Quelle: MEW 5 März - November 1848


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       #159#
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       Vereinbarungsdebatten
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 34 vom 4. Juli 1848]
       ** Köln,  2. Juli.  Nach der Tragödie die Idylle, nach dem Donner
       der Pariser  Junitage das Getrommel der Berliner Vereinbarer. Wir
       hatten die  Herren ganz  aus dem Aug verloren und finden nun, daß
       in demselben  Augenblick, wo  Cavaignac das  Faubourg St. Antoine
       kanonierte, Herr  Camphausen eine  wehmütige Abschiedsrede  hielt
       und Herr Hansemann das Programm des neuen Ministeriums unterbrei-
       tete. [25]
       Wir bemerken  zuerst mit Vergnügen, daß Herr Hansemann unsern Rat
       angenommen hat  1*) und   n i c h t   Ministerpräsident  geworden
       ist. Er  hat erkannt,  daß es  größer ist, Ministerpräsidenten zu
       m a c h e n  als Ministerpräsident zu  s e i n.
       Das neue  Ministerium ist  und  bleibt,  trotz  des  Namenborgens
       (prêtenom) Auerswald, das Ministerium Hansemann. Es gibt sich als
       solches, indem  es sich  als das  Ministerium der   T a t,    der
       Ausführung hinstellt.  Herr Auerswald  hat wahrhaftig  keinen An-
       sprach darauf, Minister der Tat zu sein!
       Das Programm des Herrn Hansemann ist bekannt. Wir gehen auf seine
       politischen Punkte  nicht ein,  sie sind  bereits zum  Futter der
       mehr oder minder kleinen deutschen Blätter geworden. Nur an einen
       Punkt hat  man sich  nicht gewagt, und damit Herr Hansemann nicht
       zu kurz kommt, wollen wir ihn nachnehmen.
       Herr Hansemann erklärt:
       
       "Zur Belebung  der Erwerbtätigkeit,  also zur Beseitigung der Not
       der handarbeitenden  Volksklassen, gibt es für jetzt kein wirksa-
       meres Mittel  als die Herstellung des geschwächten Vertrauens auf
       Erhaltung der  gesetzlichen Ordnung  und der  baldigen festen Be-
       gründung der  konstitutionellen Monarchie.  Indem wir  mit  allen
       Kräften dies  Ziel verfolgen,  w i r k e n  w i r  a l s o  d e r
       E r w e r b s l o s i g k e i t   u n d  N o t  a m  s i c h e r-
       s t e n  e n t g e g e n."
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 100/101
       
       #160# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Im Anfange  seines Programms  hatte Herr  Hansemann schon gesagt,
       daß er  zu diesem  Zweck neue  Repressionsgesetze vorlegen werde,
       soweit die  alte (polizeistaatliche!)  Gesetzgebung nicht ausrei-
       che.
       Das ist  deutlich genug. Die alte despotische Gesetzgebung reicht
       nicht aus!  Nicht der  Minister der  öffentlichen Arbeiten, nicht
       der Finanzminister, sondern der  K r i e g s m i n i s t e r  ist
       es, zu  dessen Ressort die Hebung der Not der arbeitenden Klassen
       gehört! Repressivgesetze  in erster, Kartätschen und Bajonette in
       zweiter Linie  - in  der Tat,  "es gibt kein wirksameres Mittel"!
       Sollte Herr Schreckenstein, dessen bloßer Name nach jener westfä-
       lischen Adresse [159] den Wühlern Schrecken einflößt, Lust haben,
       seine Trierer  Heldentaten [160]  fortzusetzen und  ein Cavaignac
       nach verjüngtem preußischen Maßstab zu werden?
       Doch Herr Hansemann hat noch andre als dies "wirksamste" Mittel:
       
       "Aber die  Beschaffung von Beschäftigung durch öffentliche Arbei-
       ten, die  dem Lande  wahren Nutzen  bringen, ist hierzu  e b e n-
       f a l l s  notwendig."
       
