Quelle: MEW 4 Mai 1846 - März 1848
zurück
#539#
-----
[Karl Marx]
[Verfolgungen der Ausländer in Brüssel]
["La Réforme" vom 12. März 1848]
Sonntag, den 27. Februar, hielt die Brüsseler Demokratische Ge-
sellschaft ihre erste öffentliche Sitzung ab seit der Nachricht
von der Proklamierung der Französischen Republik. Man wußte im
voraus, daß eine große Anzahl von Arbeitern daran teilnehmen
würde, die fest entschlossen seien, alle von der Gesellschaft als
zweckdienlich erkannten Maßnahmen tatkräftig zu unterstützen.
Die Regierung ihrerseits hatte das Gerücht verbreiten lassen, Kö-
nig Leopold wäre bereit abzudanken, sobald das Volk es wünsche.
Das war eine Falle, um die belgischen Demokraten zu veranlassen,
nichts Entscheidendes gegen einen so guten König zu unternehmen,
dem nichts lieber sei, als sich der Last der Königswürde zu ent-
ledigen, vorausgesetzt, man bewillige ihm in allen Ehren eine an-
ständige Pension.
Gleichzeitig hielt die Regierung des Königs eine komplette Liste
der Personen bereit, deren Verhaftung als Störer der öffentlichen
Ordnung sie für den gleichen Abend vorgesehen und für richtig be-
funden hatte. Mit dem Chef der Öffentlichen Sicherheit, Herrn
Hody, war vereinbart, die Ausländer als die Hauptanstifter eines
angeblichen Aufruhrs auf diese Liste zu setzen, einmal um die
Festnahme der als entschiedene Republikaner bekannten Belgier zu
tarnen, zum anderen, um die national-empfindsamen Gemüter zu rei-
zen. Dies erklärt auch, warum Seine Exzellenz Herr Regier, der
ebensowenig Belgier ist wie S. M. König Leopold Franzose, später
eine Verordnung erließ, die allen Behörden einschärfte, die Fran-
zosen und die Deutschen, das heißt die Landsleute Rogiers wie die
Landsleute Leopolds, strengstens zu überwachen. In seiner ganzen
Abfassung erinnert dieser Erlaß an die Verdächtigengesetze. [337]
Dieser so wohlerwogene Plan war in der Art seiner Durchführung um
so perfider und brutaler, als die festgenommenen Personen sich am
Abend des 27. Februar jeder Provokation enthalten hatten.
#540# Karl Marx
-----
Es ist als ob man sich den Spaß gemacht hätte, diese Menschen zu
verhaften, um sie nach Belieben mißhandeln und beschimpfen zu
können.
Kaum waren sie verhaftet, hagelte es Faustschläge, Fußtritte und
Säbelhiebe. Man spuckte ihnen ins Gesicht, diesen R e p u b l i-
k a n e r n. Man mißhandelte sie vor den Augen des Philanthropen
Hody, dem es ein Genuß war, Ausländern einen Beweis seiner ganzen
Macht zu geben.
Da nichts Belastendes gegen sie vorgebracht werden konnte, wäre
nichts anderes übriggeblieben, als sie in Freiheit zu setzen.
Doch nein! Sechs Tage lang behielt man sie im Kerker! Dann suchte
man die Ausländer unter den Gefangenen heraus und beförderte sie
in Zellenwagen direkt zur Bahn. Dort wurden sie wiederum in Zel-
lenwagen, jeder in einer Zelle für sich, untergebracht und so
nach Quiévrain expediert, wo belgische Gendarmen sie in Empfang
nahmen und bis an die französische Grenze schleppten.
Als sie schließlich auf freiem Boden langsam wieder zu sich ka-
men, fanden sie in ihren Taschen weiter nichts vor als die am
Tage vor der Festnahme ausgestellten Ausweisungspapiere. Einer
der Ausgewiesenen, Herr Allard, ist Franzose.
Zur selben Zeit verkündete die Regierung des völlig bedeutungslo-
sen Königs in der Abgeordnetenkammer, daß das K ö n i g-
r e i c h Belgien, einschließlich beider Flandern [338], die
bestmögliche aller R e p u b l i k e n sei, daß es eine Muster-
Polizei besitze, geleitet von einem Manne wie Herrn Hody, der in
einer Person den früheren Republikaner, den Fourieristen und den
wiederbekehrten Anhänger Leopolds vereine. Die Kammer weinte vor
Rührung, und die katholischen und liberalen Zeitungen gerieten in
Extase über die häuslichen Tugenden König Leopolds und die
staatsmännischen Tugenden seines Hausknechts Rogier.
Das belgische Volk ist republikanisch. Anhänger Leopolds sind nur
die Großbourgeoisie, die Landaristokratie, die Jesuiten, die Be-
amten und die aus Frankreich verjagten früheren Franzosen, die
jetzt in Belgien an der Spitze der Verwaltung und des Pressewe-
sens sitzen.
Metternich ist begeistert, daß er einen Coburger, einen geborenen
Feind der französischen Revolution, gerade an der richtigen
Stelle, an der Grenze Frankreichs hat. Allerdings vergißt er, daß
die Coburger von heute nur noch in Heiratsfragen eine Rolle spie-
len.
Aus dem Französischen.
zurück