Quelle: MEW 5 März - November 1848
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Der 25. Juni
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 29 vom 29. Juni 1848]
* Mit jedem Tage nahm die Heftigkeit, die Erbitterung, die Wut
des Kampfes zu. Die Bourgeoisie wurde immer fanatisierter gegen
die Insurgenten, je weniger ihre Brutalitäten sofort zum Ziele
führten, je mehr sie selbst im Kampf, Nachtwachen und Biwakieren
ermattete, je näher sie ihrem endlichen Siege rückte.
Die Bourgeoisie erklärte die Arbeiter nicht für gewöhnliche
Feinde, die man besiegt, sondern für F e i n d e d e r
G e s e l l s c h a f t, die man vernichtet. Sie verbreiteten
die absurde Behauptung, es sei den von ihnen selbst mit Gewalt in
den Aufstand hineingejagten Arbeitern nur um Plünderung, Brand-
stiftung und Mord zu tun, sie seien eine Bande Räuber, die man
niederschießen müsse wie die Tiere des Waldes. Und doch hatten
die Insurgenten während 3 Tagen einen großen Teil der Stadt inne
und benahmen sich höchst anständig. Hätten sie dieselben gewalt-
samen Mittel angewandt wie die von Cavaignac kommandierten Bour-
geois und Bourgeoisknechte, Paris läge m Trümmern, aber sie hät-
ten triumphiert.
Wie barbarisch die Bourgeois in diesem Kampfe verfuhren, geht aus
allen Einzelnheiten hervor. Von den Kartätschen, den Granaten,
den Brandraketen gar nicht zu sprechen, steht es fest, daß a u f
d e n m e i s t e n e r s t ü r m t e n B a r r i k a d e n
k e i n Q u a r t i e r g e m a c h t 1*) w u r d e. Die
Bourgeois schlugen alles ohne Ausnahme nieder, was sie vorfanden.
Am 24. abends wurden in der Allee des Observatoire über 50 gefan-
gene Insurgenten ohne alle Prozeßform erschossen. "Es ist ein
Vernichtungskrieg", schreibt ein Korrespondent der "Indépendance
Belge" [125], die selbst ein Bourgeoisblatt ist. Auf allen Barri-
kaden herrschte der Glaube, daß alle Insurgenten ohne Ausnahme
niedergemacht würden.
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1*) kein Pardon gegeben
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Als Larochejaquelein in der Nationalversammlung davon sprach, daß
man etwas tun müsse, um diesem Glauben entgegenzuwirken, ließen
ihn die Bourgeois gar nicht aussprechen und machten einen solchen
Lärm, daß der Präsident sich bedecken und die Sitzung unterbre-
chen mußte. [129] Als Herr Senard selbst später (s. unten Sitzung
der Versammlung) einige heuchlerische Worte der Milde und Versöh-
nung sprechen wollte, entstand derselbe Lärm. Die Bourgeois woll-
ten von Schonung nichts wissen. Selbst auf die Gefahr hin, einen
Teil ihres Eigentums durch ein Bombardement zu verlieren, waren
sie entschlossen, ein für allemal ein Ende zu machen mit den
Feinden der Ordnung, den Plünderern, Räubern, Brandstiftern und
Kommunisten.
Dabei hatten sie nicht einmal den Heldenmut, den ihre Journale
sich bemühen ihnen zuzuschreiben. Aus der heutigen Sitzung der
Nationalversammlung [130] geht hervor, daß beim Ausbruch des Auf-
standes die Nationalgarde vor Schrecken betäubt war; aus den Be-
richten aller Journale der verschiedensten Farben leuchtet trotz
aller pomphaften Phrasen hervor, daß um ersten Tage die National-
garde sehr schwach erschien, daß am zweiten und dritten Cavaignac
sie aus den Betten mußte holen und durch einen Gefreiten und vier
Mann ins Feuer führen lassen. Der fanatische Haß der Bourgeois
gegen die aufständischen Arbeiter war nicht imstande, ihre natür-
liche Feigheit zu überwinden.
