Quelle: MEW 5 März - November 1848


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       #145#
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       Die Junirevolution
       
       [Der Verlauf des Aufstandes in Paris]
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 31 vom 1. Juli 1848]
       ** Allmählich  kommt man dazu, die Junirevolution zu überschauen;
       die Berichte vervollständigen sich, die Tatsachen lassen sich von
       den Gerüchten  wie von den Lügen scheiden, der Charakter des Auf-
       standes tritt  immer klarer hervor. Und je mehr es einem gelingt,
       die Ereignisse der vier Junitage in ihrem Zusammenhange zu erfas-
       sen, desto  mehr erstaunt man über die kolossalen Dimensionen des
       Aufstandes, über  den heroischen Mut, die rasch improvisierte Or-
       ganisation, die Einstimmigkeit der Insurgenten.
       Der Schlachtplan  der Arbeiter,  der von Kersausie, einem Freunde
       Raspails und  ehemaligem Offizier, gemacht sein soll, war folgen-
       der:
       Die Insurgenten  rückten in vier Kolonnen in konzentrischer Bewe-
       gung auf das Stadthaus zu.
       Die erste  Kolonne, deren  Operationsbasis  die  Vorstädte  Mont-
       martre, La  Chapelle  und  La  Villette  waren,  rückte  von  den
       Barrieren Poissonnière,  Rochechouart, St.  Denis und La Villette
       nach Süden,  besetzte die  Boulevards und näherte sich dem Stadt-
       hause durch die Straßen Montorgueil, St. Denis und St. Martin.
       Die zweite  Kolonne, deren  Basis die fast ganz von Arbeitern be-
       wohnten und  durch den  Kanal St.  Martin gedeckten  Faubourgs du
       Temple und  St. Antoine waren, rückte durch die Straßen du Temple
       und St.  Antoine und  über die  Quais des  nördlichen  Seineufers
       sowie  durch   alle   Parallelstraßen   der   dazwischenliegenden
       Stadtviertel auf dasselbe Zentrum vor.
       Die dritte  Kolonne, mit  dem Faubourg  St. Marceau,  rückte  vor
       durch die  Straße St.  Victor und die Quais des südlichen Seineu-
       fers auf die Insel der Cité.
       Die vierte Kolonne, gestützt auf das Faubourg St. Jacques und die
       Gegend der medizinischen Schule, rückte vor durch die Straße Samt
       Jacques ebenfalls auf die Cité. Von hier aus drangen beide Kolon-
       nen vereinigt durch das rechte Seineufer und nahmen das Stadthaus
       im Rücken und in der Flanke.
       
       #146# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Der Plan  stützte sich  demnach mit  Recht auf die ausschließlich
       von Arbeitern bewohnten Stadtteile, die die ganze östliche Hälfte
       von Paris in einem Halbkreis umgeben und je breiter werden, desto
       mehr man  nach Osten  kommt. Der  Osten von Paris sollte erst von
       allen Feinden  gesäubert werden,  und dann  wollte man auf beiden
       Seineufern gegen den Westen und dessen Zentren, die Tuilerien und
       die Nationalversammlung, rücken.
       Diese Kolonnen  sollten von  einer Menge  fliegender Korps unter-
       stützt werden,  die neben und zwischen ihnen auf eigne Faust ope-
       rierten, Barrikaden  aufwarfen, die kleinen Straßen besetzten und
       die Verbindungen aufrechterhielten.