       Herr Hansemann  wird hier  also "noch  weit umfassendere Arbeiten
       zum Heil   a l l e r  erwerbenden Volksklassen anordnen" als Herr
       Patow. Aber er wird dies tun, "sobald es dem Ministerium gelingt,
       die durch Unruhen und  A u f r e i z u n g e n  genährten Besorg-
       nisse vor  dem Umsturz der staatlichen Verhältnisse zu beseitigen
       und das  zur Beschaffung  der erforderlichen  G e l d m i t t e l
       notwendige allgemeine   V e r t r a u e n  w i e d e r h e r z u-
       s t e l l e n".
       Herr Hansemann  kann für  den Augenblick keine Arbeiten vornehmen
       lassen, weil er kein Geld bekommen kann. Er kann erst Geld bekom-
       men, sobald  das Vertrauen  hergestellt ist. Aber sobald das Ver-
       trauen hergestellt  ist, sind,  wie er  selbst sagt, die Arbeiter
       beschäftigt, und  die Regierung   b r a u c h t  keine Beschäfti-
       gung mehr zu beschaffen.
       In diesem  keineswegs lasterhaften,  sondern sehr  bürgerlich-tu-
       gendhaften Kreislauf  drehen sich  die Maßregeln des Herrn Hanse-
       mann zur  Hebung der  Not. Für  den Augenblick hat Herr Hansemann
       den Arbeitern nichts zu bieten als Septembergesetze [6] und einen
       verkleinerten Cavaignac.  In der Tat, das ist ein Ministerium der
       T a t!
       Auf die  Anerkennung der  Revolution im  Programm gehen wir nicht
       weiter   ein.   Der   "wohlunterrichtete   G-Korrespondent"   der
       "Kölnischen Zeitung"  hat es dem Publikum bereits angedeutet, in-
       wiefern Herr  Hansemann den  Rechtsboden zum  Besten benachbarter
       Publizisten [161] gerettet hat. Herr Hansemann hat an der Revolu-
       tion das anerkannt, daß sie im Grunde keine Revolution war.
       Kaum hatte  Herr Hansemann  geendigt, so erhob sich der Minister-
       präsident
       
       #161# Vereinbarungsdebatten
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       Auerswald, der  doch auch  etwas sagen  mußte. Er  nahm einen be-
       schriebenen Zettel heraus und verlas ungefähr folgendes, aber un-
       gereimt:
       
       M.H.! Ich bin glücklich, heut
       In Eurer Mitte zu weilen,
       Wo so viel' edle Gemüter mir
       Mit Liebe entgegenheulen.
       Was ich in diesem Augenblick
       Empfinde, ist unermeßlich;
       Ach! Diese schöne Stunde bleibt
       Mir ewig unvergeßlich. [162]
       
       Wir bemerken, daß wir hierin dem ziemlich unverständlichen Zettel
       des Herrn Ministerpräsidenten noch die günstigste Deutung gegeben
       haben.
       Kaum ist Herr Auerswald fertig, so springt unser Hansemann wieder
       auf, um  durch eine Kabinettsfrage zu beweisen, daß er immer noch
       der alte ist. Er verlangt, der Adreßentwurf 1*) solle an die Kom-
       mission zurückgehen, und sagt:
       
       "Die Aufnahme,  welche dieser  erste Antrag  bei der  Versammlung
       findet, wird  einen Maßstab  geben von  dem größern oder kleinern
       Vertrauen, womit  die hohe  Versammlung das neue Ministerium auf-
       nimmt."
       
       Das war denn doch zu arg. Der Abgeordnete  W e i c h s e l,  ohne
       Zweifel ein  Leser der "Neuen Rheinischen Zeitung" 2*), rennt er-
       bost nach der Tribüne und spricht einen entschiedenen Protest ge-
       gen diese  unveränderliche Methode der Kabinettsfrage aus. Soweit
       ganz hübsch.  Aber wenn  ein Deutscher  einmal das Wort ergriffen
       hat, so läßt er's sich so bald nicht wieder nehmen, und so erging
       sich Herr  Weichsel nun  in einem  langen Diskurs über dieses und
       jenes, über die Revolution, das Jahr 1807 und das Jahr 1815, über
       ein warmes  Herz unter  einem Kittel  und mehrere  andere  Gegen-
       stände. Alles  dies, weil "es notwendig sei, daß er sich ausspre-
       che". Ein  furchtbarer Lärm,  mit einigen  Bravos der Linken ver-
       mischt, zwang den braven Mann, von der Tribüne zu steigen.
       Herr Hansemann versicherte die Versammlung, es sei keineswegs die
       Absicht des  Ministeriums,    l e i c h t s i n n i g    K a b i-
       n e t t s f r a g e n   zu erheben.  Auch sei  es  diesmal  keine
       ganze, sondern nur eine halbe Kabinettsfrage, also nicht der Mühe
       wert, davon weiter zu sprechen.
       Jetzt entspinnt sich eine Debatte, wie sie selten vorkommt. Alles
       spricht durcheinander,  und die  Verhandlung geht vom Hundertsten
       ins Tausendste.
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 53/54 - 2*) siehe vorl. Band, S. 29-31
       Marx/Engels, Werke, Bd. 5
       