Die Arbeiter dagegen schlugen sich mit einer Tapferkeit ohneglei-
chen. Immer weniger imstande, ihre Verluste zu ersetzen, immer
mehr durch die Obermacht zurückgedrängt, ermüdeten sie keinen Au-
genblick. Vom 25. morgens an mußten sie schon einsehen, daß die
Chancen des Siegs sich entschieden gegen sie kehrten. Massen auf
Massen neuer Truppen kamen an aus allen Gegenden; die National-
garde der Banlieue, die der entfernteren Städte kam in großen
Trupps nach Paris. Die Linientruppen, die sich schlugen, betrugen
um 25. über 40 000 Mann mehr als die gewöhnliche Garnison; die
Mobilgarde kam mit 20 000 bis 25 000 Mann hinzu; dann die Pariser
und auswärtige Nationalgarde. Dazu noch mehrere tausend Mann re-
publikanische Garde. Die ganze bewaffnete Macht, die gegen die
Insurrektion zu Felde zog, betrug am 25. gewiß an 150 000 bis
200 000 Mann, die Arbeiter waren höchstens den vierten Teil so
stark, hatten weniger Munition, gar keine militärische Direktion
und keine brauchbaren Kanonen. Aber sie schlugen sich schweigend
und verzweifelt gegen die kolossale Übermacht. Massen auf Massen
rückten heran auf die Breschen, die das schwere Geschütz in die
Barrikaden geschossen; ohne einen Ruf auszustoßen, empfingen sie
die Arbeiter und kämpften überall bis auf den letzten Mann, ehe
sie eine Barrikade m die Hände der Bourgeois fallen ließen. Auf
dem Montmartre riefen die Insurgenten den
#130# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Einwohnern zu: Wir werden entweder in Stücke gehauen oder wir
hauen die ändern in Stücke; wir werden aber nicht weichen, und
bittet Gott, daß wir siegen, denn Honst brennen wir ganz
Montmartre nieder. Diese nicht einmal erfüllte Drohung gilt na-
türlich als ein "abscheuliches Projekt", während die Granaten und
Brandraketen Cavaignacs "geschickte militärische Maßregeln sind,
denen jedermann Bewunderung zollt"!
Am 25. morgens hatten die Insurgenten folgende Positionen inne:
das Clos Saint Lazare, die Vorstädte St. Antoine und du Temple,
den Marais und das Viertel Saint Antoine.
Das Clos Saint Lazare (das ehemalige Klostergehege) ist eine
große Fläche Landes, teilweise bebaut, teilweise erst mit ange-
fangenen Häusern, projektierten Straßen etc. bedeckt. Der Nord-
bahnhof liegt gerade in seiner Mitte. In diesem an unregelmäßig
liegenden Gebäuden reichen Viertel, das außerdem eine Menge Bau-
material umfaßt, hatten die Insurgenten eine gewaltige Festung
aufgeworfen. Das im Bau begriffene Hospital Louis-Philippe war
ihr Zentrum, sie hatten furchtbare Barrikaden aufgeworfen, die
von Augenzeugen als ganz uneinnehmbar geschildert werden. Dahin-
ter lag die von ihnen zernierte und besetzte Ringmauer der Stadt.
Von da gingen ihre Verschanzungen bis in die Rue Rochechouart
oder in die Gegend der Barrieren. Die Barrieren des Montmartre
waren stark verteidigt, Montmartre war ganz von ihnen besetzt.
Vierzig Kanonen, seit zwei Tagen gegen sie donnernd, hatten sie
noch nicht reduziert.
Man schoß wieder den ganzen Tag mit 40 Kanonen auf diese Ver-
schanzungen; endlich abends 6 Uhr wurden die zwei Barrikaden der
Rue Rochechouart genommen und bald darauf fiel auch das Clos
Saint Lazare.
Auf dem Boulevard du Temple nahm die Mobilgarde morgens 10 Uhr
mehrere Häuser, von wo aus die Insurgenten ihre Kugeln in die
Reihen der Angreifer sandten. Die "Verteidiger der Ordnung" waren
etwa bis zum Boulevard des Filles du Calvaire vorgerückt. Inzwi-
schen wurden die Insurgenten im Faubourg du Temple immer höher
hinaufgetrieben, der Kanal Saint Martin stellenweise besetzt und
von hier sowie vom Boulevard aus die breiteren und geraden Stra-
ßen mit Artillerie stark beschossen. Der Kampf war ungemein hef-
tig. Die Arbeiter wußten sehr gut, daß man sie hier im Herzen ih-
rer Stellung angreife. Sie verteidigten sich wie Rasende. Sie
nahmen sogar Barrikaden wieder, aus denen man sie schon vertrie-
ben hatte. Aber nach langem Kampfe wurden sie von der Übermacht
der Zahl und der Waffen erdrückt. Eine Barrikade nach der ändern
fiel; bei Anbruch der Nacht war nicht nur das Faubourg du Temple,
sondern auch vermittelst des Boulevards und
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des Kanals die Zugänge zum Faubourg Saint Antoine und mehrere
Barrikaden in diesem Faubourg erobert.
