Quelle: MEW 5 März - November 1848


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       Drohung der Gervinus-Zeitung [65]
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 25 vom 25. Juni 1848]
       ** Köln, 24. Juni.
       
       "Hält das  Ansehen der  Frankfurter Versammlung  und ihre Verfas-
       sungsbestimmungen Frankreich  im Zaume,  so hat   e s   k e i n e
       N o t,   Preußen wird aus seinen Ostprovinzen wieder sein Ansehen
       herstellen und  dürfte   d a b e i   einen    m o m e n t a n e n
       V e r l u s t   s e i n e r   R h e i n p r o v i n z    v i e l-
       l e i c h t   k a u m  s c h e u e n."  (Gervinus-Zeitung vom 22.
       Juni.)
       
       Wie diplomatisch  der Berliner  Korrespondent der Professorenzei-
       tung schreibt! Preußen wird  a u s  "seinen Ostprovinzen sein An-
       sehen" wiederherstellen.  Wo wird  es sein Ansehen wiederherstel-
       len?   I n   den Ostprovinzen? Nicht doch,  a u s  den Ostprovin-
       zen. In  der Rheinprovinz? Noch weniger. Denn es rechnet bei die-
       sem   W i e d e r h e r s t e l l e n   seines  Ansehns    "a u f
       e i n e n   m o m e n t a n e n  V e r l u s t  d e r  R h e i n-
       p r o v i n z",  d.h. auf einen momentanen  V e r l u s t  seines
       "Ansehns" in der Rheinprovinz.
       Also in  B e r l i n  und in  B r e s l a u.
       Und warum  wird es nicht  m i t  seiner Ostprovinz, warum wird es
       a u s   seiner Ostprovinz  das in  Berlin  und  Breslau,  wie  es
       scheint, verlorne Ansehen wiederherstellen?
       R u ß l a n d   ist nicht  die   O s t p r o v i n z    Preußens,
       Preußen ist  vielmehr die   W e s t p r o v i n z  Rußlands. Aber
       a u s  der preußischen Ostprovinz, Arm in Arm mit den braven Pom-
       mern, werden  die Russen  nach   S o d o m   und  G o m o r r h a
       ziehn und  das  "A n s e h n"  P r e u ß e n s,  d.h. der preußi-
       schen Dynastie, des absoluten Königtums, wiederherstellen. Verlo-
       ren war  dies "Ansehen"  von dem  Tage, wo der Absolutismus einen
       "g e s c h r i e b e n e n",   von plebejischem  Blut  befleckten
       "P a p i e r w i s c h"   [102] zwischen  sich und  s e i n  Volk
       schieben mußte,  wo der  Hof gezwungen war, sich unter den Schutz
       und die  Aufsicht bürgerlicher Getreide- und Wollhändler [103] zu
       stellen.
       
       #105# Drohung der Gervinus-Zeitung
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       Also der Freund, der Retter kömmt aus dem Osten; wozu nach dieser
       Seite hin  die Grenze  militärisch besetzen? Aus dem Westen kömmt
       der Feind, nach dem Westen hin muß daher die Truppenmacht konzen-
       triert werden.  Ein naiver Berliner Korrespondent der "Kölnischen
       Zeitung" [104]  begreift den  Heldenmut Pfuels  nicht, des braven
       Polenfreundes, der  eine Mission  nach Petersburg  annimmt,  ohne
       eine Schutzwache  von 100000  Mann hinter  sich zu  haben.  Pfuel
       reist   a n g s t l o s   nach Petersburg!  Pfuel in  Petersburg!
       Pfuel scheut  sich nicht,  die russische Grenze zu überschreiten,
       und das  deutsche Publikum  fabelt von  russischem Kriegsvolke an
       deutscher Grenze! Der Korrespondent der "Kölnischen] Zeitung" be-
       mitleidet das deutsche Publikum. Doch zurück zu unserer Professo-
       renzeitung!
       Wenn die  Russen der  preußischen Dynastie  von Osten, werden die
       Franzosen dem  deutschen Volke vom Westen her zu Hülfe eilen. Und
       ruhig mag  die "Frankfurter Versammlung" über die beste Tagesord-
       nung und die besten "Verfassungsbestimmungen" weiter debattieren.
       Der Korrespondent der Gervinus-Zeitung verbirgt diese Ansicht un-
       ter der  Rednerblume, "daß  die Frankfurter  Versammlung und ihre
       Verfassungsbestimmungen" Frankreich  "im  Zaume"  halten  werden.
       Preußen wird  die Rheinprovinz   v e r l i e r e n.   Aber  warum
       sollte es  sich   s c h e u e n   vor diesem Verlust? Er wird nur
       "momentan" sein. Der deutsche Patriotismus wird noch einmal unter
       russischem Kommando  gegen das  welsche Babylon  marschieren  und
       "das  A n s e h n  P r e u ß e n s"  auch in der Rheinprovinz und
       in ganz Süddeutschland dauernd herstellen. Du ahnungsvoller Engel
       Du! [105]
       Wenn sich  Preußen nicht  "vor   e i n e m    m o m e n t a n e n
       V e r l u s t   d e r    R h e i n p r o v i n z    s c h e u t",
       scheut sich  die Rheinprovinz noch weniger vor einem  "p e r m a-
       n e n t e n"   Verlust preußischer  Herrschaft. Wenn  die Preußen
       mit den  Russen, werden  die Deutschen  sich  mit  den  Franzosen
       alliieren und  mit ihnen  vereint den Krieg des Westens gegen den
       Osten, der  Zivilisation gegen  die Barbarei,  der Republik gegen
       die Autokratie führen [106]
       Wir wollen  Deutschlands Einheit, aber nur aus der Zersplitterung
       der großen  deutschen Monarchien können sich die Elemente zu die-
       ser Einheit ausscheiden. Nur im Kriegs- und Revolutionssturm wer-
       den sie  zusammengeschmiedet werden. Der Konstitutionalismus aber
       verschwindet von  selbst, sobald  die   P a r o l e   d e r  E r-
       e i g n i s s e   lautet:  A u t o k r a t i e  o d e r  R e p u-
       b l i k.   Aber, rufen  uns entrüstet die konstitutionellen Bour-
       geois zu,  wer hat den Deutschen die Russen zugezogen? Wer anders
       als die  Demokraten? Nieder  mit den  Demokraten! - Und sie haben
       recht!
       Hätten wir selbst das russische System bei uns eingeführt, so er-
       sparten wir  den Russen die Mühe, es einzuführen und uns -  d i e
       K r i e g s k o s t e n.

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