Quelle: MEW 5 März - November 1848


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       Die demokratische Partei [20]
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 2 vom 2. Juni 1848]
       ** Köln,  1. Juni.  Es ist  eine gewöhnliche Anforderung an jedes
       neue Organ der öffentlichen Meinung: Begeisterung für die Partei,
       deren Grundsätze  es  bekennt,  unbedingte  Zuversicht  zu  ihrer
       Kraft, stete  Bereitschaft, sei  es mit  der faktischen Macht das
       Prinzip zu  decken, sei  es mit dem Glanz des Prinzips die fakti-
       sche Schwäche  zu beschönigen.  Diesem Verlangen werden wir nicht
       entsprechen. Wir werden erlittene Niederlagen nicht mit täuschen-
       den Illusionen zu vergolden suchen.
       Die demokratische  Partei hat  Niederlagen erlitten;  die  Grund-
       sätze, die  sie im  Augenblicke ihres  Triumphes proklamiert hat,
       sind in  Frage gestellt,  das Terrain, das sie wirklich gewonnen,
       wird ihr  Fuß für Fuß streitig gemacht; schon hat sie viel verlo-
       ren, und  bald wird  sich die  Frage bieten,  was ihr noch übrig-
       geblieben sei.
       Es kommt  uns darauf  an, daß die demokratische Partei sich ihrer
       Stellung bewußt  werde. Man  wird fragen,  warum wir  uns an eine
       Partei wenden, warum wir nicht lieber das Ziel der demokratischen
       Bestrebungen ins  Auge fassen, die Volkswohlfahrt, das Heil aller
       ohne Unterschied?
       Es ist dies das Recht und die Gewohnheit des Kampfes, und nur aus
       dem  K a m p f e  der Parteien, nicht aus scheinklugen Kompromis-
       sen, aus  einem erheuchelten  Zusammengehen bei  widerstreitenden
       Ansichten, Interessen  und Zwecken  kann das  Heil der neuen Zeit
       erwachsen.
       Wir verlangen  von der  demokratischen Partei, daß sie sich ihrer
       Stellung bewußt  werde. Diese Forderung entspringt aus den Erfah-
       rungen der letzten Monate. Die demokratische Partei hat sich viel
       zu sehr  dem Taumel des ersten Siegesrausches hingegeben. Trunken
       vor Freude, daß sie endlich einmal ihr Prinzip laut und unverhoh-
       len aussprechen durfte, bildete sie sich ein,
       
       #23# Die demokratische Partei
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       daß es  nur seiner  Verkündigung bedürfe, um auch sofort der Ver-
       wirklichung sicher  zu sein. Über diese Verkündigung ist sie nach
       ihrem ersten  Siege und  den Konzessionen,  die unmittelbar daran
       geknüpft waren,  nicht herausgekommen. Aber während sie mit ihren
       Ideen freigebig  war und  jeden als Bruder umarmte, der nur nicht
       gleich Widerspruch  zu erheben wagte, handelten die ändern, denen
       die Macht gelassen oder gegeben war. Und ihre Tätigkeit ist nicht
       verächtlich gewesen.  Mit ihrem  Prinzipe zurückhaltend,  das sie
       nur soweit hervortreten ließen, als es gegen den alten, durch die
       Revolution umgeworfenen  Zustand gerichtet war, die Bewegung vor-
       sichtig beschränkend,  wo das  Interesse  des  neu  zu  bildenden
       Rechtszustandes, die  Herstellung der  äußern Ordnung als Vorwand
       dienen konnte,  den Freunden  der alten  Ordnung scheinbare Zuge-
       ständnisse machend,  um ihrer  zur Durchführung ihrer Pläne desto
       sicherer zu  sein, dann  allmählich ihr eignes politisches System
       in den Grundzügen aufführend, ist es ihnen gelungen, zwischen der
       demokratischen Partei und den Absolutisten eine Mittelstellung zu
       gewinnen, nach  der einen  Seite fortschreitend,  nach der ändern
       zurückdrängend, zugleich progressiv - gegen den Absolutismus, re-
       aktionär - gegen die Demokratie.
       Das ist die Partei des besonnenen, gemäßigten Bürgertums, von der
       sich die  Volkspartei in  ihrer ersten Trunkenheit hat überlisten
       lassen, bis ihr endlich, als man sie schnöde zurückstieß, als man
       sie als  Wühler denunzierte  und ihr alle möglichen verwerflichen
       Tendenzen unterschob, die Augen aufgegangen sind, bis sie gewahrt
       hat, daß  sie im  Grunde nichts  erreicht hat, als was die Herren
       von der  Bürgerschaft mit  ihrem wohlverstandenen  Interesse  für
       vereinbar halten.  Mit sich  selbst in  Widerspruch gesetzt durch
       ein undemokratisches  Wahlgesetz, geschlagen in den Wahlen, sieht
       sie jetzt  eine doppelte Vertretung sich gegenüber, wovon nur das
       schwer zu  sagen ist,  welche von beiden sich entschiedener ihren
       Forderungen entgegenstemmt.  Damit ist  dann freilich ihre Begei-
       sterung verraucht  und die nüchterne Erkenntnis an die Stelle ge-
       treten, daß  eine mächtige  Reaktion zur  Herrschaft gelangt ist,
       und zwar merkwürdigerweise, noch ehe es überhaupt zu einer Aktion
       im Sinne der Revolution gekommen ist.
       So unzweifelhaft dies alles ist, so gefährlich wäre es, wenn sich
       jetzt die  demokratische Partei unter dem bittern Gefühle der er-
       sten teilweise  selbst verschuldeten  Niederlage bestimmen ließe,
       zu jenem  unseligen, dem deutschen Charakter leider so befreunde-
       ten Idealismus  zurückzukehren, vermöge  dessen ein  Prinzip, das
       nicht sogleich  ins Leben geführt werden kann, der fernen Zukunft
       anempfohlen, für die Gegenwart aber der harmlosen Bearbeitung der
       "Denker" überlassen wird.
       
       #24# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Wir müssen  direkt warnen  vor jenen gleisnerischen Freunden, die
       sich mit  dem Prinzip  zwar einverstanden erklären, aber die Aus-
       führbarkeit bezweifeln,  weil die Welt noch nicht reif dafür sei,
       die keineswegs gemeint sind, sie reif zu machen, vielmehr es vor-
       ziehen, in  diesem schlechten  Erdendasein selber dem allgemeinen
       Geschicke der Schlechtigkeit anheimzufallen. Wenn das die Krypto-
       republikaner sind,  die der  Hofrat Gervinus so sehr fürchtet, so
       stimmen wir ihm von Herzen bei: Die Leute sind gefährlich. [21]

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