       #162# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Kabinettsfrage, Tagesordnung,  Geschäftsordnung, polnische Natio-
       nalität, Vertagung mit resp. Bravos und Lärmen kreuzten sich eine
       Zeitlang. Endlich  bemerkt Herr Parrisius, Herr Hansemann habe im
       Namen des  Ministeriums einen  Antrag gestellt, während das Mini-
       sterium als  solches gar keine Anträge stellen, sondern bloß Mit-
       teilungen machen könne.
       Herr Hansemann erwidert: Er habe sich versprochen; der Antrag sei
       im Grunde  kein Antrag,  sondern bloß ein  W u n s c h  des Mini-
       steriums.
       Die großartige  Kabinettsfrage reduziert sich also auf einen blo-
       ßen "Wunsch" der Herren Minister!
       Herr Parrisius springt von der linken Seite auf die Tribüne. Herr
       Ritz von  der rechten. Oben begegnen sie sich. Eine Kollision ist
       unvermeidlich - keiner der beiden Helden will nachgeben -, da er-
       greift der  Vorsitzende, Herr  Esser, das  Wort, und beide Helden
       kehren um.
       Herr Zachariä  macht den  Antrag des Ministeriums zu dem seinigen
       und verlangt sofortige Debatte.
       Herr Zachariä,  der dienstwillige Handlanger dieses wie des vori-
       gen Ministeriums, der auch bei dem Berendsschen Antrage mit einem
       im rechten  Moment gestellten Amendement als rettender Engel auf-
       trat 1*),  findet zur  Motivierung seines  Antrags nichts mehr zu
       sagen.  Was   der  Herr   Finanzminister   gesagt   hat,   genügt
       vollständig.
       Es entspinnt  sich nun  eine längere Debatte mit den unentbehrli-
       chen Amendements,  Unterbrechungen, Trommeln,  Poltern und Regle-
       mentsspitzfindigkeiten. Es  ist nicht zu verlangen, daß wir unsre
       Leser durch dies Labyrinth geleiten, wir können ihnen bloß einige
       der anmutigsten Perspektiven in diesem Wirrwarr eröffnen.
       1. Der Abgeordnete Waldeck belehrt uns: Die Adresse kann nicht an
       die Kommission  zurückgehen, denn  die Kommission existiert nicht
       mehr.
       2. Der Abgeordnete  Hüffer entwickelt:  Die Adresse ist eine Ant-
       wort nicht  an die  Krone, sondern an die Minister. Die Minister,
       die die  Thronrede gemacht haben, existieren nicht mehr; wie sol-
       len wir also jemanden antworten, der nicht mehr existiert?
       3. Der Abgeordnete  d'Ester zieht  hieraus in  Form eines Amende-
       ments folgenden Schluß: Die Versammlung wolle die Adresse fallen-
       lassen.
       4. Dies Amendement wird vom Vorsitzenden,  E s s e r,  folgender-
       maßen beseitigt:  Dieser Vorschlag  scheint ein  neuer Antrag und
       kein Amendement zu sein.
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 74
       
