Quelle: MEW 5 März - November 1848


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       Details über den 23. Juni
       
       ["Neue Rheinische  Zeitung" Nr. 26 vom 26. Juni 1848, Extrabeila-
       ge]
       * Der Aufstand ist ein reiner Arbeiteraufstand. Der Groll der Ar-
       beiter ist  losgebrochen gegen die Regierung und die Versammlung,
       die ihre Hoffnungen enttäuscht, die täglich neue Maßregeln im In-
       teresse der Bourgeoisie gegen die Arbeiter ergriffen, die die Ar-
       beiterkommission im  Luxembourg [114] aufgelöst, die Nationalate-
       liers [115]  eingeschränkt, das Gesetz gegen die Zusammenscharun-
       gen erlassen  haben. Der  entschieden proletarische Charakter der
       Insurrektion geht aus allen Einzelnheiten hervor.
       Die Boulevards,  die große Pulsader des Pariser Lebens, waren der
       Schauplatz der ersten Zusammenscharungen. Von der Porte St. Denis
       bis herab  zu der alten Templestraße war alles gedrängt voll. Ar-
       beiter aus  den Nationalwerkstätten  erklärten, sie  würden nicht
       nach der  Sologne zu  den dortigen  Nationalateliers gehen; andre
       erzählten, sie seien gestern dorthin abgereist, hätten aber schon
       an der Barriere Fontainebleau vergeblich auf die Marschzettel und
       den Befehl zur Abreise gewartet, die ihnen den Abend vorher zuge-
       sagt gewesen seien.
       Gegen zehn Uhr rief man nach Barrikaden. Der östliche und südöst-
       liche Teil  von Paris, vom Quartier und Faubourg Poissonnière an,
       wurden rasch,  aber wie es scheint noch ziemlich regellos und zu-
       sammenhanglos verbarrikadiert. Die Straßen St. Denis, St. Martin,
       Rambuteau, Faubourg Poissonnière und auf dem linken Seineufer die
       Zugänge der  Faubourgs St.  Jacques und St. Marceau - die Straßen
       St. Jacques,  La Harpe,  La Huchette  und die anstoßenden Brücken
       wurden mehr  oder weniger  stark verschanzt.  Auf den  Barrikaden
       wurden Fahnen  aufgepflanzt mit  der Inschrift:  "Brot oder Tod!"
       oder: "Arbeit oder Tod!"
       Der Aufstand  stützte sich  somit entschieden  auf den östlichen,
       vorwiegend von Arbeitern bewohnten Teil der Stadt; zuerst auf die
       Faubourgs Samt Jacques,
       
       #113# Details über den 23. Juni
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       Saint Marceau,  Saint Antoine,  du Temple, Saint Martin und Saint
       Denis, auf  die "aimables  faubourgs" [116],  dann auf die dazwi-
       schenliegenden Stadtteile  (Quartiers Saint  Antoine, du  Marais,
       Saint Martin und Saint Denis).
       Auf die  Barrikaden folgten  Angriffe. Der Wachtposten des Boule-
       vard Bonne  Nouvelle, der  fast bei  jeder Revolution  zuerst ge-
       stürmt wird,  war von Mobilgarde [117] besetzt. Er wurde vom Volk
       entwaffnet.
       Aber bald  darauf rückte die Bourgeoisgarde der westlichen Stadt-
       teile zum  Entsatz heran.  Sie besetzte  den Posten  wieder.  Ein
       zweiter Trupp  besetzte das hohe Trottoir vor dem Théatre du Gym-
       nase, das  eine große Strecke der Boulevards beherrscht. Das Volk
       versuchte die  vorgerückten  Posten  zu  entwaffnen;  doch  wurde
       einstweilen noch  von keiner  Seite Gebrauch  von den  Waffen ge-
       macht.
       Endlich kam  der Befehl, die Barrikade quer über den Boulevard an
       der Porte  Saint Denis  zu nehmen. Die Nationalgarde [118] rückte
       vor, den  Polizeikommissär  an  der  Spitze;  man  unterhandelte;
       einige Schüsse fielen, von welcher Seite, ist nicht klar, und das
       Feuer wurde rasch allgemein.
       Sofort gab  auch der  Posten Bonne  Nouvelle Feuer; ein Bataillon
       der zweiten Legion, das den Boulevard Poissonnière besetzt hielt,
       rückte ebenfalls mit geladenen Gewehren vor. Das Volk war von al-
       len Seiten  umringt. Von ihren vorteilhaften und teilweise siche-
       ren Stellungen  aus  eröffnete  die  Nationalgarde  ein  heftiges
       Kreuzfeuer auf  die Arbeiter.  Diese verteidigten sich eine halbe
       Stunde lang;  endlich wurde  der Boulevard Bonne Nouvelle und die
       Barrikaden bis  zur Porte  Saint Martin  genommen. Hier hatte die
       Nationalgarde ebenfalls  gegen elf  Uhr von  der Seite des Temple
       her die  Barrikaden genommen  und die  Zugänge des Boulevards be-
       setzt.
       Die Helden,  die diese  Barrikaden stürmten,  waren die Bourgeois
       des zweiten  Arrondissements, das  sich vom Palais Ex-Royal [119]
       bis über das ganze Faubourg Montmartre erstreckt. Hier wohnen die
       reichen Boutiquiers  1*) der  Straße Vivienne,  Richelieu und des
       Boulevards des Italiens, die großen Bankiers der Straßen Laffitte
       und Bergère und die lebenslustigen Rentiers der Chaussée d'Antin.
       Hier wohnen Rothschild und Fould, Rougemont de Lowemberg und Gan-
       neron. Hier liegt mit einem Wort die Börse, Tortoni [120] und was
       daran hängt und baumelt.
       Diese Helden,  zuerst und zumeist von der roten Republik bedroht,
       waren auch  zuerst auf dem Platze. Es ist bezeichnend, daß  d i e
       e r s t e   B a r r i k a d e  d e s  2 3.  J u n i  v o n  d e n
       B e s i e g t e n   d e s   2 4.  F e b r u a r   g e n o m m e n
       w u r d e.   Dreitausend Mann  stark rückten sie vor, vier Kompa-
       nien nahmen im Sturmschritt einen umgestürzten
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       1*) Krämer
       