       Für den  Fall eines Rückzugs waren die Operationsbasen stark ver-
       schanzt und  kunstgerecht in  furchtbare Festungen verwandelt; so
       das Clos St. Lazare, so das Faubourg und das Quartier St. Antoine
       und das  Faubourg St.  Jacques. Wenn  dieser  Plan  einen  Fehler
       hatte, so  war es  der, daß er die westliche Hälfte von Paris für
       den Anfang  der Operationen ganz unberücksichtigt ließ. Hier lie-
       gen, zu beiden Seiten der Straße St. Honoré, an den Hallen und am
       Palais National mehrere zu Erneuten vorzüglich geeignete Viertel,
       die sehr  enge und krumme Straßen haben und vorwiegend von Arbei-
       tern bewohnt  sind. Es  war wichtig,  hier einen fünften Herd der
       Insurrektion anzulegen  und dadurch  sowohl das  Stadthaus  abzu-
       schneiden wie auch eine große Truppenmasse an diesem vorspringen-
       den Bollwerk  zu beschäftigen. Der Sieg des Aufstandes hing davon
       ab, daß  man so  bald wie möglich ins Zentrum von Paris vordrang,
       daß man  die Eroberung  des Stadthauses sicherstellte. Wir können
       nicht wissen,  inwiefern es für Kersausie unmöglich war, hier die
       Insurrektion zu organisieren. Es ist aber eine Tatsache, daß noch
       nie ein  Aufstand durchgedrungen ist, der sich nicht von vornher-
       ein dieses Zentrums von Paris, das an die Tuilerien stößt, zu be-
       mächtigen wußte.  Wir erinnern nur an den Aufstand beim Begräbnis
       des Generals Lamarque [148], der ebenfalls bis zur Straße Montor-
       gueil vordrang, dann aber wieder zurückgedrängt wurde.
       Die Insurgenten rückten nach ihrem Plane vor. Sie begannen gleich
       durch zwei  Hauptwerke ihr  Terrain, das  Paris der Arbeiter, von
       dem Paris  der Bourgeois  zu scheiden:  durch die  Barrikaden der
       Porte Saint  Denis und die der Cité. Aus ersteren wurden sie ver-
       drängt, die  letzteren behaupteten  sie. Der  erste Tag, der 23.,
       war ein bloßes Vorspiel. Der Plan der Insurgenten trat schon klar
       hervor (wie  ihn  die  "Neue  Rh[einische]  Z[ei]t[un]g"auch  von
       Anfang an  ganz richtig  aufgefaßt hat,  s. Nr.  26, Extrabeilage
       1*)), namentlich nach den
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 112-115
       
       #147# Die Junirevolution
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       ersten Vorpostengefechten  des Morgens. Der Boulevard St. Martin,
       der die Operationslinie der ersten Kolonne durchkreuzt, wurde der
       Schauplatz heftiger  Kämpfe, die hier mit dem teilweise durch die
       Lokalität bedingten Siege der "Ordnung" endigten.
       Die Zugänge der Cité wurden abgeschnitten, rechts durch ein flie-
       gendes Korps,  das in  der Straße Planche-Mibray sich festsetzte,
       links durch die dritte und vierte Kolonne, die die drei südlichen
       Brücken der  Cité besetzten  und befestigten.  Hier entspann sich
       ebenfalls ein  sehr heftiger Kampf. Es gelang der "Ordnung", sich
       der Brücke  St. Michel zu bemächtigen und bis zur Straße St. Jac-
       ques vorzudringen.  Bis zum Abend, schmeichelte sie sich, was die
       Emeute unterdrückt.
       Wenn der  Plan der Insurgenten schon deutlich hervorgetreten war,
       so war  der der  "Ordnung" mehr.  Ihr Plan bestand vorderhand nur
       darin, die  Insurrektion mit allen Mitteln zu unterdrücken. Diese
       Absicht kündigte  sie den  Insurgenten mit Kanonenkugeln und Kar-
       tätschen an.
       Aber die Regierung glaubte, eine rohe Bande gewöhnlicher, planlos
       wirkender Emeutiers 1*) gegenüber zu haben. Nachdem sie bis gegen
       Abend die Hauptstraßen frei gemacht hatten, erklärte sie, die Er-
       neute sei  besiegt, und  besetzte die  eroberten  Stadtteile  nur
       höchst nachlässig mit Truppen.