       #163# Vereinbarungsdebatten
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       Das ist  das ganze  Skelett der  Debatte. Um  dies dünne  Skelett
       gruppiert sich aber eine Masse schwammiges Fleisch in Gestalt von
       Reden der  Herren Minister  Rodbertus und  Kühlwetter, der Herren
       Abgeordneten Zachariä, Reichensperger II usw.
       Die Situation  ist im höchsten Grade befremdend. Wie Herr Rodber-
       tus selbst  sagt, ist  es "in der Geschichte der Parlamente uner-
       hört, daß ein Ministerium abtrat, während der Adreßentwurf vorlag
       und die  Debatte darüber  beginnen sollte"! Preußen hat überhaupt
       das Glück,  daß in  seinen ersten  parlamentarischen sechs Wochen
       fast nur  "in der Geschichte der Parlamente unerhörte" Dinge vor-
       gekommen sind.
       Herr Hansemann  ist in  derselben  Klemme  wie  die  Kammer.  Die
       Adresse, ostensibel  eine Antwort  auf die  Thronrede Camphausen-
       Hansemann, soll der Sache nach eine Antwort auf das Programm Han-
       semann-Auerswald sein.  Die gegen Camphausen gefällige Kommission
       soll deshalb  eine gleiche Gefälligkeit gegen Herrn Hansemann be-
       weisen. Die  Schwierigkeit ist  nur, diese "in der Geschichte der
       Parlamente unerhörte" Forderung den Leuten heimbringen. Alle Mit-
       tel werden aufgeboten. Rodbertus, diese Äolsharfe des linken Zen-
       trums, säuselt  seine lindesten  Töne.  Kühlwetter  beschwichtigt
       nach allen  Seiten hin;  es sei ja möglich, daß man bei der neuen
       Prüfung des Adreßentwurfs "zu der Überzeugung gelangen könne, daß
       a u c h   j e t z t  k e i n e  V e r ä n d e r u n g  v o r z u-
       n e h m e n   i s t (!),  aber um diese Überzeugung zu gewinnen "
       (!!), müsse  der Entwurf  noch einmal  an die  Kommission zurück!
       Herr  Hansemann  endlich,  den  diese  lange  Debatte  wie  immer
       ennuyiert, durchhaut  den Knoten,  indem er  gradezu  ausspricht,
       weshalb der  Entwurf an  die Kommission zurückgehen soll: Er will
       nicht, daß  die neuen Veränderungen als ministerielle Amendements
       zur Hintertür  hineinschlüpfen, sie  sollen  als  Kommissionsvor-
       schläge zur  großen Flügeltür  und mit  weitgeöffneten Flügeln in
       den Saal hineinstolzieren.
       Der Ministerpräsident erklärt, es sei nötig, daß "das Ministerium
       in   v e r f a s s u n g s m ä ß i g e r  Weise beim Adreßentwurf
       m i t w i r k e".  Was das heißen soll und was Herr Auerswald da-
       bei für  Verfassungen im  Auge hat,  sind wir  selbst nach langem
       Nachdenken zu sagen nicht imstande. Um so weniger, als Preußen in
       diesem Augenblick gar keine Verfassung  h a t.
       Von der  entgegengesetzten Seite sind nur zwei Reden zu erwähnen:
       die der  Herren d'Ester und Hüffer. Herr d'Ester hat das Programm
       des Herrn Hansemann mit vielem Glück persifliert, indem er dessen
       frühere wegwerfende Äußerungen über Abstraktionen, nutzlose Prin-
       zipstreitigkeiten usw.  auf das sehr abstrakte Programm anwandte.
       D'Ester forderte  das Ministerium  der   T a t  auf, "endlich zur
       Tat zu schreiten und die Prinzipienfragen beiseite zu
       
       #164# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       lassen". Seinen  Antrag, den  einzig vernünftigen  des Tages, er-
       wähnten wir schon oben.
       Herr Hüffer,  der den  richtigen  Gesichtspunkt  in  betreff  der
       Adresse am  schärfsten ausgesprochen,  formulierte  ihn  auch  am
       schärfsten in  bezug auf  die Forderung  des Herrn Hansemann: Das
       Ministerium verlangt,  wir sollen im Vertrauen zu ihm die Adresse
       an die  Kommission zurückverweisen, und macht von diesem Beschluß
       seine Existenz  abhängig. Nun  aber kann das Ministerium ein Ver-
       trauensvotum nur  für Handlungen,  welche es  s e l b s t  a u s-
       ü b t,   in Anspruch  nehmen, nicht  aber für  Handlungen, welche
       e s  d e r  V e r s a m m l u n g  z u m u t e t.
       Kurz und  gut: Herr  Hansemann forderte  ein Vertrauensvotum, und
       die Versammlung,  um Herrn Hansemann eine Unannehmlichkeit zu er-
       sparen, votierte  ihrer Adreßkommission  einen indirekten  Tadel.
       Die Herren Abgeordneten werden unter dem Ministerium der Tat bald
       lernen, was  die berühmte  Treasury-Whip [163]  (Ministerialpeit-
       sche) für ein Ding ist.
       
       Geschrieben von Friedrich Engels.

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