedem Jahre  heftiger. In Belgien
       siegten die  Liberalen ebenfalls  in den  Wahlen  von  1847.  Nur
       Frankreich gab  durch die Wahlen von 1846 seinen reaktionären Mi-
       nistern eine unerhörte Majorität; nur Italien blieb tot, bis Pius
       IX. den  Thron bestieg  und einige,  Ende 1846 noch sehr zweifel-
       hafte Reformversuche machte.
       So brach  das verflossene Jahr an und mit ihm eine Reihe von Sie-
       gen für die Fortschrittsparteien fast aller Länder. Selbst da, wo
       sie geschlagen wurden, half ihre Niederlage ihnen weiter, als der
       sofortige Sieg getan haben
       würde.
       Das Jahr  1847 entschied nichts, aber es stellte überall die Par-
       teien einander  scharf und  klar gegenüber,  es löste keine Frage
       definitiv, aber  es stellte  alle Fragen so, daß sie jetzt gelöst
       werden müssen.
       Von den  Bewegungen und  Veränderungen des  Jahres 1847 waren die
       bedeutendsten die in Preußen, in Italien und in der Schweiz.
       In   P r e u ß e n   wurde Friedrich Wilhelm IV, endlich zu einer
       Konstitution gezwungen.  Der unfruchtbare  Don Quijote  von Sans-
       souci kam nach langen Kämpfen und Wehen mit einer Verfassung nie-
       der, die  den  Sieg  der  feuda-listisch-patnarchalisch-absoluti-
       stisch-bürokratisch-pfäffischen Reaktion  auf ewig  sicherstellen
       sollte. Aber  er hatte sich verrechnet. Die Bourgeoisie war schon
       mächtig genug geworden, um selbst in dieser Verfassung eine Waffe
       gegen ihn  und sämtliche  reaktionäre Klassen der Gesellschaft zu
       finden. Wie  überall, fing  sie auch in Preußen damit an, ihm die
       Gelder zu verweigern. Der König war in Verzweiflung. Man kann sa-
       gen, daß  in den ersten Tagen nach den Geldverweigerungen Preußen
       gar keinen König hatte; es war in
       
       #496# Friedrich Engels
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       voller Revolution,  ohne es  zu wissen.  Da kamen  zum Glück  die
       fünfzehn russischen Millionen; und Friedrich Wilhelm wurde wieder
       König, die  Bourgeois des Landtags knickten erschrocken zusammen,
       und die  revolutionären Gewitterwolken verzogen sich. Die preußi-
       sche Bourgeoisie  war für  den Augenblick  geschlagen.  Aber  sie
       hatte einen  großen Schritt  getan, sie hatte sich ein Forum ero-
       bert, dem  König einen  Beweis ihrer  Macht gegeben und das ganze
       Land in  Aufregung versetzt.  Die Frage, wer in Preußen herrschen
       soll, ob  die Allianz  zwischen Adel, Bürokraten, Pfaffen mit dem
       König an  ihrer Spitze,  oder die  Bourgeoisie, ist  jetzt so ge-
       stellt, daß  sie für  die eine  oder die andere Seite entschieden
       werden muß.  Auf dem  Vereinigten Landtag  war noch ein Vergleich
       beider Parteien möglich; jetzt ist er's nicht mehr. Es gilt jetzt
       einen Kampf  auf Tod  und Leben zwischen beiden. Dazu kommt noch,
       daß die  Ausschüsse, diese  unglückselige Erfindung  der Berliner
       Verfassungsfabrikanten, sich  in  diesem  Augenblick  versammeln.
       [305]  Sie   werden  die  ohnehin  schon  verworrene  Rechtsfrage
       vollends so verwirren, daß kein Mensch mehr wissen wird, woran er
       ist. Sie  werden einen  gordischen Knoten  daraus machen, der mit
       dem Schwert  wird zerhauen  werden müssen; sie werden die letzten
       Vorbereitungen zur Bourgeois-Revolution in Preußen vollenden.
