Quelle: MEW 5 März - November 1848
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Patows Ablösungsdenkschrift [107]
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 25 vom 25. Juni 1848]
** Köln, 24. Juni. In der Vereinbarungssitzung vom 20. d. [Mts.],
jener verhängnisvollen Sitzung, in der die Sonne Camphausen un-
terging und das ministerielle Chaos eintrat, legte Herr Patow
eine Denkschrift nieder über die Hauptgrundsätze, nach welchen er
die Beseitigung der Feudalität auf dem Lande zu regulieren ge-
denkt.
Wenn man diese Denkschrift liest, so begreift man nicht, warum in
den altpreußischen Provinzen nicht längst ein Bauernkrieg ausge-
brochen ist. Welch ein Wust von Leistungen, Abgaben, Lieferungen,
welch ein Wirrwarr von mittelalterlichen Namen, einer noch toller
als der andre! Lehnsherrlichkeit, Sterbefall, Besthaupt, Kurmede,
Blutzehnt, Schutzgeld, Walpurgiszins, Bienenzins, Wachspacht,
Auenrecht, Zehnten, Laudemien, Nachschußrenten, das alles hat bis
heute noch in dem "bestverwalteten Staate der Welt" bestanden und
würde in alle Ewigkeit bestanden haben, wenn die Franzosen keine
Februarrevolution gemacht hätten!
Ja, die meisten dieser Lasten und gerade die d r ü c k e n d-
s t e n unter ihnen würden in alle Ewigkeit fortbestehen, wenn
es nach dem Wunsche des Herrn Patow ginge. Herrn Patow ist ja
gerade deshalb dies Departement überwiesen worden, damit er die
märkischen, pommerschen und schlesischen Krautjunker soviel wie
möglich schonen, die Bauern soviel wie möglich um die Früchte der
Revolution prellen soll!
Die Berliner Revolution hatte alle diese Feudalverhältnisse für
alle Zukunft unmöglich gemacht. Die Bauern hatten sie, wie ganz
natürlich, sofort in der Praxis abgeschafft. Die Regierung hatte
weiter nichts zu tun, als die t a t s ä c h l i c h s c h o n
b e s t e h e n d e A u f h e b u n g a l l e r F e u d a l-
l a s t e n d u r c h d e n V o l k s w i l l e n in gesetz-
liche Form zu bringen.
Aber ehe die Aristokratie sich zu einem vierten August [78] ent-
schließt,
#107# Patows Ablösungsdenkschrift
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eher müssen ihre Schlösser in Flammen stehen. Die Regierung, hier
selbst durch einen Aristokraten vertreten, hat sich für die Ari-
stokratie erklärt; sie legt der Versammlung eine Denkschrift vor,
in der die Vereinbarer aufgefordert werden, jetzt ebenfalls die
Bauernrevolution, die in ganz Deutschland im März ausbrach, an
die Aristokratie zu verraten. Die Regierung ist verantwortlich
für die Folgen, die die Anwendung der Patowschen Grundsätze auf
dem Lande haben wird.
Herr Patow will nämlich, daß die Bauern Entschädigung zahlen sol-
len für die Aufhebung aller Feudallasten, selbst der Laudemien.
Ohne Entschädigung sollen aufgehoben werden nur die Lasten, die
aus der Erbuntertänigkeit, der alten Steuerverfassung und der Pa-
trimonialgerichtsbarkeit [108] herfließen oder die, die für den
Feudalherrn wertlos sind (wie gnädig!), d.h. überhaupt d i e
Lasten, die den allergeringsten Teil der ganzen Feudalbelastung
ausmachen.
Dagegen sind alle bereits durch Verträge oder Richterspruch ge-
ordneten Feudalablösungen definitiv. Das heißt: Die Bauern, wel-
che unter den seit 1816 und namentlich seit 1840 erlassenen reak-
tionären, adelsfreundlichen Gesetzen ihre Lasten abgelöst haben
und dabei zuerst durch das Gesetz und dann durch bestochene Be-
amte um ihr Eigentum zugunsten der Feudalherrn geprellt worden
sind, die erhalten keine Entschädigung.
Dafür sollen denn Rentenbanken [109] errichtet werden, um den
Bauern Sand in die Augen zu streuen.
Wenn es nach dem Wunsche des Herrn Patow ginge, so würden die
Feudallasten unter seinen Gesetzen ebensowenig beseitigt werden,
wie sie unter den alten Gesetzen von 1807tll0] abgelöst sind.
Der richtige Titel für den Aufsatz des Herrn Patow ist: Denk-
schrift wegen Erhaltung der Feudallasten auf ewige Zeiten vermit-
telst der Ablösung.
Die R e g i e r u n g p r o v o z i e r t e i n e n B a u-
e r n k r i e g. Vielleicht wird Preußen auch vor einem "m o-
m e n t a n e n V e r l u s t" S c h l e s i e n s sich
"n i c h t s c h e u e n" 1*).
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1*) Siehe vorl. Band, S. 104/105
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