Quelle: MEW 5 März - November 1848


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       #175#
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       Gerichtliche Untersuchung gegen die "Neue Rheinische Zeitung"
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 37 vom 7. Juli 1848]
       * Köln,  6. Juli. Wir erhalten soeben folgende Entgegnung auf den
       in der gestrigen "[Neuen] Rheinischen Zeitung" abgedruckten Arti-
       kel, de  dato "Köln, 4. Juli", betreffend die Verhaftung der Her-
       ren Dr. Gottschalk und Anneke 1*).
       
       "Ich erkläre  es für  eine Unwahrheit, daß ich auf die Beschwerde
       der Frau  Anneke über  die ohne  Gegenwart einer Magistratsperson
       vorgenommene Verhaftung ihres Mannes erwidert habe:
       ich habe   k e i n e n  B e f e h l  z u  B r u t a l i t ä t e n
       gegeben.
       Ich habe  vielmehr nur  geäußert, daß ich es bedauern müsse, wenn
       sich die Gendarmen ungebührlich benommen haben sollten.
       Ich erkläre  es ferner für eine Unwahrheit, daß ich mich des Aus-
       drucks bedient habe:
       die Gendarmen  seien zu  der  Verhaftung    r i c h t e r l i c h
       k o m m a n d i e r t  worden, und habe nur bemerkt, daß die Ver-
       haftung kraft  eines Vorführungsbefehls  des Herrn  Instruktions-
       richters vollzogen worden sei.
       Vorführungsbefehle werden  nach dem Gesetz durch Gerichtsvollzie-
       her oder  Agenten der bewaffneten Macht vollstreckt. Die Anwesen-
       heit eines  Beamten der  gerichtlichen Polizei ist nirgend vorge-
       schrieben.
       Die in  dem Artikel enthaltenen Verleumdungen resp. Beleidigungen
       gegen den Herrn Oberprokurator Zweiffel und die Gendarmen, welche
       die Verhaftung  vollzogen haben,  werden in der gerichtlichen Un-
       tersuchung, die  deshalb eingeleitet  werden wird, ihre Würdigung
       finden.
       Köln, den 5. Juli 1848
       Der Staatsprokurator:
       Hecker"
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 166-168
       
       #176# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Unsere werten  Leser ersehn  aus dem  Vorstehenden, daß die "Neue
       Rhein[ische] Z[ei]t[un]g"  einen neuen, vielversprechenden Mitar-
       beiter gewonnen hat - da Parquet.
       Wir haben  geirrt in  e i n e m  juristischen Punkt. Bei der Ver-
       haftung bedarf  es keines   "B e a m t e n  d e r  g e r i c h t-
       l i c h e n   P o l i z e i",   sondern nur  eines  A g e n t e n
       d e r   ö f f e n t l i c h e n   G e w a l t.  Mit welch sorgli-
       chen Garantien der Code die persönliche Sicherheit umgibt!
       Es bleibt  übrigens nach wie vor ungesetzlich, daß die Herrn Gen-
       darmen ihren  Verhaftungsbefehl nicht vorgezeigt haben. Es bleibt
       ungesetzlich, daß  sie, wie  uns  nachträglich  versichert  wird,
       schon   v o r   dem Erscheinen  des Herrn Hecker und seines Herrn
       Begleiters   B r i e f s c h a f t e n    d u r c h m u s t e r t
       haben. Vor allem aber bleiben die  B r u t a l i t ä t e n  unge-
       setzlich, die  Herr Hecker   b e d a u e r t   hat.  Wir sind er-
       staunt, eine gerichtliche Untersuchung nicht gegen die Herrn Gen-
       darmen, sondern  gegen die  Zeitung verhängt  zu sehn, welche die
       Ungebühr der Herrn Gendarmen denunziert.
       Die   B e l e i d i g u n g   könnte sich  nur auf  den einen der
       Herrn Gendarmen  beziehn, von  dem versichert  wurde, er  habe zu
       guter Stunde   "g e w a n k t"  aus mehr oder minder spirituellen
       oder spirituosen  Gründen. Ergibt  aber die Untersuchung, wie wir
       keinen Augenblick  zweifeln, die  Richtigkeit des  Tatbestandes -
       der von  den Herren Agenten der öffentlichen Gewalt verübten Bru-
       talitäten -,  so glauben wir nur den einzig  "m i l d e r n d e n
       U m s t a n d"   mit  der  ganzen  Unparteilichkeit,  welche  der
       Presse geziemt,  im eigensten Interesse der von uns beschuldigten
       Herren sorglichst hervorgehoben zu haben, und die menschenfreund-
       liche Angabe  des einzig mildernden Umstandes verwandelt das Par-
       quet in eine "Beleidigung"!
       Und nun die Beleidigung, resp. Verleumdung des Herrn Oberprokura-
       tor Zweiffel!
       Wir haben einfach berichtet und, wie wir selbst im Bericht andeu-
       teten,   G e r ü c h t e   berichtet, Gerüchte, die uns aus guter
       Quelle zukamen. Die Presse, sie hat aber nicht nur das Recht, sie
       hat die Pflicht, die Herren Volksrepräsentanten aufs genaueste zu
       überwachen. Wir haben zugleich angedeutet, daß die bisherige par-
       lamentarische Wirksamkeit des Herrn Zweiffel jene ihm zugeschrie-
       benen volksfeindlichen  Äußerungen nicht unwahrscheinlich macht -
       und will  man der Presse das Recht abschneiden, die parlamentari-
       sche Wirksamkeit  eines Volksrepräsentanten  zu    b e u r t e i-
       l e n?  Wozu dann die Presse?
       Oder hat  die Presse  nicht das Recht, in dem Volksrepräsentanten
       Zweiffel zuviel  von dem Oberprokurator und in dem Oberprokurator
       zuviel von  dem Volksrepräsentanten  zu finden? Wozu dann in Bel-
       gien, in  Frankreich usw.  die Debatten über die Inkompatibilitä-
       ten?
       
