Quelle: MEW 5 März - November 1848


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       Der 24. Juni
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 28 vom 28. Juni 1848]
       Die ganze  Nacht war  Paris militärisch  besetzt. Starke  Piketts
       Truppen standen auf den Plätzen und auf den Boulevards.
       Um vier  Uhr morgens  ertönte der Generalmarsch. Ein Offizier und
       mehrere Mann  Nationalgarde gingen  in jedes  Haus und holten die
       Leute ihrer  Kompanie heraus,  die sich nicht freiwillig gestellt
       hatten.
       Um dieselbe  Zeit ertönt  der Kanonendonner wieder, am heftigsten
       in der  Gegend der  Brücke Saint Michel, dem Verbindungspunkt der
       Insurgenten des linken Ufers und der Cité. Der General Cavaignac,
       heute morgen mit der Diktatur bekleidet, brennt vor Begierde, sie
       gegen die Erneute auszuüben. Am vorigen Tage wurde die Artillerie
       nur ausnahmsweise  angewandt, und man schoß meistens nur mit Kar-
       tätschen; heute  aber wird  an allen Punkten Artillerie nicht nur
       gegen die  Barrikaden aufgefahren, sondern auch gegen die Häuser;
       nicht nur  mit Kartätschen wird geschossen, sondern mit  K a n o-
       n e n k u g e l n,   mit   G r a n a t e n  und mit  c o n g r e-
       v i s c h e n  R a k e t e n.
       Im oberen  Teile des Faubourg Saint Denis begann morgens ein hef-
       tiger Kampf.  Die Insurgenten hatten in der Nähe der Nordbahn ein
       im Bau begriffenes Haus und mehrere Barrikaden besetzt. Die erste
       Legion der  Nationalgarde griff  an, ohne jedoch irgendeinen Vor-
       teil zu erringen. Sie verschoß ihre Munition und hatte an fünfzig
       Tote und  Verwundete. Kaum  daß sie  ihre Position solange hielt,
       bis die  Artillerie herankam (gegen 10 Uhr), die das Haus und die
       Barrikaden in den Grund schoß. Die Truppen besetzten die Nordbahn
       wieder. Der  Kampf in dieser ganzen Gegend (Clos Saint Lazare 1*)
       genannt, was  die "Köln[ische] Zeitung" in den "Hofraum von Saint
       Lazare" verwandelt)  dauerte indes  noch lange fort und wurde mit
       großer Erbitterung
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 130
       
       #124# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       geführt. "Es ist eine wahre Metzelei", schreibt der Korrespondent
       eines belgischen Blattes [125]. An den Barrieren Rochechouart und
       Poissonnière erhoben  sich starke Barrikaden; die Verschanzung an
       der Allée  Lafayette war  ebenfalls wieder  aufgeworfen und  wich
       erst nachmittags den Kanonenkugeln.
       In den  Straßen Saint  Martin, Rambuteau  und du  Grand  Chantier
       konnten die  Barrikaden ebenfalls  erst mit Hülfe der Kanonen ge-
       nommen werden.
       Das Café  Cuisinier gegenüber der Brücke Saint Michel ist von den
       Kanonenkugeln zusammengeschossen worden.
       Der Hauptkampf fand aber nachmittags gegen drei Uhr statt auf dem
       Blumenquai, wo  der berühmte Kleiderladen "Zur schönen Gärtnerin"
       von 600  Insurgenten besetzt  und in eine Festung verwandelt war.
       Artillerie und  Linieninfanterie greifen an. Ein Winkel der Mauer
       wird niedergeschmettert.  Cavaignac, der  hier das  Feuer  selbst
       kommandiert, fordert  die Insurgenten  auf, sich  zu ergeben,  er
       werde sie  sonst   a l l e   über die Klinge springen lassen. Die
       Insurgenten wiesen  dies zurück.  Die Kanonade beginnt von neuem,
       und endlich  werden Brandraketen und Granaten hineingeworfen. Das
       Haus wird  total zusammengeschossen,  achtzig Insurgenten  liegen
       unter den Trümmern begraben.
       Im Faubourg Saint Jacques, in der Gegend des Pantheon, hatten die
       Arbeiter sich  ebenfalls nach  allen Seiten hin verschanzt. Jedes
       Haus mußte  belagert werden  wie in Saragossa [126]. Die Anstren-
       gungen des Diktators Cavaignac, diese Häuser zu stürmen, waren so
       fruchtlos, daß  der brutale algierische Soldat erklärte, er werde
       sie in  Brand stecken  lassen, wenn  die Besatzung sich nicht er-
       gebe.
       In der  Cité schossen  Mädchen aus  den Fenstern auf die Soldaten
       und die Bürgerwehr. Man mußte auch hier die Haubitzen wirken las-
       sen, um irgendeinen Erfolg zu erzielen.
       Das elfte Bataillon der Mobilgarde, das sich auf Seite der Insur-
       genten schlagen  wollte, wurde  von den Truppen und der National-
       garde niedergemacht. So sagt man wenigstens.
       Gegen Mittag  war die  Insurrektion entschieden  im Vorteil. Alle
       Faubourgs, die Vorstädte Les Batignolles, Montmartre, La Chapelle
       und La  Villette, kurz,  der ganze äußere Rand von Paris, von den
       Batignolles bis  zur Seine  und die größte Hälfte des linken Sei-
       neufers war  m ihren  Händen. Hier hatten sie 13 Kanonen erobert,
       die sie  nicht anwandten.  Im Zentrum drangen sie in der Cité und
       in der  untern Gegend der Straße Saint Martin vor aufs Stadthaus,
       das durch  Massen von Truppen gedeckt war. Aber dennoch, erklärte
       Bastide in  der Kammer,  werde es  in einer Stunde vielleicht von
       den Insurgenten
       
