Quelle: MEW 5 März - November 1848
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Die Junirevolution
[Der Verlauf des Aufstandes in Paris]
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 31 vom 1. Juli 1848]
** Allmählich kommt man dazu, die Junirevolution zu überschauen;
die Berichte vervollständigen sich, die Tatsachen lassen sich von
den Gerüchten wie von den Lügen scheiden, der Charakter des Auf-
standes tritt immer klarer hervor. Und je mehr es einem gelingt,
die Ereignisse der vier Junitage in ihrem Zusammenhange zu erfas-
sen, desto mehr erstaunt man über die kolossalen Dimensionen des
Aufstandes, über den heroischen Mut, die rasch improvisierte Or-
ganisation, die Einstimmigkeit der Insurgenten.
Der Schlachtplan der Arbeiter, der von Kersausie, einem Freunde
Raspails und ehemaligem Offizier, gemacht sein soll, war folgen-
der:
Die Insurgenten rückten in vier Kolonnen in konzentrischer Bewe-
gung auf das Stadthaus zu.
Die erste Kolonne, deren Operationsbasis die Vorstädte Mont-
martre, La Chapelle und La Villette waren, rückte von den
Barrieren Poissonnière, Rochechouart, St. Denis und La Villette
nach Süden, besetzte die Boulevards und näherte sich dem Stadt-
hause durch die Straßen Montorgueil, St. Denis und St. Martin.
Die zweite Kolonne, deren Basis die fast ganz von Arbeitern be-
wohnten und durch den Kanal St. Martin gedeckten Faubourgs du
Temple und St. Antoine waren, rückte durch die Straßen du Temple
und St. Antoine und über die Quais des nördlichen Seineufers
sowie durch alle Parallelstraßen der dazwischenliegenden
Stadtviertel auf dasselbe Zentrum vor.
Die dritte Kolonne, mit dem Faubourg St. Marceau, rückte vor
durch die Straße St. Victor und die Quais des südlichen Seineu-
fers auf die Insel der Cité.
Die vierte Kolonne, gestützt auf das Faubourg St. Jacques und die
Gegend der medizinischen Schule, rückte vor durch die Straße Samt
Jacques ebenfalls auf die Cité. Von hier aus drangen beide Kolon-
nen vereinigt durch das rechte Seineufer und nahmen das Stadthaus
im Rücken und in der Flanke.
#146# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Der Plan stützte sich demnach mit Recht auf die ausschließlich
von Arbeitern bewohnten Stadtteile, die die ganze östliche Hälfte
von Paris in einem Halbkreis umgeben und je breiter werden, desto
mehr man nach Osten kommt. Der Osten von Paris sollte erst von
allen Feinden gesäubert werden, und dann wollte man auf beiden
Seineufern gegen den Westen und dessen Zentren, die Tuilerien und
die Nationalversammlung, rücken.
Diese Kolonnen sollten von einer Menge fliegender Korps unter-
stützt werden, die neben und zwischen ihnen auf eigne Faust ope-
rierten, Barrikaden aufwarfen, die kleinen Straßen besetzten und
die Verbindungen aufrechterhielten.
Für den Fall eines Rückzugs waren die Operationsbasen stark ver-
schanzt und kunstgerecht in furchtbare Festungen verwandelt; so
das Clos St. Lazare, so das Faubourg und das Quartier St. Antoine
und das Faubourg St. Jacques. Wenn dieser Plan einen Fehler
hatte, so war es der, daß er die westliche Hälfte von Paris für
den Anfang der Operationen ganz unberücksichtigt ließ. Hier lie-
gen, zu beiden Seiten der Straße St. Honoré, an den Hallen und am
Palais National mehrere zu Erneuten vorzüglich geeignete Viertel,
die sehr enge und krumme Straßen haben und vorwiegend von Arbei-
tern bewohnt sind. Es war wichtig, hier einen fünften Herd der
Insurrektion anzulegen und dadurch sowohl das Stadthaus abzu-
schneiden wie auch eine große Truppenmasse an diesem vorspringen-
den Bollwerk zu beschäftigen. Der Sieg des Aufstandes hing davon
ab, daß man so bald wie möglich ins Zentrum von Paris vordrang,
daß man die Eroberung des Stadthauses sicherstellte. Wir können
nicht wissen, inwiefern es für Kersausie unmöglich war, hier die
Insurrektion zu organisieren. Es ist aber eine Tatsache, daß noch
nie ein Aufstand durchgedrungen ist, der sich nicht von vornher-
ein dieses Zentrums von Paris, das an die Tuilerien stößt, zu be-
mächtigen wußte. Wir erinnern nur an den Aufstand beim Begräbnis
des Generals Lamarque [148], der ebenfalls bis zur Straße Montor-
gueil vordrang, dann aber wieder zurückgedrängt wurde.
