Quelle: MEW 5 März - November 1848
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Der Waffenstillstand mit Dänemark [213]
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 52 vom 22. Juli 1848]
** Köln, 21. Juli. Unsere Leser wissen es, wir haben den däni-
schen Krieg [40] immer mit großer Kaltblütigkeit betrachtet. Wir
haben ebensowenig eingestimmt in die tobenden Renommistereien der
Nationalen, wie in die ewige Leier des schleswig-holstein-meerum-
schlungenen [216] Strohenthusiasmus. Wir kannten unser Vaterland
zu gut, wir wußten was es heißt, sich auf Deutschland verlassen.
Die Ereignisse haben unsere Anschauungsweise vollständig gerecht-
fertigt. Die unverhinderte Eroberung Schleswigs durch die Dänen,
die Wiedereroberung des Landes und der Zug nach Jütland, der
Rückzug nach der Schlei, die abermalige Eroberung des Herzogtums
bis zur Königsau - diese ganze unbegreifliche Führung des Kriegs
von Anfang bis zu Ende hat es den Schleswigern bewiesen, welchen
Schutz sie von dem revolutionierten, großen, starken, einigen
usw. Deutschland, von dem angeblich souveränen Volk von 45 Mil-
lionen zu erwarten haben. Damit sie aber alle Lust verlieren,
deutsch zu werden, damit ihnen die "dänische Unterdrückung" un-
endlich lieber werde als die "deutsche Freiheit", zu diesem Zweck
hat Preußen im Namen des Deutschen Bundes den Waffenstillstand
unterhandelt, den wir heute in buchstäblicher Übersetzung mittei-
len.
Wenn man einen Waffenstillstand schließt, so war es bisher üb-
lich, daß beide Armeen ihre Stellung behaupteten und höchstens
ein schmaler neutraler Strich zwischen sie gelegt wurde. In die-
sem Waffenstillstand, dem ersten Erfolg des "preußischen Waffen-
ruhms", ziehen sich die siegreichen Preußen über 20 Meilen zu-
rück, von Kolding bis diesseits Lauenburg, während die geschlage-
nen Dänen ihre Stellung bei Kolding behaupten und nur Alsen ver-
lassen. Noch mehr: Wird der Waffenstillstand gekündigt, so rücken
die Dänen wieder vor in die Stellungen, die sie am 24.Juni ein-
nahmen, d.h. sie besetzen einen 6-7 Meilen breiten Streifen von
Nordschleswig ohne Schwertstreich
#257# Der Waffenstillstand mit Dänemark
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wieder, einen Streifen, aus dem sie z w e i m a l herausge-
schlagen sind, während die Deutschen nur bis Apenrade und Umge-
gend wieder vorrücken dürfen. So wird "die Ehre der deutschen
Waffen gewahrt" und dem durch viermalige Truppenüberschwemmung
ausgesogenen Nordschleswig eine fünfte und sechste Überziehung in
Aussicht gestellt!
Damit noch nicht genug, wird ein Teil von Schleswig selbst wäh-
rend des Waffenstillstandes von dänischen Truppen besetzt werden.
Schleswig wird nach Art. 8 von den Cadres der im Herzogtum aus-
gehobnen Regimenter okkupiert, d.h. teils von den schleswigschen
Soldaten, die an der Bewegung sich beteiligt haben, teils von
denen, die zu jener Zeit in Dänemark garnisonierten, gegen die
provisorische Regierung in den Reihen der dänischen Armee ge-
kämpft haben, von dänischen Offizieren kommandiert werden und in
jeder Hinsicht d ä n i s c h e Truppen sind. Die dänischen
Blätter sehen die Sache auch unter diesem Gesichtspunkt an:
"Unzweifelhaft", sagt "Fädrelandet" [214] vom 13. Juli, "wird die
Anwesenheit der t r e u e n schleswigschen Truppen im Herzogtum
bedeutend die Volksstimmung stärken, welche jetzt, nachdem das
Land die Unglücksfälle des Krieges erfahren hat, sich mit Kraft
gegen die Urheber dieser Unglücksfälle erheben wird."
Und nun gar die schleswig-holsteinische Bewegung! Sie wird von
den Dänen ein A u f r u h r genannt und von Preußen a l s
A u f r u h r b e h a n d e l t. Die provisorische Regierung,
die Preußen und der Deutsche Bund anerkannt haben, wird ohne
Gnade geopfert; alle Gesetze, Verordnungen etc., die seit der Un-
abhängigkeit Schleswigs erlassen, treten außer Kraft; die aufge-
hobenen dänischen Gesetze treten dagegen wieder in Wirksamkeit.
Kurz, die Antwort wegen der berühmten Note Wildenbruchs [181],
die Herr Auerswald zu geben sich weigerte 1*) - diese Antwort be-
findet sich hier in Art. 7 des Waffenstillstandsprojekts. Alles
was revolutionär an der Bewegung war, ist rücksichtslos vernich-
tet, und an die Stelle der aus der Revolution hervorgegangenen
Regierung tritt eine legitime, durch drei legitime Fürsten er-
nannte Verwaltung. Die holsteinischen und schleswigschen Truppen
werden wieder d ä n i s c h k o m m a n d i e r t u n d d ä-
n i s c h g e f u c h t e l t werden, die holsteinischen und
schleswigschen Schiffe bleiben nach wie vor "Dansk-Eiendom" 2*),
trotz der neuesten Verfügung der provisorischen Regierung.
