Quelle: MEW 5 März - November 1848
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#262#
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Der Gesetzentwurf über die Zwangsanleihe und seine Motivierung
[220]
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 56 vom 26. Juli 1848]
** Köln, 25. Juli. Ein berüchtigter Gauner des gesegneten Vier-
tels von St. Giles in London erschien vor den Assisen. Er war an-
geklagt, den Koffer eines berüchtigten Geizhalses der City um
2000 Pfund Sterling [221] erleichtert zu haben.
"Meine Herren Geschwornen", begann der Angeklagte, "ich nehme
Ihre Geduld nicht für lange Zeit in Anspruch. Meine Verteidigung
ist nationalökonomischer Natur und sie wird ökonomisch mit den
Worten umgehen. Ich habe dem Herrn Cripps 2000 Pfund Sterling ge-
nommen. Nichts sicherer als das. Aber ich habe einem Privatmann
genommen, um dem Publikum zu geben. Wo sind die 2000 Pfund Ster-
ling hingekommen? Habe ich sie etwa egoistisch an mir gehalten?
Durchsuchen Sie meine Taschen. Wenn Sie einen Pence finden, ver-
kaufe ich Ihnen meine Seele um einen Farthing. Die 2000 Pf und,
Sie finden sie wieder bei dem Schneider, dem Shopkeeper 1*), im
Restaurant usw. Was habe ich also getan? Ich habe 'n u t z l o s
l i e g e n d e Summen, d i e n u r d u r c h e i n e
Z w a n g s a n l e i h e' dem Grabe des Geizes zu entreißen wa-
ren, 'i n Z i r k u l a t i o n g e s e t z t'. Ich war ein
Agent der Zirkulation, und die Zirkulation ist die erste Bedin-
gung des Nationalreichtums. Meine Herren, Sie sind Engländer! Sie
sind Ökonomen! Sie werden einen Wohltäter der Nation nicht verur-
teilen!"
Der Ökonom von St. Giles sitzt in Vandiemensland 2*) und hat Ge-
legenheit, über die verblendete Undankbarkeit seiner Landsleute
nachzudenken.
Aber er hat nicht umsonst gelebt. Seine Prinzipien bilden die
Grundlage der H a n s e m a n n s c h e n Z w a n g s a n-
l e i h e.
"Die Zulässigkeit der Zwangsanleihe", sagt Hansemann in den
M o t i v e n zu dieser Maßregel, "beruht auf der gewiß begrün-
deten Voraussetzung, daß ein großer Teil des baren Geldes in den
Händen von Privatpersonen in k l e i n e r n o d e r g r ö-
ß e r n S u m m e n n u t z l o s liegt und n u r d u r c h
e i n e Z u l a n g s a n l e i h e i n Z i r k u l a t i o n
g e s e t z t w e r d e n k a n n."
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1*) Krämer - 2*) heute Tasmanien, von 1803 bis 1854 britische
Sträflingskolonie
#263# Gesetzentwurf über die Zwangsanleihe
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Wenn ihr ein Kapital v e r z e h r t, bringt ihr es in Zirkula-
tion. Wenn ihr es nicht in Zirkulation bringt, v e r z e h r t
es der Staat, um es in Zirkulation zu bringen.
Ein Baumwollfabrikant beschäftigt z.B. 100 Arbeiter. Er zahle
täglich jedem von ihnen 9 Silbergroschen. Es wandern also täglich
900 Silbergroschen, resp. 30 Taler aus seiner Tasche in die Ta-
sche der Arbeiter und aus den Taschen der Arbeiter in die Taschen
des Epiciers 1*), des Hausbesitzers, des Schusters, des Schnei-
ders usw. Diese Wanderung der 30 Taler heißt ihre Z i r k u-
l a t i o n. Von dem Augenblicke an, wo der Fabrikant seine
Baumwollstoffe nur noch mit Verlust verkaufen oder gar nicht
verkaufen kann, hört er auf zu produzieren, hört er auf, die
Arbeiter zu beschäftigen, und mit dem Aufhören der Produktion
hört die Wanderung der 30 Taler, hört die Z i r k u l a t i o n
auf. Wir werden die Zirkulation zwangsweise herstellen! ruft Han-
semann aus. Warum läßt der Fabrikant auch sein Geld n u t z-
l o s liegen? Warum läßt er es nicht zirkulieren? Wenn schönes
Wetter ist, zirkulieren viele Leute im Freien. Hansemann treibt
die Leute ins Freie, zwingt sie zu zirkulieren, um das schöne
Wetter herzustellen. Großer Wetterkünstler!