Die Insurgenten rückten nach ihrem Plane vor. Sie begannen gleich
durch zwei Hauptwerke ihr Terrain, das Paris der Arbeiter, von
dem Paris der Bourgeois zu scheiden: durch die Barrikaden der
Porte Saint Denis und die der Cité. Aus ersteren wurden sie ver-
drängt, die letzteren behaupteten sie. Der erste Tag, der 23.,
war ein bloßes Vorspiel. Der Plan der Insurgenten trat schon klar
hervor (wie ihn die "Neue Rh[einische] Z[ei]t[un]g"auch von
Anfang an ganz richtig aufgefaßt hat, s. Nr. 26, Extrabeilage
1*)), namentlich nach den
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1*) Siehe vorl. Band, S. 112-115
#147# Die Junirevolution
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ersten Vorpostengefechten des Morgens. Der Boulevard St. Martin,
der die Operationslinie der ersten Kolonne durchkreuzt, wurde der
Schauplatz heftiger Kämpfe, die hier mit dem teilweise durch die
Lokalität bedingten Siege der "Ordnung" endigten.
Die Zugänge der Cité wurden abgeschnitten, rechts durch ein flie-
gendes Korps, das in der Straße Planche-Mibray sich festsetzte,
links durch die dritte und vierte Kolonne, die die drei südlichen
Brücken der Cité besetzten und befestigten. Hier entspann sich
ebenfalls ein sehr heftiger Kampf. Es gelang der "Ordnung", sich
der Brücke St. Michel zu bemächtigen und bis zur Straße St. Jac-
ques vorzudringen. Bis zum Abend, schmeichelte sie sich, was die
Emeute unterdrückt.
Wenn der Plan der Insurgenten schon deutlich hervorgetreten war,
so war der der "Ordnung" mehr. Ihr Plan bestand vorderhand nur
darin, die Insurrektion mit allen Mitteln zu unterdrücken. Diese
Absicht kündigte sie den Insurgenten mit Kanonenkugeln und Kar-
tätschen an.
Aber die Regierung glaubte, eine rohe Bande gewöhnlicher, planlos
wirkender Emeutiers 1*) gegenüber zu haben. Nachdem sie bis gegen
Abend die Hauptstraßen frei gemacht hatten, erklärte sie, die Er-
neute sei besiegt, und besetzte die eroberten Stadtteile nur
höchst nachlässig mit Truppen.
Die Insurgenten wußten diese Nachlässigkeit vortrefflich zu be-
nutzen, um nach den Vorpostengefechten vom 23. die große Schlacht
einzuleiten. Es ist überhaupt wunderbar, wie rasch die Arbeiter
sich den Operationsplan aneigneten, wie gleichmäßig sie einander
in die Hände arbeiteten, wie geschickt sie das so verwickelte
Terrain zu benutzen wußten. Dies wäre rein unerklärlich, wenn
nicht die Arbeiter schon in den Nationalwerkstätten [115] ziem-
lich militärisch organisiert und in Kompanien eingeteilt gewesen
wären, so daß sie ihre industrielle Organisation nur auf ihre
kriegerische Tätigkeit zu übertragen brauchten, um sogleich eine
vollständig gegliederte Armee zu bilden.
Am Morgen des 24. war das verlorene Terrain nicht nur gänzlich
wieder besetzt, sondern noch neues hinzugenommen. Die Linie der
Boulevards bis ·zum Boulevard du Temple blieb freilich von den
Truppen besetzt und damit die erste Kolonne vom Zentrum abge-
schnitten; dafür aber drang die zweite Kolonne vom Quartier St.
