Quelle: MEW 5 März - November 1848


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       #243#
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       Der Bürgerwehrgesetzentwurf
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 51 vom 21. Juli 1848]
       ** Köln, 20. Juli.  D i e  B ü r g e r w e h r  i s t  a u f g e-
       l ö s t,   das ist  der  H a u p t p a r a g r a p h  des Gesetz-
       entwurfs über  die Errichtung  der Bürgerwehr  [196], obgleich er
       erst am  Ende desselben  als § 121 auftritt unter der bescheidnen
       Form:
       "Durch die  Bildung der Bürgerwehr nach der Bestimmung dieses Ge-
       setzes werden alle zur Bürgerwehr gegenwärtig gehörenden oder ne-
       ben derselben bestehenden bewaffneten Korps aufgelöst."
       
       Mit der Auflösung der nicht direkt zur Bürgerwehr gehörigen Korps
       hat man ohne weitere Umstände begonnen. Die Auflösung der Bürger-
       wehr selbst  kann nur  unter dem  Scheine ihrer  R e o r g a n i-
       s a t i o n  vollbracht werden.
       Der gesetzgeberische  Anstand zwang  in § 1 die hergebrachte kon-
       stitutionelle Phrase aufzunehmen:
       
       "Die Bürgerwehr  hat die  B e s t i m m u n g,  die  v e r f a s-
       s u n g s m ä ß i g e   F r e i h e i t  und die gesetzliche Ord-
       nung zu  s c h ü t z e n."
       
       Um dem   "W e s e n   d i e s e r   B e s t i m m u n g"  zu ent-
       sprechen, darf  die Bürgerwehr  aber weder  denken an öffentliche
       Angelegenheiten noch  von ihnen  sprechen, noch  über sie beraten
       oder beschließen (§ 1), noch sich versammeln, noch unter die Waf-
       fen treten  (§ 6),  noch überhaupt ein Lebenszeichen von sich ge-
       ben, es  sei denn  mit hoher obrigkeitlicher Erlaubnis. Nicht die
       Bürgerwehr "schützt" die Verfassung vor den Behörden, sondern die
       Behörden schützen die Verfassung vor der Bürgerwehr. Sie hat also
       (§ 4)  den "Requisitionen der Behörden" blindlings "Folge zu lei-
       sten" und  sich alles  Einmischens "in  die Verrichtungen der Ge-
       meinde- oder Verwaltungs- oder gerichtlichen Behörden", wie alles
       etwaigen Räsonierens  zu entschlagen. "Verweigert" sie den passi-
       ven Gehorsam,  so kann  der Herr Regierungspräsident sie auf vier
       Wochen  "i h r e s  D i e n s t e s  e n t h e b e n"  (§ 4). Er-
       regt sie gar das allerhöchste Mißvergnügen,
       
       #244# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       so kann eine "Königliche Verordnung" sie für "sechs Monate" ihres
       "D i e n s t e s   entheben" oder  gar ihre "Auflösung" verfügen,
       der erst  nach sechs  Monaten eine Neubildung auf dem Fuße folgen
       s o l l   (§ 3).  Es "soll" also (§ 2) in "jeder Gemeinde des Kö-
       nigreichs eine  Bürgerwehr bestehn",  soweit nämlich der Herr Re-
       gierungspräsident oder  der König nicht in jeder Gemeinde das Ge-
       genteil zu verfügen sich veranlaßt finden. Wenn die Staatsangele-
       genheit nicht zum "Ressort" der Bürgerwehr, so gehört dagegen die
       Bürgerwehr "zum Ressort des Ministers des Innern", d.h. des  P o-
       l i z e i m i n i s t e r s,   der ihr natürlich Vorgesetzter und
       dem "Wesen  seiner Bestimmung  nach" der getreue Eckart der "ver-
       fassungsmäßigen Freiheit"  ist (§  5). Soweit  die Bürgerwehr von
       dem Herrn  Regierungspräsidenten und  den übrigen  Herrn  Beamten
       nicht zum "Schutz der verfassungsmäßigen Freiheit", d.h. zur Aus-
       führung des  Dafürhaltens der  Herrn Vorgesetzten  beordert, d.h.
       zum   D i e n s t   kommandiert wird,  besteht ihre eigentümliche
       Lebensaufgabe dann, das von einem königlichen]  O b e r s t  ent-
       worfene   D i e n s t r e g l e m e n t  auszuführen. Das Dienst-
       reglement ist ihre Magna Charta 1*), zu deren Schutz und Ausübung
       sie sozusagen  gebildet ist.  Es lebe das  D i e n s t r e g l e-
       m e n t!   Die Einrollierung  2*) in  die Bürgerwehr gibt endlich
       Veranlassung, jeden  Preußen "nach  vollendetem 24.  und vor  zu-
       rückgelegtem 50.  Lebensjahre" folgenden  E i d  schwören zu las-
       sen:
       
       "Ich schwöre  Treue und  Gehorsam dem  Könige, der Verfassung und
       den Gesetzen des Königsreichs."
       