       #114# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Omnibus. Die  Insurgenten scheinen  sich indes an der Porte Saint
       Denis wieder  festgesetzt zu haben, denn gegen Mittag mußte Gene-
       ral Lamoricière  mit starken  Detachements Mobilgarde, Linie, Ka-
       vallerie und  zwei Kanonen  anrücken, um zusammen mit der zweiten
       Legion (der  Nationalgarde des  2. Arrondissements)  eine  starke
       Barrikade zu  nehmen. Ein Peloton Mobilgarde wurde von den Insur-
       genten zum Rückzuge gezwungen.
       Der Kampf  auf dem Boulevard Saint Denis war das Signal zum Enga-
       gement in allen östlichen Bezirken von Paris. Er war blutig. Über
       30 Insurgenten wurden getötet oder verwundet. Die wütenden Arbei-
       ter schwuren, in der nächsten Nacht von allen Seiten loszubrechen
       und auf  Tod und Leben die "Munizipalgarde der Republik" [121] zu
       bekämpfen.
       Um elf Uhr schlug man sich ebenfalls in der Straße Planche-Mibray
       (Fortsetzung der  Straße Samt Martin nach der Seine zu), ein Mann
       wurde getötet.
       In der  Gegend der Hallen, Straße Rambuteau etc. kam es ebenfalls
       zu blutigen  Kollisionen. Vier  bis fünf  Tote  blieben  auf  dem
       Platz.
       Um ein  Uhr fand  in der  Rue du Paradis-Poissonnière ein Gefecht
       statt; die  Nationalgarde feuerte; das Resultat ist unbekannt. Im
       Faubourg Poissonnière  wurden nach blutigem Zusammenstoß zwei Un-
       teroffiziere der Nationalgarde entwaffnet.
       Die Straße Samt Denis wurde durch Kavalleriechargen gereinigt.
       Im Faubourg  Saint Jacques schlug man sich nachmittags mit großer
       Heftigkeit. In  den Straßen  Samt Jacques  und La  Harpe, auf dem
       Platz Maubert  wurde mit wechselndem Erfolge auf Barrikaden Sturm
       gelaufen und   s t a r k   m i t    K a r t ä t s c h e n    g e-
       s c h o s s e n.   Auch im Faubourg Montmartre schössen die Trup-
       pen mit Kanonen.
       Die Insurgenten  wurden im  ganzen zurückgedrängt.  Das Stadthaus
       blieb frei;  um drei  Uhr war  der Aufstand auf die Faubourgs und
       den Marais beschränkt.
       Übrigens sah  man   w e n i g  n i c h t  u n i f o r m i e r t e
       Nationalgardisten (d.h.  Arbeiter, die  kein Geld zur Anschaffung
       der Uniform  haben) unter  den Waffen. Dagegen waren Leute darun-
       ter, die   L u x u s w a f f e n,   Jagdflinten etc. trugen. Auch
       reitende Nationalgardisten (von jeher die jungen Leute der reich-
       sten Familien)  waren zu  Fuß in die Reihen der Infanterie getre-
       ten. Auf dem Boulevard Poissonnière ließen sich Nationalgardisten
       vom Volk ruhig entwaffnen und nahmen dann Reißaus.
       Um fünf  Uhr dauerte  der Kampf noch fort, als ein Platzregen ihn
       auf einmal suspendierte.
       An einzelnen  Stellen schlug  man sich jedoch bis spät abends. Um
       neun
       
       #115# Details über den 23. Juni
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       Uhr fielen  hoch Flintenschüsse im Faubourg St. Antoine, dem Zen-
       trum der Arbeiterbevölkerung.
       Bis jetzt  war der Kampf noch nicht mit der ganzen Heftigkeit ei-
       ner entscheidenden  Revolution geführt worden. Die Nationalgarde,
       mit Ausnahme  der zweiten  Legion, scheint meist gezaudert zu ha-
       ben, die Barrikaden anzugreifen. Die Arbeiter, wütend wie sie wa-
       ren, blieben,  wie sich versteht, auf die Verteidigung ihrer Bar-
       rikaden beschränkt.
       So trennte  man sich  des Abends, nachdem beide Parteien sich auf
       den nächsten  Morgen Rendezvous gegeben hatten. Der erste Tag des
       Kampfes gab  der Regierung  keine Vorteile;  die zurückgedrängten
       Insurgenten konnten  während der  Nacht, wie sie es auch wirklich
       taten, die  verlornen Posten  wieder besetzen.  Dagegen hatte die
       Regierung zwei  wichtige Tatsachen gegen sich: Sie hatte mit Kar-
       tätschen geschossen,  und sie  hatte die  Emeute nicht  am ersten
       Tage besiegt. Mit den Kartätschen aber und mit einer Nacht, nicht
       des Sieges,  sondern  des  bloßen  Waffenstillstandes,    h ö r t
       d i e   E m e u t e  a u f  u n d  f ä n g t  d i e  R e v o l u-
       t i o n  a n.
       
       Geschrieben von Friedrich Engels.

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