Quelle: MEW 5 März - November 1848
zurück
#29#
-----
Lebens- und Sterbensfragen
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 4 vom 4. Juni 1848]
** Köln, 3. Juni. Die Zeiten ändern sich, wir ändern uns mit ih-
nen. Das ist ein Sprüchlein, davon unsre Herren Minister
C a m p h a u s e n und H a n s e m a n n auch zu erzählen
wissen. Damals, als sie noch als bescheidene Abgeordnete auf den
Schulbänken eines Landtags saßen, was mußten sie sich da von Re-
gierungskommissären und Marschällen gefallen lassen! [33] Wie
wurden sie auf Sekunda, auf dem rheinischen Provinziallandtage
kurzgehalten von Sr. Durchlaucht dem Ordinarius Solms-Lich! Und
selbst als sie nach Prima, m den Vereinigten Landtag [34] ver-
setzt wurden, waren ihnen zwar einige Exerzitien in der Eloquenz
gestattet, aber wie führte ihr Schulmeister, Herr Adolf v. Ro-
chow, noch immer den ihm Allerhöchst überreichten Stock! Wie de-
mütig mußten sie die Impertinenzen eines Bodelschwingh hinnehmen,
wie andächtig das stotternde Deutsch eines Boyen bewundern, welch
ein beschränkter Untertanenverstand [10] war ihnen zur Pflicht
gemacht gegenüber der groben Unwissenheit eines Duesberg!
Jetzt ist das anders geworden. Der 18. März machte der ganzen po-
litischen Schulmeisterei ein Ende, und die Landtagsschüler er-
klärten sich reif. Herr Camphausen und Herr Hansemann wurden Mi-
nister und fühlten entzückt ihre ganze Größe als "notwendige Män-
ner".
Wie "notwendig" sie zu sein glauben, wie übermütig sie durch ihre
Befreiung aus der Schule geworden sind, hat jeder fühlen müssen,
der mit ihnen in Berührung kam.
Sie fingen sofort damit an, die alte Schulstube, den Vereinigten
Landtag, provisorisch wieder einzurichten. Hier sollte der große
Akt des Übergangs aus dem bürokratischen Gymnasium in die konsti-
tutionelle Universität, die feierliche Ausstellung des Abiturien-
tenzeugnisses für das preußische Volk in aller vorgeschriebenen
Form abgemacht werden.
#30# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
-----
Das Volk erklärte in zahlreichen Denkschriften und Petitionen, es
wolle vom Vereinigten Landtage nichts wissen.
Herr Camphausen erwiderte (siehe z.B. die Sitzung der Konsti-
tuante vom 30. Mai 1*)), die Berufung des Landtags sei eine
L e b e n s f r a g e für das Ministerium, und da war freilich
alles aus.
Der Landtag kam zusammen [35], eine an der Welt, an Gott, an sich
selbst verzweifelnde, niedergeschlagene, zerknirschte Versamm-
lung. Ihm war bedeutet wurden, er solle bloß das neue Wahlgesetz
akzeptieren, aber Herr Camphausen verlangt von ihm nicht nur ein
papiernes Gesetz und indirekte Wahlen, sondern fünfundzwanzig
klingende Millionen. Die Kurien geraten in Verwirrung, werden
irre an ihrer Kompetenz, stammeln unzusammenhängende Einwände;
aber da hilft nichts, es ist im Rate des Herrn Camphausen be-
schlossen, und wenn die Gelder nicht bewilligt werden, wenn "das
Vertrauensvotum" verweigert wird, so geht Herr Camphausen nach
Köln und überläßt die preußische Monarchie ihrem Schicksale. Den
Herrn vom Landtage tritt bei dem Gedanken der kalte Schweiß vor
die Stirne, aller Widerstand wird aufgegeben, und das Vertrauens-
votum wird mit süßsäuerlichem Lächeln votiert. Man sieht es die-
sen fünfundzwanzig im Luftreich des Traums [36] Kurs habenden
Millionen an, wo und wie sie votiert worden sind.