Die ministerielle und kommerzielle Krise raubt dem Kapital der
bürgerlichen Gesellschaft die Zinsen. Der Staat hilft ihr wieder
auf die Beine, indem er auch das Kapital wegnimmt.
Der Jude Pinto, der berühmte Börsenspieler des 18. Jahrhunderts,
empfiehlt in seinem Buch über die "Zirkulation" [222] das Börsen-
spiel. Das Börsenspiel produziere zwar nicht, aber es befördre
die Zirkulation, die Wanderung des Reichtums aus einer Tasche in
die andere. Hansemann verwandelt die Staatskasse in ein Roulette,
worauf das Vermögen der Staatsbürger zirkuliert. Hansemann-Pinto!
In den "M o t i v e n" zum "Zwangsanleihegesetz" stößt Hanse-
mann nun auf eine große Schwierigkeit. Warum hat die f r e i-
w i l l i g e A n l e i h e nicht die nötigen Summen einge-
bracht?
Man kennt ja das "unbedingte Vertrauen", dessen sich die jetzige
Regierung erfreut. Man kennt den schwärmerischen Patriotismus der
großen Bourgeoisie, die sich über nichts mehr beklagt, als daß
einige Wühler ihr hingegebenes Vertrauen nicht zu teilen sich er-
frechen. Man kennt ja die Loyalitätsadressen aus allen Provinzen.
Und "trotz alledem und alledem" [223] ist Hansemann genötigt, die
poetische freiwillige Anleihe in die prosaische Zwangsanleihe zu
verwandeln!
Im Regierungsbezirke Düsseldorf z.B. haben Adlige 4000 Taler, Of-
fiziere
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1*) Krämers
#264# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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900 Taler beigesteuert - und wo herrscht mehr Vertrauen als unter
den Adligen und Offizieren im Regierungsbezirk Düsseldorf? Von
den Beiträgen der Prinzen des königlichen Hauses gar nicht zu re-
den. Lassen wir uns von Hansemann das Phänomen erklären.
"Die f r e i w i l l i g e n Beiträge sind bisher nur spärlich
eingegangen. Es ist dies w o h l w e n i g e r d e m M a n-
g e l a n V e r t r a u e n zu unseren Zuständen, als der
U n g e w i ß h e i t über das w i r k l i c h e B e d ü r f-
n i s des Staates zuzuschreiben, indem man abwarten zu dürfen
glaubte, o b u n d i n w e l c h e m M a ß e d i e
G e l d k r ä f t e d e s V o l k s i n A n s p r u c h g e-
n o m m e n W e r d e n m ö c h t e n. Auf diesen U m-
s t a n d gründet sich die Hoffnung, daß jeder nach Kräften
f r e i w i l l i g beitragen werde, sobald ihm die B e i-
t r a g s p f l i c h t als eine u n a b w e i s b a r e
N o t w e n d i g k e i t vorgeführt wird."
Der Staat, in höchsten Nöten, appelliert an den Patriotismus. Er
ersucht höflichst den Patriotismus, auf den Altar des Vaterlands
15 Millionen Taler niederzulegen, und zwar nicht einmal als Ge-
schenk, sondern nur als freiwilliges D a r l e h n. Man besitzt
das höchste Vertrauen in den Staat, aber man bleibt taub gegen
seinen Notschrei! Man befindet sich leider in solcher
"U n g e w i ß h e i t" über das "w i r k l i c h e B e-
d ü r f n i s des Staats", daß man sich vorläufig unter den
größten Seelenleiden entschließt, dem Staate g a r n i c h t s
zu geben. Man hat zwar das höchste Vertrauen zu der Staatsbe-
hörde, und die ehrenwerte Staatsbehörde behauptet, der Staat be-
dürfe 15 Millionen. Eben aus Vertrauen traut man der Versicherung
der Staatsbehörde nicht, betrachtet vielmehr ihr Geschrei nach 15
Millionen als eine reine Spielerei.