       Wir können  also mit der größten Ruhe diese preußische Revolution
       abwarten. 1849  wird der Vereinigte Landtag wieder berufen werden
       müssen, der  König mag wollen oder nicht. Bis dahin geben wir Sr.
       Majestät Frist,  nicht länger. Dann wird er sein Zepter und seine
       berühmte "Ungeschwächte"  [306] an die christlichen und jüdischen
       Bourgeois seines Reichs abtreten müssen.
       Das Jahr 1847 war demnach ein vortreffliches Jahr für die politi-
       schen Geschäfte der preußischen Bourgeois, trotz ihrer momentanen
       Niederlage. Das  haben die  Bourgeois und Spießbürger der übrigen
       deutschen Staaten  auch gemerkt  und ihnen die lebhafteste Sympa-
       thie bezeugt.  Sie wissen, daß der Sieg der preußischen Bourgeois
       ihr eigner Sieg ist.
       In   I t a l i e n   haben wir das merkwürdige Schauspiel erlebt,
       daß der  Mann, der die reaktionärste Stellung in ganz Europa ein-
       nimmt, der  die versteinerte Ideologie des Mittelalters repräsen-
       tiert, daß der Papst 1*) sich an die Spitze einer liberalen Bewe-
       gung gestellt  hat. Die Bewegung ist über Nacht mächtig geworden,
       sie hat  den östreichischen Erzherzog in Toskana 2*) und den Ver-
       räter Karl  Albert von Sardinien mit fortgerissen, sie unterwühlt
       den Thron  Ferdinands von  Neapel, ihre  Wogen schlagen  über die
       Lombardei bis an die Tiroler und Steirischen Alpen.
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       1*) Pius IX. - 2*) Leopold II., Großherzog von Toskana
       
       #497# Die Bewegungen von 1847
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       Die gegenwärtige Bewegung in Italien ist dieselbe, die in Preußen
       1807 bis 1812 vor sich ging. Es handelt sich, wie damals in Preu-
       ßen, um zweierlei: um Unabhängigkeit nach außen, um Reformen nach
       innen. Man verlangt vorderhand keine Konstitutionen, man verlangt
       bloße administrative  Reformen, man  vermeidet  einstweilen  alle
       ernstlichen Konflikte mit der Regierung, um gegenüber der fremden
       Übermacht möglichst  einig zu  sein. Aber  welcher Art sind diese
       Reformen? wem kommen sie zugut? Vor allen Dingen der Bourgeoisie.
       Die Presse wird begünstigt, die Bürokratie wird dem Interesse der
       Bourgeoisie dienstbar  gemacht (vgl.  die sardinischen  Reformen,
       die römische  Consulta [307]  und die Reorganisation der Ministe-
       rien), die Bourgeois erhalten ausgedehntem Einfluß auf die Kommu-
       nalverwaltung, das  bon plaisir  1*) des Adels und der Bürokratie
       wird beschränkt,  die Bourgeoisie  wird als  guardia  civica  2*)
       b e w a f f n e t.   Bis jetzt  sind alle Reformen ausschließlich
       im Interesse der Bourgeoisie gewesen und mußten es sein. Man ver-
       gleiche hiermit  die preußischen  Reformen aus der napoleonischen
       Zeit. Es  sind genau  dieselben, nur  daß sie in vieler Beziehung
       noch weiter  gehen: die  Administration dem  Interesse der  Bour-
       geoisie untergeordnet,  die Willkür  des Adels und der Bürokraten
       gebrochen, die  Städteordnung, die  Landwehr,  die  Ablösung  der
       Frondienste. Wie  damals in  Preußen, ist  jetzt in  Italien  die
       Bourgeoisie, vermöge  ihres steigenden  Reichtums und  namentlich
       vermöge der  steigenden Bedeutung  der Industrie  und des Handels
       für die  Existenz des  ganzen Volks, die Klasse geworden, von der
       die Befreiung  des Landes  aus der  Fremdherrschaft hauptsächlich
       abhängt.