       Die Insurgenten  wußten diese  Nachlässigkeit vortrefflich zu be-
       nutzen, um nach den Vorpostengefechten vom 23. die große Schlacht
       einzuleiten. Es  ist überhaupt  wunderbar, wie rasch die Arbeiter
       sich den  Operationsplan aneigneten, wie gleichmäßig sie einander
       in die  Hände arbeiteten,  wie geschickt  sie das  so verwickelte
       Terrain zu  benutzen wußten.  Dies wäre  rein unerklärlich,  wenn
       nicht die  Arbeiter schon  in den Nationalwerkstätten [115] ziem-
       lich militärisch  organisiert und in Kompanien eingeteilt gewesen
       wären, so  daß sie  ihre industrielle  Organisation nur  auf ihre
       kriegerische Tätigkeit  zu übertragen brauchten, um sogleich eine
       vollständig gegliederte Armee zu bilden.
       Am Morgen  des 24.  war das  verlorene Terrain nicht nur gänzlich
       wieder besetzt,  sondern noch  neues hinzugenommen. Die Linie der
       Boulevards bis  ·zum Boulevard  du Temple  blieb freilich von den
       Truppen besetzt  und damit  die erste  Kolonne vom  Zentrum abge-
       schnitten; dafür  aber drang  die zweite Kolonne vom Quartier St.
       Antoine vor,  bis sie  das Stadthaus  fast umzingelt  hatte.  Sie
       schlug ihr  Hauptquartier in  der Kirche  St.  Gervais  auf,  300
       Schritt vom Stadthaus, sie eroberte das Kloster St. Merry und die
       umliegenden Straßen; sie drang bis weit über das Stadthaus hinaus
       und schnitt dieses, in Verbindung
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       1*) Unruhestifter
       
       #148# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       mit den Kolonnen der Cité, fast gänzlich ab. Nur ein Zugang blieb
       offen: die Quais des rechten Ufers. Im Süden war das Faubourg St.
       Jacques wieder  gänzlich besetzt,  die Verbindungen  mit der Cité
       hergestellt, die Cité verstärkt und der Übergang aufs rechte Ufer
       vorbereitet.
       Da war  allerdings keine  Zeit mehr  zu verlieren; das Stadthaus,
       das revolutionäre  Zentrum von  Paris, war bedroht und mußte fal-
       len, wenn nicht die entschiedensten Maßregeln ergriffen wurden.
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 32 vom 2. Juli 1848]
       ** Die  erschrockene Nationalversammlung  ernannte Cavaignac  zum
       Diktator [127],  und dieser, von Algier her an "energisches" Ein-
       schreiten gewöhnt, wußte was zu tun war.
       Sofort rückten  10 Bataillone den breiten Quai de l'École entlang
       nach dem Stadthause zu. Sie schnitten die Verbindungen der Insur-
       genten der  Cité mit  dem rechten Ufer ab, stellten das Stadthaus
       sicher und  erlaubten sogar  Angriffe auf die Barrikaden, die das
       Stadthaus umgaben.
       Die Straße Planche-Mibray und ihre Verlängerung, die Straße Saint
       Maitin, wurde gereinigt und durch Kavallerie fortwährend rein ge-
       halten. Die  gegenüberliegende Brücke  Notre-Dame, die  nach  der
       Cité führt,  wurde durch schweres Geschütz gefegt, und nun rückte
       Cavaignac direkt auf die Cité los, um dort "energisch" zu verfah-
       ren. Der Hauptposten der Insurgenten, die "Belle Jardinière" 1*),
       wurde erst durch Kanonenkugeln zerschossen, dann durch Raketen in
       Brand gesteckt; die Rue de la Cité wurde ebenfalls durch Kanonen-
       kugeln erobert;  drei Brücken  nach dem  linken Ufer  wurden  mit
       Sturm genommen  und die Insurgenten auf dem linken Ufer entschie-
       den zurückgedrängt.  Inzwischen befreiten  die 14 Bataillone, die
       auf dem  Greveplatz und  den Quais  standen, das  schon belagerte
       Stadthaus, und  die Kirche  Saint Gervais  wurde aus einem Haupt-
       quartier auf einen verlernen Vorposten der Insurgenten reduziert.