Man kennt die Geschichte von jenem wackern P e n n s y l-
v a n i e r, der seinen Freunden nie einen Dollar lieh. Er besaß
solches Vertrauen in ihren geordneten Lebenswandel, er schenkte
ihrem Geschäft einen solchen Kredit, daß er bis zu seiner
Todesstunde nie die "Gewißheit" gewann, sie befänden sich in
einem "wirklichen Bedürfnis'' nach einem Dollar. In ihren
stürmischen Forderungen erblickte er nur Prüfungen seines Ver-
trauens, und das Vertrauen des Mannes war unerschütterlich.
Die preußische Staatsbehörde fand den ganzen Staat von Pennsylva-
mern bewohnt.
Aber Herr Hansemann erklärt sich das sonderbare politisch-ökono-
mische Phänomen noch aus einem ändern merkwürdigen "U m-
s t a n d".
Das Volk steuerte nicht freiwillig bei, "weil es abwarten zu dür-
fen glaubte, o b u n d i n w e l c h e m M a ß e s e i n e
G e l d k r ä f t e i n A n s p r u c h g e n o m m e n
w e r d e n m ö c h t e n". Mit andern Worten: Niemand zahlte
freiwillig, weil jeder abwartete, o b u n d i n w e l c h e m
M a ß e er zum Zahlen g e z w u n g e n würde. Vorsichtiger
Patriotismus ! Höchst verwickeltes Vertrauen! Auf diesen
"U m s t a n d" nun, daß hinter der blauäugig-sanguinischen
freiwilligen Anleihe jetzt die dunkelblickende
#265# Gesetzentwurf über die Zwangsanleihe
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hypochondrische Zwangsanleihe steht, "gründet" Herr Hansemann
"die H o f f n u n g, daß jeder nach Kräften f r e i-
w i l l i g beitragen werde". Wenigstens muß der verstockteste
Zweifler die Ungewißheit verloren und die Überzeugung gewonnen
haben, daß es der Staatsbehörde mit ihren Geldbedürfnissen
wirklicher Ernst ist, und das ganze Übel lag ja, wie wir gesehen,
nur in dieser peinlichen Ungewißheit. Wenn ihr nicht gebt, wird
euch genommen, und das Nehmen macht euch und uns Unbeschwer-
lichkeiten. Wir hoffen also, daß euer Vertrauen von seiner über-
spannten Art abläßt und statt in hohlklingenden Phrasen in voll-
klingenden Talern sich äußert. Est-ce clair? 1*)
So sehr nun Herr Hansemann auf diesen "U m s t a n d"
"H o f f n u n g e n" gründet, so hat jedoch die grübelnde Ge-
mütsart seiner P e n n s y l v a n i e r ihn selbst angesteckt,
und er sieht sich veranlaßt, nach noch stärkeren
R e i z m i t t e l n zum Vertrauen umzuschauen. Das Vertrauen
ist zwar da, aber es will nicht heraus. Es bedarf der
R e i z m i t t e l, um es aus seinem latenten Zustand zu trei-
ben.
"Um aber für die freiwillige Beteiligung einen noch stärkeren An-
trieb" (als die Aussicht auf die Zwangsanleihe) "zu schaffen, ist
[in] § 1 die Verzinsung der Anleihe zu 3 1/3 Prozent projektiert
und ein Termin" (bis zum ersten Oktober) "offen gelassen, bis zu
welchem freiwillige Darlehen zu 5 Prozent noch angenommen werden
sollen."
Herr Hansemann setzt also eine P r ä m i e von 1 2/3 Prozent
auf das freiwillige Darlehn, und nun wird der Patriotismus wohl
flüssig werden, die Koffer werden springen, und die goldenen Flu-
ten des Vertrauens werden in die Staatskasse strömen.