       Die Bewegung in Italien ist also eine entschiedene Bourgeoisbewe-
       gung. Alle  reformbegeisterten Klassen,  von Fürsten und Adel bis
       zu den  Pifferari und  Lazzaroni [308],  treten  einstweilen  als
       Bourgeois auf,  und der  Papst ist vorderhand der erste Bourgeois
       von Italien.  Aber alle diese Klassen werden sich sehr enttäuscht
       finden, sobald  das östreichische  Joch einmal abgeschüttelt sein
       wird. Dann,  wenn die Bourgeois mit dem auswärtigen Feinde fertig
       sind, werden  sie zu  Hause die  Böcke von  den Schafen scheiden;
       dann werden  die Fürsten  und Grafen Östreich wieder um Hilfe an-
       schreien, aber es wird zu spät sein, und dann werden die Arbeiter
       von Mailand,  Florenz und  Neapel entdecken, daß  i h r e  Arbeit
       erst recht anfängt.
       Endlich die   S c h w e i z.  Zum ersten Male seit ihrer Existenz
       hat die  Schweiz eine  bestimmte Rolle im europäischen Staatensy-
       stem gespielt,  zum ersten  Mal hat sie eine entschiedne Handlung
       gewagt, hat  sie den Mut gehabt, nicht mehr als Agglomerat von 22
       einander wildfremden Kantonen, sondern
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       1*) Willkürliche - 2*) Bürgergarde
       
       #498# Friedrich Engels
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       als Föderalrepublik  aufzutreten. Sie  hat durch einen mit großer
       Entschiedenheit unterdrückten Bürgerkrieg die Suprematie der Zen-
       tralgewalt gesichert,  sie hat sich mit einem Wort zentralisiert.
       Sie wird  die faktisch bestehende Zentralisation durch die bevor-
       stehende Reform des Bundesvertrags legalisieren.
       Wem kommen,  fragen wir  wieder, die  Resultate des  Krieges, die
       Bundesreform, die  Reorganisation der  Sonderbundskantone  zugut?
       Der siegenden  Partei, der Partei, die 1830 bis 1834 in einzelnen
       Kantonen gesiegt  hatte, den  Liberalen und  Radikalen, d.h.  den
       Bourgeois und  Bauern.  Die  Patrizierherrschaft  der  ehemaligen
       Reichsstädte war  schon infolge  der Julirevolution gestürzt wor-
       den. Wo  sie sich  faktisch wiederhergestellt  hatte, wie in Bern
       und Genf, waren 1846Revolutionen erfolgt. Wo sie sich noch unver-
       sehrt erhalten hatte, wie in Basel-Stadt, erlitt sie in demselben
       Jahr bedeutende  Stöße. Feudaladel  war wenig in der Schweiz, und
       wo er  noch bestand, hatte er seine Hauptmacht in der Allianz mit
       den Hirten  der Hochalpen.  Diese waren die letzten, die zähsten,
       die wütendsten  Feinde der  Bourgeois. Sie  bildeten den Rückhalt
       der reaktionären  Elemente in  den liberalen  Kantonen.  Sie  um-
       strickten die  ganze Schweiz mit dem Netz einer reaktionären Kon-
       spiration durch die Jesuiten und Pietisten (vgl. Waadt). Sie ver-
       eitelten alle  Pläne der Bourgeoisie auf der Tagsatzung. Sie ver-
       hinderten die  schließliche Niederlage  des spießbürgerlichen Pa-
       triziats in den ehemaligen Reichsstädten.
       Diese letzten  Gegner der  Schweizer Bourgeois sind 1847 gänzlich
       gesprengt worden.
       Die Schweizer  Bourgeois hatten  in fast  allen  Kantonen  bisher
       schon ziemlich  freies Spiel für ihren Handel und ihre Industrie.
