Quelle: MEW 5 März - November 1848
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Die Frankfurter Versammlung
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 1 vom 1. Juni 1848]
** Köln, 31. Mai. Seit vierzehn Tagen besitzt Deutschland eine
konstituierende Nationalversammlung, hervorgegangen aus der Wahl
des gesamten deutschen Volkes. [7]
Das deutsche Volk hatte sich in den Straßen fast aller großen und
kleinen Städte des Landes und speziell auf den Barrikaden von
Wien und Berlin seine Souveränetät erobert. Es hatte diese Souve-
ränetät in den Wahlen zur Nationalversammlung ausgeübt.
Der erste Akt der Nationalversammlung mußte sein, diese Souver-
änetät des deutschen Volkes laut und öffentlich zu proklamieren.
Ihr zweiter Akt mußte sein, die deutsche Verfassung auf Grundlage
der Volkssouveränetät auszuarbeiten und aus dem faktisch beste-
henden Zustande Deutschlands alles zu entfernen, was dem Prinzip
der Volkssouveränetät widersprach.
Während ihrer ganzen Session mußte sie die nötigen Maßregeln er-
greifen, um alle Reaktionsversuche zu vereiteln, um den revolu-
tionären Boden, auf dem sie steht, zu behaupten, um die Errungen-
schaft der Revolution, die Volkssouveränetät, vor allen Angriffen
sicherzustellen.
Die deutsche Nationalversammlung hat nun schon an ein Dutzend
Sitzungen gehalten und hat von dem allen nichts getan.
Dafür aber hat sie das Heil Deutschlands durch folgende Großtaten
sichergestellt:
Die Nationalversammlung erkannte, daß sie ein Reglement haben
müsse, denn sie wußte, wo zwei oder drei Deutsche zusammen sind,
da müssen sie ein Reglement haben, sonst entscheiden die Schemel-
beine. Nun hatte irgendein Schulmeister diesen Fall vorhergesehen
und ein apartes Reglement für die hohe Versammlung entworfen. Man
trägt auf provisorische Annahme
#15# Die Frankfurter Versammlung
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dieses Exerzitiums an; die meisten Deputierten kennen es nicht,
aber die Versammlung nimmt es ohne weiteres an, denn was wäre aus
den Vertretern Deutschlands geworden ohne Reglement? Fiat regle-
mentum partout et toujours! 1*)
Herr Raveaux aus Köln stellte einen ganz unverfänglichen Antrag
wegen der Kollisionsfälle zwischen der Frankfurter und Berliner
Versammlung. [8] Aber die Versammlung berät das definitive Regle-
ment, und obwohl Raveaux' Antrag eilt, so eilt das Reglement doch
noch mehr. Pereat mundus, fiat reglementum! 2*) Dennoch aber kann
die Weisheit der gewählten Pfahlbürger [9] sich nicht versagen,
auch einiges über den Raveauxschen Antrag zu bemerken, und all-
mählich, während man noch darüber spricht, ob das Reglement oder
der Antrag vorgehen sollen, produzieren sich bereits an die zwei
Dutzend Amendements zu diesem Antrage. Man unterhält sich hier-
über, man spricht, man bleibt stecken, man lärmt, man vertrödelt
die Zeit und vertagt die Abstimmung vom 19. auf den 22. Mai. Am
22. kommt die Sache wieder vor; es regnet neue Amendements, neue
Abschweifungen, und nach langem Reden und mehrfachem Durcheinan-
der beschließt man, die bereits auf die Tagesordnung gesetzte
Frage an die Abteilungen zurückzuverweisen. Damit ist die Zeit
glücklich herum, und die Herren Deputierten gehen essen.
Am 23. Mai zankt man sich erst über das Protokoll; dann nimmt man
wieder zahllose Anträge in Empfang, und dann will man wieder zur
Tagesordnung, nämlich zu dem vielgeliebten Reglement übergehen,
als Zitz aus Mainz die Brutalitäten des preußischen Militärs und
die despotischen Usurpationen des preußischen Kommandanten in
Mainz 3*) zur Sprache bringt. Hier lag ein unbestrittener, ein
gelungener Reaktionsversuch vor, ein Fall, der ganz speziell zur
Kompetenz der Versammlung gehörte. Es galt, den übermütigen Sol-
daten zur Rechenschaft zu ziehen, der es wagte, Mainz fast unter
den Augen der Nationalversammlung mit dem Bombardement zu bedro-
hen, es galt, die entwaffneten Mainzer in ihren eigenen Häusern
vor den Gewalttaten einer ihnen aufgedrängten, einer gegen sie
aufgehetzten Soldateska zu schützen. Aber Herr Bassermann, der
badische Wassermann, erklärt das alles für Kleinigkeiten; man
müsse Mainz seinem Schicksal überlassen, das Ganze gehe vor, hier
sitze die Versammlung und berate im Interesse von ganz Deutsch-
land ein Reglement - in der Tat, was ist das Bombardement von
Mainz dagegen? Pereat Moguntia, fiat reglementum! 4*) Aber die
Versammlung hat ein weiches Herz, erwählt eine Kommission, die
nach Mainz gehen und die Sache
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1*) Es walte das Reglement, überall und allezeit! - 2*) Und
sollte die Welt zugrunde gehen, es walte das Reglement! -
3*) siehe vorl. Band, S. 18 - 4*) Und sollte Mainz zugrunde ge-
hen, es walte das Reglement!