Herr Hansemann findet es natürlich "billig", den großen Leuten
1 2/3 Prozent mehr zu zahlen als den kleinen, die nur gewaltsam
das Unentbehrliche sich nehmen lassen. Zur Strafe ihrer weniger
komfortablen Vermögensumstände werden sie überdem noch die
R e k u r s k o s t e n zu tragen haben.
So erfüllt sich der Bibelspruch. Wer hat, dem wird gegeben. Wer
nicht hat, dem wird genommen.
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 60 vom 30. Juli 1848]
** Köln, 29. Juli. Wie Peel einst für die Getreidezölle, so hat
Hansemann Pinto für den unfreiwilligen Patriotismus eine
"gleitende Skala" [224] entdeckt.
"In betreff des Prozentsatzes für die Beitragspflichtigkeit",
sagt unser Hansemann in seinen Motiven, "ist eine progressive
Skala angenommen, da offenbar die Fähigkeit, Geld zu beschaffen,
mit dem Betrage des Vermögens in a r i t h m e t i s c h e m
Verhältnis steigt."
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1*) Ist das klar?
#266# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Mit dem Vermögen steigt die Fähigkeit, Geld zu beschaffen. Mit
ändern Worten: In dem Maße, als man über mehr Geld zu verfügen
hat, hat man über mehr Geld zu verfügen. Soweit nichts richtiger.
Daß aber die Fähigkeit, Geld zu beschaffen, nur in a r i t h-
m e t i s c h e m Verhältnis steigt, mögen die verschiedenen
Vermögensbeträge auch in g e o m e t r i s c h e m Verhältnis
stehn - das ist eine Entdeckung Hansemanns, die ihm größeren Ruhm
bei der Nachwelt sichern muß als dem Malthus der Satz, daß die
Lebensmittel nur in arithmetischem Verhältnis wachsen, während
die Bevölkerung in geometrischem Verhältnis steigt.
Wenn also z.B. verschiedene Vermögensbeträge sich zueinander ver-
halten, wie
1, 2, 4, 8, 16, 32, 64, 128, 256, 512,
so wächst nach der Entdeckung des Herrn Hansemann die Fähigkeit,
Geld zu beschaffen, wie
1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10.
Trotz des scheinbaren Wachsens der Beitragspflichtigkeit nimmt
also nach unserm Ökonomen die Fähigkeit, Geld zu beschaffen, in
demselben Maße ab, worin das Vermögen zunimmt.
In einer Novelle des Cervantes [225] finden wir den größten spa-
nischen Finanzmann im Irrenhaus. Der Mann hatte ausfindig ge-
macht, daß die spanische Staatsschuld vernichtet sei, sobald
"die Cortes das Gesetz genehmigen, daß alle Vasallen Seiner Maje-
stät vom 14. bis in das 60. Jahr verpflichtet sein sollen, einen
Tag im Monat bei Wasser und Brot zu fasten, und zwar an einem
nach Belieben auszuwählenden und zu bestimmenden Tage. Der Auf-
wand aber, der sonst an Früchten, Gemüse, Fleischspeisen, Fi-
schen, Weinen, Eiern und Hülsenfrüchten an diesem Tage verbraucht
worden wäre, soll zu Geld angeschlagen und Seiner Majestät abge-
liefert werden, ohne daß ein Heller, bei Strafe des Meineides,
wegfalle."
Hansemann kürzt das Verfahren ab. Er hat seine sämtlichen Spa-
nier, die ein jährliches Einkommen von 400 Talern besitzen, auf-
gefordert, einen Tag im Jahr ausfindig zu machen, an dem sie 20
Taler entbehren können. Er hat die Kleinen aufgefordert, der
gleitenden Skala gemäß sich für 40 Tage ungefähr aller Konsumtion
zu enthalten. Wenn sie zwischen August und September die 20 Taler
nicht finden, wird ein Gerichtsvollzieher im Oktober sie suchen
nach den Worten: Suchet, so werdet ihr finden.
Folgen wir weiter den "M o t i v e n", die der preußische
Necker uns anvertraut.
