Quelle: MEW 5 März - November 1848


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       Vereinbarungsdebatte über die Valdenairesche Angelegenheit
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 63 vom 2. August 1848]
       ** Köln,  1. August. Wir haben wieder einige Vereinbarungssitzun-
       gen nachzuholen. [25]
       In der  Sitzung vom 18. Juli wurde der Antrag auf Einberufung des
       Abgeordneten Valdenaire  1*) beraten.  Die Zentralabteilung  trug
       auf Annahme an. Drei rheinische Juristen erhoben sich dagegen.
       Zuerst Herr  Simons aus  Elberfeld, ehemaliger  Staatsprokurator.
       Herr Simons glaubte sich noch vor den Assisen oder vor dem Zucht-
       polizeigericht; er  trat als  öffentlicher Ankläger auf und hielt
       ein förmliches Plaidoyer gegen Herrn Valdenaire und zugunsten der
       Justiz. Er  sagte: Die Sache liegt vor dem Anklagesenat, sie wird
       dort rasch  entschieden, und  entweder kommt Valdenaire frei oder
       er wird  vor die  Assisen verwiesen.  Geschieht das letztere, "so
       ist es  im höchsten  Grade zu  wünschen, daß dann die Sache nicht
       auseinandergerissen und  in  der  Aburteilung  nicht  aufgehalten
       werde". Dem  Herrn Simons gilt das Interesse der Justiz, d.h. die
       Bequemlichkeit der Anklagesenate, Staatsprokuratoren und Assisen-
       höfe für  höher als das Interesse der Freiheit und die Unverletz-
       lichkeit der Volksrepräsentanten.
       Herr Simons  verdächtigt dann zuerst die Schutzzeugen Valdenaires
       und sodann  Valdenaire selbst.  Er erklärt, der Versammlung werde
       durch seine  Abwesenheit "irgendein  Talent nicht  entzogen", und
       alsdann erklärt  er ihn für unqualifiziert, in der Versammlung zu
       sitzen, solange  er sich nicht von jedem Verdacht des Komplottie-
       rens gegen  die Regierung oder der Rebellion gegen die bewaffnete
       Macht gereinigt  habe. Was  das Talent angeht, so könnte man nach
       der Logik des Herrn Simons neun Zehntel der löblichen Versammlung
       ebensogut wie Herrn Valdenaire verhaften, ohne daß ihr irgendein
       1*)  Siehe vorl. Band, S. 83/84
       
       #290# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Talent entzogen  würde; und  in Beziehung auf das zweite Argument
       gereicht es Herrn Simons allerdings zur höchsten Ehre, daß er nie
       "Komplotte" gegen den Absolutismus geschmiedet, noch auf den Bar-
       rikaden des März sich "Rebellion gegen die öffentliche Macht" hat
       zuschulden kommen lassen.
       Nachdem Herr  Gräff, der  Stellvertreter Valdenaires, unwiderleg-
       lich bewiesen, daß weder auf Valdenaire irgendein Verdacht laste,
       noch die  fragliche Handlung eine gesetzwidrige sei (da sie darin
       bestand, der mit  Z u s t i m m u n g  d e s  M a g i s t r a t s
       die  Barrikaden  von  Trier  okkupierenden    g e s e t z l i c h
       k o n s t i t u i e r t e n  B ü r g e r w e h r  in Ausübung ih-
       rer Funktionen  Hülfe verschafft zu haben), erhebt sich Herr Bau-
       erband zur Unterstützung des öffentlichen Ministeriums.
       Herr   B a u e r b a n d   hat ebenfalls  einen sehr  gewichtigen
       Skrupel: "Würde  durch die  Einberufung Valdenaires  das künftige
       Urteil der  Geschworenen nicht präjudiziert werden?" Tiefsinniges
       Bedenken, das  durch die  einfache Bemerkung  des Herrn Borchardt
       noch unlösbarer  wird: Ob  die  N i c h t einberufung Valdenaires
       nicht die Geschworenen ebenfalls präjudizieren werde? Das Dilemma
       ist wirklich  so tiefsinnig,  daß ein  Denker selbst von größerer
       Force als  Herr Bauerband  zu seiner Lösung Jahre lang vergeblich
       anwenden dürfte.  Vielleicht ist nur  e i n  Mann in der Versamm-
       lung stark genug, das Rätsel zu lösen: der Abgeordnete Baumstark.
       Herr Bauerband  plaidiert noch  eine Zeitlang möglichst breit und
       verworren fort. Ihm antwortet kurz Herr  B o r c h a r d t.  Nach
       diesem erhebt  sich Herr  Stupp, um ebenfalls gegen Valdenaire so
       viel zu  sagen, daß er den Reden von Simons und Bauerband "in je-
       der Beziehung  nichts (!)  hinzuzusetzen habe".  Dies ist für ihn
       natürlich ein  hinreichender Grund,  um so  lange fortzusprechen,
       bis ihn  der Ruf  nach dem  Schluß der  Debatte unterbricht. Herr
       Reichensperger II und Herr Wencelius sprechen noch kurz zugunsten
       Valdenaires, und  die Versammlung  beschließt, wie  bekannt,  ihn
       einzuberufen. Herr Valdenaire hat der Versammlung den Streich ge-
       spielt, diesem Rufe nicht zu folgen.
       Herr Borchardt  stellt den  Antrag: Um die bevorstehende Vollzie-
       hung von  Todesstrafen zu  verhindern, ehe  die Versammlung  sich
       über den  Antrag des  Herrn Lisiecki  wegen Aufhebung  der Todes-
       strafe ausgesprochen, möge man nach acht Tagen über diesen Antrag
       beschließen.
       Herr Ritz  meint, dies  übereilte Verfahren sei nicht  p a r l a-
       m e n t a r i s c h.
       Herr Brill:  Wenn wir, wie ich wünsche, in kurzer Zeit die Aufhe-
       bung  der   Todesstrafe  beschließen,  so  würde  es  gewiß  sehr
       u n p a r l a m e n t a r i s c h   sein, wenn  vorläufig  jemand
       geköpft würde.
       