Antoine vor, bis sie das Stadthaus fast umzingelt hatte. Sie
schlug ihr Hauptquartier in der Kirche St. Gervais auf, 300
Schritt vom Stadthaus, sie eroberte das Kloster St. Merry und die
umliegenden Straßen; sie drang bis weit über das Stadthaus hinaus
und schnitt dieses, in Verbindung
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1*) Unruhestifter
#148# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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mit den Kolonnen der Cité, fast gänzlich ab. Nur ein Zugang blieb
offen: die Quais des rechten Ufers. Im Süden war das Faubourg St.
Jacques wieder gänzlich besetzt, die Verbindungen mit der Cité
hergestellt, die Cité verstärkt und der Übergang aufs rechte Ufer
vorbereitet.
Da war allerdings keine Zeit mehr zu verlieren; das Stadthaus,
das revolutionäre Zentrum von Paris, war bedroht und mußte fal-
len, wenn nicht die entschiedensten Maßregeln ergriffen wurden.
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 32 vom 2. Juli 1848]
** Die erschrockene Nationalversammlung ernannte Cavaignac zum
Diktator [127], und dieser, von Algier her an "energisches" Ein-
schreiten gewöhnt, wußte was zu tun war.
Sofort rückten 10 Bataillone den breiten Quai de l'École entlang
nach dem Stadthause zu. Sie schnitten die Verbindungen der Insur-
genten der Cité mit dem rechten Ufer ab, stellten das Stadthaus
sicher und erlaubten sogar Angriffe auf die Barrikaden, die das
Stadthaus umgaben.
Die Straße Planche-Mibray und ihre Verlängerung, die Straße Saint
Maitin, wurde gereinigt und durch Kavallerie fortwährend rein ge-
halten. Die gegenüberliegende Brücke Notre-Dame, die nach der
Cité führt, wurde durch schweres Geschütz gefegt, und nun rückte
Cavaignac direkt auf die Cité los, um dort "energisch" zu verfah-
ren. Der Hauptposten der Insurgenten, die "Belle Jardinière" 1*),
wurde erst durch Kanonenkugeln zerschossen, dann durch Raketen in
Brand gesteckt; die Rue de la Cité wurde ebenfalls durch Kanonen-
kugeln erobert; drei Brücken nach dem linken Ufer wurden mit
Sturm genommen und die Insurgenten auf dem linken Ufer entschie-
den zurückgedrängt. Inzwischen befreiten die 14 Bataillone, die
auf dem Greveplatz und den Quais standen, das schon belagerte
Stadthaus, und die Kirche Saint Gervais wurde aus einem Haupt-
quartier auf einen verlernen Vorposten der Insurgenten reduziert.
Die Straße St. Jacques wurde nicht nur von der Cité her mit Ar-
tillerie angegriffen, sondern auch vom linken Ufer her in die
Flanke genommen. Der General Damesme drang längs dem Luxembourg
nach der Sorbonne vor, eroberte das Lateinische Viertel und
sandte seine Kolonnen gegen das Pantheon. Der Platz des Pantheons
war in eine furchtbare Festung verwandelt. Die Straße St. Jacques
war längst genommen, als die "Ordnung" hier immer noch ein unan-
greifbares Bollwerk fand. Kanonen und Bajonettangriffe waren
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1*) "Schöne Gärtnerin", bekanntes Kleiderhaus
#149# Die Junirevolution
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vergebens gewesen, als endlich Ermüdung, Mangel an Munition und
die von den Bourgeois angedrohte Brandstiftung die von allen Sei-
ten umringten 1500 Arbeiter zwangen, sich zu ergeben. Um dieselbe
Zeit fiel der Platz Maubert nach langer, tapfrer Gegenwehr in die
Hände der "Ordnung", und die Insurgenten, aus ihren festesten Po-
sitionen verdrängt, wurden genötigt, das ganze linke Seineufer
aufzugeben.
Inzwischen wurde die Stellung der Truppen und Nationalgarden auf
den Boulevards des rechten Seineufers ebenfalls benutzt, um nach
beiden Seiten hin zu wirken. Lamoricière, der hier kommandierte,
ließ die Straßen der Faubourgs St. Denis und St. Martin, den Bou-
levard du Temple und die halbe Templestraße durch schweres Ge-
schütz und durch rasche Truppenangriffe legen. Er konnte sich
rühmen, bis abends glänzende Erfolge erkämpft zu haben: Er hatte
die erste Kolonne im Clos St. Lazare abgeschnitten und zur Hälfte
umzingelt, die zweite zurückgedrängt und durch sein Vordringen
auf den Boulevards einen Keil in sie hineingetrieben.