"Jedes Einkommen", belehrt er uns, "aus Gewerbe im weitesten
Sinne des Wortes, also ohne Rücksicht darauf, ob davon Gewerbe-
steuer bezahlt wird, wie das Einkommen
#267# Gesetzentwurf über die Zwangsanleihe
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der Ärzte, Advokaten, kann nur n a c h A b z u g d e r B e-
t r i e b s a u s g a b e n, einschließlich der von den Schulden
zu zahlenden Zinsen, in Betracht kommen, d a n u r a u f
d i e s e W e i s e d a s r e i n e E i n k o m m e n
g e f u n d e n w i r d. Aus d e m s e l b e n G r u n d e
mußte d a s G e w e r b e b e t r i e b s k a p i t a l außer
Anspruch gelassen werden, s o f e r n der nach dem E i n-
k o m m e n zu berechnende Anleihebeitrag s i c h h ö h e r
b e l ä u f t a l s d e r n a c h d e m B e t r i e b s-
k a p i t a l b e r e c h n e t e ."
Nous marchons de surprise en surprise. 1*) Das E i n k o m m e n
kann nur in Betracht kommen n a c h A b z u g d e s B e-
t r i e b s k a p i t a l s, denn die Zwangsanleihe kann und
soll nichts anderes sein als die außerordentliche Form einer
E i n k o m m e n s t e u e r. Und die Betriebskosten gehören so
wenig zum Einkommen des Industriellen, wie der Baumstamm und die
Wurzel des Baums zu seinen Früchten gehören. A u s d i e s e m
G r u n d e also, weil bloß das Einkommen besteuert werden soll
und nicht das Betriebskapital, wird eben das Betriebskapital be-
steuert und nicht das Einkommen, wenn die erste Manier dem Fiskus
profitlicher scheint. Es ist Herrn Hansemann also völlig gleich-
gültig, "auf welche Weise das r e i n e Einkommen gefunden
wird". Was er sucht, ist, "auf welche Weise das g r ö ß t e
Einkommen" für den Fiskus "gefunden wird".
Herr Hansemann, der das Betriebskapital selbst angreift, gleicht
dem Wilden, der den Baum fällt, um in den Besitz seiner Früchte
zu gelangen.
"Wenn also" (Art. 9 des Gesetzentwurfs) "sich die nach dem Gewer-
bebetriebskapital zu bemessende Anleihebeteiligung höher als nach
dem zehnfachen Betrage des Einkommens beläuft, tritt die erstere
Art der Abschätzung ein" und wird also das "Gewerbebetriebs-
kapital" selbst "in Anspruch genommen".
Sooft es also dem Fiskus beliebt, kann er das Vermögen statt des
Einkommens seinen Forderungen zugrunde legen.
Das Volk verlangt den mysteriösen preußischen Staatsschatz in Au-
genschein zu nehmen. Das Ministerium der Tat antwortet auf diese
taktlose Anforderung durch den Vorbehalt, einen durchdringenden
Blick in sämtliche Kaufmannsbücher zu werfen und ein Inventarium
über den Vermögensbestand seiner sämtlichen Angehörigen aufzuneh-
men. Die konstitutionelle Ära in Preußen beginnt damit, nicht das
Staatsvermögen durch das Volk, sondern das Volksvermögen durch
den Staat kontrollieren zu lassen, um so der schamlosesten Einmi-
schung der Bürokratie in den bürgerlichen Verkehr und die Privat-
verhältnisse Tür und Tor zu eröffnen. In Belgien hat der Staat
ebenfalls zu einer Zwangsanleihe seine Zuflucht genommen, aber er
hält sich bescheiden an die Steuerregister und Hypothekenbücher,
an vorhandene öffentliche Dokumente. Das Ministerium der Tat da-
gegen spielt das Spartanertum aus der preußischen Armee in die
preußische Nationalökonomie hinein.
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1*) Wir schreiten von Überraschung zu Überraschung.
#268# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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In seinen "Motiven" sucht Hansemann zwar den Bürger zu beschwich-
tigen durch allerlei milde Worte und freundliche Vorstellungen.
"Der Verteilung der Anleihe", flüstert er ihm zu, "liegt die
S e l b s t s c h ä t z u n g zum Grunde." Alles "Gehässige"
wird vermieden.
