Quelle: MEW 5 März - November 1848
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Das "Fädreland" über den Waffenstillstand mit Dänemark [213]
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 51 vom 21. Juli 1848]
* Köln, 20. Juli. Damit das Vaterland sich überzeuge, daß es
durch die sogenannte Revolution mit Nationalversammlung, Reichs-
verweser usw. weiter nichts erlangt hat als eine vollständige Er-
neuerung des vielberühmten heiligen römischen Reichs teutscher
Nation, geben wir nachfolgenden Artikel aus dem dänischen
"Fädreland" [214]. Er wird hoffentlich hinreichen, um selbst den
vertrauensvollsten Freunden der Ordnung zu beweisen, daß die
vierzig Millionen Deutsche von den zwei Millionen Dänen durch
englische Vermittlung und russische Drohungen wieder ebenso ge-
prellt worden sind, als dies unter den "allzeit Mehrern des
Reichs" [215] jeden Augenblick geschah.
Das "Fädreland", des Ministers Orla Lehmann eignes Blatt, spricht
sich folgendermaßen über den Waffenstillstand aus:
"Betrachtet man den Waffenstillstand nur in Beziehung auf unsere
Hoffnungen und Wünsche, so kann man sich natürlicherweise nicht
damit zufriedengestellt finden; nimmt man an, daß die Regierung
die Wahl hatte zwischen ihm und der Aussicht, mit schwedisch-nor-
wegischer Hülfe die Deutschen aus Schleswig zu jagen und sie zu
zwingen, Dänemarks Recht anzuerkennen, die Angelegenheiten dieses
Herzogtums im Verein mit seinen Bewohnern zu regeln - so muß man
allerdings sagen, daß die Regierung unverantwortlich gehandelt
hat, indem sie den Waffenstillstand einging. Aber so hat die Wahl
nicht gestanden. Man muß annehmen, daß sowohl England wie Rußland
- die beiden Großmächte, die am nächsten bei dieser Streitfrage
und ihrer Erledigung interessiert sind - die Eingehung des Waf-
fenstillstands verlangt haben als Bedingung ihrer zukünftigen
Sympathie und Vermittlung und daß ebenso die schwedisch-norwegi-
sche Regierung den Versuch einer friedlichen Ausgleichung gefor-
dert hat, ehe sie sich zu irgendeiner wirksamen Hülfe bestimmte,
und daß sie diese Hülfe nur mit der gleich anfangs gegebenen Be-
grenzung leisten will: nämlich nicht zur Wiedereroberung Schles-
wigs, sondern bloß zur Verteidung Jütlands und der Inseln. So war
also die Alternative folgende: Auf der einen Seite eine gewonnene
Frist, sowohl um den
#254# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Gang der Begebenheiten im Ausland abzuwarten, wie auch, um die
innere politische und militärische Organisation zu vollenden; auf
der andern die Aussicht auf einen verzweifelten Lebenskampf gegen
die Übermacht, welcher, wenn auch das Bundesheer in seinen vor-
teilhaften Stellungen von unserm um die Hälfte geringeren Heer
angegriffen werden sollte, so gut wie unmöglich zum Siege, wohl
aber nach Zurückberufung des schwedisch-norwegischen Heeres zur
Besetzung der ganzen Halbinsel durch die Deutschen führen könnte;
ein Kampf, der uns im glücklichsten Fall teuer erkaufte, nutzlose
Siege, im unglücklichsten die Erschöpfung aller unserer Verteidi-
gungskräfte und einen demütigenden Frieden in Aussicht stellt."
Das dänische Blatt verteidigt nun die Bedingungen des Waffen-
stillstandes als vorteilhaft für Dänemark. Die Befürchtung, daß
die Wiedereröffnung des Krieges in den Winter falle, wo die deut-
schen Truppen über das Eis nach Fünen und Alsen gehen könnten,
sei grundlos; die Deutschen seien ebenso unfähig wie die Dänen,
in diesem Klima einen Winterfeldzug auszuhalten, während die Vor-
teile einer dreimonatlichen Waffenruhe für Dänemark und die gut-
gesinnte Bevölkerung Schleswigs sehr groß seien. Wenn binnen der
drei Monate der Friede nicht geschlossen, so werde der Waffen-
stillstand sich von selbst bis ins Frühjahr verlängern. Dann
heißt es:
"Daß die Blockade aufgehoben und die Gefangenen auf freien Fuß
gesetzt werden, wird man in Ordnung finden; dagegen hat viel-
leicht die Auslieferung der genommenen Schiffe die Unzufrieden-
heit einzelner erweckt. Inzwischen war ja die Aufbringung deut-
scher Schiffe mehr ein Zwangsmittel, um Deutschland von der Über-
schreitung unserer Grenze abzuschrecken, und hatte keineswegs den
Zweck, uns durch Aneignung fremden Privateigentums zu bereichern;
und dann ist der Wert dieser Schiffe bei weitem nicht so groß,
als manche glauben möchten. Sollten sie während der gegenwärtigen
Stockung in unserm eignen wie in dem ganzen europäischen Handel
versteigert werden, so würden sie a l l e r h ö c h s t e n s
1 1/2 Millionen, d.h. zweimonatliche Kriegskosten einbringen. Und
dann ist der Ersatz dafür die Räumung der beiden Herzogtümer
durch die Deutschen und der Ersatz der in Jütland ausgeschriebe-
nen Requisitionen. Das angewandte Zwangsmittel hat also seinen
Zweck erreicht, es ist also in der Ordnung, daß es damit aufhört.