Wodurch hatte Cavaignac diese Vorteile erobert?
Erstens durch die ungeheure Übermacht, die er gegen die Insurgen-
ten entwickeln konnte. Er hatte am 24. nicht nur die 20 000 Mann
Garnison von Paris, die 20 000 bis 25 000 Mann Mobilgarde und die
60 000 bis 80 000 Mann disponible Nationalgarde zu seiner Verfü-
gung, sondern auch die Nationalgarde der ganzen Umgegend von Pa-
ris und mancher entfernteren Stadt (20 000 bis 30 000 Mann), und
ferner 20 000 bis 30 000 Mann Truppen, die aus den umliegenden
Garnisonen schleunigst herbeigerufen waren. Am 24. morgens stan-
den ihm schon weit über 100 000 Mann zur Verfügung, die bis
abends sich noch um die Hälfte vermehrten. Und die Insurgenten
waren höchstens 40 000 bis 50 000 Mann stark!
Zweitens durch die brutalen Mittel, die er anwandte. Bisher war
nur e i n m a l in den Straßen von Paris mit Kanonen geschossen
worden - im Vendemiaire 1795, als Napoleon die Insurgenten in der
Rue Saint Honoré mit Kartätschen auseinanderjagte. [149] Aber ge-
gen Barrikaden, gegen Häuser war noch nie Artillerie angewandt
und noch viel weniger Granaten und Brandraketen. Das Volk war
noch nicht darauf vorbereitet; es war wehrlos dagegen, und das
einzige Gegenmittel, das Brennen, widerstrebte seinem noblen Ge-
fühl. Das Volk hatte bisher keine Ahnung von solch einer algier-
schen Kriegführung mitten in Paris gehabt. Darum wich es zurück,
und sein erstes Zurückweichen entschied seine Niederlage.
Am 25. rückte Cavaignac mit noch weit größeren Kräften vor. Die
Insurgenten waren auf ein einziges Viertel beschränkt, auf die
Faubourgs Saint Antoine und du Temple; außerdem besaßen sie noch
zwei vorgeschobne
#150# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Posten, das Clos St. Lazare und einen Teil des Viertels St. An-
toine bis zur Brücke von Damiette.
Cavaignac, der wieder 20 000 bis 30 000 Mann Verstärkungen nebst
bedeutenden Artillerieparks an sich gezogen hatte, ließ zuerst
die abgesonderten Vorposten der Insurgenten angreifen, namentlich
das Clos St. Lazare. Hier waren die Insurgenten wie in einer Zi-
tadelle verschanzt. Nach zwölfstündigem Kanonieren und Granaten-
werfen gelang es Lamoricière endlich, die Insurgenten aus ihren
Stellungen zu vertreiben und das Clos zu besetzen; es gelang ihm
jedoch erst, nachdem er einen Flankenangriff von den Straßen
Rochechouart und Poissonnière her möglich gemacht und nachdem er
die Barrikaden den ersten Tag mit 40, den zweiten mit noch mehr
Geschützen hatte zusammenschießen lassen.
Ein andrer Teil seiner Kolonne drang durch das Faubourg Saint
Martin in das Faubourg du Temple, erreichte aber keinen großen
Erfolg; ein dritter rückte die Boulevards hinunter nach der Ba-
stille zu, kam aber ebenfalls nicht weit, da hier eine Reihe der
furchtbarsten Barrikaden erst nach langem Widerstand einer hefti-
gen Kanonade erlag. Hier wurden die Häuser furchtbar zerstört.
Die Kolonne Duviviers, die vom Stadthause her angriff, trieb die
Insurgenten unter fortwährendem Kanonenfeuer immer weiter zurück.