       Soweit die  Zünfte noch  existierten, waren sie ihrer Entwicklung
       wenig hinderlich.  Innere Douanen  existierten  so  gut  wie  gar
       nicht. Wo die Bourgeoisie sich einigermaßen entwickelt hatte, war
       die politische  Macht in  ihren Händen.  Aber während  sie in den
       einzelnen Kantonen  Fortschritte machte  und Unterstützung  fand,
       fehlte ihr  gerade die  Hauptsache, die  Zentralisation. Wie  der
       Feudalismus, der  Patriarchalismus und das Spießbürgertum sich in
       getrennten Provinzen  und einzelnen  Städten entwickeln,  so ver-
       langt die  Bourgeoisie zu  ihrer Entwicklung ein möglichst großes
       Terrain, sie  bedurfte, statt  22  kleiner  Kantone,    e i n e r
       großen Schweiz. Die Kantonalsouveränität, die passendste Form der
       a l t e n   Schweiz, War  den Bourgeois eine drückende Fessel ge-
       worden. Sie  bedurften einer  Zentralgewalt, die stark genug war,
       der Gesetzgebung  der einzelnen Kantone eine bestimmte Bahn anzu-
       weisen, die  Verschiedenheiten der Verfassungen und Gesetze durch
       ihr Übergewicht  auszugleichen, die  Reste der feudalen, patriar-
       chalischen und spießbürgerlichen Gesetzgebung zu
       
       #499# Die Bewegungen von 1847
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       beseitigen und  die Interessen der Schweizer Bourgeois nach außen
       hin energisch zu repräsentieren.
       Diese Zentralgewalt hat sie sich erobert.
       Aber haben  nicht auch die Bauern am Sturz des Sonderbunds mitge-
       arbeitet? -  Allerdings. Was die Bauern angeht, so werden sie ge-
       genüber den Bourgeois vorderhand noch dieselbe Rolle weiter spie-
       len, die  sie gegenüber den Kleinbürgern so lange gespielt haben.
       Sie werden der exploitierte Arm der Bourgeois bleiben, sie werden
       diesen ihre  Schlachten schlagen,  ihre Kattune  und Bänder weben
       und ihr  Proletariat rekrutieren.  Was wollen  sie anders machen?
       Besitzer wie die Bourgeois, haben sie vorderhand fast alle Inter-
       essen gemein  mit den  Bourgeois. Alle politischen Maßregeln, die
       sie stark  genug sind  durchzusetzen, nutzen  den Bourgeois nicht
       viel mehr  als ihnen  selbst. Aber sie sind schwach gegenüber den
       Bourgeois, weil  diese reicher  sind und  den Hebel aller politi-
       schen Macht in unserm Jahrhundert, die Industrie, in ihren Händen
       haben. Mit  den Bourgeois  können sie  viel, gegen  die Bourgeois
       nichts.
       Es wird allerdings eine Zeit kommen, wo der ausgesogene, verarmte
       Teil der  Bauern sich  dem bis dahin weiter entwickelten Proleta-
       riat anschließen  und der  Bourgeoisie den  Krieg erklären wird -
       aber das geht uns hier nichts an.
       Genug, daß die Austreibung der Jesuiten nebst ihrer Affiliierten,
       dieser organisierten Gegner der Bourgeois, die allgemeine Einfüh-
       rung der   b ü r g e r l i c h e n,  statt der geistlichen Erzie-
       hung, die  Besitzergreifung der  meisten geistlichen  Güter durch
       den Staat vor allen den Bourgeois zugute kommt.
       Die drei  hervorragendsten Bewegungen  des Jahres 1847 haben also
       das gemein,  daß sie alle zunächst und hauptsächlich im Interesse
       der Bourgeoisie sind. Die Fortschrittspartei war überall die Par-
       tei der Bourgeois.
       In der  Tat ist  es das charakteristische Merkmal dieser Bewegun-
       gen, daß  gerade die Länder, die 1830 zurückblieben, im vergange-
       nen Jahr  die ersten entscheidenden Schritte getan haben, um sich
       auf die  Höhe von  1830 zu  stellen, d.h.,  um den Sieg der Bour-
       geoisie durchzusetzen.
       Bis dahin  haben wir also gesehen, daß das Jahr 1847 ein brillan-
       tes Jahr für die Bourgeoisie gewesen ist.
       Gehen wir weiter.