       Die arme Verfassung! Wie eingeengt, wie verschämt, wie bürgerlich
       bescheiden, mit  welch subalterner  Haltung sie  dasteht,  mitten
       zwischen dem  Könige und  den Gesetzen. Erst kommt der royalisti-
       sche Eid, der Eid der lieben Getreuen, und dann kommt der konsti-
       tutionelle Eid, und zum Schluß kommt ein Eid, der gar keinen Sinn
       hat, es  sei denn  den legitimistischen,  daß neben den Gesetzen,
       die aus  der Verfassung  hervorgehn, noch  andre Gesetze bestehn,
       die aus  königlicher Machtvollkommenheit entspringen. Und nun ge-
       hört der gute Bürger von Kopf bis Fuß zum "Ressort des Ministeri-
       ums des Innern".
       Der brave  Mann hat die Waffen und den Waffenrock erhalten, unter
       der Bedingung,  zunächst auf seine ersten politischen Rechte, das
       Assoziationsrecht  usw.,   zu  verzichten.   Seine  Aufgabe,  die
       "verfassungsmäßige Freiheit"  zu schützen,  wird dem "Wesen ihrer
       Bestimmung" gemäß  dadurch gelöst,  daß er blindlings die Befehle
       der Behörden  vollzieht, daß er die gewöhnliche, selbst unter der
       absoluten Monarchie geduldete bürgerliche Freiheit vertauscht
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       1*) Grundgesetz der  englischen Verfassung  aus dem  Jahre 1215 -
       2*) Einreihung
       
       #245# Der Bürgerwehrgesetzentwurf
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       mit dem  passiven, willen- und selbstlosen Gehorsam des Soldaten.
       Schöne Schule,  um, wie  Herr Schneider  in der Vereinbarungsver-
       sammlung sagt 1*), die Republikaner der Zukunft heranzuziehn! Was
       ist aus  unserm   B ü r g e r   geworden? Ein Mittelding zwischen
       einem preußischen Gendarmen und einem englischen Konstabler. Aber
       für alle  seine Verluste  tröstet ihn das  D i e n s t r e g l e-
       m e n t   und das  Bewußtsein, Ordre zu parieren. Statt die Armee
       in das  Volk, war  es nicht  origineller, das  Volk in  die Armee
       aufzulösen?
       Es ist  ein wahrhaft  bizarres Schauspiel,  diese  V e r w a n d-
       l u n g   k o n s t i t u t i o n e l l e r   P h r a s e n   i n
       p r e u ß i s c h e  T a t s a c h e n.
       Wenn das  Preußentum sich  bequemt, konstitutionell, so soll aber
       auch der  Konstitutionalismus sich bequemen, preußisch zu werden.
       Armer Konstitutionalismus!  Brave Deutsche! Solange haben sie ge-
       jammert, daß  man die   "h e i l i g s t e n"   Versprechen nicht
       erfülle. Bald  werden sie  nur noch   e i n e  Furcht kennen, die
       Furcht vor  der Erfüllung der heiligen Versprechen! Das Volk wird
       gestraft, par  où il  a péché  2*). Ihr  habt    P r e ß f r e i-
       h e i t     verlangt?  Ihr  sollt  mit  der  Preßfreiheit    g e-
       s t r a f t   werden und eine Zensur ohne Zensoren erhalten, eine
       Zensur durch das Parquet, eine Zensur durch ein Gesetz, das es im
       "Wesen der  Bestimmung" der  Presse findet, sich um alles zu küm-
       mern, nur  nicht um  die Behörden, die unfehlbaren Behörden, eine
       Zensur der  Gefängnis- und  Geldstrafen. Wie  der Hirsch  schreit
       nach frischem  Wasser, so  sollt ihr  schreien  nach  dem  guten,
       alten, vielgelästerten, vielverkannten Zensor, dem letzten Römer,
       unter  dessen  asketischer  Vorsehung  ihr  einen  so  bequem-ge-
       fahrlosen Lebenswandel führtet.
       Ihr  habt     V o l k s w e h r     verlangt?   Ihr   sollt   ein
       D i e n s t r e g l e m e n t   erhalten. Ihr  sollt zur Disposi-
       tion der  Behörden gestellt,  ihr sollt  militärisch einexerziert
       und im  passiven Gehorsam  geschult werden,  daß euch  die  Augen
       übergehn.
       Der preußische Scharfsinn hat ausgewittert, daß jede neue konsti-
       tutionelle Institution den interessantesten Anlaß bietet zu neuen
       Strafgesetzen, zu neuen Reglements, zu neuer Maßreglung, zu neuer
       Überwachung, zu neuen Schikanen und zu einer neuen Bürokratie.
       Noch mehr  konstitutionelle Forderungen!  Noch mehr  konstitutio-
       nelle Forderungen!  ruft das Ministerium der Tat. Für jede Forde-
       rung haben wir eine  T a t!
       Forderung: Jeder  Bürger soll  zum Schutz der "verfassungsmäßigen
       Freiheit" bewaffnet werden.
       Antwort: Jeder  Bürger gehört von nun an zum Ressort des Ministe-
       riums des Innern.
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 223-225 - 2*) womit es gesündigt hat
       