       #125# Der 24. Juni
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       genommen sein,  und in der Betäubung, die diese Nachricht hervor-
       rief, wurde  die Diktatur und der Belagerungszustand beschlossen.
       [127] Kaum  damit ausgestattet, griff Cavaignac zu den äußersten,
       den rohsten  Mitteln, wie  sie noch  nie in  einer  zivilisierten
       Stadt angewandt  worden sind,  wie sie selbst Radetzky in Mailand
       anzuwenden zauderte.  Das Volk  war wieder zu großmütig. Hätte es
       auf die  Brandraketen und  Haubitzen mit  Brennen geantwortet, es
       wäre am Abend Sieger gewesen. Aber es dachte nicht daran, gleiche
       Waffen zu gebrauchen wie seine Gegner.
       Die Munition  der Insurgenten  bestand meist aus Schießbaumwolle,
       die in  großen Massen im Faubourg Saint Jacques und im Marais fa-
       briziert wurde.  Auf dem Platz Maubert war eine Kugelgießerei an-
       gelegt.
       Die Regierung  bekam fortwährend  Unterstützung. Die  ganze Nacht
       hindurch kamen  Truppen nach  Paris; die  Nationalgarde von  Pon-
       toise, Rouen,  Meulan, Mantes,  Amiens, Havre kam an; Truppen von
       Orléans, Artillerie  und Pioniere  kamen von Arras und Douai, ein
       Regiment kam  von Orléans.  Am 24. morgens kamen 500 000 Patronen
       und zwölf  Stück Geschütz  von Vincennes in die Stadt; die Eisen-
       bahnarbeiter an der Nordbahn übrigens haben die Schienen zwischen
       Paris und  Saint Denis ausgehoben, damit keine Verstärkungen mehr
       ankommen.
       Diesen vereinigten  Kräften und  dieser unerhörten Brutalität ge-
       lang es am Nachmittage des 24., die Insurgenten zurückzudrängen.
       Mit welcher  Wut sich  die Nationalgarde  schlug und wie sehr sie
       wußte, daß  es in  diesem Kampf um ihre Existenz gehe, zeigt sich
       dann, daß  nicht nur  Cavaignac, sondern die Nationalgarde selbst
       das ganze  Viertel des  Panthéon   i n   B r a n d  s t e c k e n
       w o l l t e!
       Drei Punkte waren als Hauptquartiere der angreifenden Truppen de-
       signiert: die  Porte Samt  Denis, wo  General Lamoricière komman-
       dierte, das  Hôtel de  Ville 1*),  wo General Duvivier mit 14 Ba-
       taillonen stand,  und der  Platz der Sorbonne, von wo aus General
       Damesme das Faubourg Saint Jacques bekämpfte.
       Gegen Mittag  wurden die Zugänge des Platzes Maubert genommen und
       der Platz  selbst zerniert.  Um ein  Uhr fiel  der Platz; fünfzig
       Mann Mobilgarde  fielen dabei! Um dieselbe Zeit wurde nach hefti-
       ger und  anhaltender Kanonade das Pantheon genommen oder vielmehr
       übergeben. Die  fünfzehnhundert Insurgenten,  die hier verschanzt
       waren, kapitulierten  - wahrscheinlich  infolge der  Drohung  des
       Herrn Cavaignac  und der  wutschnaubenden  Bourgeois,  das  ganze
       Viertel den Flammen zu übergeben.
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       1*) Stadthaus
       