Die indirekten Wahlen werden proklamiert. Ein Sturm von Adressen,
Petitionen, Deputationen erhebt sich dagegen. Die Herren Minister
antworten: Das Ministerium steht und fällt mit den indirekten
Wahlen. Damit ist wieder alles still, und beide Teile können sich
schlafen legen.
Die Vereinbarungsversammlung kommt zusammen. Herr Camphausen hat
sich vorgenommen, sich eine Antwortadresse auf seine Thronrede
machen zu lassen. Der Deputierte Duncker muß den Vorschlag ma-
chen. [25] Die Diskussion entspinnt sich. Es wird ziemlich leb-
haft gegen die Adresse gesprochen. Herr Hansemann langweilt sich
über das ewige konfuse Hin- und Herreden der unbeholfenen Ver-
sammlung, das seinem parlamentarischen Takt unerträglich wird,
und erklärt kurzweg: Man könne sich das alles sparen; entweder
mache man eine Adresse und dann sei alles gut, oder man mache
keine und dann trete das Ministerium ab. Die Diskussion dauert
dennoch fort, und Herr Camphausen tritt endlich selbst auf die
Tribüne, um zu bestätigen, daß die Adreßfrage eine Lebensfrage
für das Ministerium sei. Endlich, da dies noch nicht hilft, tritt
Herr Auerswald ebenfalls auf und beteuert zum drittenmal, daß das
Ministerium mit der Adresse stehe und falle. Jetzt
-----
1*) Siehe vorl. Band, S. 25-28
#31# Lebens- Und Sterbensfragen
-----
war die Versammlung hinlänglich überzeugt und stimmte natürlich
für die Adresse.
So sind unsre "verantwortlichen" Minister in zwei Monaten schon
zu jener Erfahrung und Sicherheit in der Leitung einer Versamm-
lung gekommen, welche der Herr Duchâtel, der doch gewiß nicht zu
verachten war, sich erst nach mehreren Jahren intimen Verkehrs
mit der vorletzten französischen Deputiertenkammer erwarb. Auch
Herr Duchâtel pflegte in der letzten Zeit, wenn die Linke ihn
durch ihre breiten Tiraden langweilte, zu erklären: Die Kammer
ist frei, sie kann für oder gegen stimmen; stimmt sie aber gegen,
so treten wir ab - und die zaghafte Majorität, für die Herr
Duchâtel der "notwendigste" Mann von der Welt war, scharte sich
wie eine Hammelherde beim Gewitter um ihren bedrohten Anführer.
Herr Duchâtel war ein leichtsinniger Franzose und trieb das Spiel
so lange, bis es seinen Landsleuten zu arg wurde. Herr Camphausen
ist ein gesinnungstüchtiger und ruhiger Deutscher und wird wis-
sen, wie weit er gehen kann.
Freilich, wenn man seiner Leute so sicher ist wie Herr Camphausen
seiner "Vereinbarer", so spart man auf diese Weise Zeit und
Gründe. Man schneidet der Opposition das Wort so ziemlich rund
ab, wenn man jeden Punkt zu einer Kabinettsfrage macht. Deshalb
paßt diese Methode auch am meisten für entschiedene Männer, die
ein für allemal wissen, was sie wollen, und denen alles weitere
nutzlose Geschwätz unerträglich wird - für Männer wie Duchâtel
und Hansemann. Für Männer der Diskussion aber, die es lieben, "in
einer großen Debatte ihre Ansichten auszusprechen und auszutau-
schen, sowohl über die Vergangenheit und über die Gegenwart als
auch über die Zukunft" (Camphausen, Sitzung vom 3I.Mai), für Män-
ner, welche auf dem Boden des Prinzips stehen und die Tagesereig-
nisse mit dem Scharfblick des Philosophen durchschauen, für hö-
here Geister wie Guizot und Camphausen kann dies irdische Mittel-
chen, wie unser Konseilpräsident in seiner Praxis finden wird,
gar nicht passen. Er überlasse es seinem Duchâtel Hansemann und
halte sich in der höhern Sphäre, in der wir ihn so gerne
beobachten.
zurück