       #246# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Es wäre  leichter, die  Griechen wiederzuerkennen unter den Tier-
       formen, worin  die Circe  sie verwandelt [209], als die konstitu-
       tionellen Institutionen  unter den  Phantasiegebilden, worin  das
       P r e u ß e n t u m   sie  umzaubert  und  sein    M i n i s t e-
       r i u m  d e r  T a t.
       Nach der  p r e u ß i s c h e n  R e o r g a n i s a t i o n  Po-
       lens [52]    d i e    p r e u ß i s c h e    R e o r g a n i s a-
       t i o n  d e r  B ü r g e r w e h r!
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 52 vom 22. Juli 1848]
       ** Köln,  21. Juli. Wir haben gesehn, die "allgemeinen Bestimmun-
       gen" des  Gesetzentwurfs über die  B ü r g e r w e h r  verlaufen
       sich dahin:  Die Bürgerwehr hat aufgehört zu existieren. Wir gehn
       noch flüchtig  auf einige  andere Abschnitte des Entwurfs ein, um
       den Geist  des "Ministeriums  der Tat" abzudestillieren, und auch
       hier müssen wir wählig mit dem Rohstoff des pseudonymen Instituts
       verfahren. Eine  große Anzahl  §§ unterstellt  die neue Gemeinde-
       und Kreisordnung,  eine neue administrative Einteilung der Monar-
       chie usw., lauter Wesen, die, wie bekannt, nur noch im geheimnis-
       schwangern Schöße  des Ministeriums  der Tat ihr verborgnes Leben
       führen. Warum  also hat das Ministerium der Tat seinen Gesetzent-
       wurf über  die Reorganisation  der Bürgerwehr den verheißenen Ge-
       setzentwürfen über  die Gemeinde- und Kreisordnung usw. vorherge-
       hen lassen?
       Im Abschnitt  III finden  wir zwei  Dienstlisten, die Dienstliste
       der Honetten und die Dienstliste der aus öffentlichen Mitteln un-
       terstützten Bürgerwehrpflichtigen (§ 14 [und 16]). Zu den Leuten,
       die aus  öffentlichen Mitteln unterstützt werden, zählt natürlich
       nicht das  Heer der Beamten. Man weiß, daß sie in Preußen die ei-
       gentlich produktive  Klasse bilden. Die Paupers nun sind, wie die
       Sklaven im  alten  Rom,  "nur  in  außerordentlichen  Fällen  zum
       Dienste heranzuziehen".  Wenn die  Paupers ihrer bürgerlichen Un-
       selbständigkeit wegen  zum Schutz  der "verfassungsmäßigen  Frei-
       heit" so  wenig berufen sind als die Lazzaroni in Neapel, verdie-
       nen sie  in diesem neuen Institut des passiven Gehorsams eine un-
       tergeordnete Stellung einzunehmen?
       Abgesehen von  den Paupers, finden wir aber eine ungleich wichti-
       gere Unterscheidung  zwischen den   z a h l u n g s f ä h i g e n
       und den   z a h l u n g s u n f ä h i g e n   Bürgerwehrpflichti-
       gen.
       Vorher noch eine Bemerkung. Nach § 53 soll
       
       "die Bürgerwehr  eine im  ganzen Lande  gleiche, einfache Dienst-
       kleidung tragen, welche vom Könige bestimmt wird. Die Dienstklei-
       dung darf nicht so beschaffen sein, daß sie Veranlassung zur Ver-
       wechselung mit dem Heere gibt."
       