"A u c h n i c h t e i n m a l eine s u m m a r i s c h e
Angabe der einzelnen Vermögensteile wird erfordert ... Die zur
P r ü f u n g d e r S e l b s t s c h ä t z u n g e n nieder-
gesetzte Kreiskommission soll im Wege g ü t l i c h e r Vor-
stellung zu angemessener Beteiligung auffordern, und erst, wenn
dieser Weg ohne Erfolg ist, den Betrag einschätzen. Gegen diese
Entscheidung steht der R e k u r s an eine Bezirkskommission
usw."
Selbstschätzung! Nicht einmal s u m m a r i s c h e Angabe der
einzelnen Vermögensteile! Gütliche Vorstellung! Rekurs!
Sage, was willst du mehr? [226]
Fangen wir gleich mit dem Ende an, mit dem R e k u r s.
Art. 16 bestimmt:
"Die Einziehung erfolgt o h n e R ü c k s i c h t a u f
e i n g e l e g t e n R e k u r s zu den festgesetzten Termi-
nen, vorbehaltlich der Rückzahlung, insoweit der Rekurs für be-
gründet befunden wird."
Also erst die E x e k u t i o n trotz dem Rekurs, hinterher die
Begründung trotz der Exekution!
Noch mehr!
Die durch den Rekurs verursachten "Kosten fallen dem Rekurrenten
zur Last, wenn sein Rekurs ganz o d e r t e i l w e i s e ver-
worfen wird und werden nötigenfalls exekutivisch beigetrieben".
(Art. 19.) Wer die ökonomische Unmöglichkeit einer exakten Vermö-
gensabschätzung kennt, sieht auf den ersten Blick, daß der Rekurs
i m m e r t e i l w e i s e verworfen werden kann, der Rekur-
rent also jedesmal den Schaden davonträgt. Der Rekurs mag also
beschaffen sein, wie er will, eine Geldbuße ist sein unzertrenn-
licher Schatten. Allen Respekt vor dem Rekurs!
Von dem Rekurs, dem Ende, gehen wir zurück zum Anfang, der
S e l b s t s c h ä t z u n g.
Herr Hansemann scheint nicht zu fürchten, daß seine Spartaner
sich selbst überschätzen.
Nach Art. 13 bildet "die Selbstangabe der zum Beitrag Verpflich-
teten die G r u n d l a g e der Anleiheverteilung". Die Archi-
tektonik des Herrn Hansemann ist so beschaffen, daß man aus der
Grundlage seines Gebäudes keineswegs auf die weitern Umrisse des-
selben schließen kann.
Oder vielmehr die "Selbstangabe", die in der Form einer
"Erklärung" den vom Herrn "Finanzminister oder in dessen Auftrage
von der Bezirksregierung
#269# Gesetzentwurf über die Zwangsanleihe
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zu bestimmenden Beamten einzureichen ist" - diese Grundlage wird
nun tiefer begründet. Nach Art. 14 "treten zur Prüfung der abge-
gebenen Erklärungen eine oder mehrere Kommissionen zusammen, de-
ren Vorsitzender sowie übrige Mitglieder zur Zahl von mindestens
f ü n f v o m F i n a n z m i n i s t e r o d e r d e r
v o n i h m b e a u f t r a g t e n B e h ö r d e z u e r-
n e n n e n sind". Die E r n e n n u n g des Finanzministers
oder der von ihm beauftragten Behörde bildet also die eigentliche
G r u n d l a g e der Prüfung.
Weicht die Selbstschätzung ab von dem "E r m e s s e n" dieser
vom Finanzminister ernannten Kreis- oder Stadtkommission, so wird
der "Selbstschätzer" aufgefordert, sich zu e r k l ä r e n.
(Art. 15.) Er mag nun eine Erklärung abgeben oder nicht abgeben,
es kömmt alles darauf an, ob sie der von dem Finanzminister er-
nannten Kommission "genügt". Genügt sie nicht, "so hat die Kom-
mission den Beitrag nach e i g n e r S c h ä t z u n g festzu-
setzen und davon den Beitragspflichtigen zu b e n a c h-
r i c h t i g e n".
