Quelle: MEW 5 März - November 1848


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       #185#
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       Vereinbarungsdebatte
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 39 vom 9. Juli 1848]
       ** Köln,  8. Juli.  Zugleich mit  der Nachricht von der Auflösung
       des Ministeriums Hansemann kommt uns auch der stenographische Be-
       richt über  die Vereinbarungssitzung vom 4. Juli zu. [25] In die-
       ser Sitzung  wurde das  erste Symptom  dieser Auflösung, der Aus-
       tritt des  Herrn Rodbertus,  bekanntgemacht und zugleich der Zer-
       fall des  Ministeriums durch  die beiden widersprechenden Abstim-
       mungen über  die Posener  Kommission und  den Austritt der Linken
       [176] einen bedeutenden Schritt weitergefördert.
       Die Ankündigungen  der Herrn  Minister über den Austritt von Rod-
       bertus enthalten  auch im  stenographischen Bericht nichts Neues.
       Wir übergehen  sie. Es erhob sich Herr Forstmann: Er müsse prote-
       stieren gegen die Ausdrücke, welche Herr Gladbach am 30. Juni von
       der "Deputation der achtbarsten Männer des Rheinlands und Westfa-
       lens" gebraucht habe. 1*)
       Herr Berg:  Ich habe bereits neulich zur Geschäftsordnung die Be-
       merkung gemacht,  daß die  Verlesung des Schreibens nicht hierher
       gehöre und  daß sie mich langweile. 2*) (Ruf:  U n s  langweile!)
       Gut,   u n s.   Ich habe für mich und  m e h r e r e  gesprochen,
       und der Umstand, daß wir heute durch eine nachträgliche Bemerkung
       gelangweilt werden, hebt diese Bemerkung nicht auf.
       Herr Tüshaus,  Referent der  Zentralabteilung in  der  posenschen
       Kommissionsfrage, stattet  Bericht ab. Die Zentralabteilung trägt
       darauf an,  daß die Kommission ernannt werde, um alle auf die Po-
       sener Angelegenheit  bezüglichen Fragen  zu untersuchen, und läßt
       die Frage  offen, welche Mittel die Kommission zu diesem Zweck zu
       ihrer Verfügung haben soll.
       Die Herren  Wolff, Müller,  Reichensperger II  und  Sommer  haben
       Amendements gestellt,  die sämtlich  unterstützt werden  und  zur
       Diskussion kommen.
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 182 - 2*) siehe vorl. Band, S. 178/179
       
       #186# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Herr Tüshaus  fügt seinem  Bericht noch einige Bemerkungen hinzu,
       in denen  er sich  gegen die  Kommission ausspricht. Die Wahrheit
       liege wie immer auch diesmal offenbar in der Mitte, und man werde
       nach langen  und widersprechenden  Berichten nur zu dem Resultate
       kommen, daß  von beiden  Seiten Unrecht  geschehen sei. Damit sei
       man gerade  so weit wie jetzt. Man solle sich wenigstens erst von
       der Regierung  einen detaillierten  Bericht geben lassen und dar-
       aufhin das Weitere beschließen.
       Wie kommt  die Zentralabteilung  dazu, einen  Berichterstatter zu
       wählen, der gegen seinen eignen Bericht das Wort ergreift?
       Herr Reuter  entwickelt die  Gründe, die ihn veranlaßten, den An-
       trag zur Ernennung der Kommission zu stellen. Er bemerkt schließ-
       lich, er  habe keineswegs eine Anklage der Minister beabsichtigt;
       er als Jurist wisse zu gut, daß alle bisherige Verantwortlichkeit
       der Minister  illusorisch sei,  solange kein  Gesetz über  diesen
       Punkt existiere.
       Herr Reichensperger  II erhebt  sich. Er  beteuert seine  enormen
       Sympathien für Polen, er hofft, daß der Tag nicht fern sein wird,
       wo die deutsche Nation den Enkeln Sobieskis eine alte Ehrenschuld
       abträgt. (Als  ob diese  Ehrenschuld nicht  längst abgetragen sei
       durch acht  Teilungen Polens,  durch Schrapnells, Höllenstein und
       Stockprügel!) "Aber wir werden auch die ruhigste Besonnenheit be-
       haupten müssen, damit die deutschen Interessen immerdar in erster
       Linie bleiben."  (Die  deutschen  Interessen  bestehen  natürlich
       dann, daß  man von dem Gebiet soviel behält wie möglich.) Und ge-
       gen eine  Kommission zur  Untersuchung des  Tatbestandes ist Herr
       Reichensperger besonders:  "Dies ist eine Frage, welche ausdrück-
       lich 1*)  der  G e s c h i c h t e  oder den Gerichten angehört."
       Hat Herr Reichensperger vergessen, daß er selbst in der Revoluti-
       onsdebatte erklärte,  die Herren  seien da, um  "G e s c h i c h-
       t e   z u   m a c h e n"?  2*) Er schließt mit einer juristischen
       Spitzfindigkeit über  die Stellung  der Abgeordneten.  Wir kommen
       später auf die Kompetenzfrage zurück.
       Jetzt aber  erhebt sich der Herr Bauer aus Krotoschin, selbst ein
       Deutschpole, um die Interessen seiner Genossenschaft zu verteidi-
       gen.
       