       Die Straße  St. Jacques  wurde nicht nur von der Cité her mit Ar-
       tillerie angegriffen,  sondern auch  vom linken  Ufer her  in die
       Flanke genommen.  Der General  Damesme drang längs dem Luxembourg
       nach der  Sorbonne vor,  eroberte  das  Lateinische  Viertel  und
       sandte seine Kolonnen gegen das Pantheon. Der Platz des Pantheons
       war in eine furchtbare Festung verwandelt. Die Straße St. Jacques
       war längst  genommen, als die "Ordnung" hier immer noch ein unan-
       greifbares Bollwerk fand. Kanonen und Bajonettangriffe waren
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       1*) "Schöne Gärtnerin", bekanntes Kleiderhaus
       
       #149# Die Junirevolution
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       vergebens gewesen,  als endlich  Ermüdung, Mangel an Munition und
       die von den Bourgeois angedrohte Brandstiftung die von allen Sei-
       ten umringten 1500 Arbeiter zwangen, sich zu ergeben. Um dieselbe
       Zeit fiel der Platz Maubert nach langer, tapfrer Gegenwehr in die
       Hände der "Ordnung", und die Insurgenten, aus ihren festesten Po-
       sitionen verdrängt,  wurden genötigt,  das ganze  linke Seineufer
       aufzugeben.
       Inzwischen wurde  die Stellung der Truppen und Nationalgarden auf
       den Boulevards  des rechten Seineufers ebenfalls benutzt, um nach
       beiden Seiten  hin zu wirken. Lamoricière, der hier kommandierte,
       ließ die Straßen der Faubourgs St. Denis und St. Martin, den Bou-
       levard du  Temple und  die halbe  Templestraße durch schweres Ge-
       schütz und  durch rasche  Truppenangriffe legen.  Er konnte  sich
       rühmen, bis  abends glänzende Erfolge erkämpft zu haben: Er hatte
       die erste Kolonne im Clos St. Lazare abgeschnitten und zur Hälfte
       umzingelt, die  zweite zurückgedrängt  und durch  sein Vordringen
       auf den Boulevards einen Keil in sie hineingetrieben.
       Wodurch hatte Cavaignac diese Vorteile erobert?
       Erstens durch die ungeheure Übermacht, die er gegen die Insurgen-
       ten entwickeln  konnte. Er hatte am 24. nicht nur die 20 000 Mann
       Garnison von Paris, die 20 000 bis 25 000 Mann Mobilgarde und die
       60 000 bis  80 000 Mann disponible Nationalgarde zu seiner Verfü-
       gung, sondern  auch die Nationalgarde der ganzen Umgegend von Pa-
       ris und  mancher entfernteren Stadt (20 000 bis 30 000 Mann), und
       ferner 20 000  bis 30 000  Mann Truppen,  die aus den umliegenden
       Garnisonen schleunigst  herbeigerufen waren. Am 24. morgens stan-
       den ihm  schon weit  über 100 000  Mann zur  Verfügung,  die  bis
       abends sich  noch um  die Hälfte  vermehrten. Und die Insurgenten
       waren höchstens 40 000 bis 50 000 Mann stark!
       Zweitens durch  die brutalen  Mittel, die er anwandte. Bisher war
       nur  e i n m a l  in den Straßen von Paris mit Kanonen geschossen
       worden - im Vendemiaire 1795, als Napoleon die Insurgenten in der
       Rue Saint Honoré mit Kartätschen auseinanderjagte. [149] Aber ge-
       gen Barrikaden,  gegen Häuser  war noch  nie Artillerie angewandt
       und noch  viel weniger  Granaten und  Brandraketen. Das  Volk war
       noch nicht  darauf vorbereitet;  es war  wehrlos dagegen, und das
       einzige Gegenmittel,  das Brennen, widerstrebte seinem noblen Ge-
       fühl. Das  Volk hatte bisher keine Ahnung von solch einer algier-
       schen Kriegführung  mitten in Paris gehabt. Darum wich es zurück,
       und sein erstes Zurückweichen entschied seine Niederlage.