Die Kirche St. Gervais wurde genommen, die Straße Samt Antoine
bis weit vom Stadthause gesäubert und durch mehrere den Quai und
seine Parallelstraßen entlangrückende Kolonnen wurde die Brücke
Damiette genommen, vermittelst welcher die Insurgenten des Vier-
tels St. Antoine sich an die der Inseln St. Louis und Cité an-
lehnten. Das Viertel Saint Antoine war flankiert, und den Insur-
genten blieb nur noch der Rückzug ins Faubourg, den sie unter
heftigen Gefechten mit einer über die Quais bis zur Mündung des
Kanals St. Martin und von da längs dem Kanal auf dem Boulevard
Bourdon vorrückenden Kolonne bewerkstelligten. Einige wenige Ab-
geschnittene wurden massakriert, nur wenige wurden als Gefangene
eingebracht.
Durch diese Operation war das Viertel St. Antoine und der Bastil-
lenplatz erobert. Gegen Abend gelang es der Kolonne Lamoricières,
den Boulevard Beaumarchais ganz zu erobern und auf dem Bastillen-
platze ihre Vereinigung mit den Truppen Duviviers zu bewerkstel-
ligen.
Die Eroberung der Brücke von Damiette erlaubte Duvivier, die In-
surgenten von der Insel St. Louis und der ehemaligen Insel Lou-
vier [131] zu vertreiben. Er tat dies mit einem anerkennenswerten
Aufwand von algierischer Barbarei. In wenig Stadtteilen wurde das
schwere Geschütz mit so verwüstendem Erfolg angewandt wie gerade
auf der Insel St. Louis. Doch was machte
#151# Die Junirevolution
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das? Die Insurgenten waren vertrieben oder massakriert, und die
"Ordnung" triumphierte unter den blutbefleckten Trümmern.
Auf dem linken Seineufer war noch ein Posten zu erobern. Die Au-
sterlitzer Brücke, die östlich vom Kanal St. Martin das Faubourg
St. Antoine mit dem linken Seineufer verbindet, war stark verbar-
rikadiert und auf dem linken Ufer, wo sie auf dem Platz Valhubert
vor dem Pflanzengarten mündet, mit einem starken Brückenkopf ver-
sehen. Dieser Brückenkopf, nach dem Fall des Panthéons und des
Platzes Maubert die letzte Schanze der Insurgenten auf dem linken
Ufer, wurde nach hartnäckiger Verteidigung genommen.
Für den nächsten Tag, den 26., bleibt den Insurgenten also nur
ihre letzte Festung, das Faubourg St. Antoine und ein Teil des
Faubourgs du Temple. Beide Faubourgs sind nicht sehr zu Straßen-
kämpfen geeignet; sie haben ziemlich breite und fast ganz grade
Straßen, die der Artillerie einen trefflichen Spielraum lassen.
Von der westlichen Seite sind sie durch den Kanal St. Martin vor-
trefflich gedeckt, von der nördlichen dagegen ganz offen. Hier
gehen fünf bis sechs ganz grade und breite Straßen mitten ins
Herz des Faubourg Saint Antoine hinab.
Die Hauptbefestigungen waren am Bastillenplatz und in der wich-
tigsten Straße des ganzen Viertels, der Straße des Faubourg St.
Antoine, angebracht. Barrikaden von merkwürdiger Stärke waren
hier errichtet, teils von den großen Pflasterquadern gemauert,
teils von Balken zusammengezimmert. Sie bildeten einen Winkel
nach innen zu, teils um die Wirkung der Kanonenkugeln zu schwä-
chen, teils um eine größere, ein Kreuzfeuer eröffnende Verteidi-
gungsfront darzubieten. In den Häusern waren die Brandmauern
durchbrochen und so jedesmal eine ganze Reihe in Verbindung mit-
einander gesetzt, so daß die Insurgenten nach dem Bedürfnis des
Augenblicks ein Tirailleurfeuer auf die Truppen eröffnen oder
sich hinter ihre Barrikaden zurückziehen konnten. Die Brücken und
Quais am Kanal sowie die Parallelstraßen des Kanals waren eben-
falls stark verschanzt. Kurz, die beiden noch besetzten Faubourgs
glichen einer vollständigen Festung, in der die Truppen jeden
Zollbreit Landes blutig erkämpfen mußten.