       #247# Der Bürgerwehrgesetzentwurf
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       Natürlich! Die  Kleidung muß so beschaffen sein, daß das Heer der
       Bürgerwehr und  die Bürgerwehr  dem Volke  gegenübersteht und daß
       bei  solchen  Gelegenheiten  wie  Einbauen,  Füsilieren  u.  dgl.
       Kriegsmanövern   keine    Verwechselung   vorfallen   kann.   Die
       D i e n s t kleidung   a l s  s o l c h e  ist aber ebenso unent-
       behrlich wie  die   D i e n s t liste,   wie  das    D i e n s t-
       reglement.   Die Livrée  der Freiheit  ist eben die  D i e n s t-
       kleidung.   Diese Livrée  gibt Anlaß,  die Kosten der Ausstattung
       eines Bürgerwehrmanns  bedeutend zu vermehren, und die vermehrten
       Kosten dieser  Ausstattung geben  willkommnen Anlaß, zwischen den
       B o u r g e o i s   der Bürgerwehr  und den    P r o l e t a r i-
       e r n  der Bürgerwehr eine unendliche Kluft zu graben.
       Man höre:
       
       § 57.  "Für die  Dienstkleidung, wo  eine solche stattfindet, für
       die Dienstzeichen  und für die Waffen muß jedes Mitglied der Bür-
       gerwehr   a u f   e i g e n e   K o s t e n  sorgen. Die Gemeinde
       ist jedoch  verpflichtet, diese  Gegenstände auf  ihre Kosten  in
       solcher Menge  zu beschaffen,  als zur Ausrüstung  d e s j e n i-
       g e n   T e i l s   d e r   w i r k l i c h  d i e n s t t u e n-
       d e n   M a n n s c h a f t,   w e l c h e r   d i e  K o s t e n
       a u s    e i g n e n    M i t t e l n    n i c h t    t r a g e n
       k a n n,  erforderlich ist."
       § 59. "Die Gemeinde behält das Eigentumsrecht 1*) der von ihr an-
       geschafften Ausrüstungsgegenstände  und   k a n n    d i e s e l-
       b e n   a u ß e r   d e r    Z e i t    d e s    D i e n s t g e-
       b r a u c h e s   a n  b e s o n d e r e n  O r t e n  a u f b e-
       w a h r e n  l a s s e n."
       
       Alle also,  die sich nicht von Kopf bis Fuß militärisch ausrüsten
       können -  und es  ist dies die große Mehrzahl der preußischen Be-
       völkerung, es  ist die Gesamtheit der Arbeiter, es ist ein großer
       Teil des  Mittelstandes  -,  diese    a l l e    sind  gesetzlich
       e n t w a f f n e t   "außer der  Zeit des Dienstgebrauchs", wäh-
       rend die   B o u r g e o i s i e  der Bürgerwehr zu jeder Zeit im
       Besitz von  Waffen und Dienstkleidungen bleibt. Da dieselbe Bour-
       geoisie in der Form der "Gemeinde" sämtliche von ihr "angeschaff-
       ten Ausrüstungsgegenstände"  an "besondern Orten aufbewahren las-
       sen kann",  so befindet  sie  sich  nicht  nur  im  Besitz  ihrer
       e i g n e n  Waffen, sie befindet sich zudem im Besitz der Waffen
       des bürgerwehrlichen  Proletariats,  und  sie    "k a n n"    und
       "w i r d",   sollte es zu ihr mißliebigen politischen Kollisionen
       kommen, die  Herausgabe der  Waffen  selbst  zum    "D i e n s t-
       g e b r a u c h"   verweigern. So  ist das politische Privilegium
       des Kapitals  in der unscheinbarsten, aber in der wirksamsten, in
       der entschiedensten  Form wiederhergestellt.  Das Kapital besitzt
       das Privilegium  der Waffen  gegenüber dem  Wenigvermögenden, wie
       der mittelaltrige Feudalbaron gegenüber seinem Leibeignen.
       Damit das  Privilegium in seiner ganzen Ausschließlichkeit wirke,
       ist nach § 56 nur
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       1*) Im Gesetzentwurf: Eigentum
       
       #248# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       "auf dem  Lande und  in Städten unter 5000 Einwohnern die Bewaff-
       nung der  Bürgerwehrmänner mit Pike oder Seitengewehr ausreichend
       und bei  dieser Bewaffnungsart  statt der  Dienstkleidung nur ein
       vom Obersten  zu bestimmendes   D i e n s t z e i c h e n  erfor-
       derlich."
       