       #177# Gerichtliche Untersuchung gegen die "N. Rh. Ztg."
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       Was den  k o n s t i t u t i o n e l l e n  U s u s  betrifft, so
       lese man  nach, wie  der "Constitutionnel"  [146],  der  "Siècle"
       [173], die  "Presse" [174] unter Louis-Philippe die parlamentari-
       sche Wirksamkeit  der Herren  Hébert, Plougoulm usw. beurteilten,
       zur Zeit,  wo diese  Herren die  obersten Chefs  des Parquets und
       zugleich Deputierte  waren. Man lese die belgischen Blätter nach,
       und zwar  die engkonstitutionellen,  den "Observateur" [175], die
       "Politique", die  "Emancipation", wie  sie  die  parlamentarische
       Wirksamkeit des  Herrn Bavay  noch vor kaum einem Jahre beurteil-
       ten, als Herr Bavay in einer Person den Deputierten und den Gene-
       ralprokurator vereinigte.
       Und was  unter dem  Ministerium Guizot, unter dem Ministerium Ro-
       gier  stets  erlaubt  war,  sollte  nicht  erlaubt  sein  in  der
       M o n a r c h i e   a u f   b r e i t e s t e r    d e m o k r a-
       t i s c h e r   G r u n d l a g e?   Ein Recht, was kein Ministe-
       rium der  französischen Restauration  bestritt, wird  zum Unrecht
       unter dem    M i n i s t e r i u m    d e r    T a t,    das  die
       R e v o l u t i o n  i m  P r i n z i p  anerkennt?
       Übrigens hat  sich das  Publikum durch  unsere  Extrabeilage  von
       heute morgen  überzeugt, wie  richtig wir den Gang der Ereignisse
       beurteilt. Rodbertus  ist aus  dem Ministerium aus- und Ladenberg
       ist in  das Ministerium  eingetreten. Das  Ministerium des linken
       Zentrums hat  sich nach  einigen Tagen in ein entschieden  a l t-
       p r e u ß i s c h - r e a k t i o n ä r e s        M i n i s t e-
       r i u m   v e r w a n d e l t.   D i e   R e c h t e   hat  einen
       S t a a t s s t r e i c h   gewagt, die    L i n k e    hat  sich
       d r o h e n d  z u r ü c k g e z o g e n.  [176]
       Und es  wäre nicht  mit Händen zu greifen, daß die jüngsten Taten
       zu Köln  in dem  großen Feldzugsplan des  M i n i s t e r i u m s
       d e r  T a t  verzeichnet standen?
       Soeben wird  uns berichtet,  daß der  "Neuen Rheinischen Zeitung"
       der Zugang  ins Arresthaus  versperrt ist. Berechtigt die Gefäng-
       nisordnung zu  diesem Verbot?  Oder sind politisch Angeschuldigte
       zur Strafe  verurteilt, ausschließlich die "Kölnische Zeitung" zu
       lesen?
       
       Geschrieben von Karl Marx.

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