       "Ich hätte  gern die  Versammlung gebeten, einen Schleier vor die
       Vergangenheit zu  ziehen und sich nur mit der Zukunft eines Volks
       zu beschäftigen,  das unsere  Teilnahme  mit  Recht  in  Anspruch
       nimmt."
       
       Wie rührend!  Herr Bauer aus Krotoschin ist so sehr von Teilnahme
       an der  Zukunft des polnischen Volks in Anspruch genommen, daß er
       über seine  Vergangenheit, über  die Barbareien  der  preußischen
       Soldateska, der Juden
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       1*) Im stenogr.  Bericht: ausschließlich - 2 siehe vorl. Band, S.
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       #187# Vereinbarungsdebatte
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       und Deutschpolen "einen Schleier ziehen" möchte! Im Interesse der
       Polen selbst soll man die Sache fallenlassen!
       
       "Was verspricht  man sich von so betrübenden Erörterungen? Finden
       Sie die  Deutschen schuldig,  wollen Sie  deshalb weniger für die
       Wahrung ihrer  Nationalität, für  die Sicherung  ihrer Person und
       ihres Eigentums sorgen?"
       
       In der  Tat, eine großartige Offenherzigkeit! Herr Bauer aus Kro-
       toschin gibt  zu, daß  die Deutschen möglicherweise unrecht haben
       könnten -  aber wenn auch, die deutsche Nationalität muß doch auf
       Kosten der Polen unterstützt werden!
       
       "Ich vermag  nicht abzusehen,  was das Aufwühlen des Schuttes der
       Vergangenheit Ersprießliches zutage fördern kann für eine befrie-
       digende Lösung dieser schwierigen Fragen."
       
       Allerdings nichts  "Ersprießliches" für  die Herren  Deutschpolen
       und ihre  wütigen Bundesgenossen.  Darum sperren sie sich auch so
       sehr dagegen.
       Herr Bauer sucht dann die Versammlung zu intimidieren: Durch eine
       solche Kommission  werde von  neuem der Feuerbrand in die Gemüter
       geworfen, von  neuem der Fanatismus angeregt, und von neuem könne
       ein blutiger  Zusammenstoß entstehen.  Diese menschenfreundlichen
       Rücksichten verhindern  Herrn Bauer,  für die Kommission zu stim-
       men. Aber  damit es  nicht scheine, seine Kommittenten hätten die
       Kommission zu  fürchten, kann  er auch nicht dagegen stimmen. Aus
       Rücksicht für die Polen ist er  g e g e n,  aus Rücksicht für die
       Deutschen ist er  f ü r  die Kommission, und um in diesem Dilemma
       seine ganze Unparteilichkeit zu bewahren, stimmt er gar nicht.
       Ein anderer  Abgeordneter aus  Posen, Bußmann  von Gnesen,  sieht
       seine bloße  Gegenwart als  einen Beweis  an, daß  in Posen  auch
       Deutsche wohnen.  Er will statistisch beweisen, daß in seiner Ge-
       gend "ganze  Massen Deutsche" wohnen. (Unterbrechung.) Das Vermö-
       gen vollends sei zu mehr als zwei Drittel in den Händen der Deut-
       schen.
       
