Quelle: MEW 5 März - November 1848
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Proudhons Rede gegen Thiers
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 66 vom 5. August 1848]
* Paris, 3.August. Wir haben vorgestern Proudhons Rede nur stück-
weise geben können. Wir werden jetzt in eine genaue Erörterung
derselben eingehen. [254] Herr Proudhon fängt damit an, zu erklä-
ren, daß die Februarrevolution weiter nichts sei als das Heraus-
treten des Sozialismus, der in allen folgenden Ereignissen, in
allen folgenden Phasen dieser Revolution sich zur Geltung habe
bringen wollen.
"Ihr wollt mit dem Sozialismus fertig werden: nun gut, seht zu;
ich will Euch hülfreiche Hand dazu bieten. Der Erfolg des Sozia-
lismus hängt keineswegs von einem einzelnen Manne ab; der gegen-
wärtige Kampf ist keineswegs ein Kampf zwischen mir und Herrn
Thiers, sondern zwischen der Arbeit und den Privilegien."
Statt dessen weist Herr Proudhon nach, daß Herr Thiers nur sein
Privatleben angegriffen und verleumdet habe.
"Wenn wir uns auf dieses Terrain stellen, so sage ich zu Herrn
Thiers: Laßt uns beide beichten! Bekennt Eure Sünden, ich will
die meinigen bekennen!"
Die Frage, um die es sich handle, sei die Revolution; das Finanz-
komitee sehe die Revolution als ein zufälliges Ereignis, als eine
Überraschung an, er, Proudhon, habe sie ernstlich genommen. Im
Jahre 93 habe das Eigentum seine Schuld an die Republik bezahlt,
indem es ein Drittel Steuer zahlte. Die Revolution von 48 müsse
in einem "Proportionalitätsverhältnis" bleiben. Die Feinde im
Jahre 93 waren der Despotismus und das Ausland; im Jahre 48 ist
der Feind der Pauperismus. "Was ist dies droit au travail", das
Recht auf Arbeit?
"Wäre die Nachfrage nach Arbeit stärker als das Angebot, so
brauchte man keine Versprechungen von seilen des Staates. Aber
das sei nicht der Fall; die Konsumtion ginge sehr schwach; die
Magazine seien voll von Waren und die Armen nackt! Und
#306# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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doch, welches Land ist geneigter zu konsumieren, als Frankreich?
Gäbe man uns statt 10 Millionen 100, d.h. 75 Fr[ancs] 1*) per
Kopf und per Tag, so würde man sie schon zu konsumieren wissen."
(Heiterkeit im Saale.)
Der Zinsfuß sei eine Grundursache des Ruins für das Volk. Die Er-
richtung einer Nationalbank von zwei Milliarden, die ihr Geld
ohne Interesse ausliehe und den Gebrauch des Bodens und der Häu-
ser gratis einräume, würde unendliche Vorteile gewähren. (Heftige
Unterbrechung.)
"Wenn wir d a r a n halten werden (Gelächter), wenn der Feti-
schismus des Geldes durch den Realismus des Genusses verdrängt
sein wird (neues Gelächter), dann existiert die Garantie der Ar-
beit. Laßt den Zoll auf die Arbeitsinstrumente wegfallen, und Ihr
seid gerettet. Diejenigen, welche das Gegenteil sagen, mögen sie
Girondins oder Montagnards heißen, sind keine Sozialisten, sind
keine Republikaner (oh, oh!)... Entweder wird das Eigentum die
Republik zu Boden schlagen, oder die Republik schlägt das Eigen-
tum zu Boden." (Man ruft: Schluß!)
Herr Proudhon verwickelt sich nun in lange Entwickelungen über
die Bedeutung des Zinses und wie der Zinsfuß auf Null reduziert
werden könne. Solange er sich auf diesem ökonomischen Standpunkte
hält, ist Herr Proudhon schwach, obgleich er in dieser Bourgeois-
kammer unendlichen Skandal erregt. Wenn er aber, durch diesen
Skandal gerade auf geregt, sich auf den Standpunkt des Proleta-
riers stellt, dann ist's, als geriet die Kammer in nervöse Zuc-
kungen.