Und die beabsichtigte neue Regierung setzt dem allen erst die
Krone auf. Man höre das "Fädrelandet":
"Wenn wir auch in dem beschränkten Wahlkreis für die dänisch-ge-
wählten Mitglieder der neuen Regierung wahrscheinlich nicht die
Vereinigung von Energie und
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1*) Siehe vorl. Band, S. 180 - 2*) "dänisches Eigentum"
#258# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Talent, Intelligenz und Erfahrung finden, die Preußen bei seiner
Auswahl zu Gebote stehen werden" - so ist damit noch nichts ver-
loren. "Die Mitglieder der Regierung müssen allerdings aus der
Bevölkerung der Herzogtümer gewählt werden; aber niemand verbie-
tet uns, ihnen Sekretäre und Helfer beizugeben, welche a n-
d e r s w o g e b o r e n und a n s ä s s i g sind. In der
Wahl dieser Sekretäre und Regierungsräte kann man ohne lokale
Rücksicht nach Tüchtigkeit und Talent verfahren, und es ist nicht
unwahrscheinlich, daß diese Männer bedeutenden Einfluß auf den
ganzen Geist und Gang der Verwaltung haben werden. Ja, es werden
hoffentlich selbst h o c h s t e h e n d e d ä n i s c h e
B e a m t e, einen solchen in Rücksicht auf den Amtsrang unter-
geordneten Posten übernehmen; jeder gute Däne wird sich unter den
gegenwärtigen Verhältnissen eine Ehre aus einer solchen Stellung
machen."
Das ministerielle Blatt stellt also den Herzogtümern eine Über-
schwemmung nicht nur durch dänische Truppen, sondern auch durch
dänische Beamte in Aussicht. Eine halbdänische Regierung wird in
Rendsburg auf anerkanntem deutschem Bundesgebiete ihren Sitz auf-
schlagen.
Das sind die Vorteile des Waffenstillstandes für Schleswig. Die
Vorteile für Deutschland sind ebenso groß. Von der Aufnahme
Schleswigs in den Bund wird kein Wort erwähnt, im Gegenteil der
Bundesbeschluß durch die Zusammensetzung der neuen Regierung
f ö r m l i c h d e s a v o u i e r t. Der Deutsche Bund wählt
für Holstein, der König von Dänemark von S c h l e s w i g
w e g e n. Schleswig steht also unter dänischer, nicht unter
deutscher Oberhoheit.
Deutschland konnte sich in diesem dänischen Kriege wirklich ein
Verdienst erwerben, indem es die Aufhebung des Sundzolls [217],
dieser altfeudalen Räuberei, erzwang. Die deutschen Seestädte,
durch die Blockade und durch die Aufbringung ihrer Schiffe ge-
drückt, würden diesen Druck gern noch länger ertragen haben, wenn
die Aufhebung des Sundzolls erreicht worden wäre. Die Regierungen
hatten auch überall verbreiten lassen, die Aufhebung des Sund-
zolls solle in jedem Fall erzwungen werden. Und was ist aus die-
ser Prahlerei geworden? England und Rußland wollen die Beibehal-
tung des Sundzolls, und das gehorsame Deutschland bescheidet sich
natürlich.
Daß gegen die Rückgabe der Schiffe die Erstattung der jütischen
Requisitionen erfolgt, versteht sich von selbst nach dem Grund-
satz, daß Deutschland reich genug ist, seinen Ruhm zu bezahlen.
Das sind die Vorteile, welche das Ministerium Hansemann dem deut-
schen Volk in diesem Waffenstillstandsprojekt darbietet! Das sind
die Früchte eines dreimonatlichen Kampfes gegen ein kleines Völk-
chen von 1 1/2 Millionen! Das ist das Resultat aller Großprahle-
reien unserer nationalen Blätter, unserer gewaltigen Dänenfres-
ser!
Wie man hört, wird der Waffenstillstand nicht abgeschlossen wer-
den. Der General Wrangel, durch Beseler aufgemuntert, hat sich
definitiv geweigert,
#259# Der Waffenstillstand mit Dänemark
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ihn zu unterzeichnen, trotz aller Bitten des Grafen Pourtalès,
der ihm Auerswalds Befehl dazu brachte, trotz aller Erinnerungen
an seine Pflicht als preußischer General. Wrangel erklärte, er
stehe vor allem unter den Befehlen der deutschen Zentralgewalt,
und diese werde nicht einwilligen, wenn nicht die jetzige Stel-
lung der Armeen beibehalten und die provisorische Regierung bis
zum Frieden bleiben werde.
So wird das preußische Projekt wohl nicht zur Ausführung kommen;
aber interessant bleibt es trotzdem als Beweis, wie Preußen, wenn
es sich an die Spitze stellt, die Ehre und die Interessen
Deutschlands zu wahren versteht.
Geschrieben von Friedrich Engels.
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