       Am 25.  rückte Cavaignac  mit noch weit größeren Kräften vor. Die
       Insurgenten waren  auf ein  einziges Viertel  beschränkt, auf die
       Faubourgs Saint  Antoine und du Temple; außerdem besaßen sie noch
       zwei vorgeschobne
       
       #150# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Posten, das  Clos St.  Lazare und einen Teil des Viertels St. An-
       toine bis zur Brücke von Damiette.
       Cavaignac, der  wieder 20 000 bis 30 000 Mann Verstärkungen nebst
       bedeutenden Artillerieparks  an sich  gezogen hatte,  ließ zuerst
       die abgesonderten Vorposten der Insurgenten angreifen, namentlich
       das Clos  St. Lazare. Hier waren die Insurgenten wie in einer Zi-
       tadelle verschanzt.  Nach zwölfstündigem Kanonieren und Granaten-
       werfen gelang  es Lamoricière  endlich, die Insurgenten aus ihren
       Stellungen zu  vertreiben und das Clos zu besetzen; es gelang ihm
       jedoch erst,  nachdem er  einen Flankenangriff  von  den  Straßen
       Rochechouart und  Poissonnière her möglich gemacht und nachdem er
       die Barrikaden  den ersten  Tag mit 40, den zweiten mit noch mehr
       Geschützen hatte zusammenschießen lassen.
       Ein andrer  Teil seiner  Kolonne drang  durch das  Faubourg Saint
       Martin in  das Faubourg  du Temple,  erreichte aber keinen großen
       Erfolg; ein  dritter rückte  die Boulevards hinunter nach der Ba-
       stille zu,  kam aber ebenfalls nicht weit, da hier eine Reihe der
       furchtbarsten Barrikaden erst nach langem Widerstand einer hefti-
       gen Kanonade erlag. Hier wurden die Häuser furchtbar zerstört.
       Die Kolonne  Duviviers, die vom Stadthause her angriff, trieb die
       Insurgenten unter fortwährendem Kanonenfeuer immer weiter zurück.
       Die Kirche  St. Gervais  wurde genommen,  die Straße Samt Antoine
       bis weit  vom Stadthause gesäubert und durch mehrere den Quai und
       seine Parallelstraßen  entlangrückende Kolonnen  wurde die Brücke
       Damiette genommen,  vermittelst welcher die Insurgenten des Vier-
       tels St.  Antoine sich  an die  der Inseln St. Louis und Cité an-
       lehnten. Das  Viertel Saint Antoine war flankiert, und den Insur-
       genten blieb  nur noch  der Rückzug  ins Faubourg,  den sie unter
       heftigen Gefechten  mit einer  über die Quais bis zur Mündung des
       Kanals St.  Martin und  von da  längs dem Kanal auf dem Boulevard
       Bourdon vorrückenden  Kolonne bewerkstelligten. Einige wenige Ab-
       geschnittene wurden  massakriert, nur wenige wurden als Gefangene
       eingebracht.
       Durch diese Operation war das Viertel St. Antoine und der Bastil-
       lenplatz erobert. Gegen Abend gelang es der Kolonne Lamoricières,
       den Boulevard Beaumarchais ganz zu erobern und auf dem Bastillen-
       platze ihre  Vereinigung mit den Truppen Duviviers zu bewerkstel-
       ligen.
       Die Eroberung  der Brücke von Damiette erlaubte Duvivier, die In-
       surgenten von  der Insel  St. Louis und der ehemaligen Insel Lou-
       vier [131] zu vertreiben. Er tat dies mit einem anerkennenswerten
       Aufwand von algierischer Barbarei. In wenig Stadtteilen wurde das
       schwere Geschütz  mit so verwüstendem Erfolg angewandt wie gerade
       auf der Insel St. Louis. Doch was machte
       
       #151# Die Junirevolution
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       das? Die  Insurgenten waren  vertrieben oder massakriert, und die
       "Ordnung" triumphierte unter den blutbefleckten Trümmern.
