Quelle: MEW 5 März - November 1848


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       #198#
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       Gerichtliche Untersuchung gegen die "Neue Rheinische Zeitung"
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 41 vom 11. Juli 1848]
       * Köln, 10. Juli. Gestern sind  e l f  Setzer unserer Zeitung und
       Herr Clouth  als Zeugen  vorgeladen worden,  um Dienstag, den 11.
       Juli, vor  dem Instruktionsamt zu erscheinen. Es handelt sich im-
       mer noch  darum, den Autor des angeschuldeten Artikels 1*) auszu-
       mitteln. Wir  erinnern uns,  daß zur  Zeit der alten "Rheinischen
       Zeitung" [188]  zur Zeit  der Zensur  und des Ministeriums Arnim,
       als man  den Einsender des famosen "Ehegesetzentwurfs" [189] aus-
       mitteln wollte,  weder zur Haussuchung noch zum Verhör der Setzer
       und des Druckereibesitzers geschritten wurde. Seit der Zeit haben
       wir allerdings  eine Revolution  erlebt, die das Unglück hat, von
       Herrn Hansemann anerkannt zu werden.
       Wir müssen  noch einmal auf die "Entgegnung" des Herrn Staatspro-
       kurator  Hecker vom 5. Juli zurückkommen. 2*)
       Herr Hecker  straft uns in dieser Entgegnung  L ü g e n  in Bezug
       auf die eine oder die andere ihm zugeschriebene Äußerung. Wir ha-
       ben vielleicht  jetzt die Mittel in der Hand, die Berichtigung zu
       berichtigen, aber  wer bürgt  uns dafür, daß in diesem ungleichen
       Kampf nicht  abermals mit  § 222 oder § 367 des Strafgesetzbuches
       [166] geantwortet wird?
       Die   E n t g e g n u n g   des Herrn  Hecker endet mit folgenden
       Worten:
       
       "Die in  dem Artikel"  (d[e] d[ato]  Köln, 4.  Juli) "enthaltenen
       V e r l e u m d u n g e n   r e s p.    B e l e i d i g u n g e n
       gegen den Herrn Oberprokurator Zweiffel und die Gendarmen, welche
       die Verhaftung vollzogen haben, werden in der  g e r i c h t l i-
       c h e n  U n t e r s u c h u n g,  die deshalb eingeleitet werden
       wird,  i h r e  W ü r d i g u n g  finden."
       
       I h r e   W ü r d i g u n g!    Haben    d i e    s c h w a r z -
       r o t - g o l d n e n  Farben in den unter dem Ministerium Kamptz
       [190] eingeleiteten  "gerichtlichen Untersuchungen" ihre  "W ü r-
       d i g u n g" gefunden?
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 166-168 - 2*) siehe vorl. Band, S. 175
       
       #199# Gerichtliche Untersuchung gegen die "N. Rh. Ztg."
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       Schlagen wir das Strafgesetzbuch nach. Wir lesen § 367:
       
       "Des Vergehens  der Verleumdung ist schuldig, wer an öffentlichen
       Orten, oder in einer authentischen und öffentlichen Urkunde, oder
       in einer  gedruckten oder ungedruckten Schrift, welche angeschla-
       gen, verkauft oder ausgeteilt worden ist, irgend jemanden solcher
       Tatsachen beschuldigt,  die,  w e n n  s i e  w a h r  w ä r e n,
       denjenigen, dem  sie Schuld  gegeben werden, einer kriminal- oder
       zuchtpolizeilichen Verfolgung,  oder auch nur der Verachtung oder
       dem Hasse der Bürger aussetzen würden."
       § 370:  "Wird die  den Gegenstand  der Beschuldigung  ausmachende
       Tatsache in   g e s e t z l i c h e r   Art als wahr erwiesen, so
       ist der  Urheber der  Beschuldigung von  aller Strafe  frei.  Als
       g e s e t z l i c h e r  Beweis wird nur derjenige angesehen, der
       aus einem   U r t e i l e   oder  aus irgendeiner  ändern    a u-
       t h e n t i s c h e n  U r k u n d e  hervorgeht."
       