       #126# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Um dieselbe Zeit drangen die "Verteidiger der Ordnung" immer wei-
       ter vor  auf den  Boulevards und nahmen die Barrikaden der umlie-
       genden Straßen.  In der  Templestraße waren  die Arbeiter bis zur
       Ecke der Straße de la Corderie zurückgedrängt; in der Straße Bou-
       cherat schlug  man sich noch, ebenfalls jenseits des Boulevard im
       Faubourg du  Temple. In  der Straße Saint Martin fielen noch ein-
       zelne Flintenschüsse;  an der  Pointe Saint  Eustache hielt  sich
       noch eine Barrikade.
       Abends gegen  sieben Uhr  wurden dem General Lamoricière zwei Ba-
       taillone Nationalgarde  von Amiens  zugeführt, die  er sofort zur
       Umzingelung der  Barrikaden hinter  dem Château  d'Eau  1*)  ver-
       wandte. Das  Faubourg Saint  Denis war  um diese  Zeit ruhig  und
       frei, desgleichen  beinahe das  ganze linke Seineufer. Die Insur-
       genten waren in einem Teile des Marais und dem Faubourg Saint An-
       toine zerniert.  Diese beiden Viertel sind indes durch den Boule-
       vard Beaumarchais  und den  dahinterliegenden Kanal  Saint Martin
       getrennt, und dieser war frei für das Militär.
       Der General  Damesme, Kommandant  der Mobilgarde,  wurde bei  der
       Barrikade in  der Straße  de l'Estrapade  von einer  Kugel in den
       Schenkel getroffen.  Die Wunde ist nicht gefährlich. Auch die Re-
       präsentanten Bixio  und Domes sind nicht so gefährlich verwundet,
       als man  anfangs glaubte. Die Wunde des Generals Bedeau ist eben-
       falls leicht.  Um neun Uhr war das Faubourg Saint Jacques und das
       Faubourg Saint  Marceau so  gut wie genommen. Der Kampf war unge-
       mein heftig gewesen. Hier kommandierte jetzt der General Bréa.
       Der General  Duvivier im  Hôtel de Ville hatte weniger Erfolg ge-
       habt. Doch waren auch hier die Insurgenten zurückgedrängt.
       Der General  Lamoricière hatte  nach heftigem Widerstand die Fau-
       bourgs Poissonnière, Saint Denis und Saint Martin bis zu den Bar-
       rieren frei  gemacht. Nur  im Clos  Saint Lazare hielten sich die
       Arbeiter noch;  sie hatten  sich im  Hospital Louis-Philippe ver-
       schanzt.
       Dieselbe Nachricht  stattete der  Präsident 2*)  der Nationalver-
       sammlung um halb zehn Uhr abends ab. Er mußte sich indes mehrere-
       mal selbst  widerrufen. Er gab zu, daß man sich im Faubourg Saint
       Martin noch stark schösse [127]
       Der Stand der Dinge am 24. abends war also der:
       Die Insurgenten  behaupteten noch  etwa die  Hälfte des Terrains,
       das sie  am Morgen  des 23.  besetzt hielten. Dies Terrain machte
       den östlichsten Teil von Paris aus, die Faubourgs St. Antoine, du
       Temple, St. Martin und den
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       1*) Wasserschloß - 2*) Senard
       