       "Dagegen glaube  ich den Beweis zu liefern, daß wir Preußen Polen
       nicht bloß  1815   d u r c h   u n s e r e   W a f f e n   e r o-
       b e r t   haben (!?!),  sondern durch  einen 33jährigen  Frieden,
       durch unsere  Intelligenz" (wovon  diese Sitzung  Proben  bietet)
       "zum zweiten  Male erobert  haben. (Unterbrechung.  Der Präsident
       fordert Herrn  Bußmann auf,  bei der  Sache  zu  bleiben.)  Gegen
       Reorganisation bin  ich nicht;  die vernünftigste  Reorganisation
       wäre aber  eine Gemeindeordnung  mit Wahl  der Beamten; diese und
       die Frankfurter Beschlüsse über Schutz aller Nationalitäten [183]
       würde den  Polen alle Garantien bieten. Gegen die Demarkationsli-
       nie bin  ich aber  sehr. (Unterbrechung.  Nochmalige  Zurechtwei-
       sung.) Wenn ich denn bei der Sache bleiben soll, so bin ich gegen
       die Kommission,  weil sie  nutzlos und  aufregend  ist;  übrigens
       fürchte ich sie nicht,
       
       #188# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       sondern werde  für die Kommission sein, wenn es darauf ankomme...
       (Unterbrechung: Er  spricht also  dafür!) Nein, ich spreche dage-
       gen... Meine  Herren, um wenigstens die Gründe, weslmll) der Auf-
       ruhr entstanden,  zu begreifen,  will ich  Ihnen mit  kurzen Wor-
       ten..." (Unterbrechung. Widerspruch.)
       
       Cieszkowski: Nicht unterbrechen! Ausreden lassen!
       Präsident: Ich bitte den Redner abermals, streng bei der Frage zu
       bleiben.
       Bußmann: "Ich  habe mich  gegen die Kommission darüber ausgespro-
       chen und habe weiter nichts zu sagen!"
       Mit diesen  wütenden Worten  verläßt der  entrüstete  deutschpol-
       nische Herr  Rittergutsbesitzer die  Tribüne und  eilt unter  dem
       schallenden Gelächter der Versammlung seinem Platze zu.
       Herr Heyne,  Abgeordneter des  Bromberger Kreises, sucht die Ehre
       seiner Landsleute  zu retten, indem er für die Kommission stimmt.
       Er kann  sich indes  auch nicht enthalten, den Polen Arglist, Be-
       trug usw. vorzuwerfen.
       Herr Baumstark,  ebenfalls ein  Deutschpole, ist wieder gegen die
       Kommission. Die Gründe sind immer die alten.
       Die Polen enthalten sich der Diskussion. Nur Pokrzywnicki spricht
       für die  Kommission. Es ist bekannt, daß gerade die Polen von je-
       her auf Untersuchung drangen, während es sich jetzt herausstellt,
       daß die  Deutschpolen mit  einer Ausnahme alle dagegen protestie-
       ren.
       Herr Pohle  ist so  wenig Pole,  daß er ganz Posen zu Deutschland
       rechnete und  die Grenze  zwischen Deutschland und Polen für eine
       "durch Deutschland gezogene Scheidewand" erklärte!
       Die Verteidiger  der Kommission sprachen im allgemeinen breit und
       mit wenig  Schärfe. Wie  bei ihren  Gegnern, kamen auch bei ihnen
       Wiederholungen über  Wiederholungen  vor.  Ihre  Argumente  waren
       meist feindlich trivialer Natur und weit weniger unterhaltend als
       die interessierten Beteuerungen der Deutschpolen.
       Auf die  Stellung der Minister, Beamten in dieser Frage sowie auf
       die vielberühmte Kompetenzfrage kommen wir morgen zurück.
       
       Geschrieben von Friedrich Engels.

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