Quelle: MEW 5 März - November 1848


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       Vereinbarungsdebatten
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 45 vom 15. Juli 1848]
       ** Köln,  14. Juli.  Wir kommen heute zur zweiten Hälfte der Ver-
       einbarungssitzung vom  7. d. [Mts.] [25]. Nach der für Herrn Han-
       semann so  schmerzlichen Debatte  über die  Finanzkommission  kam
       noch eine  Reihe kleiner Trübsale für die Herren Minister vor. Es
       war der  Tag der  Dringlichkeitsanträge und Interpellationen, der
       Tag der Anfechtungen und der Ministerialbedrängnis.
       Der Abgeordnete  Wander trug  an, jeder  Beamte, der einen Bürger
       ungerechterweise verhaften ließe, solle zu völligem Schadenersatz
       verpflichtet sein und außerdem viermal solange sitzen als der von
       ihm Verhaftete.
       Der Antrag geht, als nicht dringlich, an die Fachkommission.
       Justizminister Märker  erklärt, die  Annahme dieses Antrags werde
       die bisherige  Gesetzgebung gegen ungesetzlich verhaftende Beamte
       nicht nur nicht verschärfen, sondern sogar noch mildern. (Bravo.)
       Der Herr  Justizminister hat  nur vergessen  zu bemerken,  daß es
       nach den bisherigen, namentlich altpreußischen Gesetzen für einen
       Beamten   k a u m  m ö g l i c h  ist, jemanden  u n g e s e t z-
       l i c h   zu verhaften.  Die willkürlichste  Verhaftung kann nach
       den Paragraphen  des altehrwürdigsten  Landrechts [167]  gerecht-
       fertigt werden.
       Wir machen  übrigens auf  die höchst  unparlamentarische  Methode
       aufmerksam, die  die Herren  Minister sich  angewöhnt haben.  Sie
       warten, bis  der Antrag  an die Fachkommission oder die Abteilung
       v e r w i e s e n   i s t,   und dann  sprechen sie noch darüber.
       Sie sind dann sicher, daß ihnen  n i e m a n d  a n t w o r t e n
       kann. So  hat es Herr Hansemann bei dem Antrage des Herrn Borries
       1*) gemacht,  so macht  es jetzt  Herr  Märker.  In  England  und
       Frankreich würde man
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 207
       