       In allen  Städten   ü b e r  5000 Einwohner muß die  D i e n s t-
       k l e i d u n g   den   Z e n s u s,   der wirklich  erst in  den
       Besitz  der  Wehrfähigkeit  setzt,  und  mit  ihm  die  Zahl  des
       bürgerwehrlichen Proletariats  vermehren. Wie  Dienstkleidung und
       Waffen diesem Proletariat, d.h. dem größten Teil der Bevölkerung,
       nur   g e l i e h e n   sind, so  ist ihm überhaupt das  W e h r-
       r e c h t  nur  g e l i e h e n,  seine Existenz als Wehrmann ist
       nur eine  geliehene, und  - beati  possidentes, glücklich die Be-
       sitzenden! Die  moralische Unbehaglichkeit, worin ein  g e l i e-
       h e n e r   R o c k   das Individuum  einhüllt, und  nun gar  ein
       geliehener Rock,  der, wie  beim Soldaten, von einem Leib auf den
       ändern  der   Reihe  nach  herumfliegt  -  diese  moralische  Un-
       behaglichkeit ist  natürlich das erste Erfordernis für die Römer,
       die berufen  sind, die  "verfassungsmäßige Freiheit zu schützen".
       Aber im  Gegensatz dazu,  wird nicht  das stolze Selbstgefühl der
       z a h l u n g s f ä h i g e n   Bürgerwehr wachsen,  und was will
       man mehr?
       Und selbst  diese Bedingungen, welche das Wehrrecht für den größ-
       ten Teil  der Bevölkerung  illusorisch machen, sie sind im Inter-
       esse des  besitzenden Teils,  des privilegierten Kapitals, wieder
       unter neue, noch einengendere Bedingungen eingeschachtelt.
       Die Gemeinde  braucht nämlich die Ausrüstungsgegenstände nur vor-
       rätig zu  haben für  den "wirklich  diensttuenden" Teil  der zah-
       lungsunfähigen Mannschaft.  Nach §  15 verhält es sich mit diesem
       "wirklich diensttuenden" Teil wie folgt:
       
       "In allen  Gemeinden, in  welchen die Gesamtzahl der für den lau-
       fenden Dienst  verwendbaren Männer  den 20.  Teil der Bevölkerung
       übersteigt, hat  die Gemeindevertretung  das Recht,  die wirklich
       diensttuende Mannschaft  auf diesen  Teil der  Bevölkerung zu be-
       schränken. Macht  sie von  dieser Befugnis  Gebrauch, so  muß sie
       einen Wechsel  des Dienstes  in der Art feststellen, daß alle für
       den laufenden  Dienst verwendbaren  Männer nach  und nach  an die
       Reihe kommen.  Es darf  jedoch bei dem jedesmaligen Wechsel nicht
       mehr als ein Drittel auf einmal ausscheiden; auch müssen alle Al-
       tersklassen nach  Verhältnis der  darin vorhandenen Zahl von Bür-
       gerwehrmännern gleichzeitig herangezogen werden."
       
       Und nun berechne man, für welchen winzigen Teil des bürgerwehrli-
       chen Proletariats und der Gesamtbevölkerung die Ausrüstungsgegen-
       stände  w i r k l i c h  von der Gemeinde beschafft werden?
       In unsrem  gestrigen Artikel sahen wir das  M i n i s t e r i u m
       d e r   T a t  das konstitutionelle Institut der Bürgerwehr reor-
       ganisieren im Sinne des altpreußischen,
       
       #249# Der Bürgerwehrgesetzentwurf
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       des bürokratischen  Staats. Erst  heute sehen wir es auf der Höhe
       seiner Mission, sehen wir es dies Institut der Bürgerwehr gestal-
       ten im  Sinne der  Julirevolution, im  Sinne Louis-Philippes,  im
       Sinne der Epoche, welche dem Kapital die Krone aufsetzt und
       
       mit Pauken und Trompeten
       seiner jungen Herrlichkeit [210]
       