       In   E n g l a n d   haben wir ein neues Parlament, das, wie John
       Bright der  Quäker sagt,  das  entschiedenste  Bourgeoisparlament
       ist, welches  je zusammenkam.  John Bright ist der entschiedenste
       Bourgeois von ganz England, ist die beste Autorität hierüber, die
       wir wünschen können. Aber der Bourgeois John Bright ist nicht der
       Bourgeois, der in Frankreich herrscht oder der
       
       #500# Friedrich Engels
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       gegen Friedrich  Wilhelm IV.  pathetische Bravaden  donnert.  Der
       Bourgeois im  Munde John  Brights ist  der Fabrikant.  In England
       herrschen einzelne  Fraktionen der Bourgeoisie seit 1688; aber um
       sich die Eroberung der Herrschaft zu erleichtern, haben sie ihren
       von ihnen  abhängigen Schuldnern, den Aristokraten, die nominelle
       Herrschaft gelassen. Während so der Kampf in England in Wirklich-
       keit ein  Kampf zwischen  einzelnen  Fraktionen  der  Bourgeoisie
       selbst, zwischen  Rentiers und Fabrikanten ist, können die Fabri-
       kanten ihn für einen Kampf zwischen Aristokratie und Bourgeoisie,
       ja im Notfall für einen Kampf zwischen Aristokratie und Volk aus-
       geben. Die Fabrikanten haben kein Interesse, den Schein der Herr-
       schaft der  Aristokratie aufrechtzuerhalten,  denn ihnen sind die
       Lords, Baronets  und Squires keinen Heller schuldig. Aber sie ha-
       ben ein großes Interesse, diesen Schein zu stürzen, weil mit die-
       sem Schein  den Rentiers  der letzte  Notanker verlorengeht.  Das
       jetzige Bourgeois-  oder Fabrikantenparlament  wird dies  tun. Es
       wird das  alte, feudalistisch aussehende England in ein mehr oder
       weniger modernes,  bürgerlich organisiertes  Land verwandeln.  Es
       wird die  englische Verfassung  der französischen  und belgischen
       Verfassung annähern.  Es wird den Sieg der englischen industriel-
       len Bourgeoisie vollenden.
       Wieder ein Fortschritt der Bourgeoisie, denn auch der Fortschritt
       innerhalb der  Bourgeoisie ist eine Erweiterung, eine Verstärkung
       der Bourgeoisherrschaft.
       F r a n k r e i c h   scheint allein eine Ausnahme zu machen. Die
       Herrschaft, 1830  der ganzen  großen Bourgeoisie  zugefallen, be-
       schränkt sich von Jahr zu Jahr mehr auf die Herrschaft der reich-
       sten Fraktion  dieser großen  Bourgeoisie, auf die Herrschaft der
       Rentiers und  Börsenspekulanten.  Sie  haben  die  Majorität  der
       großen Bourgeoisie ihrem Interesse dienstbar gemacht. Die Minori-
       tät, an  deren Spitze ein Teil der Fabrikanten und Reeder stehen,
       wird immer  geringer. Diese  Minorität hat sich jetzt mit den vom
       Wahlrecht ausgeschlossenen  mittleren und  kleinen Bourgeois ver-
       bunden und  feiert ihre  Allianz in  den Reformbanketts. Sie ver-
       zweifelt daran,  mit den  bisherigen Wählern je zur Herrschaft zu
       kommen. Sie  hat sich  daher nach  langem Schwanken entschlossen,
       den zunächst  unter ihr  stehenden Bourgeois,  und namentlich den
       Bourgeoisideologen, als den allerungefährlichsten, den Advokaten,
       Medizinern usw.,  einen Anteil  an der  politischen Macht zu ver-
       sprechen. Sie ist freilich noch weit davon entfernt, ihr Verspre-
       chen halten zu können.
       So sehen  wir auch  in Frankreich  den Kampf  innerhalb der Bour-
       geoisie herannahen,  der in  England schon fast beendigt ist. Nur
       daß, wie  immer, in  Frankreich die  Situation einen schärfer ge-
       zeichneten, revolutionären
       
       #501# Die Bewegungen von 1847
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       Charakter hat.  Diese entschiedne Trennung in zwei Lager ist auch
       ein Fortschritt der Bourgeoisie.