       #217# Vereinbarungsdebatten
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       die Herren  Minister, wenn  sie solche parlamentarische Unschick-
       lichkeiten je  versucht hätten, ganz anders zur Ordnung zurückge-
       führt haben. Aber in Berlin!
       Herr Schulze  (von Delitzsch): Antrag zur Aufforderung an die Re-
       gierung, die  bereits vollendeten  oder bald zu vollendenden Ent-
       würfe organischer Gesetze  s o f o r t  der Versammlung zur Bera-
       tung in den Abteilungen zu übergeben.
       Dieser Antrag  enthielt wieder  einen indirekten Tadel der Regie-
       rung wegen  Lässigkeit oder  absichtlicher Verschleppung  in  der
       Vorlage der  die Verfassung  ergänzenden organischen Gesetze. Der
       Tadel war  um so  empfindlicher, als  denselben Morgen  zwei  Ge-
       setzentwürfe, worunter das Bürgerwehrgesetz [196], vorgelegt wor-
       den waren.  Der Ministerpräsident  hätte also bei einiger Energie
       diesen Antrag  entschieden zurückweisen müssen. Aber statt dessen
       macht er nur einige allgemeine Phrasen über das Bestreben der Re-
       gierung, den  gerechten Wünschen  der Versammlung  in jeder Weise
       entgegenzukommen, und  der Antrag wird mit großer Majorität ange-
       nommen.
       Herr Besser  interpelliert den  Kriegsminister  über  den  Mangel
       eines Dienstreglements. Die preußische Armee ist die einzige, der
       ein  solches   Reglement  mangelt.   Daher  herrscht   in   allen
       Heeresabteilungen bis  zu den Kompanien und Schwadronen herab die
       größte  Verschiedenheit   der  Ansichten   über  die  wichtigsten
       Dienstsachen, und  namentlich über  die Rechte  und Pflichten der
       verschiedenen Chargen.  Es bestehen  zwar Tausende  von Befehlen,
       Erlassen und  Vorschriften, aber  sie  sind  gerade  wegen  ihrer
       zahllosen Menge,  ihrer Verwirrung  und der in ihnen herrschenden
       Widersprüche schlimmer  als nutzlos.  Außerdem ist  jedes solches
       Aktenstück durch  ebensoviel verschiedene Zusätze, Erläuterungen,
       Randglossen und  Glossen zu Randglossen verquickt und unkenntlich
       gemacht, als  es Zwischenbehörden  passiert hat. Diese Verwirrung
       kommt natürlich  dem  Vorgesetzten  bei  allen  Willkürlichkeiten
       zugut, während  der Untergebne  nur den  Nachteil davon zu tragen
       hat.  Daher  kennt  der  Untergebne  keine  Rechte,  sondern  nur
       Pflichten. Früher  existierte ein  Dienstreglement,  genannt  das
       schweinslederne Reglement,  aber dies  wurde in  den 20er  Jahren
       d e n  P r i v a t b e s i t z e r n  a b g e n o m m e n.  Seit-
       dem darf   k e i n   U n t e r g e b n e r  e s  z u  s e i n e n
       G u n s t e n   anführen, während die  h ö h e r e n  Behörden es
       fortwährend   g e g e n   die Untergebnen anführen dürfen! Ebenso
       geht es  mit den  Dienstvorschriften für  das Gardekorps, die der
       Armee nie mitgeteilt, den Untergebnen nie zugänglich wurden, nach
       welchen sie  aber trotzdem bestraft werden! Die Herren Stabs- und
       Generaloffiziere haben  natürlich nur den Vorteil von dieser Kon-
       fusion, die  ihnen die  größte Willkür, die härteste Tyrannei ge-
       stattet. Aber die Subalternoffiziere, die Unteroffiziere und Sol-
       daten leiden  darunter, und in ihrem Interesse interpelliert Herr
       Besser den General Schreckenstein.
       
       #218# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Wie mußte  Herr Schreckenstein  erstaunt sein, als er diese lange
       "Federfuchserei", um  den beliebten Ausdruck von Anno dreizehn zu
       gebrauchen, zu  hören bekam!  Wie, die  preußische Armee hat kein
       Dienstreglement? Welche  Abgeschmacktheit! Die  preußische Armee,
       auf Ehre, hat das allerbeste Reglement von der Welt, das zugleich
       das  allerkürzeste   ist  und   nur  aus   zwei  Worten  besteht:
       "O r d r e   p a r i e r e n!"   Bekommt ein Soldat der "ungeprü-
       gelten" Armee  Püffe, Fußtritte  oder Kolbenstöße,  wird  er  von
       einem eben dem Kadettenhause entlaufenen unmündigen Lieutenant am
       Bart oder  an der  Nase gezupft  und beklagt  sich:    "O r d r e
       p a r i e r e n!"  Läßt ein angetrunkener Major nach dem Essen zu
       seiner besonderen  Erheiterung sein  Bataillon bis an den Leib in
       den Sumpf  marschieren und  dort Carré  1*)  formieren,  und  ein
       Untergebner wagt  zu klagen:  "O r d r e  p a r i e r e n!"  Wird
       den Offizieren  verboten, dies  oder jenes  Café zu besuchen, und
       sie erlauben  sich eine Bemerkung:  "O r d r e  p a r i e r e n!"
       Das ist das beste Dienstreglement, denn es paßt auf alle Fälle.
       Von allen  Ministern ist Herr Schreckenstein der einzige, der den
       Mut noch  nicht verloren  hat. Der Soldat, der unter Napoleon ge-
       dient, der  während dreiunddreißig  Jahren preußischen Kamaschen-
       dienst getrieben,  der manche Kugel pfeifen gehört hat, wird sich
       doch vor  Vereinbarern und  Interpellationen nicht  fürchten! Und
       vollends wenn das große "Ordre parieren!" in Gefahr ist!
       Meine Herren, sagt er, ich muß das besser wissen. Ich muß wissen,
       was daran  zu ändern  ist. Es handelt sich hier um ein Einreißen,
       und das  Einreißen darf  nicht einreißen,  weil das Aufbauen sehr
       schwer ist.  Die Wehrverfassung  ist von  Scharnhorst, Gneisenau,
       Boyen und  Grolmann gemacht,  umfaßt 600 000  bewaffnete und tak-
       tisch gebildete  Staatsbürger und  bietet jedem Staatsbürger eine
       sichere Zukunft,  solange die  Disziplin besteht. Diese werde ich
       aber erhalten, und damit habe ich genug gesagt.
       Herr Besser:  Herr Schreckenstein  hat die Frage gar nicht beant-
       wortet. Aus seinen Bemerkungen scheint aber hervorzugehen, daß er
       glaubt, ein Dienstreglement werde die Disziplin lockern!
       Herr Schreckenstein:  Ich habe  schon gesagt,  daß  ich  das  tun
       werde, was  zeitgemäß für  die  Armee  ist  und  zum  Nutzen  des
       D i e n s t e s  gereicht.
       Herr Behnsch: Wir haben doch wenigstens zu verlangen, daß der Mi-
       nister uns  Ja oder  Nein antwortet  oder erklärt, er wolle nicht
       antworten. Bis  jetzt haben  wir bloß abweichende Redensarten ge-
       hört.
       Herr Schreckenstein,  ärgerlich:  Ich  halte  es  nicht  für  den
       D i e n s t   für nützlich,  mich weiter auf diese Interpellation
       einzulassen.
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       1*) Bataillonsaufstellung im Geviert
       