       Zur Erläuterung dieses Paragraphen fügen wir noch § 368 hinzu:
       
       "Demzufolge wird  der Urheber der Beschuldigung zu seiner Vertei-
       digung   n i c h t   m i t   d e m   G e s u c h e   g e h ö r t,
       d e n   B e w e i s   d a r ü b e r   a u f z u n e h m e n;   er
       kann  ebensowenig  als    E n t s c h u l d i g u n g s g r u n d
       anführen, daß  die    B e w e i s s t ü c k e    o d e r    d i e
       T a t s a c h e  n o t o r i s c h  oder daß die Beschuldigungen,
       die zu  der Verfolgung Anlaß geben, aus fremden Blättern  o d e r
       s o n s t i g e n    D r u c k s c h r i f t e n    abgeschrieben
       oder ausgezogen worden seien." 1*)
       
       Die Kaiserzeit mit ihrem ganzen raffinierten Despotismus leuchtet
       aus diesen Paragraphen heraus.
       Dem   g e w ö h n l i c h e n  Menschenverstände nach wird jemand
       v e r l e u m d e t,   wenn man ihn erdichteter Tatsachen bezich-
       tigt; aber  im   a u ß e r g e w ö h n l i c h e n   Verstand des
       Strafgesetzbuchs   wird    er   verleumdet,    wenn    man    ihm
       w i r k l i c h e  Tatsachen vorwirft, Tatsachen, die  b e w i e-
       s e n   werden können,  aber  nur  nicht  auf  eine    e x z e p-
       t i o n e l l e   Art, nur  nicht durch  ein  U r t e i l,  durch
       eine   a m t l i c h e   U r k u n d e.   Wundertätige Kraft  der
       Urteile und  amtlichen Urkunden! Nur  V e r u r t e i l t e,  nur
       a m t l i c h   b e u r k u n d e t e   Tatsachen sind w a h r e,
       sind   w i r k l i c h e   Tatsachen. Hat  je ein  Gesetzbuch den
       gewöhnlichsten Menschenverstand  ärger  v e r l e u m d e t?  Hat
       je die  Bürokratie eine  ähnliche chinesische Mauer zwischen sich
       und der  Öffentlichkeit aufgeworfen?  Mit dem Schild dieses Para-
       graphen bedeckt,  sind Beamte  und Deputierte  u n v e r l e t z-
       l i c h  wie konstitutionelle Könige.  B e g e h e n  mögen diese
       Herren so  viele Tatsachen,  "die sie  dem Haß und der Verachtung
       der Bürger  preisgeben", als  sie für  gut  finden,  aber  ausge-
       sprochen, geschrieben,  gedruckt  dürfen  diese  Tatsachen  nicht
       werden unter  Strafe des Verlustes der bürgerlichen Rechte, nebst
       obligater Gefängnis-  und Geldstrafe.  Es lebe  die durch  die §§
       367, 368,  370 gemilderte  Preß- und Redefreiheit! Du wirst unge-
       setzlich eingesperrt. Die Presse denunziert die Ungesetzlichkeit.
       R e s u l t a t:     Die  Denunziation  findet  ihre  "W ü r d i-
       g u n g"  in einer
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       1*) Alle Hervorhebungen im Text des Strafgesetzbuches von Marx
       
       #200# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       "gerichtlichen Untersuchung"  wegen "Verleumdung" des ehrwürdigen
       Beamten, der  die Ungesetzlichkeit begangen hat, es sei denn, daß
       ein Wunder  geschieht und über die Ungesetzlichkeit, die er heute
       begeht, schon gestern ein  U r t e i l  gefällt worden ist.
       Kein Wunder,  daß die  rheinischen Juristen,  und unter ihnen der
       V o l k s r e p r ä s e n t a n t   Zweiffel, gegen  eine    P o-
       l e n k o m m i s s i o n   mit absoluter Vollmacht gestimmt! Von
       ihrem Standpunkt  aus mußten  die Polen  wegen    "V e r l e u m-
       d u n g"  der Colomb, Steinäcker, Hirschfeld, Schleinitz, pommer-
       scher Landwehrmänner  und altpreußischer Gendarmen zur Entziehung
       ihrer bürgerlichen  Rechte nebst  obligater Gefängnis-  und Geld-
       strafe verurteilt werden. So wäre die eigentümliche Pazifizierung
       Posens rühmlichst gekrönt.
       Und welcher Widerspruch, mit Bezugnahme auf diese §§ des Strafge-
       setzbuchs das  Gerücht von der Drohung des Fertigwerdens mit "dem
       19. März,  den Klubs  und der  Preßfreiheit"  1*)  eine    V e r-
       l e u m d u n g   zu taufen!  Als wäre nicht die Anwendung der §§
       367, 368,  370 des  Strafgesetzbuchs  auf  politische  Reden  und
       Schriften die  wirkliche definitive  Abfertigung des 19. März und
       der Klubs  und der  Preßfreiheit! Was  ist ein  Klub  ohne  Rede-
       freiheit? Und  was ist  die Redefreiheit mit §§ 367, 368, 370 des
       Strafgesetzbuchs? Und  was ist  der 19. März ohne Klubs und Rede-
       freiheit? Rede-  und Preßfreiheit durch die  T a t  unterdrücken,
       gibt es  einen schlagendem  Beweis, daß  nur die   V e r l e u m-
       d u n g   von der  A b s i c h t  dieser Tat fabeln konnte? Hütet
       euch, die  gestern auf  dem Gürzenich  abgefaßte Adresse [191] zu
       unterschreiben. Das Parquet wird eure Adresse  "w ü r d i g e n",
       indem es eine  "g e r i c h t l i c h e  U n t e r s u c h u n g"
       einleitet wegen   "V e r l e u m d u n g"   von  Hansemann-Auers-
       wald, oder dürfen nur die  M i n i s t e r  ungestraft verleumdet
       werden, verleumdet  im Sinn  des französischen  Strafgesetzbuchs,
       dieses in Lapidarstil ausgehauenen Kodex' der politischen Sklave-
       rei? Besitzen  wir verantwortliche Minister und unverantwortliche
       Gendarmen?
       Nicht also  der angeschuldigte  Artikel kann  seine    W ü r d i-
       g u n g   finden durch  die Anwendung  der Paragraphen  über  die
       "V e r l e u m d u n g   i m   j u r i s t i s c h e n  S i n n",
       der Verleumdung  im Sinne  einer    d e s p o t i s c h e n,  den
       gesunden Menschenverstand  empörenden   F i k t i o n.   Was dann
       seine Würdigung  finden kann,  das sind  einzig  und  allein  die
       Errungenschaften der  Märzrevolution, das  ist der  Höhegrad, den
       die Kontrerevolution  erreicht hat,  das ist  die  Waghalsigkeit,
       womit die  Bürokratie die  Waffen, die  sich noch  im Arsenal der
       alten  Gesetzgebung  finden,  gegen  das  neue  politische  Leben
       hervorholen  und   geltend  machen   darf.  Diese  Anwendung  des
       Kalumnieartikels bei Angriffen auf
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 168
       