       huldigt.
       Ein Wort  an  das  Ministerium  Hansemann-Kühlwetter-Milde.  Herr
       Kühlwetter hat  vor einigen Tagen ein Rundschreiben gegen die Um-
       triebe der  Reaktion an sämtliche Regierungspräsidenten erlassen.
       Woher dieses Phänomen?
       Das Ministerium  der Tat  will die Herrschaft der Bourgeoisie be-
       gründen, indem es gleichzeitig mit dem alten Polizei- und Feudal-
       staate einen  Kompromiß abschließt.  In dieser doppelschlächtigen
       widerspruchsvollen Aufgabe  sieht es jeden Augenblick die erst zu
       gründende Herrschaft der Bourgeoisie und seine eigne Existenz von
       der Reaktion im absolutistischen, im Feudalsinn überflügelt - und
       es wird  ihr unterliegen.  Die Bourgeoisie  kann ihre eigne Herr-
       schaft nicht  erkämpfen, ohne vorläufig das gesamte Volk zum Bun-
       desgenossen zu  haben, ohne  daher mehr  oder minder demokratisch
       aufzutreten. Aber  die Restaurationsepoche  verbinden wollen  mit
       der Juliepoche,  die noch  mit dem Absolutismus, dem Feudalismus,
       dem Krautjunkertum,  der Soldaten-  und Bürokratenherrschaft rin-
       gende Bourgeoisie  das Volk schon ausschließen, schon unterjochen
       und beiseite  werfen lassen  - das  ist die Quadratur des Zirkels
       [211], das  ist ein  historisches Problem, woran selbst ein Mini-
       sterium der Tat, selbst ein Triumvirat Hansemann-Kühlwetter-Milde
       scheitern wird.
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 54 vom 24. Juli 1848]
       ** Köln,  23. Juli.  Der Abschnitt  des  B ü r g e r w e h r g e-
       s e t z e n t w u r f s   über die   "W a h l   u n d  E r n e n-
       n u n g   d e r   V o r g e s e t z t e n"   ist ein wahres  L a-
       b y r i n t h   von   W a h l m e t h o d e n.   Wir  wollen  die
       Ariadne spielen  und dem  modernen Theseus  -  der  wohllöblichen
       Bürgerwehr -  den Faden geben, der sie durch das Labyrinth durch-
       führen wird.  Aber der moderne Theseus wird so undankbar sein wie
       der antike,  und nachdem er den Minotaurus getötet, seine Ariadne
       - die Presse - treulos auf dem Felsen von Naxos sitzenlassen.
       Numerieren wir die verschiedenen Gänge des Labyrinths.
       Gang I. Direkte Wahl.
       
       § 42.  "Die Anführer der Bürgerwehr bis zum Hauptmann hinauf ein-
       schließlich werden von den  w i r k l i c h  d i e n s t t u e n-
       d e n  Bürgerwehrmännern gewählt.
       
       #250# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Seitengang. "Die  wirklich diensttuenden Bürgerwehrmänner" bilden
       nur einen  kleinen Teil  der wirklich  "wehrfähigen"  Mannschaft.
       Vergleiche § 15 und unsern vorgestrigen Artikel.
       Die "direkte" Wahl ist also auch nur sozusagen eine direkte Wahl.
       Gang II. Indirekte Wahl.
       
       §48. "Der  Major des Bataillons wird von den Hauptleuten, Zugfüh-
       rern und Führern [der Rotten] der betreffenden Kompanien nach ab-
       soluter Stimmenmehrheit gewählt."
       
       Gang III.  Kombination der indirekten Wahl mit königlicher Ernen-
       nung.
       
       § 49. "Der  O b e r s t  wird von dem  K ö n i g e  aus einer Li-
       ste von drei Kandidaten ernannt, welche von den Anführern der be-
       treffenden Bataillone  bis abwärts  zu den  Zugführern, diese mit
       eingeschlossen, gewählt werden."
       
       Gang IV. Kombination der indirekten Wahl mit Ernennung von Seiten
       der Herren Befehlshaber.
       
       § 50.  "Die Adjutanten  werden von den betreffenden Befehlshabern
       aus der  Zahl der Zugführer, der Bataillonsschreiber aus der Zahl
       der Führer  der Rotten,  der Bataillonstambour  aus der  Zahl der
       Trommler ernannt."
       
       Gang V. Direkte Ernennung auf bürokratischem. Wege.
       
       § 50.  "Der Feldwebel und der Schreiber der Kompanie wird von dem
       Hauptmann, der  Wachtmeister und  der Schreiber der Schwadron von
       dem Rittmeister, der Rottenmeister von dem Zugführer ernannt."
       