       #219# Vereinbarungsdebatten
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       Der Dienst,  immer der  Dienst! Herr  Schreckenstein glaubt immer
       noch Divisionär  zu sein  und mit  seinem Offizierskorps zu spre-
       chen. Er  bildet sich ein, auch als Kriegsminister brauche er nur
       den Dienst, nicht aber die rechtliche Stellung der einzelnen Hee-
       reschargen gegeneinander  und am  allerwenigsten die Stellung des
       Heeres zum  Staate im ganzen und zu seinen Bürgern zu berücksich-
       tigen! Wir sind noch immer unter Bodelschwingh; der Geist des al-
       ten Boyen schaltet ununterbrochen fort im Kriegsministerium.
       Herr  Piegsa  interpelliert  wegen  Mißhandlungen  der  Polen  in
       Mielzyn am 7. Juni.
       Herr Auerswald  erklärt, er  müsse erst vollständige Berichte ab-
       warten.
       Also   e i n e n   g a n z e n   M o n a t  von 31 Tagen nach dem
       Vorfall ist  Herr Auerswald  noch nicht vollständig unterrichtet!
       Wunderbare Verwaltung!
       Herr Behnsch interpelliert Herrn Hansemann, ob er bei Vorlage des
       Budgets eine  Übersicht über  die Verwaltung der Seehandlung [50]
       seit 1820 und des Staatsschatzes seit 1840 vorlegen wolle.
       Herr Hansemann  erklärt unter  schallendem Gelächter, er werde in
       acht Tagen antworten können!
       Herr Behnsch  interpelliert abermals  in Beziehung auf Unterstüt-
       zung der Auswanderung durch die Regierung.
       Herr Kühlwetter  antwortet, dies sei eine deutsche Angelegenheit,
       und verweist Herrn Behnsch an den Erzherzog Johann.
       Herr Grebel interpelliert Herrn Schreckenstein wegen der Militär-
       Administrationsbeamten, die  zugleich Landwehroffiziere sind, bei
       Landwehrübungen in aktiven Dienst treten und dadurch ändern Land-
       wehroffizieren die  Gelegenheit entziehen,  sich auszubilden.  Er
       trägt darauf an, daß diese Beamten von der Landwehr [197] entbun-
       den werden.
       Herr Schreckenstein  erklärt, er  werde seine Pflicht tun und die
       Sache sogar in Erwägung ziehen.
       Herr Feldhaus interpelliert Herrn Schreckenstein wegen der am 18.
       Juni auf  dem Marsch  von Posen nach Glogau umgekommenen Soldaten
       und der zur Bestrafung dieser Barbarei getroffenen Maßregeln.
       Herr Schreckenstein: Die Sache hat stattgefunden. Der Bericht des
       Regimentskommandeurs ist eingereicht. Der Bericht des Generalkom-
       mandos, das die Etappen angeordnet hat, fehlt noch. Ich kann also
       noch nicht  sagen, ob die Marschordnung überschritten ist. Außer-
       dem wird  hier über einen Stabsoffizier geurteilt, und solche Ur-
       teile sind  schmerzlich. Die "hohe Generalversammlung" (!!!) wird
       hoffentlich warten, bis die Berichte eingetroffen sind.
       Herr Schreckenstein  beurteilt diese Barbarei nicht als Barbarei,
       er fragt  bloß, ob  der  betreffende  Major    "O r d r e    p a-
       r i e r t"  hat? Und was liegt daran, ob
       
