Quelle: MEW 5 März - November 1848


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       Herr Forstmann über den Staatskredit
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 44 vom 14. Juli 1848]
       ** Köln,  13. Juli.  In der Vereinbarungssitzung vom 7. d. [Mts.]
       [25] schlug  Herr Forstmann alle Zweifel der gewissenlosen Linken
       an der  Unerschütterlichkeit des  preußischen Staatskredits durch
       folgendes siegreiche Argument zu Boden:
       
       "Ich bitte  zu entscheiden, ob das Vertrauen zu Preußens Finanzen
       auf Null  gesunken, wenn an der gestrigen Börse ein 3 1/2 prozen-
       tiges Staatspapier  bei einem  Diskonto von  5 1/2 Prozent auf 72
       Prozent gestanden!"
       
       Man sieht,  Herr Forstmann  ist ebensowenig  Börsenspekulant  als
       Staatsökonom. Wäre die Voraussetzung des Herrn Forstmann richtig,
       daß der  Preis der  Staatspapiere stets im umgekehrten Verhältnis
       zum Preis des Geldes steht, so ständen die preußischen 3 1/2 pro-
       zentigen allerdings  merkwürdig günstig.  Sie dürften  dann,  bei
       5 1/2 Prozent  Diskonto, nicht 72, sondern nur 63 zu stehen. Aber
       wer hat  dem Herrn  Forstmann gesagt, daß - nicht im Durchschnitt
       von 5  bis 10  Jahren, sondern im einzelnen Moment der Geschäfts-
       stockung - dies umgekehrte Verhältnis existiert?
       Wovon hängt  der Preis  des Geldes  ab? Von dem jedesmaligen Ver-
       hältnis der  Nachfrage zum  Angebot, von  dem gerade  vorhandenen
       Geldmangel oder  Geldüberfluß. Wovon  hängt der  Geldmangel  oder
       Geldüberfluß ab?  Von dem  jedesmaligen Stande der Industrie, von
       dem Stocken  oder der  Prosperität des  Verkehrs  im  ganzen  und
       großen.
       Wovon hängt  der Preis der Staatspapiere ab? Ebenfalls vom jedes-
       maligen Verhältnis  der Nachfrage  und des  Angebots. Aber  wovon
       hängt dies Verhältnis ab? Von sehr vielen, namentlich in Deutsch-
       land höchst verwickelten Verhältnissen.
       In Frankreich,  England, Spanien, in den Ländern überhaupt, deren
       Staatspapiere auf den  W e l t m a r k t  kommen, ist der Staats-
       kredit das entscheidende
       