Und es scheint uns, als ob d i e R ä u m u n g d r e i e r
L ä n d e r d u r c h e i n ü b e r l e g e n e s H e e r,
das mit unsrer eignen Macht hinauszuschlagen keine Aussicht war,
den kleinen Vorteil zehnmal aufwiegt, den der Staat von dem Ver-
kauf der aufgebrachten Schiffe ziehen konnte."
Der § 7 sei der bedenklichste. Er schreibe die Fortdauer der be-
sonderen Regierung der Herzogtümer und damit des "Schleswig-Hol-
steinismus" vor. Der König von Dänemark sei für die beiden von
ihm zu ernennenden Mitglieder der provisorischen Regierung an die
schleswig-holsteinischen N o t a b e l n gebunden, und es
werde schwerfallen, einen zu finden, der kein "Schleswig-Holstei-
ner" sei. Aber dafür werde auch ausdrücklich der "ganze Aufruhr"
#255# Das "Fädreland" über den Waffenstillstand
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desavouiert, alle Beschlüsse der provisorischen Regierung annul-
liert und der Zustand v o r dem 17. März hergestellt.
"Wir haben somit die wesentlichsten Bedingungen des Waffenstill-
standes vom dänischen Standpunkt betrachtet. Versuchen wir nun
aber einmal, uns auf den deutschen Standpunkt zu stellen.
Alles was Deutschland verlangt, ist die Freigebung der Schiffe
und die Aufhebung der Blockade.
Was es aufgibt, ist folgendes:
Erstens, d i e H e r z o g t ü m e r, besetzt von einer Armee,
die bis jetzt keine Niederlage erlitten hat und stark genug ist,
ihre Stellung gegen eine doppelt so starke Armee zu behaupten als
die, die ihr bisher entgegenstand;
Zweitens, S c h l e s w i g s A u f n a h m e i n d e n
B u n d, welche feierlich vom Bundestag erklärt und von der Na-
tionalversammlung durch Aufnahme der schleswigschen Deputierten
bestätigt wurde;
Drittens, die p r o v i s o r i s c h e R e g i e r u n g, die
es als legitim anerkannt und mit der es als solcher verhandelt
hatte;
Viertens, die s c h l e s w i g - h o l s t e i n s c h e
P a r t e i, deren von ganz Deutschland unterstützte Forderungen
unabgemacht der Entscheidung nichtdeutscher Mächte übertragen
werden;
Fünftens, die augustenburgischen Prätendenten 1*), denen der Kö-
nig von Preußen persönlich Beistand gelobt hat, die aber im Waf-
fenstillstand mit keinem Wort erwähnt, denen keine Amnestie, kein
Asyl zugesichert wird;
Endlich d i e d u r c h d e n K r i e g v e r u r s a c h-
t e n K o s t e n, welche teils den Herzogtümern, teils dem
Bunde zur Last fallen, die aber, s o w e i t s i e v o m e i-
g e n t l i c h e n D ä n e m a r k g e t r a g e n w o r-
d e n s i n d, e r s t a t t e t w e r d e n.
Uns kommt es so vor, als müßten unsere übermächtigen Feinde an
diesem Waffenstillstände weit mehr auszusetzen haben als wir, das
kleine verachtete Volk."
Schleswig hat den unbegreiflichen Wunsch gehabt, deutsch zu wer-
den. Es ist in der Ordnung, daß es dafür bestraft, daß es von
Deutschland im Stich gelassen werde.
Den Text des Waffenstillstands geben wir morgen.
Geschrieben von Friedrich Engels.
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1*) Herzog Christian August und Prinz Friedrich von Schleswig-
Holstein
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