#16# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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untersuchen soll, und - es ist richtig wieder Zeit, die Sitzung
zu schließen und essen zu gehen.
Am 24. Mai endlich geht uns der parlamentarische Faden verloren.
Das Reglement scheint fertig geworden oder abhanden gekommen zu
sein, jedenfalls hören wir nichts mehr davon. Dafür aber stürzt
ein wahrer Hagelschauer wohlmeinender Anträge über uns her, in
denen zahlreiche Vertreter des souveränen Volkes die Hartnäckig-
keit ihres beschränkten Untertanenverstandes [10] bekundeten.
Dann kamen Einlaufe, Petitionen, Proteste usw., und endlich fand
der Nationalspülicht in zahllosen Reden ein vom Hundertsten ins
Tausendste gehendes Debouché. Doch darf nicht verschwiegen wer-
den, daß vier Komitees ernannt wurden.
Endlich verlangte Herr Schlöffel das Wort. Drei deutsche Staats-
bürger, die Herren Esselen, Pelz und Löwenstein hatten den Befehl
erhalten, Frankfurt noch an demselben Tage vor 4 Uhr nachmittags
zu verlassen. Die hoch- und wohlweise Polizei behauptete, ge-
nannte Herren hätten durch Reden im Arbeiterverein den Unwillen
der Bürgerschaft auf sich geladen und müßten deshalb fort! Und
das erlaubt sich die Polizei, nachdem das deutsche Staatsbürger-
recht vom Vorparlament [11] proklamiert, nachdem es selbst im
Verfassungsentwurf der siebzehn "Vertrauensmänner" [12] (hommes
de confiance de la diète) anerkannt ist! Die Sache ist dringend.
Herr Schlöffel verlangt das Wort darüber; es wird ihm verweigert;
er verlangt über die Dringlichkeit des Gegenstandes zu sprechen,
was ihm reglementsmäßig zustand, und diesmal hieß es fiat po-
litia, pereat reglementum! 1*) Natürlich, denn es war Zeit, nach
Hause zu gehen und zu essen.
Am 25. neigten sich die gedankenschweren Häupter der Abgeordneten
wieder unter den massenweise eingegangenen Anträgen wie reife
Kornähren unter dem Platzregen. Nochmals versuchten dann zwei De-
putierte, die Ausweisungsangelegenheit zur Sprache zu bringen,
aber auch ihnen wurde das Wort verweigert, selbst über die Dring-
lichkeit der Sache. Einige Einlaufe, namentlich einer der Polen,
waren viel interessanter als sämtliche Anträge der Deputierten.
Nun aber kam endlich die nach Mainz gesandte Kommission zu Worte.
Sie erklärte, sie könne erst morgen berichten; übrigens sei sie,
wie natürlich, zu spät gekommen; 8000 preußische Bajonette hätten
durch Entwaffnung von 1200 Bürgergardisten die Ruhe hergestellt,
und einstweilen könne man nur zur Tagesordnung übergehen. Dies
tat man, um sofort die Tagesordnung, nämlich den Raveauxschen An-
trag vorzunehmen. Da dieser in Frankfurt noch immer nicht erle-
digt, in Berlin aber längst durch ein
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1*) es walte die polizeiliche Staatsgewalt, und sollte das Regle-
ment zugrunde gehen!
#17# Die Frankfurter Versammlung
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Auerswaldsches Reskript zwecklos geworden war, so beschloß die
Nationalversammlung, die Sache bis morgen zu vertagen und essen
zu gehen.
Am 26. wurden wieder Myriaden von Anträgen angemeldet, und hier-
auf stattete die Mainzer Kommission ihren definitiven und sehr
unentschiedenen Bericht ab. Herr Hergenhahn, Ex-Volksmann und pro
tempore 1*) Minister, war Berichterstatter. Er schlug einen äu-
ßerst gemäßigten Beschluß vor, aber nach einer langen Diskussion
fand die Versammlung selbst diesen zahmen Vorschlag zu stark; sie
beschloß, die Mainzer der Gnade der von einem Hüser kommandierten
Preußen zu überlassen und ging, "in Erwartung, daß die Regierun-
gen tun werden, was ihres Amtes ist", zur Tagesordnung über!
Diese Tagesordnung bestand wieder darin, daß die Herren zum Essen
gingen.
Am 27. Mai endlich kam, nach langen Präliminarien von wegen des
Protokolls, der Raveauxsche Antrag zur Beratung. Man sprach hin
und her bis halb drei und ging dann essen; aber diesmal hielt man
eine Abendsitzung und brachte endlich die Sache zum Schluß. Da
wegen allzu großer Langsamkeit der Nationalversammlung Herr Au-
erswald den Raveauxschen Antrag schon erledigt hatte, so schloß
sich Herr Raveaux einem Amendement des Herrn Werner an, das die
Frage wegen der Volkssouveränetät weder bejahte noch verneinte.
Unsere Nachrichten über die Nationalversammlung gehen nicht wei-
ter, aber wir haben allen Grund zu glauben, daß sie nach diesem
Beschluß die Sitzung aufhob, um zum Essen zu gehen. Daß sie noch
so früh zum Essen kamen, verdanken sie bloß dem Worte Robert
Blums:
"Meine Herren, wenn Sie heute die Tagesordnung beschließen, so
möchte die ganze Tagesordnung dieser Versammlung auf eigentümli-
che Weise abgekürzt werden!"
Geschrieben von Friedrich Engels.
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1*) zur Zeit
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