Am 26. morgens sollte der Kampf von neuem beginnen. Cavaignac
hatte aber wenig Lust, seine Truppen in dieses Gewirre von Barri-
kaden hineinzuschicken. Er drohte mit einem Bombardement. Die
Mörser und Haubitzen waren aufgefahren. Man unterhandelte. Wäh-
renddessen ließ Cavaignac die nächsten Häuser unterminieren - was
freilich wegen der Kürze der Zeit und wegen des eine der An-
griffslinien deckenden Kanals nur in sehr beschränktem Maße ge-
schehen konnte - und von den schon besetzten Häusern aus
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ebenfalls innere Kommunikationen mit den anstoßenden Häusern
durch Öffnungen in den Brandmauern herstellen.
Die Unterhandlungen zerschlugen sich; der Kampf begann wieder.
Cavaignac ließ den General Perrot vom Faubourg du Temple her, den
General Lamonciere vom Bastillenplatz her angreifen. Auf beiden
Punkten wurde stark gegen die Barrikaden kanoniert. Perrot drang
ziemlich rasch vor, nahm den Rest des Faubourgs du Temple und kam
an einigen Stellen sogar bis ins Faubourg St. Antoine. Lamonciere
kam langsamer vorwärts. Seinen Kanonen widerstanden die ersten
Barrikaden, obwohl die ersten Häuser der Vorstadt durch seine
Granaten in Brand geschossen wurden. Er unterhandelte nochmals.
Mit der Uhr in der Hand wartet er auf die Minute, wo er das Ver-
gnügen haben wird, das bevölkertste Viertel von Paris in Grund
und Boden zu schießen. Da endlich kapituliert ein Teil der Insur-
genten, während der andere, in seinen Flanken angegriffen, sich
nach kurzem Kampf aus der Stadt zurückzieht.
Das war das Ende des Barrikadenkampfes vom Juni. Draußen vor der
Stadt fielen noch Tirailleurgefechte vor, die aber ohne alle Be-
deutung waren. Die flüchtigen Insurgenten wurden in der Umgegend
versprengt und werden von Kavallerie einzeln eingefangen.
Wir haben diese rein militärische Darstellung des Kampfes gege-
ben, um unsern Lesern zu beweisen, mit welcher heldenmütigen Tap-
ferkeit, mit welcher Übereinstimmung, mit welcher Disziplin und
welchem militärischen Geschick die Pariser Arbeiter sich schlu-
gen. Ihrer 40 000 schlugen sich vier Tage lang gegen eine vierfa-
che Übermacht, und nur ein Haar fehlte, so waren sie Sieger. Nur
ein Haar und sie faßten Fuß im Zentrum von Paris, sie nahmen das
Stadthaus, sie setzten eine provisorische Regierung ein und ver-
doppelten ihre Anzahl, sowohl aus den eroberten Stadtteilen wie
aus den Mobilgarden, die damals nur eines Anstoßes bedurften, um
überzugehn.
Deutsche Blätter behaupten, dies sei die entscheidende Schlacht
zwischen der roten und der trikoloren Republik, zwischen
Arbeitern und Bourgeois gewesen. Wir sind überzeugt, daß diese
Schlacht n i c h t s entscheidet als den Zerfall der Sieger in
sich selbst. Im übrigen beweist der Verlauf der ganzen Sache, daß
die Arbeiter in gar nicht langer Frist siegen müssen, selbst wenn
wir die Sache rein militärisch betrachten. Wenn 40 000 Pariser
Arbeiter schon so Gewaltiges ausrichteten gegen die vierfache
Überzahl, was wird erst die Gesamtmasse der Pariser Arbeiter
zustande bringen, wenn sie einstimmig und im Zusammenhange wirkt!
K e r s a u s i e ist gefangen und in diesem Augenblick wohl
schon erschossen. Erschießen können ihn die Bourgeois, aber ihm
nicht den Ruhm nehmen,
#153# Die Junirevolution
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daß er z u e r s t d e n S t r a ß e n k a m p f o r g a n i-
s i e r t h a t. Erschießen können sie ihn, aber keine Macht
der Erde wird verhindern, daß seine Erfindungen in Zukunft bei
allen Straßenkämpfen benutzt werden. Erschießen können sie ihn,
aber nicht verhindern, daß sein Name als der des e r s t e n
B a r r i k a d e n f e l d h e r r n in der Geschichte fort-
dauert.
Geschrieben von Friedrich Engels.
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