       #220# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       18 Soldaten auf der Landstraße wie so viel Stück Vieh elendiglich
       umkommen, wenn nur  O r d r e  p a r i e r t  wird!
       Herr Behnsch,  der dieselbe  Interpellation wie Herr Feldhaus ge-
       stellt hatte:  Ich ziehe  meine jetzt überflüssige Interpellation
       zurück, verlange  aber, daß  der Kriegsminister  einen Tag  fest-
       setze, an  dem er antworten will. Es sind schon 3 Wochen seit dem
       Vorfall verflossen, und die Berichte könnten längst hier sein.
       Herr Schreckenstein:  Es ist  kein Augenblick  versäumt, die  Be-
       richte vom Generalkommando sind sofort eingefordert worden.
       Der  P r ä s i d e n t  will die Sache überhüpfen.
       Herr Behnsch:  Ich bitte  den Kriegsminister nur zu antworten und
       einen Tag festzusetzen.
       Präsident: Will Herr Schreckenstein...
       Herr Schreckenstein: Das läßt sich noch gar nicht übersehen, wann
       dies sein wird.
       Herr Gladbach:  Der §  28 des  Reglements legt  den Ministern die
       Verpflichtung auf,  einen Tag zu bestimmen. Ich bestehe ebenfalls
       darauf.
       Präsident: Ich frage den Herrn Minister nochmals.
       Herr Schreckenstein: Einen bestimmten Tag kann ich nicht festset-
       zen.
       Herr Gladbach: Ich bleibe bei meiner Forderung.
       Herr Temme: Ich bin derselben Meinung.
       Präsident: Wird der Herr Kriegsminister etwa in 14 Tagen...
       Herr Schreckenstein:  Wohl möglich. Sobald ich weiß, ob Ordre pa-
       riert worden ist, werde ich antworten.
       Präsident: Also in 14 Tagen.
       So tut der Herr Kriegsminister "seine Pflicht" gegen die Versamm-
       lung!
       Herr Gladbach  hat noch  eine Interpellation  an den Minister des
       Innern zu  richten wegen  Suspendierung mißliebiger  Beamten  und
       vorläufiger, nur provisorischer Besetzung erledigter Stellen.
       Herr Kühlwetter  antwortet sehr  ungenügend, und die weiteren Be-
       merkungen des  Herrn Gladbach  werden unter  dem Gemurr, Geschrei
       und Getrommel  der endlich  über soviel  Unverschämtheit empörten
       Rechten nach tapferer Gegenwehr erdrückt.
       Ein Antrag  von Herrn Berends, daß die zum innern Dienst einberu-
       fene Landwehr  [197] unter  das Kommando  der Bürgerwehr gestellt
       werde, wird nicht für dringlich erkannt und danach zurückgezogen.
       Hierauf beginnt eine angenehme Unterhaltung über allerlei mit der
       posenschen Kommission verknüpfte Spitzfindigkeiten. Der Sturm der
       Interpellationen und Dringlichkeitsanträge
       
       #221# Vereinbarungsdebatten
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       ist vorüber,  und wie  sanftes Säuseln  des Zephyr  und anmutiges
       Murmeln des Wiesenbachs verhallen die letzten versöhnenden Klänge
       der berühmten Sitzung vom 7. Juli. Herr Hansemann geht nach Hause
       mit dem  Trost, daß  das Poltern und Trommeln der Rechten ihm ei-
       nige wenige  Blumen in  seine Dornenkrone  gewunden hat, und Herr
       Schreckenstein dreht  selbstzufrieden seinen Schnurrbart und mur-
       melt: "Ordre parieren!"
       
       Geschrieben von Friedrich Engels.

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