       Wenn also diese Wahlmethoden mit einer verfälschten direkten Wahl
       beginnen, so  schließen  sie  mit  dein  unverfälschten  Aufhören
       a l l e r   Wahl, mit  dem Gutdünken der Herren Hauptleute, Ritt-
       meister und  Zugführer. Finis  coronat opus.  1*) Es fehlt diesem
       Labyrinth nicht an der pointe, der Spitze.
       Die aus  diesem verwickelten  chemischen Prozeß sich niederschla-
       genden Kristalle vom strahlenden Oberst bis zum unscheinbaren Ge-
       freiten herab setzen sich für sechs Jahre fest.
       § 51.  "Die Wahlen  und Ernennungen  der Anführer  geschehen  auf
       s e c h s   Jahre." Man  begreift nicht,  warum nach solchen Vor-
       sichtsmaßregeln das  Ministerium der  Tat in den "allgemeinen Be-
       stimmungen" noch  der Taktlosigkeit  bedurfte, der Bürgerwehr ins
       Gesicht zu  rufen: Aus einem  p o l i t i s c h e n  sollt ihr zu
       einem rein   p o l i z e i l i c h e n   Institut  und  zu  einer
       Pflanzschule  a l t p r e u ß i s c h e r  D r e s s u r  reorga-
       nisiert werden. Wozu die Illusion rauben!
       Die   k ö n i g l i c h e   Ernennung ist  so sehr eine  K a n o-
       n i s a t i o n,   daß in  dem Abschnitt    "B ü r g e r w e h r-
       g e r i c h t e"   kein Gericht  für den  "O b e r s t",  sondern
       ausdrücklich
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       1*) Das Ende krönt das Werk.
       
       #251# Der Bürgerwehrgesetzentwurf
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       nur Gerichte  bis zu  den  M a j o r e n  hinauf sich finden. Wie
       könnte ein königlicher] Oberst ein Verbrechen begehen?
       Das  bloße   Dasein  als   Wehrmann  ist  dagegen  so  sehr  eine
       P r o f a n a t i o n   des Bürgers,  daß ein  Wort seiner Vorge-
       setzten genügt, ein Wort von dem königl[ichen] unfehlbaren Oberst
       bis zu  dem ersten  besten Kerl hinab, den der Herr Hauptmann zum
       Feldwebel oder  der Herr Zugführer zum Rottenmeister ernannt hat,
       um  den  Wehrmann  24  Stunden  seiner    p e r s ö n l i c h e n
       F r e i h e i t  zu berauben und einsperren zu lassen.
       
       § 81. "Jeder Vorgesetzte kann seinen  U n t e r g e b e n e n  im
       Dienste zurechtweisen;  er kann  sogar dessen   s o f o r t i g e
       V e r h a f t u n g   u n d   E i n s p e r r u n g   a u f   2 4
       S t u n d e n   a n o r d n e n,   wenn der  Untergebene sich  im
       Dienste der  Trunkenheit oder  einer   s o n s t i g e n   groben
       D i e n s t w i d r i g k e i t  schuldig macht."
       
       Der  Herr   Vorgesetzte  entscheidet  natürlich,    w a s    eine
       s o n s t i g e   grobe Dienstwidrigkeit ist, und der  U n t e r-
       g e b e n e  hat Ordre zu parieren.
       Wenn also  der Bürger  gleich im  Eingang dieses Entwurfs dadurch
       dem "Wesen seiner Bestimmung", dem "Schutz der verfassungsmäßigen
       Freiheit" entgegenreifte,  daß er  aufhörte das zu sein, was nach
       Aristoteles die  Bestimmung des  Menschen ist - ein "Zoon politi-
       kon", ein  "politisches Tier"  1*) -, so vollendet er erst seinen
       Beruf durch  die Preisgebung  seiner bürgerlichen Freiheit an das
       Gutdünken eines Obersten oder eines Rottenmeisters.
       Das "Ministerium  der Tat"  scheint eigentümlich orientalisch-my-
       stischen Vorstellungen,  einer Art von  M o l o c h s k u l t u s
       zu huldigen.  Um die "verfassungsmäßige Freiheit" der Regierungs-
       präsidenten, Bürgermeister,  Polizeidirektoren  und  Präsidenten,
       Polizeikommissarien, Beamten der Staatsanwaltschaft, Gerichtsprä-
       sidenten oder  Direktoren, Untersuchungsrichter, Friedensrichter,
       Ortsschulzen, Minister,  Geistlichen, im aktiven Dienst befindli-
       chen Militärpersonen,  Grenz-, Zoll-,  Steuer-, Forstschutz-  und
       Postbeamten, der  Vorsteher und Gefangenwärter in allen Gefangen-
       anstalten, der  exekutivischen Sicherheitsbeamten  und der  Leute
       unter 25 oder über 50 Jahre - lauter Personen, die nach den §§ 9,
       10, 11  nicht zur Bürgerwehr gehören -, um die "verfassungsmäßige
       Freiheit" dieser  Elite der  Nation zu  schützen, muß  der übrige
       Rest der  Nation seine verfassungsmäßigen Freiheiten bis zur per-
       sönlichen Freiheit herab auf dem Altar des Vaterlandes eines blu-
       tigen Opfertodes  sterben lassen.  Pends toi, Figaro! Tu n'aurais
       pas inventé cela! [212]
       Es bedarf  keiner Andeutung, daß der Abschnitt über die  S t r a-
       f e n  mit wollüstiger Gründlichkeit ausgearbeitet ist. Das ganze
       Institut soll  "dem Wesen  seiner Bestimmung"  nach ja  nur  eine
       Strafe für die konstitutionellen
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       1*) Im Sinne von "gesellschaftliches Wesen" gebraucht
       