       #291# Über die Valdenairesche Angelegenheit
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       Der Präsident will die Diskussion schließen, aber schon steht der
       beliebte Herr  Baumstark auf  der Tribüne,  flammenden Blicks und
       die Röte edler Entrüstung im Antlitz:
       
       "Meine Herren,  erlauben Sie mir, ein  e r n s t e s  W o r t  zu
       sagen! Der Gegenstand, um den es sich hier handelt, ist nicht von
       der Art,  daß man  auf die Tribüne gehe und so kurzhin vom Köpfen
       als von  einer unparlamentarischen  Sache spreche!"  (Die Rechte,
       der das  Köpfen höchst  parlamentarisch vorkommt,  bricht in  ein
       stürmisches Bravo  aus.) "Es  ist ein Gegenstand von der größten,
       ernstesten Bedeutung"  (das sagt  Herr Baumstark  bekanntlich von
       jedem Gegenstand, über den er spricht). "Andere Parlamente... die
       größten Männer  der Gesetzgebung  und Wissenschaft"  (d.h.  "alle
       Staatsphilosophen, von  Plato bis herab zu Dahlmann") "haben sich
       selbst 200  bis 300  Jahre" (jeder?) "damit beschäftigt, und wenn
       Sie den Vorwurf auf uns laden wollen, über eine so wichtige Frage
       mit einer  solchen Leichtigkeit  hinwegzugehen...  (Bravo!)  Mich
       drängt nichts,  als das  Gewissen ... die Frage ist aber zu ernst
       ... auf  a c h t  T a g e  m e h r  kann es hier  w a h r l i c h
       nicht ankommen!"
       
       Das ernste Wort des edlen Abgeordneten Baumstark schlägt vor lau-
       ter größter, ernstester Bedeutung des Gegenstandes in die leicht-
       sinnigste Frivolität  um. In der Tat, gibt es eine größere Frivo-
       lität, als nach des Herrn Baumstark anscheinender Absicht 200 bis
       300 Jahre über die Abschaffung der Todesstrafe zu diskutieren und
       in der Zwischenzeit flott weiter köpfen zu lassen? "Auf acht Tage
       mehr kann  es hier  wahrlich nicht ankommen", und auf ein paar in
       dieser Zeit fallende Köpfe ebensowenig!
       Der Ministerpräsident  erklärt übrigens, es werde nicht beabsich-
       tigt, Todesurteile vorderhand vollziehen zu lassen.
       Nach einigen  scharfsinnigen reglementarischen Skrupeln des Herrn
       Schulze von  Delitzsch wird  Borchardts Antrag verworfen, dagegen
       ein Amendement  des Herrn  Nethe angenommen,  das der Zentralkom-
       mission Beschleunigung empfiehlt.
       Der Abgeordnete   H i l d e n h a g e n   stellt  den Antrag: Der
       Präsident solle  bis zur  Vorlage des betreffenden Gesetzentwurfs
       jede Sitzung mit der solennen Formel schließen:
       
       "Wir aber sind der Meinung, das Ministerium müsse die Vorlage des
       neuen Kommunalgesetzes auf das eifrigste betreiben."
       
       Dieser erhebende  Vorschlag war leider nicht für unsere bürgerli-
       chen Zeiten gemacht.
       
       Wir sind keine Römer, wir rauchen Tabak [186]
       
       Der Versuch, aus dem Rohmaterial des Herrn Präsidenten Grabow die
       klassische Figur eines Appius Claudius zu meißeln und das solenne
       Ceterum
       
       #292# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       censeo  [239]   auf  die  Kommunalordnung  anzuwenden,  fiel  mit
       "ungeheurer Heiterkeit" durch.
       Nachdem der Abgeordnete Bredt aus Barmen noch drei Interpellatio-
       nen in  ziemlich sanftem Tone an den Handelsminister gestellt hat
       über die Vereinigung ganz Deutschlands zu einem Zollgebiet und zu
       einem Schiffahrtsbunde mit Navigationszöllen, endlich über provi-
       sorische Schutzzölle; nachdem er auf diese Fragen von Herrn Milde
       ebenfalls recht sanfte, aber auch recht ungenügende Antworten er-
       halten hat,  beschließt Herr  Gladbach die  Sitzung. Herr Schütze
       aus Lissa  hatte ihm  einen Ordnungsruf  wegen seiner energischen
       Sprache bei  Gelegenheit der Freischarenentwaffung 1*) beantragen
       wollen, den  Antrag jedoch  wieder zurückgenommen.  Herr Gladbach
       fordert jedoch  den tapfern  Schütze und  die  ganze  Rechte  mit
       großer Ungeniertheit heraus und erzählt zum großen Ärger der Alt-
       preußen eine  possierliche Anekdote  von einem  preußischen Lieu-
       tenant, der,  auf dem Pferde eingeschlafen, unter die Freischaren
       ritt. Diese  begrüßten  ihn  mit  dem  Liede  "Schlaf,  Kindlein,
       schlaf" und  sollten deshalb  vor ein Kriegsgericht gestellt wer-
       den! Herr  Schütze stammelte  einige ebenso entrüstete wie zusam-
       menhangslose Worte, und damit ward die Sitzung aufgehoben.
       
       Geschrieben von Friedrich Engels.
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 169/170 und 180-182

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