Quelle: MEW 5 März - November 1848


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       Die "Kölnische Zeitung" über die Zwangsanleihe
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 65 vom 4. August 1848]
       * Köln,  3. August.  Nummer 215  der "Kölnischen  Zeitung"  [104]
       bringt folgenden Aufruf an den rheinischen Patriotismus:
       
       "Wie wir soeben zuverlässig erfahren, sind hier in der Stadt Köln
       bis heute  zu der  freiwilligen Anleihe  ungefähr  210 000  Taler
       teils bar eingezahlt, teils gezeichnet. Es steht zu erwarten, daß
       diejenigen, welche  sich bis  jetzt nicht an dieser Staatsanleihe
       beteiligt haben,  in den  nächsten zehn  Tagen ihre  Pflicht  als
       Staatsbürger erkennen  und erfüllen  werden,   u m  s o  m e h r,
       da ihr  eigner Vorteil  ihnen wohl raten muß, ihr Geld lieber vor
       dem 10.  August zu 5 Prozent, als nach demselben zu 3 1/3 Prozent
       herzuleihen. Insbesondere ist es nötig, daß die Landbewohner, die
       bis jetzt  noch nicht im rechten Verhältnis zu jener Anleihe bei-
       getragen haben,  jene Frist  nicht versäumen.   W o  P a t r i o-
       t i s m u s   u n d   r i c h t i g e   E i n s i c h t    f e h-
       l e n,   m ü ß t e   s o n s t   d e r   Z w a n g   e i n t r e-
       t e n."
       
       Ganze 1 2/3  Prozent Prämie sind auf den Patriotismus der Steuer-
       pflichtigen gesetzt,  und "trotz  alledem und alledem" [223] ver-
       harrt der Patriotismus in seinem latenten Zustand! C'est inconce-
       vable. 1*) 1 2/3  Prozent Differenz!  Kann der Patriotismus solch
       klingendem Argument vom 1 2/3 Prozent widerstehn?
       Es ist  unsere Pflicht,  der geliebten  Kollegin dies  wunderbare
       Phänomen zu erklären.
       Womit will  der preußische  Staat nicht 5, sondern nur 3 1/3 Pro-
       zent zahlen? Mit neuen Steuern. Und wenn die gewöhnlichen Steuern
       nicht ausreichen,  wie vorherzusehen ist, mit einer neuen Zwangs-
       anleihe. Und  womit die Zwangsanleihe Nr. II? Mit einer Zwangsan-
       leihe Nr.  III. Und womit die Zwangsanleihe Nr. III? Mit dem Ban-
       kerutt. Der  Patriotismus gebietet also, den Weg, den die preußi-
       sche Regierung  eingeschlagen, auf  jede mögliche Weise nicht mit
       Talern, sondern mit Protesten zu verbarrikadieren.
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       1*) Das ist unbegreiflich.
       
       #304# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Preußen erfreut  sich ferner  schon einer Extraschuld von 10 Mil-
       lionen Talern für den Hunnenkrieg in Posen [52]. Fünfzehn Millio-
       nen Taler  freiwilliger Anleihe  wären also nur eine Indemnitäts-
       bill [252]  für die  Intrigen des  geheimen Kabinetts von Potsdam
       [253], das den Befehlen des schwachen Kabinetts von Berlin entge-
       gen diesen Krieg im Interesse der Russen und der Reaktion führte.
       Die junkertümliche  Kontrerevolution ist herablassend genug, sich
       an bürgerliche und bäuerliche Geldbeutel zu adressieren, die hin-
       terher ihre  Heldentaten saldieren  sollen. Und  die hartherzigen
       "Landbewohner" widerstehen solcher Herablassung? Das "Ministerium
       der Tat"  verlangt ferner  Geld  für  die    K o n s t a b l e r-
       w i r t s c h a f t,   und ihr  besitzt nicht  die "richtige Ein-
       sicht" in  die Segnungen  der aus  dem Englischen  ins Preußische
       übersetzten Konstablerei?  [172] Das  "Ministerium der  Tat" will
       euch knebeln, und ihr verweigert das Geld für die Beschaffung der
       Knebel? Sonderbarer Mangel an Einsicht!
       Das Ministerium der Tat braucht Geld, um die uckermärkischen Son-
       derinteressen gegen  die deutsche  Einheit durchzusetzen. Und die
       Landbewohner des  Regierungsbezirks Köln  sind verblendet  genug,
       die Kosten für die Verteidigung der uckermärkisch-pommerschen Na-
       tionalität nicht  tragen zu  wollen, trotz  der Prämie  von 1 1/3
       Prozent? Wo bleibt da der Patriotismus?
       Unsere patriotische  Kollegin, die mit "Exekution" droht, vergißt
       schließlich in  ihrem Eifer, daß die Zwangsanleihe noch nicht von
       der Vereinbarungsversammlung  votiert ist  und daß  ministerielle
       Entwürfe dieselbe  Gesetzeskraft haben  wie die  Leitartikel  der
       "Kölnischen Zeitung".

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