       #127# Der 24. Juni
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       Marais. Das Clos St. Lazare und einige Barrikaden am Pflanzengar-
       ten bildeten ihre vorgeschobenen Posten.
       Der ganze übrige Teil von Paris war in den Händen der Regierung.
       Was am  meisten auffällt bei diesem verzweifelten Kampfe, ist die
       Wut, mit  der die  "Verteidiger der  Ordnung" kämpften.  Sie, die
       früher für jeden Tropfen "Bürgerblut" so zarte Nerven hatten, die
       selbst sentimentale Anfälle hatten über den Tod der Munizipalgar-
       disten  [128]  am  24.  Februar,  diese  Bourgeois  schießen  die
       Arbeiter  nieder   wie  die  wilden  Tiere.  In  den  Reihen  der
       Nationalgarde, in  der Nationalversammlung kein Wort von Mitleid,
       von Versöhnung,  keine Sentimentalität irgendeiner Art, wohl aber
       ein  gewaltsam  losbrechender  Haß,  eine  kalte  Wut  gegen  die
       empörten Arbeiter.  Die Bourgeoisie  führt, mit klarem Bewußtsein
       einen Vernichtungskrieg  gegen sie.  Ob sie  für  den  Augenblick
       siegt, oder  ob sie  gleich unterliegt,  die Arbeiter werden eine
       fürchterliche Rache  an ihr nehmen. Nach einem solchen Kampfe wie
       dem  der  drei  Junitage  ist  nur  noch    T e r r o r i s m u s
       möglich, sei er von der einen oder der ändern Partei ausgeübt.
       Wir teilen noch einiges aus einem Briefe eines Kapitäns der repu-
       blikanischen Garde über die Ereignisse des 23. und 24. mit.
       
       "Ich schreibe  Ihnen beim Knattern der Musketen, beim Donnern der
       Kanonen. Um  2 Uhr nahmen wir an der Spitze der Notre-Dame-Brücke
       drei Barrikaden;  später rückten  wir nach  der Straße St. Martin
       und durchschritten  sie in  ihrer ganzen  Länge. Als  wir auf den
       Boulevard kommen, sehen wir, daß er verlassen und leer ist wie um
       2 Uhr morgens. Wir steigen das Faubourg du Temple hinauf; ehe wir
       an die  Kaserne kommen, machen wir halt. Zweihundert Schritt wei-
       ter erhebt  sich eine  formidable Barrikade, gestützt auf mehrere
       andere, verteidigt von etwa 2000 Menschen. Wir parlamentieren mit
       ihnen während  zweier Stunden. Umsonst. Gegen 6 Uhr rückt endlich
       die Artillerie  heran; da  eröffnen die Insurgenten das Feuer zu-
       erst.
       Die Kanonen  antworteten und bis 9 Uhr zersplitterten Fenster und
       Ziegel von  dem Donner  der Geschütze;  es ist  ein entsetzliches
       Feuer. Das  Blut fließt in Strömen, während sich zu gleicher Zeit
       ein fürchterliches  Gewitter entladet. Soweit man sehen kann, ist
       das Straßenpflaster  von Blut  gerötet. Meine  Leute fallen unter
       den Kugeln der Insurgenten; sie verteidigen sich wie Löwen. Zwan-
       zigmal stürmen  wir, zwanzigmal  werden wir zurückgeschlagen. Die
       Zahl der  Toten ist  immens, die  Zahl der  Verwundeten noch viel
       größer. Um  9 Uhr  nahmen wir  die Barrikade  mit dem  Bajonette.
       Heute (24.  Juni) um  3 Uhr  morgens sind  wir noch immer auf den
       Beinen. Fortwährend  donnert das  Geschütz. Das  Pantheon ist das
       Zentrum.   Ich   bin   in   der   Kaserne.   Wir   bewachen   die
       G e f a n g e n e n,   die man  jeden Augenblick hereinbringt. Es
       sind viele  Verwundete darunter.   M a n c h e  e r s c h i e ß t
       m a n   s o g l e i c h.  Von 112 meiner Leute habe ich 53 verlo-
       ren."
       
       Geschrieben von Friedrich Engels.

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