       #201# Gerichtliche Untersuchung gegen die "N. Rh. Ztg."
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       V o l k s r e p r ä s e n t a n t e n,   welch prächtiges Mittel,
       die Herrn der Kritik und die Presse der Jury zu entziehen?
       Gehen wir  von der  Klage der   V e r l e u m d u n g   über  zur
       Klage der   B e l e i d i g u n g.   Da  begegnet uns  § 222, der
       also lautet:
       
       "Wenn eine  oder mehre  obrigkeitliche Personen  aus dem  Verwal-
       tungs- oder  gerichtlichen Fache   i n   d e r    A u s ü b u n g
       i h r e r    A m t s p f l i c h t e n    oder    a u s    V e r-
       a n l a s s u n g   d i e s e r   A u s ü b u n g  irgendeine Be-
       leidigung durch   W o r t e   erfahren, welche dahin zielen, ihre
       Ehre oder  ihre Delikatesse  anzugreifen, so wird derjenige, wel-
       cher sie auf diese Art beleidigt hat, mit Gefängnis von einem Mo-
       nat bis zu zwei Jahren bestraft."
       
       Herr Zweiffel  funktionierte, als  der Artikel der "Neuen Rheini-
       schen Zeitung"  erschien, als   V o l k s r e p r ä s e n t a n t
       z u  B e r l i n  und keineswegs als  o b r i g k e i t l i c h e
       P e r s o n   a u s   d e m   g e r i c h t l i c h e n   F a c h
       z u   K ö l n.   Da er  keine Amtsverrichtungen  ausübte, war  es
       tatsächlich unmöglich,  ihn in  Ausübung seiner Amtsverrichtungen
       oder aus Veranlassung dieser Ausübung zu beleidigen. Die Ehre und
       Delikatesse der  Herren Gendarmen  aber stände nur dann unter der
       Schutzwache dieses  Artikels, wenn  man sie  d u r c h  W o r t e
       (par parole)  beleidigt hätte.  Wir haben  aber  g e s c h r i e-
       b e n   und nicht   g e s p r o c h e n,   und  par écrit 1*) ist
       nicht par  parole. Was  bleibt also  übrig? Die  Moral, mit  mehr
       Umsicht von  dem letzten  Gendarmen als von dem ersten Prinzen zu
       sprechen,  und  namentlich  die  höchst  irritablen  Herren  vorn
       Parquet nicht  anzutasten sich  zu erfrechen. Das Publikum machen
       wir noch  einmal darauf  aufmerksam, daß  an verschiedenen  Orten
       gleichzeitig, so  zu Köln,  zu Düsseldorf,  zu  Koblenz    d i e-
       s e l b e n   Verfolgungen begonnen haben. Sonderbare Methode des
       Zufalls!
       
       Geschrieben von Karl Marx.
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       1*) durch Schriften

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