Erst schätzt der Beitragspflichtige sich selbst und benachrich-
tigt davon den Beamten. Jetzt schätzt der Beamte und benachrich-
tigt davon den Beitragspflichtigen. Was ist aus der "Selbst-
schätzung" geworden? Die Grundlage ist zugrunde gegangen. Während
aber die Selbstschätzung nur den Anlaß bot zu einer schweren
"Prüfung" des Pflichtigen, schlägt die fremde Schätzung sofort in
Exekution um. Art. 16 verfügt nämlich:
"Die Verhandlungen der Kreis- (Stadt-) Kommissionen sind der Be-
zirksregierung einzureichen, welche danach a l s b a l d die
Rollen der Anleihebeträge aufzustellen und den betreffenden Kas-
sen zur Einziehung - nötigenfalls im Wege der Exekution - nach
den für die [...] Steuern geltenden Vorschriften zuzufertigen
hat."
Wir haben schon gesehen, wie bei den Rekursen nicht alles "Rose"
ist. Der Rekursweg versteckt noch andere Dornen.
E r s t e n s. Die Bezirkskommission, welche die Rekurse prüft,
wird von Deputierten gebildet, welche von den nach dem Gesetz vom
8. April 1848 [30] gewählten Wahlmännern usw. erwählt werden.
Aber der ganze Staat zerfällt vor der Zwangsanleihe in zwei
feindselige Lager, das Lager der Widerspenstigen und das Lager
der Wohlmeinenden, gegen deren geleisteten oder angebotenen Bei-
trag Ausstellungen bei der Kreiskommission nicht erhoben sind.
Die Deputierten dürfen nur aus dem wohlmeinenden Lager erwählt
werden. (Art. 17.)
Z w e i t e n s. "Den Vorsitz führt ein vom Finanzminister zu
ernennender Kommissarius, dem zum Vortrage ein Beamter beigeord-
net werden kann." (Art. 18.)
D r i t t e n s. "Die Bezirkskornmission ist befugt, die spe-
zielle Abschätzung des V e r m ö g e n s o d e r E i n k o m-
m e n s a n z u o r d n e n und zu diesem Ende W e r t t a-
x e n
#270# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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a u f z u n e h m e n oder k a u f m ä n n i s c h e B ü-
c h e r e i n s e h e n z u l a s s e n. Reichen diese Mittel
nicht aus, so kann vom Rekurrenten eidesstattliche Versicherung
gefordert werden." [Art. 19.]
Wer sich also den "Schätzungen" der vom Finanzminister ernannten
Beamten nicht unbedenklich fügt - muß zur Strafe seine sämtlichen
Vermögensverhältnisse zwei Bürokraten und 15 Konkurrenten viel-
leicht offenlegen. Dornenvoller Pfad des Rekurses! Hansemann ver-
höhnt also nur sein Publikum, wenn er in den Motiven sagt:
"Der Verteilung der Anleihe liegt die Selbstschätzung zum Grunde.
Um solche aber in k e i n e r W e i s e g e h ä s s i g zu
machen, ist a u c h n i c h t e i n m a l e i n e s u m-
m a r i s c h e A n g a b e d e r e i n z e l n e n V e r-
m ö g e n s t e i l e e r f o r d e r l i c h."
Die Strafe des "Meineides" des Projektenmachers des Cervantes,
sie sogar fehlt nicht im Projekt des Ministers der Tat.
Statt sich mit seinen Scheinmotiven abzuquälen, hätte unser Han-
semann besser getan, mit dem Mann in der Komödie zu sagen:
"Wie wollt Ihr, daß ich alte Schulden zahle und neue Schulden ma-
che, w e n n I h r m i r n i c h t G e l d l e i h t?"
[225]
In diesem Augenblicke aber, wo Preußen an Deutschland im Dienst
seiner Sonderinteressen einen Verrat zu begehen und gegen die
Zentralgewalt zu rebellieren sucht, ist es die P f l i c h t
e i n e s j e d e n P a t r i o t e n, keinen Pfennig freiwil-
lig zur Zwangsanleihe beizusteuern. Nur durch eine konsequente
Abschneidung der Lebensmittel kann Preußen gezwungen werden, sich
an Deutschland zu ergeben.
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