Am Hôtel de Ville machte General Duvivier langsame aber gleichmä-
ßige Fortschritte. Von den Quais aus kam er den Barrikaden der
Rue Samt Antoine in die Flanken und beschoß zugleich die Insel
St. Louis und die ehemalige Insel Louvier [131] mit schwerem Ge-
schütz. Hier wurde ebenfalls ein sehr erbitterter Kampf geführt,
über den jedoch die Details mangeln und von dem man nur weiß, daß
um vier Uhr die Mairie des neunten Arrondissements nebst den um-
liegenden Straßen genommen, daß eine Barrikade der Rue Samt An-
toine nach der ändern erstürmt und die Brücke Damiette genommen
wurde, die den Zugang auf die Ile Saint Louis bildete. Mit An-
bruch der Nacht waren die Insurgenten hier überall vertrieben und
alle Zugänge des Bastillenplatzes befreit.
Damit waren die Insurgenten aus allen Teilen der Stadt geschla-
gen, mit Ausnahme des Faubourg Saint Antoine. Dies war ihre
stärkste Stellung. Die vielen Zugänge dieses Faubourg, des ei-
gentlichen Herdes aller Pariser Aufstände, waren mit besonderem
Geschick gedeckt. Schräge, einander gegenseitig deckende Barrika-
den, noch verstärkt durch das Kreuzfeuer der Häuser, boten eine
furchtbare Angriffsfronte dar. Ihr Sturm würde eine unendliche
Menge Leben gekostet haben.
Vor diesen Schanzen lagerten sich die Bourgeois oder vielmehr
ihre Knechte. Die Nationalgarde [118] hatte an diesem Tage wenig
getan. Die Linie und die Mobilgarde [117] hatten die meiste Ar-
beit vollzogen; die Nationalgarde besetzte die ruhigen und ero-
berten Stadtteile.
Am schlechtesten hat sich benommen die republikanische und die
Mobilgarde. Die republikanische Garde [121], neu organisiert und
epuriert wie sie war, schlug sich mit großer Erbitterung gegen
die Arbeiter, an denen sie ihre Sporen als republikanische Muni-
zipalgarde verdiente.
Die Mobilgarde, die zum größten Teil aus dem Pariser Lumpenprole-
tariat rekrutiert ist, hat sich in der kurzen Zeit ihres Beste-
hens vermittelst guter Zahlung schon sehr in eine prätorianische
Garde 1*) der jedesmaligen Machthaber verwandelt. Das organi-
sierte Lumpenproletariat hat dem nichtorganisierten arbeitenden
Proletariat seine Schlacht geliefert. Es hat sich, wie zu erwar-
ten war, der Bourgeoisie zur Verfügung gestellt, gerade wie die
Lazzaroni in Neapel zur Verfügung Ferdinands 2*). Nur die Abtei-
lungen der Mobilgarde, die aus w i r k l i c h e n Arbeitern
bestanden, gingen über.
Aber wie verächtlich erscheint die ganze jetzige Wirtschaft in
Paris,
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1*) Kaiserliche Leibwache im alten Rom - 2*) siehe vorl. Band, S.
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#132# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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wenn man sieht, wie diese ehemaligen Bettler, Vagabunden, Gauner,
Gamins 1*) und kleinen Diebe der Mobilgarde, die jeder Bourgeois
im März und April als eine nicht länger zu duldende, spitzbübi-
sche, aller Verwerflichkeiten fähige Räuberbande bezeichnete,
wenn diese Räuberbande jetzt gehätschelt, gepriesen, belohnt, de-
koriert wird, weil diese "jungen Helden", diese "Kinder von Pa-
ris", deren Tapferkeit unvergleichlich ist, die mit dem brillan-
testen Mute die Barrikaden erklettern usw. - weil diese gedanken-
losen Barrikadenkämpfer des Februar jetzt ebenso gedankenlos auf
das arbeitende Proletariat schießen, wie sie früher auf die Sol-
daten schössen, weil sie sich zur Niedermetzelung ihrer Brüder
haben bestechen lassen mit dreißig Sous per Tag! Ehre diesen be-
stochenen Vagabunden, weil sie um dreißig Sous per Tag den be-
sten, revolutionärsten Teil der Pariser Arbeiter niedergeschossen
haben!
Die Tapferkeit, mit der die Arbeiter sich geschlagen haben, ist
wahrhaft wunderbar. Dreißig- bis vierzigtausend Arbeiter, die
sich drei volle Tage halten gegen mehr als achtzigtausend Mann
Soldaten und hunderttausend Mann Nationalgarde, gegen Kartät-
schen, Granaten und Brandraketen, gegen die noble Kriegserfahrung
von Generälen, die sich nicht scheuen, algierische Mittel anzu-
wenden! Sie sind erdrückt und großenteils niedergemetzelt worden.
Ihren Toten werden nicht die Ehren erwiesen werden, wie den Toten
des Juli [16] und des Februar [17]; aber die Geschichte wird ih-
nen einen ganz ändern Platz anweisen, den Opfern der ersten ent-
scheidenden Feldschlacht des Proletariats.
Geschrieben von Friedrich Engels.
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1*) Gassenjungen
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