       Auf dem  linken Seineufer war noch ein Posten zu erobern. Die Au-
       sterlitzer Brücke,  die östlich vom Kanal St. Martin das Faubourg
       St. Antoine mit dem linken Seineufer verbindet, war stark verbar-
       rikadiert und auf dem linken Ufer, wo sie auf dem Platz Valhubert
       vor dem Pflanzengarten mündet, mit einem starken Brückenkopf ver-
       sehen. Dieser  Brückenkopf, nach  dem Fall  des Panthéons und des
       Platzes Maubert die letzte Schanze der Insurgenten auf dem linken
       Ufer, wurde nach hartnäckiger Verteidigung genommen.
       Für den  nächsten Tag,  den 26.,  bleibt den Insurgenten also nur
       ihre letzte  Festung, das  Faubourg St.  Antoine und ein Teil des
       Faubourgs du  Temple. Beide Faubourgs sind nicht sehr zu Straßen-
       kämpfen geeignet;  sie haben  ziemlich breite und fast ganz grade
       Straßen, die  der Artillerie  einen trefflichen Spielraum lassen.
       Von der westlichen Seite sind sie durch den Kanal St. Martin vor-
       trefflich gedeckt,  von der  nördlichen dagegen  ganz offen. Hier
       gehen fünf  bis sechs  ganz grade  und breite  Straßen mitten ins
       Herz des Faubourg Saint Antoine hinab.
       Die Hauptbefestigungen  waren am  Bastillenplatz und in der wich-
       tigsten Straße  des ganzen  Viertels, der Straße des Faubourg St.
       Antoine, angebracht.  Barrikaden von  merkwürdiger  Stärke  waren
       hier errichtet,  teils von  den großen  Pflasterquadern gemauert,
       teils von  Balken zusammengezimmert.  Sie bildeten  einen  Winkel
       nach innen  zu, teils  um die Wirkung der Kanonenkugeln zu schwä-
       chen, teils  um eine größere, ein Kreuzfeuer eröffnende Verteidi-
       gungsfront darzubieten.  In den  Häusern  waren  die  Brandmauern
       durchbrochen und  so jedesmal eine ganze Reihe in Verbindung mit-
       einander gesetzt,  so daß  die Insurgenten nach dem Bedürfnis des
       Augenblicks ein  Tirailleurfeuer auf  die Truppen  eröffnen  oder
       sich hinter ihre Barrikaden zurückziehen konnten. Die Brücken und
       Quais am  Kanal sowie  die Parallelstraßen des Kanals waren eben-
       falls stark verschanzt. Kurz, die beiden noch besetzten Faubourgs
       glichen einer  vollständigen Festung,  in der  die Truppen  jeden
       Zollbreit Landes blutig erkämpfen mußten.
       Am 26.  morgens sollte  der Kampf  von neuem  beginnen. Cavaignac
       hatte aber wenig Lust, seine Truppen in dieses Gewirre von Barri-
       kaden hineinzuschicken.  Er drohte  mit einem  Bombardement.  Die
       Mörser und  Haubitzen waren  aufgefahren. Man unterhandelte. Wäh-
       renddessen ließ Cavaignac die nächsten Häuser unterminieren - was
       freilich wegen  der Kürze  der Zeit  und wegen  des eine  der An-
       griffslinien deckenden  Kanals nur  in sehr beschränktem Maße ge-
       schehen konnte - und von den schon besetzten Häusern aus
       
       #152# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       ebenfalls innere  Kommunikationen  mit  den  anstoßenden  Häusern
       durch Öffnungen in den Brandmauern herstellen.
       Die Unterhandlungen  zerschlugen sich;  der Kampf  begann wieder.