       In   B e l g i e n   hat die  Bourgeoisie in  den Wahlen von 1847
       einen entschiednen  Sieg errungen:  Das  katholische  Ministerium
       mußte abtreten,  und auch hier herrschen jetzt vorderhand die li-
       beralen Bourgeois.
       In   A m e r i k a  haben wir der Eroberung Mexikos zugesehen und
       uns darüber  gefreut. [309]  Es ist auch ein Fortschritt, daß ein
       Land, welches sich bisher ausschließlich mit sich selbst beschäf-
       tigte, durch  ewige Bürgerkriege  zerrissen und an aller Entwick-
       lung verhindert  war, ein  Land, dem höchstens bevorstand, in das
       industrielle Vasallentum  Englands zu  geraten -  daß ein solches
       Land mit  Gewalt in  die geschichtliche  Bewegung  hineingerissen
       wird. Es  ist im  Interesse seiner  eignen Entwicklung, daß es in
       Zukunft unter  die Vormundschaft der Vereinigten Staaten gestellt
       wird. Es  ist im  Interesse der Entwicklung von ganz Amerika, daß
       die Vereinigten  Staaten durch  den Besitz Kaliforniens die Herr-
       schaft auf  dem Stillen  Meer erhalten. Aber wem, fragen wir wie-
       der, kommt  der Krieg  zunächst zugut?  Nur der  Bourgeoisie. Die
       Nordamerikaner erhalten  in Kalifornien und Neu-Mexiko neues Ter-
       rain, um  darauf neues  Kapital zu erzeugen, d.h., neue Bourgeois
       ins Leben  zu rufen  und die  schon existierenden  zu bereichern;
       denn alles  Kapital, was  heute erzeugt  wird, gerät in die Hände
       der Bourgeoisie. Und die erstrebte Durchstechung der Landenge von
       Tehuantepec [310],  wem anders kommt sie zugut als den amerikani-
       schen Reedern? Die Herrschaft auf dem Stillen Meer, wem kommt sie
       zugut, wenn  nicht denselben  Reedern? Die neuen Kunden für Indu-
       strieprodukte, die sich in den eroberten Ländern bilden, wer wird
       sie versorgen, wenn nicht die amerikanischen Fabrikanten?
       Also auch  in Amerika  haben die Bourgeois große Fortschritte ge-
       macht, und  wenn ihre  Repräsentanten jetzt gegen den Krieg oppo-
       nieren, so  beweist das nur, daß sie fürchten, diese Fortschritte
       seien in verschiedner Hinsicht zu teuer erkauft.
       Selbst in  ganz barbarischen  Ländern macht die Bourgeoisie Fort-
       schritte. In Rußland entwickelt sich die Industrie mit gewaltigen
       Schritten und  macht selbst  aus Bojaren mehr und mehr Bourgeois.
       Die Leibeigenschaft  wird in Rußland und Polen beschränkt und da-
       durch im  Interesse der  Bourgeois der  Adel geschwächt  und eine
       freie Bauernklasse hergestellt, deren die Bourgeoisie überall be-
       darf. Die  Juden werden verfolgt - ganz im Interesse der ansässi-
       gen christlichen Bürger, denen die Hausierer das Geschäft verdar-
       ben. -  In Ungarn  werden die  Feudalherren mehr  und mehr Korn-,
       Woll- und Viehhändler en gros und treten konsequent auf dem Land-
       tage als  Bourgeois auf. - Und all diese glorreichen Fortschritte
       der "Zivilisation" in der Türkei, in
       
       #502# Friedrich Engels
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       Ägypten, in  Tunis, in  Persien und  ändern barbarischen Ländern,
       worin bestehen  sie anders als in den Vorbereitungen für das Auf-
       blühen einer  zukünftigen Bourgeoisie?  In diesen Ländern erfüllt
       sich heute das Wort des Propheten: "Bereitet dem Herrn den Weg...
       Machet die  Tore weit und die Türen in der Welt hoch, daß der Kö-
       nig der  Ehren einziehe!  Wer ist  derselbige König  der  Ehren?"