"Meine Herren, mein Ideengang ist ein anderer als der Eurige; ich
stehe auf einem anderen Standpunkte als Ihr! Die Liquidation der
alten Gesellschaft ist den 24. Februar eröffnet worden zwischen
der Bourgeoisie und der arbeitenden Klasse. Diese Liquidation
wird auf heftigem oder auf friedlichem Wege zustande kommen. Al-
les hängt von der Einsicht der Bourgeoisie, von ihrem größern
oder geringern Widerstande ab."
Herr Proudhon geht nun auf die Erläuterung seiner Idee "über die
Abschaffung des Eigentums" über. Er will das Eigentum nicht auf
einmal, sondern allmählich abschaffen, und deshalb habe er in
seinem Journale [255] gesagt, daß die G r u n d r e n t e e i n
f r e i w i l l i g e s G e s c h e n k d e r E r d e s e i,
das der Staat allmählich einziehen müsse.
"Ich habe demnach einerseits der Bourgeoisie die Bedeutung der
Februarrevolution denunziert, ich habe dem Eigentum aufgekündigt,
damit es sich bereit halte zur Liquidation, und die Eigentümer
verantwortlich für ihre Weigerung gemacht würden."
Donnerrollen von mehren Seiten: Wie verantwortlich?
"Ich meine, wenn die Eigentümer nicht gutwillig liquidieren wol-
len, so werden w i r zur Liquidation schreiten."
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1*) Im Sitzungsprotokoll: 7 fr. 05 Centimes
#307# Proudhons Rede gegen Thiers
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Mehrere Stimmen: Wer, wir?
Andere Stimmen: Ins Narrenhaus nach Charenton mit ihm.
(Furchtbare Aufregung; ein wahrer Sturm mit Donner und Windbrau-
sen.)
"Wenn ich wir sage, so identifiziere ich mich mit dem Proletariat
und Euch mit der Bourgeoisie!"
Herr Proudhon geht sodann in eine Spezifizierung seines Steuersy-
stems ein und wird wieder "wissenschaftlich". Diese "Wissen-
schaft", die jedesmal Proudhons schwache Seite war, wird gerade
in dieser bornierten Kammer seine starke Seite, indem sie ihm die
Keckheit verleiht, mit seiner reinen, lautern "Wissenschaft" die
unreine Finanzwissenschaft des Herrn Thiers zu bekämpfen. Herr
Thiers hat seine praktisch-finanzielle Einsicht bewährt. Die
Staatskasse hat unter seiner Verwaltung ab-, dafür sein Privat-
vermögen zugenommen.
Als die Kammer Proudhons weiterer Auseinandersetzung wenig Auf-
merksamkeit schenkt, erklärt er ihr geradezu, daß er noch wenig-
stens 3/4 Stunden zu sprechen habe. Als die Kammer dann sich zum
großen Teil anschicken wollte, fortzugehen, geht er wieder direkt
auf Angriffe des Eigentums über.
"Durch die alleinige Februarrevolution habt Ihr das Eigentum ab-
geschafft!"
Man möchte sagen, daß der Schrecken die Leute auf ihren Sitzen
gebannt hält, jedesmal wenn Proudhon ein Wort gegen den Besitz
fallen läßt.
"Indem Ihr in der Konstitution das Recht auf Arbeit anerkennt,
habt Ihr die Anerkennung der Abschaffung des Eigentums ausgespro-
chen."
Larochejaquelein fragt, ob man das Recht zu stehlen habe. Andere
Deputierten wollen Herrn Proudhon nicht fortfahren lassen.
"Ihr könnt die Konsequenzen der faits accomplis" (des Gesche-
henen) "nicht vernichten Wenn Schuldner und Pächter noch zahlen,
so tun sie es, weil sie gerne wollen." (Furchtbares Getöse. Der
Präsident ruft den Redner zur Ordnung: Jedermann sei verpflich-
tet, seine Schulden zu zahlen.)
" Ich sage nicht, daß die Schuldverpflichtungen abgeschafft sind,
aber diejenigen, welche sie hier verteidigen wollen, vernichten
die Revolution...