       Cavaignac ließ den General Perrot vom Faubourg du Temple her, den
       General Lamonciere  vom Bastillenplatz  her angreifen. Auf beiden
       Punkten wurde  stark gegen die Barrikaden kanoniert. Perrot drang
       ziemlich rasch vor, nahm den Rest des Faubourgs du Temple und kam
       an einigen Stellen sogar bis ins Faubourg St. Antoine. Lamonciere
       kam langsamer  vorwärts. Seinen  Kanonen widerstanden  die ersten
       Barrikaden, obwohl  die ersten  Häuser der  Vorstadt durch  seine
       Granaten in  Brand geschossen  wurden. Er unterhandelte nochmals.
       Mit der  Uhr in der Hand wartet er auf die Minute, wo er das Ver-
       gnügen haben  wird, das  bevölkertste Viertel  von Paris in Grund
       und Boden zu schießen. Da endlich kapituliert ein Teil der Insur-
       genten, während  der andere,  in seinen Flanken angegriffen, sich
       nach kurzem Kampf aus der Stadt zurückzieht.
       Das war  das Ende des Barrikadenkampfes vom Juni. Draußen vor der
       Stadt fielen  noch Tirailleurgefechte vor, die aber ohne alle Be-
       deutung waren.  Die flüchtigen Insurgenten wurden in der Umgegend
       versprengt und werden von Kavallerie einzeln eingefangen.
       Wir haben  diese rein  militärische Darstellung des Kampfes gege-
       ben, um unsern Lesern zu beweisen, mit welcher heldenmütigen Tap-
       ferkeit, mit  welcher Übereinstimmung,  mit welcher Disziplin und
       welchem militärischen  Geschick die  Pariser Arbeiter sich schlu-
       gen. Ihrer 40 000 schlugen sich vier Tage lang gegen eine vierfa-
       che Übermacht,  und nur ein Haar fehlte, so waren sie Sieger. Nur
       ein Haar  und sie faßten Fuß im Zentrum von Paris, sie nahmen das
       Stadthaus, sie  setzten eine provisorische Regierung ein und ver-
       doppelten ihre  Anzahl, sowohl  aus den eroberten Stadtteilen wie
       aus den  Mobilgarden, die damals nur eines Anstoßes bedurften, um
       überzugehn.
       Deutsche Blätter  behaupten, dies  sei die entscheidende Schlacht
       zwischen  der   roten  und   der  trikoloren  Republik,  zwischen
       Arbeitern und  Bourgeois gewesen.  Wir sind  überzeugt, daß diese
       Schlacht   n i c h t s  entscheidet als den Zerfall der Sieger in
       sich selbst. Im übrigen beweist der Verlauf der ganzen Sache, daß
       die Arbeiter in gar nicht langer Frist siegen müssen, selbst wenn
       wir die  Sache rein  militärisch betrachten.  Wenn 40 000 Pariser
       Arbeiter schon  so Gewaltiges  ausrichteten gegen  die  vierfache
       Überzahl, was  wird erst  die Gesamtmasse  der  Pariser  Arbeiter
       zustande bringen, wenn sie einstimmig und im Zusammenhange wirkt!
       K e r s a u s i e   ist gefangen  und in  diesem Augenblick  wohl
       schon erschossen.  Erschießen können  ihn die Bourgeois, aber ihm
       nicht den Ruhm nehmen,
       
       #153# Die Junirevolution
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       daß er  z u e r s t  d e n  S t r a ß e n k a m p f  o r g a n i-
       s i e r t   h a t.   Erschießen können  sie ihn, aber keine Macht
       der Erde  wird verhindern,  daß seine  Erfindungen in Zukunft bei
       allen Straßenkämpfen  benutzt werden.  Erschießen können sie ihn,
       aber nicht  verhindern, daß  sein Name  als der  des  e r s t e n
       B a r r i k a d e n f e l d h e r r n   in der  Geschichte  fort-
       dauert.
       
       Geschrieben von Friedrich Engels.

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