       [311] Es ist der Bourgeois.
       Wohin wir  blicken, macht die Bourgeoisie gewaltige Fortschritte.
       Sie trägt  das Haupt hoch und fordert ihre Feinde trotzig heraus.
       Sie erwartet  entscheidende Siege,  und ihre  Hoffnung wird nicht
       getäuscht werden.  Sie will  die ganze  Welt nach  ihrem Maßstabe
       einrichten, und auf einem bedeutenden Teil der Erde wird ihr dies
       gelingen.
       Wir sind keine Freunde der Bourgeoisie, das ist bekannt. Aber wir
       gönnen ihr  diesmal ihren  Triumph. Wir können ruhig lächeln über
       den hochfahrenden Blick,  mit dem sie  namentlich  in Deutschland
       auf das scheinbar so kleine  Häuflein der Demokraten und Kommuni-
       sten herabsieht. Wir haben nichts  dawider, wenn sie überall ihre
       Absichten durchsetzt.
       Noch mehr.  Wir können  uns sogar eines ironischen Lächelns nicht
       erwehren, wenn  wir sehen,  mit welchem  schrecklichen Ernst, mit
       welcher pathetischen  Begeisterung fast überall die Bourgeois ih-
       ren Zwecken  nachstreben. Die Herren glauben wirklich, sie arbei-
       teten für sich selbst. Sie sind beschränkt genug, zu glauben, daß
       mit ihrem  Siege die Welt ihre definitive Gestaltung bekomme. Und
       doch ist  nichts augenscheinlicher, als daß sie nur  u n s ,  den
       Demokraten und  Kommunisten, überall  den Weg bahnen, als daß sie
       höchstens einige Jahre unruhigen Genusses erobern werden, um als-
       dann sofort wieder gestürzt zu werden. Überall steht hinter ihnen
       das Proletariat,  hier an ihren Bestrebungen und teilweise an ih-
       ren Illusionen  teilnehmend, wie in Italien und der Schweiz, dort
       schweigsam und  zurückhaltend, aber  unterderhand den  Sturz  der
       Bourgeoisie vorbereitend, wie in Frankreich und Deutschland; dort
       endlich, in  England und  Amerika, in  offner Rebellion gegen die
       herrschende Bourgeoisie.
       Wir können  noch mehr tun. Wir können den Bourgeois das alles ge-
       radezu sagen, wir können mit offenen Karten spielen. Sie mögen es
       vorher wissen, daß sie nur in unsrem Interesse arbeiten. Sie kön-
       nen darum doch ihren Kampf gegen die absolute Monarchie, den Adel
       und die  Pfaffen nicht  aufgeben. Sie  müssen siegen  oder  schon
       jetzt untergehen.
       Ja, in  sehr kurzer  Zeit werden sie in Deutschland sogar unseren
       Beistand anrufen müssen.
       Kämpft also  nur mutig fort, ihr gnädigen Herren vom Kapital! Wir
       haben euch  vorderhand nötig,  wir haben  sogar hie  und da  eure
       Herrschaft nötig.
       
       #503# Die Bewegungen von 1847
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       Ihr müßt  uns die  Reste des Mittelalters und die absolute Monar-
       chie aus  dem Wege  schaffen, ihr  müßt den Patriarchalismus ver-
       nichten, ihr müßt zentralisieren, ihr müßt alle mehr oder weniger
       besitzlosen  Klassen  in wirkliche Proletarier,  in  Rekruten für
       uns, verwandeln, ihr müßt uns durch eure Fabriken und Handelsver-
       bindungen die Grundlage der materiellen Mittel liefern, deren das
       Proletariat zu  seiner Befreiung bedarf. Zum Lohn dafür sollt ihr
       eine kurze Zeit herrschen. Ihr sollt Gesetze diktieren, ihr sollt
       euch sonnen im Glanz der von euch geschaffnen Majestät, ihr sollt
       bankettieren im  königlichen Saal  und die  schöne  Königstochter
       freien, aber, vergeßt es nicht -
       "Der Henker steht vor der Türe." [312]
       
       F.E.
       

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