Was sind wir hier, Repräsentanten? Nichts! gar nichts; die Macht,
die uns die Macht verliehen, ermangelte des Prinzips, der Grund-
lage. Unsere ganze Autorität ist Gewalt, Willkür, die Macht des
Stärkern. (Neuer Ausbruch des Sturms.) Das allgemeine Stimmrecht
ist ein Zufall, und damit dasselbe eine Bedeutung erlange, muß
ihm eine Organisation vorangehen. Was uns regiert, ist nicht das
Gesetz, ist nicht das Recht; es ist die Gewalt, die Notwendig-
keit, die Providenz... Der 16. April, der 15. Mai, der 23., 24.
und 25.Juni sind Fakten, weiter nichts als Fakten, die sich in
der Geschichte legitimieren. Wir können heute alles machen, was
wir wollen; wir sind die
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Stärkern. Sprechen wir daher nicht von Aufrührischen; die Auf-
rührischen sind diejenigen, dir kein anderes Recht als das des
Stärkern haben, aber dieses Recht bei den andern nicht gelten
lassen wollen. Ich weiß, mein Antrag wird nicht angenommen wer-
den. Aber Ihr seid in einer Lage, daß Ihr nur dadurch dem Tode
entgehen könnt, daß Ihr meinen Antrag annehmt. Es handelt sich
von der Kredit-, von der Arbeitsfrage! Das Zutrauen wird nie mehr
zurückkommen - nein, es ist unmöglich, daß es wiederkehrt..."
(Schauderhaft!) "Ihr mögt immerhin sagen, daß Ihr eine honette,
moderierte Republik machen wollt: Das Kapital wagt sich nicht zu
zeigen unter einer Republik, die Demonstrationen zugunsten der
Arbeiter machen muß. Während daher das Kapital auf uns wartet, um
uns zu liquidieren, warten wir auf das Kapital, um es zu liqui-
dieren. Der 24. Februar hat das Recht zur Arbeit aufgestellt.
Streicht Ihr dieses Recht aus der Konstitution, so stellt Ihr das
Recht zur Insurrektion auf.
Setzt Euch auf ewig unter den Schutz der Bajonette, verlängert
auf ewig den Belagerungszustand: Das Kapital wird doch noch
Furcht haben, und der Sozialismus hat die Augen auf es gerich-
tet."
Die Leser der "Kölnischen Zeitung" [104] kennen Herrn Proudhon
von alters her. Herr Proudhon, der, wie es in der motivierten Ta-
gesordnung heißt, die Moral, die Religion, die Familie und das
Eigentum angegriffen, war vor nicht langer Zeit noch der geprie-
sene Held der "Kölnischen Zeitung". Proudhons "sogenanntes sozi-
alökonomisches System" wurde in Korrespondenzartikeln aus Paris,
in Feuilletons und in langen Abhandlungen ausführlich verherr-
licht. Von Proudhons Wertbestimmung sollten alle sozialen Refor-
men ausgehen. Wie die "Kölnische Zeitung" zu dieser gefährlichen
Bekanntschaft kam, gehört nicht hierher. Aber merkwürdig! Sie,
die damals in Proudhon einen Retter erblickte, hat jetzt der
Schmähworte nicht genug, um ihn und seine "lügenhafte Partei" als
die Untergräber der Gesellschaft zu bezeichnen. Ist Herr Proudhon
nicht mehr Herr Proudhon?
Was wir in Herrn Proudhon angegriffen, das war die "utopistische
Wissenschaft", mit welcher er den Gegensatz zwischen Kapital und
Arbeit, zwischen Proletariat und Bourgeoisie ausgleichen wollte.
[256] Wir werden darauf zurückkommen. Sein ganzes Banksystem,
sein ganzer Produktenaustausch ist weiter nichts als eine klein-
bürgerliche Illusion. Jetzt, wo er zur Ausführung dieser blassen
Illusion genötigt ist, demokratisch aufzutreten gegen die ganze
Bourgeoiskammer und ihr gegenüber diesen Gegensatz schroff aus-
drückt, schreit letztere über ein Vergreifen an Moral und Eigen-
tum.
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