       #252# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       und  volkswehrlichen  Gelüste  einer  wohllöblichen  Bürgerschaft
       sein. Wir  bemerken nur  noch, daß außer den  g e s e t z l i c h
       bestimmten Straffällen  auch  die  vom    k ö n i g l[ i c h e n]
       O b e r s t e n   unter Zuziehung  des Majors und Genehmigung der
       apokryphischen "Bezirksvertretung"  entworfene Magna  Charta  der
       Bürgerwehr, das   D i e n s t r e g l e m e n t,   zu einer neuen
       Musterkarte von  Strafen (siehe  § 82  und folgende) Veranlassung
       gibt. Es  versteht sich  von selbst,  daß   G e l d s t r a f e n
       d i e   G e f ä n g n i s s t r a f e n   ersetzen können,  damit
       der Unterschied  zwischen der  z a h l u n g s f ä h i g e n  und
       der   u n z a h l u n g s f ä h i g e n   Bürgerwehr, der von dem
       "Ministerium  der   Tat"  erfundene   Unterschied  zwischen   der
       B o u r g e o i s i e   und dem   P r o l e t a r i a t  der Bür-
       gerwehr sich einer hochnotpeinlichen Sanktion erfreue.
       Den  e x i m i e r t e n  G e r i c h t s s t a n d,  den das Mi-
       nisterium der Tat in der Verfassung im großen und ganzen aufgeben
       muß, schmuggelt  es in  die Bürgerwehr wieder ein. Alle Diszipli-
       narvergehen der  Bürgerwehrmänner und  Rottenführer  gehören  zur
       Kompetenz der  Kompaniegerichte, bestehend  aus zwei  Zugführern,
       zwei Rottenführern  und drei Bürgerwehrmännern. (§ 87.) Alle Dis-
       ziplinarvergehn der "Anführer der zum Bataillon gehörenden Kompa-
       nien, vom Zugführer aufwärts bis einschließlich des Majors" gehö-
       ren zur  Kompetenz der  Bataillonsgerichte,  bestehend  aus  zwei
       Hauptleuten, zwei  Zugführern und drei Rottenführern. (§ 88.) Für
       den Major  findet wieder  ein besonderer eximierter Gerichtsstand
       statt, denn,  verfügt derselbe  § 88,  "betrifft die Untersuchung
       einen Major,  so treten  dem Bataillonsgerichte  zwei Majore  als
       Gerichtsmitglieder hinzu". Der Herr Oberst endlich, wie schon ge-
       sagt, ist von jedem Gerichtsstand  e x i m i e r t.
       Der treffliche Gesetzentwurf endet mit folgendem Paragraphen:
       
       (§ 123.) "Die Bestimmungen über die Mitwirkung der Bürgerwehr zur
       Verteidigung des Vaterlandes im Kriege, sowie über ihre dann ein-
       tretende Bewaffnung,  Ausrüstung und Verpflegung, bleiben dem Ge-
       setze über die Heeresverfassung vorbehalten."
       
       Mit ändern  Worten:   D i e    L a n d w e h r    [197]    e x i-
       s t i e r t   f o r t  n e b e n  d e r  r e o r g a n i s i e r-
       t e n  B ü r g e r w e h r.
       Verdient das   M i n i s t e r i u m   d e r  T a t  nicht allein
       wegen dieses  Gesetzentwurfs und  wegen seines Waffenstillstands-
       projektes mit  Dänemark  [213]  in    A n k l a g e z u s t a n d
       versetzt zu werden?

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