       #214# Karl Marx/Friedrich Engels -·"Neue Rheinische Zeitung"
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       Moment. In  Preußen und den kleinern deutschen Staaten, deren Pa-
       piere nur  auf kleinen  Lokalbörsen Kurs  haben, entscheidet  der
       Staatskredit erst  in zweiter Instanz. Hier dient die große Masse
       der Staatspapiere  nicht zur Spekulation, sondern zur sichern An-
       lage von  Kapital, zur Sicherung einer fixen  R e n t e.  Nur ein
       unverhältnismäßig kleiner  Teil kommt  an die  Börsen und  in den
       Handel. Fast  die ganze  Masse der Staatsschuld ist in den Händen
       von kleinen  Rentiers, Witwen  und Waisen, Pupillenkollegien usw.
       Fallen die  Kurse durch Abnahme des Staatskredits, so ist das ein
       Grund mehr  für diese  Klasse von  Staatsgläubigern,  ihre  Fonds
       n i c h t   zu verkaufen; für sie reicht ihre Rente eben zum Aus-
       kommen hin.  Verkaufen sie  sie mit  starkem Verlust, so sind sie
       ruiniert. Die  geringe Quantität Papiere, die an den paar kleinen
       Lokalbörsen zirkulieren, kann natürlich nicht den enormen und ra-
       schen Schwankungen  von Nachfrage  und Angebot,  von  Fallen  und
       Steigen ausgesetzt  sein wie  die enorme Masse der französischen,
       spanischen etc. Papiere, die hauptsächlich der Spekulation dienen
       und auf  allen großen Fondsmärkten der Welt: in großen Posten um-
       geschlagen werden.
       Der Fall,  daß Kapitalisten  aus Geldmangel  genötigt sind,  ihre
       Fonds zu  jedem Preise  loszuschlagen und  dadurch die  Kurse  zu
       drücken, kommt daher in Preußen nur selten vor, während er in Pa-
       ris, Amsterdam  etc. an  der Tagesordnung ist und namentlich nach
       der Februarrevolution  auf das unerhört rasche Fallen der franzö-
       sischen Staatspapiere  viel  mehr  einwirkte  als  der  gesunkene
       Staatskredit.
       Dazu kommt,  daß in  Preußen die  Scheinkäufe (marchés  à  terme)
       [195], die in Paris, Amsterdam etc. die Masse der Börsengeschäfte
       ausmachen,  v e r b o t e n  sind.
       Durch diese gänzlich verschiedene kommerzielle Stellung der preu-
       ßischen Lokalmarktfonds und der französischen, englischen, spani-
       schen etc.  Weltmarktpapiere erklärt  es sich,  daß die Kurse der
       preußischen Papiere keineswegs die kleinsten politischen Verwick-
       lungen ihres  Staats in  dem Maße widerspiegeln, wie dies mit den
       französischen etc.  Papieren der  Fall ist;  daß der Staatskredit
       auf die  Kurse der  preußischen Fonds  bei weitem  nicht den ent-
       scheidenden und raschen Einfluß ausübt wie auf die Papiere andrer
       Staaten.
       In demselben  Maße, als Preußen und die kleinen deutschen Staaten
       in die  Schwankungen der europäischen Politik hineingerissen wer-
       den, als  die Herrschaft der Bourgeoisie sich entwickelt, in dem-
       selben Maße  werden auch die Staatspapiere, ganz wie das Grundei-
       gentum, diesen patriarchalischen, unveräußerlichen Charakter ver-
       lieren, in  den Verkehr  hineingerissen, zu  einem ordinären, oft
       umgeschlagenen Handelsartikel  werden und  vielleicht sogar  eine
       bescheidne Existenz auf dem Weltmarkt beanspruchen dürfen.
       
       #215# Herr Forstmann über den Staatskredit
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       Folgern wir aus diesen Tatsachen:
       E r s t e n s.   Es wird  nicht bestritten,  daß  i m  D u r c h-
       s c h n i t t   e i n e r   l ä n g e r n   E p o c h e  und  bei
       unverändertem Staatskredit  der Kurs der Staatspapiere überall in
       demselben Verhältnis steigt als der Zinsfuß fällt, und umgekehrt.
       Z w e i t e n s.   In Frankreich,  England etc.  findet dies Ver-
       hältnis selbst in kürzeren Epochen statt, weil hier die Spekulan-
       ten den  größten Teil  der Staatspapiere in Händen haben und weil
       häufig notgedrungene  Verkäufe aus  Geldmangel vorkommen, die das
       Verhältnis zwischen  Kurs und Zinsfuß jeden Tag regulieren. Daher
       ist hier  selbst im  einzelnen Moment das Verhältnis oft wirklich
       vorhanden.
       D r i t t e n s.   In Preußen  dagegen findet dies Verhältnis nur
       im Durchschnitt längerer Epochen statt, weil die Menge der dispo-
       niblen Staatspapiere  gering und  das  Börsengeschäft  beschränkt
       ist; weil die Verkäufe aus Geldmangel, die eigentlichen Regulato-
       ren des  Verhältnisses, nur selten vorkommen; weil auf diesen Lo-
       kalbörsen die  Fondskurse in erster Instanz durch Lokaleinflüsse,
       die Geldpreise  aber durch  den Einfluß  des Weltmarkts  bestimmt
       werden.
       V i e r t e n s.   Wenn also  Herr Forstmann  vom Verhältnis  des
       Geldpreises  zum  Kurs  der  Staatspapiere  auf  den  preußischen
       Staatskredit schließen  will, so  beweist er  eine gänzliche  Un-
       kenntnis der  Verhältnisse. Der Kurs von 72 für die 3 1/2 prozen-
       tigen bei  5 1/2 Prozent Diskont beweist  n i c h t s  f ü r, die
       Zwangsanleihe beweist   a l l e s   g e g e n    den  preußischen
       Staatskredit.

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